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ABA-Regionaltreffen
Die kommenden ABA-Regionaltreffen sind geplant in Präsenz, eine kurzfristige Umwandlung in Onlinetreffen bei angespannter Corona-Lage ist möglich. Die Uhrzeiten sind jeweils von 10 bis max 13 Uhr.
Coronatechnisch möchten wir alle bitten, mindestens einen Selbsttest vor der Veranstaltung zu machen. Alle, die nicht geboostert sind, bringen bitte ihren negativen offiziellen Bürgertest mit, der nicht älter als 24 h ist. Der Status wird kontrolliert. Wir werden Tests vor Ort haben.
Um Anmeldung/Absage wird gebeten: stefan.melulis@aba-fachverband.org.
LAG Spielmobile in NRW, 16. Februar 2022, 10.30 bis max. 14:20 Uhr
Anreise ab 10 Uhr, Beginn des Treffens 10.30 Uhr, Ende gegen 14.20 Uhr. Die Parkplatzsituation ist dort mehr als schwierig. In ca. 10 Gehminuten Entfernung sind das Parkhaus Wehrhahn und das Parkhaus Worringer Straße. Dagegen ist in nur 5 Gehminuten Entfernung die Bahnhaltestelle Düsseldorf-Wehrhahn mit S-Bahn Anbindung. Man muss dann an der Kirche vorbei durch ein rotes Tor über den Hof und zu JFE (Jugendfreizeiteinrichtung).
Coronatechnisch möchten wir alle bitten, mindestens einen Selbsttest vor der Veranstaltung zu machen. Alle die nicht geboostert sind, bringen bitte ihren negativen offiziellen Bürgertest mit, der nicht älter als 24 h ist. Der Status wird kontrolliert. Für die Raumgröße sollten es nicht mehr als 20 Personen werden, was nach bisherigen Erfahrungen unproblematisch ist. Trotzdem bitte eine Rückmeldung an Nina (nina.riedel@flingern-mobil.de) wer kommt (Essensplanung).
Wir haben vorgesehen, die Veranstaltung wieder hybrid anzubieten. Zoom-Link https://us06web.zoom.us/j/86891884474?pwd=eWtVOTFENTFpN3hWWTUrbDM3cVgrdz09, Meeting-ID: 868 9188 4474, Kenncode: 293053
Die Profis kommen …
Von Ralf-Erik Posselt
Mit der Etablierung der Offenen Arbeit entstand auch das Problem der verantwortlichen Leitung der Einrichtungen. Ausgebildete Profis gab es immer noch nicht; die Jugendpflege als eigene fachlich Disziplin entwickelte sich gerade erst. Ehemalige Jugendleiter und Pfadfinderführer, engagierte „Jugendfreunde“, umgeschulte Bergarbeiter, freigesetzte Soldaten waren häufig die ersten Leiter von Häusern der Offenen Tür.
Mit dem Aufbau der „Höheren Fachschulen für Sozialarbeit“ (1962) und Sozialpädagogik (1967) wurden auch die ersten professionellen Mitarbeiter(innen) qualifiziert. Mitte der 1960er-Jahre gab es in der Bundesrepublik schon ca. 1.200 Jugendeinrichtungen mit ca. 550 hauptamtlichen Mitarbeiter(innen). Erst im Verlauf der 1970er-Jahre, als der Problemdruck in den Jugendszenen und den Jugendhäusern auch fachlich fundiert in die Öffentlichkeit und die Politik getragen wurde, kam es zu einer Professionalisierungswelle in den Jugendhäusern. Hintergrund dazu war oft auch das (unprofessionelle) Scheitern selbstverwalteter Jugendzentren, in denen häufig „alle für alles – und keiner für etwas Genaues“ zuständig waren. Um dem Chaos bei Abrechnungen, Berichterstattung, Konzeption, Aufsichtspflicht usw. abzuhelfen, wurde politisch häufig die finanzielle Weiterförderung an die Einstellung eines verantwortlichen Profis gekoppelt. Viele Träger kleinerer Einrichtungen sahen sich angesichts der öffentlichen Diskussion um die Problematik in der Jugendarbeit (Probleme, die Jugendliche machen …) genötigt, Profis einzustellen, um das Haus nicht schließen zu müssen. Ende der 1970er-Jahre gab es so allein in NRW mehr als 1.000 professionelle Mitarbeiter(innen) in der Offenen Arbeit.
Seit Mitte der 1960er-Jahre macht die Entwicklung deutlich, dass besonders in der Offenen Arbeit die Zielperspektiven von Jugendarbeit und Politik auseinanderdrifteten. Der Anspruch des Staates auf ideologische Reproduktion, soziale Kontrolle und Fürsorge durch die Jugendarbeit wird von vielen Jugendlichen und Pädagog(inn)en zumindest theoretisch abgelehnt.
Das Konzept „Offene Arbeit“ steht seit Mitte der 1970er-Jahre massiv in der Kontroverse mit der staatlichen Jugendpolitik, was vielfältige Auseinandersetzungen – zum Beispiel auf den Jugendhilfetagen 1970 in Nürnberg und 1984 in Bremen nach sich zog. Protokolle der dortigen „Jugendpolitischen Foren“ sprechen dafür eine deutliche Sprache. Auffallend dabei war, dass aus der Jugendarbeit heraus selber Positionen formuliert, mit Überschriften versehen und offensiv in die Gesellschaft, Politik sowie die pädagogische Diskussion getragen wurden.
Der sozialintegrative Ansatz
scheiterte zumindest als Überschrift und Leitidee in der Offenen Arbeit an der nicht enden wollenden Diskussion darüber, wer sich wo und wie zu integrieren habe und ob damit möglicherweise Unterordnung der Jugend, verstanden als Einfügung der Jugend in die bestehende („verruchte“) Erwachsenengesellschaft, gemeint sein könnte (Assimilation).
Der bedürfnisorientierte Ansatz
versuchte als sozialpädagogische Maxime an den Bedürfnissen der Betroffenen anzusetzen – oder: die Jugendlichen mit ihren Bedürfnissen ernst zu nehmen und dort abzuholen, wo sie stehen –, was relativ alt und wenig umstritten war. Strittiger waren die Antworten auf die Fragen, welche Bedürfnisse unterstellt werden und wie sie festzustellen und umzusetzen wären.
Dieser eher reformerische Ansatz geriet in der folgenden Diskussion auf eine Nebengleis: „Wer, bitte, definiert hier das Bedürfnis von wem?“, führte zum Protest von vielen Jugendlichen und der Forderung, die eigenen Bedürfnisse selbst zu bestimmen – wenn schon, denn schon! – und auch auszuleben.
„Die eigene Erfahrung lehrt, dass Bedürfnisse etwas sehr Persönliches sind: Sie werden geprägt durch die jeweilige Lebensgeschichte und die Schlussfolgerungen, die das Individuum daraus zieht. So können z.B. Vorlieben für oder Abneigungen gegen bestimmte Freizeitaktivitäten zusammenhängen mit positiv oder negativ besetzten Erfahrungen in Familie, Schule oder Clique, mit nur für die jeweilige Person bedeutsamen Schlüsselerlebnissen, mit dem Verhältnis zum eigenen Körper oder zum anderen Geschlecht. Zudem spielen unbewusste Ängste oder auch Allmachtsphantasien, persönliche Motive, Vorbilder, Werte, Ziele und vieles andere mehr eine Rolle …“ (Diethelm Damm in: Ulrich Deinet/Benedikt Sturzenhecker (Hg.): Handbuch Offene Jugendarbeit, Münster 1998, Seite 222)
Der emanzipatorische Ansatz
wurde über die Reformbewegungen an den Universitäten und Schulen – zuerst noch als stark politisch gefärbter (Kampf-)Begriff „Antikapitalistisch und Emanzipatorisch“ – in den 1970er-Jahren in die Jugendarbeit getragen. Aufgegriffen wurde dabei vor allem der emanzipatorische Anteil, verstanden als „Befreiung von Zwang“ und Entwicklung zur Mündigkeit. Die Individualität jedes Einzelnen, die Förderung individueller besonderer Fähigkeiten, die Differenzierung von Programmangeboten, die Parteinahme für Unterprivilegierte, die Unterstützung von „Selbstbefreiung aus Abhängigkeiten“ traten in den Vordergrund und führten zu einer bunten Vielfalt von Initiativen, Selbsthilfegruppen, Schülerinitiativen usw. In den Jugendhäusern entstanden Diskussionen über Entscheidungsprozesse und Beteiligte, Vollversammlungen, Mitbestimmungsmodelle ebenso wie ein häufig ausgesprochenes autoritätskritisches Klima.
Der stadtteilorientierte Ansatz
entwickelte sich als fachlicher Impuls und Praxisprojekt der Hochschulen in Kooperation mit bereitwilligen Jugendhäusern vor allem in großstädtischen Ballungsräumen (Berlin, Ruhrgebiet, Frankfurt, München). Dabei standen das alltägliche Leben, die Lebensbedingungen, die Wohn- und Nachbarschaftsverhältnisse, die Treffpunkte, geheimen Rückzugsorte und „Trampelpfade“ der Jugendlichen als Anknüpfungspunkte für das, was geschehen sollte, im Vordergrund. Viele Jugendeinrichtungen versuchten, im Vordergrund. Viele Jugendeinrichtungen versuchten kooperierende Projekte und Initiativen unter Einbeziehung von benachbarten Vereinen, Gruppen und Firmen (Nachbarschaftsfeste, gemeinsame Konzerte, Trödelmärkte, sportliche Veranstaltungen, Ausflüge, ökologische Projekte, kulturelle Feste usw. bis hin zu öffentlichen Hearings zur Lage und Perspektive von Jugendarbeit im Stadtteil).
Der geschlechtsspezifische Ansatz
formulierte sich aus zuerst eher zaghaften Versuchen, Anfang der 1980er-Jahre Mädchen aus den von ihnen zugewiesenen Rollen (als Anhängsel der Jungen) herauszulösen. Weil die Frage nach der Rolle und der Beteiligung von Mädchen in der (jungend- und männerdominierten) Offenen Arbeit lange ungehört und unbeantwortet blieb, gründeten couragierte Frauen aus der Offenen Arbeit Mitte der 80er-Jahre in Gladbeck das erste Mädchenzentrum und legten damit das Fundament für ein Forschungsvorhaben mit weitreichenden Konsequenzen. In der Folge kam es zu weiteren Gründungen von Mädchenhäusern ebenso wie zur Initiierung von Mädchenarbeit, Mädchenräumen, Mädchentagen, Mädchenfreizeiten, Mädchentheatergruppen und Mädchenaktionstagen in den Jugendzentren. In der zweiten Hälfte der 90er-Jahre stabilisierte sich der Trend zur geschlechtsspezifischen Arbeit als „parteiliche Mädchenarbeit“ und „reflektierte Arbeit mit Jungen und Männern“ neben der koedukativen Praxis als Querschnittsaufgabe.
Der Ansatz der akzeptierenden Arbeit
wurde nach den gewalttätigen und rassistischen Übergriffen Anfang der 1990er-Jahre zuerst als „Akzeptierende Jugendarbeit mit rechten Jugendcliquen“ entwickelt. Hintergrund dazu bildete eine stark angewachsene Attraktivität von rechten Deutungsmustern, rechtsextremistischen Gruppen und neuen, jugendlich wirkenden „Führerfiguren“ (Kühnen, Borchert, Worch …) in den Jugendszenen. Bei der akzeptierenden Jugendarbeit ging es vor allem darum, mit sonst kaum erreichbaren Jugendlichen – mit Kontakten zum rechtsextremistischen Spektrum durch Hinwendung zu ihrem Lebensmilieu, ihren Lebenslagen, ihrer Alltagswelt über Vertrautheit und Akzeptanz – Umgang zu entfalten „Jugendarbeit mit diesen Jugendlichen ist in ganz besonderer Weise darauf angewiesen, deren Ideen und Vorstellungen aufzugreifen und deren Umsetzung zu fördern …“ (Krafeld, LzpB, Band 4, 1992). Dieser Ansatz – ausgehend von hochmotivierten und fachlich wie menschlich qualifizierten Pädagog(inn)en mit klaren Perspektiven – geriet in immer heftigere Kritik. Weil für viele Erwachsene und Szenen die Maßstäbe nicht so genau genommen wurden, weil oft das geeignete Personal für diesen pädagogisch-politischen Drahtseilakt fehlte, kam es häufiger vor, dass angesichts des Rumorens in der Szene jene zu Jugendleitern wurden, die zwar von den Jugendlichen akzeptiert waren, aber selber aus dem rechtsextremistischen Milieu entstammten. Damit war der politische und pädagogische Konflikt programmiert und die akzeptierende Jugendarbeit so gut wie erledigt.
Zur Arbeit mit rechtsextremistisch orientierten Jugendlichen
entwickelten sich mit Ende der 1990er-Jahre unterschiedliche Strategien in der Offenen Arbeit. Zum einen ging es dabei um die strikte Ausgrenzung bis hin zur gewalttätigen Auseinandersetzung („Haut die Glatzen, bis sie platzen …“), zum anderen um die Erkenntnis: Nicht mehr bei den Problemen ansetzen, die Jugendliche machen, sondern bei denen, die sie haben. Action- und erlebnisorientierte Projekte, riskante Abenteuererfahrungen, „Kampftrinken“, „Sau raus lassen“, Fan-Initiativen, Kooperation mit Streetwork usw. sind nur Stichworte für eine Vielfalt von Projekten zur Kontaktaufnahme und Einbeziehung von Jugendlichen, um Ohnmächtigkeiten und Vereinsamungsprozesse (Individualisierung) zu überwinden. In diesem Zusammenhang tauchte der Begriff „Empowerment“ auf, der einen Entwicklungsprozess beschreibt, in dem Menschen Kraft gewinnen, um ein nach eigenen Maßstäben „besseres“ Leben zu leben. Dabei geht es darum, Menschen zur Entdeckung ihrer eigenen Stärken zu ermutigen und ihre Fähigkeiten zur Selbstbestimmung und Selbstveränderung zu stärken. Offene Jugendarbeit bekommt so den Auftrag, sich mit jungen Menschen zu verständigen, um herauszufinden, zu begreifen, zu erfahren und zu versehen, was Sinn ergibt, Wert hat, als Regel taugt und deshalb für alle gelten kann und soll.
Der sozialräumliche Ansatz
kennzeichnet sich durch die zentralen Begriff „Raum“ und „Aneignung“, durch die Kritik der „Enteignung“ sozialer, kultureller, kreativer Räume und Territorien und der konzeptionellen Entwicklung und „Aneignung von Räumen“, d.h. deren Inbesitznahme, Gestaltung und Veränderung …“ (vgl. Ulrich Deinet, in: Ulrich Deinet/Benedikt Sturzenhecker (Hg.): Handbuch Offene Jugendarbeit, 1998)
Über die Schritte
- Analyse der Ort und Räume von Kindern und Jugendlichen
- Analyse des Jugendhauses als Bestandteil sozialer Infrastruktur
- Entwicklung konzeptioneller Differenzierung
- Sozialräumliche Orientierung als kontinuierlicher Prozess der Konzeptevaluation
entfaltet sich eine neue pädagogische Qualität zwischen strukturierter Kompetenz und Beziehungsarbeit.
Zur Person
Ralf-Erik Posselt
● Pädagoge und Diakon
● Referent im Amt für Jugendarbeit und dem
● Bündnisbüro für Toleranz und Zivilcourage der
● Evangelischen Kirche von Westfalen
● Gründungsmitglied von ARIC-NRW, IDA, Aktion Courage, Schule ohne Rassismus
● Koordinator von SOS-Rassismus-NRW und dem Villigster Deeskalationsteam Gewalt und Rassismus/Gewalt Akademie Villigst
● Lehrtrainer der Gewalt Akademie Villigst
Schreiben an Rainer Deimel zum 25-jährigen Dienstjubiläum
Es gab anlässlich des 25-jährigen Dienstjubiläums einige Glückwünsche an Rainer Deimel. Ein besonderes Schreiben kam von der Spieloase Bilk aus Düsseldorf am 29. Mai 2011. Träger der Spieloase ist der Verein „Spielen und Leben in Bilk e.V.“.
Lieber Rainer,
wir gratulieren uns dazu, dass Du vor 25 Jahren als Referent zum ABA Fachverband gekommen bist und danken Dir für Deinen unermüdlichen Einsatz. Uns Praktiker vor Ort versorgt der i-Punkt und die Homepage des Verbandes mit einer Fülle von Informationen. Du arbeitest außerdem seit Jahren daran, das Knowhow der Praxis zu bündeln und diesem eine Plattform zu geben, die hilfreich ist, die Arbeit vor Ort in größerem Zusammenhang zu werten. Nicht zuletzt wurden so in der Vergangenheit politische Entscheidungsprozesse im Sinne der Offenen Arbeit angeregt.
Wir wünschen Dir und dem Verband endlich eine angemessene finanzielle Förderung und hoffen, dass Du weiter als Netzwerker erfolgreich tätig sein kannst.
Monika Hillmann, Leiterin der Spieloase
Diesen Worten können wir uns nur anschließen.
Mit herzlichen Grüßen für „Spielen und Leben in Bilk e.V.“
Gerti Kobarg, Vorsitzende
„Piraten erobern Marxloh“
Von Rainer Deimel (ABA Fachverband Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen)
Ein praktische Möglichkeit der Partizipation in einer pädagogisch betreuten Einrichtung und über sie hinaus
Marxloh (ca. 21.000 Einwohner) ist ein Stadtteil im Duisburger (525.000 Einwohner) Norden. Marxloh kann eine Arbeitslosenquote von 25% vorweisen. 60% der Marxloher/-innen sind ausländischer Herkunft/Abstammung. Im Stadtteil ist eine fortschreitende Gettoisierung festzustellen. Der Stadtteil verfügt über einfache, billige Wohnungen. Früher war Marxloh ein „Malocherviertel“ (Arbeiterstadtteil), das vorwiegend durch Stahl- und Kohleindustrie geprägt war. Der Rückzug der Montanindustrie war mit einer rapiden Verarmung des Stadtteils verbunden. „Man zieht aus Marxloh fort, wenn man dazu eine Möglichkeit hat“, heißt es; dies auch beispielsweise bei türkischen Bewohner/-innen. Oder: „Man verschweigt nach Möglichkeit, dass man in Marxloh wohnt.“
Im Stadtteil leben ca. 2000 Kinder zwischen sechs und dreizehn Jahren. 80% dieser Kinder sind ausländischer Herkunft. Die Kolleg/-innen vor Ort berichten von einer „überdurchschnittlich hohen Betreuung“ durch den Allgemeinen Sozialen Dienst (Erzieherische Hilfen); ferner sei das „Sozialverhalten problematisch“. Man stelle eine „Neigung zur Bandenbildung“ fest. Gleichzeit könne man allerdings nicht bestätigen, dass die (von den Medien oft so hoch gehängte) Kriminalitätsquote höher als anderswo sei.
Bezogen auf die Gesamtbevölkerung Marxlohs kann gewissermaßen eine „selbstgewählte“ Kolonialisierung festgestellt werden, eine zunehmende Separierung nach Nationalitäten. Als signifikant auffallend werden dementsprechend „Sprachprobleme“ – das Verstehen und Kommunizieren der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen miteinander – geschildert. Selbst Kinder, die Deutsch gelernt hätten, „verfielen“ wieder zunehmend in ihre „Muttersprachen“. Aus diesem Phänomen lässt sich ein steigendes Aus- und Abgrenzungsverhalten nachvollziehen. Erwähnenswert scheint, dass Pädagog/-innen glaubten, es sei wichtig, sich sprachlich den „neuen Majoritäten“ anzupassen, etwa indem man selbst Türkisch lernen würde. Dem widersprachen die Kinder: nicht alle seien türkischer Herkunft, vielmehr gelte es zu berücksichtigen, dass auch Kinder aus anderen Gruppen – etwa aus Marokko, dem Libanon, aus Ländern des ehemaligen Jugoslawien und etlichen mehr – an den Aktionen des Spielmobils partizipierten. Die Kinder schlugen vor, sich kommunikativ auf den „kleinsten gemeinsamen Nenner“ zu einigen. Dies ist Deutsch und dies findet sich entsprechend in den Projektregeln, die die Kinder mithilfe der Mitarbeiter/-innen „erarbeiteten“, wieder (siehe weiter unten im Text).
Neben dem Spielmobil gibt es ein Jugendzentrum und zig Koranschulen. Außerdem werden zahlreiche bezuschusste Sprachkurse angeboten. Neben den Aktivitäten des Spielmobils „Kleiner Tam Tam“ werden keine weiteren organisierten Spielangebote, die vom 10. Kinder- und Jugendbericht als unverzichtbar dargestellt werden (vgl. 10. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung, Bonn 1998, S. 230 ff.), vorgehalten.
Unter dem Titel „Portrait eines Malocherviertels“ ist vom SWR (Sendung vom 23.2.1999) im Internet folgender Hinweis zu finden: „In Marxloh, dem „Malocherviertel“ im Duisburger Norden, sind nach Zechensterben und Stahlkrise 82 Straßen, bewohnt von 21.400 Menschen, zum Slum verkommen – Arbeitslosenquote 25%. Kaufhalle und Woolworth sind längst abgewandert, an der Trinkhalle (Anm. R.D.: „Trinkhallen“ nennt man in Ruhrgebiet die Kioske.) hängt ein Pappschild „Pächter gesucht“, vor der Pizzeria kifft die Jugend, der Kodi-Discount wirbt mit dem Slogan „Der Markt, in dem es nichts zu essen gibt“, die Jump-In-Spielhalle wird einmal im Monat ausgeraubt. ´Marxloh war mal schön´, sagt der ehemalige Schützenkönig.“
Das Spielmobil „Kleiner Tam Tam“ wurde 1995 gegründet. Von 1995 – 1997 wurden „normale Einsätze“ gefahren. „Einsatz“-Orte waren Schulhöfe. 1997 entstand im Team die Idee, die „Stadtteile zurückzuerobern“, sie sollten „gekapert“ werden. So entstand das Projekt „Piraten erobern Marxloh“. Zielgruppe waren Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren (wobei es eine Alterskarenz von drei bis 15 Jahren gab). Methodisch angesiedelt war das Projekt zwischen theaterpädagogischen Aktionen, Eroberungsstreifzügen (Streifzüge haben sich als probates Mittel im Rahmen von Beteiligungsaktionen erwiesen) und Spiel- und Lebensraumplanung. Die bisherige Stadtteilplanung fand von „grünen Tisch“ aus statt. Für das Projekt wurde auf den Schulhöfen, die räumlich einbezogen werden sollten, geworben. Bereits während der Werbeanimation verkleideten sich die Mitarbeiter/-innen. Dieses theaterpädagogische Hilfsmittel erwies sich als nützlich, wenngleich es sich für manche Teamer/-innen erst einmal eine Überwindung darstellte, die Identität zu wechseln.
Das Projekt wurde an sechs Standorten in jeweils vier Tagen realisiert.
- Tag:
Das Piratenschiff aus dem „Hinterkaspischen Meer“ (ein Schiffsnachbau, der mobil war) „strandete“. Die Piraten kaperten die komplette Umgebung („Alles unser!“). In die Animation waren Figuren eingebaut.
So gab es den „Smölf“, ein vermittelndes Wesen zwischen den Kindern und den Piraten, gespielt von einer verkleideten Mitarbeiterin. Der Kapitän, eine lebensgroße Puppe mit Augenklappe und Holzbein, wurde von den Kindern – was manche Mitarbeiter/-in als fantasiemäßiges Mittelmaß empfand – in „Captain Hook“ „getauft“. Diese Figur diente im Rahmen der Animation als Projektionsfigur, was die pädagogischen Agitationsmöglichkeiten der Teamer/-innen vergrößern half und sie somit entlasteten. Es fanden zahlreiche unterschiedliche Sinnes-Aktivitäten (Übungen) statt, unter anderem gab es eine „Prüfung der Seh-(See-)Tauglichkeit“. Danach wurden die Kinder Mitglieder im „Piratenclub“ (insgesamt gab es 800 Clubmitglieder), was durch einen Clubausweis dokumentiert wurde. Diese Ausweise lieferten den Pädagog/-innen gleichsam Hintergrundwissen über die Herkunft usw. der Kinder. Gemeinsam mit den Kindern wurden „Piratengesetze“ aufgelegt, die auf einer Gesetzesrolle festgehalten wurden. Die Erstellung der Gesetze gab Anlass, sich mit Themen zu beschäftigen, die für die Kinder „ein Thema“ sind, z.B. Gewalt und Gewalterfahrungen, Sprache, andere multikulturelle Aspekte u.a.m. Ein Beispiel für den Inhalt einer solchen Gesetzesrolle:
Es wird nicht gehauen und wehgetan.
Es wird nicht gedrängelt.
Wir sprechen alle eine Sprache.
Es wird an nix gezupft.
Es wird nicht durcheinander gequatscht.
Piraten helfen einander.
Bleibt die Frage, was getan werden sollte, wenn jemand gegen ein Gesetz verstieß. Hierzu ließen sich die Kinder auch etwas einfallen, z.B. musste ein „Gesetzesbrecher“ eine ganze Weile auf einem Bein stehen.
- Tag:
Basteln, Schminken und vertiefendes Spielen (Theater, Rollenspiele usw.) zum Projekt
- Tag:
Es fanden Streifzüge mit Fotoapparaten statt, Die Gruppen hatten jeweils Stadtteilpläne dabei. Unter anderem hielten sie ihre „Lieblingsecken“, aber auch „Schreckensecken“ fest.
- Tag:
Das zusammengestellte Material wurde zu großen Plänen verarbeitet und öffentlich ausgestellt. Mit Passanten, Eltern, anderen Kindern usw. wurde eine öffentliche Diskussion geführt.
Auch begleitende Aktivitäten standen ganz im Zeichen des Piratenprojekts. So wurde die Presse etwa mit einer „Flaschenpost“ zu einer Pressekonferenz und zu der Diskussion des Projekts eingeladen. Durch diese spektakuläre Aktion ließ sich die Wahrnehmung des Projekts vergrößern. Weiter folgten Ferienspiele unter dem Motto „Piratenstadt“ als zentrale dreiwöchige Aktion. Gegenüber den viertägigen dezentralen Aktivitäten betonten die Teamer/-innen, dass sich das Mehr an Zeit während der Ferienaktion für die pädagogische Kontinuität als vorteilhaft erwiesen habe. Man ziehe daraus die Konsequenz, vergleichbare Projekte künftig in den Ferien zu starten. Als sinnvoll stellte sich ferner heraus, gemeinsam mit den Kindern zu kochen und zu essen, da viele Kinder bis dahin in der Regel nur Fastfood, Kartoffelchips oder gar kein Mittagessen kannten.
In der Folge des Projekts – nach der Eroberung – wurden zwei Standorte für eine konkrete Veränderung (Stadtplanung) einbezogen, einmal ein Wasserspielplatz in einem Park. Es existierte eine „fertige Planung“ des Grünflächenamtes. Das Spielmobil machte zur Voraussetzung für ein Beteiligungsverfahren, dass die von den Kindern entwickelten Vorstellungen in der Planung und Realisierung berücksichtigt würden. Eine Geländererkundung wurde durchgeführt (unter methodischer Zuhilfenahme einer „Foto-Schnitzeljagd“). Diese Aktion half, dass die Kinder generell den Ort erfahren und kennen lernen konnten. Gleichzeitig wurden Erkenntnisse, die für den weiteren Planungsprozess wichtig waren, zutage gefördert, etwa dass zahlreiche Kinder den Ort bislang mieden, da er ihnen zu dunkel war. Nach der Annäherung wurde eine Bestandsaufnahme durchgeführt sowie eruiert, was für die Kinder „am Ende wichtig“ war. Dies geschah unter methodischer Einbeziehung von z.B. Traumzeichnungen und Modellbau. Bei Letztgenanntem ist es wichtig, eine Vielfalt die Phantasie anregendes (Bastel-)Material anzubieten. Erstellt wurde eine Wunschliste, eine Meckerliste, aber auch eine Elternliste sowie eine Kinderzeitung. Die Einbeziehung der Eltern wurde mithilfe eines Elterncafés erleichtert. Durchgeführt wurde das Projekt in den Osterferien 1999. Die Fertigstellung des neuen Spielplatzes wird Anfang des Jahres 2000 sein. Im Gesamtzusammenhang empfanden die Teamer/-innen es als nützlich, über persönliche Kontakte zu Politiker/-innen, zur Presse, zum Radio usw. zu verfügen.
Die Veränderung eines sich z.Zt. als dunkel und hässlich präsentierenden Spielplatzes ist gegenwärtig angelaufen. Das Team des Spielmobils hat hierbei die Möglichkeit, eine Architektin mit einbeziehen zu können, die sich an dem Partizipationsverfahren beteiligen wird.
Seitens des Spielmobils ist für das Jahr 2000 ferner geplant, weitere Beteiligungsaktionen durchzuführen und sich nach Möglichkeit auch konkret am Umbau von Spielplätzen zu beteiligen.
Informationen bei: Entwicklungsgesellschaft Duisburg mbH, Spielmobil „Kleiner Tam Tam, Willy-Brandt-Ring 44. 47169 Duisburg, Telefon 0203/54424-138. Ansprechpartnerin in Doris Grüning.
Vorstehender Beitrag ist entnommen dem Buch „Offene Angebote für Kinder“, herausgegeben von Bernd Kammerer, emwe-Verlag, Nürnberg 2000 (ISBN 3-932376-12-9)
Kompetenzentwicklung durch Spiel und Phantasie – Zum Bildungshorizont mobiler Spielpädadagogik
Von Ludwig Duncker
I. Spielpädagogik im Horizont des Bildungsbegriffs
Spielmobile leisten einen wichtigen Beitrag in der heute schwieriger gewordenen Wirklichkeit des Aufwachsens von Kindern und Jugendlichen. Sie bieten attraktive Angebote für die Freizeitgestaltung und stellen diese unter einen pädagogischen Anspruch. Dieser pädagogische Anspruch muss immer wieder – wie alle pädagogische Arbeit – überprüft und auf die sich ständig verändernden Bedingungen unserer Lebenswirklichkeit neu ausgerichtet werden. Hierbei kann uns der Bildungsbegriff helfen, der uns sowohl einen geeigneten Horizont ausleuchten kann, auf den wir uns zu bewegen können als auch Kategorien in die Hand gibt, um Maßstäbe und Potentiale der pädagogischen Arbeit kritisch in den Blick zu nehmen.
Wenn Spielmobile einen Beitrag zur Bildung von Kindern und Jugendlichen leisten sollen – und diesen Anspruch möchte ich gerne herausstellen -, formulieren wir auch ein Plädoyer für die Entfaltung einer allgemeinen Lernfähigkeit, für die Entwicklung von Kompetenzen, die nicht spezialistisch eng auf Teilfähigkeiten begrenzt bleiben, sondern einen Beitrag für die Persönlichkeitsentwicklung und Alltagsbewältigung bieten. Und damit münden wir ein in den Topos der sogenannten Lebenskompetenzen. Lebenskompetenzen beschränken sich nicht auf ein bloßes Funktionierenkönnen im Alltag, sie schließen auch die Reflexionsfähigkeit ein, das Lösen von Problemen, und sie erweitern sich auch in das weite Feld ästhetischer Erfahrung, in dem Phantasie und Genuss, Imagination und Spiel ihre Bedeutung haben. Den Begriff der Lebenskompetenzen exakt zu definieren fällt gewiss schwer. Aber es mag deutlich werden, dass ich ihn gerne in eine enge Verwandtschaft zum Bildungsbegriff stelle, dass er gegenüber dem Bildungsbegriff vielleicht eine noch etwas pragmatischere Note erhält und Missverständnisse vermeiden hilft, die mancherorts mit dem Bildungsbegriff verbunden sind. Wenn wir solchermaßen also die Entfaltung von Lebenskompetenzen nicht in einen Gegensatz zu Bildung stellen, sondern im Begriff der Lebenskompetenzen eine spezifische Interpretation des Bildungsbegriffs vornehmen, kommen auch für eine moderne (und mobile) Spielpädagogik wichtige Dimensionen in den Blick:
- Die Abgrenzung zur Sozialpädagogik
Spielpädagogische Arbeit darf nicht verkürzt werden auf einen sozialpädagogischen Ansatz. Sozialpädagogische Arbeit orientiert sich nur wenig am Bildungsbegriff, zumindest was seine inhaltlichen Dimensionen betrifft. Sozialpädagogik thematisiert vorrangig Störungen zwischenmenschlicher Beziehungen und ihrer gesellschaftlichen Zusammenhänge, Fragen der Deprivation und Dissozialität in Lebensbewältigung und Verhalten. Sie kümmert sich im Rahmen sozialer Arbeit vorrangig um Konfliktbewältigung, Krisenmanagement und soziale Intervention. Elemente aus der sozialpädagogischen Arbeit können durchaus auch in spielpädagogischen Kontexten in Erscheinung treten. Dort liegt der Hauptakzent jedoch anders: Der Schwerpunkt liegt – so würde ich es jedenfalls formulieren – in der Entfaltung von Kompetenzen, die im heutigen Alltag oft zu wenig gefördert werden und die zur Persönlichkeitsentwicklung wichtig sind. Dazu zählt u.a. die Entfaltung vielseitigen Interesses, die Ausbildung von Phantasie und Kreativität, die Aneignung kommunikativer Kompetenzen, die Entfaltung von Räumen der Imagination in Szene und Spiel, die Befähigung zu vielfältigem Ausdruck in Sprache und Kunst.
- Der Anschluss an den Kulturbegriff
Als weitaus tragfähiger erweist sich deshalb eine kulturpädagogische Begründung. Über den Kulturbegriff lassen sich die angesprochenen Zielsetzungen weit besser abbilden. Lernen als eine Form der Kulturaneignung zu verstehen, bedeutet, die Dialektik von Individuierung und Enkulturation für Bildungsprozesse zu erschließen. Dies muss ich kurz verdeutlichen: Individuierung meint den Prozess der Persönlichkeitsentwicklung als der Herausschälung einer eigenen unverwechselbaren Persönlichkeit. Aber dieser Prozess kann nur im Rahmen des Hineinwachsens in eine Kultur bestehen. Umgekehrt betrachtet ist das Hineinwachsen in eine Kultur kein bloßer Anpassungsvorgang, sondern ein Prozess, der der Selbstständigkeit und Ausbildung von Individualität gewährleisten muss. Beide Seiten sind aufeinander angewiesen, so dass man von einer Dialektik sprechen kann. Es geht also um die Entfaltung von Fähigkeiten und Dispositionen, die den Einzelnen in die Lage versetzen, sich kreativ und kritisch mit der Wirklichkeit auseinander zu setzen und dabei ein Lernen zu kultivieren, in dem das Aneignen, die produktive Auseinandersetzung und der schöpferischen Ausdruck miteinander verbunden werden. Aber gerade dies könnte man auch durchaus als den Kern eines tragfähigen Bildungsverständnisses reklamieren.
- Unterscheidungen zur Schulpädagogik
Lassen Sie mich noch kurz auf eine mögliche Unterscheidung zur Schulpädagogik hinweisen. Auch die Schule hat einen Erziehungs- und Bildungsauftrag zu erfüllen. Alle Schulfächer und Lernziele, alle Unterrichtsstunden und Abschlussprüfungen sollen idealtypisch gedacht einen gangbaren Weg hin auf ein tragfähiges Bildungsideal aufzeigen, der mit Formen und Inhalten des Lernens ausgelegt wird. Aber durch die institutionellen Rahmenbedingungen, insbesondere durch die Normierungen und Leistungsstandards gerät das schulische Lernen bisweilen in den Sog von Leistungsdruck und Drill, der zumindest im subjektiven Empfinden der Beteiligten kontraproduktiv ausschlägt und eine innere Distanz zur Schule erzeugt. Dann wird auf schmerzhafte Weise sichtbar, dass Bildung eigentlich nicht gegen die Kinder und Jugendlichen, sondern nur mit ihnen zusammen erreichbar ist. Ohne eine dialogische Einbindung des Bildungsangebots kann der Adressat verfehlt werden.
Ich selbst bin nun gewiss nicht verdächtig, eine grundlegende Kritik an der Institution Schule formulieren zu wollen, weil meine Bemühungen immer auch den Möglichkeiten und Perspektiven der Schulreform dienen, um damit den Anspruch von Bildung wiederzugewinnen. Ich weise nur auf Schwierigkeiten hin, die prinzipiell auch für Bildungsangebote im Freizeitbereich entstehen können, dort aber unter anderen Vorzeichen wahrgenommen werden: Wo die Schule durch institutionelle Erwartungen das dialogische Prinzip gefährdet und die Erfüllung des Bildungsauftrags in Zwängen und Pflichten bisweilen unterzugehen droht, muss im Freizeitbereich außerhalb der Schule – hier also in spielpädagogischer Arbeit – mit anderen drohenden Verkrustungen gerechnet werden. Auch im Freizeitbereich sind Gefahren festzustellen, die dort reziprok anders liegen: Die Freiwilligkeit und Unverbindlichkeit der Teilnahme, die Fluktuation der Teilnehmer und die Abhängigkeit von momentaner Lust und Laune führen zu einer anderen Art von Druck. Dieser Druck wird von den Freizeitpädagogen mehr wie von den Kindern und Jugendlichen selbst empfunden. Im Freizeitbereich muss ständig motiviert und geworben werden, man fühlt sich immer genötigt, sich möglichst nahe an die Wünsche und Erwartungen der Kinder und Jugendlichen anzupassen, weil sie allzu leicht den auch hier nötigen Anstrengungen aus dem Weg gehen und nicht immer gewillt sind, den Weg der Bildung auch mit Anstrengungsbereitschaft zu gehen. Es ist jedenfalls ein weit verbreiteter Irrtum, als könne Lernen immer nur Spaß machen und man könne sich dem Auftrag der Selbstbildung ohne Mühe und Arbeit zuwenden. Lockerheit und Coolness, Fun und Action, Entertainment und Animation müssen anscheinend immer in Aussicht stehen, um Jugendliche für eine Mitwirkung zu gewinnen. Man kann sich dann leicht ausmalen, dass der Bildungsanspruch dadurch ebenfalls ausgehöhlt werden kann.
Vielleicht muss ich hier bewusst ein wenig überzeichnen, um die gegensätzlichen Orientierungen von Schule und Freizeit auch in ihrem möglichen Absturz skizzieren zu können.
II. Veränderungen heutiger Lebenswelt im Spiegel ihrer Auswirkungen auf Kindheit und Jugend
Ich möchte nun in einem zweiten Schritt einen Blick werfen auf aktuelle Veränderungen in Kindheit und Jugend. Dieser Blick muss allen konzeptionellen Überlegungen voraus gehen, denn Bildungsangebote und pädagogisches Handeln beziehen sich immer auf Adressaten, die erreicht werden wollen. Sie müssen anknüpfen an die Voraussetzungen und Vorlieben, an die Interessen und Befindlichkeiten, aber auch an Verengungen und Einseitigkeiten, an Schwierigkeiten und Defiziten in ihren jeweiligen Ausprägungen. Insofern kann die Frage des Förderns und Unterstützens, aber auch des Kompensierens und Gegenwirkens nur dann angemessen beantwortet und in erfolgreiche konzeptionelle Strategien übersetzt werden, wenn die Diagnose stimmt und Ergebnisse aus der Kindheits- und Jugendforschung aufgenommen und ausgewertet werden.
Ich kann dies hier nur sehr ausschnitthaft tun und muss mich auf einige wenige Aspekte begrenzen. Erlauben Sie, dass ich vier Aspekte herausgreife und in ihrer Bedeutung für das Aufwachsen und Erwachsenwerden in unserer heutigen Lebenswelt interpretiere. In der Auswahl dieser Aspekte soll gleichzeitig die Frage vorbereitet werden, wie die Entfaltung von Lebenskompetenzen als Thema einer mobilen Spielpädagogik aufgegriffen werden kann. Ich unterscheide folgende Merkmale:
- DIE REDUKTION SOZIALER KONTAKTE
- DIE AUSBREITUNG VON BEWEGUNGSARMUT
- DIE KONSUMPTIVE ANEIGNUNG VON WIRKLICHKEIT
- DIE TENDENZ EINER SCHOLARISIERUNG VON FREIZEIT
- Die Reduktion sozialer Kontakte
Ich beginne paradoxerweise mit einem Aspekt, der eher nach einem sozialpädagogischen Kontext aussieht. Ein unübersehbares Merkmal heutigen Aufwachsens betrifft die Dichte sozialer Netze, in die Kinder und Jugendliche eingewoben sind. Die in der Soziologie vielbeschworene Tendenz zur Individualisierung uns Singularisierung unserer Gesellschaft hat längst auch die junge Generation erfasst. Die Veränderung der Familienstrukturen mit dem quantitativen Zunehmen von Einelternfamilien, von Patchworkfamilien, die Verringerung der Geschwisterzahlen und die durch Mobilität erzwungene Ausdünnung verwandtschaftlicher Beziehungen am Wohnort werden verstärkt auch als Vereinzelung im Kindes- und Jugendalter beobachtbar. Die Schule scheint manchmal noch der einzige Ort zu sein, an dem Kontakte zu anderen Kindern geknüpft werden und auf die das Überschreiten familialer Beziehungen begrenzt bleibt. Auch ist die Schule oft der einzige Ort außerhalb der Elternbeziehungen, an denen man anderen signifikanten Erwachsenen begegnet, also solchen Erwachsenen, die eine wichtige Bedeutung für die eigene Biographie gewinnen. Außerhalb veranstalteter und institutionalisierter Lernprozesse gibt es in unserer Gesellschaft kaum noch Orte, an denen sich verschiedene Generationen begegnen, zumindest in einer solchen Weise, die nicht begrenzt bleibt auf punktuelle und funktional zu bewältigende Anlässe wie beispielsweise Einkaufen, Bus fahren oder den Arztbesuch. Intergenerationelle Begegnungen im Gespräch finden außerhalb von Familie und Schule kaum noch statt.
Im Gegenzug breitet sich dagegen eher die „Gesellschaft der Gleichaltrigen“ aus, die ihre eigenen subkulturellen Welten erzeugen. Aber auch die Subkultur Jugendlicher zerfällt heute in eine fast unübersehbar große Vielfalt. Während es in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg noch recht homogene Strömungen gab – Halbstarke, Rockabillies, Hippies und wie sie alle hießen – haben sich heute längst unübersehbar viele Stile herausgebildet, die es noch weniger als früher erlauben, von der einen Jugend zu sprechen. Freilich – es gibt auch Tendenzen der Vereinheitlichung: Globalisierung und Konsumgesellschaft, Medien und Mobilität erzeugen auch einen starken Mainstreem der äußeren Angleichung, die mit den Tendenzen zur Singularisierung und Parzellierung jugendlicher Lebenswelten ein nicht immer klar differenzierbares Konglomerat normativer Ausrichtungen bildet.
Worauf ich hinweisen will, ist Folgendes: Die demographischen Veränderungen, die Endtraditionalisierung unserer Gesellschaft, die Pluralisierung der Lebensformen bis hin zu den Auswirkungen einer teils freiwilligen und teils erzwungenen Mobilität führen zu einer Reduktion tragfähiger und belastbarer sozialer Beziehungen. Kinder und Jugendliche sind davon besonders betroffen. Der beobachtbare Rückzug ins eigene Kinderzimmer verstärkt diese Tendenz zusätzlich. Freizeitpädagogische Konzepte haben diese Veränderungen zu registrieren und in ihre Überlegungen aufzunehmen.
- Die Ausbreitung von Bewegungsarmut
Als zweites Merkmal heutiger Bedingungen des Aufwachsens in unserer Gesellschaft will ich kurz auf das Problem einer wachsenden Bewegungsarmut zu sprechen kommen. Der vermehrte Rückzug ins Kinderzimmer und die oft geringer werdenden Möglichkeiten zum gefahrlosen Spiel im Freien und auf der Straße haben in Verbindung mit Veränderungen bevorzugten Spielverhaltens eine Einschränkung körperlicher Bewegung mit sich gebracht. Medienkonsum und Computerspiele sind hier vorrangig zu nennen. Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Ich will hier nicht sozialromantischen Vorstellungen hinterher weinen und vergangenen Zeiten nachtrauern, als Kinder noch am Bach spielten und auf Bäume kletterten. Es geht vielmehr darum, eine aus medizinischer Sicht besorgniserregende Entwicklung zur Kenntnis zu nehmen: Folgt man diesen Diagnosen, könnte sich die zunehmende Bewegungsarmut zu einem ernsthaften Risiko für den gesundheitlichen Zustand der nächsten Generation auswachsen mit nicht übersehbaren finanziellen Folgekosten für die gesundheitlichen Sicherungssysteme. Die Bundesarbeitsgemeinschaft zur Förderung haltungsgeschädigter Kinder und Jugendlicher stellt jedenfalls fest, „dass 40 – 60 Prozent der Schulkinder unter Haltungsschäden leiden und 20 Prozent unter Schwächen des Herz-Kreislauf-Systems. 30 – 40 Prozent zeigen motorische Auffälligkeiten und Koordinationsschwächen. 20 – 30 Prozent gelten als übergewichtig.“ (Beck 1994, S. 97).
Schlimm ist, dass Bewegungsarmut, falsche Ernährung und psychosoziale Verhaltensauffälligkeiten sich zu einem Syndrom milieubedingter sozialer Verwahrlosung verdichten und damit auch Ausdruck schichtspezifischer Benachteiligung sind. In Hauptschulbildungsgängen sind solche Syndrome jedenfalls verstärkt zu beobachten (Heinrich-von-Stephan-Oberschule, Berlin-Mitte).
Der wachsenden Bewegungsarmut widerspricht nicht, dass Lehrerinnen und Lehrer verstärkt über Zappeligkeit, Ruhelosigkeit und Konzentrationsverlust klagen. Sie sind vielmehr überwiegend Folgen einer einseitigen Lebensweise im Alltag. Bewegungsarmut schließt jedoch nicht nur das orthopädische Risiko einer beschädigten Entwicklung des Skeletts und der Muskulatur ein, resultierend aus der gleichzeitigen unphysiologischen Überbelastung und Unterbelastung des Bewegungsapparats. Es lassen sich vielmehr weitreichendere Konsequenzen für den Aufbau einer allgemeinen Lernfähigkeit formulieren. So wird die Ausbildung eines räumlichen Vorstellungsvermögens, die Ausdifferenzierung der Sensomotorik und koordinativer Fähigkeiten beeinträchtigt, wenn der Körper nicht auch als Organ der Erkenntnis und Erfahrung beansprucht wird. Welterfahrung in Bewegung und Spiel (Altenberger & Maurer 1992) – so lautet ein Buch, in dem die elementare Bedeutung der Entfaltung körperlich und leiblich gebundener Erfahrungsweisen als elementare Prozesse von Weltaneignung beschrieben wird.
Besonders erwähnen möchte ich hier die Bedeutung einer rhythmischen Erziehung, die den wilden Bewegungsdrang in Formen überführt, die kultivierbar sind und die in ihren Möglichkeiten des körperlichen Ausdrucks weit über rein sportliche Aktivitäten hinausführen. Im Gegenteil, die Verengungen sportlicher Aktivitäten werden hier vermieden, weil rhythmische Erziehung viele Verbindungen zur Musik, zur Sprache und zur Mathematik erschließt. Wer bewusst mit Schritt, Atem, Puls arbeiten kann – also mit physiologisch gesteuerten Prozessen unseres Körpers, kann auch besser musizieren, vorlesen und rechnen. Die Querverbindungen dieser Disziplinen und ihre Grundlegung in einer Rhythmisierung des Leibes sind zumindest für die Grundschule noch viel zu wenig erschlossen.
- Die konsumptive Aneignung von Wirklichkeit
In einem dritten Schritt möchte ich einen Aspekt aufgreifen, der eine andere Form der Aneignung von Wirklichkeit betrifft. Übereinstimmend wird in zahlreichen Untersuchungen festgestellt, dass sich heute eine konsumierende Form des Aufnehmens von Wissen und Information, von Meinung und Weltdeutung ausbreitet. Ein wesentlicher Faktor ist hier gewiss der Fernsehkonsum, der sich als Muster einer passiven Rezeption vorgefertigter Bilder und der darin enthaltenen Anschauungen und Weltdeutungen auch auf andere Beschäftigungen ausdehnt. Wohl auch die Mehrzahl der Computerspiele und manch technisches Spielzeug verleitet zu einer motorischen und intellektuellen Inaktivität.
Pädagogisch verhängnisvoll ist dabei zweierlei: In den vorgegebenen Szenarien und Spielzügen, die nur vorprogrammierte Reaktionsweisen zulassen, entfaltet sich kein Raum für die Entfaltung eigener Phantasie. Die Bedeutungszusammenhänge sind festgelegt. Virtuell definierte Räume, in denen man sich zu bewegen lernt, enthalten keine Möglichkeiten eigener kreativer Umgestaltung. Fernsehen und Computerspiele reduzieren die Eigentätigkeit und führen zu einer konsumptiven Einstellung, die sich auf andere Bereiche ausbreitet. Hans-Günther Rolff und Peter Zimmermann (1985) schreiben: „Das Ausmaß der Konsumhandlungen von Kindern hat sich vehement über den Bereich der gegenständlichen Waren ausgeweitet in den Bereich der Dienstleistungen hinein. Öffentliche Dienste kann das Kind inzwischen konsumieren wie vor ihm schon die Erwachsenen, sei es beim Spielpädagogen auf dem Abenteuerspielplatz, bei der Erzieherin im Kinderhort oder auf der Ferienparty. Kinder lernen, dass ein gutes Leben darin besteht, die richtigen Waren und Dienstleistungen zu konsumieren, oder wie Fromm es ausdrücken würde, das Sein über das Haben zu definieren. Die Kehrseite dieses Trends zum Massenkonsum besteht in einem merklichen Verlust an Eigentätigkeit.“ (S. 137)
Problematisch ist weiterhin, dass in einer konsumptiven Haltung die Grenzen zwischen eigener Erfahrung und der Erfahrung aus zweiter Hand verwischt werden. Was in Bildern und Filmszenarien angeboten wird, wird von der eigenen Erfahrung nicht mehr unterschieden. Noch einmal Rolff und Zimmermann: „Die vorproduzierte, medial vermittelte Erfahrung wird als eigene genommen. Etwas überspitzt formuliert: Der Mensch wird zu Matrize einer TV-Sendung, er wird Abnehmer, Konsument vorfabrizierter Erfahrungen.“ (S. 141).
Beides, die Reduktion von Eigentätigkeit und die Mediatisierung der Erfahrung führt zu einer mangelnden Entfaltung grundlegender Fähigkeiten des Erkennens und Deutens von Wirklichkeit. Die Einengung der Phantasie und die Besetzung der Vorstellungen mit vorgefertigten Schablonen fördert nicht das Klären und Weiterführen eigener Erfahrung. Erkenntnistätigkeit reduziert sich auf die Imitation und unkritische Adaptation massenkulturell hergestellter Bedeutungszusammenhänge.
Halten wir fest: Große Anteile heutiger Freizeitbeschäftigung von Kindern und Jugendlichen, vor allem im Zusammenhang von Fernseh- und Videokonsum und von Computerspielen ermöglichen kaum eine schöpferische, eigentätige Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit und dienen nicht der Artikulation und Reflexion eigener Erfahrung. Dies beeinträchtigt die Erkenntnistätigkeit und den Aufbau einer erfahrungsgesättigten Anschauung der Lebenswelt.
- Die Scholarisierung von Freizeit
Nur teilweise im Widerspruch zu den bislang getroffenen Aussagen über die Verengungen kindlicher und jugendlicher Lebenswelten und damit verbundener Einschränkungen eigener Lernfähigkeit und Lebenskompetenz steht ein Trend, der die Gestaltung der Nachmittage zunehmend beeinflusst und prägt, auch wenn dies nicht für alle Kinder und Jugendlichen in gleichem Umfang gilt und zunächst vielleicht auch ein eher schichtspezifisches Phänomen darstellt. Zu beobachten ist, dass sich die professionellen Angebote zur Vermittlung spezifischer Fähigkeiten und Fertigkeiten stark ausbreiten (vgl. Fölling-Albers 2000). Man könnte fast von einem Boom sprechen. Hierzu zählen nicht nur Institutionen zur Erteilung von Nachhilfe, Instrumentalunterricht und der Sportverein. Computerkurse für Kinder, Trainingskurse für Reiten und Tennis, Entspannungskurse und Maltherapie usw. verdichten sich zu einem Stundenplan, der nur durch die Chauffeursdienste der Eltern bewältigbar ist.
Was nun auffällt, ist Folgendes: Diese in Stundenplänen organisierten Aktivitäten am Nachmittag weisen oft eine enge Curricularisierung auf. Klar definierte Ziele, engmaschige methodische Arrangements, eine fraglose hierarchische Struktur der Lehrer- und Schülerrolle usw. zeigen, dass hier eine Form des Unterweisens bereitwillig akzeptiert wird, die im Rahmen der Schule zu einem großem Aufstand führen würde. Grundschulen, die es sich erlauben würden, ihren Unterricht in solchen geschlossenen Formen zu organisieren, würden sich der Kritik überholter lehrerzentrierter Didaktik aussetzen. Sie müssten sich dem Vorwurf stellen, ihre Schüler als Objekte einseitiger Belehrung zu behandeln und ihnen nicht den Raum zur freien Entfaltung ihrer Persönlichkeit zu bieten. Nur Schülerzentrierung und Offener Unterricht könnten demokratisches Handeln initiieren und eine Mündigkeit künftiger Bürger erzeugen. Freie Meinungsäußerung, freie Arbeit während des Unterrichts und selbstbestimmtes Lernen wären die Garanten einer zeitgemäßen Didaktik.
Außerhalb der Schule scheinen diese Argumente nicht mehr zu gelten. Wo man sich die Teilnahme an Kursen und Programmen zum Training spezifischer Fertigkeiten käuflich erwirbt, scheint die Unterwerfung unter das Postulat des geschlossenen Curriculums bereitwillig angenommen zu werden. Die didaktische Struktur solcher Angebote wird an der Effizienz des Outputs gemessen, nicht an der Qualität eines offenen Prozesses.
Ich habe es vielleicht ein wenig zugespitzt, dennoch ist der Trend klar zu erkennen: Die Schulen, vor allem die Grundschulen, haben sich den Prozessen der inneren Öffnung und Flexibilisierung ihrer didaktischen Orientierungen verschrieben. Unterstützt durch eine universitäre Didaktik, die den Leitlinien der inneren Differenzierung folgt, wird die Förderung zum selbstständigen Lernen zu einem grundlegenden Maßstab für die Gestaltung und Beurteilung des Unterrichts. Dagegen herrschen in frei wählbaren Kursen und Angeboten, die nachmittags aufgesucht werden, häufig die gegenteiligen Orientierungen vor: Geschlossenheit und Effizienz, Befolgen von Anweisungen und Bezahlen von Gebühren.
Ich will hier nicht weiter darüber resonieren, ob es hier vielleicht einen inneren Zusammenhang gibt, ob die beiden konträren Entwicklungen in und außerhalb der Schule sich wechselseitig nicht sogar gegenseitig hervorbringen und verstärken. Man könnte hier zahlreiche Hypothesen formulieren.
III. Konsequenzen für eine moderne Spielpädagogik
Ich habe versucht, an vier ausgewählten Problemfeldern einige Veränderungen heutiger Kindheit und Jugend aufzuzeigen. Es sind solche Veränderungen, von denen ich annehme, dass sie eine konzertierte Anstrengung all jener einfordert, die im Bildungs- und Erziehungsgeschehen beteiligt sind. Mein Anliegen ist es, immer auch den Gesamtzusammenhang in den Blick zu nehmen, um so wechselseitig sichtbar zu machen, dass in und außerhalb der Schule – von Eltern und von professioneller Seite her – die Bemühungen ineinander verzahnt werden müssen, um die Folgen neuer Sozialisationsbedingungen zu kompensieren oder ihnen doch wenigstens ein Stück weit gelingende Lern- und Erfahrungsprozesse entgegen zu stellen und prophylaktisch drohende Fehlentwicklungen zu mildern.
Auf die Herausforderungen, die die Schule dabei pädagogisch und didaktisch zu bewältigen hat, möchte ich hier nicht näher eingehen. Lassen Sie mich aber einige Konsequenzen für die Konzeption einer mobilen Spielpädagogik formulieren. Ich will meine Thesen in der Reihenfolge der Aspekte formulieren, die ich oben entfaltet habe:
- Kontakte stiften
Das Stiften von Beziehungen und Kontakten zwischen Gleichaltrigen ist nicht curricular durchgestaltbar. Freundschaften werden freiwillig geschlossen. Erwachsene können höchstens Gelegenheit dazu geben, dass Kinder und Jugendliche sich finden. Was aber möglich ist, ist das aktive Zugehen auf Kinder und Jugendliche und die Bemühung, sie zu erreichen, sie heraus zu locken aus ihren „Höhlen“, in die sie sich oft zurückgezogen haben. Was zu tun ist, ist zu werben und zu locken, Hemmschwellen abzubauen und Scheu zu überwinden. Wir kennen alle den Prozess, der oft nur in seinen Anfängen schwierig ist, um die Kinder erreichen. Aber auch dann, wenn sie da sind, müssen sie bei der Stange gehalten werden, müssen motiviert und gelobt werden und müssen mit einem attraktiven Angebot so interessiert werden, dass sie wieder kommen. Insofern bahnen sich Kontakte und Beziehungen eher indirekt durch die gemeinsame Erfahrung in der Durchführung von Vorhaben und Projekten an.
Wünschenswert wäre, auch intergenerationelle Kontakte anzubieten. Dies könnte beispielsweise geschehen durch die Einbeziehung von Fachleuten und Experten, die, auf einzelne Aktivitäten und Zeitpunkte begrenzt, sich einlassen auf die Durchführung oder Unterstützung spezifischer Angebote.
- Zur Bewegung ermuntern
Mobile Spielpädagogik hat im Rahmen ihrer Möglichkeiten den Aspekt von Bewegung und körperlicher Aktivität in ihrem Angebot zu berücksichtigen. Es geht nicht darum, Sportunterricht, Leichtathletik und Fitnesstraining anzubieten, sondern ehr solche Aktivitäten anzubahnen, die der Ausbildung von Geschicklichkeit und Koordinationsfähigkeit, der Ausdifferenzierung von Grob- und Feinmotorik dienen. Sodann wäre die Einbeziehung von Elementen einer rhythmischen Erziehung geboten. Gerade die Möglichkeiten einer rhythmischen Erziehung erlauben es, Bewegungsabläufe und ihre Koordination nicht nach streng vorgegebenen Mustern auszugestalten, sondern kreativ zu variieren.
Phantasie und Bewegung ist, so denke ich, auch ein wichtiges Feld jugendlicher Selbststilisierung, das viele Ansatzpunkte bietet.
Auch die Vernetzung mit anderen Einrichtungen der Kinder- und Jugendkultur, der Sozialpädagogik und Museumspädagogik machen Sinn. Insofern kann die mobile Spielpädagogik unterstützend und bereichernd die kulturelle und soziale Arbeit unterstützen.
- Projekte durchführen
Was die Mediatisierung der Erfahrung und das Lernen aus zweiter Hand betrifft, hat die mobile Spielpädagogik vielleicht ihre wirksamste Aufgabe. Statt einer Rezeption von Surrogaten der Medienindustrie kann es hier bevorzugt darum gehen, zusammenhängende, schöpferisch durchgestaltete Erfahrungsprozesse anzubieten, die Projektcharakter haben. Hier entfalten sich idealtypisch jene Formen einer Lebenskompetenz, die sonst häufig zu kurz kommen (vgl. Duncker & Götz 1988):
Ansetzen an Bedürfnissen und Interessen
Arbeitsvorhaben entwickeln und anbieten im Rahmen thematisch tragfähiger Strukturen
Ziele formulieren und sinnvolle Arbeitsschritte definieren
glichkeiten und Ressourcen erschließen für eine kreative Umsetzung und Durchführung der Vorhaben
Originelle Ausgestaltung der Produkte und Präsentationen
Rückkoppelung zwischen Prozess und Produktorientierung als interne Evaluation des Sinn- und Erfahrungsgehalts während und nach Abschluss eines Projekts
Dies sind gewiss anspruchsvolle Schritte, zumal unter den Bedingungen einer mobilen spielpädagogischen Arbeit. Ich habe ja schon auf die unsichere Belastbarkeit freizeitpädagogischer Arbeit hingewiesen, die es erschweren könnte, solche Ansprüche auch tatsächlich zu erreichen. Was im Sinne einer Entfaltung von Lebenskompetenz zusammenkommen muss, ist deshalb der Zusammenhang von Spiel und Ernst: Projekte anzusiedeln zwischen Spiel und Ernst könnte bedeuten, sie sowohl mit spielerischem Ernst, aber auch als ernsthaftes Spiel zu betreiben: Sich einlassen auf die Wirkungen eigenen Probehandelns, aber immer gebrochen durch eine spielerische Distanz, die Heiterkeit ermöglicht, immer im Konjunktiv gehalten, dass es nicht nur ist, wie es ist, sondern dass der gewählte Weg eine Möglichkeit ist neben anderen: man probiert aus, wie es sein könnte. Etwas in der Schwebe zu halten kann so die individuell aussteuerbare Identifikation auf Probe ermöglichen und den Rahmen für die Entfaltung von Phantasie abstützen.
Dies scheint mir ein gangbarer Weg zu sein, der auch eine spezifische Einstellung zur pädagogischen Arbeit einschließt. Freizeitpädagogische Arbeit, zu der ich die mobile Spielpädagogik zähle, hat in vielen Punkten mehr Flexibilität und Spielraum als die Schule, die unter normierten Leistungserwartungen steht. Dieser Spielraum sollte nicht für die Inszenierung von vordergründigen Spaßbeschäftigungen genutzt werden, die schnell wieder vergessen werden und in ihrer Wirkung sofort verpuffen. Die Durchführung von Projekten trägt weiter. Aber sie sind auch für Kinder und Jugendliche ein Stück weit mit Anstrengung und Arbeit verbunden. Damit gerät ein Balanceakt in den Blick, der für die pädagogische Arbeit insgesamt konstitutiv ist: Er kann nach zwei Seiten hin misslingen. Zu vordergründig und leicht, zu spaßig und beliebig führt ebenso in die Trivialität und in die Frustration hinein wie auf der anderen Seite eine Überforderung und Überanstrengung. Die Balance kann nur in der Kenntnis der konkreten Bedingungen vor Ort gefunden werden.
- Offenheit und Flexibilität bewahren
Zum vierten Punkt einer Verschiebung curricularer Strukturen von der Schule in den Freizeitbereich, also der zunehmenden inneren Öffnung und Flexibilisierung schulischen Lernens einerseits und der oft rigiden, nur fachlich ausgerichteten und käuflich erwerbbaren Trainings- und Kurssysteme am Nachmittag andererseits muss ich wohl nicht mehr viel anfügen. Diese Programme des Nachmittags widersprechen grundlegenden Prinzipien pädagogischer Arbeit, sofern sie nicht auf die Vermittlung eng begrenzter Fähigkeiten, sondern in umfassendem Sinne Bildung versprechen sollten. Ich selbst würde es sehr bedauern, wenn im Sog solcher Marktmechanismen die Arbeit mobiler Spielpädagogik sich gezwungen sähe, sich hier anzupassen und die engen curricularen Strukturen zu übernehmen. Aber ich denke, dass diese Sorge vorläufig unbegründet ist.
Literatur
Altenberger, H. & Maurer, F. (Hrsg.): Welterfahrung in Bewegung und Spiel. Bad Heilbrunn 1992
Duncker, L. & Götz, B.: Projektunterricht als Beitrag zur inneren Schulreform. Langenau – Ulm, 2. Aufl. 1988
Duncker, L.: Lernen als Kulturaneignung. Schultheoretische Grundlagen des Elementarunterrichts. (Reihe Pädagogik, Studien zur Schulpädagogik und Didaktik, Band 9). Weinheim und Basel 1994
Duncker, L.: Spiel und Phantasie. Eine kreative Form von Weltaneignung. In: Spielzeit. Spielräume in der Schulwirklichkeit. Friedrich Jahresheft XIII, hrsg. von Ulrich Baer, Knut Dietrich, Gunter Otto. Seelze 1995, S. 4 – 5
Fölling-Albers, M.: Entscholarisierung von Schule und Scholarisierung von Freizeit? Überlegungen zu Formen der Entgrenzung von Schule und Kindheit. In: Zeitschrift für Sozialisation und Erziehung 20 (2000), Heft 2, S. 118-131
Rolff, H.-G. & Zimmermann, P.: Kindheit im Wandel. Weinheim und Basel 1985
Der Autor:
Prof. Dr. Ludwig Duncker, Jg. 1951, Professor für Erziehungswissenschaft am Institut für Schulpädagogik und Didaktik der Sozialwissenschaften der Justus-Liebig-Universität Giessen
Bei vorstehendem Beitrag handelt es sich um einen Vortrag, der auf der Fachtagung „Spielen – Lernen -Bilden“ im November 2002 in Berlin gehalten wurde. Veröffentlicht war er zunächst in der „Spielmobilszene“ 14/2003. Wir bedanken uns bei Claudius Beck von der BAG Spielmobile für die Erlaubnis, ihn hier einstellen zu dürfen.
Dortmund, im Juli 2003
Umwelt als Spiel- und Lernraum
Von Wolfgang Zacharias
Prolog
Da wird bei Theodor Fontane in seinen Erinnerungen von den Spielplätzen, „den wichtigsten Orten der Kindheit“ erzählt, im Haus, Keller, Dachboden, tief unten im Heu des Stallbodens, am Hafen und in der weiten Umgebung zwischen Wald, Moor, Dünen und Meer. Die Kinder hatten dort ihre bedeutungsvollen Orte, beispielsweise „Störtebeckers Kul“, für Fontanes Selbstbewusstsein wohl ein zentrales Erlebnis, wie er erzählt: „Dies war ein tiefes Loch, richtiger ein mächtiger Erdtrichter, drin der Seeräuber Störtebecker, der zu Anfang des 15. Jahrhunderts die Nord- und Ostsee beherrschte, mit seinen Leuten gelagert haben soll. Gerade so wie wir jetzt! Das gab mir ein ungeheures Hochgefühl, Störtebecker und ich! Was muss ich für ein Kerl sein!“
Was müsste man für eine Pädagogin, ein Pädagoge sein, um so was bei den Kindern auszulösen. Und gewiss war Klein-Fontane höchst aufnahmefähig für entsprechende geschichtliche Hintergründe, die Hanse und die Seefahrt, und die damit zusammenhängende ganze weite Welt. Bilder, Bücher, Geschichten, Globus, Landkarten, Segeltechniken, wie das Wetter und die Sterne funktionieren und der Kompass – vom Fokus „ich und Störtebecker“ war wohl alles zu erschließen, im Prinzip auch im Sinne schulischer Bildung, wenn auch vielleicht nicht mit ihren Methoden.
Unsere eigene Interpretation in Sachen „gelebter Raum“ bzw. „Umwelt als Lernraum“ sowie Verhältnisse von realen Orten und Atmosphären einerseits, Imagination und Phantasie als ästhetisches Vermögen der Kinder andererseits betreffend: Theodor Fontanes innere Vorstellungswelt war wohl durch lebhafte Phantasietätigkeit illuminiert. Und im Spiel werden sich die Freunde, seeräubernd, ihre Umwelt erobert, ´angeeignet´, wie man heute so sagt, haben, indem sie eine eigene imaginierte, den Alltag überhöhende Welt in diese hineinprojiziert haben – nicht nur als Abenteuer im Kopf. Der Erziehungswissenschaftler Jürgen Oelkers kommentierte:
„Erzählungen, Abenteuergeschichten, bebildert aus Büchern, Realitätsversatzstücken und produktiver Einbildungskraft mit Wirkungen auf das aktivierte Subjekt, die kindliche Weltaneignung waren die Motoren des Wechselspiels zwischen umgebender Realität und vorgestellten wünschenswerten Projektionen.“ (Oelkers 1983)
- Blick zurück nach vorn: Die Aktualität von Spiel und Kultur mobil
Einerseits: Wir in München haben 2002 unser „30-jähriges Spielmobiljubiläum“ gefeiert: Wer hätte das gedacht, damals 1972, als wir, initiativ und ehrenamtlich, unbezahlt und experimentell-engagiert, erstmals einige Wochen in den Sommerferien mit dem alten englischen Doppeldeckerbus und anlässlich der Olympischen Spiele in München durch die Stadtteile gefahren sind, abseits und auch etwas alternativ zum internationalen olympischen Rummel (vgl. Mayrhofer/ Zacharias 1973). Daraus ist, entsprechend auch der ersten Initiativen in anderen Städten wie Berlin und Köln, die „mobile Spielanimation“, die „Methode Spielmobil/ Spielbus/ Spielaktion“ geworden: als Teil kommunaler Kinder- und Jugend(kultur)arbeit, als besonders effiziente Form, die Lebenswelten der Kinder und Familien vor Ort anzureichern, qualifizierte und umweltbetonte („sozial-räumlicher Ansatz“) offene Spiel- und Lernräume anzubieten: Das ist mobile Jugendarbeit und ein spielpädagogisches Berufsfeld vor allem in kommunalen Kontexten (vgl. dazu Grüneisl/ Knecht/ Zacharias 2001).
Andererseits: In der bildungspolitischen PISA-Nachfolgediskussion auch entsprechend der spiel- und kulturpädagogischen „PISA-Schieflage“ einer „gePISAckten Bildung“, jedenfalls was die schul- und unterrichtszentrierte Nach-PISA-Diskussion betrifft, sind Stichworte auch neu aufgewertet worden, die z.T. eigentlich längst in Spielmobil- und Spielpädagogik-Kreisen selbstverständlich sind, sozusagen zum „Begründungsinventar“ gehören, wie z.B.
Lebenswelt als Lernwelt (vgl. Deutsches Jugendinstitut, Jens Lipski 2002)
Bildung ist mehr als Schule (vgl. Leipziger Thesen 2002)
Spiel bildet (vgl. Gerd Knecht u.a.)
Vielfalt der Lernformen (vgl. Streitschrift "Zukunftsfähigkeit sichern! Für ein neues Verhältnis von Bildung und Jugendhilfe" des Bundesjugendkuratoriums)
Die Bedeutung des informellen Lernens
Bildung in eigener Regie: Selbstbildung - Bilden heißt "sich bilden" (Hartmut v.Hentig)
Partizipation und Biographiebildung: Das Bild vom "kompetenten Kind" (Dieter Baacke)
Erwerb von Schlüsselkompetenzen durch, mit Spiel, Kultur, Medien (vgl. Modellprojekt der Bundesvereinigung Kulturelle Jugendbildung)
"Lernziel Lebenskunst" und "Kultur leben lernen" (vgl. BKJ 2000/ 2002)
Und wie die aktuellen Stich- und Schlagworte so alle heißen, zusammengefasst in der Forderung nach einer neuen „Kultur des Aufwachsens“ als öffentliche Aufgabe (vgl. 10. Kinder- und Jugendberichtbericht 1998, BMFSFJ)
Und wir, die „Münchner“ haben einige zentrale Orientierungen bei der Entwicklung unserer praktischen und konzeptionellen Arbeit begleitet, bei denen diese aktuellen Trends eigentlich schon immer orientierend und selbstverständlich waren, z.B. die Rede vom
"gelebten Raum" und der "gestalteten Zeit" in flexiblen, mobilen und offenen Angebotsformen: Spiel und Kultur vor Ort und für alle, meist auch "umsonst und draußen"
"Ökologie des Spielens und Lernens": Das meint die Betonung des "Mensch-Umwelt-Verhältnisses" als besonders erfahrungsintensiv und aktivitätsstiftend für Kinder und Jugendliche - insbesondere wenn diese Umwelten für alle abwechslungsreich und mit vielfältigen Bewegungsmöglichkeiten, Situationen, Materialien, Objekten, sozialen und kulturellen Phänomenen angereichert sind: für Spiele, Experimente, Gestaltungen, Entdeckungen, Treffs, Spiel-Regelungen, Teilhabeerfahrungen. Zum Beispiel als "Kinderöffentlichkeiten" - wie auch ein prominentes Stichwort der 70er Jahre hieß (Oskar Negt) und als neu entdeckte eigenständige "Kinderkultur" einschließlich Medien (Heinz Hengst) - heute im Horizont von "Medienkindheit" in der "Informationsgesellschaft" und in der Spannweite von "Sinnenreich und Cyberspace" von besonderer Bedeutung.
Übrigens kann man die Spielmobile auch mit dem „sozialökologischen Ansatz“ der Entwicklungspsychologie (Bronfenbrenner, Baacke u.a.) wie auch dem „territorialen bzw. sozialräumlichen Ansatz“ der Sozialpädagogik (Lessing, Deinet u.a.) begründen.
Wir, die Spielmobiler, realisieren das Ziel alltagspraktisch: „Umwelt als Spiel- und Lernraum – Lebenswelten als Spiel- und Lernwelten“: Durch Anreicherung, durch Qualifizierung, durch Inszenierung von Orten und Räumen, und als partnerschaftlich-partizipative „Lobby“ für Kinderrechte und kindliche, spielerische Raumnutzungen: Die bespielbare Umwelt und Stadt.
Exkurs: Die „Ökologie des Spiels“
Anlässlich eines der ersten Spielmobiltreffen in München 1983 ist ein Text zur „Ökologie des Spielens“ entstanden, der eigentlich nach wie vor aktuell und begründend ist – und deshalb ausführlich im folgenden und im Original wiedergegeben werden soll:
„Von einer ,Ökologie des Spielens und Lernens‘ zu sprechen oder von einer ,Ökologie der Erfahrung in Kindheit und Jugend‘, knüpft an Begriffe der Sozialwissenschaften und der Sozialisationsforschung an. Dort wird von einer ,Ökologie der menschlichen Entwicklungen‘ (Urie Bronfenbrenner) gesprochen. Der Begriff ,Ökologie‘ hat dabei nicht die eher engere, biologische Definition als Naturgemeinschaft verschiedenster Lebensformen. Mit auf menschliche Verhältnisse bezogener Ökologie‘ wird an die altgriechische Herkunft des Wortes angeknüpft. ‚Oikos‘ hieß das Haus, der gute Ort, das Gefüge des häuslichen Lebens, in dem Menschen, Dinge, Zeit und Raum eine funktionale Ordnung eingingen: Mit ‚Ökologie‘ im Zusammenhang mit menschlicher Lebenswelt und mit menschlicher Entwicklung ist dann gemeint: Eine vom Menschen selbst gestaltete und gestaltbare Umwelt, Verläufe und Abhängigkeiten in ihr, ihr funktionales Gleichgewicht. Es geht um den Alltag, es geht um einen realen definierbaren Lebensbereich mit sozialen und räumlichen Kriterien.
Urie Bronfenbrenner (1981, S.37), der Vater des ökologischen Denkens in der Pädagogik, bezogen auf das Aufwachsen der Kinder, definiert: ‚Die Ökologie der menschlichen Entwicklung befasst sich mit der fortschreitenden gegenseitigem Anpassung zwischen dem aktiven, sich entwickelnden Menschen und den wechselnden Eigenschaften seiner unmittelbaren Lebensbereiche.‘ Qualitätsmerkmale für wünschenswerte Entwicklungsverläufe sind dann anregungsreiche, erfahrungsintensive Umwelten, unterschiedliche wechselnde Situationen, mit denen sich Kinder und Jugendliche auseinandersetzen können: Sie bilden ein ‚Muster von Tätigkeiten und Aktivitäten, Rollen und zwischenmenschlichen Beziehungen‘, in die das Kind verwickelt ist, sich aktiv einbringt. Den Wechsel zwischen verschiedenen Lebensbereichen, das Aneignen neuer Bereiche nennt Bronfenbrenner ‚ökologischen Übergang‘. Positiv bewältigte ‚ökologische Übergänge‘ bezeichnet Bronfenbrenner als besonders entwicklungsfördernd. Was heißt das nun für uns als Pädagogen und Planer in Sachen SPIEL?
‚Ökologie des Spielens‘ wäre dann eigentlich eine Sichtweise, die versucht, die Vielfalt des Spielens in der Alltagsumwelt zu erhalten, zu erweitern, oder, wo diese aus dem Gleichgewicht ist, diese Vielfalt wieder herzustellen. Das ist eigentlich analog zum traditionellen ökologischen Denken: Gleichgewichte erhalten, regionale Vielfalt erhöhen, Defizite ausgleichen …
Es ist nun die Frage, wo und wie in Kindheit und Jugend Spielen als wichtige Erfahrungsform bedroht ist, aus dem Gleichgewicht, z.B. in Sachen Abstraktheit und Entsinnlichung kommt, und wie wir als Spielplaner und Spielpädagogen darauf reagieren können.
Es geht also darum, Umwelt als vielseitige Spielumwelt instand zu setzen, sowohl
für raum- und materialbetontes Spiel an unterschiedlichen Orten einer Umwelt und zu frei rhythmisierbaren Zeiten,
für freies Spielen ohne Erwachsene (natürliche Situationen) und für Spielen mit Erwachsenen (geplante Situationen),
für Spielen mit Realitätsgehalt (Ernstfälle) wie auch für Phantasiespiele (Fiktionen),
für Spielen mit sinnlich-körperbetonten wie auch inhaltlich-abstrakteren Dimensionen, für wilde und besinnliche Spiele,
für regelhafte wie auch für frei-assoziative Spiele,
für Spielen in unterschiedlichen sozialen Bezügen und Gruppenstrukturen wie auch alleine
für Spiele sowohl mit je aktuellster Technik als auch in naturbelassenen Umwelten und mit natürlichen Materialien, z.B. den vier Elementen Feuer, Wasser, Erde, Luft.
Wo die Bedingungen, die Gelegenheiten für das eine oder andere einfach in der Lebensumwelt der Kinder fehlen und Kinder nicht einmal die Chance, die Wahlfreiheit zu solchen unterschiedlichen Spielerfahrungen in ihrer ‚menschlichen Entwicklung‘ haben, ist die ‚Ökologie des Spielens und Lernens‘ gestört.“
(Der Text von 1983 ist enthalten als Dokument in: Grüneisl/ Zacharias (Hg.): Kulturpädagogisches Lesebuch Nr. 5: 30 Jahre Spiel & Kultur mobil in München, München 2002)
- Spiel bildet – Spielen ist mehr
Wenn wir von „Umwelt als Spiel- und Lernraum“ sprechen und dabei vor allem den „gelebten Raum“, aber auch offenen, zugänglichen, vielfältigen, realen, materiellen Raum als „Spiel- und Lernumwelt“ – mit und ohne Spielmobile und SpielpädagogInnen – als entscheidende Qualität des aktiven, experimentellen und raumgreifenden Kinderspiels betonen, dann gilt es, sich eines aktuellen Begriffs von „Spiel“ zu versichern.
2.1. Der „homo ludens“
Der moderne Spielbegriff ist im Bild des „homo ludens“ (Huizinga 1934/ 1954) gefasst. Er ist dann ja durch Schillers „Briefe zur Ästhetischen Erziehung“ (Schiller 1773/ 2002) besonders salonfähig bzw. prominent geworden und als „Urphänomen Spiel“ vielfach thematisiert. So wurde er früh ins Pädagogische, auch mit dem Problem seiner Instrumentalisierung und der Gefahr des „Spieleverderbens“ gewendet. Daran sei zumindest „legitimatorisch“ erinnert, ohne im Detail darauf einzugehen.
Zur Vergewisserung: Der Brockhaus (1999, Bd 13, S.200) definiert Spiel als „Tätigkeit, die ohne bewussten Zweck lediglich aus Freude an ihr selbst ausgeübt wird und mit Lustempfinden verbunden ist. Spiel findet sich bei Tieren und Menschen. Die klassischen Theorien verstehen Spiel als Ein- und Vorübung wichtiger Anlagen und Instinkte, als Erholung und Entlastung oder als Abfuhr von Affekten und Triebregungen“.
Es wird weiterhin benannt: „Spiel als Ausdruck des schöpferischen Treibens des Menschen“, „Spielerisches Handeln als Grundlage kultureller Tätigkeit“, „Die Bedeutung des kindlichen Spiels in der Pädagogik und der Psychotherapie. (Dem lassen sich dann bei Bedarf Gewährsleute zuordnen: Schiller, Huizinga, Fröbel, Winnicott – bitte sehr!)
Spiel in anthropologischer Sicht: „Die Bestrebungen, das Spiel mit Hilfe ,seines Kerns‘ auszuzeichnen, gehen Hand in Hand mit der Behauptung, dieser sei eine fundamentale anthropologische Eigenschaft, so dass das Wesen des Spiels zugleich jenes des Menschen ausmache.“ (Gebauer in Wulf 1997, S.1038) Und das ist das (definitorische) Problem einerseits, die (ganzheitliche) Chance andererseits:
„Die Verschiedenheit der Blickpunkte auf das Spiel ist also nicht das Eine, sondern die Veränderbarkeit der Hinsichten.“(a.a.O., S.1038) Diese polyvalente Komplexität im Begriffsspiel ist ähnlich mehrperspektivisch wie bei Kunst, Kultur, Ästhetik, Bildung. Es gilt also von einem je erweiterten Verständnis auszugehen, ganz allgemein, sowie speziell und je nach Interesse auch eine akzentuierte Perspektive einzunehmen, z.B. Spiel als ästhetisch-gestaltende Aktion- und Erfahrungs-/ Erkenntnisform im Umgang mit sich und der Welt.
Dazu doch ein Definitionsvorschlag, der durchaus in Analogie zu Kunst und Kultur zu setzen und zu lesen ist:
„Spiele bilden Welten, die für sich stehen können und die relative Autonomie besitzen, aber zugleich auch Bezug auf eine (oder mehrere) Welt (oder Welten) außerhalb des Spiels nehmen. Spiele sind, insofern sie Bezug auf eine gegebene Welt nehmen, nachgeordnete Welten. Nachordnung besteht in einem logischen Sinn, nicht in einem kausalen oder zeitlichen. Es ist möglich, dass ein Spiel in eins mit der Alltagswelt, auf die es Bezug nimmt, entsteht. Das heißt nicht, dass Spiele einfache Abbilder oder Widerspiegelungen einer sozialen Welt sind; die Bezugnahme ist komplexer. Aufgrund ihrer paradoxalen Grundstruktur enthalten Spiele keine eindeutigen Aussagen, weder zustimmende noch ablehnende, über die vorgeordnete Welt. Es gibt Spiele, deren Organisationsprinzipien denjenigen gleichen, die das Alltagshandeln regeln. In diesem Fall besteht ein realistisches Verhältnis zwischen beiden Welten.“ (Gebauer in Wulf 1997, S.1042)
Das ist wohl der mögliche, historisch-anthropologische Kern und Aspektereichtum des Spiels in aktueller Interpretation, brisant gerade bezogen auf die neuen digitale Spiel- und Phantasiewelten.
Den anthropologisch-historischen Reichtum an Aspekten des Spiels bzw. dessen Definitionsweite fasst Gunther Gebauer dann so zusammen mit Bezug auf die „Säulenheiligen“ der Spieltheorie der letzten Jahrzehnte:
„Bereits Huizinga hatte als wesentliches Merkmal des Spiels den Ernst herausgestellt. In Batesons Analyse wird diese Charakteristik zu einer spielimmanenten Wahrheit verschärft. Caillois und Geertz zeigen eine Korrespondenz von fundamentalen Prinzipien des Spiels mit jenen der gesellschaftlichen Wirklichkeit auf. Von Norbert Elias wird schließlich die Wirklichkeit des Spiels – die Echtheit und Intensität der Emotionen – als wirklicher und wahrer als das soziale Leben behauptet. Ich habe in meiner Diskussion neuerer Spieltheorien die traditionelle Kennzeichnung des Als-ob und des Scheins umgeformt in eine Beschreibung des Spiels als mimetischer Welt, die, auf die soziale Wirklichkeit bezogen, einige ihrer Aspekte mit besonderem Nachdruck darstellt, indem sie diese wie auf einer Bühne aufführt. Der Eindruck, das Spiel sei wirklicher als die Wirklichkeit, entsteht daraus, dass der Spieler sich mit seiner Aufführung vollkommen identifiziert, dass er mit ihr vollkommen eins wird. Er glaubt an sein Spiel (Bourdieu 1980, S. 135): Er lebt in der illusio seines Spiels.“ (Gebauer in Wulf 1997, S.1047)
Dies erklärt ja dann und aktuell auch die Faszination der Computerspiele bei Kindern und Jugendlichen, vielen vor allem pädagogisch tätigen Erwachsenen unverständlich und so nicht nachvollziehbar: Ihr Problem und oft auch professionelles Defizit im offenen akzeptierenden Umgang mit den „spielkompetenten Kindern“.
Der kunst- und kulturpolitisch aktive Philosoph bestätigt die anspruchsvolle Perspektive des Spiels als Interaktion: „Der homo ludens kann aus einem Spiel aussteigen, und er kann das Spiel modifizieren. Der homo ludens erfindet und legt Strukturen, er richtet sich nach den von ihm erfundenen und etablierten Regeln der Interaktion“. (Nida-Rümelin in Rötzer 1995, S. 139). Natürlich ist das sowohl die gesellschaftliche wie auch bildungsrelevante, z.B. kunst- und kulturpädagogische Bedeutung der Künste und der Spiele.
„So verstanden ist der homo ludens im Vergleich zum homo sociologicus und zum homo oeconomicus näher an der gesellschaftlichen Realität. Der homo ludens vereint Elemente des homo oeconomicus und des homo sociologicus; er ist interessen- wie regelorientiert, aber er geht in einem wesentlichen Punkt über die beiden anderen Paradigmen hinaus. Für ihn hat die eigene Lebensform je individuell ebenso Entwurfscharakter, wie kollektiv gesehen die Gesellschaftsform als Ganze.“ (a.a.O., S.140)
Und mit Blick auf die aktuellen, zukünftigen virtuellen Spielkulturen könnte es, wird es auch zu einem überraschenden „revival“ des „homo ludens“ im Spiel zwischen „Sein und Schein“, bzw. in der medialen Aufwertung des „schönen Scheins“ (Rötzer 1991) und der technologisch möglichen „künstlichen Paradiese“ (Welsch 1996) kommen – als neue „Aktualität des Ästhetischen“ weit über die Kunst hinaus, mit dieser aber als symbolischen Zuspitzung. Und mit der balancierenden Folge einer „Revalidierung“ des Authentischen, Einmaligen, Ereignishaften, Sinnlich-Eindrücklichen, des „Merk-Würdigen“, das im medialen und digitalen Kosmos neue Aufmerksamkeit erhält.
Der Medienspezialist und Medienphilosoph Florian Rötzer zur Zukunft des Spielens im Medienzeitalter und der Netzwerkgesellschaft: „Gegenwärtig deutet einiges darauf hin, dass wir einer Zukunft entgegengehen, in der sich nicht nur kommerzielle Video- und Computerspiele durch die Verbreitung von interaktiven und vernetzten Medien weiter durchsetzen werden, sondern dass sich auch unsere Einstellung zum und unser Verständnis vom Spiel verändern wird,“ Florian Rötzer zitiert Joseph Weizenbaum: „Der Computer ist also ein Spielplatz, auf dem jedes erdenkliche Spiel möglich ist.“ Rötzer spricht auch von der Aussicht auf eine neue „ludische Kultur“, in der sich eben der „homo ludens“ endlich ganz verwirklichen kann. Dies scheint – nach Rötzer – in aller Freiheit möglich durch den elementaren Spielcharakter des Computers und des Internet entsprechend Nutzungsvielfalt und globaler Flexibilität im – symbolischen – Umgang mit Zeiten und Räumen. Es geht um die prinzipielle Zugänglichkeit und Vernetzung von „allen mit allen“ und von „allem mit allem“. (Rötzer 1995, S.177) Eine schöne Aussicht?
2.2. Dimensionen des Spiels mit der Tendenz „Ganzheitlichkeit“
Spielen ist eine mehr oder weniger „ganzheitliche“ Aktions- und Lernform, im Prinzip offen, freiwillig, subjektorientiert.
Dies schließt dann leicht entsprechend organisatorisch-institutioneller Rahmenbedingungen des reflexiven Lernens Vielfalt und Aspektreichtum aus: Die „Polyvalenz“, die Mehrperspektivitität und Deutungsoffenheit des Gegenstands, die den Spielen und Künsten, den Kulturen und symbolischen Formen innewohnen, auch dem je einzelnen Kunstwerk, einem kulturellen Geschehen und dem offenen Spielprozess.
Das übrigens ist ja ein traditionelles kunst- und kulturpädagogisches Dilemma: Die rahmenden Zurichtungen der Lern- und Erfahrungssituation z.B. für Kinder und Jugendliche droht die entscheidenden Potentiale des Gegenstands, ihre profilierende Differenz zu anderen Wissens- und Könnensformen, z.B. der Mathematik, der Naturwissenschaften des funktionalen und interpretierenden Sprachgebrauchs, der Aneignung historischer, geographischer Wissensbestände, zu verwischen, bzw. zu marginalisieren oder auch im spezifisch je subjektiven Gebrauch zu verhindern. Den „Eigensinn“, z.B. des Spielens, der Phantasie und der Entscheidungsfreiheiten dabei.
Das Etikett „Ganzheitlichkeit“ z.B. von Kunst und Spiel hat aufeinander verwiesene, ineinander verwobene Dimensionen. Beispielhaft seien hier einige aufgezählt – ohne Anspruch auf besondere Systematik und Vollständigkeit.
Das Kinderrecht auf "Spiel" mit Partizipationschancen
Die 1989/1990 verabschiedete UN-Kinderrechtskonvention nennt in § 31 Spiel, Kunst, Kultur in je eigenen Formen als unveräußerliches Kinderrecht – ebenso wie „Bildung“ in angemessener Form und für alle. Verbunden ist dies mit dem Recht, bzw. dem zu verwirklichendem Postulat der Teilhabe der Kinder und Jugendlichen an Kunst und Kultur, nicht nur der der Erwachsenen, sondern in der Verwirklichung ihrer eigenen Formen von kulturellem Ausdruck, z.B. der Gestaltungsaktivität des Spiels und der tätigen Weltaneignung. Dieses „Partizipationsgebot“ ist im real existierenden, strukturiertem und institutionellem Alltag von Kindheit und Jugend noch keineswegs ausreichend verankert und realisiert. (vgl. Bartscher u.a. 2002, S.1051 ff.)
Sinn und Sinnlichkeit, Emotion und Reflexion: Das "Ästhetische"
Es sind die wohl entscheidenden Potentiale des „Ästhetischen“, dass im rezeptiven („Anschauung“) und produktiven („Gestaltung“) ästhetische Umgang, bzw. in der ästhetischen Erfahrung mit sich und der Welt Sinne und Bedeutungen, Inhalte im Wahrnehmungsprozess zusammenfallen. Dabei sind sowohl Empfindungen, Emotionen wie auch Erkenntnisse und Wissen miteinander verbunden (vgl. z.B. Seel 1996, Duncker in Neuss 1999). Dies ist „bildend“. Es ist fast ein Gemeinplatz – Kunst und Spiel ganz allgemein betreffend.
Zwei Belegzitate mit Verweis auf entsprechende Diskurskontexte, die das Motiv „Ästhetische Erkenntnis“ bzw. „Ästhetische Erfahrung“ ausgehend vom „Sinn der Sinne“ begründen: „Etwas in einer sinnlichen Erscheinung zu vernehmen“, so formuliert Martin Seel (2000, S.50) die Bedeutung ästhetischer Wahrnehmung als ein spezieller Modus von Wahrnehmen. Als „Ästhetik des Erscheinens“ hat Seel das aktuelle Zentrum des Ästhetischen bestimmt.
Spiel im weiten kulturellen Verständnis ist die kindliche Form ästhetischer Aktivität, ausgehend von sinnlich motivierter und stimulierter Weltaneignung. Und das ist der mögliche immaterielle und bildende Mehrwert: „Denn der Mensch beruhigt sich nicht bei dem puren Faktum seiner sinnlichen Organisation, er sieht etwas darin, einen Sinn, und wenn er ihn nicht findet, gibt er ihm einen und macht etwas daraus.“ (Plessner 1980: 332)
Zeiten und Räume als Möglichkeiten und Wirklichkeiten
Im Spiel geht es immer um eine Art „Quasirealität“, eine vorgestellte Welt zwischen Imagination und Konkretheit, Faktischem und Fiktivem. Zeiten und Räume bleiben dabei entsprechend körperlich-materieller Existenz real, klar: Das Spiel, wie auch die Künste, entheben aber darüber hinaus in „eingebildete“ Zeiten und Räume. Dies sind dann entworfene, andersartige, imaginierte, spekulative Zeiten und Räume über das Hier und Jetzt hinaus, auch über die personelle Fixierung in andere Rollen hinein: Vom „Reich der Notwendigkeit“ in das „Reich der Möglichkeiten“, vom Fixpunkt der Gegenwart in mögliche „andere Welten“, Existenzweisen wie auch in Vergangenheiten und Zukünfte – sozusagen im Medium des Ästhetischen, mit dem Potential der künstlerischen bzw. spielerischen Form und Handlung.
Gestaltende Phantasie in Aktion: Aktive Wahrnehmung und soziale Kreativität
Insbesondere das Spiel der Kinder – wenn man sie lässt und dies als ihre kulturelle Form der Welt-Anschauung bzw. -aneignung akzeptiert – ist ja „Phantasie in Aktion“. Es geht um Gestaltungen bzw. den Ausgleich zwischen „Ich und Welt“ probeweise, experimentell, spielerisch. Dies ist eine durchaus traditionelle Formel für „Bildung“ als z.B. durch positive Rahmenbedingungen, durch pädagogische Unterstützung angeregte, qualifizierte „Selbstbildung“.
Aktivierte, neugierige Wahrnehmung, „mit alle Sinnen“, wie es heute allenthalben heißt, und Formen „ungewöhnlichen Lernens“, mit durchaus „kreativer Intelligenz“ und „Emotionalität“ sind die subjektiven Verfahren, die Phantasien beflügeln. Dies beinhaltet auch – durchaus wertorientiert – die Chance zu sozialer, gesellschaftlicher, sensibilisierender, bzw. entsprechender handlungsmotivierender „Schlüsselkompetenzen“ z.B. in der Summe als „Lebenskompetenz“ bzw. „Lebenskunst“. Derartige kunst- und spielpädagogisch initiierte Bildungsprozesse haben immer auch absichtsvolle oder immanente soziale Dimensionen. Ob man will oder nicht.
Das Symbolische und das Imaginäre spielt immer mit
Künste und Kulturen, Rituale und Spiele bilden also Symbolwelten aus, die so etwas wie die Bühnen gesellschaftlicher Werteverhandlungen und überindividuelle Identitäten ermöglichen und bedeuten: Symbolische Formen des geregelten Zusammenlebens oder kontroverser Auseinandersetzungen (vgl. Cassirer 1953/ 1954, Bourdieu 1974/ 1994).
Im Symbolischen, das sich eben in der gestalteten Spannung zwischen „Sinn und Sinnlichkeit“, „Emotion und Reflexion“, „Notwendigkeit und Möglichkeit“, „Vergangenheit und Zukunft“ im Focus real existierender Gegenwart manifestiert, entwickeln z.B. Künstler und Kinder ihre „Weltbilder“. Sie kommunizieren diese mit Medien und Ausdrucksformen aller möglichen Arten, eben „ästhetisch“. Spiel ist eine der typischen Formen dazu, sozusagen das „Curriculum“ („Wägelchen“) der Einbildungskraft. (vgl. Kamper 1981) und insofern auch selbst eine, die symbolische Form der Idee von Ganzheitlichkeit und Artenvielfalt gleichermaßen.
Spielen mit Inhalten als Methode und Form
Bleibt noch zu betonen: Analog zu den Künsten ist Spiel bzw. das Spielen zunächst und vor allem für Kinder und Jugendliche als aktivierende Bildungsform, als selbstorganisierte Erfahrungsmethode von besonderem, auch pädagogischem Wert. Es ist immer wieder daran zu erinnern, dass zunächst also nicht die Inhalte, die Bedeutungen, die Werte und Ziele dessen, was in Kunst und Spiel bearbeitet wird, die entscheidende, dann auch pädagogische Qualitäten sind, sondern der Modus, diese spezifische Art und Weise des Lernens und Erfahrens als Erkenntnisweise und Wissensaneignung.
Die Frage stellt sich allerdings immer wieder neu, zwischen Inhalt und Form, zwischen Bedeutung und Methode: Spiel bildet, aber wie? Künste bilden, aber wie? Es ist eine Art pädagogischer Dauerbaustelle, immer wieder neu an konkreten Fällen, Phänomenen, Verläufen zu beantworten bzw. zu veranschaulichen.
2.3. Die Artenvielfalt der Lernformen, z.B. im Spiel
Also: Bildung geschieht in vielerlei Form, und das ist eigentlich nichts Neues. Aktuell wieder neu diskutiert wird die „Artenvielfalt der Bildungsformen“, wie sie etwa in de 80er Jahren im internationalen UNESCO-Kontext und im Umfeld des „Club of Rome“ ausformuliert wurde.
Formale Bildung: Curricular definierte Vermittlung, die für Lehrende und Lernende verbindlichen Rahmengebungen folgt. Zu denken ist hier an Literatur-, Musik- und Kunstunterricht mit individuellem Leistungspensum und in festen Gruppen und institutionellem Setting (Schule, Unterricht, Klasse). Die Vermittlung hat eine didaktische Struktur und zielt auch auf abprüfbares Wissen. Spiel ist hier bestenfalls Mittel zum Zweck.
Nicht-formale Bildung: Systematische Bildungsverläufe in freiwilliger beidseitiger und längerfristiger Lehr-/Lernabsicht: Kurs, Gruppe, Projekt mit pädagogischer und fachlicher Anleitung, z.B. außerschulisch. Auch hier ist systematische "Didaktik" im Spiel.
Informelle Bildung: Ein Partner, Lehrender oder Lernender, hat Lehr- bzw. Lerninteresse und ermöglicht Lernerfahrungen, z.B. als Selbstbildungsprozess. Die Lernsituationen sind offen, Inszenierungen, Animation, Spiele, nichtpädagogische Fachkompetenzen wirken als Vorbild und Lernangebot. Spiel- und Medienwelten sind hier immer auch Lernwelten, unabhängig davon, ob sie es sein wollen. Künste, Medien, Spiele bilden, auch wenn sie im Detail und in ihren Angeboten, Produkten und Prozessen gar keine unmittelbare Bildungsabsichten und intentionale Bildungsziele haben und sich die "Mitspieler" bzw. "Lernenden" nicht bewusst und absichtsvoll bilden wollen.
Inzidentelle Bildung: Man lernt etwas mit bildenden Qualitäten, ohne sich in einem im weitesten Sinn z.B. pädagogischen Kontext zu befinden, z.B. durch Begegnungen, Umwelten, Spielräume, durch Szenen, Ereignisse, Erlebnisse, Regelspiele, Entdeckungen, Faszination und Eigeninteresse (durchaus typisch für Kunst, Medien, Kultur und Spiel).
Diese Weite – man kann es durchaus auch als „Ökologie des Spielens und Lernens“ z.B. in der Vielfalt gerade künstlerischer, kultureller und medialer Formen nennen – gilt es zugrunde zu legen, wenn die Bildungsqualitäten des Spiels in den Blick kommen.
„Bildung ist mehr“ ist übrigens auch der Titel der „Leipziger Thesen“ 2002 aus dem Bereich der Jugendhilfe und Jugendarbeit, der sich einerseits neu dem „Bildungsauftrag“ des außerschulischen Feldes zuwendet, andererseits einen weiten Bildungsbegriff reklamiert (vgl. Bundesjugendkuratorium 2002) und neue Kooperationsformen, Synergien mit der Schule sucht, Bildung aber nicht einfach der Schule zuordnet.
2.4. Lebenswelt als Lernwelt
Soziale, sinnliche, materielle Wirklichkeit ist überall, insbesondere „draußen“ vor den Türen der Wohnungen, der Schulen. In den umgebenden Lebenswelten sind natürlich jede Menge lern- und erfahrungsrelevante Inhalte und Situationen eingelagert und prägend:
Als potentielle Bildungsanlässe und Spielanregungen, Spielräume in realem wie symbolischem Sinn. In seiner komplexesten, also ausgesprochen „ganzheitlichen“ Form findet das Spiel der Kinder heute sowohl draußen in den urbanen und natürlichen Räumen, soweit zugänglich, statt, wie auch zunehmend in den medialen und virtuellen Welten, im Kontext der eher traditionellen Medien (Film, Video, Fernsehen) wie der neuen, digitalen, multimedialen Systemen von Computer und Internet. Die Verbindung, Wechselwirkung und Balancierung dieser Spielwelten wird zu einer notwendigen, zukunftsfähigen kultur- und spielpädagogischen Herausforderung. Und die Wirklichkeit des Spiels realisiert sich immer vor Ort, da wo die Kinder und Jugendlichen leben und lernen.
Es ist sozusagen die „kommunale“ Ebene in der Stadt und auf dem Land, die „Spiel- und Lernraum“ ist, mehr oder weniger attraktiv und qualifiziert. Das nun seit 30 Jahren entwickelte „Münchner Modell“ spiel- und kulturpädagogischer Praxis hat hier seinen konzeptionellen Ansatz. Es versucht, die Lebenswelten der Kinder anzureichern mit spiel- und kulturpädagogischen Angeboten vielerlei Art und in kooperativen Formen, insbesondere auch – soweit möglich und finanzierbar – in Zusammenspiel von Kunst, Kultur, Schule, Jugend, Soziales entsprechend kommunaler Verantwortung im Bereich des Politischen, der Verwaltung und der fachlichen Professionalität. Dazu gibt es seit 1990, mit Fortschreibung 1999, ein „kommunales Gesamtkonzept Kinder- und Jugendkulturarbeit in München“. Es geht um den ja schon länger dauernden Entwicklungsprozess – damals ausgelöst durch den kunstpädagogischen Impuls: Raus aus der Schule, rein in die Spiel- und Lernumwelten der Kinder und Jugendlichen. Das Ziel: die urbane Stadtlandschaft als offene Erfahrungs- und Bildungslandschaft zu qualifizieren, anzureichern und immer wieder in zeiträumlich variablen und auch didaktisch begründeten Strukturen zu inszenieren (vgl. Zacharias 1995).
Das Grundmuster dieses spiel- und kulturpädagogischen Konzepts ist das synergetische Netzwerk Schule, Kultur, Jugend, Soziales, das – so Oberbürgermeister Christian Ude im Vorwort – „den Status der jungen Menschen als eigenständige, mit Rechten und Beteiligungsansprüchen ausgestattete Subjekte stärkt.“(KoFo: Kinder- und Jugendkulturarbeit 1999, S.3) Es geht um „die zunehmende kulturelle Vielfalt in unserer Stadtgesellschaft, die in der Praxis der kulturellen Jugendbildung als Chance zu interkulturellem Verstehen und Zusammenspiel genutzt werden kann. Oder die um die rasante Entwicklung einer medialen, virtuellen Realität, die Kinder und Jugendliche stark in ihren Bann zieht, die diese sich aber auch beneidenswert locker und kompetent aneignen.“ (a.a.O.)
Im Konzept heißt es dann ganz allgemein: „Die authentische Lebenswelt Stadt als erfahrungsstiftende Spiel- und Lernwelt mit sowohl historischer wie zeitaktueller Dimension ist einem ganzheitlichen und sozialökologischen Verständnis von Bildung verpflichtet. Der kommunale Handlungsansatz ist es, Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit zu bieten, die städtische Umwelt mit ihren urbanen Funktionen kennen zu lernen, von ihr aktiv Gebrauch machen zu können, sich sicher und mobil in dieser Umwelt zu bewegen. Dafür sind Hilfen und Anstöße notwendig.“ (a.a.O., S. 17)
Das pädagogische Denkmodell und Handlungskonzept ist das „Netzwerk“, das zwischen den Feldern und Bereichen einer Stadt, die mit Kindern, Jugendlichen, Familien zu tun haben, vermittelt mit dem Ziel, Synergien herzustellen.
„In einem überschaubaren und kulturpädagogischem Handeln zugänglichen Territorium, wie dies die Stadt ist, konkretisiert sich das Netzwerk in Dienstleistungen, Einrichtungen, Maßnahmen, Projekten, die ineinander greifen, sich verzahnende Elemente des Ganzen sind. Es präzisiert sich weiter auf der Ebene der Stadtteile, bietet aber auch Anknüpfungspunkte nach außen, in die Region und ist offen für Impulse von außen.“ (a.a.O., S. 18)
Als Elemente dieses urbanen Netzwerks für Spiel und Kultur werden neben schulischer Vermittlung benannt und sind real dann auch als Orte, Programme, Angebote raum-zeitlich zu benennen: Kinder- und jugendkulturelle Szenen; institutionelle Kinder- und Jugendkulturorte; Kulturorte mit didaktisch-pädagogischen Abteilungen und Räumen; Virtuelle Orte, Welten und Netze; Provider Bildung/Kinder und Jugendkultur; Ausstattungspools; mobile Dienste; Produktionen mit Künstlern; Offene Werkstätten, Atelier- und Studiobesuche; Beratung und Fortbildung; Exekutionen und Reisen, kommerzielle Kultur- und Spielorte, bzw. -angebote.
Eins gemerkt: Entsprechend eines weiten Spiel-, Kunst- und Kulturbegriffs sind hier auch immer vielerlei Spielarten des Spielens mit gemeint – Spiel als Kultur des Kindes, Spielen als gestaltende Aktivität und als Motivation zu Selbstbildungsprozessen.
- Spiel und Kultur – mit und gegen PISA
Die bildungspolitische Diskurslage 2002, 2003 meint es insgesamt nicht gut mit Spiel, ästhetischer Erziehung und kultureller Bildung, gleich welcher Sparte und mit welchen institutionellen Vermittlungskontexten auch immer. Im internationalen Nationen-Ranking der PISA-Studie (Deutsches PISA-Konsortium) 2001) der vorrangig wirtschaftsorientierten OECD geht es nicht um einen – ganzheitlichen und humanen – weiten Bildungsbegriff, sondern um die Zuspitzung auf kognitives Wissen und Erkennen entsprechend interpretierender Lesekompetenz sowie analytischer Kompetenzen in Sachen Mathematik und Naturwissenschaften. Dies wurde überprüft und ist weitgehend zu vermitteln im Zusammenhang von Schulunterricht. Fachliche und allgemeine (Schlüssel-)Kompetenzen außerhalb des vorgegebenen Spektrums bleiben entsprechend der bildungspolitischen PISA-Folgediskussionen außen vor, obwohl die PISA-Studie selbst davor warnt, ihren Ausschnitt an Bildungswerten für das Ganze zu nehmen. Die Selbstbescheidung der PISA-Autoren ist hier ehrlicher als die öffentliche Aufregung: „Man kann gar nicht nachdrücklich genug betonen, dass PISA keineswegs beabsichtigt, den Horizont moderner Allgemeinbildung zu vermessen, oder auch nur die Umrisse eines internationalen Kerncurriculums nachzuzeichnen. Es ist gerade die Stärke von PISA; sich solchen Allmachtsfantasien zu verweigern.“ (a.a.O. S.21) Kunst, Kultur und Spiel in Vermittlungskontexten werden trotzdem gerade durch die vereinfachende PISA-Rezeption geschädigt und bedroht.
Die PISA-Studie hat, sozusagen im Kleingedruckten veröffentlicht und öffentlich marginal kommuniziert, noch ein weiteres Phänomen untersucht, an dem das deutsche Bildungssystem an letzter Stelle landete – die Abhängigkeit der Bildungschancen vom jeweiligen sozialen und kulturellen Milieu:
Dass Deutschlands Schulsystem die soziale Ungleichheit verschiedener Bevölkerungsteile nicht nur nicht ausgleicht, sondern verschärft, ist ein gesellschaftspolitischer Skandal. Das deckt die PISA-Studie schonungslos auf. Es sind die soziokulturellen Unterschiede, die Bildungschancen ermöglichen oder verwehren – Bildung ist in Deutschland herkunftsabhängig. Wolf Lepenies schreibt dazu in der SZ (8.9.2001): „In der Überraschung über diesen Zusammenhang zeigt sich ein eklatanter Mangel in der Wahrnehmung unserer sozialen Wirklichkeit.“ Die GEW formulierte bereits am 4.12.2001: „Nur bei der sozialen Auslese sind die deutschen Schulen spitze.“
Das überraschenderweise gerade durch die PISA-Studie aufgedeckte zentrale deutsche Bildungsproblem also ist, dass die alltäglichen Lebensbedingungen, die sozialen und kulturellen Ressourcen, die Kinder schulfähig und lebenskompetent machen, fehlen. Sie sind – sozusagen als Fundamente kognitiver Lern- und Wissensleistungen – dem schulischen Unterricht vorgelagert bzw. sowohl in wie außerhalb der Schule notwendigerweise parallel bereitzustellen.
Dies ist, wäre die allgemeinbildende Rolle von Spiel, Kunst, Kultur, des Ästhetischen generell als Teil der Lern- und Bildungslandschaft und zugunsten von „Schlüsselkompetenzen“. Eben das ist eine Konsequenz aus der PISA-Studie, nimmt man die Perspektive einer „Kultur des Aufwachsens in öffentlicher Verantwortung“ ernst und verortet dabei kulturelle Bildung als unverzichtbarer Teil Allgemeiner Bildung in aller Vielfalt von Orten, Inhalten, pädagogischen Institutionen, didaktischen Strukturen und professionellem pädagogischem Personal.
„Umwelt als Spiel- und Lernraum“, die „Inszenierung und Öffnung“ des „gelebten Raums“, die Chance zu authentischen, einmaligen, sinnlich-ganzheitlichen Spielerfahrungen trägt in zweierlei Weise zu einem angemessenen erweiterten Bildungsbegriff, zu einer pluralen „Spiel- und Bildungslandschaft“ bei
Gegen die vereinseitigt kognitive Dominanz von Schule und Unterricht entsprechend des historischen und aktuellen institutionellen "Ist-Zustands"
Gegen die vereinseitigt entsinnlichte Medialisierung und Digitalisierung der virtuellen Spiel- und Lernwelten
Darum geht es spielpädagogisch und im Prinzip nachhaltiger Bildungsvielfalt: Um Balancen, Angebotsreichtum, Ganzheitlichkeit ist den räumlich-konkreten Lebensumwelten der Kinder und Familien, in Stadt und Land.
Literatur
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Rötzer, Florian: Schöne neue Welten? Auf dem Weg zu einer neuen Spielkultur, München 1995
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Schmidt, Wilhelm: Philosophie der Lebenskunst, Frankfurt a.M. 1998
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Zacharias, Wolfgang: Lebensweltliche Didaktik. Die Entstehung didaktischer Strukturen am Beispiel der Pädagogischen Aktion 1970 - 1980, München 1994
Zacharias, Wolfgang: Kulturpädagogik, kulturelle Jugendbildung - Eine Einführung, Opladen 2001 (a)
Zacharias, Wolfgang: Kultur und Pädagogik, Kunst und Leben, Bonn 2001 (b)
Special Tipp:
Einige der zitierten Veröffentlichungen der Pädagogischen Aktion aus den Siebziger- und Achtziger Jahren sind noch erhältlich bei der Pädagogischen Aktion Spielkultur, Augustenstr. 47/ Rgb., 80333 München, z.B.
Zacharias/ W. und IPA/ BRD (Hg.): Spielraum für Spielräume - Zur Ökologie des Spiels, München 1987, 144 S., viele Abb. (10,00 EUR)
Pädagogische Aktion e.V. (Hg.): Spielen in der Stadt - Arbeit an der Zukunft, (Kulturpädagogisches Lesebuch IV/ Teil 3) München 1988, 160 S., viele Abb. (13,00 EUR), U.a. für die Praxis: 10 Varianten Spielbus München/ Spielmobil, z.B. Winterspielbus, Festespielbus, Alte Spiele, Produktionsspielbus, Wasserbaustelle, Forscherfahrten, Physikspielbus, Geisterspiele, Materialspiele, Weltreise
Pädagogische Aktion e.V. (Hg.): Gelebter Raum - Beiträge zu einer Ökologie der Erfahrung, München 1989, 216 S., viele Abb. (12,00 EUR)
Weitere Informationen im Internet unter www.pa-spielkultur.de/literatur
Der Autor:
Dr. Wolfgang Zacharias ist Kulturrat bei der Landeshauptstadt München und Projektleiter der Pädagogischen Aktion/SPIELkultur e.V. Er ist darüber hinaus in zahlreichen anderen Zusammenhängen engagiert
Bei vorstehendem Beitrag handelt es sich um einen Vortrag, der auf der Fachtagung „Spielen – Lernen -Bilden“ im November 2002 in Berlin gehalten wurde. Veröffentlicht war er zunächst in der „Spielmobilszene“ 14/2003. Wir bedanken uns bei Claudius Beck von der BAG Spielmobile für die Erlaubnis, ihn hier einstellen zu dürfen.
Dortmund, im Juli 2003
Spielmobile, Bildung, Politik
Von Max Fuchs
Im Folgenden will ich in sieben Punkten einige Überlegungen zu dem mir gestellten Thema vortragen.
- Jede bildungs-, jugend- und kulturpolitische Diskussion, die nach dem 8.12.2001 stattgefunden hat und noch stattfinden wird, wird diesen Termin berücksichtigen müssen: Denn an diesem Tag wurde die PISA-Studie der Öffentlichkeit vorgestellt. Diese Studie hat – und dies mag angesichts des für Deutschland vernichtenden Ergebnisses überraschen – durchaus positive Wirkungen gehabt. Denn endlich wurde Bildung zu einem relevanten Thema in der Politik und in den Medien. Positiv ist auch der bildungstheoretische Ansatz der Studie. Denn es werden ausdrücklich unterschiedliche „Modi der Weltbegegnung“ vorgestellt, zu denen auch Spiel und Kunst gehören. Das grundlegende Konzept der „literacy“ liegt zudem auf der Linie der Bildungsdiskussion in unseren Fachorganisationen. Denn es geht dabei vom Anspruch her um „Lebenskompetenzen“, die sich in der Praxis bewähren müssen.
So positiv diese Anschlussmöglichkeiten an die Studie selbst sind, so negativ sind allerdings die politischen Diskurse. Denn hier dominieren – entgegen expliziten Aussagen und konzeptionellen Grundlagen der Studie – mehrfache Engführungen:
- Bildung wird auf Schule reduziert,
- Bildung wird auf das Kognitive und die drei PISA-Fächer reduziert,
- Bildung wird fast ausschließlich in ihrer ökonomischen Verwertbarkeit diskutiert.
- Grundlegendes Ziel vieler Trägerstrukturen – speziell in der Jugendpolitik – ist daher eine Durchsetzung eines weiten Bildungsbegriffs, der Bildung in Beziehung zur Lebensbewältigung oder zur „Lebenskunst“ (so die BKJ) setzt. Doch bestehen erhebliche Gefahren, dass diese Bemühungen nicht aufgegriffen werden. In der Jugendpolitik gibt es insbesondere zwei Gefahren:
a) Die Instrumentalisierung des Kindergartens für eine (kognitiv orientierte) vorschulische Wissensvermittlung.
b) Die Instrumentalisierung der Jugendarbeit als reine außerunterrichtliche Bewahranstalt bzw. als bloße Freizeitgestaltung zur Sicherstellung einer „Ganztagsschule“.
Vor diesem möglichen Schreckensszenario, das leider nicht nur erfunden ist, ist es wichtig, die Bundesländer mit ihren Aktivitäten zur Einrichtung von Ganztagsschulen zu beobachten. Positiv ist uns dabei Rheinland-Pfalz aufgefallen, wo zwar die Schulen das Heft (= Finanzen) in der Hand behalten sollen, jedoch keine Dumpingverträge mit Trägern der Jugendhilfe abschließen dürfen. Hier scheint eine Aushandlung einer Zusammenarbeit von Schule und Jugendarbeit auf „gleicher Augenhöhe“ zumindest im Ansatz vorgesehen zu sein.
- Wir müssen jedoch auch unsere eigenen Trägerstrukturen beobachten, wie sie in Verhandlungen mit der Schule eintreten. Sind sie offensiv genug und stellen die Spezifik der außerschulischen Arbeit selbstbewusst heraus? Leider gibt es hier bereits negative Beispiele, wo etwa eine Fachorganisation sich geradezu anbiedert mit Argumenten, die ihre Angebote als „schulnah“ verkaufen, um so die Akzeptanz auf der Schulseite zu steigern. Ich halte dies zwar für verständlich, aber für falsch.
- Was tut der Bund in dieser Situation? Bekanntlich sind die Länder sehr darauf bedacht, ihre Kompetenzen im Bildungs- und Kulturbereich nicht angetastet zu sehen. Trotzdem hat der Bund klare Aufgaben und Kompetenzen in allen drei Politikfeldern:
In der Jugend-, Kultur- und Bildungspolitik. In der Jugendpolitik ist insbesondere das Bundesjugendkuratorium (BJK) zu erwähnen, immerhin das vom Bund selbst berufene oberste Beratungsorgan in jugendpolitischen Fragen. Dieses BJK hat sich – mit wohlwollender Unterstützung durch die Jugendministerin – offensiv zu Gunsten eines weiten Bildungsbegriffs und einem eigenständigen Bildungsauftrag der Jugendhilfe positioniert. Repräsentanten der meisten bundesweiten Trägerstrukturen in der Jugendhilfe haben zudem ein Eckpunktepapier erarbeitet, in dem so deutlich wie bislang an keiner anderen Stelle die Eigenwertigkeit der Jugendhilfe in Bildungsfragen herausgearbeitet wird.
- Der Zentralbegriff, der unser Arbeitsfeld mit der allgemeinen Bildungsdiskussion verbindet, ist die „nonformale Bildung“, also pädagogisch professionell gestaltete Bildungsmöglichkeiten außerhalb des Unterrichts ohne festgelegtes Curriculum. Sehr schön beschreibt dies der Text in der Tagungsausschreibung:
„Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Spielmobilen schaffen mit ihren Materialien einen spielerischen Lernrahmen, der an der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen orientiert ist. Sie inszenieren Räume, erfinden Rollen, Ereignisse und gestalten Erfahrungswelten, die mit den Kindern reflektiert werden und aus deren Erfahrungen gelernt wird. Spielmobile tragen damit ihren speziellen Teil zu einer Bildungsgesellschaft bei.“
- Zur Zeit läuft außerdem das Projekt „Schlüsselkompetenzen durch kulturelle Bildung“, bei dem wir einige strategische Ziele verfolgen:
- Anerkennung dessen, was man in nonformalen Bildungsprozessen lernt.
- Anbindung unserer Diskussion an eine lebendige internationale Debatte rund um den Begriff der Schlüsselkompetenz.
- Entwicklung geeigneter Verfahren, die Lernergebnisse von Jugendlichen in der Jugendkulturarbeit zu sichern und zu beschreiben.
Eine wichtige Initiative im Kulturbereich wird vom Spitzenverband der Bundeskulturverbände, dem Deutschen Kulturrat, vorangetrieben. Es geht hierbei um die Überarbeitung der „Konzeption kulturelle Bildung“, mit der wichtige Bildungsziele und notwendige Maßnahmen vorgestellt werden, so dass weitere Argumente für die Bereitstellung notwendiger Ressourcen gefunden werden.
- Die Spielmobile bringen sich offensiv in diese Debatten ein und haben allen Grund, mit ihren Stärken zu wuchern:
- Auf Grund ihrer Mobilität sind sie geradezu maßgeschneidert, auch dort wirksam zu werden, wo üblicherweise die Dichte von Jugend- und Kultureinrichtungen gering ist.
- Sie erreichen dadurch sehr viel besser als andere Angebote der Jugend- und Kulturarbeit benachteiligte Stadtteile und Kinder und Jugendliche.
- Sie sind auf Grund ihrer Arbeitsweise sehr gut dazu geeignet, interkulturelle Angebote zu machen und damit den oft abstrakt diskutierten „Dialog der Kulturen“ praktisch wirksam werden zu lassen.
- Sie sind ein wichtiges Praxisfeld zur Einübung in die Partizipation.
Kurz: Spielmobile haben allen Grund, sich selbst als wichtigen Bildungs- und Lernort zu definieren.
Wenn unser Bundespräsident präzise formuliert, dass es in der Bildungsarbeit darum geht, Stärken zu stärken und Schwächen zu schwächen, dann darf dies geradezu als Motto der Spielmobile gelten.
Literaturhinweise:
Die Papiere des Bundesjugendkuratoriums sind dokumentiert in:
Münchmeier, R. u. a. (Hg.): Bildung und Lebenskompetenz. Opladen 2002.
Kulturelle Bildung wird zeitgemäß und in aller Breite dargestellt in:
BKJ (Hg.): Kultur leben lernen. Remscheid 2002.
Weitere Informationen finden sich auf der Homepage www.bkj.de.
Für alle Fragen der Qualifizierung konsultiere man die Homepage der Akademie Remscheid
Der Autor:
Prof. Dr. Max Fuchs ist Direktor der Akademie Remscheid; Vorsitzender von Bundesvereinigung Kulturelle Jugendbildung, Deutscher Kulturrat und Institut für Bildung und Kultur. Lehrt Kulturarbeit an der Universität Essen-Duisburg.
Bei vorstehendem Beitrag handelt es sich um einen Vortrag, der auf der Fachtagung „Spielen – Lernen -Bilden“ im November 2002 in Berlin gehalten wurde. Veröffentlicht war er zunächst in der „Spielmobilszene“ 14/2003. Wir bedanken uns bei Claudius Beck von der BAG Spielmobile für die Erlaubnis, ihn hier einstellen zu dürfen.
Dortmund, im Juli 2003
Beiträge zu Meine Stimme – Vielfalt zählt
Hier findet ihr/finden Sie die Beiträge und Aktionen, mit denen sich Jugendliche und junge Erwachsene an unserem Projekt beteiligt haben. Alle Rechte liegen bei den Ersteller_innen der Beiträge und beim ABA Fachverband.
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Fotogalerie der Abschlussveranstaltung von „Wir Kinder des Ruhrgebietes“
„Der Letzte macht das Licht aus!“
Abschieds-Glückauf auf dem Abenteuerspielplatz Rahm in Dortmund
Die Ära des „Kohlenpotts“ gehört inzwischen endgültig der Vergangenheit an. Am 25. April 2019 wurde auch die „Zeche Abenteuerspielplatz Rahm“ feierlich geschlossen, nachdem über 70 Kinder und Jugendliche aus Dortmund, Duisburg und Recklinghausen noch einmal einen Tag lang wichtige Arbeitsbereiche des Bergbaus spielerisch ausprobieren konnten. …
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Fotogalerie von Aktivitäten vor und nach der Herbst-Aktionswoche von „Wir Kinder des Ruhrgebietes“
Vor und nach der großen Aktionswoche im Herbst 2018, in der sich die Kinder und Jugendlichen der drei Abenteuerspielplätze gegenseitig besuchten, fanden an den drei Orten zahlreiche weitere Aktivitäten zum jeweiligen Themenschwerpunkt statt. …
Fotogalerie zur Herbst-Aktionswoche von „Wir Kinder des Ruhrgebietes“
In der großen Herbst-Aktionswoche (19.-26.10.2018) besuchten sich die Kinder und Jugendlichen aus Dortmund, Duisburg und Recklinghausen gegenseitig und gestalten gemeinsam einen Tag zum Thema des besuchten Abenteuerpielplatzes.
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Titelbilder des Kalenders im Wandel der Zeit
Seit 1995 gibt es den Interkulturellen Antirassismus- bzw. Menschenrechtekalender. Bis 2014 wurde er von Ralf-Erik Posselt im Namen der Initiative SOS Rassismus und dem Amt für Jugendarbeit der EKvW erstellt. Der Kalender 2015 war der erste, den der ABA Fachverband herausgab. Ralf-Erik Posselt begleitete die Staffelübergabe an uns sehr engagiert und freut sich, dass der Kalender weiterhin viele Abnehmer_innen findet.
Fotogalerie
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Zebra-Postkarten
Das Antirassismus- und Menschenrechte-Zebra meldet sich auch außerhalb des Interkulturellen Menschenrechtekalenders zu Wort, zum Beispiel auf unseren Postkarten. Sie dürfen für nicht-kommerzielle Zwecke frei verwendet werden. Mit einem Doppelklick auf das entsprechende Foto öffnet sich dieses in Originalgröße. Mit der rechten Maustaste können Sie es dann auf Ihrem Computer speichern.
Die Sammlung wird kontinuierlich erweitert. Gern nehmen wir auch Anregungen zu neuen Motiven entgegen.
Design: Ulrike Löw. Alle Rechte liegen beim ABA Fachverband und Ulrike Löw.
Fotogalerie
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NAGEL-Redaktion – Rauchen auf Spielplätzen

Foto: Andreas Morlok – Pixelio
Die Diskussion über die Durchsetzung des Rauchverbots in öffentlichen Räumen hat nun auch die Spielplätze erreicht. Die Einstellungen von Nichtrauchern und Rauchern stehen sich hier häufig kontrovers gegenüber. Eine einheitliche Lösung des Konflikts gestaltet sich als sehr schwierig. Es gibt in einigen Städten Ratsbeschlüsse, die das Rauchen auf Spielplätzen verbieten. In Essen gibt es keinen speziellen Beschluss und dementsprechend auch kein ausdrückliches Verbot, nur ein Verbot für Alkohol und für Tiere auf Spielplätzen.
Die ordnungsbehördliche Verordnung der Stadt Essen, die das Verhalten von Personen in öffentlichen Räumen regelt, gibt in § 10 (Kinderspielplätze) vor, dass die Benutzung von Spielplätzen sowie der Aufenthalt auf ihnen durch Hinweisschilder geregelt werden kann. Insofern kann davon ausgegangen werden, dass die Vorgaben auf diesen Schildern verbindlich sind, sofern vorhanden. Zuwiderhandlungen können mit Ordnungsstrafen verfolgt werden.
Hinter der Tatsache, dass durch die Verordnung nicht noch mehr geregelt wird, steht der Gedanke, dass ein Spielplatz ein offener, sozialer Raum ist, auf dem übertrieben viele maßregelnde Verbote unangemessen sind. Spielplätze werden nicht nur von Kindern aufgesucht. Sie werden meist von Erwachsenen begleitet, während Spielplatzfesten nicht selten von der ganzen Familie. Somit ist ein Spielplatz auch Treffpunkt für Mütter und Väter, die das Aufstellen von Verboten als übertriebene Maßregelung verstehen würden. Es besteht die Gefahr, dass Verbote die Atmosphäre auf Spielplätzen negativ beeinflussen, vor allem, wenn es um die Durchsetzung dieser Verbote geht.
Mit dem Aufstellen von Hinweisschildern beschreitet man aus meiner Sicht diplomatischere Wege. Erwachsene haben Kindern gegenüber eine Vorbildfunktion: Von daher ist es unangemessen, den Kindern das Rauchen vorzuleben. Deswegen sollte auf Spielplätzen auf jeden Fall nicht geraucht werden! Hinweisschilder appellieren an die Vernunft der Erwachsenen. Somit sollten sie auch in den meisten Fällen funktionieren.
Andrea Boegel, Deutscher Kinderschutzbund Essen
Anmerkung der NAGEL-Redaktion: Diese Stellungnahme hat Andrea Boegel freundlicherweise aufgrund einer Anregung während des 3. ABA-Fachtags der Organisator(inne)n der nordrhein-westfälischen Spielplatzpaten erstellt; dieser fand am 10. März 2009 in Bochum statt.
NAGEL-Redaktion – Vereinbarung über die Tätigkeit als ehrenamtliche/r Spielplatzpatin/-pate
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Vereinbarung über die Tätigkeit als ehrenamtliche/r Spielplatzpatin/-pate
Frau/Herr _______________________________________
ist ehrenamtliche/r Spielplatzpatin/-pate des Spielplatzes _____________________________
Grundsätzlich sind Paten frei in der Ausgestaltung ihrer Tätigkeit. Zu den Aufgaben können aber zum Beispiel gehören:
Bei Unfällen, die die Patin/der Pate bei ihrer/seiner ehrenamtlichen Tätigkeit erleidet, besteht Versicherungsschutz bei der Eigenunfallversicherung der Stadt Dortmund. Es besteht Haftpflichtdeckungsschutz, den die Stadt Dortmund als Mitglied des kommunalen Schadensausgleiches Westdeutscher Städte in Bochum genießt. Spielplatzpatinnen/-paten erhalten eine finanzielle Aufwandsentschädigung von pauschal 55,- Euro. Jährlich, z. B. für Telefonate, Porto etc. Diese Vereinbarung kann jederzeit sowohl von der Patin/dem Paten als auch vom Jugendamt aufgekündigt werden, wobei Ansprüche gegeneinander nicht geltend gemacht werden können.
Mit der Weitergabe der persönlichen Daten (Name, Anschrift, Telefon) ist die Patin/der Pate
Mit freundlichen Grüßen Patin/Pate Im Auftrage
Dortmund, den _______________________ |
NAGEL-Redaktion – Beispiel Spielplatzsatzung Köln
1. Grundlage
Der Jugendhilfeausschuss – Ausschuss für Kinder, Jugend und Familie – hat 1980 das Spielplatzpatenprojekt ins Leben gerufen.
2. Zielsetzung des Projekts
Ziel des Projektes ist es,
- interessierte Bürgerinnen und Bürger verantwortlich an der Arbeit der Stadtverwaltung in Bezug auf Spielplätze teilhaben zu lassen,
- eine Identifikation der Bürger mit den vorhandenen Spielplätzen und Spielanlagen zu fördern,
- und den Kindern einen Ansprechpartner zur Seite zu stellen, der ihnen eine Hilfe bei der Vertretung ihrer Interessen ist.
3. Aufgaben der Spielplatzpaten
- Die Aufgaben der Spielplatzpatinnen und Spielplatzpaten bestehen darin, Ansprechpartner für die Kinder zu sein, ihnen Anregung und Anleitung zum Spielen zu geben,
- gemeinsam mit anderen Spielplatzbesuchern aufkommende Probleme, wie z. B. Streitigkeiten, Verunreinigungen und Beschädigungen für alle zufriedenstellend zu lösen,
- Defekte an Spielgeräten der Verwaltung zu melden, damit sie umgehend repariert werden können
- und eventuell Spielfeste und Spielaktionen durchzuführen, die den Kontakt der Nachbarn des Spielplatzes zu den Kindern und untereinander fördern.
4. Organisation
Spielplatzpaten können Bürgerinnen und Bürger der Stadt Köln werden, sowie Vereine und Initiativen, die eine Person als Ansprechpartner für die Verwaltung benennen. Die Übernahme einer Spielplatzpatenschaft erfolgt ausschließlich ehrenamtlich. Die Ausfüllung der Aufgaben liegt bei jedem Paten selbst. Haftungsrechtlich kann er nicht belangt werden.
Die Spielplatzpaten bekommen Unterstützung vom Amt für Kinderinteressen der Stadt Köln auch durch vierteljährliche Treffen mit gegenseitigem Gedanken- und Erfahrungsaustausch sowie Bearbeitung und Behebung der von den Spielplatzpaten genannten Mängel durch die hierfür zuständigen Fachämter.
Ein weiterer Austausch von Informationen zwischen den Paten untereinander und dem Amt für Kinderinteressen ist durch die vierteljährlich erscheinende Spielplatzpatenzeitung „Spielplatz aktuell“ gegeben, in denen u. a. Termine der Spielplatzpatentreffen, von Spielplatzfesten, Informationen über Ausleihmöglichkeiten von Spielen sowie allgemeine Informationen für Spielplatzpaten herausgegeben werden.
5. Kooperation mit der Kölner Polizei
1998 wurde eine Kooperation zwischen den Kölner Spielplatzpaten, der Kölner Polizei und dem Amt für Kinderinteressen gegründet. Die Bezirksbeamten der Polizei unterstützen die Spielplatzpaten vor Ort bei ihrem Bemühen um kindgerechtes Spielen auf dem Spielplatz.
6. Daten und Zahlen
In Köln gibt es derzeit rund 600 öffentliche Spielplätze. Mit Stand vom 01.08.2003 werden 203 Spielplätze von 197 Spielplatzpaten betreut.
7. Informationen zum Projekt
Weitere Informationen zum Projekt „Spielplatzpaten in Köln“ gibt die Stadt Köln, Amt für Kinder, Jugend und Familie, Abt. Amt für Kinderinteressen, Ottmar-Pohl-Platz 1, 51103 Köln, Telefon-Nr. (0221) 2 21-2 41 45 (Frau Arnoldi).
NAGEL-Redaktion – EN-Normen
EN-Normen 1176-1 bis 7
Die europaweit geltenden EN-Normen 1176-1 bis 7 regeln die (sicherheits-)technischen Anforderungen an Spielgeräte bzw. deren sicherheitstechnische Prüfung, Inspektion und Wartung.
In Zusammenhang damit legt eine weitere Norm (EN 1177) Werte für die stoßdämpfenden Eigenschaften des Bodens unter den Spielgeräten fest bzw. beschreibt die Prüfungsmethode hierfür.
Die genannten Normen legen Sicherheitsstandards bei folgenden standortgebundenen Spielgeräten fest:
● auf öffentlichen Spielplätzen,
● in Kindergärten,
● in Schulen und ähnlichen Einrichtungen,
● im Privatbereich (z.B. Gastgärten, Wohnhausanlagen, Spielbereiche in Kaufhäusern).
Unter Spielplatzgeräten werden fix installierte Geräte im Innen- und Außenbereich verstanden. Diese können nach vorgegebenen oder eigenen Spielregeln benutzt werden und sind für ein oder mehrere Benutzer gedacht.
Die Norm legt Anforderungen an Geräte fest, um den Benutzer – bei voraussehbarer bzw. der Bestimmung entsprechender Nutzung des Gerätes – vor Gefahren zu schützen. Das bedeutet aber nicht, dass Aufsichtspersonen von Kindern, die an solchen Geräten spielen, von ihrer Aufsichtspflicht befreit sind.
Die Normen wenden sich in erster Linie an die Gerätehersteller und Spielplatzhalter. Sonderanfertigungen, wie z.B. im Selbstbau hergestellte Geräte sowie Einrichtungen, die in Doppelfunktion auch als Spielgerät dienen (z.B. bespielbare Skulpturen, Klopfstangen, alte Lokomotiven, Feuerwehrautos), sind jedoch ebenfalls davon betroffen.
Eine Ausnahme stellen Geräte und Bauwerke auf Bauspielplätzen bzw. Abenteuerspielplätzen dar, die von den Benutzern selbst gebaut werden. Diese Spielareale sind aus Sicherheitsgründen abgeschlossen und stehen unter ständiger pädagogischer Betreuung und Aufsicht. Man geht davon aus, dass die Betreuungsperson beim Bau „gefährlicher“ Spielgeräte eingreift. Daher müssen diese meist kurzlebigen Geräte auch nicht den Sicherheitsbestimmungen der Norm entsprechen.
Sollte allerdings ein solcherart hergestelltes Gerät später einmal auf einem frei zugänglichen Areal aufgestellt werden, unterliegt es wie jedes öffentlich aufgestellte Gerät den Forderungen der Norm.
Im Handel (Sport-, Spiel- und Freizeitbereich bis hin zu Baumärkten) sind auch „Spielgeräte“ aus Metall für den Privatgarten erhältlich. Diese Geräte werden als „Spielzeug“ gehandelt und unterliegen daher nicht den Spielgerätenormen.
Die Norm EN 1176/ Spielplatzgeräte besteht aus 7 Teilen:
● EN 1176 Teil 1: Allgemeine sicherheitstechnische Anforderungen und Prüfverfahren (gültig seit dem 1. November 1998)
● EN 1176 Teil 2: Zusätzliche besondere Anforderungen und Prüfverfahren für Schaukeln (gültig seit dem 1. November 1998)
● EN 1176 Teil 3: Zusätzliche besondere Anforderungen und Prüfverfahren für Rutschen (gültig seit dem 1. November 1998)
● EN 1176 Teil 4: Zusätzliche besondere Anforderungen und Prüfverfahren für Seilbahnen (gültig seit dem 1. November 1998)
● EN 1176 Teil 5: Zusätzliche besondere Anforderungen und Prüfverfahren für Karussells (gültig seit dem 1. November 1999)
● EN 1176 Teil 6: Zusätzliche besondere Anforderungen und Prüfverfahren für Wippgeräte (gültig seit dem 1. Dezember 1997)
● EN 1176 Teil 7: Anleitung für Installation, Inspektion, Wartung und Betrieb (gültig seit 1. Dezember 1997)
sowie der Norm hinsichtlich Anforderungen/ Prüfverfahren an Spielplatzböden
● EN 1177: Stoßdämpfende Spielplatzböden, sicherheitstechnische Anforderungen und Prüfverfahren.
Der Anwendungsbereich erstreckt sich auch auf in Selbstbau hergestellte Geräte, zum Bespielen von zur Verfügung gestellten Objekten (z.B. Skulpturen) und ist in analoger Weise auch auf naturnahe Gestaltung anzuwenden.
Die neue Norm gilt im Allgemeinen nicht rückwirkend für bestehende Geräte. Sie bezieht sich auf neu gestaltete Spielplätze seit dem 1. November 1998. Allerdings sind bestehende Spielgeräte, die gefährliche Mängel aufweisen, von der neuen Norm dennoch betroffen.
Als gefährliche Mängel gelten:
● Einzugsstellen beim Einsitzbereich von Rutschen, bei Feuerwehrstangen, bei Dächern, die weniger als 1m von einem Handlauf entfernt sind und
● Fangstellen für den Kopf, insbesondere bei flexiblen Öffnungen (Kletternetz) und Leitern mit Sprossenabständen zwischen 12 und 20 cm.
Diese Mängel sind auch nachträglich zu beheben.
Da die neue Norm sehr ausführlich ist (einige Gerätearten werden zusätzlich in Untergruppen unterteilt), lassen sich nicht immer knappe, allgemein gültige Aussagen für den Gerätetyp (z.B. Schaukel, Karussell, Wippe) treffen. Daher sollte insbesondere beim Selbstbau und bei der Sanierung bestehender Geräte die entsprechende Norm genau studiert bzw. der TÜV oder Fachfirmen konsultiert werden.
Die wichtigsten Neuerungen
● Es wird zwischen Spielgeräten, die für Kinder ab 3 Jahren, und Spielgeräten, die auch für Kinder unter 3 Jahren geeignet sind, unterschieden. Das bedeutet insbesondere Veränderungen bei der Ausführung von bekletterbaren Spielgeräten.
● Sicherheitsabstände zwischen den Geräten werden in Abhängigkeit zur Fallhöhe gebracht.
● Es gibt keine verbindlichen Zusammenhänge bzw. Angaben über Fallhöhe und den zugehörigen falldämpfenden Böden. Es wird eine Eignungsüberprüfung jedes falldämpfenden Bodens empfohlen.
● Es gibt kaum fixe Angaben zu Öffnungsweiten. Stattdessen werden zur Überprüfung genau beschriebene Prüfkörper verwendet.
● Hersteller sind zur genauen Kennzeichnung der Spielgeräte sowie zu Angaben über Pflege, Wartung und empfohlenem Fallschutz verpflichtet.
● Dem Spielplatzhalter ist die Durchführung von Inspektion, Pflege und Wartung (mit schriftlichen Aufzeichnungen) dringend anzuraten.
Sicherheitsanforderungen an Spielplätze und Spielflächen/ Sicherheitsabstände
Die EN 1176 – 1. Teil geht davon aus, dass die Höhe des Gerätes und der Sicherheitsabstand in Zusammenhang stehen. (Sie definiert einen Fallraum, d.h. den Raum, den man bei einem Sturz einnehmen könnte. Je höher das Gerät, desto größer kann die Fläche sein, auf die man aufprallt.) Daher werden die Sicherheitsabstände in Abhängigkeit zur Fallhöhe gesetzt. Als Faustregel sollte man bei Geräten bis 1,5 m Fallhöhe mindestens 1,5 m Abstand zwischen statischen Geräten, bis 3 m Fallhöhe mindestens 2,5m annehmen. Bei Geräten mit beweglichen Teilen – wie Schaukel oder Karussell – sollte man sich an die Herstellerangaben bzw. an die Angaben der betreffenden Gerätenorm halten.
Sicherheitsanforderungen an Spielgeräte
Bei geschlossenen Geräten – die über 2 m Raumtiefe aufweisen (z.B. Spielhaus, Kletterturm, Baumhaus) – müssen mindestens 2 Eingänge vorhanden sein. Die Norm geht davon aus, dass im Brandfall evtl. ein Eingang unpassierbar sein könnte.
Die ursprüngliche Regelung der waagrechten und senkrechten Öffnungen wurde durch eine generelle Neudefinition ersetzt: Die Geräte müssen so konstruiert sein, dass es zu keinen gefährlichen Fangstellen für Kopf, Körper, einzelne Gliedmaßen oder Kleidung kommt.
Das bedeutet, dass der Benutzer weder mit dem Kopf voran noch mit den Füßen voran im Gerät stecken bleiben darf. Das Spielgerät darf keine teilweise umschlossenen oder
V-förmigen Öffnungen, keine Scherstellen oder beweglichen Öffnungen aufweisen. Kleidung darf sich nicht in Spalten, V-förmigen Öffnungen, Spindeln/ drehenden Teilen oder Vorsprüngen verhängen können.
Seitens der Norm werden spezielle Prüfkörper zur Untersuchung vorgeschlagen. Diese sind in der EN 1176 – 1.Teil beschrieben. Beim Selbstbau von Geräten empfiehlt es sich daher Fachfirmen bzw. den TÜV zu kontaktieren, um die Erfordernisse im Einzelfall zu klären.
Klettertaue müssen an beiden Enden verankert sein.
Fallhöhe und Fallschutz
Die bisher verbindliche Tabelle über Fallhöhen und entsprechenden Fallschutz wird durch eine Tabelle, die lediglich der Orientierung dient, ersetzt. Die neue Norm geht davon aus, daß Böden im Hinblick auf Qualität große Differenzen aufweisen können und daher keine allgemein gültige Aussage getroffen werden kann. So kann ein gut gepflegter Rasen mit entsprechendem Erdboden für eine große Fallhöhe geeignet sein, ein schlecht gepflegter Rasen – der nur noch verdichtete Erde ist (steinhart im trockenen Zustand) – minimale falldämpfende Eigenschaften aufweisen.
Daher wird für „ungeprüften“ Rasen max. 1 m Fallhöhe erlaubt. Die neue europäische Norm fordert eine regelmäßige Prüfung der Böden und empfiehlt, bei Fallschutzplatten unbedingt ein Zertifikat (mit einer Angabe, für welche Fallhöhe der Belag geeignet ist) zu verlangen.
Bei losem Fallschutzmaterial (Sand, Kies, Rindenmulch und -häcksel) werden zur bisher geforderten Schichtdicke von 30 cm zusätzlich 20 cm gefordert, weil dieses Material „weggespielt“ wird („Löcher“ unter den Schaukelsitzen).
Fallhöhe und Absturzsicherung
Absturzsicherungen sind überall dort vorzusehen, wo es durch Drängen und Stoßen zu einem Sturz kommen kann.
Da die Norm davon ausgeht, dass auch Kinder unter 3 Jahren Spielgeräte benutzen könnten, müssen Geräte bereits ab einer Fallhöhe von 60 cm mit Brüstung oder Geländer ausgestattet sein oder für Kleinkinder unter 3 Jahren unzugänglich gemacht werden.
Es gibt – je nach Benutzergruppe – zwei Varianten der Geländerausführung:
● Bei Geräten, die für Kinder jeden Alters – also auch unter 3 Jahren – zugänglich sind, bedarf es ab einer Spielebene (Plattform) von 60cm Höhe einer Brüstung oder einer geschlossenen Begrenzung (Platten). Auch ein absolut „geschlossenes“ Gerät ist möglich. Dieses darf von außen nicht bekletterbar sein.
● Geräte, die nur für Kinder über drei Jahre gedacht sind, brauchen einen „erschwerten Zugang“. Plattformen mit 60 cm brauchen kein Geländer, Plattformen höher als 1 m Geländer und erst ab 2 m Fallhöhe eine Brüstung. Bei der Sanierung von „Altgeräten“ sind diese neuen Bestimmungen zu beachten.
Sicherheitsanforderungen an Spielgerätetypen
Klettergeräte und Spielturm
Die neuen Normen treffen eine Unterscheidung zwischen Geräten, die nur für Kinder, die älter als 3 Jahre sind, gedacht sind, und Geräte, die für alle Altersstufen, also auch für Kinder unter 3 Jahren, bespielbar sein sollen. Dieser Punkt ist sehr wichtig, weil er bedeutet, dass besonders bei Klettergeräten entweder auf einen erschwerten Zugang zu achten ist oder bereits ab 60 cm Höhe ein Geländer bzw. eine Brüstung vorgesehen werden muss.
Als erschwerter Zugang gelten Zugänge über schräge Rampen, über Balancierbalken, mittels eines Klettertaues oder einer Hangelstrecke.
Da die genannten Zugänge nur Beispiele für viele Möglichkeiten darstellen, empfiehlt es sich, die gewünschte Zugangsvariante mit dem TÜV abzuklären, insbesondere bei Selbstbau von Geräten bzw. bei der Gerätesanierung.
Die offenen Teile zwischen den Leitersprossen müssen entweder kleiner als 11 cm (bei Geräten für Kinder unter 3 Jahren kleiner als 8,9 cm) oder größer als 23 cm sein.
In der Praxis wird man daher die Öffnung generell größer als 23 cm machen bzw. die Situation mit dem TÜV oder einem Sachverständigen klären.
Rutsche
Bei kombinierten Rutschen (z.B. als Teil eines Kletterturmes) muss ab einer Fallhöhe von 1 m eine Absturzsicherung vorgesehen werden. Diese sollte 70-90 cm hoch und vor dem waagrechten Einsitzteil positioniert sein.
Die Länge des waagrechten Rutschenendes und die Höhe der Seitenwangen sind abhängig von der Rutschenhöhe:
Die Seitenwangen müssen entlang der Rutschstrecke fortlaufen: bis 1,5 m Rutschenhöhe mindestens 10 cm hoch, bis 2,5 m Rutschenhöhe mindestens 15 cm und über 2,5 m Rutschenhöhe mindestens 50 cm hoch.
Das waagrechte Rutschenende muss bei 1,2 m Rutschenhöhe mindestens 30 cm lang sein, bei höheren Rutschen zwischen 50 und 150 cm.
Der Abstand vom waagrechten Auslaufteil zum darunter liegenden Boden sollte max. 35 cm betragen.
Frei stehende Rutschen sollten einen Handlauf in mindestens 70 cm Höhe aufweisen.
Wippe
In der EN 1176 – 6. Teil werden 3 Wippgerätetypen mit unterschiedlichen Forderungen hinsichtlich Fallraum und Ausführung festgelegt.
Für alle Typen gilt aber folgendes:
● Um das Einquetschen zwischen Wippenende und Boden zu verhindern, müssen Wippen entweder eine Dämpfung, Fußstützen oder durch sonstige Maßnahmen mindestens 23cm Bodenfreiheit aufweisen.
● Handgriffe (Griffdurchmesser 16,3 mm) müssen so ausgeführt sein, dass sie keine Fangstellen für den Kopf bieten.
● Um Quetschungen im Auflagerbereich zu vermeiden, sollten Wippbalken nur eine geringe Querbewegung am Wippenende aufweisen.
Schaukeln
Der seitliche Abstand vom Schaukelsitz zum Schaukelgerüst und der Abstand zwischen den Schaukelsitzen ist in EN 1176 – 2. Teil neu geregelt. Er ist abhängig von der Schaukelhöhe (= Länge der Kettenaufhängung):
Der Wert entspricht bei den meisten Schaukeln in etwa dem bisher gültigen 70 cm Abstand, allerdings unter der Voraussetzung, dass die Aufhängung nach oben hin schräg auseinanderläuft, um die Stabilität des Schaukelsitzes zu erhöhen.
Weiters werden die maximale freie Fallhöhe (als maximale freie Fallhöhe gilt die halbe Länge der Aufhängung + Sitzhöhe) und die Fläche des stoßdämpfenden Bodens angegeben. Bei 60° Auslenkung werden bei Fallschutzplatten (synthetischen Böden) zusätzlich 175 cm, bei losem Fallschutzmaterial zusätzlich 225 cm gefordert.
Schaukeln und Schwingseile dürfen nicht im selben Gerät kombiniert werden.
Die neue Norm empfiehlt ausdrücklich, Schaukeln in umrandeten Bereichen aufzustellen, um Unfälle durch das Hineinlaufen in den Schaukelbereich zu vermeiden. Die Zugänge zum Schaukelbereich sollten möglichst so ausgeführt sein, dass sich das Kind nur langsam nähern kann.
Bei Kombigeräten muss, wenn die Schaukelstütze z.B. Kletterfunktion aufweist, der seitliche Abstand vom Sitz zum Schaukelgerüst 1,5 m betragen.
Karussell
In der EN 1176 – 5. Teil werden 5 verschiedene Karusselltypen unterschieden. Das bedeutet, dass je nach Typ unterschiedliche Anforderungen gestellt werden und insbesondere dieser Teil umfangreich ist. Daher ist es empfehlenswert, sich sowohl für die Überprüfung als auch für die Sanierung über die spezifischen Erfordernisse zu informieren.
Naturnahe Elemente
Die Länge eines Kriechtunnels ist abhängig von seinem Durchmesser und seiner Ausführung:
Die Länge eines einseitig offenen Kriechtunnels (z.B. im Spielhügel integriert) darf max. 2 m betragen, der Durchmesser muss mindestens 75 cm aufweisen.
Bei Weidenhäuschen sollten die Sicherheitsauflagen analog angewendet werden, d.h. z.B. dass bei einer bekletterbaren Ausführung die Fallhöhe oder Fangstellen, die mehr als 60 cm über dem Boden liegen, ebenso wie bei herkömmlichen Spielgeräten zu beachten sind.
Instandhaltung und Wartung von Spielgeräten und Spielplätzen
Die Bestimmungen hinsichtlich Wartung gelten wie früher, sind allerdings exakter formuliert. Es wird dringend empfohlen, Aufzeichnungen in schriftlicher Form (z.B. mit Hilfe einer Checkliste) über die regelmäßige Prüfung (z.B. durch einen Bediensteten der Gemeinde) zu führen. Sie können im Zweifelsfall als Nachweis für die regelmäßige Wartung dienen. Genaue Angaben bezüglich der Pflichten des Spielplatzbetreibers/-halter enthält die EN 1176/7.
Die EN 1177 empfiehlt zusätzlich eine regelmäßige Bodenüberprüfung, da sich die Eigenschaften von Naturböden im Laufe der Zeit ändern können. Da bei losem Fallschutzmaterial die Pflege ein wichtiges Qualitätskriterium ist, sollte dieses regelmäßig gerecht, von Verschmutzungen befreit und unter das Spielgerät zurückgeschaufelt werden. Um die Pflege zu erleichtern, empfiehlt es sich, direkt am Gerät (z.B. bei der Schaukel auf dem Steher) eine Markierung für die geforderte Schichthöhe (Füllhöhe) anzubringen.
Die Stoßdämpfung von Naturböden kann im Zuge der jährlichen Inspektion durch eine Fachfirma, z.B. den TÜV, geprüft werden.
Hersteller müssen bei der Lieferung eines Spielgerätes sämtliche Angaben in Bezug auf Benützung, Wartung und Pflege des Gerätes bzw. Angaben zum Fallschutz geben.
Es ist daher empfehlenswert, dass der Gerätelieferant auch den Fallschutz liefert bzw. einbaut.
Hinweise für die Planung
Bei der Gestaltung/Möblierung von Spielplätzen mit Naturelementen wie Wurfsteine, Baumstämme, Kletterwände aus Naturstein, etc. sind die Bestimmungen der Normen „sinngemäß“ anzuwenden.
Sicherheit am Spielplatz ist nicht nur eine Frage der Sicherheit einzelner Geräte und deren Fallschutz/Sicherheitsabstände, sondern auch eine Frage der Gesamtgestaltung des Platzes (und dessen Zugänge).
Bei Gestaltung, Auswahl und Kombination von Spielgeräten sollte daher zwischen Sicherheit und Attraktivität abgewogen werden.
Die Unfallgefahr kann steigen, wenn Spielgeräte langweilig sind und zu unsachgemäßem Gebrauch anregen.
Der Versuch absolute Sicherheit zu erreichen, würde auch bedeuten, dem Menschen eine heile Welt vorzugaukeln und den Erfahrungsbereich „Gefahr“ aus der Erziehung des Kindes auszuklammern. Es geht nicht darum die Risiken abzuschaffen, sondern darum, das Kind mit ihnen vertraut zu machen.
Es ist daher Aufgabe der Spielplatzplanung, den Kindern Möglichkeiten zu schaffen „den Umgang mit sich selbst“ zu üben – ein persönliches Gefahrenbewusstsein zu entwickeln. Wenn Kinder in der Lage sind ihre Fähigkeiten richtig einzuschätzen und für sie bedrohliche Gefahren zu erkennen, würden sich die Spielplatzunfälle, welche durch unvorsichtiges, übermütiges und unsicheres Verhalten entstehen, verringern. Diese Unfälle machen ca. ein Fünftel aller Spielplatzunfälle aus.
Die Spielplatzplanung ist als „gelungen“ zu bezeichnen, wenn sie dem Benutzer die Möglichkeit bietet:
● Gefahren zu erkennen
● seine eigenen Fähigkeiten abschätzen zu lernen
● den Umgang mit Mut und Angst zu üben
● Hilfestellung durch andere zu erleben
● die eigenen Fähigkeiten – also sich selbst – und die Umwelt (Hilfestellung = Sozialkontakt, aber auch Begegnung mit dinglicher Umwelt) besser kennen zu lernen.
Eine „gelungene“ Spielplatzplanung berücksichtigt auch den Aufwand für die lt. EN geforderte „Inspektion, Wartung und Betrieb“, also die ständig wiederkehrenden Pflichten des Spielplatzbetreibers bzw. Spielplatzhalters. Denn dies mindert den Aufwand Ihrer Gemeinde.
Nebenbei eine wichtige Information: „Durch das Anwenden von Normen entzieht sich niemand der Verantwortung für eigenes Handeln. Jeder handelt insoweit auf eigene Gefahr.“ So lautet eine Antwort des DIN Institutes anlässlich einer Anfrage bezüglich Regressforderungen an das DIN (vgl. hierzu DIN 820-1 Abschnitt 6.6).
Das schon mehrfach genannte Normenwerk EN 1176-1 bis 7 bezieht sich auf Spielgeräte. Es schließt – wie schon erwähnt – Abenteuerspielplätze aus; gilt also nicht für betreute Spielbereiche. Es gilt jedoch auch für Geräte und Einrichtungen, die als „Spielgeräte“ aufgestellt werden, obwohl sie nicht als solche hergestellt sind (z.B.: Kunstwerk, Lokomotive, etc.).
Analog gilt dies also auch für natürliche und gestaltete Landschaftselemente wie z.B. Steinschichtungen, Trockenmauern, für naturnahe Bereiche sowie Bereiche zur Förderung des Naturerlebens und der Sinneswahrnehmung.
Für die Planung letztgenannter Bereiche sind insbesondere die Bestimmungen der EN 1176-1 und 1177 wichtig. Bei Fragestellungen, die diese Normen nicht erfassen – wie z.B. Wasserflächen – sind:
● die B 2607,
● die DIN 18034 und in weiterer Folge die bereits genannten Kriterien
● überschaubare Gefahr
● von vornherein erkennbare Gefahr
● Herausführen der Benutzer an ein gesundes Gefahrenbewusstsein
für die Planung heranzuziehen. Das bedeutet, dass z.B. eine Ufergestaltung so erfolgen muss, dass bespielbare Bereiche von nicht bespielbaren Teilen eindeutig zu unterscheiden sind. Das natürliche Angstempfinden der Kinder zu wecken ist das Gestaltungsziel.
Spielplatzplanungen sind – gegebenenfalls als Modell – von Sachverständigen oder dem TÜV zu prüfen. Es empfiehlt sich, die realisierte Einrichtung vor Inbetriebnahme des Platzes nochmals prüfen zu lassen. Im Zuge dieser Prüfungen sind auch die notwendigen Inspektions- und Wartungsanweisungen für den Betreiber/Halter festzuschreiben. Dies ist letztlich auch Ihre Aufgabe als Planverfasser.
Wenn für einen Spielplatz eine neue „Spielidee“ – also ein neues Spielgerät – entwickelt wird, müssen die entsprechenden Forderungen aus der Normenserie abgeleiten werden.
In Bezug auf eine Sicherheitsprüfung bzw. die Erstellung einer Anleitung für Installation, Inspektion, Wartung und Betrieb gilt das vorher gesagte gleichermaßen.
Bei neuen Spielideen, naturnahen (unbetreuten) Bereichen, aber auch bei Spielpunkten in Parks und Fußgeherbereichen ist bei den Überlegungen zum Thema Sicherheit auch der Jahreszeitenwechsel und damit die Veränderung der Materialien bzw. deren Eigenschaften im „Spielbetrieb“ mit zu bedenken.
Zur Lage des Spielplatzes
Schon bei der Standortgestaltung sind Aspekte der Sicherheit zu bedenken.
Die Lage des Platzes bzw. die Gestaltung seines Umfeldes bzw. die Ausbildung der Erreichbarkeit sind ein wesentlicher Bestandteil der „Sicherheit des Platzes“.
Außerdem beeinflussen Standort und Zugänglichkeit des Spielplatzes wesentlich dessen Benutzungshäufigkeit und Benutzungsdauer.
Der Standort und die Benutzungshäufigkeit beeinflussen auch die Sicherheit von Mädchen auf dem Spielplatz. Lage und Gestaltung des Platzes sollen dafür sorgen, dass immer wieder Passanten den Platz queren oder daran vorbeikommen. So entsteht eine Form von Sozialkontrolle, die eine gewisse Sicherheit vor Belästigung garantiert.
Bei der Einfriedung der Spielplätze, bei der Gestaltung der Zugänge und bei der zusätzlichen Ausstattung (z.B. Trinkbrunnen, Waschgelegenheit etc.) sind die Bestimmungen der Norm zu beachten.
Wenn ein Spielplatz nur wenige Spielmöglichkeiten und nur kurzfristig interessante Spielmöglichkeiten bietet, kommt es meist dazu, dass Kinder Einrichtungen und Geräte missbräuchlich und unsachgemäß benutzen.
Die Autoren der Studie „Wie sicher sind Spielplätze in Wien?“ (Institut „Sicher Leben“, Wien 1997) stellen die Frage „Ob ein sicherer Spielplatz nicht geradezu eine unsachgemäße Verwendung der Spielgeräte herausfordert.“
Sie schreiben in der Studie, „dass kindliche Kreativität mit professioneller Ästhetik und akribischem Sicherheitsstreben kollidiert“. Zum Beispiel konnte beobachtet werden, dass auf einer Baustelle ungefähr 5 mal so viele Kinder spielten, als am daneben liegendem Kinderspielplatz. Es ist daher naheliegend, dass ein Spielplatz der zwar „sicher“ im Sinne der Normen ist, der aber wenig Anreiz für Spiel bietet, die Kinder zu unsachgemäßen Verhaltensweisen verleitet.
Gültigkeit der Normen
Die eingangs genannten EN-Normen gelten seit 1. Dezember 1997 (EN 1177) bzw. seit 1. November 1998.
Die Normen sind Regel der Technik, jedoch gesetzlich nicht verbindlich.
Auch für Fallhöhen > 60cm (z.B. bei Wipptieren) ist ein Boden mit stoßdämpfender Eigenschaft erforderlich.
Es gibt keine verbindliche Aussage zur Ausführung eines erschwerten Zuganges zu Geräten für Kinder unter drei Jahren.
Adolf Wocelka (Architekt Dipl.-Ing.) in der ÖGZ (Österreichische Gemeindezeitung) 12/99 – Österreichischer Städtebund
NAGEL-Redaktion – Projekt: „Spielplatzpaten in Köln“
1. Grundlage
Der Jugendhilfeausschuss – Ausschuss für Kinder, Jugend und Familie – hat 1980 das Spielplatzpatenprojekt ins Leben gerufen.
2. Zielsetzung des Projekts
Ziel des Projektes ist es,
- interessierte Bürgerinnen und Bürger verantwortlich an der Arbeit der Stadtverwaltung in Bezug auf Spielplätze teilhaben zu lassen,
- eine Identifikation der Bürger mit den vorhandenen Spielplätzen und Spielanlagen zu fördern,
- und den Kindern einen Ansprechpartner zur Seite zu stellen, der ihnen eine Hilfe bei der Vertretung ihrer Interessen ist.
3. Aufgaben der Spielplatzpaten
- Die Aufgaben der Spielplatzpatinnen und Spielplatzpaten bestehen darin, Ansprechpartner für die Kinder zu sein, ihnen Anregung und Anleitung zum Spielen zu geben,
- gemeinsam mit anderen Spielplatzbesuchern aufkommende Probleme, wie z. B. Streitigkeiten, Verunreinigungen und Beschädigungen für alle zufriedenstellend zu lösen,
- Defekte an Spielgeräten der Verwaltung zu melden, damit sie umgehend repariert werden können
- und eventuell Spielfeste und Spielaktionen durchzuführen, die den Kontakt der Nachbarn des Spielplatzes zu den Kindern und untereinander fördern.
4. Organisation
Spielplatzpaten können Bürgerinnen und Bürger der Stadt Köln werden, sowie Vereine und Initiativen, die eine Person als Ansprechpartner für die Verwaltung benennen. Die Übernahme einer Spielplatzpatenschaft erfolgt ausschließlich ehrenamtlich. Die Ausfüllung der Aufgaben liegt bei jedem Paten selbst. Haftungsrechtlich kann er nicht belangt werden.
Die Spielplatzpaten bekommen Unterstützung vom Amt für Kinderinteressen der Stadt Köln auch durch vierteljährliche Treffen mit gegenseitigem Gedanken- und Erfahrungsaustausch sowie Bearbeitung und Behebung der von den Spielplatzpaten genannten Mängel durch die hierfür zuständigen Fachämter.
Ein weiterer Austausch von Informationen zwischen den Paten untereinander und dem Amt für Kinderinteressen ist durch die vierteljährlich erscheinende Spielplatzpatenzeitung „Spielplatz aktuell“ gegeben, in denen u. a. Termine der Spielplatzpatentreffen, von Spielplatzfesten, Informationen über Ausleihmöglichkeiten von Spielen sowie allgemeine Informationen für Spielplatzpaten herausgegeben werden.
5. Kooperation mit der Kölner Polizei
1998 wurde eine Kooperation zwischen den Kölner Spielplatzpaten, der Kölner Polizei und dem Amt für Kinderinteressen gegründet. Die Bezirksbeamten der Polizei unterstützen die Spielplatzpaten vor Ort bei ihrem Bemühen um kindgerechtes Spielen auf dem Spielplatz.
6. Daten und Zahlen
In Köln gibt es derzeit rund 600 öffentliche Spielplätze. Mit Stand vom 01.08.2003 werden 203 Spielplätze von 197 Spielplatzpaten betreut.
7. Informationen zum Projekt
Weitere Informationen zum Projekt „Spielplatzpaten in Köln“ gibt die Stadt Köln, Amt für Kinder, Jugend und Familie, Abt. Amt für Kinderinteressen, Ottmar-Pohl-Platz 1, 51103 Köln, Telefon-Nr. (0221) 2 21-2 41 45 (Frau Arnoldi).
NAGEL-Redaktion – Kurzweil

Alfred Bomanns hat ein so genanntes „Informationsportal für die Anwohner der Bolzplätze und Spielplätze in Oberhausen“ im Internet eingerichtet. Laut Selbstbekundung wenden sich damit Bürger gegen Bürokraten. Sollten Sie Lust und Zeit verspüren, dürfen Sie sich diesen postmodernen Pranger gern einmal ansehen.
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NAGEL-Redaktion – Beispiele

Hier können Sie sich hilfreiche Beispiele von Patenprojekten herunterladen, die im ABA Fachverband aktiv sind.

Projekt „Spielplatzpaten in Bochum“

Projekt „Spielplatzpaten in Dortmund“

Projekt „Spielplatzpaten in Krefeld“

Projekt „Spielplatzpaten Köln“
Faltblatt Köln: „Werden Sie Spielplatzpate!“



Projekt „Spielplatzpaten Mülheim an der Ruhr“

Vorbildlich! Beispiel aus Mülheim an der Ruhr: Spielplatz Papenbusch. Vorstehendes Foto entstand Ende April 2008 bei einer Anstreich-Aktion.
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NAGEL-Redaktion – Arbeitshilfen

Vereinbarungserklärung (Muster)
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Vereinbarung über die Tätigkeit als ehrenamtliche/r Spielplatzpatin/-pate (Beispiel Dortmund)
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Spielplatzvereinbarung zwischen der Stadt Krefeld und den Krefelder Spielplatzpaten
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Versichert? Spielplatzpaten sind versichert!
Die Broschüre „Unfallversichert im Ehrenamt“ laden
Demografische Entwicklung und Jugendhilfe (2. Auflage, April 2007) – Basisinformationen mit Daten für das Rheinland bis 2025 aus der aktuellen Bevölkerungsvorausberechnung des Landesamtes für Datenverarbeitung und Statistik NRW (23 Seiten, 239 KB)
Material herunterladen
Auswirkungen der Bevölkerungsentwicklung auf die Arbeitsfelder der Kinder- und Jugendhilfe bis zum Jahr 2015 in Westfalen-Lippe (erstellt von der Dortmunder Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik, April 2007) (104 Seiten, 860 KB)
Material herunterladen
Mit vorstehendem Link können Sie sich ein Arbeitsheft der Stadt Oer-Erkenschwick (2009 herunterladen. Die Gemeinde hat uns dieses freundlicherweise für die Verwendung hier zur Verfügung gestellt. Für die Kooperation möchten wir uns vor allem bei den ehemaligen Studentinnen Jessica Broy und Jessica Schumacher bedanken.
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NAGEL-Redaktion – Dokumente der Patenarbeit in NRW

2010
Mit vorstehendem Link können Sie sich ein Arbeitsheft der Stadt Oer-Erkenschwick (2009 herunterladen. Die Gemeinde hat uns dieses freundlicherweise für die Verwendung hier zur Verfügung gestellt. Für die Kooperation möchten wir uns vor allem bei den ehemaligen Studentinnen Jessica Broy und Jessica Schumacher bedanken.
2009
Am 10. März 2009 fand im Stadtumbaubüro-West in Bochum der 3. Fachtag für die Organisatorinnen und Organisatoren von Spielplatzpatenschaften in Nordrhein-Westfalen statt.
Sie finden zum Herunterladen hier folgende Unterlagen:
ABA-Pressemitteilung zur Veranstaltung
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Protokoll der Veranstaltung
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Bericht über eine Untersuchung zur Freiflöchennutzung älterer Menschen.
Dieser Bericht wurde von der stellvertretenden Sprecherin der Spielplatzpaten, Elfriede Majer beschafft. Er stammt von Prof. Dr. Grit Hottenträger, Jessica Jacoby, Elke Meuer und Florian Leidner (Fachhochschule Wiesbaden). Zum Thema Senioren- bzw. Mehrgenerationenspielplätze gab es auch einen Vortrag von Elfriede Majer während der Veranstaltung.
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2008
Am 18. Oktober 2008 fand in Mülheim an der Ruhr die diesjährige Landeskonferenz der Spielplatzpaten statt. Wir dokumentieren:
Die Pressemitteilung vom 18. Oktober 2008 zur Konferenz
Leider war der vorgesehene Referent Klaus Afflerbach vom Deutschen Grünen Kreuz(Sicherheit auf Spielplätzen) wegen einer Erkrankung ausgefallen. Er versäumte es allerdings nicht, die Paten vorbildlich mit Material zu versorgen. Die Checkliste „Sicherer Spielplatz“, die auch für Paten eine echte Hilfestellung sein kann, ist hier zum Herunterladen eingestellt. Sinnvollerweise sollte die Liste im Falle ihrer Verwendung von den Organisator(inn)en verbreitet werden.
In einer Erklärung des Deutschen Grünen Kruzes heißt es zu der Liste: Sicherer Spielplatz: Checkliste steht zur Verfügung! Um zu Beginn der diesjährigen Spielplatzsaison die Aufmerksamkeit auf notwendige Sicherheitskriterien für Spielplätze und Spielgeräte zu richten, regt das Forum Unfallprävention im Deutschen Grünen Kreuz e.V. (DGK) zu Aktionen vor Ort an. So zum Beispiel zu Spielplatzfesten, bei denen Eltern und Kinder nicht nur gemeinsam spielen, sondern auch den Blick auf notwendige Sicherheitsvorkehrungen und sichere Verhaltensweisen beim Spielen richten. Anlässlich des bundesweiten Aktionstages „Sicherer Spielplatz“ (25. März) stellt das Forum Unfallprävention im DGK unter dem Titel „Spielplatz-Check“ eine Übersicht zu Sicherheitskriterien für Spielgeräte zur Verfügung, mit der gravierende gerätetechnische Mängel identifiziert werden können.
Ein weiteres Anliegen: Helm ab! Fahrradhelme stellen beim Klettern und Toben an Spielgeräten ein erhöhtes Unfallrisiko dar. Denn mit den Haltegurten können die Helme an engen Fangstellen oder Seilknoten hängen bleiben und zur Strangulationsgefahr werden. Zudem können spielende Kinder, die auf dem Spielplatz einen Fahrradhelm tragen, an engen Einstiegen und Durchlaufbarrieren, die meist an Kletter- und Rutschgeräten anzutreffen sind, mit dem Helm so heftig anstoßen, dass schwere Genickverletzungen die Folge sein können. Diese Unfallrisiken durch Fahrradhelme gelten übrigens nicht nur an Spielgeräten, – auch beim Klettern auf Bäumen bestehen ähnliche Gefahren.
Das Forum Unfallprävention im Deutschen Grünen Kreuz e.V. rät Trägern von Spielplätzen deshalb dazu, im Eingangsbereich von Spielplatzanlagen kindgerechte Warnhinweise in Form von Piktogrammen aufzustellen, mit denen Kinder und Eltern aufgefordert werden, die Fahrradhelme zum Spielen abzunehmen.
Checkliste „Sicherer Spielplatz“ herunterladen

Größeres Piktogramm herunterladen
Berichterstattung der WAZ Mülheim vom 20. Oktober 2008 zur Patenkonferenz
Protokoll der Spielplatzpaten-Konferenz 2008 vom 18. Oktober – Herunterladen
Der 2. Fachtag der Organisator(innen) der nordrhein-westfälischen Spielplatzpaten-Projekte fand erfolgreich am 4. März 2008 in Krefeld statt. Ein Protokoll ist an die Teilnehmer(innen) versandt worden. Zum Fachtag wurde eine Pressemitteilung veröffentlicht.
Pressemitteilung herunterladen
2007
Fachtag für Organisatorinnen und Organisatoren von Spielplatzpatenschaften am 19. Juni 2007 in Dortmund
Protokoll des Fachtages herunterladen
Landeskonferenz NRW der Spielplatzpaten am 20. Oktober 2007
Pressemitteilung vom 21. Oktober 2007 herunterladen
Landeskonferenz der Spielplatzpaten am 20. Oktober 2007
Protokoll herunterladen
Die „freizeit & spiel“ November/Dezember 2007 veröffentlichte die Pressemitteilung des ABA Fachverbandes über die Landeskonferenz NRW der Spielplatzpaten.
Bericht aus der „freizeit & spiel“ herunterladen
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NAGEL-Redaktion – Spielplätze sind Hingucker – Spielplätze brauchen Paten!
(Foto: spielplatztreff.de)
Gespräch mit Uwe Lersch, Spielflächenplaner aus Iserlohn
Teil I: Sicherheit geht vor!
Anfang Juni kam der TÜV Rheinland in seinem Spielplatztest – in Auftrag gegeben von BILD der FRAU – zu Besorgnis erregenden Ergebnissen: Von 75 getesteten Spielplätzen waren nur sieben in einwandfreiem Zustand. Bei den anderen wurden teilweise so gravierende Mängel festgestellt, dass auf 16 Spielplätzen die Empfehlung„SOFORT SPERREN!“ ausgesprochen wurde.
Spielplatztreff ist an der Sache dran geblieben und hat nachgefragt! In einer 4-teiligen BLOG-Serie werden wir uns nicht nur mit dem Thema Sicherheit befassen, sondern prinzipiell interessante Aspekte zur Spielplatz-Thematik näher beleuchten.
Wir freuen uns sehr, dass sich Uwe Lersch, Spielflächenplaner aus Iserlohn, für diese BLOG-Serie die Zeit genommen hat und unsere Fragen beantwortet. Vielen Dank dafür!
Frage: Herr Lersch, bevor wir loslegen… was genau machen Sie als Spielflächenplaner?
Lersch: Wie bereits aus meiner Berufsbezeichnung hervorgeht, plane und realisiere ich Außenspielflächen. Ein ganz wichtiger Kern meiner Arbeit besteht jedoch darin, Entscheidungsträger und Betreiber von Spielflächen, die ja unterhaltspflichtig und sicherheitsverantwortlich sind, über zeitgemäße Außenspielpädagogik zu informieren, immer auch im Hinblick auf den aktuellen Stand der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen sowie den Unterhaltskostenbetrachtungen. Dies geschieht sowohl in Form von Projekt-bezogenen Gesprächen als auch von Seminaren und Foren.
Frage: Sie kennen sich also mit Spielplätzen und Sicherheitsfragen bestens aus. Überrascht Sie das schlechte Abschneiden der Spielplätze im aktuellen Spielplatztest?
Lersch: Nein, durchaus nicht. Um dazu vorab eine berechtigte Klassifizierung vorzunehmen: Je gleichgültiger der politischen Ebene einer Kommune oder dem Vorstand einer Wohnungsbaugesellschaft oder eines Facility-Managers die Spielplatzfrage ist, desto schlechter ist auch die Spielplatzsituation insgesamt (Größe, Ausstattung, Sicherheit).
Soll bedeuten, dass der Betrieb von Spielflächen in Ballungsgebieten aufgrund der hohen Bevölkerungsdichte und der sozialen Problemstellungen sehr viel ernster genommen wird als in ländlichen Gebieten. Der aktuelle Spielplatztest geht fälschlicherweise davon aus, dass die Spielplatzsicherheit in Ballungsgebieten aufgrund der sehr viel zahlreicheren Spielplätze pro Fläche mehr in Frage gestellt werden muss als in ländlichen Gebieten. Dem ist leider nicht so. Wir gehen nach Lage der Dinge sogar davon aus, dass die Spielplatzsicherheit in ländlichen Strukturen im Verhältnis zur Einwohnerzahl sehr viel schlechter da steht als in Ballungszentren. Leider hat sich der TÜV Rheinland/BILD der FRAU-Test nur auf Großstädte gestürzt. Ich kenne Kleinstädte, in denen 60 Prozent der Spielflächen aufgrund akuter Lebensgefahren sofort gesperrt werden müssten.
Die BILD der FRAU-Aktion entspricht darüber hinaus leider doch sehr dem Boulevard-Journalismus: Teilweise leicht überdramatisierte Ergebnisberichte und dann diese Mitmach-Aktion „Kinder-planen einen-Spielplatz“, wobei Kinder a) nicht wissen, was für ihre Entwicklung von Vorteil ist und b) das Ganze wieder in spielwertlosen Holzungetümen endet, die genau jene horrenden Unterhaltskosten verursachen, weswegen die unterhaltspflichtigen Instanzen mit Ihrer Sicherheit nicht hinterherkommen. Ein Aberwitz!
Das Gegenteil dieser Boulevard-Aktion ist jedoch genauso von Unschärfe geprägt: Fachzeitschriften wie „STADT und RAUM“ und „Play & Leisure“, die sich die Berichte über Spielgeräte direkt von den Herstellern schreiben lassen, mit dem Ergebnis, dass anscheinend alles toll ist. Kritisiert werden darf natürlich nicht, sonst bleiben die Anzeigen aus.
Frage: Wer kümmert sich generell um die Sicherheit der Spielplätze?
Lersch: Die unterhaltspflichtigen Betreiber der Spielflächen, überwiegend Kommunen, Wohnungsbaugesellschaften, Kirchen und sonstige caritative Einrichtungen haben gemäß der DIN EN 1176 und 1177 (Spielgerätesicherheit sowie Herstellung, Betrieb und Unterhaltung stoßdämpfender Böden) die Aufgabe, eine wöchentliche Durchsicht und eine monatliche Wartungsinspektion durchzuführen. Die letztgenannte ist schriftlich zu dokumentieren.
Darüber hinaus ist eine jährliche Hauptinspektion durchzuführen, die u.a. auch das Freilegen von Fundamenten vorsieht, um die Stabilität von Spielanlagen genauestens zu überprüfen. Der Verlauf der Untersuchung ist exakt zu dokumentieren. Mängel werden durch Fotos zusätzlich definiert und sind umgehend abzustellen. Diese Arbeiten sind allesamt von „Sachkundigen für Spielplatzgeräte“ bzw. „Fachkräften für Kinderspielplätze“ oder höher qualifizierten Personen (z.B. amtlich anerkannte Sachverständige für Spielplätze) durchzuführen. Diese können der Organisation des Betreibers entstammen (Kommune z.B. Betriebshof / Wohnungsbau z.B. Hausmeister oder technische Dienste) oder es erfolgt die Vergabe der Leistungen an Dritte wie TÜV, DEKRA, Ingenieurbüros, aber auch renommierte Hersteller bieten diese Dienstleistung an.
Frage: Woran liegt es, dass trotz dieser gesetzmäßig vorgeschriebenen Kontrollen offensichtliche Mängel wie morsches Holz oder vorstehende Schrauben übersehen werden?
Lersch: In erster Linie aus den schon oben genannten Gründen! Sobald ich mangelhafte Spielflächen vorfinde, ist die Antwort seitens der Verwaltung überwiegend die gleiche: „Die Politik wälzt alles auf den Betriebshof ab, stellt aber keine Mittel zur Verfügung. Wir wissen, dass das alles morsch ist, dürfen es aber seitens der Politik wiederum nicht sperren oder abbauen, weil sich sonst die Eltern beschweren, dass keine Spielgelegenheiten mehr vorhanden sind.“
Ergo: Es wird nicht nichts übersehen, es wird einfach nichts instandgesetzt. Vielerorts wird auch gar nicht erst geprüft. Ich kenne Gemeinden, die haben zwei Jahre alte(!) Prüfberichte in der Schublade und seit dem nicht einen Mangel abgestellt. Obwohl in zwei Fällen in der Nachbargemeinde genau deswegen bereits ein Kind zu Tode gekommen ist. Die Politik winkt ab!
Grundübel ist in Deutschland jedoch die sehr traditionelle Sichtweise der Erwachsenen zum Thema Spielflächen. Ob Politiker, Eltern oder Presse: Insgesamt bewegen wir uns im weltweiten Vergleich mit 42 Ländern auf den hintersten Plätzen, sprich, dem Niveau der 70er Jahre und das zum Nachteil unserer Kinder.
Frage: Es hat den Anschein, dass der schwarze Peter ausschließlich bei den Kommunen liegt. Sehen Sie hier noch andere Verantwortliche?
Lersch: Ich muss den Begriff „Kommune“ hier zwingend gegen den Begriff „Politik“ tauschen. Denn Kommune heißt vor allem auch Grünflächenamt, Jugendamt, Planungsamt sowie in kleinen Gemeinden auch „Soziales und Sport“ oder Tiefbauamt. Die Damen und Herren sind das Ende der Prozesskette, wenn es um die Gestaltung möglichst innovativer Spielflächen geht. Hier finden wir überwiegend sehr engagierte Leute, die sich wirklich reinhängen, jedoch der Willkür der Politik und deren Budgetierungen ausgesetzt sind.
Aber es geht ja noch weiter: Grundsätzlich ist Deutschland ein kinderfeindliches Land. Nach wie vor bekommen wir die Defizite um die Entwicklung des Menschen bis zum Erwachsenenalter nicht in den Griff: Ob mütterfeindliche Arbeitsplätze, Kinderbetreuung, Schulbildung, Spielflächen, Jugendzentren, Sportanlagen etc.: Unsere Leistungsgesellschaft will mit Kindern möglichst wenig zu tun haben.
Was man von Kindern will, ist ihr Taschengeld. Dann ist aber auch Schluss. Und diese Einstellung projiziert sich hinein in die Einzelthemen wie Spielflächenbudget, Betrieb von Jugendzentren usw. Ich meine, es wäre in Deutschland dringend Zeit für die Gründung einer Kinderpartei, um den Kindern, ähnlich wie in den skandinavischen Ländern, endlich eine feste Lobby zu geben.
Frage: Welchen Stellenwert hat das Thema Spielplatzsicherheit für Ihre Arbeit?
Lersch: Grundsätzlich: Spielplatzsicherheit besteht aus mehreren Faktoren: Vorne an selbstverständlich die Spielgerätesicherheit, dann die stoßdämpfenden Böden, ggf. sonstige stationäre Bauwerke wie Findlinge und Kletterfelsen, Einfriedung der Spielflächen, Zuwegung und Beschilderung. All diese Faktoren sind Grundlagen unserer Planungen sowie Abstimmungen mit weiteren Planern und Betreibern, sprich, Unterhaltspflichtigen.
Spielplatzsicherheit heißt jedoch auch: Das Spiel selbst muss immer ein gewisses Risiko enthalten. Auch das ist in der DIN EN 1176 eindeutig vorgesehen, unabhängig von schlechten Materialien und mangelnder Kontrolle. Heißt: Verletzungen bis hin zu Brüchen und offenen Wunden dienen der wichtigen Gefahrenein- und Risikoabschätzung. Was jedoch unbedingt vermieden werden muss, ist das Risiko zur Entstehung bleibender körperlicher und psychischer (traumatischer) Schäden.
Frage: Was können Eltern selbst tun, um für die Sicherheit ihrer Kinder auf Spielplätzen zu sorgen?
Lersch: Einfache Lösung: Bieten Sie Ihren Verwaltungsspitzen (Bürgermeister) eine klar strukturierte Organisation von Spielplatzpaten an. Diese überprüfen den laufenden Spielbetrieb auf Spielflächen in unmittelbarer Nähe Ihrer Wohnung. Halten Sie dazu Kontakt zu den ausführenden Stellen, insbesondere den Baubetriebshöfen. Entwickeln Sie ein Meldesystem, so dass vom Bürgermeister bis zum Baubetriebshof jeder erkennbare Mangel bekannt wird.
Perfekte Lösung: Gründen Sie in jeder Kommune einen Elternrat. Dazu sind aber ein paar wichtige Regeln zu beachten:
● Informieren Sie sich ausführlich über die Sachthemen. Stellen Sie nicht Ihre bisher gewachsene Meinung als Ziel Ihrer Arbeit nach vorne, sondern lesen Sie, hören Sie und fragen Sie Experten. Nichts ist schlimmer als eine Horde gesprächsresistenter Eltern.
● Gehen Sie mit einem klar gegliederten Programm auf Bürgermeister(innen) und Dezernenten(innen) zu, so verschaffen Sie sich Gehör und Respekt. Werden sie damit eine feste Größe in Ihrer Kommune, so
● gewinnen Sie Einfluss auf die Spielflächensituation. Zeigen Sie dazu Kooperationsbereitschaft, was wiederum auf eine positive Resonanz bei der Verwaltung stößt und
● entwickeln Sie sich zu gefürchteten Sponsorengeld-Eintreibern, denen aufgrund der gewachsenen Bedeutung des Elternrats niemand so richtig etwas abschlagen kann.
(Quelle: Spielplatztreff vom 30. Juni 2009 – Interview: Bettina Schilling)
Teil II: Der Perfekte Spielplatz
Frage: Herr Lersch, gerade vor dem Hintergrund, dass unsere Nutzer auf Spielplatztreff selbst Spielplätze bewerten, frage ich Sie zunächst mal: Nach welchen Kriterien beurteilen Sie eigentlich Spielplätze?
Lersch: Aus professioneller Sicht eines Spielflächenplaners sind für mich folgende Kriterien bei der Beurteilung einer Spielfläche entscheidend:
Prio 1: Sicherheit auf dem Spielplatz
Da schaue ich, ob die Geräte den europäischen Sicherheitsnormen entsprechen, ob zum Beispiel die Mindesträume zwischen den Geräten vorhanden und die stoßdämpfenden Materialen noch in Ordnung sind. Ich überprüfe, ob die Spielfläche verkehrssicher eingefriedet und diese Einfriedung verletzungssicher und nicht „ohne Weiteres“ übersteigbar ist. Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch eine vollständig vorhandene Beschilderung (Notrufnummern bei Unfällen, Bezeichnung des Spielplatzes und/oder Straßenname zur Orientierung) und die Bepflanzung mit ausschließlich ungiftigen Pflanzen.
Prio 2: Art der Spielgeräte
Wir sprechen bei professionell geplanten Spielplätzen von „intelligenten Spielflächen“. Diese sollten möglichst den komplexen Anforderungen der Zielgruppe entsprechen. Das heißt, die Entwicklungsschwerpunkte der jeweiligen Altersklasse berücksichtigen und fördern sowie zur Erweiterung der kognitiven, körperlichen und sozialen Kompetenzen beitragen. Spielgeräte mit wiederkehrenden Spielwerten und hohem Aufforderungscharakter, die vielfältige Aktions- und Bewegungsmöglichkeiten bieten, sind hier dringend notwendig.
Prio 3: Gesamteindruck der Spielanlage
Hier achte ich darauf, ob die Geräte noch der oder den tatsächlich präsenten Altersklassen entsprechen und ob Spuren von Vandalismus/Graffiti zu erkennen sind. Entscheidend ist weiterhin, ob die Fläche rechtswidrig genutzt wird, zum Beispiel als Schlafstelle, Treffpunkt für Wohnungslose oder Drogenabhängige. Die Gefahren für Kinder, die von Drogenabfällen, Spritzen, Exkrementen ausgehen, sind nicht zu unterschätzen.
Prio 4: Verwendete Materialien für Spielgeräte
Diese Frage stellt sich vor allem für mich als Spielflächenplaner in meiner täglichen Arbeit, denn davon hängen nicht zuletzt die Unterhaltungskosten für den Spielplatzbetreiber ab. Weichhölzer oder minderwertige Harthölzer weisen einige Risiken auf, wie zum Beispiel Spannungsrisse oder Pilzparasitenbefall. Schlecht legierte Edelstähle oder schlecht verzinkte Baustähle bilden schnell Roststellen oder weisen minderwertige Schweißnähte auf. Einfachkunststoffe bleichen und härten schon nach 2-3 Jahren aus. Effiziente Gerätesysteme sollten bei geringen Unterhaltungskosten eine Standzeit von mindestens 12 Jahren haben. Hochwertige Spielgeräte können sogar auch bei intensiver Bespielung durchaus 30 Jahre alt werden.
Ein Leitsatz dazu: Hochwertige Materialien und technisch durchdachte Konstruktionen schaffen vielfältige Aktions- und Bewegungsmöglichkeiten bei langfristiger Standzeit und geringen Unterhaltungskosten.
Frage: Beschreiben Sie doch mal den perfekten Spielplatz!
Lersch: Natürlich sollte ein perfekter Spielplatz zunächst einmal alle Sicherheitsvorgaben erfüllen. Im Idealfall ist ein Spielplatz nur für eine Altersklasse (0-3; 2-4; 4-8; 8-12; 12-16) konzipiert. Denn nur dann gelingt es, die Spielfläche genau auf die Bedürfnisse dieser einen Altersklasse auszurichten. Ist die Spielfläche für zwei oder mehrere Altersklassen ausgelegt, was überwiegend der Fall ist, müssen zumindest deutliche räumliche und optische Trennungen mit separater Beschilderung dafür sorgen, dass die jüngeren Kinder nicht von den älteren „überrannt“ werden können. Eine perfekte Spielfläche sollte immer auch integrativ angelegt sein. Das heißt, sie enthält Spiel- und Aktivitätssysteme, die Kinder mit körperlichen und/oder geistigen Handicaps einbeziehen und für Rollstuhl-gebundene Kinder barrierefrei angelegt sind. Der perfekte Spielplatz verzichtet auf eine Geländemodellierung (platzierte Felsen, Findlinge, Baumstämme, Hügel, etc.). Denn die Unterhaltungskosten sind in Abwägung zum spielflächenpädagogischen Nutzen zu hoch. Vielmehr bietet der perfekte Spielplatz auf einer planen Fläche altersgerechte Spielgeräte mit hohem Aufforderungscharakter und wiederkehrenden Spielwerten an.
Was den perfekten Spielplatz im Jahr 2009 nicht ausmacht sind traditionelle Einflüsse, Erwachsenensicht, erzwungene Pseudonatürlichkeit mit märchengleicher Optik, jedoch mangelnden Spielwerten. Spielgeräte, die zwar alle sicherheitstechnischen Auflagen erfüllen, jedoch trotzdem bedenklich sind, wie zum Beispiel Nestschaukeln auf relativ engen Spielflächen, Drehscheiben (Gefahrenquelle traumatischer Unfälle) oder Spielgeräte mit Fahrzeugaltreifen (Schadstoffbelastung).
Frage: Würden Sie sagen, Kinder sollten bei der Planung einer Spielfläche mit einbezogen werden, erst dann wird ein Spielplatz richtig gut?
Lersch: Nein, Kinder müssen überhaupt nicht bei der Planung eingebunden werden. Oft ist es eher hinderlich. Ich denke, gerade Kinderbefragungen in Deutschland sind überwiegend eine Farce. Wenn Kinder ihren Traumspielplatz basteln und malen sollen, entstehen vielleicht fantasievolle Entwürfe und Bilder. Aber das heißt nicht, dass am Ende ein geeigneter Spielplatz dabei herauskommt. Politisch gewünscht, spielraumpädagogisch eine Katastrophe. Denn Kinder wissen nicht, was aus spielraumpädagogischer, entwicklungspsychologischer sowie sicherheitstechnischer Sicht wichtig und richtig ist.
Mit der Begründung „Ich weiß gar nicht, was Sie wollen, die Kinder nehmen es doch an“ wird diese Vorgehensweise dann gerechtfertigt. Aber kann uns das wirklich genügen? Viel wichtiger wäre doch die Fragestellung: Inwieweit unterstützt ein auf diese Weise entstandenes Spielangebot optimal die kindliche Entwicklung und wie intensiv und langfristig machen die Kinder davon Gebrauch?!
Am sinnvollsten gehen, aus meiner Sicht, die skandinavischen Länder mit dem Thema um. Dort wird eine Spielfläche zuerst von professionellen Spielflächenplanern unter Berücksichtigung der zielgruppenspezifischen Bedürfnisse und der laufenden Unterhaltskosten geplant. Umliegende Spielflächen werden als Referenzspielflächen sondiert. Erst dann testet eine Kindergruppe die verschiedenen Spielflächen, Geräte und Systeme ausgiebig, Fotos und Filmsequenzen begleiten die Tests. Im Anschluss daran präsentieren die Kinder ihre Eindrücke und stimmen ab, was ihnen am besten gefallen hat. So verschaffen sie sich vor Ort einen direkten Eindruck und können auf dieser Basis unmittelbar urteilen und entscheiden.
Fazit: Wenn schon Kinderbefragungen, dann nur mit koordinierter und professioneller Auswertung oder exakt nach skandinavischem Vorbild. Mein Tipp: Besuchen Sie mal Spielplätze in Bottrop – eine Stadt ohne Kinderbefragungen!!
Frage: Wo wir gerade bei Skandinavien sind … Wie stehen denn Deutschlands Spielplätze überhaupt im europäischen Ländervergleich da – haben Sie da Vergleichsgrößen?
Lersch: Das dänische Unternehmen, für das ich tätig bin, ist in 42 Ländern der Erde präsent. Um die Entwicklungen weltweit genau zu verfolgen und zu dokumentieren, unterhalten wir eine „Spiel-Institut“ genannte wissenschaftliche Einrichtung, die uns regelmäßig schult und laufende Ergebnisse zunächst intern, später auch für die weltweite Lehre und Forschung veröffentlicht.
Daher wissen wir sehr genau, welchen Platz unser Land bei Spielflächenanzahl, -größe und -budget im Verhältnis zu Bruttoinlandsprodukt und Bevölkerungsdichte einnimmt: Über Platz 36 kommen wir leider nicht hinaus. Beim Thema Kinderorientierung sieht es noch finsterer aus, hier belegen wir innerhalb der westeuropäischen Industrienationen den letzten Platz. Denn die Spielflächen in Deutschland entsprechen überwiegend nicht den aktuellen Bedürfnissen der Kinder – nicht zu verwechseln mit: „Wünsche der Kinder“. Wir schätzen den Anteil von nicht zielgruppenorientierten und vermeidbar unterhaltskostenträchtigen Spielflächen in Deutschland auf etwa 65 bis 70 Prozent – Tendenz schleichend rückläufig.
Frage: Was, glauben Sie, sind die Ursachen für das schlechte Abschneiden?
Lersch: Hier sehe ich drei Hauptgründe:
1. Wir nehmen das Thema Spielflächen in Deutschland nicht ernst genug.
2. Wir sehen Spielplätze immer noch überwiegend als ergänzenden Spaßfaktor an.
3. Und zu viele Menschen meinen, Sie könnten Spielflächen planen bzw. Geräte bestimmen.
So erlebe ich es oft in meiner Arbeit, dass sich Eltern von ihrem traditionellen Denken, ihren Erinnerungen an die eigene Kindheit beim Blick in einen Spielgerätekatalog leiten lassen. Oder Politiker weisen insbesondere vor Wahlperioden ihre Grünflächenplaner an, ein von Eltern gewünschtes Gerät anzuschaffen. Obwohl es die zuvor von gleicher Seite gekürzten Spielflächen- und Unterhaltungsbudgets restlos überfordert. Landschaftsarchitekten, die in Deutschland aufgrund unseres traditionellen Denkens automatisch als Spielflächenplaner kategorisiert werden, verwechseln oftmals intelligente Spielflächen mit naturbezogener Selbstverwirklichung – handgeschnitzte Holzskulpturen oder gestalterische Ansätze dominieren, spielflächenpädagogische Ansätze bleiben auf der Strecke.
Das ist zwar aus den verschiedenen Perspektiven betrachtet verständlich. Aber aus professioneller Sicht, muss die Spielflächenpädagogik – im Sinne einer ganzheitlichen Kindesentwicklung – dringend als eine feste Größe in allen Instanzen in Deutschland Einzug halten, damit notwendige Systeminnovationen überhaupt zum Zuge kommen können.
Positiv stimmt mich, dass die Zahl der Verantwortlichen, die die Notwendigkeiten der Spielflächenpädagogik ernst nimmt, stetig wächst. Das gilt vor allem für die Sachbearbeiter für Spielflächenplanung in den Ballungszentren. Diese sind zumeist studierte Landschaftsarchitekten, die sich ausschließlich mit Spielflächen beschäftigen und somit bestens im Thema sind. Im krassen Gegensatz dazu liegt die Zuständigkeit bei mittleren und Kleinstädten oftmals beim Tiefbauamt. Dort wird den Tiefbauingenieuren das Thema Spielflächengestaltung einfach „angehängt“, obwohl diese zumeist ohnehin nicht wissen, wie sie die Flut ihrer eigentlichen Aufgaben bewältigen sollen.
Die Optik der Spielflächen bringt es an den Tag. Für mich ist sie die Visitenkarte zur tatsächlichen Kinderorientierung einer Kommune bzw. Wohnungsbaugesellschaft.
(Quelle: Spielplatztreff vom 25. Juli 2009 – Interview: Bettina Schilling)
Teil III: Altersgerechte Spielplätze
Frage: Herr Lersch, Sie haben beim letzten Mal betont, Spielflächen sollten möglichst genau auf die Bedürfnisse der jeweils anvisierten Zielgruppe zugeschnitten sein. Warum ist das so wichtig?
Lersch: Ziel meiner Arbeit ist es, eine Spielfläche so zu planen, dass Kinder optimal gefördert werden. Gerade in unserer Industrie- und Leistungsgesellschaft, in der die Entwicklung von Kindern auf vielerlei Art und Weise behindert und eingeschränkt wird, ist das besonders wichtig. Denn leider finden wir heute mehr Kinder, die ihrem Entwicklungsstadium „hinterherlaufen“ als umgekehrt.
Ein Spielplatz sollte mehr sein als Spaß und Zeitvertreib. In der spielerischen Auseinandersetzung mit den Geräten findet Kompensation und Entlastung statt. Unbewältigte und bedrückende Erlebnisse werden spielerisch verarbeitet. Spontanes Handeln nach eigenen Intentionen (Selbstbestimmungsfunktion) unterstützt wesentlich die Entwicklung der Persönlichkeitsmerkmale. Die „Ergänzungsfunktion“ hingegen ermöglicht das spielerische Erfahren von in der Wirklichkeit nicht realisierbaren Tätigkeiten. Diese Anregung der Phantasie stimuliert die Sinne und steigert Lernvermögen und Konzentrationsfähigkeit.
Frage: Nach welchen Altersklassen unterscheiden Sie?
Lersch: Eigentlich ist eine Unterteilung in fünf Altersklassen optimal: 0-3, 2-4, 4-8, 8-12, 12-16 Jahre. So lässt sich am differenziertesten auf das jeweilige typische Spielverhalten eingehen. Da wir hier jedoch von öffentlichen Spielflächen reden, erfolgt bereits aus Kostengründen eine Reduzierung auf folgende vier Altersklassen. Ausnahmen kommen jedoch vor und sind in diesem Sinne positiv zu bewerten.
● 0-3 Jahre
Hier sind die Kinder in der Selbstentdeckungsphase – sie schmecken, fühlen und machen erste Bewegungserfahrungen, krabbeln, stehen, lernen laufen.
● 2-6 Jahre
In dieser Phase entwickeln sich die kognitiven Fähigkeiten (Bewusstseinsbildung) in Verbindung mit grundlegenden motorischen Fähigkeiten. Außerdem werden erste sozialeErfahrungen gemacht – mitspielen, mitspielen lassen, helfen, Initiative ergreifen, gewinnen, verlieren, sich durchsetzen, nachgeben etc.
● 6-12 Jahre
Im Hinblick auf die körperliche Entwicklung erzeugen erste deutliche Wachstumsschübe einen erhöhten Bewegungsdrang bei den Kindern. Dieser wird leider oft durch zu hohes Körperfett, mediale Überforderung und/oder ein Mangel an Bewegungsmöglichkeiten gebremst. Hinsichtlich der sozialen Entwicklung suchen Kinder den direkten Kontakt im gemeinsamen Spiel und im Sport. So trainieren sie soziale Kompetenzen wie helfen, Rücksicht nehmen, Kritikfähigkeit, Gerechtigkeit, Durchsetzungsvermögen, Meinungen vertreten usw.
● 12-16 Jahre
In der Jugendphase stehen die Kinder im Übergang vom Spiel in sportliche Aktivitäten, Treffen, „abhängen“, Eindruck machen, „cool“ sein.
Diese Verhaltensmuster beziehen sich auf einen gesunden Durchschnitt von Kindern und Jugendlichen. In sozialen Brennpunkten bzw. bei sich wiederholender Körperverletzung oder Missbrauch ist das Entwicklungsbild nachhaltig gestört bzw. liegen traumatische Störungen vor, die natürlich nicht durch das gewöhnliche Spiel verschwinden. Hier sind selbstverständlich direkte psychotherapeutische Maßnahmen gefordert.
Frage: Worauf müssen Sie bei der Planung von Spielflächen für die jüngeren Kinder ganz besonders achten?
Lersch: Sowohl in Betreuungseinsichtungen als auch auf Spielflächen sollten Kinder von 0-3 Jahren einen separaten oder eindeutig abgeteilten Bereich für sich bekommen. Da sie weder motorisch ausgeprägt noch orientierungsfähig sind, ist ein gemeinsames Spiel mit anderen Altersklassen nicht ergiebig bzw. sogar schädlich.
Der Mensch befindet sich bis zum Abschluss des vierten Lebensjahres in der Prägungsphase. Das bedeutet, dass in dieser Zeit alle grundlegenden Faktoren für das gesamte zukünftige Leben gesetzt werden. Negative Erlebnisse bis hin zu traumatischen Erfahrungen belasten ein Leben lang, häufig unbemerkt, bis gewisse Ereignisse oder Zustände die negative Prägung hervortreten lassen. Ein stressfreies, positives Umfeld und freies Spiel dagegen ist eine der wichtigen Grundlagen für ein ausgeglichenes Persönlichkeitsbild.
Die Spielgeräte dieser Altersklasse sind daher entsprechend sensibel ausgelegt. Fallhöhen unter 60 cm, flache Stufen, idealerweise mit Haltegriffen, kurze Rutschenabgänge sind genauso wichtig wie eine dezidierte farbliche Abstimmung. Federgeräte sind für diese Altersklasse im Federweg deutlich gedämpft.
Die Praxis zeigt jedoch leider: Das eine durchdachte Spielfläche der kindlichen Entwicklung nur wenig nützt, wenn Eltern nicht verstehen wollen, dass Kinder jeder Altersklasse sich auf Spielflächen ohne jede Hilfe oder Einwirkung selbständig entwickeln müssen. Ob hochheben, hineinsetzen, anschubsen oder verbale Regieanweisungen, all das ist Gift für eine freie Ausprägung durch Spiel.
Bei Kindern von 2-6 Jahren sollten Klettersysteme mittlere Fallhöhen besitzen. Da die maximale freie Fallhöhe gemäß der europäischen Norm (DIN EN 1176) drei Meter beträgt (gilt nicht für die Gesamthöhe von Raumkletternetzen), sprechen wir in diesem Fall von etwa 1,50 bis 2,20 m.
Grundsätzlich ist hier wie auch für die weiteren Altersklassen eine gesunde Mischung von statischen und dynamischen Geräten erforderlich. Bedeutet, Klettersysteme (leidiger Volksmund: Klettergerüst), die auch die kognitive Entwicklung fördern (Themenspiel unter Einsatz der Fantasie, bewegliche Anbauteile, farbliche Abstimmung der Bauteile – Grundfarben) müssen ebenso präsent sein wie Geräte, die unter Einsatz der eigenen Körperkraft eine „erzwungene Bewegung“ erzeugen wie z.B. Federgeräte, Schaukeln und ergonomisch sinnvolle „Dreheinrichtungen“.
Spielgeräte für diese und die folgenden Altersklassen brauchen sowohl eine aufforderungsstarke Formensprache wie auch den sehr wichtigen „wiederkehrenden Spielwert“. Die Erfahrung zeigt leider, dass hier die Erwachsenen mit ihren festgefahrenen Vorstellungen und der Überzeugung im Sinne der Kinder entscheiden zu können, häufig Innovation ausbremsen. Von Erwachsenen oft bevorzugte sogenannte „naturbelassene Abenteuerspielflächen“ sind dann das Ergebnis. Diese heißen jedoch nicht so, weil sie unter Betreuung von Jugendarbeitern auf naturbelassenen Flächen betrieben werden. Vielmehr wird diese Bezeichnung fälschlicherweise gerne für eine Ansammlung geschälter Stämme benutzt, die zu Türmen, Gängen und Plattformen verbunden wurden. Komplexe Kletterherausforderungen sucht man hier ebenso vergeblich wie wiederkehrende Spielwerte. Je nach Qualität der Hölzer und vorherrschenden Umwelteinflüssen können auch die Unterhaltskosten in unangenehme Höhen geraten.
Daher meine Empfehlung: Den eigenen Blick erst einmal nicht so sehr ins Gewicht legen, sondern informieren, lesen, nachfragen.
Frage: Welche Bedürfnisse der älteren Kinder bzw. Jugendlichen fließen in Ihre Spielflächenplanung mit ein?
Lersch: Bei Kindern von 6-12 Jahren dominiert der Anspruch an körperbetonten Herausforderungen. Daher hat auch die farbliche Abstimmung für die Spielgeräte keine wesentliche Bedeutung mehr. Außer natürlich als „eye-catcher“, um in dicht bebauten Bereichen oder als deutlicher Kontrast in bewaldeter Umgebung auf sich aufmerksam zu machen.
Intelligente Aktivitätssysteme für diese Altersklasse enthalten daher eine reichhaltige Kombination von Ansprüchen an Kraft und Bewegungsfähigkeit. Idealerweise sind diese vielschichtig ausgelegt, so dass auch Kinder, denen es schwerer fällt, die Möglichkeit gegeben wird, den „Helden“ des Spielgeräts allmählich nachzueifern.
Aus fachlicher Sicht als bedenklich einzustufen ist die allgemeine Ablehnung der Jugendlichen zwischen 12 und 16 Jahren in unserem Land. Seit langem setzen wir uns in Deutschland im Rahmen unserer Gespräche mit den Kommunen für den Bau von Jugendtreffpunkten ein, die in den westeuropäischen Nachbarländern mit komplexen Kletterherausforderungen und intelligenten Spielsystemen ausgestattet sind.
Innerhalb der letzten zwei Jahre beobachten wir eine allmähliche Wendung zum besseren. Die allgemeine Rechtssprechung beurteilt die akustische Präsenz von Kindern und Jugendlichen immer mehr als gewöhnliches und damit hinnehmbares Umgebungsgeräusch. Auch verstehen immer mehr Menschen, dass die Ausgrenzung von Jugendlichen mitverantwortlich ist für Vandalismus und Randale. Großstädte entwickeln erfreulicherweise zunehmend Treff- und Aktivflächen für 12-16-jährige. Es wird allmählig erkannt: Zeitgemäß gestaltete Flächen für Jugendtreffpunkte sind Hingucker und stoßen bei der Zielgruppe auf eine hohe Akzeptanz. Vernachlässigte Flächen und Schmuddelecken strahlen Gleichgültigkeit aus und verleiten daher zu Vandalismus und sonstigem Missbrauch.
Frage: Gibt es eigentlich Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen, die Sie in Ihrer Planung berücksichtigen müssen?
Lersch: Ja. Nächste Frage. Nein, Spaß beiseite. Die mentale Überlegenheit der Frauen und die körperliche Überlegenheit der Männer zeigen sich bereits in der spielerischen Entwicklung im Kindesalter.
Jungs sind überwiegend Draufgänger, die erst hineinspringen und dann aus den blauen Flecken lernen. Mädchen hingegen beobachten zunächst, besprechen sich dann gerne, um letztendlich auszuprobieren.
In der Auswahl der Spielgeräte sind diese Unterschiede jedoch überschaubar: Ist eine ausreichend große Spielfläche vorhanden, macht eine Mädchenecke immer Sinn, welche eine Kombination von Balanciersystemen, Turn- und Reckstangen sowie Sitzgelegenheiten enthalten sollte.
Insgesamt lassen sich die Ansprüche von Mädchen und Jungen auf Spielflächen jedoch miteinander in Einklang bringen. Hersteller wie KOMPAN, die Spiel- und Aktivitätssysteme vor ihrer erstmaligen Präsentation über Jahre entwickeln und testen, lassen Bedürfnisse beider Geschlechter in die Geräteserien einfließen.
Frage: Welche besonderen Ansprüche stellen Spielplätze auf Schulhöfen?
Lersch: Mittlerweile finden wir auf Schulhöfen zweierlei Ansprüche vor, denen Spielflächen gerecht werden sollten.
Da sind zum einen die kurzen Pausen, innerhalb derer Wachstumsschübe, Müdigkeit und aufgestaute Kräfte aus Beinen und Oberkörper „herausgetrieben“ werden müssen. Diese erfordern in erster Linie hochbelastbare statische und dynamische Kletter- und Aktivitätssysteme. Leider gilt immer noch sehr häufig: Balancierbalken, Balancierstrecken mit Seiltechnik, Tischtennisplatten und Nestschaukeln oder auch sehr oft gar nichts prägen unsere Schulhöfe.
Zum anderen sind die Freizeiten im Rahmen der offenen Ganztagsschulen zu berücksichtigen, die zusätzlich Sport- und Entspannungsbereiche erfordern.
Erst seit verstärkt Fördervereine private Gelder in Spielgeräte investieren, werden zunehmend traditionelle Sichtweisen durch zeitgemäße Erfahrungswerte ersetzt. Es bleibt viel zu tun. Spielflächenplanung ist und bleibt eine Synthese aus Bedürfnis- und Unterhaltskostenorientierung.
Vielen Dank für das spannende Interview!
(Quelle: Spielplatztreff vom 9. September 2009 – Interview Bettina Schilling)
Gesprächs-Reihe wird fortgesetzt!
NAGEL-Redaktion – Kinder in NRW

Kinder in NRW – Kinderschutzbundmagazin
Das Erscheinen der Zeitschrift „Kinder in NRW“ wurde leider mit Ablauf des Jahres 2009 eingestellt. Der ABA Fachverband empfiehlt eine Zusammenarbeit mit der bis dahin verantwortlichen Redakteurin Melanie Garbas, die nunmehr freiberuflich tätig ist.
2009
Kinder in NRW 1/2009
Perspektivwechsel für Kinder: Rechte stärken – Schutz verbessern: Politik und gesellschaft sind gefragt
Kinder in NRW 2/2009
Kleine Kinder für die Quote? – Medien auf dem Prüfstand. LBS legt Querschnittstudie zur Kindermeinung vor. Jugendgewalt: Präventionsmaßnahmen ausweiten. Hausaufgabenbetreuung
Achtung: In dieser Ausgabe wird über den 2. Teil der ABA-Erhebung „Spielplatzpaten in NRW“ berichtet! (Seite 28 f. – Artikel „Landauf, landab engagiert“ in der Rubrik „Blickpunkt Kind“.)
Kinder in NRW 3/2009
Offensiv gegen Kinderarmut – Engagiertes Lernen – Medien – Kinderrechte – Rechts- und Unrechtsbewusstsein – Meinungsfreiheit aus Kinderhand
2008
Kinder in NRW 1/2008
Kinderschutz und Kinderrechte gehören zusammen
Kinder in NRW 2/2008
Frühe Hilfen sind unverzichtbar. Hartz IV und Sozialhilfeleistungen.
Kinder in NRW 3/2008
NRW-Politik will den Kinderschutz verbessern. Kinderrechte: Bleiberecht für junge Flühtlinge. DKSB NRW bündelt Kompetenzen.
Achtung: In dieser Ausgabe wird über den 1. Teil der ABA-Erhebung „Spielplatzpaten in NRW“ berichtet! (Seite 23 – Artikel „Spielen in NRW“ in der Rubrik „Blickpunkt Kind“.)
Kinder in NRW 4/2008
Mit Kindern Regie führen: Junge Medienstars brauchen mehr Betreuung am Set. NRW-Haushalt 2009
2007
Kinder in NRW 1/2007
Oberste Prioritäten für Kinderschutzthemen. Eltern und kinder kommen in Bewegung.
Kinder in NRW 2/2007
Gut betreut und gefördert? Appell an NRW-Politiker: Das neue „KiBiz“ darf kein Spargesetz werden. Interview zum KiBiz mit Dieter Greese (Vorsitzender DKSB NRW).
Kinder in NRW 3/2007
Appell an Politik und Gesellschaft: Keine halben Sachen, wenn es um Kinderrechte geht. Kinderarmut: 815.000 Kinder in NRW betroffen
Kinder in NRW 4/2008
Kinderarmut, KiBiz & Co.: Kraftakt für Kinderinteressen – Maßnahmen in NRW müssen auf den Prüfstand
Zur Internetpräsentation des Deutschen Kinderschutzbundes, Landesverband Nordrhein-Westfalen
NAGEL-Redaktion – Landeskonferenz der Spielplatzpaten NRW 2010
Am 13. November 2010 fand die 11. Landeskonferenz der Spielplatzpaten NRW in Hilden statt. Gastgeber war dieses Mal das Jugendamt der Stadt Hilden. Begrüßt wurden die etwa 40 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus etlichen Städten des Landes durch die Leiterin des Hildener Jugendamtes, Noosha Aubel.

Interessierte Zuhörerinnen und Zuhörer (Foto: Rainer Deimel)

Begrüßte die Teilnehmerinnen und Teilnehmer für die Stadt Hilden: Jugendamtsleiterin Noosha Aubel (Foto: Rainer Deimel)

Den spannenden Ausführungen mit Interesse folgen (Foto: Rainer Deimel)
Seitens des bewährten Organisationsteams, dem Lotte Lohse (Dortmund), Elfriede Majer (Mülheim an der Ruhr), Angela Schäfer (Krefeld) und Rainer Deimel (ABA Fachverband) angehören, wurde das wieder einmal das diesjährige Programm ausgearbeitet und organisiert. Beteiligt war ebenfalls Mike Dörflinger, beim Jugendamt Hilden verantwortlich für das dortige Patenprojekt.

Foto: Rainer Deimel

Foto: Rainer Deimel

Foto: Rainer Deimel
Immer wieder – zum Teil auch kontrovers – diskutiert in der Vergangenheit wurde der Einsatz von Jugendlichen als Paten. Überzeugend war bei der Konferenz von Spielplatzpaten aus Hagen, die ihr Amt als Jugendliche übernommen haben.

Jugendliche Referenten aus Hagen – Von links nach rechts: Michael Warzecha, Markus Biskup, Tobias Ander und Rainer Deimel vom ABA Fachverband (Foto: Horst Oesterwind-Stiller)
Dieses positive Beispiel hat bei etlichen hauptamtlich Verantwortlichen wie auch bei den ehrenamtlichen Paten überzeugt, wie sinnvoll ein solcher Einsatz sein kann. Für den ABA Fachverband ergibt sich aus dieser aktuellen Auseinandersetzung die Perspektive für das kommende Jahr, ein Konzept zum Einsatz von Jugendlichen, das vor allem auch Nachhaltigkeit unter dem Aspekt demokratischer Teilhabe bewirken soll, zu entwickeln.

Von links nach rechts: Markus Biskup, Michael Warzecha und Tobias Ander (Foto: Rainer Deimel)
Das Mitglied im Beirat des ABA Fachverbandes (und Vertreterin des Verbandes im bundesweiten Arbeitskreis „Recht auf Spiel“), Dr. Christiane Richard-Elsner, überzeugte die Anwesenden mit ihrem Referat „Freies Spielen im Freien“. (1)

Aufschlussreiches Referat: Dr. Christiane Richard-Elsner aus Düsseldorf (Foto: Rainer Deimel)
Wie gewohnt gab es während der Konferenz ebenfalls reichlich Gelegenheit zum informellen Fachaustausch.

Ins Gespräch vertieft: Christine Bargstedt (ABA Fachverband, links) und Angela Schäfer (Jugendamt Krefeld, Leitungsteam Spielplatzpaten im ABA Fachverband, rechts) (Foto: Rainer Deimel)

Viele hilfreiche Informationen mitnehmen: Nicola Hengst-Gohlke (Spielplatzpaten Mettmann, links) und Mike Dörflinger (Jugendamt Hilden, rechts) (Foto: Rainer Deimel)
Auf dem Programm stand darüber hinaus der Besuch des Abenteuerspielplatzes Hilden. Das Konzept stieß bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern auf überaus interessierte Beachtung. Auch etliche Ehrenamtliche können sich gut vorstellen, sich in ihren jeweiligen kommunalen Bezügen zum „Botschafter“ eines derart sinnvollen Konzepts zu verwenden und entsprechend fachpolitisch zu argumentieren.

Workshop „Spiele für draußen“ (Foto: Rainer Deimel)
Abgerundet wurde das Programm mit einem Praxisangebot „Spiele für draußen“, das von Angela Schäfer und Elfriede Majer vom Leitungsteam durchgeführt wurde und bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern nicht nur für die entsprechenden Anregungen, sondern auch für eine Menge Spaß sorgte.

Der Spaß kam im Praxisteil auf jeden Fall nicht zu kurz (Foto: Rainer Deimel)
Nachdem abschließend die Filmdokumentation „Tage der Spielplatzpaten 2009″, produziert von Horst Oesterwind-Stiller (ABA Fachverband), vorgeführt worden war, endete die diesjährige Konferenz. Selbst der strömende Regen an diesem Samstag konnte die Zufriedenheit, mit der die Beteiligten abends nach Hause fuhren, nicht trüben. Für das kommende Jahr liegt eine Einladung des Jugendamtes der Stadt Bottrop vor. Dieses langjährige ABA-Mitglied ist kürzlich mit einem eigenen Patenprojekt gestartet.
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Fußnote
(1) Die Ausführungen von Dr. Christiane Richard-Elsner sind im mitgliederinternen ABA-Netz zu finden.
NAGEL-Redaktion – Heute müssen Kinder ihr Recht auf Spiel regelrecht einfordern
In der Zeitschrift des nordrhein-westfälischen Kinderschutzbundes „Kinder in NRW“ wurde in der Ausgabe 3/2009 ein Leserbrief von Nicola Hengst-Gohlke – in diversen zusammenhängen aktiv im ABA Fachverband – veröffentlicht.
Angeregt wurde sie durch die Veröffentlichung der ABAErhebung „Spielplätze und spielplatzpaten in NRW“ (Ausgaben 3/2008 und 2/2009). Die Zeitschriften sind auf einer speziellen Seite im Zeitschriftenarchiv im ABA-Netz zu finden.

NAGEL-Redaktion – Spielraumpaten Mettmann
Der besseren Les- und Erkennbarkeit halber hier noch einmal in Aussagen und einige Abbildungen des Plakats vom 1. Dezember 2010 im Einzelnen:
Unsere Ziele:
Die Spielraumpaten schaffen, gestalten und erhalten Spielräume für Jung & Alt, gemeinsam mit der Wirtschaft und lokalen Interessensgruppen. Dies geschieht unter Einbeziehung von Kindern und engagierten ehrenamtlichen Erwachsenen im Dialog mit den einzelnen Kommunen und Trägern – vorrangig im Rahmen von moderierten Beteiligungsprojekten. Dabei werden vor allem Kinder ermutigt, ihr Recht auf Spiel einzufordern, sich dadurch „Spielraum“ zu verschaffen und sich so selbst eine kinderfreundliche und lebenswerte Umwelt zu gestalten. Ehrenamtliche „Spielraumpaten“ (z.B. Spielplatzpaten, Schulhofpaten, Spielwiesenpaten) erhalten die so geschaffenen Spielräume, fördern eine nachhaltige Bespielbarkeit und sichern damit Spielräume als wichtige Lebens-, Lern- und Aufenthaltsorte für Jung & Alt. Unternehmen aus der Wirtschaft unterstützen diese Entwicklung eines insgesamt kinder- und damit auch familienfreundlichen Umfelds, das im Zuge des demographischen Wandels als zukunftsentscheidender Standortfaktor unerlässlich ist.

Nicola Hengst-Gohlke mit Sohn Jan (Eigenes Foto)
Unsere Projekte & Aktionen (Auszug):
Die Spielplatzpaten

Die lokale Initiative Spielplatzpaten für Mettmann – das Herzstück – hier vor Ort: Ehrenamtliche Spielplatzpaten (Einzelpersonen, Vereine, Unternehmen uvm.) kümmern sich um Spiel- und Bolzplätze sowie Schulhöfe und Kindergärten.
Gib mir 7

Straßenspielaktionen in verkehrsberuhigten Bereichen: Die besondere Bedeutung des Verkehrsschildes 325 wird mit Anwohnern, Eltern und Kindern in Zusammenarbeit mit der Kreispolizeibehörde Mettmann, der Straßenverkehrsbehörde und dem Jugendamt stärker ins Bewusstsein gerufen.
Der Spielbummel
Spielerische Aktionen in Einkaufszonen für Jung & Alt unter Einbindung der lokalen Einzelhändler, Marktbeschicker und anderen interessierten Akteure.
Naturnahe Spielräume

Wir gestalten gemeinsam mit Kindern und Anwohnern vor Ort naturnahe und kindgerechte Spielräume. Mutter Natur bietet unendlich viele Anreize und Sinneserfahrungen. Und diese sind gerade für Kinder und deren Entwicklung von unschätzbarem Wert.
sind Mitglied im

Anmerkung: Der ABA Fachverband ist hier nicht verlinkt – Sie befinden sich auf den Seiten des Verbandes!
NAGEL-Redaktion – Spielplatzpaten im ABA Fachverband

Seit geraumer Zeit organisiert der ABA Fachverband Spielplatzpaten-Projekte. Er führt jährlich eine Spielplatzpaten-Konferenz durch, zu der sich neben ehrenamtlichen Paten auch deren Organisatoren treffen. Diese wiederum bilden sich auf einem eigens für sie jährlich stattfindenden Fachtag fort. Dieser wurde auf vielfachen Wunsch 2007 eingeführt. Neben der Spielplatzpaten-Konferenz und dem Fachtag für Organisatoren gibt es – je nach Bedarf – Bildungsreisen für die gesamte Zielgruppe. 2006 gab es beispielsweise eine Exkursion zu diversen interessanten Einrichtungen in Dortmund und eine weitere nach Hannover.
Leitungsteam Spielplatzpaten NRW
Ständige Vertreter/innen: Lotte Lohse (Dortmund), Elfriede Majer (Mülheim an der Ruhr), Angela Schäfer (Krefeld) und Rainer Deimel (ABA Fachverband).
Vertreterinnen 2011: Gabriel Menke (Köln) und Anita Takyi (Oberhausen)
Sprecherrat: Die Vertetung der Spielplatzpaten im ABA-Sprecherrat wird von Elfriede Majer wahrgenommen.

Foto: Rainer Deimel
Unterlagen für die Spielplatzpaten werden ab 2011 verstärkt in das mitgliederinterne ABA-Netz eingestellt.
Aktuell
Bundesrat stimmt neuem Bundeskinderschutzgesetz zu
Gesetz soll am 1. Januar 2012 in Kraft treten
Der Bundesrat hat am 27. Mai 2011 zu dem von der Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Dr. Kristina Schröder, vorgelegten neuen Bundeskinderschutzgesetz Stellung genommen. Das Gesetz setzt auf einen umfassenden und aktiven Kinderschutz. Es bringt Prävention und Intervention im Kinderschutz gleichermaßen voran und stärkt alle Akteure, die sich für das Wohlergehen von Kindern engagieren – angefangen bei den Eltern, über den Kinderarzt oder die Hebamme bis hin zum Jugendamt oder dem Familiengericht. Der Bundesrat begrüßt diese Zielsetzung und unterstützt die zentralen Regelungsbereiche des Gesetzes. Nur in wenigen Punkten vertreten die Länder eine abweichende Meinung.
Die wichtigsten Punkte des Gesetzes sind:
● Ausschluss einschlägig Vorbestrafter von Tätigkeiten in der Kinder- und Jugendhilfe.
● Alle hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der öffentlichen und freien Jugendhilfe müssen ein erweitertes Führungszeugnis vorlegen. Für Ehrenamtliche wird mit den Trägern vereinbart, bei welchen Tätigkeiten dies nötig ist.
● Verhinderung des „Jugendamts-Hopping“: Künftig ist sichergestellt, dass bei Umzug der Familie das neu zuständige Jugendamt alle notwendigen Informationen vom bisher zuständigen Jugendamt bekommt, um das Kind wirksam zu schützen.
● Klarheit für Berufsgeheimnisträger bei der Informationsweitergabe ans Jugendamt: Häufig erkennen Ärzte oder andere Berufsgeheimnisträge die Gefährdung eines Kindes als erste. Hier wird es klare Regelungen geben, die die Vertrauensbeziehung zwischen Arzt und Patient schützt, aber auch die Brücke zum Jugendamt schlägt.
● Regelung zum Hausbesuch: Der Hausbesuch soll zur Pflicht werden – allerdings nur dann, wenn dadurch der wirksame Schutz des Kindes nicht in Frage gestellt ist und seine Durchführung nach fachlicher Einschätzung erforderlich ist.
Die Länder stimmten außerdem der zentralen Zielsetzung des Gesetzes zu, den präventiven Schutz von Kindern deutlich zu befördern. Folgende präventive Maßnahmen sind im Gesetzesentwurf vorgesehen:
● Auf- und Ausbau Früher Hilfen sowie verlässlicher Netzwerke für werdende Eltern.
● Einführung von leicht zugänglichen und flächendeckenden Hilfsangeboten für Familien vor und nach der Geburt sowie in den ersten Lebensjahren des Kindes. Alle wichtigen Akteure im Kinderschutz wie Jugendämter, Schulen, Gesundheitsämter, Krankenhäuser, Ärztinnen und Ärzte, Schwangerschaftsberatungsstellen und Polizei werden in einem Kooperationsnetzwerk zusammengeführt.
● Das Gesetz sieht auch eine Stärkung des Einsatzes von Familienhebammen vor, die Familien in belastenden Lebenslagen bis zu einem Jahr nach der Geburt des Kindes begleiten. Das Bundesfamilienministerium wird jährlich und für einen Zeitraum von vier Jahren 30 Millionen Euro ab 2012 zur Verfügung stellen, um den Einsatz von Familienhebammen in Deutschland zu verbessern.
Auch die Länder befürworten eine Ausweitung der Hebammenleistungen im Rahmen des Programms „Frühe Hilfen“. Sie fordern statt der Stärkung der Familienhebammen jedoch die Verlängerung des Behandlungszeitraums der normalen Hebammen von heute zwei auf künftig sechs Monate nach der Geburt. Dem steht bei dem Konzept der Familienhebammen ein doppelt so langer Zeitraum – nämlich zwölf Monate – für die Begleitung der Familien gegenüber. Hier werden Bund und Länder versuchen, eine rasche Einigung zum Wohle der Familien herbeizuführen.
Abgelehnt haben die Länder die im Bundeskinderschutzgesetz vorgesehenen Regelungen zur Einführung verbindlicher fachlicher Standards im Kinderschutz. Das Gesetz sieht hierzu die Verpflichtung zu einer kontinuierlichen Qualitätsentwicklung in der Kinder- und Jugendhilfe vor. „Die Länder wollen den wichtigen Schritt von verbindlichen fachlichen Standards, die den Kinderschutz in Deutschland einen großen Schritt voranbringen sollen, leider nicht mitgehen“, sagte der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesfamilienministerium, Dr. Hermann Kues. „Dabei ist insbesondere bei den Beratungen des Runden Tisches ‚Sexueller Kindesmissbrauch’ deutlich geworden, dass eine höhere Verbindlichkeit fachlicher Standards im Kinderschutz dringend notwendig ist, um Kinder bestmöglich vor Gefahren zu bewahren. Wir gehen deshalb davon aus, das das SPD-Präsidium auf die SPD-geführten Länder einwirkt, sich nicht länger solchen Standards zu verschließen, wie sie im Entwurf zum Bundeskinderschutzgesetz vorgesehen sind“, so Dr. Hermann Kues.
Die Bundesregierung wird sich noch im Juni zu der Stellungnahme des Bundesrates äußern. Danach wird das Bundeskinderschutzgesetz im Bundestag beraten und abschließend nochmals dem Bundesrat vorgelegt. Das Gesetz soll am 1. Januar 2012 in Kraft treten.
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend vom 27. Mai 2011
Stellungnahme des Deutschen Kinderschutzbundes zum Gesetz
Spielraumpaten
Nicola Hengst-Gohlke, aktiv im ABA Fachverband, hat das Konzept Spielraumpaten in die Öffentlichkeit gebracht. Sie setzt sich für eine systematische Verbreitung der Idee in Zusammenarbeit mit dem ABA Fachverband ein. Das gilt u.a. auch für CSR-Projekte (CSR = Corporate Social Responsibility, vgl. hierzu die Seiten Unternehmenskooperation im ABA-Netz).

Nicola Hengst-Gohlke engagiert sich in Mettmann mit der lokalen Initiative Spielplatzpaten für Mettmann für einen kindgerechten Bewegungsraum in der rheinischen Kreisstadt. 2010 fanden dort erstmalig spezielle Aktivitäten zum Weltspieltag am 28. Mai unter der Schirmherrschaft des Bürgermeisters statt. Eingebettet sind die Aktivitäten auch in das Bündnis „Recht auf Spiel“. Des Weiteren ist geplant, die Idee der Spielraumpaten auf Kreis-, Landes- und ggf. auch auf Bundesebene auszuweiten.
Die vorbildlichen Aktivitäten der Spielraumpaten in Mettmann haben wir auf eine separate Seite gestellt. Dorthin
Im Nachfolgenden gibt es einige interessante Dateien zum Herunterladen.
Profil der Spielraumpaten: Partner für spielerisches Engagement (2010)
Spielraumpaten: Hintergrundinformationen (2010)
„Gib mir 7“: Straßenspielaktionen & mehr in verkehrsberuhigten Bereichen

Bei dieser Initiative geht es unter anderem darum, Autofahrern und Anwohnern in verkehrsberuhigten Bereichen die besondere Bedeutung des Verkehrsschildes 325 stärker ins Bewusstsein zu rufen und ein gemeinsames Verständnis für ein konstruktives Miteinander zu fördern. Die Präsentation fußt auf einem Vortrag bei der Kreisverkehrswacht Mettmann am 25. November 2010.
Vorstellung herunterladen
Zur Seite Spielraumpaten im ABA-Netz
Rückblick auf die Landeskonferenz der Spielplatzpaten NRW 2010
Am 13. November 2010 fand in Hilden die 11. Landeskonferenz der Spielplatzpaten NRW statt. Interessierte können sich auf einer speziellen Seite informieren. Aus einem Schreiben von Peter Riesener, Stadt Bottrop, vom 15. November 2010: „Ich habe Samstag sehr viele positive Anregungen mitnehmen können.“ Zur Spezialseite wechseln
„Heute müssen Kinder ihr Recht auf Spiel regelrecht einfordern!“
Nicola Hengst-Gohlke, Organisatorin der Spielplatzpaten in Mettmann, Mutter und in verschiedenen Zusammenhängen im ABA Fachverband aktiv, schrieb einen Leserbrief an die Zeitschrift „Kinder in NRW“, den diese in ihrer Ausgabe 3/2009 veröffentlicht hat. Wir stellen den Beitrag hier zur Verfügung. Er ist übertitelt mit Heute müssen Kinder ihr Recht auf Spiel regelrecht einfordern.
Im Rahmen des Pakts mit der Jugend fanden 2009 seitens des ABA Fachverbandes die Tage der Spielplatzpaten NRW 2009 statt. Dort wurde unter anderem auch eine Reihe von Gesprächen geführt. Wir haben diese dokumentiert. Sie eröffnen zahlreiche interessante Aspekte zum Einsatz von Ehrenamtlichen, ihren Befindlichkeiten sowie zu politischen Einschätzungen. Interesse? Zur Seite gelangt man per Mausklick über vorstehenden Link.
Landeskonferenz für Spielplatzpaten NRW 2009
Die Dokumentation zur Landeskonferenz für Spielplatzpaten 2009 ist auf einer separaten Seite dokumentiert. Die Konferenz fand am 14. November 2009 in Krefeld statt. Zur Seite
Spielplatztreff
Bettina Schilling aus Köln betreibt seit Anfang 2009 die intereressanten Seiten spielplatztreff.de im Internet. Mit dem ABA Fachverband verbindet sie das gemeinsame Interesse an der Qualität von Spielplätzen. Aus diesem Grund gibt es berechtigterweise eine Kooperation zwischen dem Verband und Spielplatztreff. Auf dessen Seiten befindet sich u.a. im Rahmen eines Blogs ein überaus interressantes Gespräch mit dem Spielflächenplaner Uwe Lersch aus Iserlohn. Sowohl Bettina Schilling als auch Uwe Lersch waren damit einverstanden, dass die Inhalte ins ABA-Netz übernommen werden. Das Gespräch setzt sich aus mehreren Teilen zusammen:
1. Sicherheit geht vor!
2. Der perfekte Spielplatz
3. Altersgerechte Spielplätze
Die im ABA Fachverband organisierten Spielplatzpaten werden in dem Gespräch etliche fachliche Aspekte finden, die ihr Engagement unterstützen. Wir haben dem Gespräch eine eigene Seite eingeräumt. Zur Seite
Rauchen auf Spielplätzen
Die Diskussion über die Durchsetzung des Rauchverbots in öffentlichen Räumen hat nun auch die Spielplätze erreicht. Die Einstellungen von Nichtrauchern und Rauchern stehen sich hier häufig kontrovers gegenüber. Eine einheitliche Lösung des Konflikts gestaltet sich als sehr schwierig. Es gibt in einigen Städten Ratsbeschlüsse, die das Rauchen auf Spielplätzen verbieten. In Essen gibt es keinen speziellen Beschluss und dementsprechend auch kein ausdrückliches Verbot, nur ein Verbot für Alkohol und für Tiere auf Spielplätzen.
Die ordnungsbehördliche Verordnung der Stadt Essen, die das Verhalten von Personen in öffentlichen Räumen regelt, gibt in § 10 (Kinderspielplätze) vor, dass die Benutzung von Spielplätzen sowie der Aufenthalt auf ihnen durch Hinweisschilder geregelt werden kann. Insofern kann davon ausgegangen werden, dass die Vorgaben auf diesen Schildern verbindlich sind, sofern vorhanden. Zuwiderhandlungen können mit Ordnungsstrafen verfolgt werden.
Hinter der Tatsache, dass durch die Verordnung nicht noch mehr geregelt wird, steht der Gedanke, dass ein Spielplatz ein offener, sozialer Raum ist, auf dem übertrieben viele maßregelnde Verbote unangemessen sind. Spielplätze werden nicht nur von Kindern aufgesucht. Sie werden meist von Erwachsenen begleitet, während Spielplatzfesten nicht selten von der ganzen Familie. Somit ist ein Spielplatz auch Treffpunkt für Mütter und Väter, die das Aufstellen von Verboten als übertriebene Maßregelung verstehen würden. Es besteht die Gefahr, dass Verbote die Atmosphäre auf Spielplätzen negativ beeinflussen, vor allem, wenn es um die Durchsetzung dieser Verbote geht.
Mit dem Aufstellen von Hinweisschildern beschreitet man aus meiner Sicht diplomatischere Wege. Erwachsene haben Kindern gegenüber eine Vorbildfunktion: Von daher ist es unangemessen, den Kindern das Rauchen vorzuleben. Deswegen sollte auf Spielplätzen auf jeden Fall nicht geraucht werden! Hinweisschilder appellieren an die Vernunft der Erwachsenen. Somit sollten sie auch in den meisten Fällen funktionieren.
Andrea Boegel, Deutscher Kinderschutzbund Essen
Anmerkung der NAGEL-Redaktion: Diese Stellungnahme hat Andrea Boegel freundlicherweise aufgrund einer Anregung während des 3. ABA-Fachtags der Organisator(inne)n der nordrhein-westfälischen Spielplatzpaten erstellt; dieser fand am 10. März 2009 in Bochum statt.
ABA-Erhebung Spielplätze und Spielplatzpaten in Nordrhein-Westfalen 2008
Im Zeitraum von April bis Juli 2008 hat der ABA Fachverband den ersten Teil einer Erhebung zum Thema Spielplätze und Spielplatzpaten in Nordrhein-Westfalen durchgeführt und diese mit dem Stichtag 31. Juli 2008 ausgewertet. In diesem ersten Teil waren alle Kommunen mit einem eigenen Jugendamt beteiligt. Im zweiten Teil wurden im August und September 2008 die Daten der Gemeinden erhoben, in denen es kein kommunales Jugendamt gibt. Des Weiteren versucht der ABA Fachverband, vermehrt Aufschluss über Spielplatzpaten im privaten Zusammenhängen zu erlangen (Wohnungsgesellschaften). – Zur Seite ABA-Erhebung Spielplätze und Spielplatzpaten
Um die Seite „Spielplatzpaten“ nicht ausufern zu lassen, haben wir die zuvor hier befindlichen Inhalte entflochten und auf spezielle Unterseiten verlegt. Wir hoffen, Ihnen hiermit das Auffinden gewünschter Dokumente zu erleichten.
Weitere Dokumente
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Dokumente der Spielplatzpaten-Arbeit in NRW
Angebote des ABA Fachverbandes für Spielplatzpaten sind im Verzeichnis Termine -> ABA-Veranstaltungen zu finden. Des Weiteren können Beratungstermine usw. individuell vereinbart werden.

Hinweise zum Ehrenamt/Freiwilliges Engagement
Zur Seite Ressorts im ABA Fachverband
NAGEL-Redaktion – Kommunen ohne Jugendämter
ABA-Erhebung „Spielplätze und Spielplatzpaten“
Teil 2 – Kommunen ohne Jugendamt

Link zu Spielplatzpaten im ABA Fachverband

Foto: sevenload.com
Kommunale Spielplätze in Nordrhein-Westfalen
In einer zweiten Befragungsaktion haben wir uns einen Überblick über die kommunalen Spielplätze in den 248 Gemeinden ohne eigenes Jugendamt und die dort tätigen ehrenamtlichen Spielplatzpaten verschafft. Vor dem Hintergrund der vorhandenen Daten konnte erneut (unter anderem) die Spielplatzdichte ermittelt werden.
Demnach gibt es die höchste Dichte in Legden (35 Nichterwachsene pro Spielplatz bei 44 Spielplätzen), Möhnesee (41 Nichterwachsene pro Spielplatz bei 53 Spielplätzen), Hellenthal (42 Nichterwachsene pro Spielplatz bei 40 Spielplätzen), Ennigerloh (48 Nichterwachsene pro Spielplatz bei 60 Spielplätzen), Heimbach (53 Nichterwachsene pro Spielplatz bei 15 Spielplätzen), Lichtenau (54 Nichterwachsene pro Spielplatz bei 44 Spielplätzen), Bestwig (56 Nichterwachsene pro Spielplatz bei 44 Spielplätzen), Stadtlohn (57 Nichterwachsene pro Spielplatz bei 84 Spielplätzen), Eslohe (58 Nichterwachsene pro Spielplatz bei 34 Spielplätzen), Borgentreich (60 Nichterwachsene pro Spielplatz bei 31 Spielplätzen), Marienmünster (60 Nichterwachsene pro Spielplatz bei 20 Spielplätzen), Ense (61 Nichterwachsene pro Spielplatz bei 44 Spielplätzen), Bad Sassendorf (61 Nichterwachsene pro Spielplatz bei 30 Spielplätzen), Bad Laasphe (62 Nichterwachsene pro Spielplatz bei 42 Spielplätzen), Olpe (62 Nichterwachsene pro Spielplatz bei 78 Spielplätzen), Nordkirchen (62 Nichterwachsene pro Spielplatz bei 35 Spielplätzen), Nieheim (62 Nichterwachsene pro Spielplatz bei 35 Spielplätzen), Heek (66 Nichterwachsene pro Spielplatz bei 32 Spielplätzen), Höxter (68 Nichterwachsene pro Spielplatz bei 84 Spielplätzen), Lippetal (69 Nichterwachsene pro Spielplatz bei 38 Spielplätzen), Hürtgenwald (70 Nichterwachsene pro Spielplatz bei 24 Spielplätzen) und Winterberg (70 Nichterwachsene pro Spielplatz bei 36 Spielplätzen).
Die niedrigste Spielplatzdichte in den befragten Kommunen konnte festgestellt werden in Waldbröl (697 Nichterwachsene pro Spielplatz bei 6 Spielplätzen), Ascheberg (341 Nichterwachsene pro Spielplatz bei 42 Spielplätzen), Gangelt (327 Nichterwachsene pro Spielplatz bei 7 Spielplätzen), Burbach (322 Nichterwachsene pro Spielplatz bei 9 Spielplätzen), Leichlingen-Gangelt (319 Nichterwachsene pro Spielplatz bei 16 Spielplätzen), Neunkirchen-Seelscheid (300 Nichterwachsene pro Spielplatz bei 14 Spielplätzen) und Bergneustadt (294 Nichterwachsene pro Spielplatz bei 14 Spielplätzen).
Der früheren These folgend, dass „Kinder auf dem Lande noch draußen spielen können“ – was diese aufgrund vorliegender neuerer Erkenntnisse allerdings oft nicht mehr tun, – haben wir die Daten der Kommunen mit über 25.000 Einwohnern noch einmal gesondert betrachtet. Etliche Kommunen dieser Größenordnung verfügen über ein eigenes Jugendamt und sind deshalb in den ersten Teil unserer Erhebung eingeflossen.
Hierbei kann festgestellt werden, dass es die höchste Dichte an Spielplätzen in Olpe (62 Nichterwachsene pro Spielplatz bei 78 Spielplätzen), Höxter (68 Nichterwachsene pro Spielplatz bei 84 Spielplätzen), Lennestadt (72 Nichterwachsene pro Spielplatz bei 74 Spielplätzen), Oelde (86 Nichterwachsene pro Spielplatz bei 66 Spielplätzen), Meschede (88 Nichterwachsene pro Spielplatz bei 70 Spielplätzen), Hamminkeln (89 Nichterwachsene pro Spielplatz bei 60 Spielplätzen), Werl (89 Nichterwachsene pro Spielplatz bei 72 Spielplätzen), Neukirchen-Vluyn (90 Nichterwachsene pro Spielplatz bei 55 Spielplätzen), Rheda-Wiedenbrück (93 Nichterwachsene pro Spielplatz bei 100 Spielplätzen), Haan (95 Nichterwachsene pro Spielplatz bei 56 Spielplätzen), Kevelaer (95 Nichterwachsene pro Spielplatz bei 60 Spielplätzen) und Rietberg (99 Nichterwachsene pro Spielplatz bei 66 Spielplätzen) gibt.
Die geringste Dichte bei den Kommunen über 25.000 Einwohnern weisen auf: Ascheberg (341 Nichterwachsene pro Spielplatz bei 42 Spielplätzen), Leichlingen (319 Nichterwachsene pro Spielplatz bei 16 Spielplätzen), Königswinter (244 Nichterwachsene pro Spielplatz bei 34 Spielplätzen), Rheinbach (236 Nichterwachsene pro Spielplatz bei 20 Spielplätzen), Lübbecke (234 Nichterwachsene pro Spielplatz bei 23 Spielplätzen) und Schloss Holte-Stukenbrock (223 Nichterwachsene pro Spielplatz bei 25 Spielplätzen).
Wie bereits in der ersten Erhebungsrunde war die Bereitschaft der Kommunen, sich zu beteiligen, erfreulich hoch. Von den 248 befragten Gemeinden verweigerten lediglich fünf die Auskunft bzw. war eine solche aus anderen Gründen nicht zu bekommen. Hierbei handelte es sich um Korschenbroich, Recke, Senden, Weeze und Xanten.
Wie in der ersten Runde wurde auch diesmal nicht die Ausstattungsqualität der angegebenen Spielflächen untersucht.

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Spielplatzpaten
Im ersten Teil der Erhebung (NRW-Kommunen mit Jugendämtern, Erhebungszeitraum: April bis Juli 2008) konnten gut 2.600 ehrenamtliche Spielplatzpaten in 71 der insgesamt 149 befragten Kommunen ermittelt werden. Festgestellt wurde ferner, dass die Kommunen regelmäßig dort, wo sie in hauptberufliches Personal investieren, ein Vielfaches an bürgerschaftlichem Engagement akquirieren können. Die „Sieger“-Kommunen Krefeld und Mülheim an der Ruhr belegen dies deutlich.
Überraschenderweise gibt es in den Kommunen ohne eigenes Jugendamt ebenfalls ehrenamtliche Paten. Es ist nicht weiter überraschend, dass es sich hierbei um deutlich weniger handelt als bei denen mit Jugendamt und entsprechender Organisierung und Betreuung, was wiederum die These erhärtet, dass Ehrenamtliche eine gute und intensive hauptamtliche Begleitung benötigen.
Von den insgesamt 248 Gemeinden ist es 44 gelungen, Ehrenamtliche dafür zu gewinnen, sich für kommunale Spielplätze zu engagieren. (1) Insgesamt handelt es sich dabei um 275 Personen; in 15 Gemeinden um Einzelpersonen; in 29 jeweils um mehr als eine. Auch vor dem Hintergrund nicht untersuchter Ausstattungsqualität wurde bewusst darauf verzichtet, eine bewertende Rangliste zu erstellen. Dennoch gibt es sowohl mit Blick auf die Spielplätze selbst als auch auf den Organisationsgrad ehrenamtlicher Spielplatzpaten bemerkenswerte „Ausreißer“. Diejenigen mit dem höchsten prozentualen Anteil von Spielpaten pro Spielplatz haben wir dementsprechend noch einmal genauer „unter die Lupe“ genommen.
Den höchsten Organisationsgrad (Spielplatzpatenanteil pro Platz) verzeichnen die Gemeinden Neuenrade (100 Prozent bei 23 Plätzen), Wadersloh (90 Prozent bei 26 Plätzen), Bönen (81 Prozent bei 17 Plätzen), Swisttal (64 Prozent bei 18 Plätzen), Langenberg/Kreis Gütersloh und Metelen (jeweils 31 Prozent bei 5 Plätzen), Eslohe (29 Prozent bei 10 Plätzen), Lüdinghausen (27 Prozent bei 7 Plätzen), Mettingen (27 Prozent bei 6 Plätzen) und Neunkirchen/Siegerland (25 Prozent bei 3 Plätzen). Erwähnenswert auch die Aktivitäten in Bad Münstereifel, Blomberg, Hilchenbach und Nettetal.

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Abschließende Einschätzung
Die Verpflichtung, Kindern über ihr potenzielles natürliches Spielumfeld hinaus Spielflächen – auch in Form von möblierten Plätzen – zur Verfügung zu stellen, wird immer deutlicher. Der Trend, dass Kinder – auch auf dem Land – nicht mehr einfach „in den Wald“ zum Spielen gehen, ist auch in ländlichen Gebieten unübersehbar. Geschuldet ist dies zumeist neben einem zunehmenden Einsatz häuslicher virtueller und anderer technischer Medien der gestiegenen funktionalisierten Flächennutzung durch Verkehr und Kommerz, Änderungen elterlichen Verhaltens und Handelns sowie der Ausweitung des temporären Zugriffs von Schulen auf die Kinder.
Derartige gesellschaftliche Umgestaltungen wurden in etlichen der befragten Kommunen zur Kenntnis genommen; und dementsprechend wurde gehandelt. Deutlich wurde dies beispielsweise im Bemühen um den Installierung von Spielplätzen, die vor Jahrzehnten in ländlichen Gebieten im Grunde völlig unbekannt waren. Besondere Bemühungen konnten beispielsweise in Legden, Möhnesee und Hellenthal festgestellt werden. Aufgefallen ist auch, dass die Dichte an Spielplätzen – mit Ausnahmen – in touristisch bedeutenden Orten in der Regel beachtlich ist; dies gilt auch für Gemeinden, die hier zuvor nicht namentlich genannt wurden. So verfügen beispielsweise die Bäder im Lande über eine recht hohe Dichte von Spielmöglichkeiten. Eine Ausnahme in diesem Kontext ist beispielsweise Königswinter, das zu den zwölf Gemeinden mit der geringsten Spielplatzdichte gehört. Es wird zwar für einen kostenpflichtigen „Indoorspielplatz“ (2) und solche in einem ebenfalls kostenpflichtigen Wildpark geworben, was allerdings nicht über eine gewisse Schieflage hinwegtäuschen kann.
Interessant war, die in den Gemeinden organisierten ehrenamtlichen Spielplatzpaten in ein Verhältnis zu den von der Kommune organisierten zu setzen. Vor diesem Hintergrund lässt sich feststellen, dass die Gemeinden Neuenrade, Wadersloh, Bönen, Swisttal, Langenberg/Kreis Gütersloh, Metelen und Eslohe am besten abschnitten. Bei einigen dieser Gemeinden kam es ein weiteres Mal – stichprobenartig – zu direkten Rückfragen nach den Bemühungen um Ehrenamtliche.
Es konnte festgestellt werden, dass alle verantwortlichen hauptberuflichen Mitarbeiter in „technischen Ämtern“ (in der Regel im Grünflächen- oder Bauamt) beschäftigt sind. Auch hier bestätigte sich zum Teil die These, die bereits nach der ersten Runde unserer Befragung aufgestellt werden konnte: Je mehr eine Gemeinde in Hauptamtlichkeit investiert, umso größer ist der Effekt, Ehrenamtlichkeit zu akquirieren. Ein weiterer interessanter Aspekt: Da es sich bei vielen Gemeinden um einen flächenmäßig umfassenden Zusammenschluss ehemaliger Dörfer handelt, spielt hier das Gemeinwesen häufig noch eine andere Rolle, als dies in größeren Gemeinden – zumal in Großstädten – der Fall ist. So kümmert sich beispielsweise der Ortvorsteher persönlich um die Ehrenamtlichen. Bisweilen gibt es in den Dörfern nur einen Spielplatz; die Identifikation der Bevölkerung mit „ihrem Spielplatz“ ist hoch. Äußerst positiv wirkt sich die „persönliche Ansprache“ der Engagierten durch die Kommune aus: Die Menschen fühlen sich in ihrem Engagement bestätigt und angenommen, wenn ihr Einsatz nicht als selbstverständlich betrachtet wird. Erfolgreich sind dementsprechend Einladungen zu Veranstaltungen, auf denen etwa mit einem gemeinsamen Kaffeetrinken gedankt wird. Interessant auch der Gesichtspunkt, dass – und wie – manche Gemeindeverantwortlichen auf die Wünsche der Bevölkerung zur Errichtung von Spielplätzen reagieren: Auch in dörflichen Strukturen wird seitens Eltern bzw. der Nachbarschaft der Wunsch vermehrt vorgetragen, die Gemeinde solle einen Spielplatz für die Kinder im Ort errichten. Angesichts knapper öffentlicher Kassen wird in solchen Fällen auch versucht, die Bevölkerung als Paten in die Verantwortung einzubinden. Städtische Mitarbeiter äußerten gegenüber dem ABA Fachverband, dieses Vorgehen sei recht erfolgreich. Weiterer Gewinn: Wie bereits zuvor berichtet wächst auf diese Weise die Identifikation der Dorfbevölkerung mit „ihrem Spielplatz“.
Verwunderung ausgelöst hat bei der Befragung auch die Reaktion (in sehr wenigen Fällen) von Kommunen, sich bedeckt zu halten und keine Angaben zu machen. Exemplarisch haben wir hier mittels Internet nach Informationen aus Korschenbroich gesucht. Gestoßen sind wir dabei etwa auf Mitteilungen, die auf politisches „Gerangel“ um Spielplätze hinweisen. In einer weiteren Pressemitteilung ist von Jugendvandalismus auf Spielplätzen und besorgten Nachbarn zu lesen.
Dortmund 2008
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Fußnoten
(1) Insgesamt handelt es sich dabei um folgende 44 Gemeinden: Alfter, Anröchte, Bad Münstereifel, Blomberg, Bönen, Brilon, Büren, Drensteinfurt, Ennigerloh, Erwitte, Eslohe, Everswinkel, Extertal, Gescher, Hamminkeln, Hellenthal, Hilchenbach, Kreuztal, Ladbergen, Langenberg, Langerwehe, Leopoldshöhe, Lüdinghausen, Metelen, Mettingen, Netphen, Nettetal, Neuenrade, Neunkirchen, Nordkirchen, Oerlinghausen, Olpe, Olsberg, Petershagen, Rheda-Wiedenbrück, Rietberg, Salzkotten, Sassenberg, Schlangen, Stemwede, Swisttal, Tönisvorst, Wadersloh und Warburg.
(2) Aus fachverbandlicher Sicht benötigen Kinder für eine gesunde Entwicklung am wenigsten „Indoorspielplätze“.
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Abkürzungen in der Tabelle:
PLZ (Postleitzahl), SpPl. (Anzahl der Spielplätze), SpPl.P. (Spielplatzpaten), SpPl.P. in % (Spielplatzpaten – prozentualer Anteil in Relation zur Gesamtbevölkerung), für Pl. (für insgesamt Spielplätze), SpPl.P. pro Pl. in % (Anteil der Spielplatzpaten in Relation zur Menge der Spielplätze), k.A. = keine Angaben
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NAGEL-Redaktion – Kommunen mit Jugendämtern
ABA-Erhebung „Spielplätze und Spielplatzpaten“
Teil 1 – Kommunen mit eigenem Jugendamt

Link zu Spielplatzpaten im ABA Fachverband

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Kommunale Spielplätze in Nordrhein-Westfalen
Im Zeitraum von April bis Juli 2008 hat der ABA Fachverband den ersten Teil einer Erhebung zum Thema Spielplätze und Spielplatzpaten in Nordrhein-Westfalen durchgeführt und diese mit dem Stichtag 31. Juli 2008 ausgewertet. In diesem ersten Teil waren alle Kommunen mit einem eigenen Jugendamt beteiligt. Im zweiten Teil werden die Daten der Gemeinden erhoben, in denen es kein kommunales Jugendamt gibt. Aufgrund der umfassenden Recherche wird es eine Weile dauern, bis diese Ergebnisse vorliegen werden.
Die Befragung, die vom Leitungsteam der Spielplatzpaten im ABA Fachverband angeregt wurde, erbrachte (erstmalig) interessante Ergebnisse, die wir hier auszugsweise vorstellen.
Erfasst wurden die Hintergründe der 149 Kommunen in Nordrhein-Westfalen, in denen ein örtliches Jugendamt existiert (Angabe des Ministeriums für Generationen, Familie, Frauen und Integration NRW). Die demografischen Daten stammen vom Landesamt für Datenverarbeitung und Statistik NRW (Stichtag: 31. Dezember 2007).
Die größte Kommune in NRW ist Köln (995.379 Einwohner), gefolgt von Dortmund (586.909 Einwohner), Essen (582.140 Einwohner) und Düsseldorf (581.122 Einwohner). (1) Die kleinsten Kommunen mit eigenem Jugendamt sind Altena (19.661 Einwohner), Werdohl (19.670 Einwohner) Radevormwald (23.426 Einwohner) und Meckenheim (24.679 Einwohner).
Neben den Grunddaten waren wir ferner interessiert am Anteil der jungen Menschen an der Wohnbevölkerung (bis 18 Jahre, also der Anteil der Kinder und Jugendlichen). Letztgenannte Werte haben wir differenziert erfasst (Kinder bis sechs Jahre sowie Kinder und Jugendliche zwischen sieben und 18 Jahren). Auffallend hierbei war, dass der so genannte Demografiefaktor je nach Gemeinde unterschiedlich ausfällt. Auf den ersten Blick scheint der Geburtenrückgang in ländlichen Gebieten weniger evident auszufallen als in den größeren Städten. Allerdings spielt hierbei auch die Region eine Rolle. So fällt beispielsweise der Rückgang an Geburten in Schwerte (49.132 Einwohner, 7-18-Jährige 12,3 Prozent, bis 6-Jährige 4,5 Prozent, Nichterwachsene insgesamt 12,3 Prozent) oder auch in Schwelm (29.534 Einwohner, 7-18-Jährige 11,6 Prozent, bis 6-Jährige 5,1 Prozent, Nichterwachsene insgesamt 11,6 Prozent) auf. Vergleicht man am Beispiel dieser beiden Kommunen die Zahlen mit denen der über 65-Jährigen, stellt man fest, dass der Anteil dieser Bevölkerungsgruppe (2) in Schwerte 21,5 Prozent und in Schwelm 23 Prozent beträgt. Vergleich Schmallenberg/Sauerland: 25.831 Einwohner, nichterwachsene Bevölkerung 15,4 Prozent (über 65-Jährige: 19,6 Prozent). Soweit ein paar „Nebenerscheinungen“ unserer Erhebung.
Interessiert haben wir uns primär für die kommunalen Spielplätze (3) und die ehrenamtlichen Spielplatzpaten in Nordrhein-Westfalen. Bei unserer Befragung zeigten sich die Kommunen sehr kooperativ. Lediglich die Großstadt Bielefeld sowie die Kleinstädte (4) Borken und Dülmen verweigerten die Auskunft; insofern existieren von Borken und Dülmen keine Zahlen. Die von Bielefeld wurden von unseren Mitarbeitern über das Internet recherchiert.
Insgesamt gibt es in den Kommunen mit kommunalem Jugendamt 13.566 Spielplätze. Naturgemäß entfallen die höchsten Anteile auf die Großstädte, was allerdings nichts über die Spielplatzdichte vor Ort – in Relation zur Bevölkerung bzw. der nichterwachsenen Bevölkerung – aussagt. Die meisten Spielplätze gibt es in Köln (610), gefolgt von Essen (434), Düsseldorf (420), Dortmund (324), Münster (321), Bochum (300), Duisburg (300) Mönchengladbach (276), Wuppertal (265), Lüdenscheid (232), Neuss (230) und Hamm (225).
Setzt man genannte Anzahl der kommunalen Spielplätze in ein Verhältnis zum Anteil der nichterwachsenen Bevölkerung, kommt man zur folgenden Feststellung: In Köln kommen 258 Nichterwachsene auf einen Spielplatz, in Essen 214, in Düsseldorf 208, in Dortmund 300, in Münster 136, in Bochum 189, in Duisburg 287, in Mönchengladbach 169, in Wuppertal 227, in Lüdenscheid 60, in Neuss 120 und in Hamm 153. Anhand dieser Beispiele lässt sich feststellen, dass Lüdenscheid über die höchste Spielplatzdichte verfügt. Über eine ähnlich hohe Dichte (unter 100 Kindern pro Spielplatz) verfügen ferner Schmallenberg (42), Meckenheim (59), Bad Oeynhausen (64), Langenfeld (80), Rheinberg (87), Wesel (87), Kaarst (88), Viersen (90), Warendorf (92), Dorsten (94), Werdohl (94), Wülfrath (97) und Voerde (98). Deutlich wird in diesem Zusammenhang auch, dass sich in etlichen Kleinstädten die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass Kinder nicht mehr – wie früher – zum Spielen einfach „in den Wald gehen“.
Die niedrigste Spielplatzdichte gibt es in Bielefeld (812 Nichterwachsene pro Spielplatz) (5), gefolgt von Erkrath (555) und Siegburg (420).
Über eine hohe Spielplatzdichte (bis 130 Nichterwachsene pro Platz) verfügen noch Goch (100), Dormagen (103), Haltern (103), Sundern (104), Ahlen (105), Erkelenz (106), Warstein (106), Herten (108), Pulheim (108), Werne (109), Ahaus (110), Coesfeld (111), Ratingen (112), Rheine (113), Soest (114), Gladbeck (115), Willich (115), Bergheim (116), Plettenberg (116), Ibbenbüren (117), Schwerte (118), Mettmann (120), Neuss (120), Unna (121), Gronau (122), Lippstadt (123), Greven (128) sowie Beckum und Monheim (jeweils 130).

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Spielplatzpaten
Ehrenamtliche Spielplatzpaten gibt es in 71 der 148 ausgewerteten Kommunen. Die Zahlen variieren zwischen 339 (in Essen) und 1 (diverse Kommunen). Insgesamt konnten bei der Befragung bezogen auf ganz NRW 2.601 Spielplatzpaten ermittelt werden, die sich in ihrer Kommune ehrenamtlich engagieren. (6)
Das in Relation höchste Engagement konnte in Krefeld und Mülheim an der Ruhr festgestellt werden. In Krefeld sind 148 Paten auf 63 (von 168) Plätzen aktiv („statistische Versorgungsquote“ von 88,1 Prozent) und in Mülheim an der Ruhr 81 Paten auf 40 (von 100) Plätzen („statistische Versorgungsquote“ von 81 Prozent). Demzufolge ist
● Krefeld „Spitzenreiter“ in NRW (148 Paten auf insgesamt 63 von 168 Plätzen, 239 Nichterwachsene pro Spielplatz, „statistische Versorgungsquote“ 88,1 Prozent)
gefolgt von
● Mülheim an der Ruhr (81 Paten auf insgesamt 40 von 100 Plätzen, 269 Nichterwachsenen pro Spielplatz, „statistische Versorgungsquote“ 81,0 Prozent)
bezüglich der Organisation ehrenamtlicher Spielplatzpaten. In dieser Bewertung wurden diverse Faktoren berücksichtigt, die sich aus der Erhebung ergeben.
Eine hohe Versorgungsquote gibt es ferner in:
● Recklinghausen (125 Paten auf 58 von insgesamt 80 Plätzen, 225 Nichterwachsene pro Spielplatz, „statistische Versorgungsquote“ 156,3 Prozent)
● Oberhausen (147 Paten auf 35 von insgesamt 100 Plätzen, 374 Nichterwachsene pro Platz, „statistische Versorgungsquote“ 147 Prozent)
● Wetter an der Ruhr (40 Paten auf 25 von insgesamt 35 Plätzen, 144 Nichterwachsene pro Platz, „statistische Versorgungsquote“ 114,8 Prozent)
● Overath (13 Paten auf 13 von insgesamt 16 Plätzen, 330 Nichterwachsene pro Platz, „statistische Versorgungsquote“ 81,3 Prozent
● Essen (339 Paten auf 213 von insgesamt 434 Plätzen, 214 Nichterwachsene pro Platz, „statistische Versorgungsquote“ 78,1 Prozent)
● Hilden (52 Paten auf 40 von insgesamt 67 Plätzen, 137 Nichterwachsene pro Platz, „statistische Versorgungsquote“ 77,6 Prozent)
● Frechen (38 Paten auf 29 von insgesamt 53 Plätzen, 160 Nichterwachsene pro Platz, „statistische Versorgungsquote“ 71,7 Prozent)
● Siegen (60 Paten auf 60 von insgesamt 89 Plätzen, 195 Nichterwachsene pro Platz, „statistische Versorgungsquote“ 67,4 Prozent)
● Gevelsberg (16 Paten auf 16 von insgesamt 24 Plätzen, 229 Nichterwachsene pro Platz, „statistische Versorgungsquote“ 66,7 Prozent)
● Bochum (174 Paten auf 81 von insgesamt 300 Plätzen, 189 Nichterwachsene pro Platz, „statistische Versorgungsquote“ 58 Prozent)
● Pulheim (46 Paten auf 65 von insgesamt 88 Plätzen, 108 Nichterwachsene pro Platz, „statistische Versorgungsquote“ 52,3 Prozent)
● Köln (315 Paten auf 300 von insgesamt 610 Plätzen, 258 Nichterwachsene pro Platz, „statistische Versorgungsquote“ 51,6 Prozent)
● Hattingen (25 Paten auf 25 von insgesamt 50 Plätzen, 183 Nichterwachsene pro Platz, „statistische Versorgungsquote“ 50 Prozent)
● Dortmund (160 Paten auf 128 von insgesamt 324 Plätzen, 300 Nichterwachsene pro Platz, „statistische Versorgungsquote“ 49,4 Prozent)
● Sankt Augustin (24 Paten auf 20 von insgesamt 50 Plätzen, 204 Nichterwachsene pro Platz, „statistische Versorgungsquote“ 48 Prozent)
● Herten (46 Paten auf 24 von insgesamt 100 Plätzen, 108 Nichterwachsene pro Platz, „statistische Versorgungsquote“ 46 Prozent)
● Kleve (29 Paten auf 29 von insgesamt 63 Plätzen, 137 Nichterwachsene pro Platz, „statistische Versorgungsquote“ 46 Prozent)
● Warstein (20 Paten auf 20 von insgesamt 47 Plätzen, 106 Nichterwachsene pro Platz, „statistische Versorgungsquote“ 42,6 Prozent)
● Waltrop (13 Paten auf 11 von insgesamt 31 Plätzen, 964 Nichterwachsene pro Platz, „statistische Versorgungsquote“ 41,9 Prozent)
● Bergkamen (23 Paten auf 20 von insgesamt 56 Plätzen, 923 Nichterwachsene pro Platz, „statistische Versorgungsquote“ 41,1 Prozent)
● Lage (16 Paten auf 16 von insgesamt 40 Plätzen, 185 Nichterwachsene pro Platz, „statistische Versorgungsquote“ 40 Prozent)
Es gibt weitere Kommunen mit relativ hohem ehrenamtlichen Spielplatzpaten-Engagement. In diese Darstellung haben wir aus Praktikabilitätsgründen nur diejenigen Gemeinden aufgenommen, in denen die „statistische Versorgungsquote“ über 40 Prozent liegt.

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Aufgrund der Differenziertheit der diversen Rahmenbedingungen haben wir davon abgesehen, die Befragung in einen wenig sinnvollen Wettbewerb münden zu lassen, sieht mal einmal von der besonderen Hervorhebung des patenschaftlichen Engagements in Krefeld und Mülheim ab. Gewiss hätten auch die Bemühungen in den Großstädte Essen, Bochum, Dortmund, Köln und Recklinghausen (7) eine besondere Erwähnung verdient. Dem allerdings würde eine reine statistische „Zählerei“ nicht gerecht werden. Gemeinsam mit den genannten Großstädten müssten auch Mittel- und Kleinstädte positiv hervorgehoben werden, wie etwa Hilden, Herten, Wetter und Overath.
Speziell erwähnt werden dürften u.U. auch diejenigen Kommunen, deren Patenanteil gemessen an der Gesamtbevölkerung am höchsten ist. Dies sind Wetter, Recklinghausen, Hilden, Pulheim, Frechen, Oberhausen, Herten, Warstein und Dormagen.
Nicht eingeflossen in die Erhebung sind Elterninitiativen, die quasi wie Spielplatzpaten und darüber hinaus aktiv sind. Eine solche existiert beispielsweise in Gleidorf, einem Ortsteil des sauerländischen Schmallenberg, das ohnehin schon durch die höchste Spielplatzdichte in NRW aufgefallen ist (42 Nichterwachsene bzw. „nur“ 199 Einwohner pro Spielplatz: Rekord in NRW).
Die Untersuchung hat uns zahlreiche Facetten aufgezeigt. Sofern Ihre Kommune hier nicht auftaucht, ist das der Tatsache geschuldet, dass hiermit jeglicher Rahmen gesprengt worden wäre. Bei weiterem Interesse können Sie sich gern mit uns in Verbindung setzen.

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Inhaltlich können wir abschließend konstatieren:
Ehrenamtliches Potenzial ist in NRW in zahlreichen Zusammenhängen vorhanden. Allerdings muss eine gute Betreuung und Begleitung sowie ein förderlicher Service für die Engagierten organisiert werden; dies betrifft sowohl die Kommunal- als auch die Landesebene. Ehrenamtlichkeit ist kein Akt des Altruismus, vielmehr geht einem solchen immer auch das eigene Interesse der Freiwilligen voraus. Dieses Eigeninteresse muss, damit es sich im Gemeinwesen entfalten kann, formell und informell gewürdigt werden. Kompetenzen und Anregungen hierzu sowie den erforderlichen fachlichen Austausch organisiert der ABA Fachverband Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen.
Ehrenamtliches Engagement, wenn keine vordergründige Ausbeutung mitschwingt, geht auch nicht zu Lasten von Hauptamtlichkeit. Vielmehr fällt auf, dass die Kommunen regelmäßig dort, wo sie in hauptberufliches Personal investieren, ein Vielfaches an bürgerschaftlichem Engagement akquirieren können. Einzelheiten hierzu konnten wir zum Teil auch der Erhebung entnehmen, wie etwa die hervorgehobenen Beispiele Krefeld und Mülheim belegen.
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Fußnoten
(1) Anderslautende Presseberichte, etwa dass Düsseldorf inzwischen zweitgrößte Stadt in NRW sei, können durch die aktuellsten Daten des Landesamtes für Datenverarbeitung und Statistik nicht belegt werden. Ebenso wenig bestätigen die offiziellen Zahlen nicht die Aussage der Stadt Köln in ihrer Internetpräsenz. Dort heißt es: „Die Metropole am Rhein ist mit 1.024.346 Einwohnern (Stand 31.12.2006; Tendenz steigend) eine von vier Millionenstädten in Deutschland.“
(2) Dieser Bevölkerungsteil wurde von uns nicht erfasst und dient hier lediglich einer exemplarischen Information.
(3) Die jeweilige Ausstattung und Qualität wurden nicht abgefragt.
(4) Klassifizierung des Landesamtes für Datenverarbeitung und Statistik NRW
(5) Bei den Daten der Stadt Bielefeld gilt es zu bedenken, dass die ermittelten Werte aufgrund der Weigerung der Stadt, ihre „offiziellen Zahlen“ zu nennen, auf einer Internetrecherche beruhen. Sollten die Zahlen dennoch korrekt sein, läge dieser Wert fast um das Doppelte über dem der nächsten Großstadt (Bonn mit 435 Nichterwachsenen pro Spielplatz).
(6) Zumeist handelt es sich bei den Paten um Einzelpersonen. In einigen Fällen können auch Gruppen bzw. Einrichtungen gemeint sein (Anwohnergruppen, Kitas usw.).
(7) Recklinghausen wird mit 120.536 Einwohnern vom Landesamt für Datenverarbeitung und Statistik nicht als Groß-, sondern als „Große Mittelstadt“ typisiert – vermutlich aufgrund des fehlenden Status als „Kreisfreie Stadt“.
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Abkürzungen in der Tabelle:
PLZ (Postleitzahl), SpPl. (Anzahl der Spielplätze), SpPl.P. (Spielplatzpaten), SpPl.P. in % (Spielplatzpaten – prozentualer Anteil in Relation zur Gesamtbevölkerung), für Pl. (für insgesamt Spielplätze), SpPl.P. pro Pl. in % (Anteil der Spielplatzpaten in Relation zur Menge der Spielplätze), k.A. = keine Angaben
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NAGEL-Redaktion – Erhebung „Spielplätze und Spielplatzpaten NRW 2008“
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Von April bis Juli 2008 hat der ABA Fachverband alle 149 Städte mit einem eigenen Jugendamt über die kommunalen Spielplätze und den möglichen Einsatz ehrenamtlicher Spielplatzpaten befragt. In einer zweiten Runde von August bis September 2008 wurden die Gemeinden befragt, in denen es kein örtliches Jugendamt gibt.
Bei der Auswertung konnte festgestellt werden, dass eine Rangfolge à la Wettbewerb (Denglish: „Ranking“) im Grunde wegen der zahlreichen differnzierten Aspekte kaum möglich ist – zumal auch nicht nach der jeweiligen Ausstattung gefragt wurde. Dies könnte eventuell einmal eine Aufgabe für ein studentisches Projekt sein. Interessierte von Hochschulen können sich gern an den ABA Fachverband wenden.
Dennoch konnten wir Trends feststellen. Dementsprechend haben wir festgestellt, dass die Situation bei den Großstädten in Krefeld, Mülheim an der Ruhr sowie Recklinghausen und bei den kleinen bzw. kleineren Kommunen in Neuenrade, Wadersloh, Bönen, Swisttal, Langenberg (Kreis Gütersloh), Metelen und Eslohe am vorbildlichsten zu sein scheint. Um zu dieser Feststellung zu gelangen, haben wir vor allem die Situation der Spielplätze zu den Aktivitäten von ehrenamtlichen Spielplatzpaten in ein Verhältnis gesetzt.
In einer weiteren Runde erhoffen wir uns Aufschluss über die Situation von Spielplätzen und Spielplatzpaten bei privaten Trägern (z.B. Wohnungsgesellschaften). Hier allerdings ist absehbar, dass die Ergebnissen hierüber kaum so repräsentativ sein dürften, wie die jetzt vorliegenden aus dem öffentlichen Sektor. Die Kooperationsbereitschaft scheint bei den „Privaten“ unterschiedlich ausgeprägt. Als sehr erfreulich zum Beispiel nimmt sich die Zusammenarbeit mit der Allbau AG in Essen aus. Dieser ist es inzwischen (2008) gelungen, 15 aktive Spielplatzpaten zu akquirieren.
Foto: Pixelio
In den Kommunen mit Jugendamt konnten über 2.600 Spielplatzpaten ermittelt werden, in denen ohne Jugendamt 275. Wenn überschlägig mit gut 100 Paten in anderen – zum Beispiel auch in privaten – Zusammenhängen kalkuliert wird, kann davon ausgegangen werden, dass sich in Nordrhein-Westfalen im Jahr 2008 ca. 3.000 Menschen ehrenamtlich als Paten engagieren.
Die Ergebnisse haben wir in diesem Bereich zusammengefasst. Sie finden hier eine Seite mit den Ergebnissen der nordhrein-westfälischen
Kommunen mit Jugendämtern – Zur Seite wechseln
Kommunen ohne Jugendämter – Zur Seite wechseln
Private Träger – Zur Seite wechseln
Auf den Seiten gibt es jeweils auch die Möglichkeit, sich die Ergebnisse detailliert als Gesamtübersichten herunterzuladen.
Sollte Bedarf an Rückfragen bestehen, können Sie sich gern telefonisch an uns wenden: 0179.211 04 73
ABA Fachverband Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen
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NAGEL-Redaktion – Spielräume

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Als als einem frühen Verfechter von Abenteuerspielplätzen, die als eine der gelungsten sozial- und kulturpädagogischen Einrichtung gelten müssen, war vom ABA Fachverband Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen früher nicht selten zu hören, dass es sich bei der Schaffung traditioneller Spielplätze um „herausgeschmissenes Geld“ handelt. Erste „Zugeständnisse“ wurde in der ASP-Szene in den späten siebziger Jahren des 20. Jahrhundert gemacht, wo sich die Verantwortlichen vorstellten, „konventionelle Spielgeräte“ könnten als eine Art „Durchlauferhitzer“ etwa im Eingangsbereich von Abenteuerspielplätzen installiert werden. Die Erkenntnis, dass Spielplätze im traditionellen Sinne durchaus von Kindern als langweilig begriffen werden, ist nicht einmal eine aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Vielmehr beobachtete dies bereits Anfang der 40-er Jahre der dänische Gartenarchitekt und Kunstprofessor Theodor Carl Sørensen, um aus jener Wahrnehmung heraus für Kinder attraktivere Spielangebote zu schaffen. Sørensen gilt als einer der „Väter“ der Abenteuerspielplatzbewegung in Europa.
Einige Spielgerätehersteller haben die frühere Kritik des ABA Fachverbandes durchaus geteilt und mit großem Engagement attraktive Möglichkeiten geschaffen. Nennen möchten wir hier vor allem die Fa. Richter Spielgeräte, mit der der ABA Fachverband seit langem erfolgreich kooperiert. Bei Richter heißt es: „Ganzheitlichkeit gehört zu unserem Anliegen. Wir fühlen uns verbunden mit allem Lebenden. Verantwortlich damit umzugehen, ist Voraussetzung für unser Handeln. Wir arbeiten für Menschen, vor allem aber für Kinder. Dabei haben wir die Sicherung ihres zukünftigen Lebens immer im Blick. Wir achten und schützen die Umwelt. Wir arbeiten ökologisch orientiert.“ Und weiter: „Beinahe hätten die Erwachsenen es nicht gemerkt. Kinder, eigentlich alle Menschen, brauchen Raum zum Spielen – am liebsten überall. Spielplätze sind ein Ersatz für verloren gegangene Spielräume.“ Diese Auffassung teilt der ABA Fachverband durchaus. Und dies gilt umso mehr, wenn man den Umstand, dass Kinder immer mehr dazu angehalten und verführt werden, sich möglichst wenig im Freien aufzuhalten, sich aus Sicherheitsgründen nach Möglichkeit nicht mehr zu bewegen.
Zu dieser verhängnisvollen Entwicklung braucht es quasi eine Gegeninszenierung. Wir müssen Kinder – Menschen im Grunde generell – wieder stärker dazu „verführen“, draußen zu spielen und herumzutoben. Angesichts der beklagten Gesamtentwicklung sind Plätze, die attraktives, spannendes und phantasieanregendes Spiel ermöglichen, heute wichtiger denn je.
Die Entwicklung der Spielplätze hat eine gewisse Tradition. „Die Zeit“ vom 19. Dezember 2007 schrieb im Zusammenhang mit dem kreativen Spielplatzentwickler Günter Beltzig: „Zu verdanken haben wir Spielplätze vor allem zwei Bewegungen des 19. Jahrhunderts. Eine reformpädagogische Aufbruchsstimmung sorgte für den Geist: Bis dahin war Spielen in der Kindheit nicht vorgesehen, galt als Müßiggang und Zeitverschwendung. Friedrich Fröbel, ein Schüler Pestalozzis, rief 1837 den ersten ‚Kindergarten’ ins Leben, indem er Kinder in seinen eigenen Garten zum Spielen einlud. Die ersten Spielplätze waren eher Sportplätze, die oft auch aus der Bewegung rund um Turnvater Jahn entstanden. Der öffentliche Spielplatz, wie wir ihn kennen, setzte sich in Deutschland erst dann durch, als durch die fortschreitende Urbanisierung immer mehr natürlicher Spielraum verloren ging.“ (Quelle: DIE ZEIT vom 19. Dezember 2007)
Insgesamt geht die Entwicklung weiter. Zunehmend wird beispielsweise die „Spielleitplanung“ mit Interesse zur Kenntnis genommen. In Sachen Spielleitplanung hat sich mittlerweile Dortmund als erste Großstadt „auf den Weg gemacht“.
Gern können Sie uns fragen, wenn es Ihnen um zeitgemäße Spielplätze und Spielorte geht. Wir bitten allerdings davon abzusehen, sich bei uns zu erkundigen, was wir davon halten, Spielgeräte in Hallen unterzubringen, um sie anschließend als so genannte „Indoor“-(Abenteuer-)Spielplätze gewinnbringend zu vermarkten. Sollten Sie daran Interesse haben, gehen sie zunächst einmal in eine solche Halle und lauschen und riechen Sie! Möchten Sie für solche Zumutungen Geld bezahlen?

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Ergebnisse der Erhebung des ABA Fachverbandes in NRW 2008
2008 hat der ABA Fachverband in zwei Runden Daten erfasst und ausgewertet, um näheren Aufschluss über Spielplätze und ehrenamtliche Spielplatzpaten in Nordhrein-Westfalen zu bekommen. Befragt wurden sämtliche 397 Kommunen in Nordrhein-Westfalen. Insofern sind die Ergebnisse als repräsentativ zu werten. In der erste Runde waren die 149 Städte beteiligt, in denen es ein eigenes Jugendamt gibt. In einem zweiten Durchgang wurden die Daten der 248 Gemeinden ohne Jugendamt erhoben. Diese Diffenzierung erschien insofern sinnvoll, da die Organisation der Paten recht unterschiedlich ist. Aufgrund der Fülle des Materials sind Angaben und Auswertungen auf speziellen Seiten zu finden. – Wechsel in den Bereich „Spielplatzerhebung NRW 2008“
Aktuell
Die Stadt als Spielraum
Spielplätze sind wichtig, keine Frage. Aber sie sind nicht alles. Kinder und Jugendliche spielen und treffen sich auch an anderen Orten. Deshalb ist es zunehmend wichtig, das gesamte Wohnumgfeld als Spielraum zu begreifen und erfahrbar zu machen. Bettina Schilling von „Spielplatztreff“ hat mit Christina Peterburs, Stadtplanerin im Planungsbüro Stadt-Kinder in Dortmund, gesprochen. -> Zum Interview (13. Dezember 2012)
Mehr Natur für Großstadtkinder
Kinder, die in ihrer Freizeit unbeaufsichtigt durch die Natur streifen, die Höhlen bauen, auf Bäume klettern, in Bachläufen waten oder Frösche fangen kommen oft nur noch in Büchern vor. Der Tagesablauf von Kindern ist heute – oft aus Angst vor verpassten Bildungschancen – überwiegend reglementiert und durchgeplant. Es fehlt die Zeit für freies Spiel und es fehlt besonders in Großstädten an geeigneten Flächen, wo Kinder unberührter Natur begegnen können.
Das Projekt Naturerfahrungsräume in Großstädten am Beispiel Berlin (abgeschlossen im Februar 2012) hat systematisch nach Möglichkeiten gesucht, diesem Trend etwas entgegen zu setzen. Bettina Schilling von Spielplatztreff hat mit Irma Stopka, der Projektleiterin über Naturerfahrungsräume (NERäume) gesprochen. -> Dorthin
Info: Dr. Hans-Joachim Schemel, Sprecher des Arbeitskreises Städtische Naturerfahrungsräume, definierte den NERaum in „Kinder und Natur in der Stadt“ (2008, S. 79ff.) wie folgt: „Ein städtischer Naturerfahrungsraum … ist eine weitgehend ihrer natürlichen Entwicklung überlassene, mindestens ein Hektar große ‚wilde’ Fläche im Wohnumfeld, auf der Kinder und Jugendliche frei, ohne pädagogische Betreuung und ohne Geräte spielen können. Mindestens die Hälfte der Fläche des NERaumes entwickelt sich ohne menschliche Eingriffe, die anderen Teilräume können durch extensive Pflege offen gehalten werden.“ -> Mehr Infos zum Arbeitskreis
Bedenkliches
Mehr als ein Drittel der Kommunen gab im Jahr 2010 deutlich weniger für den Erhalt von Spielplätzen aus, ermittelte der Bundesverband für Freiraum-Gestaltung (BFG) in einer breit angelegten Umfrage. Das wird sich aus Sicht des Verbandes erheblich auf die Qualität der Spielräume auswirken. Dr. Anke Münster hat die Ergebnisse zusammengefasst. Sie sind auf einer speziellen Seite zu finden. Nachfolgendes Bild anklicken!
Sparen à la Löningen (Niedersachsen) …
Frühe Aussagen und Gedanken
Pieter Bruegel d.Ä.: Kinderspiele (1560)
Unter dem Einfluss der Französischen Revolution entstand auch in Deutschland – zum Beispiel bei Peter Villaume (1746-1825) – der Plan zu einem öffentlichen Spielplatz. Dort sollten Kinder aller Stände unter der Aufsicht von Pädagogen gemeinschaftlich spielen. Grundgedanke dabei war, hierdurch das Gefühl der Gleichheit zu wecken und die Kinder so schon früh auf das Leben in einem von Villaume gewünschten bürgerlich-demokratischen Volksstaat vorzubereiten.
„Schulet Kinder durch Kinder! Der Eintritt in den Kinderspielplatz ist für sie einer in ihre große Welt. Habt keine Freude am Ge- und Verbieten, sondern am kindlichen Freihandeln.“ (Jean Paul, 1763-1825, aus: Levana oder Erziehlehre, 1806)
„Das Spielen der Kinder geschieht auf einem geräumigen Spielplatze, der mit reinem, nicht zu feinem Sande bestreut, und von dem ein kleinerer Teil gegen Regen, Sonne und Schnee, von oben bedeckt ist. Die Lehererinn greift nicht stets in die Spiele der Kinder ein, läßt sie mehr für sich laufen, springen und spielen und versorgt sie mit hinreichendem, aber sehr einfachem Spielzeuge.“ Spielzeug, das die Kinder erhalten, sind (zum Beispiel) Bälle, Knicker, Peitschen, Puppen und dergleichen. „Nützliche Beschäftigung und Gewöhnung in angenehmer, dem Körper und Geiste zuträglicher Weise, veranlaßt die Lehrerinn, sich mit der Abwechslung der Beschäftigungs-Gegenstände sowohl nach dem Wetter zu richten, als nach der Aufgelegtheit der Kinder, nach ihrem sich zeigenden Bedürfniß und Verlangen, nach der Jahreszeit u.s.w. So oft man passende lebende Gegenstände aus der freien Natur erhalten kann, als Pflanzen, Blumen, Käfer und andere kleine Thiere, werden diese benutzt, da sie todten Abbildungen weit vorzuziehen sind.“ (Theodor Fliedner, 1800-1864, aus: Liederbuch für Kleinkinderschulen und die Klassen der Elementarschulen, 1842)
„Die ersten Lebensjahre sind für das ganze weitere Leben entscheidend, auch was die Gesundheit der Kinder anbetrifft. Deshalb ist in diesen Jahren der Kampf um die Gesundheit außerordentlich wichtig. Es müssen Kinderspielplätze geschaffen und alle möglichen Maßnahmen getroffen werden, damit die Kinder im Sommer sehr viel im Freien sind und auch im Winter frische Luft schöpfen können. Das alles ist äußerst wichtig. Auch die Ernährung der Kinder spielt eine sehr große Rolle.“ (Nadeshda K. Kruspskaja, 1869-1939, aus: Allrussische Konferenz der Erzieher an Vorschuleinrichtungen, veröffentlicht 1948/deutsch 1967)

Foto: Günter Beltzig
„Der junge Mensch braucht seinesgleichen, nämlich Tiere, überhaupt Elementares, Wasser, Dreck, Gebüsch, Spielraum. Man kann ihn auch ohne das alles aufwachsen lassen, mit Teppichen, Stofftieren oder auf asphaltierten Straßen und Höfen. Er überlebt es, doch man soll sich dann nicht wundern, wenn er später bestimmte soziale Grundleistungen nie mehr erlernt, zum Beispiel ein Zugehörigkeitsgefühl zu einem Ort und einer Initiative.“ (Alexander Mitscherlich, 1908-1982)
Kinderspielplatz
Ein Kinderspielplatz ist ein Ort, an dem mehrere verschiedene Spielgeräte vorhanden sind, mit denen Kinder (meist bis 12 Jahre) spielen können. Spielplätze liegen oft in Siedlungen oder dicht besiedelten Gebieten und sind teilweise durch Zäune von umliegenden Straßen geschützt. Selten gehört auch ein Bolzplatz zu dem Areal eines Spielplatzes. Optimal ist die Integrierung in Grünflächen und die Zuordnung von Rasenflächen.

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Die meisten Städte und Gemeinden haben in ihrer Bauordnung Passagen zu Spielplätzen verankert. Kaum ein größeres Wohnprojekt darf ohne die dazugehörigen Kinderspielplätze errichtet werden. Öffentliche und kommunale Spielplätze sind mindestens einmal pro Jahr auf ihre Tauglichkeit und Sicherheit zu überprüfen. Auch die Wohnungsbaugesellschaften sind gehalten, regelmäßig den Sand in den Kästen zu erneuern. Auf den meisten Spielplätzen gilt ein uneingeschränktes Hundeverbot.
Das Sozialverhalten, das Kinder auf dem Spielplatz entwickeln, wird zu Fähigkeiten, die bis in ihr Erwachsensein wirksam werden. Studien stellten fest, dass Spielplätze zu den wichtigsten Orten für die Entwicklung der Kinder außerhalb des häuslichen Bereiches gehören. Die meisten Formen des Spiels sind für gesunde Entwicklung wesentlich, aber freies, spontanes Spiel, wie es auf Spielplätzen auftritt, ist die vorteilhafteste Art des Spiels.
Spielplätze und Spielgeräte müssen seit 1998 der europäischen Norm DIN EN 1176 und 1177 entsprechen. Davor galt die deutsche Norm DIN 7926. Ebenfalls zu beachten sind die DIN 18034 (Anforderungen und Hinweise für Planung und Betrieb) und für Spielplätze in Schulen und Kindergärten die Merkblätter der GUV (Gemeinde-Unfall-Versicherung).
Für private Spielplätze und Spielgeräte (das sind nur die ausschließlich eigengenutzten) gilt die schwächere DIN EN 71. Die nach dieser Norm gebauten Geräte sind billiger aber auch labiler, weniger haltbar und weniger langlebig und auch aus diesem Grund auch aus wirtschaftlichen Gründen nicht für Spielplätze von Kindergärten, gemeinsam genutzten Wohnungsbauten usw. geeignet.
Diese Normen (besondere die 1176 und 1177) sind ein Maßstab dafür, welche Vorkehrungen grundsätzlich beim Bau und Betrieb eines Spielplatzes zu berücksichtigen sind. Die Normen bestimmen Inhalt und Umfang der Verkehrssicherungspflichten, da sie einen Hinweis auf den Stand der für die betreffenden Kreise geltenden anerkannten Regeln der Technik geben. Damit ist man letztendlich nach § 823 BGB schadenersatzpflichtig, wenn man gegen einer dieser Normen verstoßen hat. Außerdem kann auch jemand bestraft werden, der die Normen einhält und zwar z. B. wegen eines Urteils des Oberlandesgericht Celle vom 28. Mai 2003 – 9U 7/03: Der Hersteller eines Spielgerätes hat in Bezug auf dessen konstruktive Anforderungen allerdings regelmäßig die anerkannten Regeln der Technik einzuhalten: Damit darf er sich begnügen, soweit diese Regeln nicht hinter der technischen oder wissenschaftlichen Entwicklung und jüngeren Gefahrenerkenntnissen hinterherhinken. Also müssen auch neue Unfallereignisse berücksichtigt werden ohne dass diese in Normänderungen berücksichtigt werden.
Die EN 1176 bestimmt beispielsweise: Bis zu einer Fallhöhe von 0,60 ergeben sich keine Anforderungen an den Fallraum, er ist jedoch frei von Hindernissen und Gegenständen zu halten. Für Fallhöhen von 0,60 cm bis 1,50 m muss der Fallraum 1,50 m breit sein und der Untergrund im Fallraum muss aus Rasen bestehen. Ab einer Fallhöhe von 1,50 m ist geeigneter Sand, Feinkies oder Rindenmulch in ausreichender Schichtdicke (mindestens 20 cm) erforderlich. Spielgeräte sind alle 1 bis 3 Monate auf Funktion und Stabilität zu prüfen (Hausmeister), und jährlich durch einen Sachkundigen auf Verschleiß oder Verrottung zu kontrollieren.
(Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Kinderspielplatz)
Der Spielplatzentwickler Günter Beltzig in der „Zeit“
Seit 30 Jahren erfindet Günter Beltzig Spielgeräte und erschafft Spielplatzlandschaften. Wenn Freizeitparks, öffentliche Einrichtungen oder Kommunen Kindern nicht die Standardwippe und die 08/15-Schaukel aus dem Katalog bestellen wollen, wenden sie sich an ihn. An 3500 Anlagen hat er mitgewirkt, rund 300 gehen auf seine Urheberschaft zurück – die archimedischen Schrauben gehören dazu, bei denen Kinder mit ihrer Beinkraft Wasser befördern, das Spiellabyrinth im Schlosspark Schönbrunn in Wien und der Wasserspielbereich im Deutschen Museum in München.

Foto: Günter Beltzig
Artikel „Matsch und Wasser gegen die Langeweile“ aus der ZEIT vom 19. Dezember 2007 herunterladen

Foto: Günter Beltzig
Spielplatzpaten im ABA Fachverband

Der ABA Fachverband organisiert Spielplatzpaten und Patenprojekte in Nordrhein-Westfalen. Es gibt hierzu regelmäßige Angebote. Mehr erfahren Sie zum Thema auf der entsprechenden Seite des Verbandes.

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Spielleitplanung

Spielleitplanung am Beispiel Rheinland-Pfalz

Spielleitplanung am Beispiel Dortmund
Verwaltungsvorlage herunterladen
Kinderfreundliche Stadtgestaltung (DKHW) – Beste Beispiele: Dortmund (Link)
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Spielleitplanung und das Deutsche Kinderhilfswerk

Spielleitplanung mit dem Planungsbüro Stadt-Kinder
Inzwischen haben wir zum Thema „Spielleitplanung“ eine separate Seite im Verzeichnis NAGEL-Redaktion angelegt. Dorthin

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Urteile und rechtlich Grundsätzliches zum Thema „Spielplatz“
Immer wieder gab es Versuche von Anwohnern – nicht selten, wenn „die eigenen Kinder aus dem Haus waren“ -, Spielplätze in der Nachbarschaft auf juristischem Wege zu verhindern oder zumindest ihren Betrieb stark einzuschränken. Wurde in früheren Zeiten kindliches Spielen seitens der Rechtsprechung immer wieder auch mal eingeschränkt, kann dies inzwischen kaum noch beobachtet werden. Die Gerichte sind sich – quer durch die Instanzen – weitgehend einig darüber, dass Kinderspiel eine „natürliche Lebensäußerung“ und von der Gesellschaft grundsätzlich hinzunehmen ist. Anlässlich eines aktuellen Urteils des Verwaltiungsgerichts Koblenz haben wir eine neue Seite „Spielplatzurteile“ eingerichtet, die wir im Laufe der Zeit ergänzen werden. In besagtem Urteil bestätigte das Verwaltungsgericht Koblenz die gängige Rechtsprechung: Spielplätze sind für Anwohner zumutbar.
Urteile und rechtlich Grundsätzliches zum Thema „Spielplätze“.
Sie erreichen bei Interesse die Seite, wenn Sie auf vorstehendes Symbol klicken.
Urteile und rechtlich Grundsätzliches zum Thema „Bolzplatz“
Spiel- und Bolzplätze werden häufig von der Rechtsprechung gegeneinander abgegrenzt. Aus diesem Grund gibt es zum Thema „Bolzplätze“ eine spezielle Seite mit Urteilen.
Urteile und rechtlich Grundsätzliches zum Thema „Bolzplätze“.
Sie erreichen bei Interesse diese Seite, wenn Sie auf vorstehendes Symbol klicken.
Sicherheit auf Spielplätzen und anderswo
Zum Thema „Sicherheit“ haben wir einen speziellen Bereich im ABA-Netz. Er ist über das Hauptmenü zugänglich. Zusätzlich gibt es die Möglichkeit, von hier aus dort hin zu wechseln.
Wechsel zur Seite „Sicherheit auf Spielplätzen“
Jetzt auch noch Seniorenspielplätze?
Was ist ein „Seniorenspielplatz“?
Es handelt sich dabei um eine Art Fitnesspark, der besonders für die Bedürfnisse von älteren Menschen ausgelegt ist. Verschiedene Geräte sollen ältere Menschen dazu anregen, sich auf den Plätzen in aller Öffentlichkeit sportlich zu betätigen und sich im Alter fit zu halten.
Die Idee eines solchen Platzes, der in erster Linie älteren Menschen als Fitnessparcours und Begegnungsort dienen soll, klingt auf den ersten Blick etwas gewagt. Denn die Tatsache, dass sich gestandene Leute in freier Natur an Spielgeräten austoben, klingt für viele erst einmal ungewohnt. Doch warum nicht? So wie es für Kinder wichtig ist, motorische Fähigkeiten zu erlernen, so wichtig ist es für Senioren, sich diese zu erhalten und fit zu bleiben. Zudem ist herausgefunden worden, dass die Kombination von geistiger und körperlicher Aktivität Demenz verzögern kann.
Woher kommt das Konzept?
Das Konzept kommt ursprünglich China, wo in den Parkanlagen und Fußgängerzonen vieler großer Städte solche Plätze bereits eingerichtet wurden und wo diese Art der gemeinsamen sportlichen Bestätigung längst zur Kultur gehört. Von Asien aus hat sich das Konzept dann langsam nach Europa ausgebreitet und ist schließlich auch in Deutschland übernommen worden.
Was passiert in Deutschland?
Auch in den Deutschland wird in den Gemeinden immer häufiger darüber nachgedacht, „Seniorenspielplätze“ zu bauen. Inwieweit eventuelle Planungen inzwischen fortgeschritten sind, erfahren Sie in der Rubrik „Aktuelle Entwicklungen“ auf der Seite von „zukunft finden„. Ob in Ihrer Umgebung bereits ein Fitnessparcours existiert, können Sie dort in der deutschlandweiten Liste bestehender „Seniorenspielplätze“ herausfinden. Sollten Sie einen Parcours kennen, der noch nicht in der Liste auftaucht, wenden Sie sich bitte an „zukunft finden“.
Sollte man den Begriff „Seniorenspielplätze“ verwenden?
Bleibt die Frage, wie eine adäquate Bezeichnung der Fitnessparcours für ältere Menschen lauten könnte. Vielerorts wird der Begriff „Seniorenspielplatz“ verwendet, wobei zumeist mit Nachdruck, darauf hingewiesen wird, dass dies nur ein Arbeitstitel sei. Schließlich läge nichts ferner, als die eigentlichen Nutzer des Fitnessparcours in irgendeiner Art und Weise zu diskriminieren. Die Frage der richtigen Namensgebung ist jedoch nicht ganz so einfach zu lösen, weshalb teilweise die Begriffe Mehrgenerationenplatz oder Generationenpark für das gleiche Konzept verwendet werden. Die Redaktion von „zukunft finden“ hatversucht zu differenzieren und herauszufinden, welcher der Begriffe für die Fitnessparcours am besten geeignet ist Mehr hierzu auf der angegebenen Seite (Quelle: zukunft finden, Hamburg – Thema „Seniorenspielplätze“)
Empfohlene Links
Günter Beltzig Spieldesign, Hohenwart
Wikipedia
Wikipedia zum Thema „Kinderspielplätze“
Wikipedia zum Thema „Natur-Erlebnis-Raum“
Wikipedia zum Thema „Seniorenspielplätze“
Zur Seite Ressorts im ABA Fachverband
NAGEL-Redaktion – Was sind Spielplatzpaten?

Spielplatzpaten
Von Christa Burghardt und Rainer Deimel
Übernahme von Spielplatzpatenschaften
Für Menschen, die eine verbindliche Verantwortung für einen Spielplatz übernehmen wollen, gibt es die Möglichkeit, „Spielplatzpate“ zu werden.
Sinn und Zweck der Spielplatzpatenschaft
Wie die Erfahrung zeigt, sind Spielplätze oftmals in einem sehr schlechten Zustand. Der Spielplatzeigentümer (Privatbesitzer oder Kommune) ist aus den unterschiedlichsten Gründen nicht in der Lage, den Spielplatz ausreichend zu warten. Um diesem Missstand abzuhelfen, kann ein Spielplatzpate ergänzend eingesetzt werden, regelmäßige Kontrollbesuche durchzuführen. Diese haben unter anderem zum Ziel, bestehende Mängel und Gefahren zu beseitigen, damit der Spielplatz jederzeit bespielbar ist und Kinder sich dort ungefährdet aufhalten und betätigen können.
Wie wird man Spielplatzpate?
In zahlreichen Städten gibt es bereits Spielplatzpatenschaften. Es existieren unterschiedliche Patenschaftsmodelle. Zum Beispiel übergibt die Gemeinde die ehrenamtliche Betreuung der öffentlichen Spielplätze an Privatpersonen, Vereine, Elterninitiativen, Schulklassen usw., die günstigerweise aus der näheren Umgebung der Spielanlage kommen sollten. In partnerschaftlicher Zusammenarbeit mit der Gemeinde- bzw. Stadtverwaltung betreuen sie den ihnen anvertrauten Kinderspielplatz. Dort, wo es keine Patenschaftsmodelle gibt, können die Bürger(innen) oder Vereine sich an die zuständige Behörde (Jugendamt, Grünflächenamt usw.) bzw. an den Besitzer wenden, um eine Patenschaft anzuregen und Einzelheiten abzuklären.

Foto: Rainer Deimel
Mitarbeitersuche
Eine Mitarbeitersuche ist sinnvoll, um
● sich den Arbeitsaufwand zu teilen;
● eine Vertretung im Krankheitsfalle oder bei Urlaub zu haben und
● sich über die Belange im Quartier und anderes austauschen zu können. (1)
Kontaktaufnahme
Kontakte nicht nur zu dem Besitzer/Träger, sondern auch zu den
● Kindern und Eltern,
● anderen Paten/Patinnen (Erfahrungsaustausch),
● Initiativen,
● Vereinen,
● Behörden,
● Presse usw.
werden unter Umständen notwendig, um die Interessen der Kinder bzw. des Spielplatzes zu vertreten.
Partizipation/Beteiligung von Kinder, Jugendlichen und Familien
Der Sinn von Beteiligung ist in der pädagogischen Fachwelt längst bekannt. Die Bewohner fühlen sich ernster genommen. Auch die politische (Langzeit-)Wirkung innerhalb einer lebendigen demokratischen Gesellschaft ist von herausragender Bedeutung. Ihre Umsetzung hält leider im Alltag nicht immer mit dem Erkenntnisstand Schritt. Es sind auch Konstellationen zu beobachten, wo man es zweifellos mit einer Schein-Partizipation zu tun hat. Junge Menschen spüren sehr bald und deutlich, wenn sie nicht ernst genommen werden. Eine wichtige Faustregel ist, dass es von der Durchführung des Beteiligungsverfahrens bis zur Realisierung eines neuen bzw. renovierten Spielplatzes nicht länger als ein Jahr dauern darf, besser noch, wenn es innerhalb von ca. sechs Monaten geschieht. Während des Verfahrens müssen ferner die Grenzen der Beteiligung deutlich sein, etwa bezüglich des vorhandenen Geldes und anderer Ressourcen.
Beteiligungsverfahren haben sich in der Praxis immer wieder als sinnvoll erwiesen, um potenzielle Ehrenamtliche für ihr Umfeld zu interessieren und schließlich als neue Paten zu gewinnen.
Grenzen der Patentätigkeit
Der Tätigkeit als Spielplatzpate sind Grenzen gesetzt. Er ist kein Spielplatzpolizist, sondern ein Partner für Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Anwohner usw. Die Gesamtverantwortlichkeit für den Spielplatz liegt selbstverständlich bei dem Spielplatzträger/-besitzer, der mit dem Paten alle Maßnahmen abstimmen muss. Auch muss klar sein, dass kinderfreundliche Spielplatzgestaltung kein Synonym für „Randalesicherheit“ ist. Dass Ausrüstung und Möblierung eines Spielplatzes einem gewissen Verschleiß und auch Zerstörungen unterliegen, muss einkalkuliert werden.
Es soll noch eine Abgrenzung vorgenommen werden: Aus Berlin etwa sind Sponsorenaktivitäten bekannt geworden, z.B. in Form von Stiftungen und Schenkungen (z.B. Spielgeräte, Bänke usw.). Die Stifter werden dort als Spielplatzpaten bezeichnet. Dies entspricht nicht dem Verständnis von Patenschaften, wie sie hier thematisiert werden.
Kritik an dem Patenschaftsmodell
Es besteht die Gefahr, dass der Spielplatzbesitzer sich in allem auf die Spielplatzpaten verlässt und somit versucht, sich aus der Verantwortung herauszunehmen. Durch eine gute Zusammenarbeit kann das jedoch verhindert werden. Die Auflistung der Betätigungsmöglichkeiten zeigt, wie vielfältig die Aufgaben der Paten sein können; sie darf jedoch nicht dazu führen, dass ein Pate bzw. eine Patengruppe verpflichtet wird, diese Maximalanforderung zu erfüllen. Dies würde das Ziel, ehrenamtliches Engagement freundlich zu fördern, konterkarieren und in der Praxis vermutlich dazu führen, dass sich keine Paten finden ließen bzw. diese vermutlich schnell wieder absprängen. Jeder Pate sollte sich nach seinen individuellen Möglichkeiten und Interessen einsetzen können, sofern letztgenannte eine wohlverstandene Patenschaft nicht zweifelhaft erscheinen lassen. Patenschaften werden hin und wieder auch von Nachbarn fehlinterpretiert. So „verwechseln“ manche Anwohner(innen) die Paten mit dem örtlichen Stadtreinigungsamt. Hin und wieder wird über Konflikte mit Hundehalter(innen) berichtet. Die genannten Aspekte machen eine besondere Verantwortlichkeit der Koordinationsstelle für Patenschaften deutlich. Daneben ist auch nicht auszuschließen, dass sich jemand als Spielplatzpate bewirbt, der über eine „Blockwartmentalität“ verfügt und das Ehrenamt dafür als praktikables Vehikel empfindet. Einem solchen Verhalten müsste dann entgegengewirkt werden, notfalls durch Beendigung der Spielplatzpatenschaft.
Betätigungsmöglichkeiten für Spielplatzpaten
Welche Aufgaben auf den einzelnen Paten/die einzelne Patin zukommen, ist recht unterschiedlich und hängt sowohl von den getroffenen Vereinbarungen als auch vom persönlichen Engagement der Betreffenden ab. Folgende Betätigungsmöglichkeiten können in Frage kommen:
► Kontrollbesuche
sollten regelmäßig, möglichst täglich, durchgeführt werden, um kleinere Missstände zu beseitigen bzw. um größere Mängel an den Besitzer zu melden, damit diese behoben werden.
► Pflegearbeiten
● können anfallen durch die Beseitigung von Unrat und Abfällen;
● durch die Pflege der Grünanlagen;
● durch die Säuberung der Spielgeräte, Bänke usw.
► Renovierungsarbeiten
in Form von kleineren Reparaturen oder Anstreicharbeiten an den Spielgeräten, Bänken und Umzäunungen könnten durchgeführt werden.
► Gestaltungsmöglichkeiten
● bieten sich an durch das Anpflanzen von Bäumen, Sträuchern, Blumen, Heilpflanzen oder Wildkräutern;
● durch das Aufhängen von Nistkästen für Vögel, Bruthilfen für Insekten usw.
● durch das Bemalen von Spielgeräten, Asphalt- und Plattenböden (z.B. mit Hinkelkästen);
● durch das Anbringen oder Bereitstellen von beweglichen Spielmaterialien (Holz, Steine, Kisten, Autoreifen usw.).

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► Spielangebote
können durchgeführt werden (z.B. an bestimmten Tagen in der Woche unter Mithilfe von Eltern und Kindern, aus der Nachbarschaft oder durch Unterstützung von Mitarbeiter(innen) des Jugendamtes bzw. freier Träger. Es bieten sich an
● kleinere Spielangebote (Spielnachmittage, die ohne großen Materialaufwand stattfinden können);
● größere Spielaktionen, die lange vorbereitet werden müssen und den Einsatz von zusätzlichem Spielmaterial erfordern;
● Kinderfeste, die möglichst von einem größeren Mitarbeiterteam vorbereitet und durchgeführt werden sollten;
● eine mobile Spielplatzbetreuung (z.B. in Zusammenarbeit mit einem Spielmobil);
● Bereitstellung von beweglichem Spielmaterial (wie beschrieben), das unter Umständen in einer Spielkiste (Baubude, Garage, Container usw.) lagern kann und zu bestimmten Zeiten an die Kinder herausgegeben wird.
► Anschaffungen
● könnten notwendig werden, um Reparaturen oder Renovierungsarbeiten auszuführen (z.B. Kauf von Farben), aber auch um
● neue Spielgeräte bereitzustellen.
► Finanzierungsmöglichkeiten
müssten gesucht werden, um anfallende Kosten zu decken und zwar durch
● Anfrage/Anforderung bei dem Spielplatzbesitzer;
● durch Sponsoren (z.B. Geschäftsleute aus der Umgebung);
● durch Straßensammlungen in der Nachbarschaft;
● durch die Organisation eines Spiellfestes (Verwendung der Überschüsse);
● durch einen Antrag auf öffentliche Bezuschussung usw.
Koordinationsstelle
Die Erfahrungen haben gezeigt, dass eine kontinuierliche Begleitung von Patenschaftsprojekten durch eine Koordinationsstelle unbedingt erforderlich ist, wenn ein Patenprojekt nicht von vornherein zum Scheitern verurteilt sein soll. Ehrenamtliche Mitarbeiter(innen) benötigen Aufmerksamkeit, Bestätigung und Hilfestellungen in als problematisch erlebten Situationen. Ehrenamtliches Engagement ist nicht selbstverständlich, sondern muss regelmäßig gepflegt werden. Spielplatzpaten/Spielplatzpatinnen brauchen eine professionelle Begleitung. Hierzu bieten sich Fortbildungen an, die Spaß machen und Bestätigung geben, Feste, Öffentlichkeitsarbeit usw. Eine einfache Übernahmevereinbarung über ein Gelände reicht nicht aus.
Es haben sich unterschiedliche Formen von Koordinationsstellen etabliert. Nicht selten liegt die Verantwortung in Händen kommunaler Büros für Kinderinteressen, bei Kinderbeauftragten oder Jugendämtern. Patenschaftsprojekte werden auch von freien Trägern (z.B. von Ortsverbänden des Deutschen Kinderschutzbundes, den „Falken“ usw.) und von Wohnungsgesellschaften organisiert.

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Rechtliche Aspekte
Es erscheint in jedem Falle sinnvoll, ein Patenschaftsprojekt vertraglich zu regeln. Wie bekannt, lauert „der Teufel“ manchmal im Detail. Um nicht der Gefahr zu erliegen, ehrenamtliches Engagement in Form von Patenschaften auszubeuten, sollten folgende Aspekte beachtet werden:
Die Verkehrsicherungspflicht verbleibt in jedem Falle beim Träger bzw. Besitzer des Spielplatzes, d.h. dieser ist letztendlich für die Sicherheit seiner Anlage juristisch verantwortlich.
Wenn ein Patenschaftsprojekt organisiert wird, sollte dies dem Träger der Gesetzlichen Unfallversicherung (Berufsgenossenschaft, Gemeinde-Unfallversicherungs-Verband, Eigenunfallversicherung) mitgeteilt werden. Wenn jemand wie ein hauptberuflich Beschäftigter im öffentlichen Rahmen beschäftigt wird, begründet dieses ein beitragsfreies Versicherungsverhältnis, sichert somit das berechtigte Interesse Ehrenamtlicher, „im Falle eines Falles“ nicht unabgesichert auskommen zu müssen (Behandlungs- und Rehabilitationskosten, Renten usw.).
Von beachtlicher gesellschaftlicher Relevanz ist inzwischen das Problem des sexuellen Missbrauchs von Kindern geworden. Leider lässt sich nicht ausschließen, dass sich Pädophile möglicherweise über eine Spielplatzpatenschaft die Nähe zu Kindern zu schaffen versuchen. Die im ABA Fachverband organisierten Patenprojekte sind durchweg bemüht, eine Eignung vor einem vertraglichen Abschluss gewissenhaft zu überprüfen. Belegt wird eine solche ggf. durch ein polizeiliches Führungszeugnis. Seitens des ABA Fachverbandes existiert ferner die Empfehlung, eine Ehrenerklärung abzuschließen. Zweifel an einer Eignung sind allerdings auch dann indiziert, wenn Interessierte ordnungspolitische Vorstellungen bezüglich des Amtes allzu sehr in den Vordergrund stellen.
Neuere Erkenntnisse zum ehrenamtlichen Engagement
Eine Erhebung des ABA Fachverbandes in Nordrhein-Westfalen (2008/2009) hat ergeben, dass ehrenamtliches Potenzial in zahlreichen Zusammenhängen vorhanden ist. Allerdings muss eine gute Betreuung und Begleitung sowie ein förderlicher Service für die Engagierten organisiert werden; dies betrifft sowohl die Kommunal- als auch die Landesebene. Ehrenamtlichkeit ist kein Akt des Altruismus, vielmehr geht einem solchen immer auch das eigene Interesse der Freiwilligen voraus. Dieses Eigeninteresse muss, damit es sich im Gemeinwesen entfalten kann, formell und informell gewürdigt werden. Kompetenzen und Anregungen hierzu sowie den erforderlichen fachlichen Austausch organisiert der ABA Fachverband Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen e.V.
Ehrenamtliches Engagement – wenn keine vordergründige Ausbeutung mitschwingt – geht auch nicht zu Lasten von Hauptamtlichkeit. Vielmehr fällt auf, dass die Kommunen regelmäßig dort, wo sie in hauptberufliches Personal investieren, ein Vielfaches an bürgerschaftlichem Engagement akquirieren können.
Die Verpflichtung, Kindern über ihr potenzielles natürliches Spielumfeld hinaus Spielflächen – auch in Form von möblierten Plätzen – zur Verfügung zu stellen, wird immer deutlicher. Der Trend, dass Kinder nicht mehr einfach „in den Wald“ zum Spielen gehen, ist auch in ländlichen Gebieten unübersehbar. Geschuldet ist dies zumeist neben einem zunehmenden Einsatz häuslicher virtueller und anderer technischer Medien der gestiegenen funktionalisierten Flächennutzung durch Verkehr und Kommerz, Änderungen elterlichen Verhaltens und Handelns sowie der Ausweitung des temporären Zugriffs von Schulen auf die Kinder.
Derartige gesellschaftliche Umgestaltungen wurden in etlichen der befragten Kommunen zur Kenntnis genommen; dementsprechend wurde gehandelt. Deutlich wurde dies beispielsweise im Bemühen um die Installierung von Spielplätzen, die vor Jahrzehnten in ländlichen Gebieten im Grunde völlig unbekannt waren. So verfügen beispielsweise die Kur- und Heilbäder in NRW über eine recht hohe Dichte von Spielmöglichkeiten.
Bei den ländlichen Gemeinden konnte überdies festgestellt werden, dass alle verantwortlichen hauptberuflichen Mitarbeiter in „technischen Ämtern“ (in der Regel im Grünflächen- oder Bauamt) beschäftigt sind. Auch hier bestätigte sich zum Teil die These, die bereits nach der ersten Runde der Befragung aufgestellt werden konnte: Je mehr eine Gemeinde in Hauptamtlichkeit investiert, umso größer ist der „ehrenamtliche Effekt“.
Ein weiterer interessanter Aspekt: Da es sich bei vielen Gemeinden um einen flächenmäßig umfassenden Zusammenschluss ehemaliger Dörfer handelt, spielt hier das Gemeinwesen häufig noch eine andere Rolle, als dies in größeren Gemeinden – zumal in Großstädten – der Fall ist. So kümmert sich beispielsweise der Ortvorsteher persönlich um die Ehrenamtlichen. Bisweilen gibt es in den Dörfern nur einen Spielplatz; die Identifikation der Bevölkerung mit „ihrem Spielplatz“ ist hoch. Äußerst positiv wirkt sich die „persönliche Ansprache“ der Engagierten durch die Kommune aus: Die Menschen fühlen sich in ihrem Engagement bestätigt und angenommen, wenn ihr Einsatz nicht als selbstverständlich betrachtet wird. Erfolgreich sind dementsprechend Einladungen zu Veranstaltungen, auf denen etwa mit einem gemeinsamen Kaffeetrinken gedankt wird.
Interessant auch der Gesichtspunkt, dass und wie in manchen Gemeinden die Verantwortlichen auf die Wünsche der Bevölkerung zur Errichtung von Spielplätzen reagieren: Auch in dörflichen Strukturen wird seitens der Eltern bzw. der Nachbarschaft der Wunsch vermehrt vorgetragen, die Gemeinde solle einen Spielplatz für die Kinder im Ort errichten. Angesichts knapper öffentlicher Kassen wird in solchen Fällen auch versucht, die Bevölkerung als Paten in die Verantwortung einzubinden. Städtische Mitarbeiter äußerten gegenüber dem ABA Fachverband, dieses Vorgehen sei recht erfolgreich. Weiterer Gewinn: Wie bereits zuvor berichtet, wächst auf diese Weise die Identifikation der Dorfbevölkerung mit „ihrem Spielplatz“.
Konflikte und „Vandalismus“
Immer mehr stellt sich seitens der Spielplatzpaten der Bedarf an Kompetenzvermittlung bezüglich möglicher Konfliktlösungen im Alltag dar. Der ABA Fachverband ist bemüht, diesem Erfordernis nachzukommen; dies gilt vor allem für aktuell geplante Vorhaben.
Allzu gern schwingt auch der leidige Begriff des „Vandalismus“ in diesem Zusammenhang mit. (2) Würde man den Begriff gegenwärtig historisch einigermaßen korrekt verwenden, stünde er eher für kulturelle Umwälzungen, das Schaffen eigener Identität und die Überwindung von Mangelsituationen. Mit anderen Worten: Wenn Jugendliche „vandalisieren“, spricht dies eher für eine Abgrenzung gegenüber überkommenen gesellschaftlichen Erwartungen und vor allem für einen Mangel, den junge Menschen erleben. Sie finden nicht genügend Terrain, ihre Interessen auszuleben. In diesem Kontext wird auch der Begriff der „Prävention“ häufig missverständlich genutzt, geht es doch dabei nicht in erster Linie darum, Bestehendes zu erhalten, sondern junge Menschen davor zu bewahren, sich selbst – möglicherweise aus Unerfahrenheit oder auch aus Frustrationen heraus – nachhaltige Schäden zuzufügen.
Christa Burghardt ist Geschäftsführerin des Deutschen Kinderschutzbundes in Hagen
Rainer Deimel ist Referent für Bildung und Öffentlichkeitsarbeit beim ABA Fachverband Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen e.V.
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Fußnoten
(1) In manchen Fällen haben die Spielplätze mit Patenschaften gar den Ruf einer „Problemlöse-Instanz“. So war von Paten kürzlich wörtlich zu erfahren: „Kommt zum Spielplatz, ‚wenn was ist‘. Da könnt Ihr Eure Sorgen loswerden. Und vielleicht wird Euch da sogar geholfen.“
(2) Im 18. Jahrhundert wurde der Begriff „Vandalismus“ mit Rückblick auf die Plünderung Roms durch die Vandalen, einem germanischen Volksstamm, im Jahre 455 geprägt. Angesprochen wurde hier ein fanatisches zielloses Zerstören. Dieser Aspekt wird den Vandalen – immerhin ein Kulturvolk, soweit man das aus heutiger Sicht zu beurteilen vermag – allerdings nicht gerecht; vielmehr wurde dieses Bild durch das bedrohte Römische Reich geprägt.
Gründlich überarbeiteter Text vom 14. Mai 2010
Der Text fußt auf einer Arbeit aus dem Jahr 1999, weitere Aktualisierung am 8. August 2007.
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NAGEL-Redaktion – Studie zur beruflichen Situation der jungen Generation 2010: Je jünger, desto prekärer
Der Aufschwung geht an den jungen Menschen vorbei. Gerade sie sind von prekären Arbeitsverhältnissen wie Praktika, Leiharbeit und befristete Jobs besonders betroffen. Das belegt eine Studie von TNS Infratest. Die IG Metall hatte das Institut beauftragt zu erforschen, welche Entwicklungen die berufliche Situation der jungen Generation bestimmen. Wir informieren über die prägnantesten Ergebnisse und Botschaften. Im Fokus der TNS Infratest-Studie steht die Generation der 14- bis 34-Jährigen sowie deren Stimmung und Zukunftserwartung. Das Institut untersuchte, welche Einstellungen, Ängste und Erwartungen aktuell junge Menschen insbesondere zur beruflichen Situation und Perspektive prägen und – wie sich diese gegenüber der Vorläuferstudie aus 2009 verändert haben.
Junge werden abgehängt
Infratest führte die repräsentative Befragung im September 2010 durch, deren Ergebnisse Detlef Wetzel am 18. Oktober 2010 in Frankfurt vorstellte. „Im wirtschaftlichen Aufschwung werden die Jungen abgehängt und im Erwerbsleben an den Rand gedrängt. Der Aufschwung geht an der jungen Generation vorbei“, attestierte der Zweite Vorsitzende der IG Metall.
Die Prekarisierung der jungen Generation steige auf hohem Niveau auch nach der Krise weiter an und werde zu einer entscheidenden strukturellen Erfahrung, kritisierte der Gewerkschafter. Dies zeige sich insbesondere am hohen Anteil befristeter Stellen. Mehr als ein Viertel der befragten jungen Erwerbstätigen gab an, im bisherigen Berufsleben nur befristet beschäftigt gewesen zu sein. Ein Fünftel der Beschäftigten unter 35 arbeitet in Teilzeit, obwohl bei der Mehrheit der Wunsch nach einer Vollzeitstelle bestehe. Auch der häufig in Aussicht gestellte „Klebeeffekt“, wonach Leiharbeit zur Übernahme führe, bleibt eine Ausnahme und hat sich gegenüber dem Vorjahr noch verschlechtert.
Topthema der IG Metall
Angesichts der Debatte um Fachkräftemangel und Zuwanderung kritisierte Wetzel, dass Fachkräftepotenziale durch Aus- und Weiterbildung nicht hinreichend genutzt würden. Politik, die die Entfaltungsmöglichkeiten und Perspektiven der jungen Generation derart stiefmütterlich behandle, gefährde die Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft und führe in eine zweite Bildungskatastrophe, sagte Wetzel. Deshalb mache die IG Metall die Lebens- und Arbeitsbedingungen der jungen Beschäftigten auf betrieblicher und gesellschaftlicher Ebene zum Topthema. „Es ist Aufgabe der Politiker und Unternehmer, die Zukunftschancen der Jungen zu verbessern. Wir werden als IG Metall bessere Zukunftschancen nicht nur einfordern, sondern unsere betrieblichen und tarifpolitischen Gestaltungsmöglichkeiten weiter nutzen“, betonte Wetzel.
Die prägnantesten Ergebnisse und Kernbotschaften
• Prekäre Arbeit nimmt bei den jungen Beschäftigten überproportional zu.
• Mehr als ein Viertel der unter 35-Jährigen war bisher ausschließlich befristet beschäftigt.
• Junge Menschen haben kaum Chancen, aus der Leiharbeit herauszukommen.
• Je besser der Schulabschluss, desto größer die Zufriedenheit.
Prekäre Arbeit nimmt bei den jungen Beschäftigten überproportional zu
Praktika, Leiharbeit, befristete Beschäftigung – die Studie belegt: Prekäre Arbeitsverhältnisse betreffen junge Menschen überproportional. Mehr als die Hälfte aller Erwerbstätigen bis 24 Jahre sind befristet oder in Leiharbeit beschäftigt oder gehen einer ABM/SAM-Maßnahme nach.
Gegenüber 2009 arbeiten zwei Prozent mehr in prekären Jobs, die unter 35 Jahre alt sind. Ihr Anteil erreichte die 30 Prozent-Marke. Besonders gravierend trifft es die 20- bis 24-Jährigen: Mit neun Prozent stieg ihr Anteil an den prekär Beschäftigten auf 45 Prozent und toppte sogar das Krisenjahr 2009. Bei den über 35-Jährigen blieb der Anteil unverändert bei 16 Prozent. Die sich abzeichnende Folge: Die bestehenden Sozialversicherungssysteme sind durch die zunehmenen prekären Beschäftigungsverhältnisse gefährdet.
Mehr als ein Viertel der unter 35-Jährigen ist befristet beschäftigt
Gerade Berufseinsteiger machen die bittere Erfahrung: Der ehemals klassische Weg „Schule – Ausbildung/Studium – unbefristete Beschäftigung“ stellt zunehmend die Ausnahme dar. 36 Prozent der 20- bis 24-Jährigen haben bisher ausschließlich befristet gearbeitet. Trotz Aufschwung sind aktuell 28 Prozent der jungen Erwerbstätigen, die unter 35 sind, seit ihrem Berufseinstieg befristet beschäftigt. Ihr Anteil ist seit 2009 noch mal um sechs Prozent gestiegen. Damit bestätigt die Studie, dass prekäre Arbeit kein vorübergehendes Phänomen zu Beginn des Berufslebens ist, sondern langfristige Realität für viele.
Die sich abzeichnende Folge: Befristung hat – wie andere Formen prekärer Beschäftigung – weitreichende Konsequenzen auf das Privatleben. Jungen Menschen fehlt die Sicherheit, ihr Leben und ihre Zukunft zu planen – von Familiengründung über Immobilienerwerb bis hin zur Altersvorsorge.
Kaum Chancen, aus der Leiharbeit herauszukommen
Die Behauptung, Leiharbeit habe eine strukturelle Brückenfunktion in ein festes Arbeitsverhältnis beim Entleihbetrieb, haben die Infratest-Forscher eindeutig widerlegt. Eine solche Übernahme („Klebeeffekt“) bleibt die Ausnahme und ist trotz Aufschwung erneut gesunken. Der sogenannte „Klebeeffekt“ bei jungen Leiharbeiternehmern, die unter 35 sind, liegt aktuell bei rund sieben Prozent. 2009 waren es noch neun Prozent. Noch seltener wären Übernahmen, wenn sie nicht von Gewerkschaften durch betriebliche Vereinbarungen ermöglicht würden.
Fazit: Junge Menschen, die ihren Berufseinstieg mit Leiharbeit beginnen, haben wahrscheinlich kaum eine Chance, später fest angestellt zu werden.
Je besser der Schulabschluss, desto größer die Zufriedenheit
Ob ein guter Hauptschulabschluss besser ist als ein schlechter Realschulabschluss – darüber gehen die Meinungen auseinander. Fakt ist jedoch laut Studie: Realschulabsolventen und Abiturienten sind wesentlich zufriedener als Schulabgänger mit Hauptschulabschluss.
Aktuell sind 74 Prozent der Schulabgänger mit mittlerer Reife und sogar 82 Prozent mit Abitur oder Hochschulabschluss mit ihrer beruflichen Entwicklung zufrieden. Bei den Hauptschulabgängern sind es nur 47 Prozent und damit sogar sechs Prozent weniger als im Vorjahr.
Fazit: Die Zufriedenheit mit der beruflichen Entwicklung hängt stark vom eigenen Schulabschluss ab.
IG Metall vom 18. Oktober 2010
Weitere Informationen:
IG Metall zum Thema – Auf dieser Seite gibt es die Möglichkeit, sich die TNS-Infratest-Studie herunterzuladen.
IG Metall: Studie 2010 (Generation prekär)
IG Metall: Studie 2009 (Motiviert und ausgebremst)
NAGEL-Redaktion – Qualitätsstandards – Vorschlag GEW und ver.di (2009)
Ein Vorwort
Begünstigt durch das schlechte Abschneiden in den PISA-Studien verstärkte sich in Deutschland die Diskussion um die Ganztagsschule. In der Grundschule begann eine breiter angelegte Umstrukturierung ab dem Jahr 2003. Immer mehr Grundschulen fügten an ihren Unterricht das Modell der „Offenen Ganztagsgrundschule“ an. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft und ver.di haben diesen Prozess in Ostwestfalen-Lippe besonders intensiv und kritisch begleitet. Beide Gewerkschaften haben andere Vorstellungen von der Gestaltung eines Ganztages für Schülerinnen und Schüler. Sie vertreten Modelle, in denen Schule ganztägig zu einem lebendigen Lern- und Lebensumfeld – und zwar für alle die Schule besuchenden Kinder – entwickelt wird. Die Landesregierung war nicht bereit, in den Grundschulen die Weichen in diese Richtung zu stellen. Im Gegenteil, bereits bestehende Ganztagsgrundschulen mussten ihr Engagement einstellen und das neue Modell der OGS übernehmen. Grund: Die Kosten sind geringer.
Dass die Landesregierung nicht wüsste, wie es besser geht, kann man nicht sagen. Sie finanziert aus politisch opportunen Gründen qualifizierte Konzepte, wenn es um die Sicherung der Hauptschulen geht; hier wird ein Personalzuschlag von 30 Prozent ermöglicht, den es so in keiner anderen Schulform gibt.
Unberücksicht bleiben bei fast allen Konzepten die Arbeitsplatzinteressen der Beschäftigten. Die ausgeweiteten Arbeitszeiten in der Schule führen zur weiteren Belastung, für die den Lehrkräften kein zeitlicher Ausgleich und kein angemessener Arbeitsplatz angeboten werden. Insbesondere aber die Beschäftigten der Offenen Ganztagsgrundschulen arbeiten meistens in finanziell unattraktiver Teilzeit und werden häufig -selbst wenn die Träger dies gerne umsetzen würden- nicht tariflich bezahlt, denn das System OGS ist unterfinanziert.
GEW und ver.di haben vor diesem Hintergrund mit den Beschäftigten Standards diskutiert und aufgestellt. Am 9. März 2009 wurden sie von 100 pädagogischen Mitarbeitern von ostwestfälischen offenen Ganztagsschulen in Herford verabschiedet. Sie sollen ein Anstoß für die Diskussion sein, zunächst den offenen Ganztag qualifizierter zu gestalten. Sie sollen aber zugleich auch Prüfstein für das Engagement von Trägern und Kommunen und die künftigen Entscheidungen von Politikern in Nordrhein-Westfalen sein.
Sabine Unger (GEW OWL, Vorsitzende), Brigitta Schulze (GEW OWL, Vorsitzende Fachgruppe Sozailpädagogische Berufe), Hermann Janßen (ver.di, Bezirk Herford-Minden-Lippe, stellvertretender Geschäftsführer)
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Qualitätsstandards der OGS
1. Beitragsfreiheit für jedes Kind
● Täglich ein warmes, kostenloses und gesundes Mittagessen
● Kostenfreie Teilnahme aller Kinder an der OGS und an Maßnahmen bis 13 Uhr
2. Personelle Ausstattung
Die gute und nachgewiesene Qualifikation des gesamten Personals ist eine Voraussetzung. Das pädagogisch eingesetzte Personal muss entsprechende Abschlüsse aufweisen. Es sind multikulturelle Teams nötig. Es sollten multiprofessionelle Teams gebildet werden. Multiprofessionalität muss durch die Ausstattung mit finanziellen Mitteln ergänzt werden können. Die Beschäftigung von 1-Euro-Kräften ist nur zusätzlich zuzulassen. Das Abdecken von Personalbedarfen mit diesen Kräften ist unzulässig.
Solange es in NRW keine verbindlichen Ganztagsschulen gibt, müssen die Grundschulen die Betreuung bis 13 Uhr ebenfalls angebotsorientiert weiter anbieten können.
Personal:
● 10 Kinder/35 Wochenstunden (Verzahnungsstunden GS-OGS, Vor-/Nachbereitung, Teambesprechungen, Beratung …)
● Zusätzlicher Pool für Vertretung einrichtungsübergreifend
Weiteres Personal:
● Ressourcen für multiprofessionelle Dienstleistungen: Kinder- und Jugendhilfe, Psychologen, Therapeuten, …
● Qualifizierte Honorarkräfte für die AGs und Projekte
Bezahlung der Beschäftigten:
● Die Bezahlung muss nach den gültigen Eingruppierungstarifen erfolgen, die die Gewerkschaften mit den Arbeitgebern vereinbart haben.
● Honorarkräfte für AGs müssen mit mindestens 20 Euro bezahlt werden.
3. Aufgaben
Die Zeitressource muss folgende Aufgaben abdecken:
● Arbeit mit den Kindern
● Bedarfsgerechte Betreuung in Kernzeiten der Ferien
● Vor- und Nachbereitung, Förderplanung
● Teambesprechungen, Supervision
● Einarbeitung und Anleitung von PraktikantInnen
● Elternarbeit in Einzelgesprächen, bei Hausbesuchen oder an Elternabenden
● Gespräche mit dem Träger, den LehrerInnen, der Schulleitung
● Hospitationen im Unterricht; ggf. eigenständige Angebote
● Kooperation mit den Partner, die in der OGS Angebote machen
● Kooperation mit Unterstützungssystemen: Kinder- und Jugendhilfe, Jugendamt, Therapeuten, …
● Verwaltung und Abrechnungen
● Fortbildung des Personals, z.T. auch gemeinsam mit den Lehrkräften
● Förderung von Kinderbeteiligung (z. B. „Kinderrat“) und partizipativen Prozessen (Rückmeldungen von Kindern, Eltern, Beschäftigten)
4. Pädagogische und organisatorische Koordinierung
● Einrichtung einer OGS-Leiter-Stelle; Ausstattung der Leitung mit Büro und entsprechender Ausstattung
● Anteilige Freistellung der Leitung (analog zur Kita-Leitung)
● Feste Ansprechpartner und Absprachen zur Aufgabenverteilung: Träger, Schulleitung, Lehrer, OGS
● Regelmäßige Treffen zur Koordinierung und pädagogischen Konsultation unter anderem vor Elternsprechtagen
● Integration des OGS-Personals in die schulischen Gremien; Verankerung in den entsprechenden Paragraphen des SchulG
● Verankerung von OGS-Themen auf der Tagesordnung der Schulgremien
● Integration der Elternvertreter in die schulischen Gremien; gesetzliche Verankerung
5. Räume
● Gruppen-/Klassenraum mit Nebenraum
● Essraum und Küche
● Rückzugs- oder Ruheraum
● Toberaum
● Sichere Flure, in denen eine päd. Gestaltung möglich ist
● Personalraum und Büro
● Kinder- und Personaltoiletten
● Räume für Elternarbeit und Begegnungsmöglichkeiten
6. Sonstige Ausstattungen und Bedingungen
● Etat für Bau, Instandhaltung, Renovierung, Ausstattung der Einrichtungen und Ersatzanschaffungen
● Etat für Lern-, Förder- und Spielmaterialien
● Etat für Exkursionen, Ausflüge u. Ä.
● Außenanlagen, die zum freien Spiel anregen
● Einbeziehung von Gesundheitsfaktoren: Lärmschutzmaßnahmen, passende Möblierung für das Personal, Gefährdungsbeurteilung und Gesundheitszirkel
Einstimmig verabschiedet am 9. März 2009 von 100 Kolleginnen und Kollegen der Offenen Ganztagsgrundschulen in Herford
Stand 9. März 2009 ©AG OGS GEW-verdi: Sabine Unger und Hermann Janßen, Ostwestfalen-Lippe
NAGEL-Redaktion – Evangelische Gesamtschule Gelsenkirchen

Die Evangelische Gesamtschule im Stadtteil Bismarck nahm ihren Betrieb im Sommer 1998 auf und wird zur Zeit von fast 1.000 Kindern besucht. Da die Schule noch im Aufbau ist, steigt deren Zahl ebenso wie die der derzeit knapp 70 Lehrerinnen und Lehrer weiterhin an. In diesem Schuljahr haben wir die Jahrgangsstufe 12 erreicht, die ersten 170 Schülerinnen und Schüler besuchen nun die Oberstufe der EGG (wie die Schule oft in Kurzform genannt wird).
Als Schule in privater Trägerschaft – sie ist eine Einrichtung der Evangelischen Kirche von Westfalen – ist die EGG einem besonderen reformpädagogischen Ansatz verpflichtet:
Die vier Buchstaben „F E L S“ stehen als Kürzel für ein Konzept, das sich so beschreiben lässt:
- Als ‚Familienschule’ will sie zwar keine Konkurrenz zum häuslichen Umfeld sein, aber doch durch eine familiäre Atmosphäre für ein Klima sorgen, in dem sich die Kinder und Jugendlichen „zu Hause“ fühlen.
- Als ‚Erziehungsschule’ will sie Akzente setzen gegen eine Kultur des Wegschauens und die Charakterbildung nicht weniger ernst nehmen als die Wissensvermittlung.
- Der Begriff der ‚Lebensschule’ verweist auf Lernkonzepte, die Musik, Theater, Handwerk, Sport, Spiel und alljährliche Klassenfahrten in den Unterrichtsalltag einbeziehen.
- Schließlich versteht sie sich nicht zuletzt auch als ‚Stadtteilschule’, die in Gelsenkirchen-Bismarck in vielfältiger Weise mit dem lokalen Umfeld verknüpft ist.
Die Attraktivität der EGG ist in den letzten Jahren kontinuierlich gewachsen und sorgt dafür, dass die Schulleitung das jährliche Anmeldeverfahren mit einem lachenden und einem weinenden Auge sieht. Von den deutlich mehr als 300 Aufnahmewünschen aus dem ganzen Stadtgebiet können maximal 150 berücksichtigt werden. Die dadurch bedingten vielen Absagen sorgen für Enttäuschung bei denen, die keinen der begehrten Plätze bekommen konnten.
Gute Voraussetzungen für die Umsetzung der pädagogischen Konzepte bietet auch die einzigartige und vielfach preisgekrönte Architektur. Da ist einmal ein großzügiges Hauptgebäude mit Bibliothek, Aula, Mensa, attraktiven Fachräumen und einem begrünten, offenen Lichthof, der eher an ein Caféhaus als an eine Schule denken lässt. Zum anderen bewundern Besucher immer wieder die Klassenhäuser, die auf zwei Etagen den Schülerinnen und Schülern viel Raum lassen und für jede Klasse einen eigenen Garten ebenso wie einen eigenen Sanitärbereich bereit halten.
Kinder unterschiedlicher Konfession und Nationalität leben und lernen gemeinsam an der EGG, die einen Schwerpunkt auch im Bereich des interkulturellen Lernens setzt. Gut 20% der Schülerschaft sind türkischer Herkunft, die meisten von ihnen sind Muslime. Ein eigener islamischer Religionsunterricht gehört für sie zum Stundenplan, eine Selbstverständlichkeit für eine Schule, in der die religiöse Dimension im Schulleben einen wichtigen Platz einnimmt.
Kontakt
Evangelische Gesamtschule Gelsenkirchen
Laarstraße 41
45889 Gelsenkirchen
0209/983030
Vorgestellt im i-Punkt 7/2005.
NAGEL-Redaktion – Katholische Schule St. Franziskus, Berlin-Schöneberg
Eine integrierte Reformschule: Katholische Schule St. Franziskus in Berlin-Schöneberg
An der katholischen Franziskus-Schule in Schöneberg müssen Schüler der siebten Klassen keine Angst mehr vor dem Sitzenbleiben haben. Die „integrierte Reformschule“ zeichnet sich durch vier wesentliche Neuerungen aus:
Die Oberschule bis zur 10. Klasse wird zusammengefasst, die Zweige Haupt- und Realschule sowie Gymnasium werden zusammengelegt. Anders als in einer herkömmlichen Gesamtschule bleibt der Klassenverband bestehen. Außerdem bekommt der Unterricht projektorientierte Schwerpunkte. Und: Keiner bleibt sitzen.
Ihre Wissenslücken können sie stattdessen in kleinen Gruppen im Nachhilfeunterricht schließen. Mit gezielter Förderung sollen die Leistungen der Schüler verbessert werden. Wenn sie eine Klasse wiederholen, ändern sich die Noten oft kaum, so die Erfahrungen der LehrerInnen. Unter dem Motto „Das Kind in die Mitte“ soll sich künftig auch der Unterricht ändern. Die Franziskus-Schule vereinigt unter ihrem Dach Grund- und Oberschule bis zur zehnten Klasse. Die Aufteilung der Schüler in Haupt-, Realschul- und Gymnasialklassen gehört vom neuen Schuljahr an der Vergangenheit an. Nach dem Reformkonzept lernen Hauptschüler mit Gymnasiasten gemeinsam. „Wir müssen Unterrichtsmaterialien für schwache, mittlere und gute Schüler parat haben“, sagt Englischlehrerin Janette Beckmann. An der Franziskus-Schule werden etwa 750 Schülerinnen und Schüler aus mehr als 25 Nationen in Grund- und Oberschule unterrichtet. Diese Vielfalt prägt die Schulgemeinschaft; Lehrer und Schüler leben hier im christlichen Sinne friedlich zusammen. Die Franziskus-Schule hat sich immer als eine Schule verstanden, die für alle Kinder da ist. Sie will die Kinder dort abholen, wo sie stehen, das Schulkonzept wird daher kontinuierlich weiterentwickelt.
Seit 1990 wird ein Zweig der Grundschule nach den Prinzipien der Montessori-Pädagogik unterrichtet. Der Kernsatz „Hilf mir, es selbst zu tun“ dient als Grundlage für die Planung und Durchführung des Unterrichts. In jahrgangsübergreifenden Klassen (Klasse1-3) beginnen die Schüler um 8.05 Uhr mit Freiarbeit. Diese endet mit dem gemeinsamen Frühstück. Während der Freiarbeit wählen die Schüler eine Arbeit aus der vorbereiteten Umgebung selbstständig aus, entscheiden sich für eine Arbeitsform und die Arbeitsdauer. Die Aufgaben des Lehrers bestehen darin, die Kinder gut zu beobachten, damit er weiß, welche Angebote bereitzustellen sind, und eine Entscheidung zwischen Abwarten und Eingreifen zu treffen.
Die Erfahrung zeigt, dass Schüler, die in jahrgangsübergreifenden Gruppen lernen, in jeder Hinsicht davon profitieren: die jüngeren von den älteren, weil sie von ihnen und mit ihnen lernen können; die älteren müssen beim Erklären Gelerntes verbalisieren, dabei entwickeln sich neue Strukturen, und es tauchen eventuell neue Fragen auf, die zu klären sind.
Geplant sind mehr Gruppenarbeit sowie projektorientiertes, selbstständiges und eigenverantwortliches Lernen. Teamarbeit wird künftig auch von den Lehrern gefordert. Mit der Reformschule ändert sich auch der Stundenplan. So sieht die Stundentafel der siebten Klasse in den Hauptfächern wie Deutsch, Englisch, Mathematik nur drei anstatt bisher vier Wochenstunden vor. In den neu gewonnenen Stunden werden Lerntechniken vermittelt und Wochenarbeitspläne entwickelt. Auf dem Programm stehen auch Bildungsreisen.
Am Nachmittag kooperiert die St. Franziskus-Schule mit Mitarbeitern des Malteser Hilfsdienstes, die zur Kinder- und Jugendbetreuung an der Schule ein dreijähriges Modellprojekt gestartet haben.
Adresse
Katholische Schule St. Franziskus
Hohenstaufenstraße 1
10781 Berlin
030/21 635 12
Wir bedanken uns bei Katja Heßling, Referentin bei der LAG Kath. Offene Kinder- und Jugendarbeit NRW, für den Hinweis auf die St. Franziskus-Schule.
NAGEL-Redaktion – Realschule des Freeien Grundes, Neunkirchen/Siegerland

Wie in jeder Schule lernen unsere Schüler im Unterricht Mathe, Deutsch, Englisch, Geschichte, Physik und und und …
An unserer Schule haben die Schüler aber die Möglichkeit, neben den Fachkenntnissen noch ganz andere Fähigkeiten zu erwerben:
Firmen
In unseren sieben Schülerfirmen lernen unsere Schüler, wie man organisiert, mit Kunden umgeht, Geld ausgibt, einnimmt und damit haushaltet.
Schülersanitätsdienst
In unserem Schülersanitätsdienst lernen unsere Schüler mit Krankheiten und Verletzungen ihrer Mitschüler umzugehen und sie liebevoll zu betreuen.
Streitschlichtung
In unserer Streitschlichtungsausbildung lernen unsere Schüler, Konflikte untereinander selbst und gewaltfrei durch Schlichtungsgespräche zu lösen.
Methodenkompetenztraining
In unserem Methodenkompetenzunterricht erwerben unsere Schüler Arbeitstechniken, die ihnen helfen selbstständig Wissen zu erarbeiten und gezielt anzuwenden.
Stufenplan
Im Rahmen unseres Stufenplans lernen unsere Schüler, ihr Fehlverhalten selbst zu benennen, einzuschätzen und durch selbst gefundene Lösungen einzustellen.
Rock-Pop-Theater
Durch Einüben und Aufführen unserer Rock-Pop-Theaterstücke lernen unsere Schüler, ein positives Körpergefühl zu gewinnen und ihre kreativen Fähigkeiten einzusetzen.
Alle diese Betätigungsbereiche erfordern ein gemeinsames Miteinander. Die Schüler lernen Verantwortung für sich und andere zu übernehmen und erwerben Selbstvertrauen, weil sie sich als ernst genommenes Mitglied einer Gruppe erfahren können.
Na? Neugierig geworden?
Dann stöbern Sie auf unserer Homepage, dort werden Sie noch vieles mehr finden!!!
Anmerkung der Redaktion: Dass es gelingt, alle Jugendlichen nach dem Verlassen der Schule in eine Lehrstelle bzw. eine weiterführende Schule zu vermitteln, erscheint besonders erwähnenswert. Die Bewerbungsprofile der jungen Leute sind ebenfalls im Internet zu finden.
Kontakt
Realschule des Freien Grundes
Am Kirchweg 1
57290 Neunkirchen/Siegerland
02735/4041
NAGEL-Redaktion – Freie Schule Bochum

Wir empfehlen einen Blick auf die Internet-Seiten der Freien Schule Bochum. Die Freie Schule Bochum wurde 1981 gegründet und ist eine private Gesamtschule besonderer pädagogischer Prägung für die Jahrgangsstufen 1 bis 10. Die Schule ist eine Ganztagsschule.
Frühstück und Mittagessen werden an allen Tagen gemeinsam in der Schule eingenommen. Derzeit besuchen unsere Schule 170 SchülerInnen im Alter von 6 bis 16 Jahren. Nach ausführlichen Gesprächen mit Eltern, Kind und Lehrkräften wird zu Beginn eines jeden Schuljahres eine Gruppe von 16 Kindern neu aufgenommen. Einmal im Monat findet in jeder Klasse ein Elternabend statt. Eltern sind eingeladen, in unterschiedlichen Gremien der Selbstverwaltung mitzuarbeiten.
Wie jede andere Gesamtschule auch, hat auch die Freie Schule Bochum das Recht, staatlich anerkannte Zeugnisse für den Hauptschulabschluss und die Fachoberschulreife – auch mit Qualifikationsvermerk für die gymnasiale Oberstufe – zu vergeben.
Die Termine der regelmäßig stattfindenden Informationsveranstaltungen können im Sekretariat erfragt werden. Dort werden auch Voranmeldungen für Neuaufnahmen entgegengenommen.
Das Konzept der Schule knüpft zum einen an Elemente der traditionellen Reformpädagogik an, zum anderen richtet es sich nach erziehungswissenschaftlichen Erkenntnissen der Gegenwart. In der über 20-jährigen Praxis der Schule haben sich vor allem folgende Besonderheiten bewährt:
- vielfältige und handlungsbezogene Unterrichtsmethoden und Lernformen (Wochenplanarbeit, Freiarbeit, Kurse, AGs, vier Projektstunden pro Woche und vier Projektwochen pro Jahr, drei mehrwöchige Betriebspraktika ab Klasse 8, häufige Exkursionen und Klassenfahrten),
- andere Formen der Beurteilung: statt Zensuren und Sitzenbleiben Gespräche und Jahresbriefe, die über das Lerngeschehen und die Entwicklung der Schülerinnen und Schüler berichten,
- weitgehende Mitbestimmungsrechte für die Schülerinnen und Schüler, aber auch mehr Verantwortung und Pflichten, z.B. beim Aufräum- und Küchendienst oder in der Projektzeit.
Anschrift
Freie Schule Bochum
Wiemelhauser Straße 270
44799 Bochum
(0234)72648
NAGEL-Redaktion – Gesamtschule Holsterhausen, Essen

Wir empfehlen den Blick auf die Internetseiten der Gesamtschule Essen-Holsterhausen. Noch relativ jung in der Schullandschaft – 1997 gegründet – kann sie sich vor Anmeldungen Jahr für Jahr „kaum retten“. Viele Interessierte müssen leider „abgewiesen“ werden. Qualität spricht sich eben herum. Wir dokumentieren hier Auszüge aus dem Selbstverständnis der Schule.
Im Leben lernen – Im Lernen leben: Selbstverständnis
Wir verstehen unsere Schule als einen Lebens- und Erfahrungsraum in der Verantwortungsgemeinschaft von Kindern und Jugendlichen, ihren Eltern, den pädagogischen Professionellen und den Partnern unserer Schule. Wir verstehen uns als Schule, die sich den Herausforderungen der AGENDA 21 in besonderer Weise verpflichtet weiß. Wir heißen darum „AGENDA-Schule“. Wir sind ein „Haus des Lernens“, in dem allewillkommen („Inclusion“) sind , in dem alle Lernende sind. Viele Kinder aus vielen Kulturen mit Begabungen aller Art (auch lern-, körper-, geistig behinderte Kinder) sollen sich in unserer Schule zu Hause fühlen.
- Lernen: Wissen zu erwerben
- Lernen: zusammen zu leben
- Lernen: zu handeln
sind die Fundamente, auf dem unser „Haus des Lernens“ immer weiter aus- und fortlaufend auch umgebaut wird.
Maximen unserer AGENDA-Schule
- Unser Grundverständnis: Jede zählt, jeder ist einzigartig!
- Wir wollen alles Leben achten und schützen und Gewalt zurückweisen.
- Probleme sehen wir als Herausforderung an. Fehler sind Chancen zum Lernen.Verschiedenheit schätzen wir als Bereicherung.
- Unsere Schule soll ein Ort der interkulturellen Begegnung, der interkulturellen Erfahrungen, des interkulturellen Lernens, des interkulturellen Verstehens, der interkulturellen Achtung sein.
- Wir gehen achtsam und nachhaltig mit Ressourcen um, vermeiden Müll, sparen Energie.Wir ermutigen zum demokratischen Miteinander. Eltern sind willkommene Partner in der Schule.Im Klassenrat regelt die Klasse ihre eigenen Angelegenheiten.
- Die wöchentliche Versammlung ist ein Ort des öffentlichen Diskurses vor der gesamten Schulgemeinde.
- Beim „Koseln“ kooperieren Schüler, Eltern und Lehrer.
- Im „Forum Lernen“ erfahren und reflektieren wir die Bedingungen gelingenden Lernens.
- Schülerinnen und Schüler übernehmen Verantwortung in der Schule und für die Schule in der Form von Schülerfirmen, in der Rolle als Streitschlichter, als Energie-Experten, als AGENDA-Detektive, als Moderatoren der Versammlung, als technischer Dienst, alle im „Projekt: Verantwortung“.
- Schülerinnen und Schüler übernehmen Verantwortung im Gemeinwesen: z.B. in von der Stadt zertifizierten AGENDA-Projekten.
- Der kleine große Mut im Alltag erfährt Stützung und Stärkung – „Civil-Courage: Ausgezeichnet!“
- Leistungen und besonderes Engagement erfahren Anerkennung und Würdigung. Wir loben bewusst und gerne. Mutkarten spornen an. In einer „Belohnungs-Kiste“ schlummern Belohnungen. Am Ende jedes Halbjahrs sprechen wir viele Auszeichnungen aus. Auf einem Fest feiern wir, was an Verantwortung erbracht wurde. Auf einem anderen Fest würdigen wir gezeigte Civil-Courage. Arbeiten, in denen Anstrengungen zu erkennen sind, werden öffentlich präsentiert. Wir stellen vieles gerne aus.
- Expertinnen und Experten sind uns Partner beim Weiter-Lernen.
- Unsere Schule öffnet sich als ein kulturelles Zentrum im Gemeinwesen.
Anschrift:
Gesamtschule Holsterhausen
AGENDA-Schule
Böcklinstraße 27
45147 Essen
0201/878 49-30
NAGEL-Redaktion – Sudbury-Schule Berlin-Brandenburg, Berlin (November 2005)
Stell dir eine Schule vor, in der Schüler jeden Alters selbst entscheiden, womit sie ihre Zeit verbringen, und in der Entscheidungen von allen gemeinsam demokratisch getroffen werden. Sudbury-Schulen sind solche Schulen. Weltweit gibt es mehr als 20 davon. Die älteste, die Sudbury Valley School in den USA arbeitet seit 35 Jahren erfolgreich nach diesen Grundsätzen.
In Berlin arbeiten engagierte Menschen daran, eine Schule nach dem Sudbury-Modell zu gründen. Auf ihren Internetseiten wird sowohl die in Berlin in Gründung befindliche Schule als auch das Sudbury-Schulmodell im Allgemeinen vorgestellt.
Grundsätze einer Sudbury-Schule
- Die Kinder und Jugendlichen entscheiden selbst, wie sie ihre Zeit verbringen.
- Niemand wird gezwungen oder gedrängt, bestimmte Dinge zu lernen oder an bestimmten Aktivitäten teilzunehmen. Es gibt keinen Lehrplan.Unterricht kommt nur zustande, wenn Schüler dies ausdrücklich verlangen.
- Schüler und Mitarbeiter sind gleichberechtigt.
- Es gibt Regeln; diese werden von der wöchentlichen Schulversammlung, bei der jeder Schüler und jeder Mitarbeiter eine Stimme hat, diskutiert und per Mehrheitsentscheidung beschlossen. Regeln gelten für Schüler und Mitarbeiter gleichermaßen.
- Ein von der Schulversammlung bestimmtes Justizkomitee untersucht Beschwerden über die Verletzung von Regeln und ist berechtigt, Strafen zu verhängen. Die Möglichkeit zur Berufung besteht.
- Die Schulversammlung entscheidet in geheimer Wahl, wer im nächsten Jahr Mitarbeiter sein wird.
- Es gibt keine Klassenstufen und keine Trennung nach dem Alter.
- Es gibt keine fremde Bewertung – weder Zensuren, noch schriftliche Beurteilungen.
Anschrift:
Sudbury-Schule Berlin-Brandenburg e.V.
Pappelallee 19
10437 Berlin
030/42 80 23 02
NAGEL-Redaktion – Laborschule, Bielefeld (Oktober 2005)

Wir empfehlen den Blick auf die Internetseiten der Laborschule Bielefeld. Sie ist staatliche Versuchsschule des Landes Nordrhein-Westfalen und wurde zusammen mit dem benachbarten Oberstufen-Kolleg 1974 nach den Vorstellungen und unter der Leitung des Pädagogen Hartmut von Hentig gegründet. Sie hat den Auftrag, neue Formen des Lehrens und Lernens und des Zusammenlebens in der Schule zu entwickeln und diese Ergebnisse der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Ihre Arbeit ist also sowohl praktischer als auch theoretischer Natur. Die Laborschule ist ein Dauerversuch. Was wir nicht verstehen: Obwohl sie Spitzenwerte in der PISA-Studie (1) geholt hat, bleibt sie ein Versuch, wird aus diesem Modell nicht die Regelschule.
Schule als Lebens- und Erfahrungsraum: Die Laborschule möchte ein Ort sein, wo Kinder und Jugendliche gern leben und lernen. Sie möchte ihnen wichtige Grunderfahrungen ermöglichen, die viele von ihnen sonst nicht machen könnten. Leben und Lernen sollen, soweit dies möglich und sinnvoll ist, eng aufeinander bezogen sein. Der Unterricht folgt dem Prinzip, Lernen an und aus der Erfahrung (und nicht primär aus Belehrung) zu ermöglichen. Die Schule ist mit Lerngelegenheiten ausgestattet, die solches Erfahrungslernen begünstigen. Darüber hinaus versteht die Schule sich als In-die-Stadt-hinein-Schule, die die nähere und weitere Umgebung, die Natur, die Kommune, die Region als Lernmöglichkeiten in ihre Arbeit einbezieht.
Mit Unterschieden leben: Die Schule will die Unterschiede zwischen den Kindern bewusst bejahen und als Bereicherung verstehen. Daraus ergibt sich eine weitgehende Individualisierung des Unterrichts, die Rücksicht auf das unterschiedliche Lerntempo der Kinder und ihre individuell verschiedenen Bedürfnisse und Fähigkeiten nimmt. LaborschülerInnen leben und lernen gemeinsam in leistungs-, teilweise auch altersheterogenen Gruppen. Die Schule will niemanden aussondern, es gibt auch kein „Sitzenbleiben“ und keine äußere Leistungsdifferenzierung, an deren Stelle die Differenzierung der Angebote tritt.
Schule als Gesellschaft im Kleinen: Die Schule versteht sich zugleich als Gemeinschaft aller in ihr tätigen Personen, die einander in ihrer Unterschiedlichkeit akzeptieren und achten. Die Verhaltensweisen, die von erwachsenen BürgerInnen unserer Gesellschaft erwartet werden, sollen hier im Alltag gelernt werden: das friedliche und vernünftige Regeln gemeinsamer Angelegenheiten. Solches Lernen geschieht durch Verantwortung und Beteiligung. In dieser „Gesellschaft im Kleinen“ lernen die Einzelnen, für übernommene Aufgaben und zunehmend auch für den eigenen Lernweg verantwortlich einzustehen.
Stufung: Die Schule ist eine Brücke zwischen dem Leben des kleinen Kindes in der Familie und dem Leben des Erwachsenen in der Gesellschaft. Sie ist selbst in sich gestuft. Dieser Stufung entspricht auch die Gliederung des Lernfeldes. Die kleinen Kinder lernen ganzheitlich-ungefächert „am Tag entlang“. Mit zunehmender Differenzierung des Lernens und der verschiedenen Zugänge zu seinen Gegenständen ergeben sich Erfahrungsbereiche, die nach und nach eine zunehmende Spezialisierung der Lerntätigkeiten herausformen.
Anschrift:
Laborschule an der Universität Bielefeld
Postfach 10 01 31
33501 Bielefeld
0521/106-6990
(1) Die Laborschule wurde im Rahmen der PISA-Studie einzeln und umfassend getestet.
NAGEL-Redaktion – Fridtjof-Nansen-Schule, Hannover (September 2005)

Als „etwas andere“ Schule finden Sie hier die Fridtjof-Nansen-Schule (FNS) aus in Hannover-Vahrenheide. Mit dem Thema „Bewegte Schule – Schule als lernendes System im Stadtteil“ hat sie sich auf den Weg gemacht, Schule konkret auf die Bedürfnisse der Gegenwart und der Zukunft zu beziehen.
Die FNS baut auf die bereits gesammelten Erfahrungen
- als Pilotschule im internationalen WHO-Projekt „Netzwerk gesundheitsfördernder Schulen“
- als eine volle Halbtagsschule mit integriertem Hort
- als Modellschule am Schulprojekt „Opus“ (offenes Partizipationsnetz und Schulgesundheit)
- als Mitglied im Netzwerk Innovativer Schulen der Bertelsmann Stiftung
Fridtjof-Nansen-Schule
Leipziger Straße 38
30179 Hannover
0511/168-40499
Zum Besuch der Internetseiten der Fridtjof-Nansen-Schule auf das vorstehende Logo klicken!
Die Zeit interviewte den Schulleiter Hermann Städtler für ihre Ausgabe 8/2002. Mit einem Klick auf den Schriftzug der ZEIT können Sie sich das Interview herunterladen.
Auf der Abbildung am Anfang dieser Seite ist das so genannte „Stangengestrüpp“ zu sehen, dass an der Fridtjof-Nansen-Schule entwickelt wurde und sich dort seit etlichen Jahren in Aktion befindet. Es ist bis fünf Meter hoch. Bisweilen tummeln sich fünfzig Kinder auf diesem Klettergerät. Unfälle gab es keine. Kinder trauen sich eben in der Regel nur soviel zu, wie sie können. Ein gutes Beispiel für Risiko als Spielwert! Das hat auch den niedersächsischen Gemeindeunfallversicherungsverband veranlasst, dieses Gerät offiziell zu genehmigen. Das Stangengestrüpp wird inzwischen von der Firma Richter Spielgeräte vertrieben.
NAGEL-Redaktion – Grundschule am Sandsteinweg, Berlin (August 2005)

Aufmerksam gemacht wurden wir auf die Grundschule am Sandsteinweg im Rahmen eines mehrstündigen Gesprächs zur Vorbereitung einer Examensarbeit. Dort erfuhren wir vom Stress der angezeigten Schule, bevor sie sich veränderte. Und sie hat sich verändert! Sie hat keinen Schülerstress mehr. Und wir empfehlen sie zur Nachahmung.
Adresse:
Grundschule am Sandsteinweg
30. Grundschule Berlin-Neukölln
Hornblendeweg 2
12349 Berlin
030/762 86-11
NAGEL-Redaktion – ABA Fachverband empfiehlt
Peter Weskamp/Jürgen Zinnecker (Hrsg.)
Bildung und Beteiligung
„Bildung und Beteiligung – Die Qualität des Sozialen und die Zukunft der jüngsten Generation“ heißt ein umfassendes Buch, das Dr. Peter Weskamp und Prof. Dr. Jürgen Zinnecker über die Soziale Akademie Siegen-Wittgenstein herausgegeben haben. Es fußt auf Beiträgen des 2. Regionalen Jugendhilfetages 2002, der an der Universität Siegen stattfand. Erfasst werden neben veränderter Kindheit und Jugend in zahlreichen Beiträgen Bildung und Kindertageseinrichtungen, Schule und Sozialraum, Beteiligung und Qualität im Jugendamt, Jung und Alt sowie Existenzgründungen in der Sozialen Arbeit.
Veröffentlicht werden die Plenarvorträge von Klaus Hurrelmann (Universität Bielefeld) zum Thema „Der veränderte Stellenwert von Kindheit und Jugend im Lebenslauf“ und Bernt-Michael Breuksch (Ministerium für Schule, Jugend und Kinder NRW) zur Bildungsvereinbarung des Landes NRW mit den Kindertageseinrichtungen.
Zum Themenkomplex „Bildung und Kindertageseinrichtungen“ können nachgelesen werden der „Vorschlag zu einem offenen Bildungplan für frühkindliche Bildung in NRW“ von Gerd E. Schäfer (Universität Köln) sowie „Bildung versus Leistung – Zwei konkurrierende Prinzipien in der (Grund-)Schule“ von Isabell Diehm (Universität Frankfurt am Main).
In der Sparte „Schule und Sozialraum“ beschäftigt sich Argyro Panagiotopulou (Universität Siegen) mit der „Einführung von SchulanfängerInnen in die Schriftkultur“. Sie stellt dabei die Ergebnisse aus einer ethnographischen Feldstudie vor. Christian Klöckner (Universität Bochum) beschreibt anhand von Ergebnissen aus dem LBS-Kinderbarometer das „Wohnumfeld und die Partizipationswünsche von Kindern“. Sabine Maschke und Ludwig Stecher (beide Universität Siegen) stellen „Soziale Räume – Wohnen und Infrastruktur“ vor. Ferner beschreiben sie, dass junge Leute Engagement zwar bejahen, Politik aber ablehnen. Richard Schröder (seinerzeit noch Leiter der ProKids-Instituts in Herten) beschreibt „Kommunale Partizipation von Kindern“.
Im Kapitel „Beteiligung und Qualität im Jugendamt“ stellt Michael Schumacher (Universität Siegen) die Ergebnisse eines Modellversuchs aus Sicht der wissenschaftlichen Begleitung vor, die Qualitätsentwicklung zum Ziel hat. Entwickelt wurden daraus die Wirksamkeitsdialoge. Reinhard Liebig (Forschungsverbund Deutsches Jugendinstitut mit der Universität Dortmund) präsentiert ein weiteres neues Instrument: Die Strukturdatenerhebung zur Offenen Kinder- und Jugendarbeit in NRW. 1 Martin Lengemann (Landesjugendamt Westfalen-Lippe) beschreibt eindrucksvoll das Modellprojekt „Qualität durch Beteiligung an der Hilfeplanung“. Martin Wüst (Evangelische Jugendhilfe Friedenshort) dokumentiert in „Familie aktiv“ eine neue Form der Familienhilfe. Sabine Wagenblass (Institut für soziale Arbeit, Münster) und Manfred Heiler (Sozialdienst Siegen-Wittgenstein) schließlich runden das Kapitel ab durch Dokumente aus dem Bereich „sozialer Frühwarnsysteme“.
Unter dem Aspekt „Jung und Alt“ schaut Insa Fooken (Universität Siegen) auf das „dritte Lebensalter“ und fragt nach Bereitschaften zum freiwilligen Engagement. Hierzu wurde in der Stadt Siegen eine Befragung durchgeführt. Christel Ruback (Universität Siegen) geht dem Thema nach, ob Senioren Opfer von Gewalt sein können. Aus dem Blickwinkel einer Supervisorin beschäftigt sich Andrea Dittmann-Dornauf mit „Generationsunterschieden bei den Professionellen der Sozialen Arbeit und deren Auswirkungen auf die Praxis“.
In einem abschließenden Kapitel stellt Susanne Schmidt (föbe GmbH) die Möglichkeiten und Chancen sozialer Dienstleistungsbetriebe vor. Klaus Mertens (Unternehmensberatung Mach- und Tagewerk) befasst sich abschließend erneut explizit mit „Existenzgründungen in und aus der sozialen Arbeit“.
ISBN 3-00-012174-9, Soziale Akademie Siegen-Wittgenstein, Siegen 2003, 266 Seiten
1 Der Bericht kann inzwischen angefordert werden über das Ministerium für Schule, Jugend und Kinder des Landes NRW (www.bildungsportal.nrw.de). Düsseldorf 2003.
NAGEL-Redaktion – ABA Fachverband empfiehlt
Esel halten
240 Seiten, zahlreiche Fotos, Zeichnungen und Tabellen, Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart 2002, EUR 29,90
Die Autorin plädiert für eine artgerechte Haltung und Nutzung der Esel, dementsprechend viele und vielseitige Fakten und Informationen enthält dieses Handbuch: Wesen und Herkunft, Gesundheit, Unterkunft, Ernährung, Pflege, Alter, Zucht, Erkrankungen, Erziehung, Reiten, Basten, Fahren sowie Kauf (samt Equidenpass) werden Details sachlich und nachvollziehbar thematisiert. Ein Anhang mit zahlreichen eselspezifischen (auch Tierschutz-) Adressen sowie ein ausführliches Register runden diese umfassende Praxishandbuch ab. (S.H. – gekürzte Fassung aus der fs 12/2003)
NAGEL-Redaktion – ABA Fachverband empfiehlt
Freizeit im Sattel (Hrsg.)
Pferdehaltung rund ums Jahr
Zahlreiche Farbfotos und Zeichnungen, 176 Seiten, Spiralbindung, Kosmos Verlag, Stuttgart 1998
Viele Pferdehalter träumen davon, ihr Pferd naturgemäß zu halten und ihm ein artgerechtes, gesundes Leben in einem Herdenverband zu ermöglichen. Wer sich für die Pferdehaltung in eigener Regie entscheidet, findet in den Rubriken, Tabellen und Checklisten dieses klar gegliederten Buches das ideale Instrument zur jahreszeitlichen Planung und fachgerechten Durchführung aller anfallenden Arbeiten. Monat für Monat geben erfahrene Praktiker wertvolle Tipps und Hinweise zu Auslaufhaltung und Weidepflege, Fütterung und Vorratshaltung, Stallbau, Zucht und Gesundheitsvorsorge. Ein unentbehrlicher Ratgeber rund ums Pferdejahr. Das Buch ist erhältlich über den fs-Medien-Shop: 0228/5301221 (zuzüglich Versandkosten)
NAGEL-Redaktion – ABA Fachverband empfiehlt
Ingolf Bender (Bearbeitung)
Planungshilfe für artgerechte Pferdehaltung. Mit einer Einführung von Ursula Bruhns. 52 Seiten, 35 Graphiken, 15 Fotos, Ordner, Freizeit im Sattel, Bonn 1999, EUR 23.-
Für Pferdehalter stellen sich immer wieder dieselben Fragen: Wie bringe ich meine Tiere artgemäß und gesund unter, wie plane ich Stallbau und Auslauf arbeitssparend und rationell, welche Materialien verwende ich, und wie halte ich trotzdem die Kosten gering? Oder haben Sie gerade einen alten Bauernhof gekauft und wollen ihn pferdegerecht umbauen? Lösungen dazu bietet diese Broschüre, die auch auf juristische, haltungstechnische und baurechtliche Sachverhalte eingeht. Alle Beiträge dieser Broschüre basieren auf den praktischen Erfahrungen der Autoren und haben sich seit vielen Jahren bestens bewährt.
Der Ordner ist erhältlich im fs-Medien-Shop, Telefon 0228/5301221
Mit einer Einführung von Ursula Bruns. Bearbeitet von Ingolf Bender. Neu März 1999. 52 Seiten, 35 Grafiken, 15 Fotos, 1 Tabelle, im Ordner.
NAGEL-Redaktion – ABA Fachverband empfiehlt
Nikola Fersing
Offenstallhaltung. Das ABC für artgerechte Pferdehaltung. Ein Fotoratgeber mit Bildern von Cornelia Koller. Cadmos Verlag, Lüneburg 2000, 25 Seiten, broschiert (ISBN 3-86127-237-7)
Offenstallhaltung ist mehr als Pferdehaltung in einer Weidehütte auf einer schlammigen Winterkoppel. Richtig durchgeführt, bietet sie allen Pferden angenehme Lebensbedingungen und eine weitreichend artgerechte Unterbringung. Sie sollte deshalb zum Nutzen aller Pferde weiteste Verbreitung finden! Leider hält sich teilweise hartnäckig ihr Image, das vom „Stehen im Schlamm“ bis zum Bild des vernachlässigten, verdreckten Freizeitpferdes reicht. Gute gepflegte Offenstallanlagen können dieses Image abbauen helfen.
In der pädagogischen Arbeit sind Offenstallanlagen zunehmend im Trend. In den Einrichtungen wurde inzwischen vielfach der Nutzen des Offenstalls erkannt. Offenställe sorgen nicht neben zahlreichen anderen Aspekten auf hervorragende Weise für eine verbesserte Gesundheit der Tiere. Offenställe sind nicht nur für Pferde, sondern auch für andere Tiere – wie Ziegen – geeignet.
NAGEL-Redaktion – ABA Fachverband empfiehlt
Sylvia Kroll, Fred Meyerhoff, Meta Sell (Hrsg.)
Sichere Orte für Kinder
Handlungsmodell zum Schutz von Kindern und Jugendlichen vor pädophilen Übergriffen in Offenen Freizeiteinrichtungen
Erfahrungen zeigen, dass pädophile Personen oft gezielt Kinder aus sozial schwierigen Herkunftsfamilien und mit emotionalen Defiziten ansprechen. Dies geschieht häufig an bevorzugten Aufenthaltsorten solcher Kinder, zu denen auch gemeinwesenorientierte Offene Einrichtungen gehören. Diese halten in der Regel sowohl für Kinder als auch für Erwachsene Angebote bereit und sind leicht zugänglich. Weiterhin ist bekannt, dass ein Teil der pädophilen Personen Berufe ergreift, in denen sie Kontakt zu Kindern aufbauen können. Darüber hinaus nutzen pädophile Menschen z.T. Kinder und Jugendliche, die schon in einschlägigen Kreisen verkehren und bereits sexuelle Übergriffe erleben mussten, als „Schlepper“, um in Freizeiteinrichtungen Kontakte zu bisher nicht betroffenen jungen Menschen aufzunehmen
Was kann ich als Mitarbeiter einer Offenen Kinder- und Jugendfreizeiteinrichtung tun, um der Gefahr pädophiler Übergriffe auf Kinder innerhalb der Einrichtung entgegenzuwirken?
Antworten auf diese Fragen sind in dem Buch „Sichere Orte für Kinder“ zu finden. Es ist das Ergebnis eines vierjährigen Praxis- und Forschungsprojektes des Abenteuerlichen Bauspielplatzes (ASP) Kolle 37 im Netzwerk Spiel/Kultur Prenzlauer Berg e.V., der Beratungsstelle Kind im Zentrum im EJF und der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin.
Die Autoren haben aus ihren unterschiedlichen professionellen Bezügen analysiert, welche strukturellen, personellen und prozessualen Bedingungen zu berücksichtigen sind, damit Offene Kinder- und Jugendfreizeiteinrichtungen zu „Sicheren Orten für Kinder“ werden.
Konkret beschäftigte sich das Projekt am Beispiel des ASP mit Themen wie Organisationsentwicklung, Entwicklung der Kommunikationsprozesse bezüglich der Thematik sexueller Missbrauch, Entwicklung von Regeln für den Umgang von Erwachsenen und Kindern sowie Verfahrensweise bei Verdacht auf sexuellen Missbrauch durch MitarbeiterInnen. Die Wahrnehmung der vorhandenen Strukturen auf dem ASP durch die Kinder und Jugendlichen wurde mit Hilfe eines Fragebogens erfasst und floss in die Struktur- und Regelentwicklung ein.
Im Buch sind die Ergebnisse in Form eines Handlungsmodells zusammengestellt, das sich auf dem ASP bereits bewährt hat. Dieses Handlungsmodell ist auch für andere Bereiche der Kinder- und Jugendhilfe geeignet und bietet zudem eine Diskussionsgrundlage für Praxis und Fachöffentlichkeit.
NAGEL-Redaktion – ABA Fachverband empfiehlt
Mike Weimann
Wahlrecht für Kinder- Eine Streitschrift, Beltz Verlag 2002, Weinheim, Berlin, Basel
Von Rainer Deimel
„Dieser Ansatz lässt sich der Öffentlichkeit gegenüber nicht vermitteln,“ so der Bielefelder Professor Klaus Hurrelmann mir gegenüber in einem kürzlich geführten Gespräch. Hurrelmann setzt sich ein für eine ausgeprägte Partizipationskultur mit Blick auf Kinder und Jugendliche – hierzu gehört auch ein deutliches Absenken des Wahlalters. Wahlrecht ab Geburt, das ist der Ansatz der Berliner Kinderrechtsgruppe „K.R.Ä.T.Z.Ä.“. Mike Weimann, ein langjähriger Begleiter der Gruppe, hat eine umfassende – von ihm im Untertitel so genannte – Streitschrift verfasst, die vielleicht mit dazu beitragen kann, den Ansatz in Zukunft eher vermitteln zu können. Umfassend ist die Schrift auch insofern, als sie die ganze breite Argumentationspalette des Pro und Kontra auffächert und diese von allen Seiten her beleuchtet. Ein weiterer Aspekt, diese Schrift zur Lektüre zu empfehlen, ist Weimanns unterhaltsamer Stil, die Inhalte zu transportieren. Das Buch wendet sich in Teilbereichen – auch – an Kinder, begreift sich aber in erster Linie als Argumentationshilfe für Erwachsene. Der Autor verschließt nicht seine Augen vor dem Umstand, dass augenblicklich die meisten Kinder und Jugendlichen kein Interesse an einem Wahlrecht haben. Genau an dieser Stelle müssen „dicke Bretter gebohrt“ werden. Bei Licht betrachtet sind die Ähnlichkeiten zwischen Hurrelmanns und Weimanns Betrachtungen nicht zu übersehen. Ein Ausgrenzen junger Leute hat zu einem bislang ungeahnten Vertrauensverlust in die Institution „Politik“ geführt. In sämtlichen neueren Studien wird der Prestigeverlust deutlich. Gegenzulenken hieße, nicht nur über Partizipation zu reden, sondern konkrete Möglichkeiten der Teilhabe anzubieten. Eine solche Möglichkeit hierzu ist die Einführung des Wahlrechts für Kinder. Weimann führt aus, eine Alterbegrenzung sei nicht erforderlich. Jeder junge Mensch solle sich nach seinem eigenen Willen in die Wählerlisten eintragen können. Damit sei er dann wahlberechtigt. Auch für das passive Wahlrecht, die Wählbarkeit von Kindern, macht er sich stark. Einwände entkräftet er hier beispielsweise damit, aufzuführen, dass jemand überhaupt erst einmal gewählt werden will. Etliche Hürden seien hierbei zu nehmen, um zu einer Kandidatur zu gelangen. Anschließend müsse dann bei der Wahl auch noch eine Mehrheit zu Stande kommen. Sollte dies gelingen, müsse eine Verständigung im Parlament mit anderen Parlamentariern erzielt werden. Würde dies alles erfolgreich sein, könne man einem jungen Menschen nicht die Befähigung als Volksvertreter absprechen. Die Schrift zeigt des weiteren Hoffnungen, die sich mit einem Wahlrecht verbinden, auf. Dabei werden Komplexe wie Bestrafungen, Erziehung, Schule und anderes mehr thematisiert. Ein weiteres Kapitel ist der rechtlichen Situation gewidmet. In diesem Kontext setzt Weimann sich ebenfalls kritisch mit dem Artikel 12 der UN-Kinderkonvention auseinander. Ihn interessiert beispielsweise, warum Kinder nur in „sie betreffenden Angelegenheiten“ angemessen einbezogen werden sollen; bei anderen Gruppierungen unvorstellbar. In Form einer netten Polemik schlägt er vor, den Begriff durch „anmaßende Berücksichtigung“ auszutauschen. Und setzt noch einen oben drauf: Man „stelle sich den Artikel auf Erwachsene angewendet vor: ´Die Vertragsstaaten sichern dem Rentner, der fähig ist, eine eigene Meinung zu bilden, das Recht zu, diese Meinung in allen den Rentner berührenden Angelegenheiten frei zu äußern, und berücksichtigen die Meinung des Rentners angemessen und entsprechend seinem Alter und seiner Gebrechlichkeit.´“ Weitere Ausführungen befassen sich mit einer Demokratietheorie, dem „Kindeswohl“, das als diffuser Begriff „entlarvt“ wird, und vielem anderen mehr. Bezüglich einer „Behütung“ von Kindern bezieht Weimann eine Position, wie sie seit geraumer Zeit auch von mir vertreten wird: „Behütung“ ist faktische Bevormundung (wie „Betreuung“ im klassischen Sinne faktische Emanzipationsverhinderung ist). Schließlich liefert das Buch Argumente zur schrittweisen Umsetzung und zum praktischen Verfahren des Wahlrechts sowie eine übersichtliche Liste häufig gestellter Fragen. Wer sich nach der Lektüre des Buches immer noch gegen das Wahlrecht für Kinder – oder aber gegen die, wie in etwas moderaterer Weise von Hurrelmann geforderte, „deutliche Absenkung“ des Wahlalters – positioniert, belegt, kein wirkliches Interesse an Partizipation zu haben.
NAGEL-Redaktion – ABA Fachverband empfiehlt
Hiltrud von Spiegel
Offene Arbeit mit Kindern – (k)ein Kinderspiel. Erklärungswissen und Hilfen zum methodischen Arbeiten. Votum Verlag, Münster 1997
Das Buch begreift sich als Handbuch. Offene pädagogische Arbeit mit Kindern ist, wie der Titel zum Ausdruck bringt, kein Kinderspiel und nicht nur Spielen mit Kindern. Mit dem gesellschaftlichen Wandel und den veränderten Lebensbedingungen von Kindern steigt die Bedeutung der pädagogischen Arbeit außerhalb von Kindergarten und Schule. Gleichzeitig ist pädagogische Arbeit mit Kindern noch weitgehend durch Ehrenamtlichkeiten bestimmt. Das Buch gibt einen Überblick über die Geschichte der Offenen Arbeit mit Kindern, ihre Rahmenbedingungen, Methoden und Ansätze. Es zeigt Möglichkeiten zur Professionalisierung und Qualifizierung durch Anleitung zur Reflexion auf und gibt Hilfen zur systematischen Weiterentwicklung der Arbeitsansätze. Es macht ferner deutlich, dass viele der in den letzten 25 Jahren entwickelten Konzepte nach wie vor sehr aktuell sind. Gleichzeitig ist nicht unterlassen worden, neue Entwicklungen zu berücksichtigen. Der durchgehend systematische Aufbau des Buches macht es besonders auch als Konzepthilfe gut brauchbar. „Ein Lobbybuch!“ (Klaus Schäfer, Ministerium für Schule, Jugend und Kinder des Landes NRW)
Das Buch kann zuzüglich der Versandgebühr über den ABA Fachverband bezogen werden.
NAGEL-Redaktion – ABA Fachverband empfiehlt
Projektgruppe der TU Berlin
ÖKOLOGISCHE SPIEL(T)RÄUME. Ein Fachbuch zur Spielraumplanung und Spielraumgestaltung. Herausgegeben vom Bund der Jugendfarmen und Aktivspielplätze, Stuttgart 1997
Dieses Buch wendet sich an PädagogInnen, ArchitektInnen, LandschaftsplanerInnen, (Kommunal-) PolitikerInnen, VerwaltungsmitarbeiterInnen, Bürgerinitiativen und Eltern, denen es nicht gleichgültig ist, wo und wie Kinder spielen. Es ist das Ergebnis einer Projektarbeit angehender LandschaftsplanerInnen der Technischen Universität Berlin. Für die AutorInnen ist das Spiel eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine gelingende kindliche Sozialisation. Zur Förderung der Entwicklung des Kindes bedarf es einer geeigneten Spielumwelt und eines kinderfreundlichen öffentlichen Raumes.
In einer kritischen Analyse der Spielraumsituation in deutschen Großstädten kommen die AutorInnen zu dem Ergebnis, dass der öffentliche (Spiel-) Raum vor allem auf die Bedürfnisse von Behinderten, Kindern und Alten nicht zugeschnitten ist. Es wird nachgewiesen, dass vor allem unter gesundheitlichen, sozialen und ökologischen Gesichtspunkten eine fortschrittliche Spielraumplanung präventiv wirkt und gesellschaftlich nützlich ist.
Im zweiten Teil der Arbeit folgt eine kritische Darstellung der Spielraumpolitik in ausgewählten deutschen Großstädten und sechs europäischen Ländern. Den Schwerpunkt der Arbeit bilden die Ausführungen zur Spielraumgestaltung. Hier erhalten die LeserInnen eine Fülle von Informationen und konkreten Anregungen zur „spielfreundlichen“ Gestaltung betreuter wie nichtbetreuter Spielplätze und von Flächen, die nicht als Spielraum ausgewiesen sind. Ein umfangreicher Leitfaden zur Planung und zum Betrieb zeitgemäßer Abenteuerspielplätze und Kinderbauernhöfe (Jugendfarmen) ergänzt die Ausführungen. Exemplarisch wird zum Schluss über die Arbeit und Spielraumgestaltung einiger deutscher und europäischer betreuter Spielplätze informiert. Hier bieten sich PraktikerInnen Ansatzpunkte für eigene neue konzeptionelle Überlegungen. Aktualität gewinnt das Buch insofern auch, als es auf Aspekte wie Kooperation mit Schulen, Betreuung von Kindergruppen nach dem Vorbild von Kindertageseinrichtungen, Öffnung von Einrichtungen im soziokulturellen Sinn und der Entwicklung berufsorientierter Angebote für Jugendliche eingeht.
Ein letztes, was für das Buch spricht: Einige der am Projekt Beteiligten waren selbst über Jahre in der Offenen Kinderarbeit tätig.
Das Buch kann zuzüglich der Versandgebühr über den ABA Fachverband bezogen werden.
NAGEL-Redaktion – ABA Fachverband empfiehlt
Elisabeth C. Gründler/Norbert Schäfer
Naturnahe Spiel- und Erlebnisräume ? planen * bauen * gestalten. Reihe ?Hundert Welten entdeckt das Kind?. 96 Seiten. Hermann Luchterhand Verlag. Neuwied, Kriftel und Berlin 2000. 17,90 ?
Kinder brauchen für ihre gesunde Entwicklung vielfältige Möglichkeiten der Sinneserfahrung. Ein naturnah gestaltetes Gelände mit Verstecken, Höhlen, Hügeln, Bachlauf, Bäumen und Sträuchern bietet dafür vielerlei Gelegenheiten. Auf solchen Spielplätzen können Kinder ungestört spielen und durch eigene Aktivitäten Erfahrungen sammeln. Doch an diesen Räumen besteht heute akuter Mangel. Kinderspielplätze sind oft kahle, mit Geräten möblierte Flächen, die zwar den Erwachsenen einen guten Überblick und damit Kontrolle ermöglichen, doch freies kreatives Spiel eher verhindern. Wie man in Zeiten knapper Kassen naturnahen Spielraum kostengünstig schaffen kann, zeigt dieses Buch. Landschaftsplaner, Erzieherinnen und Eltern planen und verwirklichen ihr Ziel gemeinsam in selbstorganisierten kleinen Schritten. Naturnaher Spielraum kann zugleich kindgerecht und umweltfreundlich sein. Er ist bezahlbar und nachhaltig. Ein Praxisbuch für alle, die für Kinderspielplätze Verantwortung tragen. Nach Meinung des ABA Fachverbandes ist dieses eines der wichtigsten Bücher zum Thema. Neben den zahlreichen praktischen Anregungen führt es auch aus, wie sich menschliche Intelligenz beim Spiel entwickelt, Bildung also während ganzheitlicher Spielprozesse heranreift. Unbedingt empfehlenswert!
NAGEL-Redaktion – ABA Fachverband empfiehlt
Karl Giebeler, Steffi Kreuzinger, Marion Loewenfeld, Elke Winterer-Scheidt (Hg.)
Aufstand für eine lebenswerte Zukunft. Ökologische Kinderrechte: Bestandsaufnahme – Ermutigung – Wege zum Handeln. Verlag Ökologie und Pädagogik (ISBN 3-9803197-7-6), München 1996. Bezug: MobilSpiel e.V., Ökoprojekt, Welserstraße 15, 81373 München.
Ökologische Kinderrechte sind eine neue soziale Bewegung. Sie stehen für das Recht eines jeden Kindes, in einer intakten Umwelt aufzuwachsen, ein gesundes Leben zu führen und positive Zukunftsperspektiven zu entwickeln.
Dieses Buch gibt den Ökologischen Kinderrechten Raum, sich zu definieren, es fordert zu Brückenschlägen zwischen den Disziplinen Gesundheit/Medizin, Psychologie, Pädagogik, Recht und Politik auf, zeigt in „Models of Good Practice“, wie Ökologische Kinderrechte umgesetzt werden, und ermutigt, neue Wege zum Handeln zu finden.
Verfasst und herausgegeben wurde dieses Buch von Menschen, die aus ihrer täglichen Arbeit mit Kindern heraus wissen, wovon sie reden. Sie ergreifen die Initiative, um Kindern zu ermöglichen, ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. In der Darstellung dieser Aspekte kommen unter anderem folgende Experten zu Wort: Der in der Kinder- und Jugendpsychiatrie tätige Psychoanalytiker Prof. Dr. Horst Petri (Schwerpunkt Umwelt- und Zukunftsängste von Kindern und Jugendlichen), der Rechtsanwalt Dr. K. Peter Merk (Schwerpunkte Kinderpolitik, Kinderpartizipation und Kinderrechte) und die Pädagogin Dr. Ulrike Unterbruner, deren Schwerpunkte Umwelterziehung sowie ganzheitliches Lehren und Lernen sind.
NAGEL-Redaktion – ABA Fachverband empfiehlt
Matthias Bartscher
Partizipation von Kindern in der Kommunalpolitik, Lambertus Verlag 1998, Freiburg
Von Rainer Deimel
Ende 1998 hat Matthias Bartscher ein irritierendes Buch mit dem Titel „Partizipation von Kindern in der Kommunalpolitik“ vorgelegt, irritierend insofern, dass es anscheinend ein Mainstream-Thema aufgreift und sich andererseits angenehm abhebt: Das Buch ist in der Lage, auch Fachleuten, die sich nicht erst seit gestern mit dem Komplex der Partizipation befassen, neue und erweiternde Sichtweisen zu vermitteln. Gleichzeitig ist es kein opportunes Buch. Im Gegenteil bewahrt es durchgehend eine kritische Sichtweise aus dem vermutbaren Erleben von Kindern heraus.
Matthias Bartscher ist es gelungen, eine große inhaltliche Bandbreite fundiert zu skizzieren. Er zieht einen Bogen über grundlegende Beschreibungen und Definitionen und greift ferner in geeigneter Theorie-Praxis-Mischung die diversen Themenkomplexe auf, die die Materie in irgendeiner Weise tangieren.
In einem einleitenden Text behandelt er bilanzierend die Grundlagen von Politik für Kinder und mit Kindern. Umfassend nähert er sich dem Thema „Partizipation“ und greift alle wesentlichen Aspekte intensiv auf. Dabei kommen selbst vermeintlich „nicht so wichtige“ Perspektiven wie „Politik und Sprache“, „Kinder, Politiker und Medien“ deutlich zum Zuge. Ohne anzugreifen oder sich in destruktiver Kritik zu verlieren, werden hinterfragende Positionen vertreten und aufgezeigt, Grenzen gewürdigt und gleichzeitig Hinweise geliefert, wie Grenzen peu à peu modifiziert sowie Barrieren überwindbarer gestaltet werden können.
Neben der politischen Dimension des Themas widmet Matthias Bartscher den entwicklungspsychologischen Aspekten der politischen Partizipation ein weiteres Kapitel. Auch in diesem Zusammenhang untersucht er die unterschiedlichsten inhaltlichen Stränge. Zum Beispiel greift er die differenzierte Raumaneignung und Raumnutzung aus geschlechtsspezifischer Sicht auf. Erwähnenswert erscheint mir in diesem Kontext der Ansatz einer systemisch-konstruktivistischen Weltsicht, der sich in anderen Kapiteln ebenfalls Raum verschafft.
Ausgehend von der These „Politik mit Kindern ist Pädagogik“ findet auch die Pädagogik den ihr an-gemessenen Platz. In diesem Kapitel wendet Matthias Bartscher erfreulicherweise den diversen päd-agogischen Sichtweisen und Methoden zu. So fehlen ebensowenig Aspekte zur traditionellen wie der antiautoritären Erziehung wie auch die Antipädagogik ihren Platz findet. Er schafft darüber hinaus einen plausiblen Zusammenhang zum Recht des Kindes. Gleichermaßen skizziert er Dimensionen professionellen Tätigwerdens. Sehr deutlich wird die Rolle der Erwachsenen im Zusammenhang mit Kindern und Kinderpolitik erläutert.
Das Buch schließt mit einer Reihe von methodischen Grundlagen und dokumentierten Praxisbeispie-len aus ganz verschiedenen Zusammenhängen, denen manche Anregung für die eigene Praxis ent-nommen werden kann. Zuvor wird in einem weiteren Kapitel die kommunale Selbstverwaltung aufge-griffen. Hürden in der Verwaltung werden aufgezeigt, Konflikte nachvollziehbar geschildert und Hin-weise geliefert, mit Konfliktpotential konstruktiv umzugehen. Auch hier wird in wertschätzender Weise auf unsachgemäße Kritik verzichtet und vielmehr der Versuch unternommen, für ein höheres Maß an Akzeptanz für alle Beteiligten zu werben.
Alles in allem erscheint mir der Versuch, die Subjektrolle von Kindern nicht aus den Augen zu verlie-ren, als sehr gelungen. So ist das Buch als Einsteigerliteratur, aber auch als Handbuch für kurzfristig erforderliche Hinweise und handhabbare Methoden für InsiderInnen verwendbar. Es sei allen, die sich haupt-, neben- und ehrenamtlichen mit Kindern befassen, als Lektüre empfohlen. Auch als Fachbuch für Berufskollegs, Fachhochschulen und Universitäten dürfte es gut geeignet sein. Ebenso sollte es in jeder Einrichtung, die mit Kindern arbeitet, als Handreichung vorhanden sein.
NAGEL-Redaktion – ABA Fachverband empfiehlt
Bayerischer Jugendring
Mitwirkung und Beteiligung von Kindern und Jugendlichen in den Gemeinden. Informationen, Praxisbeispiele, Handlungstipps, München 1997
Diese 75 Seiten umfassende Broschüre versteht sich als Leitfaden für die vielfältigen Möglichkeiten von Mitwirkung und Beteiligung für Kinder und Jugendliche in den Gemeinden. Sie beschreibt Hintergründe und Notwendigkeiten für die Suche nach einem Mehr an politischer Partizipation von jungen Menschen. Sie zeigt die Fülle von unterschiedlichen Beteiligungs- und Mitwirkungsmöglichkeiten für Kinder und Jugendliche auf. Ferner benennt sie Kriterien für ernstgemeinte Beteiligung und gibt praktische Tipps und Empfehlungen für den Aufbau von Jugendforen, Jugendparlamenten, örtlichen Arbeitsgemeinschaften und weiteren Beteiligungsformen.
Die Broschüre wendet sich an engagierte KommunalpolitikerInnen, die die Mitwirkung von Kindern und Jugendlichen an den Belangen ihrer Gemeinde verbessern wollen, an Kinder- und Jugendbeauftragte, die Chancen und Möglichkeiten einer aktiven Zusammenarbeit mit jungen Menschen in ihrer Kommune nutzen möchten, aber auch an junge Menschen und an ehrenamtliche MitarbeiterInnen der Kinder- und Jugendarbeit als Anregung zur Kooperation mit den politischen Gremien in der Gemeinde. Und nicht zuletzt wendet sie sich selbstverständlich an die hauptberuflichen Fachkräfte in der Kinder- und Jugendarbeit.
Die Broschüre kann zuzüglich der Versandgebühr über den ABA Fachverband bezogen werden.
NAGEL-Redaktion – ABA Fachverband empfiehlt
Peter Apel/Reinhard Pach
Kinder planen mit. Stadtplanung unter Einbeziehung von Kindern. Herausgeber: Gesellschaft Freie Sozialarbeit. LKD-Verlag, Unna 1997
Spätestens seit Kinder politisch Konjunktur haben, ist auch die kinderfreundliche Stadtplanung in aller Munde. Während das Ziel allerdings kaum noch strittig ist, besteht über die Methoden und Verfahren der Beteiligung von Kindern an Stadtplanung weithin noch Unklarheit. Hier knüpft die vorliegende Veröffentlichung an. Einem theoretischen Teil, der Begriff, Entstehungsgeschichte, Ziele und Funktionsweisen kinderfreundlicher Stadtplanung behandelt, folgt die Vorstellung ausgewählter Praxisprojekte. Diese spiegeln die ganze Breite eines Handlungsfeldes wider, in dessen Mittelpunkt die Partizipation steht.
Aus eigener Praxiserfahrung berichten die Autoren anschaulich, wie sich Kinderfreundlichkeit schrittweise im kommunalen Umfeld realisieren lässt: vom Spielplatz zur Siedlung, vom Straßenzug zur Stadt. Die Lektüre provoziert zur Nachahmung. Sie inspiriert die planerische und pädagogische Praxis, die im Buch dargestellten Planungsansätze weiterzuentwickeln. Gleichzeitig benennt sie Knotenpunkte, an denen sich der Stadtplanung neue und wegweisende Kooperationsformen erschließen: Schulen, Offene Kinder- und Jugendarbeit, Kulturelle Bildung, Jugendverbände, Sportvereine und Initiativen sind die Partner einer nutzergerechteren Planungskultur.
Ein Praxishandbuch für StadtplanerInnen und PädagogInnen sowie für alle, die gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen die verlorenen Spielflächen in der Stadt zurückerobern und sich dabei aufs Abenteuer der Planungsbeteiligung einlassen wollen.
Das Buch kann zuzüglich der Versandgebühr über den ABA Fachverband bezogen werden.
NAGEL-Redaktion – ABA Fachverband empfiehlt
Thomas Armstrong
Das Märchen vom ADHS-Kind. 50 sanfte Möglichkeiten, das Verhalten Ihres Kindes zu verbessern ? ohne Zwang und ohne Pharmaka
Kartoniert, 315 Seiten, 17 x 21 cm, ISBN 3-87387-494-6. Paderborn: Junfermannsche Verlagsbuchhandlung 2002. ? 22.50 / sFr 39.50 / Best.Nr. 446
Über Maßnahmen zur Stärkung der Selbstachtung, zur Förderung von Vitalität und Kreativität, Checklisten zum Herausfinden der besten Interventionen sowie Hinweise auf eine Fülle von Ressourcen, Büchern und Organisationen, die für die Anwendung der fünfzig beschriebenen Strategien eintreten. Vorwort von Vera F. Birkenbihl, aus dem Amerikanischen original von 1995 übersetzt von Theo Kierdorf & Hildegard Höhr (Informationsseite des Peter-Lehmann-Versandbuchhandels).
Original-Verlagsinfo
?Das Märchen vom ADHS-Kind? stellt die fälschliche Diagnostizierung von Millionen von Kindern mit der sogenannten Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und den übermäßigen Gebrauch psychoaktiver Medikamente zur Behandlung von Hyperaktivität in Frage. Nach Auffassung des Autors sind viele der Verhaltensweisen, die als ADHS bezeichnet werden, in Wahrheit aktive Reaktionen eines Kindes auf komplexe soziale, emotionale und erzieherische Einflüsse. Wenn Eltern an den Ursachen der Probleme arbeiten, statt Symptome mit potentiell schädlichen Medikamenten und durch Verhaltensveränderungsprogramme nur zu überdecken, können sie ihren Kindern zu mehr Lebensqualität verhelfen.
Zu den vom Autor empfohlenen fünfzig ?drogenfreien? Strategien zur Überwindung der Aufmerksamkeits- und Verhaltensprobleme von Kindern zählen Maßnahmen zur Stärkung der Selbstachtung und zur optimalen Förderung von Vitalität und Kreativität. Außerdem enthält sein Buch Checklisten, mit deren Hilfe Leser die für ein bestimmtes Kind besten Interventionen finden können sowie Hinweise auf eine Fülle von Ressourcen, Büchern und Organisationen, die für die Anwendung der fünfzig beschriebenen Strategien eintreten.
»Das vor Ihnen liegende Buch hat eine generell positive Sichtweise über Kinder und das Lernen. Es vertritt die These, dass Kinder, die unter Aufmerksamkeits- und Verhaltensproblemen leiden, in ihrem Kern völlignormale und gesunde menschliche Wesen sind, die nicht unter einer medizinischen Störung leiden. Der Leser sollte jedoch wissen, dass ich in meinem Buch nicht behaupte, es gäbe keine unkonzentrierten, hyperaktiven oder impulsiven Kinder. Es geht mir vielmehr darum, dass das ADHS-Konzept nicht sehr hilfreich dafür ist, solche Verhaltensweisen zu verstehen; es hindert uns nämlich daran, ein Kind in seiner Ganzheit zu wahrzunehmen. Ich bin auch nicht grundsätzlich dagegen, Kindern unter bestimmten Voraussetzungen Medikamente zu geben. Ich denke jedoch, dass Eltern ein Recht darauf haben, über alle Alternativen Bescheid zu wissen, die ihren ?auffälligen? Kindern helfen können, im Leben erfolgreich zu sein.« ? Thomas Armstrong
Über den Autor
Thomas Armstrong, Ph.D., ist Autor mehrerer Bücher. Er war früher Sonderschullehrer und hat zahlreiche Beiträge zum Themenbereich Kindererziehung für Zeitschriften wie Ladies‘ Home Journal und Family Circle geschrieben. Er hält Vorträge und Seminare in vielen Ländern und berät zahlreiche Institutionen und Einrichtungen, wie z.B. die »Sesamstraße« oder das »European Council of International Schools«. Er lebt in Sonoma County, Californien.
Inhaltsverzeichnis
Vorwort von Vera F. Birkenbihl
Vorwort zur Paperback-Ausgabe
Vorwort
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- ENTMYSTIFIZIERUNG DES ADHS-MÄRCHEN
- Amerikas neue Lernstörung
- ADHS: Jetzt ist es da, jetzt ist es weg
- Warum ADHS eine vereinfachende Antwort auf die Probleme einer komplizierten Welt ist
- Was an der »guten Pille« gut (und was weniger gut)ist
- Beherrschen oder Befähigen, das ist die Frage!
- 50 STRATEGIEN, DIE VERHALTEN UND AUFMERKSAMKEITSSPANNE IHRES KINDES VERBESSERN
Einleitung- Sorgen Sie für ein ausgewogenes Frühstück
- Denken Sie über einen Versuch mit der Feingold-Diät nach
- Beschränken Sie die Zeit für Fernsehen und Videospiele
- Die heilsame Wirkung der Selbstinstruktion
- Stellen Sie fest, was Ihr Kind interessiert
- Setzen Sie sich für ein gutes Körpererziehungsprogramm in der Schule Ihres Kindes ein
- Melden Sie Ihr Kind für einen Kurs in einem asiatischen Kampfsport an
- Stellen Sie fest, welchen Lernstil Ihr Kind bevorzugt
- Benutzen Sie Hintergrundmusik zur Förderung der Konzentration und zur Beruhigung
- Benutzen Sie Farben zur Hervorhebung von Informationen
- Bringen Sie Ihrem Kind bei zu visualisieren
- Entfernen Sie Allergene aus dem Speiseplan
- Geben Sie Ihrem Kind ausreichend Gelegenheit zur körperlicher Bewegung
- Stärken Sie das Selbstwertgefühl Ihres Kindes
- Stellen Sie fest, wann Ihr Kind am aufmerksamsten ist
- Geben Sie Anweisungen so, dass die Aufmerksamkeit Ihres Kindes gefesselt wird
- Bieten Sie Ihrem Kind eine Vielfalt anregender Lernaktivitäten an
- Denken Sie über ein Biofeedback-Training nach
- Fördern Sie aufkeimende Berufsinteressen Ihres Kindes
- Bringen Sie Ihrem Kind Techniken körperlicher Entspannung bei
- Nutzen Sie das beiläufige Lernen
- Sorgen Sie dafür, dass Ihr Kind als vollwertiges Mitglied in eine reguläre Klasse aufgenommen wird
- Sorgen Sie für positive Rollenmodelle
- Denken Sie über die Nutzung alternativer Schulangebote nach
- Ermöglichen Sie den Ausdruck kreativer Energie in Form künstlerischer Aktivitäten
- Geben Sie Ihrem Kind Gelegenheit zu praktischen Aktivitäten
- Nehmen Sie sich die Zeit, mit Ihrem Kind in einer positiven Atmosphäre zusammen zu sein
- Stellen Sie Ihrem Kind adäquaten Raum zum Lernen zur Verfügung
- Denken Sie darüber nach, ob Ihrem Kind eine psychotherapeutische Einzelbehandlung helfen könnte
- Nutzen Sie Berührung zur Beruhigung
- Helfen Sie Ihrem Kind, organisatorische Fähigkeiten zu entwickeln
- Helfen Sie Ihrem Kind, den Wert persönlicher Anstrengung schätzen zu lernen
- Sorgen Sie für sich selbst
- Bringen Sie Ihrem Kind Fokussierungstechniken bei
- Geben Sie sofort Feedback
- Ermöglichen Sie Ihrem Kind die Nutzung eines Computers
- Denken Sie über eine Familientherapie nach
- Bringen Sie Ihrem Kind bei, Probleme zu lösen
- Ermöglichen Sie Ihrem Kind, echte Verantwortung zu übernehmen
- Setzen Sie Auszeiten auf positive Weise ein
- Helfen Sie Ihrem Kind, soziale Kompetenz zu entwickeln
- Treffen Sie mit Ihrem Kind Vereinbarungen
- Nutzen Sie effektive Kommunikationsmethoden
- Ermöglichen Sie Ihrem Kind echte Entscheidungen
- Erkennen Sie die vier Arten von Fehlverhalten, und gehen Sie darauf ein
- Legen Sie konsistente Regeln, Verfahrensweisen und Übergänge fest
- Halten Sie Familienversammlungen ab
- Lassen Sie Ihr Kind einem jüngeren Kind etwas beibringen
- Setzen Sie auf die Wirkung natürlicher und logischer Folgen
- Behalten Sie stets ein positives Bild von Ihrem Kind
- ENTMYSTIFIZIERUNG DES ADHS-MÄRCHEN
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Anmerkungen
Personen- und Stichwortverzeichnis
Aus dem Vorwort von Vera F. Birkenbihl
ICH FREUE MICH, dass dieses wichtige Werk jetzt bei Junfermann auf deutsch erscheint, denn auch bei uns wächst das Bewusstsein, dass es nicht angehen kann, wenn wir ein stetig wachsendes »Heer« an kleinen braven »Ritalin-Soldaten« heranziehen.
Das haben inzwischen auch die Eltern erkannt, aber diese erhielten in der Vergangenheit vorwiegend »Informationen« aus der Pharma-Ecke. Zum Beispiel habe ich mindestens fünf Sendungen im Fernsehen gesehen, bei denen das Zappelphilipp-Phänomen einziges (bzw. Haupt-)Thema war und jedes Mal bekamen diejenigen, die sich für Ritalin aussprachen, drei viertel oder vier fünftel der Sendezeit. Zwar durfte die eine oder andere Kinder-Ärztin oder Therapeutin erwähnen, dass es auch ohne ginge, woraufhin jedoch, rechtzeitig zum Ende der Sendung, wieder ein Pillen-Befürworter das letzte Wort ergriff. Letzte Eindrücke sind bekanntlich bleibende und so kann es uns nicht verwundern, wenn völlig verunsicherte Eltern sich durch solche »bleibenden« Eindrücke beeinflussen lassen.
Aber es gibt inzwischen eindeutige Erfahrungen aus dem »anderen Lager«. Zum Beispiel berichtet die prominente Harvard-Professorin Ellen J. Langer, die sich seit fast drei Jahrzehnten durch brillante Studien (Konzeption und Durchführung) auszeichnet, über ein ADHS-Experiment. Stellen Sie sich vor: Kinder in einem Raum mit einem Fernseher, in den (per Video aus dem Nachbarraum) eine »Sendung« eingespielt wird, die die Kinder bitte ansehen sollen. In einem Fall liegen eine Menge Spielsachen herum, im anderen Fall nicht. In beiden Durchgängen besteht eine Hälfte der Kinder aus ADHS-Kindern, die andere Hälfte aus »nicht verhaltens-auffälligen« Schul- und SpielkameradInnen. Nun passiert folgendes: Wenn Spielsachen herumliegen, lenken die ADHS-Kinder sich selbst von der »Sendung« ab, weil sie andauernd mit irgendeinem Toy herumspielen (und zwar in weit größerem Maß, als die Kinder der Kontrollgruppe). Aber, und das ist das Wesentliche: Ohne Spielsachen verfolgten die ADHS-Kinder diese »Sendung« genau so aufmerksam wie die anderen. Im Klartext: ADHS-Betroffene lassen sich leichter »ablenken«, aber nur, wenn das Angebot zu groß ist, bzw. wenn es weitere, interessantere Ziele gibt, auf die sie ihre Aufmerksamkeit lenken können.
Nun gibt es zwar offiziell ein sogenanntes ADHS-Syndrom, aber »es« ist genau so diffus wie »die sogenannte Legasthenie« (unterschiedliche Bundesländer »entdecken« unterschiedlich hohe Prozentsätze an ihren Schulen!). Ähnlich hier! Es gibt kein eindeutiges »einziges« ADHS-Geschehen, und in der Aufklärung dieses Sachverhaltes liegt ein Teil des hohen Wertes des vorliegenden Buches (auf den anderen Teil kommen wir gleich).
Thomas Armstrong wendet sich an Elternhaus und Schule gleichermaßen. Er hat das ADHS-Syndrom mit zunehmender Sorge wachsen und gedeihen gesehen, das jedoch aus ganz unterschiedlichen Gründen auftreten bzw. das aus unterschiedlichsten Blickwinkeln heraus diagnostiziert werden kann. So wie Sie vielleicht ständig niesen, weil Sie eine Erkältung haben oder weil jemand Niespulver verstreut hat oder weil Sie allergisch auf Pollen reagieren, so gibt es unterschiedliche Hintergründe, aus welchen ähnliche Symptome »sprießen« können. All das erklärt Armstrong in einfacher klarer Sprache, weil er einer jener Menschen ist, die wirklich helfen und heilen wollen.
Ein Teil des ADHS-Syndroms besteht nämlich aus Missverständnissen überforderter bzw. falsch beratener Eltern, ein Teil aus realen Verhaltens-Problemen, zu denen es jedoch unterschiedliche Zugänge gibt. Und, Armstrong hilft, die Unklarheiten von einem Teil der Nebelschwaden zu befreien, denn: Mit Hilfe eines Fragebogens mit einfachen Fragen (z.B. ob das Kind eher vor oder nach Nahrungsaufnahme unruhig wird) können Eltern Zugang zur Situation ihres Kindes bekommen und können einschätzen lernen, welche »Art« von ADHS in diesem Falle wohl zutrifft.
Jetzt kommen wir zu dem zweiten Grund, warum dieses Buch so genial ist. Nach den Erklärungen über die Sachlage (in den ersten Kapiteln) folgt die Schatztruhe dieses Buches: 50 medikamentenfreie Strategien, wobei die Ergebnisse des Fragebogens Ihnen helfen, diejenigen Strategien einzukreisen, die in Ihrem Fall wohl die größte Erleichterung verschaffen können.
Gerade jetzt zeigen neuere Studien auf, dass jahrelange Ritalin-Einnahme möglicherweise zu großen Schäden bei Twens (jungen Erwachsenen) führen könnte. Solange wir noch nicht wissen, ob das stimmt, sollten wir jedes Kind ohne Ritalin aufwachsen lassen, bei dem das geht. Dass bei einer Minderheit ein Medikament vielleicht der letzte Strohhalm ist, mag ja sein, aber man müsste halt wissen, dass es wirklich der allerletzte ist. Wer dieses Buch kennt, hat völlig andere Möglichkeiten einer intelligenten, liebevollen und verantwortungsvollen Entscheidung als zuvor! Deshalb müsste dieses Buch betroffenen Eltern per Rezept »verordnet« werden, aber es wäre auch sinnvoll, es LehrerInnen zur Pflichtlektüre zu machen, damit sie diejenigen Eltern beraten können, die das in diesem Buch beschriebene Insider-Wissen noch nicht besitzen.
Aus dem Vorwort zur Paperbackausgabe
SEIT DER VERÖFFENTLICHUNG der Hardcover-Ausgabe dieses Buches im Jahre 1995 hat sich das ADHS-Phänomen weiter entfaltet, und Anzeichen für ein Abnehmen dieser Tendenz sind nicht zu erkennen. Kürzlich hieß es in einem Artikel des Washington Post Magazine: »Um ADHS ist eine ganze Subkultur entstanden … eine Welt, in der Wissenschaft und Medizin so gründlich mit dem Kapitalismus und der 12-Schritte-Nostalgie verquickt sind, dass man zwischen diesen Bereichen kaum noch unterscheiden kann.« Tatsächlich hat diese Bewegung mit ihren ADHS-Cyberspace-Chat-rooms bei Prodigy und anderen Online-Diensten, ihrem landesweiten Netzwerk von Unterstützungsgruppen und »Coaches« (Menschen, die von ADHS-Geschädigten beauftragt werden, sie an Verabredungen zu erinnern, für sie Terminpläne zu erstellen und dergleichen) und mit ihrem üppigen Wildwuchs an immer neuen Büchern, Systemen, Programmen, Medikamenten und Maschinen zur Behandlung von ADHS eine Technomythologie entwickelt, die mit allem, was Steven Spielberg oder George Lucas je auf die Leinwand gebracht haben, mühelos zu konkurrieren vermag.
Diese Mythologie wird nach wie vor durch Studien genährt, die zu beweisen versuchen, dass ADHS eine medizinische Störung und genetisch bedingt ist. Kürzlich wurde in Zeitungen ein Zusammenhang zwischen ADHS und einem Thrill seeking(»Erregung suchenden«) Gen hergestellt, wobei der Neurotransmitter Dopamin eine Rolle spielt (ein chemischer Botenstoff, der unter anderem bei Belohnungen eine wichtige Funktion hat). Einige Monate später wurde in der gleichen Zeitung berichtet, da man im Rahmen einer in Finnland durchgeführten Studie keinen signifikanten Zusammenhang zwischen dem mit Dopamin in Verbindung stehenden Gen und der Suche nach anregenden neuen Reizen gefunden habe, sei die Validität der Hypothese des »Erregung suchenden« Gens in Frage gestellt. Diese ganze Angelegenheit lenkt den Blick auf ein umfassenderes Problem: dass Wissenschaftler und Medien mit vereinten Kräften komplexe menschliche Verhaltensweisen auf einzelne Gene oder Gruppen von Genen zu reduzieren versuchen. Bei dem Bemühen, menschliches Verhalten mit der Beschaffenheit bestimmter Gene zu erklären, bleibt nur zu oft außer Acht, dass auch die persönliche Erfahrung eines Menschen genetische Strukturen beeinflussen kann. An der McGill University wurde nachgewiesen, dass die für bestimmte Gehirnrezeptoren zuständigen Gene sich bei neugeborenen Ratten verändern lassen, indem man die Babys sechs Stunden täglich von ihrer Mutter trennt, was sie unter starken Stress setzt. Obwohl solche Studien natürlich aus ethischen Gründen nicht an Menschen durchgeführt werden können, wurde eine positive Korrelation zwischen ADHS-Diagnosen und problematischen familiären Situationen (beispielweise in Form ehelicher Zwistigkeiten, psychischer Störungen bei den Eltern, Einweisung eines Kindes in eine Pflegefamilie und besonders große Familien) nachgewiesen. Solche Erkenntnisse befinden sich im Einklang mit der Auffassung, dass frühe Traumaerlebnisse innerhalb der Familie die biochemischen Muster eines Kindes signifikant beeinträchtigen können. Einfach zu sagen, ADHS sei genetisch bedingt, lässt Umweltfaktoren außer Acht und könnte Eltern und alle, die beruflich mit Kindern zu tun haben, dazu verleiten, Möglichkeiten der positiven Einflussnahme auf die Umwelt von Kindern zu unterlassen, die sich positiv auf biochemische und genetische Strukturen auswirken können.
Leseprobe
Der ADHS-Mythos: Falls Ihnen eines der vielen von Ärzten, Psychologen oder besorgten Eltern geschriebenen neuen Büchern über ADHS in die Hände fällt, werden Sie wahrscheinlich feststellen, dass darin versucht wird, Sie zum Glauben an das ADHS-Märchen zu bekehren. Man drängt Sie zur Annahme, bestimmter Überzeugungen bezüglich der Verhaltens- und Aufmerksamkeitsprobleme einer spezifischen Gruppe von Kindern. Bevor wir einige der mit dieser Perspektive verbundenen Probleme untersuchen, möchte ich diesen Mythos kurz beschreiben:
ADHS ist eine neurologische Störung, wahrscheinlich genetischen Ursprungs, die 3-5 Prozent aller amerikanischen Kinder (insgesamt etwa zwei Millionen Kinder) befällt. Die Zahl der Jungen, die unter dieser Störung leiden, ist signifikant höher als die der Mädchen, doch da das Problem heute immer häufiger auch bei Mädchen entdeckt wird, basiert die bisherige Annahme, ADHS trete bei Mädchen seltener auf, wohl teilweise darauf, dass das Problem bei ihnen nicht entdeckt wurde. ADHS hat drei charakteristische Merkmale: Hyperaktivität (z.B. Herumzappeln, übermäßiges Laufen und Klettern, Verlassen des Arbeitsplatzes im Klassenraum), Impulsivität (z.B. ungefragtes Herausplatzen mit Antworten während des Unterrichts, Unterbrechen anderer Schüler, nicht abwarten können, bis man an der Reihe ist), und Unaufmerksamkeit (z.B. Vergesslichkeit, Desorganisiertheit, Verlieren von Gegenständen, Flüchtigkeitsfehler). Zur Zeit unterscheidet man bei Kindern drei Arten von ADHS-Fällen: eine Gruppe, die in stärkerem Maße hyperaktiv/impulsiv ist, eine zweite, bei der die Unaufmerksamkeit dominiert, und eine dritte, bei der alle drei genannten Charakteristika miteinander verbunden sind. Es gibt keine Laboruntersuchungen zur Diagnose dieser Störung. Die Beurteilung erfolgt aufgrund eines Interviews mit Eltern, Kindern und Lehrern, einer gründlichen medizinischen Untersuchung und des Einsatzes spezieller Messverfahren zur Verhaltensbeurteilung sowie durch Leistungstests.
Eine Methode zur definitiven Heilung von ADHS ist bisher nicht bekannt, doch lässt sich das Problem meist erfolgreich mit psychoaktiven Medikamenten behandeln (gewöhnlich Methylphenidat-hydrochlorid, allgemein unter dem Namen Ritalin bekannt, jedoch auch mit anderen Mitteln, darunter Psychostimulanzien, Antidepressiva und Antikonvulsiva), sowie durch Verhaltensmodifikation, eine speziell strukturierte Klassensituation, spezielle Instruktion der Eltern sowie nötigenfalls Beratungssitzungen. Eine konkrete Ursache für ADHS ist nicht bekannt, doch vermutet man zur Zeit, dass biochemische Unregelmäßigkeiten in den für Aufmerksamkeit, Planung und motorische Aktivität zuständigen Hirnbereichen das Auftreten der Störung beeinflussen.
Kinder, die unter ADHS leiden, können in der Schule große Schwierigkeiten haben, unter einem schwachen Selbstwertgefühl leiden, sich im Umgang mit Gleichaltrigen schwer tun und zu Hause Probleme mit der Anpassung an Regeln haben, was oft Konflikte mit den Eltern nach sich zieht. Einige ADHS-Kinder leiden außerdem unter Lernstörungen, Verhaltensstörungen (destruktivem und/oder antisozialem Verhalten), Tourette-Syndrom (einer Störung, für die unkontrollierbare verbale »Tics« charakteristisch sind) und oder starken Stimmungsschwankungen einschließlich Depression und Angst. Bei manchen Kindern scheint ADHS um die Zeit der Pubertät zu verschwinden, doch besteht bei der Hälfte der Diagnostizierten die Gefahr, dass die Störung lebenslang bestehen bleibt.
Das Buch Das Märchen vom ADHS-Kind besteht aus zwei Hauptteilen. Im ersten versuche ich, den Geist des Lesers von den verhexenden Wirkungen des (von mir so genannten) ADHS-Märchens zu befreien. In Kapitel 1 arbeite ich heraus, worum es sich bei dem ADHS genannten Phänomen tatsächlich handelt: um ein Resultat des Zusammenwirkens der Einflüsse von Elterninteressengruppen, gesetzgeberischen Bestrebungen, psychologischen Untersuchungen, Fortschritten der pharmakologischen Forschung und psychiatrischen Diagnosen. ADHS ist kein Virus, das jahrhundertelang in den Gehirnen unserer Kinder »gelauert« hat und auf seine Chance, aktiv zu werden, gewartet hat, sondern eine Erfindung, die hauptsächlich in den Laboratorien für kognitive Psychologie der Universitäten unseres Landes (und Kanadas) entstanden ist und anschließend durch die American Psychiatric Assiciation, das U.S. Department of Education und die chemischen Laboratorien großer pharmazeutischer Unternehmen auf der ganzen Welt verbreitet und zum Leben erweckt wurde.
Kapitel 2 untersucht das schemenhafte Wesen dieser sogenannten Störung- die einem UFO gleich hier und da im Kreis ihrer Verfechter auftaucht, sich jedoch nie als eine definitiv nachweisbare Krankheit wie Polio, Herzbeschwerden oder andere bekannte gesundheitliche Probleme manifestiert.
In Kapitel 3 werden verschiedene Erklärungen für jene heute bei Kindern auftretenden Verhaltens- und Aufmerksamkeitsprobleme beschrieben, die gewisse »Experten« einer von ihnen als ADHS genannten Störung zuschreiben. Einer der problematischsten Aspekte der Diagnose ADHS ist, dass die Heilige Dreifaltigkeit der Symptome Hyperaktivität, Ablenkbarkeit und Impulsivität schier allgegenwärtig ist und durch eine Vielzahl von Ursachen entstehen kann.
Beispielsweise kann ein Kind unter Aufmerksamkeits- oder Verhaltensproblemen leiden, weil es sich in der Schule langweilt, weil seine Familie sich in einer Krise befindet, weil seine bevorzugte Art zu lernen in seiner Schule nicht zu ihrem Recht kommt, weil es eine Milchallergie hat, weil sein Temperament nicht dem Temperament seiner Eltern entspricht oder weil es ängstlich oder depressiv ist. In Kapitel 3 beschäftige ich mich mit diesen und weiteren Möglichkeiten, die Ursachen der ADHS-Symptome zu erklären, und beschreibe, weshalb die selbsternannten ADHS-Experten uns keine genaue Auskunft darüber geben, wo die Wirkung der von mir genannten Faktoren endet und wo ADHS beginnt.
Kapitel 4 beschäftigt sich mit der medikamentösen Behandlung von ADHS: was gut daran ist und welche Probleme damit verbunden sein können. Obwohl mir klar ist, dass ich die Erwartungen einiger enttäuschen werde, trete ich nicht dafür ein, bei der Behandlung von Kindern mit Aufmerksamkeits- und Verhaltensproblemen generell völlig auf den Einsatz von Medikamenten zu verzichten. Dem steht entgegen, dass ich von Eltern und Lehrern zahlreiche Berichte über die positive Wirkung eines maßvollen Einsatzes solcher Mittel gehört habe. Andererseits beunruhigt mich, dass und in welchem Maße psychoaktive Medikamente in unserer Gesellschaft zur bevorzugten Methode der Behandlung von Aufmerksamkeits- und Verhaltensproblemen geworden sind. Je mehr Eltern versuchen, solche Probleme, wenn sie bei Kindern auftreten, mit Hilfe von Psychopharmaka zu lösen, um so wahrscheinlicher wird, dass sie sich mit Interventionsmöglichkeiten anderer Art auch nur auseinandersetzen. Genau dies gab mir den entscheidenden Anstoß für den Beginn der Arbeit am vorliegenden Buch. Als ich 1989 auf der Bühne eines Highschool-Auditoriums im Staate New York sagte: »Ich bin mir nicht sicher, ob sich das Gros der betroffenen Eltern darüber im klaren ist, wie viele nichtmedikamentöse Ansätze zur Behandlung solcher Probleme es gibt«, wurde ich durch Buh-Rufe gezwungen, meinen Vortrag abzubrechen. Nachdem ich in jener Situation »in Deckung« gegangen war, erkannte ich die Notwendigkeit, in einem Buch über die zahlreichen nichtmedikamentösen Möglichkeiten zur Verbesserung der Aufmerksamkeit und des Verhaltens von Kindern zu informieren.
Kapitel 5 untersucht die von ADHS-»Experten« empfohlenen nichtmedikamentösen Alternativen. Angesichts der Kürze dieser Liste ist mir heute klar, weshalb jene New Yorker Eltern so heftig auf meine Äußerung reagierten: Ihre Kenntnisse beschränkten sich auf die Empfehlungen, die ADHS-Experten in der einschlägigen Ratgeberliteratur geben. Und die Dürftigkeit der dort gutgeheißenen Möglichkeiten ist wahrlich verblüffend. Offenbar wird jede Behandlungsmethode, deren Wirksamkeit sich nicht durch eine plazebo-kontrollierte Doppelbind-Studie »beweisen« lässt, von vielen dieser »Fachleute« abgelehnt. Doch dies ist nur einer der Gründe, aus denen letztendlich nur zwei Behandlungsarten, nämlich Medikamente und Verhaltensmodifikation, generell empfohlen werden.
Das Märchen vom ADHS-Kind ist als Gegengift zum Konservatismus der Weltanschauung von ADHS-Gläubigen gedacht. Sie finden in diesem Buch reichhaltige und vielfältige Sammlung von Strategien, Ressourcen, Aktivitäten und Übungen, die unter Verhaltens- und Aufmerksamkeitsproblemen leidenden Menschen helfen können, mit ihren zahlreichen Problemen fertig zu werden. Ich möchte Sie dazu anregen, die in Ihrem Kind schlummernden unermesslichern Schätze zu heben und ihm bei der Erschließung und Nutzung seiner kreativen Energien zu helfen. Die Existenz momentaner Hindernisse auf dem Weg dorthin streite ich keineswegs ab, doch halte ich jene einschränkenden Überzeugungen, die Verfechter des ADHS-Märchens über das wahre Wesen Ihres Kindes und seine Chancen im Leben verbreiten, für eines der größten temporären Hindernisse.
Pressestimmen
»Thomas Armstrong erinnert mich mit seinem Buch The myth of the ADD-Child an den tapferen Menschen, der enthüllte, dass der Kaiser keine Kleider trug.« ? Jeffrey Freed in: »Zappelphilipp und Störenfrieda lernen anders« (Campus-Verlag)
»Die Enthüllung, dass es ADHS als deutlich unterscheidbare nachweisbare Erkrankung nicht gibt, ist der eine ? kürzere ? Teil des Buches (60 Seiten). Wesentlich größeren Raum nimmt die Darstellung der Strategien ein, die nützlich sein könnten, um »Verhalten und Aufmerksamkeitsspanne Ihres Kindes (zu) verbessern«. Das macht deutlich, dass es Thomas Armstrong in erster Linie um Hilfestellung und Unterstützung für die Eltern geht, die unter dem Verhalten ihrer Kinder und mit ihren Kindern leiden. Aber auch für TherapeutInnen ist die Lektüre zu empfehlen. Was den Autor am Phänomen ADHS am meisten stört, ist die Betonung des Defizitären, die Abstempelung von sehr vielen Kindern durch ein psychiatrisches Krankheitsbild. Hinzu kommt eine Behandlung, die auf »die gute Pille« plus Verhaltenstherapie plus evtl. Eltern-Training standardisiert wurde ? und im schlechtesten Fall auf Medikation reduziert wird. Demgegenüber orientiert sich Armstrong an der Lebendigkeit und den Fähigkeiten der Kinder, die aus unterschiedlichen Gründen und auf verschiedenem Hintergrund in ihrem Verhalten als Kinder mit ADHS-Symptomatik auffällig werden. Durch Querverbindungen zu allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklungen und Themen macht der Autor deutlich, dass es beim Umgang mit den Problemen, die ADHS-Kinder machen und haben, auf eine persönliche Entscheidung hinausläuft, ob Veränderung über Beherrschen oder Befähigen gesucht wird ? der Autor plädiert für Letzteres.« ? Systhema
»Eine revolutionäre neue ADHS-Konzeption.« ? Thomas Gordon, Autor des Bestsellers »Familienkonferenz«
»Dieses Mut machende, vielfältige und weise Buch wird mehr Gutes bewirken als ein ganzer Schrank voller ungeeigneter Rezepturen.« ? Shari Lewis
»Armstrong tut mehr, als dem Leser nur zu erklären, was an der Diagnose ADHS nicht stimmt. Er beschreibt innovative Lösungen von Verhaltensproblemen, die allesamt ohne Pharmaka auskommen. Dieses Buch ist Pflichtlektüre für Eltern, die nach ungefährlichen Lösungen für den Umgang mit einem schwierigen Kind suchen.« ? Prof. Diane McGuiness
NAGEL-Redaktion – Gedenk- und Aktionstage
Gedenktage werden von diversen Organisationen, etwa der UNO, der UNESCO, den Kirchen, Staatsregierungen, aber auch von Interessengruppen ausgerufen. Eine Auswahl solcher Tage finden Sie hier veröffentlicht. Möglicherweise können Sie die Hinweise als Anregungen für Projekte oder Aktionen verwenden, die in Ihrer Einrichtung stattfinden.
Seitens des ABA Fachverbandes ist geplant, künftig einen nordrhein-westfälischen „Tag der Spielplatzpaten“ einzuführen. Hierzu werden wir zu gegebener Zeit berichten.
ABA Fachverband
Januar
27. Januar: Holocaust-Gedenktag (Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus) – In Deutschland eingeführt 1996, international seit 2005 (UNO).
Februar
6. Februar: Internationaler Tag gegen Mädchenbeschneidung – Mehr Info
12. Februar: Internationaler Tag gegen den Einsatz von Kindersoldaten – Eingeführt 2002, ausgerufen durch die „International Coalition to Stop the Use of Child Soldiers“.
20. Februar: Welttag für soziale Gerechtigkeit – 2009 ausgerufen von der UNO
21. Februar: Internationaler Tag der Muttersprache – Eingeführt 2002 durch die UNESCO.
März
8. März: Internationaler Frauentag (Weltfrauentag) – Seit 1910 (Initiatorin: Clara Zetkin), 1997 durch die UNO ausgerufen.
21. März: Internationaler Tag für die Beseitigung von Rassendiskriminierung – 1967 von der UNO ausgerufen. Gleichzeitig beginnt an diesem Tag die jährliche Woche gegen Rassismus und Rassendiskriminierung.
22. März: Weltwassertag (Tag für sauberes Wasser und Gewässerschutz) – 1993 von der UN-Vollversammlung ausgerufen.
April
Letzter Donnerstag im April: Mädchen-Zukunftstag (früher veralbernd „Girl’s Day“ genannt) – 2001 durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung eingeführt.
Parallel dazu findet – auf Initiative des Paritätischen Bildungswerks – der Soziale Tag für Jungen statt.
2. April: Internationaler Kinderbuchtag – 1967 auf Initiative des IBBY (International Board on Books for Young People) eingeführt.
16. April: Tag gegen Lärm (International Noise Awareness Day) – In Deutschland organisiert von der Deutschen Gesellschaft für Akustik e.V. (DEGA)
30. April: Internationaler Tag für gewaltfreie Erziehung – 2003 erstmalig vom Deutschen Kinderschutzbund ausgerufen
Mai
1. Mai: Tag der Arbeit – 1889 vom Gründungskongress der 2. Internationale eingeführt, seit 1919 in Deutschland gesetzlicher Feiertag.
3. Mai: Internationaler Tag der Pressefreiheit – 1991 von der UNESCO angeregt, 1992 von der UNO eingeführt.
5. Mai: Europatag – Jahrestag der Gründung des Europarats (1949).
15. Mai: Internationaler Tag der Familie – 1994 von der UNO eingeführt.
23. Mai: Tag des Grundgesetzes – Jahrestag der Verkündung des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland.
28. Mai: Weltspieltag – 2008 ausgerufen vom Bündnis Recht auf Spiel.
Juni
1. Juni: Internationaler Kindertag – Tradition in China, den USA und früher (seit 1950) in der DDR. Der Weltkindertag wird gegenwärtig am 20. September begangen.
4. Juni: Internationaler Tag der Kinder, die unschuldig zu Aggressionsopfern wurden – Von der UN-Vollversammlung 1982 beschlossen.
12. Juni: Welttag gegen Kinderarbeit – Seit 2002, ausgerufen von der ILO (International Labour Organization – Internationale Arbeitsorganisation).
16. Juni: Tag des afrikanischen Kindes (Youth Day) – 1991 von der OAU (Organisation für Afrikanische Einheit) ausgerufen, inzwischen UNICEF-Gedenktag.
20. Juni: Weltflüchtlingstag – 1995 von der UNHCR (Hoher Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen) ausgerufen, bis 2000 Tag des afrikanischen Flüchtlings.
26. Juni: Internationaler Tag zur Unterstützung der Folteropfer – 1998 von der UNO ausgerufen.
Juli
1. Juli: Intact Day (Gedenktag gegen Genitalverstümmelung von Kindern)
August
12. August: Internationaler Tag der Jugend (Weltjugendtag) – ausgerufen von der UNO
September
2. Samstag im September: Tag der deutschen Sprache – seit 2001, unter anderem ausgerufen vom Verein Deutsche Sprache.
1. September: Antikriegstag – 1985 unter anderem vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) eingeführt.
8. September: Weltbildungstag – 1967 von der UNESCO eingeführt.
12. September: Tag der deutschen Sprache
20. September: Weltkindertag (in Deutschland), international am 1. Juni bzw. am 20. November.
21. September: Weltfriedenstag – eingeführt anlässlich des früheren Eröffnungsdatums der UN-Generalversammlung.
26. September: Europäischer Tag der Sprachen – eingeführt von der WTO (Welthandelsorganisation).
Oktober
3. Oktober: Tag der Deutschen Einheit – seit 1990 gesetzlicher Feiertag in Deutschland.
7. Oktober: Welttag für menschenwürdige Arbeit – ausgerufen vom Internationalen Gewerkschaftsbund (IGB), erstmalig begangen 2008.
10. Oktober: Internationaler Tag gegen die Todesstrafe – 2008 zum ersten Mal u.a. von der EU begangen, von der 2002 gegründeten „World Coalition against Death Penalty“ (WCADP) ins Leben gerufen wird er in Form einer internationalen Koalitition unterstützt u.a. von „amnesty international“, Anwaltskammern, Gewerkschaften, lokalen und regionalen Behörden sowie vielen Nichtregierungsorganisationen. „amnesty international“ beging ihn erstmals 2003.
17. Oktober: Internationaler Tag für die Beseitigung der Armut – 1992 durch die Generalversammlung der Vereinten Nationen proklamiert, initiiert 1987 von Joseph Wresinski.
November
3. November: Weltmännertag
9. November: Gedenken an die Reichsprogromnacht
20. November: Weltkindertag (international) – von der UNICEF ausgerufen (auch 20. September in Deutschland und 1. Juni).
25. November: Internationaler Tag für die Beseitigung von Gewalt gegen Frauen – von der UNO 1960 ausgerufen.
Dezember
5. Dezember: Internationaler Tag des Ehrenamts – seit 1986 (früher am 2. Dezember), von der UNO 1985 proklamiert .
10. Dezember: Internationaler Tag der Menschenrechte – 1947 von der UNO ausgerufen zur Erinnerung an die Verabschiedung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte.
18. Dezember: Internationaler Tag der Migranten – von der UNO deklariert.
NAGEL-Redaktion – Wir leben vom Judentum und vom Griechentum
„Seit ein Gespräch wir sind …“ (Hölderlin)

Die Besinnung auf die Herkunft unserer Kultur anhand einiger Fragen an das Labyrinth von Knossos in Kreta, das für die pädagogische Umsetzung im Erfahrungspark des SJC Hövelriege Verwendung fand, ist Teil eines größeren Werkes über „Produktionsfaktoren und Lernen“ von Prof. Willy Bretschneider. Die Bilder sind von Nikolaus Vollmer.
Mit Lévinas können wir sagen: Wir leben vom Judentum, und wir leben von den Griechen, und das Leben von beiden ist unser Genuss.
Es ist unser Genuss nicht erst, wenn wir ihre Schriften studieren und ihre Sprachen beherrschen, wenn wir also die antiken Lern- und Lehrstoffe in uns aufgenommen haben. Wir leben vielmehr jederzeit von den jüdischen und griechischen Kulturen; und das kann nur heißen: Wir atmen jüdischen und griechischen Geist in einer Atmosphäre, die durch und durch von ihren Bemühungen, die Welt zu verstehen, getränkt ist. Das Weltverständnis der Griechen und Juden ist unser Milieu. Ob wir es eingestehen wollen oder nicht, ob es uns bewusst ist oder wir nur unbewusst in ihrem Geist dahindämmern, ob wir besondere Anstrengungen unternehmen, ihre Gedanken zu erschließen, oder nur Opfer ihrer schlimmsten Auswirkungen sind, wir leben von ihnen, von ihren Geschichten und Mythen, von ihren Ideen und der Art ihres Denkens, von ihren Worten und Begriffen und von der Art, sie miteinander zu kombinieren. „All dies sind keine Gegenstände der Vorstellung. Wir leben davon.“ (1)

Das, was wir uns von beiden Denkansätzen vorstellen und vorstellen könnten, wenn wir ihre Texte lesen und studieren, ist bei allem ernsthaften Bemühen um Wiederholung ihres Weltverständnisses wenig im Verhältnis zu dem, wovon wir leben. Jede Geschichtsepoche erschließt Anderes und Neues und sorgt so für immer radikalere Renaissancen der vorchristlichen Kulturen, Renaissancen von Tiefenschichten, die dem alltäglichen Bewusstsein unbekannt waren und sind.
Anders ausgedrückt: Es gibt Tiefenschichten im geistigen Leben der Juden und Griechen, die unserem bewussten Umgang mit ihnen verborgen sind, die aber erschlossen werden können oder müssen, wenn wir deren Potentiale für die Bewältigung der gegenwärtigen Krisen nutzen wollen.
Wir leben vom Judentum und von den Griechen in einer Weise, die über das hinaus geht, was bei der bewussten Übernahme ihrer Gedanken in der abendländischen Geschichte angestoßen worden ist. Aus beiden Kulturbereichen hat sich das christliche Abendland so gebildet, dass es sich mit seinen Erkenntnissen von dem, was ist, und mit seinen Vorschriften für ein ideales Leben noch längst nicht all dem genähert hat, was im Judentum und in der griechischen Philosophie angefangen wurde und deren Entwicklung in der Zukunft noch möglich ist. Die unterschwelligen Potentiale aus beiden Kulturkreisen müssen und können in der Gegenwart erschlossen werden, wenn die Isolation des Menschen im elementaren Lebensbereich, der in der Gegenwart vor allem durch die Herrschaft des Geldes angezeigt ist, aufgehoben werden soll.
Judentum und Griechentum beginnen in ihrer wesentlichen, die spätere Geschichte prägenden Form mit alltäglichen Gesprächen, und deshalb kann die Dimension dessen, was für die Gegenwart aus ihrem Denken neu geschöpft werden kann, nur durch Alltagsgespräche erreicht werden. Alles studierende Umgehen mit antiken Texten muss aus den akademischen Gefilden in die Alltagsgespräche der Straßen und Plätze und Märkte verlagert werden und muss in verständlichen Formen den Mann und die Frau auf der Straße erreichen. Schließlich ist die Kategorienlehre des Aristoteles auf der Agora, dem Marktplatz der Städte, vor allem Athens, entstanden.
Dort hat Sokrates die Jugend der Polis mit seinen rhetorischen Disputen erreicht und sie durch Vorbild und Ermahnung vom übermäßigen Alkoholkonsum befreit, ohne nüchtern zu werden. Er hat sie gelehrt, auf philosophische Fragen Antworten zu geben, die ihrem Leben Sinn verleihen. Für die Juden geben die Rabbiner ihren Schülern Rede und Antwort, damit ein ethisch geregeltes Leben in Israel möglich ist. In beiden religiös-politischen Bereichen sind es die Lehrer im Gespräch mit Schülern, die aus unmittelbarer Nähe die Kulturen stiften und sich nicht in Elfenbeintürmen verbarrikadieren. Es muss heute an den Schulen eine Lernatmosphäre entstehen, von der ethische Einflüsse auf die Gestaltung des alltäglichen Lebens ausgehen. Nicht die Forschungsergebnisse der Universitäten und Institute, die über Fachleute und Medien, vermittelt durch die Werbung, in die Straßen und Wohnungen der Menschen gelangen, dürfen die Lebensgewohnheiten der Menschen beeinflussen, sondern das Lernen an Schulen und außerschulischen Instituten, z. B. in Vereinen, muss sich auf jüdische und griechische Themen so konzentrieren, dass die politischen Verhältnisse aus deren verborgenen Schätzen leben.
In der Zweite(n) Lektion, Asylstädte (2) tritt E. Lévinas mit einer selten geäußerten Radikalität für kollektive Gespräche ein, indem er ebenso radikale Texte der Rabbiner zitiert: „Das wahre Denken ist kein ‚stiller Dialog der Seele mit sich selbst‘, sondern Diskussion zwischen Denkern. … ‚ Schwert über (oder Krieg gegen) die Lügenhändler (Geschichtenerfinder), sie verlieren den Kopf‘“ (3). Die Einzelgänger werden verurteilt und mit dem Schwert bestraft; wer für sich alleine studiert, wird ein Feind Israels genannt oder, schlimmer noch, als töricht und närrisch entlarvt. Als Lügenhändler und Geschichtenerfinder, Eigenbrötler und Lügner werden die Einzelgänger bezeichnet. Und dann wird ein Vers formuliert, der wie ein Schwert niedersaust: „Hütet euch vor den Verstiegenheiten der für sich Bleibenden, die ihre ‚genialen‘ Ideen nicht durch Diskussionen mit anderen überprüfen!“ Lévinas fügt hinzu: „Vorsicht vor dem Stumpfsinn des Isolierten und vor seinem sündhaften Hochmut!“ (4)
Denken ist nur als Dialog möglich. Auch wenn wir keine Gesprächspartner haben, formulieren wir unsere Gedanken in Sätzen und Aussagen, die Antworten und Gesprächspartner suchen. Denken ist nie sprachlos, und Sprache ist immer Gespräch. Deshalb muss das studierende Lernen in Gesprächen stattfinden und nicht in Bachelor- und Masterkursen.

Weil wir von den Griechen und Juden leben, leben wir von Gesprächen, und wenn wir nicht sprechen, leben wir nicht und zerstören das Leben der Anderen. Wir leben vom jüdischen und griechischen Denken, und wenn wir uns deren Denken nicht im Gespräch erschließen, verspielen wir ein gutes Stück unseres gemeinsamen Lebens, das eben jüdisch und griechisch ist.
Darum müssen sichtbare Monumente in allernächster Umwelt geschaffen werden, die zu Gesprächen anregen und die alle Sinne der Kinder und Jugendlichen ansprechen und sie darauf stoßen, was jüdisch und griechisch in unserem Leben ist. Es müssen Räume gestaltet werden, deren Herstellung und Gebrauch griechisches und jüdisches Leben erschließen. Durch die Arbeit an den kulturellen Zyklen der Geschichte wird sowohl der antike Hintergrund als auch der Untergrund des gegenwärtigen Lebens erschlossen. Der Umgang mit Geschichte ist nicht nur in den Schulen zu pflegen, sondern muss auf jedem Kinderspielplatz selbstverständlich sein, damit er in den Gesprächen präsent wird und die Schulwirklichkeit verändert. Die Schulen müssen sich wandeln und statt des lehrer- und datenzentrierten Unterrichts kollektives Erarbeiten von Sinnzusammenhängen durch Schüler ermöglichen.
Für den Unterricht in griechischer Kultur könnte das folgendermaßen aussehen:
Minoische Kultur ist von mykenischer, mykenische von klassischer Kultur zu unterscheiden. Deren Merkmale, Geschichten und Namen sind von den Schülern zu erarbeiten und zu benennen, so dass für das unterschiedliche Wesen dieser Epochen Verständigungsweisen zu wecken sind. Alle Ergebnisse können von den Schülern im Unterricht selbständig vorgetragen, bildlich dargestellt und in Gebäuden errichtet werden. Die Schüler haben die Möglichkeit, in dem, was sie von den Griechen lernen, umher zu gehen, es zu bestaunen und zu verändern. Schüler sind dann wieder Peripatetiker im griechisch-aristotelischen Sinn (5). Solche Lerngänge (6) können zur Produktion von Wissen und Einsicht vorbereitet werden.

Das Labyrinth des Dädalus und seine mögliche Bedeutung für die Pädagogik
Durch einen Exkurs über das, was die Griechen mit der Vorstellung vom Labyrinth und der Euklidischen Geometrie für das abendländische Denken entworfen haben, soll erklärt werden, was solche Lerngänge bewirken können, wenn sie in die Gebiete vordringen, von denen wir leben.
„Alle drei Formen des L(abyrinths) lit.(erarisch); visuell; tänzerisch gehen wahrscheinlich auf eine bisher nicht erklärte Urform des L(abyrinths) zurück, die nach unterschiedlichen Deutungen den menschlichen Körper, insbesondere den weiblichen Uterus, die Unterwelt (verbunden mit initiatorischen Riten) oder die stilisierte Form eines Stadtplans oder gar eine Nachbildung der Laufbahn von Himmelskörpern darstelle.“ (7)
Die bisher nicht erklärte Urform des Labyrinths muss eine Nachbildung der Irrwege in die Natur sein, die ein Irren als Verirren in Urwäldern und Wüsten kennt, aus denen Rückwege schwer zu finden sind. Die Ableitung von Labrys, Streit- oder Doppelaxt, muss ja nicht erst kriegerischen Ursprungs sein, sondern kann auf ein bahnendes Werkzeug in die undurchdringlichen Waldbestände in einer lange vergangenen Urzeit verweisen.
Der Verweis auf den weiblichen Uterus, die Unterwelt oder in anderen Zusammenhängen die Vorstellung eines weitverzweigten Bergwerks oder von unterirdischen Höhlen erhärtet die These vom Ursprung des Labyrinths aus der primären Begegnung des Menschen mit der menschlichen und außermenschlichen Natur. Die stilisierte Form eines Stadtplans oder gar eine Nachbildung der Laufbahn von Himmelskörpern lassen auf einen Zusammenhang mit der minoischen Kultur schließen, die vom Marktplatz oder vom unregelmäßigen Grundriss der Städte aus die Vorstellung eines Labyrinths entwickelt haben. Beides sind Bauformen, die keinem von oben (von den Burgen aus) entworfenem Plan folgen, sondern agglutinierender (verklumpender) Bauweise folgend Stand an Stand und Haus an Haus fügen und so ein Zurechtfinden im Wirrwarr von Angeboten äußerst erschweren.
Das Labyrinth des Dädalus in Knossos, dem Mittelpunkt der Minoischen Kultur, kann als Anfang des geordneten geometrischen Denkens, das von oben (den Burgen) oder von den Sternen aus Orientierungshilfen geschaffen hat, deutlich gemacht werden. Wenn es auch nicht das erste Labyrinth ist, von dem Spuren gefunden worden sind, so erfahren wir doch durch den Mythos das Wesentliche von ihm: Zunächst sind es weit verzweigte Gänge, die wie Höhlen von Dädalus, dem kundigen Baumeister, in den Fels gebaut wurden, damit in seinem Mittelpunkt ein Gefängnis für den Minotaurus entstand. Der Minotaurus konnte nicht entkommen, weil er den Weg zum Ausgang nicht fand. Die Ausweglosigkeit des Labyrinths erinnert an die Schwierigkeit, der Natur zu entkommen, wenn man sich in ihr in einer Zeit verlief, in der noch kein Orientierungssystem gefunden war, das sicheres Weiterkommen garantierte.

Der Gesichtspunkt von oben, von der Burg oder von den Himmelskörpern aus, ist die Voraussetzung dafür, dass Landkarten oder geometrische Zeichnungen für die Orientierung zu Wasser und zu Land oder für das Bauen entworfen werden konnten. Die Handelsbeziehungen mit Babylonien und Ägypten sprechen dafür, dass deren astronomische Erfahrungen Einfluss genommen hatten auf die Kenntnisse der Kreter.
Durch beides: die ausweglose Ordnung des Labyrinths und die Entwicklung des geometrischen Denkens als Orientierungshilfe, für das Euklids more geometrico eine entscheidende Wegmarke bedeutete, kommt die Natur in den vermessenen Griff.
Vom Irrgarten, der die tatsächlichen Irrgänge in der menschlichen und außermenschlichen Natur beschreibt, zum Labyrinth, das die Irrgänge mythologisch überhöht oder geometrisch vermisst, geht die Entwicklung, nicht umgekehrt. Die zahlreich im 16. Jahrhundert entstandenen Irrgärten zur Unterhaltung der reicheren Bürger und des Adels könnten das Gegenteil nahelegen. Das irrende Gehen im Garten verbindet das Herumirren in fremder Natur, das zum Unterhalt des Lebens und zur Sicherung der Lebensbedingungen notwendig war, mit dem Lustwandeln in einem verwandelten Stück Land zur riskanten und aufregenden Unterhaltung von Menschen, die sonst in gesicherten Verhältnissen leben. Das Risiko des zu verpassenden Ausweges ist die Bedingung für das prickelnde Abenteuer der Bürger, das darin besteht, nicht zu wissen, wo es lang geht (8). Ein raffiniertes System aus Hecken und Zäunen schafft immer wieder neue Möglichkeiten zu entscheiden, welche Richtung man gehen will. Das lebt von der Erinnerung an ursprüngliche Natur, in der das Irren tödlich enden konnte, und an die Labyrinthe der frühen Geschichte, in denen die im Labyrinth irrenden Gefangenen aus Theben vom Minotaurus gefressen werden konnten. Doch das ist schon Mythos.
Die Berichte unter dem Stichwort Labyrinth im Kleinen und Neuen Pauly und in Wikipedia schildern das Wesen der Labyrinthe in Analogie zur menschlichen, unter- oder überweltlichen oder menschlich gestalteten Natur: drei Formen des Labyrinths gibt es: literarisch, visuell, tänzerisch. Sie stellen den menschlichen Körper, insbesondere den weiblichen Uterus, die Unterwelt oder die stilisierte Form eines Stadtplans oder gar eine Nachbildung der Laufbahn von Himmelskörpern dar.
Literarisch sind die Texte selber, die vom Labyrinth in Knossos u.a. in mythologischer Sprache berichtet werden. Visuell sind die Labyrinthe auf den Fußböden der Tempel und Kathedralen, der Fürsten- und Geschäftshäuser des Adels, und tänzerisch sind die zur Beschwörung der Geister, wie der „Jungfrauentanz in Trojaburgen“ oder „Labyrinthtanz zum Ostersonntag von Geistlichen in den mittelalterlichen Kathedralen“ (Wikipedia). Auch der „von Theseus gestiftete Kranichtanz der Delier“ (Der Kleine Pauly) hat kultischen Charakter.
Wenn der menschliche Körper, insbesondere der weibliche Uterus, als Labyrinth bezeichnet wird, spiegelt das die Angst der vor allem männlichen Interpreten vor dem Inneren des Menschen und dem Uterus der Frau wieder, in das einzudringen Wissenschaft und Empirie sich lange Zeit nicht trauten, obwohl ihre Praxis ebenso lange schon eine andere war.
Die Unterwelt kann man nicht kennen, man stellt sie sich vor als Labyrinth von Höhlen und Bergwerken, die unterirdische Schätze verbargen, zu deren Bergung und Erkundung erfahrene Bergleute und Ärzte die geheimen Wege kennen lernen mussten.
Die verschlungenen Straßen und Wege der Städte waren solange ein schwer zu durchdringendes Labyrinth, wie noch keine Stadtpläne und Karten zur Orientierung in ihnen vorhanden waren. Auch die Vorstellung der Laufbahnen der Himmelskörper als labyrinthisches Durcheinander zeigt die Ohnmacht der frühen Menschen, das Durcheinander zu durchschauen, bis es auch als magische Bezeichnung (Labyrinth) oder später als Zeichnung (der Sterne) der Beginn des Sichzurechtfindens am Himmel, auf den Meeren und bei Wanderungen auf der Erde war.
Das Finden des Namens Labyrinth ist, wie die Götternamen für Kräfte der Natur im Mythos, der Anfang von wissenschaftlichen Enthüllungen der Geheimnisse der Natur. Wenn ein Wort gefunden ist für das, was man fürchtet, ist schon der Schrecken gebannt und der Weg gefunden, der weiteres Forschen möglich macht.
Vom Irrgarten zum Labyrinth schildern die mythologischen Berichte einen Umgang des Menschen in und mit der Natur, der die Not des Menschen, die Natur zu bewältigen, nachempfinden lässt: Im Irrgarten bleibt die Ausweglosigkeit des Menschen angesichts von unüberwindbaren Hindernissen der Naturbewältigung noch erhalten. Der Mensch, der sich in der Natur verirrt, weiß nicht, nach Hause zu kommen und braucht begehbare Wege für Füße und Augen, damit das Wissen sich einstellt, wo der Ausweg gefunden werden kann. Hier herrscht die tatsächliche Not des rastlosen Sammlers und forschenden Jägers noch vor, der Natur die Mittel zum Leben durch Praxis und Wissenschaft abzuringen und sie nach Hause zu bringen.
Sobald der Mensch sesshaft geworden ist, muss er für sein Bauen und Wohnen die ungeregelte Natur in ein parzelliertes Land verwandeln, das eben und gleichmäßig ist. Der Irrgarten wird zum Labyrinth, das Labyrinth wird zur Karte und die Natur zu ebenen Flächen auf den Böden, den Wänden und auf dem Papier. So sind die Landkarten und Stadtpläne entstanden. Das Labyrinth kann als in Fläche oder Ebene gewandelte Natur betrachtet werden. Wege in die Natur werden zu Linien und Strecken mit Winkeln und Proportionen, die fürs Berechnen und Planen der Wissenschaftler und Bauherren Voraussetzung sind. Die Höhen und Tiefen der Natur werden zur ebenen Fläche auf dem Papier. Flüsse und Wege werden zu Linien. Das umherirrende, aussichtslose vorwärts Drängen durch Wüsten und Wälder, Ebenen und Gebirge erleichtert eine Aufsicht von Oben, die jede Einzelheit der Natur auf Landkarten registriert und einer sofortigen Orientierung die Wege weist, die den Fortschritt ermöglichen.
Es ist so, als ob vor zigtausenden von Jahren die Vielfalt und Unübersichtlichkeit der Natur umgekippt wären – oder verflacht worden sind – auf eine Fläche, die im Labyrinth ihren frühen Ausdruck fand. Das Umklappen der Ausbuchtungen der Natur in eine ebene Fläche hat magischen Charakter, der vor allem in der Höhlenmalerei zum Ausdruck kommt. Die Wände in Höhlen und Grotten waren vielleicht die ersten glatten Flächen, auf denen die Menschen der Urzeit malen konnten. Der magische Charakter dieser Zeichnungen hatte einen Bezug zur Jagd und diente dazu, die Tiere in ein Bild zu bannen und zum Stillstand zu bringen, wenn man es erlegen will.

Deutlich hat die Malerei in Höhlen einen Bezug zur übernatürlichen Welt:
„Die Menschen haben damals aufgrund ihres Glaubens in Höhlen gemalt und graviert. Höchstwahrscheinlich glaubten sie einfach, dass die unterirdische Welt eine übernatürliche Welt ist. In den Grotten glaubten sie Geistern, Göttern, ihren Vorfahren, Verstorbenen zu begegnen. Die Bilder sollten als Mittler zwischen der hiesigen und der jenseitigen Welt dienen.“ (9)
So kann das Labyrinth dazu dienen, Macht über die Unterwelt zu bekommen, oder die übernatürliche Welt zu beschwören oder allgemein, die Natur zu bewältigen, indem man sie auf Linien reduziert: Flüsse werden zu Linien (z. B. im Mäander), Berge je nach Höhe zu mehrfachen Parallelgebilden, Städte und verabredete Treffen zu Punkten, Landschaften in verschiedenen Farben dargestellt, und, viel später vielleicht, verabredete Grenzen zur Trennung der Nationen. Die gewohnten Wege, die zu Geraden geworden sind, erscheinen im Labyrinth so verschlungen, weil die Natur eben verschlungen ist. Die Ausweglosigkeit erinnert daran, dass jeder Weg in die Natur ein Ziel und einen Ausgangspunkt hat, den es (wieder) zu erreichen gilt, die manchmal schwer und manchmal überhaupt nicht zu finden sind.
Vom Labyrinth als Fläche ist die Entwicklung nicht weit zur Vermessung der Welt:
„Manchmal war ihm, als hätte er den Landstrich nicht bloß vermessen, sondern erfunden, als wäre er erst durch ihn Wirklichkeit geworden. Wo nur Bäume, Moos, Steine und Graskuppen gewesen waren, spannte sich jetzt ein Netz aus Geraden, Winkeln und Zahlen. Nichts, was einmal jemand vermessen hatte, war noch oder konnte je sein wie zuvor. Gauß fragte sich, ob Humboldt das begreifen würde.“(10)
Man muss begreifen, dass die Geometrie, die mit Geraden, Winkeln und Zahlen operiert, nichts Natürliches begreifen lässt, sondern die Natur überzieht mit geometrischen Daten, die in sich stimmig sind. Sie suchen vergeblich, die Natur in den Griff zu bekommen. Die Euklidische Geometrie ist ein Vermessen der Erde, das wie das Labyrinth eine Ebene voraussetzt. Schon Gauß wusste, dass die Summe der Winkel eines Dreiecks nur 180° in einer planen Ebene bilden. Wenn man die Krümmung der Erde berücksichtigt, stimmt diese Rechnung nicht. Es ist die abstrakte Bestimmung einer ebenen Fläche, die mit Punkten, Geraden, Längen, Winkeln, Kongruenzen, Ähnlichkeiten auszumessen ist. Die Geometrie ist die notwendige Voraussetzung für das Bauen der Städte und deren Zivilisation. Sie ist aber auch eine Vergewaltigung der Natur, die Schaden anrichtet.
Zur angestrebten Messbarkeit der zu berechnenden Fläche musste die Natur auf eine gleichmäßige Ebene reduziert werden. Wie das Leben der Stadt sich auf der Agora zentriert und in den Kategorien des Aristoteles seinen Ausdruck im Denken gefunden hat, kann das Labyrinth die Irrwege in der Natur symbolisieren, so dass es als Ornament oder als künstlerische Zeichnung erscheint. Die Kategorien beschwören das Denken beim Erfassen des Seins, das Labyrinth die realen Wege des Menschen in der Natur und die Höhlenmalerei die guten und bösen Geister der Unter- und Oberwelt. Das eine ist Logik in der Metaphysik, das zweite ist Geometrie in der Mathematik und das dritte Magie im Mythos.
Das Labyrinth war die Reduktion der Natur auf Irrgänge und verschlungene Wege, in denen der Mensch sich verlaufen konnte, weil er keine Auswege fand. Es kann als ein Versuch verstanden werden, eine menschlich verständliche Ordnung in die Naturerfahrung zu bringen, eine Ordnung, in der das Irren auf die Dimension der Fläche beschränkt ist. Wenn es im Labyrinth schwierig ist, den Ausweg zu finden, ist das eine Schwierigkeit, die in der Natur tausendfach größer ist. So muss man vom Ausgeliefertsein an die Natur über das beschwerliche Irren im Garten und über die Ausweglosigkeit der labyrinthischen Wege bis zum Faden der Ariadne eine Wegfindung erkennen, die in der Euklidischen Geometrie ihre für das Abendland typische Berechenbarkeit gefunden hat. Schon die Geometrie der Ebene und des dreidimensionalen Raumes, also das Wesen dieser Euklidischen Geometrie, sind Maße nach Regelmäßigkeiten, die es so in der Natur nicht gibt.
Das Labyrinth ist der Versuch, die unübersichtlichen natürlichen Räume durchsichtig, begehbar und verstehbar zu machen, und zwar durch ein Bild, dessen Ausgang auch auf dem Papier schwer zu finden ist. Das Labyrinth in seinem Wechsel von Irrgarten und ornamentaler Zeichnung kann als Vorstufe der Ebene und der Fläche, die von Linien durchzogen sind, verstanden werden. Da Labyrinthe zunächst höhlenartige Räume zum Gehen und Kriechen gewesen sind, mussten sie, um Übersichtlichkeit herzustellen, in Flächen auf Fußböden der Herrenhäuser reduziert werden. Dort erst erfüllten sie den Zweck, Übersicht für die Augen zu schaffen. Die Labyrinthe wurden auf einen Sinn, den Sinn des Sehens, beschränkt. Um Messbarkeit, Berechenbarkeit und Beherrschbarkeit zu garantieren, mussten die Flächen, den Linien gemäß, in Quadrate und Rechtecke, in Kreise und in die dritte Dimension der perspektivischen Räume erweitert werden.

Was vor zigtausenden von Jahren den Fortschritt von Wissenschaft und Forschung ermöglichte, das Verflachen der undurchsichtigen Natur auf eine Ebene und eine Fläche und damit aufs Papier, muss heute umgekehrt werden, damit das entwickelte Lernen wieder ein Fortschreiten mit den Füßen wird. Warum spricht man vom Fortschritt? Warum gibt es Lehrgänge? (11) Warum spricht man von Erfahrung, wo doch das Fahren nur ein beschleunigtes Gehen und Wandern ist? Man muss in die Natur hineingehen, wenn man sie erfahren will. Wenn das Lernen in Verbindung mit gehen und schreiten, mit fahren und wandern verbunden würde, würde es Erfolg und Freude sichern. Es ist nicht die Frage, welche Formen von Labyrinth zu welchen Zeiten es gegeben hat und was sie im Zusammenhang der jeweiligen Kulturepochen bedeutet haben, sondern wie durch ihre neue Sichtweise bahnbrechendes und Sinnlichkeit veränderndes Verstehen der Natur sich durchgesetzt hat. Wenn es den Schülern vermittelt werden könnte, wenn sie konkret erfahren würden, dass es ein Riesenschritt auf unsere abendländische Vorstellungen und Erfahrungen hin gewesen sein muss, auf Papier schreiben zu können, dass riesige Gebäude aus Mauern und Kellern, Zimmern und Dächern in den winzigen Buchstaben h a u s auf Tafeln und Heftseiten dargestellt werden können, würden sie nichts mehr selbstverständlich hinnehmen, was ihnen in den ersten Schuljahren angeboten wird. Sie würden in ihrer nächsten Umgebung das Wundern und Staunen wieder lernen, dass man Schriftliches entziffern kann. Im Labyrinth können auch Erwachsene wieder lernen, dass es ein Riesenfortschritt ist, Natur auf Papier zu bringen. Doch ist das Labyrinth nicht das einzige Beispiel für den Wechsel und Wandel der menschlichen Sicht auf die Welt.
Im Labyrinth des Minos, das Dädalus in Knossos gebaut hat, wird in der Zeit der minoischen Kultur die Verstrickung in die Irrwege der Natur und die Folgen der Inzucht von Tieren und Göttern (Minotaurus) durch den Faden der Vernunft von Theseus und Ariadne, die in Liebe vereint sind, aufgehoben. Im Palast des Agamemnon in Mykene wird das Blut der Familien in stammesgeschichtlicher Verblendung vergossen und aus blutsverwandtschaftlicher Irre auf dem Areopag in Athen durch Rechtsprechung befreit, und auf der Agora des Perikles in Athen werden die Kategorien des Denkens aus verschlungener Sophistik zum Sokratischen Ethos des Abendlandes erhoben. In allen drei Kulturen wandelt sich die Bewältigung des vergangenen gesellschaftlichen Zustandes mithilfe von ethischen Grundsätzen zu einer Durchdringung der Welt mithilfe rationeller Vernunft, und jede Stufe der Entwicklung ist eine andere Weise, das politische Leben ethisch zu gestalten.
Naturbewältigung durch Vernunft und Sprache, Überwindung des Blutzusammen-hanges durch gerichtliches Handeln und Befreiung des sophistischen Rationalisierens durch kategoriales Denken sind die Stufen einer Zivilisierung, von der wir heute noch leben, und von der wir immer wieder feststellen, dass sie noch längst nicht gelungen ist.
Der Faden der Vernunft führt Theseus und Ariadne zurück zur Heimkehr an den Ausgangspunkt der Reisen von Theben ins Innere des Labyrinths. Die Sehnsucht des Odysseus treibt ihn nach den Irrfahrten in die Fremde durch die Abenteuer zurück in die Heimat. Das von Orest vergossene Blut findet Versöhnung vor der Göttin Athene am Gerichtshof in Athen, dem Areopag. Das geordnete Denken in kategorialen Bahnen durch Aristoteles begründet die Philosophie und die Wissenschaft.
Befreiung durch die Euklidische Geometrie aus der ungeregelten Natur, Befreiung aus stammesgeschichtlichen Blutsverhältnissen durch Vernunft und Richterspruch und Befreiung aus zu nichts verpflichtender bloßer sophistischer Kasuistik, führen zu Naturerforschung, Jurisprudenz und zu geordnetem Denken in der Philosophie. Sie führen zum Abendland, das immer noch nicht genug von diesen Befreiungen lebt.
Solche oder ähnliche Sinnzusammenhänge zu lernen, ist den Schülern möglich, wenn sie selber diese in mühevoller, selbstständiger Forschungsarbeit mit Freude und Begeisterung erschließen. Durch Lehrervortrag und Schülernacharbeit bleibt alles Vermitteln von Stoffen bloße Kenntnisnahme, bloßes auswendig lernen ohne inwendige Veränderung der Voraussetzungen für eigene Erfahrung. Schüler, die nur paukendes Lernen in der Schule kennen gelernt haben, bleiben willen- und vernunftlose Opfer der Medienkultur. Sie bewältigen keine Ansprüche, die freiwillige Anstrengung erfordern und durch Gespräche zu meistern sind.

Sie kennen den Genuss nicht, der sich einstellt, wenn plötzlich ein neuer Sinn sich offenbart. Die erhellende Erkenntnis z. B., dass der Mythos ein Wort ist, das der Natur eine Stimme verleiht, mit der der Mensch sprechen kann und dass damit der Mythos der Anfang der Wissenschaft ist und nicht ein Glaube an Vielgötterei, ist ein Sprung des Denkens, der Flügel verleiht und der den Genuss bereitet, der zum weiteren Lernen anspornt.
Nicht die Chronologie von Jahreszahlen muss auswendig gelernt werden, sondern dem Sinn von historischen Epochen muss der Schüler auf der Spur sein. Es muss Hand und Fuß haben, was den Sinn ergreifen will und muss in Gesprächen zuhause sein. Durch selbstständiges freiwilliges Arbeiten mit Hand und Hirn (12) sind Lernprozesse des Schülers möglich, die den Geschichtsepochen ähnlich verlaufen, wenn sie grundsätzlich ethisch und politisch sind. Die kulturellen Wandlungen im Denkhaushalt der Völker, von deren Gedankengut wir heute noch leben, lösen im Schüler ähnliche Sinneswandlungen aus, die ihn auf immer höhere Denk- und Verhaltensstufen katapultieren.
Im Griechischen hieß es noch anthropos zoon logon echon, der Mensch ist ein (Lebe)Wesen, das verständige Sprache oder sprachliches Denkvermögen hat. Logos ist das Wesen der Welt, in das der Mensch sich denkend versenken kann oder an dem er Teilhabe gewinnt, indem er sich durch arbeitendes Lernen dem Logos gemäß macht. Aber wenn das im Lateinischen nur noch heißt animal rationale, ist der Logos zur Vernunft und zur Eigenschaft des Lebewesens Mensch geworden, die im Kopf jedes einzelnen Menschen zuhause sind. Die Schulen wandeln sich demgemäß zu reinen Kopfschulen, in deren Mittelpunkt vor allem theoretisches Wissen vermittelt wird, anstatt dass der Logos den ganzen Menschen ergreift.
Man kann besser davon ausgehen, dass das, was bei den Elementen Vorgänge, Vollzüge und Kräfte sind, sich in den Lernprozessen der Schüler wiederholt. Dann muss man ein didaktisches Lehren entwerfen, das dem Logos der Welt entspricht: Ein sinnengemäßes Produzieren kann sich mit dem verbinden, was der Logos den Epochen zu sagen versprach.
Wenn Karl Marx in den Frühschriften geschrieben hat: „Die Bildung der fünf Sinne ist eine Arbeit der ganzen bisherigen Weltgeschichte.“ (13), lässt sich in unserem Zusammenhang hinzufügen: „Die Bildung in jeder Generation muss die Bildung der bisherigen Weltgeschichte wiederholen, um sie weiterzubilden.“ Das ist die Arbeit von Schulen und Kindergärten, aber auch die von Erwachseneninstitutionen, die nicht für den Nachwuchs an Industriearbeitern und Büroangestellten sorgt. Sie gibt jedem Menschen die Chance, an der Bildung der Sinne ein Leben lang weiter zu arbeiten. In einem solchen Prozess werden Lernen und Arbeiten austauschbare Begriffe, die als Tätigkeiten austauschbar sind.
Lernen ist ein Eingraben in das Wesen einer Epoche, ein Hervorbringen dessen, was Logos genannt werden kann. Der Logos wiederholt sich im arbeitenden und lernenden Sprechen der Menschen, die so menschliche Fortsetzungsformen der Kräfte und Mächte, der Elemente, sind. Arbeiten und Lernen im Medium des Sprechens sind elemental, weil sie uns mit den Epochen verbinden, von denen wir leben, und weil das Verbinden Genuss ist und Glück.

Das Aus- und Zueinander des Wirkens der Elemente kehrt in den Auseinandersetzungen der Menschen als lebendiges Sprechen wieder, das durch kein noch so geniales Denken ersetzt werden kann. Sprechen ist wie das Blut in den Adern oder das Wasser in den Röhren, wie der Boden unter den Füßen oder die Luft in den Kapillaren, vor allem aber wie das brennende Feuer in den Zellen das wichtigste Element, von dem das Kollektiv der Menschen lebt. Wenn wir nicht sprechen, herrscht in unseren Begegnungen das Schwert der Gewalt, die stumm und stumpf am schlimmsten ist.
Das Gespräch ist das Erste, das im Miteinander der Menschen oder im Leben von … jüdischem und griechischem Denken in der abendländischen Geschichte nur noch als Untergrund präsent ist. Seit die Gespräche des Sokrates, seine philosophischen Dialoge, ihre Unruhe im Ideenhimmel Platons und in den Vorlesungen des Aristoteles verloren haben, und seit das Gespräch nur noch mit Gott die Unterhaltungen der Gläubigen in den Kirchen dominierte, ist der Mensch schweigsam und sein kulturelles Verhalten ist still oder schriftlich geworden. Der Mensch ist eine schweigende Monade, die zum Gespräch immer wieder angestoßen werden muss. Wenn er redet, kommen nur Monologe aus seinem Mund. Monologisieren für Prüfungen und Noten lernen die Schüler schon früh in der Schule. Sonst müssen sie in den Klassen still sitzen und schweigen. In der Freizeit unterhalten sie sich nur noch mit Geräten.
Ein gelungenes Gespräch ist wie das Atmen der Luft und wie das Brennen des Feuers ein Hin und Her des Geistes, der von Einem zum Anderen (über-)springt und der beide inspiriert. Gute, vom Geist und vom Geist des Miteinander beflügelte Gespräche sind schon ein Kunstwerk zwischen Meister und Lehrling, zwischen Lehrer und Schüler, mehr noch als Gespräch zwischen Kollegen, aber am meisten, wenn der Lehrer lernend mit seinen Schülern spricht.
So Lévinas: „Ravina erklärte: ‚Wer gerne unter Vielen studiert, fährt die Ernte ein.‘ Das hat auch Rabbi gesagt: ‚Ich habe viel Tora von meinen Lehrern gelernt, mehr noch von meinen Kollegen, am meisten aber von meinen Schülern.‘“
Er fügt hinzu:
„Der Pluralismus besteht also nicht nur im Lehren unter Gleichen. Noch besser als ein Kollege befruchtet der Schüler die Gedanken des Meisters. Lehren ist eine Art Forschen. Es gibt das Wort von Rabbi Jehuda HaNasi, Rabbenu HaKadosch, unserem Heiligen Lehrer, dem Redakteur der Mischna: ‚Ich habe viel von meinen Lehrern gelernt, mehr von meinen Kollegen, am meisten von meinen Schülern.‘“ (14)

Warum lernt der Lehrer am meisten von seinen Schülern? Warum ist Lehren eine Art Forschen?
Der Rabbi ist davon überzeugt, dass er viel von seinen Lehrern gelernt hat, und auch Lévinas hat als Schüler viel von seinen Lehrern gelernt. Und so lernen alle Schüler zu allen Zeiten viel von ihren Lehrern. Das ist der normale Vorgang des Lernens, der in den Schulen vor sich geht:
Die Schüler lernen von den Lehrern zunächst durch Rezipieren des Stoffes, den der Lehrer präsentiert. Das Dargebotene des Lehrers fällt mit seiner ganzen neuartigen Schwere in ein passives und nicht immer lernbereites Gemüt, das wenig anzubieten hat, mit dem sich das Neue verknüpfen kann. Im Schüler finden sich wenige Voraussetzungen für neue Unterrichtsstoffe und deswegen ist das, was die Schüler von den Lehrern lernen: viel, aber eben nicht das Meiste.
Mehr lernt der Lehrer von seinen Kollegen:
Das kollegiale Gespräch ist selten und nur auf Tagungen üblich. Darum muss der Lehrer aus den Schülern Kollegen machen.
Dem Geschick des Lehrers ist es überlassen, Anknüpfungspunkte zu finden und Aufnahmebereitschaften zu schaffen, damit das zu lernende Neue sich mit Altem verbindet und nicht wieder verloren geht. Dabei ist jede mitgebrachte Initiative des Schülers, selber lernen zu wollen, wertvoller als das erzwungene Lernen, für das der Lehrer die Motivation erst noch schaffen muss. Wenn der Schüler immer mehr vom Lehrer lernen kann, muss er immer mehr Initiativen ergreifen, das heißt, selber lernen wollen: vom Lehrer, aus Büchern und aus Gesprächen über die Bücher.
Das ist die Stufe des Lernens durch Kollegen oder durch kollegiales Verhalten, wie es in wenigen neuen Schulversuchen schon gestartet ist: Das Lehrer-Schüler-Verhältnis wird durch das Ergreifen der Initiative des Schülers aus der vertikalen Unterordnung zur horizontalen Nebenordnung befreit. Lehrer und Schüler sind als Kollegen dem Stoff gegenüber in der gleichen hochinteressierten Haltung des Fragens und Forschens, des Wissen- und Verstehenwollens, und deshalb lernen die Schüler und die Lehrer, ebenso wie die Rabbiner, mehr, wenn sie Kollegen sind.
Aber Lévinas sagt mit den Rabbinern noch mehr: Er habe zwar viel von den Lehrern, mehr von den Kollegen, aber das Meiste von den Schülern gelernt. Das kann nur heißen, dass das Lehren die allerbeste Form des Lernens ist.
Der Lehrer stellt sich, wenn er den Unterricht vorbereitet, auf die Schüler ein und präpariert das zu Lernende so, dass es der Fassungskraft der Schüler entspricht. Er muss den Lernstoff unter vielerlei Hin- und Rücksichten so durchdenken, dass er dem unterschiedlichen Verständigungshorizont jeden Schülers entgegen kommt. Dadurch hat der Lehrer die Chance, viele neue Perspektiven im Stoff zu entdecken, die das Lernen der Schüler erleichtern, aber auch das eigene Verständnis des Stoffes um eine Vielzahl von Aspekten erweitern. Immer wieder, Jahr für Jahr, muss der Lehrer, neue Seiten an den Stoffen entdecken, damit der Unterricht nicht unfruchtbar und langweilig wird. Das ist echte Forschertätigkeit, die das noch berücksichtigen kann, von dem wir im Umgang mit dem Lehrmaterial leben und von dessen Aneignung der Lehrer das Meiste profitiert. Weil er immer mehr Aspekte des Stoffes kennt und erarbeitet und sie mit den Verständnismöglichkeiten des Schülers vermittelt, lernt der Lehrer im Umgang mit seinen Schülern am meisten, von den Schülern, die noch Schüler und nicht schon Kollegen sind.

Weil Jugend Zukunft bedeutet, und sich das Neue der Zukunft, wenn es nicht modediktiert beeinträchtigt ist, im Verhalten der Jugendlichen konzentriert, ist auch die Jugend ein Forschungsprojekt, das sich durch Lehren erschließt. Lehren heißt, Erschließen der Vorstellungswelt der Jugendlichen für die Vermittlung des Stoffes, in dem sich das verbirgt, wovon wir leben.
Schulen könnten wieder Orte revolutionierender Gedanken werden, wenn sie nicht nur traditionelle Stoffe vermitteln, sondern mehr noch die Vermittlung der Stoffe mit den Schülern bedenken; schärfer formuliert heißt das, wenn das Lernen der Stoffe selber Gegenstand des Lernens als Fragen und Forschen mit den Schülern ist. Das Lernen und nicht nur der Stoff muss der Gegenstand der Aufmerksamkeit von Lehrern und Schülern in der Schule sein, wenn die Schulen sich öffnen sollen für den politischen Raum. Die Schüler können sich mit und ohne den Lehrer durch eigenes Arbeiten die Fragen stellen, die der Lehrer sonst während der Vorbereitung auf den Unterricht als Anknüpfungsmöglichkeit bei den Schülern vermutet.
Warum sollen die Schüler nicht die Fragen an die Stoffe stellen, die ihrer eigenen Aufnahmebereitschaft entsprechen? Warum sollen sie nicht die Fragen stellen dürfen, die den Stoff infrage stellen: Was hab ich davon, wenn ich das lerne? Was hat der Stoff mit dem, was ich schon weiß, zu tun? Wie kann ich es schaffen, dass ich den Stoff verstehe und ihn besser behalte? Wenn das, was gelernt werden soll, lernenswert ist, fallen die Antworten schon richtig aus. Schüler sollten fragen dürfen mit der Konsequenz, dass der Zeitpunkt, die Reihenfolge und auch die Priorität der Stoffauswahl ihren Antworten anheimgestellt ist.
Sie müssen die Fragen stellen dürfen, die ihre Zukunft betreffen: Wie kann ich durch welchen Stoff das lernen, was meine Arbeitslosigkeit verhindert oder die Zeit der Arbeitslosigkeit sinnvoll macht? Das wäre nur eine der möglichen Fragen.
Von den Zivilisationstechniken: Lesen, Schreiben, Rechnen in den Grundschulen bis zu den Themen der Atomphysik und den antiken Sprachen in den Oberstufen der Gymnasien muss es Schülern möglich gemacht werden, Auswahl zu treffen, Dringlichkeiten zu bestimmen und Vorlieben zu kreieren, wenn Lehren und Lernen Forschen und politisches Handeln möglich machen sollen. Zwang und Drill werden in den Schulen überflüssig, wenn der Eifer und die Begierde, die in der Vorschulzeit selbstverständlich sind, nicht durch die Praxis des Schulunterrichts vertrieben werden. Wenn nicht für die Schule, sondern für das Leben gelernt werden soll, dann muss das Leben in der Schule anwesend sein. Und das ist es nur, wenn die Schüler die Fragen in den Schulunterricht mitbringen dürfen, die ihnen das Leben stellt.
Der Schulunterricht wird dann zu einem lebendigen Gespräch zwischen Schülern, wenn die Lehrer zugeben, dass sie nicht alles wissen, und dass durch die Schülerselbstarbeit Schüler mehr wissen können und dürfen als die Lehrer. Dann eben lernen die Lehrer das Meiste von ihren Schülern, weil Lehrer zugeben, dass in den Schülern das Leben pulsiert, das auch das Leben der Griechen und Juden ist, von dem wir immer noch leben. Wo sonst als in den Schulen können die Gespräche das Leben lebendig machen, das immer noch das Leben der Griechen und Juden ist?
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Fußnoten
(1) E. Lévinas, Totalität und Unendlichkeit, … a. a. O. S. 152
(2) E. Lévinas, Jenseits des Buchstabens. Frankfurt am Main: Verl. Neue Kritik, 1996, S. 51ff
(3) E. Lévinas, Jenseits des Buchstabens, … a. a. O. S. 72
(4) E. Lévinas, Jenseits des Buchstabens, … a. a. O. S. 73
(5) „Bezeichnung für die Schüler des Aristoteles;“ Allerdings ist das Herumgehen des Aristoteles vor sitzenden Schülern eine Aufsehen erregende Sache gewesen, die neu und nicht üblich war. Vgl. Der Kleine Pauly unter Peripatetiker.
(6) Wenn es schon Lehrgänge gibt, warum sollte es nicht auch Lerngänge geben?
(7) Der Neue Pauly unter Labyrinth
(8) Alle Brettspiele: Mensch-ärgere-Dich-nicht und Malefiz, Mühle und Halma, selbst Dame und Schach, leben von den Abenteuern früher Geschichte, weil sie von Gängen und Wegen leben, deren Bewältigung vom Esprit der Spieler oder vom Zufall des Würfels abhängt. Ihr Reiz besteht, durch vielfältige Vermittlung hindurch, in der Erinnerung an urzeitliche Bewältigung der Wege in der Natur oder in die Wälder.
(9) Jean Clottes, Kunst im Morgenlicht der Menschheit. In: Reinhard Breuer u. a.: Moderne Archäologie (Spektrum der Wissenschaft Spezial, Jg 12, H2). Spektrum der Wissenschaft VG, Heidelberg 2003, S. 6 – 9. Vgl. Wikipedia
(10) Daniel Kehlmann, Die Vermessung der Welt. Rowohlt Verlag, Hamburg 2005, S. 268
(11) Interessant der Hinweis im Duden unter lehren: „Man geht von einer Grundbedeutung ‚gehen’ aus und vergleicht l.(ehren) lira ‚Furche’, doch ist diese Annahme in allen Punkten unsicher.“ Trotzdem gibt es Lehrgänge, das von lateinisch cursus (lat.: currere) abgeleitet ist. Kurse gibt es in Spezialgebieten des zu Lernenden. Aber oft kommt man vom Kurs ab.
(12) George Thomson, Frühgeschichte Griechenlands und der Ägäis. Forschungen zur Altgriechischen Gesellschaft I, deb verlag das europäische Buch 1974: „… nachdem sich die Hände einmal herausgebildet hatten, wurde dadurch das Gehirn vor neue Aufgaben und neue Möglichkeiten gestellt. Somit bestand von Anfang an zwischen Hand und Hirn eine innige Wechselbeziehung.“ S. 373
(13) Karl Marx, Die Frühschriften, hrg. von Siegfried Landshut, Stuttgart 1955, S. 242
(14) E. Lévinas, Jenseits des Buchstabens, … a. a. O. S. 73

Weiteres zum Thema „Jugend in Aktion“ auf den Seiten des SJC Hövelriege
NAGEL-Redaktion – April 2005: Sport- und Jugendclub Hövelriege

Der Fußballverein Sport- und Jugendclub Hövelriege e. V. ist ein gemeinnütziger Verein zur Förderung des Sports (vorwiegend Fußball: 10 Kinder- und Jugend- und 6 Seniorenmannschaften, 1 Volleyballmannschaft und 3 Tanzgruppen) sowie zur Förderung der Jugend- und Altenhilfe (Abenteuerspielplatz, Kinder- und Jugendfreizeiten, Soziale Trainingskurse, Flexible Erziehungshilfe). Der SJC ist korporatives Mitglied der Arbeiterwohlfahrt (AWO), Kreisverband Gütersloh sowie des ABA Fachverbandes Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen e.V. Eng mit dem Fußballclub verbunden arbeitet seit 13 Jahren der Verein „Jugendwohnheim Hövelriege e. V.“, der ein eigenes, familienorientiertes Heimerziehungsmodell entwickelt hat und 17 Kinder und Jugendliche in 5 Familiengruppen betreut. Das Jugendwohnheim Hövelriege unterhält in enger Kooperation mit dem Sportverein eine Auto- , eine Holz- und eine Kunstwerkstatt. In der Holzwerkstatt bildet ein Tischlermeister mittlerweile den ersten Lehrling aus und in der Kunstwerkstatt arbeitet halbtags eine Kunsttherapeutin.
Anliegen
In seiner Vereinssatzung hat der Sportverein unter „§ 2 Vereinszweck“ neben der Sportförderung ausdrücklich eine soziale und pädagogische Ausrichtung festgeschrieben: „Zweck des Vereins ist die sportliche Betätigung seiner Mitglieder und eine Jugendarbeit, die die Mitglieder befähigt, sich kritisch und selbstbewusst mit ihrer Umwelt auseinanderzusetzen. Die Fähigkeiten des Einzelnen, seine Bereitschaft zur Hilfestellung und die Verständigung der Mitglieder untereinander sollen gefördert werden.“
Ein besonderes Anliegen ist dem Verein, neue Formen sozialen Lernens zu entwickeln. Er versteht darunter mindestens zweierlei:
1. das Soziale lernen und
2. im sozialen Zusammenhang lernen.
Das Soziale Lernen bedeutet eine „neue Aufmerksamkeit“ für die Belange des täglichen Lebens, und im sozialen Zusammenhang lernen bedeutet, aus dem Zusammenhang von Lebensabschnitten und lebendigen Beschäftigungen das Mögliche und Beste machen, da, wo es sich anbietet. Das Beste und Mögliche machen, da, wo es sich anbietet! Hier hat der Sportverein mit unendlicher Geduld für die Kleinigkeiten am Rande und mit konsequentem Weiterverfolgen des einmal eingeschlagenen Weges in 30 Jahren ein anderes Vereinsleben, eine andere „Alltagskultur“ geschaffen, in dem das Lernen der erste Zweck aller produktiven Tätigkeit ist. So wurde aus einer Weihnachtfeier eine Weihnachtswoche, aus Pokalen bei den Vereins-Fußballturnieren Gutscheine oder Freikarten für Theater- oder Museumsbesuche, aus dem normalen Trainingsbetrieb eine Fußballschule und ein Sporthotel, aus Kinder- und Jugendfahrten ein internationales Begegnungszentrum in Griechenland und aus einem Blumenbeet im Vorgarten ein künstlerisch gestaltetes Sport- und Waldgelände (der Erfahrungspark).
Kontakt: Sport- und Jugendclub Hövelriege e. V., Alte Poststraße 113, 33161 Hövelhof, NRW, Kreis Paderborn
Telefon: +49 (0)5257-5693, Fax: 05207-923120
Vereinskennziffer 4606003 LSB, Amtsregister 0133 Amtsgericht Delbrück
Freistellungsbescheid: 13.11.2002 FA PB
Der Verein wurde 1973 gegründet und hat 450 Mitglieder.
Der ABA Fachverband vergibt für die Aktivitäten des Vereins SJC Hövelriege die Höchstanzahl von fünf Sternen (*****). Ein Besuch in Hövelhof kann äußerst lehrreich sein. [1]
April 2005
Nachtrag September 2006
Für den Erfahrungspark Hövelriege ist ein neues Kunstprojekt mit dem Namen „Drachen aus Holz und Plexiglas“ in Arbeit. Eine Jugendfußballmannschaft und eine bekannte Künstlerin bauen 10 bis 15 Drachen aus Holz und Plexiglas, die anschließend nach einem ästhetischen Plan in der „oberen Etage“ des Waldgeländes montiert werden sollen. Der SJC Hövelriege sucht zur Realisierung nach Mäzäne und Sponsoren. Interessierte können sich hier ein Beteiligungformular herunterladen. Der ABA Fachverband empfiehlt eine Unterstützung der vorbildlichen Arbeit des Vereins ausdrücklich.
Nachtrag Dezember 2010
In den letzten Jahren hat sich in Hövelriege traditionsgemäß eine Menge getan. Hätte der Verein nicht bereits 2005 bei Aufnahme in diese Rubrik fünf Sterne bekommen, wäre diese Höchstzahl jetzt auf jeden Fall fällig. Der SJC Hövelriege hat uns in diesem Jahr erneut überzeugendes Material zur Verfügung gestellt. Das wollen wir Interessierten nicht vorenthalten und haben uns dazu entschlossen, hier weitere Seite anzuhängen. Viel Spaß beim Stöbern, hilfreiche Erkenntnisse und hoffentlich animierende Inspirationen für die eigene Arbeit! Um auf die Seiten zu gelangen, bitte das Löwentor-Foto anklicken: Hereinspaziert!
Nachtrag 2012
Wir leben vom Judentum und vom Griechentum – „Seit ein Gespräch wir sind …“ (Hölderlin)

Wie die Kinder- und Jugendarbeit in Bezug auf Bildung und Lernen verortet werden kann
Veröffentlicht wird hier eine Position des SJC Hövelriege, Ausführungen, die auch für Schule relevant sein könnten/sollten. Unter anderem heißt es in dem Beitrag von Prof. Willy Bretschneider: „Schulen könnten wieder Orte revolutionierender Gedanken werden, wenn sie nicht nur traditionelle Stoffe vermitteln, sondern mehr noch die Vermittlung der Stoffe mit den Schülern bedenken; schärfer formuliert heißt das, wenn das Lernen der Stoffe selber Gegenstand des Lernens als Fragen und Forschen mit den Schülern ist. Das Lernen und nicht nur der Stoff muss der Gegenstand der Aufmerksamkeit von Lehrern und Schülern in der Schule sein, wenn die Schulen sich öffnen sollen für den politischen Raum. Die Schüler können sich mit und ohne den Lehrer durch eigenes Arbeiten die Fragen stellen, die der Lehrer sonst während der Vorbereitung auf den Unterricht als Anknüpfungsmöglichkeit bei den Schülern vermutet. Warum sollen die Schüler nicht die Fragen an die Stoffe stellen, die ihrer eigenen Aufnahmebereitschaft entsprechen? Warum sollen sie nicht die Fragen stellen dürfen, die den Stoff infrage stellen: Was hab ich davon, wenn ich das lerne? Was hat der Stoff mit dem, was ich schon weiß, zu tun? Wie kann ich es schaffen, dass ich den Stoff verstehe und ihn besser behalte? Wenn das, was gelernt werden soll, lernenswert ist, fallen die Antworten schon richtig aus. Schüler sollten fragen dürfen mit der Konsequenz, dass der Zeitpunkt, die Reihenfolge und auch die Priorität der Stoffauswahl ihren Antworten anheimgestellt ist.“
Die Seite ist mit eindrucksvollen Fotos aus der Arbeit des Sport- und Jugendclubs Hövelriege versehen. -> Zur Seite
NAGEL-Redaktion – Spielplatz Finkenweg, Bonn: Handwerk fördert Jugend

Foto: Jugendfarm Bonn
Der betreute Spielplatz Finkenweg ist seit seinem Bestehen Mitglied im ABA Fachverband und befindet sich in Trägerschaft des Vereins Jugendfarm Bonn e.V. Nachfolgend wird ein nachahmenswertes Projekt dokumentiert, das gemeinsam mit der Kreishandwerkerschaft Bonn • Rhein-Sieg durchgeführt wurde.

Foto: Jugendfarm Bonn
Handwerk fördert Jugend: Der langersehnte Umbruch
Alte Bahnwaggons mit Holzöfen als Heizung haben ihren Charme – auch noch nach acht Jahren intensivster Nutzung unter jeder Wetterbedingung. Dennoch reicht dies leider langfristig bei weitem nicht aus, um ein nachhaltiges und adäquates pädagogisches Angebot als offener Jugendtreff für den sehr hohen Bedarf zu stellen. Der Jugendtreff des Spielplatzes Finkenweg hat daher in einem beispielhaften Projekt seinen Treff um ein festes Gebäude erweitert.

Foto: Jugendfarm Bonn
Abdallah und Denis kuscheln sich in ihre Jacken und halten ihren heißen, süßen Apfeltee ganz nah – es ist nämlich besonders kalt heute im Jugendtreff. Besser gesagt, im Bahnwaggon. Der Offene Treff des Spielplatzes Finkenweg in Bonn-Holzlar besteht nämlich seit seiner Gründung im Jahre 2001 aus zwei alten, gespendeten Bahnwaggons. Diese dienen seither als Offener Jugendtreff, der hier entstanden ist, um dem dringenden Bedarf entsprechen zu können.
In den Jahren hat sich dort so einiges getan, und viele Besucherhände haben ihren Treff gestaltet und erweitert – so kamen Wege und Beete, Gartengestaltung und eine Werkstatt, zuletzt eine Beach-Area und Basketballfeld dazu. Im Sommer wird immer intensiv der Außenbereich genutzt, im Winter rücken alle näher zusammen, um die Wärme zu halten. Die Waggons werden mit einfachen Holzöfen geheizt – um den Holzbestand kümmern sich die Jugendlichen natürlich auch. Fließendes Wasser gibt es nicht, das wird vom 400 Meter weiter vorne gelegenen Kindertreff geholt, dort werden auch bei Bedarf die Toiletten genutzt.
Die Besucherinnen und Besucher des Treffs haben zu 80 Prozent Migrationshintergrund. Sie wohnen meist in der näheren Umgebung und den umliegenden Stadtteilen – der Treff ist absichtlich mitten im bevölkerungsreichen Stadtteil Holzlar an einem allgemeinen Platz angesiedelt und der einzige Anlaufpunkt mit Angeboten für die Jugendlichen. Delinquenz, Gewalt und Cliquenrivalitäten sind für die Jugendlichen Alltag, neben Zukunftsängsten, Lethargie und Schulmüdigkeit sowie der Dauerberieselung verschiedenster neuen Medien bewegen sie sich in ihren eingeschworenen Gruppierungen, in der Sicherheit des ihnen Vertrauten.
Verantwortung übernehmen und Gestaltungsmöglichkeiten durch Selbstbestimmung
Jugendliche haben ein Recht auf Raum und Platz, in dem sie ihre Freizeit ausleben können und sich – sowohl in der Gruppe als auch individuell – geschützt und bei Bedarf angeleitet entwickeln und entfalten dürfen. Der Jugendtreff ist nach den Bedürfnissen der Besucherinnen und Besucher ausgerichtet – das Programm wird nach ihren Wünschen und Ideen gestaltet und mit ihnen zusammen durchgeführt.

Foto: Jugendfarm Bonn
Der Offene Treff baut auf erlebnis-, natur-, bewegungs- und freizeitpädagogischen Ansätzen. Gerade die Bahnwaggons und eben auch die Tatsache, dass die Bedingungen in ihnen jahrelang mangelhaft waren, haben doch auch ihren Charme und sind wichtiger Bestandteil der pädagogischen Arbeit. In einer Welt, in der die Jugendlichen (ob sie nun wirklich wollen oder nicht) sich dauerhaft mit verschiedensten neuen Medien auseinander setzen müssen, sich ihnen anpassen, von ihnen berieselt und beherrscht werden, stellt der Jugendtreff einen ruhigen Ort dar, der in starkem Kontrast zu dieser Welt steht. Hier wird auf Natur sowie auf ein ehrliches, offenes und respektvolles Miteinander gebaut, in der einer auf den anderen achtet.
All diese sinnvollen und guten Vorsätze, Konzepte und alltägliche Praktiken können aber sehr erschwert werden – so vor allem durch chronische räumliche Enge, fehlende räumliche Alternativen, die je nach pädagogischem Bedarf genutzt werden könnten. Auch die Jugendlichen selbst bemerkten die Mängel – nicht der marode Zustand der Waggons selbst war ihnen ein Dorn im Auge – sie äußerten vielmehr das Bedürfnis nach mehr Platz, um mehr schaffen, initiieren und gemeinsam erreichen zu können.
Handwerk fördert Jugend – Jugend fordert Handwerk!
Im Sommer 2008 schrieb die Kreishandwerkerschaft einen Wettbewerb aus: „Handwerk fördert Jugend“. Im Rahmen dieses Projektes sollte gemeinsam mit Jugendlichen etwas erbaut, saniert, erweitert werden, eingebettet in Nachwuchsförderung für die beteiligten Innungen. Der Bereich „Offene Arbeit Spielplatz Finkenweg“ der Jugendfarm Bonn e.V. sah seine einmalige Chance und bewarb sich – aber direkt auch mit einer eigenen Rückforderung: Jugend fordert Handwerk!

Foto: Jugendfarm Bonn
Mit diesem Konzept, das nicht nur die Sanierung unserer inzwischen maroden, vollkommen überholten und lange nicht mehr dem Bedarf und der Nachfrage entsprechenden Waggons vorsah, sondern vor allem auch die Verknüpfung mit einer Berufsförderung der Besucherinnen und Besucher vorsah, stachen wir heraus. Im Laufe der Bewerbungsphase kristallisierte sich heraus, dass sich eine Sanierung allein nicht lohne – eine Erweiterung der Räumlichkeiten musste notwenig hinzugefügt werden. Der ursprüngliche Antrag wurde dementsprechend verändert und angepasst.

Foto: Jugendfarm Bonn
Am Ende überzeugte das Konzept, das mit den ungewöhnlichen örtlichen und baulichen Begebenheiten durchaus auch für die Handwerkerinnungen eine Herausforderung darstellte, und der gesamte Bereich Offene Arbeit Spielplatz Finkenweg jubelte im Herbst 2008, als die Nachricht kam, dass die Ausschreibung mit 100.000 Euro in Sach- und Dienstleistungen gewonnen worden war – ohne die Kooperation mit der Kreishandwerkerschaft wäre das gemeinsame Projekt aufgrund der knappen finanziellen Ressourcen nicht durchführbar gewesen. Wie damals schon im Anschreiben so schön formuliert wurde: „Der Spielplatz Finkenweg möchte die Träume der Jugendlichen wahrmachen!“

Folgend sind auszugweise die pädagogischen Ziele des Projektes, welche im Mittelpunkt stehen, dargestellt:
• Unterstützung bei der Entwicklung einer selbstbewussten Identität
• Förderung der Verständigung zwischen Jugendlichen unterschiedlicher kultureller Hintergründe
• Verbesserung der sozialen Kompetenz
• Initiierung und Begleitung von Gruppenprozessen zur Förderung von Kommunikationskultur, Solidarität, emotionaler Verbundenheit und Konfliktfähigkeit
• Vertrauen auf eigene Gefühle
• Auseinandersetzung mit traditionellen Geschlechterrollen, Erweiterung des persönlichen Horizontes und Unterstützung von Chancengleichheit
• Einblicke in unterschiedliche handwerkliche Berufsfelder
• Praktische Erfahrungen im Handwerk, Freude am Handwerk
• Kreative Gestaltung der Räumlichkeiten
• Berufliche Perspektiven entwickeln
• Öffentlichkeitsarbeit

Foto: Jugendfarm Bonn
Höhen und Tiefen – wie Theorie und Praxis aneinandergeraten
Nun ging es an die eigentliche Arbeit: mit den Jugendlichen gemeinsam begann im Januar 2009 die Planungsphase. Es gab vieles zu besprechen, denn schließlich waren auch etliche Innungen beteiligt – von Hoch- und Tiefbau über Elektrik, Kfz und vielen weiteren bis hin zu den Frisör-, Goldschmiede-, Fleischerei- und Informationstechnik-Innungen – alles war mit im Boot.
Gemeinsam wurde nicht nur erörtert, wie die Bauarbeiten selbst vor Ort ablaufen könnten, was alles ansteht und was für Vorstellungen, Wünsche und Möglichkeiten die Jugendlichen selbst haben; wichtig war auch die Arbeit „hinter den Kulissen“, allem voran der Bauantrag an die Stadt und der politische Prozess, der damit verbunden war, den Antrag bewilligt zu bekommen.

Foto: Jugendfarm Bonn
Ein wichtiger und langer Prozess war es vor allem auch im Hinblick auf den Naturschutz. Das neue Gebäude sollte auf einem Teilstück der großen Wiese des Geländes erbaut werden, die als Ausgleichsfläche dient. Hintergrund war hierbei nicht primär ein pädagogischer, sondern vielmehr einer dem Naturschutz verbundener – die optimale und sinnvolle Nutzung eines großen, weitgehend nicht gepflegten Geländes zu erreichen; durch die Erweiterung des Jugendtreffs konnte ein großes Stück sowohl der brachliegenden Wiese als auch des Naturstückes entlang des benachbarten Teiches für den Treff gewonnen werden. Diese offenen, frei zugänglichen Flächen wurden bisher zwar immer intensiv von Kindern, Jugendlichen und Familien in ihrer Freizeit genutzt, jedoch kaum gepflegt und gewartet.
Nunmehr können innerhalb des Treffs im Rahmen regelmäßigen Naturangebotes Büsche und Bäume, Grünflächen und Wege sinnvoll gepflegt und von vielen gemeinsam und im Einklang mit der Natur selbst genutzt werden. Mit den Jugendlichen gemeinsam kann man den Fragen nach der gerechten Nutzung von Natur und Umwelt, von ökologischem Gleichgewicht und Naturschutz nachgehen sowie die Antworten und Ideale hautnah und praktisch anwenden und ausleben.

Foto: Jugendfarm Bonn
Im Juli 2009 kam nach etlichen Gesprächen, Besichtigungen und Absprachen endlich die langersehnte Bewilligung des Bauantrages. Ab Herbst war der Spielplatz Finkenweg dann auch von vorne bis hinten Baustelle, und bis in den kalten Winter hinein wurde unter ungünstigsten Wetterbedingungen geschuftet. Und, wie es leider bei vielen Bauvorhaben so ist, kamen immer wieder unvorhergesehene Hürden in den Weg, deren man sich – meist mit erhöhten Kosten – annehmen und die man bewältigen musste.
Vor allem in den aktiven Bauphasen kamen dann die Tücken eines gemeinsamen Projektes von Jugendlichen und Handwerkern zum Vorschein – alleine das zeitliche Arrangieren gestaltete sich schwierig. Die Jugendlichen gingen vormittags zur Schule, die Handwerker begannen meist um 7 oder 8 Uhr morgens und beide Seiten trafen sich meist nur im Vorübergehen am frühen Nachmittag – die Jugendlichen beim Ankommen, die Handwerker auf dem Weg in den Feierabend.
So wurde der Schwerpunkt mit den Jugendlichen auf die Nachbearbeitung und Nachbesprechung der Bauarbeiten gelegt. Und Kontakte gab es dennoch zu Genüge, denn die Neugierde der Jugendlichen, gerade der Älteren, war groß – mitten in der Suche danach, wie ihre Zukunft aussehen soll, was sie interessieren könnte und wo sie Chancen auf einen Ausbildungsplatz hätten, war dieses Projekt – wie erhofft – eine hilfreiche Stütze für sie.
So konnte z.B. auch Daniel konkreter werden: „Ich weiß, dass ich eine Ausbildung machen möchte und dass ich auch eine machen muss, um eine Zukunft zu haben. Ich wusste aber nicht wirklich, was das für eine Ausbildung sein sollte – Handwerker ist ja ein sehr allgemeiner Begriff. Nun kann ich mir etwas unter den verschiedenen Möglichkeiten vorstellen und gezielter um Praktikumsplätze und einen Ausbildungsplatz kümmern.“
Und was kommt als nächstes?
Am 22. Januar 2010 war es endlich soweit – das neue Gebäude, leider bisher nur innen fertig und außen herum noch umgeben von Baustelle, konnte eröffnet werden. Im Rahmen der deutschlandweiten Imagekampagne des deutschen Handwerks kamen zahlreiche Interessierte, unter ihnen auch der Kölner Regierungspräsident, Hans Peter Lindlar, der Schirmherr unseres Projektes.

Fertig ist jedoch noch lange nicht alles: Vor allem der Außenbereich benötigt noch einiges an Arbeit – jedoch sind dies Arbeiten, die mit den Jugendlichen wieder gemeinsam angegangen werden können. Von Plattenverlegung über Grünanlagenpflege bis zur Verschönerung der Außenwände durch einen Graffiti- und Künstlerworkshop, – alles Dinge, die die Jugendlichen ohne Probleme „drauf haben“. Denn schließlich sind genau dieses die Dinge, die schon seit Jahren gemeinsam im Jugendtreff gemacht werden und bei denen die BesucherInnen ihren Treff gestalten, sich selbst verewigen und den Treff für die nächsten Generationen vorbereiten können.
Alles in allem sind wir alle sehr stolz auf unseren Mut, dieses Projekt gemeinsam anzugehen. Die vielen Hochs und Tiefs haben keinen davon abgehalten, ehrgeizig die gesetzten Ziele zu verfolgen und erfolgreich, gestärkt und mit einigem an neuem Wissen daraus hervorzugehen. Und die nächsten Ideen, wie der Stadtteil und vor allem seine BewohnerInnen, Eltern, Kinder und Jugendliche unterstützt werden können, gären schon.
In den nächsten Monaten widmen wir uns dem „Feinschliff“, um Ende Mai mit unserem gemeinsamen Finkenweg-Sommerfest einen gebührenden Abschluss des Projektes zu gestalten. Gemeinsam mit den Handwerkerinnungen, der Kreishandwerkerschaft und der Politik wird es einen Handwerkermarkt geben, Spiel und Spaß für Groß und Klein, ein Fußballturnier und ein allgemeines fröhliches Fest für alle BesucherInnen, Familien und Freunde und den gesamten Stadtteil.
Weitere Informationen und Kontakt
Autorin: Elisabeth Koppitz
NAGEL-Redaktion – Großes Mini-Beuel, Filzblumen und jede Menge Freiraum
Kinder brauchen Platz. Sie brauchen Raum und Zeit zum Spielen und zum eigenen Handeln, und sie brauchen Erwachsene, die für sie diese Rechte einfordern und ihnen Räume bieten. Die erste Bonner Kinderstadt „Mini-Beuel“ ermöglichte rund 400 Kindern zwei Wochen lang im Juli 2009 genau dies.

Um aus dem Konzept zu zitieren: „Die Kinderstadt Mini-Beuel ist ein Kooperationsprojekt von Offenen Kinder- und Jugendeinrichtungen im Beueler Raum, der Kirche und der Stadt Bonn, ein Sommerferienangebot für Kinder im Alter von 7 bis 12 Jahren, ein erlebnisorientiertes Planspiel, das die Partizipation der Kinder in den Mittelpunkt stellt, eine Spielstadt von Kindern und für Kinder, in der die alltäglichen Abläufe einer Stadt spielerisch erfahren und gelebt werden.“
Dies beschreibt sehr genau, worum es in Mini-Beuel, der „Stadt der Kinder“ des Bonner Stadtteils Beuel, eigentlich ging. Innerhalb des Stadtteilarbeitskreises Offener Türen, in dem sich die Leiter der Offenen Kinder- und Jugendeinrichtungen in regelmäßigen Abständen austauschen, entstand im Jahr 2007 der Wunsch, das Ferienprojekt „Kinderstadt“ nach Bonn zu holen, das ja in anderen Städten schon seit einigen Jahren erfolgreich durchgeführt wird. Zu diesem Zweck haben sich einige Träger zu einer Projektgruppe zusammengeschlossen, die den Wunsch hatte, sich der Herausforderung eines solch faszinierenden, innovativen und pädagogisch fundierten Projektes zu stellen. Nach rund zwei Jahren Vorbereitungszeit gelang es nun, in zwei Sommerferienwochen im Juli dieses Jahres eine erfolgreiche und spannende Kinderstadt durchzuführen.
Verantwortung, Selbstbestimmung und Demokratie
Hier regieren wir! Die Bürgerinnen und Bürger von Mini-Beuel waren selbstbestimmt. Den Kindern wurde nicht dazwischengefunkt, wenn es um ihre Stadt ging. Und sie bewiesen es allen mit erstaunlicher Schnelligkeit und Einfallsreichtum, wie kompetent Kinder wirklich sind, wenn sie die Möglichkeit und den Freiraum bekommen.
Schon ab dem ersten Tag ging das Konzept der Kinderstadt auf und bildete die Abläufe einer Stadt bestens ab. Von Wahlplakaten über Werbung einzelner Betriebe an Taxis bis hin zu alltäglichen Problemen wie Materialbesorgung für die Produktion und langen Schlangen bei der Arbeitsagentur: alles war „geboten“. Während der beiden Wochen verwandelten sich das Gelände der Bonner Jugendfarm und der gegenüberliegende und für die Kinderstadt eigens umzäunte städtische Bolzplatz mehr und mehr in eine Stadt mit Eigenleben. Die Kinder hatten Freiraum, um selbst zu denken und zu entwickeln, für Auseinandersetzungen mit Konflikten, für die selbstständige Erarbeitung eigener Kommunikationsprozesse und für eigenes Erfahren von Demokratie. Sie erlebten Gerechtigkeiten und Ungerechtigkeiten und die Veränderbarkeit der letzteren durch das Erarbeiten von Regeln und Normen.

Einschränkungen sollte es nach Möglichkeit nicht geben. Voraussetzung waren Anmeldung am Morgen und Abmeldung am Abend. Betreut wurden die Kinder im Alter von 7 bis 12 Jahren von vorab geschulten Jugendlichen zwischen 16 und 21 Jahren, die die Kinder in den insgesamt 55 Bereichen, „Betriebe“ genannt, unterstützten. Wichtig hierbei waren primär zwei Dinge: Kinder in ihrem eigenen Handeln zu begleiten und für Sicherheit zu sorgen.
Wann greift man ein, wann lässt man es laufen, und wer ist überhaupt zuständig?
Mini-Beuel bot unendlich viele Möglichkeiten zum Lernen sowohl für die Kinder als auch für die Jugendlichen und für das Projektteam. Auf verschiedenen organisatorischen Ebenen konnten wichtige Erfahrungen gemacht werden, die sich als über Mini-Beuel hinaus nutzbringend und als auf andere Felder übertragbar erwiesen.

Die Kinder selbst lernten, wie es ist, vollständig eigene Verantwortung über einen bestimmten Bereich (= Betrieb) zu haben, und was es heißt, ein vollwertiger und wichtiger Teil einer Gesellschaft (= als Bürger/-in der eigenen Stadt) zu sein.
Es tauchten viele Fragen auf, deren Antworten sich den Kindern durch das Spiel häufig von selbst erschlossen: Wie kann mein Betrieb erfolgreich laufen, und wovon hängt das ab? Welche internen und externen Faktoren spielen eine Rolle? Welche Verantwortung habe ich innerhalb meiner Stadt, meinem Stadtteils – habe ich überhaupt welche? Was passiert sonst noch in der Stadt? Gehe ich wählen oder nicht? Habe ich zu Polizeigewalt, rasenden Taxis oder einem teilweise chaotischen Bastel- und Baustoffladen etwas zu sagen, und wenn ja, was?
Lange, komplexe Handlungsabläufe gab es zur Genüge – und die Kinder konnten mit den unterschiedlichsten Situationen durchaus umgehen, da sie unterstützt vom Planspiel diese leichter nachvollziehen konnten. Sie hatten die Ressourcen, Sicherheiten und den Freiraum bekommen, wodurch sie sich ausreichend unterstützt wussten. Dabei zeigte sich Tag für Tag der hohe Bildungswert des freien gemeinsamen Spielens von Kindern in Natur und in offener, anregender Umgebung.

Auch die Arbeit mit den Jugendlichen hatte für alle viel Erfahrungswert. Zwei Wochen lang für jeweils 250 Kinder verantwortlich zu sein, war eine große pädagogische und gute Nerven erfordernde Aufgabe, die die Jugendlichen sehr erfolgreich meisterten. Die abendlichen Besprechungsrunden zeigten die jeweils aktuellen Brennpunkte auf: Welcher Betrieb läuft erfolgreich und warum? Liegt es an dem Material, den pädagogischen Ideen, den Kindern, oder vielleicht dem Standort, der Nachfrage? Klappt es, dass alle eine Mittagspause haben? Wie funktioniert die Zusammenarbeit innerhalb des Teams von Betreuern und Betreuerinnen?
Die größte Herausforderung aber war sicherlich, dass sich sechs Einrichtungen der Offenen Arbeit zusammenfanden zu einer gemeinsame Planung und Durchführung durch die Einsetzung eines gemeinsamen Projektteams. Die durchaus anstrengende gemeinsame Arbeit zeigte jedoch wieder sehr klar, wie viele Vorteile Kooperation für jeden einzelnen und somit auch die Offene Arbeit insgesamt hat. Der Pool an Ressourcen konnte effektiv genutzt werden; der gemeinsame Nenner „Offene Kinder- und Jugendarbeit“ verband die durchaus unterschiedlichen Einrichtungen, und durch die damit gegebene Vielfalt konnten viele Ideen und Inputs in maximalem Nutzen für die Teilnehmer/-innen umgewandelt werden.
Alles Gold, was glänzt?
Die Reaktion der Öffentlichkeit und der Medien zeigte deutlich, dass Mini-Beuel und damit das Konzept einer Kinderstadt durchweg positiv auf- und angenommen wurde. Ob nun Lokalzeitung, Radio und Fernsehen oder die lokale Politik und Fachkollegen und -kolleginnen, alle begleiteten das Projekt mit Freude. Die Unterstützung durch zahlreicher Sponsoren, Firmen und Privatpersonen sind ebenso Belege dafür, dass die Wichtigkeit und Besonderheit dieses Projektes allgemein anerkannt wurde.

Aber ist das auch alles? Natürlich nicht, es gibt einige Baustellen, an denen man noch nachbessern kann. In der Organisation und Aufgabenverteilung innerhalb des Projektteams können in Zukunft Aufgaben noch genauer und spezifischer verteilt werden, um die Arbeitskraft optimal über die mit Auf- und Abbau insgesamt vier Umsetzungswochen hinweg zu verteilen.
Im Nachhinein kann man feststellen, dass die Vorbereitung durch das Projektteam geprägt war von einer einzigen Leitfrage, nämlich der, welcher Grad an Durchplanung für das Projekt optimal sein würde: Was wird vorab festgelegt, was wird geplant? Wieviel soll vorgegeben sein, und wieviel sollen bzw. können die Kinder selbst innerhalb der beiden Wochen entwickeln? Was kann ihnen zugetraut werden? Mit wieviel Verantwortung können die jugendlichen Betreuer/-innen umgehen? Und was möchten wir überhaupt, dass die Kinder erleben? Chaos, Unklarheiten und Unsicherheiten gehören schließlich auch zu dem Aufbau einer Stadt dazu, und auch damit muss man umgehen lernen (können).

Diese grundlegenden Fragen waren und sind schwer generell zu beantworten, und vieles zeigt sich wirklich erst in der Praxis. Es zeigte sich aber doch, dass, wenn bei der gemeinsamen Grundidee Konsens herrscht, es die Stadt der Kinder sein soll, man zu einer klaren gemeinsamen Linie findet.
Ein Beispiel: Den Abschluss jeder Woche bildete der gemeinsame Familiensamstag. Der Idee nach sollte dieser in der Woche davor von den Kindern selbst mit vorbereitet und präsentiert werden, vor allem auch dem Stadtrat. Wenn dieser Kinderstadt-Grundidee streng gefolgt wird, kann dies durchaus einen etwas unsortierten Samstag ergeben.

Ein weiteres Beispiel: Der Umgang mir Geld in der Kinderstadt. Wer setzt die Preise des Bastel- und Baustoffladens fest? Wie verläuft es mit der Preisfestlegung innerhalb der Stadt? Wie geht ein Projektteam damit um, wenn Preise sich nicht erhöhen, Kinder Geld horten, die Bank kein Geld mehr hat? Wo schreitet man ein und setzt Grenzen, und wo lässt man das Spiel „einfach mal laufen“?
Eine Stadt, die lebt
Unabhängig von den organisatorischen und pädagogischen Fragen – Mini-Beuel war voller Leben, Freude und Lust am Ausprobieren, Lernen und Entdecken. Die Betriebe liefen erfolgreich.

Eine tägliche Stadtzeitung wurde produziert, etliche stadtinterne Radio- und TV-Beiträge (= Stadtnachrichten, Werbung, Kundgebungen über den Radiosender „Big MB“ und den Mini-Beuel TV-Sender) entstanden. Viele engagierte Stadträte und höchst engagierte BürgermeisterInnen kümmerten sich voller Freude um Besuche aus der Außenwelt wie auch um Probleme der Innenwelt. Die Müllabfuhr prosperierte und der Zirkus boomte. Im Elterngarten gingen die von den Betrieben erstellten Produkte „weg wie warme Semmeln“. Die Bürgerinnen und Bürger von Mini-Beuel fanden ihre Nischen, und der Bürgerservice zeichnete mehr und mehr Meister in ihren Betrieben aus. Die Polizei hatte alle Hände voll zu tun, angefangen mit Bankräubern bis zu den alltäglichen Kleinigkeiten, bei denen die Bürgerinnen und Bürger Unterstützung wollten oder benötigten. Die Universität erstellte mehrere erfolgreiche Umfragen, die Bank war vielbeschäftigt mit der Ausgabe von Sparbüchern und in der ökumenischen Kirche heirateten zahlreiche gemischt- und gleichgeschlechtliche Paare jeden Alters.
Ausblick
Das Ziel des Projektteams war, dass Kinder gesellschaftliche und kulturelle Zusammenhänge einer Demokratie verstehen lernen, ihre eigenen Ideen und Gesellschaftsentwürfe umsetzen können, die von Arbeit, Geld und Konsum bestimmte „Erwachsenenwelt“ am einfachen Modell erfahren, sich selbstbestimmt handwerkliche und musisch-kreative Fähigkeiten aneignen, die Notwendigkeit von Regeln und Normen, aber auch ihre Veränderbarkeit erkennen, die Chance bekommen, ihr Freizeitangebot mit zu gestalten, weitgehend selbstständig handeln, ein ansprechendes und unvergessliches Ferienangebot erleben. All dies war und ist durch Mini-Beuel realisierbar!

Das Projektteam, die Jugendlichen und die Familien waren zufrieden – dies heißt für das Team, dass es in zwei Jahren wieder ein Mini-Beuel geben wird. Die Prämisse des Projektteams war und es bleibt auch dabei: Kinder an die Macht! Kinder haben ein Recht auf ihre Freiheit und Selbstbestimmung. Sie haben ihre eigenen Ideen, die genauso viel Wertigkeit haben wie die eines jeden anderen Menschen, ob groß oder klein. Sie haben und brauchen das Recht auf ihre eigene Meinung, ihre eigenen Ideen. Mit Unterstützung, Ressourcen, Raum und „Anwälten“ sind Kinder und Jugendliche imstande, Großes zu tun und die Erwachsenen „vom Hocker zu reißen“.

Der Schlüssel hierzu sind die Grundsätze der Offenen Arbeit sowie Kooperation. Nur in diesem Feld und durch diese Grundsätze sind solche Projekte wirklich durchführbar – und gemeinsam sind wir stark.
Quelle: Offizielles Konzept der Kinderstadt Mini-Beuel
Fotos: © Projektteam Mini-Beuel
Weitere Informationen und Kontakt
Autorin: Elisabeth Koppitz
NAGEL-Redaktion – Mehr Platz für wilde Spiele an der Schule

Hüttenstadt auf der Jugendfarm (Foto: Jugendfarm Bonn)
Schule und Jugendfarm, zwei Orte, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Letztendlich definiert die eine sich sogar in Abgrenzung zur anderen: Pflicht vs. Freiwilligkeit, Lehrplan vs. Freiraum, formelles Lernen vs. informelles Lernen … Auch zeitlich war diese Abgrenzung lange gegeben: Unterricht in der Schule am Vormittag und Spielen auf der Jugendfarm am Nachmittag!
Mit der Entwicklung der Ganztagsschule wird diese Grenze in Frage gestellt. Mit der Ganztagsschule beschränkt sich Schule nicht mehr nur auf den Vormittag. Und damit ist letztendlich auch die Aufgabe verbunden, Schule ganz neu zu denken, Schule interprofessionell zu denken. Schule ist aufgefordert, mit anderen Bildungspartnern zu kooperieren. Zu diesen Bildungspartnern gehören auch die Jugendfarmen.
Als Träger der freien Jugendhilfe haben Jugendfarmen und Aktivspielplätze den
gesetzlich verankerten Auftrag, an den Lebensbedingungen für Kinder und Jugendliche in ihrem Einzugsbereich positiv mitzuwirken und als so genannte „dritte Sozialisationsinstanz“ neben Elternhaus und Schule bei der Gestaltung der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen mitzuhelfen. Die Entwicklung von Ganztagsangeboten an Schulen gehört daher mit zu ihrem originären Auftrag.
Die Jugendfarm Bonn e.V. hat sich im Zuge der Entwicklung der Offenen Ganztagsgrundschule in Nordrhein-Westfahlen entschlossen, für interessierte Schulen ein verlässlicher, kompetenter, innovativer und verhandlungsstarker Partner bei der Einrichtung von ganztägigen Bildungs- und Betreuungsangeboten zu sein. Die Jugendfarm Bonn ist längst keine Jugendfarm mehr, deren Angebot sich auf die Offene Arbeit auf einem Platz beschränkt. Sie ist zu einem Jugendhilfeträger geworden, der sich mit seinen Erziehungs-, Förderungs- und Bildungsanliegen stadtweit einmischen möchte. Dabei geht es der Jugendfarm Bonn um die (ganzheitliche) Gestaltung von Lebensräumen mit Hilfe der Vernetzung mit anderen Erziehungs- und Bildungspartnern. Sie übernimmt Lobby- und Anwaltsfunktionen für Kinder und Jugendliche.

Weltspieltag 2009 an der OGS Marktschule: Bau einer Kartonstadt (Foto: Jugendfarm Bonn)
Die Jugendfarm Bonn steht dem jetzigen Schulsystem in seiner Aufgliederung in Gymnasien, Real-, Haupt- und Förderschulen durchaus kritisch gegenüber und setzt sich für eine Integration der verschiedenen Schulformen und ein über die Grundschulzeit hinaus dauerndes, gemeinsames Lernen ein. Dieses Lernen beschränkt sich im Idealfall nicht auf einen vormittäglichen Unterricht, sondern verteilt sich im Rahmen eines Ganztagsangebotes für alle Kinder einer Schule über eine größere Zeitspanne bis in den Nachmittag hinein. Die Schule wird damit zum Lern- und Lebensort. Durch eine entsprechende Vernetzung mit umliegenden Einrichtungen gestaltet sich das Lernen sozialraumbezogen.
Ihr Jugendhilfeangebot, das ein verlässliches Betreuungsangebot einschließlich Mittagstisch, Hausaufgabenbetreuung und Raum für selbstbestimmtes Spiel und Kreativität sowie darüber hinausgehende Förderungs- und Erziehungshilfeangebote beinhaltet, versteht die Jugendfarm Bonn nicht als Teil einer schulpädagogischen Veranstaltung. Vielmehr ist es ihr Anliegen, das schulpädagogische Angebot um ein gleichberechtigtes sozialpädagogisches Angebot zu erweitern. Die Zusammenarbeit von Lehrer/innen, sozialpädagogischen Fachkräften (Erzieher/innen, Sozialpäda-gog/innen …) und ergänzendem pädagogisch tätigen Personal (vorrangig aus dem sportpädagogischen und musisch-kulturellen Bereich) ist multiprofessionell und auf Augenhöhe angelegt. Die Kooperation auf personeller Ebene geht einher mit dem Ziel einer langfristigen Zusammenarbeit auf institutioneller Ebene. Die Offene Arbeit stellt insbesondere für die jugendlichen Schüler/innen einen Ansatz dar, der auch mit einer zunehmenden Ganztagsbetreuung an den Schulen nicht wegzudenken ist. Kein Schulgelände kann den jugendlichen Interessen weder zeitlich noch inhaltlich in dem Maße gerecht werden, wie es in der Offenen Arbeit vom Konzept her angelegt ist.
In diesem Sinne strebt die Jugendfarm Bonn die Zusammenarbeit vorrangig an Standorten an, an denen im Idealfall die Möglichkeit einer Kooperation der Schule mit ihren Einrichtungen bzw. Plätzen der Offenen Arbeit gegeben ist oder die räumlichen Voraussetzungen dafür bestehen, die Angebote der Offenen Arbeit langfristig an der Schule zu integrieren.
Ein Projekt, dem sich die Jugendfarm Bonn seit geraumer Zeit verschrieben hat, ist die Einrichtung eines Bauspielplatzes an der Schule. In anderen Kommunen in Nordrhein-Westfalen wie beispielsweise in Oberhausen ist dieses Konzept bereits erfolgreich umgesetztworden. Zusammen mit einer Mitarbeiterin des städtischen Gebäudemanagements hat sich die Jugendfarm Bonn dort Anregungen geholt, wie das Konzept mit den strengen Sicherheitsauflagen der Stadt Bonn auch in Bonn möglich gemacht werden könnte. Damit begann die Suche nach einem Platz, der vom öffentlichen Schulhof durch einen entsprechend hohen Zaun abgetrennt ist, keine direkte Nähe zu den anliegenden Nachbarn aufweist und zudem auch keinen unmittelbaren Einblick für vorbeiziehende Passanten bietet.

Robert-Koch-Schule, Bonn (Foto: Jugendfarm Bonn)
An der Robert-Koch-Schule in Bonn-Pennenfeld lag es aufgrund des bereits bestehenden Schulgartens auf der Hand, dieses Vorhaben zu realisieren. Die nötige Wiederinstandsetzung der bestehenden Umzäunung verzögert die Umsetzung aktuell noch auf unbestimmte Zeit. Anders sieht es an der Katholischen Grundschule in Bonn-Ippendorf aus. Dort hat das Städtische Gebäudemanagement den verwilderten Innenhof der Schule zur neuen Gestaltung freigegeben. Jetzt geht es darum, diesen Gestaltungsprozess mit allen beteiligten Partnern (Schule, Eltern, Kindern, Jugendfarm und Stadt) auszuhandeln.
Dort kann die Jugendfarm Bonn jetzt ihrem Anliegen entsprechend, die Grundgedanken der „Offenen Arbeit“ in die Schule zu tragen, tätig werden. Damit die Wirksamkeit eines Aktivspielplatzes in vollem Umfang gegeben ist, müsste der Innenhof der Schule im Idealfall folgende Voraussetzungen erfüllen:
1. Er müsste ein Platz werden, auf dem junge Menschen sich in geschütztem und betreutem Rahmen frei bewegen können.
2. Kalkulierbare Gefahren müssten als wichtiges pädagogisches Lernmittel bei der Gestaltung des Platzes bewusst integriert werden.
3. Den Kindern dürfte kein festes Konzept vorgegeben werden.
4. Die freie Willensentscheidung wäre grundlegendes Prinzip.
5. Die Kinder würden durch selbstständiges Ausprobieren lernen. Eingriffe seitens der Aufsichtskräfte würden nur zur Abwendung offensichtlicher Gefahren erfolgen.
6. Eigeninitiative zur Förderung der Identifikation mit dem Platz wäre ein weiteres Grundprinzip.
7. Der Platz wäre ausschließlich Kindern vorbehalten. Erwachsenen (Aufsicht ausgenommen) würde nur zu besonderen Anlässen Zutritt gewährt.
8. Die Aufsichtsperson sollte nach Möglichkeit „großes Kind“, Jugendlicher und Erwachsener zugleich sein.
9. Selbstgestaltung bzw. Selbstverwaltung wäre als weitere Stufe einer Ausbaumöglichkeit bei dem Konzept direkt mitgedacht.
10. Die Freiwilligkeit der Kinder wäre grundsätzlich zu berücksichtigen.

Robert-Koch-Schule (Foto: Jugendfarm Bonn)
Diese Punkte sind mehrheitlich in Schule nicht selbstverständlich und werden auch in Schule nicht uneingeschränkt und kompromisslos berücksichtigt werden können. Es geht auch nicht darum, Schule in einen Bauspielplatz zu verwandeln. Vielmehr wird die Jugendfarm Bonn im anstehenden Aushandlungsprozess gemäß Karlheinz Thimm, Professor für Soziale Arbeit an der Evangelischen Fachhochschule Berlin, die Rolle eines „produktiven Fremdkörpers an Schule mit Strahleffekten“ übernehmen und damit „zur Überprüfung schulischer Üblichkeiten einladen: den Inhalten, den Zielen, den Methoden, dem Umgang mit Zeit, der Herrichtung von Räumen, der Gestaltung von Beziehungen.“
Der Aushandlungsprozess soll über drei Jahre von August 2010 bis Dezember 2013 professionell begleitet und im Sinne eines Modellprojektes unter dem Motto „Offene Arbeit gestaltet Räume in der kommunalen Bildungslandschaft“ besonders gefördert werden. Die dafür nötigen Ressourcen sind im Rahmen eines breit angelegten Projektes von der AGOT NRW beim Land beantragt worden.
Andrea Steuernagel, Dipl. Päd.
Fachbereichsleitung Jugendhilfe & Schule
Jugendfarm Bonn
Am Weidenbach 26
53229 Bonn
0228 629879-16
Der Beitrag wurde uns freundlicherweise von Andrea Steuernagel zur Verwendung zur Verfügung gestellt.
NAGEL-Redaktion – Gesunde Küche – direkt aus der Natur
Kinderrestaurant am 24. Oktober 2009

Die Eintrittskarte hilft Ihnen, bei Interesse zur Dokumentation des Projekts zu gelangen. Bitte anklicken!
Impressionen

Die Küche im Freien (Foto: Rainer Deimel)
Seit Ende Juli 2009 hat beim NaBeBa, dem Natur- und Begegnungsbauernhof für Kinder und Jugendliche in Waltrop an der Stadtgrenze zu Castrop-Rauxel, ein neues spannendes Projekt begonnen. Kinder und Jugendliche mit und ohne Behinderung lernen aktiv, wie man unterschiedliche Nahrungsmittel anbaut, erntet und auf verschiedene Arten zubereiten und konservieren kann. Ebenso sollen Wald- und Wiesenexpeditionen durchgeführt werden, bei denen die Kinder und Jugendlichen lernen, welche wild wachsenden Pflanzen und Kräuter essbar sind und wie man diese schmackhaft zubereiten kann.

Frische Eier von glücklichen Hühnern (Foto: Rainer Deimel)
Durch Bodenanalysen sollen die jungen Leute erfahren, welche Pflanzen in welchen Böden am besten gedeihen und wie mithilfe natürlicher Düngung den Pflanzen gute Bodenverhältnisse geschaffen werden können.

Nix für Veganer: Leckere Eier (Foto: Rainer Deimel)
Bestandteil des Projektes ist darüber hinaus der Bau eines Steinofens auf dem Gelände. Der Ofen wird derzeit von den Kindern mit viel ehrenamtlicher Unterstützung errichtet. Hier sollen demnächst Brote und Pizzen gebacken werden.
Baumeister beim Werk: Der Steinofen entsteht (Foto: Ulrike Prauß)
Als Höhepunkt soll gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen Ende Oktober und in der Vorweihnachtszeit ein Jahreszeitenrestaurant veranstaltet werden. Mit Unterstützung eines bekannten Kochs werden die Kinder und Jugendlichen allen Gästen Speisen servieren, die aus selbst geerntetem Gemüse zubereitet wurden.

Mangold-Ernte (Foto: Rainer Deimel)
Das Projekt wurde gemeinsam mit dem ABA Fachverband geplant. Fachlich begleitet wird es ebenfalls vom Verband. Gefördert wird Konzept mit einem Anteil von 70 Prozent vom Land Nordrhein-Westfalen im Rahmen der Projektinitiative „Pakt mit der Jugend“. Die Initiatoren hoffen noch, dass auch die „Aktion Mensch“ im Wege der Stiftungsinitiative „Die Gesellschafter“ einen Anteil der verbleibenden Restmittel übernimmt.

Die dicke Schale hat die Schnecke nicht geschafft! (Foto: Rainer Deimel)
Die Aktionen finden jeweils montag- und donnerstagnachmittags von 15 bis 18 Uhr statt. Die Angebote sind offen. Jeder, der Lust hat, kann gerne vorbeikommen und mitmachen. Kinder und Jugendliche mit geistiger Behinderung oder anderen Handicaps sind immer besonders willkommen. Natürlich werden die selbst zubereiteten Speisen auch gemeinsam gegessen.

Allen hat es geschmeckt! (Foto: Rainer Deimel)
Die Einrichtung befindet sich in Waltrop im Stadtteil Leveringhausen/Ickersche Heide, dort am Ende der Straße „Am Rapensweg“. Weitere Informationen finden sich im Internet unter www.nabeba.de, Telefonisch kann man unter der Rufnummer 02309/78 38 89 Kontakt aufnehmen. Ansprechpartnerin für das Projekt vor Ort ist jeweils montags und donnerstags Susanne von Dewall.
Noch ein paar Eindrücke

Gesund, lecker und lehrreich: Essen machen! (Foto: Rainer Deimel)

Spannend zu beobachten und mitzumachen (Foto: Rainer Deimel)
Langeweile? Kennen wir nicht! (Foto: Rainer Deimel)

Gurken dürfen auch nicht fehlen! (Foto: Rainer Deimel)

Ganz schön flott, der Gast auf dem Kürbis! (Foto: Rainer Deimel)

Gewichtheber (Foto: Rainer Deimel)

Mais schälen (Foto: Rainer Deimel)

Und sich zwischendurch auch mal um andere wichtige Dinge kümmern! (Foto: Rainer Deimel)
Vorweihnachtliches Kinderrestaurant


Projektdokumentation
Das gesamte Projekt ist auf speziellen Seiten im ABA-Netz dokumentiert. Interesse? Vorstehendes Titelbild anklicken!

NAGEL-Redaktion – Klimaprojekt auf dem Abenteuerspielplatz Troisdorf 2007
Klimaprojekt auf dem Abenteuerspielplatz Troisdorf
25. bis 27. April 2007
Kontakt:
Abenteuerspielplatz Friedrich-Wilhelms-Hütte
Lahnstraße 16
53840 Troisdorf
02241/80 44 44

Klimakatastrophe auf dem Abenteuerspielplatz
Konzept und Reflexion
1. Kurzer Überblick
Auf dem Abenteuerspielplatz Friedrich-Wilhelms-Hütte e.V. in Troisdorf war für drei Tage vom 25. bis zum 27. April 2007 die Klimakatastrophe ausgebrochen. Der Spielalltag der Kinder war durch verschiedene, inszenierte Folgen des Klimawandels gestört. Große Bereiche des Platzes waren wegen Sturmgefahr abgesperrt und mit Trümmern übersäet, es gab kein fließendes Wasser und keinen Strom. Fotomontagen zeigten den Platz bei Extremhochwasser, Sandsäcke stapelten sich am Eingang des Platzes, wo ein großes Warnschild auf die Umstände hinwies. Immer wieder schallte eine Sirene über den Platz, die auch auf dem Tierartenfriedhof weiter hinten noch zu hören war. Es wurden viele Gespräche mit Kindern zu dem Thema geführt, die vor allem ihre Fragen, unterstützt durch selbst erstelltes Informationsmaterial, beantworteten. Am dritten Tag der Katastrophe wurde eine Kinder-Klimakonferenz einberufen. Hier wurden Klimaschutzmaßnahmen für den Abenteuerspielplatz beschlossen. Diese wurden im weiteren Verlauf umgesetzt, weitere Ideen werden gesammelt, um in nächster Zeit verwirklicht zu werden.
2. Situationsanalyse
2.1. Allgemein
Die Klimaproblematik beherrscht Anfang des Jahres die Medien, und es gibt ein reges öffentliches Interesse. In der Fachwelt ist die Existenz wie auch der Mensch als Hauptursache des Klimawandels nicht mehr umstritten. Gleichzeitig zeigt sich, dass der Menschheit nur ein kleines Zeitfenster bleibt, um die schlimmsten Folgen des Klimawandels aufzuhalten und den weltweiten Temperaturanstieg auf maximal 2°C zu begrenzen. Trotz der Dringlichkeit ist auf politischer Ebene bislang kaum ernstzunehmender Klimaschutz erfolgt.
2.2. Zielgruppe
Die (oft bildungsarmen) Besucher des Abenteuerspielplatzes, Kinder zwischen 4 und 14 Jahren, sind in der Regel bereits mit der Begrifflichkeit des Klimawandels nicht vertraut. Außerdem ist bei den Heranwachsenden ein unbewusster und oft verschwenderischer Umgang mit natürlichen Ressourcen festzustellen. Gebrauchsgüter, wie beispielsweise Fahrräder oder Schuhe, werden meist nicht gepflegt oder pfleglich behandelt. Sie gelten nach einem halben Jahr bereits als „alt“ und werden als „kaputt“ aussortiert. Für Unterhaltungselektronik, vom MP3-Player bis zum eigenen Fernseher, wird unbedacht Energie konsumiert. Müll wird bei vielen wie selbstverständlich auf der Straße oder in der Landschaft entsorgt, das Wasser laufen gelassen. Die Umweltthematik spielt weder bei Eltern noch bei Kindern eine Rolle. Das mag unter Berücksichtigung monetärer, sozialer und intellektueller Probleme verständlich sein, eine verstärkte Bewusstseinsbildung ist jedoch, insbesondere bei dieser Klientel, unter anderem aus oben genannten Gründen, dringend nötig. Letztlich kann mit einem bewussten Umgang mit Energie und Ressourcen auch eine Menge Geld gespart werden.
2.3. Institution
Der Abenteuerspielplatz bietet für die Thematisierung der Klimaproblematik gute Voraussetzungen. Die täglich durchschnittlich 60-90 Kinder und Jugendlichen kommen freiwillig und lernen somit auch freiwillig, anders als es oft in der Schule der Fall ist. Auf dem Platz ist (fast) alles möglich. Auf der Basis vorhandener Motivation und Kreativität können verschiedenste Veränderungen vorgenommen werden. Ausreichendes Material und Werkzeug ist meist vorhanden. Das Team der Hauptamtlichen ist der Thematik gegenüber sehr aufgeschlossen und sieht dringenden Handlungsbedarf. Dabei kann auf breites Wissen hinsichtlich der Klimaproblematik und möglicher (technischer) Lösungen zurückgegriffen werden. Erfahrungen in der Presse- und Umweltarbeit sind in ausreichendem Maße vorhanden.
3. Zielsetzung
Den Heranwachsenden soll die subtile und wenig greifbare Gefahr des Klimawandels bewusst gemacht werden, damit sie eventuelle Auswirkungen auf ihr Leben und auf ihren Abenteuerspielplatz realisieren. Die Kinder und Jugendlichen sollen umweltfreundliche, ‚Ressourcen schonende Handlungsalternativen kennen lernen und in ihren Alltag (auf dem Abenteuerspielplatz) integrieren, ebenso zu Hause sowie in der Schule Klimaschutzmaßnahmen thematisieren und anwenden. Über die Kinder können möglicherweise auch die Eltern erreicht werden. Die ernüchternde und vielleicht realistischere Zielsetzung ist, dass die Kinder die Klimaproblematik und eventuelle Gegenmaßnahmen kennen lernen und ihnen das Thema zumindest nicht fremd bleibt.
4. Didaktisch-methodische Überlegungen
Um unsere Klientel zu erreichen, brauchen wir einen Ansatz, der die globale und wenig fassbare Bedrohung des Klimawandels erlebbar macht und die Folgen ohne viele Worte veranschaulicht. Die Heranwachsenden sollen eventuelle Auswirkungen der Klimakatastrophe auf ihren Abenteuerspielplatz in ihrem Viertel erleben können. Die Abläufe auf dem Platz bleiben somit im Grunde gleich, allerdings unter „katastrophalen Umständen“. Die Spielabläufe der Kinder werden immer wieder gestört, sie werden an verschiedenen Stellen wiederholt mit der Thematik konfrontiert. Über die Tage soll sich ein Leidensdruck entwickeln, der die Besucher zum Nachfragen und Umdenken anregt und einen Willen zur Veränderung und Verhinderung schafft. Während der Katastrophentage stehen die Betreuer natürlich für Fragen der Kinder und Jugendlichen zu Verfügung. Am letzten Tag sollen in einer Kinder-Klimakonferenz Vorschläge zum Klimaschutz auf dem Abenteuerspielplatz gesammelt und zur Abstimmung gestellt werden. Zudem müssen themenbezogene Informationen kindgerecht gestaltet sein und auch die wenig gebildete Zielgruppe erreichen. Einfache und knappe, dafür bebilderte Texte sind nötig.
5. Vorbereitung und Projektaufbau
5.1. Vorbereitung
Zunächst ist es natürlich wichtig, dass die Pädagogen über den Klimawandel, die Auswirkungen und die möglichen Maßnahmen informiert sind, um Gespräche mit den Platzbesuchern führen zu können. Informationsmaterial muss beschafft und auf Eignung für die Kinder geprüft werden. Wir haben beschlossen, die Klima-Info für Kinder selbst zu erstellen (zum Herunterladen im Internet oder anzufordern auf dem ASP). Weitergehend haben wir überlegt, wie den Kindern der Klimawandel bewusst und erlebbar gemacht werden kann und wie wir sie damit konfrontieren können. Wir haben uns die Folgen des Klimawandels vorgenommen und Ideen gesammelt, in welcher Form diese auf dem Platz sichtbar umgesetzt werden können:
a) Hochwasser
(Extrem-)Hochwasser ist schlecht in der Realität umzusetzen. Aus Fotos vom Platz sollen mittels Hochwasserfotos aus dem Internet Fotomontagen des überfluteten Platzes erstellt werden. Diese werden in Postergröße am Eingang ausgestellt, begleitet von einer Sandsackbarriere, die die Kinder schon beim Ankommen über die Thematik stolpern lassen soll.

b) Stürme
Beim Orkan Kyrill hat es von einem der zwei großen Holztürme einige Dachbleche heruntergerissen. Deshalb nehmen wir die mitten auf dem Gelände stehenden Türme als sturmgefährdete Objekte an und sperren diese weiträumig mit Flatterband, Gittern und Pylonen ab. Dazwischen inszenieren wir ein Trümmerfeld, wie es ein Sturm anrichten könnte: Wellbleche, Balken und Bretter liegen verstreut, Fahrräder und Anhänger umgekippt herum. Die Absperrung soll dabei auch die „Hauptverkehrsader“ des Platzes trefffen, sodass die Kinder Umwege laufen und fahren müssen.
c) Stromausfall
Vielleicht keine direkte Folge des Klimawandels, aber wohl mögliche Folge von Hochwasser oder Sturm. Wir stellen auf dem gesamten Platz den Strom ab. Für eine Sirene, die die Katastrophe untermalen soll, wird hin und wieder ein Notstromaggregat angeworfen.
d) Wassermangel
Im ganzen Haus wird das Leitungswasser abgestellt. Die Toiletten werden mit Regenwasser aus nebenstehenden Gießkannen gespült, die Hände mit selbigem gewaschen.
e) Artensterben
15 Holzkreuze mit vermutlich auf Grund des Klimawandels aussterbenden Tierarten werden aufgestellt, mit Bildern der Tiere versehen und mit Grablichtern dekoriert. Zudem sind unsere Kaninchen und Meerschweinchen „(aus)gestorben“ und werden nachmittags im Stall versteckt.

f) Trockenheit/Wüstenbildung
Für Trockenheit müssen wir in dem ungewöhnlich trockenen April nicht sorgen. Es gibt die Idee, den Reitplatz (Sandboden) als Wüste umzugestalten. Davon sehen wir jedoch ab.
Die Kinder-Klimakonferenz wird in drei Teile gegliedert. Zunächst wird der Klimawandel kurz noch einmal erläutert und die gesamte Aktion erklärt. Dann sollen Vorschläge für Klimaschutzmaßnahmen auf dem Platz gesammelt und per Handzeichen mehrheitlich beschlossen werden. Am Schluss werden dann Energiesparpotenziale für daheim besprochen und Informationen verteilt. Außerdem muss die Presse informiert werden. Die Presseeinladung soll spätestens eine Woche vorher an regionale Zeitungen, Wochenblätter, Radio- und Fernsehsender geschickt werden.
5.2 Material
Es werden benötigt:
– jede Menge Bretter, Wellbleche, Äste, Gebrauchsgegenstände für das Trümmerfeld
– etwa 20 Dachlatten für die Holzkreuze
– einige Grablichter
– Gießkannen und ausreichend Regenwasser
– ca. 20 Sandsäcke (Feuerwehr) und Füllmaterial (Sand, Splitt, Erde …)
– Absperrband (100 m)
– Pylonen, Baustellenzaun
– Aufsteller (aus alten Tischtennisplatten) für Bilder und Informationen
– Recyclingpapier für die Klimainfos
– 60 Poster mit 33 Energiespartipps (kostenlos beim Greenpeace-Magazin)
– CD-Player, Verstärker, Box und Notstromaggregat für Sirene, CD mit Sirenen- und Katastrophensounds
6. Durchführung & Rückblick
Die Maßnahmen wurden wie oben erläutert umgesetzt und die Katastrophe an einem Vormittag aufgebaut und so für die Kinder inszeniert. Als wir am ersten Tag der Katastrophe das Tor öffneten, begegneten uns, neben Zeitungsreportern und einem Kameramann von RTL, Kinder mit fragenden Gesichtern. Häufigste Frage der jüngeren Kinder war: „Wann ist das passiert?“ Von den Älteren war eher ein „Was soll das?“ zu hören. Beides bot gute Möglichkeiten, mit den Kindern über die Thematik zu sprechen. Während der Katastrophentage haben wir etliche Male mit Kindern über Ursachen und Folgen des Klimawandels und über mögliche Handlungsweisen geredet. Die Kinder waren oft erstaunt, wenn sie erfuhren, wie real die Gefahren des Klimawandels bereits schon sind, wenn man ihnen als Beispiele etwa das Elbe-Hochwasser, den Orkan Kyrill oder den trockenen April nannte. Alle drei sind zwar nicht nachweisbar Folgen des Klimawandels, aber die Häufigkeit solcher Extremereignisse wird zunehmen und deshalb sind diese als Indikatoren tauglich. Dass die globale Erwärmung direkte Folgen auf ihr Umfeld und ihren „Abenteuer“ haben könnte, hat viele Kinder erstaunt und erschreckt. Mitunter mussten wir, bei einigen jüngeren Kindern, diffuse Ängste bearbeiten. Vor allem die Fotomontagen haben manche erschreckt, und wir haben anhand der grafischen Fehler gezeigt, dass das nicht real war und so schnell auch nicht sein wird. Im Laufe der drei Tage gewöhnten sich die Kindern recht schnell an die Situation, sodass wir die Situation gerne noch verschärft hätten, um den Handlungsbedarf der Kinder herauszukitzeln. Hierfür fehlten allerdings in kurzer Zeit umsetzbare Ideen.
Freitags gegen fünfzehn Uhr läuteten wir dann eine Kinder-Klimakonferenz ein, an der sich etwa 40 Kinder beteiligten. Zunächst wurde der Klimawandel noch einmal in einfachen Worten erklärt, anschließend suchten wir zusammen mit den Kindern nach Möglichkeiten, der Klimakatastrophe auf dem Platz (und zu Hause) entgegenzuwirken. In der eineinhalbstündigen Konferenz waren die Kinder zu einem großen Teil sehr aufmerksam und arbeiteten mit. Vielen fehlte jedoch das nötige Wissen, um Vorschläge zu machen. Wir waren sehr froh um ein älteres Mädchen, dass die Thematik bereits auf der Realschule behandelt hatte. Folgende Maßnahmen wurden von den Kindern der Konferenz mehrheitlich beschlossen:
a) Trecker
Der Trecker, mit dem die Kinder auf dem Platz fahren, wird weniger genutzt und zur Hälfte mit Salatöl betankt.

b) Kinder-PC
Der Kinder-Computerraum steht nur noch montags, mittwochs und freitags zum Spielen zur Verfügung, um Energie zu sparen. Somit werden zwei Tage gestrichen.
c) Solarzellen
Das Radlager (Fahrradwerkstatt und -ausleihe) wird zukünftig über Solarzellen mit Strom versorgt.
d) Toiletten
Um Wasser zu sparen, werden die Toiletten weiterhin mit Regenwasser gespült.
e) Energiesparlampen
Im ganzen Haus werden nur noch Leuchtstoffröhren und Energiesparlampen benutzt.
f) Radio
Das Radio in der Werkzeugausgabe läuft erst ab 15 Uhr, um Energie zu sparen. Zwei Stunden pro Öffnungstag werden damit eingespart.
g) Heizung
Im Winter wird die Heizung um 2°C heruntergedreht. Die Fenster werden nur kurz zum Stoßlüften geöffnet.
h) Handys
Auf dem Platz gilt ein Verbot von lauter Musik vom Handy.
Einige der Maßnahmen benötigen weitere Vorbereitungen (wie etwa die Solarzellen), andere wurden sofort umgesetzt und für die Kinder durch Schilder gekennzeichnet. Wir sammeln weitere Ideen mit den Kindern und auch im Team. Zwei ältere Kinder schrieben in diesem Zusammenhang einen Brief an die Bundeskanzlerin Angela Merkel, in dem sie von ihr Anstrengungen für den Klimaschutz fordern. Auf eine Antwort warten wir bislang noch. Zukünftig nutzen wir fast ausschließlich Recyclingpapier und überlegen, für die Kinder einen Energiepass einzuführen. Um den Kinder-PC oder den Ghettoblaster benutzen zu dürfen, müsste man dann eine bestimmte Anzahl Umweltpunkte vorweisen. Die würden etwa durch das Aufsammeln von Müll oder Erzeugung von elektrischem Strom gesammelt. Dieser könnte mit einem umgebauten Fahrrad, zusätzlich zur Solaranlage, für das Radlager produziert werden.
Das Projekt ist insgesamt auf einen längeren Zeitraum ausgelegt. Eine Info-Wand erinnert, neben Hinweisen der Mitarbeiter, die Kinder an klimafreundliches Verhalten. Informationen und Energiespartipps verteilen wir weiterhin. Sollte die Thematik bei den Kindern zu weit im Hinterkopf verschwinden, kann es auch sein, dass die Katastrophe nochmals den Platz heimsucht.
Die Presseresonanz war in Ordnung. Es erschienen zwei größere Artikel mit Fotos, einige kleinere Randnotizen und ein kurzer Beitrag in den RTL-Nachrichten für Nordrhein-Westfalen. Von einigen regionalen Medienvertretern (zwei Tageszeitungen, WDR) waren wir aufgrund des unverständlichen, aber offensichtlichen Desinteresses sehr enttäuscht. Die selbst erstellte Klimainformation beinhaltete für unsere Klientel offenbar noch zu viel Text. Dabei sind nur die allerwichtigsten Informationen enthalten, sodass unseres Erachtens weitere Kürzungen nicht möglich sind. Es besteht jedoch von externen Einrichtungen bereits Interesse, das Faltblatt (etwa im Unterricht) zu verwenden.
Auf dem Sommerfest der Einrichtung wurde ein Klimastand eingerichtet, wo Kinder an einer Aktion der BUNDjugend teilnehmen konnten, um mit einem Brief an den Bundesumweltminister wirksamen Klimaschutz zu fordern. Erwachsene Besucher konnten sich per Unterschrift an einer Klimaschutz-Petition von Greenpeace beteiligen, welche die Aufnahme des Klimaschutzes in die UN-Charta sowie die Verfassungen aller Länder fordert. Außerdem konnte Ökostrom auf einem umgebauten Fahrrad, der ein Radio speiste, produziert werden.
Presseberichte und Dokumente
Faltblatt des Abenteuerspielplatzes: Kinder-Klima-Kämpfer
Faltblatt herunterladen

Rhein-Sieg Rundschau vom 27. April 2007

Extra-Blatt vom 2. Mai 2007
Rundblick Troisdorf vom 8. Mai 2007
Rundblick.jpg
Die NAGEL-Redaktion bedankt sich bei Simon Sakowski und dem Team des Abenteuerspielplatzes Friedrich-Wilhelms-Hütte in Troisdorf für das freundlich gelieferte Material, das wir hier gern zur Verfügung stellen.
Dortmund, 4. September 2007
NAGEL-Redaktion – Kinder machen Kunst
Projekt „Kinder machen Kunst“ mit dem Spielbus Tummelhummel (Herne)

„Wir haben hier in einer Woche mehr gelernt als in einem Jahr in der Schule!“
In Zusammenarbeit mit dem ABA Fachverband Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen e.V. veranstaltete der Spielbus Tummelhummel des Jugendamtes Herne eine Kunstwoche im Stadtbezirk Sodingen. Das Projekt fand auf dem Gelände der ehemaligen Zeche Teutoburgia statt; im Rahmen der Internationalen Bauausstellung Emscherpark (IBA) wurde dieses zum „KunstWald“ umgestaltet. Der Spielbus hat hier einen regelmäßigen Standort.
Unterstützt wurde das Projekt durch das Land Nordrhein-Westfalen; dies im Rahmen einer Förderung „Besondere Maßnahmen/Innovative Projekte und Experimente“ durch den Landesjugendplan.
Ziele
Die Kinder sollten stärker für ihre örtliche Umgebung interessiert und sensibilisiert werden und somit die Chance bekommen, in ihrem Stadtteil eigeninitiativ tätig zu werden. Als „Nebeneffekt“ war beabsichtigt, den Schutz öffentlicher Räume gleichsam zu vergrößern.
Die Kinder sollten unter Anleitung professioneller Künstler selbst schöpferisch tätig und auf ganz praktische Art und Weise an die Kunst herangeführt werden, um somit auf lustvolle Weise ihre kreativen Kompetenzen erweitern zu können.
Engagiert wurden für das Projekt die beiden Kunstpädagogen und Bildhauer Catharina und Dieter Wagner.
Da die von den Kindern geschaffenen Kunstwerke im Park verbleiben sollten, war es erforderlich, ein spezielles Konzept zu entwickeln. Neben der Erweiterung durch die Kunst der Kinder ging es auch darum, die bereits im KunstWald vorhandenen Objekte respektvoll zu behandeln. Die Kunstwerke der Kinder sollten sich anpassen und nicht stören. Gleichzeitig war beabsichtigt, die von Künstlern in der Vergangenheit geschaffenen Achsen zu verlängern. So entstand ein Konzept aus einem Haupt- und mehreren Nebenpfaden. Unter Anleitung von Catharina und Dieter Wagner war vorgesehen, dass die Kinder Großskulpturen in Form von Findlingen aus Holz schufen. Während des Projekts sollten die Kinder die Möglichkeit haben, den KunstWald – wie er ist und wie er später sein könnte – zu erfassen. Als Nebenpfad sollten Bäume in dem anliegenden Wald gekälkt werden , um spannende Marken zu setzen. Für das gesamte Projekt war die Möglichkeit gegeben, in einer Holzwerkstatt Zwergwächter zu bauen, die während der Projektwoche als Windspiele in den Bäumen aufgehängt werden sollten. Aus einem großen Granitstein sollte eine Vogeltränke entstehen, um in einem anderen Teil des Waldes im Schutz eines selbstgebauten Nestes zu verbleiben. Kleinere Skulpturen sollten aus Speckstein geschaffen werden, die die Kinder direkt mit nach Hause nehmen konnten. Als Ausklang des Projekts war eine Vernissage geplant, zu der Politiker, Eltern, die Presse und alle Interessierten eingeladen werden sollten.
Bei der Planung zu berücksichtigen war neben der Altersgruppe der Kinder der offene Charakter des Angebots; es war nicht vorhersehbar, wie viele Kinder an dem Projekt teilnehmen würden. Unter Berücksichtigung der Jahreszeit (Herbst), ging es ferner darum, in der freien Natur Arbeitsplätze für die Kinder zu schaffen, die sowohl bei Regenwetter als auch bei freundlicher Witterung zu nutzen waren. So wurde ein Tag vor Projektbeginn am üblichen Spielbusstandort ein Dorf errichtet, bestehend aus einem Jurte-Zelt mit Feuerstelle und mehreren „Ruckzuck“-Pavillons. Zur Unterbringung der Werkzeuge, Materialien sowie der Tische und Bänke standen Anhänger zur Verfügung.
Unter dem Motto Kinder machen Kunst konnte es losgehen. Eingeladen waren alle Kinder im Alter von 5-12 Jahren. In der Zeit von 11.00 bis 16.00 Uhr sollten nun die Kinder über fünf Tage eine kreative, erlebnis- und erfahrungsreiche Woche verbringen können. Für das leibliche Wohl wurde mit belegten Brötchen und Getränken wie Tee und Wasser gesorgt.
Der erste Tag schien zunächst – meteorologisch betrachtet – nicht vielversprechend zu werden. Es regnete ununterbrochen. Doch ließen sich die Kinder nicht davon abhalten, in Scharen in den KunstWald zu strömen. Zum Versammlungsort wurde nun allmorgendlich das Jurte-Zelt, in dem sich täglich über 100 Kinder um das Feuer versammelten. Die Kinder waren zum größten Teil durch die reguläre Spielmobilarbeit an diesem Standort und durch unterschiedliche Aktionen im Stadtgebiet bekannt.
Nach dem täglichen Eröffnungsritual – Begrüßung und Klärung des Tagesablaufs – fanden sich die Kinder in den einzelnen Werkstätten ein.
1. Tag
Aktivitäten: Findlinge schnitzen, Specksteinwerkstatt, Holzwerkstatt

Die Befürchtung, durch die Menge der Kinder könne sich Chaos ausbreiten, bewahrheitete sich ganz und gar nicht. Vielmehr entwickelte sich eine angenehme schöpferische Arbeitsatmosphäre, zu der einerseits das pädagogische und organisatorische Engagement der MitarbeiterInnen beitrug; andererseits lieferten die Kinder einen eindrucksvollen Beweis ihrer wunderbaren Selbstorganisationskräfte. Gemeinsam mit jungen TeilnehmerInnen wurden die einzelnen Arbeitsbereiche aufgebaut und mit den dazugehörigen Materialien ausgestattet. Während die Anleitung der Findlings-Bearbeitung von den Künstlern übernommen wurde, unterstützten und begleiteten die Mitarbeiter des Teams die Kinder in der Holz- und Specksteinwerkstatt.. Das Vorhandensein von gut sortiertem Werkzeug, viele unterschiedliche Feilen, Hämmer und Schleifpapier, Öle und Wachse, verschiedene Holzarten in diversen Stärken., Nägel und Korken, aber auch die Beratung und Unterstützung seitens der MitarbeiterInnen, waren hilfreich. Die Kinder konnten sich so schnell in die unterschiedlichen Arbeitsbereiche einfinden. Die Phantasie der Kinder wurde vor allem durch die Beschaffenheit und die unterschiedlichen Formen des Materials stimuliert.

Mit unermüdlicher Ausdauer und großem Schaffensdrang wurden die Platanenfindlinge bearbeitet. Es herrschte ein geschäftiges Treiben, das nur durch den Aufruf zur Mittagspause und die knurrenden Mägen der Kinder unterbrochen werden konnte. Nach einer kleinen Stärkung nahmen die Aktivitäten bis zum Ausklingen des Nachmittags ihren Lauf. Zu beobachten war, dass dieser erste Tag vor allem auch ein Experimentieren mit Werkzeugen und Materialien war. So wurden etwa die Specksteine zu glatten, glänzenden Steinen bearbeitet, ohne ihre Form zu verändern; und in der Holzwerkstatt wurden Bretter gesägt, zusammengenagelt oder mit Heißklebepistole geklebt.
2. Tag
Aktivitäten: Bearbeiten der Findlinge, Speckstein, Figurenwerkstatt, Anmalen der Bäume

Unter Anleitung der Kunstpädagogin Catharina Wagner, fand das neue Angebot „Anmalen der Bäume“ statt. Zu diesem Zwecke rührten die Kinder eine weiße Grundfarbe, bestehend aus Kalk, Quark, Wasser und Hirschhornsalz (1) an. Anschließend suchten sich die jungen Künstler einen von der Art zu ihnen passenden Baum und grundierten diesen mit der vorbereiteten Farbe. Nach dem Antrocknen sollten die Bäume dann mit bunten Farben versehen werden. Offensichtlich machte diese Aktion den Kindern sehr großen Spaß und es war ein nachhaltiges Erlebnis, zu beobachten, wie sehr sich die Kinder mit „ihren“ Bäumen identifizierten. Manche umarmten gar „ihren“ Baum und bezeichneten ihn als „mein Freund“. So entstand im Wald ein von den Kindern geschaffener Pfad, durch den gleichzeitig der Aktionsradius erweitert wurde und neues “ Gebiet“ erobert werden konnte. Einige Platanenfindlinge konnten zum Ende des Nachmittags schon fertig gestellt werden, und die Speckstein- und Holzwerkstatt waren zum Ende des Nachmittags noch voll im Gange. Der ungebremste Ideenreichtum der Kinder führte in der Holzwerkstatt zu den ersten fertigen Holzfiguren(Wächterfiguren), die auch schon an diesem Tag teilweise mit Dispersionsfarbe angemalt wurden. Auch die Specksteine nahmen zunehmend mehr Gestalt an; dies in Form von Fischen, Seehunden und anderen Figuren.
3. Tag
Aktivitäten: Findlinge schnitzen, Figurenwerkstatt, Bäume anmalen, Nestbau

Das Schnitzen der Findlinge wurde inzwischen von einer Spielbusmitarbeiterin begleitet und unterstützt, sodass der Künstler Dieter Wagner den Nestbau beginnen konnte. Dazu begab er sich mit den Kindern in den Wald. Erst einmal wurde ein geeigneter Platz für das Projekt „Nest mit Ei“ ausgekundschaftet. Es fand sich ein zauberhafter Platz im direkt angrenzenden Gehölz, an dem es verblüffenderweise alte, hohe Weißdornbäume gab, die im Halbkreis gewachsen waren – der „perfekte Ort“ für dieses Vorhaben! Dieter Wagner erläuterte die mythologische Bedeutung des Weißdorns: Schutz vor bösen Zauberern und Hexen!

Derart eingestimmt, begannen die Kinder Äste und Reisig für die nun anstehende Arbeit zu suchen. Ergänzt wurden die Materialien durch angespitzte Tomatenpflöcke. Das Nest erhielt die Form einer Spirale, die mit den stabilen Pflöcken vorgesteckt und mit dem gesammelten Material durchwoben wurde. Die Arbeit ging schnell voran ,sodass nur noch die Fixierung mittels Draht und das Anmalen des Objekts innerhalb der nächsten beiden Tage zu besorgen war. Auch dieser Tag endete mit zufriedenen, glücklichen Kindern und MitarbeiterInnen. Einziger Kritikpunkt seitens der Kinder war das fehlende Specksteinangebot. Das Team hatte angenommen, dieses Angebot wäre bereits „ausgelaufen“ und wurde nun eines Besseren belehrt. Situations- und bedarfsentsprechend wurde für den nächsten Tag neues Specksteinmaterial besorgt.
4. Tag
Aktivitäten: Speckstein, Figurenwerkstatt/Holzwerkstatt, Fertigstellung des Nestes, Vogeltränke aus Granitstein

Neu auf dem Tagesplan war das (Bild-)Hauen einer Vogeltränke. Eigens dafür wurde ein großer Granitstein in Form eines Eis zur Bearbeitung ausgewählt, der schwer genug war, um zu verhindern, dass er unbefugterweise entfernt werden könnte.. Die Bearbeitung des Granitsteins war allerdings aufwendiger und schwieriger als die relativ einfach Umgang mit dem Speckstein. Die Arbeiten mit letztgenanntem allerdings waren eine hilfreiche „Vorabübung“ für diejenigen Kinder, die sich am Bildhauen an dem massiven Granit beteiligten. Aufgrund seiner massiven Beschaffenheit wurden Schutzbrillen benötigt, um zu verhindern, dass umherfliegende Splitter die Augen verletzen. Mittels einer Flex wurde eine Mulde auf der Oberfläche des Ei eingearbeitet. Anschließend wurde die Vogeltränke von den Kindern mit Hammer und Meißel fertiggestellt. Das Nest erhielt wie die Bäume eine Farbgestaltung in allen möglichen Grün- und Blautönen. In den anderen Bereichen waren eine Vielzahl an Skulpturen, Figuren und Bildern bereits gefertigt.

5. Tag
Aktivitäten: „Fertigstellung“ der einzelnen Kunstwerke, Gestaltung der Präsentation, Vernissage

„Auf goldenem Grund!“ (2) Unter diesem Motto stand der letzte Projekttag, der mit einer öffentlichen Vernissage endete: An diesem Ort, einer ehemaligen Kohlengrube (Zeche), wurde früher „schwarzes Gold“ gefördert – ein Ort der für viele schicksalhaft und lebensbestimmend war. Heute sind die Kinder, das „Gold“ , das gefördert werden will. Zahlreiche individuelle Fähigkeiten konnten in dieser Woche „zu Tage befördert“ (gefördert) werden. Die Vernissage wurde von Rainer Deimel, dem Referenten für Bildung und Öffentlichkeitsarbeit des ABA Fachverbandes, eröffnet. Auf außerordentliche Bestätigung durch die Kinder stieß unter anderem die geäußerte These, die Handlungsorientierung und die gleichzeitige Reflexion des einwöchigen Projekts hätte womöglich mehr an Bildungsarbeit geleistet, als die Schule innerhalb eines ganzen Schuljahres dazu imstande ist. Begrüßt werden konnten neben zahlreichen Eltern und Verwandten, die Vorsitzende des Ausschusses für Kinder, Jugend und Familie im nordrhein-westfälischen Landtag sowie etliche VertreterInnen aus der Herner Politik und anderen Organisationen. Die Vorsitzende der Kinderkommission des Deutschen Bundestages hat ebenfalls angekündigt, den Kunstwerken der Kinder gelegentlich ihre Referenz zu erweisen. Schätzungsweise 250 Personen beteiligten sich an dem Abschlussrundgang; die Kinder erläuterten mit Dieter Wagner, die Kunstwerke und den Weg ihrer Entstehung. Großer Applaus bestätigte allen TeilnehmerInnen den Erfolg der einwöchigen Arbeit, der für das Wohnumfeld wunderbare – selbstgeschaffene – Kunstwerke zurücklässt. Die Identifikation der Kinder mit ihrer Umgebung konnte – wie gewollt – gesteigert werden. Das gilt auch für ihre Eltern.

Erwähnenswert auch die gewinnbringende Kooperation des Spielmobil-Teams mit den Künstlern: Neben dem erfolgreichen gemeinsamen Planen und Durchführen des Projekts konnten alle während dieser gemeinsamen Zusammenarbeit voneinander lernen und profitieren.

Das Projekt fügte sich hervorragend in den Park ein und berücksichtigte auf reflektierte Weise den kindlichen Schaffensdrang. Nicht „elitär künstlerisch“ wurden hier die Kinder eingesetzt, sondern eher wie auf einem Abenteuerspielplatz. Sie gingen mit Werkzeugen aller Art um, sie schleppten Steine, Holz und anderes Material – Leben auf einer Baustelle, umgeben von Kunst und Natur, selbst Kunst und Natur gestaltend.
Bericht: Margarete Germaine (3)
Fotos: Barbara Schorlemmer, Bochum (© ABA Fachverband)
Gestaltung dieser Seite: Rainer Deimel
(1) In früheren Zeiten wurden Bäume häufig mittels dieser Rezeptur geschützt. Diese Mischung verhindert, dass die Baumrinde bei Nachlassen des Frostes im Winter platzt.
(2) © ABA Fachverband
(3) Früher beim Spielbus Tummelhummel, seit 2005 beim Spielmobil Tobedüse und seit 2008 im Stadtteilzentrum Pluto der Stadt Herne beschäftigt.
Nachtrag: Die „Dorfbäckerei Frank“ aus Castrop-Rauxel, die an der Vellwigstraße in Herne eine Filiale betreibt, unterstützte das Projekt mit einer größeren Menge Kuchen und Gebäck. Herzlichen Dank!
NAGEL-Redaktion – Pakt mit der Jugend NRW
Beginn und Hintergrund
Die Landesregierung hat am 4. Juni 2008 mit den nordrhein-westfälischen Dachverbänden der Jugendorganisationen den „Pakt mit der Jugend“ geschlossen. Nach dem Abkommen wird das Land Nordrhein-Westfalen jährlich mehr als 80 Millionen Euro für die Jugendarbeit zur Verfügung stellen. Ministerpräsident Jürgen Rüttgers: „Die nordrhein-westfälische Jugendpolitik ist durch den Pakt mit der Jugend einen großen Schritt weitergekommen. Er stellt sicher, dass die Interessen der jüngeren Generationen auch künftig gewahrt werden. Dies ist uns in enger Zusammenarbeit mit den Jugendlichen und ihren Organisationen gelungen – ein in unserem Land noch nie dagewesener Prozess, der deutlich macht, wofür Nordrhein-Westfalen steht: ein Klima des Miteinanders, das jüngeren Menschen neue Gestaltungs- und Entfaltungschancen bietet.“
Mehr zum Auftakt des „Pakts mit der Jugend“
Sind Sie an Projekten, die aktuell im ABA Fachverband organisiert werden? Dann klicken Sie auf vorstehenden Link!
Der ABA Fachverband im „Pakt mit der Jugend“ 2009/2010
Projektreihe „Tage der Spielplatzpaten NRW 2009„
Der ABA Fachverband führt innerhalb des Pakts mit der Jugend die Tage der Spielplatzpaten NRW 2009 durch. Mehr zum Thema gibt es auf speziellen Seiten im ABA-Netz. Weiter
Projekt „Gesunde Jahreszeitenküche direkt aus der Natur“
Ein Projekt mit nehinderten und nichtbehinderten Jugendlichen auf dem Natur- und Begegnungsbauernhof (NaBeBa) in Waltrop. Die Einrichtung ist Mitglied im ABA Fachverband. Weiter
39. Internationaler Spielmobilkongress 2010 im Ruhrgebiet
Der 39. Internationale Spielmobilkongress fand vom 29. September bis 3. Oktober 2010 im Ruhrgebiet statt. Mehr dazu
Logo zum Herunterladen
Vorstehendes Logo kann zur Verwendung heruntergeladen werden: Mit der rechten Maustaste anklicken und weiter auf mit „Grafik speichen unter“ in dem gewünschten Verzeichnis zu weiteren Verwendung ablegen!
NAGEL-Redaktion – Spielmobilkarawane

im Rahmen der Veranstaltungstage zum
Tag der Deutschen Einheit und des NRW-Tages vom
1. bis 3. Oktober 2011 in Bonn
Ein Projekt des
ABA Fachverband Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen e.V. in Zusammenarbeit mit dem Jugendamt der Stadt Bonn und mit Unterstützung durch das Landesjugendamt Rheinland
Finanziert mit Mitteln des Landes Nordrhein-Westfalen und der Stadt Bonn
Einleitung
Im Jahre 2011 war die Stadt Bonn Ausrichter der Veranstaltungstage rund um den Tag der Deutschen Einheit vom 1. bis zum 3. Oktober 2011. Ebenso wurde der NRW-Tag in diese Aktivitäten mit eingebettet.
Maßgeblich durch die Initiative der Kinderbeauftragten der Stadt Bonn, Andrea Koors, angestoßen, entstand die Idee, Mitgliedseinrichtungen des ABA Fachverband e.V., die Träger von Spielmobilen sind, zu gewinnen, sich mit ihren Angeboten in die Aktivitäten mit einzubringen. Dies wurde seitens des Verbandes mit großem Interesse aufgenommen. Gegenwärtig (2011) gibt es in der Mitgliedschaft des ABA Fachverbandes 24 Organisationen, die Träger von einem oder mehrerer Spielmobile sind. Um die Träger der Spielmobile von den hierdurch entstehenden zusätzlichen Kosten zu entlasten, wurde ein Antrag auf Projektförderung an das Landesjugendamt Rheinland gestellt.
Für die jungen Besucher des Festes wurde gemeinsam ein Konzept erstellt. Mit seinem besonderen pädagogischen Charakter war neben Spaß und Spielfreude ein Ziel, Facetten der deutschen Geschichte zu vermitteln – von der Teilung nach dem 2. Weltkrieg bis zur Wiedervereinigung 1990. Bislang hat es eine solche gemeinsame Aktion verschiedener Spielmobile unter einem Thema in Nordrhein-Westfalen nicht gegeben.
So konnte eine Förderung der Kosten aus Projektmitteln des Landesjugendplanes des Landes Nordrhein-Westfalen in Höhe von 70 Prozent erreicht werden. Die restlichen 30 Prozent bestritt die Stadt Bonn.
Mit dieser bebilderten Broschüre soll ein Eindruck über die ideenreiche Angebotspalette vermittelt werden. Die Spielmobile waren dazu drei Tage am Rheinufer aktiv. Das Angebot richtete sich an Kinder, Jugendliche sowie zahlreiche Erwachsene. Diese wurden animiert, ihren Spielbedürfnissen nachzugehen. Bestandteil der Dokumentation ist auch ein kleiner Videozusammenschnitt.

Vorbereitung
Die Initiative wurde in der Spielmobillandschaft in NRW mit großem Interesse aufgenommen. Problemlos fanden sich insgesamt 8 Träger von Spielmobilen, die sich mit großem Engagement an diese Aufgabe machten.
Eine Vorbereitungsgruppe traf sich am 6. Juli 2011 im Freizeittreff „Quasi“ in der Rheinaue in Bonn (Spielhaus), um das Programm sowie seine Durchführung abzustimmen.

Es beteiligten sich die Spielmobile aus Bonn, Köln, Bottrop, Kerpen, Siegburg, Hilden und Herford.
Leider sah sich das Spielmobil Köln später gezwungen, die Teilnahme aus organisatorischen Gründen abzusagen. Insbesondere die Stadt Hilden als Träger von zwei Spielmobilen schloss diese Lücke jedoch problemlos.
Viele Ideen, die dazu dienen sollten, die pädagogischen Ansprüche an die Angebotsgestaltung zu realisieren, wurden hier zusammengetragen. Viele wurden auch wieder verworfen. Aber die Phantasie kannte zunächst keine Grenzen.
Die Veranstaltungstage vom 1. bis 3. Oktober 2011
Die Festveranstaltung dauerte drei Tage. In diesem Rahmen waren die Spielmobile mit ihrem Angebot die ganze Zeit über präsent. Angeboten wurde am südlichen Rheinufer innerhalb der Festmeile eine reichhaltige, qualitativ hervorragende Spiellandschaft. Besonders hervorzuheben ist hierbei, dass diese den historischen Hintergrund des Tags der Deutschen Einheit durchgehend mit thematisierte – wie es zuvor konzeptionell geplant war. Ein so konkreter Bezug war ansonsten auf der Festmeile kaum vorzufinden. Und obendrein spielte das Wetter wunderbar mit – drei Tage herrlicher Sonnenschein!
Neben der thematischen Ausrichtung des Einsatzes des Spielmobilinventars wurden in Vorbereitung auf die Veranstaltungstage diverse Materialien gefertigt, die zu einer spielerischen Auseinandersetzung mit dem Thema anregten – so ein Deutschland-Puzzle aus Holz, ein Länder-Memory, ein Dialekt-Quiz und anderes mehr. Von ganz besonderer Bedeutung war die gemeinsam betreute „Schuhkarton-Baustelle“.
In einer lockeren, kommentierten Bilderfolge werden nachfolgend Eindrücke der Spielmobilaktivitäten wiedergegeben.
Aufstellung der Fahrzeuge in Form einer Karawane in der Festmeile am südlichen Rheinufer


Sonnenschein bei 25 Grad! Der Standort der Spielmobile befand sich an der Charles-de-Gaulle-Straße am Fuß des Posturms und des ehemaligen Abgeordnetenhochhauses „Langer Eugen“ – eingebettet in das reichhaltige Angebot für Kinder und Familien. Zahlreiche der 800.000 Besucher(innen) fanden den Weg dorthin.
Spielmobile überbrücken Grenzen Spielen reißt Grenzen ein
So lautete das gemeinsame Motto, das die Aktionen der Spielmobile prägte.
Aus Holz gefertigt: Das Deutschlandpuzzle

Aus Papier gefertigt: Mauerfall-Überraschnungs-Boxen

Ein LKW voller Schuhkartons als Material für die Aktion

Berliner Mauer: Wir bauen sie – um sie wieder einzureißen!




Natürlich durften auch andere Dinge gebaut werden.
Die Idee hat einen Vater so begeistert, dass er sich bereit erklärte, sämtliche Kartons, die nach Ablauf der drei Tage übrig waren, abzuholen. Er wollte sie im Rahmen eines Kindergartenfestes für eine ähnliche Aktion weiter verwenden.

Spielen und Lernen – Spielerisches Lernen
Ein Parcours …
… rund um …

… die deutsche Teilungsgeschichte

Beliebt bei den Erwachsenen: Das Dialektquiz

„Erste Hilfe-Maßnahme“ in der heißen Sonne …

… Sonnenhüte aus Papier herstellen – „bis der Arzt kommt“.
Drumherum

Werbung in eigener Sache
So schauten im Laufe der drei Tage die Kinderbeauftragte der Stadt Bonn, Andrea Koors, der Leiter des Jugendamtes, Udo Stein, die Abteilungsleiterin, Christina Bertram-Mayer, sowie – stellvertretend für die Jugendpfleger(innen) – Lou Krahnke vorbei.
Obwohl nur 50 Meter entfernt, fand die politische Prominenz den Weg zu den Spielmobilen leider nicht. Die Bundeswehr – ganz in der Nähe – hatte wohl spannendere „Spiele“ zu bieten. Im Bild: Bundeskanzlerin Angela Merkel. Es folgten u.a. Bundespräsident Wulff und Hannelore Kraft, Ministerpräsidentin des Landes NRW.

Auch die „Spielmobilchefs“ hatten ihren Spaß! Links Martin Zickel (Spielmobil Kerpen), rechts Mike Dörflinger (Spielmobil Hilden)

Chef vor Ort und Organisationsgenie: Alexander Schroers (Spielmobil Bonn)
Der alltägliche Kehraus




Wichtig ist: Auf’m Platz

Gruppenbild mit Spielmobilern – gerne bis zum nächsten Mal!
Auswertung
Im Nachgang wurde ein Fragebogen an die beteiligten Spielmobile versandt. Die Rückmeldungen werden unkommentiert wiedergegeben.
Spielmobil Bonn:
1. Wie bewertet Ihr die Aktion insgesamt?
a) Vorbereitungsphase
„Die von uns durchgeführte Vorbereitung war aus meiner Sicht gut. Leider konnten wir keinen Einfluss auf die Gesamtorga nehmen.“
b) Durchführungsphase
„Von meiner Sicht aus gut.“
2. War die Anforderung, dass die Aktion unter einem gemeinsamen Thema lief, eher positiv oder negativ zu bewerten?
„Positiv“
3. Was habt Ihr am meisten vermisst?
„Wir haben nichts vermisst.“
4. Würdet Ihr Euch ähnliche Aktionen der Spielmobile im ABA Fachverband e.V. öfter wünschen?
„Gerne würden wir an ähnlichen Aktionen von ABA organisiert teilnehmen. Ich kann nur bestätigen, dass solche Aktionen den Spielmobilen vor Ort helfen.“
5. Was Ihr sonst noch sagen wolltet:
„Vielen Dank für die unkomplizierte Orga.“
Spielmobil Herford:
1. Wie bewertet Ihr die Aktion insgesamt?
a) Vorbereitungsphase
„Die Vorbereitungsphase war gründlich strukturiert und alle Inhalte waren gut verständlich (Wegbeschreibung, Themenauswahl).
Fehlende Informationen konnten wir gut über die Homepage bekommen und dadurch ersparten wir uns zusätzliche Telefonate.“
b) Durchführungsphase
„Es war von unserer Seite nichts zu beanstanden. Die Einweisung, unser Ausstellungs- und Spielort war sehr gut markiert und für uns erreichbar. Wir waren mit unseren Bedingungen und Veranstaltungsort sehr zu frieden.“
2. War die Anforderung, dass die Aktion unter einem gemeinsamen Thema lief, eher positiv oder negativ zu bewerten?
„Wir fanden es positiv!!!“
3. Was habt Ihr am meisten vermisst?
„Gar nichts!!!!“
4. Würdet Ihr Euch ähnliche Aktionen der Spielmobile im ABA Fachverband e.V. öfter wünschen?
„Man könnte es zu einem regelmäßigen Ereignis machen!!!“
5. Was Ihr sonst noch sagen wolltet:
„Kompliment an alle, die zu dieser Veranstaltung beigetragen haben – DANKE!!!!!“
Spielmobil Bottrop:
1. Wie bewertet Ihr die Aktion insgesamt?
a) Vorbereitungsphase
„Gut gelaufen, sagt Peter, der im Augenblick nicht zu erreichen ist. Ich war nicht dabei, kann es nicht beurteilen …“
b) Durchführungsphase
„Super organisiert, gutes Team!“
2. War die Anforderung, dass die Aktion unter einem gemeinsamen Thema lief, eher positiv oder negativ zu bewerten?
„Positiv! Das Bild in der Öffentlichkeit ist dann einheitlich. 1 plus 1 ist dann mehr als 2 (philosophisch betrachtet ;-))) )“
3. Was habt Ihr am meisten vermisst?
„Unsere Dusche;-)))“
4. Würdet Ihr Euch ähnliche Aktionen der Spielmobile im ABA Fachverband e.V. öfter wünschen?
„Ja!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!“
5. Was Ihr sonst noch sagen wolltet:
„Wir wünschen Euch ein schönes Wochenende und einen guten Rutsch ins neue Jahr. Bleib gesund!“
LG
Nadine Puylaert
Spielmobil Hilden:
1. Wie bewertet Ihr die Aktion insgesamt?
„Als insgesamt sehr gelungen, inspirativer Input, Gemeinschaftsgefühl zu den anderen Spielmobilen, sehr positive Kooperationsveranstaltung mit enormem Öffentlichkeitsfaktor, Stärkung der eigenen Position, Teamarbeit und Tätigkeit.“
a) Vorbereitungsphase
„Das eine Treffen in Bonn war gut, um die Mitstreiter kennenzulernen, die Themen auszuwählen und die Aktionen entsprechend einzuleiten. Organisatorisch wurden die Grundlagen für eine funktionierende Veranstaltung gelegt. Die Mitarbeit aller Teilnehmer war sehr gut, die Begleitung durch den ABA adäquat.“
b) Durchführungsphase
„Der Aufbau war holperig, weil abgesprochene Aufteilungen bzw. Belegungen des vorgesehenen Platzes nicht mehr galten – seitens höherer (oder anderer) organisatorischer Vorgaben (kein Vorwurf an die Spielmobile aus Bonn, die als Gastgeber fungierten). Auch der zugesagte Stromanschluss an naher Stelle war nicht dort vorhanden, wo er sein sollte. Nach zäher Klärung und dem ‚Go‘ für den Aufbau war die Aktion dann aber äußerst gelungen: Das Teamwork war für das eigene Team wie gewohnt hervorragend. Insgesamt, auf alle teilnehmenden Spielmobile bezogen, erfolgte punktuelle Kooperation, wo sie erforderlich und sinnvoll war (Schuhkarton-Projekt, SPM Kerpen), Catering und Unterbringung völlig ausreichend, der Support durch Alex (SPM Bonn) war erstklassig und tadellos. Danke!“
2. War die Anforderung, dass die Aktion unter einem gemeinsamen Thema lief, eher positiv oder negativ zu bewerten?
„Das Motto ‚Spielmobile überbrücken Grenzen – Spielen reißt Grenzen ein‘ war – und ist – ein hehres Ziel mit hohem idealistischen Wert, welches aber bei der Veranstaltung NRW-Tag 2011 voll aufgegangen ist: Die teilnehmenden Spielmobile haben ihre (Stadt-)Grenzen überbrückt, gemeinsam miteinander ein schönes, buntes, vielfältiges Angebot präsentiert, welches alle möglichen Grenzen (z.B. alt-jung, groß-klein, heimisch-auswärtig u.ä.) niedergerissen und damit verbindendes, soziales, spielerisches und freundschaftliches Miteinander ermöglicht hat. Das Motto als gemeinsames Thema war Leitziel und Verbindung der verschiedenen, unterschiedlichen, vielfältigen Einrichtungen (Spielmobile), welches den roten Faden zur Aktion bildete und somit essentiell und sehr positiv zu bewerten ist.“
3. Was habt Ihr am meisten vermisst?
„Alle Menschen, die diesem gemeinsamen Handeln nicht beiwohnen und daher diese positive Erfahrung nicht teilen konnten.“
4. Würdet Ihr Euch ähnliche Aktionen der Spielmobile im ABA Fachverband e.V. öfter wünschen?
„Als Highlights aus gegebenem Anlass und Zweck gerne, wenn die Finanzierung geklärt ist, aber bitte nicht inflationär bei allen möglichen Terminen (= Weniger ist mehr!). „
5. Was Ihr sonst noch sagen wolltet:
„Danke dem ABA Fachverband – insbesondere Eva Hofmann, Rainer Deimel und Horst Oesterwind – für das tolle Engagement, den guten Support und vor allem auch die persönliche Begleitung sowie die Dokumentation und Aufarbeitung der Veranstaltung! Weiter so …“
Mike Dörflinger, Spielmobil Hilden
Spielmobil Kerpen
1. Wie bewertet Ihr die Aktion insgesamt?
a) Vorbereitungsphase
Der Informationsaustausch zum aktuellen Stand hat gut funktioniert und war ausreichend. (großes Lob noch mal an die Bonner ![]()
Das Vorbereitungstreffen war wichtig zur Klärung der unterschiedlichen Vorstellungen und es hat sich daraus die Grundstruktur der Veranstaltung ergeben. Ohne ein Treffen geht so was gar nicht.
b) Durchführungsphase
Die Platznutzung durch die Ansprüche des Sponsors (RheinEnergie) war letztlich akzeptabel, aber wir mussten quasi darum „kämpfen“. Anfangs hieß es, wir hätten den kompletten Platz mit dem Zirkus zusammen, der sich im hinteren Teil ansiedeln würde. Letztlich konnten wir knapp ein Viertel der Fläche nutzen.
Die Wege zum Aufbauen waren speziell für uns sehr weit. Dass wir so viel Kram haben, hätten wir im Vorfeld nicht gedacht. Daher wäre ein anderer Parkplatz für uns sinnvoller gewesen. Das hätten wir aber selbst in der Planung anbringen müssen. Wir hatten ja dann auch Unterstützung durch andere Spielmobiler.
Durch die breite Beteiligung von Spielmobilen konnte ein vielfältiges Programm angeboten werden. Die Qualität der Betreuung der Schuhkartonaktion war sehr personenabhängig 😉 Aber das ist bei allen Aktionen und Projekten so. Die Bereitschaft von allen daran mitzuwirken und sich zu beteiligen war jedoch ausreichend vorhand
2. War die Anforderung, dass die Aktion unter einem gemeinsamen Thema lief, eher positiv oder negativ zu bewerten?
Wir haben das Thema nicht als einschränkend empfunden, und für die Besucher ist es eventuell leichter, sich auf einen Leitgedanken einzulassen. Insgesamt fanden wir, dass das Thema wenig für die Besucher präsent war. Ob das nun positiv oder negativ zu bewerten ist, im Sinne einer erfolgreichen Durchführung der Aktion, darüber lässt sich bestimmt trefflich streiten. ![]()
3. Was habt Ihr am meisten vermisst?
Oktoberwetter – Schatten – Matsch
nein eigentlich net!!!
Nach reiflicher Überlegung ist uns immer noch nix eingefallen …
4. Würdet Ihr Euch ähnliche Aktionen der Spielmobile im ABA Fachverband e.V. öfter wünschen?
Grundsätzlich auf jeden Fall, wenn es in räumlicher Nähe ist. Wir haben das Problem, dass es unsere städtische Arbeitszeit nicht belasten darf, da wir eigentlich nur im Stadtgebiet tätig sein dürfen. Den Nutzen gemeinsamer Aktionen und den Profit der Einrichtung bei eigenen Veranstaltungen dann auch mit anderen Spielmobilen kooperieren zu können, sehen die kommunalen Entscheidungsträger bisher leider nicht.
5. Was Ihr sonst noch sagen wolltet:
Orga, Unterkunft, Verpflegung und Abendprogramm durch die Bonner einfach nur topp!!! Vielen Dank noch mal dafür! ![]()
Danke auch an den ABA Fachverband für die Beantragung der Projektmittel, was uns erst die Teilnahme an der Aktion ermöglicht hat. Ebenso für die schnelle Abwicklung nach Projektende.
Ebenso einen herzlichen Dank natürlich an Eva, die im Hintergrund einen guten Überblick behalten hat und immer zur richtigen Zeit in Aktion getreten ist, soweit wir das beurteilen konnten.
Lieben Gruß aus Kerpen
Spielmobil Siegburg
1. Wie bewertet Ihr die Aktion insgesamt?
a) Vorbereitungsphase
„Wir wurden mit allen nötigen Informationen versorgt. Ein zweites Vortreffen wäre schön gewesen, um die anderen Kollegen besser kennen zu lernen und ggf. Planungen auf einander abzustimmen.“
b) Durchführungsphase
„Gut strukturiert von Seiten der Organisation. Tolle Versorgung mit Essen und Getränken. Herzliche und kollegiale Stimmung untereinander. Es hat sehr viel Spaß gemacht.“
2. War die Anforderung, dass die Aktion unter einem gemeinsamen Thema lief, eher positiv oder negativ zu bewerten?
„Zum Großteil war dies positiv zu bewerten. Doch zur besseren Abstimmung wäre ein 2. Treffen toll gewesen.“
3. Was habt Ihr am meisten vermisst?
„Alles okay.“
4. Würdet Ihr Euch ähnliche Aktionen der Spielmobile im ABA Fachverband e.V. öfter wünschen?
„Ist sicher wünschenswert. Doch da wir nur ein sehr kleines Spielmobil sind, kommen wir mit solchen Aktionen schon an unsere Grenzen.“
5. Was Ihr sonst noch sagen wolltet:
„Vielen herzlichen Dank für die Organisation etc. Es waren schöne drei Tage.“
Danksagung
Der ABA Fachverband Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen e.V. bedankt sich ganz besonders bei den vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Spielmobile, die mit viel Spaß und Engagement dieser Aktion zu einem außergewöhnlichen Erfolg verholfen haben.
„Gedankt“ sei auch der Sonne, die uns allen drei herrliche spätsommerliche Tage beschert hat: Es hätte auch anders kommen können!
Wir bedanken uns für die finanziellen Mittel, die uns seitens des Landes Nordrhein-Westfalen und der Stadt Bonn gewährt wurden und die fachliche Unterstützung bei der Antragstellung durch das Landesjugendamt Rheinland.
Impressum
Text und Layout:
Horst Oesterwind-Stiller (SGU Oesterwind, Service für gemeinnützige Unternehmungen)
Rainer Deimel (ABA Fachverband Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen e.V.)
Fotos:
Rainer Deimel, Horst Oesterwind-Stiller, Nina Fischer, Martin Zickel, Mike Dörflinger, Alexander Schroers u.a.
Videoaufnahmen und Zusammenschnitte:
Horst Oesterwind-Stiller (SGU Oesterwind, Service für gemeinnützige Unternehmungen)
Alle Rechte bei:
ABA Fachverband Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen e.V.
Clarenberg 24
44263 Dortmund
Weiterverwendung mit Quellenangabe erwünscht!
NAGEL-Redaktion – Begleitmaterial zum Thema „Professionelles Handeln“
Berufliches
Kita-Studie der GEW: Wie gehts im Job? Sozio-demographische Merkmale, Qualifikationsprofil, Arbeitgeber, Rahmenbedingungen, Entwicklung von Kitas, Arbeitssituation (Konzept und Ausführung: Kirsten Fuchs-Rechlin, Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik, Dortmund, 2007, 52 Seiten, 400 KB) – Broschüre herunterladen
Beruf und Gesundheit
Attya Khan: Betriebliche Gesundheitsförderung in Kindertagesstätten (Dissertationsschrift 2005, Technische Universität Dresden) – Beim Zitieren bitte stets angeben: http:// nbn-resolving.de/urn:nbn:de:swb:14-1139909229474-62274 (258 Seiten, 1,6 MB) – Dissertationsschrift herunterladen
Forschungsbericht zur beruflichen und gesundheitlichen Situation von Kita-Personal in Sachsen. Ein Vergleich des Landkreises Torgau-Oschatz mit der Stadt Zwickau (Technische Universität Dresden) – Ausführung: Marlee Thinschmidt, Britt Gruhne und Simone Hoesl (Untersuchung 2005-2007, veröffentlicht 2008 von der TU Dresden, 136 Seiten, 1,6 MB) – Bericht herunterladen
Einrichtungen
Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege zu den Themen Erziehung, Bildung und Betreuung von Kindern (Positionierungen), Berlin 2008: Kinderpflege als Berufsfeld, qualitativ hochwertige Angebote, Kita beitragsfrei, Vor- und Nachbereitungszeit von Erzieherinnen, keine Kita-Pflicht, keine Schulpflicht für Fünfjährige, Sprachförderung, bessere Finanzierung der Fachaufsicht, kein Betreuungsgeld (7 Seiten, 66 KB) – Positionierungen herunterladen
Bundesjugendkuratorium: Zukunftsfähigkeit von Kindertageseinrichtungen (Stellungnahme, München 2008): Öffentliche Diskussion,Zielbestimmung, Zukunft, konzeptionelle Grundlagen, Ressourcen, Steuerung von Reformprozessen, öffentliche Verantwortung (27 Seiten, 430 KB) – Stellungnahme herunterladen
Qualifizierung
Ergebnisse der Studie Qualitätsanforderungen an ein Fort- und Weiterbildungskonzept für ErzieherInnen – durchgeführt im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung – Ausführung: Dr. Christina Stockfisch, Dr. Monika Stricker und Annette Meyer (Berufsfortbildungswerk des DGB, 2008): Pädagogische Herausforderungen, berufliche Kompetenzerweiterung, Folgerungen für die Fort- und Weiterbildung – Herunterladen
NAGEL-Redaktion – Mehr Einheitlichkeit und Durchlässigkeit bei Aus- und Weiterbildung für Erzieher/innen gefordert
Nach Schätzungen des Deutschen Jugendinstituts werden sich 2012 in Deutschland etwa 1.600 junge Menschen mit einem (Fach-)Hochschulstudium als frühpädagogische Fachkräfte qualifizieren. Damit sind sie gegenüber den rund 16.000 Erzieherinnen und Erziehern, die pro Jahr die Fachschulen mit einem Diplom verlassen, eine noch kleine, aber stetig wachsende Gruppe. 67 Prozent der Studierenden frühpädagogischer Studiengänge haben eine Ausbildung zur Erzieherin/zum Erzieher und nutzen das Studium zur fachlichen Weiterbildung.
Kindertageseinrichtungen haben sich von Betreuungs- zu Bildungseinrichtungen der ersten sechs Lebensjahre gewandelt. Eine nachhaltige und qualitativ hochwertige Aus- und Weiterbildung der Fachkräfte ist angesichts der komplexer werdenden Herausforderungen und des Bedeutungszuwachses, den die institutionelle Kindertagesbetreuung für das Kinder- und Familienleben in Deutschland derzeit erfährt, also dringend erforderlich. Den Erfordernissen tragen die meisten Erzieher/innen durch ein aktives Qualifizierungsbestreben Rechnung. 96 Prozent von 4.600 befragten Kita-Fachkräften nutzten nach eigenen Angaben „in den vergangenen 12 Monaten ein Fortbildungsangebot“ des rasant wachsenden Weiterbildungsmarktes, so das Ergebnis einer 2009/2010 durchgeführten Studie der „Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte“ (WiFF). Vier Fünftel dieser Veranstaltungen dauerten jedoch nur wenige Stunden bis maximal drei Tage. Rund 70 Prozent der etwa 500 befragten Weiterbildungsanbieter monierten entsprechend, dass das Zeitbudget der Kitas für Fort- und Weiterbildung zu klein sei. Wenngleich die Qualifizierungsanstrengungen ihrer Mitarbeiter/innen von 96 Prozent der Vorgesetzten geschätzt werden und Freistellungen dafür in der Regel unproblematisch verlaufen, sei das größte Hindernis für die Weiterbildungsteilnahme die dünne Personaldecke in den Einrichtungen, meinten 59 Prozent der Fachkräfte.
Kritisch beurteilt wird der Nutzen des Weiterbildungssystems von Teilnehmenden wie Anbietern gleichermaßen: Das Gros der Fachkräfte (84 Prozent) und Fachberatungen (93 Prozent) fordert, dass die Anerkennung erworbener Zusatzqualifikationen im Hinblick auf Beförderung und tariflichen Aufstieg verbessert werden sollte.
Insgesamt sehen alle der durch die WiFF befragten Gruppen – Weiterbildungsanbieter, Fachkräfte, Fachberatungen, Lehrende und Lernende an Fach- und Hochschulen – den größten Handlungsbedarf bei der Anerkennung von erworbenen Zusatzqualifikationen. So diagnostizieren 66 Prozent der Fachkräfte und sogar jeweils über 80 Prozent der Fachberatungen und Weiterbildungsanbieter Verbesserungsbedarf im Hinblick auf die Anerkennung erworbener Zusatzqualifikationen auf ein Hochschulstudium. Die daraus resultierende größere Durchlässigkeit würde sich positiv auf die Klärung von Fragen des Neben- und Miteinanders von Weiterbildung, Fachschul- und Hochschulausbildung auswirken, die derzeit recht kontrovers diskutiert werden. Neben der stärkeren Durchlässigkeit des Fortbildungssystems ist eine weitere große Herausforderung die bundesweite Vereinheitlichung der erzieherischen Ausbildung. Diese wünschen sich jedenfalls 80 Prozent der befragten Fachschulleitungen angesichts der starken föderalen Zersplitterung und Heterogenität der frühpädagogischen Ausbildungslandschaft.
Die Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte (WiFF) ist ein Projekt des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) und der Robert Bosch Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Jugendinstitut. Ziel der WiFF ist, Transparenz im frühpädagogischen Weiterbildungssystem herzustellen, die Qualität der Angebote zu sichern und anschlussfähige Bildungswege zu fördern. (idw)
Deutsches Jugendinstitut e. V. vom 14. Februar 2012
NAGEL-Redaktion – Was meint Professionalität in der Offenen Arbeit?
Nachfolgender Beitrag ist zuerst erschienen in der Zeitschrift „Offene Jugendarbeit 4/2010“. Die Nachfrage nach dem Modell ist seit längerem lebhaft. Nach Veröffentlichung haben wir uns dazu entschieden, es auch hier anzubieten. Wir wünschen hilfreiche Erkenntnisse!
ABA Fachverband

Was meint Professionalität in der Offenen Arbeit?








Der Autor
Rainer Deimel ist Referent für Bildung und Öffentlichkeitsarbeit beim ABA Fachverband Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen.
Praxisreflexion und Beratung für Mitgliedsorganisationen im ABA Fachverband
NAGEL-Redaktion – Schmiedestahl
Diese kleine Broschüre erzählt nichts über das Schmieden. Wie man die Hämmer führt, kann manschlecht in einem Buch erklären. Man muss es selbst probieren und sich zeigen lassen.
Diese Seiten erklären, wie man das Eisen oder den Stahl beim Schmieden so behandelt, dass er nach dem Schmieden keine Risse hat. Dass er gut gehärtet ist und trotzdem nicht bricht. Diese Seiten zeigen häufige Fehler beim Erhitzen und Abschrecken des Stahls auf.
Wollen Sie mehr wissen?
NAGEL-Redaktion – ?Die Republik filzt?
Erschienen in ?Sonntag aktuell? am 9. November 2003 unter
?Die Republik filzt?
Filz auf dem Vormarsch
Okay, die Halskette kratzt vielleicht ein bisschen. Aber dafür ist sie voll im Trend. Denn die feuerroten Kugeln aus feinster Merinowolle haben nun überhaupt nichts mehr mit dem zu tun, was einem sofort durch den Kopf schießt, wenn von Filz die Rede ist: Grau, hausbacken, öko, unflott.
Filz hat sich gemausert, er bekennt Farbe und zeigt sich in immer originelleren Formen und Funktionen: Als perlenbestickte Textilvase – keine Angst, das Wasser bleibt im Glaseinsatz, als Seidenschal, der mit einem Gespinst aus Wolle überfilzt wurde oder als winziger extravaganter Kopfputz mit ausladendem Federvorhang – zum Ärger der Hinterbänkler im Theater.
Weit harmloser ist das Filzkissen mit eingearbeitetem Blattmuster oder das rote Filzröschen als Schmuck für den Ringfinger. Die riesige karierte Einkaufstasche soll kiloweise Lebensmittel tragen können, denn das Material ist – man weiß es aus Filzpantoffelzeiten – robust. Angesagt ist im Jahr der neuen Natürlichkeit bei der Weihnachtsdeko auch Christbaumschmuck aus Filzkugeln mit Glitzerzierrat, oder vielleicht soll?s ja auch gleich der kleine grüne Filzweihnachtsbaum mit integriertem Kerzenhalter sein?
Angesichts vereister Autoscheiben ist der giftgrüne Handschuh-Drachen, aus dessen Maul die Zähne eines Eiskratzers blitzen, ein wahrer Schatz. Katzen dagegen würden die ?Kuschelmuschel? als Schlafplatz wählen, besonders wenn die noch leicht nach Bergschaf riecht. Vorbei sind auch die Zeiten als warme Hausschuhe graubraun und geräumig waren: Jetzt ziert zyklamroter Filz im Till Eulenspiegel Look den Fuß. Wer will, kann sich mittlerweile komplett in Filz kleiden, bis auf Unterwäsche ist alles zu haben.
Die Schweizer Designerin Helga Ritsch geht allerdings noch einen Schritt weiter: Sie macht Möbel aus Filz, zum Beispiel einen Beistelltisch aus vielen Filzplatten mit einer Abdeckung aus Glas. Auch ihre Kollegen Claudia Clavout-Merz und Ralph Feiner präsentierten im vergangenen Jahr im Badischen Landesmuseum Karlsruhe anlässlich der Ausstellung ?Europäische Filzkunst? textiles Wohnen einmal anders: Eine schnörkellose ?Liege?, bestehend aus ?Walliser Schafwolle gefilzt? und Chromstahl.
?Unsere Sachen gehen gut, je kälter und schmuddeliger das Wetter wird?, berichtet Heike Lessing, die ihren Job als Wirtschaftinformatikerin aufgab als sie Mutter wurde und dann zusammen mit ihrer Freundin Andrea Wilkens beim Filzen ihre kreative Seite entdeckte. Inzwischen fertigen und vertreiben sie unter dem Namen ?filzraum? Wohnaccessoires, Schnickschnack, Gefäße und so genannten Kinderkram – wobei sich hinter dem auch eine gefilzte Ritterburg mit rotem Tor und lila Zinnen verbergen kann.
Vor gut etwa zwei Jahren verließ das uralte Handwerk seine Öko-Ecke und findige Filzerinnen bewiesen, dass sich mit dem natürlichen Material sehr viel mehr machen lässt als niedliche Waldorfzwerge, putzige Pilzhäuschen oder unförmige Joppen für Müslimänner. Der Siegeszug begann so richtig als die ersten gefilzten Eiermützen auftauchten: Die gefielen allgemein, weil sie zum ersten Mal zeigten, dass Filz witzig sein kann: So wurde er salonfähig und hielt Einzug in Boutiquen und Lifestyle-Journale .
Die Eierwärmer dürften aber auch maßgeblich schuld daran sein, dass sich inzwischen massenhaft Frauen in einer Art geheimbündischen Zirkeln zusammenschließen, um vorzugsweise abends in heißer Seifenlauge zu panschen bis die Hände schrundig sind und sie der Muskelkater nach dem Walken ihrer verfilzten Werkstücke zur Pause zwingt. Die einschlägigen Kurse, in denen gelernt wird, wie Schmuck, Accessoires, Stoffe und Taschen hergestellt werden, sind im Nu belegt, beobachtet Susanne Rommel, die den Fachbereich Werken an der Stuttgarter Volkshochschule leitet.
Filzen hat sich zum Trendhobby entwickelt, und filzen ist Frauensache. Den Novizinnen wird deshalb in nachfeministischen Zeit die Faustregel für den richtigen Umgang mit der Wolle auch schon mal so erklärt: ?Beim Filzen ist es wie bei einem Mann. Der Druck muss dauernd erhöht werden?.
Eigentlich passiert dabei nämlich genau das, was jeden guten Pullover ruiniert, der versehentlich im falschen Waschgang gelandet ist. Die Wolle wird mit heißem Wasser besprengt, mit Seife geschmeidig gemacht, erst gestreichelt, dann fester gefasst, um später auch noch auf möglichst ruppiger Unterlage gerollt und gedrückt zu werden. Das geht solange bis sich die Wollfasern zu einem unentwirrbaren festen Gespinst verheddert haben. Zum Schluss wird das Stück in Form gezogen.
Im 5. Jahrhundert vor Christus sollen Nomaden in Sibirien erstmals die Technik entdeckt haben. In Russland und der Mongolei hat das Filzen bis heute eine lange Tradition, und Joseph Beuys wird nachgesagt, dass die Rettung nach seinem Flugzeugabsturz auf der Krim der Grund für seinen Filztick war: Die Tartaren hatten ihn gefunden und zum Schutz vor Wind und Wetter in Filz gewickelt.
In unseren Breiten fasziniert die Freizeit – Filzer der schnelle Erfolg beim Werkeln. Filzen braucht im Gegensatz zum Nähen keine lange Vorbereitungszeit. Selbst spontan an der Ecke des Küchentischs funktioniert die Bastelei. Filz ist geduldig und deshalb verträgt er sich sogar mit quengelnden Kindern, denn es macht ihm nichts aus, wenn er halbfertig liegen bleibt und erst Tage später weiter bearbeitet wird. Auch die Materialkosten halten sich in Grenzen. Dass der wollige Schnickschnack im Laden dennoch seinen Preis hat, liegt an der Arbeitszeit. Gut Ding will Weile haben, auch bei Routiniers wie Heike Lessing: ?Obwohl ich schon hunderte Eiermützen gemacht habe, dauert es eben immer noch 40 Minuten, bis eine fertig ist.? Schneller kann die Wolle nicht. Filzen ist nichts für Ungeduldige. Es hat immer noch das gleiche Tempo wie vor 7000 Jahren.
Sybille Neth
Dieser Text wurde mit freundlicher Genehmigung von Sybille Neth im April 2004 hier ins Netz gestellt.
ABA Fachverband Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen
NAGEL-Redaktion – Zecken
Zwischen April und November ist Zecken-Saison. In dieser Zeit ist Vorsicht geboten, vor allem beim Zelten oder Wandern im Wald. Zecken sitzen vor allem im Gras, im Unterholz und in Büschen. Sie beißen sich schnell fest und können Infektionen verursachen. Mit einem Biss können Zecken die Krankheiten Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) – eine Form von Hirnhautentzündung – und Lyme-Borreliose auf den Menschen übertragen. Zecken, die das gefährliche FSME-Virus in sich tragen, kommen allerdings nur in einigen Gegenden vor. Hierzu zählen in Deutschland bestimmte Gebiete in Baden-Württemberg, Hessen, Thüringen und Bayern. 1998 waren in Deutschland 63 Landkreise ausgewiesen; im letzten Jahr waren es 87. Neue FSME-Risikogebiete gibt es vor allem in Thüringen und im bayerisch-hessischen Odenwald. Auch aus den meisten Nachbarländern, wie zum Beispiel Österreich, Polen, Tschechien und Ungarn, aber auch aus Slowenien, Russland, Südschweden und Finnland werden FSME-Infektionen gemeldet. Wer in gefährdete Gebiete reist und sich lange im Freien aufhält, sollte sich vor dem Urlaub impfen lassen. Wesentlich häufiger als eine FSME-Infektion ist die Lyme-Borreliose. Sie kann von Zecken nicht nur in bestimmten Regionen, sondern im ganzen Bundesgebiet übertragen werden. Die Folge kann eine chronische Gelenkentzündung sein. Gegen diese Krankheit gibt es keine Impfung. Aber sie lässt sich, rechtzeitig entdeckt, mit Antibiotika behandeln. Ein Tip zur Vorbeugung: Versuchen Sie Zeckenbisse zu vermeiden, indem Sie immer Kleidung tragen, die den ganzen Körper bedeckt. Entdecken Sie dennoch eine Zecke, entfernen Sie sie sofort. Das gelingt am Besten, indem Sie das Tierchen schnell herausziehen, zum Beispiel mit einer Pinzette oder Zeckenzange. Öl, Nagellackentferner oder auch andere Chemikalien eignen sich nicht, um den Blutsauger zu betäuben. Das Tier sondert dann vermehrt Magensaft ab. Das erhöht die Infektionsgefahr. Damit die Zecke komplett entfernt wird, sollte sie so weit wie möglich an der Haut angefasst und gerade herausgezogen werden. Tritt nach einigen Tagen eine Rötung auf, sollte ein Arzt konsultiert werden, um eine Infektion mit FSME oder Borreliose auszuschließen.
Zusammengestellt aus dem Internetbeitrag „Zeckenbisse“ der DAK (DAK „Gesund leben“), einem Zeitungsbeitrag „Keine Chance für Zecken“ in der WAZ (Lokalausgabe Datteln) vom 6. April 2004, der mit Hilfe der örtlichen DAK entstanden ist, und einem Artikel in der Krankenhaus-Zeitung 4/2004.
i-Punkt 5-2004
NAGEL-Redaktion – Tetanus – Wundstarrkrampf
Obwohl so selten, warnt der ABA Fachverband ? vor allem im Bereich der Abenteuerspielplätze ? vor Infektionen mit Tetanus, da sie bei nicht vorhandenem Impfschutz jederzeit möglich sein können, zum Beispiel ausgelöst durch die einzige typische ASP-Verletzung, den Nagelstich. Das Tetanus-Bakterium kann sich überall im Erdreich befinden, sich infolgedessen auch über eindringende Nägel verbreiten. Wir gehen davon aus, dass nach wie vor bei den meisten Kindern und Jugendlichen ausreichender Impfschutz besteht. Sicherheitshalber empfehlen wir allerdings, im Falle von ? meistens kleinen ? Verletzungen die Eltern zu informieren und sich nach dem entsprechenden Impfschutz bei den Kindern zu erkundigen (Sorgfaltspflicht!). Nachfolgend eine kurze Beschreibung von Dr. Martina Waitz, die diese im Auftrag der Techniker Krankenkasse verfasst hat (veröffentlicht am 13.01.2003)
Wodurch wird Tetanus ausgelöst?
Tetanus (Wundstarrkrampf) wird durch das Bakterium Clostridium tetani ausgelöst. Dieses Bakterium ist auf der ganzen Welt verbreitet und kommt überall in Erde und Staub vor. Besonders angereichert ist der Erreger in Pferdemist. Das Bakterium kann so genannte Sporen bilden, die sehr widerstandsfähig gegen Umwelteinflüsse sind. Bei Abwesenheit von Sauerstoff (z. B. in Wundtaschen) kommt es zur Vermehrung der Erreger. Sie bilden ein Toxin (Giftstoff), das Tetanospasmin. Das Gift wandert an den Nerven entlang zum Rückenmark und in den Hirnstamm. Es blockiert dort hemmende Nervenimpulse auf die Muskeln, so dass es zu einer Daueranspannung und Krämpfen der Muskulatur kommt. Die Erkrankung entsteht durch das Eindringen der Erreger in Wunden (eine Aufnahme durch den Mund hat keine Auswirkung). Besonders gefährdet sind tiefe, verschmutzte, nicht blutende Wunden mit abgestorbenem Gewebe (z. B. offene Quetschungen, Brandwunden). Es kann auch nach Bagatellverletzungen zum Auftreten von Wundstarrkrampf kommen. Durch entsprechende Impfungen ist der Tetanus in der westlichen Welt heute selten geworden. In Deutschland traten in den letzten Jahren weniger als 15 Fälle pro Jahr auf, fast ausnahmslos waren ältere Menschen ohne ausreichenden Impfschutz betroffen. Weltweit erkranken ungefähr 300 000 Personen jährlich. Vor allem in den Entwicklungsländern sterben auch heute noch viele Neugeborene an Tetanus. Die Eintrittspforte des Erregers ist dabei die Nabelschnur. Überlebt man die Erkrankung, so besteht keine Immunität.
i-Punkt 1-2004
NAGEL-Redaktion – Wespen in der Einrichtung
Kürzlich konnte ich (R.D.) auf dem Abenteuerspielplatz Kirschbäumchen in Aachen miterleben, wie ein bestellter „Kammerjäger“ – ein sehr freundlicher und kompetenter Mensch – ein Wespennest entfernte. Das Nest befand sich in einem stark frequentierten Spielbereich. Angesichts der jahreszeitlich bedingten zunehmenden Wespenpräsenz hier ein paar Anmerkungen zum Thema: Grundsätzlich sind Wespen sehr nützliche Insekten, von denen es hier zu Lande 630 Arten gibt. Die meisten begegnen uns nie oder selten. Zwei Arten sind es, die Menschen oft geradezu panisch werden lassen: die Deutsche Wespe und die Gemeine Wespe. Als Laie vermag man sie kaum zu unterscheiden. Der Aachener Kammerjäger erklärte, dass man sie an „unterschiedlichen Gesichtern“ unterscheiden könne. Dass sie lästig sind, hat wohl jedeR schon erlebt. Wespen erbeuten Fliegen und Mücken, die uns vermutlich auch nicht viel näher stehen. Ihre Lebenszeit ist zudem sehr kurz (außer die der Königin), nämlich nur vier Wochen. Allerdings kann ein Wespenvolk auf 10000 – vor allem – Kolleginnen – anwachsen. Die männlichen Insekten, die Drohnen, sind bereits nach der Befruchtung der Königin überflüssig. Was in Einrichtungen oft als Tücke empfunden wird, rührt aus der Tatsache, dass die besagten beiden Arten ihre Nester versteckt anlegen. Freihängende und gut sichtbare Wespennester bergen Insekten, die kaum lästig werden. Besonders „gefährlich“ werden die Tiere, wenn sie sich bedroht fühlen, also: Schlagen und anderes hektisches Treiben vermeiden! Insekten-AllergikerInnen sollten sich vorbeugend über Behandlungsmethoden beraten lassen. Eine vorbeugende Maßnahme könnte auch sein, beim Trinken süßer Säfte einen Strohhalm zu benutzen. Eine gute Hilfe, die Kinder auch schon vor Jahrzehnten erfolgreich anwandten, ist, wenn „der Jäger“, der übrigens nur im Flug etwas mit seinen Augen erkennen kann, sich nähert und penetrant herumforscht, ganz ruhig zu bleiben und „Sauer, sauer, sauer!“ zu brüllen. Hornissen, die oft fälschlicherweise wegen ihrer immensen Ausmaße (bis zu vier Zentimeter) als besonders gefährlich eingeordnet werden, stehen unter Naturschutz (Rote Liste!), sind „friedliche“ Tiere und ihr Gift ist schwächer als das ihrer kleineren Kolleginnen. „Stechlustig“ sind Hornissen auch nicht. Unsere Empfehlung: Nach Möglichkeit ein gutes Arrangement mit den Tierchen treffen und den Kammerjäger eher als biologisch kompetenten Fachmenschen fragen, bevor man eine möglicherweise unnötige Abmurksveranstaltung organisiert. Was haben wir gelernt? Zur Strafe stechen dann mehr Mücken! Und im Oktober ist „der Spuk“ dann bald vorbei. Übrigens werden Nester nicht noch einmal benutzt. Die Wespen sind wie die Kinder auf einem gut organisierten Abenteuerspielplatz: Sie bauen immer wieder neu. Und manchmal benutzen sie Material von alten Hütten, die keineR mehr braucht.
i-Punkt 9-2003
NAGEL-Redaktion – Vegetarisches Essen für Kinder
Wenn Kinder vegetarisch essen, sollte mit dem Kinderarzt über mögliche Mangelerscheinungen gesprochen werden. Ein Ernährungsplan könne helfen, möglicherweise fehlende Vitamine durch Präparate zu ersetzen, berichtet die Zeitschrift ?Kinder? (5/2003). US-Wissenschaftler hätten vor einem Mangel an Vitamin B 12 bei einer rein vegetarischen Ernährung gewarnt. Das Vitamin fördert die Blutbildung. (dpa/WAZ 2. Juni 2003)
i-Punkt 7-2004
NAGEL-Redaktion – Sonnenbrand
Sonnenbrand darf nicht mit Eiswürfeln und Eiswasser behandelt werden. Dies führt zu einer körperlichen Schädigung durch Unterkühlung. (dpa)
i-Punkt 7-2004
NAGEL-Redaktion – Ritzendreck
Wissenschaftler der Technischen Universität Berlin erforschen den Dreck auf Berliner Straßen und Gehwegen. Wie die TU mitteilte, untersucht eine Forschungsgruppe die chemischen, physikalischen und biologischen Eigenschaften des Drecks in den Pflasterfugen. Der „Ritzendreck“ habe große Bedeutung für die Wasser- und Stoffkreisläufe im Ökosystem der Stadt. Unter anderem habe die Arbeitsgruppe festgestellt, dass Schadstoffe aus dem Autoverkehr effektiv zurückgehalten würden (dpa/WAZ vom 20 März 2004).
i-Punkt 4-2004
NAGEL-Redaktion – Ernährungstipp: Kinder mögen Obst in Häppchen
Es ist nicht immer leicht, Kinder von gesunder Nahrung wie beispielsweise Obst zu überzeugen. Denn Kinder denken beim Essen weniger an den gesundheitlichen Wert der Mahlzeit als vielmehr daran, ob sie schmeckt und gerade angesagt ist. Werden aber durch ein derartiges Essverhalten zu wenig Vitamine, Mineral- und Ballastsstoffe aufgenommen, droht ein Mangelzustand ? ausgerechnet in einem Alter, in dem der Körper wächst und sich entwickelt. Doch Erwachsene können laut einer Studie der Universität Dortmund gegensteuern, indem sie Obst wie Äpfel, Bananen oder Kiwis in mundgerechte Häppchen schneiden. Doch nicht immer schränkt allein die Zubereitungsform den Obstverzehr der Kinder ein: Häufig stößt auch der ungewohnte Frucht-Geschmack auf Ablehnung. So stärken beispielsweise Kiwis und Orangen die Abwehrkräfte, schmecken aber säuerlich, was bei Kindern nicht sonderlich beliebt ist. Um sie trotzdem zum Genuss von Vitamin-C-haltigen Früchten zu überzeugen, raten Ernährungsexperten zu einem kleinen Trick: Kombiniert mit einem leicht süßlich schmeckenden Nahrungsmittel fällt der säuerliche Geschmack nicht mehr so deutlich ins Gewicht. Dazu sollten die Früchte zum Beispiel in einen Joghurt gemischt und unter den Salat geschnitten werden. (sup/TIP der Woche vom 1. Juni 2004)
i-Punkt 7-2004
NAGEL-Redaktion – Nisthilfen
Praxistipp für Abenteuerspielplätze, Kindergärten und andere: Nistkästen für Vögel sollten Ende Februar/Anfang März gereinigt und aufgehängt sein. Darauf weist der Naturschutzbund NRW hin. Die Nisthilfen sollten aus chemisch unbehandelten Materialien bestehen. Nicht nur Vögel, auch Fledermäuse und Insekten können Hilfe gut gebrauchen. Für Bienen und andere Insekten sind Nisthilfen leicht gebaut: Ein mit Bohrlöchern versehenes Stück Holz wird an einer windgeschützten Stelle aufgehängt.
i-Punkt 3-2004
NAGEL-Redaktion – Kinder kochen
Kinder sollen möglichst früh praktisch beim Kochen mit einbezogen werden. Hierauf weist die Verbraucherzentrale NRW hin. Mit spätestens fünf Jahren seien sie dann in der Lage, sich selbstständig Gerichte zuzubereiten
i-Punkt 7-2003
NAGEL-Redaktion – Insekten auf natürliche Art verscheuchen
Tomatenpflanzen, Tomatenkraut und Zitronenmelisse verscheuchen Mücken. Um halbierte, mit Gewürznelken gespickte Zitronen machen Wespen einen großen Bogen. Fliegenmeiden stark aromatische Kräuter wie Minze oder Basilikum
i-Punkt 6-2004
Wespenfallen
Wespenfallen, die günstig zu erwerben sind, sehen Sie auf nachfolgenden Fotos. Die Behälter sind aus farbigem Glas. Unten befindet sich ein Einflugloch, das mit einer Wölbung nach innen geht. Die Gläser werden in der Nähe von Esstischen aufgehängt. Zuvor füllt man Zuckerwasser ein. Nachteil: Das „süße Wasser“ ist natürlich auch ein Lockmittel. Dies allerdings ist auch die Nahrung, die man auf dem Tisch stehen hat. Die Gläser sind so konstruiert, dass die Insekten keine Möglichkeit mehr haben, aus dem Glas zu entkommen, da sie immer versuchen, nach der „Mahlzeit“ in „Richtung Licht“ – also nach oben – zu entkommen. Dort allerdings ist das Glas verschlossen. So sehen sie ihrem „süßen Tod“ entgegen. Die „Gefahr“, beim Essen oder Trinken von Wespen belästigt zu werden, reduziert sich radikal. Wenn man die Gläser regelmäßig reinigt, haben sie obendrein noch eine „Schmuckwirkung“.

Wespenfalle (20 cm hoch) mit Korken als Verschluss – Foto: Rainer Deimel

Wespenfalle (14 cm hoch) mit Glasdeckel als Verschluss – Foto: Rainer Deimel
Derartige Gläser sind anderen ähnlichen Systemen aus ökologischer und auch preislicher Sicht in jedem Fall vorzuziehen. Leider sind sie nicht immer erhältlich. Bevorzugt sollte man sich im Frühjahr im Fachhandel nach ihnen erkundigen.
NAGEL-Redaktion – Praxistipps Naturerfahrungsräume
Sammelmappe Infoblätter Naturgarten
Diese Loseblattsammlung der Natur- und Umweltschutz-Akademie des Landes Nordrhein-Westfalen ist hier eingestellt. Man kann sich die einzelnen Blätter der Sammlung laden. Die Mappe umfasst insgesamt 75 Seiten und ist in 2. Auflage 2002 in Recklinghausen erschienen.
1. Naturnahe Gärten: lebendig, nützlich, schön
2. Düngung durch Bodenbelebung
3. Die Regenwürmer – Kompostieren im Wurmwanderkasten
4. Mulchen – Düngung und Bodenschutz wie in der Natur
5. Kompost: Rohstoffverwertung im Garten
6. Kompostierung in Komposttonnen
7. Kompostverwendung
8. Kompostierung ohne Garten
9. Bodenpflege durch Gründüngung
10. Das Hügelbeet
11. Gemüseanbau auf dem Hochbeet
12. Ernteverfrühung durch Frühbeete
13. Der Gemüsegarten: Wann wird was gesät und geerntet?
14. Mischkultur – Nachbarschaftshilfe im Frühbeet
15. Beipflanzung und ihre Wirkung
16. Pflanzensäfte geben Pflanzen Kraft
17. Naturverträglicher Artenschutz
18. Nisthilfen für Vögel
19. Der Ohrwurm – Helfer im Garten
20. Holzhaufen im Garten – wertvolle Lebensräume
21. Lebendige Mauern – Steine im Garten
22. Nisthilfen für Wildbienen und Wespen
23. Nistkästen für Hornissen
24. Hummeln im Garten – Nahrungsangebote und Nisthilfen
25. Schmetterlinge im Garten
26. Wege zur bunten Blumenwiese
27. Pflege von Blumenwiesen
28. Der Kräutergarten
29. http://www.nua.nrw.de/oeffentl/publikat/pdfs/infoblaetter/nr_29.pdfAnlage eines Gartenteiches
30. Pflanzen für bunte Blumengärten
31. Blühkalender für Stauden – blühende Staudenbeete von Februar bis Oktober
32. Bezugsquellen für naturnahe Gärten
Naturnahes Schulgelände (Beratungsmappe)
Leitfaden und Praxistipps für Schulen
Herausgegeben von der Natur- und Umweltschutz-Akademie des Landes Nordrhein-Westfalen (NUA)
Neuauflage 2004, 112 Seiten A 4, zahlreiche farbige Abbildungen
Schulgelände – das war lange Zeit meist nur ein asphaltierter Schulhof. Doch viele Schulhöfe lassen sich entsiegeln, naturnah umgestalten und durch Spielmöglichkeiten bereichern. Mit der „Beratungsmappe Naturnahes Schulgelände“ der NUA wird Schulen ein umfassender Leitfaden für die Planung und Umsetzung von Projekten zur Verfügung gestellt. Auf 112 Seiten enthält die Mappe praktische Tipps für den Projektablauf und die Einbindung in den Unterricht. Die Dokumentation erfolgreich verlaufener Praxisprojekte macht Mut, den ersten Schritt zu wagen. Zahlreiche Farbfotos veranschaulichen, mit welcher Begeisterung Schülerinnen und Schüler naturnahe Schulgelände gestalten und nutzen.
Die Neubearbeitung der erstmals 1990 herausgegebenen Mappe trägt der gewachsenen Bedeutung dieser Arbeit Rechnung. Attraktive Schulgelände leisten einen Beitrag zur Gewaltprävention. Praktisches Arbeiten und Anpacken fördern die soziale Kompetenz der Schülerinnen und Schüler und ihre Bereitschaft zu verantwortlichem Handeln für die Umwelt. Viele Elemente dienen der Bewegungsförderung und der schulinternen Kommunikation. Freiluftunterricht, Pausenaufenthalt, Ballspiele, Schulfeste und vieles mehr sind hier möglich. Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen wie Energie, Wasser, Abfall und Ernährung lassen sich besonders praxisnah durch Schulgeländeprojekte in den Unterricht einbeziehen. Die Arbeitsblätter sind nicht nur für Schulen geeignet.
Naturnahes Schulgelände
1. Lebens- und Lernort Schule – zur Bedeutung von Natur an der Schule
2. Eine alte Idee wird neu belebt – Schulgeländegeschichte
Starthilfen
3. Schritt für Schritt – Anregungen zum Projektablauf
4. Allein geht es nicht – Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gewinnen
5. Genehmigungen – Zusammenarbeit mit Behörden und Versicherungsträgern
6. Wer soll das bezahlen? – Finanzierungsmöglichkeiten
Gelände und Idee
7. Ein Ausflug ins Bekannte – Schulgeländeerkundung
8. Interessen, Wünsche und Ideen – sammeln und auswerten
9. Von der Idee zur Umsetzung
Projektbeispiele
10. Lernen in und mit der Natur
Von Batman und Singels – Artenschutz
Hecke, Teich und Trockenmauer – Biotope
Auf die Plätze … – Freiluftklasse
Jeder Mensch ein Künstler – NaturKunst
11. Schulgarten – auch mal anders
Grüner Daumen – Nutzgarten
Ein besonderes Kraut – neue Wege im Schulgarten
Auf das Tier gekommen – Tierhaltung
12. Nachhaltiges Lernen – lokal und global
Schule und Profil
Schul-Check
Diplomaten in Gummistiefeln
13. Bauen und Ökologie
Grüner Pelz
Tropfen für Tropfen
Sanfte Wege
Energisch leben
14. Spiel und Bewegung – Schulhof, Spielhof
Spielgebüsch und Hügel
Sitzgelegenheiten, Spielgeräte und Sicherheit
Weidenbauwerke, Sinnesgarten
15. Schule im Stadtteil
Gute Unterstützung
Schulhofprogramme
Planung
16. Alles braucht Raum – räumliche Zuordnung von Schulgeländeelementen
17. Wie kommen Ideen auf Papier? – Pläne, Zeichnungen, Fotos
Probleme im Schulalltag
18. Schulorganisation und Stundenplan – Einbeziehung in den Schulalltag
19. Zerstörungen – vermeiden und verhindern
20. Betreuung in den Ferien – Schulgarten
21. Schulgeländearbeiten im Winter – Tipps zur kalten Jahreszeit
22. Mähen, Schneiden, Jäten – Pflegearbeiten und Pflegeplanung
Öffentlichkeitsarbeit
23. Werbung muss sein – Öffentlichkeitsarbeit für Schulgeländeprojekte
Hier kann man sich die komplette Arbeitsmappe herunterladen (3,4 MB)
Weitere Arbeitshilfen
Was man mit Weiden im Außenbereich tun kann
Zur Seite Naturerfahrungsräume
Zur Seite Ressorts im ABA Fachverband
NAGEL-Redaktion – Michael Karjalainen-Dräger

hier finden sie
denkwürdiges über bildung,
die mehr als ausbildung ist sowie über eine schule mit zukunft,
wissenswertes über die theorie und praxis der erziehung für eltern und pädagog/innen
und anleitungen für die ersten schritte zum
NAGEL-Redaktion – Grazyna Gintner

Grazyna Gintner hat als Journalistin in Polen gearbeitet. Seit etlichen Jahren lebt sie in Hannover. Zu lesen sind ihre Texte auf „suite101“, dem größten Autorennetzwerk im deutschsprachigen Raum.. Unter dem Pseudonym Lydia Sanojar hat sie ihren Roman „In einem Atemzug“ im BoD-Verlag veröffentlicht.
Grazyna Gintner bei suite101 – Logo anklicken!
Zur eigenen Internetpräsenz von Grazyna Gintner
NAGEL-Redaktion – Die Crux mit der Betreuung
(Kolumne aus: DER NAGEL 63/2001)
Von Rainer Deimel
„Soviel Aufsicht war nie. Vom Babyfon bis zum Juniorhandy, vom ersten Zucken im Mutterleib bis zum ersten Pickel wird unser Nachwuchs sorgfältig überwacht und qualitätskontrolliert. Und während die äußeren Freiräume schrumpfen, kümmert sich eine machtvolle Industrie um die Usurpation der inneren Räume eines jeden einzelnen Kindes.“ So skizziert Irene Stratenwerth die augenblickliche Situation von Kindern (DIE WOCHE Nr. 32/2001). Statt Kindern müssten Erwachsenen Grenzen in ihrem Mobilitätswahn, ihrer Zerstörungswut, ihrer Habgier, ihrem Ehrgeiz und ihrer Eitelkeit gesetzt werden, postuliert sie weiter. Leider seien sie – die Erwachsenen – schwer erziehbar, sonst gelänge es, sie in ihre Schranken zu verweisen und Kinder könnten neue Freiräume gewinnen.
Unsere postmoderne Gegenwart schillert zwischen scheinbarer Beliebigkeit, der „völligen“ Individualität bis hin zum normierten Massenmenschen, der „Menschenschwärze“ (Peter Sloterdijk). Offensichtlich haben gesellschaftliche Veränderungen, die rasante Entwicklung hin zum Turbokapitalismus, dazu geführt, Menschen stark zu verunsichern. Huckleberry Finn und Pippi Langstrumpf verbleiben im Märchen. Die Eltern der jetzt heranwachsenden Kindergeneration kennen diese Figuren auch nur noch aus dem Buch oder aus Filmen. Selbst im Wald gespielt (zum Beispiel) haben sie nur noch vereinzelt. Sich einmal – welch sinnliche Erfahrung! – am Feuer die Finger verbrannt? Wie sollte sich jemand am Feuer die Finger verbrennen, wenn er kaum noch in der Lage ist, ein Streichholz anzuzünden? Die weltlichen Gefahren, Bedrohungspotenziale durch unbekannte Effekte und Wesen wie Sittenstrolche, scheinen nie gekannte Dimensionen angenommen zu haben. Wer kennt es nicht, das Pädagogenkind, das zum Schutz seiner besorgten Eltern in der Wohnung mit einem Fahrradhelm herumläuft, da es die Möbelindustrie immer noch nicht hinbekommen hat, ihre Produkte kantenfrei zu produzieren? Vielleicht kennt man dieses Kind auch deshalb nicht, weil es beim Spielen auf dem Spielplatz von einem Klettergerüst gefallen und unglücklicherweise wegen des zu breiten Helms zwischen zwei Balken hängen geblieben ist und sich dort stranguliert hat. Und Richter in den diversen Gerichten plagen sich zunehmend mit Leuten herum, die in ihrer Vollkaskomentalität etwa regelmäßig Parterrebewohner misstrauisch beäugen, um sie gegebenenfalls für herabfallende Schneeflocken oder für das sich bei Kälte bildende Eis zu belangen. Nein, trotz aller Individualität sind Unterschiede eher verpönt. Es scheint nicht eine wunderbare Leistung der Natur zu sein, dass es mal Sommer und mal Winter gibt, ganz abgesehen davon, dass die Natur ihre Leistungen auch nicht mehr in der Qualität erbringt, wie es einige von uns noch kennen gelernt haben. Ob dies möglicherweise mit der oben zitierten Habgier, dem Mobilitätswahns und dem Erwachsenenehrgeiz zu tun hat?
Wir wollen alles „sicher“ machen. Spannende Diskussionen erlebe ich bisweilen in meinen Seminaren, in denen ich versuche, pädagogische Vorgänge in einem rechtlichen Kontext zu konturieren. Da erlebe ich die risikofreudigen Kolleginnen und Kollegen, die rückmelden, endlich mal jemanden „gefunden“ zu haben, der ihre eigene pädagogische Haltung unterstützt und bestätigt. Ich erlebe auch Leute, die rezeptheischend gekommen sind und deren Vorstellungen zerplatzen. Diese melden mir, „das Seminar“ sei „schlecht“ gewesen insofern, als es sie nicht sicherer gemacht habe, sondern vielleicht noch weiter verunsichere, da eben keine Verhaltensmaßregeln vermittelt wurden. Zur Erinnerung: Augenblicklich reden wir über professionelles Handeln. Die Rechtsprechung verhandelt immer jeden Einzelfall, um zu einem Urteil zu gelangen. Grundvoraussetzung für professionelles Handeln ist fachliches Reflexionsvermögen. Ferner erwarte ich von pädagogischen Profis eine mehr oder weniger „gestandene Persönlichkeit“ sowie eine wertschätzende Grundhaltung. Vor diesem Hintergrund habe ich Freude an dem Zitat von Joachim Ringelnatz: „Sicher ist, dass nichts sicher ist. Und das ist nicht sicher.“ Sicher ist allerdings, dass diejenigen in ihrer Arbeit ängstlich sein müssen, die nicht professionell arbeiten; sie sind am ehesten davon bedroht, in die Fänge der Justiz zu geraten. Das betrifft den sexuellen Missbraucher genauso wie die Erzieherin, die sich „nichts dabei gedacht“ hat.
Selbst die Rechtsprechung geht seit langem von der Prämisse aus „Soviel Erziehung wie möglich, so wenig Aufsicht wie nötig!“ An dieser Stelle sei unterstellt, dass „Erziehung“ in diesem Kontext durchaus als positiver Vorgang interpretiert werden kann. Der gegenwärtige „typische Erwachsene“ fällt hinter diesen Status zurück. Das Böse lauert immer und überall. Deshalb müssen wir auf der Hut sein und uns und vor allem unsere Kinder beschützen. Und wie kann es sein, dass Kinder regelmäßig dort am ehesten zu Schaden kommen, wo sie „am besten beschützt“ werden? Betreuung im „klassischen“ Sinne schützt Kinder vor sich selbst, behindert ihre Entwicklung und verhindert ihre Emanzipation. Auf alle Fälle sorgt man so für eine einigermaßen sichere Arbeitsgrundlage für SozialarbeiterInnen, LehrerInnen, ErzieherInnen und PsychotherapeutInnen; dies, obwohl „der Mensch sich nicht therapieren, erziehen und beeinflussen lässt“ (Rolf Degen). In einem so „verstandenen“ Konzept ist es hilfreich, möglichst viele doofe Eltern um sich zu scharen. Die „Profis“ betreuen, weil die Eltern dies erwarten. Die Eltern erwarten „Betreuung“, weil sie ihnen versprochen wird. Es ist wie mit der Henne und dem Ei.
Professionalität hingegen würde versuchen, sich dahingehend zu engagieren, aufzuklären: Wann kann ein Kind wie am ehesten im Sinne einer gelingenden Sozialisation wovon profitieren? Gefahren (Herausforderungen), „gefährliches Spielen“ gehören dazu, wenn ein Kind sicherer werden soll. Spätestens seit Jean Liedloffs Veröffentlichung „Auf der Suche nach dem verlorenen Glück“ (München 1980) kann sich niemand mehr herausreden, er wüsste nicht, wie was miteinander wirkt, dass Kinder fit oder unfähig werden. Ich habe meine Zweifel daran, ob die Pflege der Dummheit der Eltern die alleinige Strategie zur Sicherung pädagogischer und ähnlich intendierter Arbeitsplätze sein kann. Auf unabsehbare Zeit werden Generationen von Eltern der Postmoderne auf jene Dienstleistungen angewiesen sein.
In diesen Tagen schreckt die „Pisa-Studie“ die Fachwelt. „Wir waren es nicht“, hört man die KollegInnen LehrerInnen rufen. Die Politik war es natürlich auch nicht, die die Verantwortung für die Dummheit der Kinder der dummen Eltern übernehmen müsste. „Handlungsorientierte Pädagogik“ braucht es, hört man von der Kultusminister-Konferenz. Bei mir könnte sich so etwas wie ein „Pilatus-Effekt“ einstellen: Jener Mensch wusch seine Hände in Unschuld. Seit Jahren „predige“ ich handlungsorientierte Ansätze, komme mir nicht selten wie ein „Rufer in der Wüste“ vor. Wir kennen sie, die Konzeptionen, die Kinder Bildung angedeihen lassen, eine Bildung, die dazu beiträgt, dass sie Emanzipationserfolge integrieren können, die ihnen in vielerlei Hinsicht Entwicklungschancen eröffnen, die obendrein noch zu ihrer leiblichen wie psychischen Gesundheit beitragen. Wieso sollten derartige Konzeptionen ausschließlich in der Offenen Arbeit bleiben? Und selbst dort befinden sie sich noch in einer Nischenposition, während der größte Teil der Freizeitarbeit nicht selten wenig kindgerecht konzipiert ist. Vielmehr hat man mehr und mehr den Eindruck, dass Kinder nicht nur hinter Mauern „gefangen gehalten“ werden, sondern sich das „Programm“ immer mehr dem annähert, was die Schule offensichtlich erfolglos hingelegt hat.
Es geht hier nicht darum, bestimmte Formen der Arbeit mit Kindern, etwa die zunehmende „Übermittag-Betreuung“ (nomen est omen, oder?) in Bausch und Bogen zu verurteilen. Ich habe wohl zur Kenntnis genommen, dass bestimmte Vorgänge, die man früher etwa eher in eine familiäre Zuständigkeit gebracht hätte, von anderen Instanzen übernommen werden müssen. Dazu gehört auch, dass Kinder eine vernünftige Mahlzeit in den Bauch bekommen. Ob der „Nürnberger Trichter“ – z.B. in Form von Schulaufgabenhilfe – dazu gehört, scheint zweifelhaft, zumindest, wenn man zur Kenntnis genommen hat, dass Kinder unbelehrbar sind, sie nur lernen können (Gerold Scholz, Universität Frankfurt). Es geht darum, für Kinder und mit Kindern Entwicklungschancen zu organisieren, Milieus zu kreieren, die sich diesen spannend und erlebnisreich präsentieren. Dazu gehören vielfältige Optionen, der Umgang mit interessantem Material, dazu gehört ein Gelände, das phantasieanregend und veränderbar sein muss; dazu gehören nach Möglichkeit auch Tiere, mit denen man lernen kann, was Verantwortung ist; dazu gehören andere Menschen, die verschiedenartig sind, mit denen ich lernen kann, dass unsere Unterschiedlichkeit ein Gewinn ist. Früher hätte man in diesem Zusammenhang vielleicht den Begriff „Multikulti“ verwandt. Ich möchte diesen Ansatz lieber als integrationsfördernd bezeichnen. All dies, eine solche pädagogische Praxis, setzt ein hohes Maß an eigener Lernfähigkeit voraus; es setzt voraus, dass ich Lust auf Experimente habe, dass ich Fehler als Lernquellen erfahren kann und nicht als „mangelhafte“, „ausreichende“ oder wie sonst auch immer bewertete (Fehl-)Leistungen. Derartige Bewertungen behindern nicht nur kindliche Entwicklungen, sie sagen – bei genauer Betrachtung – eher etwas über die Bewerter als über die zu Bewertenden aus.
Kinder „süß“ zu finden oder auch eine eigene Elternschaft reichen nicht aus, professionell zu handeln. Es müssen nicht immer pädagogisch ausgebildete Menschen sein, die die Arbeit gut machen. Manchmal tun Leute mit anderen Berufen, die kindgerechte Konzeptionen internalisiert und sich gleichzeitig die Befähigung erhalten haben, zu ihrem eigenen Handeln eine kritische Distanz zu bewahren, ihre Arbeit besser als ausgebildete PädagogInnen. Diese These vermittelt zu Recht Kritik an der Ausbildungsorientierung pädagogischer Berufe. Nicht nur die Bildung der Kinder muss verbessert werden, auch die Ausbildung für pädagogische Berufe. Hierbei wird einerseits die reflektorische Seite wie auch die handlungsorientierte angesprochen. Leider kann man niemanden zum Denken zwingen, schon gar nicht in eine bestimmte Richtung. Für die Praxis möchte ich noch einmal sehr deutlich sagen: Wer Kinder betreut, dies als Grundverständnis begreift, hat nichts begriffen und wird weiterhin die Kinder in ihrer Entwicklung behindern. Eine nächste Pisa-Studie wird dann vielleicht noch miserabler ausfallen.
Datteln 2001
Der Autor ist Bildungsreferent beim ABA Fachverband Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen und Systemischer Berater DGSF.
NAGEL-Redaktion – Mehr Selbstbewusstsein – bitte schön!
(Kolumne aus: DER NAGEL 60/1998)
Von Rainer Deimel
Worüber wird nicht schwadroniert in den Verwaltungen und Verbänden: Neue Steuerung, Eigenbetriebe, Privatisierung, Outsourcing, Kennziffern, Qualitätssicherung, Evaluation, Markt- und Wirkungsanalysen. Die Litanei ließe sich seitenweise fortsetzen. Gedruckte und als Bücher gebundene Dokumentationen zu diesem Themenkomplex erfahren die Weihe einer Bibel. Dies war z.B. über den 280 Seiten starken Band „Wozu Kulturarbeit? Wirkungen von Kunst und Kulturpolitik und ihre Evaluierung“ der Bundesvereinigung Kulturelle Jugendbildung1 (hinter vorgehaltener Hand, versteht sich) zu erfahren. Karl Hans Fluhr erinnert sich, dass bereits 1971 eine Kommission zur Reform des öffentlichen Dienstes eingesetzt wurde. Niemand wüsste mehr so richtig, was dabei herausgekommen sei. Die jungen Beamten wären damals lediglich an der Anhebung der Eingangsbesoldung für eine bestimmte Laufbahn interessiert gewesen.2 Trotz des auf den ersten Blick provokativen Titels ist Karl Hans Fluhr, Leiter des Hauptamtes einer Mittelstadt in Rheinland-Pfalz, über jeden Verdacht erhaben, das eigene Nest zu beschmutzen. Vielmehr zeichnet er einfühlsam die Grenzen des „Systems Verwaltung“ auf; es gehe nicht darum, die Menschen in der Verwaltung zu reformieren, sondern ihr Umfeld. Die Diskussion um die Privatisierung öffentlicher Leistungen empfindet er überdies als „ideologisch“ und äußert in diesem Zusammenhang Zweifel an der höheren Effizienz und Effektivität privater Dienstleister. Seinen Vorstellungen, die auf die Übernahme erhöhter Verantwortlichkeit innerhalb des öffentlichen Dienstes abzielen, vermag ich durchaus zu folgen, und ich glaube, dass der öffentliche Dienst und vergleichbar strukturierte Organe, wie etwa die Kirchen, Wohlfahrtsverbände usw., nur über eine deutlich Zunahme der jeweiligen Verantwortlichkeit an Attraktivität nach außen gewinnen können. Dies gälte auch für das Binnen, wenn wir es nicht zusätzlich noch mit einer weiteren Spezifik zu tun hätten, nämlich dem Status der tätigen Subjekte als Beamte bzw. Quasi-Beamte. Keinesfalls will ich weiterer Arbeitsplatzvernichtung das Wort reden. Im Gegenteil bin ich überzeugt, dass Kundenfreundlichkeit, allerdings nicht eine im Crash-Kurs aufgepfropfte, und klare Verantwortung für das jeweilige Tätigwerden die Arbeitsplatzsituation im öffentlichen Dienst bzw. bei anderen Dienstleistern sichern helfen könnten.
Rhetorisch scheint dies – wie zahlreiche Unternehmensberatungen, Gutachten usw. dokumentieren – durchaus gewollt zu sein, wären da nicht die gleichsam mit dem Berufsbeamtentum kreierten und offenbar manifestierten Faktoren. Diese Faktoren waren analog dazu angetan, Angestellte und Arbeiter im öffentlichen Dienst und artverwandten Betrieben in eine Art „Quasi-Berufsbeamtentum“ zu „befördern“. Eine der ersten bekannten Abhandlungen dazu lieferte C. Northcote Parkinson3 mit seinem Gesetz – Parkinsons Gesetz -, das belegt, wie Beamtentum im Sinne von Berufstätigkeit unbeschadet der vorhandenen Arbeit linear weiteren Bedarf an neuen Beamten – vergleichbar einer Zellteilung einfacher Mikroben – erzeugt.4 Ein weiterer Faktor wurde von Laurence J. Peter und Raymond Hull ausgemacht, bekannt geworden als das „Peter-Prinzip“,. welches belegt, dass der Beförderungs-Automatismus dazu führt, dass unbeschadet einer persönlichen und beruflichen Qualifikation die in der Hierarchie Beteiligten jeweils soweit „nach oben“ befördert würden, bis sie das Höchstmaß an Inkompetenz erreicht hätten.5 Das Phänomen beschreibt der kanadische Professor L. J. Peter in seinem später erschienenen und mit diesem so betitelten Buch als die „Peter-Pyramide“6; diese „steht auf dem Kopf, unten ist der Punkt, wo die eigentlich produktive Arbeit geleistet wird, darüber dehnt sich nach allen Seiten die wuchernde Hierarchie der Schmarotzer, Faulenzer und Wichtigtuer,“ so die drastische Kurzbeschreibung im Klappentext. Die Diskussion um eine Verwaltungsstrukturreform scheint u.a. die Faktoren „Parkinson“ und „Peter“ zu fokussieren und sich zum Ziel gesetzt zu haben, Zäsuren zu bewirken. Leider lässt sich das Gefühl, dass wir es möglicherweise mit Schein-Zäsuren zu tun haben, nicht verhehlen.
Möglicherweise aus der Synergie der Faktoren „Parkinson“ und „Peter“ haben wir es nämlich auch noch mit dem Faktor „Mentalität“, der infolge eines bestimmten Soseins gedeihen kann und entsprechend herangebildet wird, zu tun. Daran werden vermutlich auch die eingefallenen Horden von Unternehmensberatern, von McKinsey bis Kienbaum, wenig ändern; diese beschwören eine ökonomische Strategie, die sich weitgehend an der Privatwirtschaft orientiert und deren Basis eine „Ökonomie-Wissenschaft“ ist, die so tut, als sei sie eine Naturwissenschaft. Entsprechend dieser von Karl-Heinz-Brodbeck als „fragwürdig“ bezeichneten Grundlagen7 wird in nicht unerheblichem Maße ausgeblendet, dass Wirtschaft alles andere als konstant und berechenbar ist. Sie ist im Gegenteil auf fatale Weise abhängig von den oft kuriosesten Geschehnissen, was etwa der Einfluss von Bettgeschichten irgendwelcher Präsidenten auf die Wechselkurse belegen könnte. Vor allem missachtet sie die Wechselwirkung menschlichen Verhaltens, des Tuns und Unterlassens, in ihrem Kontext. Sie ignoriert weitere beeinflussende Faktoren, etwa ökologische und soziologische. Die Reihe ließe sich fortsetzen. Dementsprechend haben wir es bei der Ökonomie zunächst mit einer als Wissenschaft getarnten Ideologie zu tun. Diese These wird u.a. durch die kürzlich getroffene Aussage der sogenannten „fünf Weisen“ (der Wirtschaft) untermauert, die Unternehmen profitierten zu spät. Wem nützt also Unternehmensberatung? Auf alle Fälle kann festgestellt werden, dass sie den Unternehmensberatern nützt. Hiermit möchte ich mir keine Wertung über die Qualität einzelner Beratungsprozesse erlauben. Es liegt allerdings in der Natur der Sache, dass die Ergebnisse und Erkenntnisse einer Unternehmensberatung im Moment ihrer Publikation unmöglich noch aktuell sein können. Gefragt scheinen demgegenüber vielmehr Organisationsberatungskonzepte, die die Selbstorganisationskräfte eines Betriebes fördern und stärken.
Das mittlerweile in zahlreichen Dienstleistungsbetrieben vorzufindende Chaos, die Verunsicherung der beschäftigten Individuen möchte ich gern als ein Moment konstruktiver Potentiale verorten. Erneut auf K. H. Fluhr bezugnehmend, befürchte ich, dass diese geplante Verwaltungsreform einmal wieder in ihrem Vorhaben stecken bleiben wird, zumal einige Anzeichen genau dafür sprechen, dass wir es mit einer Umstrukturierung der Bürokratie zu tun haben, nicht aber mit einer Entbürokratisierung, was einer Übernahme von Verantwortung gleichkäme.
Was hat das nun alles mit der Offenen Arbeit mit Kindern und anderen pädagogischen Feldern zu tun? Pädagogische Arbeit ist unmittelbar abhängig vom öffentlichen Dienst, dieser hat immerhin als Administrator die jugendpolitischen Beschlüsse durchzuführen – und die Bewilligung der Finanzen obliegt ihm nicht unmaßgeblich. Pädagogische Arbeit ist demnach entweder existentiell auf seinen Goodwill, sein fachliches Verständnis und seine politische Durchsetzungsfähigkeit angewiesen oder sie ist Teil desselben; dann geht es ihr nicht anders. Möglicherweise haben die pädagogischen MitarbeiterInnen des öffentlichen Dienstes die genannte Quasi-Beamtenmentalität selbst für sich angenommen. Dieses Eindrucks kann man sich, sieht man sich einmal in manchen Einrichtungen um, nicht erwehren. Ich möchte darauf verzichten, eventuell so oder ähnlich entstandene Blockaden mit dem Hinweis auf Resignation zu entschuldigen. Allzu lange gab es die Gelegenheit, professionelle Unzulänglichkeiten mit den hemmenden Rahmenbedingungen und der Struktur des öffentlichen Dienstes als solchem zu rechtfertigen, sich mehr oder weniger gemütlich hinter vermeintlichen Hürden einzurichten. Die „Grenzen“ des öffentlichen Dienstes anzuerkennen, hieße allerdings, sich gegenüber Veränderungen im Sinne der pädagogischen Professionalität zu sperren.
Keineswegs sollen deshalb die angedeuteten Unzulänglichkeiten und die damit verbundenen beruflichen Belastungen angezweifelt werden. Es soll hier auch nicht etwaigen Einsparungen das Wort geredet werden. Im Gegenteil würde ich den meisten Einrichtungen vermutlich bescheinigen, dass sie in der Tat sowohl strukturell-finanziell als auch personell deutlich unterversorgt sind. Solange dies der Fall ist, kann sich allerdings auch keine Einrichtung auf Dauer damit legitimieren, dass sie vorgibt, sie sei in der Lage, alle von Politik und Verwaltung als (pädagogisch) lösbar dargestellten Probleme tatsächlich auch nur annähernd „regeln“ zu können. Es ist auch keine Schande, wenn sich Einrichtungen der Hilfe außenstehender BeraterInnen bedienen. Ferner könnten Supervision und andere Reflexionshilfen Mittel sein, Ziele wieder klarer fassen zu können, Selbstbeschränkung zu üben und das jeweilige Konzept fortzuentwickeln. Dazu gehört auch, sich den zum Teil als provokativ erlebten „neuen Anforderungen“ bezüglich einer Qualitätsentwicklung und -sicherung (und was sonst noch damit zusammenhängt) zu stellen, sich – und dies hoffentlich kritisch im professionellen Sinne – auf sie einzulassen. Das wiederum bedingt auch das Erlernen eine veränderten Sprache.
Gut vorstellbar, dass „gute“ PädagogInnen dies als geradezu blasphemisch empfinden, dass Unsicherheiten auftreten; Unsicherheiten z.B. dergestalt, ob man mit anderen Vokabeln nun hochstaple, Augenwischerei betreibe usw. Wir sollten uns darüber klar werden, dass eine Portion Schlitzohrigkeit und Selbstbewusstsein zu einem Nominalwechsel dazugehören. Ein sich ändernder Nominalismus ist noch kein Paradigmenwechsel, und das betrifft sowohl die Pädagogik als auch Ökonomie und Verwaltung. Wenn wir also davon ausgehen, dass Begriffe zunächst einmal nur Namen sind und nichts über die Qualität ihrer Inhalte aussagen, dürfte pädagogisch intendierte Professionalität nichts zu verlieren haben, es sei denn, die politisch Verantwortlichen entzögen ihr ihre Existenzgrundlage. In der Regel sind unsere Konzepte und unser berufliches Tätigwerden ausreichend gut, um z.B. das, was wir überkommenerweise als „Vor- und Nachbereitung“ bezeichnen, unter dem Begriff „Management“ zu subsumieren. Allerdings gehört zu einem gebührlichen Management auch dessen Planungshoheit. Wir sehen an diesem Beispiel einen deutlichen – eben auch praktischen – Veränderungsbedarf innerhalb der Hierarchie des öffentlichen Dienstes.
Schulen bezeichnen ihre Dienstbesprechungen als „Konferenzen“. Sind Teamberatungen und Dienstgespräche in anderen pädagogischen Einrichtungen nicht ebenso „hochwertig“, dass sie Konferenzcharakter annehmen? Wieso nennen wir unsere Jahres- und anderen Erfahrungsberichte nicht selbstbewusst „Dokumentationen“? Was unterscheidet unser „Tagesprotokoll“ von einem „Evaluationsbogen“? Und schließlich sollten wir „den öffentlichen Dienst“ fragen, wieso Dienstanweisungen nicht längst durch Zielvereinbarungen ersetzt worden sind. Oder sollte „der öffentliche Dienst“ am Ende doch leichtfertig bei der Besetzung von Stellen pädagogischen Fachpersonals vorgegangen sein? Sollte es ihm nicht gelungen sein, keine „Flaschen“ auf Stellen „gesetzt“ zu haben, die einer hochwertigen Qualifikation bedürfen? Oder könnte es sein, dass mit Zielvereinbarungen, ergo einem erhöhten Maß an Übernahme von Autonomie und Verantwortung, sich andere Hierarchieetagen auf ihre Abschaffung gefasst machen müssen?
Ein Paradigmenwechsel in der Verwaltung, dem öffentlichen Dienst, kann erst dann stattfinden, wenn sie sich radikal von ihrer bisher wohl behüteten legalistischen Haltung8 verabschiedete und vielmehr ihre künftigen Aufgaben auf der Ebene fachlichen Beistands und professioneller Beratung wahrnehmen würde. „Außenstehenden“ BeobachterInnen scheint sie davon oft noch weit entfernt zu sein. Vielleicht könnte sie von Aristoteles9 lernen: In seinem 6. Buch der „Nikomachischen Ethik“ führt er aus, dass Klugheit nicht nur das Allgemeine, sondern auch das Einzelne kenne; Klugheit sei handelnd und nicht nur wissend. Bereits im 5. Buch der „Nikomachischen Ethik“ erklärt er, dass immer, wenn Gesetze blind befolgt würden, Ungerechtigkeit daraus folge. Gesetze seien allgemein und daher notwendigerweise unvollkommen in ihrer Anwendung; sie müssten durch Nachsicht10 korrigiert werden. Demzufolge ist ein Nachsichtiger – gestattet sei mir hier die Analogie zum öffentlichen Dienst – einer, der handelt, wie es der Gesetzgeber täte, wäre er an Ort und Stelle: er strebt danach, dass der Buchstabe des Gesetzes dessen Geist nicht erstickt. „Moderner“ ausgedrückt, ließe sich feststellen, dass vermeintlich „korrektes Verhalten“ häufig nicht das passende, geschweige denn ein fehlerloses Verhalten ist.
Partizipation entwickelt sich, folgt man der Fachdebatte, zu einem Dreh- und Angelpunkt der inhaltlichen und methodischen Grundlagen der Arbeit mit Kindern. Hier wird gleichermaßen ein Barometer der Legitimation installiert, dem dann das Wie, Wann und Wo abzulesen sein müsste. Die Frage, wie adäquate Finanzierung und Existenzsicherung erreicht werden können, muss zunächst einmal nicht von der Pädagogik beantwortet werden. Vielmehr ergibt sich diese aus mehr oder weniger konkreten Vorgaben, z.B. aus dem KJHG. Das Land Nordrhein-Westfalen plant in Zukunft eine Entbürokratisierung mit Hilfe sogenannter Wirksamkeitsdialoge. Es ist völlig legitim, dass die Politik – zumal die Fachpolitik – im Gemeinwesen darüber befindet, welche Wirkungen sie verfolgen möchte. Wenn ein Träger sich an den formulierten Zielsetzungen beteiligen kann, sollte er dies auch tun; die Entscheidung über die Qualität seiner Arbeit obliegt ihm selbst, zumal, wenn er sie von seiner Klientel empfohlen bekommt, sie ergo vor einem partizipativen Hintergrund – gepaart mit fachlicher Kompetenz – zustande gekommen ist.
Schließen möchte ich mit einer erweiterten Kritik, die der 10. Kinder- und Jugendbericht in Bezug auf die meisten Jugendverbände formuliert. Ob die Offene Arbeit mit Kindern nicht betroffen ist (in jenem Zusammenhang wurde eine solche Kritik nicht formuliert), scheint zumindest in manchen Fällen zweifelhaft: „Kinder können in überwiegend von Erwachsenen entwickelten und festgelegten Strukturen keinen echten Einfluss auf Entscheidungsprozesse ausüben; sie bleiben auf Projekte und demokratische Spielwiesen beschränkt.“11 Analog dazu möchte ich den Kreislauf weiterverfolgen. Solange Administratoren, einengende, daher wenig fachliche und nicht selten unsinnige Dienstverordnungen, Verfügungen und Anweisungen das Verhältnis zwischen Praxis und Administrative bestimmen, solange werden wir es hier ebenfalls mit einem Tummelplatz – zumeist unter dem Teppich gehaltener – Konflikte zu tun haben. Solange nicht tatsächlich über klare (Ziel-)Vereinbarungen und eine gesicherte Förderung der Bestand organisierter Einrichtungen abgesichert und bedarfsgerecht ausgebaut wird, solange werden wir es mit einer unterentwickelten Verantwortlichkeit, unausgegorener Professionalität und letztlich „demokratischen Spielwiesen“ zu tun haben. Wobei als Nebenwirkungen Bauchschmerzen und Nervenzerrüttung nicht ausgeschlossen sein dürften. Bezüglich ihrer Konzepte und Methoden, zumal der Abenteuerspielplätze, Kinderbauernhöfe und Spielmobile, denen der 10. Kinder- und Jugendbericht die am „ehesten originären kinderspezifischen Ansätze“12 bescheinigt, haben wir „Pfunde“, mit denen wir „wuchern“ können, brauchen wir uns weder zu fürchten, noch zu verstecken. Warum also – bitte schön! – nicht mehr Selbstbewusstsein?
Anmerkungen:
1 Remscheid 1995
2 vgl. K H. Fluhr: Auch ohne Bürger sind wir sehr beschäftigt. Von der Schwierigkeit, die Verwaltung zu modernisieren. Campus Verlag, Frankfurt am Main 1995, S. 163
3 1957
4 vgl. C.N. Parkinson: Parkinsons Gesetz und andere Studien über die Verwaltung. ECON-Verlag, Neuausgabe, 2. Auflage, Düsseldorf 1997
5 vgl. L.J. Peter & R. Hull: Das Peter-Prinzip oder Die Hierarchie der Unfähigen. Rowohlt Verlag, Reinbek 1970
6 vgl. L. J. Peter: Die Peter-Pyramide. EBGO: Die Einheitlich Bürokratische GrundOrdnung. Rowohlt Verlag, Reinbek 1990
7 vgl. K.-H. Brodbeck: Die fragwürdigen Grundlagen der Ökonomie. Eine philosophische Kritik der modernen Wirtschaftswissenschaften. Wissenschaftliche Buchgemeinschaft, Darmstadt 1998, s. hierzu auch MEDIENMAGAZIN in dieser Ausgabe
8 nach dem Motto: Gesetze und Verordnungen sind dafür da, dass sie eingehalten werden, und wir wachen darüber und … – vgl. Parkinsons Gesetz und das Peter-Prinzip
9 384-322 v. Chr.
10 „epieichia“ – engl. „equitiy“ = Gerechtigkeit
11 Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hg.): 10. Kinder- und Jugendbericht. Bericht über die Lebenssituation von Kindern und die Leistungen der Kinderhilfen in Deutschland, Bonn 1998, S. 230
12 ebd., S. 223 und S. IX
Der Autor ist Bildungsreferent beim ABA Fachverband und Systemischer Berater DGSF.
Eingestellt in das Internet im Juni 2003.
NAGEL-Redaktion – Woher nehmen, wenn nicht stehlen?
(Kolumne aus: DER NAGEL 59/1997)
Von Bettina Lischewski
Vor wenigen Tagen berichtete mir ein Jugendlicher, dass er eine ältere Dame auf der Straße nach der Uhrzeit fragte. Diese drehte sich erschrocken um, hielt ihre Handtasche fest mit beiden Händen und begann, um Hilfe zu rufen. Wie gut für den Jugendlichen, dass keine Polizei in der Nähe war.
Die Schlagzeilen in den Zeitungen, gerade vor der Wahl: „Jugendkriminalität steigt“,. „Jugend immer gewaltbereiter“ oder „Mit 14 schon ein schwerer Junge“. Die Botschaft: Sie werden immer jünger, lassen alte Damen um Hilfe schreien und geben vor, nach der Uhrzeit zu fragen. Für die Medien sind derartige Nachrichten Waren, die anschaulich und mit dramatischen Überschriften verziert sein sollen, damit sie gelesen und die Blätter verkauft werden. Diese vorgebliche Lebendigkeit scheint das Leben spannender, die alltäglichen Dramen kleiner zu machen. Das Resultat ist Angst und Unsicherheit der älteren Generation.
Mit Angst hat sich immer schon gut Politik machen lassen. Der Ruf dieser Art von Politik geht in Richtung nach mehr Polizei, nach Stärkung der Inneren Sicherheit, nach sofortigem Handeln, nach dem Ende des angeblichen „Immer-nur-Reden“. Mit härteren Strafen bekäme man die kriminelle Jugend schon in den Griff. Ein guter Weg, von den eigentlichen Problemen abzulenken: Arbeitslosigkeit, Ausgrenzung, Perspektivlosigkeit und damit verbundene Gefühle von Ohnmacht und fehlender Anerkennung. Die Polizei hat mit höheren Präsenzanforderungen genug zu tun und muss sich um Stellenstreichungen nicht kümmern. In Zeiten der hohen Arbeitslosigkeit eine dankbare Angelegenheit. Hätten die Jugendlichen die Möglichkeit, etwas zu sagen, dann würde man vielleicht wissen, dass sich viele vergessen und nicht verstanden fühlen.
Die Beweise der dramatischen Realität liefert die Polizei mit der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS). Besonders aussagekräftig ist diese nicht: vergegenwärtigt man sich, dass circa 90 Prozent der Delikte auf Anzeigen aus der Bevölkerung zurückgehen, wird klar, dass für Anstieg und Fallen der Kriminalitätszahlen besonders die Anzeigebereitschaft der Bevölkerung eine größere Rolle spielt als das wirkliche Geschehen. Nicht richterliche Verurteilungen, sondern vermeintliche Kriminalitätswahrnehmungen werden in der PKS abgebildet. Ganz abgesehen davon, dass auch Kinder erfasst werden, die nicht strafmündig sind.
Mehr als die „wirkliche“ Entwicklung der Kriminalität scheint die Anzeigebereitschaft der Bevölkerung von der Vorstellung über Umfang und Schwere sozialer Probleme abzuhängen. Damit setzt das Dauerthema „Innere Sicherheit“ erst die Probleme, die es zu lösen vorgibt, in die Welt. Nicht die objektive Bedrohung älterer Menschen ist das Problem, sondern deren Bedrohtheitsgefühl und die gleichzeitige Senkung der Hemmschwelle zur Anzeigenerstattung.
Die Konsumgesellschaft lebt es den Jugendlichen vor: Nur wer Arbeit hat und Geld, sitzt vorne in der Reihe. Was da eigentlich zählt, unterstrich der ehemalige Bürgermeister Hamburgs in diesem Jahr bei einem Besuch des Jugendklubs Burgwedel. Neben guten Ratschlägen an die jungen Leute („Hört auf zu rauchen!“ oder „Ernährt euch gesund!“) gab er ihnen mit auf den Weg, sie müssten sich nur viel Mühe geben, dann würde auch bei ihnen bald ein Mercedes vor der Tür stehen. Welche Mühen er damit gemeint hat, liegt auf der Hand, aber: unter den gegenwärtigen Bedingungen dürfte es nachvollziehbar sein, daß Jugendliche schneller mit fünf geklauten Autoradios ans Ziel kommen als mit der Hoffnung auf ein Taschengeld oder auch 480 Mark Ausbildungsvergütung.
Es geht im Rahmen der Kriminalitätsdiskussion um alle Jugendlichen, auch um die „einfachen“ Normabweichler. Dass für junge Menschen vielleicht andere Normen und Werte existieren als für Erwachsene, wird kaum mehr berücksichtigt. Es ist schon klar, daß Bürgerschafts-Spitzenkandidaten einen anderen Geschmack als die Kids haben, wenn sie sich im Wahlkampf aufmachen, Hamburg von Tags und Graffitis zu befreien. Wo Jugendliche ihre Art moderner Kunst im öffentlichen Raum ausleben, mit sogenannten „Schmierereien“ ihre Duftmarke nach dem Motto „Mich gibt es! Vergesst mich nicht!“ setzen wollen, wird kriminalisiert und verfolgt. Den Kick, den Jugendliche bei ihren Aktionen brauchen, mit dem sie ihre Grenzen und Möglichkeiten austesten, ist ein Bedürfnis, das ohne Sanktionen anscheinend nicht mehr auskommen darf.
Statt die gesellschaftlichen Bedingungen in den Mittelpunkt zu stellen, an ihnen etwas zu ändern, wird das Pferd von hinten aufgezäumt. Mehr Einsatz von Polizei wird nur mehr Unsicherheit schaffen. Bei derartigen Stammtischparolen werden sich Jugendliche wohl bald nicht mehr auf die Straße trauen dürfen.
Die Autorin war zum Zeitpunkt der Veröffentlichung im NAGEL Mitarbeiterin im Jugendclub Burgwedel des Verband Kinder- und Jugendarbeit in Hamburg.
NAGEL-Redaktion – Vom Gejaule, vom Zorn und vom aufrechten Gang
(Kolumne aus: DER NAGEL 59/1997)
Von Rainer Deimel
Gejaule bringt uns überhaupt nicht weiter. Uns? Die Pädagogik, die Fachwelt und die, für die, mit denen wir aktiv werden: Kinder, Jugendliche, Familien. Aufhänger meines Beitrags soll hier das Lamento über die Zunahme kindlicher und jugendlicher Kriminalität sein. Die Frankfurter Oberbürgermeisterin fährt nach New York, um sich dort zu informieren, wie es die harte New Yorker Hand geschafft hat, das ehedem überdimensioniert kriminelle Gemeinwesen anscheinend wieder zu befrieden. Petra Roth muss feststellen, dass die Rigidität, mit der in der US-Metropole mit dem Drahtbesen die Habenichtse, Organisierer und „andere Elemente“ auf den Kehricht verbracht werden, zwar auf gewisse Weise eindrucksvoll, aber auf westeuropäische Verhältnisse kaum übertragbar ist.
Zum Thema Kinder- und Jugendkriminalität gibt es inzwischen zahlreiche Verlautbarungen. Ich möchte mir ein weiteres Eingehen darauf deshalb hier sparen, als Resümee aber folgende Thesen aufstellen:
- Kriminelle Handlungen junger Menschen gegenüber älteren Menschen stagnieren.
- Gewalttätige Handlungen zwischen nahezu Gleichaltrigen nehmen beunruhigend zu.
- Die Verantwortlichen für möglicherweise zunehmende Verwahrlosungserscheinungen sind nicht bzw. selten in den Institutionen zu finden, die sich mit jungen Menschen beschäftigen (ergo Familie, Schule, Jugendarbeit usw.). Verantwortlich für Verwahrlosungserscheinungen, Kriminalität, Gewalt, Gewaltbereitschaft usw. ist das System der skrupellosen Marktwirtschaft, das es mittlerweile soweit gebracht hat, daß 80 Prozent der Weltbevölkerung überflüssig geworden sind.
Letztgenannte These provoziert möglicherweise Zorn; soll sie auch. Mein Anliegen dabei ist allerdings, die Richtung des Zorns klar zu bestimmen. Jeremy Rifkin, amerikanischer Wirtschaftskritiker, stellt in seinem Buch „Das Ende der Arbeit – und ihre Zukunft“1 fest, dass uns am „Ausgang der modernen Welt“ eine „neue Barbarei“ erwarte. Es gäbe die Alternative zwischen fundamentalen Reformen oder sozialer Katastrophe. Hans-Peter Martin und Harald Schumann2 kommen zu der Erkenntnis, dass für das Funktionieren der Weltwirtschaft nur noch 20 Prozent der arbeitsfähigen Weltbevölkerung benötigt werden. Amerikanische Manager vertreten die Auffassung, dass man die restlichen 80 Prozent durch eine Mischung aus Mindestsicherung und Entertainment durch die permanent gegenwärtige Unterhaltungsindustrie bei Laune halten müsse, vermutlich, um durch sie nicht weiter behelligt zu werden. Viviane Forrester3 glaubt, dass es sich in einer Demokratie (noch) niemand wagen würde, zu erklären, „das Leben sei kein Recht an sich und eine Vielzahl von Menschen sei einfach überflüssig“.4 Forrester macht die Verantwortlichen für den Niedergang, den wir augenblicklich erleben und gegen den wir tagtäglich zu kämpfen haben, in den Wirtschaftsmächtigen aus, die den gesamten Globus mit ihrem Terror des profitablen Wirtschaftens überziehen. Gleichzeitig bescheinigt sie der Politik deren Unfähigkeit, sich diesem zu widersetzen.
Am Beispiel junger Leute in französischen Vorstädten zeichnet Forrester ein bedrohliches Szenario, die ständig die Schmach ihrer Existenz und Hoffnungslosigkeit erleben. Und „nichts schwächt und lähmt derart wie die Schmach. Sie greift an der Wurzel an und untergräbt jede Tatkraft, sie degradiert Menschen zu beliebig beeinflußbaren Objekten und reduziert alle, die unter ihr leiden, zur wehrlosen Beute. Daher ihr Reiz für die Mächtigen, sich ihrer (Anmerkung: der Schmach) zu bedienen und sie zu verbreiten; sie erlaubt es, Gesetze aufzustellen, ohne auf Gegner zu stoßen, und sie dann zu übertreten, ohne Protest befürchten zu müssen. Die Schmach führt in eine ausweglose Situation, sie verhindert jeglichen Widerstand, führt dazu, dass jegliche Bekämpfung, jegliche rationale Beschäftigung, jegliche Auseinandersetzung mit dem Problem aufgegeben wird. Sie lenkt von allem ab, was ermöglichen würde, sich der Erniedrigung zu verweigern und eine Analyse der politischen Verhältnisse zu fordern. Und sie ermöglicht auch die Ausnutzung der Resignation und der virulenten Panik, ihrem Nebenprodukt.“5 Folgt man diesen Gedanken, ergeben sich aus meiner Sicht über den Zorn hinaus Anforderungen pädagogischen Tätigwerdens. Pädagogik ist Stimulans. Sie bringt denjenigen, die sie erreicht, Wertschätzung und Akzeptanz entgegen, eine Grundlage, gegen Hoffnungslosigkeit aktiv zu werden. Pädagogik stimuliert ferner das Denken, also die Grundlage, Zusammenhänge transparent zu machen. „Nichts mobilisiert so wie das Denken. Denken ist alles andere als ein trübsinniges Verharren, es ist vielmehr die Quintessenz des Tätigseins. Es gibt keine subversivere, keine gefürchtetere Tätigkeit. Es gibt auch nichts, was stärker verleumdet würde, und das ist weder zufällig noch harmlos: Denken ist politisch. Und zwar nicht nur das politische Denken. … Die bloße Tatsache zu denken ist politisch. Deshalb der heimtückische und dadurch um so effizientere Kampf, der heute so heftig gegen das Denken geführt wird, gegen die Fähigkeit zu denken.“6 Pädagogik muss sich als Tugend den aufrechten Gang bewahren; da, wo sie gebeugt geht, ihn sich wieder erobern.
Unseren Beobachtungen zufolge, auch unter Berücksichtigung von Aussagen renommierter Wissenschaftler, wird dies vermutlich nicht leicht. Das Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt und das Psychologische Institut der Universität Leipzig bilanzieren für Deutschland erschreckende Folgen zunehmender Deklassierung durch Arbeitslosigkeit. So wird festgestellt, dass Arme weniger die Chance hätten, das Rentenalter zu erreichen als solche mit ausreichendem Einkommen. „Die Feststellung krasser sozialer Ungerechtigkeit, die einen Teil der Gesellschaftsmitglieder wesentlicher Grundrechte beraubt, wirft … die Frage nach der Legitimität einer solchen Gesellschaft auf. Die liberal-kapitalistische Gesellschaft hat sich bislang mit einem Trick beholfen: Sie preist zwar – mit größter Berechtigung – die ´allgemeinen Menschenrechte´ wie Religions-, Versammlungs- oder Meinungsfreiheit, spricht aber den sozialen Menschenrechten – Recht auf Arbeit, auf menschenwürdiges Wohnung, auf gleiche Gesundheitschancen – die Verbindlichkeit ab. Sie kommen in unserer Verfassung nicht vor. Paradoxerweise gilt, wer auch die sozialen Menschenrechte einfordert, als Gleichmacher, als wenig liberal. Als ob auf dem Gebiet der Menschenrechte weniger mehr sein könnte.“7
Verwahrlosung und Kriminalität sind konsequente Folge von Deklassierung und menschlicher Entwürdigung. Wer nichts mehr zu verlieren hat, hat eben Nichts mehr zu verlieren. Nicht ohne guten Grund beschreibt Stephen King in seinem Roman „The Green Mile“ die Breite der Gänge in den Zellen der zum Tode Verurteilten. Denen ist „egal“, was in ihrem Leben noch geschieht. Der breite Gang soll die Wärter davor schützen, zu nahe an die Zellengitter zu geraten. Aus dem „modernen“ Amerika ist bekannt, dass Besitzende immer häufiger ihre Kinder mit Hubschraubern aus ihren schlossartigen Ghettos in ihre Nobel-Konsum-Burgen fliegen lassen, quasi damit ausreichend Abstand zu den Gittern gehalten werden kann.
Pädagogik und Kinderlobby sind aufgefordert, über das Gejaule hinaus, zornig zu sein, nicht depressiv. Der Zorn hilft mit, aufrecht zu gehen. Wir haben immer wieder betont, Pädagogik könne Machtverhältnisse nicht verändern. Dieses Denken halte ich inzwischen für einschränkend linear-kausal. Natürlich taugen pädagogische Mittel nicht dazu, materielle – sprich: finanzielle – private Ressourcen im Sinne gesellschaftlicher Gerechtigkeit zu verteilen. Aber, wie gesagt, Pädagogik ist Stimulans. Indem sie sich selbst den aufrechten Gang bewahrt, indem sie denjenigen gegenüber Wertschätzung und Akzeptanz aufbringt, die qua System zum lebensunwerten – ich benutze dieses vielgeschmähte Wort ganz bewußt – Leben degradiert werden, hilft sie gerade auch diesen, ihren aufrechten Gang zu erlernen. Und dies ist allemal eine politische Kraft, die ihre Wirkung zeitigen wird. Die Formel der sechziger und siebziger Jahre „Macht kaputt, was Euch kaputt macht“ greift zu kurz. Erst einmal muss der aufrechte Gang erlernt werden. Danach gibt es kaum mehr einen Grund, etwas zu zerstören.
Der Autor ist Bildungsreferent beim ABA Fachverband und Systemischer Berater DGSF.
Eingestellt in das Internet im Juli 2003.
Anmerkungen:
1 Campus Verlag, Frankfurt am Main/New York 1995
2 Hans-Peter Martin/Harald Schumann: Die Globalisierungsfalle, Rowohlt Verlag, Reinbek 1996
3 Viviane Forrester: Der Terror der Ökonomie, Paul Zsolnay Verlag, Wien 1997
7 Anton-Andreas Guha: Die kranke Gesellschaft, in: Frankfurter Rundschau v. 2.1.1998
NAGEL-Redaktion – „Das Positive ist es, was uns an den Abgrund bringt“ oder Warum ein Fachverband Zustände nicht gesundbeten darf
(Kolumne aus: DER NAGEL 57/1995)
Von Rainer Deimel
Meine eigene Rolle innerhalb des Verbandes erscheint mir als ein günstiger, weil praktischer Aufhänger, einmal mehr verbandliches Handeln zwischen Theorie und Praxis zu reflektieren; eine Rolle, die breit interpretierbar ist: Experte für alles und nichts, Politiker und Neutrum, versehen mit Leidenschaft und immer hart an der Grenze zum „Ausgepowertsein“. Eine solche Reflexion ist keine Nabelschau; dient sie doch vielmehr dazu, Zusammenhänge zwischen dem Verband als solchem und denen, die sich ihm als Mitglieder und MitstreiterInnen angeschlossen haben, zu hinterfragen, Perspektiven für die nächsten Jahre zu beleuchten und eventuell eine Diskussion in Richtung „Strategien für die Zukunft“ anzuregen.
Nachdenken über die Pädagogik der neunziger Jahre provoziert, wie Nachdenken über Handeln mit Menschen immer provoziert hat. Ich komme dabei auf einige provokante Thesen.
Pädagogik ist immer geneigt, ihr Licht unter den Scheffel zu stellen und sich dabei gleichzeitig zu glorifizieren. Seinen Ausdruck findet dies zum Beispiel in der Funktionalisierung von Pädagogik und Jugendarbeit durch die Politik: Politik ist augenscheinlich nicht in der Lage, Probleme menschengerecht zu lösen; Politik hat es vornehmlich in den letzten zehn Jahren geschafft, die Gesellschaft weitgehend zu entsolidarisieren. In der Folge treten konsequenterweise Probleme auf: zunehmende Ausgrenzung von Arbeitslosen, alleinerziehenden Müttern und anderen. Die Kluft zwischen arm und reich wird immer breiter. Der „private Ellbogen“ übernimmt das Zepter (Selbstverwirklichungs-Raserei). Hier und da spitzen sich Problemsituationen dramatisch zu: vermehrte Suchttendenzen, steigende Kriminalität, zunehmende Gewalt, Ausweitung rechtsradikaler Tendenzen. Ich bin davon überzeugt, dass Albert Scherr recht hat, wenn er der Auffassung widerspricht, dass Gewalt nicht automatisch „mitten aus der Gesellschaft“ kommt (wie Politik gern glauben machen will), sondern im Zuge von Deklassierung entsteht. Bei nicht zu übersehendem Handlungsbedarf ist Politik dann geneigt, sich Pädagogik als Handlangerin zu bestellen. Und Pädagogik ist gern bereit, sich derart funktionalisieren zu lassen. Dementsprechend bescheinigt Hartmut M. Griese aus sozialwissenschaftlicher Sicht der Pädagogik eine (inzwischen) eher reaktionäre Rolle (vgl. Hartmut M. Griese: Wider die Re-Pädagogisierung …, in: Deutsche Jugend 7/8, 42 Jg. 1994, S. 310 ff.). Griese sieht Versäumnisse in Politik, Wirtschaft, Ökologie usw., wobei die Pädagogik sie sich zu eigen macht und mit Lösungen prahlt, die zu erbringen sie nicht imstande ist.
Pädagogik kann in ihrer Umgebung günstige Einflüsse entwickeln; Machtverhältnisse kann sie nicht verändern. „Eine Gesellschaft, in der humane Lebensbedingungen und damit sinnvolle Zukunftsperspektiven vorliegen, braucht sich um eine Pädagogik junger Menschen wenig Gedanken zu machen.“ (Griese, a.a.O., S. 311) Pädagogik blendet Wirklichkeit aus und gibt sich in Bezug auf politische Realitäten Illusionen hin. Wie anders ließe sich sonst der Versuch interpretieren, mithilfe immer wieder neuer Konzepte die Disziplin zunehmend verschleiert zu atomisieren? Griese hat eine Auflistung vorgenommen, aus der ich nur einige „Konzepte“ benennen will: Friedenserziehung, Umwelterziehung, Kulturerziehung, Anti-Rassismus-Erziehung usw. Das Kurioseste, was mir kürzlich untergekommen ist, war der Begriff „Gaumenpädagogik“. Geht es hierbei darum, Kinder zu „kritischen und reflektierten EsserInnen“ zu erziehen. M.E. haben alle Ansätze ihre Berechtigung. Allerdings kann kein Ansatz für sich reklamieren, bestehende Formen und Methoden zu ersetzen. Eine ähnliche Diskussion gab es bereits vor über zehn Jahren im Zusammenhang mit Sozial- und Kulturpädagogik. Alle Ansätze gehören in eine einheitliche Disziplin, sind konstitutive Teile einer pädagogischen Konzeption, von der geschlechtsspezifischen Arbeit angefangen, über Erlebnispädagogik bis hin zu Schule und Freizeit. Dieses Bewusstsein müssen sich PädagogInnen zunehmend zu eigen machen und beginnen, entsprechend ihr Profil zu entwickeln.
Eine Basisanforderung professionellen Handelns in der Pädagogik ist der Verzicht auf Erziehung. Der Widerspruch, der sich aufgrund der Nähe der Begriffe ergibt, scheint mir auflösbar: der griechische Begriff „paid-agogós“ impliziert den Erwachsenen, der jungen Menschen zur Verfügung steht, um sie bei Unsicherheiten zu schützen und zu leiten. Schließt „Pädagogik“ das Partizipationsprinzip mit ein, wird dieses bei Verwendung des Begriffs „Erziehung“ ausgeschlossen: Erziehung meint die außengeleitete Formung der Persönlichkeit junger Menschen nach bestimmten Vorstellungen und Motiven. Erziehung kann nie professionell sein, Pädagogik hat dazu gute Chancen.
Pädagogik hat die Aufgabe, junge Menschen und ihre Motivlage zu verstehen, ihnen gegenüber empathisch zu sein, Zusammenhänge herauszuarbeiten und mit ihnen Lösungsansätze zu entwickeln. Pädagogik bietet Orientierungshilfen sowie Raumaneignungs- und Kommunikationsmöglichkeiten. Pädagogik grenzt nicht aus. Besondere Chancen erblicke ich dabei in der bestehenden Offenen Arbeit. Pädagogik hat einen Bildungsanspruch. Der Begriff „Bildung“ ist seit Ende der sechziger Jahre zunehmend der Schule überlassen worden, wobei selbst diese sich inzwischen mit diesem Idiom abmüht. Dabei ist leicht belegbar, dass professionelle Pädagogik Aneignungsmöglichkeiten in Hülle und Fülle bieten kann: Aneignung von sozialen und kulturellen Kompetenzen sowie Aneignung von ansonsten vorenthaltenen Räumen. Diese Bildungsarbeit integriert Experimente und Innovation.
Pädagogik hat sich gegenüber der Konsum- und Leistungsgesellschaft abzugrenzen. Es geht ihr nicht um Beschäftigung, Betreuung und Unterhaltung auf niedrigstem Niveau. Das leistet die Unterhaltungsindustrie besser. Pädagogik nimmt gesellschaftliche Veränderungsprozesse zur Kenntnis. „Eine (…) Pädagogik, die … die gesellschaftlichen Bedingungen des Aufwachsens und die Zukunftsperspektiven der Heranwachsenden negiert, die weiter an einem irrelevanten und idealistischen Erziehungsbegriff festhält oder eine Re-Pädagogisierung fordert, die sich angesichts der gesellschaftlichen Veränderungen weiter ausdifferenziert und atomisiert und damit pädagogisierend und entpolitisierend, d.h. ideologisch wirkt und gesellschaftliche Ursachen der aktuellen Probleme verschleiert, die ihre Bemühungen um einen allgemeinen Bildungsbegriff als Herzstück jeder Pädagogik zugunsten des Erziehungs-, Lern- und Qualifikationsbegriffs aufgibt, die sich als empirische Wissenschaft forschungsethisch wenig Gedanken macht um die Thematik ‚Verstehen oder Kolonialisieren?‘ und damit die Folgen ihrer Forschung für die Praxis und die Betroffenen ausklammert, ist als theoretische Wissenschaft, als Forschungsdisziplin und als auf Handeln abzielende Sozialtechnik ‚am Ende‘.“ (Griese, a.a.O., S. 316)
Die pädagogische Praxis und mithin ihre Zusammenschlüsse, die Fachverbände, haben ihre Kolonialisierungstendenzen zu überprüfen, ggf. ihre Rolle als innergesellschaftliche Entwicklungshelfer aufzugeben. Die Fachverbände wirken wie ein Katalysator, stützen Autonomiebestrebungen, helfen mit, nachdenklich und selbstkritisch zu machen, die Dinge in Bewegung zu halten; sie halten sich von dem gegenwärtigen „Betroffenheits-Kult“, dem offensichtlich die „professionelle“ Politik zum Opfer gefallen ist, fern, was nicht bedeutet, dass sie ihre soziale und gesellschaftliche Kompetenz nicht permanent reflektieren und weiterentwickeln. Sie erkennen ihre Rolle (im Sinne von Paulo Freire) als „Politiker und Künstler“. Diese Rolle impliziert eben, Zustände nicht gesundzubeten, äußerst sensibel für gesellschaftliche Vorgänge zu sein, aber auch Gelassenheit zu üben, Grenzen zu erkennen (Hermann Giesecke: „‚Ganzheitlichkeit‘ und Professionalität schließen sich aus.“) und Funktionalisierungstendenzen wahrzunehmen. Um weiterhin für Bewegung zu sorgen, halte ich es für unumgänglich, dass Fachverbände nicht aufhören, zu ketzern und gemeine und hinterhältige Fragen zu stellen. „Das Positive ist es, was uns an den Abgrund führt,“ hätte Adorno zu ergänzen gehabt. Wer versucht, Positives zu sagen, sollte sich eventuell einmal Gedanken über die Rente machen. Die Zukunft gehört den Ketzern und Narren.
NAGEL-Redaktion – „Der Krieg der Schimpansen“ oder „Erziehung zur Gewalt“
Konservative Tendenzen in der gegenwärtigen Diskussion um
Gewalt, Erziehung, Jugend und Rechtsradikalismus
(Kolumne aus: DER NAGEL 56/1994)
Von Steffen Moderau
In der Absicht eine gewisse „Tiefendimension“ in die Diskussion um die Entstehungsbedingungen von Gewaltformen zu bringen, auch verstanden als Gegenthese zu den Gesellschaftstheoretikern à la HEITMEYER, kolportiert der SPIEGEL jene evolutionsbiologischen Axiome erneut, die einen genetischen Zusammenhang von menschlicher Aggression und Zivilisation behaupten. Der sozialdarwinistische Verweis auf jenen „genetischen Eigennutz“ (Richard DAWKINS), der der aggressiven Potenziale bedarf, um seine überlegene Genstruktur seinen Nachkommen weiterzugeben, gerät, da er bewusst in den Zusammenhang des Gewaltdiskurses gestellt wird, schnell in das Fahrwasser rechtsradikalen Rassismustheorien.
Vollends abstrus werden solche reduktionistischen „Theorien“, wenn sie ihren Geltungsbereich in die Zivilisations- und Gesellschaftskritik hinein ausweiten. Sie enden dann in schöner Regelmäßigkeit in ordnungspolitischen Diskursen autoritärer Provenienz, in denen dem Menschen dann jedwede Zivilisierung abgesprochen wird oder nur im Kontext autokratischer Institutionen und rigider Moral von Herrschaft und Unterwerfung. Diese monokausalen und eindimensionalen Erklärungsversuche haben gewissermaßen einen „anti-demokratischen“ Strukturdefekt schon innerhalb dessen, was ihre Theorien politisch implizieren.
Nicht nur Gewalt, sondern auch Fremdenfeindlichkeit solle sich im Rahmen solcher Theorieansätze begründen lassen (vgl. EIBL-EIBESFELD). Damit wird rassistisches Verhalten gleichsam zum „Normalzustand“ erhoben. Alle nicht-rassistischen Reaktionen bekommen so quasi „pathologische“ Züge, werden „entmenschlicht“, da sie ja eigentlich nicht der „Natur der Menschen“ entsprechen.
Solche deterministische Konstruktionen bringen lediglich Mythologien hervor, die die „Ethnie“ zur „imaginierten Gemeinschaft“ (Benedict ANDERSON) erheben, angefüllt mit nationalem Pathos. „Das Böse lässt sich weder erklären noch ändern, sondern nur zähmen, bekämpfen, ausgrenzen“ (1), könnte man das Programm der Anhänger solcher Theoreme zusammenfassen. „Was wir brauchen, ist nicht die Illusion der Gewaltlosigkeit, sondern eine Erziehung zur Gewalt, die das Böse nicht leugnet, sondern den Umgang mit ihm übt“. (2) SPIEGEL Essayist Dietmar PIEPER begreift „Gewalt (als) menschliche Konstante“ (3), deren Formen mal mehr, „mal weniger gesellschaftsschädigend sind. In der Differenz liegt das ganze Potenzial erzieherischer Wirkung… Deshalb erleben wir derzeit gesellschaftlich weniger einen Zuwachs von Gewalt als einen ersatzlosen Abbau von Illusionen christlich-abendländisch-kommunistischer Art“(4). Damit werden die Einfallstore für jene zeitgenössische konservative „Kritik“ geöffnet; erstens: Jedwede kritische Gesellschaftstheorie soll durch Ethik und Moral ersetzt werden (5); zweitens: Die Idee der Veränderung (nicht nur als Möglichkeit, sondern als Notwendigkeit), d.h. die Abschaffung der Ursachen gesellschaftlicher Widersprüche wird mit der Behauptung des „Endes aller Utopien“ gleichsam mit verabschiedet.
„Wo nach dem Krieg die moralisierenden Konservativen zur Stabilisierung der bürgerlichen Gesellschaft auf die vormodernen Prinzipien der Gemeinschaft, der Religion und des starken Staates zurückgreifen, da entdecken die Neukonservativen seit Mitte der 50er Jahre, dass die kapitalistische Industrialisierung wider alle Erwartungen selber in der Lage ist, haltbare Integrationsmedien auszubilden. Über Arbeit und Konsum gelingt es, den ´Aufstand der Massen´ zu beenden“ (6).
Schon die konservative Massenkritik beklagte das entwurzelte Individuum und die „Kräfte der Selbstzerstörung“ der Gesellschaft. An die Stelle „seelenloser Kollektive“ (GLASER, 1956) sollte wieder „echte“ Gemeinschaft treten. Aber das „Pathos der natürlichen Gemeinschaft schlägt um in die Apologie autoritärer Herrschaft. Es nimmt damit eben die Züge an, die man seinem Gegenteil: der Masse, zugeschrieben hatte. Es huldigt dem Affekt gegen das Fremde, tabuisiert Differenz, wettert gegen Autonomie, desavouiert Subjektivität, grenzt Abweichungen aus, erhebt den Durchschnitt zur Norm, fordert Führer-Autorität. Das moralisierende Gemeinschaftspathos, dieser Inbegriff des kollektiven Narzissmus, endet totalitär …“ (7).
In der Dekade zwischen 1950 und 1960 etabliert sich in Deutschland jene „neukonservative Theorie der integrierten Masse“ (8), dessen wichtigste Protagonisten u.a. die Soziologen GEHLEN und SCHELSKY waren. Aus Amerika wird der Begriff des „außengeleiteten Menschen‘ (David RIESMAN) in deutsche Diskussion eingeführt. RIESMAN’s Buch „The lonely crowd“, dessen deutsche Ausgabe 1956 erscheint, beschreibt die kulturellen Umformungen der amerikanischen Konsumkultur, die deutsche Konservative eher als Kulturverfall identifizieren: nach RIESMAN eine „Epoche, in der die Menschen die Wünsche der anderen zum Maßstab erheben, aus Politik eine Show machen, aus dem Beruf den Job, aus der Muße das week-end, aus der mütterlichen Sorge um die Familie das joy of cooking, aus der Familie die peer-group, aus der Liebe den Sex:“ (9).
Doch SCHELSKY sieht in diesen Veränderungen auch neue Strukturen entstehen, in der die „‚außen-geleitete(n) Gesellschaft eine Epoche neuer sozialer Stabilisierung“ (SCHELSKY, 1956) erreicht. „Stabilität“ wird fortan zum „konservativen Zauberwort“ (10).
GEHLEN hält der Moderne vor, dass aus dem „allgemeinen Wettrennen nach Wohlleben“ keine „neue Sinngebung des Lebens“ (GEHLEN, 1952) hervorgehen kann. „Die Orientierung am Konsum bedeute am Ende nur Sinnentleerung und Persönlichkeitsverlust. Der Reichtum der Konsumgüter verpflichte zu nichts. Ohne Verpflichtung aber sei das Leben unmöglich. – Auch die Gruppe bietet da keinen Schutz“, fasst Helmut KÖNIG (11) GEHLENS Vorbehalte zusammen.
Dennoch wird die Dynamik der kapitalistischen Entwicklung, ihre technisch-industrielle „Rationalität“ sowie die institutionelle Absicherung zur unhinterfragten Norm erhoben (vgl. Helmut KÖNIG (12) ), eine Norm, die moralisierende Verhaltensimperative vorgibt, denen sich das Individuum in nichtreflexiver Form zu beugen hat. Dies macht den konservativen Kern der Soziologie und Kulturkritik à la GEHLEN und SCHELSKY aus.
Die zeitgenössische konservative Theorie oder die „‚postmoderne‘ konservative Theorie der individualisierten Gesellschaft“ (13) teilt mit ihren Vorgängern nicht mehr die Angst vor der wurzel- und heimatlosen Masse, die als „revolutionäre Masse“ die bürgerliche „Ordnung“ hinwegfegt. Die Masse ist heute nur noch als Summe „individualisierter“ Einzelsubjekte präsent. „Schon in den Anfängen der bürgerlichen Sozialpolitik war Individualisierung ein favorisiertes Mittel gegen die Vermassung. … Aber wo mit Individualisierung in der Mitte des 19. Jahrhunderts neue Verwurzelung, Familialisierung und Verhäuslichung gemeint war, da verbinden wir heute mit ihr das Gegenteil: Der Individualisierte ist nicht der, der Wurzeln geschlagen hat, sondern der vollmobile, flexible, der boden-, familien- und heimatlose Einzelne“ (14).
Nun behaupten die Anhänger eines radikalen ökonomischen Liberalismus immer noch, dass „die desintegrativen Tendenzen der bürgerlichen Gesellschaft … nicht dem Marktprinzip anzulasten (seien), sondern umgekehrt seiner künstlichen Einschränkung“ (15). Alle destruktiven Kräfte einer entfesselten Konkurrenz und Universalisierung des Marktes werden verleugnet. Doch der Konservatismus „der Gegenwart ist überzeugt davon, dass die einzige Chance für die Erneuerung der Industriegesellschaft in ihrer weiteren Modernisierung – in der Universalisierung des Marktes – liegt“ (16).
Im ordnungspolitischen Diskurs des Konservatismus soll sich der Staat, als Inbegriff des Politischen, wieder seinen eigentlichen Aufgaben zuwenden. Sozial- und wohlfahrtsstaatliche Strukturen sollen zurückgebaut werden und in den Mittelpunkt rückt das staatliche Entscheidungs- und Gewaltmonopol als das „Zentrum der sozialen Integration“ (17). Eine prinzipiell funktionalistische (18) Sichtweise ersetzt das vormals geschlossene Weltbild des gegenwärtigen Konservatismus. Es geht darum, „nach Kompensationen für die negativen Folgen der unvermeidlichen Modernisierung zu suchen“ (19). Nicht der Gegensatz „‚wahr'“ oder „falsch“ dient mehr dazu, einen Seinszusammenhang zu konstituieren, sondern „Funktionserfüllungen praktischer Art“ (Hermann LÜBBE) werden „zweckmäßig oder unzweckmäßig“ (LÜBBE) genannt. „Nicht um Wahrheit geht es Ihnen, sondern um Wirkung, nicht um Kultur, sondern ums Spektakel, nicht um Werte, sondern um Berechnung der Interessen und Machtchancen“ (20).
Wenn es dennoch immer wieder auch Rückfälle in konservative Werte-Debatten gibt, so liegt das daran, dass ihre Protagonisten den entscheidenden Widerspruch gesellschaftlicher Entwicklung nicht sehen: es sind ja nicht die „individualisierten Individuen“, die die Moralimperative untergraben, sondern es sind die Struktureffekte der technisch-wissenschaftlichen Modernisierung, die die Konservativen kritiklos forcieren, und die den Moralaposteln den Boden unter den Füßen wegziehen.
So ist es eigentlich verwunderlich, dass gerade im Zuge der Auseinandersetzung mit Gewalt, Jugend und Rechtsradikalismus auch liberale und linke Wortmeldungen sich zunehmend einem Moraldiskurs verschreiben. Während Karl Otto HONDRICH (21) im Zuge der Individualisierungsschübe noch ein „chronisches Defizit an kollektivorientierter … Moral“ (22) sieht, so beklagen Jörg BERGMANN und Claus LEGGEWIE (23) das Fehlen jedweder individueller Moralität bzw. das Zerfallen von Moral in einzelne Teile, „die von ihrem Träger nicht mehr zusammengesetzt werden können“ (24).
An den Bruchstellen zwischen sozialer Desintegration und Individualisierung einerseits und den Ebenen sozialer Milieus anderseits sollen nun jene destruktiven Kräfte sich dynamisch Bahn brechen, die nicht nur jede, noch so geringe moralische „Reziprozität“ (Hauke BRUNKHORST) (25) absorbieren, sondern Gewalthandeln als eine „punktuelle“ Form der Selbst-Versicherung des Individuums im steigenden Maße wahrscheinlicher macht. Die allgemeine Orientierungslosigkeit der jungen Generation, ihre „egoistisch“ und narzisstisch überhöhte Selbstbezogenheit, solle zu jener Auflösung jeder gemeinschaftsverpflichtenden Moralität führen, die sich dann auch in menschenverachtenden Mord- und Brandanschlägen äußert.
Damit stellen sich die beiden Kursbuch-Autoren in die Tradition jener konservativen Kultur- und Gesellschaftskritik, die hartnäckig Ursache und Wirkung verwechselt. Sie sprechen jenen von ihnen beschriebenen „Tätern“ jede Ratio ab und beklagen das „Fehlen der grenzensetzenden Instanz“ (26) einer „kraftlos gewordenen Konsumgesellschaft“ (27). Noch einen drauf setzt Peter SCHNEIDER (28) im gleichen Kursbuch. „Diese Halbwüchsigen ‚verachten‘ die elementarsten Regeln der Fairness nicht etwa, sie kennen sie gar nicht und haben sie nie, nach den Gesetzen von Lohn und Strafe erlernt. Sie sind entmenscht und zu Bestien geworden, sie wurden erst gar nicht zu Menschen gemacht“ (29).
Nicht nur, dass das Gewaltproblem erneut – wie schon Anfang der 80er Jahre im Zuge der sogenannten Jugendunruhen in europäischen Metropolen – auf eine „Teil- bzw. Randgruppe“ der Gesellschaft eingegrenzt werden soll, sondern als Mitverantwortliche werden jene identifiziert, die sich der Erziehungsaufgabe widmen: Lehrer, Eltern, Erzieher. Auch damals lautete die Parole: „Mut zur Erziehung“. Was Aufgabe der Politik der „Zivilgesellschaft'“ wäre, eben nicht einen dogmatischen Tugendkanon „abzuarbeiten“, sondern rationale Verfahrens- und Kommunikationsstrukturen gesellschaftlich zu etablieren, die auch die ökologischen und ökonomischen „Verteilungskämpfe“ regulieren, kann nicht ausschließlich auf dem engen Feld der Pädagogik eingelöst werden. Hier wird die Illusion – auch von Teilen der (Sozial-)Pädagogik selbst – genährt, die Lösung liege in der Bereitstellung entsprechender (nicht nur finanzieller) Mittel. Die Moralisierung sozialer Konflikte blendet die Systemwidersprüche weitgehend aus und installiert die Suche nach einer „staatlichen Autorität“, die jeden Dissens als antikonstituiv verwirft.
Augenfällig offenbart sich ein unhistorisches Geschichtsverständnis. Manchmal kann man den Eindruck haben, einige Protagonisten dieser konservativen Erziehungsdogmatik wünschten sich die stupiden Autoritarismus der Adenauer-Ära zurück, als Inbegriff einer „stabilen Ordnung“, die sich gegen die zeitgenössische „Unübersichtlichkeit“ abhebt. Doch, „Identitäten, die zu einer demokratischen Verfassung passen, lassen nicht mehr zu e i n e m Kollektivbewusstsein bündeln“ (30). Da sich die gesellschaftliche Integration in den „Bereich alltäglicher Lebensführung vorverlagert“ (31), sich ein „privater Sinnbegriff“ (32)entwickelt hat, kann auch eine intersubjektiv verbindliche Moral die Verhältnisse nicht mehr rückgängig machen.
„An die Stelle einer Zähmung von Individualinteressen durch eine übergeordnete Moral tritt die Abspaltung eines privaten Lebensbereichs. Dort geht es um das ‚konkrete Individuum‘, seine Neigungen und Interessen, was in diesem Lebensbereich der Disziplinierung Grenzen setzt“ (33). Der Erziehungsoptimismus, dem auch linke Pädagogen anhängen, der ein „Bild einer unbegrenzten Erziehbarkeit zum Besseren“ (Benno HAFENEGER) postuliert, findet in der Familialisierung und Pädagogisierung sozialer Konflikte bzw. deren Umdeutung in jugendsoziologische oder jugendpolitische Problemfelder ihren sinnlichen Ausdruck. Die aus dem vorrevolutionären Vormärz stammende „romantische“ Angst, Jugend könne eine Gesellschaft aus den „Fugen“ heben, bildet offenbar immer noch den Hintergrund konservativer Gefahrenszenarien.
Dass die „Gesellschaftliche Mitte“ (vgl. „Nivellierte Mittelstandsgesellschaft“ Ã la SCHELSKY) nun über das Aufbrechen von Gewaltstrukturen aus ihrer ‚Mitte‘ heraus so erschrocken ist, ist eher ein blinder Fleck in der Ideologie des Konservatismus, als wirkliche moralische Empörung. Der konservative Kernbestand der Gesellschaft bekommt heute einen Spiegel vorgehalten. Die politische Zuordnung von Gewaltaktionen der jüngsten Vergangenheit fast ausschließlich in das rechtsradikale Lager verdeckt eher die Querverbindungen zum Konservatismus. Es soll hier keiner Relativierung rechtsradikaler oder rassistischer Gewalt das Wort geredet werden. Doch die Deregulierungspolitik der regierenden Koalition (34) hat jene Entsolidarisierungsprozesse mit begünstigt und jede reflexive Regulierung ungehemmter Marktinteressen blockiert, die nun im Rahmen der Prozessen der Individualisierung und Desintegration als dynamische Gewaltphänomene an die Oberfläche gelangen. Es lässt sich kein „steuerndes Zentrum der Gewalt mehr angeben“ (35), doch damit wird sie weder beliebig oder zufällig, noch vervielfältigt sie sich quasi aus sich selbst heraus.
Waren früher die marginalisierten Bevölkerungsgruppen relativ resistent gegen konservative Moralisierungskampagnen, so hat heute der funktionalistische Konservatismus nicht nur das Vokabular der Aufklärung übernommen, sondern auch erkannt, dass eine gewisse Sorte von Aufmüpfigkeit durchaus innovativ für das System sein kann. „Es sind immer nur Minderheiten, die sich öffentlich äußern. Die Mehrheit, jede Mehrheit schweigt“ (Hans Magnus ENZENSBERGER). Was ehedem Herd des Aufruhrs und des Widerstands war, verwandelt sich zusehends in „moderne Normalität“.
„Nur wenn, was ist, sich ändern lässt, ist das, was ist, nicht alles.“ Diesen schönen Satz von Theodor W. ADORNO könnte heute auch jeder konservative Intellektuelle unterschreiben, auch wenn er ihn inhaltlich umdeutet. „Man muss also zu einer Idee und Praxis der Gerechtigkeit gelangen, die nicht an jene des Konsens gebunden ist“. (LYOTARD) Hier versagt der Konservative noch jede Zustimmung. Angesichts der stets beschriebenen Labilität, geringeren Verlässlichkeit sozialer Beziehungen und unklarer Entwicklungsperspektiven des Individuums trägt das Beharren auf den Konsens fast „freundlich alternative“ Züge. Doch wenn immer noch von der Grundthese ausgegangen wird, dass die Vermehrung des persönlichen Eigennutzes zugleich die Wohlfahrt aller mehre, so bedeutet dieser Satz im Zeichen gesellschaftlicher Krisen: Nicht das ökonomische oder politische System als Ganzes ist in der Krise, sondern es gerät in Schwierigkeiten durch die „überzogenen“ Ansprüche und Erwartungen des Einzelnen oder in unserem Zusammenhang, durch die Gewaltexzesse einzelner, die das Zusammenleben aller stören. In einer solchen Perspektive verweist Gewalt stets auf individuelles „Gewalthandeln“, das zum einen immer auf ein subjektives „Scheitern“ an den gesellschaftlichen Herausforderungen hindeutet, zugleich aber die Sanktionen des staatlichen Gewaltmonopols in Gang setzt, die den „schon Gescheiterten“ nochmals treffen.
Die damit direkte Etablierung und Problematisierung des „Einzelfalls“ konstituiert eine Gewaltvorstellung als „singuläres'“ Ereignis gleichsam mit. In der Vervielfältigung solcher, nicht zuletzt medial vermittelten, singulären Gewalttätigkeiten, die zunächst zusammenhangslos nebeneinander stehen, wird über ihre bloße Addition plötzlich ein Grad an Eskalation unterschwellig mit formuliert. In ihrer „Verdichtung“ und dem Hinweis auf ihren „kriminellen Charakter“ kann nur die Ausgrenzung und Stigmatisierung der Betroffenen vollendet werden.
Die Pädagogik insgesamt muss sich die Frage stellen, ob und wie sie sich an solchen Diskursen beteiligen will. Die Frage nach den Interventionsstrategien, so wie sie z.B. LEGGEWIE oder SCHNEIDER im Kursbuch vorschlagen, könnte den Verdacht nahe legen, dass das Prinzip der Gewaltfreiheit pädagogischen Handelns zumindest relativiert werden soll. Vielleicht provozieren sie aber auch bewusst Missverständlichkeiten, um das bisher stets indifferente Verhältnis von gewollter Autonomie und Selbstentfaltung einerseits und sozialer Kontrolle und Disziplinierung innerhalb pädagogischer Verhältnisse andererseits zur Sprache zu bringen. Der schon heute vorhandenen enge „Konnex zu Instanzen der Kontrolle und Sanktionierung“ (36), die institutionelle Abhängigkeit und die Tendenzen zu einer „Normalisierungsarbeit“ sozialer Arbeit, müssen dabei gleichzeitig mit thematisiert werden.
Das Projekt der Emanzipation, mit dem die Moderne stets gleichgesetzt wird, sieht noch seiner Verwirklichung entgegen. Gerade in Zeiten des gesellschaftlichen „Roll-back“ sollte man sich gelegentlich daran erinnern.
Der Autor Steffen Moderau war viele Jahre beim ABA Fachverband tätig und lebt in Dortmund.
Der Beitrag wurde im August 2002 ins Internet gestellt.
Anmerkungen:
1 Klaus GÜNTHER, „Gegenwärtige Beschwörung des Bösen“, FR vom 16./17.11.1993
2 DER SPIEGEL Nr. 7, 1994, S.47
3 ebenda
4 ebenda
5 vgl. Heinz SÜNKER, „Politik und Moral oder: Wider die Moralisierung des Politischen“ in: Widersprüche Nr. 33, 1989, S.21-29
6 Helmut KÖNIG, „Von der Masse zur Individualisierung. Die Modernisierung des Konservatismus in der Bundesrepublik“ in: Leviathan, 16. Jg., 1988, Heft 2, S.261
7 ebenda, S. 260
8 ebenda, S. 261
9 ebenda, S. 262
10 ebenda
11 ebenda, S. 254
12 ebenda, S. 264
13 ebenda, S. 265
14 ebenda, S. 266
15 ebenda S.267; vgl.: „Das höhere Maß an Vielfalt, Pluralität und Dezentralisation stellt höhere Ansprüche an die Autorität der Gesamtordnung“ (Kurt BIEDENKOPF)
16 ebenda, S. 268; vgl.: die neuen elitetheoretischen Diskurse
17 ebenda, S. 271
18 ebenda
19 ebenda, S.270
20 ebenda
21 Karl Otto HONDRICH, „Der Wert der Gleichheit und der Bedeutungswandel der Ungleichheit“ in: Soziale Welt, 35. Jg., 1984, Heft 3, S.267-293
22 ebenda, S. 290
23 Jörg BERGMANN/Claus LEGGEWIE, „Die Täter sind unter uns – Beobachtungen aus der Mitte Deutschlands“ in: Kursbuch 113, 1993, S.7-37
24 ebenda, S. 24
25 Hauke BRUNKHORST, „Krise der Demokratie ?“, FR 05.02.1994
26 BERGMANN/LEGGEWIE, S. 21
27 ebenda, S. 35
28 Peter SCHNEIDER, „Erziehung nach Mölln“ in: Kursbuch 113, 1993, S.131-141
29 ebenda, S. 141
30 BRUNKHORST, s. Fußnote 25
31 Dietmar BROCK „Wiederkehr der Klassen? Über Mechanismen der Integration und der Ausgrenzung in entwickelten Industriegesellschaften“ in: Soziale Welt, 44 Jg., 1993, Heft 2, S.181
32 ebenda S.181; vgl.: Privatisierter Sinnbegriff: „Sinn ergibt sich als Selektion aus der jeweils zugänglichen materiellen Kultur.“ (S.181)
33 ebenda, S. 184
34 Anm. d. Red.: Seinerzeit regierte eine CDU-FDP-Koalition. Nach dem rot-grünen Regierungswechsel wurde aber weiterhin eine Politik der „gesellschaftlichen Mitte“ fortgesetzt.
35 Ulrich BIELEFELD, FR vom 16.06.1993
36 Albert SCHERR, „Anforderungen an professionelle Jugendarbeit mit ausländischen und gewaltbereiten Jugendlichen“ in: neue praxis, 22. Jg. 1992, Heft 5, S.390
NAGEL-Redaktion – Mölln ist überall.
Von Rolf Winter
Es widert mich an, wie diese Republik mit ihren jungen Neonazis umgeht. Mich widert eine Gesellschaft an, die in bauchiger Sattheit nach rechts sieht und Zeter und Mordio schreit, als wäre nicht in ihrem Schoß entstanden, was sie so lauthals beklagt. Das fraktionsübergreifende Entsetzen in Bonn, die Resolution des Kreistages von Goch an der Goche, die ökumenischen Notgebete. Widert mich an.
Denn ich war einmal da, wo heute die jungen Neonazis sind. Ich bin, wenn Sie so wollen, einer von ihnen. Ich habe einmal am rechten Rand gelebt und den Staat gehasst, der sich aber um uns nicht kümmerte. Er ließ unsere Eltern in Arbeitslosigkeit verkommen. Es interessierte ihn einen Dreck, dass wir hungerten. Er sah kalt zu, wie wir am „sozialen Rand“ vor dem Hauswirt zitterten, der eine Miete – 19 Mark 50 – einforderte, die wir nicht zahlen konnten. Es war ihm gleichgültig, ob wir obdachlos werden würden oder nicht. Er ließ uns allein, grenzte uns aus.
Das liegt sechzig Jahre zurück. Man weiß, was geschah. Wesentlich mit Hilfe derer, die nichts zu verlieren hatten, kam der Halunke an die Macht, mit dem wir dann alles verloren, vor allem unseren Anstand. Das Armengebiet rund um die Lübecker Dankwartsgrube, in der ich damals lebte, gehörte, obschon traditionell kommunistisch oder doch mindestens sozialdemokratisch, zu Hitlers Wegbereitern. Nicht, weil sie Nazi-Programme lasen und gut fanden. Auch nicht, weil sie nach langem Bedenken dem Vorkommnis aus Braunau glaubten. Sie liefen in der Lübecker Dankwartsgrube massenhaft zu den Braunen über, weil sie sich vom Staat verraten und verkauft und vergessen wussten, denn, Ihr bürgerlichen Schreier: Unter Ausgegrenzten wird nicht kühl politisch gedacht, sondern nur noch gehasst, und dieser Hass war damals schrecklich begründet, und er ist es heute ebenso.
Dankwartsgruben gibt es längst wieder. Es gibt sogar, wie uns Kommunalpolitiker besorgt wissen lassen, in den großen Städten Armutsgettos, in denen – lügt Euch nicht in die eigenen Taschen! – nicht nur Ausländer hausen. Es gibt in dieser Wohlstandsgesellschaft, und zwar beschämend massenhaft, Quartiere, in denen Hoffnungslosigkeit daheim ist, Dauerarbeitslosigkeit, Sozialhilfeexistenz und Tristesse als treuester Lebensbegleiter. Den mählichen Verfall der Würde gibt es, die Auflösung von Familien, den Verzweiflungssuff, die Leere des Tages.
In der früheren DDR, die heimgeholt zu haben Herr Dr. Kohl so stolz ist, leben Millionen, die sich von eben diesem Herrn Dr. Kohl mit verdammt guten Gründen belogen und betrogen fühlen. Wo er ihnen ein „blühendes Land“ verhieß, in dem es „niemandem schlechter und vielen besser gehen“ würde, müssen sie nun froh sein, getarnte ABM-Arbeitslose zu sein, oder sie wurden bei null Arbeitszeit auf Kurzarbeit gesetzt, oder sie müssen damit rechnen, von der kaltblütigen Marktpolitikerin Breuel abgewickelt zu werden, oder sie wurden schon abgewickelt und hocken nun in ihrer Plattenbauwohnung, die ihnen – mein Gott, wie zynisch darf man in der deutschen Politik sein? – von Herrn Waigel zum Kauf angeboten wird.
Wenn die da unten von der Absicht des Herrn Dr. Kohl und seines famosen Finanzministers hören, „Einschnitte in das soziale Netz“ vorzunehmen, weil wir ja nun in Ansehung der problembeladenen Wiedervereinigung „alle Opfer bringen“ müssten – welche politischen Gedanken werden wohl da unten gedacht?
Ich kenne diese Gedanken, denn noch einmal und mit Scham: Ich war einmal da unten und Nazikind. Meine Mutter, die sich als Putzfrau zuschanden arbeitete, hatte keinen anderen Wunsch als den, dass Hitler kommen möge, um „kurz und klein zu schlagen“, was sie nicht mehr ertrug – so sehr hasste sie den Reichskanzler von Papen, der, feiner Herr, allmorgendlich durch den Tiergarten in Berlin ritt, aber sie hasste auch die Sozis, die Liberalen und das Zentrum und die Fortschrittlichen, denn sie hasste den Staat, der aufgehört hatte, ein Fürsorger zu sein.
So wurde damals da unten empfunden, und heute ist das nicht anders, und so ist es logisch, denn jede Gesellschaft hat den sozialen Rand, den sie verdient. Wer ausgrenzt, vergisst oder vernachlässigt, zu dem kommen die Ausgegrenzten und Vergessenen und Vernachlässigten hassend und rächend zurück. Wer sich einbildet, die Dauerarbeitslosen und die von Herrn Dr. Kohl infam Betrogenen in der früheren DDR hätten bei Wahlen gefälligst wie wir zwischen CDU und SPD und FDP zu entscheiden und loyale und gesetzestreue und für Radikalisierung immune Staatsbürger zu sein, ist ein politischer Idiot.
Radikalisierung ist das legitime Kind staatlichen Versagens. Nein, um Gottes willen, nein, man darf sie nicht billigen, aber man muss ihre Herkunft begreifen. Nein, nicht eine Sekunde lang dürfen wir Nachsicht mit einem haben, der zuerst Sieg Heil schreit und dann einen Molotowcocktail in das Zimmer wirft, in dem Ausländer schlafen, aber wir haben uns zu fragen, wie er wurde, was er ist. Das ist, was mich anwidert: Dass lauter selbstgerechte Mainstream-Bürger leugnen, den Boden bereitet zu haben, auf dem Radikalisierung möglich war.
Was wir den sozialen Rand nennen, wächst, und, weiß Gott, er wächst rascher als irgend etwas in der Volkswirtschaft. Aber täuscht Euch nicht, Ihr bürgerlichen Ignoranten: Dieser soziale Rand ist Dynamit. Er ist vom Staat hausgemachte Destabilisierung. Macht Euch nichts vor, Ihr bürgerlichen Heuchler: Was da rechts brodelt – das habt Ihr angerichtet!
Denn es ist Wort für Wort wahr, was der Sozialwissenschaftler Professor Ernst-Ulrich Huster konstatiert: „Der wachsende Reichtum unserer Gesellschaft gerät in einen immer stärkeren Kontrast zur ebenfalls zunehmenden Armut.“ Dies ist spätestens seit der Zeit des versehentlichen Sozialdemokraten Helmut Schmidt ein gefühlloser, ein kalter, ein krude neo-kapitalistischer Staat geworden, ein Laisser-faire-Staat, der sich hinter der Verniedlichung „soziale Marktwirtschaft“ bloß noch tarnt. Dies ist ein Raffer-Staat geworden, ein Egoisten-Staat.
Damals, in der Dankwartsgrube in Lübeck, haben sie unsere Eltern verrotten lassen, bis sie folgerichtig nur mehr politische Verrottung im Sinn haben konnten und Vernunft nicht mehr kannten. Sie hassten und zahlten heim.
Wir sind wieder soweit. In den Dankwartsgruben von heute wird wieder gehasst. „Die da oben“ werden wieder verachtet. Die Demokratie ist wieder „Scheiße“. Herr Dr. Kohl ist Herr von Papen, und Herr Engholm ist bloß eine etwas andere Verkörperung des Herrn Dr. Kohl, und das Parlament ist wieder eine „Quasselbude“, und die staatlichen Würdenträger sind wieder „Bonzen“, und in Plattenbauwohnungen in Rostock und in Behausungen von Dauerarbeitslosen wird wieder ersehnt, „alles kurz und klein zu schlagen“.
Es kommen hassvoll-verschlüsselte Notsignale vom sozialen Rand. Es kommen Rufe der Verzweiflung, auch Gesten der Verzweiflung, es geschehen auch schreckliche Taten der Verzweiflung. Aber niemand dechiffriert diese Hilferufe.
Statt dessen fordert die Gesellschaft, Herr Dr. Kohl voran, die Gerichte und die Polizei zu hartem Vorgehen auf, und jedermann ist voll von Abscheu und Empörung.
Ich kann mir nicht helfen: Widert mich an.
Rolf Winter lebt als freier Schriftsteller in Braderup/Sylt. Der Text wurde zuerst in der Zeitschrift TEMPO 1/93 (S. 99 f.) veröffentlicht. Wir danken der TEMPO-Redaktion und Rolf Winter für die freundliche Nachdruckerlaubnis.
NAGEL-Redaktion – Kinder und Gewalt
Von Rainer Deimel
Ich fahre in meiner Wohnung vom Stuhl hoch. Ich habe das Gefühl, meine Nackenhaare sträuben sich. Ich könnte aus meiner Haut fahren, an’s Fenster stürzen, fluchen, schreien, schießen… Vor dem Haus hat ein Verkehrsrowdy mal wieder sein Bestes gegeben. Automatisch habe ich ein Bild von dem Rowdy im Kopf.
Nachts wache ich auf. Diesmal war es nicht ein Erdbeben. Aus dem Schlaf gerissen, fühle ich mich in einer ähnlichen Situation. Ein „potenter“ Jungmann donnert in seinem aufgemotzten BMW vorbei, seine 500-Watt-HiFi-Anlage bis zum Anschlag hochgezogen. Die Bässe dröhnen durch die schlaftrunkene Nacht, lassen ihr dumpfes Hämmern durch geschlossene Fenster dringen. Ich habe ein Bild desjenigen im Kopf, der hier durch die Nacht donnert und mich aus dem Schlaf reißt.
Ich gehe über die Straße, sehe dabei rudelweise junge – vor allem „ausländische“ – Männer am Straßenrand stehen. Sie kommunizieren in einer mich „abstoßenden“ Art und Weise miteinander. Ihr chauvinistisches Gehabe beeinflusst weit mehr als die Bürgersteigzonen, die sie belegen. Sie pfeifen Leuten hinterher, starren geil auf Frauenärsche, grabschen, wenn sie können. Mir ist zum Kotzen zumute. Dies prägt ein Bild. Alle Männergruppen an Straßenrändern werden mir zunehmend zuwider.
Tausend Bilder in tausend Situationen. Ich rede von Gewalt. Ich fühle mich durch beschriebene Situationen in meiner Sphäre empfindlich beeinträchtigt, erlebe die Vorgänge als gewalttätig. Dies provoziert bei mir Aggressionen, ich spüre meine eigene Gewalt, oft nur als Ohnmacht.
Wir schalten den Fernseher ein. Sabine Christiansen berichtet aufgeregt und mit verschmierter Schminke über die ersten Angriffe der US-Amerikaner auf Bagdad. Die Nachrichten- und Magazinsendungen berichten permanent über die Kriege in Armenien, Aserbaidschan, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, über die Gewalt an Menschen auf den Philippinen und anderswo auf der Welt. Kinder sind live dabei. Ich halte Informationen über derartige Auseinandersetzungen für unbedingt erforderlich. Gleichzeitig müssen wir uns allerdings darüber im Klaren sein, dass die servierte Gewalt Realitäten und Gefühle verändert. Kinder nehmen daran teil. Neil Postman problematisierte dieses Phänomen in seinem Buch „Das Verschwinden der Kindheit“. Kinder erleben diese Gewalt am Bildschirm. Mir ist oft nicht klar, ob es Kindern gelingt, Nachrichteninformationen und „Spiel“-Film-Szenen auseinander zu halten. Kürzlich wurde darüber berichtet, dass zu Sendezeiten, die vornehmlich von Kindern frequentiert werden, die meisten brutalen Gewaltszenen über die Bildschirme gehen. Besonders die großen Privatsender leisten hier angeblich Pionierarbeit. Abhanden gekommene Schutz- und Schonräume für Kinder werden möglicherweise weiter reduziert. An zahlreichen pädagogischen und sozialwissenschaftlichen Fakultäten wird gegenwärtig über Gewaltphänomene geforscht. Die Aussagen sind unterschiedlich. Ich denke gewiss, dass die „ständige“ Konfrontation mit audiovisueller Gewalt Hemmschwellen niedriger werden lässt, möglicherweise den emotionalen Zugang zur Gewalt vereinfacht und einzelne Kinder auch in der Realität gewalttätiger werden lässt. Bereits vor etlichen Jahren wurde seitens des Pentagons untersucht, wie man die Hemmschwelle bei Menschen herabsenken kann. In der Tat ist es so, dass Menschen leichter bereit sind, zu töten, wenn sie das Töten unter Zuhilfenahme von Computern am Bildschirm „gelernt“ haben. Der Realitätsbezug verkümmert. Kürzlich sagte ein Polizist im Radio seine Einschätzung, die ich sehr interessant fand. Befragt auf die These, dass Gewalt in den Medien Menschen in ihrem Verhalten nicht verändere, gab er zu bedenken, dass dann auch jegliche Reklame unsinnig sei und die Millionen, die für Reklamezwecke seitens der Wirtschaft aufgewendet würden, aus dem Fenster geworfen wären, wenn dauernde Konfrontation auf Dauer bei den Menschen nicht auch etwas bewirke. Dem würde ich mich anschließen. Allerdings glaube ich nicht, dass Schuldzuweisungen in eine bestimmte Richtung sinnvoll sind. Weder Gewaltfilme im Fernsehen, noch Computerspiele oder andere gewaltverherrlichenden Phänomene allein verändern den Menschen zum Monster.
Wir müssen uns zwangsläufig noch mit anderen Zusammenhängen befassen. Wir müssen über unsere eigenen Aggressionen, über Erziehung – unsere eigene und den Stellenwert von Erziehung in dieser Gesellschaft – nachdenken. Wir müssen uns ebenfalls mit struktureller Gewalt befassen. In ihrem Aufsatz „Warum brauchen wir unbedingt ein gesetzliches Verbot der Kinderzüchtigung“ (Anm. d. Red.: Dieser Beitrag war ebenfalls im NAGEL 54/1992 veröffentlicht.), zitiert Alice Miller aus dem Leserbrief eines Theologen. Dieser Brief gibt insofern gesellschaftliche Einstellungen treffend wieder, als da selten unsere hinterlistigen Denkstrukturen so deutlich gemacht werden wie in diesem Fall. Unreflektierte Sprüche wie „Prügel haben noch keinem geschadet, sehen Sie mich doch an!“ kennen wir wahrscheinlich alle. Aber dieser Theologe bezieht seine Heilslehre aus dem jahrtausende alten „Alten Testament“ und sieht im Prügeln „ein von Gott gegebenes vorstaatliches Recht“, das christlichen Eltern unbedingt vorbehalten sein müsse. Dieser Theologe fühlt sich befähigt, zwischen Misshandlung und Bestrafung klar zu differenzieren. Aus meiner Warte halte ich jede (ich wiederhole: jede!) Form von Strafe für unsinnig, schädlich und menschenverachtend. Demnach gehöre ich in den Augen dieses Theologen auch zu denjenigen, die „den pädagogisch fundamentalen Unterschied zwischen Kindesmisshandlung und einer von klaren erzieherischen Grundsätzen geleiteten maßvollen körperlichen Züchtigung, die auf das Beste des Kindes zielt (Hervorhebung des Autors) und nicht vom Affekt bestimmt ist“, nivellieren wollen. Genau! Gewalt gegen Kinder im Affekt, eine weitverbreitete Form in dieser Gesellschaft, wird mittlerweile als Hilfsbedürftigkeit interpretiert. Geplante Gewalt gehört nach Auffassung dieses Theologen zu den christlich-ethisch-vorstaatlichen Grundrechten. Sollte dies tatsächlich so sein, kann ich nur dringend dazu raten, sich vom Christentum zu distanzieren, und selbst einen Teil dazu beizutragen, den Kreislauf der Gewalt teilweise zu unterbrechen.
LehrerInnen in den Schulen klagen über zunehmende Gewalt, die Polizei sieht sich in immer größerem Maße jugendlichen Gewalttätern gegenüber ausgesetzt. Kinderbanden treiben ihr Unwesen, begehen Einbrüche, häufen Diebesgut, werden zunehmend als Rauschgiftdealer aufgegriffen.
Kinder werden niemals von sich aus gewalttätig. Sie reagieren immer auf ihre erwachsenen Identitätsfiguren, auf ihre Vorbilder, ihre Bezugspersonen. Und sie reagieren auf das, was ihnen Staat und Gesellschaft an struktureller Gewalt zumuten. Wenn mir ständig vorgeführt wird, was mir alles zum Glücklichsein fehlt, will ich das auch haben; bekomme ich es nicht, muss ich es mir kaufen oder nehmen, wenn ich es mir nicht leisten kann. Stelle ich mir einmal die Schule vor: Kinder werden also in Schulen immer gewalttätiger. Ich behaupte, Schule ist zunächst einmal ein struktureller Apparat, der gewalttätig ist, der mit Hilfe seiner Instrumentarien über Existenzen befinden kann. Einfühlsame LehrerInnen leiden unter dieser strukturellen Gewalt ebenso wie die SchülerInnen. Kinder erleben also offene bzw. auch subtile Gewalt in der christlich-geprägten Familie (von der moslemischen wollen wir erst gar nicht sprechen), sie erleben offene und subtile Gewalt in der Schule, die von der Schule ausgeht. Kinder gehen nicht aus Spaß zum Rauschgift-Dealen (mit allen seinen – auch sekundären – gewalttätigen Begleiterscheinungen). Kinder werden z.B. zunehmend von Erwachsenen geschickt, da sie strafunmündig sind. Andere Phänomene – wie Hooligans, Glatzen usw. – sind ebenso Reaktionen auf strukturelle Gewalt, die infolge gewalttätiger primärer Sozialisationsformen fruchtbaren Boden finden können.
Von sich aus sind Kinder niemals gewalttätig. Kinder benötigen gar zu ihrer Entwicklung eine Auseinandersetzung mit Gewalt. Wichtige Erkenntnisse hat uns da Bruno Bettelheim zugänglich gemacht. Kinder brauchen Reibungspunkte, Spannung, und Erwachsene müssen ihnen behutsam dabei helfen, aushalten zu können, Konflikte ertragen zu können. Sie müssen ihnen aber vor allem auch Schutz- und Schonräume bieten, ihnen Zuneigung und Liebe geben. Sich in diesem Spannungsfeld halbwegs „vernünftig“ zu verhalten, fällt uns als Erwachsenen, die sich ebenfalls fast ausnahmslos in einer gewalttätigen Sozialisationssituation entwickelt haben, verdammt schwer. Wir müssen dies lernen. Dies bedeutet vor allem, Hinschauen zu lernen. Dies bedeutet einzusehen, dass Prügel sehr wohl schaden, dass andere Formen physischer und psychischer Unterdrückung gegenüber Kindern diese verkrüppeln und vermutlich selbst gewalttätig werden lassen. Die ihre Kinder anschreiende, verprügelnde Mutter im Supermarkt oder in der Sparkasse ist sicherlich überfordert. Aber sie ist auch unfähig, die Verantwortung zu übernehmen, die sie mit der Geburt ihrer Kinder zu übernehmen hat. Sie trägt aktiv dazu bei, ihr Kind zum Gewalttäter zu machen. Ein weiteres Symptom für die beschriebene Gratwanderung fällt mir ein, wenn ich über die „Friedensbewegung“ nachdenke und in diesem Zusammenhang an vermeintlich friedenspädagogische Ansätze. Ein Schauer läuft mir über den Rücken, wenn ich mir vorstelle, mit welcher Hysterie Kindern „“friedliches Verhalten“ beigebogen werden sollte: „Wenn ich bei dir eine Pistole finde, werde ich die sofort in die Mülltonne werfen!“ Ich erinnere mich an meine eigene Kindheit. Wie meine Mutter bestätigt, war ich ein äußerst „friedliches“ (und ängstliches) Kind. Gleichwohl lösen mir die Erinnerungen an unsere Indianerspiele, die natürlich nicht friedlich im Sinne der beschriebenen Teile der Friedensbewegung waren, sehr angenehme Gefühle aus. Bettelheim bestätigt mit seinen Forschungen mein eigenes kindliches Erleben: Kinder brauchen Märchen. Wenn ich mit Kindern zaubere, finden sich eine Reihe „schauriger“ Elemente in der Vorstellung wieder. Und immer wieder erlebe ich, welche Freude Kinder bei diesem „Nervenkitzel“ entwickeln, ohne dass sie deshalb in ihrer Persönlichkeit geschädigt und gewalttätig werden. Eine Szene aus der Zeit des Höhepunktes der Friedensbewegung möchte ich noch beschreiben: Alltag in einer Kindertagesstätte. Die Kinder bauen mit Lego. Ein Junge hat sich einen pistolenähnlichen Gegenstand gebaut. Er nimmt ihn in die Hand und ruft: „Päng, päng, päng!“ Die Erzieherin sieht dies, kommt herbeigestürzt und schreit den Jungen hysterisch an: „Was machst du da?!“ Der Junge – ganz ruhig: „Wieso, ich habe doch nur eine Bohrmaschine!“ Er nimmt die Legopistole in beide Hände, richtet sie gegen die nächste Wand und macht: „Brr, brrrr, brrrmmm …“ Die geneigten LeserInnen mögen, wenn sie wollen, sich anhand dieser Geschichte selbst weitere Gedanken zu machen.
Wenn wir von Gewalt im Zusammenhang mit Kindern sprechen, müssen wir uns weitere Zusammenhänge vor Augen halten. Wie ist es mit meiner eigenen Gewalt? Verdeutlichen meine eingangs genannten Beispiele, wo in mir Aggression ausgelöst wird, wenn ich meine Bilder im Kopf habe, nicht auch, welches Gewaltpotential in mir selbst steckt? Inwieweit bin ich nicht selbst auch beispielsweise „ausländerfeindlich“? Inwieweit sorgen Klischees, die ich im Kopf habe, nicht auch dafür, dass ich selbst fast zur unberechenbaren Bestie werde? Wieso sollten meine Gedanken sonst um gewalttätige Abhilfe kreisen? Gut, ich fühle mehr Ohnmacht als umgesetzte blanke Gewalt. Aber was ist besser an dem Gefühl der Ohnmacht, verbunden mit blinder Wut und Zorn, als an anderen Ausdrucksformen von Gewalt? Natürlich weiß ich, dass ich mit meinem Zorn, mit meiner Wut und meiner Ohnmacht andere Menschen nicht körperlich schädige. Ich schlage halt nicht zu wie die Hooligans und die Glatzen. Aber sind das nicht nur graduelle Unterschiede? Müssen wir nicht möglicherweise radikaler denken, unsere eigenen Aggressions- und Gewaltpotentiale erkennen, deutlicher hinschauen, in welchen Zusammenhängen was passiert, um Erklärungen zu finden, Erklärungen, die unser Verhalten deutlich beeinflussen sollten? Alice Miller wirft den Menschen vor, dass sie oft Unwillens sind, sich zu informieren. Dem würde ich mich anschließen. In uns allen steckt eine Menge an Brutalitäten und Grausamkeiten; diese zu erkennen, zu durchschauen und daraus andere Standpunkte zu entwickeln und entsprechend zu agieren, wäre eine Aufgabe, die es zu bewältigen gilt. Nicht nur der offene Terror, die blanke Gewalt, „medienwürdige“ Vorfälle gilt es zu „problematisieren“. Es reicht nicht aus, Gewalt nur dort zu sehen, wo sie spektakulär ist, etwa im Nazi-Reich, im Çeaucescu-Rumänien, Folter in Latein-Amerika usw., sondern in uns selbst. Dazu gehört auch, unsere Angst zu erkennen, nicht nur die kurzfristige, oberflächliche Angst, sondern die, die tief in uns drin sitzt, die uns zu (mehr oder weniger heimlichen) Ausländerfeinden werden lässt. Dazu gehört auch, sich zu verdeutlichen, dass wir es hier immer noch mit Männerherrschaft zu tun haben, hinter der tagtägliche Gewalt steckt, Gewalt gegenüber Frauen, Gewalt gegenüber Kindern und Gewalt über andere Männer. Und wir müssen Standpunkte entwickeln, die Stellung und Partei beziehen gegenüber strukturellen Formen von Gewalt, gegenüber systemimmanenter Gewalt.
Augenblicklich wird vieles getan, Gewaltphänomene zu vertuschen oder aber falsche Bilder zu vermitteln. Die Metallarbeitgeber machen eine Kampagne mit einem Mann, der eine Handsäge vor sich trägt mit der Aufforderung, nicht an dem Ast zu sägen, auf dem wir alle sitzen. Nur, wenn ich darüber nachdenke, komme ich darauf, dass ich noch nie da oben gesessen habe. Über Jahre wurde uns im Zusammenhang mit Libyen ein Bild des Teufels vermittelt, das sich tief – auch in meinen Kopf – eingeprägt hat. Kürzlich hörte ich den Bericht einer deutschen Frau, die in Libyen gelebt hat. Dieser Bericht half mir, meine bisherige Meinung revidieren zu können. Unsere Medien verschweigen nämlich, dass Libyen eine hohen Bildungsstand, ausreichend zu essen und eine Reihe weiterer gesellschaftlicher Errungenschaften hat. In kaum einem anderen moslemischen Land sollen demnach so viele Rechte für Frauen realisiert worden sein wie in Libyen. Das Gesundheitssystem ist für alle kostenlos. Alle Libyer haben ihr eigenes Haus auf Kosten des Gemeinwesens, da Abhängigkeiten – in diesem Falle gegenüber einem Vermieter – weitgehend abgebaut werden sollen. Unser Bild davon freilich ist ein völlig anderes: eine Terrorgesellschaft mit einem verrückten Anführer, der pausenlos Anschläge auf Flugzeuge plant und Mordgedanken im Kopf hat. Dass dieses Land dann von den US-Amerikanern mal kurzerhand bombardiert wird, müssen wir infolgedessen richtig finden. Auch unsere fachliche Auseinandersetzung um Lebenswelten und Lebensbilder finde ich nicht unproblematisch. Liegt in der Lebensbilder-Theorie zumindest die Gefahr, den Blick zu verstellen. Muss ich dann plötzlich in Einrichtungen auch mit rechtsradikalen Jugendlichen arbeiten? Hebt dieses „kleinräumige“ Denken Klassenunterschiede auf? Gibt es nunmehr keine Ausgebeuteten und keine Ausbeuter mehr? „Das muss jeder für sich selbst ´verantworten´!“ Dieser Satz passt wie kaum ein anderer in diese Zeiten. Er ist genauso richtig wie der Spruch vom Ast, auf dem wir alle sitzen. Er ist Ausdruck einer unsäglichen, freundlichen Vertuschungsmentalität.
Und was macht das mit unseren Kindern? Ihnen gehen zunehmend die Orientierungen verloren, viele haben keine ausreichenden Zukunftsperspektiven, zu wenig Schutzräume, zu wenig Liebe. „Das muss jeder für sich selbst wissen“, bedeutet unter Umständen auch ein Sich-Verlieren im Privaten, ein Absterben kollektiven Miteinanders, das Ende der Solidarität. Kinder sind nicht allein für sich selbst verantwortlich. Kinder sind sehr wohl in der Lage, Verantwortung zu übernehmen, wenn sie es in einer solidarischen Gesellschaft gelernt haben. Verantwortung heißt nicht, auf einem Traum-Ast herumzusitzen. Mangelnde Orientierung im Zusammenhang mit struktureller Gewalt, im Zusammenhang mit gegenwärtiger Sozialisation und den anderen beschriebenen Phänomenen lässt die Hemmschwelle herabsinken und führt schließlich zu größerer Gewalt – auch bei Kindern. Dem müssen wir uns stellen. Dabei werden wir möglicherweise eine Menge (auch „moderner“) Einstellungen zu überprüfen und vieles über Bord zu werfen haben. Und wir müssen uns aktiv am Prozess einer „neuen Solidarität“ beteiligen.
NAGEL-Redaktion – Von herzlichen Vernetzung oder Wie die soziale Pädagogik klammheimlich geopfert wird.
Von Rainer Deimel
Spürbar ist ein Unwohlsein, was oft nicht greifbar ist. Wir haben Phänomenales erlebt. Wir haben erlebt, wie der real existierende Sozialismus den Bach runter gegangen ist. Wir haben die deutsche Vereinigung erlebt. Wir erleben konsequenterweise ein Erstarken der westlichen Gesellschaftssysteme, und wir erleben, wie es sozial- und kulturpädagogischen Einrichtungen und Initiativen trotzdem nicht besser geht. Das Steueraufkommen stieg wieder. In Kommunen und in den Landeshaushalten wird gekürzt. Die Bundesregierung finanziert (Teile) der deutschen Vereinigung über „Solidarbeiträge“. Steuererhöhungen hatte sie ja vorher nicht für notwendig erachtet. Dank des Einsehens von Landespolitikern wurde im nordrhein-westfälischen Landeshaushalt nicht zu drastisch gekürzt. Nur, die Preissteigerungen, z.B. für Personalkosten werden nunmehr nicht mehr bezuschusst. Die Sachmittelzuschüsse sind schon seit Jahren festgefroren. Hoffnungen auf Änderungen haben sich inzwischen jäh zerschlagen. Somit wird der Tod auf Raten beschlossen.
Spürbar ist ein Unwohlsein. Wo wir doch alle anders miteinander umgehen. Wir überlegen uns zwar, wen wir duzen und von wem wir uns duzen lassen, aber irgendwie hat sich der Ton geändert. Wir sind freundlicher, ja herzlicher geworden. Dieter E. Zimmer dokumentiert in DER ZEIT vom 31.5.1991 einige treffliche Ausführungen unter dem Stichwort „Die Neue Herzlichkeit“. Er stellt fest, dass schroffe Lakonie ausgedient habe. Er ist der Auffassung, dass „wildfremde Menschen, die nur ein paar Auskünfte von mir haben wollen, …ihre Briefe mit Lieber Herr…“ anheben. „Der so angeredete bringt es nur noch schwer übers Herz, sich als … unlieb zu erweisen…“. Bei anhaltendem Trend müssten sich „die Partisanen der Herzlichkeit nach schärferem Zeug umsehen“ („mit heißen Küssen“). „Die Neue Herzlichkeit ist nicht auf einige wenige isolierte Formeln beschränkt. Sie weht allüberall. In dem bewussten Supermarkt brummelt die Kassiererin nur abwesend den Preis; aber in dem netten, da wünscht sie einem morgens noch einen schönen Tag, von der Mittagspause an einen schönen Abend und ab Donnerstagnachmittag ein schönes Wochenende, und wenn man den Umstand, dass sie einem tatsächlich einen Fünfzigmarkschein wechselt, mit einem das ist nett oder gar das ist lieb quittiert, tut sie es sogar in Form eines vollständigen Satzes: Dann wünsche ich Ihnen noch ein schönes Wochenende.
Dem Bahnreisenden selbst in der zweiten Klasse schallt alsbald schmeichelnd ein anderer vollständiger Satz ins Ohr: ‚Wir begrüßen Sie (das ‚wir‘ ist das sogenannte Team, eine andere sprachliche ‚Vermenschlichung‘ im Zuge der Neuen Herzlichkeit) im Intercityzug und wünschen Ihnen eine gute Reise. Der Herr, dem man eine aus seiner Zeitung gerutschte Werbebeilage aufhebt, sagt nicht etwa bloß danke oder danke sehr, sondern versichert freudestrahlend: Da bedanke ich mich aber. Die Firma, die die Skilifte betreibt, welche momentan wegen Nebels alle stillstehen, bittet auf der Anzeigetafel im Tal um Verständnis, das in diesem Fall auch nicht schwer fällt, tut aber ein Übriges: Die Luftseilbahnen wünschen Ihnen einen guten Aufenthalt im Dorf. Wo früher kurz und bündig Rauchen verboten stand, hängt ein gestyltes Plakat: Liebe Raucherin Lieber Raucher Bitte rauchen Sie nicht… Der Radioansager (der Moderator) wünscht dem Schlagersänger (dem Interpreten), den er gerade nach seinem Pudel befragt hat, noch weiter viel Erfolg und alles Gute und Schöne im Leben und haut dann seinem ihm unbekannten und unsichtbaren Publikum krachend, aber herzlich auf die Schulter: Machen Sie noch was aus ihrem Tag. Wen meint er? Natürlich Sie und Sie und ganz besonders Sie. Und neulich hörte ich einen Sprecher des Postgiroamtes die Beschwerde, dass die Bearbeitungszeiten viel zu lang seien, wörtlich mit folgendem Satz antworten: Wir beim Postgiroamt haben alle die ganz, ganz sehnsüchtige Hoffnung… (dass es in Zukunft schneller geht). Kein kaltes Amt; wir, ein Team, ein ganz hervorragendes Team sogar, denn kein einziger schert da aus, wir hoffen, und zwar nicht, wie Ämter zu hoffen pflegten (‚wir hoffen auf baldige Erledigung‘), sondern jeder von uns spürt höchstpersönlich den Funken der Hoffnung in seinem Herzen, geradezu ein banges und doch auch frohes Ziehen, das er als Sehnsucht identifiziert und vor dem er wieder (ganz, ganz) klein wird. Das ganze Postgiroamt eine Kinderschar in Erwartung des Christkinds.“
Diese Neue Herzlichkeit täuscht über vieles hinweg. Diese Neue Herzlichkeit lässt sich einordnen in die Reihe von unmerklichem Identitätsverlust. In diese Reihe des Identitätsverlusts gehören symptomatisch Begriffe wie „Senioren“ und eben nicht mehr „Alte“, „Partnerschaft“ („Sozialpartnerschaft“, „Unfallpartner“), aber auch gewiss scheußliche Begriffe, die dem Index zum Opfer gefallen sind wie „Irrenhaus“, „Hilfsschule“ usw.. Ich fühle mich gewiss von dem Beamten verprellt, der mich spüren lässt, dass er „der starke, anonyme“ und möglicherweise obendrein intellektuell gesehen etwas minderbemittelte Staat ad personam ist. Diese Figur hätte meines Erachtens bereits vor Ihrer Kreierung ausgedient haben müssen. Lange Zeit haben wir als PädagogInnen – zumindest in Bereichen der Offenen Arbeit – Autorität abgelehnt. Infolge des Gefühls, von den Jugendlichen und Kindern, ja auch von deren Eltern nicht ernst genommen zu werden, besinnen sich einige von uns wieder auf Autorität, um verlorenes Terrain – in aller Hoffnungslosigkeit – zurückzuerobern. Dies kann nicht der richtige Weg sein. Ein solche Autorität ist durch nichts begründet, weder durch hohes Einkommen, noch durch hochwertige Markentextilen („Kleider machen Leute“), nicht einmal durch intellektuelle Überlegenheit. Wir wissen doch, noch von früher: Doof gebor’n ist keiner, doof wird man gemacht. Gleichwohl ist nachvollziehbar, dass wir es irgendwann leid sind, nicht nur schlecht bezahlt zu sein, obendrein in der Prestigeskala unter fernerliefen herumzuturnen und last not least wenig Möglichkeiten hinsichtlich Jobs außerhalb „der Brandung“ zu haben. LehrerInnen sind insofern etwas besser dran, da sie zumindest pekuniär, temporär und hinsichtlich ihrer Reproduktionschancen ein gutes Stück mehr Luft haben. Ich gebe mittlerweile gar zu, dass es qualitative Unterschiede zwischen PädagogInnen gibt.
Aber was ist mit den Bedingungen? Was hilft uns die Schimäre einer Autoritätsrückgewinnung? Was ist mit den Bedingungen, die mittlerweile in fast allen Bereichen pädagogischer Arbeitsfelder, die von Zuschüssen und Geldleistungen abhängig sind, zu beobachten sind? Ein „Zauberwort“ ist „Vernetzung“. Wir vernetzen uns derartig, dass wir nicht mehr wissen, wo oben und unten und rechts und links ist. Vernetzung, wenn sie möglichst laut und verkaufsträchtig ist. Bevor ich in den Verdacht gerate, ein Gegner einer vernünftigen Vernetzung zu sein, will ich ein wenig aus dem Nähkästchen plaudern. Vor knapp fünfzehn Jahren, fingen wir (d.h. unser damaliges Team) in dem Stadtteil, in dem wir arbeiteten, damit an, uns zu vernetzen. Es war eine verdammt schwere Geburt. Nach dreijährigen Wehen gab es eine Arbeitsgemeinschaft, die bis heute noch existiert. Wir waren schlicht davon überzeugt, dass es wichtig ist, zu wissen, was im Stadtteil „läuft“ bzw. wo „angepackt“, wo was verändert werden müsste. So sind wir losgezogen, „Klinkenputzen“. Wir waren beim Pfarrer, stellten uns im Textilgeschäft vor, kauften bevorzugt im Stadtteil ein, zählten die Telefonzellen und merkten uns, wo sie standen, wir sprachen mit Ärzten und all denen, mit denen wir auch nur im geringsten zu tun hatten. So konnten wir beispielsweise auch einmal – vom Optiker spendiert – mit den Kindern einen Planetariumsbesuch machen. Wir gingen auf die Eltern zu, sprachen mit LehrerInnen, organisierten regelmäßige Elterntreffen in der Kindereinrichtung, standen Menschen auch – und vor allem – in persönlichen Notlagen bei, z.B. wenn es um Zwangsräumungen ging. Und wir schlossen uns kurz, etwa mit dem Sozialdienst, der ebenfalls zur Arbeitsgemeinschaft dazukam. Unsere Absicht war, Bescheid zu wissen, über die Menschen, mit denen wir arbeiteten, Zusammenhänge herzustellen und zu begreifen. Und schließlich gab es einmal im Jahr ein gemeinsames spektakuläres Kulturfest. Jetzt werden viele sagen: Ein oller Hut! Gewiss, gewiss, wenn man bedenkt, dass sich dies vor zehn bis 15 Jahren zutrug. Ganz abgesehen von den internen Geburtswehen (Vertrauensbildung, Offenheit, Konkurrenzabbau usw.) waren derartige Aktivitäten außerhalb der üblichen Norm. So verlangte der öffentliche Träger der Jugendhilfe, dass schriftlich zu begründen sei, um welche Kontakte es sich denn da handele und was dort getrieben würde, denn „selbst der Kontakt zum Pfarrer um die Ecke“ sei genehmigungspflichtig.
Dann plötzlich schwabberten die ersten kleinen Wellen aus dem Meer der Neuen Herzlichkeit herüber. Einige TheoretikerInnen propagierten – wie ich meine zu Recht – die Vernetzung, Stadtteilarbeit, soziokulturelle Ansätze usw. Und wie die Zeitgeistironie will, wurden uns plötzlich keine Steine mehr in den Weg gelegt (jedenfalls nicht in diesen), wir waren eher Beispiel. Und in den Stadtteilen, wo derartige Strukturen nicht gewachsen waren, sollte dem urplötzlich nachgeeifert werden.
Wie dem auch sei, Vernetzung ist das Zauberwort. Je nach Webart können Netze das Auge trüben, Zustände verdecken, und Netze können auch dazu geeignet sein, Fische zunächst aus dem Meer und später aus dem „Verkehr“ zu ziehen. Netze können Kontrolle verstärken. Was nicht heißt, es solle nicht kontrolliert werden. Ich wäre der letzte, der Einrichtungen die Stange halten würde, deren Funktion sich beispielsweise darin erschöpft, dass MitarbeiterInnen sie als „private“ Einrichtung für ihre jeweiligen mehr oder weniger kreativen oder kulturellen Bedürfnisse pflegen, der Jugendhilfebedarf im Stadtteil nicht mehr zur Kenntnis genommen wird. Gerade in dieser Beziehung halte ich eine Kontrolle für unumgänglich. Eine Kontrolle allerdings muss fachlichen Gesichtspunkten entsprechen. Es kann hierbei nicht um Größen wie Quadratmeternutzungszahl gehen. Die Erfolgskriterien müssen sich am Jugendhilfebedarf messen. Und hierbei kann Vernetzung ein willkommenes Instrumentarium sein. Vernetzung kann der Evaluation auf größerer Ebene gute Chancen geben mit dem Ziel, die pädagogische Arbeit im Stadtteil effektiv zu verbessern.
Vernetzung ist kein Instrument der Marktwirtschaft. Und ohne ausreichende Subventionen der Jugendhilfe ist Vernetzung nicht möglich. Sie bleibt Augenwischerei. Es läuft darauf hinaus, dass nicht diejenigen Überleben werden, deren wesentliches Interesse die Jugendhilfe ist, die sie oftmals „im Stillen“, aber mit „Tiefgang“ betreiben, sondern die, die viel Geschrei um „Oberflächliches“ veranstalten, die sich gut „verkaufen“ können, deren Feste am besten besucht sind, wo möglicherweise das meiste Bier verkauft wird (Vorsicht: Sarkasmus!), die Zirkusparaden veranstalten, Hauptsache: laut und Hauptsache: bunt. Und währenddessen wird munter gespart, gekürzt und hier und da Karriere gemacht. Mit pseudokommerziellen Rummel wird in der Fußgängerzone der dankbaren Öffentlichkeit einmal wieder ein Wipppferdchen übergeben. Vielleicht steht’s vor der Pommesbude, die für Kinderfeste auch lustige Clowns zu vermieten hat mit vielen, vielen Burger-Überraschungen. Man könnte es dann gleich mit der Rutsche vor dem Kaufhaus, was im Zuge des kinderfreundlichen Politklimas gute Geschäfte mit den lieben Kleinen wittert, vernetzen. Daraus lassen sich dann ganze Spiellinien bauen, kunstvoller als Spinnennetze. Kostenbeteiligung ist nahezu eine Selbstverständlichkeit. Vielleicht etwas platte Beispiele angesichts des steigenden und steigenden Einnahmebooms von Wirtschaft und Handel in den letzten Jahren in Westdeutschland. Die meisten Unternehmen haben eine gute Mark gemacht und die öffentlichen Hände kürzen und kürzen, weil ihnen zunehmend Scheibchen für Scheibchen abgeschnitten wird. Über Prunk-Theater- und andere Bauten will ich mich jetzt nicht auslassen. JedeR von uns muss sich manchmal auch einen netten und teueren Fummel leisten.
Und jetzt spüren wir wieder dieses dubiose Unwohlsein. Wie ist denn das möglich? Es wird gekürzt und gekürzt. Was tun wir tagtäglich? Wir reißen die besten Projekte auf und ab. Wir hecheln der Presse hinterher. „Öffentlichkeitsarbeit“, nicht in dem Sinne, dass wir für unseren Stadtteil transparent werden, sondern dass wir möglichst oft in der Zeitung stehen, im Lokalradio oder -fernsehn erscheinen: „Kids, tigert zum Jugendzentrum, hier produzieren die SozialarbeiterInnen die besten Pommes, gleich nach der Frittenschmiede ‚Zum Plastikdreizack‘ auf der Bahnhofstraße!“
Es ließe sich noch weiter auf die Spitze treiben. Aber darauf kommt es nicht an. Es kommt vielmehr darauf an, Aufträge des Kinder- und Jugendhilfegesetzes ernst zu nehmen, eine ordentliche Jugendhilfeplanung durchzuführen und danach zu handeln. Es kommt darauf an, dass Kommunen und Länder endlich einmal ganz massiv deutlich machen, dass Jugendhilfe nicht nach Prinzipien der Marktwirtschaft funktioniert, sondern dass sie ein unumgängliches „Subventionsgeschäft“ in einer Gesellschaft darstellt, die Sozialstaatlichkeit für sich reklamiert. Es kommt auch darauf an, deutlicher zu machen, dass das Argument von der unterschätzt teueren DDR auf unabsehbare Zeit nicht dazu herhalten kann, direkte und indirekte Kürzungen, zu legitimieren. Es kommt auch darauf an, dass diejenigen, die ihren Jugendhilfeauftrag ernst nehmen, deutlich machen, dass sie „die Schnauze voll“ haben. Es kommt weniger darauf an, dass der moderateste Vernetzer irgendwann karrieremäßig mit dem Amt eines Kinderbeauftragten abgefunden wird. Auch gegen dieses Amt will ich nicht unisono anstänkern. Ich halte es gar für ein wichtiges Amt, solange es unabhängig – sprich im Sinne der Kinder – wahrgenommen werden kann. Überflüssig ist es, wenn es lediglich der Profilierung bestimmter Leute dient. Und darüber hinaus sollten Profilneurosen eher etwas für die Psychiatrie sein. Wenn Kinderinteressen nur sekundär, tertiär oder peripher eine Rolle spielen, brauchen die Kinder dieses Amt nicht.
Man kann Kinder- und Jugendinteressen nicht mit einem Amt in der Administrative dienen, wenn diese nicht unmittelbar und unabhängig Einflüsse gewinnen können. Kinder sind unmittelbar, demokratisch, mündig zu beteiligen. Kinderfreundlichkeit qua verbum gleich auch als Kinderfreundlichkeit hinzunehmen, ist möglicherweise ein Irrtum. Da halte ich es lieber mit den AntipädagogInnen, die fordern, Kinder von vornherein vorbehaltlos zu beteiligen, auch wenn es für uns als Erwachsene oft bis an die „Schmerzgrenze“ geht. Ich erlebe allerdings – auch ohne autoritäres Gehabe – , dass Kinder diese Schmerzgrenze begreifen lernen, selbst wenn ich ihnen dabei manchmal sagen muss, dass sie mir jetzt „den Buckel runterrutschen“ oder mich sonst wo können…
Nur, ernst nehmen muss ich sie. Ich muss sie, genauso wenig wie die Jugendlichen, ein- und volllullen, sondern ihnen zum Beispiel sehr deutlich machen, dass ich keinen Bock mehr habe, Einsparungen, Vernetzungen und Verblendereien auf ihre Kosten widerspruchslos hinzunehmen.
NAGEL-Redaktion – Abenteuer – nur im Kinderbuch?
Von Christiane Richard-Elsner
„So lebe ich jetzt“ von Meg Rosoff ist ein mehrfach preisgekröntes Kinderbuch, das sowohl in den angelsächsischen Ländern als auch in Deutschland ein wirtschaftlicher Erfolg war. Es handelt von einem fünfzehnjährigen, magersüchtigen Mädchen aus New York, das einen Sommer bei der Verwandtschaft in England verbringen soll. Die drei Cousins und die Cousine leben auf einem abgelegenen Hof mit Tieren und einem Gemüsegarten. Sie gehen nicht zur Schule, sondern lernen selbstständig, kaum kontrolliert durch ihre Mutter. Diese ist als Friedensaktivistin sowieso dauernd unterwegs und verschwindet dann aus der Handlung. Denn ein Krieg, dessen Gründe und Fronten bis zum Schluss unklar gehalten werden, aber wohl durch den New Yorker Bombenterror 2001 inspiriert ist, bricht aus und unterbricht alle Verkehrsverbindungen. Die Isolation der Jugendlichen auf ihrem paradiesisch anmutenden Hof wird durch Seuchengefahr noch weiter getrieben. Das alles ist zunächst nicht angstbesetzt, sondern wirkt wie die einzige Möglichkeit, dem krankmachenden Leben in einer Patchworkfamilie und dem Gehacke innerhalb der Peergroup in der Schule zu entfliehen und ein selbstbestimmtes Leben zu leben. Radikal wird hier vorgeführt, was die Anziehungskraft kommerziell erfolgreicher Kinderbücher ausmacht: Selbstbestimmung, die Möglichkeit, seine Umwelt selbst zu gestalten, kaum beeinflusst durch Erwachsene. Wobei Umwelt sowohl die natürliche als auch die soziale Umgebung meint. Das bedeutet nicht, das Erwachsene nicht vorkommen, aber nicht als diejenigen, die die Kinder an die Hand nehmen und ihnen die Welt zeigen, also überspitzt gesagt: Eine Welt ohne Pädagogen.
Dieses Muster findet sich z.B. in den „Pippi Langstrumpf“-Bänden von Astrid Lindgren. Auch die „Fünf Freunde“ in der gleichnamigen Reihe von Enid Blyton kommen problemlos ohne pädagogischen Beistand aus, wenn sie sich auf Verbrecherjagd begeben. Pippi Langstrumpf ist ein mutterloses, dafür bärenstarkes Mädchen, dessen Vater als Seemann leider unabkömmlich ist. Die Eltern der „Fünf Freunde“ haben, wenn die Kinder in den Ferien aus dem englischen Internat kommen, nie Zeit, sich um die Kinder zu kümmern, die deshalb ungestört Bösewichte aller Art jagen können, die sich pünktlich zum Ferienbeginn einstellen. Diese Radikalität der Arrangements, mit denen Autoren Freiheit für ihre kindlichen Protagonisten schaffen, findet man nicht immer. In der deutschen Kinderkrimireihe „TKKG“ von Stefan Wolf gehen die jugendlichen Helden nach dem Schulunterricht auf Verbrecherjagd, genauso wie die Kinder in Thomas Brezinas „Tiger-Team“-Reihe. Auch die „Wilden Kerle“ von Joachim Masannek sind nur nachmittags wild. Die „Wilden Hühner“ der Reihe von Cornelia Funke finden ihr Gleichgewicht in ihrer Bande und an ihrem Rückzugsort, einem Wohnwagen im Wald, der sie aufatmen lässt, diesmal nicht von der Verbrecherjagd, sondern von den Verwicklungen der Realität, in der Eltern eben nur begrenzt Geborgenheit geben können. Vielleicht reichte der Freiraum, den Kinder in Deutschland durch die Halbtagsschule bisher hatten, und eine Umwelt, in der man auch als Kind mit dem Fahrrad, zu Fuß oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln mobil sein kann, bisher als Kern aus, um Handlungen zu entwickeln, die sich zumindest so abspielen könnten.
Lesen bildet. Lesen fördert die Sprachkompetenz. Durch Bücher lernen Kinder Wörter und Ausdrücke kennen, die sie bisher in ihrer Umgebung nicht bewusst wahrgenommen haben. Lesen ist mit weit mehr Aktivität verbunden als das Fernsehen. Nur mit eigener Konzentration werden die Worte erfasst, aus denen im Gehirn Bilder produziert werden, die der Leser mit dem Gelesenen assoziiert. Abstrakte Gedanken können über Bücher weit besser transportiert werden als über Fernsehbeiträge. Im Buch kann die Innenwelt der Handelnden ausgedrückt werden. Insbesondere Kinderbücher regen deshalb zur Auseinandersetzung mit den Gefühlen und Gedanken der handelnden Personen an. Es erleichtert, die eigenen, möglicherweise unguten Gefühle auch bei anderen wiederzuerkennen und dadurch besser annehmen und bewältigen zu können. Anerkannte Autoren und Autorinnen von Kinderbüchern wie Astrid Lindgren oder Cornelia Funke verstehen es, spannende und unterhaltsame Handlungen in Verbindung zu bringen mit den alltäglichen Gedanken und Gefühlen, die jeder von sich selbst kennt. Diese Stärke der Belletristik wird im Film nicht annähernd erreicht.
Einrichtungen wie die „Stiftung Lesen“, aber auch Lehrer und viele Eltern fördern zu Recht die Leselust von Kindern. In einigen Büchern wird sogar das Lesen und der Umgang mit Büchern zu einem Thema, wenn nicht sogar zum zentralen Thema gemacht. Bibliotheken sind beliebte Schauplätze von Handlungen. In der „Tintenherz“-Trilogie von Cornelia Funke sind Bücher der Lebensinhalt der Heldin und ihres Vaters. Buchhelden können sogar in das reale Leben versetzt werden bzw. Leser in die Buchwelt. Die Trilogie endet aber gar nicht bücherfreundlich. Die Heldin und ihre Familie befinden sich in einer mittelalterlichen, magischen Buchwelt, in der so gut wie niemand liest, Gewalt an der Tagesordnung ist, insgesamt aber überschaubare Verhältnisse herrschen. In dieser Welt weiß jeder, wie die Nahrungsmittel und die Güter des täglichen Bedarfs hergestellt werden. Alle Angelegenheiten werden über persönliche Kontakte geregelt. Die Heldin fühlt sich in dieser Welt viel wohler als im Europa zu Beginn des 21. Jahrhunderts und beschließt, dort zu bleiben.
Kinderbücher werden auch in unserer Zeit, in der Kinder über soviel Geld verfügen wie nie zuvor, vor allem von Erwachsenen für Kinder gekauft. Trotzdem, wenn ein Buch erfolgreich sein soll, muss es auch gern gelesen werden, sonst wenden sich auch Erwachsene als Käufer anderen Autoren oder Genres zu. Gehen wir also davon aus, dass Kinderbücher, wenn sie einen großen kommerziellen Erfolg haben, Vorstellungen und Träume von Kindern aufnehmen und wiedergeben. Erfahrene ehemalige Kinderbuchleser und heutige Kinderbuchkäufer wissen, dass viele Kinderbücher von beiden Geschlechtern gleichermaßen gern gelesen werden. Dennoch gibt es Kinderliteratur, die sich vorwiegend an Mädchen richtet, und eine mit der Zielgruppe Jungen. Das heißt, auch die Träume von Jungen unterscheiden sich zum Teil von denen der Mädchen. Allen gemeinsam ist aber aktives Handeln der kindlichen Helden in der fiktiven Welt.
Typische Mädchenbücher sind eher in der wirklichen Welt angesiedelt. Beziehungskonflikte nehmen einen großen Raum ein. Obwohl nur ein Bruchteil der deutschen Mädchen ein Internat besucht, spielen Internate als Schauplätze eine große Rolle. Sie haben den Vorteil, dass die Kinder viele Konflikte unter sich ausmachen können. Pferdebücher sind der Inbegriff von Mädchenbüchern. Die Mädchen haben eine innige Beziehung zum Tier und können sich in ihrer Verantwortung für das Tier bewähren. Die vielen Personen, die auf einem Reiterhof zusammentreffen, geben Raum für Beziehungskonflikte. Die Umgebung von Reiterhöfen sowie Ausritte bieten eine Begründung für einen Aufenthalt in der Natur und Schauplätze für Abenteuer, die weniger dramatisch ausfallen als die in typischen Jungenbüchern. Mädchenbücher spiegeln wider, dass Mädchen in der heutigen Welt leichter als Jungen Freiräume finden, in denen ihre Träume angesiedelt werden können. Dies korrespondiert damit, dass Mädchen die derzeitigen Kindheitsvorstellungen von Erwachsenen eher als ihnen gemäß empfinden und im Bildungssystem erfolgreicher sind als Jungen.
Generationen von Jungen verschlangen die Bücher von Karl May. Geschrieben wurden sie im ausgehenden 19. Jahrhundert für eine Gesellschaft, die gerade ihre nationale Einheit gefunden hatte und sich bewusst war, dass der Westen mit seinen Werten auch noch den letzten Winkel der Erde dominierte. Die Bücher von Karl May spielen im Wilden Westen der USA, in China oder im Osmanischen Reich, dort, wo die Welt noch ungeordnet war. Stets kämpft eine Reihe edler Männer für die gute Sache, angeführt vom Ich-Erzähler, dem unfehlbaren Helden, der jede Situation meistert. Realistischerweise darf man annehmen, dass weniger das auch deutschtümelnde Pathos dieser Bücher die Ursache ist, dass sie jetzt kaum noch jugendliche Leser finden, als eher die Tatsache, dass sie auf den ersten hundert Seiten selten zur Sache kommen und umfangreiche Beschreibungen von Landschaft und Charakteren enthalten. Heutige Jugendliche sind harte Schnitte und ein schnelles Vorantreiben der Handlung im Film und in Computerspielen gewöhnt.
Denn an Pathos fehlt es heutigen erfolgreichen Jungenbüchern, den Fantasyromanen, nicht. Das Überwinden von Gefahren, die Treue unter Freunden und Verbündeten spielen eine große Rolle. Ebenso wie bei Karl May sind Gut und Böse klar erkennbar voneinander geschieden, wobei das Böse unter Einsatz des eigenen Lebens besiegt werden muss. Es hat sich eine eigene Phantasiewelt herauskristallisiert, die von verschiedenen Autoren genutzt wird, abgeleitet von dem Fantasyroman schlechthin: der „Herr der Ringe“-Trilogie von John Tolkien. In dieser Welt gibt es als Handelnde neben Menschen auch Elfen und Zwerge und andere Wesen mit magischen Fähigkeiten. Die Geschichten spielen abseits einer geordneten Zivilisation. Die Natur bietet Schauplätze zum Kämpfen, zum Verstecken und für idyllische Lager; sie kann sich den Handelnden mit feindlichen Wesen entgegenstellen oder unerwartet helfend Überlebensmöglichkeiten bieten. Festzuhalten ist, dass viele erfolgreiche Jungenbücher heute nicht in wirklichkeitsnahen Umgebungen angesiedelt sind. Haben typische Jungenträume keinen Raum in der modernen Wirklichkeit? Vielleicht ist dies auch ein Grund, dass Jungen im derzeitigen Bildungssystem schlechter abschneiden.
Kinder beiderlei Geschlechts sind neugierig. Für Kinder ist die ganze Welt voller Geheimnisse, die jene nach und nach preisgibt. Ein Geheimnis zu lüften ist mit positiven Gefühlen verbunden, mit Spannung, Atemlosigkeit, Erregung, mit dem Gefühl, in einer Sache aufzugehen und den Rest der Welt um sich zu vergessen. Die positiven Gefühle beim Lüften von Geheimnissen, der Neugiertrieb bei Kindern ist die von der Evolution zur Verfügung gestellte Lernhilfe für Kinder, ohne die wir Menschen als Art nicht überleben könnten. „Verstecken“ und „Suchen“ ist ein Spiel, das bereits Kleinstkinder fasziniert. Alle Krimis bauen darauf auf, dass der Held, die Heldin oder eine Gruppe von Helden ein Geheimnis aufdecken. Aber auch fremde Welten, wie sie in historischen Romanen für Kinder vorkommen, oder Phantasiewelten sind geheimnisvoll und packen die kindlichen Leser, weil das Verhalten der Umwelt oder der Personen aus dem bisherigen Erfahrungshintergrund nicht erklärlich ist. Bekannte Beispiele sind „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ von Michael Ende, Otfried Preußlers „Räuber Hotzenplotz“ und „Krabat“, von Cornelia Funke „Drachenreiter“, die bereits erwähnte „Tintenherz“-Trilogie sowie viele andere Bücher – und natürlich aus dem englischsprachigen Bereich die „Harry Potter“-Reihe von Joanne K. Rowling. Auch die wahrscheinlich erfolgreichste Kinderbuchschriftstellerin überhaupt, Astrid Lindgren, hat mit „Ronja Räubertochter“ eine Welt geschaffen, die abseits der Erfahrung von Kindern spielt. Neben den Geheimnissen, die Phantasiewelten enthalten, haben sie den Vorteil, dass Kinder oder die Heldin, der Held, mit denen sich die Kinder identifizieren, eine machtvollere Rolle haben, als Kinder sie in der realen Welt einnehmen.
Aber die Gegenwelt in den „Harry-Potter“-Bänden oder in der „Tintenherz“-Trilogie begeistert nicht nur Kinder. Phantasiewelten sind nicht nur bei Kindern und Jugendlichen, sondern auch bei Erwachsenen beliebt, wie der Hype um die „Herr-der-Ringe“-Filme zeigte. Einfachheit, Überschaubarkeit, Selbstversorgung, Naturnähe, persönliche Beziehungen statt Anonymität, einfache Einteilungen in Gut und Böse, religiös-magische Weltdeutungen, die über dem modernen Effizienzdenken stehen: diese Motive finden sich nicht nur in Kinderbüchern immer wieder. Der imaginäre Aufbau einer Gegenwelt begleitet die Moderne seit ihren Anfängen im 19. Jahrhundert. Zivilisationsflucht und damit Kritik der Moderne war schon immer ein Kennzeichen moderner Literatur. Besonders in der Romantik wurden Gegenwelten zur hässlichen, effizienzbedachten, fortschrittsliebenden damaligen Gegenwart aufgebaut. Phantasie, zu Zeiten der Romantik gefeiert, wird auch heute von vielen Pädagogen als Qualitätskriterium für Kinderliteratur angesehen. Dennoch haftet ihr etwas Weltfremdes an, wird sie nur auf dem Boden der Literatur oder im Kunstunterricht gewünscht. Denn wir alle profitieren ja von der modernen Welt. Und diese ist auf Effizienz ausgerichtet, sodass für kindliche Phantasien eben nur zu genau festgelegten Stunden in genau festgelegter Umgebung Zeit ist. Sind phantastische Gegenwelten im Kinderbuch ein Ersatz für nicht mehr vorhandene Freiräume in der modernen Welt?
Interessanterweise werden auch Bücher, die gar keine phantastischen Umgebungen präsentieren, mit dem Vorwurf konfrontiert, weltfremde Harmonie zu präsentieren. Es ist die Rede von „Wir Kinder aus Bullerbü“ und „Ferien auf Saltkrokan“ von Astrid Lindgren. Viele Kinder, vor allem Mädchen, lieben diese Bücher, weil sich in diesem Buch eine ideale Spielwelt auftut. Bullerbü, ein winziges Bauerndorf im Schweden der zwanziger Jahre, und Saltkrokan, eine Schäreninsel in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts, sind überschaubar, die Menschen sind freundlich, für Kinder gibt es tausend und eine Möglichkeit, kreativ zu spielen. Die Menschen in Bullerbü leben von dem, was sie selbst erzeugen. Tiere sind ein selbstverständlicher Bestandteil des Alltags.
Bevor man diese Bücher aber als zwar wunderschöne, aber weltfremde Idyllen abtut, sollten Erwachsene sie noch einmal lesen und ihr Urteil nicht nur auf den (schönen) Erinnerungen an die Lektüre in der eigenen Kindheit aufbauen. Als Erwachsener liest man plötzlich weniger Harmonie heraus. Ja, man könnte die Geschichten aus Bullerbü durchaus umschreiben zu einem sozialkritischen Buch, über ein Kinderleben, das heutigen Kindern nicht zugemutet werden kann. Jeden Tag müssen die Kinder – zum Glück sind sie hier in einer Kindergruppe, aber was wäre, wenn sie allein wären? – den kilometerweiten Weg zur Schule laufen. Im einzigen Haus unterwegs lebt ein gewalttätiger und alkoholkranker Schuster, zu dem die Kinder häufig geschickt werden, um Schuhe flicken zu lassen. Im Winter werden die Kinder von der Lehrerin, wenn auch schlechten Gewissens, in den Sturm geschickt. Nein, die Eltern holen die Kinder nicht von der Schule ab. Immerhin kommen sie ihnen mit dem Schneepflug entgegen.
Harte Mitarbeit auf dem Hof gibt es auch. Müssen die Kinder nicht nachmittags den weiten Weg ins Dorf noch einmal machen zum Einkaufen? Die Kinder müssen drei Tage im Frühjahr Rüben verziehen. Nur wer auf dem Land groß geworden ist, weiß, was das bedeutet. Zum Verfüttern an die Kühe im Winter wurden früher Wasserrüben im zeitigen Frühjahr eingesät. Wochen später, wenn der Samen aufgegangen ist, also junge Pflänzchen viel zu dicht aus dem Boden schauen, müssen die überzähligen ausgezogen werden. Diese öde Arbeit auf einem kahlen Feld, vielleicht bei Nieselregen und Kälte, ist das Langweiligste, was man sich vorstellen kann; eine Feldreihe erscheint endlos. Die Kinder auf Bullerbü haben sich die Zeit mit Sprachspielen verkürzt. Aber nach heutigen Begriffen ist das Kinderarbeit, wie sie in der dritten Welt gang und gäbe ist und vom Westen angeprangert wird.
Spielen die Kinder aus Bullerbü denn harmonisch? Wenn man „Bullerbü“ als Erwachsener liest, kommen einem doch einige Bedenken! Ist nicht der Älteste der Angeber, der immer alles bestimmen möchte und meistens seine Spielideen durchsetzt? Die Kinder haben häufig Auseinandersetzungen, sie streiten sich. Es dauert manchmal lange, ehe überhaupt gespielt wird. Für heutige Erwachsene ist Kinderstreit anstrengend. Wie weit gehen die Kinder? Verletzen sie sich im Streit? Geht etwas kaputt? Was denken die anderen von meinem Kind? Vor allem aber interpretieren Erwachsene Kinderstreit in dem Sinne, wie sie selbst Konflikte austragen. Wenn Erwachsene streiten und dabei laut werden, ist das Maß schon ziemlich voll, und die Folgen der Wut sind nicht nach fünf Minuten vergessen.
Und wie empfinden die kindlichen Leser das? Als normal. Die Auseinandersetzung mit anderen Kindern gehört zum Leben dazu. Aufwallende Gefühle von Neid, Wut, Missgunst, Sich-unterlegen-Fühlen, Empörung, Angst, aber auch Freude und überschäumende Fröhlichkeit sind kurz und heftig. Sie werden, je jünger das Kind ist, um so direkter geäußert und schnell wieder vergessen. Was in der Erinnerung überwiegt, ist die Freude am gemeinsamen Spiel, an Entdeckungen und kleinen Abenteuern. Auf Saltkrokan ist die Kindergruppe nicht so geschlossen, wie man es aus der Erinnerung meint. Stina, die Jüngste, ist oft ausgeschlossen, weil sie zu klein ist. Sie hätte gern so einen schlauen Hund, wie Tjorven ihn hat. Sie hat aber nur ein Lamm, das als Spielkamerad nicht so vielfältig einsetzbar ist wie ein Hund. Infolgedessen hat sie auch einen niedrigeren Status in der Kindergruppe. Auch Tjorven und Pelle spielen durchaus nicht so harmonisch, wie man es in Erinnerung hat. Jedes Kind hat seine Eigenheiten, fühlt sich mal beleidigt oder ausgeschlossen oder sucht bewusst das Alleinsein.
Wer als Erwachsener „Bullerbü“ und „Saltkrokan“ liest, bei dem kommt manchmal das Gefühl von Langeweile auf. Ist es denn wirklich so spannend, dass die Kinder mit dem Boot auf den kleinen See fahren? Wo ist der Spannungsbogen, wenn die Kinder allein in der Scheune übernachten? Oder es regen sich Gefühle des Unbehagens. Pelle ist schon wieder allein im Wald? Ist sein Sozialverhalten nicht gut genug, dass er es nicht die ganze Zeit mit den Anderen aushält? Die arme Stina, sie hat anscheinend eine alleinerziehende Mutter, die froh ist, wenn das Mädchen im Sommer bei ihrem Großvater ist. Da können die anderen Kinder sie doch mitspielen lassen!
Vielleicht entwickelt sich bei den erwachsenen Lesern auch die befreiende Erkenntnis, dass sie diese Bücher als Kind geliebt haben und sie unbedingt auch so spielen wollten. Vielleicht erinnert sich der Leser und die Leserin auch daran, dass sie selbst durch andere Kinder ausgeschlossen wurden, dass das aber nicht so schlimm war. Ebenso konnte der Leser oder die Leserin es als Kind durchaus mit dem Gewissen vereinbaren, andere Kinder auszuschließen, sie zu beschimpfen oder zu beleidigen. Weltfremd ist nicht „Bullerbü“, sondern die Annahme, harmonisches Kinderspiel komme ohne Auseinandersetzungen und ohne negative Gefühle aus. Kinderspiel trainiert das „wirkliche Leben“, das Lösen von Konflikten, das Einüben von Kompromissen als Voraussetzung für gelungenes Miteinander.
Es scheint selbstverständlich zu sein, dass Kinder in Kinderbüchern eine aktive Rolle haben. Romane für Erwachsene handeln ja auch von den Aktivitäten von Erwachsenen. Nur gibt es eine Diskrepanz zwischen der Rolle von Kindern in der modernen Welt und der der Erwachsenen. Jeder Erwachsene muss sein Leben selbstständig organisieren und übernimmt häufig noch Verantwortung für andere, ob im Privatleben oder im Beruf. Er oder sie hat Gestaltungsspielraum; Kinder erleben sich als abhängig von Erwachsenen. Besonders im modernen Leben gibt es kaum noch Möglichkeiten für Kinder, unabhängig von Erwachsenen zu gestalten. Ob als wohlmeinende Pädagogen, als genervte Bezugspersonen oder als anonyme Stadtplaner schränken Erwachsene den Freiraum für Kinder immer weiter ein. Ein Blick auf das, was in erfolgreichen Kinderbüchern nicht thematisiert wird, ist durchaus erhellend: Obwohl Kinder die Geborgenheit durch ihre Eltern mehr als alles andere benötigen, wird dies in Büchern eher selten thematisiert; sie wird als selbstverständlich vorausgesetzt. Die Beziehung zu den Eltern steht so gut wie nie im Vordergrund, oft aber die Suche nach Eltern, wenn diese fehlen. Die Inhalte von pädagogischen Angeboten, seien es der Schulunterricht, Sportangebote oder Aktionen wie der museumspädagogische Rundgang durch ein Schloss kommen nicht vor. Nur die Pausen oder der Schulweg dienen als Setting, in dem etwas „passiert“. Medienkonsum wird höchstens erwähnt, aber dies auch nur selten, und schon gar nicht seitenlang detailliert geschildert. Leistungen, die Eltern erbringen, wie die Autofahrt zur Schule, werden nicht thematisiert. Sie sind als Gelegenheit für „Erlebnisse“ nicht relevant. Im Gegenteil erwachsen sogar Handlungen daraus, dass verwöhnte und überbehütete Kinder im Verlauf des Buches gezwungen sind, alte Bequemlichkeiten und Egoismen abzulegen, um zu einer Gruppe dazugehören zu können. Auch hier stößt man auf die Präferenz für das aktive Tun. Wenn man den Tagesablauf eines heutigen Kindes zugrundelegt, mit vier Stunden Medienkonsum und acht Stunden Schule, bleibt wenig Zeit für eigene Erlebnisse, die es wert sind, mitgeteilt zu werden.
So kann man die „Harry-Potter“-Bände nicht nur als eindrucksvolle Imagination von Joanne K. Rowling verstehen, sondern als eine Gegenwelt zur realen Schulwelt. Vielleicht bietet das normale Schulleben in Großbritannien mit Ganztagsschule, eingeschränkter Mobilität von Kindern im Alltag, Fast Food und Medienkonsum so wenig Gelegenheit zur Aktivität, dass spannende Kinderbücher mit Bezug zum realen Leben nicht denkbar sind. Kinderbücher, die zwar nicht die Verkaufslisten anführen und wohl eher von Erwachsenen für Kinder in wohlmeinender Absicht gekauft werden, behandeln Problemlagen, in denen Kinder und ihre Familien sich befinden können. Es geht um Scheidung, Arbeitslosigkeit, Umzug, Gewalt in der Familie, die Mitgliedschaft in Sekten, sexuellen Missbrauch, Krankheit, Drogen oder Tod. Diese Bücher sind wichtig und tragen dazu bei, dass Kinder Verständnis für diese Probleme entwickeln, sie vielleicht, wenn sie selbst betroffen sind, besser einordnen und sich mit ihren Bedürfnissen geeignet artikulieren können. Die Handlungen dieser Bücher spielen auf dem harten Boden der Realität. Häufig geht es um problematische Erwachsene und Kinder als Opfer. Aber sind dies die letzten Abenteuer, die Kinder und Jugendliche in einem einigermaßen realistischen Setting erleben können? Überspitzt gefragt: Repräsentieren durchgeknallte Erwachsene, die ihre Selbstverwirklichung betreiben, ihren Platz in der Unüberschaubarkeit der modernen Welt suchen und deshalb den ebenfalls ihren Platz suchenden Kindern keinen Halt geben können, den letzten Dschungel, in denen sich heutige Kinder selbstständig bewähren müssen? Gibt es im globalen Dorf keine Rückzugsgebiete mehr, in denen Kinder „Abenteuer“ erleben können, um dann abends wieder in die Geborgenheit der Familie zurückzukehren? Haben Kinder und Jugendliche noch Chancen, sich in ihrem realen Umfeld zu bewähren, zum Beispiel im freien Spiel mit anderen Kindern oder beim selbstständigen Umgang mit der Welt der Erwachsenen? Oder fehlen Kindern „Spiel“-räume, in denen sie ganz konkret ohne ständige Kontrolle durch Erwachsene ihre Welten aufbauen, durch ihre Hände, durch ihr Herangehen an ihre Umwelt, Spielräume, in denen sie sich ihre Ziele stecken, ausprobieren, was funktioniert und was nicht, mit anderen Kindern oder allein ihre Träume umsetzen und Spaß dabei haben können?
Phantasie ist nicht nur eine Sache von vorzeigbaren Kunstwerken oder von Erwachsenen geschriebenen Büchern. Träume vom eigenen Haus können schon durch eine Bude mit ein paar Stöcken im Gebüsch verwirklicht werden, Träume vom Heldentum durch Rollenspiele mit Weglaufen, Verstecken und Raufen. In ihren Träumen geht es Kindern vor allem um Unabhängigkeit, Selbstständigkeit, das Durchstehen von Abenteuern, das Bewähren in Gefahr und das Aushalten von schwierigen Situationen und natürlich um Geheimnisse. Bücher erlauben Fluchten aus der Wirklichkeit, und sie erhellen diese Wirklichkeit, wenden sie um und lassen sie besser verstehen. Aber die Wirklichkeit selbst muss Kindern auch Raum lassen, eigene Vorstellungen zu verwirklichen.
Die vielen rosagekleideten Prinzessinnen und modisch durchgestylten Prinzen, zum Teil schon mit Bauchansatz auch in bürgerlichen Schichten, die zur Schule und wohldosiert zu Freunden gefahren, in pädagogische „Angebote“ gesteckt werden und ansonsten im eigenen, mit viel Spielzeug versehenen Zimmer vor dem Computer hocken und die hohen Leistungserwartungen ihrer Eltern erfüllen müssen, wollen wahrscheinlich auch aktiv sein. Wenn sie das nicht in ihrer Kindheit dürfen, was passiert dann? Werden sie in der Lage sein, kreativ die Anforderungen der Zukunft zu erfüllen? Denn diese sind noch höher als die an die jetzige Generation gestellten: Wohlstand für alle, trotz Klimawandel, Ressourcenmangel und ständig steigender Weltbevölkerung. Oder werden die heutigen Kinder in Depression und Aggression flüchten oder als Vierzigjährige ausbrechen, um in Griechenland oder Mecklenburg-Vorpommern Schafe zu hüten?
Und die Protagonisten des eingangs erwähnten „So lebe ich jetzt“? Das Buch behandelt die Entwicklung der Heldin von der auf sich selbst bezogenen Magersüchtigen zu einer Jugendlichen, die in den Unmenschlichkeiten des Krieges erwachsen werden muss und in extremen Situationen Verantwortung für andere übernimmt. Sie und ihre Verwandten leben nach dem Krieg als junge Erwachsene in einer unwirtlichen Welt, zurückgezogen auf ihrem überschaubaren Bauernhof – als Selbstversorger.
Dr. Christiane Richard-Elsner ist Mitglied im ABA-Fachbeirat.
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NAGEL-Redaktion – Behauptungen zum „Spannungsfeld öffentliche und freie Träger“
Von Siegfried Kühbauer
1. Privatisierung – eine Form der „Enteignung“ öffentlichen Vermögens?
Nach Art. 20 Grundgesetz ist die Bundesrepublik Deutschland ein demokratischer und sozialer Rechtsstaat. Für die verfassungsgebende Versammlung war es noch unverzichtbar, dass sozialer Ausgleich und Demokratie eine Einheit bilden. Inzwischen werden Milliardensummen für das marode Finanzsystem zur Verfügung gestellt. Für Wirtschaftshilfen und Steuergeschenke gibt es unvorstellbare Beträge. Gleichzeitig gibt es immer weniger Vollzeitarbeitsplätze, die Kommunen sind pleite oder verschuldet, und vielen BürgerInnen jeden Alters fehlt es am Nötigsten.
Seit ca. 25 Jahren rollt eine Privatisierungswelle um die Erde. Nichts scheint sie aufzuhalten. Begründet wird sie immer mit dem gleichen Argument. Die öffentlichen Kassen sind leer. Dies aber ist keine Folge einer Naturkatastrophe oder gar der Globalisierung. Die Kassen sind geleert worden durch eine gezielte Politik der Steuersenkung zugunsten des Kapitals und der Reichen. In den vergangenen zwölf Jahren wurden die Steuern kräftig gesenkt. Nach Untersuchungen des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) hat dies mehr zum Staatsdefizit beigetragen als die Ausgabenentwicklung. Würden heute noch die Steuergesetze von 1998 gelten, würden Bund, Länder und Gemeinden in diesem Jahr über 51 Milliarden Euro mehr an Steuern einnehmen. Die inzwischen eingetretene verfassungswidrige Vermögensverteilung in unserem Land enthält explosiven politischen Sprengstoff. Dies zeigt nicht zuletzt die Qualität der momentan geführten öffentlichen Auseinandersetzung um soziale und kulturelle Integrationspolitik.
Ist die Pleite der „öffentlichen Hände“ erst einmal vollzogen, ist das die Gelegenheit für den Verkauf öffentlicher Unternehmen oder die Übertragung öffentlicher Dienstleistung an Private. Nach der Inszenierung der Politik der leeren Kassen müssen diese jetzt selbstverständlich „entlastet“ werden.
2. Meinungsführung durch Henkel und Esel
Seit Ende der 80er Jahre dominierte der damalige BDI-Chef Hans-Olaf Henkel jede von ihm als wichtig erachtete Talkshow, um Anhänger zu sammeln und der marktradikalen Heilslehre zum Sieg zu verhelfen. Er hatte Erfolg. Politiker, Wirtschaftswissenschaftler und Journalisten standen für entsprechende Belohnung Spalier. Von allen Seiten dröhnte es: Viel mehr Markt, viel weniger Staat. Die unverzügliche Umsetzung sollte den bevorstehenden Abstieg der Nation aufhalten. Die in unserer Verfassung verankerten persönlichen und kollektiven Grund- und Freiheitsrechte, wie Koalitionsfreiheit und deren vertragliche Sicherungen, menschenwürdige Arbeits- und Lebensbedingungen, würdiges Altern und Schutz gegen Arbeitslosigkeit und Krankheit, gerieten in Misskredit.
Kritiker, die zu mehr Gerechtigkeit, besserer Bildung, höherer Binnennachfrage und Abbau der Kluft zwischen Arm und Reich rieten, wurden diskriminiert. Sie galten als Bedenkenträger, Besitzstandswahrer, Sozialromantiker und Schmarotzer – also als die ideellen Gesamtgewerkschafter.
Jüngster Höhepunkt dieser Diskriminierungskampagne ist die hoch intellektuelle Bemerkung von der „spätrömischen Dekadenz“. Die deutlichste Korrektur haben wir dem inzwischen durch Helmut Kohl zum „Herz-Jesu-Marxisten“ geadelten Heiner Geißler zu verdanken: „Kaiser Caligula hat einen Esel zum Konsul ernannt. Insofern stimmt Westerwelles Vergleich: Vor 100 Tagen ist ein Esel Bundesaußenminister geworden“ (Welt Online, 12. Februar 2010).
Heiner Geißler hat sich mit dem Esel ein wenig vergaloppiert. Incitatus war wohl Caligulas bestes Pferd im Stall. Das konnte Heiner Geißler mit Verlaub von Westerwelle weder sagen noch denken. Von daher ist ihm in diesem Zusammenhang der Vergleich mit dem Esel zu verzeihen.
3. Privatisierung in Berlin durch die Expertenkommission Staatsaufgabenkritik
2001 hat die Expertenkommission (Scholz-Kommission) ihren Abschlussbericht vorgelegt. Versprochen wurde u. a. eine Verwaltungssanierung und –modernisierung, Beschleunigung von Geschäftsabläufen und Bürokratieabbau. Jeder Mensch mit Arbeits- und Lebenserfahrung weiß, wie wenig dies zumindest beim Bürokratieabbau gelungen ist. Die Staatskanzlei im Land Brandenburg bringt es auf den Punkt: „Bürokratieabbau ist als Projekt bislang gescheitert!“ Was bleibt ist die Privatisierung.
Umfangreiche Privatisierungen werden als Trennlinie zwischen öffentlichem und privatem Sektor im Bilde des „kooperativen Sozialstaats“ beschrieben. Die „Einsparpotenziale“ sollten sich bis zum Jahr 2006 im „dreistelligen Millionen-€-Betrag“ bewegen. Eine allgemeine Bewertung soll uns hier erspart werden. Wir alle kennen die Folgen des massiven Stellenabbaus in nahezu allen Lebens- und Dienstleistungsbereichen.
4. Freie Träger als Leiharbeitsfirmen des öffentlichen Dienstes
Die Mütter und Väter des Kinder- und Jugendhilfegesetzes (KJHG/SGB VIII) hatten hohe Ansprüche. Nach einer ca. 30 Jahre dauernden Reformdiskussion sollte ein modernes Leistungsgesetz für die Kinder und Jugendlichen unseres Landes verabschiedet werden, das den hohen sozialstaatlichen Ansprüchen unseres Grundgesetzes genügt. Vielfalt statt Konkurrenz, Fachlichkeit statt Stümperei, Gleichheit statt marktbestimmter Beliebigkeit waren u. a. Ansprüche an eine qualifizierte Bildungs- und Sozialplanung.
Die o. g. Marktschreier und die Politik der leeren Kassen haben inzwischen in der Realität dafür gesorgt, dass diese gesetzlichen Ansprüche nur noch eine untergeordnete Rolle spielen. Während die Spitzenrepräsentanten der Wohlfahrtsverbände nicht müde werden, die gesellschaftlichen Armutsverhältnisse und deren Auswirkungen zu bemängeln, werden genau diese Verhältnisse – zumindest was die Arbeitsbedingungen anbelangt – unter ihrer Verantwortung geduldet und organisiert. Dabei ist die Maserati-Affäre nur die Spitze des Eisbergs.
Die aktuelle Untersuchung des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) über den sogenannten „Dritten Sektor“ verdeutlicht, dass die starke Beschäftigungsentwicklung der gemeinnützigen Organisationen in den 1990er Jahren inzwischen stagniert und diese quantitative Stabilität mit deutlichen qualitativen und strukturellen Veränderungen einhergeht. Es zeigt sich ein überproportionaler Anstieg der Teilzeitbeschäftigung, eine exzessive Befristungspraxis und eine deutliche Verschiebung hin zu Ein-Euro-Jobs. Davon sind insbesondere Frauen betroffen, da sie mit 76 % (2008) den größten Anteil der Beschäftigten stellen. Mit dieser Entwicklung sind gleichzeitig eine massive Deregulierung des tariflichen Gesamtgefüges und der Abbau betrieblicher Mitbestimmungsmöglichkeiten zu beobachten.
Dieser Abbau sozialer Leistungen reicht der Bundesvereinigung der kommunalen Spitzenverbände, bestehend aus Deutscher Städtetag, Deutscher Landkreistag und Deutscher Städte- und Gemeindebund, noch nicht. In einem Schreiben vom 24. Februar 2010 mit dem sinnigen Betreff „Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendhilfe – Änderungsbedarf im SGB VIII“ an das Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend wird darauf hingewiesen, „dass das in § 4 SGB VIII verankerte Subsidiaritätsprinzip öffentlicher Maßnahmen gegenüber Angeboten der Freien Wohlfahrtspflege sich oftmals wettbewerbshemmend auswirke und kostengünstigere Angebotsstrukturen behindere. Wir bitten zu prüfen, ob dies noch zeitgemäß ist oder ob nicht vielmehr den Jugendämtern die Möglichkeit eingeräumt werden soll, sich ebenfalls an wirtschaftlichen Gesichtspunkten orientieren zu können“.
5. Privatisierung durch das Berliner „Leitbild Jugendamt“
Vor dem Hintergrund der Ergebnisse der Scholz-Kommission haben sich die zuständige Senatsverwaltung und die Berliner Jugendämter im Jahr 2003 auf ein Berliner „Leitbild Jugendamt“ verständigt. Dieses Jugendamt soll sich auf die „Kernaufgaben der Planung, Gewährleistung und Steuerung“ konzentrieren. Die gesetzlich vorgeschriebenen Leistungen sollen dabei weniger durch eigene Leistungserbringung erfüllt werden, sondern durch Leistungen Freier Träger. Wesentliche Kriterien für die Ausgliederung einer Aufgabe sollen dabei vor allem „Qualitäts-, Effektivitäts- und/oder Wirtschaftlichkeitskriterien“ sein. Einig waren sich Senatsverwaltung und Jugendämter, dass das zukünftige Jugendamt seinen Charakter als „kompetente sozialpädagogisch geführte Fachbehörde“ behalten soll. Dabei soll es zu den zwingenden Aufgaben des Jugendamtes gehören, „die rechtlichen Rahmenbedingungen und qualitativen Standards im Leistungsangebot der Jugendhilfe zu gewährleisten“. Für Eingeweihte ist es aber ein offenes Geheimnis, dass inzwischen selbst bei Kernaufgaben der Jugendhilfe die gesetzlich geforderte Gewährleistungsverpflichtung von keinem der Berliner Jugendämter erfüllt wird.
6. Privatisierung der Berliner Jugendarbeit durch Steria Mummert Consulting
Zunächst ist es erstaunlich, dass eine Behörde, zu deren Kernaufgabe die Planung, Gewährleistung und Steuerung gehört, eine Beraterfirma braucht, um die Struktur dieser Behörde zu organisieren. Doch eventuell geht es darum gar nicht. Am Beispiel der Jugendarbeit verdeutlicht sich das wahre Anliegen.
In dem Gutachten von Steria Mummert wird zwar festgestellt, dass Jugendarbeit zu den Kernaufgaben der Kinder- und Jugendhilfe gehört und dass es für die Durchführung der daraus resultierenden Aufgaben eine „objektive Rechtsverpflichtung“ gibt. Gleichzeitig wird aber ohne fachliche Begründung darauf hingewiesen, dass die Vorhaltung eigener Angebote der Jugendarbeit nicht zu den Kernaufgaben des Jugendamtes zählt. Der Betrieb von Einrichtungen sowie die Durchführung von Projekten stellt nach Ansicht von Steria Mummert eine „voll übertragbare Aufgabe“ dar. Begründet wird dies mit der Einsicht, „dass die Beibehaltung solcher operativen Tätigkeiten zum Zwecke des Erhalts eines praktischen Erfahrungswissens oder zur Sicherstellung spezieller Leistungsangebote weder zwingend notwendig noch grundsätzlich ausgeschlossen ist“. Dies ist wahrscheinlich einer der Sätze, die den bekannten Kabarettisten Volker Pispers (*) zu der Aussage animiert haben: „Kennen Sie doch, Unternehmensberater – Eunuchen, sie wissen wie man’s macht“.
Als Beweis dafür, dass in Berlin von der Verfügbarkeit einer ausreichenden Anzahl freier Träger ausgegangen werden kann, die ein qualitativ hochwertiges Angebot realisieren und die Trägerpluralität sichern können, wird der nicht in die Untersuchung einbezogene Berliner Bezirk Lichtenberg herangezogen. Denn dieser hätte bereits 17 von 20 öffentlichen Jugendfreizeiteinrichtungen an freie Träger übertragen. Dabei wird wie selbstverständlich kein Wort über die Einhaltung der eigentlich in Berlin geltenden quantitativen und qualitativen Standards verloren. Für die „Qualitätssicherung“ reicht es, wenn man möglichst viele öffentliche Einrichtungen überträgt und es dadurch „billiger“ wird.
Doch was bedeutet objektive Rechtsverpflichtung und Gewährleistungspflicht für das jeweils zuständige Jugendamt? Die im KJHG/SGB VIII geforderte Gewährleistungspflicht dient der Wahrnehmung der strukturellen und individuellen Gesamtverantwortung. „Die zur Aufgabenerfüllung notwendigen Einrichtungen, Dienste und Veranstaltungen müssen nicht nur zur Verfügung stehen, sondern eine bestimmte Normqualität erfüllen. Sechs Faktoren bestimmen diese Qualität: erstens müssen sie geeignet, zweitens in erforderlicher Zahl, drittens in ausreichender Personalausstattung, viertens in ausreichender Finanzausstattung, fünftens in pluraler Breite und sechstens rechtzeitig zur Verfügung stehen. Wird diese Normqualität nicht erbracht, ist die Gewährleistungspflicht nicht erfüllt“ (Prof. Peter-Christian Kunkel).
Für Steria Mummert hat diese gesetzlich geforderte Normqualität offensichtlich keinerlei Bedeutung. Ähnliche Schwierigkeiten haben sie auch mit dem im § 45 AG KJHG geforderten mindestens 10 %-Anteil der Gesamtjugendhilfe für die Jugendarbeit. „Im Sinne der Planungssicherheit ist diese prozentuale Bemessung ungeeignet.“ Endlich wissen wir, weshalb kein Berliner Bezirk diese gesetzliche Verpflichtung erfüllt. Die Planungssicherheit stößt bei der Prozentrechnung an ihre Grenzen. Vorgeschlagen wird von den Unternehmensberatern stattdessen die Bemessung des Budgets der Jugendförderung nach der Zahl der Kinder und Jugendlichen im Bezirk, „z. B. x € pro 1.000 junge Menschen zwischen 12 und 21 Jahren“. Das Beispiel ist erstaunlich, denn bisher müssen junge Menschen zwischen 6 und 25 Jahren gefördert werden.
Ebenso interessant ist der Vorschlag, dass bei der Finanzierung der Jugendarbeit keine „soziostrukturelle Gewichtung“ vorgenommen werden müsse, weil sich allgemeine Jugendarbeit an alle jungen Menschen richte. Dabei wurde offensichtlich übersehen, dass nach § 80 Abs. 2 S. 3 KJHG/SGB VIII Einrichtungen und Dienste so geplant werden sollen, dass „insbesondere junge Menschen und Familien in gefährdeten Lebens- und Wohnbereichen besonders gefördert werden“.
Zusammenfassend ist festzustellen, dass das Gutachten von Steria Mummert im Bereich der Jugendarbeit mehr der Rechtfertigung von Missständen als der Förderung junger Menschen dient.
Siegfried Kühbauer, beschäftigt auf der Weddinger Kinderfarm in Berlin, ist ver.di-Mitglied, Diplomsozialpädagoge und Diplomsoziologe. Info Weddinger Kinderfarm: www.sparrplatz-quartier.de/Weddinger-Kinderfarm-e-V.126.0.html
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Fußnote
(*) Das hörens- und sehenswerte Zitat ist einem Beitrag von Volker Pispers auf „You Tube“ aus dem Jahr 2004 entnommen: „Berufsgruppen, die diese Welt nicht braucht“.
Anmerkung der NAGEL-Redaktion: Bei dem Beitrag handelt es sich um einen Vortrag, den Siegfried Kühbauer am 20. September 2010 bei der Fachgruppe Sozialarbeit der ver.di Berlin gehalten hat. Wir bedanken uns bei Siegfried Kühbauer und der ver.di für die freundliche Genehmigung, ihn hier verwenden zu dürfen.
November 2010
NAGEL-Redaktion – Leichen pflastern ihren Weg
Kommunen in Not
Die Verschuldung der deutschen Kommunen wird durch die Regierungen verursacht. Mancherorts werden inzwischen Verstorbene, für die die Kommune zuständig ist, in anderen Bundesländern unter die Erde gebracht – um zu sparen. Jetzt werden die Bürger/innen aktiv
Von Werner Rügemer
Auf die deutschen Kommunen wird geschimpft wie auf die griechischen Schuldenmacher. Doch in beiden Fällen herrscht mehr Psychokrieg als Wahrheitsliebe. Griechenlands Statistik-Schummelei wäre nicht möglich ohne die Mithilfe US-amerikanischer Banken, französischer Rüstungsverkäufer und Schmiergeldzahler namens Siemens. Und ungleich mehr Schulden als die Kommunen machen in Deutschland die Bundesregierung und die Landesregierungen, die ohne Sinn und Verstand bankrotte Banken retten, die sich mit ihrer Hilfe verspekuliert haben.
Es ist richtig, dass in vielen Kommunen im Laufe des letzten Jahrzehnts auch dubiose, ja gesetzwidrige Wege gegangen wurden: Cross Border Leasing, Derivate und Zinswetten (Swap-Geschäfte) sollten auf scheinbar clevere Weise Geld in die Kasse bringen. Doch auch hier wird gern verschwiegen, dass die Berliner Regierungen dasselbe über die Bundesunternehmen Telekom, Deutsche Post, Deutsche Bahn und Deutsche Flugsicherung machten. Und es wird auch hier verschwiegen, dass die Banken, die diese „Finanzinnovationen“ den Stadtkämmerern andienten, vorher durch die Deregulierung des Finanzsektors aus Berlin die Freigabe erhalten hatten.
Bei aller möglichen Miss- und Klüngelwirtschaft in den Kommunen ist unbestreitbar: Ihre strukturelle Verschuldung wurde und wird durch die Bundesregierungen verursacht, in zweiter Linie durch die Landesregierungen. Beginnend mit der deutschen Vereinigung, dann insbesondere seit etwa dem Jahre 2000 folgten die Bundesregierungen dem neoliberalen Muster: Neben der Aufwertung der Großbanken und der Export- und Energiekonzerne gehört dazu die Abwertung des öffentlichen Dienstes und der Kommunen, während der Zentralstaat ausgebaut wurde.
Allein die Steuergesetzgebung der schwarz-roten Bundesregierung seit 2005 bringt den Kommunen bis 2013 einen Verlust von knapp 20 Milliarden Euro. Und allein die ersten Steuersenkungen der neuen schwarz-gelben Regierung seit Anfang 2010 („Wachstumsbeschleunigungsgesetz“) führen zu jährlichen Verlusten der Kommunen von 1,6 Milliarden Euro. Die Bundesländer tun das Ihrige dazu: So belastet die schwarz-gelbe Landesregierung von Nordrhein-Westfalen die Kommunen durch neue Kürzungen und Aufgaben allein im Jahr 2010 mit 375 Millionen Euro.
Die Bundesregierung schädigt die Kommunen noch ganz anders. Sie haben Milliarden Euro in umweltschonende und effektive Energie-Technologien investiert – im Vertrauen auf die Abschaltung der Atomkraftwerke. Die Regierung will nun aber deren Laufzeit verlängern. Durch den konkurrenzlos billigen Atomstrom aus den bereits abgeschriebenen Atommeilern der vier großen Energiekonzerne würden die kommunalen Investitionen weitgehend entwertet, Einnahmen fallen aus.
Bürger dürfen ihren Namen auf Parkbänke nageln
Gegenüber diesen strukturellen Maßnahmen mit Milliardeneffekt nehmen sich gegenwärtige Versuche zu fieberhaften Einsparungen und Erschließung neuer Geldquellen in den Kommunen wie absurdes Theater aus. Um ein paar Euro zu sparen, werden Öffnungszeiten von Bibliotheken um weitere Stunden verkürzt, in den Bädern wird die Wassertemperatur um ein paar Grad Celsius abgesenkt, die Straßenbeleuchtung in Außenbezirken wird ausgeschaltet; Preise für Schwimmbäder, Kindergärten und Volkshochschulkurse werden erhöht, Hotel- und Sexsteuern werden erhoben. Freundliche Bürger dürfen ihr Namensschildchen auf Parkbänke und Theaterstühle nageln, weil sie für 200 Euro den Bank- und Stuhl-Paten spielen. Und ein großer Versicherungskonzern übernimmt gnädigerweise für 15.000 Euro im Jahr die Kosten dafür, dass im Springbrunnen auf dem Marktplatz das Wasser weiter sprudeln kann. Makaber wird es, wenn etwa die Stadt Grevenbroich die Leichen ihrer armen Bürger, für die sie zuständig ist, in ein anderes Bundesland zur Verbrennung und Bestattung schickt, weil dies dort ein paar Euro billiger ist.
Verwüstungen in einem der reichsten Länder der Welt
Doch schon bei etwas größeren Routineaufgaben versagt diese Peanuts-Methode. Schulen, Bäder, Bürgerbüros, Jugendzentren werden geschlossen. Theatern droht die Schließung. Parks verwildern. Straßenlöcher bleiben Straßenlöcher. Ganztagsplätze in Kindergärten und Horten werden gestrichen. Freie Träger im sozialen und kulturellen Bereich erhalten keine Zuschüsse mehr. Welche Verwüstungen in einem der reichsten Länder der Welt! Das ist erst der Anfang – und die angeblich immer noch beliebte Bundeskanzlerin Merkel blicket stumm in der Wüstenei herum.
Alle bisherigen neuen Heilmittel sind gescheitert. Das betrifft nicht nur Cross Border Leasing und ähnliches. Auch nach dem (Teil-)Verkauf von Stadtwerken und anderen kommunalen Unternehmen sind die Kassen leerer und die Schulden höher als vorher. Bei den Berliner Wasserbetrieben BWB erhöhen RWE und Veolia die Preise auf europäische Rekordhöhe und kassieren die Gewinne ab. Städte wie Solingen und Kiel, die sich für ihre Stadtwerke einen gelobten „strategischen Partner“ ins Haus geholt haben, finden sich ausgepowert wieder: Der „strategische Partner“ hat vor allem für sich selbst gesorgt, hat Arbeitsplätze abgebaut und Dienstleistungen an eigene Tochterfirmen vergeben. Nach dem Verkauf von 48.000 kommunalen Wohnungen in Dresden explodieren dort die Mieten, und die städtischen Schulden wachsen schon wieder.
Aus solchen Erfahrungen haben so manche Stadtobere immer noch nichts gelernt. Gerade jetzt holen sie sich teure Berater. Rüsselsheim etwa will sich mit Hilfe der Bertelsmann-Stiftung selbst aus dem Sumpf ziehen: Die strukturellen Ursachen der Verschuldung werden nicht benannt. Bei der neuen Privatisierungsmethode Public Private Partnership (PPP) bahnt sich ein neues Desaster an.
Immer noch fällt es Stadtoberen schwer, sich aus der Kumpanei mit dubiosen Investoren zu lösen. Der Europäische Gerichtshof hat den PPP-Vertrag der Stadt Köln mit dem Investor Oppenheim zu den neuen Messehallen für unwirksam erklärt. Die Bank Oppenheim ging pleite, die Vorstände, mit denen der Vertrag unterschrieben wurde, sind wegen Unfähigkeit geschasst worden: Die Stadt könnte den Vertrag neu verhandeln, die Messehallen zum wirklichen Wert kaufen und dabei eine dreistellige Millionensumme sparen. Aber nichts dergleichen geschieht, lieber kürzt man in aufwändigen Auseinandersetzungen den freien Trägern dort 5.000 Euro, hier 2.000 Euro.
Die kommunale Infrastruktur ist eine elementare Voraussetzung für den Sozialstaat und den Zusammenhalt der Gesellschaft, für ein sicheres Leben der Bürger. In der Bevölkerung hat sich inzwischen die Meinung verfestigt, dass die Daseinsvorsorge in kommunale und öffentliche Hand gehört. Die kommunale Infrastruktur ist eine gesamtstaatliche Aufgabe. Die im Grundgesetz garantierte Selbstverwaltung der Kommunen erfordert dafür ausreichende Finanzen. Alles andere ist Verfassungsbruch.
In vielen Städten sind Bürgerinnen und Bürger längst selbst aktiv geworden. Sie bilden offene Foren, treffen sich wie „Köln kann auch anders“ jede Woche montags 18 Uhr vor dem Rathaus, laden Bürgerinitiativen und Experten zum Erfahrungsaustausch ein. Kritische Stadträte und städtische Personalräte koordinieren sich überregional. Die Vorschläge von vielen Seiten liegen auf dem Tisch: ein kurzfristiger staatlicher Rettungsschirm für die Kommunen, eine Gemeindewirtschaftssteuer unter Einschluss der freien Berufe, die Gründung neuer öffentlicher Energie- und Wohnungsunternehmen, Offenlegung und Rückabwicklung dubioser Privatisierungsverträge, Ausbau und Qualifizierung des öffentlichen Dienstes, Zinsmoratorium – es ist gar nicht so schwer, wenn wir der demokratischen Fantasie nur freien Lauf lassen.
Dr. Werner Rügemer arbeitet als Publizist und Lehrbeauftragter in Köln. Sein Beitrag „Leichen pflastern ihren Weg“ erschien zunächst in der Zeitung VER.DI PUBLIK 4/2010. Die Verwendung hier erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors sowie der Redaktion von VER.DI PUBLIK.
NAGEL-Redaktion – Bildung statt Pillen
Von Birgit Taffertshofer
Kinder und Jugendliche brauchen keine Luxusmedizin für einen gesunden Start ins Leben, viel wichtiger sind gute Vorbilder und Lernmöglichkeiten. Vor allem bedürftige Familien können davon profitieren.
Statistisch gesehen geht es den Kindern in Deutschland blendend. Sie sind auffallend gut entwickelt und wachsen fast 20 Zentimeter höher als Kinder noch vor hundert Jahren. Denn im Unterschied zu jenen haben sie heute reichlich zu essen und müssen sich seltener mit Infektionskrankheiten herumschlagen. Doch größerer Wohlstand und eine bessere medizinische Versorgung garantieren noch lange nicht, dass jedem Kind ein guter Start ins Leben gelingt. Dies belegen die Ergebnisse des ersten Kinderberichts, den die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) im September 2009 vorstellte.
Im Mittelpunkt der internationalen Studie stehen das Wohlbefinden und die Entwicklungschancen der Kinder und Jugendlichen in den 30 Mitgliedsstaaten der OECD. Die Daten deuten darauf hin, dass die hohen öffentlichen Ausgaben für Familien in Deutschland wenig darüber aussagen, wie gut es den Heranwachsenden hierzulande wirklich geht und ob das Geld bei ihnen ankommt. Obwohl die Bundesrepublik, je nach Altersgruppe, zehn bis 20 Prozent mehr Geld für Bildung, Dienstleistungen und direkte Finanztransfers ausgibt als die Mitgliedsstaaten im Schnitt, lebt hierzulande fast jedes sechste Kind in Armut. Im OECD-Schnitt ist es nur jedes achte. Die besten Werte erzielten nach den Kriterien der Organisation die skandinavischen Länder, in Dänemark gilt lediglich jedes 37. Kind als arm.
Armut macht krank
Natürlich sind die Armen in einem reichen Land wie Deutschland nur relativ arm, die Folgen für betroffene Kinder und Jugendliche sind aber nicht weniger dramatisch. Armut bedeutet für sie meist nicht nur den Verzicht auf anregende Ferien oder Nachhilfeunterricht, sondern auch höhere Gesundheitsrisiken: Sie ernähren sich häufig schlechter, bewegen sich weniger, sind öfter übergewichtig und leiden stärker an psychischen Problemen. Erkrankte benötigen Zuwendung, Trost und Therapie. Was sie nicht gebrauchen können, sind Schuldzuweisungen von außen, dass sie zu dick, zu faul oder zu schwierig sind. Nach dieser Logik würden die körperlichen oder seelischen Beschwerden aus mangelnder Investition in die eigene Gesundheit resultieren. Doch bei Kindern ist Krankheit nahezu immer unverschuldet. Denn wenn Eltern gesundes Verhalten nicht täglich vorleben, haben ihre Töchter und Söhne schlechte Chancen, es zu erlernen.
Gesundheit bedeutet ja nicht die Abwesenheit von Krankheit, sondern die Fähigkeit einer Person, Erreger und andere Krankheitsursachen erfolgreich zu bekämpfen. Viele Menschen aber leben heute ungesund und glauben, der Arzt oder die Klinik würden es schon richten. Gigantische Summen werden so für Diagnostik und Hightech-Medizin verschwendet, obwohl bereits 40 Prozent der Patienten in Arztpraxen unter psychosomatisch überlagerten Beschwerden leiden, die keiner Labor- und Gerätediagnostik, sondern vor allem einer geschulten Beratung und Gesprächsbegleitung bedürfen.
Auch Kinder und Jugendliche geraten leicht in eine Mühle von übereilten Korrekturmaßnahmen. Wenn sie mit zehn Monaten noch nicht laufen können, bekommen sie eine Lauflernhilfe, wer ein paar Gramm zuviel auf den Hüften hat, wird sofort auf Diät gesetzt, und für unruhige Schüler gibt es eine Tablette. Das Streben nach mehr Gesundheit wird in diesem Fall erst zum krankmachenden Faktor. Stattdessen muss es gelingen, die jungen Menschen zu motivieren, achtsam mit ihrer Gesundheit umzugehen. Dafür muss sich jedoch das Bewusstsein in der Bevölkerung ändern – weg von einer wohlmeinenden Fürsorge für Kranke und Behinderte hin zu einer umfassenden Befähigung und Ermutigung der Betroffenen, ihr Leben eigenverantwortlich zu gestalten.
Schule fürs Leben
Gesundheitsförderung und Prävention stehen auch im Mittelpunkt des 13. Kinder- und Jugendberichts, für den das Deutsche Jugendinstitut (DJI) die Geschäftsführung innehatte. Die Wissenschaftler haben ihn zum Anlass genommen, das Thema Gesundheit in diesem Heft breiter zu diskutieren. Gemeinsam mit renommierten Experten zeigen sie auf, woran das System krankt, das sich in Deutschland um das Wohlbefinden der Kinder kümmern soll. Sie weisen auf Möglichkeiten hin, wie Fachkräfte des Gesundheitswesens, der Kinder- und Jugendhilfe sowie der Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderung enger zusammenarbeiten können, damit die Schwächsten in unserer Gesellschaft auch die notwendige Hilfe erhalten: chronisch kranke, behinderte und sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche. Sie alle haben ein Recht auf jene Grundsicherheit, die es ihnen erst erlaubt, sich möglichst frei und gesund zu entfalten.
Wenn die Eltern es nicht schaffen, ihrem Kind ein gutes Vorbild zu sein, müssen andere helfen: Erzieherinnen, Sozialarbeiter und Lehrer, aber auch Freunde, Nachbarn und Sporttrainer. Wenn sie alle anerkennen, dass Bildung nicht nur bedeutet, auf das Leben vorzubereiten und möglichst viel Wissen anzuhäufen, sondern dass Schulen und Kindertageseinrichtungen selbst Orte sind, wo junge Menschen die Kompetenzen zum Meistern des Lebens einüben, dann versteht es sich fast von selbst, dass dort auch Gesundheit gefördert wird. Der Staat muss großzügig sein bei seinen Ausgaben für Kinder, aber er muss sie auch so lenken, dass das Geld bei den Bedürftigen ankommt. Denn wenn Armut Kindern ihre Gesundheit raubt, dann bleibt vom Versprechen des Sozialstaats, all seinen Bürgern die gleichen Startchancen zu ermöglichen, nicht mehr viel übrig.
Anmerkung der NAGEL-Redaktion: Der Beitrag von Birgit Taffertshofer erschien zunächst im DJI Bulletin 3/2009 (Heft 87). Seitens des ABA Fachverbandes werden die Hefte regelmäßig als sehr brauchbar für die Fortentwicklung der pädagogischen Arbeit auch vor Ort eingestuft. Deshalb stellen wir sie jeweils nach ihrem Erscheinen zum Herunterladen ins ABA-Netz. Auf der Seite befindet sich zur Orientierung immer eine kleine Inhaltsangabe zur jeweiligen Ausgabe. Den 13. Kinder- und Jugendbericht gibt es ebenfalls zum Herunterladen im ABA-Netz. Das DJI Bulletin findet man natürlich auch auf den Seiten des Deutschen Jugendinstituts.
Bei Birgit Taffertshofer möchten wir uns für die erfreuliche Zusammenarbeit bedanken. Dank auch für ihre Genehmigung, ihren Beitrag hier zu verwenden.
NAGEL-Redaktion – Wie man Ausschuss produziert
Integrationsrassismus und Alltagsrenitenz
Von Thomas Seibert
Das Ekelhafte am Fall Sarrazin sind nicht die Ergüsse eines Geisteskretins aus den besten Kreisen, sondern die Deckung, die ihm auf breitester Front zuteil wird. Perfiderweise werden dabei gleich zwei „Debatten“ verschachtelt. Die eine handelt von gefährdeten BürgerInnenrechten und meint natürlich die des rassistischen Täters. So wünschen Hunderte SPD-Mitglieder den Verbleib Sarrazins und fürchten um die innerparteiliche „Meinungsfreiheit“. Millionen anderer Deutscher stellen sich spontan auf Sarrazins Seite und murmeln dazu mehr oder minder laut: „Man wird doch wohl noch sagen dürfen …“ – die Zauberformel, mit der rassistisches wie antisemitisches Gequatsche immer schon legitimiert wird. Kaum jemand merkt an, dass bei Sarrazins neoliberaler Modernisierung altvölkischer Standards eigentlich zu fragen wäre, ob nicht der Tatbestand der Volksverhetzung erfüllt ist. Dass solche Fragen nicht gestellt werden, hängt an der „Integrationsdebatte“. In der springen JournalistInnen wie PolitikerInnen dem Alltagsrassismus bei, indem sie sich im ersten Zug pflichtschuldigst von der Blödigkeit Sarrazins distanzieren, um im zweiten Zug in der mangelnden „Integration“ der EinwanderInnen das „Problem“ auszumachen, das Sarrazin immerhin „benannt“ hätte. Die Methode ähnelt exakt derjenigen, die dasselbe Personal schon Anfang der 1990er praktiziert hat. Damals – erinnert man sich noch des Mobs von Hoyerswerda und Rostock? – wurde der mörderische Rassismus von Nazischlägern zum willkommenen Anlass, das Asylrecht abzuschaffen – trotz der Lichterketten der Gutwilligen. Wozu der Fall Sarrazin führen wird, ist noch unentschieden – die SPD jedenfalls überlegt, „integrationsunwillige“ EinwanderInnen mit Strafen zu belegen: was rechts von ihr zusammengebraut wird, dürfte nicht unterhalb der Zielvorgaben Gabriels liegen.
Bei solcher Ausgangslage sind zwei Punkte festzuhalten. Den ersten benennt der „Demokratie statt Integration“ überschriebene Aufruf in der taz mit unüberbietbar klaren Worten: „Man kann diese Debatte nicht versachlichen, denn nichts an ihr ist richtig. (…) Wir wollen das Offensichtliche klar stellen. Wir leben in einer Einwanderungsgesellschaft. Das bedeutet: Wenn wir über die Verhältnisse und das Zusammenleben in dieser Gesellschaft sprechen wollen, dann müssen wir aufhören, von Integration zu reden. Integration heißt, dass man Menschen, die in diesem Land arbeiten, Kinder bekommen, alt werden und sterben, einen Verhaltenskodex aufnötigt, bevor sie gleichberechtigt dazugehören. Aber Demokratie ist kein Golfclub. Demokratie heißt, dass alle Menschen das Recht haben, für sich und gemeinsam zu befinden, wie sie miteinander leben wollen. Die Rede von der Integration ist eine Feindin der Demokratie.“
Der zweite Punkt geht einen Schritt weiter. Tatsächlich belegen die Beschlüsse zur Neuregelung von Hartz 4 unmissverständlich, dass „unsere Demokratie“ vom Klassenkampf durchzogen wird – wahrnehmbar zunächst vom Klassenkampf von oben. Wenn der Klassenkampf von unten weniger wahrnehmbar ist, liegt das auch daran, dass selbst seinen AkteurInnen nicht immer klar ist, dass und wie sie ihr Leben längst im Widerstand gegen kapitalistische und rassistische Alltagsrealitäten führen. Dasselbe Nicht-Wissen tritt bei denen zu Tage, die gewollt oder ungewollt beim Klassenkampf von oben mitmischen: dort also, wo von „Integrationsunwillen“ statt vom Recht des alltäglichen Widerstands die Rede ist. Im Klartext gesprochen: viele Verhaltensweisen so genannten „Integrationsunwillens“ sind tatsächlich Ausdruck klassenkämpferischer Renitenz. Damit ist nicht gesagt, dass alles super wäre, was da so üblich ist – es geht nicht um Sozialromantik. Doch ist damit gesagt, wie inkriminiertes Verhalten vorgeblicher „anderer“ zunächst einmal wahrzunehmen wäre. Und: Es ist damit gesagt, wie umkämpft die Worte sind, die sich uns scheinbar „neutral“ zur Beschreibung von Verhalten und Verhältnissen zusprechen. Das gilt noch dort, wo eingewandt wird, dass es bei all’ dem nicht um Differenzen der vorgeblich „eigenen“ und der vorgeblich „fremden“ Kultur gehe, sondern um Probleme der „Armut“ deutscher wie nicht-deutscher „Unterschichten“. Nochmals Klartext: wir haben es nicht mit „Armutsproblemen“, sondern mit solchen des gesellschaftlichen Reichtums zu tun – mit Fragen, genau besehen, der ungleichen Verfügung über seine Produktion und seine Produkte. Das meint nicht nur materielle, sondern auch immaterielle Produkte – Sprache z.B., Wörter und Diskurse. Hier gilt es, Abhilfe zu schaffen, auch mit den Mitteln, die in Gegenkulturen proletarischer Alltagsrenitenz erprobt werden. Deutscht uns nicht voll.
Dr. Thomas Seibert ist studierter Philosoph und bei Medico International in der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit zuständig als Referent für Netzwerkarbeit. Sein Beitrag wurde zunächst veröffentlicht im „attac-Rundbrief 4/2010“
NAGEL-Redaktion – Der tägliche und weit verbreitete Rassismus
Von Grazyna Gintner
Der Rassismus hat viele Gesichter, nicht nur das von Neonazis. Er begleitet den Menschen auf Schritt und Tritt. Kaum jemand ärgert sich darüber.
Wenn man in den Tagen nach dem schrecklichen Massaker in Norwegen hierzulande nach einem Abbild des Rassismus sucht, stolpert man über einen bekannten Namen: Thilo Sarrazin, SPD-Mitglied, Autor des Bestsellers „Deutschland schafft sich ab“ und der Buhmann der Nation. Seine Person gilt nach wie vor als Auslöser für polemische, hitzige Debatten. Dennoch hat er eigentlich nur das laut gesagt, was viele leise denken. Anders lässt sich der enorme Erfolg seines Buches nicht erklären. Wie auch der Fakt, dass man von einem Ausschluss aus der SPD abgesehen hat.
Sarrazin ist nicht allein
Es fällt einem normalen Bürger meist nicht schwer, sich über die Neonazis zu empören und laut gegen sie in beeindruckenden Demonstrationen zu protestieren. Dies hindert ihn jedoch wenig, im Alltag über „die Türken“ zu schimpfen und sich über die angebliche niedrige Kultur der Zugewanderten zu mokieren. Man spricht eben ungeniert nicht über den konkreten Menschen, sondern über eine Nation, ein Volk, eine ganze Gruppe, deren man bestimmte einheitliche Eigenschaften zuschreibt und als angeborene – also in Genen zwingend übertragbare – erklärt. In einer beinahe Ku-Klux-Klan-Manier äußert sich nicht nur ein Besoffener am Stammtisch; diese Lesart ist auch in der Politik und den Medien derart verbreitet, dass sich niemand mehr darüber entrüstet. So prägt die regierende Kanzlerin im öffentlichen Bewusstsein die Verknüpfung zwischen den Migranten und Kriminellen und verbindet die Frage der Integration mit der Gewaltprävention.
Menschen und Umstände
Nicht die Menschen sind schlecht, sondern die Umstände, in denen sie leben, behauptete einmal Bertolt Brecht. Die Schlussfolgerung aus dieser These müsste lauten: Endlich sollen sich die Machthaber richtig um die Verbesserung in dieser Hinsicht kümmern. Dies ist doch die primäre Aufgabe der Volksvertreter: dem Volke zu dienen. Der Staat ist für die Rahmenbedingungen verantwortlich, und dieser Verantwortung darf er sich nicht entziehen. Stattdessen wird jedoch lieber auf die Sündenböcke (Türken, Migranten und so weiter) mit dem gestreckten Finger gezeigt. Dabei muss man die Frage „Wer ist für die Kriminalität hierzulande verantwortlich?“ viel differenzierter diskutieren. Niemand kommt als Krimineller auf die Welt. Die Verantwortung des Staates muss man thematisieren. Jene beginnt gleich mit der Geburt oder noch früher, wie die Diskussion um die PID-Diagnostik zeigte. Weiter geht es mit den Kinderkrippen und Schulen. Wenn es beispielsweise eine Schulpflicht gibt – also eine Beschränkung der Elterngewalt für eine bestimmte Zeit am Tag – kann man sich nicht hinter Ausreden verstecken. „Die Eltern müssen es richten“. Wer eine Schulpflicht anordnet, muss auch erzieherische Aufgaben übernehmen. Die Schule darf nicht ein „erziehungsfreier“ Raum sein. Übrigens, viele Länder – im Gegenteil zu Deutschland – kennen keine Schulpflicht, sondern nur eine Unterrichtspflicht, wo die Kinder auch zu Hause unterrichtet werden dürfen.
Täglicher Rassismus – nicht gewalttätig, nur herablassend
Der alltägliche Rassismus begegnet dem Menschen mit weißen Handschuhen und höflichem Lächeln. Er kennt die verpönten Ausdrücke und meidet sie bewusst. Man trifft ihn in der Schule, im Amt, in der Arbeit: überall dort, wo man einen Grund findet, jemanden nicht wegen seiner Qualifikationen und Fähigkeiten, sondern wegen Herkunft oder Hautfarbe zu beurteilen. So schimpfen die überlasteten Lehrer auf die Migranten-Kinder, die in Überzahl die Schulen bevölkern, statt nach Verantwortlichen für diese Verteilung oder nach neuen Wegen zu suchen. Die normalen Bürger, die sonst gegen die Braunen gerne mitmarschieren, warnen mitfühlend von bestimmten Gegenden, wo die Türken, Russen und so weiter wohnen. Der alltägliche Rassismus ist nicht gewalttätig. Er schaut lediglich auf den anderen von oben herab und sieht in ihm keinen gleichwertigen Menschen. Dort, wo es an der gleichen Behandlung und den gleichen Chancen fehlt, ist er zu Hause.
Türken haben es bewiesen
Wie ein Schluckauf kommen wieder und wieder die alten Thesen zurück, von Sarrazin zuletzt aufgewärmt, von erblicher Intelligenz oder vererbten kriminellen Neigungen. Dies soll die Missstände jeglicher Art erklären. Natürlich ist es einfacher, die Verantwortlichen für die eigene schlechte Politik woanders zu suchen, statt sich selbst um Lösungen zu bemühen. Diese Methode ist so alt wie der Mensch selbst. Als Schuldige nannte man abwechselnd: Juden, Zigeuner, Schwarze … Und das, noch bevor man über die Gene Bescheid wusste. Vor vielen Jahrhunderten gingen die Türken einen anderen Weg – und damit waren sie Sarrazin & Co. weit voraus. Sie ließen Jungen von 8 bis 18 Jahren, die sie sich aus verschiedenen Ländern holten, zu Janitscharen, den treuesten Truppen des Sultans, ausbilden. Damit haben sie auf eine spektakuläre Weise bewiesen, dass die Herkunft gar keine Rolle spielt, wenn man die Sache richtig anpackt.
Grazyna Gintner, Journalistin, hat in Polen gearbeitet und lebt seit Jahren in Deutschland. Kürzlich brachte sie unter dem Pseudonym Lydia Sanojar im BoD-Verlag den Märchenroman „In einem Atemzug“ heraus. Vorstehender Beitrag wurde zunächst in www.suite101.de veröffentlicht. Der Kontakt zur Autorin wird über Facebook gepflegt.
Wir danken Grazyna Gintner für die freundliche Genehmigung, ihren Text verwenden zu dürfen.
NAGEL-Redaktion – Ulla Keienburg’s Blog
In Hamburg befinden sich Office und Wohnsitz – mein Zuhause. Hamburg – meine Perle. Das Haupnest meiner Kleinfamilie.
Von hier aus toure ich durch die Welt – und erlebe sie: als Touristin, Counselor, Frau, Mutter, Freundin, Journalistin, Autorin oder Fotografin. Als Ulla begegne ich spannenden Menschen in faszinierenden Gegenden, lerne mit und von Weisen – großen und kleinen- und bin im Dialog mit Suchenden, halte die Eindrücke mitunter fest – in Bild und Wort – wohl wissend, dass kein Foto und kein Text die Tiefe, die Komplexität und die Emotionen des Erlebens wirklich wiedergeben kann.
Welcome to my reality!
Ulla Keienburg
Zum Blog? Foto anklicken!
NAGEL-Redaktion – Normal besonders oder besonders normal?
Von Ulla Keienburg
„Eigentlich kann ich nicht meckern!“, sagte ich mitunter, nachdem ich mal wieder etwas durchgekämpft hatte. Seit mein Sohn vor genau 28 Jahren auf die Welt kam, sind Behörden und Organisationen bis heute eine echte Herausforderung. Was hatte ich zuvor mit Sozialamt, Versorgungsamt, Frühförderstellen, Sozialen Hilfsdiensten, Familienkassen und Pflegekassen zu tun? Als ein Mittelschichts- und Bildungsbürgerkind: NICHTS. Rein gar nichts.
Sehr schnell wurde das Antreten am Amt, das Vorsprechen, das Erklären, das Auflisten zur Routine. Anträge hier, Bestimmungen dort, Nachteilsausgleich, Bescheinigungen. Steuerberater, Sozialarbeiter, Arbeitsamtsangestellte, Jugendamtsmitarbeiterin, Chefs, Arbeitgeber hatten für meine Anliegen jeweils nur eine Ansage: „Das hatten wir so noch nicht!“ Meine Antwort war immer die gleiche: „Dann wird es Zeit!“
Ich nahm nicht hin, dass mein Sohn in einen „Sonderkindergarten“ sollte. Ich ersparte ihm die organisierte „Frühförderung“ und wollte keine vermeidbare „Besonderung“. Was ich aber gern für ihn wollte: Alles, was jedes andere, auch nicht behinderte, Kind angeboten bekam. Das sollte sich schnell als ein Marathon herausstellen – wenn die Streckenbezeichnung überhaupt passt, um die auszuhaltenden Anstrengungen, Respektlosigkeiten und Kränkungen zu beschreiben, die ich mir und uns damit eingehandelt habe.
An dem Tag, als „WIR“ mit der Diagnose „Downsyndrom“ etikettiert wurden, entschied ich, ihn nicht therapieren zu lassen. Die Chance sollte er bekommen, MIT mir, meiner Familie und Freunden, Erwachsenen wie Kindern zu lernen, zu erfahren, zu erproben, zu entwickeln, was heute „Soziale Kompetenz“ genannt wird.
Wie hätte er lernen sollen auszuhandeln, Rücksicht zu nehmen, Geduld zu haben, ggf. zurückzustecken, zu helfen, sich zu engagieren, gemeinsam etwas zu planen, zu bewerkstelligen, außer im Kontakt mit anderen Kindern und Erwachsenen? Therapie erschien mir zu „individuell“ und nicht sehr förderlich. Wenn mir die Therapeuten predigten, wie wichtig ihre Interventionen seien, sah ich schon einen Angepassten vor mir, der aus ihm zu werden drohte: Ausschließlich „behandelt“ – und damit „auf Spur gebracht“ – und stellte mir sein Leben vor: einsam, gebeugt und mit erlerntem Anspruch auf Besonderung. So entschied ich, alles daranzusetzen, ihn in einem „ganz normalen“ Kontext groß werden zu lassen. Für ihn war schon normal, ohne Vater groß zu werden. An Geschwister war also nicht zu denken. So landete er, dank für Neues offener Menschen, in einem Regelkindergarten – erst in der Nähe von Flensburg, später in Dortmund.
Er liebte die Kita und die Erzieherinnen – und die Kinder haben einander geliebt und gefordert, geärgert und besänftigt, gestritten und geschützt – er hatte dort das pralle Leben. Die Kinder agierten unreflektiert und respektierten seine Grenzen – und er die ihren. Und wenn mal nicht – dann gab es halt Krach und sie hatten zusammen etwas Neues gelernt. Welch ein Wunder. Und alle hielten das für normal.
Das Land spendierte jeweils eine zusätzliche Stelle zwecks Förderung – und wir vereinbarten , dass sie ihn in Ruhe lassen und somit die gewonnene Zusatzkraft im Kita-Alltag aufgehen konnte.
Ich habe ihn mitgenommen auf Demonstrationen gegen Atomkraft, Kürzungen bei der Bildung, habe mit ihm für Integration gekämpft, bin mit ihm Motorrad gefahren; er war mit in der Sauna, auf dem Sportplatz, zum Surfen, zum Tanzen und im Sonntags-Familien-Konzert. Letzteres führte zu größten Protesten, an mich gerichtet. Motto: Was hat ein behindertes Kind in einem klassischen Konzert zu suchen? Alles lebend überstanden! Er wusste früh, welche Arbeit im Haushalt anfällt, hat auch seine Aufgaben darin bekommen und erledigt. Nicht immer freiwillig – das aber fand ich normal. Die Polizisten waren unsere Freunde. Sie warteten auch keine 24 Stunden, wenn ich verzweifelt anrief, um mitzuteilen, dass er mal wieder auf eigene Faust unterwegs war und auf seinen Streifzügen nicht zu finden war.
Er hat extrem von seinen Erkundungstouren profitiert. Das habe ich zwar in dem Moment nicht so empfunden – aber im Rückblick …
Das Drama mit der Schulzeit erspare ich dem geneigten Leser. Als Fazit: Wir haben es überstanden!!! Mit viel Krach und Auseinandersetzungen, die nicht immer das Ziel hatten, sich wieder zusammenzusetzen, zumindest nicht von beiden Seiten. Irgendwann war sie einfach vorbei – die Pflichtzeit in der Abrichtungsanstalt. 28 Jahre alt wird er heute. An diesem Tag bin ich immer wieder etwas melancholisch. Aber auch stolz.
Als er 17 Jahre alt war, habe ich für die Lebenshilfe Zeitung einen Artikel geschrieben: „Wir haben zusammen Laufen gelernt – und jetzt geht jeder seiner Wege!“
Irgendwann bekam ich mal diese Geschichte geschenkt:
Vier Hände und ein Herz voll Liebe (von Erma Bombeck)
Haben Sie sich schon einmal Gedanken darüber gemacht, nach welchen Gesichtspunkten die Mütter dieser Kinder ausgewählt werden?
Ich stelle mir Gott vor, wie er über der Erde schwebt und sich die Werkzeuge der Arterhaltung mit größter Sorgfalt und Überlegung aussucht. Er beobachtet genau und diktiert dann seinen Engeln Anweisungen ins riesige Hauptbuch. Neumann, Lisa: Sohn. Schutzheiliger: Mathias. Förster, Ute: Tochter, Schutzheilige: Cäcilie, Bollman, Karola: Zwillinge. Schutzheiliger? Gebt ihr Gerhard, der ist es gewohnt, dass geflucht wird. Schließlich nennt er dem Engel einen Namen und sagt lächelnd: Ihr gebe ich ein Kind mit einer Behinderung. Der Engel wird neugierig: „Warum gerade ihr, oh Herr? Sie ist doch so glücklich.“ „Eben deswegen,“ sagt Gott lächelnd. „Kann ich einem behinderten Kind eine Mutter geben, die das Lachen nicht kennt? Das wäre grausam!“ „Aber hat sie denn die nötige Geduld?“, fragt der Engel. „Ich will nicht, dass sie zuviel Geduld hat, sonst ertrinkt sie in einem Meer von Selbstmitleid und Verzweiflung. Wenn der anfängliche Schock und Zorn erst abgeklungen sind, wird sie es tadellos schaffen. Ich hab sie heute beobachtet. Sie hat den Sinn für Selbstständigkeit und Unabhängigkeit, die bei Müttern so selten und so nötig sind. Verstehst du: Das Kind, das ich ihr schenken werde, wird in seiner eigenen Welt leben. Und sie muss es zwingen, in der ihren zu leben, das wird nicht leicht werden.“ „Aber, Herr, soviel ich weiß, glaubt sie nicht einmal an dich.“ Gott lächelt. „Das macht nichts, das bringe ich schon in Ordnung. Nein, sie ist hervorragend geeignet. Sie hat genügend Egoismus.“ Der Engel ringt nach Luft. „Egoismus? Ist das denn eine Tugend?“
Gott nickt. „Wenn sie sich nicht gelegentlich von dem Kind trennen kann, wird sie das alles nicht überstehen. Diese Frau ist es, die ich mit einem Kind beschenken werde, das besondere Hilfe braucht. Sie weiß es zwar noch nicht, aber sie ist zu beneiden. Nie wird sie ein gesprochenes Wort als etwas Selbstverständliches hinnehmen. Nie einen Schritt als etwas Alltägliches. Wenn ihr Kind zum ersten Mal Mama sagt, wird ihr klar sein, dass sie ein Wunder erlebt. Wenn sie ihrem blinden Kind einen Baum, einen Sonnenuntergang schildert, wird sie ihn so sehen, wie nur wenige Menschen meine Schöpfung sehen. Ich werde ihr erlauben, alles deutlich zu erkennen, was auch ich erkenne – Unwissenheit, Grausamkeit, Vorurteile –, und ich werde ihr erlauben, sich darüber zu erheben. Sie wird niemals allein sein. Ich werde bei ihr sein, jeden Tag ihres Lebens, jede einzelne Minute, wie sie meine Arbeit ebenso sicher tut, als sei sie hier neben mir.“ „Und was bekommt sie für einen Schutzheiligen?“ fragt der Engel mit gezückter Feder. Da lächelt Gott. „Ein Spiegel wird genügen.“
Ein solcher Spiegel war mein Sohn mir, ist er mir und wird er mir bleiben. Dafür bin ich dankbar und fühle mich nach wie vor „blessed“ … hört sich besser an als „gesegnet“.
Zum Geburtstag hat er sich von mir Tickets für ein Handballspiel der SG Flensburg-Handewitt gewünscht. „Eigentlich kann ich nicht meckern!“, denke ich wieder – schmunzelnd und stolz. Und danke von Herzen allen, die es normal fanden und finden, dass wir wohl beide besonders sind!
Erstveröffentlichung: Ulla Keienburgs’s Blog: Welcome to my Reality! 17. Oktober 2011. Wir danken Ulla Keienburg für die freundliche Genehmigung, den Text hier zu verwenden!
Ulla Keienburg über sich:
„In Hamburg befinden sich Office und Wohnsitz – mein Zuhause. Hamburg – meine Perle. Das Haupnest meiner Kleinfamilie.
Von hier aus toure ich durch die Welt – und erlebe sie: als Touristin, Counselor, Frau, Mutter, Freundin, Journalistin, Autorin oder Fotografin. Als Ulla begegne ich spannenden Menschen in faszinierenden Gegenden, lerne mit und von Weisen – großen und kleinen – und bin im Dialog mit Suchenden, halte die Eindrücke mitunter fest – in Bild und Wort – wohl wissend, dass kein Foto und kein Text die Tiefe, die Komplexität und die Emotionen des Erlebens wirklich wiedergeben kann.“
Und wir – der ABA Fachverband – möchten den einen oder anderen „Ausflug“ auf Ullas Seiten wärmstens empfehlen. Dank sozialer Netzwerke im Internet konnten wir uns kennenlernen.
NAGEL-Redaktion – Beobachtete Bewegung – Bewegte Beobachtung – Grundsätzliche Überlegungen
Von Ulla Keienburg
Die Diskussionen um Bildung bleiben bewegt. Kaum wieder am Schreibtisch, erinnere ich mich an einen Text, der nicht erst einmal publiziert wurde. Es scheint Erkenntnisse zu geben, die relativ unabhängig von der Zeit sind.
Beobachtete Bewegung – Bewegte Beobachtung – Grundsätzliche Überlegungen
Wenn Tränen tropfen, glauben wir, ein Mensch sei traurig. Das stimmt, statistisch gesehen, sicherlich auch. Doch haben wir diesen Menschen gefragt? Oder haben wir in unseren Biografien gelernt, etwas anzunehmen und auf der Basis dieser Annahmen zu (re-)agieren? „Ich habe gedacht, du hättest gedacht, ich hätte gedacht … Und deshalb habe ich …“ Wie oft verlieren wir uns in Erklärungen! Wer hat heute den Mut, hinzuschauen? Was könnten wir alles entdecken, Großes, Kleines, Wichtiges, wenn wir uns die Zeit nähmen, hinzuschauen, hinzuhören, hinzufühlen, zu fragen?
Kinder haben uns gegenüber einen riesigen Vorteil. Sie lernen viel schneller, sie verarbeiten zügiger, sie sind aufmerksamer, mutiger, neugieriger – wenn wir Großen sie lassen. Die Natur hat sich schon etwas dabei gedacht, wenn sie den Kindern in den ersten vier Jahren abverlangt – und gleichzeitig die psychischen und hirnphysiologischen Voraussetzungen dafür geschaffen hat –, so schnell und so viel wie möglich zu lernen, unter welchen Bedingungen auch immer.
Die Hirnforschung verifizierte in den letzten Jahren mit viel Aufwand, was Freud und Kollegen längst als Grundlage ihrer Betrachtung des Menschen und des Umgangs mit ihm verstanden. Die ersten Jahre sind die entscheidenden. Nun bekommen Psychoanalyse und Entwicklungspsychologie endlich die Wertschätzung, die sie schon lange verdient haben. Vertreterinnen und Vertreter dieser Disziplinen hatten bereits gewagt, „mindestens ein halbe Stunde am Tag das Gegenteil von dem zu denken als das, was in der Wissenschaft als gesichert gilt“, um Albert Einstein zu zitieren. Sie hatten gewagt, hinzuschauen, haben viele Menschen beobachtet, haben das ausführlich getan, haben sich davon bewegen lassen, haben erkannt und tun das heute ebenso.
Kinder lernen anders, schneller und mehr als wir Erwachsenen. Sie sind die Meister ihrer Lernprozesse, solange sie in Beziehung zu sich, zu den Menschen, zu den Dingen und zur Natur sind. Dann können sie nichts anderes als lernen. Nicht lernen geht nicht.
So haben Kinder seit Olims Zeiten gelernt, was sie sollen, nicht unbedingt, was sie wollen und hätten lernen können. Normen entstanden. Keiner weiß so recht, wie. Naturverhältnisse, Kulturen, Traditionen, politische Verhältnisse und ihnen entsprechende Menschenbilder waren es, die diese Normen beeinflussten.
Im vorletzten Jahrhundert bereits hatten Fröbel und Pestalozzi dafür plädiert, Kinder als aktive Mitgestalter ihrer Lernprozesse zu sehen, hatten erkannt, dass Kinder alles, was man ihnen beibringt, nicht mehr selbst lernen können. Später wurden Inhalte, Bewegungsformen, Regeln, Zeiten und Ziele festgelegt, aus denen fast jeder herausfallen muss, weil kaum ein lebendiger Mensch hineinpasst.
Angst vor Eigenständigkeit und Überraschendem hat Menschen im Bereich der Bildung und Betreuung verführt, zu regulierenden Maßnahmen zu greifen, anstatt die Lernprozesse, die Kinder durchlaufen, zu achten und sie zu steuern, indem sie Umwelten der Kinder zu Lernumwelten werden lassen. Andererseits: Der Mensch ist in seinem Berufsalltag einem hohen Maß an Fremdbestimmung ausgeliefert. Wie soll er, eingedenk dessen, gegenüber emotionalen und unkonventionellen Lernprozessen von Kindern offen sein?
Grundannahmen über Kinder
Die Psychomotorik z.B. geht davon aus, dass jeder Mensch sich jede Erfahrung merkt, dass sich jede Erfahrung in den Bewegungen niederschlägt, dass man selbst in späten Jahren zum Beispiel noch den Schmerz fühlt, den ein aufgeschlagenes Knie verursachte, eine Ohrfeige oder ein verschlucktes Apfelstück. Aber auch ein Streicheln, einen Gute-Nacht-Kuss. Der Körper speichert jede Erfahrung psychischer und physischer Natur.
Die Bewegung ist das Erste und Wichtigste, das Kinder entwickeln. In ihren ersten Lebensjahren lernen sie, den Kopf zu heben, sich abzustützen und aufzusetzen, zu greifen, zu sitzen, zu krabbeln, zu laufen. Zu essen und zu trinken. Jeder Entwicklungsschritt geschieht, weil sie etwas erreichen wollen.
Häufig werden die Kleinen hingesetzt, bevor sie sich aufsetzen können. Sie werden aufrecht durch die Weltgeschichte getragen, bevor sie sich selbst aufrichten können. Sie werden aufgestellt, ohne dass sie eine Motivation oder gar die körperlichen Voraussetzungen haben, sich an etwas hochzuziehen, geschweige denn die psychische Stabilität, die Eindrücke zu verarbeiten, die sie nun empfangen.
Jede körperliche Entwicklungsphase ist gekoppelt an die psychische und intellektuelle Entwicklung. Kinder, die nicht die Chance hatten, sich ausgiebig zu bewegen, selbst zu entdecken, wie man sich hinsetzt, läuft, krabbelt, haben nachweislich später Schwierigkeiten mit der Sprach- und Zahlenwelt. Wem zuliebe also setzen wir die Kinder hin, beschleunigen wir via Krankengymnastik die Bewegungsentwicklung?
Kinder brauchen ihre Zeit. „Entwicklungsrückstände“, also eine defizitäre Betrachtung und Bewertung der kindlichen Entwicklung, sind Grund für die endlosen „Reparatur“-Maßnahmen, die es niemand anderem als den Erwachsenen ermöglichen sollen, die Eigenwilligkeit der Kinder leichter auszuhalten. Erst müssen die Kinder den Erwachsenen zuliebe stehen, bevor sie sich selbst hinstellen können, und dann müssen sie zur Therapie, weil ihnen Entwicklungsschritte wie Krabbeln oder Aufrichten fehlen, was sich womöglich auf die Sprachentwicklung oder die feinmotorischen Fähigkeiten auswirkt. Immer öfter müssen sie etwas tun, das ihrer natürlichen Entwicklung nicht entspricht. Eine gemeine Falle…
Grundlegende Kenntnisse über die körperliche und seelische Entwicklung der Kinder sollten verpflichtend sein für Menschen, die mit Kindern arbeiten.
Grundannahmen über Menschen, die mit Kindern arbeiten
Menschen, die mit Kindern arbeiten, müssen sich selbst begegnen, um zu einer befriedigenden Bewältigung ihres (Arbeits-)Alltags zu gelangen. Da sie dies aufgrund eines hohen Maßes an Fremdbestimmung nicht gewohnt sind und es, verschiedener Ängste wegen, nicht von sich aus tun, muss einer solchen Begegnung mit sich selbst ein hohes Maß an Versorgung vorausgehen.
Erzieherinnen und Erzieher, Pädagoginnen und Pädagogen haben ihren Beruf und den entsprechenden Arbeitsbereich aufgrund ihrer persönlichen Geschichte gewählt. Wenn auch zunächst vielleicht unbewusst, streben sie damit eine Begegnung mit ihrer eigenen Person an.
Über die grundlegenden emotionalen und fachlichen Fähigkeiten, um diese Begegnung zu vollziehen und sie für sich, im Team und für die Arbeit mit den Kindern und deren Eltern zu nutzen, verfügen sie. Deshalb verstehen wir eine Arbeitsweise wie zum Beispiel in diesem Workshop als „Verständigungsangebot an als zumindest potenziell kompetent und aktiv gedachte Persönlichkeiten“1. Daraus rekrutieren sich auch die Kompetenzen, die wir den Menschen, die in dem wichtigen Bereich der frühkindlichen Förderung tätig sind, zutrauen und abfordern. Sie kennen den Katalog der Kompetenzen aus den Zielen der frühkindlichen Förderung für Kinder:
● Wahrnehmungskompetenzen;
● Bewegungskompetenzen;
● emotionale Kompetenzen;
● soziale Kompetenzen.
Die genannten Kompetenzen beziehen sich jedoch nicht ausschließlich auf prüfbare Fähigkeiten der Kinder. Jeder beobachtende Mensch, insbesondere in Lernkontexten, sollte sie auch bei sich selbst überprüfen, verifizieren und erweitern.
Dazu schlage ich folgende Fragen vor:
● Welche Grundhaltungen bewegen mich, treiben mich an?
● Kann ich die Unterschiedlichkeit der Menschen wirklich akzeptieren?
● Nach welchen Vorgaben wurde ich selbst erzogen?
● Was rührt der Blick, insbesondere der längere und zielgerichtete, auf das mir anvertraute Kind in mir selbst an?
● Definiere ich mich über die Erfolge, die ein Kind dank meiner „Förderarbeit“ erbringt?
● Wie nah bin ich damit dem Bild der Mutter, die das „gelungene“ Kind für ihre „Leistung“ und das „gestörte“ Kind für ihr „Versagen“ hält?
● Welchen Druck erzeugt es bei mir, Kinder fördern zu sollen?
● Wozu will ich Kinder „fördern“?
● Wonach halte ich Ausschau, wenn ich ein Kind beobachte?
● Welche Ressourcen entdecke ich, welche bleiben mir vielleicht verborgen?
● Was verstellt möglicherweise meinen Blick?
● Wie viel mehr achte ich auf Probleme als auf Lösungen?
● Was bedeutet für mich Elternarbeit? Arbeit mit Eltern? Bearbeitung von Eltern? Gar eine Last, eine Störung, Kontrolle? Oder Hilfe, Partnerschaft?
● Wie weit ist der Beruf der Erzieherin für mich ein Kompromiss zwischen halbmännlichem Karrierewunsch und exklusiver Mutterschaft? Immerhin liegt das Erzieherinnendasein so dicht am „Mutterarbeitsbereich Liebe“, dass die Tätigkeit inklusive der relativ geringen Bezahlung am unteren Ende des pädagogisch-professionellen Bereichs rangiert.
● Gestehe ich mir Ängste, Inkompetenz, Unsicherheit zu und (wie) äußere ich diese?
● Die Bildungsvereinbarungen verpflichten mich plötzlich zur Beobachtung und Dokumentation von kindlichen Lernprozessen. Kann ich überhaupt beobachten, ohne selbst beteiligt zu sein?
Grundannahmen zur Beobachtung
„Dabei geht es zunächst darum, das, was uns bewegt, zuzulassen und bewusst zu beschreiben. Dadurch sind wir eng mit dem Geschehen verbunden; wir spüren, wenn uns das Verhalten eines Kindes berührt, eine ganz persönliche Nähe zu den Ereignissen. Wir werden an unsere Kindheit erinnert, Ereignisse, die wir schon vergessen haben, werden neu belebt, aber auch Lebensprobleme, die uns im Alltag bewegen, tauchen gleichsam in der Beobachtungssituation auf und beschäftigen (bewegen) uns: Wir nehmen Ähnlichkeiten zwischen unserer und der Situation des beobachteten Kindes wahr und merken, dass das Geschehen auch mit uns etwas zu tun hat. Dieser Blick kann uns den Blick auf die Struktur der Entwicklung des Kindes versperren. (…) Wir sind keine Apparate, die seelenlos, unbeteiligt, ,objektiv΄ registrieren, was ist. Wir sind immer beteiligt, das heißt, Teile des Prozesses.“2
Was bedeutet das für uns?
● Dass wir unser pädagogisches Verhalten und unsere Rolle regelmäßig überdenken.
● Dass wir den Mut haben sollten, die Ereignisse auch aus der Perspektive der Kinder, Eltern, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu betrachten.
● Dass wir uns als Lernende verstehen.
● Dass wir uns als Begleiterinnen und Begleiter der Kinder verstehen.
● Dass wir uns die Frage stellen, was uns persönlich im schlimmsten und im besten Falle passiert, wenn wir unsere Haltung auf diese Weise verändern.
● Dass wir unser Handeln jederzeit auch in Frage stellen.
Mütter, Väter, Erzieherinnen, Erzieher und andere Erwachsene schaffen ein förderliches Umfeld für Kinder, wenn sie selbst in den Spiegel schauen, ihre eigenen Begrenzungen, Chancen und Fähigkeiten erkennen und zunehmend unabhängiger davon die Potenziale der Kinder wahrnehmen, ihnen also mehr Raum, Zeit und Gelegenheit für selbsttätige Erfahrungen schaffen und lassen.
Aufgabe der Erwachsenen ist es, gesellschaftliche Vereinbarungen zu kennen und sie verantwortlich als Ziel und Rahmen anzusehen. Wenn Erwachsene sich als Lernende verstehen und mit Kindern dem Bedürfnis nachgehen, sich zu entwickeln, steht Bildung tatsächlich nichts im Wege.
In dem rasanten Tempo, in dem Wissen veraltet, ist Bildung die wichtigste Grundlage, um Strategien zu entwickeln, mit denen der Mensch, ob klein oder groß, sich neues und notwendiges Wissen aneignen kann. Wir als Erwachsene haben die Aufgabe, uns selbstverständlich als Vorbild zu verhalten. Das sollte beinhalten, dass wir uns als Lernende zeigen, dass wir akzeptieren, dass nicht alles gelingt, dass wir warten, wenn es sich lohnt, dass wir uns ein Bewusstsein über unsere Fähigkeiten und Fertigkeiten, Chancen, Wünsche und Begrenzungen verschaffen.
Grundannahmen zur Selbstbeobachtung
● Wie habe ich mich selbst bei der Beobachtung erlebt?
● Was fühle ich?
● Was denke ich?
● Was halte ich für gefährlich? Ist es das wirklich? Woher weiß ich das?
● Um was geht es eigentlich?
Die Selbstbeobachtung ist die wichtigste Erfahrung und ein unverzichtbares Instrument in der Arbeit mit Kindern, insbesondere mit ganz kleinen Kindern. Niemand hat diese Forderung in seiner Ausbildung zur Pädagogin, zum Pädagogen – welcher Kategorie auch immer – angetragen bekommen. Erst der therapeutische Bereich hat als notwendig erachtet, die eigene Biografie als Grundlage für die Struktur der eigenen Handlungs- und Denkweisen und die Berufswahl zu erachten und sie entsprechend zu reflektieren. Erst durch den Bereich der therapeutischen Arbeit sind das Bedürfnis und die Notwendigkeit, sich zu entwickeln, identifiziert worden. Die Tradition der Supervision hat sich daraus entwickelt. Leider wurde sie lange zum Zweck der Intervention genutzt und wird erst gewährt, wenn intern unlösbare Probleme in Einrichtungen und bei Trägern auftauchten.
Doch heute verfügen wenige einzelne Menschen in den Einrichtungen über entsprechende Ausbildungen und lassen ihre (Er-)Kenntnisse in ihre Arbeit einfließen. Mit ihrer Hilfe lassen sich Instrumente, die zunächst zur eher unbeteiligten Beobachtung von Kindern und deren Lernprozessen gedacht waren, auch als Selbstbeobachtungsinstrumente einsetzen. Bildungs- und Lerngeschichten zum Beispiel kann jedes Team, jede Erzieherin und jeder Erzieher für sich als Spiegel benutzen. Teamspiele wurden entwickelt, die zur Reflexion der Stimmung in den Teams dienen. Mitarbeiterbesprechungen werden genutzt, um einander zu spiegeln.
Eines ist sicher: Die Kinder sind mit ihrem sichtbaren Verhalten Spiegel der Stimmung und Haltung in den Einrichtungen, Spiegel der Beziehungen zwischen den Erzieherinnen und Eltern, und sie sind ein Spiegel der inneren Haltung ihnen gegenüber. Wenn wir das akzeptieren, bleibt uns nur, Antworten auf die immer wiederkehrenden Fragen zu finden:
● Warum sehe ich, was ich sehe, und wozu sehe ich es so, wie ich es sehe?
● Warum rege ich mich auf?
● Warum und wozu bewegt mich das Erkannte?
Wir werden schnell hinter alte Setzungen kommen, schnell auf die Werte, die uns, vielfach unbewusst, regieren. Umwege erhöhen die Ortskenntnis. Die uns anvertrauten Kinder zeigen deutlich, welchen Interessen sie gerade nachgehen.
Unsere Aufgabe ist es, ihre Handlungslogik zu entschlüsseln. Nur dann können wir sie begleiten und Prozesse steuern mit dem Blick auf das Ziel. Wenn wir diese Aufforderung ernst nehmen, sollten sich bald unsere Angebote an den Bedürfnissen und Interessen der Kinder und der jeweiligen Situation orientieren.
Literatur
Dorothee Eichendorf und Ulla Keienburg „Beobachtete Bewegung – bewegte Beobachtung“ in: Bertelsmann Stiftung (Hrsg.) „Guck mal“, ©Verlag Bertelsmann Stiftung , Gütersloh 2005, S. 124-136
Westphal, Erich: Bewegen als Lebensweise. Unveröffentlichtes Manuskript, Universität Oldenburg, 1989
Keienburg, Ulla: „Dass ich mich habe, darauf wäre ich nie gekommen“. Zeitschrift für Humanistische Psychologie, Heft 2/1998, 61ff.
Hunger, Ina und Zimmer, Renate (Hg.): Bildungschancen durch Bewegung – von früher Kindheit an. Verlag Hofmann, ISBN 978-3-7780-8620-9
Fußnoten
1 Funke, J. Zit in. Keienburg, U.: „Dass ich mich habe, darauf wäre ich nie gekommen“. Zeitschrift für Humanistische Psychologie, Heft 2/1998
2 Westphal, E. Zit. in: Keienburg, U.: „Dass ich mich habe, darauf wäre ich nie gekommen“. Zeitschrift für Humanistische Psychologie, Heft 2/1998
NAGEL-Redaktion – Inklusive Grundschule: ein starkes Glied in der „Kommunalen Präventionskette“ gegen Kinderarmut
Von Dr. Brigitte Schumann
Deutschland tut zu wenig für die frühkindliche Bildung und vernachlässigt geradezu sträflich die präventive Förderung von Kindern in Armutslagen. Aus dem Mangel an frühzeitiger öffentlicher Verantwortungsübernahme für das Wohlergehen aller Kinder erwachsen den Kommunen, den Ländern und dem Bund tendenziell steigende Kosten wegen teurer und ineffektiver nachsorgender Unterstützungsmaßnahmen für unzureichend qualifizierte und integrierte Jugendliche.
Deshalb haben sich AWO, DGB, GEW, Kinderschutzbund und der Paritätische Wohlfahrtsverband in Nordrhein-Westfalen 2009 zu einem landesweiten Bündnis gegen Kinderarmut zusammengeschlossen: Sie fordern die staatliche Pflicht zur Prävention. Der politische Appell des Bündnisses „Zum Auf- und Ausbau kommunaler Präventionsketten“ ist nicht ungehört geblieben. Die Landesregierung von NRW hat am 9. November 2011 in einer Auftaktveranstaltung das Modellvorhaben „Kommunale Präventionsketten“ ins Leben gerufen.
In dem folgenden Beitrag geht es darum, die Funktionsweise der Präventionskette zu skizzieren, das Verhältnis von Prävention und Inklusion zu bestimmen und die inklusive Grundschule als unverzichtbares Glied innerhalb der Präventionskette bildungspolitisch einzufordern.
Die Idee der Präventionskette
Sie orientiert sich an dem erfolgreichen Projekt „Mo.Ki – Monheim für Kinder“, das 2002 startete. Die Kommune am Rhein hat zusammen mit der AWO Niederrhein beispielhaft eine kind-/jugendbezogene durchgängige (Armuts-)Präventionskette entwickelt. Diese will von Geburt an bis zum Übergang Schule-Beruf Begleitung und Unterstützung für besonders gefährdete Kinder und Jugendliche und deren Familien sicherstellen. Das Motto lautet: frühe Förderung und Partizipation anstelle von später Krisenintervention. Das Konzept zielt auf die Vermeidung von Armutsfolgen – wie z.B. hohe Gesundheitsrisiken, soziale und emotionale Entwicklungsprobleme, geringe Bildung – und auf die Gewährleistung gleichberechtigter gesellschaftlicher Teilhabe.
Heute arbeiten mehr als 50 Netzwerkpartner mit der Stadt Monheim und der AWO zusammen. Sie werden wissenschaftlich begleitet und unterstützt von dem Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik (ISS – Frankfurt a.M.). In Kooperation von öffentlichen und freien Trägern der Kinder- und Jugendhilfe, der Familienhilfe, des Gesundheitswesens und des Bildungssystems werden praxisnahe und bedarfsgerechte Maßnahmen im Rahmen eines abgestimmten Gesamtkonzeptes für den Einzelfall entwickelt, das die Situation des Kindes bzw. des Jugendlichen und die Stärken und Schwächen der zugehörigen Familie berücksichtigt. Die Netzwerksteuerung liegt in der Hand der Kommune, die per Gesetz für die Kinder- und Jugendhilfe verantwortlich ist. Die Steuerung basiert auf Verhandlung und Abstimmung mit den Kooperationspartnern und entwickelt sich an den Aufträgen, die sich die Partner geben.
Gerda Holz, die Verantwortliche für die wissenschaftliche Begleitung durch das ISS, betont: „Präventionsnetzwerke sind Produktionsnetzwerke.“ Präventionsorientierte Produkte sind z.B. der Begrüßungsbesuch bei Geburt eines Kindes mit einem verlässlichen bedarfsgerechten Angebot für die „Neueltern“, die systematische frühe Förderung ab Geburt in Gruppen, Krippen, KiTas als Grundlage für Bildungsteilhabe von Anfang an und einen erfolgreichen Schulverlauf sowie die besondere Unterstützung an den Übergängen des Bildungssystems KiTa – Grundschule, Grundschule – weiterführende Schule, Schule – Beruf.
Das Monheimer Projekt versteht sich als ein Erfolgsmodell. Die Sprachkenntnisse und die Gesundheitsdaten armer Kinder haben sich verbessert. Die Zahl der Schulabbrecher ist gesunken, immer mehr jungen Menschen gelingt der Einstieg in das Berufsleben.
Das Modellvorhaben der Landesregierung, das auch wissenschaftlich begleitet und ausgewertet werden soll, will bis zu 15 Kommunen in NRW darin unterstützen, ebenfalls ressort- und institutionsübergreifende Netzwerkstrukturen für präventive sozialräumliche Konzepte zur Unterstützung und Begleitung von Kindern und Jugendlichen sowie deren Familien aufzubauen. Die Landesregierung hat beim Start den Willen bekundet, nach Auswertung des Modellvorhabens das Projekt in die Fläche bringen zu wollen.
Die Landesregierung von NRW hat sich zu einer sozialen Präventionspolitik und damit zu einem Paradigmenwechsel in der Sozial-, Kinder- und Bildungspolitik bekannt. Sie setzt ein wichtiges Signal für andere Bundesländer. Angesichts der Tatsache, dass nach Angaben des Bildungsberichts Ruhr, dem ersten regionalen Bildungsbericht in Deutschland, allein 30 Prozent der Kinder in der Metropole Ruhr zwei Jahre vor der Einschulung einen erheblichen Sprachförderbedarf haben, ist offensichtlich, dass die neue Landesinitiative für sich allein nicht greifen kann. Sie muss unterfüttert werden mit abgestimmten ressortübergreifenden Maßnahmen des Landes und der Kommunen. Das kostet zusätzliches Geld. Vor dem Hintergrund kommunaler Nothaushalte und begrenzter Möglichkeiten des Landeshaushalts muss auch der Bund mit ins Boot geholt werden.
Zum Zusammenhang von Prävention und Inklusion
Soziale Inklusion ist ein allgemeines Menschenrecht und meint das Recht auf ein selbstverständliches Zusammenleben und eine gleichberechtigte Teilhabe in allen gesellschaftlichen Bereichen, unabhängig von sozialer Herkunft, ethnischer Zugehörigkeit, Sprache, Religion, Geschlecht, Fähigkeiten und Behinderungen. Die UN-Behindertenrechtskonvention macht dieses Recht aus gutem Grund explizit geltend für die besonders stark von sozialem Ausschluss betroffene Gruppe der Menschen mit Behinderungen. Es aber auf diese Zielgruppe zu verkürzen, wie dies derzeit im Diskurs der deutschen Bildungspolitik üblich ist, ist unzulässig.
Da Prävention auf die Vermeidung und Abwehr von Benachteiligung, Behinderung und sozialer Exklusion abzielt, ist sie ein unverzichtbarer Bestandteil eines jeden Inklusionskonzeptes. Sie ist – positiv gesprochen – „vorsorgende Inklusion“ und muss besonders in der lernsensiblen Phase der frühkindlichen Bildung und der sich anschließenden Phase der Grundschulbildung stark gemacht werden. Wegen der untrennbaren Verbindung zu Inklusion besteht auch ein menschenrechtlicher Anspruch auf Prävention. Der Staat ist dazu verpflichtet, ihn so auszugestalten, dass er individuell einklagbar ist und von keinem Kämmerer mehr kassiert werden kann.
Die UNESCO hat in ihrer Veröffentlichung „Inklusion- Leitlinien für die Bildungspolitik“ (2009) diesen Zusammenhang pointiert herausgehoben, wenn sie dort betont: „Das Fundament für Inklusion wird durch einen frühen Bildungsbeginn gelegt, denn die frühe Kindheit ist – wie die kognitiven Neurowissenschaften belegen – eine wichtige Phase für das Erlernen kognitiver Fähigkeiten. Gut konzipierte Programme zu frühkindlicher Förderung sind also zwingend erforderlich. Insbesondere für die am stärksten benachteiligten Kinder.“ Natürlich werden auch emotionale und soziale Kompetenzen in dieser Phase angebahnt.
Um dem Präventionsgedanken auf allen politischen Handlungsebenen – Bund, Länder, Kommunen – endlich zum Durchbruch zu verhelfen, ist unbedingt auf die menschenrechtliche Begründung für eine staatlich verpflichtende Prävention zu verweisen.
Die Grundschule heute – eine Schule für fast alle Kinder
Der Grundschule kommt innerhalb der Präventionskette eine besonders wichtige Bedeutung zu. Mit ihr beginnt das verpflichtende formale Lernen. Sie hat nicht nur die Grundbildungskompetenzen Lesen, Schreiben und Rechnen zu vermitteln, sondern auch grundlegende soziale, personale Kompetenzen und eine positive Einstellung zum Lernen zu fördern.
Zu Recht darf die deutsche Grundschule für sich in Anspruch nehmen, dass sie anders als die weiterführenden Schulen im gegliederten Schulsystem erfolgreiche pädagogische Konzepte im Umgang mit der Unterschiedlichkeit der Kinder entwickelt hat. Dennoch muss einschränkend konstatiert werden, dass bis heute Kinder mit Behinderungen keinen selbstverständlichen Zugang zu ihr haben und sie derzeit noch nicht allen Grundschulkindern eine solide Grundlage für eine erfolgreiche Schulbiografie sichert.
Kinder aus sozial benachteiligten Milieus scheitern in und an der Grundschule, weil es an Vorsorge für sie fehlt. Sie werden aufgrund verpasster „Zeitfenster der Entwicklung“ im Elementarbereich häufiger als andere Kinder mit umfangreichem Förderbedarf eingeschult. Unter den bestehenden Rahmenbedingungen kann die Grundschule diesen Bedarf nicht adäquat abdecken. Das frühe Scheitern von Grundschulkindern bedeutet in der Regel, dass sie lebenslang in ihren Teilhabemöglichkeiten eingeschränkt bleiben.
Die jüngste Literalitätsstudie LEO 2011 der Universität Hamburg im Auftrag des Bundesbildungsministeriums hat ergeben, dass von den 18-29-Jährigen etwa 13 Prozent zu den funktionalen Analphabeten gehören. Ihre begrenzten schriftsprachlichen Kompetenzen reichen nicht aus für eine erfolgreiche Teilhabe am gesellschaftlichen und beruflichen Leben. Im Rückschluss heißt das: Ein relativ großer Teil hat als Kind in der Grundschule keine hinreichenden Kenntnisse im Lesen und Schreiben erworben und die nachfolgenden Schulen haben ein nachholendes Lernen nicht ermöglicht.
Aufschlussreich ist auch eine Langzeitstudie über Armutsfolgen bei Grundschulkindern, die das ISS im Auftrag des AWO- Bundesverbandes durchgeführt hat. Es ist die erste Studie dieser Art in Deutschland. Der Endbericht wurde im Dezember 2005 vorgelegt. Danach unterscheiden sich die Bildungsverläufe von armen und nicht-armen Grundschulkindern erheblich.
Armen Kindern bleiben erfolgreiche Bildungswege weitgehend verschlossen. Jedes dritte in Armut lebende Kind bleibt schon in der Grundschule sitzen und nur 4 Prozent der armen Kinder erreichen das Gymnasium. Das Risiko von armen Kindern, während oder am Ende ihrer Grundschulzeit in eine Förderschule für Lernen, emotionale und soziale Entwicklung oder Sprache überwiesen zu werden, ist dagegen dreieinhalb mal so groß wie das von Kindern, die nicht in Armut leben. Eine zuverlässige wissenschaftliche Definition von „Lernbehinderung“ liegt dabei nicht vor. Sie wird ausschließlich relational als negative Abweichung von den Durchschnittsleistungen der Kinder der betreffenden Klasse, Schule oder des betreffenden Altersjahrgangs bestimmt.
In der Förderschule bleiben Kinder mit Leistungsschwächen und Verhaltensproblemen unter sich und lernen in einem sozial entmischten, relativ anregungsarmen und mit vielen sozialen Problemen belasteten Lernmilieu. Sie sind, wie in wissenschaftlichen Untersuchungen immer wieder nachgewiesen, in ihrem Kompetenzerwerb dadurch extrem benachteiligt und, wie die Statistiken der Schulabschlüsse ausweisen, zur Erfolglosigkeit verurteilt. In der modernen Wissensgesellschaft stellen Förderschulabsolventen als gering Qualifizierte eine normabweichende Minderheit dar und sind stärker als in früheren Zeiten von Stigmatisierung und sozialem Ausschluss bedroht.
2008 waren nach einer Studie des Bildungsforschers Klaus Klemm mehr als die Hälfte der Jugendlichen ohne Abschluss Förderschüler, rund ein Viertel der Schulverlierer gingen auf eine Hauptschule. Klemm fand in seiner Studie auch heraus, dass rund die Hälfte der Jugendlichen, die die Schule ohne Abschluss verlassen, diesen später nachholen. Dies gelingt ihnen vor allem im Übergangssystem, das für schwer vermittelbare Jugendliche geschaffen wurde, um deren Ausbildungsreife zu fördern. Das sei einerseits ein Erfolg, schreibt Klemm, er werde jedoch teuer erkauft. Der Experte schätzt die zusätzlichen Kosten auf über 200 Millionen Euro pro Altersjahrgang. „Würden diese Ressourcen im allgemeinbildenden Schulwesen präventiv eingesetzt, könnte vielen Schülern das Erlebnis des Scheiterns und die Vergeudung von Lebenszeit erspart bleiben.“
Die inklusive Grundschule – eine Schule für alle Kinder
Die inklusive Schule in einem inklusiven Schulsystem ist eine völkerrechtliche Verpflichtung, zu der sich die Bundesregierung und mit ihr die Länder durch die Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention bekannt haben. Das Fundament dafür muss in der Primarstufe mit der inklusiven Grundschule gelegt werden.
Die inklusive Grundschule ist eine Schule für alle Kinder. Kein Kind wird wegen seiner Lernprobleme, seiner emotionalen und sozialen Entwicklung, seiner Hochbegabung, seiner Behinderung auf eine Förderschule überwiesen. Kein Kind wird kategorisiert. Jedes Kind ist unabhängig von seiner sozialen Herkunft, seiner ethnischen und kulturellen Zugehörigkeit willkommen und wird in seiner individuellen Lernentwicklung im gemeinsamen Unterricht gefördert. Die Grundschule passt sich den Kindern an und arbeitet mit den KiTas ihres Einzugsbereichs eng zusammen, um den Übergang für Kinder und Eltern vorzubereiten. Die Kinder werden im wahrsten Sinne da abgeholt, wo sie stehen.
Wie muss man sich Arbeitsbedingungen und Arbeitsweise der inklusiven Grundschule im Vergleich zu der heutigen Grundschule vorstellen? Die inklusive Grundschule verfügt über die notwendigen sonderpädagogischen Ressourcen, um alle Kinder, auch Kinder mit sozialen Entwicklungsproblemen, bestmöglich zu fördern. Die Mittelzuweisung erfolgt pauschal und ist nicht mehr an das einzelne Kind gebunden. Die stigmatisierende Feststellungsüberprüfung auf sonderpädagogischen Förderbedarf entfällt. Arme Kinder müssen nicht als „behindert“ etikettiert werden, damit die Schule zusätzliche Fördermittel bekommt. Der Ressourcentransfer von den Förderschulen zu den Grundschulen geht einher mit dem jahrgangsweisen Auslaufen der Förderschulen für die Förderschwerpunkte Lernen, emotionale und soziale Entwicklung sowie Sprache.
Dazu schreiben die Bildungsforscher Klaus Klemm und Ulf Preuss-Lausitz in ihrem Gutachten für das nordrhein-westfälische Schulministerium (2011): „Um die schulische Absonderung von Armutskindern zu vermeiden, die sich zudem sowohl kognitiv als auch für die gesamte Persönlichkeitsentwicklung negativ auswirkt, kann nur das generelle Auslaufen der Förderschulen mit den Förderschwerpunkten Lernen, emotionale und soziale Entwicklung und Sprache die Anhebung der Schulabschlüsse und damit das Erreichen normaler Ausbildungsgänge wie auch die Stärkung sozialer Partizipation erreicht werden. Die Kompetenz der Sonderpädagogen kommt unter den strukturellen Bedingungen des gemeinsamen Unterrichts wirksamer zur Geltung.“
In prekären Einzugbereichen mit vielen Kindern in benachteiligten Lebenslagen ist der Unterstützungsbedarf besonders groß. Dem muss personell, sächlich und konzeptionell Rechnung getragen werden. Die Zuweisung der sonderpädagogischen Ressourcen erfolgt daher differenziert nach Sozialindex des Einzugsbereichs und nach der konkreten Zusammensetzung der Schülerschaft einer Grundschule. Auch die Klassengrößen müssen darauf abgestimmt werden. Die Priorisierung folgt dem Grundsatz, dass Ungleiche nicht gleich behandelt werden dürfen.
Die dauerhafte Beschäftigung von Sozialpädagogen und Sozialarbeitern an Grundschulen in schwierigen sozialräumlichen Kontexten ist notwendig. Diese Grundschulen müssen sich wie die KiTas, mit denen sie im Quartier eng zusammenarbeiten, zu Familienzentren entwickeln und Eltern- und Kindberatung in der Präventionskette weiterführen. Niederschwellige Angebote wie Elterncafes, Anlaufstellen für Elternberatung in der Schule sowie Hausbesuche bei Eltern sind wichtige präventive Bausteine einer inklusiven Grundschule.
Die befristete Finanzierung der Schulsozialarbeit im Rahmen des Bildungs- und Teilhabepakets bis 2013 durch den Bund muss verstetigt werden. Das derzeitige Konzept muss allerdings radikal umgestellt werden. Die finanziellen Leistungen, die jetzt an die Bedürftigkeit des einzelnen Kindes gebunden sind und damit über bürokratische Umwege von den Eltern einzeln abgerufen werden müssen, müssen direkt den Bildungseinrichtungen zur Verfügung gestellt werden, damit diese inklusionsfähig sind.
Kinder mit nicht-deutscher Herkunftssprache sind besonders häufig von frühem Scheitern in der Grundschule bedroht, wenn ihre Eltern einen niedrigen Bildungsstatus haben und in sozial prekären Verhältnissen leben. Für die spezifischen Lern- und Sprachbedürfnisse dieser Kinder gibt es durchgängig verankerte interkulturelle Sprachförderkonzepte. Entsprechend ausgebildete Lehrkräfte verstärken das Kollegium der inklusiven Grundschule. Lehrkräfte mit Migrationshintergrund gehören dazu. Die inklusive Grundschule sieht in der natürlichen Mehrsprachigkeit der Kinder einen Schatz, der gehoben werden muss. Sie lässt sich grundsätzlich von der Überzeugung leiten, dass jedes Kind Potenziale hat. Es ist Aufgabe der Pädagogen, gemeinsam die Talente eines jeden Kindes zu erkennen und zu fördern.
Durch die Inklusion von Kindern, die heute den Förderschwerpunkten geistige Entwicklung, körperliche und motorische Entwicklung, Hören und Sehen zugeordnet werden, werden die Grundschulen mit zusätzlichen Ressourcen ausgestattet. Diese orientieren sich an den angemessenen Vorkehrungen, die für das einzelne Kind mit seinem individuellen Förderbedarf bereit gestellt werden müssen. Neben den Sonderpädagogen und Sozialpädagogen werden auch Integrationshelfer und Assistenten Bestandteile des Kollegiums. Therapeuten und Spezialkräfte besuchen bei Bedarf die Kinder in der inklusiven Grundschule. Auch die Gebäude und die räumliche Ausstattung werden bedarfsgerecht angepasst.
Inklusive Grundschulen bringen die Vorzüge ihres multiprofessionellen Personals zum optimalen Einsatz durch die Organisation verbindlicher multiprofessioneller Teamarbeit. Dafür muss das pädagogische Personal aus- und fortgebildet geben. Schulleiter/innen werden im Rahmen von Fortbildungen darin unterstützt, Teamstrukturen aufzubauen. Die Gutachter Klemm und Preuss-Lausitz empfehlen die Einrichtung eines Zentrums für unterstützende Pädagogik (ZuP) an jeder inklusiven Schule als organisatorische Lösung. Die Arbeit im Team ermöglicht einen intensiven Austausch über die individuelle Entwicklung der einzelnen Kinder. Ein Förderplan für jedes Kind dokumentiert die jeweilige Lernentwicklung und ist Grundlage für Gespräche mit Eltern und Kind. Durch die Vernetzung mit außerschulischen Netzwerkpartnern wird es möglich, bei Problemen, die nicht allein schulisch gelöst werden können, bedarfsgerechte Hilfe und Unterstützung zu organisieren. Die Kooperationszeit wird in der Arbeitszeit des Personals berücksichtigt.
Die Einführung des gebundenen Ganztags ist ein weiteres zentrales Element zur Stärkung der präventiven und inklusiven Arbeit der Grundschule. In einem allerersten Schritt ist er für Grundschulen in sozial belasteten Einzugsbereichen einzurichten. Der offene Ganztag der Grundschule gleicht derzeit einem bunten Flickenteppich an Angeboten, den die Grundschule in Eigenregie zusammenstellen und organisieren muss. Eine gezielte pädagogische Lernförderung ist über den Einsatz von wechselnden Honorarkräften in einem vom schulischen Vormittag abgetrennten Nachmittagsbereich nicht gewährleistet.
Der gebundene Ganztag hingegen schafft Rahmenbedingungen für die lernförderliche Individualisierung im Unterricht und gibt Raum für forschendes, handlungsorientiertes Lernen. Er passt sich den biologischen Bedürfnissen der Kinder an durch eine rhythmisierte Struktur von Phasen der Konzentration und Entspannung. Er sichert allen Kindern ein gesundes Mittagessen und ermöglicht eine ganzheitliche Ausgestaltung des erweiterten Bildungs-, Freizeit- und Kulturangebots durch die Beteiligung der Lehrerinnen und Lehrer an den individuellen Fördermaßnahmen im Nachmittagsbereich. Kulturelle Bildung muss groß geschrieben werden. Aktive Teilhabe an kulturellen Angeboten wie Tanz, Theater, Musik und Chor regt die kreativen Kräfte der Kinder an, stärkt ihr Selbstwertgefühl und erschließt ihnen Welten, die sie durch ihre Familien in der Regel nicht kennenlernen.
Das Jahrgangsprinzip für die Zusammenstellung von Klassen bzw. Lerngruppen wird ersetzt durch die Jahrgangsmischung. Die Mischung von Kindern aus den Jahrgängen 1-4 hat sich pädagogisch bewährt und sorgt dafür, dass auch eine vorwiegend sozial benachteiligte Schülerschaft in anregungsreichen Lerngruppen mit- und voneinander lernen kann. Lerneffektive Verfahren der Individualisierung und des kooperativen Lernens sichern angesichts der großen Leistungsunterschiede individuelle Lernerfolge für alle.
Altergemischte Gruppen sind hervorragend geeignet für das Erlernen und Leben von Verantwortung für sich und andere. Gerade Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten brauchen die Erfahrung, dass ihnen verantwortungsvolle Aufgaben für die Gemeinschaft übertragen werden. Altersgemischte Gruppen sind hilfreich für die Entwicklung einer demokratischen partizipativen Schulkultur. In der inklusiven Grundschule sind die Kinder und ihre Eltern aktiv beteiligt an der Gestaltung des Schullebens und des Unterrichts. Konflikte im Schulalltag werden gemeinsam mit den Kindern reflektiert und bearbeitet.
Die inklusive Grundschule kennt nicht die undifferenzierte und entmutigende, defizitorientierte Leistungsbewertung mit Ziffernnoten. Sie gibt den Kindern eine sichere, anregungsreiche und anspruchsvolle Lernumgebung und dazu individuelle prozess- und kompetenzorientierte Leistungsrückmeldungen. Diese werden ergänzt durch unterschiedliche Formen der Selbstevaluation.
Elemente der inklusiven Lernkultur gehören heute schon zu den Bausteinen der guten Grundschulpädagogik. Sie müssen nicht erst erfunden werden. In der inklusiven Grundschule sind sie jedoch systemisch verankert und werden von allen Lehrkräften auch angewendet, weil Aus- und Fortbildung in Qualität und Umfang darauf abgestellt sind.
Zusammen mit der präventiven frühkindlichen Förderung kann die inklusive Grundschule eine stabile und belastbare Förderkette von 0-10 bilden. Sie kann Lernfreude, Lernmotivation und Anstrengungsbereitschaft wecken bzw. erhalten, zur Vermeidung von frühem Scheitern und späterem Schulabbruch beitragen und der Entstehung eines umfangreichen langfristigen Förderbedarfs entgegenwirken. Fragt man finnische Experten nach dem Geheimnis ihres Schulerfolgs, dann verweisen sie auf ihr Credo: Auf den Anfang kommt es an!
Es ist ein Gebot der Vernunft und der Menschenrechte, die Grundschule in Deutschland zu einer Schule für alle zu machen. Die Politik ist aufgefordert, das zu realisieren.
Inklusive Grundschule – und danach?
Bislang wird die Grundschule von vielen hierzulande immer noch als bloßer „Zubringer“ zu den weiterführenden Schulen betrachtet. Sie hat sich – je ach Bundesland – übe mehr oder weniger verbindlich geltende Grundschulempfehlungen an der Selektion zu beteiligen. Obwohl die Aufteilung der Kinder auf unterschiedlich anspruchsvolle Bildungsgänge dem Inklusionsgebot widerspricht und zur Entstehung und Reproduktion sozialer Ungleichheit beiträgt, ist man in Deutschland noch weit von einem einheitlichen inklusiven Schulsystem entfernt. Die integrierte Gesamtschule und neue Schularten des längeren gemeinsamen Lernens können sich bis auf Weiteres nur in Konkurrenz zu den selektiven Schulformen als Schulen für alle Kinder anbieten und weiterentwickeln.
Der bildungspolitische Fortschritt in Deutschland ist eine Schnecke!
In NRW können sich demnächst im Rahmen eines Modellvorhabens bis zu 15 Grundschulen mit Schulen der Sekundarstufe I und II auf Antrag des Schulträgers zusammenschließen. Zu diesem im Sinne der Prävention und Inklusion unterstützenswerten bildungspolitischen Vorstoß liegen u. a. Initiativen von Grundschulen mit durchgängigen Lernkonzeptionen von 1-10 bzw. 1-13 vor. Diese Variante hat gegenüber dem Zusammenschluss von bestehenden Schulen des Primar- und Sekundarbereichs den pädagogischen Charme, dass Geist und Konzept der inklusiven Grundschularbeit naht- und bruchlos fortgeführt und für die nachfolgenden Jahrgänge altersgemäß ausgestaltet werden können. Wie wäre es, wenn auch der Vorschulbereich mit einbezogen werden dürfte?
Literatur
BMBF – Bundesministerium für Bildung und Forschung: Bund und Länder planen Grundbildungspakt für Alphabetisierung. Pressemitteilung 025/2011
Deutsche UNESCO-Kommission (Hrsg.): Inklusion: Leitlinien für die Bildungspolitik. Bonn 2009
ISS – Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik (Hrsg.): Fachliche Maßstäbe zum Auf- und Ausbau von Präventionsketten in Kommunen. Abzurufen unter: www.iss-ffm.de/veröffentlichungen/publikationen.html
Holz, G. et al.: Zukunftschancen für Kinder!? Wirkung von Armut bis zum Ende der Grundschulzeit. Zusammenfassung des Endberichts der 3. AWO-ISS-Studie. Im Auftrag der AWO Bundesverband e.V. Bonn/Berlin/Frankfurt 2005
Klemm, K./Preuss-Lausitz, U.: Auf dem Weg zur schulischen Inklusion in NRW. Juni 2011. Abrufen
Klemm, K.: Sonderweg Förderschulen. Hoher Einsatz, wenig Perspektiven. Eine Studie zu den Ausgaben und zur Wirksamkeit der Förderschulen in Deutschland. Im Auftrag der Bertelsmann Stiftung 2011
RVR – Regionalverband Ruhr (Hrsg.): Bildungsbericht Ruhr. Münster 2012
Schumann, B.: „Ich schäme mich ja so!“ Die Sonderschule für Lernbehinderte als Schonraumfalle. Bad Heilbrunn 2007
Stähling, R.: „Du gehörst zu uns“. Inklusive Grundschule. Ein Praxisbuch für den Umbau der Schule. Hohengehren 2006
Dr. Brigitte Schumann, Essen, arbeitet als Bildungsjournalistin.
NAGEL-Redaktion – Recht auf Bildung statt Schulpflicht
Wagen wir einmal das Gedankenexperiment, dass es keine Schulpflicht mehr gibt, sondern ein Recht auf Bildung. Erste, spontane Antwort: Keiner geht mehr zur Schule, weil sie ja nicht verpflichtend ist. Mag sein, dass keiner mehr in diese Schule geht; das spricht aber nicht gegen die Schüler/innen, sondern in erster Linie gegen die Schule. Weil so, wie sich Schule derzeit gibt, ist sie eine Qualifizierungsmaschine und keine Bildungswerkstatt.
Und da kommt dann die zweite Antwort, die nach längerem Nachdenken logisch erscheint: Wenn Bildung ein Recht ist, wird sich unser Bildungssystem verändern, weil alle Beteiligten mit einer anderen Perspektive bzw. einer anderen Einstellung an die Sache herangehen. Und da ist nicht einmal sicher, dass es Schule noch geben wird. Ivan Illich, Naturwissenchafter, Philosoph und Theologe, hat diesen Gedanken in seinem 1971 erstmals erschienenen Buch „Entschulung der Gesellschaft“ (es ist nach seinem Tod im Jahr 2003 in der 5. Auflage erschienen und auch online einblickbar) (1) aufgegriffen und ist zu interessanten Schlussfolgerungen gekommen: Für ihn ist die weltweite Verfügbarkeit des ganzen Wissens, das derzeit existiert, für alle Menschen wichtig; also Inklusion statt Exklusion. Das Internet machte dieses sicher möglich. Und dann ging es noch darum, Lernzirkel zu gründen, in denen dieses Wissen im Austausch miteinander erarbeitet bzw. weiterentwickelt wird.
Nun: Ob jeder auf genau diese Gedanken kommen würde, sei dahingestellt. Aber: Ein Recht auf Bildung würde unsere Lernkultur nachhaltig verändern, und lebenslanges Lernen wäre dann keine Drohung mehr, sondern ein Gebot der Stunde. Zumal der Mensch ja als neugieriges, lernfreudiges Wesen geboren wird (siehe die ersten Lebenswochen, -monate und -jahre, in denen eine Fülle an Synapsen durch eine Menge an Lernprozessen entstehen). Und – wie Wissenschafter sagen – unser Gehirn nützen wir ja nur zu einem Bruchteil. Daher: weg mit der Schulpflicht und der Schule in der heutigen Form, hin zu einem Recht auf Bildung für alle! (20. Februar 2012)
Schulpflicht, die Zweite
Mein vorwöchiger Beitrag mit dem Titel „Recht auf Bildung statt Schulpflicht“ hat hinter den Kulissen teils heftige Reaktionen hervorgerufen. Das freut mich, denn dann liege ich bei diesem Thema offenbar ganz richtig. In den Diskussionen wurde sogar bis auf Maria Theresia zurückgegriffen, deren große Leistung es war, die Schulpflicht in Österreich einzuführen – und zwar nicht als Folterinstrument für die Kinder und Jugendlichen ihres Landes, sondern als Schritt in die Emanzipation und gegen die Kinderarbeit.
Da ich es in meinem Blog nicht angeführt habe, möchte ich nun diese Sichtweise gerne bestätigen. Denn das ist ja nicht das Problem mit der Schule in der Gegenwart. Sehr bald schon nämlich zeigte sich, was man alles mit der Schule und vor allem mit den SchülerInnen im Rahmen von Schule machen kann. Und da sind wir durchaus noch in den theresianischen Zeiten, in denen Drill und Vorbereitung auf die zukünftige Rolle in der Gesellschaft (2) sowie das Funktionieren im heutigen Wirtschafssystem zentrale Inhalte sind. Nur: Es klappt nicht mehr so richtig, es gibt immer mehr „schwierige“ SchülerInnen. Aus meiner Sicht sind das Kinder und Jugendliche in und mit Schwierigkeiten und solche, die uns knallhart vor Augen führen, was „unser“ Problem ist.
So kann weder Bildung vermittelt werden noch Ausbildung stattfinden. Und da geht es leider nicht nur um Strukturreformen im Schulsystem, sondern um einen grundlegenden Bewusstseinswandel aller Beteiligten, vor allem der PolitikerInnen und LehrerInnen.
Darum wage ich meine Forderung zu erneuern: Wenn wir ein Recht auf Bildung postulieren, dann brauchen wir die Schulpflicht nicht mehr. Denn dann sind ohnehin alle in der Pflicht, einerseits wirkliche Bildung zu bieten und dieses Angebot auch anzunehmen. Denn jedes Recht ergibt auch Pflichten. Nur werden sie dann als Selbstverständlichkeit gesehen. Und das ist gut so!
Michael Karjalainen-Dräger (c) 2011 – Mit freundlicher Genehmigung (Quelle: karjalainen-draeger.jimdo.com)
Übernommen in i-Punkt 4/2012 (Informationsdienst des ABA Fachverbandes)
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Fußnoten:
(2) siehe meinen Männer-Blog vom 2. März 2012 „Rollenbilder der Gegenwart“
NAGEL-Redaktion – Kinderwachstumsbeschleunigungsgesetz (KiWaBez) – Eine Satire
Von Detlef Träbert
Als Ergänzung zum Wachstumsbeschleunigungsgesetz hat die Bundesministerin für Bildung und Forschung, Annette Schavan (CDU), in Abstimmung mit Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) Maßnahmen zur Förderung des Wachstums von Kindern und ihrer Bildung beschlossen. Der Entwurf eines Kinderwachstumsbeschleunigungsgesetzes (KiWaBez) soll dem Kabinett gleich nach der Sommerpause vorgelegt werden.
In Anerkennung der Tatsache, dass die Kinder aufgrund ihres immer jüngeren Einschulungsalters am ersten Schultag immer kleiner sind, empfiehlt das Bundesbildungsministerium, dass sie im Vorschulalter schneller wachsen müssten. Dies entlaste nicht zuletzt die Gemeinden als Schulträger, die ansonsten zusätzliche kleinere Schulmöbel anschaffen müssten. Zu diesem Zweck sollen vorschulische Betreuung und Bildung von Kindern effizienter betrieben werden.
Es werde künftig zum Aufgabenbereich der Kindertagesstätten gehören, Wachstumsförderung zu betreiben durch ein verbessertes Essensangebot mit Kraftfutterbeimischung, tägliche Spezialgymnastik mit Streckübungen sowie Elternschulung. „Eltern müssen sich wieder ihrer Rolle besinnen und den Auftrag ernst nehmen, die Kinder großzuziehen“, erläuterte Bildungsministerin Schavan. Kindern täglich die Hammelbeine lang zu ziehen sei eine gute Vorbereitung auf den Schulstart, wenn es auf liebevolle Weise erfolge. Ziel sei, dass alle I-Dötzchen wenigstens 1,29 m und alle Schulkinder beim Übergang auf die weiterführende Schule mindestens 1,56 m groß sein sollten.
Zur Förderung des Bildungswachstums seien zusätzlich intelligenzfördernde Maßnahmen beabsichtigt, um einen Mindest-IQ von 120 bei der Einschulung für jedes Kind zu gewährleisten. Dafür sollen ehrenamtliche Senior-Intelligenztrainer aus den Reihen pensionierter Akademiker gewonnen werden. Darüber hinaus werde ein Qualitätssiegel entwickelt, um besonders intelligenzförderndes Spielzeug damit auszuzeichnen. „Das Siegel ‚Genius Plus’ wird Eltern die heutzutage schwierige Kaufentscheidung bei Spielsachen erleichtern“, ist Schavans Kabinettskollegin Schröder vom Familienministerium überzeugt. Um das Bildungswachstum auch während der Grundschulzeit zu beschleunigen, werde es laut Schavan künftig ab dem 2. Schuljahr bundesweit einheitliche halbjährliche VerA (Vergleichsarbeiten) geben.
In einem ersten Kommentar begrüßte der Bundesverband der Nachhilfewirtschaft die geplanten Maßnahmen. Man werde sie mit einem bedarfsorientierten Angebot an VerA-Vorbereitungskursen flankierend begleiten und dafür nötigenfalls das Filialnetz ausweiten. Auch die Pharmaindustrie äußerte sich zuversichtlich und sieht Wachstumspotenzial bei den Umsätzen für Wachstumshormone. Während der Bundesverband der Kinderärzte vorsichtige Kritik an den geplanten Maßnahmen äußerte, freut sich die Vereinigung der Kurkliniken auf ein Wachstum ihrer Belegungsquoten. Ihr Sprecher sagte: „Neben dem jetzt schon sicheren Geschäft mit Burnout bei Lehrkräften und Erzieherinnen rechnen wir mit einer wachsenden Zahl von Nervenzusammenbrüchen bei Eltern.“ Unterdessen sehen sich Bildungs- und Familienministerium mit ihrer ganzheitlichen Interpretation des Wachstumsbeschleunigungsgesetzes auf einem guten, zukunftsweisenden Weg.
Detlef Träbert, Dipl.-Päd. aus Niederkassel betreibt den Schulberatungsservice. Beste Empfehlung!
NAGEL-Redaktion – Arbeitszwang: Sklavenmarktgeschrei aus dem Hause von der Leyen
Von Lotar Martin Kamm
Jeder von uns kennt aus der Beobachtung, was geschieht, wenn bei der Drehbewegung des Schraubstocks unaufhörlich die Backen das festzuklemmende Werkstück sehr kräftig zusammenpressen. Diesem Druck sind tatsächlich all jene ausgesetzt, die, mittels Erpressbarkeit in Arbeitslosigkeit gekommen, sich gefälligst der Bundesanstalt für Arbeit und den Jobcentern bzw. Argen zur Verfügung zu stellen haben.
Nach kurzer Phase der Arbeitslosengeldzahlung mit halbwegs gesichertem Schutz der Menschenwürde folgt die Entrechtung auf dem Hartz-IV-Tablett, wo die „gestrauchelten, unfähigen Versager“, schließlich waren sie nicht in der Lage, einen Job zu ergattern, Zwangsmaßnahmen, Bewerbertrainings, Ein-Euro-Jobs und Bürgerarbeit widerstandslos ausüben müssen.
Schlecker-Angestellte, die ohnehin bereits dem Martyrium einer neoliberalen Arbeitsmarktpolitik seitens des inzwischen pleite gegangenen Familienkonzerns sich unterziehen mussten (denken wir nur an interne Videoüberwachung, Dumpinglöhne, die etlichen Raubüberfälle und das Hin- und Her eines möglichen Jobverlusts) befinden sich nunmehr im Visier. Aus dem Hause von der Leyen wird Arbeitszwang per Sklavenmarktgeschrei mit einer neuen Idee salonfähig gemacht. Da auf der einen Seite in strukturschwachen Regionen Erzieher- und Altenpflegerinnen fehlen, benutzt man doch einfach ähnlich wie auf einem Verschiebebahnhof die just arbeitslos gewordenen Schlecker-Frauen, um diese Lücken zu füllen.
Freie Berufswahlentscheidung steht nicht zur Diskussion
Wunderbar einfach schnappt die Falle zu. Die unheimliche Saat der Agenda 2010 scheint in Gänze aufzugehen Gut neun Jahre nach ihrer Verkündung durch den damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder in der bezeichnenden Regierungserklärung verhandeln heute öffentlich fast schon „prangerähnlich“ Regierung und die Gewerkschaften über das Schicksal der Schlecker-Frauen. Die Gewerkschaften haben sich ohnehin längst einer Wirtschaftspolitik untergeordnet, in der nicht die Interessen der Menschen, also der Arbeitnehmer zählen, sondern die Belange der Arbeitgeber bzw. die Finanzinteressen des Großkapitals und der Konzerne.
Müssen wir davon ausgehen, dass sämtliche sozialen Errungenschaften der letzten Jahrzehnte endgültig zu Grabe getragen werden? Und nicht nur das? Selbst ganz selbstverständliche Grundrechte wie die Menschenwürde (Art. 1 GG) und die freie Berufswahl (Art. 12 GG) werden einfach ausgehebelt, da über die vorgeschobene Gefälligkeit einer Auszahlung des Existenzminimums bei „Verweigerung“ eine Sanktionierung folgt, die sogar den Hungertod der Betroffenen in Kauf nimmt, wie längst schon vorgekommen. Sicherlich werden sich die Schlecker-Frauen breitschlagen lassen und den Vorschlägen willenlos zustimmen, weil die wenigsten den Kampf mit den Zwangsbehörden aufnehmen und durchstehen können und wollen. Das wird von einer ohnehin hämisch gaffenden Bevölkerungsschicht vorausgesetzt, die das Instrument der Hartz-IV-Gesetzgebung eher gutheißen, als die Missachtung der Menschenwürde zu erkennen.
Erzieher und Altenpfleger – keine Berufung per Crashkurs
Möchten Sie Ihre Kinder in die Obhut geben lassen von unfreiwillig und hektisch geschulten Erzieherinnen? Oder die Fortsetzung einer ohnehin dramatisch menschenverachtenden Altenpflege mitverantworten, wenn ehemalige Verkäuferinnen nach einem Crashkurs plötzlich eine Berufung erlangen? Beide Berufe bedingen vor allem eines: Sie können nur dann wirklich erfolgreich ausgeübt werden, wenn dies mit viel Herz und Liebe, starkem Nervenkostüm, der Voraussetzung zur physischen Belastung und mit entsprechender Freude und Elan geschieht. Im übrigen gilt das sowieso für sämtliche Berufe, nicht zufällig gibt es den Artikel 12. Das scheint aber in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit, eines Pflegenotstandes und einem Mangel an Erzieherinnen irrelevant zu sein, Hauptsache, sensenartiger Pragmatismus führt zum Erfolg. Es fragt sich nur: für wen? Die Schlecker-Frauen ordnen sich unter, Kinder und Alte werden gleich gar nicht gefragt, und schon geht die Rechnung auf?
Nach Schleckerpleite ein Tor sperrangelweit aufgerissen
Denken wir doch mal weiter und spielen die Möglichkeiten durch, die da noch vor sich hinschlummern. Jetzt war die Schleckerpleite, und Tausende Arbeitslose haben sich zu fügen, wer keinen Job kriegt, wird einfach mal Erzieher oder Altenpfleger. Wenn morgen aber zwei oder drei heftige Weltkonflikte einen Nachschub an Soldaten brauchen, weil die BRD ohnehin zunehmend den Kurs einer Verteidigungsarmee verlassen hat, werden dann in der Logik einer Mangelsituation aus dem Hause von der Leyen mal eben per Crashkurs zumindest Sanitäter und Bereiche in der Logistik ausgebildet, um auszuhelfen? Das einmal sperrangelweit geöffnete Tor dieser sozialrassistischen Politik lässt sich unschwer schließen in einer Erwartungshaltung von Gehorsam, Arbeitszwang und Sanktionierung. Da bedarf es unbedingt einer grundlegenden Änderung der Wirtschaft selbst, die per Lohndumping, neoliberaler Konzernpolitik und Überreichtum die Schere zwischen Armut und Reichtum zu verantworten hat. Solange die gewählten Politiker sich ihr unterordnen und das Volk missachten, sollten wir mit einer Fortsetzung und Steigerung der dramatischen Arbeitszwangpolitik rechnen.
Lotar Martin Kamm ist Lektor, Übersetzer und Journalist bei der Buergerstimme sowie 1. Vorsitzender Vereins Buergerstimme.
Anmerkung der NAGEL-Redaktion: Lotar Martin Kamm hat seinen Beitrag zunächst in der Internet-Zeitschrift „BUERGERSTIMME – Zeit für Veränderungen“ veröffentlicht. Er uns ihn uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt, wofür wir ihm herzlich danken. Das engagierte Team der „Buergerstimme“ ist hier zu finden.
NAGEL-Redaktion – Schnipp-Schnapp – Beschneidung der Religionsfreiheit?
Von Heinrich Schmitz
Der SPIEGEL tut’s, die Zeit, die FAS, die FAZ – alle tun es. Alle kommentieren das Urteil des Kölner Landgerichts und dessen angebliche Folgen für die Gesellschaft. Im aktuellen SPIEGEL treten Matthias Matussek und Maximilian Stehr an, ihre jeweiligen Positionen zu vertreten, in der Zeit war es Robert Spaemann, der einen beispiellosen „Angriff auf die Identität religiöser Familien“ sah. Überall mehr oder weniger eifernde oder aufgeregte Kommentare.
Das jedenfalls Gute, das die Urteilsbegründung des LG Köln ausgelöst hat, ist die nun laufende gesellschaftliche Diskussion. Was weniger gut ist, dass kaum ein Kommentar sich mit der wirklichen Problematik befasst bzw. immer nur Teilaspekte der Gesamtproblematik angesprochen werden und großenteils mit flauen Argumenten für oder gegen ein Beschneidungsrecht der jüdischen und muslimischen Eltern gekämpft wird.
Die Fürsprecher aller Religionen fürchten offenbar eine Beschneidung der Religionsfreiheit im allgemeinen, wenn die Justiz die Beschneidung der Vorhaut von Säuglingen und Kleinkindern auf Wunsch ihrer Eltern als rechtswidrige Körperverletzung behandeln würde. Die Fürsprecher der körperlichen Unversehrtheit von unmündigen Kindern fürchten offenbar massive Gesundheits- und Entwicklungsschäden, wenn die Beschneidung weiterhin nicht bestraft würde.
Dazwischen fürchten die Juden einen erstarkenden Antisemitismus, die Muslime eine deutsche Islamophobie und die Atheisten einen staatlich unterstützen religiösen Angriff auf die Vernunft. Dabei ist ernstlich nichts von alledem zu befürchten, wenn nicht Regierung und Bundestag aus Furcht davor, eine Komikernation zu führen, überreagieren. (Wobei ich Komiker eigentlich immer dafür geschätzt habe, dass sie unliebsame Wahrheiten auf unterhaltsame Weise an ihr Publikum bringen.)
Zu dem Urteil und seiner Begründung hatte ich mich bereits in meiner ersten Notiz geäußert, zu der unsinnigen Resolution des Bundestages in meiner zweiten.
Mit dieser dritten und hoffentlich letzten Notiz zu diesem Thema möchte ich nochmals versuchen, zur Versachlichung und Entschärfung beizutragen.
1) Eine Berufungskammer eines Landgerichts ist weder der originäre Sitz der juristischen Weisheit noch spricht sie absolute Wahrheiten aus. Das hat das Gericht aber auch selbst so gesehen und bereits im Urteil festgestellt. „Die Frage der Rechtmäßigkeit von Knabenbeschneidungen aufgrund Einwilligung der Eltern wird in Rechtsprechung und Literatur unterschiedlich beantwortet. Es liegen, wie sich aus dem Vorstehenden ergibt, Gerichtsentscheidungen vor, die, wenn auch ohne nähere Erörterung der wesentlichen Fragen, inzident von der Zulässigkeit fachgerechter, von einem Arzt ausgeführter Beschneidungen ausgehen, ferner Literaturstimmen, die sicher nicht unvertretbar die Frage anders als die Kammer beantworten.“ Das Gericht hat also die notwendige Demut an den Tag gelegt und – anders als mancher Kommentator – gar nicht behauptet, die Frage der Rechtswidrigkeit der durch die Beschneidung begangenen Körperverletzung sei durch sein Urteil abschließend und rechtskräftig beantwortet. Ein Landgericht ist nicht unfehlbar und hält sich meistens auch nicht dafür.
2) Das Landgericht hat den Angeklagten freigesprochen! Das wird leider immer wieder übersehen. Es hätte die Sache theoretisch auch dem Bundesverfassungsgericht vorlegen können, was den Vorteil gehabt hätte, dass dieses die angesprochene Grundrechtsproblematik in der ihm eigenen entspannten Sachlichkeit entschieden hätte, was allerdings den Nachteil gehabt hätte, dass die jetzt laufende, wichtige Diskussion vermutlich nicht stattgefunden hätte.
3) Das Landgericht hat einen ohne jeden Zweifel bestehenden Konflikt zwischen verschiedenen Grundrechten des Kindes und seiner Eltern in einer bestimmten Weise, nämlich zugunsten der körperlichen Unversehrtheit des Kindes bewertet.
4) Wie Spaemann in der Zeit richtig festgestellt hat, sind Grundrechte nie absolut. Sie finden ihre innere Begrenzung an anderen Grundrechten. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Grundrechte nicht in einem Über- und Unterordnungsverhältnis zueinander stehen, dass also nicht ein Grundrecht grundsätzlich höherwertiger als das andere ist. Wenn Spaemann also meint: „Angesichts der fundamentalen Bedeutung der Beschneidung für religiöse Gemeinschaften fallen die damit verbundenen Körperverletzungen gar nicht ins Gewicht, sodass, falls man die Sache überhaupt zu einem Grundrechtskonflikt hinaufsteigern will, die Abwägung nur zugunsten der Freiheit der Eltern ausfallen kann, es sei denn, der Richter hielte die Eltern aufgrund ihres Festhaltens an diesem Ritus für unzurechnungsfähig.“ – so ist das ein netter Versuch, das Grundrecht der Religionsfreiheit der Eltern und deren Erziehungsrecht über das Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit zu stellen, der mit dieser Argumentation jedenfalls nicht verfangen wird. Möglicherweise allerdings mit einer anderen.
5) Der von den vehementen Verteidigern der Beschneidung immer wieder ins Feld geführte Vergleich mit Impfungen ist ebenfalls ein äußerst schiefer Vergleich. Natürlich sind Impfungen ebenso standardmäßige Körperverletzungen wie Beschneidungen, aber sie unterscheiden sich in zweifacher Hinsicht deutlich.
Impfungen werden – soweit mir bekannt – von keiner Religionsgemeinschaft als Voraussetzung für die vollständige Religionszugehörigkeit gefordert, d.h. wenn Eltern sich für oder gegen eine Impfung ihrer Kinder entscheiden, dann tun sie das ausschließlich im Sinne von deren Gesundheit. Und zwar sowohl für als auch gegen die Impfung. Bei den fundamental bedeutsamen Beschneidungen entscheidet aber eher die Religionszugehörigkeit der Eltern über das Dafür oder Dagegen und weniger eine individuelle Elternentscheidung. Der zweite Unterschied besteht darin, dass es zwar auch bei einer Impfung zu einem Gesundheitsschaden kommen kann, die Körpersubstanz aber nicht verändert wird. Man sieht einem Kind später nicht an, ob es geimpft wurde oder nicht.
6) Selbst wenn die Beschneidung immer medizinisch ungefährlich und harmlos wäre, was von Ärzten bestritten wird, bleibt sie ein Eingriff in den Körper und damit eine Körperverletzung.
7) Die Überschneidungsfreier ihrerseits seien daran erinnert, dass auch das Grundrecht aus Art. 2. Abs. 2 GG kein Kreuzbube des Grundrechtsskats ist, sondern dass auch in die körperliche Unversehrtheit aufgrund eines verfassungsgemäßen Gesetzes eingegriffen werden kann, wie z.B. bei einer Blutentnahme nach einer Trunkenheitsfahrt.
8) Es ist nicht nur das Recht auf körperliche Unversehrtheit des Kindes, das mit der Religionsfreiheit der Eltern konkurriert, es ist auch die eigene Religionsfreiheit des Kindes und das Erziehungsrecht der Eltern, die grundsätzlich auch über die religiöse Erziehung ihrer Kinder entscheiden dürfen. Da nach der Logik der Religionen und auch der Atheisten jeder sich im Besitz der einen, reinen Wahrheit befindet, beinhaltet dieses Recht auf religiöse Erziehung durch die Eltern zwangsläufig auch das Recht der Eltern, ihre Kinder in einer falschen Weise religiös zu erziehen. Es ist weder möglich noch Sache des Staates zu entscheiden, welche religiöse Erziehung einschließlich der damit vermittelten Glaubensinhalte richtig oder falsch ist. Das Wächteramt des Staates aus Art. 6 GG beschränkt sich auf kindeswohlgefährdende Ausübung des Elternrechts.
9) Auch verfassungsrechtliche Problemstellungen unterliegen einem langsamen, aber stetigen Wandel. Was vor 50 Jahren als sicher galt, ist es heute nicht mehr. Über die Verfassung wacht in bisher überwiegend bewährter Weise das Bundesverfassungsgericht. Seine originäre Aufgabe ist es, Grundrechtskonflikte durch Auslegung der Verfassung wohlerwogen und wohlbegründet, nach Anhörung aller möglichen beteiligten staatlichen und gesellschaftlichen Gruppen, medizinischen, pädagogischen und theologischen Sachverständigen zu entscheiden. Es gibt keinen Grund, aus Gruppeninteressen heraus an diesem Procedere irgendetwas zu ändern und hier auf Zuruf der Kanzlerin eine politisch erwünschte Lösung durchzuprügeln, die vermutlich ohnehin in Karlsruhe auf den Prüfstand käme.
10) Respekt vor dem Nächsten aus innerer Überzeugung, der Verzicht auf „dümmliche Verhöhnung Gottes“ (Matthias Matussek im SPIEGEL), aber auch der Respekt der Gläubigen vor den Andersgläubigen, den Nichtgläubigen oder den Agnostikern, Toleranz im gegenseitigen Umgang wäre ein wünschenswertes Ergebnis dieser aktuellen Diskussion. Wenn dieser Respekt allerdings nicht aus innerer Überzeugung kommt – was, wie die Vergangenheit leider zeigt, gerade bei Diskussionen um religiöse Inhalte selten erreicht wird –, dann muss ein offener, freiheitlicher Rechtsstaat das gemeinsame Zusammenleben aller eben mit Hilfe seiner Gesetze regeln, damit alle zu ihrem Recht kommen. Ohne Recht gibt es keinen Frieden.
Heinrich Schmitz ist Rechtsanwalt. Die Kanzlei Rechtsanwälte Heinrich Schmitz & Peter Heimbach befindet sich in Euskirchen.
Heinrich Schmitz auf seiner Facebook-Präsenz am 23. Juli 2012
Veröffentlicht anschließend in: i-Punkt 9/2012
Anmerkung der NAGEL-Redaktion: Dank an Heinrich Schmitz für die freundliche Zustimmung, seinen Beitrag zu verwenden.
NAGEL-Redaktion – Kindheit damals: Ein klein wenig wehmütig
Von Ria Garcia (Mettmann)
Kindheit – geboren 1961 – sah anders aus:
Ich besuchte nie einen Kindergarten. Wir wohnten direkt am Wald und ein „klein wenig abgelegen“. Ich habe nie einen Kindergarten vermisst oder hätte sagen können, dass es mir leid tat keinen besucht zu haben. Mit etwa 10-12 Kindern unterschiedlichen Alters in der Nachbarschaft gab es eigentlich keine Langeweile, und die Kleinen lernten von den Größeren. Wir haben uns noch als Gemeinschaft verstanden, unabhängig von den Altersunterschieden.
Mit stolzen 4 Jahren erkundete ich mit meiner Nachbarsfreundin den Ja- und den Sandberg, während unsere Eltern schon sorgenvoll nach uns suchten. Das hat nichts daran geändert, dass es Wiederholungstouren gab. Mit 5 trug ich Lederhosen und kletterte leidenschaftlich gern auf die Weidenbäume bei den Nachbarn oder sammelte auf sumpfigen Wiesen nahe der Itter riesige Sträuße mit Wiesenschaumkraut oder wilden Margariten, aus denen wir Kränze geflochten haben.
Der kürzeste Weg zum nächsten Schwimmbad ging quer durch den Wald. Wir gingen immer im Verbund hin. Große und Kleine. In der nahe gelegenen Waldkaserne waren noch Engländer stationiert, die uns quer über das Kasernengelände laufen ließen, weil der Weg sicherer und kürzer war und vielleicht einfach auch, weil Kinderlachen eine so herzliche Abwechslung war. Mit 6 hatte ich mein erstes richtiges Taschenmesser, um zu schnitzen, und mein erstes Fahrrad, mit dem ich auch häufig den etwa zwei Kilometer langen Schulweg über eine kleine Landstraße vorbei an Bauernhöfen bewältigte.
Mit 7 befestigte ich die alten Rollschuhe meiner großen Schwester mit Einmachgummis an meinen Schuhen, weil die Riemen gerissen waren, und raste mutig geteerte Garagenabfahrten an einem Hügel herunter. Ich watete barfuß im Naturschutzgebiet durchs Wasser, dass etwa 20 cm hoch zwischen den Bäumen, die dort auf kleinen Inseln wuchsen, stand und erfreute mich an meinem „Märchenwald“, in dem ich oft für mich allein sein konnte. Es war offiziell nicht erlaubt, aber der „Wächter der Vogelskau“ drückte für mich immer beide Augen zu.
Ich durfte sein, wie ich war: Manchmal ein wenig wild und ungebändigt, freiheitsliebend mit Forscherdrang, mal mehr der kleine Junge, mal ganz das kleine Mädchen. Ich durfte alles sein, was ich wollte. Ich durfte Fußball spielen oder Puppenkleider nähen. Ich durfte mir selbst etwas kochen, wenn meine Kreationen meist auch nur für mich essbar waren.
Mit 10 durfte ich mich ein wenig auf der Geburtstagsparty meiner fünf Jahre älteren Schwester tummeln und mich „groß“ fühlen. Mit den älteren Brüdern meiner Freundin entdeckten wir eines Tages eine alte Holzhütte in einem unzugänglichen Waldstück. Wir nahmen uns Vorräte mit und entzündeten den alten Ofen, um uns Brot zu rösten. Mit 12 besuchte ich die Sonntagsdisco im Jugendheim der nahegelegenen Stadt (ohne Mamataxi). Ich war so „angstfrei“, dass ich oft im Dunkeln sogar die Abkürzung über einen Waldweg nach Hause nahm.
Es ist nur ein Erinnerungsausschnitt und es gäbe viel mehr abenteuerliche, kleine Geschichten. Ich war bzw. wir waren weitaus weniger angepasst, als es unsere Kinder heute sind und wir hatten etwas wertvolles: ZEIT. Verglichen mit dem Artikel in der „Zeit“ oder auch mit der Altersspanne bei meinen Kindern, denen ich kaum Termine „aufgedrückt“ habe, die sie aber dennoch innerhalb der gesellschaftlichen Entwicklung hatten, hatte ich ungeheuer viel Freiheit und eine sehr glückliche Kindheit. Kein Wunder, dass die Anzahl psychischer Erkrankungen zunimmt. Ein Kind kann sich heute kaum noch frei entfalten.
Quelle: Facebook-Seite „Spielplatzpaten Mettmann“ vom 20. September 2012
Die Veröffentlichung hier erfolgt mit freundlicher Zustimmung der Autorin.
Anmerkung der NAGEL-Redaktion: Die Autorin nimmt Bezug auf den Artikel Kindererziehung Ich will doch nur spielen aus der ZEIT vom 5. September 2012. Die hier angegebenen Örtlichkeiten befinden sich in bzw. in der Nähe von Hilden (Kreis Mettmann). Die NAGEL-Redaktion warnt davor, leichtfertig den Begriff „Nostalgie“ zu verwenden. Gestattet sei ferner ein Hinweis auf unser Internetportal DRAUSSENKINDER.
NAGEL-Redaktion – Beschneidung – Schnipp-schnapp die Vierte oder: Wie man ein schlechtes Gesetz macht
Von Heinrich Schmitz
Es war zu befürchten, dass die Politik in der Beschneidungsdebatte keine „Lösung“ finden würde. Jetzt liegt der Gesetzesentwurf vor und sein Inhalt löst – völlig unabhängig, welche Position man in der Beschneidungsfrage selbst vertritt – nur erstauntes Kopfschütteln aus. Dass der Bundestag, angetrieben von der Kanzlerin und allen Religionsgemeinschaften, wild entschlossen war, die Beschneidung von nicht zustimmungsfähigen Kindern unmissverständlich zu erlauben, war seit der eiligen Resolution des Bundestages klar. (1)
Das hatten sie dem noch diskutierenden Volk ja sofort deutlich gemacht: „Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf, im Herbst 2012 unter Berücksichtigung der grundgesetzlich geschützten Rechtsgüter des Kindeswohls, der körperlichen Unversehrtheit, der Religionsfreiheit und des Rechtes der Eltern auf Erziehung einen Gesetzentwurf vorzulegen, der sicherstellt, dass eine medizinisch fachgerechte Beschneidung von Jungen ohne unnötige Schmerzen grundsätzlich zulässig ist.“ Und wenn man sich grundsätzlich die Gesetzgebungsarbeit auch anders vorstellen mag, so ungewöhnlich ist das nicht, dass eine offene Debatte nicht so erwünscht ist und ein Thema schnell vom Tisch soll. Kennen wir ja z.B. auch bei Diätenerhöhungen. Hauptzweck des Gesetzentwurfes war daher von Anfang an, die Debatte über die Rechtmäßigkeit von Beschneidungen möglichst zu beenden, bevor sie überhaupt richtig angefangen hat. So was geht auch – wenn man es richtig anpackt.
Und jetzt ist er da. Der lange erwartete Entwurf. Und so sollte er zuerst aussehen:
(1) Die Personensorge umfasst auch das Recht, in eine medizinisch nicht erforderliche Beschneidung des nicht einsichts- und urteilsfähigen männlichen Kindes einzuwilligen, wenn diese nach den Regeln der ärztlichen Kunst durchgeführt wird.
(2) Dies gilt nicht, wenn durch die Beschneidung auch unter Berücksichtigung ihres Zwecks das Kindeswohl gefährdet ist.
Klingt unspektakulär.
Fand das Kabinett wohl auch und änderte noch munter dran rum. Die Kabinettsvorlage brachte dann dies hier zustande:
„§ 1631d
Beschneidung des männlichen Kindes
(1) Die Personensorge umfasst auch das Recht, in eine medizinisch nicht erforderliche Beschneidung des nicht einsichts- und urteilsfähigen männlichen Kindes einzuwilligen, wenn diese nach den Regeln der ärztlichen Kunst durchgeführt werden soll. Dies gilt nicht, wenn durch die Beschneidung auch unter Berücksichtigung ihres Zwecks das Kindeswohl gefährdet wird.
(2) In den ersten sechs Monaten nach der Geburt des Kindes dürfen auch von einer Religionsgemeinschaft dazu vorgesehene Personen Beschneidungen gemäß Absatz 1 durchführen, wenn sie dafür besonders ausgebildet und, ohne Arzt zu sein, für die Durchführung der Beschneidung vergleichbar befähigt sind.“
Das Ganze soll als neuer § 1631d ins BGB eingeführt werden. Und dann? Dann dürfte aus meiner Sicht das ganze Problem wieder bei der Justiz landen und die ganze Diskussion von vorne beginnen. Das hat verschiedene Gründe. Die Zustimmungsberechtigung zu einer Beschneidung im Bereich der Personensorge zu regeln, war zunächst einmal ein vernünftiger gesetzestechnischer Ansatz. Die Personensorge liegt regelmäßig bei beiden Eltern, solange sie nicht aus irgendwelchen Gründen auf einen sorgeberechtigten Elternteil übertragen wurde. Solange also beide Eltern einer medizinisch nicht erforderlichen Beschneidung zustimmen würden, wäre sie zunächst einmal nicht mehr rechtswidrig.
Tja, und da haben wir schon das erste Problem. Das Gesetz sagt leider nichts darüber, was denn geschehen soll, wenn sich die Eltern in dieser Frage nicht einig sind. Das kommt in den besten Familien vor, jedenfalls häufiger als in den schlechten, dass Eltern sich unterschiedliche Vorstellungen darüber machen, was gut für ihr Kind ist.
Es sollte auch so sein, dass man das Für und Wider abwägt und dann eine gemeinsame Entscheidung trifft. Klappt aber nicht immer – und dann? Müsste ein Familienrichter einem der beiden Elternteile die Entscheidungsbefugnis in dieser Frage übertragen. Ja, da wird’s dann wieder lustig. Nach welchen Kriterien sollte er das denn bitte tun? Da er ja nicht einfach willkürlich entscheiden kann, müsste er sich wieder mit diesen lästigen Grundrechten auseinandersetzen, die Kinder hier nun mal auch haben. Das könnte dazu führen, dass er eine ähnliche rechtliche Einschätzung vornimmt wie das „böse“ Landgericht Köln; oder auch nicht.
Dass der Familienrichter diese Entscheidung innerhalb der bei jüdischen Kindern erforderlichen 8 Tage nach der Geburt treffen würde oder auch nur könnte, ist aber ausgeschlossen. So schnell kann der schnellste Familienrichter und auch die schnellste Familienrichterin nicht über die Sinnhaftigkeit einer ja immer noch tatbestandsmäßigen Körperverletzung entscheiden. Er/sie könnte höchstens einen Euro werfen, da weiß man ja auch nie, was man hat.
Diese Problematik hätte man im Entwurf ganz leicht umgehen können, indem man für die Zustimmung zur Beschneidung einfach die Zustimmung beider Elternteile gefordert hätte. Keine Einstimmigkeit in der Frage, keine Beschneidung. War wohl zu simpel. Aber das war ja nur das erste, kleinere Problem. Das zweite Problem ist gravierender. Offenbar weil man sich der Tatsache bewusst ist, dass man bei allen Entscheidungen, die unmündige Kinder betreffen, deren Wohl und Wehe im Auge haben muss, hat man dem Gesetzentwurf in Absatz 1 Satz 2 eine Zeitbombe hinzugefügt. Denn der ganze schöne Absatz 1, der so tut, als wären die Eltern ganz alleine in der Lage, die Zustimmung zur Beschneidung zu geben, wird nun erheblich relativiert. Er gilt nämlich gar nicht, „wenn durch die Beschneidung auch unter Berücksichtigung ihres Zwecks das Kindeswohl gefährdet ist.“ „Guckguck“, ruft da ganz laut die bisherige Debatte und lacht sich kaputt, dass die Regierung geglaubt hat, sie mit diesem Gesetz zu verscheuchen. „Da bin ich wieder!“, ruft die Debatte. Es geht letztlich doch wieder um das Kindeswohl und nicht um den reinen Elternwillen. Die Eltern und der Beschneider können sich also doch nicht so sicher sein, dass nicht wieder eine Anklage kommt, jedenfalls dann, wenn etwas schief geht, was ja vorkommen soll. Es wäre zum Lachen, wenn es nicht so traurig wäre. Nicht mal ein Gesetz, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit von einer „breiten“ – oder vielleicht sollte man fairerweise sagen: „großen“? – Mehrheit durchgewinkt würde, bekommt man anständig formuliert.
Der Begriff des Kindeswohls ist in der familiengerichtlichen Praxis seit Jahren eine Wundertüte. Er ist an keiner Stelle des Gesetzes definiert, er hat auch durch die Rechtssprechung, also durch sogenanntes Richterrecht, keine rechte Definition erfahren. In jedem Sorge- oder Umgangsrechtsprozess können also die Parteien und das Gericht mehr oder weniger beliebig über diesen entscheidungserheblichen Begriff philosophieren. Ist ja auch schwer. Der Begriff des Kindeswohls oder der der Kindeswohlgefährdung beeinhaltet ja eine Prognose für die Zukunft des Kindes auf der Basis der Vergangenheit und der Gegenwart. Das ist wie bei der Wettervorhersage. Für einen Tag noch ganz gut machbar, aber wenn es um das Wetter in einem halben Jahr geht, wird’s schon unbrauchbar.
Ist es gut, wenn das Kleinkind bei der überbehütenden Mutter bleibt oder zum laisser-faire-Vater zieht? Besser zur berufstätigen Mutter oder zum Hartz-vierenden Vater, der viel mehr Zeit hat? Ist es besser, das Kind geht zum Vater, der ihm ein Pony versprochen hat (was auch für seinen Rücken gut wäre), oder zur Mutter, die eine gehörige Angst vor Pferden hat? Besser mit oder ohne Vorhaut? Diese Entscheidung ist letztlich immer willkürlich, auch wenn ein einigermaßen guter Jurist sowohl die eine wie auch die andere mit guten Argumenten vertreten kann.
Den Begriff des Kindeswohls ausdrücklich mit der Zustimmungsbefugnis der Eltern in einen Paragrafen zu packen, schafft jedenfalls nicht das Ende der Debatte, erfüllt also nicht einmal den eigentlichen Zweck, den die Mehrheit des Bundestages und auch der Regierung beabsichtigt hatte, nämlich aus der inhaltlichen Diskussion auszusteigen. Der vom Kabinett eingefügte Absatz 2, der bei ganz kleinen Jungs auch den Mohel und andere religiösen Beschneider zum Schnitt kommen lässt, weist das ganze Gesetz auch noch als Sondergesetz für Religionen aus. Oh Gott, kann man da nur sagen. Will das Kabinett ein verfassungswidriges Gesetz?
Vielleicht können sie es nicht (wahrscheinlich), vielleicht wollen sie es nicht (unwahrscheinlich), vielleicht hat die Justizministerin ihnen eine Zeitbombe untergejubelt (hätte was) – letztlich wird wohl doch das Bundesverfassungsgericht die Linien ziehen und entscheiden müssen, was verfassungsmäßig an Körperverletzung geht und was nicht. Das ist vermutlich auch besser so!
Heinrich Schmitz ist Rechtsanwalt in Euskirchen. Sein Beitrag erschien am 10. Oktober 2012 im Blog „Alexander Wallasch“. Er hat ihn uns zur Weiterverwendung freundlicherweise zur Verfügung gestellt.
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Fußnote
(1)
https://www.facebook.com/notes/heinrich-schmitz/die-resolution%C3%A4re-des-schnipp-schnapp-von-ra-heinrich-schmitz/447262585295275
NAGEL-Redaktion – Mobbing – nur ein Missverständnis?
Eine erste systemische Annäherung an ein bedeutsames Phänomen
Von Franziska Klinkigt
Neulich fragte die Leiterin einer Kindertagesstätte, in deren Team ich eine Weiterbildung zum Schutzauftrag bei Kindeswohlgefährdung veranstaltete: „Wieso machen wir denn eigentlich diese Schulungen, wenn doch die Rahmenbedingungen in unseren Einrichtungen Kindeswohlgefährdung begünstigen?“
Wie war es dazu gekommen, dass sie diese Frage stellte? Im Laufe der Auseinandersetzung mit der Frage, wann und wodurch das Kindeswohl gefährdet sei, wurde allen anhand eines eigenen Fallbeispiels immer deutlicher, dass in der Einrichtung selbst Gewalt stattgefunden hatte. Konnte es sein, dass die mit Gewalt verbundenen Lösungsversuche der Beteiligten zum Problem geworden waren? Konnte es vielleicht sogar sein, dass der Kontext selbst das Problem war und die gewaltvollen Handlungen nur ein Ausdruck dessen?
Wenn es um das Phänomen „Mobbing in der Schule“ geht, sollten wir uns dieselben Fragen stellen. Betrachten wir aber die übliche Behandlung des Tatbestandes Mobbing in der Schule, entdecken wir, dass es hierbei zugeht wie bei einer Hetzjagd. „Mobbing muss in jeglicher Form in der Schule geächtet werden“, so Udo Beckmann, der Bundesvorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung (1). Ob er sich bei dieser Aussage dessen bewusst war, dass „ächten“ bedeutet, jemanden aus einer Gemeinschaft auszustoßen? Diese Maßnahme klingt noch absurder, wenn wir uns die Definition des Begriffes „Mobbing“ anschauen.
Der Autor und Studiendirektor Karl Dambach schreibt in seinem Buch „Mobbing in der Schulklasse“ (2), „dass mit ‚Mobbing’ nur die lange anhaltende (mindestens über mehrere Monate anhaltende) Ausgrenzung Einzelner von der Mehrheit bezeichnet wird“. Soll nun also Gleiches mit Gleichem bekämpft werden? Dies scheint immerhin nicht überall üblich zu sein, denn kürzlich hörte ich, dass eine Erzieherin ihres Arbeitsplatzes verwiesen wurde, nachdem sie ein Kind, von welchem sie getreten worden war, zurück getreten hatte. Aber birgt Beckmanns Forderung nicht einen unlösbaren Widerspruch: Genau das zu tun, was eigentlich verhindert werden soll? Also mehr desselben? Wenn wir jetzt aufhorchen, werden wir dank dieses Lösungsversuchs erkennen, dass wir auf dem Holzweg sind.
Was ist eigentlich „Mobbing“?
Wer oder was soll denn hier geächtet werden (Diese Bezeichnung findet sich bemerkenswerterweise auch an anderer Stelle, in einer Pressemitteilung des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes. (3))? Das Phänomen Mobbing? Das ist ein interessanter Gedanke, wenn bedacht wird, in welchem Zusammenhang dieser Begriff ursprünglich verwendet wurde.
Der Zoologe Konrad Lorenz beschrieb Anfang der 1960er Jahre ein bestimmtes Verteidigungsverhalten vieler Vogelarten, die sich zu einer Gruppe zusammentaten, um gemeinsam durch Alarmrufe und Scheinangriffe einen Fressfeind oder anderen überlegenen Gegner in die Flucht zu schlagen (das konnte auch ein Artgenosse sein, der die eigene Brut bedrohte). Dieses Verhalten nannte er „Hassen“ (Singvögel beispielsweise „hassen besonders intensiv auf“ Eulen), was auf Englisch „Mobbing“ bedeutet.
Mobbing ist also in seinem ursprünglichen Sinne ein sinnvolles Verhalten: Eine Lösungsstrategie in Notsituationen. Gleichzeitig ist dieses Verhalten ein Ausdruck des Erlebens von Gefahr, das heißt, wenn die entsprechenden Lebewesen etwas als gefährlich wahrnehmen, greifen sie zu diesem Verhaltensmuster, um die vielleicht nur vermeintliche oder gar tatsächliche Gefahr abzuwenden.
Greifen nun junge Menschen in der Schule zum Verhaltensmuster Mobbing, stellt sich dann nicht die Frage nach dem Sinn dieses Verhaltens? Ist es denkbar, dass diese jungen Menschen sich in einem Verteidigungsmodus befinden, da sie sich in einer Notsituation erleben? Eine Situation, in der sie sich bedroht fühlen von Gefahren für ihren Selbstwert, ihre Würde, ihre Integrität und Freiheit, für ihr Selbstvertrauen, ihr Gefühl von Selbstwirksamkeit, für ihre Selbstbestimmung und ihr Potenzial zur Selbstentfaltung – kurzum: für ihr Leben? Sind es also vielleicht die Rahmenbedingungen, die Mobbing begünstigen oder überhaupt erst hervorrufen? Und was sagt uns umgekehrt das Phänomen Mobbing über diese Rahmenbedingungen? Diese Fragen leiten hin zu dem eigentlichen Schlüsselgedanken, der zum besseren Verständnis der Problematik führt: Mobbing ist ein Symptom, ein Kennzeichen, ein Hinweis darauf, dass das System, innerhalb dessen es auftritt, gestört ist.
Um diesen Gedanken zu veranschaulichen, betrachten wir einmal beispielhaft und sehr vereinfacht dargestellt das kleine „System“ Familie. Kennzeichnend für dieses System ist, dass seine Mitglieder in Beziehungen zueinander stehen und miteinander kommunizieren. In der Familientherapie ist häufig zu beobachten, dass ein Familienmitglied, meist ein Sohn oder eine Tochter, als diejenige Person beschrieben wird, die das Problem „hat“. Wer aber genauer hinschaut, stellt zumeist fest, dass es im Bereich der Beziehungen und in der Kommunikation zwischen den Familienmitgliedern (meist verdeckte) Schwierigkeiten bzw. Störungen gibt. Die Person, die als Problem vorgestellt wird, „besitzt“ nicht das Problem, sondern „trägt“ es. Sie übernimmt eine ganz wichtige und für die Familie wertvolle Rolle, indem sie zum einen das dysfunktionale System stützt und vor Zusammenbruch bewahrt und zum anderen signalisiert: „Hier stimmt etwas nicht“. Um dies zu verdeutlichen folgendes Beispiel: Eltern kommen mit ihrem neunjährigen Sohn, der seit Wochen wieder einnässt. Im Laufe des Gesprächs kommt heraus, dass die Eltern schon seit langer Zeit überlegen, sich zu trennen. Das „Problem des Sohnes“ übernimmt hier die Rolle, die Eltern durch ihre gemeinsame Sorge zu verbinden und lenkt den Fokus weg von den Beziehungsproblemen hin zu einem anderen Problem: dem Einnässen. Gleichzeitig dient es als Signal des Sohnes: „Ich merke, dass etwas nicht stimmt.“ Würde hier nun die Aufmerksamkeit ausschließlich auf den Jungen gelegt werden und ein irgendwie geartetes Schließmuskel- oder Toilettentraining oder gar eine medikamentöse Behandlung empfohlen, bliebe die Funktion bzw. die Botschaft dieses Symptoms völlig unberücksichtigt.
Wenn nun Mobbing in der Schule gleichermaßen Ausdruck eines dysfunktionalen Systems ist, so würden wir mit Ächtung genau das Gegenteil tun, als das, was dieser „Rolle“ zusteht. Ächtung ist die große Schwester der „Verachtung“, also der dauerhaften Abwertung. Was Mobbing als Symptom aber braucht, ist sowohl Achtung im Sinne von Anerkennung als auch Beachtung im Sinne von Interesse an dessen Botschaft.
Ächtung statt Achtung?
Stattdessen werden im Zuge der Ächtung Schuldige gesucht und gefunden und schlimmstenfalls zu „Tätern“ gemacht und bestraft. Dabei wird gerade hier wieder die Paradoxie dieser Vorgehensweise deutlich. In einem Interview erzählt Zoë Readhead, die Leiterin der bekannten Demokratischen Schule Summerhill in England, wie dort mit Mobbing umgegangen wird: „Das ist bei uns zum Glück kein großes Thema, weil solche Vorfälle immer schnell ans Licht kommen. Besonders die älteren Schüler sind da wachsam. Aber wer tatsächlich jemand anderen mobbt, kommt auf die Mobbingliste: Er wird von allen Gemeinschaftsveranstaltungen ausgeschlossen und muss sich als Letzter in der Reihe beim Essen anstellen.“ (4) Wie kann ein mehr desselben zu weniger desselben führen?
Um es noch anders und mit den Worten Astrid Lindgrens auszudrücken, die sie 1978 in ihrer Rede anlässlich der Verleihung eines Deutschen Friedenspreises gebrauchte: „Das aber hieße den Teufel mit dem Beelzebub austreiben und führt auf die Dauer nur zu noch mehr Gewalt und zu einer tieferen und gefährlicheren Kluft zwischen den Generationen. Möglicherweise könnte diese erwünschte ‚härtere Zucht’ eine äußerliche Wirkung erzielen, die die Befürworter dann als Besserung deuten würden. Freilich nur so lange, bis auch sie allmählich zu der Erkenntnis gezwungen werden, dass Gewalt immer wieder nur Gewalt erzeugt – so wie es von jeher gewesen ist.“ (5)
Um den Kreislauf ein wenig zu verdeutlichen, eine kleine Anekdote aus dem Leben eines zwölfjährigen Jungen: Dieser Junge berichtete mir, er komme in der Schule mit den Lehrern und Mitschülern nicht gut aus, streite sich häufig und fühle sich oft schlecht, ungerecht behandelt und allein. Er sei schon ein paar Mal von der Schule suspendiert oder weggeschickt worden. Ich fragte nach, aus welchem Grund. Da erzählte er mir die zuletzt geschehene Begebenheit: Ein Mädchen aus seiner Klasse habe ihm die Hose heruntergezogen. Daraufhin sei er zu der Lehrerin gegangen, die sagte, er solle das selbst klären. Das habe er getan – und dem Mädchen die Hose heruntergezogen. Daraufhin sei er wieder suspendiert und in einem Brief von der Schule der sexuellen Belästigung bezichtigt worden.
Eine ganz absurde Geschichte, die zwar offenlässt, ob hier von Mobbing gesprochen werden kann, aber offenbart, dass das Täter-Opfer-Konzept unbedingt infrage zu stellen ist. Könnte es Situationen geben, in denen gar der „Täter“ selbst das „Mobbingopfer“ ist?
Was ist Gewalt?
Der Begriff „Gewalt“ stammt vom althochdeutschen Wort „waltan“ ab, welches „stark sein, beherrschen“ bedeutet. Der Zusammenhang zu „Herrschaft“ im Sinne einer institutionalisierten Form von Über- und Unterordnung drängt sich nicht nur auf, im rechtsphilosophischen Sinne sind beide Begriffe sogar gleichbedeutend.
Marshall Rosenberg, der das Konzept der „Gewaltfreien Kommunikation“ entwickelt hat, sagt, dass wir Menschen seit über 8.000 Jahren in von Herrschaft geprägten Strukturen leben, in denen ein paar Leute, die für sich in Anspruch nehmen, besser zu sein als die anderen, diese kontrollieren. Unsere Art der Erziehung sei an diese Strukturen angepasst bzw. genau dafür geeignet, um diese aufrechtzuerhalten.
Demnach wäre das Phänomen Mobbing ein Ausdruck von Herrschaft in Form von Machtausübung, welcher die Struktur unserer Erziehungs- und Schulkultur widerspiegelt. Rosenberg liefert eine beeindruckende Beschreibung dessen, was unsere Art der Erziehung kennzeichnet, die von einem nicht weniger beeindruckenden Ergebnis gekrönt wird: Die gründliche, gelungene Erziehung erschafft entweder „nette tote Menschen“, die tun, was ihnen gesagt wird – mögen wir sie vielleicht lieber als brav, angepasst oder wohlerzogen bezeichnen –, oder „Monster“ (6). Eignen sich diese beiden nicht wunderbar für die Rollenbesetzung der antagonistischen Gegenspieler in einem Psychodrama mit dem Titel „Mobbing in der Schulklasse“?
Wenn also Mobbing in den Rahmenbedingungen des Systems wurzelt, in dem es stattfindet (z. B. Arbeitsplatz, Schule, Familie), und nur die Äußerungsform eines Problems ist, dann müssen wir uns die Frage stellen, wie diese Rahmenbedingungen sein müssen, damit es überhaupt gar keinen Anlass für Mobbing mehr gibt. Es lohnt sich, diesen Gedanken noch auszuweiten: Mobbing ist nur eine Form von Gewalt. Wurzelt Gewalt generell in den Rahmenbedingungen unserer Gesellschaft, und wie müssten sich diese dann wandeln, damit es schließlich keinen Anlass für Gewalt mehr gibt?
Sind wir schon auf dem richtigen Weg?
Betrachten wir unsere jüngere Geschichte, stellen wir fest, dass bereits ein Wandel stattgefunden hat. Wie wir wissen, waren bis in die 1970er Jahre Körperstrafen gängige und akzeptierte Erziehungsmittel, welche nicht als schädigend, sondern im Gegenteil als der Menschwerdung des Zöglings förderlich angesehen wurden. So hatte in Deutschland bis 1928 ein Familienvater nicht nur das Recht, seine Kinder, sondern auch seine Frau zu züchtigen. Erst ab 1957 durfte auch die Mutter ihre Kinder züchtigen, davor war dieses Recht dem Vater vorbehalten. Bis 1973 hatten Lehrer und Eltern das gemeinsame Züchtigungsrecht (in der DDR allerdings nur bis 1949, in Bayern dagegen bis 1980) und bis 2000 hatten es schließlich nur noch die Eltern. Seitdem haben Kinder ein „Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig“. Dieses Recht ist im § 1631 des Bürgerlichen Gesetzbuches verankert, im Bereich der „Elterlichen Sorge“ (7). Somit legt der Gesetzgeber fest, dass Gewalt gegenüber Kindern nicht toleriert wird.
Hans Schleicher, Experte für Familienrecht, liefert eine Darstellung dessen, was unter Gewalt in der Erziehung zu verstehen ist (8). Er betont, dass der Begriff „Recht“, im Gegensatz zu dem des „Gebots“, deutlich machen soll, dass der junge Mensch als Subjekt-Person mit eigener Würde ein Recht auf die Achtung seiner Grundrechte hat. Wenn wir davon ausgehen, dass die Grundrechte eines Menschen an keine Bedingungen geknüpft sind (was das Grundgesetz voraussetzt), könnte es problematisch sein, dass sowohl der Gewaltbegriff als auch die Bewertung von Gewalt davon abhängen, in welchem Kontext eine Handlung stattfindet. Dabei ist die Frage, ob eine Handlung als Gewalt definiert wird, noch einmal eine ganz andere als diejenige, ob diese Handlung toleriert wird.
Schleicher macht deutlich, dass der Terminus „Gewalt“ im Rahmen des § 1631 des BGB nicht im strafrechtlichen Sinne zu verstehen ist. So stelle es „im Kontext der elterlichen Sorge z. B. noch keine Gewalt dar, wenn Eltern ihr Kind hindern, das Elternhaus zu verlassen, während im Strafrecht jedes (und somit auch dieses) Festhalten eines Menschen gegen dessen Willen zunächst einmal als ‚Gewalt’ bezeichnet werden müsste – ohne dass damit jedoch bereits etwas über die Strafbarkeit ausgesagt wäre.“
Heißt das jetzt, wenn wir Kinder „als Menschen“ sehen, wäre das Festhalten Gewalt, wenn wir sie hingegen „als Kinder“ sehen, wäre dies nicht Gewalt, sondern Erziehung? Wie sieht es denn gewaltdefinitorisch und strafrechtlich in der Situation aus, wenn Eltern ihr Kind dazu veranlassen oder gar zwingen müssen, gegen seinen ausdrücklichen Willen das Elternhaus zu verlassen, um in die Schule zu gehen? Und wie sieht es diesbezüglich aus, wenn die Schule ein Kind daran hindert, diese zu verlassen – gegen seinen ausdrücklichen Willen? Was ist, wenn ein Kind in der Schule Gewalt erfährt, z. B. durch Mobbing, und deshalb nicht mehr dorthin will?
Das Recht auf gewaltfreie Erziehung – nur Ansichtssache?
Als Gewalt werden „körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen“ genannt. Hinsichtlich körperlicher Gewalt wären sich vermutlich alle einig bei der Beurteilung der gewalttätigen Vorfälle, die in den Medien Beachtung finden. Aber Diskussionen um den berühmten „Klaps“ oder andere als „maßvoll“ und „angemessen“ angesehene Maßnahmen zum Zwecke der Erziehung, offenbaren ein gewisses definitorisches Spektrum. Noch größere Uneinigkeit zeigt sich meist in Gesprächen darüber, was unter „seelischen Verletzungen“ und „anderen entwürdigenden Maßnahmen“ zu verstehen ist. Als mögliche Beispiele dafür nennt Schleicher Bestrafungen wie Kürzen des Taschengeldes, zeitweiliges Spiel-, Fernseh- oder Kino-Verbot oder auch Hausarrest, welche zwar nicht verboten seien, aber „in krassen Übermaßfällen (z. B. bei längerem völligem Einsperren)“ eventuell diese darstellten.
Wie sieht es denn eigentlich aus, wenn Menschen jahrelang beinahe täglich für mehrere Stunden in einem Raum eingesperrt und von der Vielfalt des Lebens und den Angelegenheiten der Welt ausgeschlossen werden? Der Sozialpädagoge Frank Schallenberg bezeichnet in seinem Buch „Ernstfall Kindermobbing“ (9) Mobbing als einen „massiven, aggressiven Eingriff in das Leben und Handeln eines anderen Menschen“, der sich typischerweise „regelmäßig über einen längeren Zeitraum“ vollzieht. Liegt demnach bei dem beschriebenen Prozess, der ja unser Schulsystem kennzeichnet, nicht eben dieser Ernstfall Kindermobbing vor? Der Begriff „seelische Verletzungen“ ist laut Schleicher „relativ unbestimmt und somit ausfüllungsbedürftig“. Wäre es zynisch zu behaupten, der Umstand, dass das Recht der Kinder auf gewaltfreie Erziehung nur gegenüber den Eltern zu bestehen scheint, vereinfache die „Ausfüllung“ dieses Begriffes?
Es bleibt der Eindruck, dass es wirklich vom Kontext abhängt, ob Gewalt toleriert wird oder nicht, und davon, von wem sie ausgeübt wird. Eine Sequenz, die in einem Artikel zum Thema „ADHS“ in einer bekannten psychologischen Fachzeitschrift dargestellt wurde, verdeutlicht das: Es handelt sich um ein Szenario in einem Therapiezentrum in einer großen Stadt in Deutschland:
„… schon prescht ein blondes Energiebündel herein. Der fünfjährige Junge gibt brav die Hand und sagt Guten Tag, doch in seinen Augen glitzert es verdächtig: Was machen wir heute? Was passiert als Nächstes? Man merkt: Der Junge würde am liebsten sofort loslegen, kann seinen Elan kaum zügeln. Zuerst aber heißt es für ihn, sich still hinzusetzen, auf einer Matte in der Ecke, neben dem kleinen Tisch, an dem seine Mutter mit der Sozialarbeiterin redet. Er darf sich ein Spielzeug aussuchen, mit dem er sich allein beschäftigen soll, solange die Frauen ins Gespräch vertieft sind. Der Junge wählt die Legosteine. Seine Aufgabe lautet, nicht dazwischenzureden, während seine Mutter berichtet, wie es in der vergangenen Woche mit ihrem Sohn lief. Die Therapeutin stellt dem Jungen eigens die Uhr. 15 Minuten muss er durchhalten – und wann immer er den Frauen ins Wort fällt, nimmt die Sozialarbeiterin einen Spielstein aus einer Schale. Die Zahl der verbleibenden Steine bestimmt darüber, wie lange sie hinterher alle zusammen spielen. Die Sache geht nicht lange gut. Nach wenigen Minuten wandert der erste bunte Plastikwürfel aus der Schale. Der Junge schaut irritiert, doch die Frau ermuntert ihn, weiterzuspielen, so wie abgemacht. Das tut er auch, zumindest für einen Moment. Dann fällt er seiner Mutter erneut ins Wort – und schwupp ist der nächste Spielstein weg. Der Junge ist ein echter Zappelphilipp …“ (10)
Wem der Begriff „Folter“ hierfür zu krass erscheint, der sei kurz auf dessen Definition hingewiesen, der zufolge Folter das „gezielte Zufügen von psychischem oder physischem Leid (Gewalt, Qualen, Schmerz, Angst, massive Erniedrigung)“ darstellt, „meist als Mittel für einen bestimmten Zweck“, um zum Beispiel „den Willen und den Widerstand des Folteropfers (dauerhaft) zu brechen (11). Auf gar keinen Fall ist davon auszugehen, dass die beiden in der Szene dargestellten erwachsenen Frauen in der Absicht handeln, dem Jungen Leid zuzufügen. Im Gegenteil: Sie handeln nach bestem Wissen und Gewissen in der Überzeugung, dies sei zu seinem Besten. Gleichwohl ist es ein gezieltes Handeln mit dem Zweck, den Willen des Jungen zu brechen, ihn gefügig zu machen, ihn einer von außen gegebenen Struktur (die er nicht versteht und nicht erklärt bekommt!) und von anderen gesetzten Maßstäben zu unterwerfen. Ist es nicht zutiefst erniedrigend, einen Platz zugewiesen und eine Zeitstruktur aufgezwungen zu bekommen, innerhalb der ein Mensch schweigend erdulden muss, wie zwei andere Personen über ihn reden? Und dies bei Ankündigung und Ausführung von Strafe. Ist es zudem nicht geradezu abartig, dass das „Glitzern“ in den Augen, der „Elan“, also der offensichtlich feurige Tatendrang und die Neugierde auf das, was nun kommen wird, als etwas Negatives, zu Unterdrückendes, zu Beherrschendes angesehen wird? Allein der Versuch, sich anstelle des Jungen einen erwachsenen Menschen vorzustellen, macht die Unmöglichkeit dieser Situation deutlich.
Ende der 1970er Jahre begann der Psychologe Heinz Leymann die langjährige Erforschung des Phänomens Mobbing am Arbeitsplatz und erstellte schließlich einen Katalog von Mobbinghandlungen – ein sogenanntes „Psychoterror-Inventar“ (Leymann Inventory of Psychological Terror (12)). Darin finden wir Handlungen wie die Einschränkung der Möglichkeit, sich zu äußern durch Vorgesetzte oder Kollegen, Kontaktverweigerung, man spricht nicht mehr mit dem Betroffenen“, „man wird wie Luft behandelt“, man erhält „sinnlose“ oder „kränkende“ Arbeitsaufgaben, „hinter dem Rücken des Betroffenen wird schlecht über ihn gesprochen“ oder auch die Verdächtigung, „psychisch krank zu sein“. Es ist schon beeindruckend: Was in der Arbeitswelt von Erwachsenen Mobbing sein kann, ist in der Welt der Kinder „pädagogisch wertvoll“.
Aber Karl Dambach betont ja auch, es gebe zwar unterschiedliche Arten, wie Individuen ausgegrenzt würden, aber keine „typischen Mobbinghandlungen“. Das Entscheidende sei das regelmäßige Auftreten gegen dieselbe Person über einen länger andauernden Zeitraum hinweg. Ob dies für den Jungen mit den glitzernden Augen zutreffen mag, wird davon abhängen, inwieweit er in der Lage ist, sich in die ihm aufgebürdete Struktur einzufügen. Gelingt es ihm, innerhalb dieser zu „funktionieren“, wird er möglicherweise bald von oben beschriebenen Maßnahmen verschont bleiben. Wird er seine Lebensenergie und den unbändigen Drang nach Lebendigkeit hingegen nicht unterdrücken und einkerkern lassen, so wird er es vermutlich schwer haben. Sein Verhalten wird weiterhin als unangemessen und anstrengend empfunden werden und er selbst bald als „nicht tragbar“.
Dennoch können wir hoffen …
Ebenso wie Astrid Lindgren davon ausging, dass wir eines Tages zu der Erkenntnis gezwungen sein werden, dass Gewalt immer wieder nur Gewalt erzeugt (und schließlich sind nur ein Jahr nach ihrer Rede körperliche Bestrafungen und sonstige kränkende Handlungen in Schweden gesetzlich verboten worden und nur 21 Jahre danach auch in Deutschland), denkt auch Marshall Rosenberg, dass unsere Art von Erziehung und die Gewalt, die daraus entsteht, eine vorübergehende Sache ist. Wenn wir die gesamte Menschheitsgeschichte betrachten, dann sind 8.000 Jahre nur ein kleiner Abschnitt, „und wir werden relativ schnell wieder zu dem zurückkehren, was für uns natürlich ist“ (13). Auch der Blick in unsere jüngste Vergangenheit gibt uns Anlass zur Hoffnung. Wir können uns heute nicht mehr vorstellen, dass noch vor 60 Jahren Frauen keine Rechtssubjekte waren. So werden wir uns eines Tages auch nicht mehr vorstellen können, dass Kinder einst Objekte von Erziehung und Beschulung waren, deren Grundrechte ihnen nur unter bestimmten Bedingungen gewährt wurden. Freilich bedarf es bis dahin noch einiger darzustellender Erkenntnisse und reflektorischer Auseinandersetzungen. Wir werden hoffentlich sehr bald dankbar sein, dass die jungen Menschen niemals aufhörten, Symptome zu produzieren, um uns zu zeigen, dass etwas an den Bedingungen, unter denen wir alle lebten, nicht stimmte. Wir werden uns mit bitterem Herzen daran erinnern, dass wir ihre Signale lange genug – viel zu lange – nicht wahrnahmen und nicht verstanden. Dass wir darauf reagierten, indem wir sie ruhigstellten, sie einsperrten – in Schulen oder, wenn sie sich denen entziehen wollten, in Psychiatrien oder Gefängnissen – sie pathologisierten und mit Medikamenten „funktionstüchtig“ machten. Wir werden uns sagen: „Zum Glück konnten wir diesen Kreislauf der Gewalt durchbrechen und uns dem weiter nähern, was für uns gesund und natürlich ist.“
Fußnoten
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(1) bildungsklick.de/pm/83505/mobbing-keine-chance-geben/
(2) Karl E. Dambach: Mobbing in der Schulklasse, Reinhardt 2009
(3) bildungsklick.de/pm/80762/schulen-muessen-junge-leute-stark-machen/
(4) sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/36943/2/1
(5) efraimstochter.de/astridlindgren/friedenspreis_des_deutschen_buchhandels.shtml
(6) www.dialog-herold.de/videobeispiele.html
(7) dejure.org/gesetze/BGB/1631.html
(8) www.fzpsa.de/Recht/Fachartikel/familienrecht/gewaltfrei/gewaltfreischleicher
(9) Frank Schallenberg : Ernstfall Kindermobbing. Das können Eltern und Schule tun, Claudius 2004
(10) Gehirn & Geist, Das Magazin für Psychologie und Hirnforschung: ADHS. Was macht Kinder hyperaktiv?, Ausgabe 9/2012
(11) de.wikipedia.org/wiki/Folter
(12) www.mobbing-zentrale.ch/wastun.htm
(13) www.dialog-herold.de/videobeispiele.html

Eigenes Bild
Franziska Klinkigt, geboren 1980, ist Diplom-Psychologin, systemische Therapeutin und Mutter zweier Töchter. Neben ihrer Arbeit in einer kinder- und jugendpsychiatrischen Praxis in der Nähe von Gießen bietet sie in mehreren Kindertagesstätten Beratung an. Besonders wichtig ist ihr der Schutz der Grundrechte junger Menschen sowie die Auseinandersetzung mit den Themen freie Bildung und Gewalt in unserer Gesellschaft. Ihr Artikel erschien zunächst in der Zeitschrift „unerzogen 3/2012“. Wir bedanken uns bei Franziska Klinkigt und Sabine Reichelt von „unerzogen“ für die freundliche Genehmigung, ihn hier verwenden zu dürfen.
NAGEL-Redaktion – Makronencreme
Cremespeisen bieten stets den Abschluss einer vollwertigen Mahlzeit. Schon beim Anblick der appetitlich hergerichteten Leckereien soll „das Wasser im Munde zusammenlaufen“. Leichte und lockere Cremespeisen wusste schon „Oma“ herzhaft herzustellen, und für Kinder bilden sie einen krönenden Mittagstischabschluss. Für alle, die Angst um ihre „schlanke Linie“ haben, empfehle ich Speisen, die mit Wasser oder Fruchtsäfte zubereitet werden.

Makronencreme
Zutaten
● 1 Liter Milch
● 2 Eigelb
● 125 g Makronen
● 100 g Zucker
● 1 Prise Vanillezucker, 12 Blatt Gelatine, 2 Eier-Schnee.
Zubereitung
Eigelb und Milch werden verquirlt, dann fügt man Makronen und Zucker hinzu, dickt mit der aufgelösten Gelatine und zieht, wenn die Speise stockt, den Ei-Schnee darunter geben.
Veröffentlicht in: i-Punkt 12/2012
Quelle: www.kochen-mit-koki.de – Mit freundlicher Genehmigung
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NAGEL-Redaktion – Eierpfannekuchen

„Das ist ja einmal etwas anderes!“, werden Ihre Tischgäste oder auch die jungen Leute in Ihrer Einrichtung sagen, wenn Sie jedem einen großen goldbraunen Pfannekuchen (mit Füllung) auf den Teller legen.
Eierkuchen (für 4 Personen – für größere Gruppen entsprechend hochrechnen)
Zutaten
● 80-100 g Mehl
● 1/8 Liter Milch
● 4 Eier
● 1/4 Teelöffel Salz und Backfett
Zubereitung
● Siebe das Mehl in eine Schüssel, gib löffelweise die Milch dazu, das Salz und ein Ei nach dem andern und rühre recht glatt.
● Lass in einer eisernen Stielpfanne so viel Fett oder Butter heiß werden, dass der Boden bedeckt ist.
● Gib mit einem Schöpflöffel Teig in das heiße Fett und lass ihn nach allen Seiten dünn auslaufen.
● Ist der Eierkuchen auf der unteren Seite braun gebacken, lass ihn auf einen Teller gleiten.
● Lege ein Stückchen Fett darauf, stülpe die Pfanne darüber und wende rasch um.
● Backe auch die andere Seite braun.
Zusätzlicher Tipp: Gefüllte Eierkuchen
Lege auf jeden fertig gebackenen Eierkuchen 1-2 Löffel einer süßen oder gesalzenen Fülle, rolle die Kuchen zusammen und lege sie nebeneinander in eine leicht gefettete Backform, bestreue sie mit Staubzucker oder mit Reibkäse und lass sie im Ofen noch 10 Minuten überbacken.
Veröffentlicht in: i-Punkt 11/2012
Quelle: www.kochen-mit-koki.de – Mit freundlicher Genehmigung
NAGEL-Redaktion – Kartoffeltopf mit Esskastanien (Maronen)

Ganz raffiniert und edel mit Esskastanien: Ein Gericht für 4 Personen. Für Gruppen bitte entsprechend hochrechnen!
Zutaten
● 1 Steckrübe
● 500 g Kartoffeln
● 500 g Möhren
● 1 l Brühe
● 1/2 Bund Bohnenkraut (oder 1 TL getrocknetes)
● 150 g Maronen (Esskastanien – Dose oder vakuumverpackt)
● 1 EL Mehl • Salz, Pfeffer
Zubereitung
Steckrübe, Kartoffeln sowie Mohren schälen und in mundgerechte Würfel schneiden. Mit der Brühe in einen großen Topf geben, Bohnenkraut abbrausen, zufügen, aufkochen lassen und bei mittlerer Hitze ca. 15 Minuten garen. Die Maronen eventuell abtropfen lassen, zufügen und weitere 5 Minuten köcheln lassen. Mehl mit 3 EL kaltem Wasser verquirlen, in den Eintopf rühren und unter Rühren aufkochen lassen. Den Eintopf mit Salz und Pfeffer kräftig würzen. Anrichten, nach Belieben mit frischem Bohnenkraut garnieren.
Zubereitungszeit: 25 Minuten
Pro Person ca. 320 kcal, Eiweiß: 20 g, Fett: 8 g, Kohlenhydrate: 41 g
Maronen lassen sich auch frisch zubereiten: Maronen kreuzweise einritzen und auf ein Backblech legen. Bei 225 Grad im Ofen rösten, bis die Schale aufreißt, dann schälen.
Veröffentlicht in i-Punkt 10/2012
Quelle: kochen-mit-koki.de – Mit freundlicher Genehmigung
NAGEL-Redaktion – Großer Sauerkraut-Pickert
Großer Sauerkraut-Pickert
Sauerkraut oder Sauerkohl ist durch Milchsäuregärung konservierter Weißkohl oder Spitzkohl und wird meist gekocht als Beilage gegessen. Es gilt international als eines der bekanntesten deutschen Nationalgerichte.
Für 4 – 6 Personen – Für größere Mengen in der Einrichtung: Bitte entsprechend hochrechnen.
Zutaten
● 65 g Schweineschmalz
● 2 Zwiebeln
● 1 Dose Sauerkraut
● 2 Tassen Wasser oder Brühe
● 200 g gekochter Schinken
● 1 kg rohe Kartoffeln / 1 1/2 Teelöffel Salz
● 30g geriebener Parmesankäse
● Butterflöckchen zum Belegen
Eine große Auflaufform mit dem Schmalz bestreichen und Sauerkraut aufgelockert einfüllen. Die gewürfelten Zwiebeln darüberstreuen. Brühe zufügen und die Sauerkrautschicht mit den Schinkenscheiben abdecken.
Kartoffeln schälen, grob raspeln, salzen und auf dem Schinken verteilen. Mit geriebenem Käse bestreuen, Butterflöckchen auflegen.
Die Form sofort in den vorgeheizten Herd schieben und bei starker Hitze etwa 45 Minuten backen lassen.
Wissenswertes über Sauerkraut bei Wikipedia
Quelle: kochen-mit-koki.de – Mit freundlicher Genehmigung
NAGEL-Redaktion – August 2012: Zwetschgenknödel
In diesem Monat werden die Zwetschgen reif. Dieses Rezept berücksichtigt acht Zwetschgen. Für größere Mengen in der Einrichtung: Bitte entsprechend hochrechnen.
● In 1/2 l kaltes Wasser 1 Packung Halb + Halb Knödel einrühren und quellen lassen.
● 8 Zwetschgen entsteinen.
● In jede Zwetschge ein Stück Würfelzucker geben.
● 8 Klöße formen, dabei in die Mitte von jedem Kloß eine Zwetschge geben.
Nach Anweisung fertig zubereiten
● 40 g Butter oder Margarine und 2 Esslöffel Paniermehl bräunen und über die angerichteten Knödel geben.
Je nach Saison kann man auch Aprikosen für die Füllung nehmen.
Veröffentlicht in: i-Punkt 8/2012
ABA Fachverband Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen
(Quelle: www.kochen-mit-koki.de – Mit freundlicher Genehmigung)
Ergänzung: Ein Spiel zum Thema

Kurz vor Redaktionsschluss übermittelte Horst Köckeritz noch einen Spielspaß zur Pflaumen- und Zwetschgenernte, das „Pflaumenkernspiel“: Male viele Pflaumenkerne verschieden bunt an. Jeder Mitspieler erhält die gleiche Anzahl an Kernen in derselben Farbe. Zeichne auf eine feste Pappe eine Zielscheibe. Nacheinander darf jeder Mitspieler aus der gleichen Entfernung einen Kern werfen. Wer als erster in alle Kreise einen Kern geworfen hat, hat gewonnen. Viel Spaß für viele … (Quelle: Käthe, die Erdumseglerin über Facebook)
NAGEL-Redaktion – Juli 2012: Fit durch den Sommer: Rohkost mit Möhren
Möhren-Sellerie-Rohkost für vier Personen: Der Fitmacher für den Sommer

Zutaten
200 g Mohren
200 g Knollensellerie
Apfel (ca. 200 g)
15 g frischer Ingwer
4-5 El Zitronensaft
3 EL ÖI
1 TL Zucker
300 ml Dickmilch
10 Blätter Zitronenmelisse
Zubereitung
Möhren und Sellerie schälen und in grobe Stücke schneiden.
Apfel schälen, vierteln und entkernen.
Möhren, Sellerie und Apfel sehr fein raspeln und in eine Schüssel geben.
Ingwer schälen, fein reiben und zum Gemüse geben.
2 El Zitronensaft mit Öl und 1 Prise Zucker zum Gemüse geben und mischen.
Dickmilch mit restlichem Zitronensaft und Zucker verrühren.
Melisseblättchen abzupfen und in feine Streifen schneiden.
Etwas Sauce in Portionsgläser geben, Rohkost darauf verteilen und mit der Zitronenmelisse bestreuen.
Zubereitungszeit: 15 Minuten
Pro Portion 3 g E, 10 g F, 13 g KH = 166 kcal (694 kj)
Rezept als druckfähige PDF herunterladen
Veröffentlicht in: i-Punkt 7/2012
Quelle: www.kochen-mit-koki.de – Mit freundlicher Genehmigung
NAGEL-Redaktion – Essknigge der Kinder oder: Kinder essen anders …
Erbsen
Sie zerquetschen sie auf dem Teller zu einem flachen Kuchen. Drücken den Gabelrücken hinein. Halten die Gabel senkrecht, mit den Zinken nach oben, und lecken die Erbsen ab.
Kartoffelbrei
Sie klopfen den Kartoffelbrei platt. Bohren kleine Vertiefungen. Sie stellen sich vor, das wären Tümpel oder Teiche, und füllen sie mit Soße. Ziehen mit der Gabel Flusstäler zwischen den Teichen, und beobachten, wie die Soße hineinrinnt. Dann verzieren sie alles mit Erbsen und essen nicht. Oder: Sie graben in der Mitte des Kartoffelbreis ein großes Loch. Schütten Ketchup hinein. Rühren, bis der Brei rötlich wird. Dann essen sie ihn wie Erbsen.
Gummibärchen
werden stets in dieser Reihenfolge gegessen: Beine, Kopf, Rumpf.
Belegte Brote
Sie lassen die Rinden übrig. Wenn Mutter oder Vater sagen, das muss gegessen werden, weil sie das Beste vom Brot sind, so stopfen sie sie in die Hosentasche oder zwischen die Sofakissen.
Spaghetti
Sie wickeln viel zuviel Spaghetti um die Gabel, und lassen mindestens zwei davon herabhängen. Sperren den Mund weit auf, und stopfen die Spaghetti hinein; schlürfen laut dabei, um die herunterhängenden Spaghetti einzusaugen. Sie essen den Teller leer, bitten um eine zweite Portion, und essen davon nur die Hälfte. Halten den Teller schief, wenn sie ihn in die Küche tragen, damit die übrig gebliebenen Spaghetti auf den Boden rutschen.
Eistüte
Sie verlangen eine doppelte Portion Eis. Lassen die obere Eiskugel beim Verlassen der Eisdiele auf den Boden fallen. Weinen laut. Lecken den Rest so langsam ab, dass geschmolzenes Eis über die Waffeltüte und in die Hand läuft. Sobald das Eis mit der Tüte eine glatte Fläche bildet, beißen sie ein Loch in die Tütenspitze saugen das restliche Eis von unten heraus.
Eisbecher
Sie halten den Löffel senkrecht in der Faust. Verrühren das Eis kräftig, bis es Suppe wird. Nehmen eine große Portion auf den Löffel, stecken den Löffel in den Mund, und ziehen ihn langsam wieder heraus, und saugen nur die oberste Eisschicht ein. Fuchteln mit dem Löffel in der Luft herum. Lecken die Rückseite ab. Stecken ihn wieder in den Mund und schlürfen. Machen so weiter, bis er leer ist und alles wieder von vorn anfängt.
Spinat
Sie zerteilen ihn in Häufchen. Schieben die Häufchen hin und her. Wenn sie das fünf- oder sechsmal gemacht haben, lehnen sie sich zurück und sagen: „Ich bin satt.“
Spiegeleier
Sie essen entweder das Weiße oder den Dotter.
Bratäpfel
Sie ziehen mit den Fingern die Schale vom Bratapfel ab und sagen dann, sie mögen keinen Bratapfel. Wenn Vater oder Mutter dann ganz durcheinander sind, drücken sie ihn Dir in die Hand.
Pommes frites
Sie schwenken beim Sprechen ein Kartoffelstäbchen in der Luft herum. Tun so, als ob sie ein Orchester dirigieren. Schieben vier Stäbchen auf einmal in den Mund und kauen. Strecken der Schwester die kartoffelbelegte Zunge heraus. Machen den Mund zu und schlucken. Lächeln …
Autorin: Delia Ephron (Quelle: New York Time 1977) – © neu entdeckt und abgeändert 2012 von http://www.kochen-mit-koki.de. Mit freundlicher Genehmigung.
Literatur: http://www.kochen-mit-koki.de/kochshop
NAGEL-Redaktion – Kochen mit Koki

Foto: Dirk Makoschey
Eröffnet wurde die Rubrik „Kochen mit Koki“ im Juli 2012. Aus der Praxis wird uns immer wieder mitgeteilt, dass hier gelieferte Rezepte im Alltag tatsächlich angewandt werden. Hinter Koki verbirgt sich Horst Köckeritz aus Essen, dem wir hier noch einmal ganz herzlich für die Untersützung unserer Arbeit danken möchten.
Essknigge der Kinder oder: Kinder essen anders …
2012
Juli: Fit durch den Sommer: Rohkost mit Möhren
September: Großer Sauerkraut-Pickert
Oktober: Kartoffeltopf mit Esskastanien (Maronen)
– Seite wird fortgesetzt –
NAGEL-Redaktion – Anikas Kochrezepte 2010
Februar 2010: Gemüserösti
Hallo zusammen! Gern stelle ich den Nutzerinnen und Nutzern des ABA-Netzes hier monatlich ein Rezept zur Verfügung. Ich werde darauf achten, dass die Rezepte relativ leicht mit Kindern umgesetzt werden können. Auch Aspekte gesunder Nahrung sollen eine Rolle spielen, ohne dass es in Langeweile beim Essen ausartet. Zur besseren Orientierung gebe ich jeweils auch an, für wie viele Kinder der Kochvorschlag gedacht ist.
Anika Labus
Rezept für Gemüserösti als druckfähige PDF herunterladen
März 2010: Spinatsuppe mit Grünkern
Hallo zusammen! Bereits im letzten Monat gab es ein von mir Kochrezept für die Zubereitung von Gemüserösti. Diesmal erfahrt Ihr/erfahren Sie, wie man Spinatsuppe mit Grünkern zubereitet. Ich werde auch künftig monatlich saisonale Rezepte bereitstellen.
Anika Labus
Rezept für Spinatsuppe mit Grünkern als druckfähige PDF herunterladen
April 2010: Hefezopf
Hallo zusammen und juhuuu … der Frühling ist da!!! Ostern steht vor der Tür, passend dazu gibt es diesen Monat ein Rezept, um sich auf die Zeit einzustimmen oder ein typisches Osterfrühstück zu herzurichten.
Anika Labus
Rezept für Hefezopf als druckfähige PDF herunterladen
Mai 2010: Zucchini-Tomaten-Quiche
Hallo zusammen! Endlich ist der Frühling mit all` seiner Vielfalt bei uns angekommen! Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern, die Blumen blühen in den verschiedensten Farben … und auch auf dem Teller wird es diesen Monat bunt! Viel Spaß beim Kochen!
Anika Labus
Rezept für Zucchini-Tomaten-Quiche als druckfähige PDF herunterladen
Juni 2010: Erdbeerkuchen
Hallo zusammen! Im Juni beginnt die deutsche Erdbeersaison, daher gibt es in diesem Monat ein köstliches Rezept mit Erdbeeren! Ideal wäre ein Besuch beim Bauern in der Nähe, um dort die Erdbeeren selbst frisch zu pflücken.
Anika Labus
Rezept für Erdbeerkuchen als druckfähige PDF herunterladen
Juli 2010: Eblysalat
Ein sonniges Hallo zusammen! Im Juli ist es oft heiß und schwül. Genau für diese Tage gibt es hier nun ein leichtes Rezept mit viel frischem Gemüse und wertvollem Getreide. Viel Spaß beim Ausprobieren!
Anika Labus
Rezept für Eblysalat als druckfähige PDF herunterladen
August 2010: Zweierlei Möhrensalate
Hallo zusammen! Im August ist Erntezeit. Jetzt bekommt man frisches, vitaminreiches und ortnah geerntetes Gemüse. Diese Rezepte liefern je nach Vorliebe ideale Beilagen zu Kartoffeln, Reis, Nudeln oder gegrilltem Fleisch.
Anika Labus
Rezepte für zweierlei Möhrensalate herunterladen
September 2010: Zucchini-Tomatensuppe
Hallo zusammen! Die Zucchini ist ein europäisches Gemüse und gehört zur Gattung der Kürbisse. Zucchinis enthalten viel Wasser, sind sehr vitaminreich und leicht verdaulich. Die Zucchini kann sowohl roh als auch gekocht oder gebraten verzehrt werden.
Anika Labus
Rezept für Zucchini-Tomatensuppe herunterladen
Oktober 2010: Apfel- oder Pflaumenmus
Hallo zusammen! In Deutschland sind wir nun inmitten der Apfel- und Pflaumen Erntezeit. In vielen Vorgärten, auf Wiesen und Feldern findet man prall gefüllte Obstbäume. Das gesammelte Fallobst sowie das „gepflückte Obst“ will nun verwertet werden.
Anika Labus
Rezept für Apfel- und/oder Pflaumenmus herunterladen
November 2010: Süßes Kürbisbrot
Hallo zusammen! Die heimische Erntezeit geht weiter! Im Herbst sind Kürbisse verschiedenster Sorten reif und können geerntet werden. Zum Kochen und Backen sind der Hokkaido-, der Spaghetti- und der Butternutkürbis am besten geeignet. Der Riesenkürbis „Pumpkin“ eignet sich auch zum Backen, allerdings nicht als Tafelgemüse! Meist wird er zu Viehfutter verarbeitet und aus seiner Hülle entstehen Laternen.
Anika Labus
Rezept für süßes Kürbisbrot herunterladen
Dezember 2010: Plätzchen (Kleingebäck)
Hallo zusammen! Zum letzten Mal in diesem Jahr stelle ich Euch ein Rezept meiner Sammlung zur Verfügung. So wie alle anderen Rezepte ist auch dieses aus dem pädagogischen Alltag mit Kindern entnommen und bewährt. Ich wünsche allen nicht nur viel Spaß beim Backen, sondern auch einen guten Appetit, außerdem natürlich eine besinnliche Weihnachtszeit und einen guten Rutsch ins Neue Jahr! Schöne Grüße, Anika Labus
NAGEL-Redaktion – Anikas Kochrezepte 2011
Anikas Rezeptvorschläge für 2011
Manchmal hilft ein kleiner Hinweis, um eine gute Idee für gutes Essen zu bekommen. Anika liefert auch in diesem Jahr wieder den einen oder anderen brauchbaren Hinweis. Die Rezpete kann man sich herunterladen, ausdrucken und aufbewahren.
Viel Erfolg bei der Zubereitung!
Januar 2011
Rote Beete-Apfel-Salat
Hallo zusammen! Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern ein frohes neues Jahr 2011. Das Jahr steckt noch in seinen Kinderschuhen und doch soll es vitaminreich und kraftgeladen starten! Rote Beete – der heimische Vitaminlieferant im Winter – ist dazu ideal geeignet!
Anika Labus
Rezept als druckfähige PDF herunterladen
Februar 2011
Apfel-Chips
Hallo zusammen! Über 30 wertvolle Vitamine und Spurenelemente sowie Kalium, Phosphor, Kalzium und Magnesium stecken in und unter der Schale eines Apfels. Da ein Apfel zu 80 Prozent aus Wasser besteht, ist er ein optimaler Snack für zwischendurch. Viel Spaß beim Ausprobieren und schlemmen!
Anika Labus
Rezept als druckfähige PDF herunterladen
März 2011
Apfelkuchen
Hallo zusammen! Im März können wir endlich den Frühling begrüßen. Die im Herbst eingelagerten, heimischen Äpfel bieten sich hervorragend für einen fruchtigen Frühlingskuchen an.
Anika Labus
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April 2011
Gebackenes Osterlamm
Hallo zusammen! Frohe Ostern wünsche ich allen Leserinnen und Lesern. Für ein Osterkaffeetrinken gibt es hier das passende Rezept. Viel Spaß beim Backen und Verzehren!
Anika Labus
Rezept als druckfähige PDF herunterladen
Mai 2011
Kalte Radieschensuppe
Hallo zusammen! Im Mai gibt es frische, knackige Radieschen von heimischen Feldern. Sie unterstützen die Verdauung und wirken entzündungshemmend. Radieschen sind ein idealer Begleiter in der Frühlingsküche.
Anika Labus
Rezept als druckfähige PDF herunterladen
Juni 2011
Erdbeer-Quarkspeise
Hallo zusammen! Deutsche Erdbeeren haben jetzt Hauptsaison. Hier gibt es eine Idee, wie man diese schmackhaften, süßen Früchte genießen kann.
Anika Labus
Rezept als druckfähige PDF herunterladen
Juli 2011
Hallo zusammen! Im Juli sind auf den heimischen Feldern und Gärten die Zucchini reif. Sie sind sehr vitaminreich und leicht verdaulich, deshalb sehr geeignet für die Zubereitung mit Kindern und vor allem auch für Kinder.
Anika Labus
Rezept als druckfähige PDF herunterladen
August 2011
Back-Kartoffeln mit Dip
Hallo zusammen! Die Zeit der frischen, heimischen Kartoffeln ist angebrochen. Die Kartoffel ist ideal für eine gesunde Ernährung, da sie reich an wertvollen Eiweißen und Vitaminen ist. Sie ist vielseitig verwertbar, ob gekocht, gebraten oder gebacken ist sie ein idealer Bestandteil einer Hauptspeise.
Anika Labus
Rezept als druckfähige PDF herunterladen
September 2011
Wegen Urlaubs leider ausgefallen!
Oktober/November 2011
Hallo zusammen! Der Herbst, der Herbst, der Herbst ist da … Viel Spaß beim Zubereiten und guten Appetit wünscht Anika!
Rezept als druckfähige PDF herunterladen
Dezember 2011
Apfelchips
Hallo zusammen! In diesem Monat gibt es eine leckere, vitaminreiche Alternative zu Weihnachtsplätzchen. Ich wünsche ein erholsames Fest und einen guten Rutsch ins Neue Jahr!
Rezept als druckfähige PDF herunterladen
Seite wird allmonatlich fortgesetzt!
NAGEL-Redaktion – Anikas Kochrezepte
Anikas Kochrezepte für die Kinder- und Jugendarbeit
Seit Februar 2010 beliefert uns Anika Labus aus Dortmund mit Kochrezepten, die in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen gut zu verwenden sind.

Markt in Konya/Türkei (Foto: Dirk Makoschey)
Hallo zusammen!
Ich möchte die Gelegenheit nutzen, mich kurz vorzustellen. Ich bin Anika Labus, 24 Jahre alt und wohne seit meiner Geburt in Dortmund. Ich bin staatlich anerkannte Erzieherin und arbeite in einer Tageseinrichtung für Kinder in einem Dortmunder Brennpunkt. Neben Bewegungserziehung und Sprachförderung ist die hauswirtschaftliche Arbeit mit Kindern einer meiner pädagogischen Schwerpunkte. Privat treibe ich gerne Sport, gehe spazieren, lese viel und koche und backe sehr gerne. Ich freue mich, hier praxiserprobte Rezepte weitergeben zu können. So, nun wünsche ich viel Spaß beim Nachkochen!
Schöne Grüße
Anika Labus
Sammlung 2011
Januar: Rote Beete-Apfel-Salat
Februar: Apfel-Chips
März: Apfelkuchen
April: Gebackenes Osterlamm
Mai: Kalte Radieschensuppe
Juni: Erdbeer-Quarkspeise
Juli 2011: Zucchinipuffer
August 2011: Back-Kartoffeln mit Dip
Zur Sammlungsseite 2011 (mit druckfähigen Rezepten zum Herunterladen)
Wird fortgesetzt!
Sammlung 2010
Februar: Gemüserösti
März: Spinatsuppe mit Grünkern
April: Hefezopf
Mai: Zucchini-Tomaten-Quiche
Juni: Erdbeerkuchen
Juli: Eblysalat
August: Zweierlei Möhrensalate
September: Zucchini-Tomaten-Suppe
Oktober: Apfel- oder Pflaumenmus
November: Süßes Kürbiskernbrot
Dezember: Plätzchen (Kleingebäck)
Zur Sammlungsseite 2010 (mit druckfähigen Rezepten zum Herunterladen)
NAGEL-Redaktion – Peters Kochrezepte
Inhalt dieser Seite
● Kohlrabieintopf
● Pelmeni
● Lasagne
● Hefezöpfe
● Brennnesselspinat
● Möhreneintopf
● Tomatensuppe
● Himmel un Ääd
Die Rezepte können Sie jeweils zur praktischen Verwendung zum Ausdrucken herunterladen.

Januar 2009: Kohlrabieintopf
Hallo! Ich habe als erstes Kochrezept hier den Kohlrabieintopf ausgesucht, weil ich es damit geschafft habe, den Kindern dieses Gemüse etwas näher zu bringen. Vorher war zu hören: „Igitt, so was esse ich nicht!“. Wenn etwas mehr Kohlrabi gekauft wird, als ich im Rezept angegeben habe, essen die Kinder ihn auch liebend gerne roh, zum Beispiel beim Schnibbeln. Mittlerweile wollen in Dormagen einige Kinder sogar immer wieder Kohlrabi in verschiedenen Variationen kochen! Von zu Hause kannten die Kinder die Kohlrabi leider nicht …!
Peter Hermann
Foto: pauline/pixelio
Rezept für Kohlrabi-Eintopf in großer Schrift als PDF herunterladen
Februar 2009: Pelmeni
Hallo! Diesen Monat habe ich ein Rezept für Pelmeni (gefüllte russische Nudeln) ausgesucht. Dieses Rezept habe ich von der Mutter eines unserer Kinder bekommen – außerdem interessiert mich die russische Küche. Die Pelmeni werden immer gerne gegessen. Für das Rezept ist eine Pelmeni-Form sehr von Vorteil. Leider sind die Formen aber in Deutschland sehr schwer zu bekommen. Ich habe unsere Form über „eBay“ erstanden. Man kann es aber auch auf gut sortierten russischen Märkten bzw. in russischen Supermärkten versuchen. Original russisch wäre das Rezept mit 150 g Rind, 150 g Schwein und 200 g Huhn. Da aber Gehacktes vom Huhn so gut wie nicht zu bekommen ist, habe ich das Rezept mit Gehacktem „halb und halb“ geschrieben. Für Moslems kann man ja mit anderen Hackfleischsorten variieren. Am Ende des Rezeptes habe ich noch eine Rezept-Variante aufgeschrieben für diejenigen, die keine Form zur Verfügung haben. Pelmeni isst man „original russisch“ nur mit Schmand. Die Kinder bei uns mögen die Pelmeni aber auch gerne mit Ketchup. Das Rezept müsste für ca. 5-7 Kinder reichen.
Peter Hermann
Rezept für Pelmeni (gefüllte russische Nudeln) in großer Schrift herunterladen
März 2009: Lasagne
Hallo! Diesen Monat habe ich ein Rezept für Lasagne ausgesucht. Die Lasagne wird bei uns immer gerne gekocht und gegessen. Das nachfolgende Rezept ist für 8 bis 10 Personen gedacht. Guten Appetit!
Peter Hermann
Foto: surom92/pixelio
Rezept für Lasagne herunterladen
April 2009: Hefezöpfe
Hallo! Für den April habe ich ein Rezept für Hefezöpfe ausgewählt. Die Hefezöpfe sind in der Zubereitung zwar recht zeitintensiv, aber auch sehr lecker! Viele Grüße!
Peter Hermann
Foto: Maiha/pixelio
Rezept für Hefezöpfe herunterladen
Mai 2009: Brennnesselspinat
Hallo! Diesmal gibt es ein auf den ersten Blick ungewhönliches Rezept. Allerdings ist der Brennnesselspiant ein altes rheinisches Gericht, das davon zeugt, wie bodenständig früher hierzulande gekocht wurde. Guten Appetit und viel Freude bei der Zubereitung! Und: die Handschuhe nicht vergessen! Viele Grüße!
Peter Hermann
Foto: Rainer Deimel
Rezept für Brennnesselspinat herunterladen
Juni 2009: Möhreneintopf mit Speck
Hallo! Letztes Mal konntet Ihr ein rheinisches und zudem ungewöhnliches Rezept ausprobieren, nämlich Brennnesselspinat. Manchmal koche ich auch auf die traditionelle westfälsche Art. Deshalb gibt es hier das Rezept für Möhreneintopf. Guten Appetit und viel Freude bei der Zubereitung! Viele Grüße!
Peter Hermann
Foto: pixelio
Rezept für den Möhreneintopf herunterladen
Juli 2007: Tomatensuppe
Hallo! Passend zum Sommer – so hoffe ich – gibt es hier ein Rezept für eine leichte Kost, nämlich Tomatensuppe. Guten Appetit! Viele Grüße!
Peter Hermann
Foto: adlernest/pixelio
Rezept für Tomatensuppe herunterladen
August 2009: Himmel un Ääd

Foto: Wikipedia (Abgebildet ist ein „Himmel und Erde“-Gericht aus Westfalen mit Bratwurst und Speckzwiebeln)
Hallo! Hin und wieder gab es hier auch „typische“ nordrhein-westfälische Rezepte. Diesmal ist hier das vor allem im Rheinland verbreitete Rezept „Himmel und Ääd“ zu finden. Das Gericht ist auch in Westfalen, Niedersachsen, Schlesien und auch in Holland (dort als „heißer Blitz“) bekannt. Klassischerweise wird Blutwurst verwandt. Ich selbst bevorzuge allerdings die Variante mit Leberwurst. Viel Erfolg bei der Zubereitung! Viele Grüße!
Peter Hermann
NAGEL-Redaktion – Kinderarmut in einem reichen Land
Von Prof. Dr. Christoph Butterwegge
Obwohl die Kinder hierzulande seit geraumer Zeit zu den Hauptbetroffenen von Armut gehören, wird diese in der Öffentlichkeit noch immer kaum wahr- und ernstgenommen, weil unser Armutsbild von absoluter Not und Elend in der sog. Dritten Welt geprägt ist, was viele BürgerInnen daran hindert, vergleichbare Erscheinungen „vor der eigenen Haustür“ zu erkennen bzw. als gesellschaftliches Problem anzuerkennen (vgl. hierzu: Butterwegge 2009). Dabei kann Armut in einem reichen Land sogar beschämender, bedrückender und bedrängender sein, weil vor allem Kinder und Jugendliche in einer Konsumgesellschaft massivem Druck von Seiten der Werbeindustrie wie auch ihrer Peergroup ausgeliefert sind, durch das Tragen teurer Markenkleidung oder den Besitz immer neuer, möglichst hochwertiger Konsumgüter „mitzuhalten“.
Umfang, Erscheinungsformen und Folgen der Kinderarmut
Begreift man den Sozialhilfe-/Sozialgeldbezug als Armutsindikator, erreichte die Kinderarmut ihren traurigen Rekordstand im März 2007, d.h. auf dem Höhepunkt des letzten Konjunkturaufschwungs. Nie zuvor und nie danach lebten ähnlich viele, nämlich fast 1,93 Millionen von 11,44 Millionen Kindern unter 15 Jahren, die es damals insgesamt gab, nach Daten der Bundesagentur für Arbeit in SGB-II-Bedarfsgemeinschaften, landläufig „Hartz-IV-Haushalte“ genannt. Rechnet man die übrigen Betroffenen (Kinder in Sozialhilfehaushalten, in Flüchtlingsfamilien, die nach dem Asylbewerberleistungsgesetz ca. ein Drittel weniger als die Sozialhilfe erhalten, und von sog. Illegalen, die keine Transferleistungen beantragen können) hinzu und berücksichtigt zudem die sog. Dunkelziffer (d.h. die Zahl jener eigentlich Anspruchsberechtigter, die aus Unwissenheit, Scham, falschem Stolz oder anderen Gründen keinen Antrag auf Sozialhilfe bzw. Arbeitslosengeld II stellen), lebten etwa 2,8 bis 3,0 Millionen Kinder, d.h. jedes vierte Kind dieses Alters, auf oder unter dem Sozialhilfeniveau.
Folgt man der Armutsdefinition, wie sie die Organisation für ökonomische Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), die Europäische Union (EU) und die Bundesregierung verwenden, wonach das Einkommensarmutsrisiko bei 60 Prozent des Nettoäquivalenzeinkommens beginnt, und legt Daten des regelmäßig vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) erhobenen Sozio-ökonomischen Panels (SOEP) zugrunde, waren im Jahr 2005 ca. 26 Prozent der Kinder bis 15 Jahre betroffen (vgl. Bundesministerium für Arbeit und Soziales 2008, S. 306). Auch nach neueren DIW-Daten finden sich bei Kindern weit überdurchschnittliche Armutsrisiken (vgl. Grabka/Frick 2010).
(Kinder-)Armut ist zweifellos mehr, als wenig Geld zu haben, denn sie bedeutet für davon Betroffene auch, persönlicher Entfaltungs- und Entwicklungsmöglichkeiten beraubt, sozial benachteiligt und (etwa im Hinblick auf Bildung und Kultur, Wohlergehen und Gesundheit, Wohnen und Wohnumfeld, Freizeit und Konsum) unterversorgt zu sein. Wenn man im Sinne des sog. Lebenslagenansatzes qualitative und nichtmonetäre Kriterien für das Armsein anlegt, steigt die Zahl armer Kinder sogar auf 3 bis 3,3 Millionen. Kinder sind in aller Regel arm, weil ihre Eltern arm oder verstorben sind. Alleinerziehende, Mehrkinder- und Migrantenfamilien (vgl. dazu: Butterwegge 2010) leiden besonders stark unter der sozialen Unsicherheit, Existenzangst und materiellen Not.
Ursachen der (Kinder-)Armut: Globalisierung, soziale Polarisierung und Prekarisierung
Kinder gehören zu den Hauptbetroffenen einer Entwicklung, welche die sog. Hartz-Gesetze eher noch verstärken; vor allem in Ostdeutschland, wo die Arbeitslosenquote und die Zahl der Alleinerziehenden besonders hoch sind (vgl. hierzu: Butterwegge u.a. 2008, S. 108 ff.). Untersucht man die Gründe für (Kinder-)Armut in Deutschland, verstärkt die Wiedervereinigung nur die negativen Auswirkungen der Globalisierung, neoliberalen Modernisierung bzw. Restrukturierung von Staat und Gesellschaft nach dem Vorbild des Marktes, die man seit der Weltwirtschaftskrise 1974/75 beobachten kann (vgl. hierzu: Butterwegge 2006, S. 115 ff.; Butterwegge 2007, S. 195 ff.).
Auslöser einer Armutsentwicklung in Familien, deren am leichtesten verletzliche Mitglieder die Kinder bilden, sind häufig der Tod des Alleinernährers, die Erwerbslosigkeit von Eltern(teilen) und deren Trennung bzw. Scheidung. Die eigentlichen Ursachen für eine Prekarisierung der familiären Lebensbedingungen gründen aber tiefer: in gesellschaftlichen Wandlungsprozessen. Macht man den als „Globalisierung“ bezeichneten Prozess einer Umstrukturierung fast aller Gesellschaftsbereiche nach Markterfordernissen, einer Ökonomisierung und Kommerzialisierung für die Pauperisierung, soziale Polarisierung und Entsolidarisierung verantwortlich, liegen die Wurzeln des vermehrten Auftretens von (Kinder-)Armut auf drei Ebenen:
Im Produktionsprozess löst sich das „Normalarbeitsverhältnis“ (Ulrich Mückenberger), von der Kapitalseite unter den Stichworten „Liberalisierung“, „Deregulierung“ und „Flexibilisierung“ vorangetrieben, tendenziell auf. Es wird zwar keineswegs ersetzt, aber durch eine steigende Zahl atypischer, prekärer, befristeter, Leih- und (Zwangs-)Teilzeitarbeitsverhältnisse, die den so oder überhaupt nicht (mehr) Beschäftigten wie ihren Familienangehörigen weder ein ausreichendes Einkommen noch den gerade im vielbeschworenen „Zeitalter der Globalisierung“ erforderlichen arbeits- und sozialrechtlichen Schutz bieten, in seiner Bedeutung stark relativiert.
Im Reproduktionsbereich büßt die „Normalfamilie“, d.h. die z.B. durch das Ehegattensplitting im Einkommensteuerrecht staatlicherseits subventionierte traditionelle Hausfrauenehe mit ein, zwei oder drei Kindern, in vergleichbarer Weise an gesellschaftlicher Relevanz ein. Neben sie treten Lebens- und Liebesformen, die tendenziell weniger materielle Sicherheit für Kinder gewährleisten (sog. Ein-Elternteil-Familien, „Patchwork-Familien“, hetero- und homosexuelle Partnerschaften usw.).
Hinsichtlich der Entwicklung des Wohlfahrtsstaates bedingt der forcierte Wettbewerb zwischen „Wirtschaftsstandorten“ einen Abbau von Sicherungselementen für „weniger Leistungsfähige“, zu denen allemal Erwachsene gehören, die (mehrere) Kinder haben. Kinder sind nicht zuletzt deshalb stark von Arbeitslosigkeit und/oder Armut betroffen, weil das neoliberale Projekt eines „Umbaus“ des Wohlfahrtsstaates auf Kosten vieler Eltern geht, die weniger soziale Sicherheit als vorherige Generationen genießen.
(Kinder-)Armut kann nicht ohne ihr Pendant, den in wenigen Händen konzentrierten Reichtum, verstanden werden. Neben der Spaltung in Arm und Reich, die zu einer Gefahr für den sozialen Frieden wird, tritt eine Trennlinie deutlicher hervor, die innerhalb der Armutspopulation selbst verläuft. Stark zugenommen hat die Zahl jener Personen, deren Einkommen trotz Lohnarbeit in Form eines oder mehrerer Arbeitsverhältnisse nicht oder nur knapp über der Armutsgrenze liegt („working poor“). Andererseits verfestigt sich die perforierte, Langzeit- bzw. Mehrfacharbeitslosigkeit älterer und/oder gering qualifizierter Personen zur Dauerarbeitslosigkeit, wodurch eine Schicht total Deklassierter, vom Arbeitsmarkt wie auch von der gesellschaftlichen Teilhabe Ausgeschlossener („underclass“), entsteht. Während die Dauerarbeitslosen quasi den „sozialen Bodensatz“ bilden, verkörpern Niedriglohnempfänger/innen, oftmals Migrant(inn)en und ethnischen Minderheiten entstammend, das „Treibgut“ des Globalisierungsprozesses (vgl. hierzu: Butterwegge/Hentges 2009).
Interventions- und Präventionsmaßnahmen gegen Kinderarmut
Nötig wäre ein Paradigmawechsel vom „schlanken“ zum interventionsfähigen und -bereiten Wohlfahrtsstaat. Denn gute Bildungs-, Erziehungs- und Kultureinrichtungen sind für eine gedeihliche Entwicklung und freie Entfaltung der Persönlichkeit sozial benachteiligter Kinder unentbehrlich, weshalb sie nicht – dem neoliberalen Zeitgeist entsprechend – privatisiert, sondern weiterhin öffentlich finanziert und ausgebaut werden sollten. Karl August Chassé, Margherita Zander und Konstanze Rasch (2007, S. 342) fordern daher eine stärkere Zusammenarbeit bzw. Verzahnung von Schule und Jugendhilfe: „Öffnungen der Schule gegenüber dem Stadtteil bzw. dem Freizeitbereich könnten einerseits zu einer gemeinwesenorientierten Schule führen. Auf der anderen Seite müssten die Institutionen der Kinder- und Jugendhilfe – sicherlich oft in Kooperation mit den Schulen, vor allem im Kontext von Ganztagsschulen – lebensweltnahe attraktive Freizeit-, Förder- und Bildungsangebote entwickeln, mit denen die Kinder erreicht werden können, die von herkömmlichen Vereinen und kommerziellen Angeboten keinen Gebrauch machen können.“
Angesichts der durch Kinderarmut verstärkten Chancenungleichheit in der Gesellschaft bildet sie eine zentrale Herausforderung für die Schule. Da jene Infrastruktur weitgehend fehlt, die es auch Alleinerziehenden erlaubt, neben der Familien- noch Erwerbsarbeit zu leisten, liegt hier – neben der notwendigen Erhöhung monetärer Transfers zu Gunsten sozial benachteiligter Kinder – ein wichtiger Ansatzpunkt für Gegenmaßnahmen. Ganztagsschulen, die (preisgünstige oder unentgeltliche) Kindergarten-, Krippen- und Hortplätze ergänzen sollten, hätten einen pädagogisch-sozialen Doppeleffekt: Einerseits würden von Armut betroffene oder bedrohte Kinder umfassender betreut und systematischer gefördert als bisher, andererseits könnten ihre Mütter leichter als sonst einer Vollzeitbeschäftigung nachgehen, was sie finanzielle Probleme besser meistern ließe. Ergänzend dazu müssten (größere) Unternehmen für Alleinerziehende günstige Arbeitszeitmodelle und/oder Betriebskindergärten anbieten. Durch die Ganztags- als Regelschule lassen sich soziale Handikaps insofern kompensieren, als eine bessere Versorgung der Kinder mit Nahrung (gemeinsame Einnahme des Mittagessens), eine gezielte Unterstützung vor allem leistungsschwächerer SchülerInnen bei der Erledigung von Hausaufgaben und eine sinnvollere Gestaltung der Freizeit möglich wären (vgl. dazu: Hammer 2010).
Die deutschen Städte und Gemeinden sind aus finanziellen Gründen (sinkende Steuereinnahmen bei steigenden Sozialausgaben) immer weniger in der Lage, ihre Regelaufgaben im Kinder- und Jugendhilfebereich zu erfüllen, von freiwilligen Leistungen ganz zu schweigen. Gleichwohl sind Schule und Jugendhilfe gleichermaßen gefordert, im Rahmen ihrer beschränkten Möglichkeiten für alle jungen Menschen befriedigende Lebensverhältnisse und ein Höchstmaß an Chancengleichheit zu schaffen. Wenn ihr mehr Mittel zur Verfügung stünden, könnte die Jugend- und Sozialarbeit ein Stützpfeiler im Kampf gegen die Armut sein. Die kommunale Sozialpolitik dürfte nicht zulassen, dass Beratungs- und Betreuungsangebote aufgrund staatlicher Sparmaßnahmen und leerer öffentlicher Kassen verringert werden.
Literatur
Bundesministerium für Arbeit und Soziales (Hrsg.) (2008): Lebenslagen in Deutschland. Der dritte Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, Bonn
Butterwegge, Carolin (2010): Armut von Kindern mit Migrationshintergrund. Ausmaß, Erscheinungsformen und Ursachen, Wiesbaden
Butterwegge, Christoph (2006): Krise und Zukunft des Sozialstaates, 3. Aufl. Wiesbaden
Butterwegge, Christoph/Lösch, Bettina/Ptak, Ralf (2007): Kritik des Neoliberalismus, Wiesbaden
Butterwegge, Christoph/Klundt, Michael/Belke-Zeng, Matthias (2008): Kinderarmut in Ost- und Westdeutschland, 2. Aufl. Wiesbaden
Butterwegge, Christoph (2009): Armut in einem reichen Land. Wie das Problem verharmlost und verdrängt wird, Frankfurt am Main/New York
Butterwegge, Christoph/Hentges, Gudrun (Hrsg.) (2009): Zuwanderung im Zeichen der Globalisierung. Migrations-, Integrations- und Minderheitenpolitik, 4. Aufl. Wiesbaden
Chassé, Karl August/Zander, Margherita/Rasch, Konstanze (2007): Meine Familie ist arm. Wie Kinder im Grunschulalter Armut erleben und bewältigen, 3. Aufl. Wiesbaden
Grabka, Markus M./Frick, Joachim R. (2010): Weiterhin hohes Armutsrisiko in Deutschland: Kinder und junge Erwachsene sind besonders betroffen, in: Wochenbericht des DIW 7, S. 2-11
Hammer, Veronika (2010): Bildungspolitik mit dem Ziel verbesserter Partizipation von armen Kindern, in: Ronald Lutz/Veronika Hammer (Hrsg.), Wege aus der Kinderarmut. Gesellschaftspolitische Rahmenbedingungen und sozialpädagogische Handlungsansätze, Weinheim/München, S. 22-39
Vignettenvorschläge
● (Kinder-)Armut kann nicht ohne ihr Pendant, den in wenigen Händen konzentrierten Reichtum, verstanden werden.
● Die deutschen Städte und Gemeinden sind immer weniger in der Lage, ihre Regelaufgaben im Kinder- und Jugendhilfebereich zu erfüllen, von freiwilligen Leistungen ganz zu schweigen.
● Wenn man im Sinne des sog. Lebenslagenansatzes qualitative und nichtmonetäre Kriterien für das Armsein anlegt, steigt die Zahl armer Kinder sogar auf 3 bis 3,3 Millionen.
● Nötig wäre ein Paradigmawechsel vom „schlanken“ zum interventionsfähigen und -bereiten Wohlfahrtsstaat.
● Öffnungen der Schule gegenüber dem Stadtteil bzw. dem Freizeitbereich könnten zu einer gemeinwesenorientierten Schule führen.
● Auf der anderen Seite müssten die Institutionen der Kinder- und Jugendhilfe mit den Schulen lebensweltnahe attraktive Freizeit-, Förder- und Bildungsangebote entwickeln …
● … mit denen Kinder erreicht werden können, die von herkömmlichen Vereinen und kommerziellen Angeboten keinen Gebrauch machen können.
● Wenn ihr mehr Mittel zur Verfügung stünden, könnte die Jugend- und Sozialarbeit ein Stützpfeiler im Kampf gegen die Armut sein.
Anmerkung der NAGEL-Redaktion: Vorstehenden Beitrag von Prof. Dr. Christoph Butterwegge haben wir dem FORUM FÜR KINDER- UND JUGENDARBEIT 3. Quartal, September 2010, entnommen (Hrsg.: Verband Kinder- und Jugendarbeit Hamburg). Wir danken dem Verband Kinder- und Jugendarbeit Hamburg für die freundliche Genehmigung, den Beitrag verwenden zu dürfen.
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Die Zeitschrift erschien 2010 im 25. Jahr. Im FORUM FÜR Kinder- UND JUGENDARBEIT sind regelmäßig erhellende Beiträge für die Profis in der Kinder- und Jugendarbeit, kinder- und jugendpolitisch Interessierte wie Verantwortliche sowie andere Fachleute zu finden. Das FORUM erscheint viermal jährlich und kann als Jahresabonnement für 25,– Euro bezogen werden.
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NAGEL-Redaktion – Kinderrechte – Kindeswohl
Von Antje Meyer
Kinder und Rechte
Wie sich eine Gesellschaft ihren Kindern gegenüber verhält, sagt viel über sie aus. Hinlänglich bekannt sind mittlerweile die uns heute grausam und unverständlich vorkommenden Verhaltenspraxen der letzten Jahrhunderte von Erwachsenen ihren Kindern gegenüber.
Bis ins 16. Jahrhundert hinein gab es die Lebensphase „Kindheit“ gesellschaftlich nicht. Kinder waren keine eigenen Wesen mit dem Recht, versorgt, genährt, erzogen zu werden oder überleben zu dürfen. Sei es aus großer wirtschaftlicher und existentieller Not der Eltern, sei es wegen Krankheiten, Seuchen und hoher Sterblichkeitsrate, wegen Unwissenheit, aus Angst, Argwohn oder Aberglaube, sei es aus der Unfähigkeit der gefühlsmäßigen Bindung zu Kindern: Kinder wurden misshandelt, ermordet, verkauft, ausgebeutet, gequält, geschlagen und vernachlässigt. Kinder waren den Erwachsenen und den sie umgebenden Verhältnissen schutzlos ausgeliefert, da sie eben wie Erwachsene für ihre Existenz selber sorgen mussten oder „entfernt“ wurden (vgl. Johansen: Betrogene Kinder, Frankfurt am Main 1986, S. 118).
Aus Tagebüchern und Briefen ab dem 17. Jahrhundert ist eine Veränderung gegenüber Kindern zumindest in den wohlhabenden bürgerlichen Familien spürbar: Erwachsene genießen es, mit den Kindern „zu tändeln“, sie spüren Zuneigung und geben diese auch; das Leben ihrer Kleinen liegt ihnen am Herzen. Gewaltanwendung gegenüber Kindern nimmt jedoch nicht ab. Prügeln gilt als Erziehungsmittel.
„Die körperliche Strafe war ein traditionelles Erziehungsmittel, um Gehorsam zu erreichen und um die ‚Seele zu retten‘. Man stellte sich noch bis in die Neuzeit hinein lange vor, selbst wenn Kinder unschuldig geboren wurden ? nicht als Wechselbälger oder sonst vom Teufel und von Dämonen Besessene ?, ergreife die allenthalben in der Welt verbreitete Sünde von ihnen Besitz. Ihr Fleisch müsse gepeinigt werden, damit es dem Teufel oder bösen Geistern darin nicht wohlsein könne.“ (Johansen: a.a.O., S. 120).
Zum Zwecke der Erziehung werden Kinder gedemütigt, ihnen wird Angst gemacht, sie werden zum Gehorsam gezwungen durch Herstellung großer Abhängigkeit. Zum Zwecke der Erziehung wird ihr Freiraum unter die völlige Kontrolle des Erwachsenen gebracht.
Mit Erscheinen des Romans „Emile“ von Jean Jacques Rousseau macht die pädagogische Fachwelt einen Wendepunkt im Verhalten von Erwachsenen gegenüber Kindern fest: Rousseau plädiert dafür, Kinder auch als Kinder zu behandeln und anzuerkennen, dass sie sich durch sorgfältige erzieherische Einwirkung auf sie erst entwickeln.
Im Gegensatz zu jahrhundertelanger Ansicht, dass Kinder verdorben oder vom Teufel besessen seien und daher geschlagen werden mussten, wenn sie sich gut entwickeln sollten, ging Rousseau davon aus, dass Kinder von Natur aus gut seien und ihre natürlichen Tugenden nur geschickt freigesetzt werden mussten.
Kinder werden bei ihm zum Objekt elterlicher Planung. Zwar spricht er sich für eine Erziehung ohne Züchtigung aus, jedoch für eine den Willen des Kindes geschickt manipulierende Erziehung, die das Kind ganz der Autorität des Erwachsenen ausliefert.
„Es gibt keine vollkommenere Unterwerfung als die, der man den Schein von Freiheit zugesteht.“ (Johansen, a.a.O., S. 123).
In der Praxis ist das Kind in der Familie den Erwachsenen gänzlich ausgeliefert. Das durch geschickte erzieherische Manipulation traktierte und von Erwachsenen beschützte Kind der bürgerlichen Klasse steht dem unterernährten, um seine Existenz kämpfenden Arbeiterkind gegenüber. Erst im späten 19. Jahrhundert wird Kinderarbeit verboten und werden auch diese Kinder nach bürgerlichen Erziehungsnormen erzogen.
Die beiden Erziehungsvorstellungen, Erziehung durch Härte und Unnachgiebigkeit und Erziehung durch Milde und Verständnis konkurrieren bis heute miteinander (vgl. deMause: Hört ihr die Kinder weinen? Frankfurt am Main 1980, S. 588).
Die Bedeutung des Kindes für die Erwachsenen steigt, insofern auch die Bedeutung des Privaten, der Familie, des Individuums und seiner Leistungen steigt. Kinder werden zum Kapital der Familie und des Staates, sie sind Zukunfts- und Hoffnungsträger. Die Kinder- und Jugendschutzgesetze sind Ausdruck des Interesses und der Verantwortung der Öffentlichkeit gegenüber den Kindern der ganzen Gesellschaft. Das 19. Jahrhundert wird als die Zeit gesehen, in der öffentliche Institutionen begannen – nicht zuletzt durch massives Aufmerksammachen von Seiten privater Initiativen ? Kinder als Kinder zu sehen und ihre Verletzlichkeit und Hilflosigkeit unter Fürsorge zu stellen. Nicht zuletzt prophezeite Ellen Kaye, dass das 20. Jahrhundert das Jahrhundert des Kindes werde.
Kinder heute sind medizinisch, pädagogisch, sozial und ökonomisch gut versorgt. Kinder- und Jugendschutzgesetze sind Grundlagen für die gesunde und freie Entwicklung von Kindern, denn sie schränken z.B. die Kinderarbeit ein und damit die Gefahren für die Entfaltung des Kindes. Grundgesetz, Bürgerliches Gesetzbuch und Kinder- und Jugendhilfegesetz schaffen Grundlagen für den Eingriff des Staates in elterliche Gewalt, falls diese versagt.
Welches Recht aber hat ein Kind?
Im Paragraphen 1 des BGB heißt es:
Die Rechtsfähigkeit des Menschen beginnt mit der Vollendung der Geburt.
Dies entspricht auch dem Grundgesetz Art. 2:
Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit (…).
Ausgeübt bzw. eingeschränkt wird dieses Recht allerdings durch das Elternrecht, denn: Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern (…). SGB VIII (KJHG) § 1.
Hier entsteht also das Dilemma zwischen dem Haben eines Grundrechts und der Fähigkeit, sein Recht auch kompetent und selbstverantwortlich auszuüben. Das Grundgesetz hat die Ausübung der Rechte des Kindes in die Verantwortung der Eltern gelegt. Sollten diese versagen, kann der Staat eingreifen als Inhaber des Wächteramtes und Schützer der Grundrechte.
Der Status des Kindes ist durch Unmündigkeit gekennzeichnet – trotz vieler kleiner Verbesserungen seiner verfahrensrechtlichen Stellung. Bei Missbrauch der elterlichen Gewalt kann das Kind sich zwar an öffentliche Stellen oder z.B. die Lehrerin wenden, die Pflicht zur Anhörung bleibt aber davon unberührt (vgl. Lutz Dietze: Elternrecht-Kindesrecht, in: Melzer/Sünke (Hrsg.): Wohl und Wehe der Kinder. Weinheim/München 1989, S. 113).
Kinderschutzgesetze haben nicht verhindern können, dass Kinder auch im 20. Jahrhundert misshandelt und missbraucht werden. Kinder können durch den Eingriff des Staates nur bedingt in ihren Rechten geschützt werden, z.B. wenn sie offensichtlich vernachlässigt worden sind; aber sie können nicht vor dem Staat selbst geschützt werden, z.B. bei Versäumnissen in staatlich organisierter Erziehung, wenn sie etwa aus der elterlichen Sorge herausgekommen wurden.
Maßnahmen, die Kinder in ihrer Entwicklung fördern oder schützen sollen, sind bis jetzt Maßnahmen von Erwachsenen für andere Erwachsene, Handlungsanleitungen, Verfahrensregeln und Verbote. Diese Maßnahmen sind ja gar nicht abzulehnen. Häufig sind es Forderungen, die eigentlich Selbstverständlichkeit sein sollten und alle, Erwachsene, Jugendliche und Alte angehen ? so etwa Tempo 30, fußgängerorientierte Ampelschaltung, Naherholungsgebiete, Informations- und Beratungsstellen, Spielecken in Ämtern (vgl. Wiebusch: Stadtkindheit, in: Blätter der Wohlfahrtspflege 4/1990, S. 101).
Kinderrechte hingegen müssten Rechte sein, die die Interessen von Kindern, und das sind Versorgung, Zuneigung, Bildung, Zukunft, absichern. Für diese Sicherung wäre aber die Einklagbarkeit eines solchen Rechts und die Vertretung der eigenen Sache durch das Kind selbst Voraussetzung. Die Forderung nach mehr Rechten für Kinder müsste zumindest das wesentliche Grundrecht der Selbstbestimmung, der Teilhabe an der Gestaltung dieser Rechte versuchen zu gewährleisten, sollen Kinderrechte über Schutzrechte allein hinausgehen.
Die völlige Gleichstellung und Gleichberechtigung von Erwachsenem und Kind zu fordern, ist jedoch blauäugig und im Grunde kinderfeindlich. Kinder sind keine Erwachsenen; sie können nicht gleichberechtigt ihre Interessen vertreten, da ihr Entwicklungsstand, ihre Ausdrucksfähigkeit usw. sie zu Schwächeren gegenüber den Älteren und Erfahreneren macht, da diese nur ihren Stand und ihre Art der Durchsetzung von Interessen zulassen.
Ebenso wie für andere „Benachteiligte“ in unserer Gesellschaft, deren Selbstvertretungsmöglichkeit eingeschränkt ist, muss es einen Delegierten des Kindes geben, einen unabhängigen Vertreter, der mit dem Kind zusammen für das Kind dessen Rechte wahrnimmt. Der Schwerpunkt muss hier einerseits auf Unabhängigkeit dieser Person und andererseits auf das Zusammen mit dem Kind gelegt werden. Ein Rechtsanwalt vertritt die Interessen seines Klienten, Kinder haben in unserer Gesellschaft keinen „professionellen Vertreter“.
Dieses Modell erfordert ein gründliches Umdenken. Hier wäre das Bild der Ebenbürtigkeit, des Rechtes des Kindes auf Achtung für das Verhältnis zwischen Erwachsenen und Kindern leitend. Eltern und Staat empfinden sich ja bisher als Vertreter des Kindes, aber sie können ja ebenfalls elementare Rechte des Kindes verletzen, sodass Voraussetzung für eine volle Anerkennung der Rechte von Minderjährigen der Rechtsschutz zugunsten des Kindes ist. Im neuen KJHG haben die Gesetzgeber zwar kinderfreundliche Aspekte eingebracht; diese reichen im Sinne der Verwirklichung von Ebenbürtigkeit aber nicht aus. Zwar haben etwa Richter die Pflicht, bei den die Kinder betreffenden Entscheidungen, z.B. Sorgerecht, die Kinder anzuhören ? aber wie macht man das, wer bildet darin aus, dieses Anhören durchzuführen, um zum Beispiel erkennen zu können, wo mit Angst und Manipulation gearbeitet wurde, oder um dem Kind eine Atmosphäre zu schaffen, die es ihm ermöglicht, sich frei zu äußern?
Das Bundesverfassungsgericht hat die rechtliche Stellung von Minderjährigen insofern aufgewertet, als dass es fordert, bei Streitfragen einen eigenständigen und unabhängigen Vertreter des Kindes hinzuzuziehen (vgl. Ludwig Salgo: Kind und Recht, in: Blätter der Wohlfahrtspflege 4/1990, S. 106). Wie sich das umsetzen soll, steht noch aus, ebenso wie die juristische Absicherung der ersten Artikel des Grundgesetzes auch für Kinder. Dass die Grundrechte nicht eindeutig für Kinder gelten, ist im Bürgerlichen Gesetzbuch festgelegt: So bestimmen die Eltern den Aufenthaltsort und den Umgang des Kindes (§§ 1631 und 1634 BGB). Kinder brauchen als Individuen und als Gesamtheit Rechte und Vertretung. Die Konvention der Rechte der Kinder der Vereinten Nationen postuliert das Wahrnehmen des Kindes als Person. Und dies ist die wichtige Grundlage bei der Überprüfung und Neugestaltung rechtlicher Regelungen, die die Kinder betreffen. Die Rechte von Kindern als Schwächere müssen ihnen von den Stärkeren gegeben werden. Erst dann ist auch Hoffnung, dass die kommende Generation einen Schritt weiter in der Humanisierung der Beziehungen zwischen den Menschen kommt. Denn ihr Rechtsbewusstsein entwickelt sich nicht zuletzt daraus, wie sie heute behandelt wird.
Das Wohl des Kindes
Zum Wohl des Kindes – damit wurden und werden Maßnahmen, Gesetze, Forderungen, aber auch Eingriffe in die Freiheit des Kindes begründet. Was aber ist das Wohl des Kindes wirklich?
Im juristischen Sinne wird darunter vor allem die Sicherung der materiellen Versorgung verstanden. Ethisch gesehen ist die Antwort auf diese Frage die Antwort auf die Frage nach dem Sinn und Zweck des Lebens. Das Wohl des Kindes ist dann nicht nur, immer „das Beste“ für die Kinder zu gewährleisten, zu organisieren, bereitzustellen und ihnen zukommen zu lassen, sondern dieses „Beste“ auch im historischen und zeitlichen Zusammenhang zwischen den Generationen, also auf die Zukunft der Menschen hin zu sehen. Dieses „Beste“ verändert sich stets, muss also auch immer wieder überprüft werden. Das „Beste“ kann dann auch nicht nur ein Einziges sein, etwa gute Ernährung, denn Ernährung, Bildung, Kleidung, Wärme, Zuneigung, Freunde, Gesundheit, Zukunft greifen ineinander und machen das „Beste“ ja erst aus.
Um das „Beste für das Kind“ zu definieren, wäre es erforderlich, festzustellen, wie Kinder heute leben. Hier könnte man einen „Bericht zur Lage der Kinder der Nation“ erstellen. Nur hierüber ließe sich ja überhaupt feststellen, was vorhanden ist und was fehlt. Ein solcher Bericht müsste aber so gestaltet sein, dass er eine Grundlage bildet für eine Überprüfung dessen, was bis jetzt ? beim jetzigen Stand der Entwicklung und Erkenntnis ? als „das Beste“ angesehen wurde. Ansätze für Kinderberichte hat es ja schon gegeben: Gesundheitsbehörden haben den Zusammenhang von Stickstoffgehalt in der Luft und Atemwegserkrankungen bei Kindern nachgewiesen (vgl. Die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Hamburg, Hamburg 1990); Schulpädagogen stellen fest, dass es offensichtlich in den letzten Jahren immer weniger gelingt, Kindern das Rechnen beizubringen; Krankenkassen haben erforscht, dass Bewegungsmangel die Unfallhäufigkeit bei Kindern steigen lässt.
Was fehlt ist allerdings eklatant angesichts der beunruhigenden Aussagen solcher partiellen Berichte: Die Empfehlung und Forderung geeigneter Maßnahmen, um die erkannten Ursachen abzustellen. Hierfür fehlt es an Möglichkeiten, die Probleme überhaupt an die verantwortlichen Stellen heranzubringen, geschweige denn, diese zur Veränderung zu zwingen.
Kinderbeauftragte
Diese Ohnmacht und das Wissen darum, dass vorhandene Institutionen, die für das Kindeswohl zuständig sind, fehlbar sind, versagen oder verweigern, führte zur Forderung nach geeigneten Interessensvertretern für die Belange der Kinder in unserer Gesellschaft. 1987 entstand die sogenannte Kinderkommission im Bundestag, die aus Vertretern der damals vier Parteien des Bundestages SPD, CDU, FDP und den Grünen bestand. Diese erklärten als Beauftragte ihrer Fraktionen den Willen, zur Verbesserung der Situation der Kinder in unserer Gesellschaft eng zusammenzuarbeiten; sie wollten Gesetzesinitiativen und Anträge auf ihre Wirksamkeit auf Kinder überprüfen, Kinderfragen in den Bundestag einbringen, Kontakte mit Kinderverbänden knüpfen. Ihre Aufgaben sahen sie in den Bereichen Verkehr, Gesundheit, Jugendschutz, Wohnungs-, Umwelt- und Familienpolitik, Medien, Erziehung, ohne sich als „Obererzieher der Nation“ zu definieren. Die Hoffnung, „Kinder-Anwalt“ sein zu können, ging nicht in Erfüllung, denn die Kinderkommission hat keine Handhabe, d.h. sie muss nicht gehört werden, ihre Vorschläge haben empfehlenden Charakter. So gesehen schraubten die vier Vertreter die in sie gesetzten Hoffnungen auch schnell selbst wieder herunter, als sie vorrangig in der Schaffung von Aufgeschlossenheit gegenüber Kinderproblemen in ihren Fraktionen und dem Setzen von Impulsen bei bestimmten Fragen, z.B. Kriegsspielzeug, Tempo-30-Zonen und körperliche Züchtigungen ihre Aufgabe sehen. Sie appellieren nicht zuletzt auch als Politiker an ihre Fraktionskollegen mit dem Hinweis darauf, dass es für Politiker sehr wohl ziemlich gefährlich sein kann, Kinder und Jugendliche nicht zu berücksichtigen.
Das Vertrauen der Jugendlichen in den demokratischen Staat ist nicht zuletzt deswegen gestört, weil dessen Vertreter zu arrogant sind, ihre zukünftige Generation wirklich wahrzunehmen.
Kinderbeauftragte gibt es auch in einigen Kommunen. Über das Für und Wider, über die Wirksamkeit wird immer noch gestritten und sollte es auch. Denn Kinderbeauftragte haben natürlich nicht die Macht, Kinder wirklich unmittelbar und direkt zu vertreten, noch nicht einmal ändern können sie selbst etwas. Ebenso begrenzt wie beim Datenschutzbeauftragten oder bei der Ausländerbeauftragten sind auch die Funktionen des Kinderbeauftragten einzuschätzen: Er kann auf Missstände und Missbräuche hinweisen und diese aufdecken; er kann Veränderungen anregen, Vorschläge machen und Stellung beziehen.
So liegt etwa im Kompetenzbereich des Kinderbeauftragten von Pinneberg, Klaus Sommer, der einerseits auf dem Abenteuerspielplatz arbeitet und andererseits im Rathaus ein Büro hat,
– den Bürgermeister in kinderrelevanten Fragen zu beraten;
– zu Planungen der Verwaltung Stellung zu nehmen und Vorschläge zu machen;
– Stellung zu nehmen bei
– Neu- und Umbau von Kindereinrichtungen
– Verbesserungsvorschlägen für alte Einrichtungen
– Spielplatz- und Schulhofgestaltung
– Wohnflächengestaltung
– Verkehrsberuhigung
– Veranstaltungen;
– Beraten von Bürgern, Verbänden und Kindern;
– Ansprechpartner sein für Bürger, Kinder, Verbände, Institutionen.
Ein Kinderbeauftragter vertritt also nur indirekt die Interessen des Kindes. Die Streitfrage bei der ganzen Diskussion um die Kinderrechte und beim Für und Wider von Kinderbeauftragten liegt jedoch darin, wer, wie und wann Auftrag und Mandat auch für das einzelne Kind erhalten kann oder soll, um für dieses das Recht einzufordern bzw. auszuüben.
Kinderbeauftragte können also Impulse geben. Und wenn sie, wie Till Eulenspiegel in Düsseldorf, täglich in dieser Verkleidung durch die Straßen gehen, können auch Kinder wirklich einen Menschen für sich erobern, der ihre Interessen – und das sind manchmal Alltagssorgen – mit ihnen vertritt.
Die Zunahme an Kinderbüros, Kindervertretern, Kinderparlamenten usw. lässt befürchten, dass hier viele Erwachsene ein neues und zur Zeit Aufmerksamkeit erregendes Arbeitsfeld für sich aufbauen, das aber nicht von den Kindern ausgeht. Die allerdings, die seit mehr als 20 Jahren mit Kindern und für Kinder arbeiten, die ErzieherInnen und SozialpädagogInnen in Häusern der Jugend, Jugendclubs, auf Abenteuerspielplätzen, Spielhäusern und Kinderbetreuungseinrichtungen und die Elterninitiativen, die sich wegen des Mangels an Betreuungsplätzen zusammengesetzt haben, müssen sich verschaukelt vorkommen, wenn nun „Experten“ ihre langjährig geäußerten und mit Geldmangel abgelehnten Forderungen als „neue Erkenntnisse und neue Forderungen“ verkaufen. Hier müssen alle, denen das Wohl der Kinder am Herzen liegt, die Kinderpädagogen und die Kinderpolitiker, zusammenarbeiten.
aus: DER NAGEL 54/1992
Kleine Literaturauswahl
Philippe Ariès: Geschichte der Kindheit
München, 1978 (Deutscher Taschenbuch Verlag) – Original: München, 1975 (Carl Hanser Verlag)

Lloyd deMause (Hrsg.): Hört ihr die Kinder weinen? Einen psychogenetische Geschichte der Kindheit
Frankfurt am Main, 1977 ( Suhrkamp Verlag)

Alice Miller: Am Anfang war Erziehung
Frankfurt am Main, 1980 (Suhrkamp Taschenbuch, 1983)

Katharina Rutschky: Deutsche Kinder-Chronik. 400 Jahre Kindheitsgeschichte. Wunsch- und Schreckensbilder aus vier Jahrhunderten
Köln, 1983 (Verlag Kiepenheuer & Witsch) -> Katharina Rutschky auf Wikipedia

Katharina Rutschky (Hrsg.): Schwarze Pädagogik. Quellen zur Naturgeschichte der bürgerlichen Erziehung
Berlin, Wien, 1977 (Ullstein-Buch) -> Katharina Rutschky auf Wikipedia

Martin Schröder (Hrsg.): Kindheit – ein Begriff wird mündig. Miteinander wachsen statt erziehen
Wolfratshausen, 1992 (Drachen Verlag)
Beiträge:
– Hans-Egbert Treu: Wie die Angst Eltern zu Verfolgern ihrer Kinder werden lässt
– Heinz Stefan Herzka: Autoritätskritische Erziehung – dialogische Entwicklung
– Bernd Sensenschmidt: „Erziehung“ als Politk-Ersatz?
– Hans-Joachim Maaz: Eltern und Kinder im Spannungsfeld individueller, familiärer und
gesellschaftlicher Konflikte
– Ekkehard von Braunmühl, Martin Schröder: Beziehung ohne Erziehung
– Mike Weimann: ERZIEHUNG? MACHT? SPASS? – eine Wanderausstellung
– Katharina Rutschky: Wozu braucht unsere Gesellschaft Kinder?
– Bertrand Stern: Sind Kinder auch Menschen?
– Gerhard Krusat: Erzieherische Züchtigung – Releikt aus Faustrecht und Leibeigenschaft
– Claudia Prónay: Kinder- und Jugendanwaltschaft Wien – zwischen Risiko und Chance
eines „österreichischen Weges“
– Bernd Sensenschmidt: Schule: Wider die Natur des lernenden Individuums?
– Elke Erb: Die Mitgift der Alten (Zum Thema „Schule“)
– Dokumente im Anhang
Shulamith Shahar: Kindheit im Mittelalter
München, Zürich, 1991 (Artemis & Winkler Verlag) – Hebräische Originalausgabe: Tel Aviv, 1990 (Dvir Publishing House)

NAGEL-Redaktion – MIT STARREM BLICK AUF DIE KOMMUNE
Zu den Rahmenbedingungen der Offenen Arbeit aus Sicht einer Jugendamtsleiterin
Von Hanna-Elisabeth Deußer
Wie soll es mit der Offenen Kinder- und Jugendarbeit weitergehen, wenn nur noch in den Kommunen über die Vergabe der Mittel entschieden wird? Ich habe mich verstärkt mit dem neuen Gesetz über Tageseinrichtungen für Kinder befasst, vor allem mit den Auswirkungen auf die Kommunen, muss mich verstärkt mit der Frage befassen, wie sollen alle Heimunterbringungen ab 1995 bezahlt werden, wenn die Verpflichtung für den überörtlichen Träger dann endgültig weggefallen ist und habe bei all diesen Gedanken die Offene Kinder- und Jugendarbeit und die kommunale Neuordnung der Mittelvergabe für die Offene Kinder- und Jugendarbeit gedanklich an den Rand gedrängt. Dies schildere ich, weil ich glaube, dass dies symptomatisch für alle Kommunalverwaltungen ist, die immer stärker in die Pflicht genommen werden und immer weniger in der Lage sind, diesen Verpflichtungen nachzukommen. Dabei geraten die Aufgaben an den Rand, die nicht die eindeutige gesetzliche Absicherung haben, wie das im Gesetz über Tageseinrichtungen für Kinder (GTK) oder bei Heimunterbringungen der Fall ist. Der Hinweis, in § 79 Abs. 2, Satz 3 KJHG einen angemessenen Anteil für die Jugendarbeit zu verwenden, ist zwar löblich, aber zu wenig.
Eigentlich bin ich über diese Entwicklung, die Verantwortung für die Jugendhilfeaufgaben eindeutiger den Kommunen zu übertragen, erfreut und begrüße die Entwicklung. Nach meinem Demokratieverständnis müssen die Angelegenheiten, die die Kommunen betreffen, auch dort alleine geregelt werden und freigehalten werden von dirigistischen Maßnahmen seitens der Länder oder sogar seitens des Bundes. Diese Garantie der Selbstverwaltung hat Verfassungsrang, und man sollte sich daher dazu zwingen, dies auch positiv zu sehen, trotz allem Jammern über die fehlenden Gelder. Dies fällt schwer genug, da besonders in den Kommunen viel zu viele Kommunalpolitiker fordern, ein anderer als sie möge doch bitte die eine oder die andere Angelegenheit regeln, nach Möglichkeit das Land oder sogar der Bund.
Korrekterweise ist aber auch zu sagen, dass die Offene Kinder- und Jugendarbeit in Nordrhein-Westfalen niemals den Stellenwert hätte, wenn man den Ausbau alleine den Kommunen überlassen hätte. Selbst in Zeiten wirtschaftlichen Wachstums und wirtschaftlichen Aufschwungs wurde in den Kommunen eher das Geld für Stadthallen, Straßen etc. und nicht für Offene Kinder- und Jugendarbeit ausgegeben. Insofern hat das Land NRW mit seinem Landesjugendplan eine Entwicklung gefördert, von der andere Bundesländer nur träumen.
Man kann nur darüber spekulieren, welch politischer Hintergrund besteht, die Entscheidungsbefugnis für die Förderung der Offenen Kinder- und Jugendarbeit auf die Kommunen zu verlagern, ob dies eine weitere Stärkung der Kommunalen Selbstverwaltung ist oder andere Gründe hat; zu ändern ist es nicht mehr, und ich wollte es auch nicht ändern, da diese Neuordnung ungeheure Chancen bietet. Es muss nun vor Ort entschieden werden, welcher Träger Mittel bekommt. Es muss weiter entschieden werden, wie hoch die Mittel sind, es muss entschieden werden, wer keine Mittel bekommt und all dies müssen die Kommunalpolitiker vor Ort verantworten, und zu all diesen Fragen müssen die Kommunalpolitiker vor Ort Antworten geben, vorausgesetzt, sie werden dazu gefragt. In den Haushaltsstellen des Jugendamtes wird in Zukunft über Mittel entschieden – nicht nur über solche für die Offene Kinder- und Jugendarbeit, sondern auch über alle anderen Mittel, wie die für Kindergärten und erzieherische Hilfen -, die Politiker anderer Ausschüsse erblassen lassen werden. Der Jugendhilfeausschuss wird in Zukunft in den Kommunen derart hohe Haushaltsgelder zu verwalten haben, der es notwendig macht, in den Jugendhilfeausschuss nicht mehr ausschließlich Newcomer und Sozialfälle oder Politlehrlinge abzustellen. Bei solch gravierenden Entscheidungen werden sich wohl oder übel die Politiker mit Dingen befassen müssen, die in den Parteien größeren Einfluss haben, als dies derzeit in der Regel die Jugendpolitiker haben. Und diese Politiker, die über diese Mittel zu entscheiden haben, müssen gefordert werden von allen Beteiligten in der Jugendhilfe. Sie müssen Stellung beziehen zu Entscheidungen, die sie vor Jahren niemals treffen mussten, weil sie in der Regel vom Land getroffen wurden. Sie können sich dann auch nicht mehr damit herausreden, das Land habe keine Mittel bereitgestellt, sondern sie müssen erklären, warum sie selbst nur so viel und nicht mehr Mittel bereitgestellt haben. Dabei wird es niemanden interessieren, woher diese Mittel kommen. Sie werden dabei in die Pflicht genommen, ihre Angelegenheiten bzw. die gemeindlichen Angelegenheiten selbst zu regeln im Interesse der Bevölkerung, die sie auch wieder wählen soll. Angelegenheiten der Jugend sind überwiegend und ausschließlich kommunale Angelegenheiten, da die Struktur einer Gemeinde das Jugendalter und die Bedingungen für Jugendliche prägt, und somit die Verantwortung für das Lebensumfeld von Kindern und Jugendlichen alleine in den Kommunen liegt.
Diese lange Vorrede war notwendig , um deutlich zu machen, dass ich diese Entwicklung befürworte und auch hoffe, dass sich die Jugendämter dieser Entwicklung stärker stellen, habe dabei jedoch meine Bedenken: Die interessante Frage für PraktikerInnen in den Einrichtungen dabei ist, wie diese bei diesem Spiel mitspielen können, wie können sie beteiligt sein, wenn die Karten verteilt werden, wie können sie Einfluss nehmen auf Entscheidungen in den Kommunen, und wie können sie vor allem von der Verwaltung der Mittel für ihre Arbeit jeweils profitieren:
Die Vorentscheidungen über die Vergabe der Mittel wird im Jugendhilfeausschuss getroffen und erst danach im Rat. Bevor der Jugendhilfeausschuss sich jedoch damit befasst, befasst sich in der Regel ein Unterausschuss damit, vor allen Dingen aber die Verwaltung des Jugendamtes. Es ist nicht zu unterschätzen, welche Wirkungen die Beschlussvorlagen haben, die von der Verwaltung ausgearbeitet werden. Das Jugendamt hat viele Möglichkeiten, Anträge positiv wie auch negativ zu beeinflussen. Da dies häufig im Vorfeld geschieht, gibt es für die Träger kaum Möglichkeiten, darauf einzuwirken. Aus diesem Grund ist es notwendig, erforderlich und für die gesamte Arbeit wünschenswert, wenn eine Zusammenarbeit mit der Verwaltung des Jugendamtes erfolgt. Das Jugendamt sollte dann auch Einblick in die Arbeit bekommen, um so viel wie möglich über die Arbeit erzählen zu können, denn eine Arbeit, die man umfangreicher kennt, kann besser und positiver beurteilt werden. Dies ist jedoch nur eine von vielen Notwendigkeiten, die nicht zu unterschätzen ist. Weiterhin sollte es allen in der Offenen Arbeit Tätigen gelingen, ein Gremium zu schaffen, das paritätisch besetzt ist und dadurch auch einen gewissen Einfluss haben kann. In Remscheid wurde Ende 1990 eine Arbeitsgemeinschaft gemäß Â§ 78 KJHG gegründet, die sich „Arbeitsgemeinschaft Offene Jugendarbeit“ nennt. In dieser Arbeitsgemeinschaft sind sowohl die städtischen, vor allem aber auch die freien Träger vertreten. Leider sind es bei den freien Trägern meistens nur kirchliche Träger. Es fehlen in Remscheid zusätzliche freie Träger und Jugendverbände, die auch Offene Kinder- und Jugendarbeit machen. Diese Arbeitsgemeinschaft hat einen Geschäftsführer für zwei Jahre, verfügt über einen eigenen Haushaltstitel für die Geschäftsführung und hat sich zur Aufgabe gesetzt, im Bereich der Offenen Kinder- und Jugendarbeit zu koordinieren, zu beraten und vorab Entscheidungen zu treffen. Dies hat zur Folge, dass Entscheidungen, die in dieser Angelegenheit getroffen wurden, vom Jugendhilfeausschuss in der Regel einstimmig beschlossen und weiter empfohlen werden. Der Jugendhilfeausschuss billigt dieser Arbeitsgemeinschaft das Fachverständnis zu, die Entscheidungen fachlich ausreichend zu beurteilen. Diese Beurteilung der Arbeitsgemeinschaft ist jedoch auch davon geprägt, dass die Verwaltung des Jugendamtes diese Arbeitsgemeinschaft als sehr positiv beurteilt, ja die Arbeitsgemeinschaft selbst initiiert hat, in der Arbeitsgemeinschaft vertreten ist und sehr viel Hilfestellung gibt. Diese Zusammenarbeit wird im Jugendhilfeausschuss als so positiv gewertet, dass die Offene Kinder- und Jugendarbeit in Remscheid derzeit auf offene Ohren trifft. Dies ist nichts besonderes, da die Offene Kinder- und Jugendarbeit in Remscheid so stiefmütterlich behandelt wurde und ein solches Randgruppendasein führte, dass es nur besser werden konnte, ohne dass wir eine Vorreiterrolle gewonnen haben. Für die Aufstockung des Haushaltstitels für die Offene Kinder- und Jugendarbeit war es aber notwendig, entsprechende Überzeugungsarbeit zu leisten, die seitens der Verwaltung geleistet wurde, die ihren Rückhalt aber auch bei den freien Trägern braucht. So haben wir in Remscheid ein ganz anderes Problem, als es in anderen Städten wohl der Fall ist, nämlich befürchten zu müssen, dass die Haushaltsmittel in 1991 nicht in vollem Umfang abgerufen werden, was wiederum Auswirkungen auf den Haushalt für 1992 hätte, der seitens der Verwaltung durchaus erhöht wurde.
Die Initiative seitens der Verwaltung, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit stärker an der politischen Entscheidung zu beteiligen, rührte in Remscheid daher, dass die freien Träger unterrepräsentiert sind im Jugendhilfeausschuss. Von den Jugendverbänden wurden Vertreter in den Jugendhilfeausschuss gewählt, die zur Offenen Arbeit, ja zur Kinder- und Jugendarbeit überhaupt, kaum oder wenig Beziehungen haben. Hier müssen die Interessen der Jugendverbände anders vertreten werden, als dies bei uns der Fall ist. So denke ich, dass nach der nächsten Kommunalwahl die Politiker an der Arbeitsgemeinschaft „Offene Jugendarbeit“ nicht so ohne weiteres vorbeikommen können, da ich hoffe, dass diese Arbeitsgemeinschaft dann darauf aufmerksam machen wird, nach welchen Kriterien der Rat die stimmberechtigten Mitglieder des Jugendhilfeausschusses wählt. Dies wurde nach der letzten Wahl zum Jugendhilfeausschuss unwidersprochen hingenommen und wäre ein möglicher Weg gewesen, bereits damals auf die fehlende Beteiligung von Jugendhilfe bzw. Offener Arbeit im Jugendhilfeausschuss hinzuweisen. Zwar wäre es auch damals bereits zu spät gewesen, hätte aber einiges bewirken können.
Die Vertretung im Jugendhilfeausschuss ist aus vielen Gründen wichtig (Entscheidungsbefugnis, Antragsrecht, Mitspracherecht). Da die stimmberechtigten Mitglieder von der Vertretungskörperschaft gewählt werden, muss die Vertretungskörperschaft deutlich darauf hingewiesen werden, wen sie wählt. Dies bedeutet, dass die Vertreter der Kinder- und Jugendarbeit vorher Kontakt zu allen Parteien und nicht nur zu den GRÜNEN suchen müssen. Bei diesen Kontakten zu den Parteien muss deutlich werden, dass es hier nicht um Interessenvertretung von Trägern, sondern allein um Interessenvertretung von Kindern und Jugendlichen geht, und dass eine Nichtwahl zur Folge hat, dass hier Kinder- und Jugendinteressen nicht oder zu wenig berücksichtigt werden. Bei den Vertretern der Träger, die dann in den Jugendhilfeausschuss entsandt werden bzw. genannt werden, sollte es sich um kompetente Mitarbeiter handeln, nicht um Randfiguren, die zu der Sache wenig beizutragen haben. An einem starken Jugendhilfeausschuss, vor allem aber an starken Vertretern der freien Träger und der Jugendverbände kommt kein Rat ohne weiteres Drumherum. Die freien Träger unterliegen nicht dem Vorwurf, sie würden Parteipolitik machen, und sie haben nicht die Beschränkungen der Verwaltung auf sich zu nehmen, eine abgestimmte Verwaltungsmeinung in die Öffentlichkeit zu tragen. Entscheidungen, die gegen Kinder- und Jugendinteressen gehen, können von freien Verbänden in anderer Form in die Öffentlichkeit getragen werden, als dies bei Parteien der Fall ist.
Dies alles setzt natürlich eine hohe Fachlichkeit und eine hohe Kompetenz voraus. Die Fachlichkeit muss mehr sein als das Wissen um pädagogische Arbeit in der Kinder- und Jugendarbeit. Die Vertreter der freien Verbände in den Jugendhilfeausschüssen sollten durchaus in der Lage sein, die Vertreter der politischen Parteien argumentativ „in die Tasche zu stecken.“
Für eine seriöse Vertretung von Kinder- und Jugendangelegenheiten kommt es meines Erachtens auch noch darauf an, von einer „Kirchturmpolitik“ abzusehen und unabhängig von eigenen Trägerinteressen auch die Kinder- und Jugendinteressen zu sehen. Dazu ist es aber notwendig, eine Mehrheitsmeinung hinter sich zu wissen und auch zu wissen, dass diese Mehrheit für ihre Meinung durchaus streiten wird. Einzelkämpfer fallen, selbst wenn sie im Jugendhilfeausschuss als stimmberechtigte Mitglieder vertreten sind, mit Sicherheit schnell „auf die Nase“, wenn andere Einzelkämpfer besser argumentieren können.
Für wichtig halte ich es, unabhängig von den Erprobungen in Neuss und Oberhausen, auf örtlicher Ebene sich an den Planungen zu beteiligen. Diese Planung muss meines Erachtens gemeinsam mit den örtlichen Jugendämtern erfolgen. Dazu halte ich eine Arbeitsgemeinschaft nach § 78 KJHG für das richtige Forum. Auch in die Debatte über Förderungsgrundsätze muss sich die Arbeitsgemeinschaft einschalten. Grundsätze, die dort gemeinsam mit den örtlichen Jugendämtern erarbeitet wurden und von den freien Trägern im Jugendhilfeausschuss vertreten werden, werden weniger gekippt als unabgestimmte Vorlagen verschiedener Träger.
aus: DER NAGEL 54/1992
Kommentar der NAGEL-Redaktion (August 2004): Hanna-Elisabeth Deußer war seinerzeit Jugendamtsleiterin in Remscheid. Die Zusammenarbeit mit ihr war ein gutes Erlebnis. Inzwischen ist sie Leiterin der Sozialabteilung im Ministerium für Soziales, Gesundheit und Verbraucherschutz des Landes Schleswig-Holstein und hat ? nach eigenem Bekunden ? „(leider) mit der Jugendhilfe nichts mehr zu tun“. Wir glauben dennoch, dass sie ihre Arbeit in Sachen Sozialhilfe, Behindertenpolitik, Pflegeversicherung usw. kompetent ausführt und für das nördliche Bundesland eine Bereichung ist.
NAGEL-Redaktion – Kinderbeauftragte als aktuelles Auslauf-Modell des Jugendhilfe-Marktes
Von Michael Polubinksi
Als Institution sind Kinderbeauftragte/Kinderbüros vergleichsweise jung. Allerdings sind sie – in der Sprache der „Kids“ ausgedrückt – bereits „Dinos“ der Jugendhilfe. Spätestens seitdem sich die Ansätze outputorientierter Jugendhilfe verbreiten, besitzen Kinderbüros das Qualitätsmerkmal „Auslaufmodelle“. Dabei hat es in der Nachkriegsgeschichte jugendpolitisch ohnehin nie eine Begründung gegeben, Kinderbüros zu installieren. Schon das alte Jugendwohlfahrtsgesetz wie das gegenwärtige Kinder- und Jugendhilfegesetz mit seinem querschnittspolitischen Einmischungsauftrag boten/bieten ausreichende Instrumentarien für eine engagierte Kinderpolitik, wenn Politik es denn nur gewollt hätte – oder will. Es ist offensichtlich nie laut genug die Frage nach der Sinnhaftigkeit gestellt worden. Auch jetzt noch verlieren sich Gegner und Befürworter von Kinderbüros in Fragestellungen nach organisatorischer Ansiedlung von Kinderbeauftragten , ohne die Notwendigkeit der Existenz bewiesen zu haben. Dieser Beitrag will den angedeuteten, zugebenermaßen provokanten Thesen nachgehen. Es werden Ansätze zur Diskussion gestellt, die Wege seriöser Interessenvertretung von Kindern abseits populistischer Pfade aufzeigen. Indes werden jeder Gemeinde und jedem Verband, die Kinderbüros betreiben, nur gute Absichten unterstellt.
1. Zur Notwendigkeit
Um es vorweg zu sagen: Die Gründe, mit denen mancherorts die Einsetzung von Kinderbeauftragten gefordert wird, sind ernst zu nehmen. Fast jeder Lebensbereich in den Städten und Gemeinden betrifft Kinder direkt oder mittelbar. Das gilt für die Stadtplanung, Umwelt, Wohnungen, Arbeitslosigkeit, Medien u.a.m. Es gibt gegenüber Kindern keine neutrale Politik. Es gibt Politik für und Politik gegen Kinder. Von daher sollte sich Jugendhilfe als Anwalt mit Einmischungsstrategien verstehen, damit stabile und förderliche Sozialisationsbedingungen entstehen. Es gab bereits vor Jahren warnende Hinweise, wonach die Institution „Kinderbeauftragter“ genau für die erwähnten anspruchsvollen Aufgaben untauglich ist. Nordrhein-Westfalens ehemaliger Innenminister Schnoor sieht eine Gefahr von Beauftragten darin, dass Verantwortung von der Gesamtpolitik abgewälzt wird. Auf einer kinderpolitischen Tagung formulierte er weiter: „Nach dem Motto: Für Kinderfragen ist der Kinderbeauftragte verantwortlich, stehlen sich die Politiker aus ihrer Zuständigkeit und Verantwortung. Solche Alibiinstitutionen nützen uns gar nichts, im Gegenteil, sie schaden nur.“ Der Einsatz von Kinderbeauftragten muss im Kontext jener Unfähigkeit gesehen werden, Gesamtzusammenhänge kommunaler Politik adäquat bearbeiten zu können – letztlich eine Bankrotterklärung der Kommunalpolitik.
2. Zum Beauftragten(un)wesen
Die Frage, ob Beauftragte ein bewährtes Lösungsmuster oder nur Feigenblatt für komplexe Querschnittsaufgaben sind, verdient vertieft erörtert zu werden. Die Wissenschaft sieht das Beauftragtenwesen kritisch. Das verrät beispielsweise eine pointierte Beschreibung der drei Kennzeichen von Beauftragten:
„Zum einen die Ausgliederung aus der herkömmlichen Behördenorganisation mit sachlicher Unabhängigkeit und eigenem bürokratischen Unterbau; zum anderen die Freistellung von linearer Verwaltungstätigkeit zugunsten eines administrativen Sonderanliegens; und zum dritten die dadurch angestrebte Beschwichtigung eines politischen Störungsbefundes (sei es allgemeine Unüberschaubarkeit des Apparates, sei es ein sachspezieller Ansprechbarkeitsmangel für die Bürger, sei es ein Zukurzkommen bestimmter gesellschaftlicher Zwecke im bisherigen Verwaltungsansatz).“
Der strukturelle Webfehler im Beauftragtenwesen liegt offenbar darin, dass begrenzte Aspekte einen selbstständigen, absolutierten Stellenwert erhalten und resistent gegenüber Abwägungsprozessen verschiedener Interessen sind. Wenn Aufgaben von Beauftragten wahrgenommen werden, bleibt es häufig unbemerkt, dass eine Aufgabe von den Zuständigen auf die Unzuständigen verlagert worden ist. Witzigerweise münden Beauftragtenstrukturen häufig in Ämter, Abteilungen oder andere „klassische“ Organisationsformen , die eigentlich ersetzt werden sollten. Es ist offenkundig, dass Defizite in der täglichen Verwaltungsarbeit selber anzugehen sind. Etwaige Störungen zwischen Bürgern und Verwaltung sind nur bei der Behörde selbst, ihrem Aufbau, Ablauf und Selbstverständnis zu bekämpfen und nicht durch die Sonderinstallation von Beauftragten. So kommen Kinderbeauftragte erwartungsgemäß zu dem Ergebnis, dass sie unter einem besonderen Legitimationsdruck stehen. In einer Selbsteinschätzung erklären sie zur eigenen Wirksamkeit, dass sie „mittelmäßig“ sei, wenn sie etwa die öffentliche Meinung oder kommunales Handeln zugunsten von Kindern beeinflussen wollen. Wenn es richtig ist, dass „das Verwaltungsimperium keine Veranstaltung zur sozialen Auslastung oder Sinnentfaltung der Amtswalter darstellt und auch keine Arbeitsbeschaffungseinrichtung bedeutet“ , sind Kinderbeauftragte verzichtbar.
3. Zum Umbau von Verwaltungen
Mit Hochdruck werden gegenwärtig viele Gemeindeverwaltungen umstrukturiert. „Neues Steuerungsmodell“ ist das Stichwort, bei dem sich Verwaltungen produktorientiert organisieren. Das andere Zauberwort ist „lean management“. Dieses Konzept ist aus Japan importiert worden: Das „schlanke“ Management will Produkte und Dienstleistungen mit niedrigem Aufwand und hoher Qualität erstellen. Bei den Reformbestrebungen wollen sich die Verwaltungen von bisheriger „organisierter Unverantwortlichkeit“ verabschieden. Ziel ist die Ergebnisverantwortung möglichst auf einer tiefen Hierarchiestufe. Auch die Institution Kinderbüro muss sich dieser Strukturdiskussion stellen. Wenn es zu dem Leitbild einer Gemeinde gehört, dass Belange von Kindern einen hohen Stellenwert besitzen, dann ist jeder Mitarbeiter diesem Leitbild in seinem Tagesgeschäft verpflichtet. Dann bedarf es keiner ständigen personellen Begleitung (= Kinderbüro), dass an selbstverständliche Pflichten erinnert wird. Das Kinderbüro ist dann so notwendig wie die in der Sozialarbeit häufig belächelte „konfliktfreie Moderation einer Tupper-Party“.
4. Alternative
Als billiger populistischer Trick von Politikern ist die Installierung von Kinderbeauftragten einmal kritisiert worden. Zu den vermuteten Motiven weiter: „… und können sich dann wieder desinteressiert ihren alten ‚Spielwiesen‘ widmen oder zurücklehnen; sie haben Kinderpolitik gemacht.“ Wie lässt sich also Politik tatsächlich in die Verantwortung nehmen, damit Kinderinteressen in möglichst allen Politikbereichen kompetent und seriös berücksichtigt werden? Wie rückt Kinderpolitik vom Rand in den Mittelpunkt? Solange Kommunitarismus-Ansätze in Westeuropa noch nicht verbreitet sind, wird es erfolgreiche amerikanische Beispiele wie KidsPlace in Seattle hier wohl nicht geben. Das Wohl der Kinder muss stattdessen zur „Chefsache der Politik“ gemacht werden. Ein vorzeigbares wie übertragbares Modell ist die Philosophie der Frauenförderung in Wuppertal. Die Gleichstellungsstelle für Frauenfragen war früher wie herkömmliches Beauftragtenwesen mit all den Schieflagen als Stabsstelle des Oberstadtdirektors organisiert: Das Problembewusstsein in den Ämtern war unzureichend, Zielvorgaben waren unklar, Erfolge waren von Kooperationspartnern (Zufallsprinzip) abhängig. Zwischenzeitlich ist Frauenförderung als „Gemeinschaftsaufgabe“ definiert und zu einem zentralen Thema der Wuppertaler Verwaltungsreform erhoben worden. Politik für Frauen ist nunmehr integraler Bestandteil der Verwaltungsmodernisierung. Frauenförderung ist gleichsam Teil der Unternehmensstrategie. Die Chefebene (Zentrale Steuerung) hat die Zielvorgabe „Frauenförderung“ implementiert. Die Fachbereiche haben frauenfördernde Unternehmensziele eigenverantwortlich zu realisieren.
Auf die Jugendhilfe/Kinderpolitik übertragen bedeutet das: Verwaltungsführung und Gremien in der Gemeinde definieren sehr genau, wie etwa eine kinder- und jugendfreundliche Stadt auszusehen hat. Die Ämter und Dienste haben das Ergebnis verantwortlich umzusetzen. Letztlich müssten Planungsamt, Gartenamt … in einen Wettbewerb treten und genau dokumentieren, inwieweit ihre Produkte kinder- und jugendpolitische Gütesiegel tragen/verdient haben. Wichtigste Vorab-Investition dafür dürften gründliche Diskussionen über das Leitbild sein, wie Kinder- und Jugendpolitik künftig aussehen soll. Es müssen hinreichend klare Vorstellungen zur angestrebten Entwicklung erarbeitet werden. Leitbildarbeit ist Ausgangspunkt einer systematischen Stadtentwicklung. Bei der Umsetzung der Gemeinschaftsaufgabe „Kinder- und Jugendpolitik“ müssen die einzelnen (Fach-)Bereiche eine Hilfestellung (Service) erhalten. Schließlich muss ein Controlling installiert werden. Anhand von Messgrößen werden Zielvorgaben und Ergebnisse durch ein kinder- und jugendspezifisches Controlling überprüft.
5. Fazit
Die jeweiligen Situationen in den Gemeinden und Städten sind zu unterschiedlich, als dass ein für alle verbindliches Rezept geliefert werden könnte. Daher kann dieser Beitrag nur Eckpunkte bieten, die künftig berücksichtigt werden können. Der Zeitpunkt für eine inhaltliche Neuorientierung dürfte günstig sein, da viele Städte und Gemeinden gegenwärtig neue Strukturen entwickeln. Festhaltenswerte Eckpunkte aus der Sicht des Verfassers sind:
- Kinderbüros/Kinderbeauftragte sind untauglich, um Interessen von Kindern wirkungsvoll zu verfolgen. Sie schaden sogar.
- Interessen von Kindern sind zu wichtig, als dass sie nach dem Prinzip „Hoffnung“ am Rande mitbearbeitet werden. Jugendhilfeausschüsse müssen sich ihrer großen Verantwortung bewusst werden und Kinderpolitik effektiv in Gesamtpolitik einspielen.
- Mithin muss Kinderpolitik integraler Bestandteil von Stadtentwicklung sein.
- Damit Kinderpolitik diese Gemeinschaftsaufgabe wird, muss sie zu den Leitbildern einer Gemeinde zählen. Das setzt mühsame, aber lohnenswerte Ziel- und Prioritätendiskussionen voraus.
- Die Seriosität von Kinderpolitik ist ablesbar an Organisationsformen und Instrumenten: Es sind Messgrößen – so schwierig das sein mag – zu entwickeln, womit Zielvorgabe und Ergebnisse abgepüft werden (Controlling).
Vorstehender Artikel erschien in DER NAGEL 57/1995. Michael Polubinski arbeitete seinerzeit als Sozialarbeiter und Diplompädagoge in der Jugendförderung. Gegenwärtig ist er Leiter des City-Managements bei der Stadt Herten.
Eingestellt ins Internet im April 2003
NAGEL-Redaktion – terre des hommes: Zwölf populäre Irrtümer über die Kinderrechte
Irrtum Nummer Eins
„Kinderrechte sind nicht so wichtig wie andere Rechte und nicht so ernst zu nehmen.“
Aber: Kinderrechte sind Menschenrechte. Menschenrechte sind Rechte der Kinder. Doch die Welt ist derzeit nicht einmal so organisiert, dass alle Kinder ihre einfachsten Grundbedürfnisse befriedigen können – im Gegenteil, vielen Millionen Kindern wird täglich bitteres Unrecht zugefügt. Die UN-Kinderrechtskonvention kann so als Katalog des Versagens gelesen werden, gleichzeitig aber auch als Vision für eine kindgerechte Welt. Die Kinderrechte sind für diese Vision der weltweit anerkannte Maßstab.
Damit aus den Rechten auf Papier gelebte Rechte werden, ist der Einsatz vieler Einzelner, von Gemeinden, Organisationen und der Staatengemeinschaft notwendig. Dieser Kampf um die Menschenrechte der Kinder ist genauso ernsthaft, schwierig, hürdenreich und politisch brisant wie jeder andere Einsatz für den Schutz der Schwachen vor den Mächtigen.
„Kinderrechte sind nur für Kinder wichtig“.
Die zentrale Botschaft der UN-Kinderrechtskonvention ist: Kinder sind Menschen, die von Geburt an Rechte haben. Sie dürfen ihnen von niemandem streitig gemacht werden! Und: Kinder befinden sich in einem bestimmten Abschnitt des Lebens. Stärker als in späteren Lebensphasen ist er geprägt durch intensive persönliche Veränderungen und Entwicklungsphasen. Zur Förderung dieser Entwicklung benötigen sie auf diese Phasen zugeschnittene Lebensbedingungen; sie haben darauf einen Rechtsanspruch! Verantwortlich für die Schaffung dieser Mindestbedingungen sind die Erwachsenen. Der Staat muss dafür sorgen, dass die Erwachsenen diese Pflichten erfüllen – und dies auch können. Dazu gehört zum Beispiel die Berücksichtigung der speziellen Interessen von Kindern bei Entscheidungen, die sie betreffen. Auch der Abschied von Vorurteilen über Kinder kann zur Verwirklichung der Kinderrechte notwendig sein.
„Wenn Kinder Rechte haben, müssen sie auch Pflichten erfüllen.“
Dieser weit verbreiteten Auffassung liegt ein begrifflicher Irrtum zugrunde. Unrecht und Recht sind das Gegensatzpaar. Von den Pflichten des Menschen ist in diesem Dokument nicht die Rede. Die Staaten-Gemeinschaft hat die UN-Kinderrechtskonvention beschlossen, damit den Kindern nicht fortgesetzt und straflos Unrecht zugefügt wird. Die Konvention ist kein Vertrag zwischen Kindern und Erwachsenen, sondern zwischen Staaten. Kindern bei Nichterfüllung ihrer Pflichten ihre Rechte abzuerkennen, würde dem Charakter von Menschenrechten widersprechen.
Selbstverständlich müssen Kinder die Rechte anderer respektieren und die Übernahme von Verantwortung und Pflichten erlernen. Dies gehört zu ihrem Entwicklungsprozess. Dies altersgemäß möglich zu machen, ist Aufgabe der für die Kinder verantwortlichen Erwachsenen. Die UN-Kinderrechtskonvention respektiert und fördert diese Aufgabe der Eltern oder anderer für das Wohlergehen der Kinder Zuständiger.
„Die Kinderrechte sind für die Kinder der Dritten Welt gemacht, unseren Kindern geht es gut, die brauchen sie nicht – denn in Deutschland ist alles in Ordnung.“
Diese Haltung vertrat die Bundesregierung in den 80er Jahren bei den UN-Verhandlungen. Sie argumentierte: Deutsche Kinder in der Bundesrepublik seien bereits perfekt geschützt, die Konvention für Deutschland also eigentlich überflüssig. Schon ein Blick ins Grundgesetz hätte ausgereicht, um die Defizite aufzudecken: Kinder kommen nur in einem einzigen Artikel als Anhängsel der Familie vor, von speziellen Rechten der Kinder in ihren besonderen Lebenslagen ist keine Rede.
„Kinderrechte kosten nichts.“
Leider glauben viele Regierungen, dass die Kinderrechte kostenlos sind. Das Gegenteil ist richtig: Die Konvention garantiert allen Kindern staatliche Dienstleistungen: Schulbildung, Gesundheitsversorgung, Schutz vor Ausbeutung und Missbrauch, Registrierung und Beteiligung am gesellschaftlichen Leben. Und sie geht noch weiter:
„Die Vertragsstaaten treffen alle geeigneten Gesetzgebungs-, Verwaltungs- und sonstigen Maßnahmen zur Verwirklichung der in diesem Übereinkommen anerkannten Rechte. Hinsichtlich der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte treffen die Vertragsstaaten derartige Maßnahmen unter Ausschöpfung ihrer verfügbaren Mittel und erforderlichenfalls im Rahmen der internationalen Zusammenarbeit.“ (Artikel 4 der UN-Kinderrechtskonvention)
Die englische Originalfassung verlangt sogar die größtmögliche Ausschöpfung aller verfügbaren Ressourcen des Staates für die Umsetzung der Rechte der Kinder. Die Staaten verpflichten sich in der Konvention zu Dienstleistungen für alle Kinder, und zwar mit der höchsten Priorität der staatlichen Aufgaben. Andererseits: Es nützt wenig, die Unterzeichnung und Umsetzung von Konventionen zu fordern, wenn die Staaten nicht den wirtschaftlichen Spielraum für die Umsetzung der Bestimmungen haben. Hier verpflichtet die Konvention die Staatengemeinschaft zur Unterstützung. Und: Investitionen im produktiven Bereich können langfristig wirksamer sein für die Verwirklichung von Kinderrechten als das kurzfristige Stopfen von Löchern im Sozialhaushalt.
„Es hätte gereicht, den Schutz der Kinder gegen Missbrauch, Ausbeutung und im Krieg zu verbessern. Alle anderen Bestimmungen sind überflüssig.“
Im Gegenteil: Der ganzheitliche Ansatz der UN-Kinderrechtskonvention ist ein großer Fortschritt, auch im Vergleich zu anderen UN-Dokumenten. Spezielle Schutzbestimmungen sind notwendig, aber sie allein sind bei weitem nicht ausreichend, um allen Kindern zu ihrem Recht auf eine kindgerechte Entwicklung zu verhelfen. Die UN-Kinderrechtskonvention hingegen stellt alle wesentlichen Problembereiche in einen Gesamtzusammenhang. Es sind dies die „vier großen Ps“ – nach englischer Schreibweise:
■ Prinzipien: Altersregelung, Recht auf Leben, Recht auf Identität
■ Protektion (Schutz): Schutz vor Ausbeutung, Misshandlung, sexuellem Missbrauch, Rechte auf Schutz im Krieg und in bewaffneten Konflikten
■ Provision (Versorgung): Kinder haben Anspruch auf Leistungen durch die Eltern (Lebensunterhalt) und den Staat (Bildung, Gesundheit, Unterhalt bei fehlenden Eltern oder wenn diese nicht in der Lage sind, die Kinder zu versorgen)
■ Partizipation: Kinder haben einen Anspruch auf Teilhabe an ihrer Gesellschaft, sie haben das Recht auf freie Meinungsäußerung, sie haben das Recht, gehört zu werden, und das Recht, sich zur Durchsetzung ihrer Interessen zusammenzuschließen.
„Die UN-Kinderrechtskonvention ist perfekt und unveränderbar.“
Die 1989 verabschiedete Konvention ist wie alle zwischenstaatlichen Verträge ein Produkt von Verhandlungen und Kompromissen. Sie ist das Beste, was 1989 erreichbar war und hat ihre Bewährungsprobe in vielen Bereichen bereits bestanden. 193 Staaten haben sie ratifiziert, die Kinderrechtskonvention wurde zur erfolgreichsten UNO-Konvention. Trotz dieser Erfolgsgeschichte hat sie auch viele Mängel:
■ Die UN-Konvention enthält sehr oft „weiche“, interpretationsfähige Bestimmungen – Empfehlungen statt Rechte.
■ Es gibt keine Klagemöglichkeiten auf internationaler Ebene.
■ Eine Anzahl von Staaten hat Vorbehalte gegen einzelne Bestimmungen eingereicht, damit ernten sie zwar das Renommee der Ratifikation, aber die Konvention muss nicht vollständig verwirklicht werden – zum Schaden der Kinder.
■ Umgekehrt ratifizieren viele Staaten die Konvention aus Gefälligkeit, ohne den politischen Willen oder die wirtschaftlichen Möglichkeiten, sie auch umzusetzen.
■ Auch in der Bevölkerung vieler Länder gibt es Vorbehalte, besonders dann, wenn sie die kulturellen Besonderheiten nicht genügend berücksichtigt sehen und das Gefühl haben, dass das Kindheitsbild westlich-industrieller Gesellschaften als Idealmodell Pate gestanden hat. Das bremst Kinderrechte mehr, als dass es das Engagement für deren Verwirklichung fördert.
Die UN-Konvention kann aber verbessert werden. Das entscheidende Instrument heißt „Zusatz- oder Fakultativprotokoll“. Mehrere dieser Zusatzprotokolle sind in Kraft: Kindersoldaten werden durch das „Fakultativprotokoll über die Beteiligung von Kindern in bewaffneten Konflikten“ sehr viel besser geschützt und die Altersgrenze wurde auf 18 Jahre angehoben. Sexueller Missbrauch von Kindern wird durch ein entsprechendes Zusatzprotokoll, das „Fakultativprotokoll über den Verkauf von Kindern, die Kinderprostitution und die Kinderpornographie“, stärker unter Strafe gestellt. Und in Den Haag wurde ein Vertrag ausgehandelt, der für die Adoption von Kindern ins Ausland strenge Kriterien definiert. Nachteil aller dieser Dokumente: Sie sind eigenständige Verträge, die wiederum von den Staaten einzeln ratifiziert werden müssen.
„Das Gute an den Kinderrechten ist, dass sie nicht eingeklagt werden können.“
Das ist nichts Gutes, sondern ein wesentlicher Mangel. Es ist dringend, dieses Problem anzugehen. Notwendig wäre eine Möglichkeit der Individualbeschwerde bei den Vereinten Nationen, wie sie bei anderen Konventionen bereits existiert. Andererseits sind die Berichte an die UNO und deren Empfehlungen ein Instrument, Kinderrechten international Nachdruck zu verleihen.
„Millionen Kindern auf der Welt geht es elend und schlecht. Dies ist der Beweis, dass die Konvention nichts nützt und nur eine PR-Aktion der UNO ist.“
Es stimmt – obwohl seit der Verabschiedung der UN-Konvention bereits fast 20 Jahre vergangen sind, müssen über hundert Millionen Kinder und Jugendliche unter ausbeuterischen Bedingungen arbeiten. Noch immer sterben Millionen Kinder an Hunger und vermeidbaren Krankheiten, müssen Hunderttausende im Krieg kämpfen. Allen diesen Kindern geschieht Unrecht – aber nicht, weil es eine Konvention dazu gibt. Wirtschaftliche Probleme, politische Konflikte, Staatsversagen, Auflösung sozialer Netze, Wertekrise, Autoritarismus, Gewalt … es gibt viele Faktoren, die zur Verletzung von Kinderrechten führen. Die Rechtslage ist nur ein Faktor und in der Regel nicht der wichtigste. Ein Blick auf andere Rechtsgebiete zeigt den Kurzschluss in der Argumentation: Niemand verlangt die Streichung des Mordparagraphen wegen Erfolglosigkeit aus dem Strafgesetzbuch, nur weil täglich Morde geschehen.
„Die UN-Konvention soll der UNO ermöglichen, den Familien die Kinder wegzunehmen.“
Kein Irrtum, sondern eine bewusst lancierte Falschmeldung, wie sie in den USA zur Diskreditierung der UNO eingesetzt wird. Verleumdungskampagnen von einflussreichen fundamentalistischen Kreisen haben dazu geführt, dass die USA die Konvention nicht nur nicht ratifizieren, sondern aktiv bekämpfen.
„New York und die UNO sind weit weg, das ist für uns hier doch nicht wichtig. Außerdem kann man doch nichts positiv verändern.“
Zunächst einmal: Deutschland ist UN-Mitgliedsstaat und hat die Konvention ratifiziert. Damit hat die Konvention auch bei uns Gültigkeit. Darüber hinaus ist die Konvention auch ein politisches Programm zur Verbesserung der Lebenssituation von Kindern. Die Regierungen haben zu handeln, aber die Bürgerinnen und Bürger können die Regierungen zum Handeln drängen oder in ihrem Handeln unterstützen. Hier haben auch Nichtregierungsorganisationen wie terre des hommes eine wichtige Aufgabe. Indem Pilotprojekte gefördert werden, die von Regierungen in Sozialpolitik umgesetzt werden können; oder indem soziale Initiativen in den Ländern unterstützt werden, die in ihrer Gesellschaft für die Rechte von Kindern eintreten, aber auch durch Lobbyarbeit gegenüber der eigenen Regierung. Auch hier gab es Erfolge: So wurde die Konvention in Deutschland bekanntgemacht, die Zusatzprotokolle wurden ratifiziert.
Irrtum Nummer Zwölf
„Die UN-Kinderrechtskonvention ist in einer völlig unverständlichen Sprache geschrieben.“
Dieser Irrtum enthält leider ein Körnchen Wahrheit. Aber – es gibt Bearbeitungen der Konvention, die spannend zu lesen sind – für Kinder und Jugendliche, aber auch für Erwachsene. Zum Beispiel das Buch „Die Rechte der Kinder“ von Reinhardt Jung. Damit bekommt man einen guten Überblick. (Bestellnummer 221.1483.01, siehe Online-Shop http://www.tdh.de/tdhshop) Allerdings: Wer es genau wissen will, kommt um das Original nicht herum.
Quelle: terre des hommes/www.tdh.de, ohne Datum
NAGEL-Redaktion – Bundesjugendkuratorium: Konturen einer neuen Jugendpolitik
Konturen einer neuen Jugendpolitik
Auszüge aus der Stellungnahme des Bundesjugendkuratoriums
Die Lebenswelt von Jugendlichen hat sich gravierend verändert. Das stellt nicht nur sie selbst, sondern auch die Politik vor große Herausforderungen. Was Sachverständige der Bundesregierung empfehlen.
Ökonomische, politische und soziale Veränderungen der vergangenen Jahrzehnte haben längst die Lebenslage Jugend erreicht. Diese Entwicklungen stellen die Jugendpolitik vor gravierende Herausforderungen. Mit seiner neuen Stellungnahme greift das Bundesjugendkuratorium (BJK) die aktuelle Debatte um die Notwendigkeit einer Neupositionierung von Jugendpolitik auf und bestimmt den konzeptionellen Rahmen und die notwendigen Elemente für einen zukunftsweisenden, kohärenten und ressortübergreifenden Ansatz von Jugendpolitik. Es ist der Überzeugung, dass jenseits institutioneller und strategischer Grenzen eine profilierte, an der Lebenslage Jugend und an den Interessen und Bedürfnissen von Jugendlichen orientierte Politik für, mit und von Jugendlichen notwendig ist. Eine ressortübergreifende jugendpolitische Praxis muss die Situation Jugendlicher insgesamt in den Blick nehmen und ihre Sichtweisen, Erfahrungen und Lebenslagen unter aktuellen gesellschaftlichen Bedingungen thematisieren. Jugendpolitik in diesem Sinn beschränkt sich weder auf einzelne problembelastete Teilgruppen von jungen Menschen, noch akzeptiert sie die historisch gewachsene institutionelle Verengung auf Jugendhilfepolitik (Jugendarbeit, Jugendsozialarbeit). In seiner Stellungnahme weist das BJK auf mögliche Schritte der Umsetzung hin und leistet einen weiterführenden Beitrag zur Orientierung und künftigen Praxis einer ressortübergreifenden Jugendpolitik.
Jugendpolitik muss die Spannung zwischen Zukunfts- und Gegenwartsorientierung im Blick haben und umfassend angelegt sein, um die Differenziertheit jugendspezifischer Interessen, Bedürfnisse und Anliegen berücksichtigen und aufgreifen zu können. Dieser Gesamtentwurf des BJK integriert in einem aufeinander abgestimmten Konzept vier Kernelemente von Jugendpolitik: (1) Schutz- und Unterstützungs-, (2) Befähigungs-, (3) Teilhabe- und (4) Generationenpolitik (siehe Grafik).

Jugendliche fördern und schützen
Jugendpolitik ist als Schutz- und Unterstützungspolitik zur Förderung und Begleitung des Erwachsenwerdens junger Menschen zu konzipieren. Sie nimmt ihren Ausgangspunkt in unterschiedlichen Lebenslagen von Jugendlichen und versucht auf die Gestaltung ihrer Lebensverhältnisse Einfluss zu nehmen. Im Mittelpunkt steht die Schaffung fördernder und unterstützender Bedingungen für die Entwicklung der Persönlichkeit auf der Grundlage eines differenzierten Konzepts sozialer Ungleichheit. Parallel zum Bezug auf die Lebenslagen Jugendlicher zielt Schutz- und Unterstützungspolitik darauf, die mannigfaltigen biografischen Wege der Jugendlichen durch eine gegenwärtig wenig konturierte Jugendphase zu rahmen und zu begleiten. Das BJK geht davon aus, dass eher traditionelle Risiken und Probleme sich durch den Wandel der Jugendphase nicht einfach erledigt haben. Eine Neupositionierung von Jugendpolitik muss jedoch berücksichtigen, dass neue Schwierigkeiten und Situationen einer möglichen Gefährdung hinzugekommen sind.
Jugendpolitik hat einen Rahmen zu schaffen, dass Jugendliche die Gestaltungsmöglichkeiten sowie die Anforderungen und Risiken dieser Lebensphase produktiv bewältigen und ihre persönliche Entwicklung selbst gestalten können. Für kritische Situationen und in Hinblick auf ein drohendes Scheitern in diesen Prozessen hätte sie vernetzte Unterstützungssysteme bereitzustellen. Sie gibt Raum, damit Jugendliche kreativ agieren können und angesichts einer ungewissen Zukunft und sich stetig verändernder Lebensbedingungen ihre Handlungsfähigkeiten erweitern, falls erforderlich auch völlig neue Wege einschlagen und die sich ergebenden Chancen erkennen und wahrnehmen können.
Bildung bedeutet mehr als Schule
Jugendpolitik als Befähigungspolitik kommt die Aufgabe zu, das Interesse von jungen Menschen an umfassender Bildung einzubringen. Sie hat den Auftrag, eine umfassende Befähigung junger Menschen zur reflexiven und selbstgesteuerten Auseinandersetzung mit den Anforderungen und Zumutungen der Gesellschaft zu sichern und sich für Bildung als Bürgerrecht einzusetzen. In diesem Sinne klagt Jugendpolitik ein, dass Bildung mehr ist als Schule. In eine Gesamtbetrachtung des Zusammenhangs von Bildung und Befähigung gehören daher die vielfältigen Beziehungen zwischen formeller, non-formaler und informeller Bildung, die Verknüpfung unterschiedlicher Lernorte in ihren Auswirkungen auf die Bildungsbiografie junger Menschen und die Sicherung ihrer Teilhabechancen in unterschiedlichen Bereichen der Gesellschaft.
Jugendpolitik als Befähigungspolitik ist darauf ausgerichtet, junge Menschen in ihrer Entwicklung zu eigenständigen Persönlichkeiten optimal zu fördern und sie darin zu unterstützen, die Kompetenzen für eine aktive und gestaltende Teilhabe am Leben in einer demokratischen Gesellschaft zu erwerben. Jugendliche haben das Recht auf Befähigung zur Teilhabe an Gesellschaft. Jugendpolitik als Befähigungspolitik heißt für das BJK auch, sich für die Verwirklichung von Chancengerechtigkeit im Bildungsbereich einzusetzen und Bildung als umfassende Befähigung, als Faktor sozialer Inklusion und als Schlüssel zu gesellschaftlicher Teilhabe zu begreifen.
Gesellschaftliche Teilhabe erleichtern
Jugendpolitik als Teilhabepolitik zielt sowohl auf die Verbesserung der Teilhabe junger Menschen an den Chancen und Möglichkeiten der Gesellschaft als auch auf die Stärkung der Partizipation junger Menschen im Sinne von Mitbestimmung und Selbstorganisation. Im Unterschied zur Jugendpolitik als Befähigungspolitik liegt hier der Fokus stärker (wenn auch nicht ausschließlich) auf den Teilhabe- beziehungsweise Mitbestimmungschancen in der Gegenwart. Die entscheidende Frage lautet: Wo lassen sich Barrieren der Teilhabe und Partizipation junger Menschen in spezifischen Bereichen der Gesellschaft identifizieren, wie werden diese gegebenenfalls legitimiert und inwiefern sind diese Einschränkungen vor dem Hintergrund des Strukturwandels von Jugend unter heutigen gesellschaftlichen Bedingungen obsolet geworden?
Eine explizite Jugendpolitik hätte die Aufgabe, altersbezogene rechtliche Teilhabebeschränkungen kritisch auf ihre Legitimation und ihre Sinnhaftigkeit unter den jeweils gegebenen gesellschaftlichen Bedingungen und der konkreten Ausformung der Jugendphase zu hinterfragen und gegebenenfalls deren Veränderung oder Abschaffung einzufordern. Durch eine systematische Verknüpfung von Jugendpolitik als Teilhabe- und Befähigungspolitik muss dafür gesorgt werden, dass junge Menschen die Fähigkeiten und Fertigkeiten tatsächlich entwickeln können, um an verschiedenen gesellschaftlichen Teilbereichen teilhaben zu können.
Ungerechtigkeiten zwischen Generationen bekämpfen
Wenn Jugendpolitik sich dem Anspruch stellt, die gesellschaftlichen Prozesse zu analysieren, in denen Jugend als Lebensphase und Lebenslage durch gesellschaftliche Einflüsse neu und umgestaltet wird, dann rückt auch die Frage nach den Generationenverhältnissen in den Aufmerksamkeitshorizont einer neu positionierten Jugendpolitik. Relevant ist dann, ob junge Menschen in gerechter Weise Zugang zu den gesellschaftlichen Ressourcen haben oder ob sie in dieser Hinsicht gegenüber den Erwachsenen benachteiligt werden. In erster Linie geht es hierbei um materielle Ressourcen (Geld), allerdings gibt es auch weitere knappe Ressourcen, die intergenerational ungleich verteilt sein können, wie etwa Raum und Zeit. Jugendpolitik als Generationenpolitik trägt eine Verantwortung dafür, Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten im Hinblick auf die Teilhabechancen am materiellen Reichtum der Gesellschaft auf ihre Legitimation hin zu befragen und verbesserte Zugänge zu den finanziellen Ressourcen der Gesellschaft einzuklagen.
Lebensbedingungen erforschen und gestalten
Im Hinblick auf diese vier Kernelemente entwickelt das BJK Prüfkriterien, um die Frage beantworten zu können, ob eine konkrete Maßnahme oder ein konkretes Programm Bestandteil einer übergreifenden und abgestimmten Politikstrategie im Sinne kohärenten und ressortübergreifenden Handelns ist.
Jugendpolitik hat in der Zusammenarbeit mit Familien-, Bildungs-, Arbeitsmarkt-, Integrations- oder auch Gesundheitspolitik stets die besonderen Interessen und Belange junger Menschen einzubringen. Eine solche Jugendpolitik muss sowohl in ihrem eigenen Ressort gestärkt als auch in ihrer Kommunikationsfähigkeit gegenüber anderen Ressorts qualifiziert werden, um als kompetenter Partner in kooperativen Aktivitäten wahrgenommen zu werden. Zugleich benötigt eine ressortübergreifende Jugendpolitik eine breite Öffentlichkeit, die für jugendspezifische Belange sensibilisiert wird. Zur konkreten Umsetzung dieses Gesamtkonzepts muss das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend als Fachministerium gestärkt und die interministerielle Zusammenarbeit ausgebaut werden. Zudem bedarf es der Entwicklung strategisch angelegter akteursübergreifender Projekte. Die erforderliche Wissensbasis für einen solchen Ansatz von Jugendpolitik bedarf regelmäßiger wissenschaftlicher Beobachtung und Berichterstattung, die systematisch über die Lebensbedingungen verschiedener Gruppen von Jugendlichen informiert („Jugendmonitoring“).
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Bundesjugendkuratorium
Das BJK ist ein von der Bundesregierung eingesetztes Gremium. Es berät die Bundesregierung in grundsätzlichen Fragen der Kinder- und Jugendhilfe und in Querschnittsfragen der Kinder- und Jugendpolitik. Dem BJK gehören bis zu 15 Sachverständige aus Politik, Verwaltung, Verbänden und Wissenschaft an. Die Mitglieder werden durch die Bundesministerin/den Bundesminister für Familie, Senioren, Frauen und Jugend für die Dauer der laufenden Legislaturperiode berufen. Das BJK wird seit 2007 in seiner Arbeit durch eine vom Bundesministerium finanzierte Arbeitsstelle Kinder- und Jugendpolitik unterstützt, die in der Institutsleitung des Deutschen Jugendinstituts in München angesiedelt ist. Die Originalversion der Stellungnahme gibt es hier und in Broschürenform in der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendpolitik am DJI.
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Quelle: Deutsches Jugendinstitut – DJI Bulletin 2/2009, Heft 86 – Kontakt: Dr. Tanja Betz, betz@dji.de
NAGEL-Redaktion – Kinderrechtepark Hagen/Westfalen
BalanceAkt Kinderrechte − Skulpturenprojekt in Hagen
Weltweit einmalig werden in Hagen/Westfalen die Kinderrechte im öffentlichen Raum präsentiert und sind somit jederzeit sowohl von Kindern als auch von Erwachsenen nachlesbar. Das gibt es selbst am Standort der Vereinten Nationen nicht.

Foto: Deutscher Kinderschutzbund, Hagen
Den Mittelpunkt bildet die Bronze-Skulptur „BalanceAkt Kinderrechte“. Dazu gehören 12 Stelen zu den Themen Kinderrechte und „Was Kinder brauchen“. Der Standort im Dr. Ferdinand-David-Park liegt idealerweise genau am Rathaus, dem Allerwelthaus und „Ein Haus für Kinder“ des Kinderschutzbundes. Besser kann das Zusammenspiel von Politik, engagierten Vereinen und Bürgern nicht dokumentiert werden.
Ziel
Mit diesem Projekt sollen die Kinderrechte nicht nur öffentlich nachzulesen sein. Sie sollen auch einen Impuls für die Stadt, die Region, das Land und darüber hinaus geben, Kinderrechte zu respektieren und konsequent umzusetzen. Dieses ist leider noch nicht überall verwirklicht. Nach wie vor werden die Kinderrechte an vielen Stellen in der Welt missachtet, auch in Deutschland, auch in Hagen, auch in Familien und Einrichtungen, die persönlich bekannt sind. Mit Nachdruck müssen wir uns für die Einhaltung der Kinderrechte einsetzen, damit die Situation der Kinder verbessert wird. Gewalt an Kindern, Vernachlässigung und Armut sind nur drei Stichworte einer großen Palette an Notwendigkeiten, die in den Kinderrechten verankert sind.
Skulptur „BalanceAkt Kinderrechte“
Die aus Bronze gefertigte Skulptur stellt ein Kind dar, das ein Buch mit den Kinderrechten hoch hält, während es über einen mit Mosaiksteinen versehenen Regenbogen balanciert. Die fragile Gestaltung der Plastik soll darauf hinweisen, wie gefährdet die Kinderrechte heute noch immer sind, obwohl sie von so vielen Nationen anerkannt werden. Das Kunstwerk wurde von dem Künstler Prof. Alexander Parfeonov aus Smolensk geschaffen. Die Planung, die Herstellung, der Transport und das Aufstellen der Skulptur lagen in der Verantwortung des Freundeskreises Hagen-Smolensk e. V.

Foto: Deutscher Kinderschutzbund Hagen
12 Stelen über Kinderrechte
Die Skulptur „BalanceAkt Kinderrechte“ erhält eine wichtige Ergänzung durch 12 Stelen, die als ein „Pfad der Kinderrechte“ durch den Park führen. Es gibt zwei Laufrichtungen. In der einen Richtung werden die Kinderrechte stichwortartig aufgezählt, in der anderen Laufrichtung „Was Kinder brauchen“. Beginnend am Rathaus gibt es eine Stele, auf der ein Buch aufliegt, in dem die Kinderrechte im Originaltext nachgelesen werden können. Am Ende befindet sich eine Stele, auf der wiederum ein Buch aufliegt. Dieses geht darauf ein, was Kinder brauchen und präsentiert Aussagen von Kindern, Gedichte und Sinnsprüche usw. Die Realisierung der gradlinigen Kinderrechte-Stelen lag in den Händen des Kinderschutzbundes. Sie wurden von dem Hagener Edelstahldesigner Dirk Surma gestaltet.

Foto: Rainer Deimel
Begleitprojekte
Der Kinderschutzbund und auch das Allerwelthaus werden in Kooperation mit Schulen, Kindertagesstätten und Jugendeinrichtungen und anderen sozialen Initiativen immer wieder kreative Begleitprojekte durchführen. Kinder, Jugendliche und Erwachsene sollen angeregt werden, sich mit den Kinderrechten und Bedürfnissen von Kindern zu beschäftigen.
Entstehung der Idee – eine internationale Geschichte
Auf dem Rückweg von Hagens Partnerstadt Smolensk hat Christa Burghardt (Kinderschutzbund Hagen) zufällig in Moskau die Skulpturengruppe „Die Laster der Erwachsenen“ des Künstlers Michael Schemjakin entdeckt. 15 einzelne, große Bronze-Skulpturen zeigen kreisförmig angeordnet sehr plastisch menschliche Laster, unter denen insbesondere Kinder zu leiden haben. Zum Beispiel wird ein Mann dargestellt, der ein Kind mit einem Rohrstock schlägt. Sie entwickelte die Idee, dass es eigentlich auch eine Skulpturengruppe geben müsste, die darstellt, was Kinder brauchen, beispielsweise Liebe, Geborgenheit, verlässliche Eltern usw. Nach ihrer Reise traf sie auf Hans-Werner Engel (heute Vorsitzender des Vereins Freundeskreis Hagen-Smolensk e.V.), der diese Skulpturengruppe ebenfalls kannte. Es wurde der Gedanke geboren, sich in Hagen für ein positives Gegenstück zu den Schemjakin-Skulpturen zu engagieren. Der Vorstand des Freundeskreises bat daher den Smolensker Künstler Prof. Alexander Parfeonov, entsprechende Entwürfe anzufertigen. Mitte 2009 einigten sich die Beteiligten auf einen Entwurf, bei dem ein Kind auf einem Regenbogen balanciert und das Buch der Kinderrechte hochhält. Eine komplette Skulpturengruppe wäre wirtschaftlich nicht zu realisieren gewesen. Damit „Was Kinder brauchen“ und die Kernaussagen der „Kinderrechte“ dennoch ausführlich dargestellt werden können, wurde die Idee entwickelt, 12 Kinderrechte-Stelen in dem Park zu integrieren. In der Folge wurden alle notwendigen Aktivitäten entfaltet, um dieses Skulpturen-Projekt in Hagen zu verwirklichen – auch als eine schöne und dauerhafte Ausdrucksform der Städtepartnerschaft Hagen-Smolensk, die 2010 ihr 25-jähriges Bestehen feiert.

Foto: Rainer Deimel
Schirmherrschaft
Die Schirmherrschaft für das Kinderrechte-Skulpturenprojekt haben der Oberbürgermeister der Stadt Hagen, Herr Jörg Dehm und seine Ehefrau Birgit Dehm übernommen.
Finanzierung des Projektes
Die Finanzierung des Projektes erfolgte ausschließlich durch Spenden. Neben Dienstleistungs- und Geldspenden von Privatpersonen und aus der Wirtschaft ist es besonders erfreulich, dass die Partnerstadt Smolensk und die Bezirksvertretung Mitte der Stadt Hagen das Kinderrechte-Projekt gefördert haben.
Ein herzliches Dankeschön
Allen Menschen, die sich an der Verwirklichung dieses Projektes beteiligt haben, muss an dieser Stelle für ihr Engagement vielmals gedankt werden.
Übergabe der Skulptur und Stelen
Genau am internationalen Weltkindertag, der in jedem Jahr immer am 20. September weltweit stattfindet, wurden das Kunstwerk sowie die Kinderrechte-Stelen in einem Festakt während eines Kinderfestes an die Kinder und Erwachsenen dieser Stadt übergeben.




Foto: Kinderschutzbund Hagen
Rechte für Kinder
Hallo Kinder!!!
Hier im Park steht ein Kunstwerk, auf dem ein Kind auf einem Regelbogen balanciert. In der Hand hält es das Buch „Meine Rechte“. Das ist ein Buch, das für Euch sehr wichtig ist. Denn darin steht, dass Kinder Rechte haben. Jedes Kind hat Rechte, auch Du. Die Kinderrechte wurden von den Politikern aus der ganzen Welt besprochen und aufgeschrieben. Alle Menschen sollen sich daran halten, damit es jedem Kind gut geht, egal ob es in Hagen lebt oder in Afrika oder sonstwo.

Foto: Deutscher Kinderschutzbund Hagen
Wer will, kann die Kinderrechte gerne nachlesen. Sie stehen hier im Park in einem Buch, das sich gegenüber dem Rathaus befindet. Der Text der Kinderrechte ist sehr lang. Leider ist er auch oft kompliziert geschrieben worden. Das war für die Erwachsenen wichtig, damit alles ganz genau ist und genau eingehalten werden kann. Hier im Park sind aber auch 10 Tafeln aus Edelstahl aufgestellt worden. Da werden die Kinderrechte kurz aufgezählt. Und auf der Rückseite steht, was Kinder alles brauchen. Da ist bestimmt vieles dabei, was Ihr braucht und was Du brauchst.

Foto: Rainer Deimel
Gerne können Kinder in das Allerwelthaus oder in den Kinderschutzbund gehen und nach den Kinderrechten fragen. Das sind die beiden Häuser, die hier am Park stehen. Wir sprechen gerne mit Euch darüber. Und wenn es etwas gibt, was man verändert haben möchte, kann man auch an das Rathaus schreiben, besonders an den Oberbürgermeister. Das Rathaus ist das große Gebäude an der Volme, das man von hier aus sehen kann.
Wir freuen uns, dass sich so viele Kinder und Erwachsene für die Kinderrechte interessieren. Sprecht viel darüber und kommt ruhig oft hierher, um alles nachzulesen. Wir machen dazu für Gruppen oder Schulklassen auch kleine Workshops. Die sind ganz prima, weil man dann viel mehr erfährt und auch noch Spaß dabei hat. Denn wir malen, basteln und machen dann viele interessante Dinge mit Euch. Fragt einfach beim Kinderschutzbund oder Allerwelthaus nach, wann wieder ein Workshop ist.

Foto: Rainer Deimel
Es ist wichtig, dass Du Deine Rechte kennst. So wie Du zu Hause manchmal Pflichten hast oder für die Schule Hausaufgaben machen musst, so müssen die Erwachsenen dafür sorgen, dass die Rechte von Kindern eingehalten werden. Wenn Du Dir hier im Park Deine Rechte auf den Tafeln ansiehst, merkst Du selbst, ob Deine Rechte in der Schule, in Deiner Familie, in der Nachbarschaft oder anderswo geachtet werden. Dann kannst Du mit Deinen Eltern, Lehrern und anderen Erwachsenen darüber sprechen. Du kannst ihnen auch sagen, was verändert werden muss. Denn das ist zum Beispiel auch ein Kinderrecht: Jedes Kind darf seine Meinung nämlich frei äußern.

Foto: Rainer Deimel
Übrigens: Die Kinderrechte sind für alle Kinder in der ganzen Welt gleich.
Euer Kinderschutzbund
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Foto: Rainer Deimel
Kinderwünsche
Ich möchte, dass alle Menschen auf der Welt glücklich sind und sich vertragen.
Anna, 7 Jahre
Ich möchte, dass jedes Kind einen Schutzengel hat.
Leonie, 11 Jahre
Es soll keinen Krieg geben.
Jonathan, 12 Jahre
Ich will, dass wir uns alle lieb haben.
Lilli, 8 Jahre
Es soll keine Katastrophen geben.
Nicola, 14 Jahre
Mein Krebs soll weggehen. Ich will gesund sein. Alle anderen auch.
Florian, 11 Jahre
Ich bin ganz froh, wenn Mama und Papa sich vertragen.
Kim, 11 Jahre
Ich möchte, dass die Politiker Wort halten.
Coco, 14 Jahre
Ich möchte auf unserer Wiese spielen. Da werden wir immer weggejagt.
Hakan, 8 Jahre
Ich möchte in der Schule gut sein.
Antonio, 11 Jahre
Es ist so schön, wenn Papa oder Mama mir eine Gute-Nacht-Geschichte vorlesen.
Leonie, 8 Jahre
Meine Eltern sind geschieden. Das will ich nicht.
Violetta, 9 Jahre
Ich finde meine Eltern cool, weil ich denen alles erzählen kann.
Nick, 12 Jahre
Wenn ich mal etwas aus Versehen kaputt mache, sollen die Großen nicht schimpfen.
Martha, 7 Jahre
Am liebsten würde ich den ganzen Tag spielen und toben.
Leon, 10 Jahre
Ich möchte Freunde haben.
Max, 12 Jahre
Ich wünsche mir ein Kaninchen. Das ist so schön kuschelig.
Chiara, 5 Jahre
Ich möchte mich mit meiner allerbesten Freundin wieder vertragen.
Oxana, 10 Jahre
Ich mache gerne Sport. Am liebsten spiel ich Fußball.
Hassan, 10 Jahre
Ich möchte mal berühmt werden.
Paula, 14 Jahre
Ich bin so gerne bei meiner Oma. Die erzählt immer so schöne Geschichten.
Lisa, 7 Jahre
Mein Opa macht immer ganz tolle Sachen mit mir. Basteln und so.
Felix, 12 Jahre
Wenn ich groß bin, möchte ich einen Mann haben und Kinder und ein Pferd und alle sollen sich lieb haben.
Luise, 8 Jahre
In der Schule sollen mich die Kinder nicht immer so ärgern.
Matteo, 9 Jahre
Meine Eltern sollen sich nicht immer zanken.
Ivo, 7 Jahre
Ich wünsche mir ein Fahrrad.
Mustafa, 7 Jahre
Ich möchte mal einen tollen Beruf haben. Am liebsten Pilot.
David, 13 Jahre
Ich möchte gerne Keyboard lernen, aber meine Eltern haben kein Geld.
Alexander, 11 Jahre
Zu meinem Geburtstag möchte ich alle meine Freundinnen einladen.
Melina, 10 Jahre
Ich wünsche mir eine 4 in Mathe.
Gregori, 12 Jahre
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Foto: Rainer Deimel
Kinderängste – Kindersorgen
Immer werde ich ausgemeckert.
Lucca, 12 Jahre
Meine Freundin durfte nicht mit zur Klassenfahrt, weil ihre Eltern kein Geld haben.
Oxzana, 11 Jahre
Meine Mama hatte kein Geld für Turnschuhe. Da habe ich geschwänzt.
Kevin, 12 Jahre
Wir gehen immer zur Suppenküche und zum Suppenkasper. Da können wir essen.
Vivian, 10 Jahre
Die anderen kriegen viel mehr Taschengeld und Klamotten. Aber Vater ist arbeitslos. Da geht das nicht.
Melina, 13 Jahre
Im Winter hatte ich lange ein Loch in meinen Schuhen, aber ich habe es nicht gesagt.
Samira, 9 Jahre
Ich wäre ja freundlich zu unserem Nachbar, aber der jagt uns immer von der Wiese.
Mehmet, 11 Jahre
Die Frau soll nicht immer vom Balkon schreien, wenn wir auf dem Spielplatz sind.
Kolja, 8 Jahre
Als ich mit Kreide vor der Haustür gemalt habe, bin ich ausgeschimpft worden.
Aishe, 10 Jahre
Warum können nicht alle Menschen glücklich sein?
Julia, 13 Jahre
Meine Mutter ist psychisch krank. Aber das soll keiner wissen.
Greta, 13 Jahre
Immer nur Handy, SMS, PC und chatten bringt es nicht. Aber wenn ich nicht mitmache, bin ich out und die ziehen ohne mich los.
Lukas 15 Jahre
Ich hasse Ungerechtigkeit.
Dina, 13 Jahre
Die Erwachsenen tun immer so, als ob sie alles besser wissen.
Aylin, 15 Jahre
Alle reden von einer besseren Umwelt und machen nur Mist.
Simon, 14 Jahre
Ich will nicht, dass ES passiert.
Anonym, Missbrauchsopfer
Wir wollen nicht, dass unsere Eltern uns immer schlagen.
Kinder einer Familie
Papa haut Mama immer und ich habe dann Angst.
Junge aus dem Frauenhaus
Meine Mama weint viel und ist oft traurig.
Mädchen einer Freizeitgruppe
Meine Mutter tratscht einfach herum, was ich ihr anvertraut habe.
Tochter
Mein Vater hat versprochen, mit dem Trinken aufzuhören, aber der macht das sowieso nicht und wird immer weitersaufen.
Sohn
Meine Eltern kümmern sich sowieso nicht um mich.
Jugendliche
Meinen Eltern ist es egal, was ich mache.
Jugendlicher
Die Mutter von meinem Freund liegt nur faul herum und dröhnt sich voll.
Ein Freund
Meine Freundin hat zu Hause die Hölle. Sie darf überhaupt gar nichts, wird nur angebrüllt und herum kommandiert.
Eine Freundin
Mein Onkel tut immer so cool, dabei will er mich nur begrapschen.
Nichte
Meine Tante meint, sie müsste mich immer betätscheln und betüddeln.
Neffe
Mein Lehrer demütigt mich immer vor der ganzen Klasse.
Schülerin
In der Schule finden mich alle doof.
Schüler
Mich hat keiner lieb.
Anonym
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Foto: Rainer Deimel
Kinder in der 3. Welt – Das ABC des Leidens
Ergebnisse eines Workshops mit Jugendlichen
AIDS-Waisen
Alkohol und Drogen
Angst
Armut
Bettelnde Kinder
Flüchtlingskinder
Genitalbeschneidungen von Mädchen
Gewaltopfer
Hoffnungslose Kinder
Hunger
Katastrophen
Kinderarbeit
Kinderpornografie
Kinderprostitution
Kindersklaven
Kindersoldaten
Kindersterblichkeit
Klau-Kinder
Krankheiten, unversorgt
Medizinische Versorgung, unzureichend
Mordopfer
Müllhaldenkinder
Nackte Angst
Säuglingssterblichkeit
Schnüffel-Kinder
Schulen, fehlend oder unzureichend
Selbstmord
Selbstzerstörung
Seuchen
Sextourismus
Slums
Traumatisierte Kinder
Trostlosigkeit
Unterernährung
Verschleppte Kinder
Verstümmelte Kinder
Zerbrechliche Körper
Zwangsverheiratung
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Wir sind Kinder einer Welt
Ergebnisse eines Workshops
Den Kindern in Afrika, Asien, Lateinamerika und überall auf der Welt soll es gut gehen.
Kein Kind darf hungern.
Jedes Kind braucht eine medizinische Versorgung bei Krankheit.
Kein Kind darf an Unterernährung und wegen fehlender medizinischer Versorgung sterben.
Keinem Kind darf körperliche, sexuelle oder seelische Gewalt angetan werden.
Kein Kind darf zur Prostitution und Pornografie missbraucht werden.
Mädchen dürfen nicht beschnitten werden.
Kein Kind darf ausgebeutet werden.
Es darf keine Kinderarbeit geben.
Alle Kinder müssen lesen und schreiben lernen und brauchen eine Schule.
Alle Jugendlichen brauchen eine Berufsausbildung.
Es darf keine Flüchtlingskinder geben, die gezwungen sind, ihre Heimat zu verlassen.
Kein Kind darf verschleppt werden.
Jedes Kind braucht Hilfe in Notsituationen.
Es darf keine Kindersoldaten geben.
Alle Kinder brauchen Frieden.
Jedes Kind braucht Achtung, Würde und eine gute Lebensgrundlage.
Jedes Kind hat ein Recht auf die Verwirklichung der UN-Kinderrechtskonvention.
Kinder in der 3. Welt brauchen uns.
Weil Kinder in der 3. Welt arm sind, können wir hier reich sein.
Diese Ungerechtigkeit muss aufhören.
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Kinderschutzbund Hagen in der Rubrik „Qualität: Inspiration“ im ABA-Netz
NAGEL-Redaktion – Welche Bildung leistet die Offene Arbeit?
Von Rainer Deimel
Bildung ist keineswegs das Privileg von Schulen. Die Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen verfügt nicht selten über geeignetere Möglichkeiten und Methoden zum Bildungserwerb. Ein wesentliches Merkmal in der Offenen Arbeit ist, dass Bildung im Transfer stattfindet; Kinder und Jugendliche eignen sich Erfahrungen durch aktive Auseinandersetzung und Handeln an.
Dass „Bildung“ seit Jahrhunderten etwas sehr Kreatives beschreibt , belegt auch der Blick in das Wörterbuch:
bilden, Verb, ‚formen, gestalten, hervorbringen, darstellen, sein‘, übertragen ‚erziehen, die geistigen Anlagen entwickeln‘, althochdeutsch biliden ‚formen, gestalten, zum Beispiel geben, nachahmen‘ (9. Jahrhundert) und bilidon ‚abbilden, nachahmen, Vorbild sein, gestalten‘ (8./9. Jahrhundert, vom 10. Jahrhundert an vorherrschend), postnominale Ableitungen von althochdeutsch bilidi (Bild), fallen zusammen in mittelhochdeutsch bilden ‚mit Bildern verzieren, gestalten, nachbilden, vorstellen‘ (gleichbedeutend mittelniederdeutsch belden, bilden und niederländisch beelden ‚bilden, abbilden, malen‘). Das bis heute ein Formen realer Gegenstände, namentlich ein Gestalten visuell erfassbarer Kunstwerke (bildende Kunst, 18. Jahrhundert, anfangs im Plural) bezeichnende Verb findet im Sprachgebrauch der Mystiker auch Anwendung auf den geistig-seelischen Bereich; von der Mitte des 18. Jahrhunderts an und besonders in der Klassik wird bilden zum Ausdruck für die Bestrebungen der bürgerlich-humanistischen Pädagogik; gleichzeitig werden daher auch das Partizipialadjektiv gebildet, das das Erziehungsergebnis kennzeichnet, und dessen Substantivierung der Gebildete üblich. Sich anschließende Präfixbildungen sind abbilden, Verb ‚im Bilde darstellen‘ (16. Jahrhundert; dazu Abbildung für ‚bildliche Wiedergabe‘, 2. Hälfte 16. Jahrhundert); ausbilden, Verb, ‚mit bestimmten Kenntnissen und Fertigkeiten versehen‘, auch ‚entwickeln, formen‘, mittelhochdeutsch uzbilden ‚eine Nachbildung zeigen‘ (dazu Ausbildung für ‚Schulung, Entwicklung‘, 1. Hälfte 17. Jahrhundert); einbilden, Verb, reflexiv ’sich der Wirklichkeit widersprechende Vorstellungen machen, sich etwas in den Kopf setzen‘, mittelhochdeutsch inbilden ‚einprägen, in der Seele abbilden‘ (bei den Mystikern), im älteren Neuhochdeutsch (reflexiv) noch allgemein ’sich etwas vorstellen‘, dann ’sich falsche Vorstellungen machen‘ (auch hinsichtlich des eigenen Wertes); dazu gehören Einbildung für ‚falsche Vorstellung , Überheblichkeit‘, mittelhochdeutsch inbildunge ‚das Einbilden, in die Seele senken‘, das Kompositum Einbildungskraft für ‚Phantasie‘ (1. Hälfte 17. Jahrhundert, vereinzelt im 16. Jahrhundert) sowie das in jüngerer Zeit sich verselbstständigende eingebildet, Partizipialadjektiv ‚überheblich‘ (17. Jahrhundert). Bildner ‚Gestalter, Former‘, althochdeutsch bilidari, bilideri ‚Bildner, Gestalter, Schöpfer‘ (9. Jahrhundert), mittelhochdeutsch bildaere, bildenaere ‚Bildner, Schöpfer‘, auch ‚Vorbild, Muster‘, mittelhochdeutsch Bilder ‚Schöpfer‘ noch bis ins 18. Jahrhundert neben sich schließlich durchsetzendem Bildner, das jetzt auf die gehobene Ausdrucksweise beschränkt ist oder als zweites Kompositumsglied z.B. in Bühnen-, Kostüm-, Maskenbildner vorkommt; bildsam Adjektiv ‚formbar‘, übertragen auch ‚für Lehren empfänglich, erziehbar‘, vereinzelt spätmittelhochdeutsch bildsam ‚vorbildhaft‘, neuhochdeutsch in den heutigen Verwendungen seit Mitte des 18. Jahrhunderts Bildung für ‚der Vorgang des Entfaltens der geistigen Anlagen, des Erziehens sowie dessen Ergebnis‘, auch ‚Schaffung, Formung‘ und ‚Gestalt‘, althochdeutsch bilidunga ‚Widerschein, Abbild‘ (11. Jahrhundert), bei Notker (für lateinisch imaginatio) ‚Vorstellung, Vorstellungskraft‘ (vgl. altsächsisch unbilidunga ‚Unförmigkeit‘, 11. Jahrhundert), mittelhochdeutsch bildunge ‚Bildnis, Gestalt, Muster‘, in der Mystik ‚Phantasie‘, neuhochdeutsch zunächst vor allem ‚bildliche Darstellung, Abbild‘ und (sehr verbreitet im 18. Jahrhundert) ‚Gestalt‘, seit Mitte des 18. Jahrhunderts (dem Verb bilden entsprechend) auch ‚geistig-seelische Formung des Menschen, Erziehung‘.
aus: Wolfgang Pfeifer et al.: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, 2. Auflage, München 1993
Welche Bildungs-Komplexe werden in der Offenen Arbeit stimuliert?
- Sensitive Bildung > mit allen Sinnen lernen
- Praktische Bildung > manuelles, grob- wie feinmotorisches Lernen
- Persönliche Bildung > Erwerb von Kompetenz
- Kognitive Bildung > abstraktes Lernen > Lösung von Problemen
- Soziale Bildung > Erwerb solidarischen Verhaltens
- Politische Bildung > Herstellung gesellschaftlicher Zusammenhänge
- Kulturelle/ästhetische Bildung > Schöpferische/künstlerische Befähigung (Theater, Musik, bildnerisches Gestalten, Film, Fernsehen, Computer usw.)
- Methodische Bildung > Erwerb spezifischer Fähigkeiten
- Emotionale Bildung > Erwerb emotionaler Kompetenz
- Korporale Bildung > In der Bewegung (Spannung/Entspannung) wird die Entfaltung menschlicher Intelligenz günstig stimuliert, Essgewohnheiten usw.
Rolle der PädagogInnen
PädagogInnen sind weder „Raumwärter“ noch „Betreuer“. PädagogInnen haben einen kind- bzw. jugendgerechten (Lern- und Bildungs-) Rahmen zu organisieren. Pädagogik begreift sich in einem solchen Sinne als Rahmengestalter und Milieukonstrukteur.
Ferner muss seitens der Pädagogik eine Lobbyrolle eingenommen werden. Deren Grundlage fußt auf einer partizipatorischen Haltung: Pädagogik nimmt Bedürfnisse, Anliegen, Problemsituationen u.a. wahr und bemüht sich um eine erfolgreiche Dolmetscherfunktion. Pädagogik transportiert ihr Wissen über ihr Zielgruppen und -personen an hilfreiche Personen, Gremien, Politik usw. Dies geschieht unter dem Motto: „Ich habe wahrgenommen, dass …, schließe daraus … und so weiter“ und nicht: „Ich weiß, was für dich/euch gut ist.“
Pädagogik heißt auch Animation; dies verstanden in dem Sinne, Angebote vorzuhalten und eine Vielfalt an Optionen zu schaffen, die von den Kindern und Jugendlichen als attraktiv erlebt werden können. Pädagogik sorgt somit für Anregungen und Aktivitäten, die auf einer lustvollen und möglichst selbstbestimmten (freiwilligen) Basis angenommen werden.
Die Basis pädagogischen Handeln bildet die „Beziehungs-Arbeit“. Sie ist allerdings keineswegs – wie häufig in der Praxis postuliert – das alleinige Element professionellen Tätigwerdens. Die anderen beschriebenen Faktoren spielen eine ebenso bedeutsame Rolle. Kinder und Jugendliche erfahren persönliche und emotionale Wertschätzung, Bestätigung in ihrem Tun; sie erfahren Solidarität, lernen Unterschiede zu erkennen, zu respektieren und auszuhalten. Eine sich so begreifende pädagogische Haltung hat den Aspekt der Integration konstruktiv verinnerlicht.
Merke: Jedes Kind (jeder Jugendliche, jeder Erwachsene) ist prinzipiell unbelehrbar (nach Prof. Dr. Gerold Scholz, Universität Frankfurt am Main). Junge Menschen können nur lernen. Lernen ist ein Prozess, den Pädagogik mit den jungen Leuten gestaltet. Lernen findet lustvoll statt. Lernen muss Freude machen. „Fehler“ zu machen ist eine der wichtigsten Lernressourcen: Probieren, Fehler machen, nachdenken, erneut probieren, wiederholen … Die Einordnung misslungener Versuche als „Fehler“ ist eine unhaltbare Bewertung Erwachsener. Um zu begreifen, müssen Kinder „das Rad immer wieder neu erfinden“. Und schließlich: Lernen ist kontextabhängig.
Vorsicht! Falle! „Betreuung“ => Emanzipationsverhinderung (Motto: Ich weiß, was für dich am besten ist!)
Beschützen, Behüten, Bewahren, Behindern …
Literatur zum Kontext
Eckhard Schiffer:
Der Kleine Prinz in Las Vegas
Warum Huckleberry Finn nicht süchtig geworden ist
Warum Hieronymus B. keine Hexe verbrannt hat
Elisabeth C. Gründler/Norbert Schäfer:
Naturnahe Spiel- und Erlebnisräume
Jean Liedloff:
Auf der Suche nach dem verlorenen Glück
Wilhelm Rotthaus:
Wozu erziehen?
Angaben zum Autor:
Rainer Deimel, Jahrgang 1953, ist Bildungsreferent beim ABA Fachverband Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen und Systemischer Berater DGSF.
NAGEL-Redaktion – Lebensraum Schule
Interview mit Dr. Ulrich Deinet,
außerordentlicher Professor für Sozialpädagogik, Fachhochschule Düsseldorf
nds: ?Kooperation oder freundliche Übernahme? lautet der Titel einer Ihrer Aufsätze. Sollte man angesichts vieler Widrigkeiten auf eine Zusammenarbeit zwischen Jugendhilfe und Schule lieber verzichten?
Deinet: Nein. Die Schule ist nach der Familie der wichtigste Lebensraum von Kindern und Jugendlichen. Darum muss die Jugendhilfe sich gemäß ihres Auftrages, Lebenswelten zu verbessern, um diesen Bereich kümmern. Aus schulischer Sicht gibt es auch keine Alternative. Gerade in Stadtteilen mit großen Problemen gibt es ? aus der Not geboren ? viele Beispiele erfolgreicher Kooperation. Es geht längst nicht mehr um die Frage, ob die beiden Systeme zusammenarbeiten können, sondern darum wie sie es tun. Leider muss man feststellen, dass beide Bereiche neue Entwicklungen im jeweils anderen Feld häufig nicht registrieren und alte Vorurteile pflegen, die man erst einmal ausräumen muss. Im Rahmen meiner Tätigkeit beim Landesjugendamt Westfalen-Lippe haben wir vor einiger Zeit begonnen, zu Fortbildungen Leitungskräfte aus Jugendamt, Schulträgergemeindenaufsicht und Schulverwaltung einzuladen. Alle empfanden es als positiv, sich im geschützten Raum austauschen zu können. Dieser Austausch sollte während der Ausbildung beginnen. Unsere Studenten werden z. B. im kommenden Semester Praktika an einer Hauptschule absolvieren. Auf lange Sicht sollten Fachhochschulen innerhalb des sozialpädagogischen Studiums einen Schwerpunkt ?Schule? bilden. Und es wäre gut, wenn auch Lehramtsstudenten so früh wie möglich Erfahrungen in anderen pädagogischen Feldern als Schule sammeln.
nds: Wie kann Zusammenarbeit gelingen?
Deinet: Der Bereich Jugendhilfe wird von Außenstehenden als etwas sehr Diffuses wahrgenommen. Von den 175 Jugendämtern des Landes experimentiert z.B. über die Hälfte mit ?Neuer Steuerung?, so dass es nicht leicht ist, festzustellen, wo die einzelnen Zuständigkeiten liegen. In NRW gibt es unzählige Gemeinden, die zwar Schulträger sind, aber nicht auch Jugendhilfeträger. Auch wenn es etwas trocken erscheint, der Dreh- und Angelpunkt einer gelingenden Zusammenarbeit ist ihre Struktur. Es darf nicht sein, dass es von engagierten Einzelkämpfern abhängt, ob Kooperation gelingt. Verlässliche Strukturen, die so flexibel sind, dass sie auf aktuelle Anforderungen angemessen reagieren können, muss man in den meisten Fällen allerdings erst noch schaffen. Wichtig ist eine zentrale Stelle, die die Zusammenarbeit koordiniert.
nds: Viele Schulsozialarbeiter beklagen, dass sie als ?Feuerwehr? für problematische SchülerInnen betrachtet werden.
Deinet: Auch hier spielt die Organisations-Struktur eine Rolle. Wenn Schulsozialarbeit schulstandortbezogen organisiert ist, wobei die Fach- und Dienstaufsicht bei der Schule liegt, werden SchulsozialarbeiterInnen häufig als Erziehungsgehilfe der Schule angesehen. Dies ist problematisch. Niemand wird jemals in der Lage sein, den angemeldeten Bedarf auch nur annähernd zu decken. Ich spreche mich gegen bloße Einzelfallorientierung aus und plädiere statt dessen für eine lebensweltbezogene Schulsozialarbeit, die sich an den Interessen der Kinder und Jugendlichen und Problemen ihrer Lebenswelt orientiert. Dafür ist es vorteilhaft, Schulsozialarbeit strukturell im Bereich der Jugendhilfe zu verankern und mit anderen Institutionen zu kooperieren.
nds: Was bedeutet das konkret?
Deinet: Viele individuelle Probleme haben Ursachen in den Lebensbedingungen der Schüler. Wer Schulsozialarbeit macht, sollte wissen, wo die SchülerInnen wohnen und ihre Freizeit verbringen. Dazu hilft es, im Stadtteil der Schule aufmerksam spazieren zu gehen und auch mal öffentliche Verkehrsmitteln zu benutzen. Aus der Analyse der Lebenswelt ergeben sich dann Angebote, die nicht immer an der Schule stattfinden müssen. Gerade aus Sicht oft schulmüder Kinder und Jugendlichen kann es positiv sein, wenn der Ort ein von Schule deutlich unterscheidbares Profil besitzt, das sie selbst gestalten können. Außerdem ist es weder notwendig noch möglich, als Quasi-Therapeut aufzutreten und alle Probleme persönlich zu lösen. Man sollte vielmehr Ressourcen anderer kommunaler Beratungsstellen nutzen. Jugendarbeit ist nicht nur Beziehungsarbeit. Auf der anderen Seite ist es wichtig, sich nicht zu verzetteln und vor lauter Bestrebungen, sich zu vernetzen, nur noch in Gremien zu hocken. Schulsozialarbeiter arbeiten in einem Feld, in dem sich Schule und Jugendhilfe überschneiden und brauchen sehr viel Erfahrung und Kompetenz, um die Eigenständigkeit ihres Arbeitsfeldes zu behaupten. Schulsozialarbeit ist daher kein Arbeitsfeld für Berufsanfänger.
nds: Wie beurteilen Sie den Stand der Zusammenarbeit.
Deinet: Wir sind auf einem guten Wege, auch wenn es immer noch viele weiße Flecken auf der Landkarte der Kooperation gibt. Die Zusammenlegung der Ministerien für Jugend und Schule war ein Schritt in die richtige Richtung. Kinder- und Jugendarbeit muss sich auf ihren Bildungsauftrag besinnen. Gerade nach PISA konzentriert sich die Schule verständlicherweise ein wenig einseitig darauf, bessere Schulleistungen zu erreichen. Allzu oft sucht Schule dann eher einen Gehilfen als einen Partner. Die Aufgabe der Jugendhilfe ist es allerdings nicht, durch noch intensivere Hausaufgabenbetreuung oder Aufsicht blind diesem Ziel zu folgen. Sie sollte vielmehr einen eigenen Bildungsbegriff entgegensetzen, der sich am besten durch ?Aneignung von Lebenswelt? beschreiben lässt. Informelle Kompetenzen zu stärken, alltagspraktische Fähigkeiten zu lernen, die in Elternhäusern teilweise nicht mehr vermittelt werden – mit diesem Lernfeld hat Jugendhilfe viel Erfahrung und damit ist Schule meist überfordert. Die offene Ganztagsschule ist eine gute Nagelprobe für die Kooperation, auch wenn es noch viele Kritikpunkte gibt. So hat die Auswertung von Modellversuchen gezeigt, dass zum Beispiel Mittel aus dem Zeitbudget der Landesregierung, die für die Förderung der Kooperation vorgesehen waren, auch für schulische Standardaufgaben verwendet wurden. Jugendhilfe muss darauf achten, dass sie nicht untergebuttert wird.
Das Interview führte Ulrike Büttner von der Redaktion der nds. Veröffentlicht wurde es in der Ausgabe 10/2003. Prof. Dr. Ulrich Deinet erklärte sich ebenso wie die Redaktion der ndsfreundlicherweise bereit, den Beitrag hier einstellen zu können.
Dortmund, im Oktober 2003
NAGEL-Redaktion – Kooperation zwischen Jugendhilfe und Schule
Über den Umgang mit Schnittflächen in Jugendarbeit, Jugendsozialarbeit und Schule
Von Bruno W. Nikles
Es besteht grundsätzlich wohl kein Zweifel an der Notwendigkeit einer engeren Kooperation von Jugendhilfe und Schule und es gibt eine ganze Fülle von einzelnen Beispielen und Ansätzen, wie eine solche Kooperation vor Ort aussehen kann. Kennzeichnend für die derzeitige Situation ist daher nicht, dass nichts geschieht, sondern
· dass es noch zu sehr aus einer Defizitperspektive heraus geschieht,
· dass sozusagen aus der Not Tugenden entwickelt werden,
· dass zu wenig systematisch an die Umsetzung von Kooperationen herangegangen wird und
· dass die schul- und jugendhilfepolitischen Perspektiven dieser Kooperation sich ernst noch verbreiten und festigen müssen.
In einer solchen Lage kann und muss man einerseits politische und konzeptionelle Signale setzen, andererseits aber auch sehr kritisch darauf schauen, wie man im Sinne gezielter Entwicklungen der Organisationen und der Handlungsansätze zu längerfristig tragfähigen Strukturen kommt und letztlich die Systeme, die heute zunehmend zum Teil nur noch mit großer Mühe der Erziehungs- und Bildungsaufgabe gerecht werden, verändert.
Zur Notwendigkeit einer kontextuellen Betrachtung
In einer sich sozial, ökonomisch und kulturell sicht- und spürbar rasch verändernden Gesellschaft bedarf es besonders kontextueller Betrachtungen, wollen wir uns nicht im Knäuel der vielfältigen Versuche, Modelle und Projekte verwickeln oder angesichts mangelnder Grundlinien an einzelnen Fällen ausschließlich ?abarbeiten?. Wir müssen strategisch-fachpolitisch darauf hinwirken, dass möglichst klare und tragfähige Orientierungsmuster und Handlungsstrukturen der weiteren Entwicklung Perspektive und Halt geben.
Kurze Orientierungen zu den Handlungsfeldern der Jugendarbeit und Jugendsozialarbeit
Hinsichtlich der Grundstrukturen der Jugendarbeit ist darauf hinzuweisen, dass es drei große – ihrerseits wiederum differenzierte – Bereiche gibt: die mitgliederbezogene verbandliche Jugendarbeit, die Offene Jugendarbeit (insbesondere in entsprechenden Einrichtungen) und die gemeinwesenorientierte Jugendarbeit. Im Hinblick auf die Schule sind die Angebote der verbandlichen Jugendarbeit eher alternativ und komplementär zu sehen, während die anderen Felder der Jugendarbeit ein breiteres Verknüpfungsspektrum anbieten können.
Unterteilt man die Aufgabenfelder der Jugendsozialarbeit, so ist dort zunächst die Jugendberufshilfe, die eher nachrangig in die Jugendhilfe eingeordnet ist, zu nennen. Sie kooperiert mit Schule und Ausbildungssektor, enthält auch Angebote, die schulische Defizite ausgleichen und korrigieren. Insgesamt hat sie eher komplementäre Funktionen.
Die Schulsozialarbeit kooperiert mit der Schule, kann aber systembezogen sowohl additiv zur Schule tätig werden oder in das Schulsystem integriert sein. Weitere sozialpädagogische Angebote der Jugendhilfe ergänzen Jugendberufshilfe und Schulsozialarbeit und nur indirekt auch die Schule.
Die Ausgangslage
Gewandelte gesellschaftliche Verhältnisse zwingen Jugendhilfe und Schule zur Diskussion und zur Kooperation. Die Zuneigung füreinander ist aus Gründen der unterschiedlichen Arbeitsperspektiven, der andersartigen Personalstrukturen und der jeweiligen Organisationskontexte begrenzt. Weil das so ist und weil von den unterschiedlichen Bedingungsstrukturen auch vielfältige Hemmnisse und Störungen ausgehen, muss besonders sorgfältig an diesen Bedingungsstrukturen gearbeitet werden.
Die Ausgangslage ist hinsichtlich der sozialen Probleme gekennzeichnet durch
· veränderte Kompetenzen und Reichweiten der Erziehung in der Familie,
· Grenzen der erziehungsbezogenen Leistungsfähigkeit unserer schulischen Systeme,
· gewandelte Verhaltensmuster und Lebenslagen von Schülerinnen und Schülern,
· Bedeutungsverlagerungen zwischen den – zum Teil neuen – Sozialisationsinstanzen und
· veränderte Lebensgewohnheiten und Arbeitsbedingungen in Zeit und Raum.
Auf diesem Hintergrund gibt es mannigfaltige Berichte, artikulierte Besorgnisse und Einschätzungen
· über Schulversagen (ein übrigens doppeldeutiger Begriff !),
· über psycho-soziale Defizite bei Schülern,
· über ?burn-out?-Syndrome bei Lehrkräften,
· über die Pluralisierung der ethnischen Landschaft mit einer Relativierung von Wertsystemen,
· über mangelnde Flexibilität und Flexibilisierbarkeit der Schulorganisation.
Wir werden auch kaum zu Lösungen kommen, bei denen wie bei einer mathematischen Formel ein eindeutig definiertes Ergebnis zustande kommt, zumal die Bedingungen von Ort zu Ort und von Handlungsausschnitt zu Handlungsausschnitt sehr verschieden sind. Wir sind deshalb verwiesen
· auf eine Klärung, wohin die Reise gehen soll,
· auf eine Verbesserung der gezielten Implementation und Evaluation und
· vor allem auf eine Stärkung der strukturbildenden Faktoren.
Die Systeme und die Schnittflächen
Die Betrachtung der Systemkontexte folgt vier zentralen Begriffen: Ziele, Regeln, Orientierungen und Leistungen. Diese Begriffe bezeichnen in Anlehnung an systemtheoretische Analysemuster die zentralen Funktionen, die ein Systemzusammenhang erfüllen muss, um eine gewisse Stabilität zu sichern und um zugleich die System-Umwelt-Beziehungen erfolgreich bearbeiten zu können. Man kann zunächst die Jugendhilfe, sodann die Schule und schließlich das Handlungsfeld ?Jugendhilfe-Schule? jeweils als System betrachten.
Aufgrund ihrer Verfasstheit und der Tatsache, dass gerade die Schnittflächen zu anderen Sozialisations- und Handlungsträgern schon immer die charakteristischen Arbeitsbereiche der Jugendhilfe darstellten, ist die Jugendhilfe in der systemischen Betrachtung der Zusammenhänge geübter als die Schule.
In diesem Bereich der Interorganisationsaufgaben, das heißt dem Verhältnis und den Funktionen zwischen Organisationen, liegt derzeit der umfangreichste konzeptionelle und organisationsbezogene Steuerungsbedarf. Organisationsentwicklungen werden aus den herrschenden wissenschaftlichen und praxisbezogenen Blickrichtungen in der Regel auf intraorganisationelle Aspekte reduziert und zu wenig unter interorganisationellen Aspekten gesehen. Dies ist ein Grund dafür, warum es auch Planungen ? wie zum Beispiel die Jugendhilfeplanung -, die die Organisationen überspannen sollen, so schwer haben. Meist werden die zwischen den beteiligten Organisationen ablaufenden Prozesse im Sinne von Aktions-Reaktions-Mustern betrachtet und es wird zuwenig darüber nachgedacht, welches die gemeinsamen Systemstrukturen sind, die solche Schnitt- und Grenzfelder auszeichnen – und sie lebensfähig halten. Wir müssen also vor allem die Schnittflächen betrachten, für die und in denen sich die Kooperationen abspielen, wenn Schule und Jugendhilfe gemeinsam neue und veränderte Systemkontexte auf Dauer schaffen wollen.
Wenn nun von Schule oder Jugendhilfe die Rede ist, so ist zunächst nicht die einzelne Schule, ein einzelner Schultyp oder ein einzelnes Arbeitsfeld der Jugendhilfe gemeint. Ferner stellen meine Ausführungen laterale – perspektivisch-pendelnde – Suchbewegungen in diesem systemischen Verständnis dar, nicht Antworten auf konkrete Sachverhalte, Bedingungen oder Situationen.
Die Systemfunktionen in Einzelbetrachtung
Eine zentrale Annahme meiner Überlegungen ist, dass ein soziales System verschiedene zentrale Aufgaben lösen oder bearbeiten muss, um Identität entwickeln und Stabilität gewinnen zu können.
- Eine erste Aufgabe ist darin zu sehen, dassZieleaufgestellt, verfolgt, in bestimmten Willensbildungsprozessen bearbeitet, angepasst, vereinbart, ersetzt oder neu festgelegt werden. Ein soziales System, dass in diesem Funktionsbereich Schwächen zeigt, muss zwar nicht sofort ins Schlingern geraten, wird aber auf Dauer nicht ausreichend Kraft zur Entfaltung seiner Möglichkeiten gewinnen können. Dies gilt auch für das Verhältnis von Jugendhilfe/Schule, das bemüht sein muss, dauerhaft sich zu etablieren und als System zwischen zwei unterschiedlich strukturierten Hauptsystemen sich zu entfalten.
- Wenn wir nicht bei einer spontanen, situativen Betrachtung stehen bleiben wollen, dann werden wir auch über die grundlegendenRegelnsprechen müssen, die dem Handlungssystem Jugendhilfe/Schule gegeben oder von diesem selbst entwickelt und gefestigt werden. Zu den Regeln gehören alle Aspekte der Organisation, der regelmäßigen Abläufe, der rechtlichen Absicherung, der Festlegung von Kooperationsstrukturen und Netzen. Der gute Wille, der sich in Programmaussagen erschöpft, wird allein nicht ausreichen, wenn nicht konkrete Vereinbarungen, Regeln und Organisationsstrukturen das Knochengerüst bilden.
- Es gilt drittens einen Bereich zu betrachten, den ich hier mitOrientierungenbezeichnen möchte. Man könnte ihn auch mit dem Begriff ?pädagogische Kultur? oder pädagogische Grundorientierung begrifflich fassen. Während die Ziele eine handlungsbezogene Qualität haben, ist unter Kultur zu verstehen, welche tragenden Grundorientierungen ein soziales System besitzt oder entwickelt.
- Der vierte Aspekt wird von mir mitLeistungenoder ?Ökonomie? bezeichnet und umfasst in Anknüpfung an das griechische Wort ?oikos? den gesamten Haushalt, d.h. alle Ressourcen, die ein Leistungs- und Austauschsystem benötigt, aber auch wiederum zur Verfügung stellt. Hier gilt es zu thematisieren, welche Ressourcen das System Jugendhilfe/Schule benötigt und erhält, in welchem Leistungsaustausch es mit anderen Systemen und der Umwelt steht und welche Wirkungen es entfaltet.
Ein systemischer Blick auf das Verhältnis von Jugendhilfe und Schule
Ziele
Die Zielperspektiven der Zusammenarbeit der beiden Systeme sind überwiegend noch stark defizitär bestimmt.
Im breiten Spektrum ihrer unterschiedlichen Aufgaben- und Handlungsfelder orientiert sich die Jugendhilfe aber nur zu einem Teil an defizitären Lebenslagen. Oder sie nimmt die defizitären Lebenslagen ?nur? als Anknüpfungspunkt einer weiterreichenden Perspektive. Ihre sozialpädagogische Gesamtorientierung ist nicht ausschließlich am ?Hilfe?-Muster orientiert, sondern nicht unwesentlich an Mustern der ?Förderung?, der ?Begleitung?, der ?Aktivierung? und der ?Selbstorganisation?. Die Balance zu halten zwischen dem letztlich zentralen sozialpädagogischen Gesamtanspruch und den durch sozialen Problemdruck entstehenden Anforderungen an ihre Rolle als Ausfallbürge für die Eltern, für die Schule, für das Ausbildungssystem und für den Arbeitsmarkt, das ist gerade in finanzwirtschaftlich angespannten Zeiten und unter Bedingungen abnehmender jugend- und sozialpolitischer Unterstützung ein höchst schwieriges Unterfangen. Dies umso mehr, als es die Jugendhilfe aus einer Hand nicht gibt, sondern in der Pluralität ihrer Angebote und Träger Lösungen gesucht werden müssen.
Die Schule definiert die Zielhorizonte der Jugendhilfe dagegen eher in einer die sozialpädagogische Orientierung reduzierende Form. Es sei exemplarisch darauf hingewiesen, dass bei der Umschreibung des Einsatzes sozialpädagogischer Fachkräfte an Gesamtschulen die sozialpädagogische Begrifflichkeit auf die ?sozialpädagogischen Hilfen? im engeren Sinne Anwendung findet und weder programmatisch noch argumentativ als mitkonstituierender Teil des gesamten pädagogischen Geschehens dargestellt wird.
Will man nicht Schulsysteme entwickeln und etablieren, die im Sinne von Tagesinternaten mit umfassender Leistungspalette arbeiten, sollen also die verschiedenen pädagogischen Leistungskontexte nicht völlig integriert werden, so ist gerade hier eine intensivierte Zielentwicklung notwendig, sowohl jeweils vor Ort als auch auf gesamtgesellschaftlicher und bildungspolitischer Ebene.
Regeln
Während wir für den schulischen Bereich zur Zeit noch über nur recht schwache Regelungsressourcen für das Miteinander von Schule und Jugendhilfe verfügen, hält das Kinder- und Jugendhilfegesetz eine ausreichend breite und tragfähige Palette an Regelungen bereit.
Hinzuweisen ist vor allem auf drei Punkte:
· auf die generelle Kooperations- und Koordinationsverpflichtung gemäß Â§ 81,
· auf die Planungsverpflichtung und die damit verbundene Abstimmung mit anderen Planungen gemäß Â§ 80 und
· auf die Arbeitsgemeinschaften nach § 78 KJHG.
Die Verpflichtung zur Zusammenarbeit ergibt sich für die Jugendhilfe zentral aus ihrer Anwaltfunktion für die Interessen und Bedürfnisse junger Menschen und folgt damit dem Programmsatz der Jugendhilfe (§ 1 KJHJG). Programmatisch, perspektivisch und fachlich kann die Jugendhilfe auf eine übergreifende Zusammenarbeit nicht verzichten, wenn sie eine ganzheitlich ausgerichtete und lebensweltorientierte Hilfe entwickeln und anbieten will. Aus dieser Sichtweise heraus ist die Jugendhilfe ganz praktisch und tatsächlich auch mit dem Versagen oder den Negativeffekten anderer Erziehungsinstitutionen konfrontiert: mit Erziehungsdefiziten der Familien, mit Grenzen schulischer Bildung, mit Zugangssperren und fehlenden Instrumenten im beruflichen Ausbildungssektor.
Bei der Kooperation zwischen Jugendhilfe und Schule ist darauf hinzuweisen, dass neben den Eltern nur die Schule gemäß Art. 7 GG einen eigenständigen Erziehungs- und Bildungsauftrag hat. Die Jugendhilfe leitet ihren Erziehungsauftrag gewissermaßen ab: zum einen von den Eltern und/oder von den jungen Menschen selbst. Dies insbesondere im Bereich der individuellen Leistungsansprüche auf Hilfen zur Erziehung. Darüber hinaus sind die Angebote, Dienste und Einrichtungen der Jugendhilfe ausgerichtet an den Prinzipien der Offenheit und Freiwilligkeit. Es kann kein der Schulpflicht vergleichbares Prinzip angerufen werden, nimmt man einmal einzelne Maßnahmen aus, die aufgrund gerichtlicher Anordnungen und Entscheidungen erfolgen, wo die Jugendhilfe selbst nicht Entscheidungsträger ist. Diese ?Schwäche? ist zugleich die Stärke der Jugendhilfe, sich nämlich konzentrieren zu können auf die sozialpädagogisch-fachliche Kompetenz, die die Offenheit des Regelungskontextes für flexible und jederzeit anpassungs- und entwicklungsfähige Angebote nutzt.
Das Schulsystem wird diese Flexibilität aufgrund struktureller Gegebenheiten nicht erreichen können. In Teilbereichen und einzelnen Schultypen müssen und können wir hier jedoch Strategien der Öffnung verfolgen. Die dazu notwendige Bereitschaft finden wir einstweilen noch überwiegend bei engagierten Einzelpersonen oder einzelnen Schulen, die sogar ihre Öffnung hart erarbeiten und vielfach erstreiten müssen. Es bedarf deshalb einer stärkeren rechtlichen und strukturellen Ausgestaltung auf Landesebene.
Richtet man den Blick auf die Instrumente, die das Kinder- und Jugendhilferecht über das generelle Kooperationsgebot für eine konkrete Zusammenarbeit bereithält, so ist sodann auf den Komplex der Jugendhilfeplanung und in deren Kontext auf den Jugendhilfeausschuss und die Arbeitsgemeinschaften hinzuweisen.
Der Träger der öffentlichen Jugendhilfe hat die Gesamtverantwortung und die Planungsverantwortung für die Aufgaben der Jugendhilfe. Bemerkenswert ist, dass es sich hier nicht um eine kommunale Planung handelt, die nur Teilaspekte des planerischen Gegenstandes umfasst, etwa die baulich-technische Infrastruktur oder ausschließlich die Grundstruktur des Versorgungskontextes – wie wir es bei der Schulentwicklungsplanung kennen, um ein hier naheliegendes Planungsinstrument vergleichsweise zu nennen. Die Jugendhilfeplanung umfasst also im Prinzip die gesamte Palette der Merkmale eines Handlungsfeldes: die konzeptionell- fachliche Entwicklung, die Personalentwicklung, die Organisationsentwicklung und die Entwicklung der ökonomischen Ressourcen. Und dies zugleich in partizipativer Form mit den in manchen Aufgabenfeldern der Jugendhilfe qualitativ und quantiativ dominierenden Trägern der freien Jugendhilfe, deren Autonomie die öffentlichen Träger nicht nur zu achten, sondern zu fördern haben, bei gleichzeitigem Versuch der gemeinsamen Ausrichtung an Planungszielen, Standards und Wirkungskriterien. Es handelt sich hier also um sehr vielschichtige und sehr anspruchsvolle Aufgaben, angesichts derer sich die systemübergreifenden Koordinationsaufgaben der Schule vergleichsweise bescheiden darstellen. Selbst die schulinternen Planungsaufgaben sind durch hoch arbeitsteilige, segmentierte und hierarchisierte Strukturen weniger komplex. Dies müssen vor allem Schulleute im Blick haben, die sich gelegentlich über die bunten Jugendhilfestrukturen wundern. Wer – bei allen Defiziten der Planung in der Jugendhilfe -. dann feststellt, dass doch ungeheuer vieles abgestimmt und koordiniert geschieht, der müsste eigentlich neidisch werden, die strenggefügten Schulstrukturen verlassen und Schule neu konzipieren.
Ein dritter und letzter Hinweis gilt den Arbeitsgemeinschaften. Diese in der Jugendhilfe seit Jahrzehnten in mehr oder weniger formalisierter Form gepflegten Arbeitsgemeinschaften haben in § 78 KJHG einen rechtlichen Rahmen erhalten, der allerdings überwiegend noch recht zögerlich ausgeschöpft wird.
Die Offenheit der gesetzlichen Vorgaben erlaubt vielfältig angepasste Lösungen. So sollte der in Entwürfen zum KJHG enthaltene, dann jedoch wieder fallengelassene Aspekt aufgegriffen werden, auch andere Institutionen wie die Arbeitsverwaltung oder die Schule in die entsprechenden Arbeitsgemeinschaften einzubeziehen und die ohnehin komplexe Koordinationslandschaft nicht durch zu viele separate Gremien zu belasten.
In der praktischen Wirklichkeit suchen die Arbeitsgemeinschaften über die Koordinationsaufgabe hinaus jedoch nach Wegen der generellen fachlichen Entwicklungsarbeit und Einflussnahme auf die Planung. Dies wiederum stößt in vielen Kommunen auf Vorbehalte, weil im Herrschaftsgefüge der verschiedenen Einfluss- und Handlungsfelder strategisch ausgerichtete Aktivitäten als störend angesehen werden.
Nun ist es im Hinblick auf eine orts- und institutionenbezogene Kooperation gewiss nicht ausreichend, in den Arbeitsgemeinschaften der Schule (und dann welcher ?) einen Platz einzuräumen. Wir hätten eine ähnliche Repräsentationsstruktur wie beim Jugendhilfeausschuss, wo die Schule zwar mit einem beratenden Sitz vertreten ist, über punktuelle Ratschläge oder Hinweise hinaus aber vielfach nichts passiert. Wer tragfähige Arbeits- und Planungsstrukturen entwickeln will, der muss schon von der strategischen Ebene der Gesamtstadt oder des Kreises zur operativen Ebene der Sozialräume, Schuleinzugsbezirke und Stadtteile wechseln. Dies lässt sich im Sinne der Arbeitsgemeinschaften gemäß Â§ 78 KJHG aber gut regeln, zumal – wie bereits angedeutet – auch innerhalb der Jugendhilfe Modelle der teilräumlichen Organisation und Arbeitsorientierung in jüngster Zeit stark favorisiert werden.
Die Jugendhilfeplanung stellt mit ihren Ansprüchen der lebensweltbezogenen Verknüpfung mit fachnahen anderen Planungen eine Herausforderung für die Schule dar.
Jugendhilfe und Jugendhilfeplanung fordert die Schule vor allem in drei Regelungsbereichen heraus:
· Da ist zum einen der Lehrbetrieb mit den curricularen Vorgaben und dem staatlich verantworteten und gelenkten Personaleinsatz. Vor allem im Personaleinsatzbereich müssen die Regelungsressourcen der Mitwirkung der Schule an den Vernetzungen gestärkt werden.
· Sodann gibt es den Formenkreis der Aufgaben der kommunalen Schulträger, der sich im wesentlichen auf die ?Hardware? der Schule bezieht und sich organisatorisch in Schulverwaltungsämtern ? vielleicht müsste man in den meisten Fällen treffender von Schulunterhaltungsämtern sprechen ? konstituiert. Hier muss ein verändertes Verständnis von Schulträgerschaft entwickelt werden.
· Schließlich gilt es, die vielfältigen Projekte, Aktivitäten, Kontakte und Kooperationen, die sich quasi in den Zwischenraum zwischen ?Schulischem Lernsystem? und ?Schulverwaltung? hineingeschoben haben, angemessen zu regeln. Dies geht meines Erachtens langfristig nur dann, wenn über die Kooperation der Systeme Jugendhilfe und Schule hinaus auch integrative Elemente eingebaut werden.
Die im ?Zwischenraum? sich entwickelnden Aktivitäten kommen überwiegend aus dem unmittelbaren kommunalen Trägerraum, werden durch freie oder öffentliche Träger der Jugendhilfe durchgeführt und sind sowohl fachlich-inhaltlich als auch administrativ für die Schule ?Fremdkörper?. Fremdkörper in einem Sinne, wie es der berühmte Soziologe Georg Simmel für den Fremden selbst formuliert hat: Fremder ist nicht der, ?der heute kommt und morgen geht?, sondern der, ?der heute kommt und morgen bleibt ? und der, obgleich er nicht weitergezogen ist, ?die Gelöstheit des Kommens und Gehens nicht ganz überwunden hat?. Diese Gelöstheit mag zwar im Sinne eines pädagogischen Konzeptes gegenüber den strengen Formen des schulischen Unterrichts von ungeheurer Bedeutung sein und bewusst gepflegt werden, die Gelöstheit ist jedoch unter den Aspekten eines verlässlichen, nachhaltig wirksamen und systematisch verbundenen Systems Jugendhilfe/Schule nicht ohne Probleme. Für das Miteinander verbindlichere Regelungen zu treffen und gezielter Ressourcen hierfür zur Verfügung zu stellen, dies sehe ich als eine vordringliche mittelfristige Aufgabe an.
Orientierungen
Ein soziales Handlungssystem lebt wesentlich von seinen grundlegenden Orientierungen. Schule und Jugendhilfe bezeichnen nicht nur unterschiedliche gesellschaftliche Handlungsfelder, sondern werden auch von unterschiedlichen Grundorientierungen bestimmt. Schule bedeutet Ort des Lernens, Ort der Vermittlung von Wissen und funktionaler Fertigkeiten – nicht ausschließlich, aber doch stark dominierend – für die berufliche und arbeitsorientierte Existenz des Menschen. Die Schule hat sich dabei in verschiedenen Organisationsformen neben der Vermittlung von einigen Grundorientierungen zur Sicherung gesellschaftlicher Integration und Loyalität immer als eine explizit leistungsorientierte Veranstaltung verstanden. Schulpädagogik konzentrierte sich in diesem Kontext auf den Schüler und thematisierte Grundfragen der Bedingungen und Formen effizienter und effektiver Wissensvermittlung bis hinein in das methodische Feld der allgemeinen Didaktik und der Theorie des Unterrichtens.
Während die Schule ?vor der Welt? steht und als hoch institutionalisierte Organisation eine mehr oder weniger kraftvolle Existenz führt, steht die Jugendhilfe ?in der Welt? und vermag sich nur begrenzt auf eine Pädagogik zu stützen, die vornehmlich ihr Binnensystem füllt und reguliert. Jugendhilfe ist nach ?außen? gerichtet und trägt über ihre sozialpädagogische Arbeit den spezifischen Entwicklungsbedingungen von jungen Menschen in ihren Lebensfeldern, insbesondere auch unter kompensatorischen Aspekten Rechnung. Sozialpädagogik versteht sich ? modern formuliert ? als pädagogisches Setting der Vermittlung von Person, sozialem Lebensraum und gesellschaftlichen Bedingungsfeldern. Ihr Bild ist widersprüchlich wie ihre Theorie und wie die gesellschaftliche Wirklichkeit, der sie sich zu stellen hat. Ihre methodischen Ansätze sind plural, aber immer stark eingebunden in die sozialen Bedingungskontexte.
Während sich die Schule überwiegend profiliert hat in ihrer fachlichen und fachdidaktischen Dimension und dort ihre Professionalität findet, kann die Jugendhilfe ihre Professionalität weitgehend nur im Gelingen von tragfähigem Alltagshandeln der Menschen, mit denen man zusammenkommt und arbeitet, suchen.
Für das Schulsystem ist es in mancherlei Hinsicht wichtig und notwendig, dass es sich abgrenzen kann von den vielfältigen lebensweltlichen Einflussfaktoren, um kontinuierliche Lernprozesse zu sichern. Hierbei hat die Schule die jungen Menschen sozusagen ?fest im Griff?, weder kann der Lehrer strukturell dem Schüler ausweichen, noch dieser dem Lehrer. Beide sind sich wechselseitig ?ausgeliefert? und regulieren deshalb viele Konflikte und Probleme durch situative Ausgrenzung oder Verdrängung. Die Jugendhilfe kann ? einmal den Bereich der engeren Hilfen zur Erziehung in fest institutionalisierten Bezügen ausgenommen ? den jungen Menschen nicht binden. Sie muss erst auf ihn zugehen und ihn für Aktivitäten gewinnen.
Angesichts der vielfältigen sozialen Probleme, der extern beeinflussten Entwicklungsbedingungen, die in die Schule hineingetragen werden, dürfte die Schule ? cum grano salis ? mit ihrer überwiegend schulpädagogischen Perspektive an Grenzen gestoßen sein. Verschiedene Schultypen, wie die Hauptschule und zumindest in Teilaspekten die Gesamtschule sind denn auch de facto in der ?mürben? oder ?zermürbenden? Situation, dass sie Formen traditioneller schulpädagogischer Orientierung bereits verlassen haben, ohne dass ihnen allerdings in der Konsequenz die nötigen Ressourcen und Rahmenbedingungen zur Verfügung stehen, eine feste sozialpädagogische Basis ihrer schulischen Bildungsarbeit auch entwickeln zu können.
Es ist erstaunlich, dass gerade in Deutschland mit einer langen sozialpädagogischen Tradition sozialpädagogische Orientierungen für das schulische System wieder angemahnt werden müssen. Studierende in der Lehrerausbildung hören vielleicht im Zusammenhang mit der historischen Einführung in die Pädagogik noch etwas von Reformpädagogik und Sozialpädagogik. Sodann bricht die Beschäftigung mit der Thematik aber praktisch ab.
Abschließend zu diesem Punkt unserer Systembetrachtung: Es bedarf verstärkter Bemühungen um ein wechselseitiges Verständnis der jeweils anderen pädagogischen Ansätze und Methoden, Denkstile und -richtungen ? und dies handlungsorientiert hinein bis ins Lehrerverhalten und in die Arbeitsstile. Und damit die Parität gewahrt bleibt: auch die Sozialpädagogen mögen manchmal nur schwer verstehen, wie Lernprozesse verlaufen und institutionelle Rahmenbedingungen Berücksichtigung finden müssen, löst sich doch hier manches in privatistischer Beliebigkeit auf.
Leistungen und Ressourcen
Ein nicht leichtes Kapitel angesichts der Tatsache, dass wir schon seit geraumer Zeit nicht mehr aus dem vollen schöpfen können, weder im Personalbereich noch bei der sächlichen Ausstattung. Wenn dem so ist, müssen wir Prioritäten setzen und nicht nach dem Motto verfahren: ?Wir strecken uns nach der Decke?. Um es einmal provokativ zu formulieren: Kann nicht eine Hauptschule gut und gerne auf anderthalb Lehrer verzichten, wenn dafür ein Sozialpädagoge und ein Sozialarbeiter in den Schulbetrieb integriert würden? Ist nicht manchmal eine Stunde Deutsch oder Englisch, die unter geradezu chaotischen Verhältnissen abläuft, entbehrlich, wenn man Konzepte des werk- und projektorientierten Lernens besser durchführen könnte? Worauf ich hinaus will, ist folgendes: Die Zeiten für Lösungsversuche durch ständig neu ausdifferenzierte Systeme ist vorbei, und wenn wir ernsthaft darüber nachdenken, bereits aus inhaltlich-konzeptionellen Erwägungen nicht erst heute und zudem nicht deshalb, weil die Ressourcen fehlen. Im Bereich der Jugendberufshilfe sind wohl inzwischen mehr Lehrer tätig als im Schulsystem Sozialpädagogen und Sozialarbeiter. Und ein Großteil des schulischen Lernens findet in Nachhilfestunden außerhalb der Schule statt. Wir benötigen nicht die Fortschreibung althergebrachter Systeme auf Sparflamme, sondern neukonzipierte und wenigstens teilintegrierte Konzepte mit gemeinsamen Orientierungsgrundlagen.
Perspektiven
Eine systemische Betrachtung der thematisierten Gegenstände und Felder vermag nicht nur die Situation zu diagnostizieren. Sie kann auch hilfreich sein, die notwendigen Schritte einer Weiterentwicklung präziser zu bestimmen.
Generell kann gesagt werden:
- In systemischer Perspektive können die Reduktionen thematisiert und problematisiert werden, die die je einzelnen Partner der Kooperation, die unterschiedlichen Träger und Institutionen kennzeichnen. Handlungssysteme benötigen selbstverständlich die Abgrenzung zu andern, um eigene Identitäten sichern zu können, doch sie tendieren auch dazu, ein Aufbrechen der Grenzen zu verhindern und Abweichungen und Grenzüberschreitungen zu unterbinden. Eine systemische Betrachtung macht vor allem auch im Interorganisationsbereich sichtbar, welche Veränderungen bei den einzelnen Teilsystemen und im Schnittfeld notwendig sind.
- In systemischer Perspektive kann herausgearbeitet werden, das Kooperationskontexte nur dann funktionieren können, wenn zentrale Systemfunktionen in ein tragfähiges Gleichgewicht kommen, wenn also gleichermaßen die Ziele definiert, die Regeln geklärt und angewandt, die Orientierungen stimmig und die Ressourcen ausreichend sind.
Auf der Zielebene hat sich ? selbst wenn dies überwiegend noch programmatisch ist und noch nicht ergebnisorientiert geschieht ? in den letzten Jahren einiges verändert. Die Schule wird nicht mehr als ein System unter der Käseglocke ständig wachsender Anforderungen an die Wissensvermittlung gesehen, sondern als prinzipiell öffnungsfähig auch für weitere Perspektiven, insbesondere in den extrafunktionalen und sozialen Kompetenzbereich der Schüler und Schülerinnen hinein. In unterschiedlicher Akzentuierung je nach Schultyp mehren sich seit einigen Jahren die Stimmen, die die ?Realitätsbezüge? der Schule und die aufgabenspezifische Verknüpfung mit anderen Institutionen fordern und dem Schulleben mehr Raum und der Schule insgesamt mehr Öffnung geben wollen, wie es im Entwurf zu einem Rahmenkonzept des KM in NW aus dem Jahre 1988 bereits niedergelegt wurde. Schule soll ihre sozialpädagogische Blindheit aufgeben, unter der sie überwiegend eine ?Reproduktion des pädagogischen Notfalls? betrieben hat. Solcherart löbliche und wohlfeile Programmatik ist wichtig und unverzichtbar. Aber von schönen Konzepten, Zielbildern oder Entwürfen kann kein Handlungssystem leben.
Deshalb müssen wir auf der Ebene der Regeln verbindlicher festlegen, wie die Kooperation im Schnittflächensystem auszusehen hat. Es wäre mithin zu begrüßen, wenn auch die schulrechtlichen Bestimmungen zur Kooperation verbessert würden und die Bindungsqualität von Kooperationen erhöht würde.
Institutionen kommen vielfach nur aus ihren Schneckenhäusern heraus, wenn sie mitRessourcen dazu gelockt werden. Ressourcenorientiert ist deshalb zu fordern:
- Wir brauchen eine positionelle Verankerung sozialpädagogischer Kompetenzen im Schulsystem. Wenn es keine Personen gibt, die aufgrund ihrer positionellen Ausstattung mit der Aufgabenerfüllung leben und nicht nur nebenbei Ausflüge in Projekte, Modelle und Abenteuer unternehmen, schaffen wir wenig Veränderungen. Die Begriffe Projekte und Modelle signalisieren für mich eine eher unstete, sich ständig wieder auflösende und zum Teil unwirkliche Szene von Jugendhilfeaktivitäten, die man pflegen, aber auch nicht pflegen kann, die man hier ernstnehmen, aber dort auch wieder als überflüssigen Zirkus abtun kann. Es bedarf meiner Einschätzung nach der gezielten Einrichtung von Positionen, von denen aus die Schnittstellenthematik aktiv bearbeitet werden kann. Nicht allein ?das Bewusstsein für die notwendige Kooperation? ? ich zitiere aus einer Stellungnahme der Bundesarbeitsgemeinschaft Jugendsozialarbeit zur schulbezogenen Jugendsozialarbeit ? ist wichtig, sondern auch die Schaffung von Strukturen. Nicht allein ?Zusammenarbeit?, ?Fachaustausch? und ?Gesprächsaustausch?, sondern gemeinsame verbindliche Arbeitsstrukturen müssen geschaffen werden. Ich vertraue nicht auf das Zauberwort ?Kooperation?, wenn beide Partner nicht eigene Aufmerksamkeits- und Bearbeitungsstrukturen für die Kooperation besitzen und vielfach ihr eigenes System eher unverändert lassen möchten. Dies gilt nicht nur für die Schule, sondern auch für die Jugendhilfe. Wenn die Jugendsozialarbeit in einem Positionspapier formuliert: ?Will Jugendsozialarbeit frühzeitig agieren, wird Schule notwendigerweise zum Handlungsfeld?, so mag dies aus Sprachstil und Ansatz der Jugendhilfe zwar nachvollziehbar sein. Aus der Sichtweise der Schule muss es aber zu einem ?Arbeitsprinzip? werden. Das heißt aber: Die Schule muss sich selbst pädagogisch umfassender und zugleich offener definieren und sich selbst als Ort sozialer bzw. sozialpädagogischer Arbeit begreifen. Dann kann sie spezielle und aufgrund der spezifischen Arbeitsformen und -strukturen nur durch die Jugendhilfe leistbare Beiträge adäquater aufnehmen und auch integrieren. Ausbildungsorientiert impliziert dies eigentlich die Forderung nach Personen mit Doppelqualifikationen oder zumindest einer Anreicherung mit Qualifikationsmerkmalen der jeweils anderen Profession.
- Es wird zur Weiterentwicklung des Verständnisses der Kommunen hinsichtlich ihrer Schulträgerschaft kommen müssen. Die Kommunen sind, so die Verwaltungssprache, für die ?äußeren Schulangelegenheiten? zuständig. Darunter fällt nach engem Verständnis die Unterhaltung der Schulen. Hausaufgabenbetreuung, Silentien, Schulsozialarbeit etc. werden in einem Konzeptentwurf der Kommunalen Gemeinschaftsstelle zur ?neuen Steuerung im Schulbereich? als ?Schülerangelegenheiten und Schülerbetreuung? verstanden und ebenfalls den ?äußeren Schulangelegenheiten? zugerechnet. Damit wäre die Verantwortung des Schulträgers klarer skizziert. Der Begriff ?äußere Schulangelegenheiten? wird jedoch fragwürdig. Ich meine, dass sich einmal ein erweitertes Verständnis von Schulträgerschaft einerseits und ein neues Verständnis von erweiterten ?inneren Schulangelegenheiten? entwickeln müsste.
Möglicherweise bieten die Neuen Steuerungskonzepte der Kommunalverwaltung, so die stärkere Verselbständigung der Schulen im Hinblick auf ihre Budgetverwaltung und -verantwortung und das Zusammenwachsen der Steuerungszentralen Jugendhilfe, Soziales und Kultur auch Chancen inhaltlich und organisatorisch integrierterer Sichtweisen.
- Das Schulsystem muss eigene Ressourcen erhalten (Personalkapazitäten, Sachmittel), die sie zielgerichtet in diesen Kooperationsraum einbringen kann. Nur wer die Mittel hat, um die Musik zu bezahlen, kann dann auch die entsprechenden Melodien bestellen. Mit Empfehlungen und Appellen allein wird kaum etwas bewegt. Es muss ein aktiver Leistungsaustausch zwischen Schule und Jugendhilfe zustande kommen, damit langfristig auch die geeigneten pädagogischen Leistungen für die jungen Menschen erbracht werden können.
Abschließend bleibt zu sagen: Es ist nicht nur nötig, über einzelne pragmatische Schritte der Kooperation zu reden und auf der Handlungsebene etwas zu bewegen. Unverzichtbar ist auch eine weitere Mobilisierung der Schul- und Jugendhilfepolitik. Eine gute Schulbildung, eine von der Jugendhilfe ausreichend flankierte soziale Entwicklung und ein erfolgreicher Übergang in Erwerbs- und Erwachsenenbiographien, das sind Schlüsselaufgaben der Politik. Die Schulen müssen bei aller Bindung an ihre hierarchischen Entscheidungsstrukturen vor Ort politischer werden und die Jugendhilfe muss weiter dafür eintreten, nicht als Sozialkonsum für eine von der Politik bereits abgehängte Generation etikettiert zu werden.
Der Autor Dr. Bruno Nikles ist Professor für Sozialplanung an der Universität Essen (jetzt Duisburg-Essen) und Vorsitzender des Instituts für Sozialplanung und Organisationsentwicklung (INSO).
Vorstehender Text erschien in DER NAGEL 59/1997, hier eingestellt im Juli 2003.
Einsatz von sozialpädagogischen Fachkräften an Gesamtschulen in Ganztagsform. RdErl. d. Kultusministeriums vom 22.1.1991. GABl. NW I, S.42
Rahmenkonzept. Gestaltung des Schullebens und Öffnung von Schule. Hg. Kultusminister des Landes Nordrhein-Westfalen. Düsseldorf 1988
Sozialarbeit und Schule. Stellungnahme der Bundesarbeitsgemeinschaft Jugendsozialarbeit – Jugendaufbauwerk (BAG JAW) zur schulbezogenen Jugendsozialarbeit. In: Jugendhilfe 34. Jg. 1996, S. 112 (109-113)
Klaus Schäfer; Margrit Müller. Lebenslagen von Kindern und Jugendlichen im Wandel: Neue Anforderungen an Jugendhilfe und Schulen. In: Jugendhilfe 34.Jg. 1996, S.117 (116-120)
Neue Steuerung im Schulbereich. Erste Beratung am 7. Juni 1996. [Konzeptentwurf] Kommunale Verwaltungsstelle (KGSt). Köln
NAGEL-Redaktion – Aktion: Kooperationsvereinbarung Jugendhilfe-Schule
Eckpunkte für Kooperationsvereinbarungen
Dortmund, 07.04.2003
Sehr geehrte Damen und Herren,
die Beteiligten dieser Aktion setzten sich als Mitglieder des Forums „Förderung von Kindern“ für eine von der Bedarfslage von Kindern und Familien ausgehenden Orientierung der notwendigen Förderungsbedingungen ein. Als mögliche Orientierung für die zur Gestaltung der Zusammenarbeit zwischen Trägern der Jugendhilfe und den Schulträgern abzuschließenden Kooperationsvereinbarungen übermitteln wir Ihnen einige Gesichtspunkte für den erforderlichen Gestaltungsprozess.
Unsere Absicht ist es, alle Beteiligten bei der Entwicklung der örtlichen Angebote und der Zusammenarbeit zu unterstützen und Planungen an dem zu orientieren, was für die individuelle Entwicklung von Kindern und ihrer Familien heute erforderlich ist.
1. Ziel unserer Empfehlung
ist es daher, bestehende Angebote in qualitativer und quantitativer Hinsicht zu sichern und auszubauen, vom Bedarf der Kinder und der Lebenssituation von Familien mit Kindern auszugehen.
Dazu zählt unseres Erachtens, dass einerseits Angebote im Bereich der Schule tatsächlich im Rahmen von „integrativen Ganztagsschulen“ entwickelt und andererseits Kindern – außerhalb der Schule – die nach den Bestimmungen des Kinder- und Jugendhilfegesetzes und der Landesausführungsregelungen erforderlichen bedarfsgerechten Angebote zur Verfügung gestellt werden.
Das Konzept der Offenen Ganztags-Grund-Schule erfüllt diese Bedingungen noch nicht.
Es ist daher erforderlich, Anstöße für die Weiterentwicklung von Schulen zu geben, bewährte und weiter auszubauende Leistungen der Jugendhilfe Kindern zur Verfügung zu stellen, die bestehenden bundesrechtlichen Verpflichtungen im Hinblick auf die Qualität und Quantität zu erfüllen, die Zusammenarbeit zwischen Jugendhilfe und Schule zu unterstützen und die professionelle Arbeit von Lehrerinnen, Lehrern sowie sozialpädagogischen Fachkräften zu ermöglichen.
Die Ausgestaltung der Angebote erfordert daher eine Zusammenarbeit auf gleicher Augenhöhe.
Wir sind an einer Verbesserungen des Zusammenwirkens interessiert. Dies erfolgt in Kenntnis erheblicher rechtlicher Bedenken gegen die beabsichtigte Aufweichung des Verpflichtungscharakters des § 24 SGB VIII – KJHG und der Zuständigkeit der überörtlichen Träger der Jugendhilfe (Landesjugendämter) für die Erteilung der Betriebserlaubnisse für Angebote der Jugendhilfe nach § 45 SGB VIII – KJHG, durch die zur Sicherung des Wohls des einzelnen Kindes bestimmte qualitative Anforderungen an Angebote gestellt werden.
Solange die Legitimation für die sogenannten außerunterrichtlichen Teile der Offenen Ganztagsgrundschule über die rechtlichen Bestimmungen der Kinder- und Jugendhilfe erfolgt, solange ist diese nicht nur als gleichberechtigte Partnerin umfassend zu beteiligen, sondern sich auch die sich aus dem SGB VIII-KJHG und dem Landesausführungsrecht geltenden Regelungen unmittelbar gültig.
Das heißt auch, dass der Jugendhilfeausschuss mit über die Einrichtung Offener Ganztagsgrundschulen entscheidet, die Jugendhilfeplanung mitverantwortlich ist für die Festlegung von Standorten und die Zuteilung von Ressourcen und das Landesjugendamt in seiner Verantwortung nach § 45 KJHG bleibt.
2. Gesichtspunkte für Inhalte von Kooperationsvereinbarungen:
2.1 Anforderungen an Angebote
- Integration der qualitativ angemessenen bestehenden und bewährten Angebote aus dem Bereich der Jugendhilfe und Schule in die Offene Ganztagsschule unter Beibehaltung des bestehenden pädagogischen Konzeptes und der Rahmenbedingungen.
- Die Konzeption der Offenen Ganztagsschule muss verdeutlichen, dass die Angebote als umfangreiche Förderungsangebote auszurichten sind und den Zusammenhang von Erziehung – Bildung – Betreuung insgesamt sichern.
- Den Trägern soll die Möglichkeit eingeräumt werden, die angenommenen Angebote für Kinder im Alter bis zu 14 Jahren weiterzufinanzieren und weiterführen zu können, u.a. Horte / Schulkinderhäuser.
- Die Gruppengröße soll sich nach den individuellen Förderungsbedarf der Kinder richten.
- Die Qualität der Angebote muss im Gleichgewicht bleiben mit dem zahlenmäßigen Angebot.
- Alle Angebote müssen im Rahmen der nach § 78 SGB VIII – KJHG – gebildeten Arbeitsgruppen abgestimmt sein.
- Die Angebote der Eltern- und Familienbildung sowie -beratung sollen im Hinblick auf die Öffnung der Schule mit der Schularbeit vernetzt werden (z.B. in Form von Projektarbeit).
- Es müssen verlässliche Regelungen zur Finanzierung der nicht von der Schule verantworteten Angebote getroffen werden, z.B. auch für Ferienaufenthalte.
- Im Sinne der Verlässlichkeit für Kinder und Eltern müssen die Angebote über das Jahr 2007 hinaus zu sichern. Diese langfristige Angebotsplanung ist für die interessierte Öffentlichkeit transparent zu machen.
- Regelungen zur Garantie von ernährungsphysiologisch sinnvollen Mittagsmahlzeiten sowie einer entsprechenden Ausstattung und Organisation für alle SchülerInnen sind erforderlich.
2.2 Personal, Kooperation der Beteiligten, Räume
- Regelungen zur Qualifikation der sozialpädagogischen Fachkraft, d.h. Personalbemessung und Personalanbindung unter Sicherung der arbeitsrechtlichen und tarifvertraglichen Standards (Tariftreue).
- Einsatz von Vertretungskräften.
- Regelungen zum Austausch der sozialpädagogischen Fachkräfte.
a) untereinander und
b) mit dem Lehrpersonal
c) gemeinsame Besprechungen (z.B. in Mitarbeiterinnenkonferenzen der Schule) der sozialpädagogischen Fachkräfte mit den Lehrerinnen und Lehrern (siehe auch Punkt Beteiligung von Kindern und Eltern).
- Beteiligung der Kooperationspartner an Klassen- und Schulpflegschaftssitzungen, sowie an Elternsprechtagen.
- Freistellung und Mittel für Fortbildung und Supervision
- In den Schulen sind Beauftragte/Ansprechpartnerinnen (z.B. Ombudsfrau / Ombudsmann) für die Offene Ganztagsschule im Primarbereich benannt.
- Räume bzw. das Raumkonzept erfüllen die Anforderungen des § 45 SGB VIII-KJHG und verfügen insofern auch über ein differenziertes Außengelände sowie vielfältige Bewegungs- und Rückzugsmöglichkeiten.
2.3 Qualitative und quantitative Bedarfsfeststellung
- Es muss eine qualitative Bedarfsfeststellung (die nicht auf Quantitäten, z.B. den „zeitlichen“ Förderungsbedarf, konzentriert ist) mit den Eltern für ihre Kinder stattgefunden haben.
- Es muss geprüft sein, ob das vorgesehene Angebot dem Bedarf der Kinder und Familien entspricht.
- Es muss den Eltern transparent sein, wo sie ihren Bedarf artikulieren und einfordern können.
- Es müssen Handlungsmöglichkeiten zur Anpassung an einen nicht vorhergesehenen und einen veränderten Bedarf vorgesehen sein.
- Es müssen bedarfsgerechte Angebote in Bezug auf die tägliche Öffnungszeiten und die unterrichtsfreien Zeiten vorhanden sein und Berücksichtigung der vorhandenen und zu schaffenden Ressourcen.
2.4 Kinder- und Elternbeteiligung
- Partizipation von Kindern und Eltern, kann z.B. konkret dadurch erfolgen, dass
- alle Beteiligten / Kooperationspartner sich zur umfassenden Information verpflichten
a) untereinander sowie
b) gegenüber den Eltern und Kindern
- Eine Institutionalisierung der Beteiligung, z.B. über die im Rahmen der relevanten landesrechtlichen Ausführungsregelungen vorgesehenen Möglichkeiten (Schulmitwirkungsgesetz und Regelungen des GTK für Einrichtungen der Jugendhilfe) hinaus, ist gesichert.
Strukturell könnte dieses Modell einer Erziehungspartnerschaft so aussehen:
Regelmäßige pädagogische Besprechungen, z.B. in Form von Konferenzen, Workshops, Arbeitstreffen, mit Eltern- und der Lehrenden aller Klassen und den sozialpädagogischen Fachkräften aus den Angeboten.
Dabei werden auch Ziele der pädagogischen Angebote und die Aspekte für die Umsetzung im Unterricht angesprochen.
Beschlussvorlagen für die Schulkonferenz werden erstellt, an deren Erstellung Eltern, Lehrer und Lehrerinnen und pädagogischen Fachkräften mitwirken.
- An Entwicklungsgesprächen zwischen Lehrerinnen, Lehrern und sozialpädagogischen Fachkräften werden Eltern und – je nach Alter – Kinder beteiligt.
2.5 Elternbeiträge
Solange auf die Erhebung von Elternbeiträgen nicht verzichtet wird, müssen diese nach Einkommen gestaffelt werden. Der Jahresbetrag sollte jedoch nicht höher als die Landesförderung (820 ?) sein.
2.6 Evaluation
- „Wirksamkeits-Kontrollen“ zwischen Eltern, Mitarbeiterinnen und Kindern über die Förderungsbedingungen sind gesichert.
- Wirkungsmessungen im Hinblick auf die Veränderungen in den Familien und z.B. zur Berufstätigkeit sind vorgesehen, damit die Wirkungen der Angebote auch systematisch erfasst werden.
Mit freundlichen Grüßen
Klaus Amoneit (Progressiver Eltern- und Erzieherverband), Udo Beckmann (Verband Bildung und Erziehung), Antje Beierling (Verband alleinerziehender Mütter und Väter), Marianne Buhl (Katholische Erziehergemeinschaft), Gudrun Erlinghagen (Bundesverb. Evangelischer Erzieherinnen, Nordrhein), Klaus-Peter Freitag (Arbeitsgemeinschaft der Waldorfschulen) Franz-Josef Hammelstein (Familienbund der Katholiken), Jürgen Herzog (Landeselternrat Tageseinrichtungen), Gisela Kierdorf (Zentralverband kath. Erzieherinnen), Doris Sandbrink (Evangelische Aktionsgemeinschaft f. Familienfragen, Rheinland), Dr. Jürgen Schmitter (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft), Gerhard Stranz (Vereinigung der Waldorfkindergärten)
Anlage
Hinweise auf maßgebliche gesetzliche Grundlagen:
SGB VIII – KJHG:
§ 24 Ausgestaltung des Förderungsangebots in Tageseinrichtungen
Ein Kind hat vom vollendeten dritten Lebensjahr bis zum Schuleintritt Anspruch auf den Besuch eines Kindergartens. Für Kinder im Alter unter drei Jahren und für Kinder im schulpflichtigen Alter sind nach Bedarf Plätze in Tageseinrichtungen vorzuhalten. Die Träger der öffentlichen Jugendhilfe haben darauf hinzuwirken, dass ein bedarfsgerechtes Angebot an Ganztagsplätzen zur Verfügung steht.
§ 45 Erlaubnis für den Betrieb einer Einrichtung
(1) Der Träger einer Einrichtung, in der Kinder oder Jugendliche ganztägig oder für einen Teil des Tages betreut werden oder Unterkunft erhalten, bedarf für den Betrieb der Einrichtung der Erlaubnis. Einer Erlaubnis bedarf nicht, wer (…) .
(2) Die Erlaubnis kann mit Nebenbestimmungen versehen werden. Sie ist zu versagen, wenn die Betreuung der Kinder oder der Jugendlichen durch geeignete Kräfte nicht gesichert oder in sonstiger Weise das Wohl der Kinder oder der Jugendlichen in der Einrichtung nicht gewährleistet ist. Über die Voraussetzungen der Eignung sind Vereinbarungen mit den Trägern der Einrichtungen anzustreben. Die Erlaubnis ist zurückzunehmen oder zu widerrufen, wenn das Wohl der Kinder oder der Jugendlichen in der Einrichtung gefährdet und der Träger der Einrichtung nicht bereit oder in der Lage ist, die Gefährdung abzuwenden. Zur Sicherung des Wohles der Kinder und der Jugendlichen können auch nachträgliche Auflagen erteilt werden. Widerspruch und Anfechtungsklage gegen die Rücknahme oder den Widerruf der Erlaubnis haben keine aufschiebende Wirkung.
(3) Sind in einer Einrichtung Mängel festgestellt worden, so soll die zuständige Behörde zunächst den Träger der Einrichtung über die Möglichkeiten zur Abstellung der Mängel beraten. Wenn die Abstellung der Mängel (…).
(4) Besteht für eine erlaubnispflichtige Einrichtung eine Aufsicht nach anderen Rechtsvorschriften, so hat die zuständige Behörde ihr Tätigwerden zuvor mit der anderen Behörde abzustimmen. Sie hat den Träger der Einrichtung rechtzeitig auf weitergehende Anforderungen nach anderen Rechtsvorschriften hinzuweisen.
Gesetz über Tageseinrichtungen für Kinder
§ 3 Auftrag des Hortes
(1) Der Hort ist eine sozialpädagogische Einrichtung mit einem eigenständigen Erziehungs- und Bildungsauftrag. Als Lebensraum für Kinder soll er in altersangemessener Weise sowohl die wachsende Selbständigkeit der Kinder unterstützen als auch die notwendige Orientierung und Bindung ermöglichen. Er hat die sozialen und emotionalen Bedürfnisse der Kinder, die Freizeitinteressen sowie die Erfordernisse, die sich aus der Schulsituation der Kinder ergeben, zu berücksichtigen. Bei seiner Arbeit hat der Hort eng mit den Schulen zusammenzuwirken. § 2 Abs. 3 gilt entsprechend.
Die Grundlagen für Kooperationsvereinbarungen sind im Erlass „Offene Ganztagsschule im Primarbereich“ vom 12.02.2003 an folgenden Stellen zu finden:
Die Durchführung (der Offenen Ganztagsschule) liegt in der Verantwortung der Kommune als örtlichem Schulträger. Er soll durch eine gemeinsame Schulentwicklungs- und Jugendhilfeplanung unter Einbeziehung der vor Ort bestehenden Trägerstruktur, insbesondere der Träger der freien Kinder- und Jugendhilfe,
– die örtlichen qualitativen und quantitativen Förder- und Betreuungsbedarfe ermitteln,
– die Standorte der Projekte auf der Basis des örtlichen Bedarfs festlegen,
– die für Kinder im Grundschulalter vorhandenen Ganztagsangebote aus Kinder- und Jugendhilfe (Horte, Schulkinderhäuser, „Schülertreff) und Schule („Schule von acht bis eins“ und „Dreizehn Plus“) einbeziehen sowie
– auf die Sicherstellung des dem örtlichen Bedarf entsprechenden Personals und der erforderlichen Räumlichkeiten hinwirken“. (Erlassanschreiben, S. 2)
1.4 Die offene Ganztagsschule soll auf Grundlage von Kooperationsvereinbarungen zwischen dem Schulträger, den Schule und den beteiligten außerschulischen Partnern ausgestaltet werden. Auf der Landesebene ist beabsichtigt, diesen Prozess durch Rahmen-Kooperationsvereinbarungen zwischen dem Land, den Schulträgern und den Trägern der Kinder- und Jugendhilfe wirksam zu unterstützen.“ (Erlass, S. 5)
2.8 … . Die jeweilige Ausgestaltung erfolgt auf der Grundlage einer zwischen den Beteiligten abzuschließenden Kooperationsvereinbarung. Sie regelt u.a. die gegenseitigen Leistungen der Kooperationspartner sowie die Erstellung und Umsetzung eines gemeinsam zu entwickelnden pädagogischen Konzepts“. (Erlass, S. 7)
3.2 … . Stellt ein außerschulischer Träger Personal zur Verfügung oder ist Personal ehrenamtlich tätig, sind die Rechte und Pflichten der Beteiligten in einer Kooperationsvereinbarung festzuhalten.“ (Erlass, S. 8)
Zuwendungsvoraussetzungen.
Vorlage einer Kurzfassung eines abgestimmten Konzeptes des Schulträgers und der örtlichen Kinder- und Jugendhilfeträger zur Umgestaltung von Schulen des Primarbereiches in offene Ganztagsschulen“ (Förderrichtlinie, S. 2)
Der Aktion gehören bisher an:
Arbeitsgemeinschaft Waldorfpädagogik
(Waldorfschulen NRW)
Mergelteichstrasse 59 – 44225 Dortmund
Bundesverband evangelischer Erzieherin-nen und Sozialpädagoginnen e.V.
Landesgruppe Nordrhein
Stürzlebergerstr. 2 – 41469 Neuss
Der PARITÄTISCHE
Wohlfahrtsverband NRW
Loher Straße 7 – 42293 Wuppertal
DKSB – Deutscher Kinderschutzbund
Landesverband NRW
Domagkweg 20 – 42109 Wuppertal
Eltern helfen Eltern e.V.
Hammer Straße 1 – 48153 Münster
Evangelische Aktionsgemeinschaft für Familienfragen, Rheinland
Rochusstraße 44 – 40479 Düsseldorf
Familienbund der Katholiken
Landesverband NRW
Tempelhofer Str. 21 – 52068 Aachen
GEW – Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft – Landesverband NRW
Nünningstraße 11 45141 Essen
Internationale Vereinigung der Waldorfkindergärten e.V. Region NRW
Mergelteichstr. 59, 44225 Dortmund
KEG – Katholische Erziehergemeinschaft Landesverband Nordrhein-Westfalen
Elisabethstr. 7 – 44319 Dortmund
LAGF – Landesarbeitsgemeinschaft der Familienverbände in Nordrhein-Westfalen
Rochusstraße 44 – 40479 Düsseldorf
LER – Landeselternrat für Kindertagesein-richtungen in Nordrhein-Westfalen e.V.
Dresdener Str. 4 – 44139 Dortmund
PEV – Progressiver Eltern- und Erzieherver-band NW e.V.
Hohenstaufenallee 1 – 45888 Gelsenkirchen
VAMV, Verband alleinerziehender Mütter und Väter LV NRW e.V.
Juliusstraße 13 – 45128 Essen
ver.di – Landesbezirk NRW
Universitätsstraße 76 – 44789 Bochum
VBE, Verband Bildung und Erziehung, NRW
Westfalendamm 247 – 44141 Dortmund
ZKD – Zentralverband der MitarbeiterIn-nen in Einrichtungen der kath. Kirche in Deutschland e.V., LV Erzieherinnen NW
Breite Str. 101 – 50667 Köln
Kontaktanschrift:
Mergelteichstraße 59
44225 Dortmund
Telefon: 0231/9761570
Hinweise zu Aktionen von Beteiligten im „Forum Förderung von Kindern“ unter:
www.muenster.org/eltern-helfen-eltern/Forum Kinder/forum.htm und www.elternrat.de/LER-KiTa-NRW/forum.htm
NAGEL-Redaktion – Offene Arbeit mit Kindern und Schule
Zur Entwicklung eigenständiger und kooperativer Konzeptionen
(am Beispiel von Abenteuerspielplätzen)
Von Rainer Deimel
Ein prägendes Merkmal des Verhältnisses zwischen Offener Arbeit und Schule war bis vor noch nicht allzu langer Zeit eine gegenseitige Ignoranz; dies zum einen wider besseres Wissen, zum anderen aufgrund negativ belasteter Erfahrungen. Aus Sicht der Offenen Arbeit wurde häufig festgestellt, dass die ihr eigenen Konzeptionen mit dem im Schulbereich üblichen klassischen „Curricular-Denken“ nicht kompatibel waren. Freizeiteinrichtungen fühlten sich nicht nur unverstanden, sondern darüber hinaus auch noch ausgebeutet. Dies dokumentierte sich nicht selten in der Forderung der Schule nach Schulaufgabenhilfe, die die Offene Arbeit leisten sollte. Vor dem Hintergrund einer karitativen Jugendhilfe wurde auf dieses Ansinnen bisweilen eingegangen in der Einsicht, dass man dem Scheitern einzelner Schülerinnen und Schüler nicht tatenlos zusehen dürfe.
Dieser „schulunkritische Ansatz“ übersah häufig, dass ein derartiges Einlassen systemimmanent ist, in Einzelfällen zwar vermeintliche Leistungssteigerungen bewirkt werden konnten, die Grundlagen des Versagens vom Schulsystem allerdings selbst geschaffen wurden und werden. Insofern kann vom Konzept der Offenen Arbeit keine fundamentale Aufarbeitung schulischer Mängel bewirkt werden. Dieser Konflikt ist m.E. in der Vergangenheit sowohl auf Seiten der Schule als auch von der Offenen Arbeit nur unzureichend thematisiert und bearbeitet worden. Offene Arbeit reagierte statt dessen eher mit Verweigerung, eben mit o.g. Ignoranz; zudem musste sie sich teilweise wenig fachlich fundierte Vorwürfe von Lehrerinnen und Lehrern gefallen lassen, etwa dergestalt, Offene Arbeit verleite zum Schulschwänzen, emanzipatorische Bestrebungen junger Menschen, die regelmäßig an Offener Arbeit partizipieren, führten zu Störungen des geregelten Schulablaufs u.a.m.
Seit einiger Zeit können Tendenzen festgestellt werden, die umfassend Chancen bieten, diese auf Dauer unbefriedigende Situation stückweise aufzulösen. Anlass ist nicht nur ein Reformprozess, der in den jeweiligen Institutionen entwickelt wird, sondern der Prozess selbst ist das Resultat äußerer Zwänge; dies muss jedoch einer qualitativen Steigerung pädagogischer Ansätze nicht abträglich sein; im Gegenteil. Die Institutionen sind in zunehmendem Maße mit einem sich steigernden öffentlichen wie politischen Druck in Richtung „Ganztagsbetreuung“ konfrontiert. Die Offene Arbeit gerät in der Folge von Sparzwängen der öffentlichen Haushalte trotz ihrer bewährten Konzepte nicht selten in existenzielle Not. Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass Schülerinnen und Schüler sich vermehrt kritisch über Schule und ihr Wohlbefinden im „Apparat Schule“ äußerten, legte der nordrhein-westfälische Schulminister 1988 eine Konzeption „Gestaltung des Schullebens und Öffnung von Schule/GÖS“ vor 1. Innerhalb der Schule stieß GÖS zunächst auf ein eher zurückhaltendes Interesse. Nach Auskunft des für GÖS zuständigen „Landesinstituts für Schule und Weiterbildung NRW“ hofft man dort auf eine zunehmende Berücksichtigung in einer „Ping-Pong-Dynamik“, wobei hier in der Tat der Konkurrenzdruck unter den Schulen motivierend zu wirken in der Lage sein dürfte. Die Kinder- und Jugendarbeit reagierte anfangs mit massiver Ablehnung, da sie in GÖS auf den ersten Blick eine deutliche Konkurrenz zu ihren eigenen Angeboten und Programmen konstatierte. In der Zwischenzeit hat sich allerdings bewahrheitet, dass die Umsetzung innerhalb der Schule nur in kleinen Schritten vorankommt, die reine Einverleibung von Jugendhilfeangeboten in den Schulbereich wie befürchtet ausgeblieben ist und im pädagogischen Alltag tatsächlich fruchtbare Kooperations- und Vernetzungsstrategien entwickelt werden. Aus fachlicher Sicht kann zudem registriert werden, dass Methoden aus Einrichtungssparten, die in früherer Zeit unvereinbar schienen, durchaus geeignet sind, in die eigenen Ansätze einzufließen; dies zumindest in nicht unerheblichen Teilen.
Eine gegenwärtige und künftige Aufgabe der Pädagogik besteht darin, historisch erklärbare Missverhältnisse zwischen den einzelnen Einrichtungstypen abzubauen. Dazu gehört z.B. auf mittelfristige Sicht, Sanktionierungen und Leistungsdruck in der Schule zu minimieren. GÖS nennt folgende Leitlinien (vgl. S. 21 ff.):
– Intensivierung und Erweiterung sozialer Ideen;
– selbsttätiges Erschließen von Wirklichkeit;
– produktorientiertes Lernen und Arbeiten;
– differenzierte Wahrnehmung und Aufarbeitung von unterschiedlichen Standpunkten;
– Förderung der kreativen Gestaltungskräfte;
– Förderung individueller Fähigkeiten und Interessen.
Daneben werden folgende Prinzipien genannt (vgl. S. 32 f.):
– die Verbindung einer Entfaltung persönlicher Interessen und Fähigkeiten mit der Erweiterung der sozialen Wahrnehmung sowie kooperativer Tätigkeitsformen;
– die differenzierte Wahrnehmung und Aufarbeitung von Wirklichkeit und die Erfahrung der Wirksamkeit unterschiedlicher Vorgehensweisen und Standpunkte;
– die Erfahrung situationsbezogenen Handelns und produktorientierter Tätigkeit;
– die Möglichkeit, selbstverantwortete Problemlösungen zu suchen, Handlungsspielräume eigenständig zu füllen und gestalterische Kreativität zu entwickeln.
In den GÖS-Rahmenbedingungen wird u.a. ausgeführt:
– Arbeitsverbünde der Schulen und der außerschulischen Partner sowie Veränderungen der Unterrichtspraxis und des Schullebens der beteiligten Schulen einerseits und Aktivitäten der außerschulischen Partner andererseits;
– eine Zusammenarbeit mit Personen von außerhalb der Schule, die Kenntnisse und Fertigkeiten einbringen können;
– die Bereitstellung von „zentralen Lernorten“, z.B. für die Bereiche musisch-künstlerischer, naturwissenschaftlich-technischer sowie sportlicher Aktivitäten, in denen die Angebote für die Teilnehmer aus den verschiedenen Partnereinrichtungen zusammengeführt werden können.
Darüber hinaus betont GÖS ausdrücklich, dass unterrichtliches Lernen gegenwärtig nicht mehr ausreiche, vielmehr veränderten sich Lehren und Lernen sowie das Selbstverständnis von Lehrerinnen und Lehrern.
Der begonnene bzw. anstehende Vernetzungsprozess der Offenen Arbeit mit Schulen, aber auch mit Kindertagesstätten usw., wird, wenn er konstruktiv sein soll, zum Teil mit entscheidenden Veränderungen bisheriger Konzepte einhergehen. Die Offene Arbeit kann mancherorts mit Freude die inhaltliche Übernahme von in ihren Zusammenhängen entwickelten Komponenten feststellen. So ist beispielsweise eine Feuerstelle in einer Kindertagesstätte keine Ausnahme mehr, wie generell grobmotorischen Aktivitäten größerer Spielraum eingeräumt wird. Ebenso ist denkbar, das Schulleben derart umzugestalten, sodass jene Komponenten auch im vermeintlich starren Schulapparat sinnvoll eingebracht werden können. Der Aspekt, dies könne möglicherweise nicht im Sinne von jungen Menschen sein, sollte Beachtung finden, lautet doch ein oftmals in pädagogischen Fachkreisen kolportiertes Vorurteil, Schülerinnen und Schüler wären froh, wenn sie der „Lernfabrik Schule“ entkämen. Diese Thematik habe ich in eine nicht-repräsentative Befragung von Schülerinnen und Schülern 1994 eingebracht. Zu meinem eigenen Erstaunen musste ich feststellen, dass sich der überwiegende Teil der Befragten im Alter von zehn bis zwölf Jahren dahingehend äußerte, die Länge des Aufenthalts in und an der Schule wirke auf sie nicht störend, sofern „der Rahmen und das Programm“ stimme.
In der Auseinandersetzung um GÖS in früheren Jahren waren Hemmversuche sowohl seitens der Offenen Arbeit als auch seitens der Schule unübersehbar, wenn man einmal von zahlreichen anderslautenden Lippenbekenntnissen absieht. Auf Seiten der Offenen Arbeit konnte beobachtet werden, dass es die „Offenheit“ war, die als unantastbar galt und wie ein Kleinod hochgehalten wurde. Unwidersprochen gilt die unverwechselbare pädagogische Qualität „offener Konzepte“. In gleichem Maße müssen allerdings auch gesellschaftliche und gesellschaftspolitische Entwicklungen in der Arbeit berücksichtigt werden, d.h. Konzepte können niemals als unumstößlich gelten, vor allem dann nicht, wenn sie über exklusive Qualitäten verfügen.
Von schulischer Seite wurde immer wieder in die Debatte eingebracht, sie, die Schule, habe ihren eigenen Auftrag, und der Raum und die Zeit für Experimente sei nicht vorhanden. Mit dieser Position wird einerseits verkannt, dass „Lernen“ (z.B. Transfer-Lernen) in anderen Zusammenhängen auch möglich, wenn nicht gar besser möglich ist; andererseits drückt diese Position aus, dass der „schulische Auftrag“ unreflektiert mit dem Lehrplan verwechselt wird. Gleichzeitig wird eine pädagogische Einseitigkeit dokumentiert.
In der praktischen Umsetzung von Kooperation und Vernetzung erweisen sich folgende Faktoren als förderlich:
– der Legitimationsdruck steigt;
– die Einrichtungen müssen Kürzungen hinnehmen;
– in einigen Einrichtungen hat eine fachliche Neuorientierung begonnen, die allerdings immer in personale Zusammenhänge einzuordnen ist, d.h. eine Lehrerin, ein Erzieher o.ä. muss von der beabsichtigten Strukturveränderung überzeugt sein und die Energie mitbringen, diese auch tatsächlich in den Prozess einzubringen.
Keineswegs soll Kürzungen und unverantwortlichem Druck in Richtung Legitimation das Wort geredet werden, im Gegenteil: Zu einer tatsächlich kindgerechten, qualitativen Veränderung und Neukonzipierung kann es nur kommen, wenn sie ohne diesen Druck stattfindet. Gleichwohl soll nicht verschwiegen werden, dass Not manchmal erfinderisch macht.
An drei Beispielen soll im Folgenden ein möglicher Neuorientierungsprozess dargestellt werden.
Beispiel 1: Fritz-Steinhoff-Gesamtschule, Hagen 2
Für die Fritz-Steinhoff-Gesamtschule in Hagen waren Kürzungen im Kursbereich der Anlass, nach neuen Kooperationspartnern Ausschau zu halten und zu versuchen, Aktivitäten, die aus pekuniären Gründen nicht mehr durchgeführt werden konnten, zu ersetzen. Im Zuge dieser Bemühungen entstand der Kontakt zur Jugendhilfe und darüber hinaus zu Verbänden der Jugendhilfe. Aus deren Sicht eignete sich Schule durchaus als interessantes Experimentierfeld. Der Startversuch war das Angebot von Selbstverteidigungskursen für Mädchen mit der Vorgabe, diese Kurse dürften kein (reines) schulisches Angebot sein, sondern sie hätten sich gezielt an „alle“ Mädchen im Stadtteil zu richten. Abgesehen von pädagogisch-fachlichen Aspekten konnten dieses Kurse insofern als erfolgreich angesehen werden, als immerhin zwei Drittel der erreichten Mädchen nicht Schülerinnen waren, sondern solche, die ihre Freizeit aufgrund des Angebots in der Schule verbrachten. Diese Erfahrung war derart ermutigend, sodass sich binnen kurzer Zeit ein aktiver Arbeitskreis bildete, der gezielt Komponenten aus der Offenen Arbeit im Umfeld der Schule entwickelte und konzipierte.
Ziel des Arbeitskreises war und ist die Entwicklung eines Abenteuerspielplatzes an der Schnittstelle zwischen Schule und Freizeit. Eine Analyse des Einzugsgebiets ergab, dass dieses, im Hagener Norden gelegen, hinsichtlich des Angebots für Kinder und Teens zwischen sechs und 15 Jahren völlig unzureichend ausgestattet ist. Der Arbeitskreis konnte mit fortschreitender Konzipierung immer wieder wichtige und neue Partner gewinnen. So waren neben Teilen des Lehrerkollegiums und dem ABA Fachverband Offene Arbeit mit Kindern u.a. beteiligt der Kinderschutzbund, das Grünflächenamt, das Liegenschaftsamt und das Jugendamt der Stadt Hagen, VertreterInnen der Politik (städtische Ausschüsse und Bezirksvertretung), Architekten und Architekturstudenten, der Wohnungsverein (als möglicher Sponsor) sowie diverse Arbeitsgremien und Einrichtungen aus dem lokalen Umfeld u.a.m.
Das Schulgelände ist ausreichend groß. Der westliche, ca. 10.000 qm große Teil des Schulhofs wird aufgrund seiner Lage in der Regel wenig genutzt. Einbezogen in diesen Bereich sind verschiedene Felder für grobmotorische Angebote sowie ein hügeliges Gelände in der Größe von ca. 1.800 qm.
Neben dieser günstigen räumlichen Voraussetzung hätte ein Abenteuerspielplatz an dieser Stelle den Vorteil, dass er mit keiner bestehenden Jugendhilfeeinrichtung konkurrieren müsste, da keine ähnlich gelagerte existiert. Der Abenteuerspielplatz wird mit unterschiedlichen, zum Teil sich ergänzenden und miteinander kooperierenden Zielsetzungen entwickelt. So ist eine Nutzung durch die schulische Pädagogik vorgesehen. Eine derartige Einrichtung ist für ganz unterschiedliche Fächer geeignet, z.B. Biologie (Garten, Pflanzenzucht und -beobachtung, Biotop, Tierbereich, andere erlebbare Natur), Sport (Geländespiele, Bolzplatz), Werken (Holz-, Metall und andere Materialerfahrungen und -bearbeitung), Gesellschaftskunde (praktische Erfahrungen im sozialen Miteinander, Rollenspiele), Kunst (Skulpturen, Bauwerke), andere naturwissenschaftliche Fächer, wie z.B. Chemie und Physik (Feuer, Materialverbindungen wie Sand-Wasser, Lehm-Wasser), Religion (Förderung des menschlichen Miteinanders, Begegnungen auf mitmenschlicher Ebene in Natur- und kulturellen Zusammenhängen), Musik (Bau von Klangkörpern). Darüber hinaus sind der „schulischen Phantasie“ keine Grenzen gesetzt. Ferner wird der Abenteuerspielplatz als Freizeiteinrichtung im Einzugsgebiet der angrenzenden Stadtteile zu nutzen sein; er würde in die Struktur der Jugendhilfelandschaft im Hagener Norden eingebettet. Dies bedeutete auch, die Öffnungszeiten wichen von denen der Schule ab. Ein zusätzlicher Aspekt ist das informelle Schließen einer Lücke hinsichtlich des Bedarfs an Regelbetreuung im Einzugsgebiet.
Aus fachlicher Sicht wird es zu einer Neubetrachtung des Bildungsbegriffs kommen. Um sich u.a. gegen „klassische Bildungseinrichtungen“, wie eben der Schule, abzugrenzen, ist der „Bildungsbegriff“ seit den sechziger Jahren in den meisten Pädagogik-Sparten kaum noch verwandt worden, und gerade die Offene Arbeit bietet z.T. bessere Bildungsmöglichkeiten als die „eigentlichen“ Bildungseinrichtungen. Assoziativ sei hier an die Aussage Bruno Bettelheims erinnert, der feststellt, ein Erlernen des Umgangs mit Werkzeugen (Frontalunterricht) sei sinnlos, wenn es keinen Einsatz von Werkzeugen gebe (Produktorientiertheit). Der Offenen Arbeit fehlt seit geraumer Zeit oft das Selbstbewusstsein, ihren Bildungsanspruch deutlich zu machen; insofern können Konzepte wie dieses entsprechende Lücken (pionierhaft) schließen.
Innerhalb weniger Monate nach Formulierung der Ziele war die Dynamik des Projekts beachtlich. Dies allerdings ließ zum Teil dann auch Empfindlichkeiten deutlich werden; Empfindlichkeiten dergestalt, dass sich Teile der Politik und der Administration übergangen fühlten, ohne dass dies von den Initiatoren beabsichtigt worden wäre. Stand zu Anfang der Bemühungen der Slogan „Seien wir realistisch, versuchen wir das Unmögliche“ (Ernesto Che Guevara) mit im Raum, musste ein größeres öffentliches und fachliches Interesse an besagtem Projekt als erwartet festgestellt werden. So kam es einem Mangel an Zeit, alle Empfindlichkeiten angemessen berücksichtigen zu können. Hinzu kam, dass vom örtlichen Jugendamt immer wieder (und ausschließlich) der Hinweis kam, es stünden keine Finanzen zur Verfügung. Vom Werkbereich der Schule wurden Arbeitsgemeinschaften für SchülerInnen geplant sowie angeboten, die Arbeit an dem Abenteuerspielplatz aufzunehmen. Neben der praktischen Arbeit werden die Aktivitäten der Arbeitsgemeinschaften ergänzt durch Exkursionen, Lehrerfortbildungen u.a.
Nach den Sommerferien wurde als Trägerverein – vorwiegend von LehrerInnen – die „Initiative Netzwerk e.V.“ als gemeinnütziger Trägerverein gegründet. Seit Januar 1995 ist die „Initiative Netzwerk e.V.“ Träger des „Jugendcafés Kabel“ (OT1). Gegen Jahresende 1994 stellte sich heraus, dass das Jugendcafé, das sich bis dahin fünf Jahre lang in Trägerschaft des Diakonischen Werkes befand, akut von einer Schließung bedroht war. Die „Initiative Netzwerk e.V.“ bemühte sich um die Rettung des Cafés. Vorläufig ist der Erhalt gesichert; eine langfristige Weiterführung ist von Seiten der Stadt Hagen in Aussicht gestellt worden.
Ohne einen Trägerverein wäre der Erhalt des Jugendcafés undenkbar gewesen. Bei diesem Jugendtreff handelt es sich um die einzige Einrichtung im Stadtteil, die Jugendlichen die Möglichkeit zu Kommunikation, Beratung und Anleitung zu sinnvoller Freizeitgestaltung bietet. Erwähnenswert scheint, dass die „Initiative Netzwerk e.V.“ ein sehr junger Träger mit bislang wenigen Mitgliedern ist, der sich gerade anschickt, Jugendhilfeerfahrungen zu sammeln. Die Tatsache, dass vorwiegend LehrerInnen einer Schule derartige Aktivitäten auf dem Jugendhilfesektor entwickeln, sollte Impulse im Bereich der Freizeitarbeit setzen, verstärkt die Kooperation mit Schulen vor Ort zu suchen. In Hagen jedenfalls hat die Bereitschaft der „Initiative Netzwerk e.V.“, das Jugendcafé zu übernehmen, erstaunliche Wirkung innerhalb des Stadtteils gezeigt. Bei mehreren Konferenzen am Runden Tisch wurde von den beteiligten VertreterInnen der Verbände, Parteien und anderen Organisationen deutliches Interesse geäußert und dieses auch durch tatkräftige Unterstützung und Angebote finanzieller Beihilfen untermauert. Die Hoffnung der „Initiative Netzwerk e.V.“ ist nun (Anm. d. Red.: 1996), dass nach einem gelungenen Abschluss der Verhandlungen mit der Stadt und einer erfolgreichen Arbeit im Jugendcafé die Kooperationsbereitschaft sich auch auf den Abenteuerspielplatz übertragen wird. Die Einbeziehung des im Jugendcafé beschäftigten Sozialarbeiters in die Spielplatzarbeit ist bereits eingeplant, sodass auf diesem Wege eine Verknüpfung des Jugendcafés mit dem Abenteuerspielplatz erfolgen könnte.
Da das beschriebene Projekt eindeutig eine Lücke in der Kinder- und Jugendarbeit im Hagener Norden schließen wird, ist unbedingt darauf zu achten, dass es über die kommunale Jugendhilfeplanung abgesichert wird.
Beispiel 2: Abenteuerspielplatz Dortmund-Scharnhorst
Der Beginn von Kooperation und Vernetzungsansätzen zwischen dem Abenteuerspielplatz in Dortmund-Scharnhorst und der Scharnhorster Kautsky-Grundschule vor über fünf Jahren ist auf einen, wie man meinen könnte, „schlichten“ Vorgang zurückzuführen: Mitarbeiterinnen der Spielplatzes baten in der Schule darum, ihre Programme und Handzettel dort verteilen zu dürfen. Es sind ja Fälle bekannt, in denen Material der Öffentlichkeitsarbeit anderer Einrichtungen in den Papierkörben der Schule verschwand.
Das Beispiel Scharnhorst ist ein Beleg für die These, dass sich Kooperation häufig vor einem ganz konkreten personalen Hintergrund vollzieht, denn in diesem Fall stieß das Ersuchen des Spielplatzes auf gesteigertes Interesse beim Schulleiter und bei der Vertrauenslehrerin. Die Mitarbeiterinnen des Spielplatzes bekamen die Möglichkeit eingeräumt, ihre Anliegen vor den Schulklassen unmittelbar vorzutragen, was seitdem regelmäßig geschieht. Im „Gegenzug“ stellten sich Rektor und Vertrauenslehrerin auf dem Abenteuerspielplatz vor und machten sich vor Ort ein Bild von der Einrichtung und ihrer Konzeption. Das Interesse der Schule am Spielplatz konnte hierdurch erheblich gesteigert werden; auf diese Weise konnten konkrete Kooperationen eingeleitet werden; die Vertrauenslehrerin beispielsweise hospitierte mehrfach auf dem Abenteuerspielplatz. So gelang es u.a., Hintergründe, über Kinder, die für pädagogisches Handeln relevant sind, transparenter zu machen, was analog dazu zu einem besseren Verständnis etwa von Schulschwierigkeiten führte. Aus diesem besseren Verständnis heraus eröffnete sich die Schule die Möglichkeit eines erhöhten Maßes an Empathie einzelnen Kindern gegenüber. Neben diesen individuellen Veränderungen wurden in der Folgezeit weitere konkrete Ansätze der Zusammenarbeit bis hin zur Vernetzung gesucht. Die Vertrauenslehrerin sorgte für Begegnungen des Spielplatzes mit ganzen Schulklassen und anderen LehrerInnen. Der Abenteuerspielplatz und die Schule vereinbarten und planten gemeinsame Projekte.
Erwähnung finden sollte ferner ein einwöchiges, 1992 durchgeführtes Druckerei-Projekt. Der Abenteuerspielplatz verfügt über eine Druckwerkstatt; diese wurde während des Projekts von der Schule sowie auch von ASP-BesucherInnen aktiv genutzt (Schriftsetzerei, Gestaltung unterschiedlicher Papiere usw.). Ein Jahr später fand in Zusammenarbeit mit dem Jugendamt im Rahmen einer landesweit angelegten „Suchtwoche“ ein gemeinsames Projekt statt, währenddessen in erster Linie zahlreiche Aktivitäten unter dem Motto „Essen, Trinken und Rauchen“ durchgeführt wurden.
Ein weiterer Vernetzungsschritt konnte durch die Anbindung der Arbeitsgruppe „Zwischen Arbeit und Ruhestand – ZWAR“ gegangen werden. Es wurde ein „Schlüsselkinder“-Projekt initiiert, das seit geraumer Zeit fester Bestandteil der Kooperationsarbeit ist. Mit der ZWAR-Gruppe werden künstlerische und handwerkliche Aktivitäten geplant, vorbereitet und realisiert. Darüber hinaus existiert eine sogenannte „Hexenküche“, ein attraktives Kochangebot, das regelmäßig auf dem Abenteuerspielplatz durchgeführt wird.
Des weiteren wurde 1994 eine breit angelegte „Schreibwerkstatt“ organisiert. Das hohe Maß an Attraktivität, das diesem Projekt zugeschrieben wurde, dokumentiert sich u.a. durch die Beschaffung und Gestaltung eines Bauwagens, der, ausgerüstet mit Schreibmaschinen usw., auf dem Spielplatz als Schreibwerkstatt aufgestellt wurde. In dieses Projekt wurden neben Schule und Spielplatz der Jugendverband „Die Falken“ sowie eine sogenannte „Kinderanwältin“ in Dortmund eingebunden. Letztgenannte sorgte dann auch inhaltlich für starke Impulse in Richtung „Kinderpolitik“. Herausgekommen ist ein etwa 180-seitiges Buch mit zahlreichen Texten, Zeichnungen und Cartoons von Kindern, das dem Titel „Aus der Wüste ein Paradies machen“ im nds-Verlag erschienen ist. Dieses Buch versteht sich als ein Beitrag von und mit Kindern, der sich hauptsächlich an Erwachsene, z.B. im Sinne eines Handbuchs für LehrerInnen, richtet. Das Buch orientiert sich an den Kinderrechten, wie sie in der UNO-Kinderkonvention formuliert wurden: Kinder beleuchten ihre Vorstellungen bezüglich der Beteiligung im Alltag, in der Schule usw.
Aus Sicht der Schule hängt die Motivation zur Vernetzung vorwiegend mit drei pädagogisch-fachlichen Komponenten zusammen, nämlich denjenigen, die sich 1. aus einem kommunikativen Ansatz, 2. aus der im Stadtteil realen Handlungsorientierung und 3. aus einer Bindungsorientierung – bezogen auf die Kinder – ergeben. D.h. seitens der Schule wird ein deutlicher Wert auf intensiven Austausch mit denjenigen Einrichtungen und Personen gelegt, die dieselbe Zielgruppe erreichen, um deren Konditionen im Stadtteil begleitend zu verbessern. Im Stadtteil Scharnhorst hat diese kommunikative Strategie eine lange Tradition. Bereits Ende der siebziger/Anfang der achtziger Jahre wurde im Laufe eines mehrjährigen Prozesses die TABS-Arbeitsgemeinschaft 3 gegründet. Hier kommen alle Einrichtungen und Organisationen zusammen, die in der Kinder-, Jugend- und Familienarbeit im Stadtteil aktiv sind. Die Arbeitsgemeinschaft musste sich in den ersten Jahren mit erheblichen Widerständen – vor allem seitens der damaligen Leitung des Jugendamtes – auseinandersetzen. Inzwischen sind die Aktivitäten der Arbeitsgemeinschaft seit langem anerkannt und etabliert, und sie haben teilweise Vorbildcharakter; dass mittlerweile auch Schulen eingebunden sind, verdient der Erwähnung.
Die sich ausdifferenzierende Kooperation ist sowohl in der Schule als auch auf dem Abenteuerspielplatz mit organisatorischen Veränderungen verbunden. So ist es beispielsweise wesentlich, dass LehrerInnen ein ausreichendes Maß an Verfügungsstunden zugebilligt bekommen. Der Spielplatz muss sich mit seinen Öffnungszeiten zeitweise auf den Bedarf der Schule einstellen. So kann es durchaus vorkommen, bereits auch schon mal um 8.00 Uhr morgens zu öffnen.
Der Bekanntheitsgrad der MitarbeiterInnen des Spielplatzes wie auch der LehrerInnen der Schule ist in der Zwischenzeit hoch; dies sowohl untereinander als auch darüber hinaus, etwa bei Eltern. Elternarbeit kann aufeinander abgestimmt werden. Ein weiterer Effekt ist, dass „Schul-Eltern“ die Referenz der Schule bezüglich des Spielplatzes dahingehend aufgreifen, jenen vermehrt in Augenmerk nehmen und aufsuchen. Dies wirkt sich bei der Teilnahme an Elternabenden, Elterntreffs usw. aus. Darüber hinaus wird der stadtteil-orientierte Ansatz, nach dem der Abenteuerspielplatz seit seinem Bestehen (1977) arbeitet, auch durch diesen Vorgang untermauert und gestärkt. Die MitarbeiterInnen berichten, gerade in der Sommerzeit habe der Spielplatz „Freibad- und Naherholungs“-Charakter. In diesem Zusammenhang bleibt anzumerken, dass der Spielplatz so strukturiert und organisiert ist, dass die Aktivitäten der Kinder nicht massiv durch die Anwesenheit der Eltern gestört werden.
Seit kurzem werden übrigens Überlegungen angestellt, mittelfristig einen Jugendhilfeträger in Form eines Verbundes zu installieren.
Beispiel 3: Bauspielplatz Abendrothstraße, Köln-Chorweiler
Aufgrund einer Bedarfsermittlung bei den Stammkindern wurde auf dem Bauspielplatz Abendrothstraße in Köln das Einrichtungskonzept Ende 1993/Anfang 1994 fortgeschrieben. Dieses Modell fällt etwas aus dem Rahmen der hier dokumentierten Beispiele. Gleichwohl setzt es Impulse in Bezug auf die gewünschte Annäherung an die Schule. Besonders hervorzuheben ist ein gestiegenes Maß an pädagogischer Verlässlichkeit im Stadtteil Chorweiler, von dem immerhin regelmäßig ca. 30 Kinder auf dem Bauspielplatz und noch einmal ca. 20 Kinder in der ebenfalls zum Träger gehörenden Kinder- und Jugendeinrichtung profitieren; letztlich natürlich auch deren Eltern. In jüngerer Zeit eine stetige Steigerung der Nachfrage an dieses Angebot zu beobachten.
Die MitarbeiterInnen der Einrichtung stellten einen hohen Bedarf an Versorgungswünschen fest; dieser offenbarte sich in der Tatsache, dass es vielen StammbesucherInnen erst relativ spät am Nachmittag möglich war, den Spielplatz zu besuchen. Der Hintergrund hierfür war die Verpflichtung der Kinder, ihre Schulaufgaben zu erledigen. Darüber hinaus wurde festgestellt, dass die Kinder hungrig zum Platz kamen. Dieser Schlüsselkindproblematik entgegenzuwirken, war ein Grund, die Konzeption fortzuschreiben. Der Träger konnte eine ABM-Kraft als Köchin einstellen. Die Kinder werden seitdem mit einem Mittagessen gegen einen Preis von 1,– DM pro Tag versorgt. Der Restbetrag in Höhe von über 50 Prozent wird durch Bußgelder, die vom Gericht zugesprochen werden, sowie Spendenaktionen aufgestockt. Der Platz ist ab 12.00 Uhr mittags und für Schulaufgabenhilfe bereits ab 11.30 Uhr geöffnet; er steht sowohl mit seinem offenen Angebot, als auch mit der Möglichkeit, die Schulaufgaben zu erledigen, zur Verfügung; MitarbeiterInnen begleiten die Schulaufgabenhilfe. Ferner steht den Kindern eine Honorarkraft, die über das „Landesprogramm Ganztagsbetreuung“ finanziert wird, zur Verfügung. Der vermeintliche Widerspruch, die neuen Aktivitäten des Bauspielplatzes stünden im Kontext des von mir zu Anfang aufgezeigten „schulunkritischen Ansatzes“, soll hier aufgelöst werden: Wie dokumentiert, war Hintergrund der Neukonzipierung der festgestellte Bedarf bei den Kindern; dies macht den qualitativen Unterschied zu einer einseitigen Forderung durch die Schule aus. Kinder können nunmehr bereits mittags den Platz besuchen. In dieser Analogie bleiben sie dann auch für den Rest des Tages über in der Einrichtung; der Aktionsradius auch für die „eigentliche“ Bauspielplatz-Arbeit wurde erweitert, die Attraktivität im Stadtteil gesteigert. Die Schulaufgabenhilfe, von der SchülerInnen aller im Stadtteil befindlichen Schultypen erreicht werden, wird um 14.00 Uhr beendet; sie wirkt sich nicht zu Lasten des Freizeitbereiches aus.
Durch die Bemühungen des Platzes ist eine potenzielle Vernetzung eingeleitet worden. In der Zwischenzeit sind zu den Schulen Kontakte aufgebaut worden. Der Bauspielplatz nimmt die Möglichkeit wahr, über die Schulen auf seine Angebote hinzuweisen. Der Kontakt zu einzelnen Lehrerinnen und Lehrern – besonders aus dem Grundschulbereich – ist in der Zwischenzeit ausgebaut worden; teilweise besuchen Schulklassen am Vormittag den Platz. In Planung befindet sich beispielsweise ein gemeinsames Projekt zum Thema „Umweltschutz“. Die MitarbeiterInnen des Platzes sind entschlossen, die Kooperation künftig zu intensivieren, etwa dergestalt, dass Schulen regelmäßig den Platz für ihre Zwecke und Ziele nutzen können.
Ein nicht unwichtiger „Nebeneffekt“ des „verlässlichen Ganztagsangebots“ ist eine vermehrte Integration von Eltern in die Arbeit. Es finden regelmäßig Elternabende statt. Ein Eltern-Kleinkind-Bereich ist im Aufbau sowie eine Mutter-Kind-Freizeit in Planung.
Die genannten Beispiele zeigen deutlich, dass gegenwärtig durchaus konkrete Möglichkeiten bestehen, einerseits die Diskrepanz unterschiedlicher pädagogischer Felder – zumindest teilweise – aufzulösen, damit diese voneinander profitieren und gleichermaßen zufriedenstellende Antworten auf den wachsenden politischen Legitimationsdruck geben können; andererseits wirken derartige Konzepte eindeutig in Richtung Bedarfsdeckung von Ganztagsbetreuung. Genannte Beispiele schaffen Alternativen zu zunehmend verlorengegangenen Spiel- und Treffpunkten im Stadtteil; sie ermöglichen ferner Angebote, die stabile Gruppenbeziehungen und sinnvolle Tätigkeiten sowie eine zuverlässige pädagogische Zuwendung ermöglichen. Ferner sorgen sie bei den Kindern vermehrt für Anregungen zur Selbsterfahrung und zur Auseinandersetzung mit der eigenen Wirklichkeit, wirken somit einer um sich greifenden Vereinnahmung von Kindern durch domestizierte und domestizierende Medien entgegen. Gerade das Einbeziehen von Abenteuerspielplätzen in Vernetzungskonzepte käme den Erfordernissen, die auch durch die sogenannte „Freiburger Kinderstudie“ 4 aufgezeigt wurden, entgegen. Sehr deutlich wird in dieser Studie darauf hingewiesen, dass Kinder vor allem „draußen spielen wollen“; dies in Spielräumen, die möglichst wohnungsnah sind. Aus dieser Sicht wäre gerade in großstädtischen Ballungsräumen ein flächendeckendes Netz von Abenteuerspielplätzen – möglicherweise mit Anbindung an die Schulen der Primarstufe und der Sekundarstufe I – zu schaffen. Kindern würden auf diese Weise Erprobungs- und Lernmöglichkeiten sowie eine ihnen adäquate, größere Vielfalt von Angeboten eingeräumt. Der Abenteuerspielplatz ist eine der kindgerechtesten Möglichkeiten, bedarfsorientierte, offene Ganztagsangebote über die Schule hinaus einzurichten; dies käme vor allem Kindern aus der Sekundarstufe I entgegen. Neben der Gelegenheit, sich in gewünschten Peergruppen aufzuhalten und zu betätigen, wünschen sich Kinder im Schulalter erwachsene Bezugspersonen außerhalb des Elternhauses, an denen sie sich reiben und von denen sie lernen können, wie man allmählich erwachsen wird. Der Abenteuerspielplatz ermöglicht dies im wesentlichen in einem sanktionsfreien und konkurrenzarmen Rahmen, gleichermaßen für Eltern wie für Kinder verlässlich.
Aufgezeigte bzw. vergleichbare Vernetzungskonzepte würden dem Abbau der Bildungsdominanz der Schule entgegenwirken, und die Jugendhilfe bekäme einen eigenständigen Bildungsauftrag; Schule hätte erhöhte Chancen, sich bedürfnisorientierter zu orientieren.
Eine bisherige praktische Umsetzung von Kooperation und Vernetzung der Offenen Kinderarbeit mit diversen Schultypen wird augenblicklich unterschiedlich eingeschätzt. Aufgrund ihres Rahmens sind m.E. Sonderschulen und Schulen für Erziehungshilfe, aber auch zunehmend Grundschulen, besonders geeignet, konkrete Schritte zu gehen; aus deren Sicht wird diese Einschätzung – soweit bekannt – geteilt. Einrichtungen der Offenen Arbeit teilten auf Anfrage mit, dass es vor allem Gesamtschulen seien, die Interesse an Kooperation bekundeten, und wo es im Alltag zur Zusammenarbeit komme. Nach Auskunft der RAA (Regionale Arbeitsstelle zur Förderung ausländischer Kinder und Jugendlicher) in Dortmund sollen es vor allem Grundschulen sein, die den „Schulterschluss“ mit der Kinder- und Jugendarbeit suchen.
Abschließend soll ein Blick auf das Berufsbild von PädagogInnen gerichtet werden: Dieses hätte im Zuge zunehmender Annäherung bisher unterschiedlicher Felder die Chance, reformiert zu werden; Ziel sollte mittelfristig eine einheitliche sozialpädagogische Ausbildung auf der Ebene von Fachhochschulabschlüssen sein, um die Kluft zwischen Sozialpädagogik und Schulpädagogik zu verringern; langfristig sollte Pädagogik wieder zu einer einheitlichen Disziplin zusammengeführt statt weiter atomisiert werden. Dies bedeutet auch, die Lehrerausbildung künftig wieder stärker pädagogisch zu orientieren und aus dem Stadium der reinen Wissensvermittlung herauszutreten.
Vorstehender Beitrag erschien zunächst in: Ulrich Deinet (Hg.): Schule aus – Jugendhaus? Praxishandbuch: Ganztagskonzepte und Kooperationsmodelle in Jugendhilfe und Schule, Münster 1996. Eine zweite und erweiterte Auflage erschien im Votum Verlag bereits 1997. Diese Buch sei an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich empfohlen.
Anmerkung:
1 Kultusminister des Landes Nordrhein-Westfalen: Rahmenkonzept „Gestaltung des Schullebens und Öffnung von Schule“, Düsseldorf 1988
2 Eine umfassende konzeptionelle Beschreibung des hier verkürzt dokumentierten Projektes ist ebenfalls separat in unseren Internet-Seiten zu finden: Dokumentation über ein mögliches Projekt „Abenteuerspielplatz an der Schnittstelle von Freizeit und Schule“.
3 „TABS“ stand seinerzeit für die Anfangsbuchstaben der Gründungsmitglieder. Da die Arbeitsgemeinschaft inzwischen deutlich erweitert wurde, ist der Name quasi Institution.
4 vgl. Blätter der Wohlfahrtspflege – Deutsche Zeitschrift für Sozialarbeit 11-12/1994, S. 223 f.
NAGEL-Redaktion – Kooperationsprojekt zwischen Schule und Bauspielplatz
Von Wilfried Au
Seit nunmehr fast drei Jahren kooperieren die Grundschule Genslerstraße und der Bauspielplatz Rübezahl in Barmbek – Gelegenheit, einmal eine kleine Zwischenbilanz zu ziehen. Den Kooperationsschwerpunkt bilden die Anlage und Pflege eines Schulgartens auf dem Bauspielplatz während und außerhalb der Unterrichtszeit, doch gibt es daneben eine Reihe von anderen Feldern der Zusammenarbeit.
Zur Vorgeschichte:
Der Bauspielplatz „Rübezahl“ befindet sich in der Nachbarschaft der Schule Genslerstraße, etwa 300 Meter entfernt. Dort werden den Schulkindern Beschäftigungsmöglichkeiten geboten, über die die Schule in dieser Form nicht verfügt (Bewegungslandschaften im Außengelände, Werkstätten, Toberaum, Kletterwand etc.). In jüngerer Vergangenheit befand sich der Bauspielplatz in einem wenig einladenden Zustand und war oft wegen fehlender Mitarbeiter geschlossen. Verständlich war daher die geringe Akzeptanz im Stadtteil. Im Herbst 1999 übernahm ein neues Team des Verbandes Kinder- und Jugendarbeit e.V. die Regie auf dem Bauspielplatz und nahm Kontakt zu unserer Schule auf. Auf einer Lehrerkonferenz und einer Elternratssitzung erhielt es die Gelegenheit sein Konzept vorzustellen. Danach zeigten Kollegium und Elternrat Interesse an einer engen Kooperation. Einvernehmlich wurde beschlossen auf dem Bauspielplatz einen Schulgarten anzulegen, da auf dem schuleigenen Gelände der Platz durch Fußballfeld, Spielecke und Pausenhof (Verbundstein) ausgenutzt ist. Eine finanzielle Absicherung erhielt das Projekt mit dem Bewilligungsbescheid des Amtes für Schule vom 31.05.2000 über die Bereitstellung von Sachmitteln aus dem Innovationsfonds in Höhe von 5000,- DM.
Ziele des Projekts
Gemeinsam mit dem Kooperationspartner
- das neu entwickelte Konzept der Mitarbeiter des Bauspielplatzes den Kindern und Eltern des Stadtteils bekannt machen,
- den Kindern andere Lernorte, Lernformen und außerschulische Experten bieten,
- die Heterogenität der Besucher des Bauspielplatzes fördern,
- die Schülerinnen und Schüler zu Selbstständigkeit und Mitverantwortung für ihr Stadtteilprojekt anleiten,
- die Kinder durch praktisches Tun im Schulgarten vor- und nachmittags natürliche Prozesse anschaulich und „begreifbar“ erleben lassen,
- die Pädagogik durch Lernformen der offenen Kinder- und Jugendarbeit gegenseitig weiter entwickeln,
- erkunden, welche weiteren Formen der Zusammenarbeit sich aus dieser Kooperation ergeben.
Projektbeschreibung:
Im Frühjahr und Sommer 2000 leisteten die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Bauspielplatzes Vorarbeiten zum Anlegen von drei größeren und einem kleineren Beet. Auch halfen schon einige Kinder einer vierten Klasse beim Eingraben der Beetumrandungen, Abstechen der Grassoden und Aufschütten des Mutterbodens. Die Kinder der 3. und 4. Klassen besuchten den Bauspielplatz für jeweils zwei Unterrichtsstunden, um den Ort und die Angebote dieser Einrichtung kennen zu lernen. Mit Beginn des Schuljahres 2000/2001 begann eine intensive Zusammenarbeit. Bis zum Schuljahresende besuchten nahezu alle Klassen der Schule vormittags den Bauspielplatz, um an ihrem Gartenprojekt zu arbeiten. Mit besonderer Begeisterung, großer Selbstständigkeit und Verantwortung für das Gelingen der Gartenanlage widmete sich eine 4. Klasse an fünf Vormittagen der Aufgabe. Es wurden Sträucher und Bäume gepflanzt, Blumenzwiebeln gesetzt, Gemüsepflanzen gesät, Kräuterbeete angelegt. Auch wurden die Beete vom Unkraut frei gehalten und bewässert. In den Sommerferien ernteten die Kinder des Bauspielplatzes das Gemüse und verarbeiteten es zu leckeren Gerichten.
Während des Aufenthalts auf dem Bauspielplatz waren die Kinder stets in Gruppen eingeteilt, so dass nicht die ganze Klasse mit der Gartenarbeit beschäftigt war. Die anderen Kinder nutzten währenddessen die übrigen Angebote des Bauspielplatzes (Fahrrad fahren, Hüttenbau, Holzwerkstatt, Fußball spielen, Toberaum etc.). Dadurch war gewährleistet, dass alle „Gärtner“ in einer überschaubaren Gruppe unter Anleitung sinnvoll beschäftigt wurden. Auch nachmittags treffen sich Kinder der Schule auf dem Bauspielplatz, um die Gartenarbeit fortzusetzen. Nicht zuletzt wegen der engen Kooperation mit der Schule erfreut sich der Bauspielplatz auch am Nachmittag großer Beliebtheit. Die Eltern im Stadtteil konnten sich vor Ort informieren und sie wissen, dass ihre Kinder dort viele Beschäftigungsmöglichkeiten vorfinden und bei Bedarf gut betreut werden.
Aus den Mitteln des Innovationsfonds wurden bisher 2000,- EUR für Mutterboden, Gartengeräte, Naturmauer, Stauholz und Pflanzen ausgegeben. Ein besonderes Ereignis war im Sommer 2002 der Aufbau einer Stein- und Naturmauer, die einer Vielzahl von Tieren Unterschlupf bietet, eine Fülle von Beobachtungen ermöglicht und sich für einen anschaulichen und handlungsorientierten Sachunterricht anbietet. Die Motivation für die gärtnerischen Arbeiten ist natürlich nicht bei allen Schülerinnen und Schülern gleich groß. Der Bauspielplatz bietet aber genügend Möglichkeiten, um auch die etwas lustloseren Kinder sinnvoll zu beschäftigen. Mit der Tatsache, dass einige Sträucher gestohlen wurden, mussten wir uns ebenfalls abfinden. Dies stellt aber das Projekt keinesfalls in Frage, zumal sich noch eine weitere Form der Zusammenarbeit entwickelte. So betreuen die Mitarbeiter des Bauspielplatzes in Absprache mit den Lehrerinnen und Lehrern der Schule besonders intensiv einzelne Kinder, denen die nötige Zuwendung im Elternhaus fehlt. Sogar bei den Hausaufgaben wird geholfen.
Bereicherung für unsere schulische Arbeit
Die Verlagerung des Lernortes aus der Schule heraus an einen anderen Ort ist an sich schon eine Bereicherung im Sinne einer Öffnung der Schule. Die Kinder trainieren in einem anderen Umfeld soziales Miteinander, spielerisch und ohne „Schulanforderung“. Der Bauspielplatz mit seinem breit gefächerten Angebot an handlungsorientierten Beschäftigungsmöglichkeiten stellt einen besonderen Anreiz dar; die Kinder finden sich in anderen Gruppen, in neuen „Interessenverbänden“ wieder. Sie arbeiten dabei gemeinsam an einem Projekt. Engagierte MitarbeiterInnen des Bauspielplatzteams stehen stets hilfsbereit mit Rat und Tat zur Seite. Learning by doing steht im Vordergrund. Vor allem die praktischen Tätigkeiten wie Häuser bauen, einen Garten anlegen und pflegen, sind Erlebnisse, die Großstadtkinder heute kaum noch erfahren können und die auch die Schule in dieser Form nicht ermöglichen kann. Das Gefühl, Schule interessiert sich für das, was ich auch am Nachmittag/ in meiner Freizeit mache, gibt vielen sonst benachteiligten Kindern ein Gefühl der Sicherheit und „Überlegenheit“ (Selbstwertstärkung).
Bericht einer Klassenlehrerin
„Für meine Klassen ist der Bauspielplatzbesuch immer ein Abenteuer. Die Kinder sammeln Erfahrungen, die sie in ihrem städtischen Wohnbezirk sonst nicht machen können. Die Eltern hatten oft Vorurteile und ließen ihre Kinder nicht allein auf den Bauspielplatz. Durch die Klassenbesuche wurden diese Vorurteile aufgehoben. Die Kinder erproben sich fachgerecht an Werkzeugen, die sie in ihrem Alter sonst nicht benutzen dürfen. Das macht sie stolz und motiviert enorm. Auch das Erklimmen einer Kletterwand gehörte schon zum Besuchsprogramm. Ganz besonders reizvoll war das Anlegen eines Gartens. Wir pflanzten Büsche und Bäume. In kleinen Kästen zogen wir Blumensamen und Gemüse auf, um sie später anzupflanzen. Nicht alle Kinder hatten daran Interesse, aber die „Gärtner“ genossen es, in der Erde zu „wühlen“. Wir steckten zahlreiche Blumenzwiebeln in die Erde und erlebten die Blüte der Frühlingsblumen. Unsere Obstbäume wurden leider gestohlen; eine kleine Entschädigung war jedoch die Erdbeerernte.“
Wilfried Au ist Schulleiter der Schule Genslerstraße
Genslerstraße 33, 22307 Hamburg (Erstveröffentlichung in FORUM FÜR KINDER- UND JUGENDARBEIT 3/2002
NAGEL-Redaktion – Jugendliche und Internet: Mit den Möglichkeiten wächst die Verantwortung
Ein eigenes Profil im Internet zu haben, ist für viele Jugendliche heutzutage ein Muss, die digitalen Freunde im Internet zu treffen, gehört zum Alltag. Private Daten und Informationen werden ins Netz verlagert, wodurch die Grenzen zwischen Privatheit und Öffentlichkeit verschwimmen. Neben drohenden Gefahren wie Cybermobbing entstehen durch soziale Online-Netzwerke aber auch Chancen, z.B. zur Nutzung für politische Kommunikation. Diese Themen bestimmten die Tagung „Responsibility 2.0 – Engagement und Verantwortung im Internet“ am 20. und 21. Januar 2011 an der Universität Siegen.
Im Rahmen des interdisziplinären Master-Studiengangs Medien und Gesellschaft der Universität Siegen wurde die Tagung von Studierenden organisiert. Beide Tage hatten jeweils ein Schwerpunktthema. So ging es am Donnerstag, dem 20. Januar, um die individuelle, politische Kommunikation. Die Hoffnung vieler, dass durch das Aufkommen des Internets neue Wege von Demokratie entstehen, wurde durch das sogenannte Web 2.0, in dem sich der Nutzer aktiv einbringen kann, genährt. Das studentische Forschungsprojekt der Universität Siegen wollte mit einer Online-Befragung herausfinden, wie Internet-User die Netzwerkplattformen zur politischen Kommunikation nutzen. 543 Internet-Nutzer im Alter zwischen 14 und 55 Jahren wurden hierzu befragt, die meisten davon waren Mitte 20. „Uns war es wichtig, an das für uns wichtige Internet-Publikum heranzukommen und viele Menschen zu erreichen“, begründete Daniel Benfer, Mitorganisator der Tagung, das Mittel Online-Befragung. So fanden die Siegener Studierenden heraus, dass Soziale Netzwerke in erster Linie zur Pflege von Freundschaften genutzt werden, politische Informationen hingegen holen sich die User über externe Nachrichtenseiten. Mehr als die Hälfte der Befragten redet in Netzwerken nicht über politische Inhalte. Bemerkenswert ist, dass die Teilnehmer ein politisches Profil als unangenehm und unpassend empfinden. Politiker sollten demnach ihr Engagement in Sozialen Netzwerken überdenken. Ein weiteres Ergebnis der Untersuchung: Hinsichtlich der Nutzung Sozialer Netzwerke zur individuellen politischen Kommunikation positioniert sich die Mehrheit der Befragten, indem sie sich z.B. mit einem Profil einer Partei verbinden. Andere zu mobilisieren, daran haben sie kein Interesse. Insgesamt werden die Sozialen Netzwerke kaum zur politischen Kommunikation genutzt.
Der zweite Tag der Veranstaltung war den Jugendlichen und ihrer Selbstdarstellung in Sozialen Netzwerken gewidmet sowie der Frage nach der Medienkompetenz von Jugendlichen für eine verantwortungsbewusste Selbstdarstellung in Sozialen Netzwerken. „Gerade Lehrerinnen und Lehrer begrüßen die Auseinandersetzung mit dem Web 2.0 und nutzen hier die Gelegenheit, sich untereinander auszutauschen. Sie stehen den Problemen, z.B. dem Cyber-Mobbing, oft hilflos gegenüber“, erklärte Daniel Benfer. Anhand einer Querschnittsstudie unter Schülerinnen und Schülern verschiedener Schulformen befragten die Studierenden insgesamt 428 Schüler von je drei Haupt-, Realschulen und Gymnasien aus dem Kreis Siegen-Wittgenstein und dem Oberbergischen Kreis im Alter von 12 bis 16 Jahre. „Uns war es wichtig, lokal bezogene Daten aufzunehmen“, sagt Daniel Benfer. 92,8 Prozent der befragten Schüler haben einen regelmäßigen Zugang zum Internet. 92,3 Prozent haben oder hatten ein Profil in Sozialen Netzwerken. Die meisten nutzen mehrmals die Woche ihre Netzwerke, 45 Prozent sogar täglich. Von den täglichen Nutzern sind fast 60 Prozent bis zu zwei Stunden täglich in den Netzwerken, 13 Prozent sogar über vier Stunden.
Die Schüler haben teilweise sehr viele persönliche Daten in ihren Profilen angegeben. Dabei sind ein Drittel aller Profile öffentlich sichtbar und damit ungeschützt. Auf die Frage, wie sie es fänden, wenn sie ihr Profil zu Hause und/oder in der Schule ausgestellt wüssten, wäre fast 30 Prozent der Jugendlichen die eigene Präsentation peinlich. Ein großes Problem der Selbstdarstellung in Sozialen Netzwerken ist das sogenannte Cyber-Mobbing, dem während der Tagung ein gesonderter Vortrag gewidmet war. Insgesamt gaben 37 Prozent der Befragten in der Siegener Umfrage an, dass sie bereits schlechte Erfahrungen im Internet gemacht haben. Zumeist handelte es sich dabei um Beleidigungen, 8 Prozent berichteten allerdings von sexueller Belästigung. Interessant: Das Alter sowie die Bildung beeinflussen nachweislich den Umgang mit den eigenen Daten und die schlechten Erfahrungen. Die Ergebnisse der Studien sind sicher nicht repräsentativ. „Ziel der Tagung war es, zu informieren und zu sensibilisieren“, sagte Daniel Benfer.
Weitere Informationen – ausführliche Darstellung von Referenten und Vorträgen sowie Informationen zum Thema allgemein
Universität Siegen vom 24. Januar 2011/idw
NAGEL-Redaktion – „BalanceAkt Kinderrechte“ – ein Skulpturenprojekt in Hagen
Ein gelungenes Beispiel einer Kooperation zwischen dem Mehrgenerationenhaus des Deutschen Kinderschutzbundes, Kommune und Wirtschaft

Ist das Zusammenspiel von Mehrgenerationenhäusern, der Kommune und der Wirtschaft zu schaffen? Viele MGH-Häuser haben bereits gute Erfahrungen sammeln können. Ein 2010 entstandenes und äußerst interessantes Projekt in Hagen zeigt auf, wie es im Einzelfall gelingen kann. In diesem Fall ist es ein Skulpturenprojekt für Kinderrechte, das trotz knapper Finanzen realisiert wird. Kostenpunkt: ca. 40.000,- Euro.
Idee
Weltweit einmalig soll in Hagen ein Skulpturenkomplex zum Thema „Kinderrechte“ entstehen, das dauerhaft im öffentlichen Raum präsentiert wird. Standort wird der Dr. Ferdinand-David-Park sein, der idealerweise genau am Rathaus, dem Allerwelthaus und dem Kinderschutzbund mit seinem „Ein Haus für Kinder“ liegt. Den Mittelpunkt wird die Bronze-Skulptur „BalanceAkt Kinderrechte“ bilden. Dazu gehören 12 Stelen zum Thema Kinderrechte.
Ziel
Mit diesem Projekt sollen die Kinderrechte nicht nur öffentlich nachzulesen sein. Sie sollen auch einen Impuls für unsere Stadt, die Region, unser Land und darüber hinaus geben, Kinderrechte zu respektieren und konsequent umzusetzen.
Entstehung der Idee – eine internationale Geschichte
Nach dem Besuch einiger russischer Kinderheime in der Partnerstadt Smolensk hat die Geschäftsführerin des Hagener Kinderschutzbundes, Christa Burghardt, auf ihrer Rückreise in Moskau bei einem Spaziergang zufällig die Skulpturengruppe „Die Laster der Erwachsenen“ des Künstlers Michael Schemjakin entdeckt. 15 einzelne, große Bronze-Skulpturen zeigen kreisförmig angeordnet sehr plastisch menschliche Laster, unter denen insbesondere Kinder zu leiden haben, beispielsweise einen Mann, der ein Kind mit einem Rohrstock schlägt. Sie entwickelte die Idee, dass es als Gegenstück eine Skulpturengruppe geben müsste, die darstellt, was Kinder brauchen, beispielsweise Liebe, Geborgenheit, verlässliche Eltern usw. Damit war schnell die Verbindung zu den Kinderrechten hergestellt, die von den Vereinten Nationen am 20.11.1989 verabschiedet und inzwischen von den meisten Staaten der Welt unterzeichnet worden sind, in Deutschland am 5.4.1992. Zurück in Hagen konnte der Vorsitzende des Vereins Freundeskreis Hagen Smolensk e.V., Hans-Werner Engel, für die Skulpturen-Idee begeistert werden. Daher kam man überein, alle notwendigen Aktivitäten zu entfalten, um in Hagen ein solches Skulpturen-Projekt zu verwirklichen – auch als eine schöne und dauerhafte Ausdrucksform der Städtepartnerschaft Hagen-Smolensk.
Skulptur „BalanceAkt Kinderrechte“
Die aus Bronze gefertigte Skulptur stellt ein Kind dar, das ein Buch mit den Kinderrechten hoch hält, während es über einen mit Mosaiksteinen versehenen Regenbogen balanciert. Die fragile Gestaltung der Plastik soll darauf hinweisen, wie gefährdet die Kinderrechte heute noch immer sind, obwohl sie von so vielen Nationen anerkannt werden. Das Kunstwerk wird von dem Künstler Prof. Alexander Parfeonov aus Smolensk (der russischen Partnerstadt Hagens) geschaffen.
12 Stelen über Kinderrechte
Die Skulptur „BalanceAkt Kinderrechte“ erhält eine wichtige Ergänzung durch 12 Stelen, die als ein „Pfad der Kinderrechte“ durch den Park führen. Es gibt zwei Laufrichtungen. Beginnend am Rathaus wird es eine Stele geben, auf der ein Buch aufliegt, in dem die Kinderrechte nachgelesen werden können. Der Weg in den Park führt an 10 gradlinigen Stelen vorbei, die einzelne Paragraphen der Kinderrechte aufzeigen. Am Ende befindet sich eine Stele, auf der wiederum ein Buch aufliegt, in dem das Projekt dargestellt wird sowie Sinnsprüche und Statements rund um das Thema. Dieses Ende ist zugleich der Anfang des Weges in die entgegengesetzte Richtung. Hier wird im Vorbeigehen (auf den Rückseiten der Kinderrechte-Stelen) zu lesen sein „Was Kinder brauchen“. Damit ist der Gegenpart zu der Skulpturengruppe in Moskau hergestellt. Die gradlinigen Kinderrechte-Stelen werden von dem Hagener Edelstahldesigner Dirk Surma gestaltet und korrespondieren mit dem Kunstwerk „Die sieben Weisen“ von Eva Niestrath-Berger, das ebenfalls im Park steht.
Begleitprojekte
Der Kinderschutzbund wird in Kooperation mit Schulen, Kitas und sozialen Einrichtungen Begleitprojekte durchführen. Kinder, Jugendliche und Erwachsene sollen angeregt werden, sich mit den Kinderrechten und Bedürfnissen von Kindern zu beschäftigen, sei es durch Mal- oder Kunstprojekte, Gedichte, Deutsch- oder Politikunterricht etc. Auch über die Presse soll auf die Kinderrechte aufmerksam gemacht werden. Die Bevölkerung soll sensibilisiert werden, sich mit den Kinderrechten zu beschäftigen und sich dazu zu äußern. Gute Sinnsprüche und Zitate, gerne auch aus dem Kindermund, sollen in das Buch der Stele „Was Kinder brauchen“ einfließen. Die Ergebnisse der Begleitprojekte sollen auch im Internet öffentlich gemacht werden.
Schirmherrschaft
Besonders erfreulich ist, dass die Schirmherrschaft für das Kinderrechte-Skulpturenprojekt von dem Oberbürgermeister der Stadt Hagen, Jörg Dehm, und seiner Ehefrau übernommen wurde.
Übergabe der Skulptur und Stelen
Genau am internationalen Weltkindertag, dem 20. September 2010, werden das Kunstwerk sowie die Kinderrechte-Stelen anlässlich des 25-jährigen Bestehens der Städtepartnerschaft Hagen-Smolensk in einem Festakt mit anschließendem Kinderfest übergeben.
Die Finanzierung des Projektes
Die Finanzierung des Projektes erfolgt ausschließlich durch Spenden. Neben Dienstleistungs- und Geldspenden von Privatpersonen und aus der Wirtschaft ist es besonders erfreulich, dass die Partnerstadt Smolensk und die Bezirksvertretung Mitte der Stadt Hagen das Kinderrechte-Projekt fördert. Zurzeit werden noch ca. 10.000,- €uro benötigt. Wer sich an der Verwirklichung dieses Projektes finanziell beteiligen möchte, ist herzlich willkommen.
Spendenkonten
Sparkasse Hagen, BLZ 450 500 01, Stichwort „Kinderrechte-Skulptur“
Konto: Freundeskreis Hagen-Smolensk oder 100 157 068 oder
Konto: Kinderschutzbund: 107.017.172
Die Kinderrechte sind zum Schutz von Kindern verabschiedet worden, um ihnen ein Leben in Würde und Geborgenheit zu ermöglichen.
Zur Erreichung dieses Ziel ist es unbedingt nötig, dass sie sowohl den Erwachsenen als auch den Kindern gleichermaßen bekannt sind. Das Skulpturenprojekt in Hagen leistet einen wichtigen Beitrag dazu.
Deutscher Kinderschutzbund, OV Hagen vom – Von Christa Burghardt, Mehrgenerationenhaus Hagen/DKSB Hagen – Mitteilung an den ABA Fachverband vom 10. Mai 2010 – Der DKSB Hagen ist seit langem aktives Mitglied im ABA Fachverband
NAGEL-Redaktion – Liberalität

Albert Einstein: „Handle niemals gegen das Gewissen, selbst wenn der Staat es fordert.“
Als Gegensatz zum Neoliberalismus können wir Liberalität begreifen. „Die ‚Neoliberalen‘ sind eine Landplage – weltweit“, schreibt Albrecht Müller im „Kritischen Jahrbuch 2007 – Nachdenken über Deutschland“ (Kirchsahr 2008, Helmut Schmidt Medien, S. 189). Und weiter: „Die herrschende Wirtschaftsideologie hinterlässt in den von ihr besetzten Ländern nicht nur eine Wüste von sozialer Ungerechtigkeit und Unsicherheit. Sie verträgt sich im Kern auch nicht mit der Idee der Demokratie. Und sie ist nicht einmal sonderlich effizient, weil die ihr zu Grunde liegenden Vorstellungen vom Funktionieren eines Marktes einfach zu primitiv sind.“
Schauen wir im Duden unter „Liberalität“ nach, stoßen wir auf die Erklärung „Freiheitlichkeit“ und „Vorurteilslosigkeit“. Seltsamerweise ist es die „APO-Generation“, die – einmal an der Regierung – sich aus- und andauernd Neues überlegt, was es zu verbieten gelte. Sei es das Rauchverbot von 2008 oder auch so obskure Ideen – ebenfalls 2008 von der Bundestagsabgeordneten Miriam Gruß ausgedacht -, Überraschungseier verbieten zu wollen.
Der französische Philosoph, Psychologe und Soziologe Michel Foucault (1929-1984) hat uns hinterlassen, dass es unter anderem sehr darauf ankäme, möglichst wenig regiert zu werden; dies könnte ein Markenzeichen für Demokratie sein.
Wir begreifen die Kunst, sich wenig regieren zu lassen als „Liberalität“. Und dies hat mit Neoliberalismus nichts und mit Liberalismus nur bedingt zu tun. Die Reglementierungswut zahlreicher Regenten legislativer und exekutiver Art steht uns zeitweise so sehr gegen den Strich, dass wir uns entschlossen haben, diese Seite anzubi
Gern nehmen wir passende Beiträge – Ernstgemeintes, Satiren usw. – entgegen, wenn Sie glauben, Sie sollten hier in Zukunft zu finden sein.

Rosa Luxemburg: „Freiheit ist immer Freiheit der anders Denkenden.“
Beiträge, die Sie hier finden
Pressefreiheit
Grundgesetz, Artikel 5: „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.“ Eine etwas andere Position nimmt der Bürgermeister von Bad Oldesloe (Schleswig-Holstein), der parteilose Tassilo von Bary, ein. Er nennt es der „taz“ gegenüber „Liebensentzug“, wenn er das „Stormaner Tagesblatt“, das ihm nicht willig genug berichtete, boykottiert. Die „taz“ vom 16. März 2009 („Provinzpösschen“) und vom 23. März 2009 („Kein Provinzpösschen“) berichtete.
Artikel herunterladen
Bätzingsche Verbotsorgien
Wer stoppt Sabine Bätzing? Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung (SPD) befindet sich auf einem verbissenen Feldzug gegen Rauschmittel. Wilhelm Klümper kommentiert in der WAZ vom 22. Dezember 2008 – Kommentar herunterladen – Sabine Bätzing auf abgeordnetenwatch.de
Recht aufs Laster
Die Popsängerin Annett Louisan hat genug von der Intoleranz der Nichtraucher.In der Dezember-Ausgabe 2008 von „Kultur Spiegel“ schreibt sie über Diskriminierung, massive Intoleranz, Aggressionen, Unvollkommenheit und Schwächen – und, dass sie große Lust bekommt, etwas Verbotenes gerade wegen des Verbots zu tun. – Herunterladen
Respekt, Alter! Achtung voreinander ist keine Mode
Prof. Klaus Kocks äußert sich in seiner Kolumne in der „Frankfurter Rundschau“ vom 27. November 2008 zu „frechen Jugendlichen aus dem Migrantenmilieu“, „Ghetto-Plebs“, fehlendem Respekt und Proleten, bei denen es sich im Zweifelsfall um noble Regierungsbeamte – nebst Gattin – handelt. – Herunterladen
Unmoral der Werteapostel

Die „taz“ vom 19. Januar 2009 veröffentlichte einen lesenswerten Vorabdruck aus dem Buch „Politik der Paranoia. Gegen die neuen Konservativen“ von Robert Misik, das im Januar 2009 im Aufbau Verlag erschienen ist. Diesen Vorabdruck „Unmoral der Werteapostel“ können Interessierte hier herunterladen. Darüber hinaus empfehlen wir die Lektüre des gesamtes Buchs. Bibliographische Angaben gibt es unterhalb des Textes (Vorabdruck). Weitere lesenwerte Veröffentlichungen des österreichischen Autors gibt es ebenfalls im Aufbau Verlag.
„Unmoral der Werteapostel2 (Vorabdruck) herunterladen
Diese Seite wird von Zeit zu Zeit erweitert.
NAGEL-Redaktion – Geschlechtergerechtigkeit
Schülerin aus Afghanistan trotzt den Taliban
Der Bericht ging durch einen Großteil der deutschen Presse. Afghanische Mädchen wurden auf dem Weg zur Schule in der Provinz Kandahar mit Säure angegriffen. Unter der Herrschaft der Taliban von 1996 bis 2001 war Mädchen der Schulbesuch verboten. Die 17-jährige Schamsia wurde schwer verletzt. Im Krankenhaus sagte sie: „Selbst wenn sie es noch hundert Mal versuchen, werde ich den Schulbesuch fortsetzen.“ Mit ihrer Courage wird sie zum Vorbild. Deshalb räumen wir ihr hier diesen Platz ein. – Bericht aus der „Welt“ vom 16. November 2008 herunterladen
Ein überraschendes Interview: Der frühere Auslandskorrespondent Christoph Hörstel, ausgewiesener Afghanistan-Kenner, erklärt im Interview, warum, die Amerikaner die Taliban und afghanische Terroristen unterstützen. Hörstel: Die „Taliban sind keine Marsbewohner“. So lautet auch der Titel des brisanten Interviews in der „taz“ vom 11. Dezmber 2008. – Herunterladen
Geschlechtergerechtigkeit: Fachlicher Informationsbaustein (Materialsammlung für die Praxis)
Ein Beitrag von Delia Schröder, Deutsches Jugendinstitut (Projekt Fachlich-wissenschaftliche Begleitung „Lokale Bündnisse für Familie“), München, September 2004 – Zum Herunterladen Titel anklicken!
Gender Gleichstellung Geschlechtergerechtigkeit
Herausgegeben vom Zentrum polis, einer Initiative des Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur (Abt. Politische Bildung) der Republik Österreich gibt es vorstehende Broschüre von Philipp Leeb, Renate Tanzberger und Bärbel Traunsteiner. Enthalten sind Texte, Unterrichtsbausteine sowie Projekte. Erschienen ist die Broschüre im Febraur 2008 in der 2. Auflage (Wien). Interessiert? Bitte den Titel anklicken!
Bereits im Jahr 2000 gab es in der Reihe „Aus Politik und Zeitgeschichte“ (Beilage der Zeitung „Das Parlament“) ein Themenheft zur Geschlechtergerechtigkeit (Ausgabe B 31-32/2000). Die gedruckte Ausgbe ist vergriffen. Zu finden sind die Beiträge auf den Seiten der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb).
Inhalt
Männer und Frauen – als Team unschlagbar (Gertud Höhler)
Geschlechterarrangements in der Bundesrepublik (Ulla Weber/Barbara Schaeffer-Hegel)
Die Modernisierung weiblicher Lebenslagen (Birgit Geissler/Mechthild Oechsle)
Geschlechtergerechtigkeit als Männlichkeitskritik (Peter Döge)
Innovative Pozentiale von Politikerinnen (Brigitte Geißel)
Geschlechterdemokartie im europäischen Kontext (Beate Hoecker)
Interessierte werden auf die Seiten der bpb weitergeleitet (vorstehende Abbildung anklicken!).
Diese Seite wird nach und nach erweitert!
NAGEL-Redaktion – (Nicht)Behinderung – Vielfalt des Lebens
Seitens des ABA Fachverbandes gibt es seit längerem Bemühungen, Offene Arbeit und Behinderung stärker in den Fokus zu nehmen. Der „offizielle Auftakt“ hierzu war die Herausgabe der Broschüre von Petra Monshausen und Rainer Deimel „Die einzigen Behinderten, die es hier gibt, sind die Betreuer“. Diese Publikation erschien bereits 1990 in der NAGELKOPF-Reihe.
Bei dem leicht provokanten Titel handelte es sich um ein wörtliches Zitat eines Mitarbeiters in einer offenen Einrichtung auf die Frage von Petra Monshausen nach der Präsenz von Behinderten.
Die Bemühungen um das Thema sind inzwischen weiter fortgeschritten. Dokumentiert wird dies unter anderem durch Mitarbeit von Dirk Makoschey im Fachbeirat des Verbandes seit Anfang 2007. Hierzu der i-Punkt 2/2007: „Da der Bereich ‚Behinderung & Teilhabe‘ innerhalb des Verbandes bislang noch nicht explizit vertreten war, ist die Berufung von Dirk Makoschey eine große Bereicherung. Für Ideen, die die Schnittstelle zwischen Kinder- und Jugendarbeit sowie Rehabilitation/Integration betreffen, sind wir offen und freuen uns über entsprechende Kontakte.“
Wir haben uns entschlossen, hier als Unterverzeichnis der „NAGEL-Redaktion“ diese Seite einzurichten. Über Zuspruch freuen wir uns.
Themen
Inklusion und Offene Kinder- und Jugendarbeit
Anfang Oktober haben wir die Seite Alle reden von Inklusion – Yanneck macht’s einfach ins ABA-Netz gestellt. Dies geschah im Zusammenhang mit der Ehrung des Bauspielplatzes Friedenspark, Köln, in unserer Rubrik Qualität: Inspiration. Auf der Seite ist auch ein Kurzkonzept „Inklusion Bauspielplatz Friedenspark“ zu finden.
PferdeStärken
Ein Projekt der NaBeBa-Naturwerkstatt, Waltrop, in Kooperation mit dem ABA Fachverband Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen
Aufbau und Entwicklung freizeitpädagogischer Angebote für Kinder und Jugendliche mit und ohne Behinderungen unter besonderer Berücksichtigung des Einsatzes von Pferden (5. August bis 31. Dezember 2011) -> Zur Seite

Eingestellt am 25. Januar 2012 ->Stellungnahme herunterladen

Eingestellt am 25. Januar 2012 -> Informationsheft der „Aktion Mensch“ herunterladen
Ulla Keienburgs Blog: Pablo Pineda – Eine unmögliche Karriere?

Foto: Me too – Wer will schon normal sein? Spanien 2009 (Bild: prinz.de – übernommen von Ulla Keienburg)
Ich hatte nur zwei Fragen: „Bin ich dumm?“ Er antwortete: „Nein.“ „Kann ich weiter in die Schule gehen mit meinen Freunden?“ Er sagte: „Kein Problem.“ Der Rest, der war mir egal.“ -> Dorthin
Online-Handbuch „Inklusion als Menschenrecht“ gestartet
Infos, Spiele und Methoden zu den Themen Inklusion, Behinderung und Menschenrechte
Das Deutsche Institut für Menschenrechte und die Stiftung „Erinnerung – Verantwortung – Zukunft“ haben das ansprechend gestaltete Online-Handbuch konzipiert und umgesetzt. Jeder Mensch hat ein Recht auf „Inklusion“, also darauf, ein gleichberechtigter Teil der Gesellschaft zu sein. So steht es unter anderem in der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen, die seit 2009 auch in Deutschland gilt. Doch von der rechtlichen zur tatsächlichen Gleichstellung behinderter Menschen ist es noch ein weiter Weg. Das Online-Handbuch „Inklusion als Menschenrecht“ will dazu beitragen, diesen Weg zu ebnen. Es ist eine einzigartige Sammlung an Informationen, Spielen und Methoden zu den Themen Inklusion, Behinderung und Menschenrechte.
Jugendhilfe-aktuell Newsletter vom 1. Dezember 2011
UN-Monitoring-Stelle: „Wir sind alle aufgefordert, Behinderung neu zu denken!“
UN-Monitoring-Stelle zur UN-Behindertenrechtskonvention zum Internationalen Tag der Menschen mit Behinderungen am 3. Dezember 2011
Die Monitoring-Stelle zur UN-Behindertenrechtskonvention hat für die Neuinterpretation des Begriffs „Behinderung“ geworben. Behinderung sei lange als Problem des Einzelnen betrachtet worden, erklärte Valentin Aichele, Leiter der Monitoring-Stelle zur UN-Behindertenrechtskonvention, anlässlich des Internationalen Tages der Menschen mit Behinderungen. Die UN-Behindertenrechtskonvention setze dem ein anderes Verständnis von Behinderung entgegen. „Menschen mit Beeinträchtigungen sind nicht behindert, sie werden durch Barrieren in der Umwelt und in den Köpfen behindert“, so Aichele.
Behinderung entstehe durch die Wechselwirkung zwischen Menschen und ihrer Umwelt und schränke behinderte Menschen in der gleichberechtigten Ausübung ihrer Rechte ein. Eine intensive gesellschaftspolitische Diskussion über die Folgerungen sei dringend notwendig. Dieser Paradigmenwechsel müsse sich aber auch auf das Verständnis bestehender rechtlicher Bestimmungen auswirken. Ein Beispiel sei die Auslegung von Artikel 3 des Grundgesetzes „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden“. „Die Auslegung des verfassungsrechtlichen Begriffs Behinderung sollte zukünftig im Lichte der Konvention erfolgen“, betonte der Menschenrechtsexperte.
Marianne Hirschberg, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Monitoring-Stelle und Autorin des gerade erschienenen Positionspapiers „Behinderung: Neues Verständnis nach der Behindertenrechtskonvention“, sagte: „Die Barrieren in den Köpfen sind nach wie vor vorhanden, und es gibt große Berührungsängste, die das Leben von Menschen mit Behinderungen unnötig erschweren. Ich würde mir beispielsweise wünschen, dass Menschen mit Behinderungen häufiger in den Medien auftauchen und dass sie dort nicht nur als Exoten dargestellt werden.“ Solche Bilder verhinderten, die Barrieren zu erkennen, die Menschen an der gleichen Rechtsausübung hindern, und die notwendigen Schritte zur Überwindung zu identifizieren.
Deutsches Institut für Menschenrechte vom 1. Dezember 2011
Handlungbedarf zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention in Nordrhein-Westfalen
Das Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechts von Menschen mit Behinderungen (UN-Behindertenrechtskonvention – BRK) normiert erstmals in völkerrechtlich bindender Weise die Menschenrechte der Menschen mit Behinderungen. Damit wird kein Sonderrecht für behinderte Menschen geschaffen, sondern fir allgemeinen Menschenrechte werden aus der Perspektive von Menschen mit Behinderungen klargestellt und konkretisiert. Die BRK trat am 26. März 2009 in Deutschland in Kraft.
Mit Datum vom 26. August 2009 formuliert der Sozialverband Deutschland (SoVD), Landesverband NRW, ein umfassendes Papier über die „Landespolitischen Handlungsbedarfe zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention in Nordrhein-Westfalen“. Darin geht es um ein inklusives Bildungswesen (Eine Schule für alle), allgemeine Zugänglichkeit („Barrierefreiheit“) in Bezug auf Bauen und Verkehr, selbstbestimmtes, barrierefreies Wohnen, barrierefreie öffentliche Zugänge zu Diensten und Einrichtungen, Anpassung des Behindertengleichstellungsgesetzes NRW u.a.m. Der ABA Fachverband schließt sich den Auffassung und Forderungen des SoVD an.
Aufmerksamkeit hat beim ABA Fachverband auch die differenzierte Betrachtung des SoVD erregt, wenn beispielsweise der Begriff „Zugänglichkeit“ im Zusammenhang mit „Barrierefreiheit“ benutzt wird. Nach Auffassung des ABA Fachverbandes sind in gewisser Weise „Barrieren“ erforderlich, um Menschen dazu zu animieren, Herausforderungen anzunehmen. Dies gilt insbesondere im Zusammenhang mit pädagogischen Programmen und Aktivitäten. So gesehen definiert „Barrierefreiheit“ nicht, sämtliche Schwierigkeiten aus dem Wege zu räumen, sondern die Lebenswelt barrierebewusst zu gestalten, mit anderen Worten: Ausschlüsse und Aussondern gezielt zu vermeiden.
Dies ist kein rein philosophisches Thema, sondern darüber hinaus auch handfestes politisches und praktisches Handeln. (ABA Fachverband, 28. August 2009) – Zur Seite „Umsetzung der UN-Behindertenkonvention in NRW“ wechseln
Total Normal – Behinderte Mädchen und Jungen erobern ihre Stadt
Bewegung statt Stillstand. Ein Projekt der Vereine ELE e.V. und MOBILE e.V., Dortmund. Faltblatt herunterladen
Pressemitteilung des ABA Fachverbandes vom 13. Januar 2007 zur Auftaktveranstaltung „Total Normal! Behinderte Mädchen und Jungen erobern ihre Stadt“

Edwards-Team unterstützt Stadtabenteuer für behinderte Jugendliche durch kostenlose Verpflegung
Dortmund: Behinderte Jugendliche erobern mutig neue Erlebnisräume in der Stadt. Bericht vom 20. April 2007.
Herunterladen
Selbstbestimmung erfahren durch Erlebnispädagogik – Dokumentation einer Fachtagung im Rahmen des Projekts “ total normal! Behinderte Mädchen und Jungen erobern ihre Stadt“ am 24. Juni 2008 in Dortmund (herausgegeben von Erleben Lernen Erfahren e.V. und MOBILE Selbstbestimmtes Leben Behinderter e.V.)
In dem Modellprojekt „total normal! Behinderte Mädchen und Jungen erobern ihre Stadt“ entwickelten die genannten Dortmunder Vereine gemeinsam ein innovatives Konzept. Über handlungsorientierte Methoden aus der Spiel- und Erlebnispädagogik konnten behinderten behinderten Jugendlichen Kernkompetenzen zum selbstbestimmten Leben vermittelt werden, sodass diese mehr Teilhabe in unserer Gesellschaft selbstbewusst einfordern und realisieren können. Das Kooperationsprojekt wurde über eine zweijährige Laufzeit vom Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen im Programm „Teilhabe für alle“ gefördert. Minister Karl-Josef Laumann war bei der Veranstaltung anwesend. Dokumentiert werden auch die Hintergründe des Modellprojekts. Die Broschüre kann hier heruntergeladen werden (56 Seiten, 3.931 KB).
Landesjugendamt Rheinland
Jugendhilfe-Report 3/2006
Schwerpunkt: Unterschiedlichkeit macht schlau! Gemeinsame Erziehung von Jungen und Mädchen mit und ohne Behinderung
Grundsätzliches

Gesetz zu dem Übereinkommen der Vereinten Nationen vom 13. Dezember 2006 über die Rechte von Menschen mit Behinderungen sowie zu dem Fakultativprotokoll vom 13. Dezember 2006 zum Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (Bundesgesetzblatt Jahrgang 2008 Teil II Nr. 35, ausgegeben zu Bonn am 31. Dezember 2008)
-> Herunterladen
Zwischen Deutschland, Liechtenstein, Österreich und der Schweiz abgestimmte Übersetzung
Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen
-> Herunterladen
Externer Link zum Deutschen Institut für Menschenrechte: Behindertenrechtskonvention (Bild anklicken)
Wikipedia: UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen
Behinderung: Neues Verständnis nach der Behindertenrechtskonvention
Lange Zeit wurde Behinderung als Problem des Einzelnen betrachtet. Die UN-Behindertenrechtskonvention etbliert einen veränderten Blick auf Behinderung: Nicht die Menschen mit Beeinträchtigungen sind behindert, die werden – durch Barrieren der Umwelt – behindert. Dieser neue Behindertenbegriff setzt einen gesellschaftspolitischen Impuls, Behinderung anders zu deneken und bei der zukünftigen Fortentwicklung des Rechts und in der gesellschaftlichen Praxis zu betrachten.
Positionspapier Nr. 4 der Monitoring-Stelle zur UN-Behindertenrechtskonvention – Herausgegeben vom Deutschen Institut für Menschenrechte
-> Herunterladen
Online-Handbuch Inklusion als Menschenrecht des Deutschen Instituts für Menschenrechte (Externer Link) – Logo anklicken!
Externer Link zum Deutschen Institut für Menschenrechte (Logo anklicken!)
NAGEL-Redaktion – Behindert?

Foto: Bold Stock – fotosearch.de
Auf dieser Seite werden nach und nach Beiträge eingestellt, nachdem sie die Redaktion erreicht haben.
Empfehlen möchten wir hier den Besuch unserer Seite (Nicht)Behinderung – Vielfalt des Lebens im Verzeichnis NAGEL-Redaktion. Beiträge finden Sie auch im Verzeichnis NRW-Bündnis „Eine Schule für alle“ (dort auf der Startseite sowie unter „Aktualitäten“ und „Dokumente – Argumente“).

Foto: adpic.de
„Die unverdünnte Hölle“
Dieser beachtliche Artikel wurde im SPIEGEL 2/2009 veröffentlicht. Er beschäftigt sich anlässliche der Ratifizierung der UN-Konmvention über die Rechte Behinderter mit der Situation behinderter Menschen in Deutschland. Diese werden laut SPIEGEL in Deutschland ausgegrenzt und in Sonderschulen, Werkstätten und Heime abgeschoben. Ferner: Es müsse nach Inkrafttreten der UN-Konvention ein radikales Umdenken erfolgen. Die Bundesregierung signalisiere hingegen: Alles soll so bleiben, wie es ist. Den Originalartikel laden Sie mittels eines Klicks auf vorstehende Abbildung. Der reine Text ist ebenfalls eingestellt. Interessierte können ihn hier herunterladen.
Manifest der Bundesarbeitsgemeinschaft „Gemeinsam leben – gemeinsam lernen“
Am 29. Januar 2009 ist die Bundesarbeitsgemeinschaft „Gemeinsam leben – gemeinsam lernen“ mit dem Manifest „Inklusive Bildung – Jetzt!“ an die Öffentlichkeit getreten. Darin wird auf die kürzlich ratifizierte UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen Bezug genommen, mit der sich die Bundesrepublik verpflichtet, Kindern mit und ohne Behinderungen ein gemeinsames (inklusives) Bildungssystem anzubieten. Eine Behinderung darf nicht mehr Anlass sein, ein Kind aus der allgemeinen Schule zu verweisen. Vielmehr müssen alle erforderlichen Hilfen zum Kind gebracht werden. Die Bundesarbeitgemeinschaft fordert alle Verantwortlichen auf, zügig für die Umsetzung des Rechts auf inklusive Bildung zügig zu sorgen: die Kultusministerkonferenz, die Kultusministerien der Länder, aber auch die Bundesregierung, die völkerrechtlich für die Umsetzung der Konvention verantwortlich ist. Wer will, kann das Manifest durch Unterschrift unterstützen. Sowohl Manifest als auch Unterstützerliste können hier heruntergeladen werden.
Manifest als PDF herunterladen
Unterstützerliste als PDF herunterladen
Gutachten zum Recht auf Bildung nach Artikel 24 des UN-Abkommens über die Rechte Behinderter
Gutachten zu den völkerrechtlichen und innerstaatlichen Verpflichtungen aus dem Recht auf Bildung nach Art. 24 des UN-Abkommens über die Rechte der Menschen mit Behinderungen und zur Vereinbarkeit des deutschen Schulsystems mit den Vorgaben des Übereinkommens – Erstellt im Auftrag der GEW von Prof. Dr. Ralf Poscher (Ruhr universität Bochum) et. al., veröffentlicht im August 2008 – Herunterladen

Foto: Dirk Makoschey (saugfuss.de)
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„Nichts ist verblüffender als die einfache Wahrheit, nichts exotischer als unsere Umwelt, nichts ist phantasievoller als die Sachlichkeit. Und nichts Sensationelleres gibt es in der Welt als die Zeit, in der man lebt!“
Egon Erwin Kisch

Artikel 5 Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland
(1) Jeder Mensch hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt
(2) Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und dem Recht der persönlichen Ehre.
(3) Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung.
Eine aufschlussreiche „Flugschrift“ hat die Aktion 3. Welt Saar im Sommer 2008 gemeinsam als Diskussionspapier mit der Heinrich-Böll-Stiftung Rheinland-Pfalz herausgegeben. Titel: „Hier wird Politik gezockt: Wie die Bertelsmann Stiftung und die ‚Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft‘ Politik manipulieren“. Im einleitenden Text heißt es: „Sie arbeiten diskret, im Stillen, hinter den Kulissen, ziehen die Fäden und wirken als ‚Leihbeamte‘ in die Politik hinein. So das klassische Bild von Lobbyisten. Falsch ist es nicht, aber ergänzt werden muss dies durch eine neue Form des Lobbyismus. Sowohl die vom Metall-Arbeitgeberverband finanzierte ‚Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft‘ (INSM) wie auch die Bertelsmann Stiftung fahren doppelgleisig: Neben der klassischen Form des Lobbyismus, diskrete Absprachen zu treffen, suchen beide Organisationen bewusst die Öffentlichkeit und präsentieren die Ergebnisse ihrer informell eingefädelten Vereinbarungen in scheinbar transparenter Weise. Konkret wird diese Einflussnahme auf Politik und Gesellschaft, wenn in einer beliebigen Talkshow zwei ebenso beliebige Parteivertreter mit einem beliebigen Wirtschaftsvertreter ‚diskutieren‘ und bei näherem Hinsehen recht konkret das Gleiche sagen. Dass dabei ein paar rhetorische Nuancen eingebaut sind, dient der Unterhaltung des Publikums. Ihr Ziel: Freier Kapitalfluss und neoliberale Globalisierung. Ihre ’natürlichen Gegner‘ sind demnach Gewerkschaften, soziale Bewegungen, Parlamente, demokratische Entscheidungsstrukturen, Tarifverträge, politische Regelungen zu Gunsten sozial Schwacher.
Weiterführende Links
Die „Initiative zur Verbesserung der Qualität politischer Meinungsbildung e.V. (IQM) organisiert die NachDenkSeiten – Die kritische Homepage. Hier finden Interessierte Mitteilungen und Berichte, die nicht tagtäglich in der Zeitung stehen.
„Wie nie zuvor findet heute die politische Willensbildung und die machtpolitische Durchsetzung von Interessen über die Medien statt. Gleichzeitig beobachten wir eine zunehmende Übereinstimmung der von den Medien transportierten und protegierten Meinungen. Dies beruht wesentlich auf der engen Verzahnung der meisten Medien mit Nachrichtenagenturen und mit den Interessen von Gesellschaftern, Anzeigenkunden und politischen Parteien.“
Dies teilt die ngo-online e.V. mit. Wir möchten ihre Lektüre hier ganz besonders empfehlen. Sie errreichen die „ngo-online“ über einen Mausklick auf nachfolgendes Logo.
Lobbyisten arbeiten in Ministerien mit, Arbeitgeberkampagnen wie die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft geben sich als bürgernahe Reformbewegungen, Abgeordnete bekommen dubiose Nebeneinkünfte – navigieren Sie durch die Grauzonen der Politik! LobbyControl ist ein gemeinnütziger Verein, der über Machtstrukturen und Einflussstrategien in Deutschland und der EU aufklären will. LobbyControl will Impulse liefern für Transparenz, eine demokratische Kontrolle und klare Schranken der Einflussnahme auf Politik und Öffentlichkeit.
Business Crime Controll – Bürger- und Menschenrechtsorganisation – Wirtschaftsverbrechen im Brennpunkt sozialpolitischer und ökologischer Kritik. Ein Weg entsteht, indem man in geht. Um ihn zu gehen, muss man sich erheben. Um die richtige Richtung zu finden, muss man mehr Dem,okratie wollen.
Von Dietrich Stahlbaum, Schriftsteller aus Recklinghausen, gibt es das Zeitfragenforum, in dem immer wieder interessante Texte zu finden sind. Haben Sie Interesse? Klicken Sie auf den nachfolgenden Schriftzug!
Mehr Interesse? Zum Zeitfragenforum II geht es hier.
Empfehlenswert auch die immer wieder interessanten Seiten Telepolis von Heise!
Publik-Forum ist anregend für alle, die ihre Augen vor den brennenden Fragen unserer Zeit nicht verschließen. Publik-Forum widmet sich einem breiten Themenspektrum von Theologie bis Wirtschaft, orientiert an den Zielen Frieden, soziale Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Zum Internetauftritt vom Publik-Forum gelangen Sie hier.
netzpolitik.org ist ein Blog und eine politische Plattform für Freiheit und Offenheit im digitalen Zeitalter. Thema sind die wichtigen Fragestellungen der digitalen Welt und wir zeigen Wege auf, wie man sich selbst mit Hilfe des Netzes für digitale Freiheiten engagieren kann. netzpolitik.org wurde in einer Vorläuferversion 2002 gestartet und ist seit 2004 in der jetzigen Form online. Alles andere erschließt sich aus dem Inhalt.
Der Verein Netzwerk Recherche soll eine Lobby für den in Deutschland vernachlässigten investigativen Journalismus sein. Er vertritt die Interessen jener Kollegen, die oft gegen Widerstände in Verlagen und Sendern intensive Recherche durchsetzen wollen. Der Verein sieht sich in der Pflicht, wenn Funktionsträger den freien Fluss von Informationen behindern, wenn kein Geld für Recherchen zur Verfügung gestellt wird, wenn Kollegen für korrekte, kritische Arbeit angegriffen oder zum Teil sogar juristisch verfolgt werden.
NAGEL-Redaktion – Antirassismus
(repro: rd)
Normalität in Deutschland: Schlagzeile in der BILD vom 23. November 2010
„Niemand darf wegen seiner Abstammung, seiner Heimat und Herkunft benachteiligt oder bevorzugt werden.“ Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland
Foto: Pixelo
Warum wir etwas tun müssen
Es ist ein langer Weg zu einer Gesellschaft ohne Rassismus, aber es ist ein guter und der richtige Weg. Der Staat muss seinen Teil dazu beitragen, aber wir dürfen uns nicht allein auf ihn verlassen. Wir brauchen Netzwerke, Kooperationen und dauerhafte Strukturen gegen rassistische Gewalt. Wenn wir in einer weltoffenen und friedlichen Gesellschaft leben wollen, müssen wir selbst aktiv werden. Von alleine entsteht sie nicht.
Die Würde des Menschen ist unantastbar – das ist die zentrale Grundlage unseres Zusammenlebens. Deshalb beginnt damit unser Grundgesetz. Dieser Grundsatz prägt auch internationale Menschenrechtsabkommen, zu denen sich die Bundesrepublik Deutschland – wie die meisten Länder der Welt – verpflichtet haben.
Deutschland ist ein Einwanderungsland – und das schon seit weit über 50 Jahren. Die Menschen kamen damals und heute aus anderen europäischen Ländern, aus Afrika, aus dem Nahen Osten, auch aus Asien und Amerika. Sie kamen und kommen als Flüchtlinge, Spätaussiedler, Arbeitsmigranten oder weil ihre Familien schon in Deutschland leben. Ihrer Kinder und Enkel sind genauso Teil der vielfältigen deutschen Gesellschaft wie diejenigen, die keine Wanderungsgeschichte in ihrer Familie haben. Es ist unsere gemeinsame Aufgabe, diese vielen Geschichten, Erfahrungen und Hoffnungen gleichberechtigt zu gestalten. Abschottung und Ablehnung ist keine Lösung.
Jeder kann Opfer von Rassismus werden – denn Rassismus zielt nicht auf Herkunft oder Hautfarbe. Er richtet sich auch gegen Religionen, Weltanschauungen, sexuelle Identität, Geschlecht, Behinderung oder Alter. Rassistische Überzeugungen sind nicht „Logisch“. Der Kampf gegen Rassismus in unserer Gesellschaft ist deshalb in unser aller Interesse, weil sich die Reihenfolge der Opfer (heute ich, morgen du) willkürlich entwickelt und alsbald alle betrifft.
Rassismus widerspricht einer weltoffenen Gesellschaft – wie wir sein wollen und sein müssen. Eine Gesellschaft mit verschiedenen Kulturen, Religionen und Sprachen ist im Zeitalterder Globalisierung ein gewichtiger Standortvorteil. Ein Land, das im globalen Wettbewerb steht, kann Rassismus nicht dulden. Es ist darauf angewiesen, für Menschen aus aller Welt attraktiv zu sein und ihnen Lebes- und Arbeitsmöglichkeiten zu bieten.
Rassismus verhindert Integration – denn Rassismus schließt aus, Rassismus stigmatisiert und verachtet den Anderen. Integration aber bedeutet, dass wir einander als Mitglieder dieser Gesellschaft anerkennen und die kulturelle Vielfalt in Deutschland prodiuktiv nutzen. Integration ist eine Aufgabe für die gesamte Gesellschaft, und diese Gesellschaft darf in ihrer Mitte keinen Rassismus dulden, auch wenn er noch so „harmlos“ und versteckt erscheinen mag.
Zivilcourage gegen Rassismus – Rassismus gehört zum Alltag in Deutschland. Alltäglich engagieren sich aber auch viele Menschen vor Ort gegen rassistische Taten und Geisteshaltungen. In vielen Initiativen und Organisationen vor Ort, in Schulen und Jugendeinrichtungen nimmt das Engagement zur Überwindung von Rassismus breiten Raum ein. In christlichen und anderen religiösen Gemeinden, in den Gewerkschaften, in Sportverbänden, in Asylinitiativen und in der gewerblichen Wirtschaft ist die Auseinandersetzung mit Rassismus ein wichtiges Thema geworden. Menschen engagieren sich in der Projekt- und Bildungsarbeit, mit Angeboten für Aussteiger aus der rechten Szene, mit Informations- und Dokumentationszentren gegen Rassismus und leisten damit einen wichtigen Beitrag für das friedliche Zusammenleben von Menschen verschiedener Nationalität, Hautfarbe, Kultur und Religion in Deutschland.
Vorstehender Text wurde entnommen: Interkultureller Antirassismuskalender 2009.
Aktuell
Als Beilage zur „taz“ gab es im Dezember 2010 die „Flugschrift“ (Winter 2010/2011) der Aktion 3. Welt Saar. Herausgegeben wurde sie unter dem Thema Zehn kleine Negerlein: AfrikaBilder & Rassismus im Kinderbuch. In Absprache mit der Aktion 3. Welt Saar haben wir sie hier eingestellt. Geladen werden kann sie mittels Mausklicks auf nachstehenden Titel.
In einer aktuellen Rezension im Internet heißt es: „Ein sehr schönes Bilderbuch mit zauberhaften Zeichnungen und einer netten, einfachen Reimgeschichte, die wiederkehrende Passagen enthält. Absoluter Klassiker, immer wieder schön!“

Zu einem anderen Blickwinkel kann die „Flugschrift“ verhelfen. Dort heißt es einleitend: „Viele LeserInnen dürften mit diesem Kinderlied aufgewachsen sein. Das Lied mit der Struktur der abnehmenden Zahl diente zum Zählen lernen im Kinder garten und ist heute noch in vielen Kinderbüchern abgedruckt. Ursprünglich entstand es im 19. Jahrhundert in England, der erste deutsche Text erschien 1884 (Künkler-Kehr), als in Berlin die Kongokonferenz am grünen Tisch über die Aufteilung Afrikas entschied. Bis heute er scheint das Lied in immer neuen Textversionen. Vordergründig ein Lied zum Lernen von Zahlen. ‚Neger‘ sind klein: ‚Negerlein‘, ‚kleine Neger‘, ‚Negerbuben‘, also zurückgeblieben, nicht er wachsen, man muss ihnen et was beibringen. ‚Neger‘ sind unfähig: Sie fallen in den Rhein oder haben beim Kegeln Probleme. Sie sind selbst schuld an ihren Problemen. Für den übrig Gebliebenen gibt es verschiedene Möglichkeiten; er nimmt sich eine Frau; er fängt ein geordnetes Leben an oder es bleibt keiner übrig.“
Für die Verwendung in der Jugendarbeit kann man bei der „Aktion 3. Welt Saar“ weitere gedruckte Exemplare der Durckschrift bestellen. Bei Interesse Logo anklicken!
Weitere empfehlenswerte „Flugschriften“ der Aktion 3. Welt Saar sind weiter unten unter „Weitere nützliche Beiträge“ (sowie unter „Für Geschichtsinteressierte“) zum Herunterladen zu finden. Zum Thema „Kinderarbeit“ gibt es die Flugschrift Kinderarbeit – Wem nützt sie? Warum Kinderrechte der beste Schutz gegen Kinderarbeit sind, zu finden im Verzeichnis NAGEL-Redaktion -> Kinder- und Jugendpolitik/Kinder- und Jugendrechte. Eine weiter Flugschrift Hier wird Politik gezockt. Wie die Bertelsmann Stiftung und die ‚Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft‘ Politik manipulieren gibt es im Verzeichnis ABA-Internetarchiv -> Seiten für Neugierige – Journalismus und Demokratie. Wir danken der Aktion 3. Welt Saar für die freundliche Genehmigung, die Materialien im ABA-Netz zu stellen.
Material, Adressen und anderes Hilfreiches zum Thema
GEW 2010: Unterichtsmaterialien zur Antirassimusarbeit – auch für die Kinder- und Jugendarbeit geeignet
Internationale Wochen gegen Rassismus 2010
Internationale Wochen gegen Rassismus 2009

Internationaler Antirassismus Kalender 2011
Der Kalender kann bezogen werden über SOS-Rassismus-NRW, c/o Amt für Jugendarbeit der EKvW, Haus Villigst, 58239 Schwerte, 02304-755190

Internationale Antirassismus Kalender 2010

Die Zeitung „Q-rage“
Q-rage ist die Zeitung des größten Schülernetzwerks in Deutschland Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage. Die NAGEL-Redaktion hat eine Menge brauchbarer Inhalte hierin gefunden. Wir empfehlen die Zeitung ausdrücklich zur Verwendung in der Kinder- und Jugendarbeit. Aus diesem Grund kann man sie auch von hier herunterladen.

Ausgabe 6/2010
Inhalt
Wie sagt ihr: Ich liebe dich?
Religion, Sex und Emanzipation
Verliebt in Kreuzberg
Frauen und ihre Rechte
Haare und migration
Die Rechtsextremistin

Ausgabe 5/2009
Inhalt:
Jung, jüdisch, deutsch
Gaza-Krieg im Klassenzimmer
SOR forscht – zwei Umfragen
Mit Vielfalt gegen NPD-Einfalt
Asyl in Deutschland
Mobbing am Gymnasium

Ausgabe 4/2008
Inhalt:
Palitutch – Gut oder Böse?
Stefanie wird Muslima
Mucke für den Kiez
Naziviertel wird renoviert
Du bist, was du isst
Evangelikal – ganz normal?

Ausgabe 3/2007
Inhalt:
Alles über Gansta-Rap
Coming-Out in der Schule
Ich verzeihe euch nicht
Schweigen der Bürger
Am Stammtisch
Verpetzen, vernetzen

Ausgabe 2/2006
Inhalt:
Klassenkampf in Waldenburg
Wer hat Angst vorm bösen Mullah?
Jugendarbeit im Hosentaschenformat
Die vergessenen Holocaust-Opfer

Ausgabe 1/2005
Inhalt:
Unsere Stadt ohne Rassismus
Aus dem Editorial: Die Jugend ist unplitisch, faul und gewalttätig. So oder ähnlich hören sich die Klagen vieler Erwachsener an. Mit der Realität hat das wenig zu tun. Überall in der Republik mischen sich Kinder und Jugendliche in das politische Geschehen ein. Diese Zeitung hilft Kulturpessimisten auf die Sprünge.
Weitere nützliche Beiträge
Eine hilfreiche Publikation der Aktion 3. Welt Saar, die gemeinsam mit „Emanzipation und Frieden“ (Stuttgart) herausgegeben wurde. Einleitend heißt es: „Es herrscht Konfusion um Multikulti. Thilo Sarrazin, Mitglied im Vorstand der Bundesbank und in der SPD, sieht sich von MigrantInnen bedroht, die ‚jede Menge kleiner Kopftuchmädchen produzieren‘. Umgekehrt plädieren Teile der Naziszene für die multikulturelle Gesellschaft, während Oskar Lafontaine ‚Schnittmengen zwischen dem Islam und der Linken‘ sieht. Pro Asyl ruft Kritiker des Islamismus mit dem bei iranischen Mullahs entlehnten Kampfbegriff der ‚Islamophobie‘ zur Ordnung. Viele AnhängerInnen von Multikulti schweigen gegenüber Zwangsverheiratungen, Kopftuchzwang und Ehrenmorden. Falsche Toleranz und unterlassene Hilfeleistung. Trotzdem: Ein Plädoyer für die Multikulturelle Gesellschaft – gerade jetzt!“
Zum Nachdenken regt die Flugschrift „Mit Islamismus gegen die Aufklärung“ an. Herausgegeben wurde sie von der Aktion 3. Welt Saar. Einelitend heißt es dort: „Man darf sich nicht daran gewöhnen, den fundamentalistischen Islam, den sogenannten Islamismus, als legitimen Bestandteil einer bunten, kulturellen Vielfalt, einer Multi-Kulti-Idylle zu betrachten oder gar als Partner im Kampf gegen die dem Kapitalismus innewohnenden Ungerechtigkeiten. Islamisten, die von ihnen propagierte Rückkehr zu einem einfachen, urtümlichen Leben und ihr Kampf gegen die ‚westliche Vorherrschaft‘, die Moderne im Allgemeinen und die Aufklärung im Besonderen, sind keiner Sympathie und Unterstützung wert. Wer an Emanzipation interessiert ist, kann den fundamentalistischen Islam in all seinen Varianten nicht tolerieren.“
Die Subversion der Kanakenkinder
Unter dem Titel „Die Subversion der Kanakenkinder“ schreibt Hartmut El Kurdi in der „taz“ vom 27. November 2008: „Migrantenkinder sind vor allem eins: ein lästiges nerviges Problem.“ In diesem Zusammenhang erinnert er an die deutsche Schulpolitik, die Jugendkriminalität und die Selbstgerechtigkeit, mit der sich die deutsche Gesellschaft inszeniert. -> Herunterladen
Ungenutzte Potenziale
Zur Lage der Integration in Deutschland hat das Berlin-Institut im Januar 2009 eine Studie herausgegeben. Hierin wird festgestellt, dass T+ürken in Deutschland am schlechtesten integriert sind.
Den Bericht herunterladen
Widerspruch hierzu gibt von Ekrem Senol im JurBlog -> Zum Permalink
Zukunft, nicht Herkunft
Der niedersächsische Bundestagsabgeordnete und Sozialwissenschaftler Sebastian Edathy macht inder der „taz“ vom 24. Juli 2009 darauf aufmerksam, dass der amerikanische Präsident in Deutschland als „schwarz“ gelte. Und er vertritt die Meinung, dass es hierzulande längst Vergangenheit sein sollte, Menschen nach äußerlichen Merkmalen zu sortieren. Äußere man über Hautfarbe, sei Obama genauso weenig „schwarz“, wie er selbst „indischstämmig“ sei.
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Der intolerante Laizismus
In der „taz“ vom 16. August 2009 schreibt Rudolf Walther über „das heißeste Sommerthema“ 2009 in Frankreich: den Ganzkörperschleier. Die seltsame Überhöhung eines im Grunde völlig marginalen Themas lässt ihn zu der Ansicht kommen, der Laizismus, dessen Frankreich sich rühmt, sei im Grunde ziemlich intolerant.
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Wut über die Doppelbotschaft
Unter Bezugnahme auf den vorgehend zur Verfügung stehenden Artikel von Rudolf Walther kommentiert Nicola Liebertin der „taz“ vom 20. August 2009, das Tragen von Schleiern verschiedener Machart sei kein religiösen, kein marginales, vielmehr ein femistisches Problem. Der „Schleierfraktion“ ginge es als „Kampfansage“ darum, zu verdeutlichen: „Seht her, ich bin keine Nutte.“ Eine solche Aussage beinhalte auch immer ihre Gegenteil: Wer sich nicht so kleide, sei im Umkehrschluss nicht züchtig und keusch: Deutschland also voller Schlampen und Nutten!
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Für Geschichtsinteressierte
Die Aktion 3. Welt Saar hat im Herbst 2007 die Flugschrift Der Mythos Paul von Lettow-Vorbeck (Vom Kaiser geehrt, vom Führer geliebt – Ein Beitrag zur deutschen Kolonialgeschichte) herausgegeben. Im einleitenden Text heißt es: „Heute wie damals werden Helden gebraucht, vor allen Dingen unbesiegbare Helden. Da wird auch schon mal die Geschichte zurechtgestutzt und unbequeme Fakten fallen unter den Tisch. Der in Saarlouis geborene Kolonialmilitär Paul von Lettow-Vorbeck (1870-1964) ist ein solcher Held …, weil er sich mit seiner Truppe in Ostafrika lange gegen die Engländer hielt und erst zwei Wochen nach dem Waffenstillstand in Europa kapitulierte. Die Nazis widmeten dem ‚Löwen von Afrika‘ Kasernen, Schulen und Straßen im ganzen Reich. Auch in der alten Bundesrepublik wurden viele Straßen nach ihm benannt. Zwei Bundeswehrkasernen tragen bis heute seinen Namen. Für manche ist er heute noch ein Held.“
Kontaktmöglichkeiten
SOS-Rassismus-NRW
Integrationsbeauftragter der Landesregierung NRW
IDA e.V. (Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit)
NAGEL-Redaktion – Appell gegen die Kriminalisierung von Wikileaks

Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen, Artikel 19: „Jeder hat das Recht auf Meinungsfreiheit und freie Meinungsäußerung; dieses Recht schließt die Freiheit ein, Meinungen ungehindert anzuhängen sowie über Medien jeder Art und ohne Rücksicht auf Grenzen Informationen und Gedankengut zu suchen, zu empfangen und zu verbreiten.“
Die taz, die Frankfurter Rundschau, der Freitag, der Tagesspiegel, Perlentaucher.de, die Berliner Zeitung, netzpolitik.org und European Center For Constitutional and Human Rights (ECCHR) haben diesen Appell gegen die Kriminalisierung von Wikileaks veröffentlicht.
1. Die Angriffe auf Wikileaks sind unangebracht
Die Internet-Veröffentlichungsplattform Wikileaks steht seit der Veröffentlichung der geheimen Botschaftsdepeschen der USA unter großem Druck. In den USA werden die Wikileaks-Verantwortlichen als „Terroristen“ bezeichnet, es wird sogar ihr Tod gefordert. Große internationale Unternehmen wie MasterCard, PayPal und Amazon beenden ihre Zusammenarbeit mit Wikileaks – ohne dass eine Anklage gegen die Organisation vorliegt, geschweige denn eine Verurteilung. Gleichzeitig wird die technische Infrastruktur von Wikileaks anonym über das Internet attackiert. Dies sind Angriffe auf ein journalistisches Medium als Reaktion auf seine Veröffentlichungen. Man kann diese Veröffentlichungen mit gutem Grund kritisieren, ebenso die mangelnde Transparenz, welche die Arbeit der Plattform kennzeichnet. Aber hier geht es um Grundsätzliches: die Zensur eines Mediums durch staatliche oder private Stellen. Und dagegen wenden wir uns. Wenn Internetunternehmen ihre Marktmacht nutzen, um ein Presseorgan zu behindern, käme das einem Sieg der ökonomischen Mittel über die Demokratie gleich. Diese Angriffe zeigen ein erschreckendes Verständnis von Demokratie, nach dem die Informationsfreiheit nur so lange gilt, wie sie niemandem weh tut.
2. Publikationsfreiheit gilt auch für Wikileaks
Die in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verbriefte Publikationsfreiheit ist eine Grundlage der demokratischen Gesellschaften. Sie gilt nicht nur für klassische Medien wie Zeitungen oder Fernsehanstalten. Das Internet ist eine neue Form der Informationsverbreitung. Es muss den gleichen Schutz genießen wie die klassischen Medien. Längst hätte es einen weltweiten Aufschrei gegeben, wenn die USA ein Spionage-Verfahren gegen die New York Times, einen finanziellen Kreuzzug gegen den Spiegel oder einen Angriff auf die Server des Guardian führen würden.
3. Recht auf Kontrolle des Staates
Die Kriminalisierung und Verfolgung von Wikileaks geht über den Einzelfall hinaus. Die Veröffentlichung als vertraulich eingestufter Informationen in solchen Mengen soll verhindert werden. Denn die Menge an Dokumenten liefert der Öffentlichkeit einen weit tieferen Einblick in staatliches Handeln als bisherige Veröffentlichungen in klassischen Medien. Der Journalismus hat nicht nur das Recht, sondern die Aufgabe, den Staat zu kontrollieren und über die Mechanismen des Regierungshandelns aufzuklären. Er stellt Öffentlichkeit her. Ohne Öffentlichkeit gibt es keine Demokratie. Der Staat ist kein Selbstzweck und muss eine Konfrontation mit den eigenen Geheimnissen aushalten. Wir, die Initiatoren und Unterzeichner, fordern, die Verfolgung von Wikileaks, die dem Völkerrecht zuwiderläuft, zu stoppen. Wir fordern alle Staaten und auch alle Unternehmen auf, sich diesem Feldzug gegen die bürgerlichen Rechte zu widersetzen. Wir fordern alle Bürger, bekannt oder unbekannt, in politischen Positionen oder als Privatpersonen, auf, für die Einstellung der Kampagne gegen die Meinungs- und Informationsfreiheit aktiv zu werden. Wir laden alle ein, sich an dem Appell für die Medienfreiheit zu beteiligen.
Die Erstunterzeichner dieses Appells:
taz, Frankfurter Rundschau, Der Freitag, Tagesspiegel, European Center For Constitutional and Human Rights (ECCHR), Perlentaucher.de. Außerdem beigetreten: Telepolis, Berliner Zeitung, netzpolitik.org, AK Zensur, Neues Deutschland, Reporter ohne Grenzen, Humanistische Union.
Erstveröffentlichung: taz vom 16. Dezember 2010
Anmerkung der NAGEL-Redaktion: Wem weiterhin an Pressefreiheit gelegen ist, kann den Appell unterzeichnen.
Unterzeichnen:
NAGEL-Redaktion – Aus Politik & Zeitgeschehen 2011
Dezember 2011
Flüchtlinge: Kinderrechte nicht gewahrt – Pro Asyl moniert Symbolpolitik
Der Umgang mit Flüchtlingskindern verletzt nach Ansicht der Pro Asyl die UN-Kinderrechtskonvention. Die medizinische Versorgung reiche nicht aus, der Zugang zur Bildung sei erschwert und minderjährige Flüchtlinge gälten bereits ab 16 Jahren als Erwachsene, so die Vorwürfe der Flüchtlingshilfsorganisation.
Das berichtete die taz am 18. November 2011 – Artikel komplett lesen
Kampagne „Jetzt erst Recht(e) für Flüchtlingkinder!“
Die Flüchtlingskinder
Sie kommen aus Ländern, in denen ihre Rechte massiv verletzt werden, in denen Krieg und Terror herrschen, in denen sie kaum eine Zukunftsperspektive haben. Jetzt sind sie in einem fremden Land. Sie wissen nicht, was aus ihnen werden soll. Etwa 16.000 Kinder warten in Deutschland auf ihre Entscheidung im Asylverfahren. Etwa 24.000 Kinder sind lediglich „geduldet“, also ständig von der Abschiebung bedroht. Diese Kinder brauchen unsere Unterstützung.
Die Kampagne
Seit 1992 gilt in Deutschland die UN-Kinderrechtskonvention – allerdings mit Einschränkungen. Vor allem Flüchtlingskinder sind dadurch benachteiligt, im Asylverfahren und im täglichen Leben. Im Mai 2010 nahm die Bundesregierung diese Einschränkungen formal zurück. Doch an der Situation der Kinder will sie nichts ändern. Deshalb fordert die Kampagne „Jetzt erst Recht(e) für Flüchtlingskinder!“ umfassende Gesetzesänderungen und praktische Verbesserungen.
Die Forderungen
● Flüchtlingskinder, die ohne Eltern nach Deutschland kommen, brauchen eine auf ihre Bedürfnisse spezialisierte Anlaufstelle.
● Der Vorrang des Kindeswohls muss im Aufenthalts- und im Asylrecht verankert werden.
● Kinder dürfen nicht in Abschiebungshaft genommen werden.
● Wir müssen allen Kindern, die hier aufwachsen, die gleichen Chancen geben, d.h. eine angemessene Grundversorgung und den Zugang zu Ärzten und Bildung. Integration gibt es nur mit Zukunftsperspektive!
Kinderrechte sind die Rechte aller Kinder, auch der Kinder auf der Fluch!
Mehr Info
Quelle: Jetzt erst Recht(e) für Flüchtlingkinder!
Fast jeder Sechste von Armut bedroht
Rund 12,9 Millionen Menschen in Deutschland waren im Jahr 2009 von Armut bedroht – das sind 15,6 Prozent der Bevölkerung. Am meisten gefährdet sind Arbeitslose und Alleinerziehende, so das Statistische Bundesamt. Frauen sind häufiger betroffen als Männer, Jugendliche stärker als Ältere, Singles öfter als Menschen mit Familie. Das Armutsrisiko blieb in den vergangenen Jahren aber ziemlich konstant. Den mehr als 12 Millionen Armen steht ein privates Vermögen von 5 Billionen Euro gegenüber.
Quelle: taz vom 4. November 2011
84 Prozent aller Bürger fürchten Egoismus und Verlust des sozialen Zusammenhalts
Aktuelle Umfrage des AWO Sozialbarometers
84 Prozent aller befragten Bürger befürchten laut AWO Sozialbarometer ein egoistisches Deutschland. Nur 13 Prozent dagegen glauben, dass die Gesellschaft in den kommenden fünf Jahren eher solidarischer wird. „Die Bürger haben offensichtlich ein starkes Gespür für tiefgreifende Veränderungen“, so der AWO Bundesvorsitzende Wolfgang Stadler. „Ihr Glaube und das Vertrauen in die soziale Gestaltungskraft von Politik und Gesellschaft sind scheinbar verloren gegangen.“ Natürlich sei den Bürgern klar, dass die Wirtschafts- und Finanzkrise nicht ohne Folgen für die deutsche Haushaltspolitik und damit auch für sie bleiben werde. „Angesichts der unsozialen Politik der letzten Jahre fürchten sie jedoch eine ungerechte Lastenverteilung“, betont Stadler.
Die wachsende Spaltung zwischen Arm und Reich ist eines der größten gegenwärtigen Probleme. „Wenn es den Verantwortlichen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft nicht gelingt, gemeinsam diese Spaltung zu bekämpfen, hat dies unabsehbare Folgen auf das demokratische Gemeinwesen insgesamt“, so Stadler. Schon jetzt hänge gute Bildung, angemessener Wohnraum, stabile Gesundheits- und Altersvorsorge und damit eine Zunahme der Teilhabechancen maßgeblich vom Geldbeutel ab. „Die Politik der Bundesregierung darf diese Entwicklung nicht noch weiter verschärfen“, fordert Stadler.
Die AWO fragte 1.000 Menschen: Wenn Sie einmal an die kommenden 5 Jahre denken, glauben Sie, dass die deutsche Gesellschaft a) eher solidarischer wird und der soziale Zusammenhalt zunimmt oder dass jeder eher seinen eigenen Vorteil sucht, es mehr Egoismus geben wird? oder dass sich nicht viel verändern wird? (Studie von TNS-Infratest)
Quelle: AWO Bundesverband vom 7. November 2011
Jugendliche fordern vor dem Reichstag nachhaltiges Wirtschaften ein
UNICEF-Aktionswoche Kinderrechte vom 14.-20. November 2011 – „Eure Schulden – unsere Zukunft!“
Kurz vor der Schlussabstimmung über den Haushalt 2012 haben Jugendliche vor dem Reichstag mit Plakaten die Politiker aufgefordert, nicht länger auf Kosten der nachwachsenden Generationen zu leben. Mit Botschaften wie „Eure Schulden – unsere Zukunft!“, „Unsere Zukunft im Minus?“, „Kinder sind die Bank“ oder „Unsere Zukunft ist kein Monopolyspiel“ machten Hannah Lefel (16), Malin Eh (16), Madita Eh (14) und Üwen Ergün (15) aus dem UNICEF-JuniorTeam auf die dramatische Schuldenlast aufmerksam, die den Kindern bereits heute auferlegt ist. Zum Abschluss der bundesweiten UNICEF-Aktionswoche für Kinderrechte riefen sie dazu auf, alle öffentlichen Ausgaben daraufhin zu überprüfen, ob sie zum Wohlergehen der Kinder beitragen.
Nach Angaben des Bundes der Steuerzahler werden Kinder heute mit einer persönlichen Schuldenlast von knapp 25.000 Euro geboren. Würde die Gesamtschuldenlast auf die rund elf Millionen Kinder und Jugendlichen in Deutschland zwischen 1 und 15 Jahren alleine verteilt werden, müsste jeder Einzelne statistisch bereits rund 187.970 Euro zurückzahlen. Und jede Sekunde wird der Schuldenberg größer.
Unter dem Motto „Ich hab immer Rechte“ fanden in dieser Woche auf Initiative von UNICEF und dem Menschenrechtsbeauftragten der Bundesregierung Markus Löning in bundesweit rund 200 Schulen Aktionen zum Thema Kinderrechte statt. Zahlreiche Bundestagsabgeordnete stellten sich dabei in ihren Wahlkreisen den Fragen und Argumenten der Kinder und Jugendlichen – darunter Entwicklungsminister Dirk Niebel (FDP), der Vizepräsident des deutschen Bundestags Wolfgang Thierse (SPD) und die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags Katrin Göring-Eckardt (Bündnis 90/Die Grünen).
Unterstützt wurde der Aktionstag von dem Netzwerk aus rund 150 ehrenamtlichen UNICEF-Gruppen. Auf der Internetplattform www.aktionstag-kinderrechte.de können die Schulen ihre Aktionen darstellen und jeder seine Meinung zum Thema Kinderrechte veröffentlichen.
Am 20. November ist der Jahrestag der UN-Konvention über die Rechte des Kindes. Dieses „weltweite Grundgesetz“ für Kinder wurde 1989 verabschiedet. Deutschland hat die Konvention 1992 ratifiziert.
Quelle: UNICEF Pressestelle vom 18. November 2011
November 2011
Bildungspaket gescheitert
Hartz IV-Bildungspaket: Erfolgsmeldung entpuppt sich als Schaumschlägerei
Paritätischer kritisiert Einsparungen zu Lasten einkommensschwacher Kinder
Als Schaumschlägerei kritisiert der Paritätische Wohlfahrtsverband die positive Zwischenbilanz des Bundesarbeitsministeriums zur Umsetzung des Bildungspaketes für Kinder aus Hartz-IV-Haushalten. Auch sieben Monate nach Inkrafttreten der Hartz IV-Reform erhalte die Mehrheit der 2,5 Millionen betroffenen Kinder und Jugendlichen überhaupt keine der neuen Leistungen. Der Verband wirft der Bundesregierung vor, Sparpolitik zu Lasten einkommensschwacher Kinder zu betreiben und fordert eine völlige Neukonzipierung des Gesetzes.
Der Paritätische bestätigt die Angaben des Deutschen Städtetages, dass bisher fast ausschließlich Leistungen für Klassenfahrten und Mittagessen abgerufen werden. Dass hierfür nach den Sommerferien die Zahlen nach oben gehen, sei kein Erfolg, sondern liege auf der Hand. „Alle anderen Leistungen wie Nachhilfe oder Zuschüsse zur kulturellen und sportlichen Teilhabe wurden von vorneherein falsch angelegt. Entweder sind die Hürden zu hoch oder die Zuschüsse zu gering, als dass die Eltern die Leistungen überhaupt in Anspruch nehmen könnten. Selbst für das von Frau von der Leyen eingerichtete Beratungstelefon zum Bildungspaket werden happige Gebühren genommen, die eindeutig abschrecken“, kritisiert Hauptgeschäftsführer Ulrich Schneider.
Sollten die Angaben des Deutschen Städtetages stimmen, dass bisher maximal 44 Prozent der Anspruchsberechtigten Leistungen aus dem Bildungspaket beantragt haben, führt das nach Schätzungen des Paritätischen allein im Haushaltsjahr 2011 zu Minderausgaben und damit Einsparungen von rund einer halben Milliarde Euro. „Das Bildungspaket entpuppt sich als Sparpaket. Das ist keine Bildungsoffensive für arme Kinder, sondern ganz offensichtlich die für die Bundesregierung kostengünstigste Form, das Bundesverfassungsgerichtsurteil vom Februar 2009 umzusetzen“, so Schneider.
Der Paritätische fordert eine grundlegende Reform des Gesetzes. „Das Gesetz ist in der Praxis gescheitert und nicht mehr zu retten. Die Teilhabeleistungen müssen vollkommen neu konzipiert werden, um einfach und unbürokratisch für alle Kinder zugänglich zu sein“, fordert Schneider.
Quelle: DPWV vom 2. November 2011
Kultusminister ignorieren die Ziele der UN-Behindertenrechtskonvention
Nach über zwei Jahren Beratung sind die heute veröffentlichten Empfehlungen der Kultusministerkonferenz eine tiefe Enttäuschung. Anstatt das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne Behinderungen voranzubringen, bleiben die KMK-Empfehlungen ein zahnloser Tiger. Den in der UN-Behindertenrechtskonvention festgeschriebenen Vorrang des gemeinsamen Lernens lassen die Empfehlungen außer Acht. Das Recht behinderter Kinder auf Regelschule wird weder anerkannt noch umgesetzt. Unter dem Begriff der Inklusion will die KMK alles verstanden wissen, was die Bildungslandschaft in Deutschland heute schon vorsieht. Vor dem Hintergrund einer Integrationsquote von unter 20 Prozent ist das nicht akzeptabel.
Damit ignoriert die Kultusministerkonferenz maßgebliche Wertsetzungen des Artikels 24 der UN-Behindertenrechtskonvention. Wer die inklusive Bildung von Kindern und Jugendlichen ernsthaft verwirklichen will, darf nicht nur den Mund spitzen, sondern muss auch pfeifen. Behinderte Kinder brauchen ein verbindliches Zugangsrecht zur Regelschule.
Quelle: Sozialverband Deutschland/SoVD vom 25. November 2011
Oktober 2011
Familienministerin Schäfer stellt erste repräsentative NRW-Studie zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf aus Sicht der Beschäftigten vor
NRW-Familienministerin Ute Schäfer hat am 11. Oktober 2011 in Düsseldorf die erste repräsentative NRW-Studie zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf aus Sicht der Beschäftigten vorgestellt. Als zentrales Ergebnis bezeichnete Schäfer, dass 60 Prozent der Befragten erklärten, die Möglichkeit, Familie und Beruf miteinander zu verbinden, habe sich in den vergangenen Jahren in Nordrhein-Westfalen zwar grundsätzlich verbessert, bei konkreten familienfreundlichen Maßnahmen sei allerdings noch viel zu tun.
„Die Unternehmen in Nordrhein-Westfalen sind auf einem guten Weg, allerdings noch lange nicht am Ziel angekommen. Vor dem Hintergrund der bekannten demografischen Entwicklung müssen die Unternehmen bereits heute und zukünftig noch mehr verstärkt Frauen für den Arbeitsmarkt gewinnen. Voraussetzung dafür sind – und zwar in allen Positionen – familienfreundliche Rahmenbedingungen. Deshalb haben sich inzwischen immer mehr Unternehmen und Verwaltungen zum Ziel gesetzt, ihre Personalpolitik familienbewusst auszurichten“, erklärte Schäfer.
Inwieweit das in Nordrhein-Westfalen aus Sicht der Beschäftigten tatsächlich gelingt, hat das Familienministerium jetzt erstmalig im Rahmen einer repräsentativen Studie vom „Forschungszentrum Familienbewusste Personalpolitik“ an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster unter der Leitung von Prof. Dr. Irene Gerlach untersuchen lassen. Mit der Studie sind erstmals in einem Bundesland auf Basis einer repräsentativen Stichprobe 1.000 Beschäftigte selbst zu Wort gekommen. Gefragt wurde, wie sie aus heutiger Sicht die Vereinbarkeit von Familie und Beruf in ihrem Unternehmen beurteilen.
Auf den ersten Blick erstaunlich ist dabei die deutlich unterschiedliche Bewertung der Vereinbarkeitsfrage durch Männer. „Männer beurteilen die Möglichkeit, in ihrem Unternehmen Familie und Beruf miteinander vereinbaren zu können, deutlich negativer als Frauen. Und das, obwohl in der Regel immer noch die Frauen die damit verbundene Mehrbelastung zu tragen haben. Dieser scheinbare Widerspruch erklärt sich dadurch, dass Frauen in der überwiegenden Mehrzahl unter den gegenwärtigen Rahmenbedingungen in den meisten Unternehmen die Teilzeit als einzige Möglichkeit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf für sich erkennen“, sagte Schäfer. Da es mittlerweile einen rechtsverbindlichen Teilzeitanspruch gebe, beurteilten Frauen die Situation positiver. „Für Männer hingegen stellt Teilzeit keine Option dar“, erklärte Schäfer. Sie beantworteten die Frage nach der Vereinbarkeit von Familie und Beruf unter dem Gesichtspunkt, beides in Vollzeitbeschäftigung miteinander verbinden zu können. Und da falle die Antwort immer noch negativ aus.
„Frauen sind demnach eher bereit, sich zu arrangieren, auch wenn sie dadurch Nachteile erfahren. Denn dauerhafte Teilzeit ist für viele Frauen keine wirkliche Chance, sondern eine Sackgasse, die in Karriereknick und Altersarmut münden kann“, so die Ministerin. Hier gelte es neue Modelle zu entwickeln, die eine tatsächliche Parallelität von Familie und Beruf ermöglichten. „Einen Ansatz dazu bietet beispielsweise die so genannte vollzeitnahe Teilzeit im Umfang von rund 30 Wochenstunden. Zeitliche Entlastung können zudem ebenso Arbeitszeitkonten wie auch die Arbeit im Home Office schaffen, die eine flexiblere Einteilung der Arbeitszeit orientiert an den Erfordernissen der Familien erleichtern. Mehr Flexibilität bei der Arbeitszeitgestaltung und dem Arbeitsort, mehr konkrete Hilfestellungen bei der Betreuung und bei der Haushaltsbewältigung – das sind Aufgaben, die sich aus den Antworten der Beschäftigten ableiten lassen. Das Reden über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf war und ist wichtig, nun ist allerdings auch konkretes Handeln angezeigt. Wir werden als Landesregierung weiterhin die Wirtschaft dabei unterstützen“, sagte Schäfer.
Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen vom 11. Oktober 2011
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September 2011
Petitionen zum Art. 42 „Bekanntmachung der Kinderrechte“ der UN-Kinderrechtekonvention in Deutschland
Heike Harrioson, Kooperationspartnerin des ABA Fachverbandes hat inzwischen eine Petition an alle deutschen Bundesländer eingereicht mit dem Ziel, die Kinderrechte in Deutschland auf breiter Ebene bekannter zu machen. Seitens des Bundeslandes Bremen ist die Petition mittlerweile angenommen und veröffentlicht worden.
Sehr geehrte Damen und Herren,
durch die Ratifizierung der UN-Kinderrechtekonvention hat sich die Bundesrepublik Deutschland verpflichtet, die Kinderrechte bekannter zu machen. Durch Anfrage an die Bundesregierung konnten wir erfahren, dass die Kinderrechte „nur“ durch Internetseiten und Flyer bekannter gemacht werden. Durch Studien ( z.B. Deutsches Kinderhilfswerk, World Vision) konnte auch erwiesen werden, das nur jedes 7. Kind seine Rechte kennt. Damit ist ja klar erwiesen, das die Bundesregierung nur einen Ansatz ihrer Verpflichtung folgen konnte.
Wie kann man Kinderrechte bekannter machen ?
Kinder und Jugendliche gehen in die Schule. Die Schule ist ein Ort des Lernens und Lebens. Wir sind der Auffassung, der beste Ort für die Bekanntmachung der Kinderrechte, ist die Schule. Die Kinderrechte stehen zwar schon in den Lehrplänen mancher Orts, aber immernoch nicht in den Fächern wo wir eigentlich erwarten, das politisches Grundwissen, die Rechte der Kinder und Demokratieverhalten gelehrt werden. Deshalb möchten wir mit dieser Petition erreichen, das alle Kinder in Deutschland die Kinderrechte in den Fächern Politik, Gesellschaftslehre und Sachkunde erlernen und dieses auch für alle Schulen verbindlich ist. Durch eine vorangegangende Petition an das Land NRW haben wir das schon durchsetzen können und wir hoffen, das Sie uns und die Kinder Ihres Bundesland dabei unterstützen, die Kinderrechte zu lernen und zu erleben.
Lieber Petitionsausschuss.. wir haben von z.B. Prof. Dr. Jörg Maywald, Vorsitzender und Sprecher der Deutschen Liga für das Kind und der AGj ( National Coaltion) , von Frau Dr. Heide-Rose Brücker ( Geschäftsführerin des DkHW), von Prof. Klaus Hurrelmann ( Studie der World Vision über die Kinder 2010) Statements erhalten, warum es so wichtig ist, das die Kinder ihre Rechte kennen und leben sollen. Wir stellen Ihnen diese bei Nachfrage gerne zur Verfügung. Außerdem würden wir Ihnen auch auf Nachfrage gerne die Beschlussmitteilung des Petitionsausschusses NRW zusenden.
Es ist uns sehr wichtig, das die Kinder und Jugendlichen verbindlich ihre Rechte kennen. Somit haben wir uns auch Gedanken gemacht, wie das Lehrpersonal geschult werden kann. Da wir sehr enge Kontakte mit den Kinderhilfswerken pflegen, habe diese uns angeboten in Workshops das Lehrpersonal zu unterstützen.
Über eine positive Antwort würden wir uns sehr freuen und wir stehen Ihnen gerne für alle Fragen zur Verfügung.
Mit freundlichen Grüßen,
Heike Harrison
Petiton bei der Bremischen Bürgerschaft unterzeichnen (Zeichnungsfrist: 7. November 2011)
August 2011
UN-Bericht: Hartz IV verhindert keine Armut
Der aktuelle Bericht der Vereinten Nationen nimmt das deutsche Sozialsystem in die Mangel. So steht dort unter anderem, dass Hartz IV keinen „angemessenen Lebensstandard“ gewährt und das Auftreten von Armut nicht verhindert.
Der aktuelle UN-Bericht kritisiert das Sozialsystem in Deutschland. Der UN-Ausschuss für wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte zeigte sich zutiefst besorgt, da zahlreiche bereits beanstandete Missstände nicht beseitigt und Empfehlungen der UN nicht umgesetzt wurden. Zum Beispiel sind aus Sicht der UN „konkrete Maßnahmen notwendig, damit Kinder aus besonders armen Familien ausreichende Mahlzeiten erhalten.“ Laut einer Studie geht jedes vierte Kind ohne Frühstück in die Schule. Scharfe Kritik äußerten der UN-Ausschuss auch an dem Grundsicherungssystem. Beziehern der Grundsicherung, Sozialhilfe und Hartz IV werde auf diese Weise kein „angemessener Lebensstandard” gewährt. Zudem zeigte man sich besorgt darüber, dass die reale Arbeitslosigkeit in den neuen Bundesländern deutlich höher ist, als in Westdeutschland. Demnach ist die Erwerbslosenquote im Osten doppelt so hoch wie im Westen.
Bundesregierung weist UN-Kritik zurück
Die schwarz-gelbe Bundesregierung will von der Kritik nichts hören und weist jegliche Verantwortlichkeit von sich. „Die Kritik im vorläufigen Bericht des UN-Unterausschusses ist in weiten Teilen nicht nachvollziehbar und auch nicht durch wissenschaftliche Fakten belegt”, so der Pressesprecher des Bundesarbeitsministeriums in Berlin. Man wolle zu einem späteren Zeitpunkt auf die Vorwürfe eingehen, bedauere aber, dass der UN-Bericht kaum mit Fakten dient.
Armuts-TÜV gefordert
Der Vorsitzende der LINKEN, Klaus Ernst, forderte nach Bekanntwerden der UN-Kritik, an der deutschen Sozialpolitik einen „Armuts-TÜV“ für die Sozialsysteme einzuführen. „Der Bericht der UN ist ein beschämendes Dokument des Scheiterns aller Regierungen seit der Wiedervereinigung. Wenn per Gesetz Löhne, Renten und Sozialleistungen gekürzt werden, dann darf sich niemand wundern, wenn die Armut grassiert.“ Ernst forderte die Bundesregierung auf, alle Sozialsysteme auf den Prüfstand zu stellen. Ein sogenannter „Armuts-TÜV“ soll ermitteln, ob die jeweiligen Sozialleistungen ein Auftreten von Armut verhindern können oder sogar zu einer noch größeren Armut führen. Zudem benötige man endlich einen flächendeckenden Mindestlohn sowie eine verfassungskonforme Mindestsicherung für Erwerbslose und eine gesetzliche Mindestrente für Rentner.
Erwerbslosengruppe zeigt sich empört und macht auf die Regelsatz-Klage aufmerksam
Da die offensichtlich unbelehrbare CDU-Bundessozialministerin von der Leyen die „tief besorgte“, wiederholte Kritik des neuesten Staatenberichts der Vereinten Nationen an Deutschlands sozialen Missständen wieder einmal nur „nicht nachvollziehbar“ findet, „wird es endlich höchste Zeit, dass ihr das Bundesverfassungsgericht noch einmal nachdrücklicher klar macht, welche Verantwortung sie hier endlich übernehmen muss,“ empört sich Hartz4-Plattform Sprecherin Brigitte Vallenthin. Die Initiative verweist auf aktuell drei laufende Verfahren, die die Verfassungswidrigkeit der Umsetzung von Hartz IV anprangern. „Die von unserer Bürgerinitiative unterstützten Sozialgerichts-Klagen in drei Bundesländern betreffen die Höhe des Regelsatzes, die Sanktionen sowie das so genannte Bildungspaket – und zwar alle mit dem Antrag zur Vorlage und Überprüfung beim Bundesverfassungsgericht.“
Die Hartz IV-Regelsatz-Klage hat im vorgeschalteten Eilverfahren zu einem erschütternden Ergebnis geführt: Das Sozialgericht meinte, fast 12 % Unterschreitung des „menschenwürdigen Existenzminimums“ könne keine Notlage und damit Eilbedürftigkeit begründen. Die Klage basierte auf den verfassungsrechtlichen Bedenken von Prof. Dr. jur. Johannes Münder, Technische Universität Berlin, der von einer Mindest-Regelsatzhöhe von 412 € ausgeht. Für eine Chance auf eine zuvor ermittelte Regelsatzhöhe um 600 € sieht die Hartz4-Plattform inzwischen ebenso wenig Aussicht in Karlsruhe wie auch für die Anfechtung der EVS zugunsten einer Warenkorb-Methode. Denn dadurch, dass der ehemalige Kläger beim Bundesverfassungsgericht die Weiterführung seiner Klage beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zurückgenommen hat, dürfte eine solche rechtliche Prüfung gleichzeitig gekippt sein. „Die Annahme, dass die Verfassungsrichter ihr eigenes Urteil vom 9. Februar 2010 dahingehend korrigieren würden, dürfte im Reich der Illusionen angesiedelt sein“, resümiert Brigitte Vallenthin enttäuscht.
Der aktuelle Ablehnungsbeschluss des Sozialgerichts Hannover kommt zu dem Ergebnis:
„Höhere Leistungen könnten dem Antragsteller (…) allenfalls aufgrund einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, mit der die aktuelle Rechtslage für mit dem Grundgesetz unvereinbar erklärt würde, zustehen. Eine solche Entscheidung liegt aber nicht vor. Das Gericht sieht sich auch nicht veranlasst, den Rechtsstreit auszusetzen und eine Entscheidung des BVerfG einzuholen.“ Das Verfahren befindet sich inzwischen in der Hauptsache-Klage der ersten Instanz beim Sozialgericht.
Die Sanktions-Klage gegen den § 31 SGB II – alter und neuer Fassung – wurde ebenfalls als Eilklage beim Sozialgericht eingereicht. Hier liegt nach Ansicht der Hartz4-Plattform zweifelsfrei eine Notlage vor – und zwar im Sinne des vom Bundesverfassungsgericht am 9. Februar 2010 verkündeten Grundrechts auf unanfechtbares „menschenwürdiges Existenzminimum“. Denn im Urteil der Verfassungsrichter heißt es:
„Das Grundrecht auf Gewährleistung eines menschenwürdigen Existenzminimums (…) sichert jedem Hilfebedürftigen diejenigen materiellen Voraussetzungen zu, die für seine physische Existenz und für ein Mindestmaß an Teilhabe am gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Leben unerlässlich sind. Dieses Grundrecht (…) hat (…) neben dem absolut wirkenden Anspruch (…) auf Achtung der Würde jedes Einzelnen eigenständige Bedeutung. Es ist dem Grunde nach unverfügbar und muss eingelöst werden (…).“
Der verfassungsrechtlich Anspruch an die Festlegungen „unerlässlich“ und „unverfügbar“ sowie das „Muss“ an eine „Einlösung“ schließen nach Einschätzung der Hartz4-Plattform einen Eingriff in dieses Grundrecht durch die Hartz IV-Verwaltung zweifelsfrei aus. „Wir können uns nicht vorstellen, dass die Verfassungsrichter für den Hartz IV-Sanktions-Paragrafen-31 eine Ausnahme des verfassungsrechtlichen ‚Anspruchs’ bestätigen würden“, so Brigitte Vallenthin.
Die Klage gegen das Bildungspaket erklärt sich schon fast alleine durch sein öffentliches Scheitern. Die Hartz4-Plattform empfindet es als Skandal, dass das neue Hartz IV-Gesetz nicht nur gegen die Vorgaben der Verfassungsrichter zur transparenten Ermittlung der Kinderregelsätze verstößt, sondern obendrein ihren individuellen Anspruch auf Bildung und Teilhabe vom Regelsatz abtrennt und auf Kosten der Steuerzahler zu einem stigmatisierenden, bürokratischen Monster aufbläht. „Es wundert deshalb nicht, dass diesen datenschutz- und verfassungsfeindlichen Hürdenlauf aus vielen guten Gründen nur Wenige auf sich nehmen können“, stellt Brigitte Vallenthin fest. Die Eilklage zum so genannten Bildungspaket wird in Kürze eingereicht.
„Bei der UN-Menschenwürde-Kritik an Deutschland geht es nicht um „wissenschaftliche Fakten“ – mit deren Fehlen sich Ministerin von der Leyen rauszureden versucht –, es geht um reales, individuelles, täglich gelebtes Leiden in Deutschland,“ fasst die Hartz4-Plattform Sprecherin zusammen. „Ich schäme mich für eine Bundesregierung, die andernorts Menschenrechte einfordert, aber gleichzeitig die am weltweiten Maßstab der Menschenwürde gemessenen und mit Besorgnis wiederholt geäußerten Missstände im eigenen Lande lapidar mit „nicht nachvollziehbar“ beiseite schiebt. Und ich bin enttäuscht von Richtern, die den Wert von 48 Euro mehr im Monat offenbar nur am Maßstab ihres eigenen Einkommens als „Peanuts“ messen. Wir erwarten, dass sich die Richter in Sachen Sanktionen und Bildungspaket bereits im Eilverfahren eher dem Maßstab des Bundesverfassungsgerichts sowie des weltweiten Maßstabs der Menschenwürde der Vereinten Nationen verpflichtet fühlen, “ hofft Brigitte Vallenthin. (pm, sb)
gegen-hartz.de vom 7. Juli 2011
Vereinte Nationen fordern konsequenten Menschenrechtsansatz für deutsche Sozialpolitik
Deutliche Kritik, verpackt in diplomatische Worte, hat der Ausschuss für wirtschaftliche, soziale und kulturelle Menschenrechte der Vereinten Nationen (UN-Sozialausschuss) kürzlich in seinem am 20. Mai veröffentlichten Bericht an der deutschen Sozialpolitik formuliert. Mit seinen Anmerkungen hat der Ausschuss die Bewertung des bereits 2008 von der Bundesregierung vorgelegten 5. Staatenberichts abgeschlossen.
Berechnungsgrundlagen für Arbeitslosengeld II noch immer zweifelhaft
Der UN-Sozialausschuss zweifelt zunächst an, dass die Bundesregierung mit den Gesetzen zur Umsetzung der Bundesverfassungsgerichtsentscheidung zu dem Grundrecht auf ein „menschenwürdiges Existenzminimum“ (Urteil vom 9.2.2010) tatsächlich bereits einen Berechnungsmaßstab gefunden hat, der das Menschenrecht auf einen angemessenen Lebensstandard aus Artikel 11 des UN-Sozialpaktes sicherstellt. In diesem Zusammenhang fordert der Ausschuss die Bundesregierung unter anderem auf, die Höhe der gewährten Leistungen, insbesondere auch für Kinder, erneut – und später regelmäßig – daraufhin zu kontrollieren, ob sie dem tatsächlichen Bedarf entsprechen.
Breites Konzept zur Armutsbekämpfung gefordert
Erstmals fordert der UN-Ausschuss darüber hinaus die Bundesregierung auf, ein konsistentes Konzept zur Armutsbekämpfung innerhalb Deutschlands vorzulegen und darin ausdrücklich den Menschenrechten – einschließlich des Rechts auf einen angemessenen Lebensstandard und des darin enthaltenen Rechts auf Ernährung – Raum zu gewähren. Aus Sicht FIANs bedeutet dies vor allem die Betonung der Tatsache, dass die Vernachlässigung der inländischen Armutsbekämpfung keine „lässliche Sünde“ ist, sondern eine Verletzung grundlegender Menschenrechte. Tim Engel, Sprecher des FIAN-Arbeitskreises Recht auf Nahrung in Deutschland und Mitglied des FIAN-Vorstands, betont: „Der UN-Sozialausschuss hat gegenüber der Bundesregierung deutlich gemacht, dass Armutsbekämpfung keine Gnade des Staates ist, sondern eine menschenrechtliche Pflicht, die die Bundesregierung bislang nicht ausreichend erfüllt hat.“
Ernährung armer Kinder nicht sichergestellt
FIAN hatte sich mit weiteren Nichtregierungsorganisationen an einem Parallelbericht zu der Vorlage der Bundesregierung beteiligt und an Anhörungen vor dem UN-Ausschuss im Mai teilgenommen. Dabei hatte FIAN unter anderem kritisiert, dass die Regelleistungen für BezieherInnen von Arbeitslosengeld II nach wie vor nicht den tatsächlichen Bedarf decken, der zur Erfüllung des Rechts auf einen angemessenen Lebensstandard notwendig ist und nicht zuletzt Kinder mit dem bestehenden Regelsatz nicht qualitativ ausreichend ernährt werden können. Ute Hausmann, Geschäftsführerin von FIAN Deutschland, erklärt hierzu: „Der UN-Ausschuss hat die Bundesregierung in seinem Bericht nachdrücklich aufgefordert, sicherzustellen, dass gerade Kinder aus armen Familien ausreichenden Zugang zu Nahrung bekommen und sie diese tatsächlich erhalten.“ Darüber hinaus hatte FIAN moniert, dass für die Gewährung von Leistungen an AsylbewerberInnen bislang kein ausreichender Berechnungsmaßstab vorliegt und diese zudem immer noch in einigen Bundesländern mit Sach- statt Geldleistungen versorgt und damit in ihrem Recht auf freie Nahrungswahl verletzt werden.
Zusatzprotokoll für Individualbeschwerdeverfahren noch nicht ratifiziert
Schließlich hat der UN-Ausschuss die Bundesregierung in seinen Anmerkungen auch darin bestärkt, das Zusatzprotokoll zum UN-Sozialpakt, mit dem ein sog. Individualbeschwerdeverfahren geschaffen werden soll, zu ratifizieren. Dies entspricht Forderungen von FIAN und anderen Nichtregierungsorganisationen, für die nicht nachvollziehbar ist, dass die Bundesregierung bei der Ratifizierung – angesichts ihres früheren Engagements für die Schaffung des Beschwerdeverfahrens – nunmehr auf der Bremse steht und damit ihren eigenen Bürgern ein Beschwerderecht zum UN-Sozialausschuss vorenthält.
FIAN – FoodFirst Informations- & Aktions-Netzwerk/Sektion der Bundesrepublik Deutschland e.V. vom 6. Juli 2011
frauTV: Hartz IV-Empfänger bezahlen das Bildungspaket
Zählt man all die Zahlen zusammen, ergibt sich ein Einsparvolumen von 7,1 Milliarden. Mit 6 Milliarden ist das Bildungspaket veranschlagt. Insgesamt ca. 1,1 Milliarden sind für die fünf bzw. acht Euro mehr veranschlagt, die jeder Hartz IV Empfänger bekommen soll. Bezugsberechtigt sind ca. 3 Millionen. Geht man beim Bildungspaket dann noch davon aus, dass nicht jedes Kind Anspruch auf den vollen Leistungsumfang hat und vielleicht nur 10 Euro/Monat für den Sportverein braucht, zeigt sich schon, wie gut das Bildungspaket zugunsten des Staates – der jetzt ja auf jeden Fall Gewinn mit dem Bildungspaket macht – kalkuliert ist. Bedenkt man, dass von den 2,5 Millionen Berechtigten bislang gerade mal zwei Prozent Anträge gestellt haben, erweckt das den Anschein, als seien die 6 Milliarden nicht für das Bildungspaket, sondern auch zugunsten des Staates kalkuliert. Denn so wie es jetzt aussieht, gibt der rund 1 Milliarde für das Bildungspaket aus und streicht im Gegenzug 5 Milliarden ein.
Tafeln: Trotz Aufschwung nimmt Armut in Deutschland zu
Der Wirtschaftsaufschwung der vergangenen Monate hat nicht zu einem Rückgang der Hilfsbedürftigen bei den Tafeln geführt. Im Gegenteil: Die Zahl der Empfänger der Lebensmittelhilfe habe in den vergangenen zwölf Monaten sogar leicht auf 1,3 Millionen Menschen zugenommen, gab Gerd Häuser, Vorsitzender des Bundesverbandes Deutsche Tafel, am Dienstag in Kassel bekannt. Vor allem sei der Anteil der Kinder und der alten Menschen gestiegen. Von Donnerstag bis Samstag findet in Kassel das 17. Bundestafeltreffen statt.
Häuser erneuerte seine Forderung nach einem Bundesbeauftragten für Armut. „Armut ist leider ein unübersehbarer Bestandteil unserer Gesellschaft geworden – das muss aus unserer Sicht in einem eigenen politischen Amt abgebildet werden“, sagte er. Das Wachstum der Tafelbewegung hat sich nach Häusers Worten in den vergangenen zwölf Monaten stark verlangsamt. So habe es in diesem Zeitraum lediglich zwölf Neugründungen gegeben. Die Zahl der Tafeln liege nun bei 884. Es gebe praktisch „keine weißen Flecken mehr auf der Tafel-Landkarte“, sagte Häuser.
Positiv entwickelt habe sich die Spendenbereitschaft, ergänzte Schatzmeister Willy Wagenblast. Im Vergleich zu 2009 habe sich das Spendenaufkommen an den Bundesverband 2010 von 2,3 auf nunmehr 4,7 Millionen Euro fast verdoppelt. Der Zuwachs bestehe vor allem in Sachspenden.
Der stellvertretende Vorsitzende Hans Mengeringhaus wies darauf hin, dass jede Neugründung einer Tafel ein Hinweis darauf sei, dass in der betreffenden Region etwas schieflaufe. Eine Neugründung sei daher kein Grund zum Feiern. Froh sein könne man aber über die bundesweit rund 50.000 Menschen, die sich in der Tafelbewegung ehrenamtlich engagierten.
Aktive Bürger Gemeinschaft – Das Informationsmagazin vom 27. Juni 2011
Techniker-Krankenkasse: Psychische Störungen unter jungen Erwachsenen nehmen zu
Der aktuelle Gesundheitsreport befasst sich in diesem Jahr mit der Gesundheit junger Erwerbspersonen und Studierender. Die Auswertungen der Arzneiverordnungsdaten zeigen, dass die gesundheitlichen Belastungen unter den Hochschülern seit der letzten TK-Studie von 2008 weiter zugenommen haben.
Der größte Anteil der an Hochschüler verschriebenen Medikamente entfällt auf Präparate zur Behandlung des Nervensystems. Allein in den letzten vier Jahren verzeichnete die TK in dieser Arzneimittelgruppe einen Anstieg des Volumens von 54 Prozent. Auffällig ist, dass neben den psychischen Belastungen auch Zivilisationskrankheiten wie Bluthochdruck, Diabetes und Stoffwechselstörungen bei jungen Leuten immer häufiger auftreten. Hier geht es also auch um Beschwerden, die vor allem mit dem individuellen Lebensstil zusammenhängen.
Grundlage der Auswertungen bilden routinemäßig erfasste und anonymisierte Daten zu aktuell 3,51 Millionen sozialversicherungspflichtig beschäftigten oder arbeitslos gemeldeten Mitgliedern der Techniker Krankenkasse. Ausgewertet werden Arbeitsunfähigkeits- und Arzneiverordnungsdaten und Daten aus der ambulanten ärztlichen Versorgung.
Broschüre herunterladen (Gesundheitsreport 2011)
Techniker Krankenkasse, Juli 2011
Juli 2011
Kinderarbeit: Verstümmelt und verbrüht
Mehr als die Hälfte aller Kinderarbeiter gehen Tätigkeiten nach, die sie an Leib und Leben gefährden. Das zeigt ein Bericht der Internationalen Arbeitsorganisation
Es muss nicht immer der Steinbruch sein. Egal, ob beim Bewässern von Pflanzen, beim Umgang mit Pestiziden und scharfem Farmwerkzeug oder bei der Ernte auf Feldern oder auf Bäumen: Auch Kinder, die in der Landwirtschaft arbeiten müssen, machen einen gesundheitsgefährdenden, oft lebensgefährlichen Job. Sie können sich Muskeln und Knochen verletzen, ganze Gliedmaßen verlieren, Wirbelsäulenprobleme bekommen und sich vergiften oder infizieren. Das zeigt der Report „Children in hazardous work“, den die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) am 10. Juni 2011 veröffentlicht hat.
Das berichte die „taz“ vom 11. Juni 2011. Mehr auf den Seiten der „taz“
Der Kampf gegen die Kinderarbeit wird zum Feigenblatt für die Unterdrückung der Kinder
Stellungnahme von ProNats e.V. zum „Internationalen Tag gegen Kinderarbeit“
Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO), Genf, hat den 12. Juni zum „Internationalen Tag gegen Kinderarbeit“ erklärt. Sie hat dies getan, ohne die arbeitenden Kinder zu fragen. Sonst hätte sie zu hören bekommen, dass vollmundige Erklärungen „gegen die Kinderarbeit“ zwar das Gewissen der Wohlhabenden dieser Welt beruhigen mögen, den arbeitenden Kindern aber eher schaden als nützen. Mehr noch: der Kampf gegen die Kinderarbeit wird immer häufiger zum Feigenblatt für die Unterdrückung arbeitender Kinder.
Ein paar aktuelle Beispiele aus Lateinamerika:
Kinder, die in Bussen singen oder auf der Straße Kunststücke vorführen, werden als Diebe denunziert und in Kinderknäste gesperrt. In Arequipa (Peru) fanden wir selbst Vierjährige in einem solchen Knast, der sich zynisch „Herberge zur Wiedereinführung der Kinder“ nennt. Eine Gruppe von Kindern und Jugendlichen, die sich „Niños Libres“ (Freie Kinder) nennen, setzt sich für die Befreiung der eingesperrten Kinder und die Achtung ihrer Menschenwürde ein.
Kinder, die auf der Straße Kaugummi verkaufen oder an den Verkehrsampeln Autoscheiben putzen, werden der Bettelei beschuldigt und von der Polizei an unbekannte Orte abtransportiert. Selbst die Eltern erfahren nicht, wo ihre Kinder sind und was mit ihnen geschieht. Solche Praktiken werden in Peru mit einem Gesetz gegen die Bettelei kaschiert und mit einem legalen Mäntelchen versehen.
In anderen Ländern wird die Vertreibung und Verfolgung der Kinder als „Kampf gegen die Armut“ oder gegen die „schlimmsten Formen der Kinderarbeit“ beschönigt. In den innerstädtischen Konsumzonen werden sie privaten Wachdiensten überantwortet, die die Kinder hemmungslos verprügeln und mit dem Tode bedrohen, ohne je dafür bestraft zu werden. Wer die Kinder angesichts dieser „sozialen Säuberungen“ auf ihre Rechte aufmerksam machen will, erntet oft lediglich ein Achselzucken. Das einzige Recht, das wir haben, sagen zum Beispiel Kinder in Guatemala oder Brasilien, ist das Recht, umgebracht zu werden.
Der Kampf gegen die Kinderarbeit macht auch vor kriminellen Verbündeten nicht mehr Halt. In Kolumbien befinden sich heute manche Großmärkte in der Hand von paramilitärischen Gruppen, die nur solche Händler zulassen, von denen sie sich ordentliche Profite versprechen und die ihnen „Schutzgebühren“ entrichten (diese gelten dann als „geimpft“). Bei dieser Gelegenheit werden dann auch gleich die ärmsten Familien mit ihren Kindern abgeräumt. Wer sich dagegen zu wehren versucht, riskiert sein Leben. Die Behörden drücken gern ein Auge zu, da sie sich so der unliebsamen „Kinderarbeiter“ entledigen können und die „Ordnung“ gewahrt sehen, ohne sich selbst die Hände schmutzig zu machen.
Ist es verwunderlich, dass sich bereits Kinder in „Banden“ zusammentun, um ihr Recht in die eigenen Hände zu nehmen? Viele arbeitende Kinder wiederum schaffen sich eigene Organisationen, um öffentliche Aufmerksamkeit für ihre Probleme zu finden und auf ihrer Menschenwürde zu bestehen. Sie nehmen nicht länger hin, dass die Kinderarbeit auf Kosten ihrer Rechte bekämpft wird. Statt sich weiter vollmundige Erklärungen gegen die Kinderarbeit anzuhören, verlangen sie, dass endlich ihre Stimmen gehört und ihre Rechte ernst genommen werden.
Wir fordern die deutsche Regierung, die Parteien und die Gewerkschaften dazu auf, endlich auf die Stimmen der arbeitenden Kinder des Südens zu hören. Nicht zuletzt von der Kinderkommission des Deutschen Bundestages erwarten wir, dass sie sich nicht – wie gerade zum wiederholten Mal geschehen – auf flammende Appelle gegen die Kinderarbeit beschränkt, sondern sich konkret für die Wahrung der Menschenwürde und der Rechte der arbeitenden Kinder einsetzt.
ProNATs e.V. vom 12. Juni 2011
Weitere Informationen: www.pronats.de
Kontraproduktive politische Kommunikation
Die Wahlbeteiligung sinkt seit Jahren, Parteien haben Nachwuchsprobleme. Wieso gelingt es nicht mehr, die Jugendlichen für politische Themen zu interessieren? Die von der Friedrich-Ebert-Stiftung beauftragte Studie „Sprichst du Politik“ ist dieser Frage nachgegangen. Zum Artikel von Christian Hermann im Jugendhilfeportal
Umfrage: Bürger wollen mehr mitentscheiden
Die Deutschen sind einer aktuellen Umfrage zufolge offenbar nicht so politikmüde wie vielfach angenommen. Die Bundesbürger würden sich stärker politisch engagieren, wenn man sie in politischen Fragen deutlich mehr mitbestimmen ließe. Laut der repräsentativen Umfrage, die die Bertelsmann Stiftung beim Emnid-Institut in Auftrag gegeben hatte, wünschen sich die Bürger mehr direktdemokratische Beteiligungsmöglichkeiten wie Volksbegehren und Bürgerentscheide. (epd)
taz vom 14. Juni 2011
Kriminalität: Deutschland ist so sicher wie nie
Brutale Angriffe in Bahnhöfen machen Schlagzeilen, sind aber selten. Laut Kriminalstatistik ist die Zahl der Straftaten auf dem niedrigsten Stand seit der Einheit
Die Bilder waren verstörend und sind vielen noch präsent: Ein 18-jähriger Schüler tritt an der Berliner U-Bahnstation Friedrichstraße seinem am Boden liegenden Opfer viermal auf den Kopf – und tanzt danach vor Freude. Wäre nicht ein Tourist dazwischen gegangen, der Mann hätte sterben können.
Doch so schrecklich dieser Angriff vor wenigen Wochen war: Er scheint glücklicherweise eine Ausnahme zu sein – denn insgesamt ist Deutschland offenbar sicherer denn je.
Das schrieb die „taz“ am 21. Mai 2011. Zum Artikel im „taz“-Archiv
Städte in Bewegung
Das Schlagwort Gentrifizierung ist heute in aller Munde. Der Kampf gegen sie führt unter-schiedlichste Interessengruppen zusammen
Das Zauberwort Stadt hat in den letzten Jahren von Kiel bis Freiburg und von Berlin bis Wuppertal einen erstaunlichen Mobilisierungsschub bewirkt und zu lokalen Bündnissen geführt, die es seit der längst ein-geschlafenen Sozialforumbewegung nicht mehr gegeben hat. Kürzlich trafen sich Hunderte AktivistInnen aus Stadtteilgruppen, Mieterinitiativen und stadtpolitischen Netzwerken zum bundesweiten „Recht auf Stadt“-Kongress in Hamburg, um sich über ihre Ziele und Strategien auszutauschen.
Das schrieb die „taz“ vom 3. Juni 2011. Zum Artikel auf den „taz“-Seiten
Hartz-Reform verfehlt ihr Ziel
Ob vor oder nach der Hartz-IV-Reform: Die Dauer von Erwerbslosigkeit hat sich nicht verändert, ermitteln Arbeitsmarktexperten. Sie stellen die Frage nach dem Nutzen des Systemwechsels
Arbeitslose durch mehr Druck, sprich niedrigere Sozialleistungen und Sanktionen, schneller wieder in Jobs zu bringen, das war die große Rechtfertigung für die Hartz-IV-Reform. Ziel verfehlt, lautet jetzt das Urteil von Sonja Fehr, Soziologin am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, und des Leipziger Univer-sitätsprofessors Georg Vobruba. „Die Hartz-IV-Reform hat keine deutliche Verkürzung der Arbeitslosigkeitsperioden gebracht.“
Arme Menschen scheuen regulären Arztbesuch
Immer mehr arme Menschen scheuen wegen der Praxisgebühr und Zuzahlungen den regulären Arztbe-such. Sie kommen etwa in Hannover zu den kostenlosen ärztlichen Sprechstunden, die 1999 ursprünglich für Obdachlose eingerichtet worden sind. Das ist ein Ergebnis einer bundesweit einmaligen Begleitstudie zu dem Sozialprojekt, in dem sich derzeit ein 20-köpfiges Team von Medizinern und Pflegern ehrenamt-lich engagiert. Derzeit leben rund 60 Prozent dieser Patienten in eigenen Wohnungen, etwa 30 Prozent in Heimen für Wohnungslose und nur noch 6 Prozent auf der Straße. (Greenpeace vom 29. Juni 2011)
Juni 2011
Bundestag: Kinderlärm ist keine schädliche Umwelteinwirkung
Kinderlärm von Spielplätzen oder Kindertagesstätten muss künftig von Anwohnern toleriert werden. Das hat der Bundestag am Donnerstag, 26. Mai 2011, beschlossen. Die Abgeordneten votierten einstimmig für zwei gleichlautende und daher zusammengeführte Gesetzentwürfe der Koalitionsfraktionen und der Bundesregierung. Gleichzeitig lehnten sie drei Anträge der SPD, der Linksfraktion und von Bündnis 90/die Grünen ab und folgten damit einer Empfehlung des Umweltausschusses.
Minister: Kinder haben das Recht zum Kindsein
Danach ist Kinderlärm „im Regelfall“ keine „schädliche Umwelteinwirkung“ – Klagen von Anwohnern sollen damit praktisch ausgeschlossen werden. Bundesumweltminister Dr. Norbert Röttgen (CDU) sagt zu Beginn der Debatte, mit diesem Gesetzesvorhaben treffe der Gesetzgeber eine „Normentscheidung“ von „gesellschaftspolitischer Bedeutung“: Kinder hätten das Recht „zum Kindsein“. Damit sei auch das Toben, Spielen und Lärmen verbunden. Die „überfällige Korrektur“ der bisherigen Rechtslage sei ein Signal für eine kinder- und familienfreundliche Gesellschaft.
SPD: Regierung bietet über 14-Jährigen keine Lobby
Dies teilen grundsätzlich auch die Oppositionsfraktionen. Sie bemängeln aber, dass das Gesetz nicht weit genug gehe. So unterstrich für die SPD Ute Vogt, Rechtssicherheit gebe es für Familien erst dann, wenn auch „das Baurecht und andere Rechtsvorschriften“ entsprechend geändert würden. Zudem sei der Lärm, der von Spielplätzen und Kindertagesstätten ausgehe, „der Bereich, der am wenigsten Probleme aufwirft“. Wichtiger seien Konflikte um den Lärm von Jugendlichen auf Bolzplätzen und Sportstätten – doch die Bundesregierung drücke sich vor diesem Thema und biete über 14-Jährigen keine Lobby.
Linke: Lärmgrenzen für den Freizeitsport anheben
Auch Ralph Lenkert, Familienpolitiker der Linksfraktion, forderte die Regierung auf, die Lärmgrenzen für den Bereich des Freizeitsports anzuheben. Es sei „absurd“, dass die Grenzwerte für Straßenlärm in Wohngebieten höher liegen als für Sportstätten.
Grüne: Jugendliche wurden komplett vergessen
Für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen betonte deren familienpolitische Sprecherin Katja Dörner, ohne den Druck der Opposition wäre die Änderung des Bundesimmissionsschutzgesetzes noch immer nicht erreicht, obwohl es bereits im Jahr 2009 erste Beschlüsse dazu gegeben habe. Sie zeigte sich erfreut darüber, dass der Sprecher der Senioren-Union sich mit seiner Haltung, Kinderlärm könne einen Generationenkonflikt hervorrufen, nicht habe durchsetzen können. Dörner forderte eine Klarstellung auch in der Baunutzungsverordnung, die bislang aus „nicht nachvollziehbaren Gründen“ verweigert würde. Auch sie betonte, die Regierung habe bei ihrem Gesetzesvorhaben die „Jugendlichen komplett vergessen“.
CDU/CSU: Nicht alle Klagewege abschneiden
Diese Kritik wies für die CDU/CSU der Umweltexperte Michael Paul zurück. Man sei sich darin einig, dass Kinderlärm zur Gesellschaft und zum Alltag gehöre, müsse aber in Einzelfällen akzeptieren, dass er – wie in der Nachbarschaft zu Krankenhäusern – störend sein könne. Daher habe man sich bewusst dazu entschlossen, „nicht alle Klagewege abzuschneiden“. Die Einheit der Rechtsordnung nach dem Bürgerlichen Gesetzbuchs ergebe, dass das Toleranzgebot, das die Regierung auf einem Rechtsgebiet geregelt habe, auch auf andere Gebiete ausstrahle – er sei optimistisch, dass auch die Zivilgerichte künftig dem Anliegen der Kinder Rechnung tragen würden.
„Kindertagesstätten in reinen Wohngebieten ermöglichen“
Den Forderungen der Opposition nach einer Bauplanungsrechtsnovelle werde die Koalition nachkommen und damit auch den Bau von Kindertagesstätten in reinen Wohngebieten ermöglichen. Grundsätzlich, so Paul, gebe es einen Unterschied beim Lärm von Kindern und Jugendlichen. Einem Jugendlichen sei es zuzumuten, auch eine längere Strecke bis zu einem Bolzplatz zurückzulegen.
FDP: Für fairen Ausgleich der Interessen sorgen
Die FDP-Familienexpertin Nicole Bracht-Bendt betonte, man müsse auch die Interessen Älterer in den Blick nehmen und für einen „fairen Ausgleich“ der Interessen von Anwohnern und Jugendlichen und Familien sorgen. Grundsätzlich aber handele es sich bei Kinderlärm um „Zukunftsmusik“. (suk)
(Deutscher Bundestag vom 26. Mai 2011)
NRW stockt Kinder- und Jugendfördermittel auf
Düsseldorf (epd). Die nordrhein-westfälische Landesregierung hat die Mittel des Kinder- und Jugendförderplans bis 2015 auf 100 Millionen Euro pro Jahr aufgestockt. Damit fließen jährlich 20 Millionen Euro mehr in die Bereiche Prävention und Bildung, wie die NRW-Familien- und Jugendministerin Ute Schäfer (SPD) am 20. Mai 2011 in Düsseldorf mitteilte. Stärker als bisher stelle der Förderplan die Jugendarbeit für benachteiligte Jugendliche in den Mittelpunkt.
„Wir sind im Begriff, ein Fünftel der jungen Generation zu verlieren“, beklagte die Ministerin. Die Zuversicht auf gute Lebens- und Bildungsperspektiven bei Jugendlichen aus sozial benachteiligten Familien habe weiter abgenommen, sagte sie unter Hinweis auf Ergebnisse der aktuellen Shell-Jugendstudie.
Deshalb setze das Ministerium nicht nur auf ein sozial gerechtes Bildungssystem sowie den Ausbau von Ganztagsschulen, sondern auch auf zusätzliche Angebote in der Kinder- und Jugendarbeit. „Ich wünsche mir eine noch engere Kooperation der Schulen mit außerschulischen Einrichtungen wie Sportvereinen oder Kirchen und Jugendsozialarbeit“, sagte Schäfer. Als positives Beispiel nannte sie das sogenannte Rather Modell, ein 1995 ins Leben gerufenes Projekt für schulmüde Jugendliche in Düsseldorf.
Aus dem Förderprogramm werden nach Angaben der Ministerin Jugendzentren, die Arbeit der Jugendverbände und der kulturellen Jugendarbeit sowie Beratungsstellen, Jugendwerkstätten oder Projekte für schulmüde Jugendliche unterstützt. Erstmals habe das Ministerium vorab Jugendliche im Rahmen von drei Regionalkonferenzen direkt beteiligt. „Es muss uns allen wieder stärker bewusstwerden, dass Kinder- und Jugendarbeit ein wesentlicher Bestandteil unserer Gesellschaft ist“, sagte Schäfer
epd-West sw kat
Warum sich junge Menschen politisch so wenig engagieren
Psychologen der Universität Jena starten Online-Befragung zur Politikverdrossenheit
Warum gehen so wenig junge Menschen ins Wahllokal? Diese und verwandte Fragen zur Politikverdrossenheit untersuchen Jenaer Psychologen aktuell per Online-Befragung.
Ist Europas Jugend wirklich so politikverdrossen und so wenig engagiert, wie permanent behauptet wird? Diese Wahrnehmung scheint recht realitätsnah zu sein, wie ein europaweites Forschungsprojekt, an dem die Friedrich-Schiller-Universität Jena beteiligt ist, derzeit ermittelt.
„Viele Befunde sprechen dafür, dass konventionelle Formen politischer Partizipation unter jungen Menschen abnehmen und politische Apathie und Entfremdung zunehmen, obwohl es ein grundsätzliches Interesse an Politik und sozialem Engagement gibt“, fasst Prof. Dr. Peter Noack die ersten Ergebnisse des 2009 gestarteten Projekts zusammen.
„Die Ergebnisse unserer Interviews zeigen, dass das Ausmaß sowohl konventioneller als auch unkonventioneller Formen von Partizipation bei den Teilnehmern tatsächlich gering ausgeprägt ist“, ergänzt der Jenaer Projektkoordinator Dr. Philipp Jugert und betont: „Allerdings gibt es bedeutende Unterschiede abhängig von Alter und Migrationshintergrund der Befragten bezüglich ihres Verständnisses von Bürgerrechten, der Themen, die für sie relevant waren, und der wahrgenommenen Partizipations-Hindernisse.“
Um die Ergebnisse der qualitativen Erhebungen, bei denen bisher 100 junge Menschen mit deutschem, türkischem und Spätaussiedler-Hintergrund aus zwei Altersgruppen befragt wurden, zu überprüfen, wird aktuell eine Fragebogenerhebung parallel in allen beteiligten acht Ländern durchgeführt. „Dabei soll ein möglichst vollständiges Bild davon entstehen, was junge Leute dazu bewegt, sich zu beteiligen oder was sie daran hindert“, erläutert der Pädagogische Psychologe Peter Noack.
Sein Team von der Universität Jena hat dazu jetzt eine Online-Erhebung gestartet. Daran kann jeder im Alter von 16 bis 26 Jahren teilnehmen, der einen deutschen, türkischen oder Spätaussiedler-Hintergrund aufweist. Der Fragebogen ist im Internet abrufbar. Die Europäische Union fördert das auf insgesamt drei Jahre angelegte Projekt, an dem sieben weitere Länder (Großbritannien, Belgien, Tschechien, Italien, Portugal, Schweden und die Türkei) beteiligt sind, mit insgesamt 1,5 Millionen Euro. Sein Ziel ist es, die Wahrnehmungen und Praktiken zu erörtern, die für politische Partizipation junger Menschen förderlich oder hinderlich sind.
Die Jenaer Psychologen interessiert dabei besonders, wie unterschiedlich Frauen und Männer, jüngere und ältere Personen und Menschen mit und ohne deutsche Staatsbürgerschaft bzw. Migrationshintergrund die Beteiligungsmöglichkeiten in Deutschland einschätzen. Die Antworten auf ihre Befragung sollen klären, ob und in welchem Grad die allseits behauptete Politikverdrossenheit junger Menschen allgemein und Parallelgesellschaften unter Migranten im Besonderen existieren.
Die Befragung soll in einem Jahr wiederholt werden, um zu ermitteln, ob und wie sich Einstellungen und Verhalten über einen längeren Zeitraum verändern, und um Aussagen über Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge zu ermöglichen. (idw)
Friedrich-Schiller-Universität Jena vom 27. April 2011
Deutscher Kinderschutzbund fordert besseren Schutz von Kindern in TV-Produktionen
Kinder dürfen keine Spielfiguren im medialen Milliongeschäft sein
Auf seiner jährlichen Bundesmitgliederversammlung („Kinderschutztage“) in Berlin hat der DKSB am 7. Mai 2011 einstimmig eine Resolution verabschiedet, die sich vor allem an TV- Produktionsverantwortliche von Casting, Coaching- und Reality-Formaten wendet. Sie sollten sich mit den UN-Kinderrechten befassen und ihre Fürsorgepflicht als Erwachsene wahrnehmen.
In einer Folge der „Super Nanny“ wurde gezeigt, wie eine Mutter ihr fünfjähriges Kind mehrfach schlägt. Der DKSB begrüßt eine Entscheidung der Kommission für Jugendmedienschutz (KJM), welche darin eine Verletzung der Menschenwürde sieht und RTL auf Grund dessen mit einem Bußgeld belegte. Das Kamerateam hätte die Gewalt durch die Mutter gegen das Kind unterbinden müssen. Auch Sendungen aus den Jahren 2010 und 2011 wie „Deutschland sucht den Superstar“, „Abenteuer in Afrika – Deutschlands Teenies beißen sich durch“ oder „Tatort Internet“ sieht der DKSB kritisch. Hier würden Jugendliche zum Teil gedemütigt und entwürdigt.
TV-Verträge, die Mitwirkenden mit Strafen drohen, falls Kinder oder Jugendliche aus einer laufenden Produktion aussteigen wollen, halten die Kinderschützer für sittenwidrig, da sie gegen das Selbstbestimmungsrecht verstießen. Der DKSB appelliert an die Bundesregierung, zu prüfen, ob der Schutz von Kindern in TV-Produktionen im Bundeskinderschutzgesetz geregelt werden kann. Kinder dürften nach Ansicht des DKSB keine Spielfiguren in einem medialen Millionengeschäft sein.
Hier können Sie den Blog-Artikel dazu lesen.
Hier geht es zur Resolution.
Deutscher Kinderschutzbund Landesverband NRW e.V. vom 13. Mai 2011
UNICEF-Bericht „Zur Lage der Kinder in Krisengebieten 2011“
Gefahr für Kinder durch Naturkatastrophen wächst – Aufruf zu mehr Schutz anlässlich der Weltkonferenz zur Eindämmung von Katastrophenrisiken
Anlässlich der im Mai 2011 in Genf stattgefundenen „Globalen Plattform zur Reduzierung von Risiken durch Naturkatastrophen“ stellt UNICEF seinen Bericht „Zur Lage der Kinder in Krisengebieten 2011“ vor. UNICEF ruft darin die Regierungen und die Öffentlichkeit dazu auf, Kinder und Gemeinden besser vor Naturkatastrophen zu schützen.
Jedes Jahr sind heute bereits über 200 Millionen Menschen vor allem in den Entwicklungs- und Schwellenländern unmittelbar von Überschwemmungen, Dürren oder schweren Stürmen betroffen. Nach Schätzungen von UNICEF sind mindestens die Hälfte der Opfer Kinder. Sie werden getötet, verletzt, leiden an Krankheiten durch Mangelernährung, unsauberes Wasser und schlechte hygienische Bedingungen. Die überlebenden Jungen und Mädchen sind oft jahrelang mangelhaft versorgt und können nicht zur Schule gehen.
Rund 70 Prozent aller Katastrophen sind heute klimabedingt. Zu Anfang des Jahrtausends waren es 50 Prozent. UNICEF rechnet damit, dass diese Bedrohung in den Entwicklungs- und Schwellenländern weiter anwachsen wird. In den kommenden Jahren werden jedes Jahr rund 175 Millionen Kinder unter den Folgen extremer Wetterphänomene zu leiden haben – gegenüber 66 Millionen Ende der 1990er Jahre. Diese Entwicklung verhindert Fortschritte bei der Verwirklichung der Millenniumsziele oder macht sie wieder zunichte.
„Kinder in den Entwicklungsländern leiden am häufigsten und am härtesten unter den Folgen klimabedingter Katastrophen“, erklärte Dr. Jürgen Heraeus, Vorsitzender UNICEF Deutschland. „Rechtzeitige Investitionen in die Widerstandskraft der ärmsten Kinder und ihrer Gemeinden ist eine notwendige Antwort auf den Klimawandel. Und es ist der kostengünstigste Weg, mögliche Schäden zu verringern.“
Hilfsaufruf für Kinder in 32 Krisenländern
Der UNICEF-Bericht gibt einen Überblick über die Lebenssituation von Kindern in 32 Krisenländern- und Regionen – zwei Drittel davon auf dem afrikanischen Kontinent. In den oft chronischen und komplexen Krisen verstärken sich Naturkatastrophen, Armut und von Menschen gemachte Krisen wechselseitig. Am Horn von Afrika, in den Staaten der Sahelzone, aber auch in Ländern wie Pakistan, Afghanistan oder Haiti wachsen ganze Generationen von Kindern in einem permanenten Ausnahmezustand auf.
Naturkatastrophen wirken in solchen schwachen Staaten oder Regionen besonders zerstörerisch. Denn sie treffen Gemeinden, in denen viele Kinder mangelernährt sind, an Krankheiten leiden und nur ein notdürftiges Dach über dem Kopf haben – zum Beispiel in Flüchtlingslagern.
Klimawandel erfordert stärkere Prävention
UNICEF hat im Jahr 2010 in 290 akuten humanitären Krisensituationen in achtundneunzig Ländern der Erde Kindern und ihren Familien geholfen. Angesichts des Klimawandels fordert UNICEF die internationale Gemeinschaft auf, die Gemeinden stärker strategisch auf Notfälle vorzubereiten. Humanitäre Hilfe und langfristige Entwicklungsarbeit müssen besser ineinander greifen.
In Bangladesch und Vietnam konnte UNICEF zum Beispiel die Zahl der Todesfälle bei Stürmen und Überschwemmungen durch bessere Frühwarnsysteme und Zufluchtsmöglichkeiten deutlich senken. Zehntausende Kinder lernen in landesweiten Programmen schwimmen – ein wichtiger Schutz vor Ertrinken.
• In Äthiopien hat UNICEF mit der Regierung ein umfassendes Programm entwickelt, um Kinder vor Mangelernährung zu schützen. Vor den so genannten „Hungerperioden“ informieren Helfer intensiv über Kinderernährung. Bereits geschwächte Kinder werden identifiziert und in Ernährungszentren behandelt. Jährlich können dort heute 200.000 schwer mangelernährte Kinder Aufnahme finden – gegenüber 135.000 in 2009.
• In Myanmar hilft UNICEF den lokalen Behörden, sturmsichere Gesundheitszentren und Schulen einzurichten. Das Land wird häufig von Zyklonen heimgesucht. Ziel ist es, gemeinsam den entwickelten Standard überall in Myanmar zu verbreiten.
• In Zentralasien (Tadschikistan, Kasachstan und Usbekistan) setzt UNICEF gemeinsam mit der Europäischen Kommission ein großes Ausbildungsprogramm für 10.000 Lehrer und Regierungsbeamte um. Sie lernen hier, Katastrophenrisiken einzudämmen und die Sicherheit in Schulen zu verbessern.
Insgesamt braucht UNICEF im Jahr 2011 für seine weltweiten Nothilfeprogramme für Kinder rund 1,4 Milliarden US-Dollar. Das meiste Geld wird nach der Flut in Pakistan (296 Mio.) und dem Erdbeben in Haiti (157 Mio.) benötigt. Auch im Sudan (162 Mio.), Simbabwe (119 Mio.) und der Demokratischen Republik Kongo (115 Mio.) ist der Bedarf an Hilfe für Kinder hoch.
Globale Plattform zur Eindämmung von Katastrophenrisiken
In Genf kommen vom 8. bis zum 13. Mai über 2.000 Experten aus Politik und Wissenschaft, der Wirtschaft und Nichtregierungsorganisationen zusammen. Sie diskutieren über Strategien und Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung vor Risiken durch Naturkatastrophen. Die Konferenz ist das wichtigste internationale Forum für Katastrophenvorsorge und Katastrophenhilfe. UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon eröffnet sie am 10. Mai.
UNICEF-Pressestelle vom 9. Mai 2011
Mai 2011
Studie analysiert Verhalten Jugendlicher in sozialen Netzwerken
Facebook, schülerVZ & Co. sind für das soziale Leben Jugendlicher unentbehrlich geworden. Medienpädagogen der Universität Leipzig haben das Verhalten Heranwachsender in sozialen Online-Netzwerken genauer untersucht. Zu Beginn dieses Jahres haben die Wissenschaftler die Ergebnisse dieser Studie in der Sächsischen Landesanstalt für neue Medien und privaten Rundfunk (SLM) in Leipzig präsentiert. Derzeit arbeiten sie zusammen mit Kollegen des JFF aus München am Projekt „Rezeption und Produktion von Information durch Jugendliche in der konvergenten Medienwelt“.
Dahinter steht das Schwerpunktprogramm „Mediatisierte Welten“, das die Deutsche Forschungsgesellschaft (DFG) finanziert. Die Leipziger Medienpädagogen betreiben schon seit 2003 ein Medienkonvergenz-Monitoring, das jedes Jahr einen anderen Schwerpunkt setzt. Prof. Dr. Bernd Schorb erklärt den Ansatz des Projektes aus dem Jahr 2010 über soziale Online-Netzwerke: „Wir haben gefragt, ob die Behauptungen in den Medien über das, was die Jugendlichen im Netz machen, mit dem wirklichen Handeln der Jugendlichen übereinstimmen.“ Dafür wurden über 8.000 Jugendliche im Alter von zwölf bis 19 Jahren direkt in sozialen Netzwerken befragt und 31 Heranwachsende innerhalb einer Paneluntersuchung interviewt. Im Interview spricht Prof. Dr. Schorb über die Ergebnisse des Projektes.
Warum nutzen so viele Jugendliche die Netzwerke?
Schorb: Der Hauptgrund ist, dass die Freunde auch drin sind. Soziale Netzwerke sind für den einzelnen Nutzer gar nicht groß: Sie sind lokal, denn man ist hauptsächlich mit den Freunden zusammen, die man auch sonst sieht. Aber sie sind auch Räume, in denen man zusammen sein kann, wenn man räumlich getrennt ist. Außerdem ist man nicht mehr nur in einem Netzwerk, sondern im Durchschnitt in zweieinhalb. Zum Beispiel bei studiVZ und Facebook, weil da alle meine Freunde sind, aber dann bin ich noch bei einem speziellen Netzwerk, das meinetwegen Indie-Musik zum Thema hat.
Welche Rolle spielt dabei der soziale Druck oder die Angst, ausgeschlossen zu werden?
Schorb: Das ist schon ganz wichtig. Es gibt ganze Schulen, die in schülerVZ oder im Süden bei den Lokalisten sind. Es ist ganz entscheidend, auch drin zu sein.
Was genau tun die Jugendlichen in den sozialen Netzwerken denn überhaupt?
Schorb: Ein Netzwerk hat ja die Funktion der Kommunikation, also mit den Freunden Kontakt zu haben, sich den Freunden darzustellen, aber auch die der Selbstpräsentation. Hierzu gehört es, attraktive Fotos reinzustellen und einfach zu zeigen, wie ich gerne sein möchte. Ganz wichtig ist in einem Alter, in dem man seine Identität herausbildet, die Funktion der Orientierung. Da schaue ich mir die anderen Profile an, schaue nach, wie sich andere darstellen. Ich stelle Fotos von mir rein und schaue, welche Resonanz ich bekomme. Das Netzwerk ist also ein Ort der aktiven Auseinandersetzung mit der eigenen Persönlichkeit.
Welche Trends konnten Sie im Laufe der Jahre wahrnehmen? Oder welche zeichnen sich ab?
Schorb: Einmal, dass das Netz mehr aktiv genutzt wird. Es ist also eher ein Kommunikationsnetz, was es früher so nicht war. Aber da muss man unterscheiden, denn bei Wikipedia oder einem eigenen Blog, also bei der Gestaltung von Netzinhalten, sind nur ein bis zwei Prozent aktiv. Sich beteiligen in dem Sinne, dass ich nur abzustimmen brauche oder meine Sachen in ein Formular reinschreibe, dass tun die meisten Jugendlichen. Eine zweite Entwicklung ist die immer stärker werdende Konzentration auf den Computer als Universalmedium. Davon aus sehen die Jugendlichen zum Beispiel auch fern und hören Radio.
Inwieweit kann man sagen, dass Netzwerke den Stellenwert zum Beispiel von einem Handy oder Mail verdrängen?
Schorb: Bei Mails ist das so, weil die in die Netzwerke integriert sind. Die Jugendlichen, mit denen wir zusammenarbeiten, haben zwar meist eine Mailadresse, aber nutzen sie nicht. Bei Handys ist es genau umgekehrt, die werden ja so entwickelt, dass sie immer multifunktionaler werden.
In dem Report ging es ja auch um die schlechten Erfahrungen, die Jugendliche in sozialen Netzwerken machen, welche sind das?
Schorb: Es ist ganz wichtig zu sehen, dass die sozialen Netzwerke Lebensräume sind wie andere auch. In dem Bewusstsein der Jugendlichen unterscheiden sich diese Lebensräume in ihren Gesetzmäßigkeiten nicht von realen Räumen. Das Dilemma ist, dass im virtuellen Raum keine Zeit existiert. Was ich hier präsentiere, bleibt potenziell ewig da. Das ist vor allem in einem Alter ein Problem, in dem ich gerne mal über die Stränge schlage. Zweitens ist alles, was sie im Netz tun, natürlich auch öffentlich und kann eine größere Wirkung haben. Außerdem gibt es die Gefahr, sich selbst durchsichtig zu machen: Ich werde also dem Kommerz zugänglich, ich liefere einfach alle Daten über mich selbst. Es ist ja eine Unverschämtheit, wie Facebook mit den Daten seiner Nutzer umgeht, sie verkauft und damit seine riesigen Gewinne macht.
Ist es tatsächlich so häufig, dass den Nutzern egal ist, was sie ins Netz reinstellen?
Schorb: In einer exhibitionistischen Gesellschaft, in der es sowieso sehr wichtig ist, dass man sich öffentlich präsentiert, ist es den Nutzern möglicherweise auch egal. In unseren Untersuchungen haben einige gesagt: „Was soll diese Frage? Das Netz ist dafür da, dass alles öffentlich wird, also ist das selbstverständlich.“ Es gibt auch die Haltung „das ist heute eben so“, man ist ja damit aufgewachsen. Andere sagen, sie hätten nichts zu verbergen, also könne ihnen nichts passieren. Das ist dieses traurige Argument, das man auch immer wieder hört, wenn Gesetze für die innere Sicherheit verschärft werden. Es ist aber natürlich auch sehr anstrengend, etwas dagegen zu tun.
Facebook macht, was es will. Was wollen Sie denn machen?
Schorb: Sie können natürlich wie ich nicht ins Facebook gehen. Aber das müssen Sie sich erst mal leisten können, da müssen Sie erst mal eine Position haben, wo die Leute trotzdem zu Ihnen kommen.
Sie haben ja schon erwähnt, dass Sie die Strategien von Facebook nicht gut finden, sind die VZ-Netzwerke und andere Netzwerke mit deutschem Recht vertrauenswürdiger?
Schorb: Es ist graduell besser. Facebook sagt ja ganz offen, dass es alle Daten verkauft und geht diesen höchst problematischen Weg, dass man sich selbst von Funktionen ausklinken muss – statt des umgekehrten Weges, dass man zustimmt. Da gehen die deutschen Netzwerke etwas sensibler vor und erfassen weniger Daten. Andererseits hat Facebook natürlich attraktive Angebote und alle Welt ist auf Facebook, sodass die Attraktion von Facebook größer ist als die von deutschen Netzwerken.
Wie bewusst nutzen denn die Jugendlichen die Privatsphäre-Einstellungen?
Schorb: Es ist ein kleinerer Teil, der sie nutzt, aber immerhin 40 Prozent haben diese Einstellungen schon mal vorgenommen. Aber die Privatsphäre-Einstellung hilft ja am Ende auch nicht. Höchstens insofern, dass es von außen schwerer ist, auf mein Profil zuzugreifen.
Die Jugendlichen wollen ein authentisches Profil haben, inwieweit sind denn da die Angaben in den Profilen wirklich wahr oder wie offen präsentieren sie sich da?
Schorb: Das ist in dem Monitoring, das wir machen, ein sehr wichtiger Punkt. Es wurde vor Jahren immer wieder behauptet, die Jugendlichen würden sich im Netz zu einer anderen Persönlichkeit machen. Es stellte sich heraus, dass sie das in der Regel sehr ernst nehmen und in der Regel die Wahrheit schreiben. Aber es gibt Jugendliche, die schreiben ins schülerVZ, was für sie als Schüler wichtig ist, in einem anderen Netzwerk, das zum Beispiel ihren sexuellen Neigungen entspricht, meinetwegen Homosexualität, betonen sie mehr diesen Punkt.
Was macht eigentlich der Gesetzgeber im Internet zum Schutz der Jugendlichen?
Schorb: Da macht er erst mal gar nichts, denn er hat zwar einen höchst komplizierten Jugendmedienschutzstaatsvertrag ausgearbeitet, den die Bundesländer ratifizieren müssen, aber der Landtag von Nordrhein-Westfalen hat dies abgelehnt. Deshalb gibt es momentan noch die alte Regelung, die kaum Regelungen für den Jugendschutz im Internet hat. Ich finde, der Gesetzgeber müsste geschützte Räume im Netz zur Verfügung stellen, ähnlich wie beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Dort muss man sich bewegen können, ohne dass man für den Kommerz ausspioniert wird, und dort muss man vertrauenswürdige und seriöse Angebote finden. Man sollte öffentlich-rechtliche Plattformen schaffen, die gesetzlich fixiert sind. Ich habe einen Doktoranden, der versucht, das auszuarbeiten.
Auch die Netzwerkbetreiber haben eine Verantwortung; was könnten die denn leisten?
Schorb: Ich finde, die könnten bedeutend mehr zur Verantwortung gezogen werden. Aber in dieser Gesellschaft, in der ja die Ökonomie entscheidend ist, geht man an die nicht unbedingt heran. Ich denke, die Betreiber sind letztendlich Verteiler, und wenn eine Zeitschrift auf den Index kommt, dürfen die Verteiler die auch nur noch unterm Ladentisch verteilen. Ich weiß nicht, warum man eine Freiheit im Internet kolportiert, die es in der Wirklichkeit gar nicht gibt.
idw vom 23. März 2011 – Von Susann Huster, Pressestelle der Universität Leipzig – Interview: Anne Ploet
Jugendliche und junge Erwachsene sind Problemgruppe am deutschen Arbeitsmarkt
Bertelsmann Stiftung veröffentlicht international vergleichende Studie zur Beschäftigungssituation der 15- bis 29-Jährigen
Die jungen Erwachsenen im Alter zwischen 25 und 29 Jahren gehören mit einer Arbeitslosenquote von über 18 Prozent zu den Problemgruppen am deutschen Arbeitsmarkt. Das zeigt eine international vergleichende Studie der Bertelsmann Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit in Bonn. Während der Anteil derer, die weder einer schulischen oder beruflichen Ausbildung noch einer Erwerbsarbeit nachgehen, in der Gruppe der 15- bis 19-Jährigen lediglich vier Prozent beträgt, sind es bei den 20- bis 24-Jährigen bereits mehr als 15 Prozent.
Im Vergleich von 27 OECD-Staaten liegt Deutschland damit bei den 15- bis 19-Jährigen nahe an der Spitzengruppe auf dem sechsten Platz, jedoch bei den 20- bis 24-Jährigen und den 25- bis 34-Jährigen nur noch auf den Rängen 16 und 17. In allen drei Altersgruppen schneiden vor allem die Niederlande und Dänemark deutlich besser ab, während Italien, Spanien und die Türkei stets hintere Plätze belegen.
Die gängige Einschätzung einer im internationalen Vergleich geringen Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland muss stark relativiert werden und ist vor allem auf die vergleichsweise lange allgemeine Schulpflicht und das weit ausgebaute staatlich geförderte Übergangssystem zwischen Schule und Berufsausbildung zurückzuführen. Die Autoren der Studie gehen davon aus, dass junge Menschen mit Ausbildungshemmnissen zwar zunächst in öffentlich geförderten Maßnahmen unterkommen, diese aber keinen Berufsabschluss vermitteln und somit auch keine nachhaltige Arbeitsmarktintegration gewährleisten können. Auffällig ist, dass in der höchsten Altersgruppe bereits mehr als die Hälfte der Personen ohne Erwerbstätigkeit keine Bindung mehr zum Arbeitsmarkt hat, also nicht aktiv auf der Suche nach einer Arbeit ist.
Nachdem der Ausbildungsmarkt in Deutschland bis zur Mitte der 2000er Jahre sehr angespannt war und noch im Jahr 2006 knapp 50.000 unversorgte Bewerber hervorgebracht hat, ist in der letzten Zeit eine deutliche Entspannung zu verzeichnen. Allerdings sind im letzten verfügbaren Berichtsjahr 2009 je nach Zählweise auch zwischen 346.000 und 381.000 Jugendliche neu in Maßnahmen eingetreten, die auf eine Berufsausbildung vorbereiten sollen. Diese Maßnahmen münden jedoch nicht unmittelbar in eine vollqualifizierende Berufsausbildung. In vielen Fällen fungieren sie eher als Warteschleifen, die zu selten die individuellen Defizite der Teilnehmer beheben. Damit besteht die Gefahr für Jugendliche in solchen Maßnahmen, dass sie danach dennoch keine gestiegenen Chancen auf einen regulären Ausbildungsplatz haben.
Um hier Abhilfe zu schaffen, fordert die Bertelsmann Stiftung im Rahmen ihrer Initiative „Übergänge mit System“ eine grundlegende Reform des Übergangssystems. Demnach soll der Maßnahmendschungel für Bewerber ohne Ausbildungsplatz auf zwei Wege reduziert werden: Jugendliche, die in der Lage sind, eine Ausbildung zu absolvieren, sollen eine Ausbildungsgarantie erhalten. Jugendliche mit besonderem Förderbedarf sollen hingegen zielgerichtet zur Ausbildungsreife geführt werden und eine verbindliche Anschlussperspektive erhalten.
Die Beschäftigungsquoten für junge Menschen in Deutschland, die sich nicht mehr im schulischen oder beruflichen Bildungssystem befinden, weisen im internationalen Vergleich eine hohe Spreizung auf. Einerseits sind Hochschulabsolventen auffällig gut in den Arbeitsmarkt integriert, andererseits fällt die Beschäftigungsquote für Geringqualifizierte sehr niedrig aus. Jugendliche mit mittlerer Qualifikation, also mit Abitur oder einer abgeschlossenen Berufsausbildung, liegen bei der Beschäftigung im Mittelfeld. Das Risiko der Langzeitarbeitslosigkeit liegt für alle drei Qualifikationsgruppen in Deutschland in der Altersgruppe der 25- bis 34-Jährigen relativ hoch. So sind zwei von drei arbeitslosen Geringqualifizierten ohne weiterführenden Schulabschluss und ohne abgeschlossene Lehre länger als sechs Monate ohne Beschäftigung. Bei den jungen Erwachsenen mit Abitur oder abgeschlossener Berufsausbildung sind es 60 Prozent.
„Insgesamt fällt auf, dass die Arbeitsmarkt- und Bildungsteilhabe in Deutschland mit zunehmendem Alter junger Menschen abnimmt“, sagte Eric Thode, Arbeitsmarktexperte der Bertelsmann Stiftung, bei der Veröffentlichung der Studie. „Eine derart negative Entwicklung finden wir sonst nur noch in Tschechien. In Deutschland sind nach wie vor viel zu viele junge Menschen mit Ausbildungshemmnissen in staatlich geförderten Qualifizierungsmaßnahmen, die zu keinem anerkannten Berufsabschluss führen. Das Ergebnis ist eine hohe Langzeitarbeitslosigkeit bei jungen Erwachsenen.“
idw vom 29. März 2011 – Von Ute Friedrich, Pressestelle der Bertelsmann Stiftung
Sparen bei der Bildung ist teuer
Zu viele Jugendliche bleiben ohne Ausbildung – Die Folgekosten für die öffentlichen Haushalte liegen bei 1,5 Milliarden Euro – Studie des WZB im Auftrag der Bertelsmann Stiftung
Unzureichende berufliche Bildung führt zu hohen gesellschaftlichen Folgekosten. Jahr für Jahr starten rund 150.000 junge Menschen ohne Ausbildungsabschluss und damit mit schlechten Zukunftsperspektiven ins Berufsleben. Wenn es nicht gelingt, diese Zahl zu halbieren, entstehen für die öffentlichen Haushalte Belastungen in Höhe von 1,5 Milliarden Euro pro Altersjahrgang. Das zeigt eine Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) im Auftrag der Bertelsmann Stiftung. Diese Folgekosten entstehen im Verlauf des Erwerbslebens der Betroffenen durch entgangene Lohnsteuern und Beiträge zur Arbeitslosenversicherung sowie Ausgaben für Arbeitslosengeld und notwendige Sozialtransfers.
„Wer in Deutschland ohne Ausbildungsabschluss bleibt, hat kaum Chancen auf eine erfolgreiche Integration in den Arbeitsmarkt“, sagte Dr. Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung, bei der Vorstellung der Studie, verfasst von Prof. Jutta Allmendinger, Prof. Dr. Johannes Giesecke und Dr. Dirk Oberschachtsiek. „Fehlende Ausbildung führt zu hohem Arbeitslosigkeitsrisiko und niedrigen Einkommen“, erklärte Dräger.
Vor allem die Einnahmeverluste aufgrund geringerer Lohnsteuerzahlungen kommen den Staat teuer zu stehen – sie haben einen Anteil von 70 Prozent an den Gesamtkosten. Die Folgekosten fallen zu 40 Prozent auf Bundesebene an, 30 Prozent tragen die Bundesländer und jeweils 15 Prozent entfallen auf die Kommunen und die Bundesagentur für Arbeit.
Die Berechnungen des WZB basieren auf der Annahme, dass es zukünftig gelingt, die Zahl junger Menschen ohne Ausbildungsabschluss zu halbieren. Dadurch würden die öffentlichen Haushalte hochgerechnet auf die nächsten 10 Jahre Folgekosten von insgesamt 15 Milliarden Euro sparen. Der Handlungsbedarf ist dringend: Bereits heute sind in Deutschland mehr als 7 Millionen Menschen im erwerbsfähigen Alter ohne Berufsausbildung.
Einen Großteil der Jugendlichen ohne Ausbildungsabschluss stellt mit 52 Prozent die Gruppe der Hauptschulabsolventen. 22 Prozent umfasst die Gruppe der jungen Erwachsenen ohne jeden Schulabschluss. Mit einem Anteil von 26 Prozent bleiben zunehmend aber auch Realschulabsolventen ohne Ausbildung. Daher fordert die Bertelsmann Stiftung, allen ausbildungsfähigen Jugendlichen eine Garantie auf einen Ausbildungsplatz zu geben. Neben dem dualen System müssten dafür ergänzende, öffentlich geförderte Ausbildungsplätze geschaffen werden.
„Die Kinder, die wir heute im Bildungssystem abhängen, brauchen unsere besondere Unterstützung“, führte Dräger weiter aus. „Gerade Kinder aus sozial benachteiligten Lebensumfeldern müssen Zugang zu sehr guten Krippen und Kitas haben. Schulen in sozialen Brennpunkten benötigen dringend zusätzliche Finanzmittel, hier werden die besten Pädagogen und Schulleiter gebraucht. Sie müssen vordringlich zu echten Ganztagsschulen ausgebaut werden.“
Die Studie zeigt, dass für jeden jungen Menschen ohne Ausbildungsabschluss heute rund 22.000 Euro investiert werden könnten, ohne dass bei den öffentlichen Haushalten künftig zusätzliche Kosten entstehen würden. Zwischen den Bundesländern gibt es dabei je nach Zusammensetzung und Anteil der Jugendlichen ohne Ausbildungsabschluss Unterschiede: Die Folgekosten pro Kopf liegen zwischen 17.000 Euro in Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern und 23.000 Euro in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz.
idw vom 12. April 2011 – Von Ute Friedrich, Pressestelle der Bertelsmann Stiftung
Kriminalität geht zurück – Computerdelikte auf dem Vormarsch
Der spürbare Rückgang der Kriminalität in Deutschland um rund drei Prozent im vergangenen Jahr 2010 ist nach den Worten des Bundesvorsitzenden der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Bernhard Witthaut, das erfreuliche Ergebnis der erfolgreichen und engagierten Arbeit der Polizei. Dies dürfe jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, so Witthaut, dass die Kriminalitätsbelastung insgesamt auf einem zu hohen Niveau liege. Zudem zeige die Entwicklung in einzelnen Kriminalitätsbereichen deutlich, dass dort, wo die Polizei auch personell Schwerpunkte setzte, das Kriminalitätsgeschehen zurückgedrängt werden könne, während an anderer Stelle die Straftaten wieder ansteigen. Witthaut: „Unser Personalbestand gleicht einer Bettdecke: Wenn die Nase warm ist, frieren die Füße und umgekehrt.“
Erfreulich nannte Witthaut den Rückgang der Gewalt- und Straßenkriminalität um bundesweit rund 8 Prozent. Witthaut: „Nicht nur der polizeiliche Einsatz, sondern auch die verschiedensten Anti-Gewalt-Projekte unter Beteiligung der Polizei scheinen allmählich Wirkung zu entfalten. Mit großer Sorge aber beobachtet die GdP den drastischen Anstieg von Wirtschafts- und Betrugsstraftaten im Internet.“
Der GdP-Vorsitzende weiter: „Kriminelle nutzen verstärkt die Anonymität des Internets und die Verschleierungsmöglichkeiten moderner Computertechnik. Diese Straftaten aufzuklären, ist enorm personal- und zeitaufwändig. Viele Opfer müssen erleben, dass die oft im Ausland agierenden Täter von der Polizei nicht dingfest gemacht werden können. Das frustriert Opfer und Polizei gleichermaßen.“
Nach den der GdP vorliegenden ersten Trends der Polizeilichen Kriminalstatistik 2010 stieg die Computerkriminalität stark an, so in Nordrhein-Westfalen um 27 Prozent, in Sachsen-Anhalt um 14 Prozent und in Rheinland-Pfalz um 11,5 Prozent.
Gewerkschaft der Polizei – Bundesvorstand vom 8. April 2011
Schulstress verhindert soziales Engagement Jugendlicher
Wie steht es um das Engagement von Jugendlichen in Deutschland?
Kluft zwischen tatsächlichem Engagement und der Bereitschaft, sich zu engagieren
Während das freiwillige gesellschaftliche Engagement älterer Menschen zwischen 1999 und 2009 erheblich zugenommen hat, sank das von Jugendlichen im selben Zeitraum: Entgegen dem Trend von 37 auf 35 Prozent. Insbesondere Jugendliche mit Migrationshintergrund sind mit nur 22 Prozent (2009) vergleichsweise selten engagiert. Dabei würden sich aber 49 Prozent der Jugendlichen gern stärker einbringen, noch mehr sogar Jugendliche mit Migrationshintergrund, nämlich 54 Prozent.
Vor allem Schüler und Studenten haben immer weniger Zeit für freiwillige Tätigkeiten. Ursachen dafür sind Ganztagsschulen, die Verkürzung der gymnasialen Schulzeit von neun auf acht Jahre sowie die Umstellungen auf das Bachelor- bzw. Master-Studium. So engagieren sich 51 Prozent der Gymnasiasten, die in neun Jahren zum Abitur geführt werden, aber nur 41 Prozent derjenigen, die diesen Schulabschluss in acht Jahren erreichen möchten. Die Engagementquote von Ganztagsschülern liegt mit 31 Prozent acht Punkte unter der von Schülern, die mittags Schulschluss haben.
Dabei ist die Bereitschaft, sich stärker freiwillig zu engagieren im Laufe von zehn Jahren um zehn Prozent gestiegen und liegt bei jungen Menschen mit Migrationshintergrund mit 54 Prozent insgesamt sogar deutlich über der Gesamtquote von 49 Prozent. Sie finden aber offensichtlich weniger Möglichkeiten, aktiv zu werden. Während 31 Prozent der „einheimischen“ Jugendlichen beispielsweise Mitglied in einem Verein sind, liegt die Zahl der Jugendlichen mit Migrationshintergrund nur bei 16 Prozent.
„Wir müssen gerade Jugendlichen aus Migrantenfamilien, die mitmachen wollen, den Zugang zu unseren zivilgesellschaftlichen Strukturen erleichtern. Vereine und Organisationen tun gut daran, ihnen die Türen zu öffnen und dieses Potenzial zu nutzen“, sagt Dr. Brigitte Mohn, Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung. Mit dem Projekt „jungbewegt“ will sie dazu beitragen, dass junge Menschen früh erfahren, wie bereichernd es ist, Verantwortung zu übernehmen und das Gemeinwesen aktiv mit zu gestalten.
Je jünger, desto eher machen junge Menschen im Sport, in der Kirche, in einer Theater- oder Musikgruppe, in der Schülervertretung, beim Naturschutz oder in den Jugendverbänden mit. Vor allem die Kirche verzeichnet seit dem ersten Freiwilligensurvey Zuwächse bei der Aktivierung von Kindern und Jugendlichen.
Im Vergleich zur Gesamtbevölkerung sind Jugendliche nach wie vor besonders beim Engagement in Politik und Parteien deutlich unterrepräsentiert. Einen erheblichen Rückgang gab es im Bereich „Freizeit und Gesellschaft“. Die Motive der Engagierten zielen stärker auf den individuellen und gesellschaftlichen Nutzen des Engagements – ein Trend weg von der Spaß-Orientierung.
Zu den Ergebnissen kommt eine aktuelle Sonderauswertung des Dritten Freiwilligensurveys des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, die von der Jugendforscherin Sibylle Picot in Kooperation mit TNS Infratest im Auftrag der Bertelsmann Stiftung erstellt wurde.
Bertelsmann Stiftung vom 26. April 2011
Eckpunkte zur Verwirklichung eines inklusiven Bildungssystems
Monitoring-Stelle gibt Ländern „Eckpunkte zur Verwirklichung eines inklusiven Bildungssystems“ vor! Konsequenzen auch für NRW
Es ist das zweite Mal, dass Valentin Aichele, Leiter der Monitoring-Stelle für die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) am Deutschen Institut für Menschenrechte, in einer presseöffentlichen Stellungnahme mit Berufung auf seine Wächterfunktion die Politik der KMK und der Länder kritisiert. Im August 2010 stellte er klar, dass Zwangszuweisungen zur Sonder-/Förderschule angesichts des individuellen Rechts auf inklusive Bildung für Kinder mit Behinderung rechtlich unzulässig sind und eine menschenrechtliche Diskriminierung im Sinne der Konvention darstellen. Damit widerlegte er auch die Rechtssprechung des Hessischen VGH.
Aktuell hat er „Eckpunkte zur Verwirklichung eines inklusiven Bildungssystems“ (Primarstufe und Sekundarstufen I und II) vorgelegt. Er kritisiert die KMK mit ihrer Position und ihren Empfehlungen zu „Inklusive Bildung von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung in Schulen“. Von den Bundesländern fordert er eine zügige Entwicklung von Aktionsplänen und gibt mit seinen Eckpunkten rechtliche Orientierungen dafür vor. Spätestens ab dem Schuljahr 2011/2012 sollen die Länder in der Lage sein, „für Kinder und Jugendliche mit Behinderungen nach individuellem Bedarf ein sinnvolles und qualitativ hochwertiges Bildungsangebot in der allgemeinen Schule“ zu organisieren.
Qualität und progressive Realisierung für inklusive Bildung
Landespolitischen Tendenzen, inklusive Bildung mit der „heißen Nadel“ zu stricken, stellt sich die Monitoring-Stelle entschieden entgegen. Aichele nimmt Anstoß an der inflationären Verwendung des Begriffs „inklusiv“. Gerade wegen der Abgrenzung zu Integration sei er „präzise und umsichtig als qualitativer Begriff zu gebrauchen“. Verlangt werden Standards für eine qualitativ hochwertige Form des gemeinsamen Unterrichts von Kindern mit und ohne Behinderungen. Er soll an allen Schulformen angeboten und zieldifferent und binnendifferenziert gestaltet sein. Bestimmte Organisationsformen wie Sonderklassen und Kooperationsklassen verdienen diese Bezeichnung nicht und sollen deshalb auslaufen. „Unterstützungsstrukturen für Schulen und Lehrkräfte sollen rechtlich abgesichert werden.“
Ressourcenvorbehalte gegenüber angemessenen Vorkehrungen für inklusive Bildung werden als unzulässig erklärt. Bis zur „Grenze der unbilligen Belastung“ muss nachweislich alles unternommen werden, wobei der Nachweis von dem jeweiligen Kostenträger zu erbringen ist. Klare Sanktionsregeln sind einzubauen für den Fall, dass staatliche Träger angemessene Vorkehrungen verweigern.
Inklusive Bildung als Recht des Kindes mit Behinderung
Erkennbare Tendenzen in einigen Ländern, das Recht auf inklusive Bildung als Wahlrecht der Eltern auszugestalten, weist er als nicht konventionskonform zurück. „Das Recht auf Inklusion ist ein Recht der Person mit Behinderung“, so Aichele. Eltern sind über dieses Recht aufzuklären und „haben bei der Ausübung der elterlichen Sorge den Leitgedanken der Inklusion zu beachten und ggf. zu erklären, warum sie keine inklusiven Bildungsangebote wahrnehmen“.
Ein Wahlrecht ist „nur übergangsweise vertretbar“. Es darf nachweislich nicht den Aufbau eines inklusiven Bildungssystems verzögern oder untergraben, indem „es die erforderliche Reorganisation von Kompetenzen und Ressourcen für das Regelschulsystem erschwert“.
Ein unbefristetes Doppelangebot von Regel- und Sonderbeschulung für Kinder mit Behinderung ist ebenso wenig zulässig wie der Ausbau des Sonderschulsystems durch neue Sondereinrichtungen. Zu fördern ist dagegen die Umwandlung von Förderschulen zu Kompetenzzentren als „Schulen ohne Schüler“.
Konsequenzen für NRW
Die rechtlichen Vorgaben der Monitoring-Stelle zur Umsetzung der UN-BRK erfordern ein gründliches Nachdenken und Umdenken auf Länderebene. Das gilt auch für die Ausrichtung der Bildungspolitik in NRW.
Das Schulministerium hat für eine nicht präzisierte Übergangszeit lediglich bestimmt, dass dem Elternwunsch nach inklusiver Bildung weitgehend Rechnung getragen werden soll. Zwangszuweisungen sind damit nicht ausgeschlossen. Die Monitoring-Stelle erwartet dagegen, dass spätestens ab dem nächsten Schuljahr die Länder den individuellen Bedarf nach einem qualitativ hochwertigen inklusiven Angebot in der allgemeinen Schule decken.
Das Schulministerium will zwar das Recht des Kindes auf inklusive Bildung schulgesetzlich anerkennen und die allgemeine Schule zum Regelförderort machen, gleichwohl sollen Eltern für alle Förderschwerpunkte ein unbefristetes Wahlrecht bekommen. Diese Verquickung von Kindesrecht und Elternrecht ist unzulässig, weil damit Inklusion als Recht des Kindes mit Behinderung nicht vollständig zur Geltung kommt, sondern auch an den Willen der Eltern gebunden wird. Diese Rechtskonstruktion verfestigt zudem auf unbefristete Zeit die Existenz von Doppelstrukturen, die den Aufbau eines inklusiven Schulsystems erschweren.
Die Umwandlung von Förderschulen zu Kompetenzzentren in der letzten Legislaturperiode stand nicht unter der Maßgabe, eine Entwicklung hin zu einer „Schule ohne Schüler“ einzuleiten. Vielmehr wurde damit die Zuständigkeit der Förderschule ausgeweitet und ihr Bestand abgesichert. Das Schulministerium hat von sich aus eine wissenschaftliche Auswertung dieses Pilotprojektes eingeleitet, um den Beitrag der Kompetenzzentren zum Aufbau eines inklusiven Schulsystems überprüfen zu lassen.
Unmittelbarer Handlungsbedarf für NRW besteht in der qualitativen Verbesserung des Gemeinsamen Unterrichts und der integrativen Lerngruppen, die als Organisationsformen des gemeinsamen Lernens Kindern mit und ohne Behinderungen angeboten werden, sowie in dem Aufbau von Unterstützungssystemen für die Schulen und ihre inklusive Schulentwicklung.
Dr. Brigitte Schumann – NRW-Bündnis „Eine Schule für alle vom 6. April 2011
Einwanderer machen sich häufig selbstständig – junge Leute immer seltener
Einwanderer machen sich häufig selbstständig – junge Leute immer seltener: Zu diesen Ergebnissen kommt der GEM-Länderbericht 2010. Die gemeinsame Studie des Instituts für Wirtschafts- und Kulturgeographie der Leibniz Universität und des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung hat das Gründungsverhalten in Deutschland untersucht.
GEM-Länderbericht untersucht Unternehmensgründungen in Deutschland
Migrantinnen und Migranten sind gründungsfreudiger als die einheimische Bevölkerung. In den vergangenen gut drei Jahren haben rund 7 Prozent der Migranten ein Unternehmen gegründet oder waren gerade dabei, es zu tun. Unter den Deutschen ohne Migrationshintergrund waren es nur 4,2 Prozent. Zu diesem Ergebnis kommt eine gemeinsame Studie des Instituts für Wirtschafts- und Kulturgeographie der Leibniz Universität Hannover und des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Mit dem diesjährigen Schwerpunktthema „Gründungen durch Menschen mit Migrationshintergrund“ haben die Wissenschaftler die unternehmerischen Aktivitäten von Einwanderern ins Blickfeld gerückt, aber auch, wie in den Vorgängerstudien dieses GEM-Länderberichts 2010, das Gründungsverhalten in Deutschland im Allgemeinen untersucht.
Die höhere Gründungsbereitschaft von Migrantinnen und Migranten scheint häufig eine Reaktion auf die im Vergleich zu Einheimischen schlechteren Chancen am Arbeitsmarkt zu sein. Viele machten aus der Not eine Tugend und entschieden sich für die Selbstständigkeit anstelle von Arbeitslosigkeit, erläutern die Gründungsforscher der Leibniz Universität Hannover. Auffällig ist zudem, dass die von Migranten gegründeten Unternehmen im Durchschnitt größer sind als die von anderen Selbstständigen. Mehr als 70 Prozent beschäftigen bereits bei der Gründung Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter oder beabsichtigen, in Kürze jemanden einzustellen. Bei den einheimischen Gründerinnen und Gründern sind es 50 Prozent.
Die Daten der Studie zeigen zudem einen klaren Trend zu einem abnehmenden Anteil der 18- bis 24-Jährigen unter allen Gründern in Deutschland. Im Jahr 2002 entfielen auf diese Altersgruppe noch 14 Prozent aller Gründer, 2010 nur noch 3,5 Prozent. „Das Ausmaß dieses Phänomens ist in Deutschland größer als in anderen Ländern und lässt sich nicht allein mit dem demografisch bedingten Rückgang der Population dieser Altersgruppe begründen“, erklären die Autoren der Studie.
Generell belegt Deutschland bei der Anzahl der Unternehmensgründungen einen Platz im Mittelfeld der vergleichbaren Länder. Hinsichtlich der Gründungschancen sind Deutsche pessimistischer als Bürgerinnen und Bürger anderer Länder und eher risikoscheu. Die Angst vor dem Scheitern hält sie offenbar relativ häufig davon ab, zu gründen. Bei den Rahmenbedingungen für erfolgreiche Gründungen erhält Deutschland vergleichsweise schlechte Noten. Vor allem bei der schulischen und außerschulischen Vorbereitung auf unternehmerische Selbstständigkeit, den gesellschaftlichen Werten und Normen für ein gutes Gründungsklima sowie beim Arbeitsangebot für neue und wachsende Unternehmen gebe es großen Nachholbedarf, sagen die Wissenschaftler. Dafür schneidet Deutschland bei der Förderinfrastruktur und der Priorisierung des Themas „Unternehmensgründungen“ durch die Politik vergleichsweise gut ab. Von der Wirtschaftskrise sehen sich Gründer in Deutschland 2010 wesentlich weniger beeinträchtigt als noch im Vorjahr. Die Krise taugt laut den Autoren nicht (mehr) als Erklärung für geringe Gründungszahlen.
Die Studie beruht auf den Daten des Global Entrepreneurship Monitors (GEM), einem Forschungskonsortium, das jährlich und weltweit vergleichbare Daten zu unternehmerischen Aktivitäten erhebt. Prof. Rolf Sternberg leitet das GEM-Team an der Leibniz Universität. Die Studie im Internet
idw vom 12. April 2011 – Von Jessica Lumme, Referat für Kommunikation und Marketing der Leibniz Universität Hannover
Kompromiss Hartz IV – nicht verfassungskonform
Anfang 2011 haben Bundestag und Bundesrat die Reformen bei Hartz IV beschlossen. Mit dem Bildungs- und Teilhabepaket bekommen arme Kinder neue Chancen, am kulturellen und sozialen Leben teil zu haben und können an schulischer und außerschulischer Verpflegung teilzunehmen. Die Verbesserung der materiellen Situation für Familien darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die bisherigen Vorschläge der Bundesregierung zur HARTZ IV-Reform intransparent, willkürlich und nicht verfassungskonform sind.
Das Bundesverfassungsgericht hat in seinem Urteil vom 9. Februar 2010 darauf hingewiesen, dass insbesondere „ein altersspezifscher Bedarf für Kinder einzustellen (sei), welche die Schule besuchen“. Zusätzlich hat es die Bildung von zwei Altersstufen für verfassungsrechtlich nicht tragfähig gehalten. Demgegenüber wurden in den Vermittlungsgesprächen zwischen Bundestag und Bundesrat die bestehenden zwei Stufen bestätigt. Damit werden Kleinkinder mit Schulkindern auf eine Stufe gestellt. Noch weniger nachvollziehbar ist, dass an der Abschlagsregelung vom Erwachsenensatz festgehalten wurde. Damit drückt sich die Regierung weiterhin darum, die spezifischen Bedürfnisse der Heranwachsenden eigenständig zu berechnen. Jeder weiß, dass z.B. Kleinkinder teure Windeln brauchen und Jugendliche mehr essen als mancher Erwachsener.
Mit der Überarbeitung der HARTZ IV-Sätze hat die Bundesregierung Abschläge von Positionen vorgenommen, die sich aus der Einkommensverbraucherstichprobe (EVS) ergeben. Die entsprechenden wertenden Entscheidungen wurden weder transparent gemacht, noch sind sie aufgrund der allgemeinen Entwicklung der Verbraucherpreise verhältnismäßig.
Eine Studie des Forschungsinstituts für Kinderernährung in Dortmund von 2010 zeigt, dass selbst bei Kindern, die durch wenig Bewegung einen geringeren Kalorienbedarf haben, die ALG-II-Leistung zu gering ist und eine ausreichende Nährstoffaufnahme nur rechnerisch erreicht werden kann.
Deutsches Kinderhilfswerk, April 2011
April 2011
Nachtragshaushaltsgesetz NRW 2010 verfassungswidrig
Dies hat der Verfassungsgerichtshof NRW durch heute verkündetes Urteil entschieden und damit einem entsprechenden Antrag der Landtagsabgeordneten von CDU und FDP stattgegeben. Der Verfassungsgerichtshof hat festgestellt, dass das Nachtragshaushaltsgesetz 2010 wegen Überschreitung der Kreditgrenze gegen Art. 83 Satz 2 der Landesverfassung NRW (LV) verstößt.
In der mündlichen Urteilsbegründung führte Präsident des Verfassungsgerichtshofs Dr. Bertrams hierzu u.a. aus:
Von der in Art. 83 Satz 2 LV normierten Regelverschuldungsgrenze dürfe grundsätzlich nur zur Abwehr einer Störung des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts abgewichen werden. Nach gefestigter Rechtsprechung müsse die Störungslage ernsthaft und nachhaltig sein oder als solche unmittelbar drohen. Die erhöhte Kreditaufnahme müsse außerdem zur Störungsabwehr geeignet und final hierauf bezogen sein. Bei der Beurteilung stehe dem Haushaltsgesetzgeber ein Einschätzungs- und Beurteilungsspielraum zu. Er müsse jedoch nachvollziehbar darlegen, dass die Voraussetzungen für die Überschreitung der Regelverschuldungsgrenze vorlägen. Diese Darlegung müsse im Gesetzgebungsverfahren erfolgen. Ein Nachtragshaushaltsgesetzgeber unterliege insoweit keinen geringeren Darlegungsanforderungen als der Gesetzgeber des Stammhaushalts. Dies gelte auch dann, wenn der Haushaltsgesetzgeber in einem Nachtragshaushalt eine im Stammhaushalt bereits erfolgte Überschreitung der Regelverschuldungsgrenze nochmals erhöhen wolle. Für eine solche Erhöhung bedürfe es in Auseinandersetzung mit der bisherigen Finanzplanung und der aktuellen konjunkturellen Entwicklung einer plausiblen Erklärung, weshalb die bisher veranschlagte Ausgabensumme zur Störungsabwehr nicht mehr ausreichen solle und inwieweit die Erhöhung der Kreditermächtigung im Zeitpunkt des Wirksamwerdens des Nachtragshaushalts die gewünschten konjunkturellen Ziele noch erreichen könne.
Diesen Anforderungen habe der Gesetzgeber nicht genügt. Es sei bereits zweifelhaft, ob der Gesetzgeber das (Fort-)Bestehen einer gesamtwirtschaftlichen Störungslage nachvollziehbar dargelegt habe. Jedenfalls fehle es an einer hinreichenden Darlegung, dass und wie die erhöhte Kreditaufnahme zur Abwehr der angenommenen Störung des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts geeignet sei. Im Gesetzgebungsverfahren seien keine Gesichtspunkte der konjunkturellen Entwicklung aufgezeigt worden, die eine weitere Erhöhung der Kreditaufnahme gegenüber dem Stammhaushalt trotz deutlich verbesserter Wirtschaftslage zur Störungsabwehr plausibel und nachvollziehbar machten. Überdies fehlten Darlegungen, inwieweit die Erhöhung der Kreditaufnahme arbeitsmarkt- und wirtschaftspolitische Maßnahmen habe ermöglichen sollen, die im maßgeblichen Haushaltsjahr 2010 zur Abwehr der gesamtwirtschaftlichen Störungslage hätten beitragen können.
Ob das Nachtragshaushaltsgesetz 2010 wegen der kreditfinanzierten Rücklagenbildung zusätzlich gegen das Wirtschaftlichkeitsgebot verstoße, habe der Verfassungsgerichtshof angesichts der schon wegen eines Verstoßes gegen Art. 83 Satz 2 LV bejahten Verfassungswidrigkeit letztlich offen gelassen. Er habe allerdings klargestellt, dass das Wirtschaftlichkeitsgebot ein Verfassungsgrundsatz sei, der den Haushaltsgesetzgeber binde. Dieser Verfassungsgrundsatz verlange, in jedem Haushaltsjahr bei allen Maßnahmen die günstigste Relation zwischen dem gesteckten Ziel und den eingesetzten Mitteln anzustreben; er erfordere, ein bestimmtes Ziel mit dem geringstmöglichen Einsatz von Mitteln zu erreichen. Das Wirtschaftlichkeitsgebot verpflichte auch den Haushaltsgesetzgeber, der auf Grund anderweitiger gesetzlicher Verpflichtungen Sonderrücklagen und Sondervermögen bilde, wenn diese aus einem kreditfinanzierten Haushalt erfüllt werden müssten. Erst recht gelte es für den Haushaltsgesetzgeber, der Rücklagenbildungen vorsehe, die nicht bereits auf gesetzlichen Zahlungsverpflichtungen beruhten. Danach seien die im Nachtragshaushaltsgesetz 2010 vorgesehenen Vorsorgemaßnahmen überwiegend als verfassungsrechtlich bedenklich zu qualifizieren.
Weitere Einzelheiten ergeben sich aus dem Urteil, das auf der Internetseite des Verfassungsgerichtshofs (www.vgh.nrw.de) abgerufen werden kann.
Verfassungsgerichtshof für das Land Nordrhein-Westfalen vom 15. März 2011, Aktenzeichen: VerfGH 20/10
Kommentar von Gerhard Stranz (bildungklick.de)
Mit dem Nachtragshaushalt hat der Gesetzgeber (der Landtag NRW, der mit Mehrheit dem Haushalt zugestimmt hat) nicht ausreichend deutlich gemacht, ob überhaupt eine Störung des gesamtgesellschaftlichen Gleichgewichts besteht, um eine Überschreitung der Regelverschuldungsgrenze zu rechtfertigen. Alleine dieser Aspekt führte dazu, dass der Verfassungsgerichtshof zu der Einschätzung kam, dass der Nachtragshaushalt verfassungswidrig sei. Der VGH hat angesichts dieser Feststellung die Prüfung der Frage, ob die vorgesehenen kreditfinanzierten Rücklagenbildungen (z.B. WestLB und auch im Elementarbereich für die „konnexitätsrelevanten“ Ausgaben für den U-3-Ausbau) möglich sind, „offen gelassen“.
Nach meiner Einschätzung ergibt sich jetzt,
►dass auch im Landeshaushalt 2011 keine zusätzlichen Schulden und Rücklagen gebildet werden können,
►dass die Landesregierung zur Finanzierung der Vorhaben im Rahmen der vorhandenen Mittel Prioritäten setzen und damit zur Finanzierung von Schwerpunktsetzungen Mittel aus anderen Bereichen „abziehen“ muss („sparen“/„kürzen“).
Jetzt wird deutlich werden, was die Ankündigungen in Bezug auf Prioritätensetzungen für den Elementarbereich „wert“ sein werden.
Kommentar von Gerhard Stranz vom 16. März 2011, als Brief übermittelt
Anmerkung der NAGEL-Redaktion: Ergänzen möchte man den letzten Satz um „… Elementarbereich ‚und die Kinder- und Jugendarbeit allgemein’ ‚wert’ sein werden.“
Haushaltsausschuss bewertet Gerichtsurteil zum Nachtragsetat 2010
Die Mitglieder des Haushalts- und Finanzausschusses haben am 17. März 2011 das Urteils des Verfassungsgerichtshofs Münster zum Nachtragshaushalt 2010 der Landesregierung eingeordnet, bewertet und diskutiert. Abgeordnete von CDU und FDP hatten geklagt, weil die Regierung eine von der Verfassung vorgegebene Obergrenze für neue Kredite überschritten hatte. Diese Obergrenze besagt, dass die Regierung nicht mehr neue Schulden machen darf, als sie für Investitionen ausgibt. Wenn das gesamtwirtschaftliche Gleichgewicht gestört ist, darf der Haushaltsgesetzgeber jedoch eine Ausnahme machen und zur Abwehr dieser Störungslage mehr Schulden aufnehmen, ohne gegen die Verfassung zu verstoßen. Auf der Grundlage dieser Ausnahmeregelung hatte die Landesregierung eine Nettoneuverschuldung von 7,1 Milliarden Euro verteidigt und eine Landtagsmehrheit als Haushaltsgesetzgeber den Nachtragsetat 2010 beschlossen. Das Gericht hat allerdings vor zwei Tagen der Klage von CDU und FDP stattgegeben, den Nachtragshaushalt als verfassungswidrig bewertet und ihn damit für nichtig erklärt.
Finanzminister Dr. Norbert Walter-Borjans beschrieb das Urteil als kein erfreuliches, aber auch kein außergewöhnliches Ergebnis. Die Vorgängerregierung von CDU und FDP habe sieben Niederlagen vor dem Verfassungsgerichtshof erlitten, darunter auch eine zu einem Nachtragshaushalt zu Beginn ihrer Amtszeit. Zweierlei zentrale Herausforderung las der Minister aus dem Urteil. Erstens gelte es nun, die Störung des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts, von der Regierung, SPD und Grüne überzeugt sind, fundierter zu begründen als nur mit dem Hinweis auf den regulären Haushalt 2010. Dieser, noch unter der schwarz-gelben Vorgängerregierung verabschiedet, setze ebenfalls, allerdings mit „dürrer Begründung“ eine Störung des wirtschaftlichen Gleichgewichts voraus und sei mit dem Urteil gleichsam beschädigt. Zweitens, schloss der Minister aus dem Urteil, müsse man besser darlegen, welche Maßnahmen inwiefern dazu geeignet seien, diese Störung abzuwenden. Die Richter hätten eine Störung des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts nicht definitiv bestritten, sondern nur bemängelt, dass nicht hinreichend klar sei, welche Maßnahmen dagegen wirken könnten. Somit, betonte Walter-Borjans, sei der Gerichtshof nicht der Argumentation der Kläger gefolgt, die eine Störungslage in Zweifel gezogen hatten. Er sagte umfassende Sparbemühungen zu, um einen verfassungskonformen Haushalt 2011 vorzulegen: „Wir werden jeden Stein umdrehen.“ Zugleich las er aus dem Urteil auch die Möglichkeit, mittels längerfristiger Politik eine Störungslage abwehren zu dürfen. Außerdem sei er gespannt auf Vorschläge der Opposition, wie diese 3,3 Milliarden Euro an Schulden einsparen wolle, damit die Verschuldung die Investitionen nicht überschreite.
„Sie können das Urteil so viel schönreden, wie Sie wollen – es ist eine vernichtende Klatsche“, meinte Christian Weisbrich (CDU). Er unterstrich die Kontrolle der Regierung als vornehmste Pflicht der Opposition. Maßstab für diese Kontrolle sei selbstverständlich die Landesverfassung. Aus seiner Sicht habe sich der Verfassungsgerichtshof in vollem Umfang der Argumentation von CDU und FDP angeschlossen. Aber unabhängig von einer Störung des wirtschaftlichen Gleichgewichts hielt Weisbrich die Maßnahmen der Regierung – etwa das beitragsfreie Kindergartenjahr – in jedem Fall für ungeeignet, eine solche Störungslage abzuwenden. Die Messlatte dafür liege sehr viel höher, als die Regierung dies begründen könne. Auch entgegnete der CDU-Sprecher dem Minister, das Gericht habe den Stammhaushalt 2010 in keiner Weise in Frage gestellt. An oberste Stelle hätten die Richter den Schutz der nächsten Generation und Handlungsmöglichkeiten der nächsten Haushaltsgesetzgeber gestellt. Was man nicht bezahlen könne, könne man eben auch nicht umsetzen, meinte Weisbrich und betonte, mit dem Gerichtsurteil sei der Ansatz einer vorsorgenden Sozialpolitik in vollem Umfang gescheitert. Aber „wenn Sie auf den Politikwechsel verzichten, ist der Haushalt ausgleichbar“.
Martin Börschel (SPD) erinnerte daran, dass auch andere Bundesländer in ihren Haushalten von einer Störung des wirtschaftlichen Gleichgewichts ausgingen. Er kündigte an, bei den entsprechenden CDU/FDP-regierten Ländern und im Bundeshaushalt nachzulesen, wie dort eine Störung des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts begründet werde. Abseits dessen hielt der SPD-Sprecher das „Wortgeklingel“ der CDU um die Störungslage für einen Ablenkungsversuch, weil mit dem Urteil nicht nur die Begründung im rot-grünen Nachtragsetat, sondern auch im schwarz-gelben Stammhaushalt 2010 nicht ausreichend gewesen sei. Börschel bezog sich auf eine Aussage des CDU-Fraktionsvorsitzenden Laumann, man könne mit einer verfassungskonformen Neuverschuldung von „nur“ 3,8 Milliarden Euro auskommen, und begrüßte, dass die CDU sich nun offenbar sachgerecht in die Haushaltsdiskussion einbringen wollte. Nun solle sie sagen, mit welchen Maßnahmen sie diese Einsparung von 3,1 Milliarden Euro gegenüber der von Rot-Grün vorgesehenen Neuverschuldung in Höhe von 7,1 Milliarden Euro erreichen wolle. Wie viel Personal solle abgebaut werden und wo? Welche Förderprogramme seien einzustellen, welche Straßen- und Städtebaumittel zu kürzen? Wie viel solle den Kommunen weggenommen werden?, fragte er.
Der Verfassungsgerichtshof habe noch einmal die Verantwortung des Haushaltsgesetzgebers, also des Parlaments, gegenüber seinen Nachfolgern wie auch gegenüber den nächsten Generationen deutlich gemacht, befand auch Angela Freimuth (FDP). Beide müssten später noch Spielräume zur Gestaltung haben. Eine Lehre aus dem Urteil sah sie darin, dass vor allem besser belegt werden müsse, dass die im Haushalt festgeschriebenen Maßnahmen tatsächlich geeignet seien, um eine Störungslage, wenn denn vorhanden, zu bekämpfen. Außerdem habe das Gericht betont, dass die Kreditobergrenze nur dann überschritten werden dürfe, wenn die Störung des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts eine nachhaltige sei. In diesem Zusammenhang betonte sie, dass sich eine Störungslage zum Zeitpunkt der ersten Lesung des Haushaltsgesetzentwurfs anders darstellen könne als bei seiner Verabschiedung. Das Urteil, sagte Freimuth, müsse logischerweise Auswirkung auf den vorgelegten Haushalt 2011 haben, der ebenfalls 7,1 Milliarden Euro neue Schulden beinhalte. Die FDP-Sprecherin kündigte für ihre Fraktion eine konstruktiv-kritische Kontrolle im weiteren Haushaltsberatungsverfahren an. Ob der ambitionierte Zeitplan hierfür mit einem geplanten Abschluss Ende Mai aufrechtzuerhalten sei, fand sie fraglich.
Michael Aggelidis (Linke) empfand die Gerichtsentscheidung als „sehr schlimmes Urteil“ an einem „schwarzen Tag der Rechtsgeschichte“ und einem schlechten Tag für NRW. Zur Begründung sagte er, das Gericht stelle sich in weiten Teilen an die Stelle des Gesetzgebers. Auch habe er die Hürden so hoch gesetzt, dass man diese kaum erreichen könne. Dies sei nun die Ernte der „faulen Früchte“, zurückzuführen auf die Einführung der Schuldenbremse im Grundgesetz. Diese nehme jeder Landesregierung die Spielräume, die sie habe, und berge hohes Erpressungspotenzial. Der Linke forderte die Landesregierung auf, „vor diesem Druck des Neoliberalismus“ nicht zurückzuweichen. Sein Fraktionskollege Rüdiger Sagel kritisierte eine chronische Unterfinanzierung öffentlicher Haushalte.
Auch der vorherige CDU-Finanzminister habe eine Neuverschuldung von etwa 5,2 Milliarden Euro eingeplant und hätte 2011 somit ebenfalls Verfassungsbruch begangen, schlussfolgerte Mehrdad Mostofizadeh (Grüne) aus der Mittelfristigen Finanzplanung der Vorgängerregierung. Wenn dies verfassungskonform hätte ausgestaltet werden sollen, hätte also auch die CDU eine Störung des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts anerkennen müssen, erklärte er. „Sie haben faktisch gegen sich selbst geklagt“, schlussfolgerte der Grüne. Nun erkläre die CDU, man könne mit 3,8 Milliarden Euro neuen Schulden auskommen, habe aber bisher nur Forderungen zu mehr Ausgaben für Einzelprojekte statt Einsparvorschläge öffentlich gemacht. Mostofizadeh vermutete deshalb eine Doppelstrategie der CDU: „Allen im Land alles versprechen und im Landtag das Gegenteil tun – so viel zur Haushaltsklarheit und Haushaltswahrheit.“ Selbst wenn man all das, was technisch möglich sei, einsparen würde – etwa Studiengebühren nicht streichen, den Kommunen keine Entschuldungshilfe gewähren, kein Sozialticket einführen – käme man nur auf rund 1,2 Milliarden Euro Einsparungen. Daher zeigte auch er sich gespannt auf weitere Sparvorschläge der CDU.
Landtag NRW vom 17. März 2011
Landesregierung NRW stellt Prognos-Studie vor: Frühe Förderung verhindert hohe Sozialausgaben
Investitionen in die frühe Förderung von Kindern aus sozial schwachen Familien, mehr Betreuungsplätze und eine höhere Abiturientenquote könnten einer Studie zufolge Sozialausgaben in Milliardenhöhe vermeiden. Eine von der nordrhein-westfälischen Landesregierung beim Forschungsinstitut Prognos in Auftrag gegebene Untersuchung beziffert die Reparaturkosten mangelhafter Sozialpolitik und dadurch verursachte Steuerausfälle auf insgesamt fast 24 Milliarden Euro im Jahr. Davon könnten kurz- bis mittelfristig rund 8 Milliarden Euro eingespart werden, berichteten die Autoren der Studie am Donnerstag in Düsseldorf.
Ministerpräsidentin Hannelore Kraft sieht sich durch die Untersuchung in ihrem Politikansatz einer vorbeugenden Haushaltspolitik bestätigt. „Der Grundsatz, Vorsorge ist besser als Nachsorge, ist richtig und muss dringend in praktische Politik umgesetzt werden“, sagte sie. Mit den im Haushalt 2011 vorgesehenen 1,1 Milliarden Euro für Bildung und Kinder gehe die Landesregierung wichtige Schritte in diese Richtung.
Landesregierung NRW vom 24. März 2011
Präsentation „Soziale Folgekosten“ herunterladen:
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Bundesfreiwilligendienst (BFD)
Alle künftigen Zentralstellen, einschließlich der beim Bundesamt für den Zivildienst einzurichtenden, sind inzwischen von uns in die Lage versetzt worden, den Einsatzstellen sowohl FSJ-/FÖJ-Plätze als auch Plätze des Bundesfreiwilligendienstes freizugeben, so dass der Anwerbung von Freiwilligen eigentlich nichts mehr im Wege stehen dürfte. In der konkreten Umsetzung ergeben sich natürlich immer wieder neue Fragen.
Gesetzgebungsverfahren
Am 14. März hat der Bundestagsausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend eine Expertenanhörung zum Thema durchgeführt. Nach der gegenwärtigen Planung sind die Ausschussberatungen für die 12. Kalenderwoche vorgesehen. Den Gesetzentwurf der Bundesregierung, die Stellungnahme des Bundesrates und die Gegenäußerung der Bundesregierung sind bei Interesse als Drucksache 17/4803 unter www.bundestag.denachlesbar.
Anerkennung von Einsatzstellen und –plätzen
Den Antrag auf Anerkennung von Einsatzstellen und -plätzen im Bundesfreiwilligendienst können Sie beim Bundesamt für den Zivildienst zurzeit formlos und auch per E-mail stellen. Gerne können Sie auch das Formular für die Anerkennung von Einsatzstellen und -plätzen des Zivildienstes benutzen und in der Überschrift handschriftlich „Zivildienst“ durch „Bundesfreiwilligendienst“ ersetzen.
Zeitplan und Erwartungen
Parallel zum Gesetzgebungsverfahren erarbeiten wir bereits die erforderlichen Hinweise, Verträge etc. Zu den noch nicht abschließend geklärten Fragen gehören dabei etwa die genauen Bedingungen der Zahlungsströme sowie Einzelheiten der Durchführung der Seminare im BFD. Nach meinem Eindruck sind diese Fragen aber für die aktuelle Werbung um Freiwillige sehr nachrangig. Als Einsatzstelle können Sie mit einer Kostenerstattung durch den Bund rechnen, die dazu führt, dass Ihr Eigenanteil im BFD geringer werden wird als er es im Zivildienst war. Es dürfte für keine Einsatzstelle einen finanziellen Grund geben, die Zahl der von ihr zur Verfügung gestellten Plätze zu verringern – weder im Übergang vom Zivildienst zum Bundesfreiwilligendienst noch mit Blick auf FSJ/FÖJ. Auch wenn noch nicht die letzte administrative Einzelheit entschieden ist, soll Ihnen diese Aussage die nötige Planungsgrundlage geben, um mindestens in gleicher Zahl wie letztes Jahr jüngeren und jetzt auch älteren Menschen die Erfahrung eines (künftig immer ganz freiwilligen) Dienstes zu ermöglichen.
In der vergangenen Woche bin ich in verschiedenen Zeitungen sehr missverständlich mit Blick auf die weitere Entwicklung zitiert worden. Um einen nahtlosen Anschluss zu gewährleisten ist geplant, dass bis zum 30. Juni 2011 noch Dienstantritte im Zivildienst möglich sind und ab dem 1. Juli 2011 der Bundesfreiwilligendienst gefördert wird. Für die Praxis wird dies natürlich nur eine untergeordnete Rolle spielen, da bisher weder im Zivildienst noch in den Freiwilligendiensten viele Menschen einen Dienstantritt im Juli gewählt haben. Realistisch ist, dass auch dieses Jahr im Sommer die meisten Menschen Urlaub machen und sich danach für einen Freiwilligendienst melden. Nicht zufällig beginnt das „Freiwilligenjahr“ im FSJ/FÖJ traditionell ganz überwiegend am 1. September. Auch im BFD soll ein Start zu anderen Terminen möglich sein, aller Wahrscheinlichkeit nach werden aber die meisten Einsätze im Frühherbst beginnen. Auch bei den Erwartungen hinsichtlich der Zahlen gibt es – anders als zum Teil berichtet – nichts Neues: Die Träger von FSJ und FÖJ berichten auch auf wiederholte Nachfrage, dass es zuletzt stets mehr als doppelt so viele Bewerberinnen und Bewerber wie Plätze gegeben habe. Auf der Grundlage der aktuellen Zahl von rund 35.000 Freiwilligen in FSJ und FÖJ planen wir daher mit zusätzlichen 35.000 Freiwilligen im BFD. Alle FSJ- und FÖJ-Träger bitte ich noch einmal nachdrücklich, keine Bewerberinnen und Bewerber abzulehnen, sondern dann, wenn die FSJ-/FÖJ-Plätze belegt sind, an Einsatzstellen des BFD weiterzuverweisen.
Spezielle Zielgruppen
Für eine Reihe von speziellen Zielgruppen wie Rentnern oder Arbeitssuchenden oder Menschen mit Behinderungen stellen sich spezielle Fragen. Diese beantworte ich gerne für die wichtigsten Konstellationen. Grundsätzlich gilt, dass der BFD mit Blick auf Leistungen nach dem SGB II („Hartz IV“) per Gesetz dem FSJ/FÖJ gleichgestellt werden soll, im übrigen aber keine neuen Systeme geschaffen werden, sondern die üblichen Konkurrenzregeln greifen. Im Einzelfall ist dringend eine individuelle Beratung zu empfehlen.
a) ALG II
ALG II-Empfänger können grundsätzlich am Bundesfreiwilligendienst teilnehmen, da der Bezug der Grundsicherung für Arbeitssuchende – sog. Arbeitslosengeld II – dies nicht grundsätzlich ausschließt. Im Entwurf des Gesetzes zur Einführung eines Bundesfreiwilligendienstes ist bereits eine Anpassung der Arbeitslosengeld II/Sozialgeld-Verordnung (ALG II-V) vorgesehen. Entsprechend der Handhabung beim bereits bestehenden Jugendfreiwilligendienst (FSJ/FÖJ) soll vom Taschengeld, das ein Teilnehmer am Bundesfreiwilligendienst erhält, ein Betrag in Höhe von 60 Euro nicht als zu berücksichtigende Einnahme gelten (§ 1 Absatz 1 Nummer 13 Arbeitslosengeld II/Sozialgeld-Verordnung = ALG II-V-E). Dieser Betrag soll somit nicht auf das Arbeitslosengeld II angerechnet werden. In der Gesetzesbegründung heißt es hierzu, dass mit dieser Regelung die Motivation von ALG-II-Beziehern, an einem Bundesfreiwilligendienst teilzunehmen, gestärkt werden soll. Außerdem kann ein volljähriger Hilfebedürftiger vom Einkommen in der Regel nach § 11b Absatz 1 Satz 1 Nummer 3 SGB II i.V.m. § 6 der ALG II-V einen Betrag in Höhe von 30 Euro monatlich für die Beiträge zu privaten Versicherungen sowie ggf. Beiträge zur Kfz-Haftpflichtversicherung absetzen. Wegen dieser vom Gesetz vorgesehenen Gleichbehandlung beider Freiwilligendienste ist zudem die Teilnahme an einem Bundesfreiwilligendienst wie beim Jugendfreiwilligendienst als wichtiger persönlicher Grund anzusehen, der der Ausübung einer Arbeit entgegensteht (vgl. § 10 Absatz 1 Nummer 5 SGB II), sodass ein Bezieher von Arbeitslosengeld II, der am Bundesfreiwilligendienst teilnimmt, in dieser Zeit nicht verpflichtet ist, eine Arbeit aufzunehmen.
b) Zuverdienstgrenzen bei Frührentnern und bei Erwerbsminderung:
Bei Bezug einer Altersrente vor Erreichen der Regelaltersgrenze sind bestimmte Hinzuverdienstgrenzen zu beachten. Wer eine Rente vor Erreichen der Regelaltersgrenze als Vollrente in Anspruch nehmen möchte, darf nur einen Hinzuverdienst erzielen, der einen Betrag in Höhe von 400 Euro mtl. nicht übersteigt. Wird die Hinzuverdienstgrenze überschritten, führt dies nicht automatisch zum Wegfall der Rente, sondern ggf. zur Zahlung einer niedrigeren Teilrente wegen Alters, die einen höheren Hinzuverdienst erlaubt. Als Hinzuverdienst gelten u.a. alle Einnahmen aus einer Beschäftigung, unabhängig davon, in welcher Form sie geleistet werden. Somit sind das aus dem Bundesfreiwilligendienst erzielte Taschengeld sowie unentgeltliche Unterkunft, Verpflegung und Arbeitskleidung mit dem jeweiligem Sachbezugswert der Sozialversicherungsentgeltverordnung als Hinzuverdienst zu berücksichtigen. Bei Renten wegen verminderter Erwerbsfähigkeit gelten nochmals differenziertere Regelungen. Zur Klärung sollten sich daher interessierte Freiwillige mit ihrem Rentenversicherungsträger in Verbindung setzen. Nach Angaben des BMAS wird bei Aufnahme einer Beschäftigung durch den Rentenversicherungsträger stets geprüft, ob eine Erwerbsminderung noch vorliegt und damit ein Rentenanspruch weiterhin besteht.
c) SV-Beiträge für Rentner/Frührentner
Freiwillige im Sinne des BFDG unterliegen grds. der Versicherungs- sowie Beitragspflicht in der gesetzlichen Rentenversicherung und erwerben dadurch Rentenanwartschaften. Dies gilt gleichermaßen für „junge“ Freiwillige, für Seniorinnen und Senioren, die noch keine Altersrente beziehen, ebenso wie für Altersteilrentenbezieher (Altersrente in Höhe von einem Drittel, der Hälfte oder zwei Dritteln der Vollrente) und Erwerbsminderungsrentner. Keine Beitragspflicht entsteht, weil dann Versicherungsfreiheit vorliegt, wenn Freiwillige im Sinne des BFDG eine Altersvollrente – unabhängig ob vor oder nach Erreichen der Regelaltersgrenze – beziehen. Beiträge der Arbeitslosenversicherung müssen grundsätzlich für alle Freiwilligen abgeführt werden, die das maßgebende Lebensalter für eine Regelaltersrente noch nicht vollendet haben. Bei Freiwilligen, die das Lebensalter für eine Regelaltersrente bereits vollendet haben, hat ein Arbeitgeber seinen Arbeitgeberanteil abzuführen. Die Freiwilligen des Bundesfreiwilligendienstes werden grundsätzlich in der gesetzlichen Krankenversicherung pflichtversichert, § 5 Absatz 1 Nr. 1 SGB V. Die Freiwilligen werden dann auch grundsätzlich in der sozialen Pflegeversicherung pflichtversichert (§ 20 Abs. 1 Satz 2 Nr. 1 SGB XI).
d) Wir denken derzeit noch über Möglichkeiten nach, die es ermöglichen, dass auch Menschen mit Behinderungen ihr Wissen, ihre Erfahrungen und ihr Engagement in den Bundesfreiwilligendienst einbringen können. Dies wäre nicht nur ein gelungenes Beispiel für gelebte Inklusion, sondern sicher auch eine Bereicherung für viele Einsatzstellen.
Zentralstellen
Gelegentlich erreichen uns Anträge kleinerer Institutionen auf Anerkennung als Zentralstelle. Ohne der vorgesehenen Rechtsverordnung vorgreifen zu wollen, möchte ich gerne jetzt schon darauf hinweisen, dass Zentralstellen Aufgaben auf Bundesebene übernehmen. Als Zentralstelle dürften daher überhaupt nur Institutionen in Frage kommen, die eine nicht unerhebliche Mindestplatzzahl nachweisen können. Für kleinere, unabhängige Träger und Einsatzstellen steht insbesondere das Bundesamt für den Zivildienst als Zentralstelle zur Verfügung.
Träger im BFD
Im Bundesfreiwilligendienst soll es – anders als im FSJ/FÖJ – nicht gesetzlich vorgeschrieben werden, dass sich Einsatzstellen einem Träger anschließen müssen, deshalb ist im Gesetzentwurf auch kein Trägerbegriff definiert. Es soll stattdessen möglich sein, dass Einsatzstellen sich direkt einer Zentralstelle auf Bundesebene anschließen. Eine Reihe von wahrscheinlichen Zentralstellen, insbesondere die bisherigen bundeszentralen Träger des FSJ, haben jedoch bereits erklärt, dass sie intern sicherstellen werden, dass sich alle ihnen zugeordneten Einsatzstellen einem Träger anschließen.
Pädagogische Begleitung bei kleineren Ersatzstellen
Im Bundesfreiwilligendienst liegt die Verantwortung für die Durchführung der gesetzlich vorgeschriebenen Seminare zunächst beim Bund als Vertragspartner der Freiwilligen. Geplant ist, dass der Bund zum Teil zivilgesellschaftliche Träger mit der Durchführung von Seminaren betraut, selbstverständlich aber nur, wenn und soweit diese dies wünschen. Für Einsatzstellen, die sich dem Bundesamt für den Zivildienst als Zentralstelle anschließen möchten, wird es die Möglichkeit geben, auf Wunsch die gesamte pädagogische Begleitung vom Bundesamt durchführen zu lassen.
Kontakt
Bundesbeauftragter für den Zivildienst
Rochusstraße 8 – 10
53123 Bonn
Telefon: 0228-930-2723
Fax: 0228-930 4905
bfz@zivildienst.bund.de
http://www.zivildienst.de
Bundesbeauftragter für den Zivildienst vom 17. März 2011 – Von Jens Kreuter
Freiwilligendienste falsch angelegt
Die DGB-Jugend hat Mitte März anlässlich einer Anhörung im Bundestag erneut ihre Ablehnung gegenüber dem von der Bundesregierung geplanten Bundesfreiwilligendienst (BFD) bekräftigt. Mit dem BFD will Schwarz-Gelb den durch das Aussetzen der Wehrpflicht wegfallenden Zivildienst zumindest teilweise kompensieren.
Anders als der Zivildienst richtet sich der BFD aber ausdrücklich an „Menschen jeden Alters“. Der DGB befürchtet deshalb, dass mit dem neu geschaffenen öffentlichen Dienstverhältnis BFD ein „weiterer Schritt zur Prekarisierung von Arbeitsverhältnissen getan wird“. Die DGB-Jugend übte besondere Kritik an der geringen Bezahlung (324 Euro monatlich in West-, 273 Euro in Ostdeutschland). „Das führt dazu, dass soziale Einrichtungen auch weiterhin in der Regel mit diesen für sie fast kostenlosen Arbeitskräften kalkulieren, statt reguläre Beschäftigung zu schaffen“, kritisiert DGB-Bundesjugendsekretär René Rudolf.
Im Zuge der geplanten Bundeswehrreform könnten auch künftige SoldatInnen schlechter gestellt werden. Hintergrund ist der in der Reform angedachte „freiwillige Wehrdienst“ (FWDL). Damit entstünde eine „neue Rechtskonstruktion“ unterhalb der heute üblichen Dienstverhältnisse, heißt es in einer Stellungnahme des DGB. Es bestehe die Gefahr, dass „geregelte Besoldungsnormen“ unterlaufen würden. Außerdem sei die Einführung eines „freiwilligen Wehrdienst“ gar nicht nötig. Für einen Kurzzeitdienst in der Bundeswehr reichen nach Auffassung des DGB alle Regelungen des bereits existierenden Dienstverhältnisses eines Soldaten auf Zeit völlig aus.
einblick 6 vom 28. März 2011
Etwa jedes sechste Kind in Deutschland ist arm
Im September 2010 lebten 1,72 Millionen Kinder unter 15 Jahren in einem Haushalt, der Hartz-IV-Leistungen erhielt. Das ist fast jedes sechste Kind in Deutschland. Eine Befragung von rund 4.000 Hartz-IV-Haushalten durch das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zeigt, in welchen Lebensbereichen diese Kinder Einschränkungen hinnehmen müssen.
Die Grundversorgung ist bei dem Großteil der Kinder im Hartz-IV-Bezug gesichert. Nur zwei Prozent von ihnen wachsen in einem Haushalt auf, der bei der Befragung angegeben hat, sich keine warme Mahlzeit am Tag leisten zu können. Sechs Prozent leben allerdings in Wohnungen mit feuchten Wänden oder Fußböden.
Bei höherwertigen Konsumgütern sowie sozialer und kultureller Teilhabe wird auf mehr verzichtet. Laut den Befragungsergebnissen leben 80 Prozent der Kinder im Hartz-IV-Bezug in Haushalten, in denen nicht gespart werden kann. Dadurch sind kurzfristig anfallende Ausgaben für neue Kleidung, Schulmaterialien, Freizeitaktivitäten oder ähnliches oft nicht möglich. Mehr als die Hälfte lebt in einem Haushalt, der es sich den eigenen Angaben zufolge nicht leisten kann, wenigstens einmal im Monat ins Kino, in ein Konzert oder ins Theater zu gehen. 21 Prozent der Kinder aus Hartz-IV-Haushalten haben keinen Computer mit Internetanschluss. „Gerade für Schulkinder hat ein Computer im Haushalt besondere Relevanz: Er wird unter anderem als Bildungsmedium in der Schule eingesetzt“, schreiben die Autoren der IAB-Studie.
Ein besonderes Armutsrisiko haben Kinder, die mehrere Geschwister haben, von Alleinerziehenden betreut werden, deren Eltern einen Migrationshintergrund oder einen niedrigen Bildungsabschluss haben.
Im September 2010 lag die Quote der Hartz-IV-Empfänger in der Gesamtbevölkerung im Alter bis 65 Jahren bei zehn Prozent, bei den Kindern unter 15 Jahren hingegen bei 16 Prozent.
Die IAB-Studie im Internet: http://doku.iab.de/kurzber/2011/kb0611.pdf. (idw)
Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit/IAB vom 17. März 2011 – Wolfgang Braun
Expertise: Finanzsituation der Kommunen und Hartz IV
Die Finanzsituation der Kommunen nach der Verabschiedung des Gesetzes zur Ermittlung von Regelbedarfen und zur Änderung des Zweiten und Zwölften Buches Sozialgesetzbuch
Der PARITÄTISCHE (Paritätische Forschungsstelle), Berlin, hat mit Datum vom 11. März eine Expertise zur erwarteten Finanzsituation ab 2012 herausgegeben. In der Zusammenfassung heißt es dort:
„Als Kompensation für die Kommunen (Mehrkosten durch Änderungen im SGB II und SGB XII) beteiligt sich der Bund an Bildung und Teilhabe, an den Warmwasserkosten, an den Verwaltungskosten für Bildung und Teilhabe und befristet an der pauschalen Erstattungen für das Mittagessen in Schulen und Horten und für Schulsozialarbeit. Der Bund erhöht seinen Anteil an den Kosten der Unterkunft und übernimmt die Kosten für die Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung. Insgesamt wird die Finanzsituation der Kommunen ab 2012 wesentlich verbessert.
Eckzahlen der Mittel für Bildung und Teilhabe in den Kreisen und kreisfreien Städten bzw. Kommunen ab 2011:
● jährlich sind ca. 1,2 Mrd. Euro (bis 2013) für alle Kreise und kreisfreien Städte veranschlagt (einschließlich Kinder in Familien mit Wohngeldbezug und mit Kinderzuschlag und einschließlich 400 Mio. Euro-Paket Schulsozialarbeit und Hortessen)
● pro Kreis bzw. kreisfreier Stadt sind das 2,9 Mio. Euro pro Jahr (Durchschnittszahl für 412 Kreise und kreisfreie Städte)
● ca. 2,5 Mio. Kinder, Schüler und junge Erwachsene im SGB II bzw. SGB XII sowie in Haushalten mit Bezug von Wohngeld oder Kinderzuschlag kommen als Zielgruppe infrage
● das sind pro Kind 480 Euro pro Jahr
● oder pro Kind 40 Euro pro Monat
Die Kommunen sind so in der Lage, die Mehrkosten durch die leistungsrechtlichen Änderungen im SGB II und SGB XII zu tragen. Damit wäre es möglich, jährlich veranschlagte Mittel in Höhe von ca. 1,2 Mrd. Euro für Bildung und Teilhabe aufzuwenden (darin enthalten ist ein 400 Mio. Euro-Paket für Schulsozialarbeit und Hortessen). Nach Angaben der Bundesregierung kommen dafür 2,5 Mio. Kinder infrage – einschließlich der Kinder in Haushalten mit Bezug von Wohngeld oder Kinderzuschlag.
Die vorgestellten Eckzahlen können nur zur allgemeinen Orientierung dienen. Mit anderen Worten, sie geben die Größenordnungen der Mittel an, die vor Ort zu erwarten sind. Für Verhandlungen mit der kommunalen Seite zur Ermittlung der vorhandenen bzw. zusätzlichen Finanzmittel in den Kreisen oder kreisfreien Städten müssen einige Daten erhoben werden, die in einer Checkliste am Ende des Textteils zusammengefasst sind.“
Paritätische Forschungsstelle vom 11. März 2011
Anmerkung der NAGEL-Redaktion: Die gesamte Expertise haben wir für Interessierte ins ABA-Netz (März 2011, gleich folgend) gestellt.
März 2011
Expertise zur Finanzsituation der Kommunen nach der Verabschiedung des „Gesetzes zur Ermittlung von Regelbedarfen und zur Änderung des Zweiten und Zwölften Buches Sozialgesetzbuch“
Inhalt
Zusammenfassung
1. Direkte Belastungen und Entlastungen der Kommunen
2. Effekt der Übertragung der Ausgaben für Kinder in Haushalten mit Bezug von Wohngeld und Kinderzuschlag – sowie der Fortführung des 400 Mio. Euro-Paketes
3. 400. Mio. Euro-Paket: Schulsozialarbeit und Hortmahlzeiten
4. Eckzahlen und Checkliste
Anhänge
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Kabinettsbeschluss der Bundesregierung zum Thema „Kinderlärm“
Stellungnahme des Deutschen Kinderhilfswerks und UNICEF Deutschland zum aktuellen Beschluss
Das Deutsche Kinderhilfswerk und UNICEF Deutschland begrüßen ausdrücklich den Kabinettsbeschluss zum Umgang mit Geräuschimmissionen für Kindertageseinrichtungen und Kinderspielplätze. Die Stärkung der Kinderrechte in Deutschland verlangt jedoch deutlich weiter gehende Gesetze und Maßnahmen. So wäre die Aufnahme von Kinderrechten in das Grundgesetz ein wichtiges Signal, um die rechtliche Position von Kindern zu verbessern.
„Die Bundesregierung macht mit ihrem Kabinettsbeschluss einen Schritt in die richtige Richtung. Das inzwischen häufige Prozessieren einzelner Betroffener gegen Kinderlärm in der Nachbarschaft verlangt einen Paradigmenwechsel in unserer Gesellschaft. Um Kindern insgesamt bestmögliche Bedingungen für ihr Aufwachsen zu bieten, ist aber darüber hinaus eine Aufnahme der Kinderrechte in das Grundgesetz geboten“, so Anne Lütkes, Mitglied im Vorstand des Deutschen Kinderhilfswerks und von UNICEF Deutschland.
„Rufen und Lachen gehören zu einem gesunden Aufwachsen. Die gesetzlichen Änderungen für Kitas und Kinderspielplätze waren dringend notwendig. Leider sind die Bewegungs- und Aufenthaltsflächen von Jugendlichen nicht in die Regelungen eingeschlossen. Sie müssen weiter damit rechnen, aus dem Wohnumfeld verdrängt zu werden“, so Ekin Deligöz, Vorstandsmitglied bei UNICEF Deutschland.
UNICEF Deutschland und Deutsches Kinderhilfswerk vom 17. Februar 2011
Anmerkung: Der ABA Fachverband begrüßt außerordentlich die Bemühungen zur Änderung der diversen Immssionsschutzgesetze. Er fordert dies seinerseits bereits seit über zehn Jahren.
Kinderlärm: Änderung des Landes-Immissionsschutzgesetzes Rheinland-Pfalz
Kinderlärm ist anders zu behandeln als Lärm von Maschinen oder Autos, Kinderlärm ist Teil unseres Lebens und unserer Zukunft: Rheinland-Pfalz bleibt treibende Kraft in der Durchsetzung dieser Auffassung. Bereits in der kommenden Woche (Anm.: 8. Kalenderwoche 2011) soll im rheinland-pfälzischen Landtag die entsprechende Änderung des Landes-Immissionsschutzgesetzes verabschiedet werden. Darin wird der verhaltensbezogene Lärm von Kindern in Rheinland-Pfalz privilegiert, das heißt, Lärm von Kindern wird anders behandelt als echter, störender Lärm.
„Mit dieser Gesetzesänderung soll der Schutz von Kindern und Erziehungsberechtigten vor ungerechtfertigten Klagen umfassend gewährleistet werden“, stellt Umweltministerin Margit Conrad fest. „Kinder sind künftig frei, zum Beispiel im Garten der Eltern oder mit ihren Freunden auf der Straße zu toben, zu rufen und zu schreien. Dieser Lärm wird in der Regel als sozialadäquat hinzunehmen sein.“ Das Land habe damit in dieser Hinsicht seine eigenen Hausaufgaben für mehr Kinderfreundlichkeit erledigt.
Conrad verweist darauf, dass Rheinland-Pfalz bundesweit die Diskussion um Kinderlärm angestoßen und vorangetrieben hat. Der gestrige Beschluss des Bundeskabinetts greife aber zu kurz. „Der Bund handelt halbherzig, denn die notwendige Änderung der Baunutzungsverordnung wird auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Auch das BGB wird nicht geändert. Das ist zu wenig“, kritisiert Conrad.
Hintergrund
Rheinland-Pfalz hatte bereits 2009 im Bundesrat einen Entschließungsantrag „Kinderlärm: kein Grund zur Klage – gesetzliche Klarstellungen zum Umgang mit Geräuschemissionen von Kinder- und Jugendeinrichtungen“ gestellt. Im März 2010 stimmte der Bundesrat in der Zielsetzung dem Anliegen von Rheinland-Pfalz einmütig zu. In dem Entschließungsantrag hatte Rheinland-Pfalz gesetzesübergreifende Regelungen vorgesehen, die mehr Rechtssicherheit bringen und deutlich machen, dass Kinderlärm zu unserem Leben dazu gehört:
• Im Bundes-Immissionsschutzgesetz (BImSchG) sollte eine Privilegierung der Lebensäußerungen von Kindern vorgenommen und klargestellt werden, dass Kinderlärm aus Kindertagesstätten und ähnlichen Einrichtungen grundsätzlich keine schädliche Umwelteinwirkung im Sinne dieses Gesetzes darstellt.
• Entsprechend sollte im Zivilrecht (BGB) sichergestellt werden, dass Kinderlärm in der Regel keine wesentliche Beeinträchtigung ist, sondern hinzunehmen ist.
• Im Baurecht sollten Kindertagesstätten ausdrücklich auch in reinen Wohngebieten zulässig sein.
Ministerium für Umwelt, Forsten und Verbraucherschutz des Landes Rheinland-Pfalz vom 17. Februar 2011
Kinderrechte in die Verfassung!
Symposium des Aktionsbündnisses Kinderrechte fordert Stärkung der Rechtsposition von Kindern
Das Aktionsbündnis Kinderrechte fordert eine explizite Verankerung der Kinderrechte in der deutschen Verfassung. Auf einem Symposium im Deutschen Bundestag riefen UNICEF, der Deutsche Kinderschutzbund, das Deutsche Kinderhilfswerk und die Deutsche Liga für das Kind gemeinsam dazu auf, die Rechtsposition von Kindern in unserer immer älter werdenden Gesellschaft zu stärken.
Unter der Schirmherrschaft der Kinderkommission des Deutschen Bundestages diskutierten am 14. Februar 2011 Experten aus Politik und Verwaltungen von Bund und Ländern sowie Vertreter von Fachorganisationen wie dem Deutsche Anwaltverein konkrete Vorschläge für eine entsprechende Ergänzung im Grundgesetz. Unterstützt wird die Initiative von mehr als 100 Organisationen und 50.000 Einzelpersonen aus ganz Deutschland.
Deutschland hat die UN-Konvention für die Rechte des Kindes 1992 ratifiziert. Die Kinderrechtskonvention sieht vor, die Rechte von Kindern bei allen sie betreffenden Entscheidungen vorrangig zu berücksichtigen. Doch in der Politik sowie in Verwaltungen und Behörden ist dies längst noch nicht gängige Praxis. Dies zeigt zum Beispiel die vom Verfassungsgericht angemahnte Neuberechnung der Hartz IV-Sätze für Kinder. Auch bei der Stadtplanung, bei der Jugendhilfe oder bei der Beteiligung gibt es Defizite. Die Aufnahme der Kinderrechte in das Grundgesetz würde ein Signal an die ganze Gesellschaft geben, Kinder als eigenständige Persönlichkeiten anzuerkennen und ihren Rechten in allen Bereichen Nachdruck zu verleihen.
Chancen für Aufnahme der Kinderrechte ins Grundgesetz gestiegen
Die Chancen hierfür sind nach Ansicht des Aktionsbündnisses Kinderrechte gestiegen. In vielen Bundesländern sind die Kinderrechte bereits in den Landesverfassungen integriert. Der Landtag von Mecklenburg-Vorpommern hat im Dezember 2010 die Landesregierung aufgefordert eine Bundesratsinitiative zu starten, um die Kinderrechte im Grundgesetz zu verankern.
Auch die Bundesregierung hat in ihrem Koalitionsvertrag ausdrücklich vereinbart, die Kinderrechte zu stärken. Im Sommer 2010 hat die Bundesregierung zudem nach langem Drängen von Kinderrechtsorganisationen Vorbehalte zurückgenommen, die bei der Ratifizierung der UN-Kinderrechtskonvention hinterlegt worden waren. Diese bedeuteten eine unterschiedliche Behandlung von deutschen und ausländischen Kindern zum Beispiel beim Schulbesuch, bei der medizinischen Versorgung oder im Asylverfahren.
Trotz der Rücknahme der Vorbehalte sind die Benachteiligungen von Kindern ohne deutschen Pass nicht automatisch aufgehoben. Nach Auffassung des Aktionsbündnisses Kinderrechte müssen deshalb weitere Anpassungen im Ausländer-, Asyl- und Sozialrecht folgen.
In der Charta der Grundrechte der Europäischen Union sind die Rechte des Kindes ausdrücklich und in vollem Umfang enthalten (Art. 24).
„Die Frage lautet heute nicht länger ob die Kinderrechte ins Grundgesetz kommen, sondern wie“, sagte Anne Lütkes, Vorstandsmitglied von UNICEF Deutschland und Deutschem Kinderhilfswerk.
„Wir brauchen einen Perspektivwechsel in Deutschland hin zu den konkreten Bedürfnissen und Rechten der Kinder: auf besseren Schutz vor Armut und Gewalt, auf gute Förderung und mehr Beteiligung“, sagte Heinz Hilgers, Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes.
„Im internationalen Vergleich spielen die Kinderrechte in Deutschland immer noch eine untergeordnete Rolle. Deutschland sollte sich ein Vorbild an der Europäischen Grundrechtecharta nehmen“, sagte Prof. Franz Resch, Präsident der Deutschen Liga für das Kind.
„Das Grundgesetz spiegelt zwar die Gesellschaft wider, wie sie ist. Es ist in seiner Erfolgsgeschichte aber auch immer Wegweiser in die Zukunft gewesen“, sagte Marlene Rupprecht, Vorsitzende der Kinderkommission des Deutschen Bundestages, die die Schirmherrschaft über das Symposium übernommen hat. „Deshalb sollte das Wohlergehen der Kinder Verfassungsrang bekommen.“
UNICEF Deutschland, Deutsches Kinderhilfswerk, Deutscher Kinderschutzbund, Deutsche Liga für das Kind vom 14. Februar 2011
Anmerkung: Der ABA Fachverband ist Unterstützer des Aktionsbündnisses „Kinderrechte ins Grundgesetz“. Er ruft weitere Interessierte ebenfalls dazu auf, sich in die Unterstützerliste einzutragen.
DJI unterstützt Forderung nach einem Monitoring für Kinderrechte
Im Zusammenhang mit dem Nationalen Aktionsplan „Für ein kindergerechtes Deutschland 2005-2010“, zu dem kürzlich der Abschlussbericht vorgelegt wurde, hat sich Professor Dr. Thomas Rauschenbach, Direktor des Deutschen Jugendinstituts (DJI), dafür ausgesprochen, ein Monitoring für Kinderrechte einzurichten. Ein unabhängiger, indikatorengestützter und regelmäßiger Bericht über die Entwicklung eines kindergerechten Deutschlands zöge eine regelmäßige öffentliche Erörterung nach sich und wäre damit ein wirkungsvolleres Breiteninstrument als viele gute Einzelaktionen.
Um die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen umzusetzen, hatte das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend vor fünf Jahren den Nationalen Aktionsplan „Für ein kindergerechtes Deutschland 2005-2010“ (NAP) ins Leben gerufen. Damit wurde ein breiter Prozess angestoßen, um optimale Bedingungen für das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen zu schaffen und sie angemessen zu schützen, zu fördern und zu beteiligen. Alle politischen Ebenen und eine Vielzahl gesellschaftlicher Akteure sowie das Deutsche Jugendinstitut haben am NAP mitgewirkt, Instrumente wie Maßnahmen entwickelt und erfolgreiche Beispiele der Umsetzung aufgezeigt.
Als ein Ergebnis der gemeinsamen Anstrengung wurden im Abschlussbericht zehn Leitlinien formuliert, die u.a. dafür plädieren, Kindergerechtigkeit als Querschnittsaufgabe anzugehen (Alle tragen Verantwortung), Chancengerechtigkeit für alle Kinder zu verwirklichen (Jedes Kind ist wichtig) und die Umsetzung der Kinderrechte zu überwachen. Gut gemeinte Forderungen, deren Einlösung allerdings derzeit noch stark vom Engagement einzelner Personen, Schulen oder Kommunen abhängig ist. Auf übergeordneter Ebene ist nämlich trotz aller Bemühungen bislang unklar, wie die in der Kinderrechtskonvention festgeschriebenen und von der Vollversammlung der Vereinten Nationen im November 1989 verabschiedeten Rechte konkret umgesetzt und kontrolliert werden sollen. Ein positives Beispiel für die gesetzliche Verankerung ist das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung, das in Deutschland zum 1. Juli 2000 in Kraft getreten ist (§1631/2 BGB).
Rauschenbach unterstützt mit seiner Forderung eines Monitorings ein Vorhaben der „National Coalition für die Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention in Deutschland“. Darüber hinaus sei es für eine effektive Aufklärung von Kindern über deren Rechte wichtig, die Vielzahl unterschiedlichster Regelungen zentral zu bündeln und übersichtlich, transparent und für Kinder wie Eltern verständlich darzustellen. „Nationales Recht findet sich derzeit verstreut in unterschiedlichsten Rechtssystemen sowie auf unterschiedlichen Ebenen, internationale Vereinbarungen und Konventionen werden durch nationales Recht ergänzt, Rechtsrealitäten werden mit Rechtswünschen vermengt. Zu berücksichtigen sind überdies die verschiedenen Ländergesetze zur Bildung oder zu aktuellen Zuständigkeitsfragen bei der Verwirklichung der Teilhaberechte von Kindern in Hartz IV-Haushalten und im Rechtsbereich des Kinder- und Jugendhilfegesetzes. Für Normalsterbliche ist dies nicht mehr überschaubar, und für die Durchsetzung der Kinderrechte ist diese Lage kontraproduktiv“, sagte Rauschenbach in seinem Abschlussvortrag zum NAP. Daher plädiert der DJI-Direktor für ein eigenes Rechtsstatut, in dem die elementaren Rechte von Kindern auf Schutz, Förderung und Beteiligung auf verständliche Art und Weise zusammengefasst werden. So könne ein Stück weit der Gefahr begegnet werden, nur abstrakt über Kinderrechte zu debattieren.
Deutsches Jugendinstitut/DJI vom 8. Februar 2011
Hartz IV-Verhandlungen: Scharfe Kritik des Paritätischen am Machtwort der Kanzlerin
Mit scharfer Kritik reagierte der Paritätische Wohlfahrtsverband auf das Machtwort der Kanzlerin, das in der Nacht zum 9. Februar 2011 zu einem Scheitern des Hartz IV-Vermittlungsverfahrens geführt hat. Da sich die Bundesregierung weigere, ein verfassungskonformes Gesetz vorzulegen, seien jetzt die Gerichte gefordert. Der Verband empfiehlt allen Betroffenen, Anträge auf einen höheren Regelsatz und Bildungsleistungen für ihre Kinder zu stellen und bei Ablehnung zu klagen.
„Die Bundesregierung ist für das Scheitern verantwortlich. Die Opposition konnte den Vorschlägen überhaupt nicht zustimmen, da dieser Regelsatz nach Ansicht nahezu aller Experten nicht verfassungskonform ist. Auch ein Ministerpräsident Müller aus dem Saarland, auf den die Kanzlerin jetzt offensichtlich setzt, wird keinem verfassungswidrigen Gesetz zustimmen können“, betont Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen.
Der Verband empfiehlt den Betroffenen, ihr Recht nun einzuklagen. „Wir empfehlen allen betroffenen Menschen dringendst, Anträge auf höhere Regelsätze und Bildungsleistungen für ihre Kinder zu stellen und bei Ablehnung zu klagen. Es liegt dann in der Macht der Richter, den Leistungsumfang zu bestimmen“, so Schneider. Nach Einschätzung des Paritätischen wird in dieser Situation relativ zügig das Bundesverfassungsgericht erneut angerufen werden.
Das Bildungspaket wäre nach Ansicht des Verbandes sofort umsetzbar. Der Paritätische fordert Bundesarbeitsministerin von der Leyen daher auf, hier Verantwortung zu übernehmen und ihren Worten endlich Taten folgen zu lassen. „Die Ministerin kann und muss dafür Sorge tragen, dass das Bildungspaket für die Kinder und Jugendlichen sofort umgesetzt wird, denn dafür braucht es keine gesetzliche Änderung“, fordert Schneider.
Paritätischer Wohlfahrtsverband vom 9. Februar 2011
DKSB: Hartz IV – Vorgaben des Bundesverfassungsgerichts zügig umsetzen
Der Deutsche Kinderschutzbund Bundesverband e.V. hat die Bundesregierung aufgefordert, endlich die Vorgaben des Bundesverfassungsgerichts umzusetzen. „Vor exakt einem Jahr hat das Bundesverfassungsgericht die Hartz-IV-Regelsätze als verfassungswidrig bezeichnet, weil sie gegen Art. 1 GG, die Würde des Menschen, und Art. 20 GG, das Soziastaatsgebot, verstoßen. Und noch immer warten die Kinder auf die Berücksichtigung ihrer spezifischen Bedürfnisse wie Bildung und soziale Teilhabe“, sagte Heinz Hilgers, Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes. „Es kann nicht sein, dass die Kinder die Leidtragenden der Unfähigkeit der Regierung sind. Dieser verfassungswidrige Zustand muss so schnell wie möglich beendet werden“, so Hilgers weiter.
Hilgers wies zudem darauf hin, dass der vorliegende Gesetzentwurf der Regierung die Vorgaben des Bundesverfassungsgerichts nicht ausreichend berücksichtige und ebenso verfassungswidrig sei. „Es ist richtig, dass die Opposition dem nicht zugestimmt hat.“ So weise die Berechnung der Kinderregelsätze erhebliche statistische Mängel auf. Die Statistikmethode sei intransparent, auf einer zu geringen Basis berechnet und deshalb nicht nachvollziehbar.
„Auch der gesunde Menschenverstand sagt uns, dass von einem Betrag von 6,09 EUR nicht die komplette hygienische Versorgung wie Windeln und Babyöl für einen Säugling für einen Monat zu finanzieren ist“, nannte Hilgers nur eins von vielen praktischen Beispielen, die den Widersinn des Regierungsentwurfes belegen. „Auch eine Opposition darf einem verfassungswidrigen Gesetzentwurf nicht zustimmen. Deshalb fordern wir sie auf, auch in künftigen Verhandlungen hart zu bleiben“, sagte Hilgers.
Deutscher Kinderschutzbund Bundesverband vom 9. Februar 2011
Bundesrat stimmt Hartz-VIV-Reform zu
Nur wenige Stunden, nachdem der Deutsche Bundestag den Einigungsvorschlag des Vermittlungsausschusses vom vergangenen Mittwoch bestätigt hat, stimmten heute auch die Länder der geänderten Hartz IV-Reform zu. Damit hat der Bundesrat den Weg frei gemacht für die vom Bundesverfassungsgericht geforderte Neuberechnung der Regelsätze.
Rückwirkend zum Jahresbeginn steigt der Bedarfssatz um fünf Euro, zum 1. Januar 2012 um weitere drei Euro – unabhängig von den notwendigen Anpassungen aufgrund der Preis- und Lohnentwicklung. Aufwandsentschädigungen für ehrenamtliche Tätigkeiten als Übungsleiter werden zukünftig nicht mehr auf den Regelsatz angerechnet. Außerdem stellt das geänderte Gesetz klar, dass die Kosten für dezentrale Warmwasserbereitung nicht zum Hartz IV-Regelsatz gehören und vom Bund übernommen werden.
Auch das Bildungs- und Teilhabepaket für Kinder wurde in den beiden Vermittlungsverfahren mehrmals erweitert. So erhalten zukünftig auch Kinder von Wohngeldempfängern Leistungen aus dem Paket. Bis 2013 stellt der Bund jährlich 400 Millionen Euro für kostenlose Mittagessen in Horten und für Schulsozialarbeit zur Verfügung.
Zuständig für das Bildungs- und Teilhabepaket sind allein die Kommunen. Sie erhalten die Kosten erstattet. In diesem Zusammenhang legt das geänderte Gesetz auch die Bundesbeteiligung an den Wohnkosten für Langzeitarbeitslose für die nächsten Jahre fest. Die Höhe der Beteiligungsquote hatte in der Vergangenheit immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen Bund und Ländern geführt.
Hintergrund für die Zustimmung zu der erweiterten Hartz IV-Reform sind auch einige Erklärungen zu Protokoll des Vermittlungsausschusses, in denen die Bundesregierung den Ländern unter anderem zugesichert hatte, die Kosten für die Grundsicherung im Alter schrittweise und ab 2014 vollständig zu übernehmen. Weitere Protokollerklärungen befassen sich mit Mindestlöhnen im Wach- und Sicherheitsgewerbe, in der Weiterbildungsbranche und bei der Zeitarbeit sowie Verabredungen für die Gemeindefinanzreform. Sie sind formal nicht Gegenstand des heute verabschiedeten Gesetzestextes, gelten jedoch als politische Geschäftsgrundlage der Abstimmung. In der heutigen Bundesratssitzung wurden sie nochmals vorgetragen.
Das Gesetz wird nun dem Bundespräsidenten zur Unterzeichnung zugeleitet. Ein konsolidierter Text mit allen eingearbeiteten Änderungen aus den beiden Vermittlungsverfahren ist erst mit Verkündung im Gesetzblatt erhältlich.
Drucksache 109/11 (Beschluss)
Pressemitteilung Bundesrat vom 25. Februar 2011
Februar 2011
Soziale Gerechtigkeit in Deutschland
Die Bertelsmann-Stiftung sieht in Deutschland Nachholbedarf in Sachen sozialer Gerechtigkeit. Wolfgang Lieb, Redakteuer bei den Nachdenkseiten, meint sie geriere sich als Weichspüler einer OECD-Studie über die wachsende Ungerechtigkeit. Sie berichte nicht über das Original der Studie, sondern verbreite eine „weichgspülte Interpretation“. Dabei könne im Original sogar auf Deutsch gelesen werden: „Seit dem Jahr 2000 haben in Deutschland Einkommensungleichheit und Armut stärker zugenommen als in jedem anderen OECD-Land. Der Anstieg zwischen 2000 und 2005 übertraf jenen in den gesamten vorherigen 15 Jahren (1985-2000).“
Anmerkung der NAGEL-Redaktion: Interessanterweise geht es wieder einmal um die rot-grüne Regierungszeit von Gerhard Schröder und Joschka Fischer (Agenda 2010/Hartz IV).
Zum Bericht der Nachdenkseiten
Die Tagesschau (tagesschau.de vom 3. Januar 2011) berichtete unter dem Titel „Deutschland ist ungerechter als viele andere Länder“. Hier wird festgestellt, besonders die Kinderarmut sei in Deutschland „besorgniserregend“. Deutschland rangiere beispielsweise hinter Ungarn und Tschechien. Ebenso hinge es in Sachen Bildung hierzulande davon ab, „über wieviel Geld die Eltern verfügen“. Sarkastisch kommentiert Thomas Wieczorek in seinem neuen Buch: Wenn „ein ehemaliges Zimmermädchen als heutige Arztfrau ihre Kinder auf dem Gymnasium von den ‚Schmuddelkindern‘ fernhalten will, dann ist das schlicht und einfach reaktionär.“ Wieczoreks Buch „Euroland. Wo unser Geld verbrennt“ wird im i-Punkt 3/2011 vorgestellt.
Ausbau der Kinderrechte in der Schleswig-Holsteinischen Landesverfassung
Das Deutsche Kinderhilfswerk begrüßt den vom Schleswig-Holsteinischen Landtag beschlossenen Ausbau der Kinderrechte in der Landesverfassung. „Durch die Neufassung des Kinderrechtsartikels in der Schleswig-Holsteinischen Verfassung wird endlich festgelegt, dass Kinder und Jugendliche Träger von eigenen Rechten sind. Hier hatte die bisherige Staatszielbestimmung der Verfassung ein erhebliches Defizit. Der Ausbau der Kinderrechte verdeutlicht vor allem sehr viel stärker als bislang die Verantwortung von Staat und Eltern, sich bei der Wahrnehmung ihrer Rechte und Pflichten gegenüber Kindern am Vorrang des Kindeswohls zu orientieren“, betont die Bundesgeschäftsführerin des Deutschen Kinderhilfswerkes, Dr. Heide-Rose Brückner. „Das gilt für Entscheidungen von Behörden, etwa bei der Planung von Wohnvierteln oder beim Straßenbau, ebenso wie für Entscheidungen der Eltern für eine bestimmte Schule oder Betreuungsform. Insgesamt wird der Staat stärker in die Pflicht genommen, wenn es um die Wahrnehmung seiner Verantwortung für kindgerechte Lebensverhältnisse und um gleiche Entwicklungschancen für alle Kinder und Jugendlichen geht. Angesichts der aktuellen Debatte über wachsende Kinderarmut, unterschiedliche Bildungschancen, ein Auseinanderdriften der Gesellschaft in Reich und Arm und häufige Fälle von Vernachlässigung ist dies ein wichtiges Signal“, so Brückner weiter.
Bei aller Freude über die Verfassungsänderung hätte sich das Deutsche Kinderhilfswerk aber durchaus eine weitergehende Formulierung vorstellen können. Das gilt zum Beispiel für den Schutz vor Kinderarmut und das Recht auf Beteiligung ebenso wie für die Vorrangstellung des Kindeswohls. Damit hätten insgesamt die Kinder und Jugendlichen nach der UN-Kinderrechtskonvention zustehenden Rechte auf besondere Fürsorge und Unterstützung, auf Förderung und Schutz, eine gewaltfreie und sie schützende Erziehung, auf Bildung und Ausbildung, auf eine Erziehung zu demokratischen Einwohnerinnen und Einwohnern, auf ihre angemessene Beteiligung am politischen und gesellschaftlichen Leben sowie die Vorrangstellung des Kindeswohls in der Landesverfassung normiert werden können.
Deutsches Kinderhilfswerk vom 17. Dezember 2010
Vorlage/Beschluss Landtag Schleswig-Holstein herunterladen
Januar 2011
Deutschland braucht wirksame Politik für Kinder!
Deutscher Kinderschutzbund und UNICEF Deutschland: Forderung nach Einsetzung eines Bundeskinderbeauftragten Anlässlich des Abschlusskongresses zum Nationalen Aktionsplan „Für ein kindergerechtes Deutschland 2005-2010“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend am 9. Dezember 2010 fordern der Deutsche Kinderschutzbund und UNICEF Deutschland die Bündelung kinderpolitischer Maßnahmen und die Einsetzung eines Kinderbeauftragten der Bundesregierung.
„Deutschland braucht endlich wirksame Politik für Kinder“, sagte der Vorsitzende von UNICEF Deutschland, Jürgen Heraeus. „Dazu ist eine bessere Koordination von kinderpolitischen Maßnahmen notwendig. Ein Kinderbeauftragter der Bundesregierung sollte die zersplitterten Ansätze zusammenführen und den Interessen der Kinder endlich mehr Gewicht zukommen lassen.“
Im Rahmen des „Nationalen Aktionsplans für ein kindgerechtes Deutschland 2005-2010“ haben Regierung und Zivilgesellschaft gemeinsam an sechs Themenfeldern gearbeitet, um die UN-Kinderrechtskonvention in Deutschland zu verwirklichen: Chancengerechtigkeit durch Bildung, Aufwachsen ohne Gewalt, Förderung eines gesunden Lebens und gesunder Umweltbedingungen, Beteiligung von Kindern und Jugendlichen, Entwicklung eines angemessenen Lebensstandards für alle Kinder sowie internationale Verpflichtungen. Kein einziges der sechs Arbeitsgebiete ist abgeschlossen. Es fehlt nach wie vor an der Umsetzung fundamentaler Rechte – vor allem für Flüchtlingskinder.
„Die Bundesfamilienministerin setzt sich nicht genug für die Kinderrechte ein“, sagte der Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes, Heinz Hilgers. „Wenn aber weder das Ministerium noch eine andere Stelle in der Regierung willens oder in der Lage ist, sich für die Rechte und damit für die Interessen der Kinder einzusetzen, muss eine solche Institution geschaffen werden.“
In 29 europäischen Ländern von Albanien bis Großbritannien gibt es inzwischen unabhängige Stellen zur Wahrung der Kinderrechte. In den meisten Ländern nennen sie sich Ombudspersonen. In Deutschland dagegen ist Politik für Kinder auf verschiedenste Ressorts verteilt und schon deshalb oft wirkungslos. Die Kinderkommission des Bundestags ist lediglich ein Unterausschuss ohne Antragsrecht, ohne Durchgriffsrechte und ohne Budget. Ein Bundeskinderbeauftragter muss die Kompetenz haben, eine zersplitterte Ressortpolitik im Sinne und Interesse einer kindgerechten Politik zu bündeln und mitzusteuern.
Statt den Ansatz zu einer kohärenten Kinderrechtspolitik zu begraben, sollte die Bundesregierung jetzt mit der Suche nach einer geeigneten Person für den Posten als Bundeskinderbeauftragter beginnen, fordern UNICEF Deutschland und der Deutsche Kinderschutzbund.
UNICEF vom 9. Dezember 2010
Appell gegen die Kriminalisierung von Wikileaks
Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen, Artikel 19: „Jeder hat das Recht auf Meinungsfreiheit und freie Meinungsäußerung; dieses Recht schließt die Freiheit ein, Meinungen ungehindert anzuhängen sowie über Medien jeder Art und ohne Rücksicht auf Grenzen Informationen und Gedankengut zu suchen, zu empfangen und zu verbreiten.“ Die taz, die Frankfurter Rundschau, der Freitag, der Tagesspiegel, Perlentaucher.de, die Berliner Zeitung, netzpolitik.org und European Center For Constitutional and Human Rights (ECCHR) haben einen Appell gegen die Kriminalisierung von Wikileaks veröffentlicht. Weiterlesen
NAGEL-Redaktion – Demokratie heute
Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland
Artikel 1
(1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.
Artikel 2
(1) Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.
(2) Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes eingegriffen werden.
Artikel 3
(1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.
(2) Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.
(3) Niemand darf aufgrund seines Geschlechts, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Ansichten benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.
Mehr zu dieser Aktion kann über die Seite Aus Politik & Zeitgeschehen 2011 nach im ABA-Netz nachgelesen werden. Mit seiner Unterschrift kann man sich auch am Appell beteiligen. Dorthin
Hier gibt es folgende Seiten
Achtung! Werteverfall!
Weiterführende Links

Demokratie im Internet: Abgeordnetenwatch
WordPress ist ein Programm, mit dem in erster Linie etwa so genannte Blog-Plattformen erstellt werden können. Entstanden ist hier unter anderem eine muntere Gemeinde, die sich aktiv um die Pflege des demokratischen Gemeinwesens bemüht. Auf die deutschen Seiten gelangt man mittels Klicks auf vorstehendes Logo.
WordPress Deutschland hat auch verschiedene relevante Themenbereiche im Netz, etwa
Mädchenarbeit („Zottelhexe)
Scharia („Sozialpädagogik am Puls der Zeit“)
Sägefisch (Blog von Jacques Auvergne)
Eifelginster („Pfadfinderische Islamkritik“)
Universelle Menschenrechte
Eine aktive Bloggerin ist auch Ümmühan Karagözlü. Sie hat ihre Auftritte in einer eigenen Präsentation (Sozialpädagogik aktuell) sowie auf Word Press.

Ekrem Senol aus Köln betreibt unter dem Namen JurBlog den „Blog der dritten Generation“ mit zahlreichen Beiträgen aus Recht und Politik. Migrationsthemen gehören ebenfalls zum Spektrum.
NAGEL-Redaktion – „Wahrnehmungsstörungen“ bei Kindern
Bei Kindern werden so genannte „Wahrnehmungsstörungen“ viel zu schnell und nicht selten „aus Verlegenheit“ heraus diagnostiziert. Diese Auffassung vertritt der Bremer Neuropsychologe Dietmar Heubrock. „Darunter fasst man Probleme mit der Merkfähigkeit, mit dem Hören oder Sehen genauso wie das Zappelphilipp-Syndrom ? es ist eine Verlegenheitsdiagnose, die im Moment flächendeckend vergeben wird.“ So äußerte sich Heubrock im vergangenen Herbst auf einer entsprechenden Tagung in Marburg. Die „Sammelbezeichnung“ verschleiere, mit welchen Problemen die Kinder tatsächlich kämpften. So könnten hinter der allgemeinen Diagnose Beeinträchtigungen des räumlichen Vorstellungsvermögens, der Aufmerksamkeit, der sprachlichen Verarbeitung oder auch des Hörens und Ertastens stehen. Abgesehen von dem problematischen Bereich seien Kinder völlig gesund und normal intelligent. „Unter dem Begriff „Wahrnehmungsstörung“ stellt man sich eher jemanden vor, der weder richtig gucken noch richtig hören kann.“ Internationalen Studien zufolge leiden fünf bis sieben Prozent aller Grundschulkinder an Wahrnehmungsstörungen. Auf bis zu 60 Prozent schraubten dagegen ErzieherInnen und LehrerInnen diese Zahl in Befragungen hoch. Heubrock plädiert für die Verwendung des Begriffs „Teilleistungsstörung ? mit einer genauen Erklärung, welche Sinne eingeschränkt arbeiten. So genannte Umwegsstrategien könnten betroffenen Kindern helfen. Bei Problemen mit dem räumlichen Vorstellungsvermögen etwa bringe eine Maltherapie keinerlei Erfolg. „Wenn das Kind aber einen Umweg über die Sprache geht und räumliche Gegebenheiten ? zum Beispiel Diagonalen ? in Sprache übersetzt, ist ein Maltraining oft gar nicht mehr erforderlich. (dpa/WAZ 9.9.2002). Anmerkung von Rainer Deimel: Ich plädiere dafür, auf den Begriff „Störung“ in der pädagogischen Arbeit vollständig zu verzichten. Eine „Störung“ bzw. ein „Problem“ entsteht dort, wo ein Phänomen zunächst so benannt und diese Sichtweise dann von der Gruppe, dem Team übernommen wird. Man erfindet also quasi im Konsens ein Problem. Als sicher allerdings dürfte die Erkenntnis angenommen werden, dass es für jedes einzelne Kind viable Möglichkeiten, also entwicklungsförderliche Wege gibt. Vergleichbare Hinweise sind nach dem schlechten PISA-Abschneiden von Kindern in Deutschland häufig genannt worden. Ob die Pädagogik ? insbesondere die Schule ? entsprechend förderlich reagieren wird, bleibt abzuwarten und erscheint im Augenblick zumindest zweifelhaft.
InformationsDienst 1-2003
NAGEL-Redaktion – Empfindlicher gegen Schmerz
Nach Darstellung von Raymund Pothmann, Leiter des Zentrums für Kinderschmerztherapie am Hamburger Klinikum Nord, machen bestimmte chemische Lebensmittelzusätze Kinder anfälliger für Schmerzen: ?Kinder nehmen Zusatzstoffe zu sich, die schmerzsensibler machen?, erklärte der Kinderneurologe auf dem 6. Kurpfälzer Schmerzkongress in Neustadt/Weinstraße. Als Beispiel nannte der Mediziner den Emulgator E 407, der manchen Fruchtquarks oder Sahnetöpfen beigemischt sei. Die Wirkung dieses Nahrungszusatzes sei bereits aus Experimenten mit Ratten bekannt.
Dass auch ein verstärkter Konsum von koffeinhaltiger Limonade die Schmerzsensibilität von jungen Leuten erhöhe, fanden indes israelische Forscher heraus: Kinder, die zuvor täglich einen Liter des Getränks zu sich genommen hatten, mussten nun ganz darauf verzichten. Bei 90 Prozent seien die Klagen über Kopfschmerzen daraufhin zurückgegangen. Ursache sind möglicherweise Koffein oder Zuckerzusatzstoffe in der Limonade (alverde 5/2004).
Göttinger Forscher fanden heraus, dass jedes zweite Kind Kopfschmerzen habe. Die Zahl der Betroffenen nehme drastisch zu. Auf einer Service-Seite hat sich der ?Ratgeber Gesundheit? der WAZ am 10. April 2004 mit diesem Thema befasst. Wir haben nach Rücksprache mit Torsten Wellmann von der Redaktion der WAZ die Artikel hierzu zusammengefasst und für Interessierte auf unsere Internetseiten gestellt: -> NAGEL-Redaktion -> Gesundheit von Kindern > Kopfschmerzen bei Kindern.
Betroffenen Eltern und Kindern soll ferner das Institut für Kinderschmerztherapie und Pädiatrische Palliativmedizin an der Vestischen Kinder- und Jugendklinik Datteln empfohlen werden (Telefon 02363/975-180, schmerztherapie@kinderklinik-datteln.de). Dort gibt es kompetente Unterstützung.
Im Internet gibt es hierzu die Seiten
http://www.kinderklinik-datteln.de/Eltern/Unser_Leistungsspektrum/unser_leistungsspektrum.htm
und
http://www.eigenes-leben-ev.de/.
i-Punkt 7-2004
NAGEL-Redaktion – Schlafen und Schlafstörungen
Tipps zum besseren Schlafen ? auch für Kinder ? gibt es bei der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin. Dort kann man auch gezielt bei der Arbeitsgruppe ?Pädiatrie? und der Kommission ?Pädiatrische Schlafmedizin? nachsehen: www.dgsm.de. Zum Thema ?Gesunder Babyschlaf? bietet sich die Seite www.babyschlaf.de an. Dort ist auch ein Beratungstelefon eingerichtet: 0180/5099555.<?xml:namespace prefix = o />
i-Punkt 6-2003
NAGEL-Redaktion – Links: Gesundheit
Kinderseite zum Thema „Umwelt und Gesundheit“
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA)
Auf den Seiten der BZgA findet man immer wieder interessante Hinweise und Beiträge, die für die pädagogische Praxis hilfreich sind. Ferner können hier auch Informationen über Kampagnen – wie beispielsweise – „Bist du stärker als Alkohol?“ – abgerufen werden.
Thema „Ernährung“
Hier gelangt man auf die Seiten der BZgA, die Informationen rund um die Ernährungen liefern. Spezielle Informationen zum Thema Essstörungen gibt es hier.
Thema „Drogen“
Dieses Internetportal ist ein Projekt der BZgA und Anlaufstelle für Jugendliche, wo sie sich jederzeit und anonym über die Wirkungen und Risiken von legalen und illegalen Drogen informieren können.
Kinder stark machen!
Das ist eine Kampagne der BZgA: Kinder stark machen. Suchtvorbeugung kann ganz einfach sein.
Kampagne „Gut drauf“
Mit der Kampagne „Gut drauf“, die für die Inhalte Ernährung, Bewegung uns Stressbewältigung steht, stellt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ein Modell vor, in dem in verschiedenen Handlungsfeldern, in Schulen, Offener Kinder- und Jugendarbeit, Sportvereinen und vor allem auf Reisen Multiplikatoren mit Jugendlichen arbeiten. Weiter bietet die BZgA eine mobile Mitmachausstellung an, die Institutionen und Organisationen „ihren“ Jugendlichen anbieten können. Junge Menschen werden angeregt, auf spannende und spielerische Art zu einem gesunden Umgang mit dem eigenen Körper und ihren persönlichen Bedürfnissen zu gelangen.
Das Kindernetzwerk für kranke und behinderte Kinder
Das Kindernetzwerk für kranke und behinderte Kinder und Jugendliche in der Gesellschaft vermittelt mit seiner Online-Datenbank umfassende Hilfe bei 2000 Erkrankungen und Behinderungen. Die Datenbank enthält über 90.000 Adressen, zum Beispiel von Eltern, Selbsthilfegruppen, Kliniken, Bundesverbänden oder Internet-Adressen.
Plattform „Gesundheitsförderung für sozial Benachteiligte“
Thema „Aids“
Hier ist der Link „Gib Aids keine Chance!“ zu finden.
NAGEL-Redaktion – Kopfschmerzen bei Kindern
Die folgenden Beiträge veröffentlichte die WAZ (Westdeutsche Allgemeine) am 10. April 2004 auf ihrer Service-Seite im ?Ratgeber Gesundheit?. Bedanken möchten wir uns bei Torsten Wellmann von der WAZ-Redaktion für die Genehmigung, die Beiträge hier ins Netz stellen zu dürfen.
NAGEL-Redaktion
Studie: Göttinger Forscherinnen gehen den Ursachen auf den Grund
Dumpfe, pochende oder bohrende Schmerzen; das Gefühl, dass der Schädel gleich platzt ? wer Kopfschmerzen hat, ist manchmal tagelang außer Gefecht gesetzt. Auch Kinder bleiben nicht verschont. Schlimmer noch: Die Zahl der Jungen und Mädchen, die unter Kopfschmerzen leiden, nimmt drastisch zu.
Das sagt Diplompsychologin Marion Heinrich von der Universität Göttingen. Ihre Kollegin Lisette Morris ergänzt: ?In Untersuchungen aus den 70er Jahren war nur etwa jedes siebte Kind betroffen. Inzwischen ist es fast jedes zweite.? Die beiden Forscherinnen beschäftigen sich intensiv mit Kopfschmerzen bei Kindern und werden dabei vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) finanziell gefördert.
Gemeinsam haben sie in Göttingen eine Pilotstudie durchgeführt: 43 Prozent der Jungen und Mädchen litten im letzten halben Jahr mindestens einmal unter Kopfschmerzen. Über die Hälfte dieser Kinder war aufgrund der Beschwerden nicht voll leistungsfähig. Und gut 14 Prozent von ihnen fehlten wegen der Kopfschmerzen an einem oder mehreren Tagen in der Schule.
Die Untersuchung gibt Hinweise auf Risikofaktoren: Kinder, die in den letzten fünf Jahren kritische Lebensphasen durchliefen, zum Beispiel die Scheidung der Eltern, erkrankten häufiger. Außerdem waren Kinder mit Kopfschmerzen im Schnitt ängstlicher und konnten Stress weniger gut bewältigen als ihre Altersgenossen.
Die Pilotstudie ist der Anfang eines viel umfassenderen Projektes: Ende 2003 verschickten die Göttinger Kopfschmerzforscherinnen Fragebögen an 8800 Familien mit Kindern in Südniedersachsen und Hannover. 61 Prozent der Fragebögen sind inzwischen ausgefüllt wieder in Göttingen eingetroffen. Die Daten werden noch genauer als die Pilotstudie darüber Auskunft geben, wie verbreitet Kopfschmerzen bei deutschen Kindern sind und wodurch sie verursacht werden. Heinrich: ?Im deutschsprachigen Raum gibt es keine vergleichbare Studie. Die Frage, welche Faktoren das Kopfschmerzrisiko bei Kindern erhöhen, wurde bisher selten über eine längere Zeitspanne hinweg untersucht. Unsere Studie ist deshalb auch international bedeutsam.?
Migräne oder Spannung
Kopfschmerzen haben viele verschiedene Ursachen. Die genauen Abläufe sind komplex und noch nicht vollständig geklärt. Wichtige psychologische Auslöser für Kopfschmerzen bei Kindern sind Stress, Sorgen, Schulbelastung und Schlafmangel. Am häufigsten kommen Spannungskopfschmerzen und Migräne vor. Weil diesen beiden Kopfschmerzformen keine andere Erkrankung zugrunde liegt, werden sie als primäre Kopfschmerzen bezeichnet.
Spannungskopfschmerzen entstehen wahrscheinlich durch Fehlsteuerungen der für Schmerzreize verantwortlichen Nervenbahnen. Muskelverspannungen sind nur bei einem Teil der Betroffenen für die Beschwerden verantwortlich. Als Ursache der Migräne gilt eine Überempfindlichkeit bestimmter Hirnregionen. Sie führt zu einer vorübergehenden Entzündungsreaktion an den Wänden der Blutgefäße des Gehirns.
Sekundäre Kopfschmerzen treten als Folge anderer Erkrankungen auf, zum Beispiel bei einem Hirntumor, bei Hirnblutung, Hirnhautentzündung, Nasen-Nebenhöhlen-Entzündung oder Schädel-Hirn-Verletzung. Auch bestimmte Medikamente und Giftstoffe können sekundäre Kopfschmerzen verursachen.
Fünf Milliarden jährliche Kosten
Schmerzzustände gehören nach Ansicht des Bundesforschungsministeriums zu den häufigsten und belastendsten Krankheiten in Deutschland. Sowohl die individuelle Belastung als auch die Anzahl der von chronischen Schmerzen Betroffenen ist sehr hoch. So leiden 20 Prozent der Bevölkerung chronisch an Kopfschmerzen, 40 Prozent mindestens einmal im Jahr an Rückenschmerzen. Auch die finanziellen Folgen für die Gesellschaft sind beachtlich: Bei Rückenschmerzen werden die Kosten für Behandlung, Rehabilitation und vorzeitige Berentung auf über 30 Milliarden Mark pro Jahr geschätzt, beim Kopfschmerz liegen sie bei 5 Milliarden Mark pro Jahr.
Ärzte raten, nicht sofort zum Medikament zu greifen
Kopfschmerzen: Kinder sollen Entspannung lernen
Eltern sollten ihren Kindern bei Kopfschmerzen nicht einfach frei verkäufliche Schmerzmittel geben. Denn nicht jedes Medikament sei auch für Kinder geeignet, warnt erneut der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) in München.
Bei leichten Attacken reichen oft Ruhe, ein abgedunkelter Raum und ein kühles Tuch auf der Stirn. Sind die Schmerzen stärker, werden in der Regel für Kinder geeignete Schmerzmittel und gegebenenfalls Medikamente gegen Übelkeit verschrieben. Bewegung an der frischen Luft sowie regelmäßige Schlaf- und Essenszeiten sowie wenig Stress können vorbeugend wirken.
Wenn Kinder immer wieder unter Kopfschmerzen leiden, sollte ein Kinderarzt aufgesucht werden, rät der Kinder- und Jugendarzt Thomas Fendel. Dieser könne andere Erkrankungen als Grund ausschließen. Außerdem kann eine frühe Behandlung verhindern, dass die Schmerzen chronisch werden. Hilfreich für Diagnose und Therapie ist ein Kopfschmerztagebuch.
Seit Jahren nehmen Kopfschmerzen bei Kindern Experten zufolge zu: 20 Prozent der Vorschulkinder leiden schon an Kopfschmerzen. Bis zum Ende der Grundschulzeit haben mehr als die Hälfte der Schüler, bis zum zwölften Lebensjahr etwa 90 Prozent der Kinder Erfahrungen mit Kopfschmerzen.
In über 90 Prozent der Fälle sind Kopfschmerzen bei Kindern so genannte primäre Kopfschmerzen. Ihnen liegt also keine schwere Erkrankung zugrunde, doch sie können Lebensqualität und -freude massiv beeinträchtigen. ?Die häufigsten Arten sind Spannungskopfschmerz und Migräne. Von chronischen Kopfschmerzen spricht man, wenn sie an mehr als 15 Tagen pro Monat auftreten?, sagt Fendel.
Kennzeichen einer Migräne können Blässe, Übelkeit und Erbrechen sein. Der pochende Schmerz betrifft ? im Gegensatz zur Migräne bei Erwachsenen ? beide Kopfseiten und die Stirn. Legt sich das Kind hin und schläft, ist es anschließend meist beschwerdefrei. Der Spannungskopfschmerz wandert wie bei Erwachsenen vom Nacken zur Stirn und kann auch bis zu den Augen oder Wangen reichen.
Warum immer mehr Kinder Kopfschmerzen haben, dazu haben Experten noch keine endgültige Hypothese. ?Wir vermuten aber, dass die veränderten Lebensbedingungen eine wichtige Rolle spielen?, sagt die Diplompsychologin Marion Heinrich von der Universität Göttingen. ?Kinder bewegen sich heute weniger als früher, sehen häufiger fern und stehen in der Schule unter großem Leistungsdruck.? Bisherige Studien zeigen außerdem, dass Kinder mehr als in der Vergangenheit so genannten kritischen Lebensereignissen ausgesetzt sind ? zum Beispiel einer Trennung der Eltern.
?Wenn der Arzt eine Erkrankung ausgeschlossen hat, bieten sich Kopfschmerz-Bewältigungsgruppen an?, erklärt Heinrich. ?Dort lernen die Kinder Entspannungstechniken wie autogenes Training oder progressive Muskelrelaxation.? [1] Die Gabe von Medikamenten muss mit dem Arzt genau abgesprochen werden. Für Kinder mit Migräne sei sie zum Teil sinnvoll und notwendig, so die Expertin. ?Für Kinder mit Spannungskopfschmerz sind aber nicht-medikamentöse Strategien deutlich besser geeignet.? (WAZ/tw/dpa vom 10. April 2004)
Lachen lernen
Was versteckt sich wohl hinter www.hoho-haha.de? Keine Internetseite mit Witzen, aber es darf gelacht werden. Es muss sogar gelacht werden. Hinter dieser Internetseite versteckt sich der Verband deutscher Lach-Yoga-Therapeuten e.V. Da steht unter anderem Lacherlernen auf dem Programm. Zur Entspannung. Das hört sich vielleicht lachhaft an. Und ist sicherlich nicht für jeden das Richtige. Fest steht aber beispielsweise, dass fast jedes zweite Kind unter Kopfschmerzen leidet ? vielfach Spannungskopfschmerz.
Wir wollen nicht behaupten, dass deutsche Kinder zu wenig lachen und davon Kopfschmerzen bekommen. Doch dass sie sich zu wenig bewegen, zu viel vor dem Fernseher sitzen, das steht fest. Da sind die Eltern gefragt. Auch die müssen ihren Kindern zeigen, wie man spielt, Spaß hat, lacht. Doch dazu muss man es erst einmal selber können. Also: Mundwinkel hoch! (WAZ/tw vom 10. April 2004)
Anmerkung der NAGEL-Redaktion: Die Beschäftigung mit dem Thema ?Kopfschmerzen bei Kindern? macht ein weiteres Mal deutlich, wie wichtig ein flächendeckendes Angebot von Abenteuerspielplätzen, Kinderbauernhöfen, Spielmobilen und vergleichbaren Einrichtungen wäre. Gemeinsam ist diesen Einrichtungen, dass sie vielfältige Bewegungs- und Entspannungsmöglichkeiten bieten. Ferner können Kinder hier in einer Art und Weise ? wie sonst selten ? ihren eigenen Selbstwert, ihre Fähigkeiten und die Chance, mit den gewählten Aufgaben zu wachsen, erfahren. Dr. Eckhard Schiffer, Mitglied im Beirat des ABA Fachverbandes, hat die Heilkraft unserer favorisierten Konzepte bereits im Zusammenhang mit Aufmerksamkeitsstörungen deutlich gemacht. Im Falle von Kopfschmerzen dürften vergleichbare Resultate zu erwarten sein.
Empfehlen möchten wir Betroffenen das Institut für Kinderschmerztherapie und Pädiatrische Palliativmedizin an der Vestischen Kinder- und Jugendklinik Datteln (Telefon 02363/975-180, schmerztherapie@kinderklinik-datteln.de). Dort gibt es kompetente Unterstützung. Im Internet gibt es hierzu die Seiten: http://www.kinderklinik-datteln.de/Eltern/Unser_Leistungsspektrum/unser_leistungsspektrum.htm und
http://www.eigenes-leben-ev.de/.
[1] Anm. der NAGEL-Redaktion: ?Relaxation? meint als medizinischer Fachbegriff ?Entspannung?
NAGEL-Redaktion – Konditionslose Kinder
Wie die WAZ vom 30.12.2002 berichtete, verfügen deutsche Kinder über eine immer schwächere Kondition. Der Bericht fußt auf Untersuchungen des Instituts für Trainingstherapie und medizinisches Gesundheitsmanagement (Frankfurt). Dessen Leiter Harald Maier: „Unsere Kinder werden immer schlapper.“ Seit 1996 misst das Institut die sportlichen Leistungen von Schülern aus dritten und vierten Klassen und vergleicht sie mit früheren Werten. Demnach sprangen Elfjährige 1999 im Durchschnitt 16 cm oder zehn Prozent weniger als 1974. Verglichen wurden Messungen von 80 Kindern aus Köln und Frankfurt. Kinder, die in ihrer Freizeit Sport trieben, sprangen bei den Tests weiter als Schüler ohne Freizeitsport. Hauptursache für die schlechteren sportlichen Leistungen ist Maier zufolge der Bewegungsmangel: „Kinder sitzen zu viel, bewegen sich zu wenig und sind zu dick.“ In der Folge lässt die Kondition rapide nach.
Insgesamt hat das Institut seit 1996 rund 650 Kinder an Schulen im Rhein-Main-Gebiet untersucht. Erfasst werden dabei auch Kraft und Beweglichkeit des Rückens und des Bauches. Dabei zeigt sich Maier zufolge: „Die Kräfte lassen nach.“ Dieses Ergebnis sei unabhängig vom Gewicht. „Auch schlanke Kinder sind nicht mehr in der Lage, sportliche Leistungen zu bringen, die früher üblich waren.“ Zwar wächst der Anteil übergewichtiger Kinder in Deutschland, doch nach Maiers Beobachtung schreitet die Entwicklung nicht so schnell voran, wie Kondition und Beweglichkeit nachlassen.
Die genannten Phänomene werden zwischenzeitlich auch vermehrt aus Einrichtungen gemeldet, die im ABA Fachverband organisiert sind. So wird auf Abenteuerspielplätzen bei anfänglichen Besuchen von Kindern eine geradezu „abenteuerliche“ Unfähigkeit und Ungeschicklichkeit erlebt. Bestätigung finden nicht nur die oben genannten Untersuchungsergebnisse. Auch der Umgang mit Werkzeug, Materialien usw. wird zunächst völlig unzulänglich beherrscht. Diese Kinder haben ? wie insgesamt wenige ? das Glück, einen Abenteuerspielplatz benutzen zu können, um so einen Teil ihrer Defizite kompensieren zu können. Den meisten anderen Kindern werden diese Chancen ? vermutlich wider besseres Wissen ? weiterhin vorenthalten, indem nicht der Empfehlung des 10. Kinder- und Jugendberichts der Bundesregierung gefolgt wird, Abenteuerspielplätze flächendeckend zu verstärken.
InformationsDienst 2-2003
NAGEL-Redaktion – Gefährliches Alter: Jugendliche und junge Erwachsene
Die Altersspanne von 18 bis 24 Jahren ist ? bezogen auf den Straßenverkehr ? die risikoreichste Lebenszeit. Nicht selten geschehen Unfälle im Zusammenhang mit Besuchen in Discos, Szenetreffs und Partys. 2001 verunglückten 110457 junge Menschen der genannten Altersgruppe, davon 1606 tödlich. Diese Alterskohorte stellt nur 7,9 Prozent der Gesamtbevölkerung, allerdings gehört ihr jeder fünfte Verletzte und Getötete an (20 Prozent). In keiner anderen Altersgruppe ist das Unfallrisiko derart hoch.
Auf die Gesamtbevölkerung kommen 85 Tote je eine Million Einwohner; bei der hier in Rede stehen Gruppe ist die Zahl fast dreimal so hoch (246). Neben den Disco-Unfällen spielt das gesamte Freizeitverhalten, aber auch die finanzielle Lage (Stichwort: ?schrottreife Autos?) eine Rolle. Knapp die Hälfte der Betroffenen (43 Prozent) wurde zwischen 19 Uhr abends und vier Uhr morgens getötet (Schwerpunkt: zwischen 19 und 22 Uhr). Ein weiterer, vermutlich schon seit längerem geahnter Aspekt: Junge Männer sind deutlich stärker gefährdet als junge Frauen. Während Frauen häufig kleinere und neuere Autos mit weniger PS fahren, steuern junge männliche Fahrer technisch unsichere, ältere Autos mit mehr Leistung. Bei den Unfallursachen steht ?nicht angepasste Geschwindigkeit? ? also zu schnelles ?Heizen? ? an erster Stelle; dies ist bei jungen Männern deutlich häufiger der Fall als bei Frauen.
Selbst die Folgen von Unfällen, die von jungen Frauen verursacht werden, sind in der Regel geringer. Junge Männer verursachen fast doppelt so viele Unfälle mit Verkehrstoten wie Frauen (pro 1000: 27 zu 14). Die ACE-Zeitschrift ?Lenkrad? 11/2002, aus der die hier wiedergegebenen Informationen entnommen wurden, kommentiert die jungen Frauen bisweilen unterstellte vermeintliche Schwäche als Stärke: ?Sie müssen niemandem was beweisen ? und sie zeigen sich zunehmend auch stark, wenn sie wieder aussteigen, ehe die Fahrt ins Risiko beginnt.?
InformationsDienst 12-2002
NAGEL-Redaktion – „Glotze“ macht Kinder schlapp
Kinder und Jugendliche in Deutschland werden körperlich immer schlapper. Sie treiben zu wenig (Schul-)Sport und sitzen zuviel vor dem Fernseher oder dem Computer. Allein bei den 10- bis 14-Jährigen ist nach einer Studie von AOK und Deutschem Sportbund (DSB) die Fitness um 20 Prozent bei Jungen und 26 Prozent bei Mädchen im Vergleich zu 1995 gesunken. Für die Studie wurden in den vergangenen zwei Jahren mehr als 20.000 Jungen und Mädchen im Alter von sechs bis 18 Jahren befragt und einem sportlichen Test unterzogen. Besonders drastisch ist demnach der Rückgang im Bereich der Koordination sowie in der Ausdauer. (dpa/WAZ 12.3.2003)
i-Punkt 4-2004
NAGEL-Redaktion – Entspannung mit Kindern
Entspannungsübungen helfen, Konzentration und Kreativität bei Schulkindern zu fördern. Optimal erschließt sich ihre Wirkung jedoch nicht als isolierte Maßnahme ? quasi an Stelle eines fehlenden guten Schulklimas ?, sondern erst im Zusammenspiel verschiedener schulischer Faktoren. Der vorliegende Beitrag bezieht sich zwar auf Grundschulen; empfehlenswert sind Entspannungsübungen aber auch für weiterführende Schulen.
Kinder stehen schon sehr früh unter starken Belastungen. So beginnt bei vielen bereits der Leistungsdruck im Kindergarten. Kinder wissen schon sehr früh, dass von ihnen besondere schulische Leistungen erwartet werden, weil sie eine bestimmte Schul- oder eine besondere Berufsausbildung durchlaufen sollen.
Auch Kinder kennen Stress
So müssen sie mit unterschiedlichstem Stress in ihrem Alltag fertig werden: überfüllte Klassen, Leistungsdruck, überforderte Lehrkräfte, Konflikte in der Familie, Scheidungen, Arbeitslosigkeit usw. Die Medien vermitteln ihnen zusätzlich ständig eine Umwelt, die von Gewalt, Brutalität und Gefahren geprägt ist.
So ist es nicht verwunderlich, wenn Kinder auf Stress mit körperlichen Symptomen reagieren: Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen, Bettnässen, Bauchweh, Durchfall, Kurzatmigkeit, Asthma, Herzrasen etc. Aber auch im emotionalen Bereich werden Stresssymptome in überhöhter Ängstlichkeit, unkontrollierten Wutausbrüchen, hoher Nervosität und starker Unkonzentriertheit usw. erkennbar.
Kinder profitieren von Entspannungsübungen
Natürlich kann die Schule alle diese Probleme nicht bearbeiten oder gar lösen. Sie kann aber Kindern die Gelegenheit geben, zur Ruhe zu kommen und für einige Minuten abzuschalten ? in einer geleiteten Entspannungsübung. Viele müssen das erst mühsam erlernen; manche Kinder besuchen sogar spezielle Kurse.
In den letzten Jahren arbeiten immer mehr Lehrkräfte im Unterricht mit Entspannungsmethoden. Entspannungsübungen kommen allen Kindern zugute. Sie dienen nicht der Disziplinierung von Kindern. Vielmehr besteht ihre Zielsetzung darin, Konzentration, Fantasie und Kreativität der Kinder zu fördern.
In der Schulklasse sind vor allem jüngere Kinder gewohnt, täglich mit ihrer Lehrerin zu arbeiten. In der Regel vertrauen sie ihr und lassen sich bei ihr problemlos gern auf eine Entspannung ein. Sie erleben Entspannungsübungen als einen angenehmen Zustand. Und weil sie ihn positiv erleben können, wirkt er auch besonders verstärkend.
Immer wieder kann im Unterricht beobachtet werden, dass durch Entspannungsübungen vor allem die Konzentrationsfähigkeit verbessert wird. So genannte psychosomatische Erscheinungsbilder wie Bauch- und Kopfschmerzen, Übelkeit, Schlafstörungen etc. werden ebenfalls beeinflusst. Besonders auffällig ist, dass viele Kinder sich Entspannungsübungen vor Klassenarbeiten wünschen. Hier hat die Entspannung die Funktion, Angstzustände zu mindern und den Kindern die Möglichkeit zu geben, den geforderten Stoff besser zu aktivieren.
Die meisten genießen einfach die Entspannungsübungen, die für sie zur täglichen Psychohygiene gehören.
Entspannung in der Schulklasse
In Grundschulklassen lässt sich die Entspannung leicht als wöchentliches oder tägliches Ritual etablieren. Sie dauert etwa eine Viertelstunde bis zwanzig Minuten und kann im Sitzkreis durchgeführt werden.
Der hier vorgestellte Trainingsansatz orientiert sich an der Grundstufe des Autogenen Trainings von Prof. J.H. Schultz. Diese Instruktionen reichen für den Einsatz in der Schule völlig aus. Dabei werden vor allem die Vorstellungskraft der Kinder aktiviert und Körperreaktionen beeinflusst bzw. hervorgerufen.
Die Entspannungsgeschichten können im Unterricht vorgelesen werden. Dabei bestimmt die Lehrkraft den Zeitpunkt.
Es ist günstig, den Einsatz von Entspannungsübungen zunächst einzuüben, damit sie dann im ?Ernstfall? besser funktionieren. Die Entspannungsgeschichten sollten so gestaltet sein, dass sie vor allem auch unruhige Kinder ansprechen. Sie sollten von daher inhaltlich immer einen kleinen Spannungsbogen enthalten. Es wird eine Durchführungsdauer von zehn Minuten empfohlen. Fortsetzungsgeschichten erfreuen sich bei Kindern großer Beliebtheit. Traut man sich noch nicht, eine Geschichte selbst zu erfinden, kann man aus der Literatur entsprechende Beispiele auswählen.
Für den Einsatz in der Schule verbindet man die Entspannungsgeschichten am besten mit Musik. Dabei wird eine Musik bevorzugt, die sechzig Taktschläge aufweist, was einem verlangsamten Herzrhythmus entspricht. Bei der Auswahl der Musik hören Kinder Stücke aus der Klassik oder aus dem Fernöstlichen meist nicht gern.
Aufbau einer Entspannungsgeschichte
Alle Entspannungsgeschichten haben den gleichen Aufbau:
1. ein Einstiegsritual
2. die eigentliche Entspannungsgeschichte
3. ein Ausstiegsritual.
Einstiegs- und Ausstiegsritual bleiben bei allen Geschichten in der Wortwahl gleich. Die Entspannungsgeschichte des Mittelteils erfindet man in der Regel selbst.
In das Einstiegsritual, in den Mittelteil und auch in das Aussteigritual bettet man nun entsprechende Instruktionen aus der Grundstufe des Autogenen Trainings: Ruhe-, Schwere- und Wärmeinstruktionen für Arme und/oder Beine.
Dazu kommen Instruktionen zur Förderung des Farbensehens. Die Anweisungen aus dem Autogenen Training werden so integriert, dass sie sich dem Handlungsablauf anpassen:
Wärme wird dann suggeriert, wenn es zur erzählten Entspannungsgeschichte passt (Sonnenstrahlen, glänzend von Gold und Silber etc. werden mit Wärme in Verbindung gebracht). Fantasievorstellungen wie Schwimmen im Wasser, Tragen von schweren Gegenständen etc. assoziiert man mit Schwere.
Solche Vorstellungsbilder helfen den Kindern, Wärme, Schwere und Ruhe leichter wahrzunehmen. Beispiele und genaue Durchführungsinstruktionen finden sich in der entsprechenden Fachliteratur.
Feedback
Nach jeder Entspannungsübung erfolgt ein kurzes Feedback. Es besteht aus den Fragen:
1. Wie war die Übung für dich?
2. Wie fühlst du dich jetzt?
Jedes Kind aus der Gruppe gibt eine kurze Antwort auf die gestellte Frage.
Dabei ist es besonders wichtig, dass jedes Kind die Möglichkeit erhält zu antworten. Bei jüngeren Kindern ist es so, dass die Mehrzahl nur mit einem Wort antwortet. Dies wird akzeptiert.
Für jede einzelne Äußerung bedankt man sich. Dabei schaut man das Kind an. Man nimmt Blickkontakt auf. Gerade unruhige Kinder haben oft keinen Blickkontakt zur Lehrkraft. Egal, was das Kind berichtet oder antwortet, man kommentiert seine Aussage mit einem emphatischen ?Danke?.
Die Feedbackäußerungen der Kinder werden also auf keinen Fall kommentiert oder gar korrigiert. Von daher sollen auch keine weiterführenden ?bohrenden? Fragen gestellt werden. Dem Kind allein ist es überlassen, was und wie viel es sagt.
Die Unruhigen haben vor allem am Anfang der Geschichten Schwierigkeiten, sich auf eine strukturierte Übung, die ruhiges Sitzen erfordert, einzulassen. Es kann günstig sein, diese Kinder neben sich zu setzen und ihnen bei starker Unruhe beruhigend die eigene Hand auf den Arm zu legen. Von den Fantasievorstellungen her lassen sie sich gern auf die Geschichten ein und berichten auch immer begeistert, was sie gesehen haben.
Beispiel: Entspannung in wenigen Sekunden
Besonders in Angstsituationen erwarten Kinder eine Hilfestellung durch entsprechende kurze Entspannungsübungen. Sie müssen schnell durchführbar sein, nur wenige Sekunden dauern und den Stress sofort mindern (z.B. vor Klassenarbeiten). Besonders wichtig ist, dass man sie im Alltag problemlos durchführen kann ? ohne beobachtet zu werden.
Du setzt dich ruhig hin und atmest zunächst fünfmal tief ein und aus.
Dann atmest du tief ein, zählst innerlich bis drei und hältst so lange die Luft an und atmest dann wieder aus.
Jetzt beginnst du von Neuem und atmest wieder tief ein, zählst innerlich bis drei, hältst dabei die Luft an und atmest tief aus.
Das wiederholst du dreimal.
Autor: Dipl.-Psych. Dieter Krowatschek ist Leiter des Schulpsychologischen Dienstes in Marburg und unterrichtet selbst als Klassenlehrer. Therapeutisch arbeitet er vor allem mit verhaltensauffälligen, aggressiven und überaktiven Kindern und hat mehrere Trainingsprogramme für den Einsatz in der Schule entwickelt.
Literatur:
Krowatschek, D.: Entspannung in der Schule. (Buch und Kassette). verlag modernes lernen, Dortmund 2001
Krowatschek, D. & Zuzak, U.: Entspannung in Kindergarten und Grundschule (Buch und CD). AOL-Verlag, Lichtenau 2000
Krowatschek, D.: Mit dem Zauberteppich unterwegs ? (Buch und CD). AOL-Verlag, Lichtenau 2002
Krowatschek, D.: Entspannung mit Jugendlichen. (Buch und Kassette). verlag modernes lernen, Dortmund 2002
Müller, E.: Hilfe gegen Schulstress (Buch). Rowohlt, Hamburg 1998
Murdock, M.: Dann trägt mich meine Wolke. Wie Große und Kleine spielend leicht lernen (Buch, Kassette oder CD). Verlag Hermann Bauer, Freiburg 1998
Teml, H.: Entspannt lernen (Stressabbau, Lernförderung und ganzheitliche Erziehung) (Buch). Veritas Verlag, Linz 1998
Vopel, K.: Zauberhände (Buch). Iskopress, Salzhausen 1994
Die in dieser Literaturliste aufgeführten Medien stellen nur einen kleinen Ausschnitt des in diesem Bereich vorhandenen Angebots dar. Ein Qualitätsurteil ist damit nicht verbunden.
Vorstehender Beitrag wurde uns freundlicherweise von der Redaktion der Zeit pluspunkt zur Verfügung gestellt, in dessen Ausgabe 4-2003 er veröffentlicht wurde. Herausgegeben wird pluspunkt vom Bundesverband der Unfallkassen. Der Verlag und Vertrieb wird von der Universum Verlagsanstalt vorgenommen. Interessierte finden pluspunkt in der Linkliste der vom ABA Fachverband empfohlenen Zeitschriften unter NAGEL-Redaktion -> Fachzeitschriften.
Die vorgestellte Entspannungsmethode ist auch für die Kinder- und Jugendarbeit sehr geeignet. Nähere Auskünfte erteilt der ABA Fachverband.
Nachfolgend ist ein wunderbares Praxisbeispiel, das Dieter Krowatschek dokumentiert hat, zur Nachahmung für einfühlsame PädagogInnen dokumentiert:

Stell dir vor, du unternimmst auf deinem Zauberteppich eine Traumreise. Du setzt dich ganz ruhig hin und atmest tief ein und aus. Nichts stört dich mehr. Du machst es dir ganz bequem. Du vergisst alles, was um dich herum geschieht. Du schließt die Augen und entspannst dich.
Ich zähle jetzt gleich von 1 bis 10, und dabei kannst du dich immer gelöster und entspannter fühlen. Immer sicherer und immer ruhiger. Du schließt die Augen und beginnst, dich zu entspannen.
Eins: Du kannst dich jetzt entspannen.
Zwei: Du vergisst alles, was um dich herum geschieht.
Drei: Du atmest tief ein und aus.
Vier: Du fühlst dich ganz sicher und ruhig.
Fünf: Du bist immer gelöster und entspannter.
Sechs: Du merkst: Meine Arme sind ganz ruhig.
Sieben: Auch bei deinen Beinen stellst du fest:
Meine Beine sind ganz ruhig.
Acht: Du kannst jetzt einfach abschalten.
Neun: Nichts stört dich mehr.
Zehn: Du bist jetzt bereit für die Traumreise auf
deinem Zauberteppich.
Du bist schon ganz gespannt, wohin der Zauberteppich dich heute bringt. Zuerst fliegt er noch einen weiten Bogen über der Schule und verschwindet dann in den Wolken. Zuerst kannst du gar nichts erkennen. Nach und nach werden die Wolken weniger, und du fliegst durch einen strahlend blauen Himmel.
Die Sonne scheint warm auf dich herab, und während du so fliegst, ist dein Körper auf eine angenehme Art schwer und entspannt.
Du merkst es zuerst an deinen Armen. Du merkst:
Mein rechter Arm ist ganz schwer.
Mein rechter Arm ist ganz schwer.
Und auch bei deinem linken Arm stellst du fest:
Mein linker Arm ist ganz schwer.
Mein linker Arm ist ganz schwer.
Meine beiden Arme sind ganz schwer.
Inzwischen kannst du unter dir das Blau des Meeres erkennen. Vor dir liegt eine Insel mit einem weißen Sandstrand und vielen großen Palmen. Du landest unter der größten Palme und gehst durch den warmen Sand. Du hast die Schuhe und die Strümpfe ausgezogen und spürst den warmen Sand unter deinen Füßen. Du läufst zum Wasser. Es weht ein leichter Wind, und du kannst das Salzwasser auf deinen Lippen schmecken. Kleine Wellen brechen sich an deinen Füßen. Das Wasser ist ebenfalls angenehm warm.
Da siehst du plötzlich vor dir eine alte grüne Flasche. Neugierig hebst du sie auf. Aber was ist das? In der Flasche liegt eine Botschaft! Du öffnest den Korken und ziehst vorsichtig den Zettel durch den engen Flaschenhals.
Auf dem Zettel steht: ?Hilfe, ich bin die Prinzessin Fatima und werde auf einem alten Schiffswrack gefangen gehalten.?
Du beschließt, das Wrack zu suchen, um die Prinzessin zu retten. Du wanderst zum Südende der Insel. Nach einiger Zeit wird die Küste steiniger, und bald befindest du dich am Rande einer Steilklippe, die fast senkrecht zum tosenden Meer abfällt. Von hier oben hast du einen guten Überblick. Zunächst entdeckst du nichts Ungewöhnliches, aber als du näher an den Klippenrand trittst, kannst du eine versteckte Lagune erkennen, die von steilen Felsen umrandet wird. Inmitten des Wassers liegt das halb gesunkene Wrack eines alten Segelschiffes. Die Segel sind verschlissen, und das Holz ist vermodert. Nur der hintere Teil des Rumpfes ragt noch weit genug aus dem Wasser, weil der Bug von einem Riff aufgerissen wurde. Du weißt sofort, hier wird die arme Prinzessin gefangen gehalten. Doch wie kannst du zu dem Wrack hinuntergelangen? Die Felswände sind steil und glatt, und es ist unmöglich hinunterzuklettern.
So beschließt du, zunächst einmal zurückzufliegen. Bei deiner nächsten Reise mit dem Zauberteppich wirst du mit einer Rettungsausrüstung zurückkehren.
Du gehst am Ufer entlang zurück zu deinem Zauberteppich, fühlst den Wind und riechst die Seeluft. Du fliegst zurück ins Hier und Jetzt. Dabei denkst du: Ich bin ganz ruhig, und meine Arme und Beine sind ganz schwer und ganz warm. Es ist schön, so durch die Luft zu schweben.
Und wenn ich jetzt gleich von 10 bis 1 zähle, ist das für dich ein Angebot, dass du allmählich ins Hier und Jetzt zurückkehren kannst. Wenn du wach geworden bist, fühlst du dich ruhig, zuversichtlich, ausgeglichen, stark, selbstbewusst und zufrieden.
Zehn: Du kannst jetzt zurückkehren ins Hier und Jetzt.
Neun: Du fühlst dich gelassen, ruhig und zufrieden.
Acht: Du wirst allmählich wieder wach.
Sieben: Du genießt deine Ruhe, Schwere und Wärme.
Sechs: Erstaunlich, wie ruhig du dich fühlen kannst.
Fünf:: Es ist schön zu wissen, dass du entspannt sein kannst.
Vier: Es macht Spaß, seine Fantasie zu entfalten.
Drei: Du kannst jetzt deine Hände bewegen.
Du streckst die Arme nach oben.
Zwei: Du atmest tief ein und aus.
Eins: Du öffnest die Augen und bist zurückgekehrt
ins Hier und Jetzt.
Inhalt:
Der Zauberteppich fliegt zu einer Insel, an deren Strand eine Flaschenpost gefunden wird. Sie enthält die Botschaft, dass die Prinzessin Fatima auf einem Schiffswrack festgehalten wird. Das Wrack wird gesucht und gefunden. Um es zu erreichen, wird eine Rettungsausrüstung benötigt.
Durchführungshinweise:
Die Geschichte ist ab der Klasse 1 einsetzbar, wird aber auch in der Klasse 6 noch gern gehört. Sie kann fortgesetzt werden. Die Kinder werden nach weiteren Folgen fragen. Der Schluss kann aber auch so verändert werden, dass die Prinzessin schon in der ersten Geschichte gefunden wird.
Eine weitere Möglichkeit ist es, die Kinder zu befragen, wie sie sich den Fortgang der Geschichte vorstellen. In der Regel erhält man so viele Anregungen, dass man sich schließlich für eine Variante entscheiden muss.
Die Zahlen im Einstiegs- und Ausstiegsritual können miteinander verbunden werden, das heißt, dass nicht bei jeder Zahl unbedingt eine Instruktion notwendig ist.
Man kann auch nur die Instruktionen sprechen, ohne dabei zu zählen. Allerdings hat sich in
der Praxis gezeigt, dass Kinder es bevorzugen, wenn gezählt wird, weil sie dann wissen, an welcher Stelle der Entspannung sie sind.
NAGEL-Redaktion – Deutsche Kinder
Der Trend, auf den wir bereits vor geraumer Zeit verwiesen haben (siehe „Kinder, Jugendliche und Gesundheit“ von Rainer Deimel unter -> NAGEL-Redaktion -> Gesundheit von Kindern), setzt sich weiterhin fort.
Bis zu 60 Prozent der Kinder und Jugendlichen weisen Haltungsschäden auf. Jeder dritte junge Mensch zwischen sieben und 17 Jahren klagt über Kopf- und Rückenschmerzen. Hierauf macht die Gesellschaft für Physikalische Medizin und Rehabilitation aufmerksam. Kinder sollten täglich mindestens 45 Minuten Sport treiben (dpa).
An dieser Stelle möchten wir erneut mit Entschiedenheit darauf verweisen, dass die von uns vertretenen Konzepte handlungsorientierter Pädagogik ? beispielsweise Abenteuerspielplätze ? wie keine anderen in der Lage sind, Kinder gesundheitlich zu fördern. Als „Säulen“ unserer Konzepte begreifen wir Bildung, Gesundheitsförderung sowie allgemeine pädagogische Unterstützung, dies zum Teil auch „ersatzweise“ (Stichwort: veränderte Familienkonstellationen). Andererseits erhalten Kinder nach Ansicht von Kinderärzten zu viele Therapien. Sie warnen Eltern, Kinder aus falschem Ehrgeiz behandeln zu lassen.
Die WAZ vom 29. Juli 2003 berichtete: „Jedes vierte nichtbehinderte Kind (27 Prozent) hat nach einer Studie bis zum neunten Lebensjahr mindestens eine Therapie durchlaufen: Ergotherapeuten behandeln Kinder mit Wahrnehmungsstörungen, für Sprachprobleme gibt es Logopäden, für Eingliederungsprobleme Heilpädagogen. Für tatsächlich therapiebedürftig halten Ärzte aber nur zehn Prozent der Kinder. Die Therapie-Nachfrage ist nach Erfahrung nordrheinischer Kinderärzte ungebremst. ´Der Wunsch nach einem möglichst perfekten Kind in dieser schwierigen Welt macht viele Eltern überkritisch´, sagte Verbandssprecherin Dr. Sylvia Schuster. ´Sie gehen bei jeder kleinen Norm-Abweichung ihres Kindes zum Arzt.´ Den Trend kritisiert auch Prof. Hans Georg Schlack, Leiter des Bonner Kinderneurologischen Zentrums: ´Eltern lassen ihre Kinder nicht mehr in Ruhe groß werden. Der Leistungsdruck beginnt schon im Kindergarten. Doch wenn man ein Kind ständig betuttelt, bespielt und betherapiert, dann hemmt dies die eigenständige Entwicklung.´ Schuster warnt: ´Wird ein gesundes Kind zum Therapeuten geschleppt, dann wird dem Kind vermittelt: Du bist nicht wie andere. Das kann leicht zu Minderwertigkeitskomplexen führen.´“ Auch für solche Kinder könnten die Konzepte handlungsorientierter Pädagogik ein Segen sein. Aber: Wie sag´ ich´s „meinen Eltern“? Und wie bekomme ich Politik und Verwaltung endlich dahin, den Empfehlungen des 10. Kinder- und Jugendberichts (Bonn 1998) zu folgen, die besonders kindgerechten Konzepte „flächendeckend zu verstärken“? Der Kommentar der WAZ zu „unnötigen Therapien“ kann abgerufen werden über versandarchiv@ABA-Fachverband.org – Stichwort: „Unnötige Therapien- Archiv 2003“. Empfohlen sei an dieser Stelle erneut das Buch „Nachdenken über Zappelphilipp ? ADS ? Beweg-Gründe und Hilfen von Eckhard Schiffer (Beiratsmitglied im ABA Fachverband) und Heidrun Schiffer. Die AutorInnen kommen unter anderem zu dem Schluss, dass Abenteuerspielplätze ? im positiven Sinn ? wirksamer als Ritalin sind (Weinheim/Basel 2002).
i-Punkt 9-2003
NAGEL-Redaktion – Depressionen bei Kindern und Jugendlichen
Mit Bauchweh in die Schule
Kinder leiden zunehmend an depressiven Erkrankungen. Die Symptome sind vielfältig und häufig schwer zu erkennen. pluspunkt sprach mit Dr. med. Ulrich Rabenschlag, Diplompsychologe und ehemaliger Oberarzt an der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universitätsklinik Freiburg.
pluspunkt: Kindheit ist für viele Menschen Synonym für Glück. Jugend bezeichnen viele als die schönste Zeit im Leben. Sind depressive Kinder und Jugendliche nur traurige Einzelfälle?
Rabenschlag: Die Häufigkeit von Depressionen bei Kindern und Jugendlichen ist nicht sehr hoch. Bei kleinen Kindern, die noch nicht in die Schule gehen, rechnet man so ungefähr mit einem Prozent eines Jahrgangs. Bei Schulkindern, das heißt sechstes bis zwölftes Lebensjahr, sind es ungefähr zwei bis drei Prozent, bei Jugendlichen etwa 15 Prozent. Dabei ist zu beachten: Unsere Diagnosen sind so definiert, dass wir depressive Symptome über einen Zeitraum von sechs Monaten nachweisen müssen. Verhaltensauffällige Kinder mit einzelnen depressiven Symptomen tauchen in der Depressionsstatistik nicht auf. Würde man sie dazuzählen, käme man auf viel höhere Zahlen. Was wir als Depressionen im Kindesalter bezeichnen, ist nur die Spitze des Eisbergs.
pluspunkt: Was ist depressiv, und worauf lassen sich Depressionen bei Kindern und Jugendlichen besonders im Hinblick auf ihre Erfahrungen mit Schule zurückführen?
Rabenschlag: Hintergründe und Ursachen von Depressionen sind vielfältig. Man stellt sich das am besten so vor: Die depressive Reaktionsfähigkeit eines Menschen ist im Grunde genommen etwas ganz Ähnliches wie die Fähigkeit, bei Infekten Fieber zu produzieren. Das ist eigentlich eine sehr sinnvolle Einrichtung der Natur. Sie zwingt den Betroffenen zur Kurskorrektur. Als Ursache oder Auslöser für depressive Entwicklungen von Kindern in der Schule kommt Folgendes in Betracht: Eine wachsende Zahl von Schulkindern hat in ihrer sozialen Entwicklung überwiegend eine Zweierbeziehung erlebt. Diese Kinder haben nicht gelernt, sich in einer Gruppe zu behaupten und sich an der Gleichaltrigengruppe zu orientieren. Sie erleben Schule als Stressor, was bei ihnen auf Dauer Depressionen auslösen kann. Zweitens wirkt sich in der Schule zunehmend die Weltsicht der Eltern aus, wonach Lebenserfolg vom Schultyp und Leistungsstatus abhängt. Diese Sichtweise führt zu chronischer Überforderung vieler Schüler, die möglichst hohe Schulabschlüsse bringen müssen. Drittens begreifen Lehrkräfte manchmal nicht, dass das soziale Überleben in der Gruppe für Kinder im Schulalltag oft viel wichtiger ist als ihr Zensurenniveau. Sie merken nicht, dass ein Kind ausgegrenzt oder ständig gehänselt wird und als Folge eine Depression entwickelt. Viertens wird häufig unterschätzt, wie negativ sich problematische, meist depressive, desorganisierte Lehrerpersönlichkeiten auf Schüler auswirken können.
pluspunkt: Warum wird eine kindliche Depression von Eltern oder Lehrkräften vergleichsweise selten erkannt?
Rabenschlag: Eine ganze Reihe von kindlichen Verhaltensauffälligkeiten gehen mit Depressionen einher. Ein klassisches Beispiel ist die Schulphobie: Ein Kind hat Bauchweh, wenn es in die Schule soll. Seine Schulphobie hat aber mit der Angst vor der Schule wenig zu tun, sondern ist vielmehr ein depressives Symptom. Kindliche Depressionen können sich unter einer Maske verstecken. Und es gibt viele Masken, zum Beispiel Bauchweh, Angst, Aggressivität mit Destruktivität, Magersuchterkrankungen, Teilleistungsstörungen.
pluspunkt: Wie gefährlich ist eine unerkannte Depression?
Rabenschlag: Wenn Kinder oder Jugendliche, die bereits seit über einem Jahr an den milderen Symptomen einer depressiven Entwicklung (Dysthymie) gelitten haben, plötzlich eine depressive Episode erleben (Double-Depression), so ist die Prognose ganz besonders schlecht. Für sie besteht ein großes Risiko, dass ihr Leiden im Jugendalter in eine chronische depressive Entwicklung übergeht, die unter Umständen bis ins Erwachsenenalter reicht. Wird eine Depression nicht erkannt, kann das im schlimmsten Fall für ein Kind im Suizid enden.
pluspunkt: Auf welche Frühsymptome oder Verdachtszeichen einer kindlichen Depression sollten Lehrkräfte sensibilisiert sein?
Rabenschlag: Das Wichtigste sind die versteckten Mitteilungen: Suizidphantasien, Suizidandeutungen. Gefährdete Kinder und Jugendliche geben ständig Zeichen, zum Beispiel indem sie etwas schwarz umrahmen oder ein Kreuz malen. Wer eine kindliche Depression frühzeitig erkennen will, muss auch darauf achten, ob ein Kind auffallend schüchtern ist. Das gilt vor allem für Mädchen. Ihre Scheu wird häufig als mädchentypisch fehlinterpretiert. In diesem Zusammenhang sollte man wissen, dass bei Mädchen ab der Pubertät die Häufigkeit von Depressionen radikal ansteigt. Das hat unter anderem hormonelle Gründe. Bis zur Pubertät findet man hingegen häufiger depressive Jungen. Als weiteres wichtiges Verdachtszeichen gilt die erhöhte Kränkbarkeit eines Kindes. Zum Beispiel, wenn ein Schüler für eine Arbeit eine Drei statt einer Zwei erhält und extrem verletzt reagiert. Ein zusätzlicher Aspekt, den man bei Jungen nicht übersehen darf, sind aggressive und vor allem destruktive Verhaltensweisen. In depressiven Verstimmungen erleben es Jungen regelrecht als Kick andere zu quälen. Wenn in Raufereien vor allem Quälerisches gegenüber Mitschülern auftaucht, ist das hochverdächtig. Ein weiteres Symptom: Ein Kind wirkt, als sei überhaupt kein Antrieb, kein Funken Lebenskraft mehr in ihm. Es kommt morgens immer zu spät oder fehlt häufig im Unterricht.
pluspunkt: Was kann eine Lehrkraft tun, um diesen Kindern und Jugendlichen zu helfen?
Rabenschlag: Das Beste ist, die Lehrkraft spricht erst einmal alleine mit dem Kind. Erhält sie von ihm Andeutungen und Hinweise, die den Verdacht auf eine Depressionskrankheit erhärten, sollte sie sich an eine kompetente Person im Bereich der Schule wenden, zum Beispiel den Vertrauenslehrer oder Schulpsychologen. Der nächste Schritt wäre, den Eltern eine therapeutische Behandlung ihres Kindes nahe zu bringen. Das ist schwierig. Lehrkräften empfehle ich meist, den Eltern gegenüber deutlich zum Ausdruck zu bringen, dass ihr Kind gesundheitlich nicht mehr in der Lage ist, am Unterricht teilzunehmen. Lehrkräfte sollten Eltern in diesem Fall dringend empfehlen, einen Kinderarzt aufzusuchen.
pluspunkt: Die Zunahme schwerer Verhaltensstörungen bei Schülern ist mit einem typischen Lehrerthema verbunden: der chronischen Überforderung im Schulalltag, dem Burn-out-Syndrom. Wie können Lehrkräfte ihren Unterricht gestalten, um nicht selbst Opfer einer schleichenden Depression zu werden?
Rabenschlag: Lehrkräfte tun gut daran, in ihrem Unterricht für ein möglichst stressfreies Arbeitsklima zu sorgen, das Depressionen verhindern kann. Die wichtigsten Aspekte sind: Erstens klare und sachbezogene Strukturierung der Zeit, der Aufgaben und der Rollen, zweitens saubere, intakte, helle und lärmabgeschirmte Arbeitsräume, drittens häufige positive Rückmeldungen, Vermeiden von Kränkungen und Ungerechtigkeiten, viertens keine Vermischung von persönlicher und sachbezogener Ebene, fünftens Gruppenziele formulieren, Cliquenbildungen entgegentreten, sechstens keine Toleranz gegen Intoleranz, zum Beispiel gegen Gewalt und Drogen.
Prinzipiell sollten sich Lehrkräfte schneller weigern, ein verhaltensauffälliges Kind weiter zu unterrichten, wenn es keine psychologische oder kinderpsychiatrische Hilfe bekommt. Würden Sie nicht auch ein Kind mit Fieber, Erbrechen oder einer ansteckenden Erkrankung nach Hause schicken? Das verlangt von der Lehrkraft Zivilcourage. Aber ohne das Nein der Lehrkraft kommen wir nicht voran.
pluspunkt: Wo erhalten Lehrkräfte Rat und Hilfe, wenn sie mit verhaltensauffälligen Kindern im Unterricht selbst nicht mehr zurechtkommen, und wohin können sie sich wenden, wenn sie sich über kindliche Depressionskrankheiten weiter informieren wollen?
Rabenschlag: Supervisionsgruppen sind genau der Ort, wo man Probleme wie Angst vor der Klasse ansprechen kann. Die haben sehr viele Lehrkräfte und darüber muss man sprechen. Hilfreich kann auch der Kontakt zu einer Balint-Gruppe sein. Adressen von Balint-Gruppen erhält man bei Psychotherapie-Instituten oder psychosomatischen Ambulanzen. Mit medizinischen und psychologischen Fragen über kindliche Depressionskrankheiten wenden sich Lehrkräfte am besten an schulpsychologische Dienste, an Erziehungsberatungsstellen oder kinderpsychiatrische Ambulanzen.
Mit Dr. med. Ulrich Rabenschlag sprach pluspunkt-Mitarbeiterin Gabriele Mosbach.
Zum Weiterlesen: Wenn Kinder nicht mehr froh sein können. Depressionen bei Kindern erkennen und helfen, Ulrich Rabenschlag unter Mitarbeit von Rudolf Heger, Verlag Herder Freiburg im Breisgau 2000, 192 Seiten, EUR 12,50
Vorstehender Beitrag wurde uns freundlicherweise von der Redaktion der Zeit pluspunkt zur Verfügung gestellt, in dessen Ausgabe 4-2003 dieses Interview veröffentlicht wurde. Herausgegeben wird pluspunkt vom Bundesverband der Unfallkassen. Der Verlag und Vertrieb wird von der Universum Verlagsanstalt vorgenommen. Interessierte finden pluspunkt in der Linkliste der vom ABA Fachverband empfohlenen Zeitschriften unter NAGEL-Redaktion -> Fachzeitschriften.
NAGEL-Redaktion – Kleine Kinder nicht zu oft baden
Für Kleinkinder gilt das Gleiche wie für Erwachsene: Zuviel Baden ? vor allem mit Seife ? entzieht der Haut das erforderliche Fett und schwächt so den natürlichen Säureschutzmantel, der wiederum erforderlich ist, um Menschen gegen Infektionen zu schützen. Diese falsch verstandene Hygiene macht also eher krank. Kinder sollen nicht öfter als ein bis zwei Mal pro Woche gebadet werden und dies nicht länger als für Minuten in etwa 37° warmen Wasser.
InformationsDienst 7-2002
NAGEL-Redaktion – Altersdiabetes bei Kindern
Übergewicht und mangelnde Bewegung sind laut Deutschem Diabetes-Forschungsinstitut (Düsseldorf) ursächlich an der Entstehung von Diabetes Typ II beteiligt. An diesem Diabetes-Typ (Altersdiabetes) litten insgesamt 95 Prozent der Betroffenen. Beim Typ I produziert die Bauchspeicheldrüse kein Insulin, sodass der Zucker aus dem Blut nicht in die Körperzellen aufgenommen werden kann. Beim Typ II wird zwar Insulin produziert, die Körperzellen können dies aber nicht mehr „erkennen“. Von 1985 bis heute stieg die Zahl der DiabetikerInnen weltweit von 30 Millionen auf 177 Millionen (in Deutschland fünf Millionen). Zwei Millionen Deutsche (500 000 in Nordrhein-Westfalen) sind laut Forschungsinstitut unwissend erkrankt. Symptome: Müdigkeit, Schwäche, Durst und starker Harndrang. Mögliche Folgen: Herzinfarkt, Schlaganfall, Amputationen und Erblindungen. Alarmierend, dass bereits Grundschulkinder betroffen sind. Ernährung und Bewegung seien hilfreicher als Tabletten. Dies zeigten Studien aus Finnland und den USA. Wieder ein Argument, das für die flächendeckende Erweiterung kinderspezifisch entwickelter Konzepte spricht (Abenteuerspielplätze, Kinderbauernhöfe usw.). Infos unter http://www.diabetes-nrw.de/ und http://www.diabetikerbund.de/
InformationsDienst 12-2002
NAGEL-Redaktion – Zu viel Hygiene Schuld an Allergien
In Deutschland, Großbritannien und den USA habe bereits jeder fünfte Einwohner zumindest eine Nahrungsmittel-Unverträglichkeit, sagte der hannoversche Professor Stephan Bischoff bei einem internationalen Kongress von Ernährungs-Medizinern in Göttingen. Ein bis zwei Prozent aller Erwachsenen und zwei bis sechs Prozent aller Kinder hätten mit „echten“ Allergien zu kämpfen. Ein wesentlicher Grund für diese Entwicklung ist nach den Worten Bischoffs ein Übermaß von Hygiene schon im Kindesalter. Das Immunsystem könne sich nur dann normal entwickeln, wenn es einer gewissen Belastung durch Krankheitserreger ausgesetzt sei. „Wir leben zu sauber“, erklärte Bischoff. (Göttingen dpa/vista verde news ? Wissenschaft & Technik vom 17.11.2003)
i-Punkt 2-2004
NAGEL-Redaktion – Haustiere mindern das Allergie-Risiko
Der Umgang mit Haustieren hilft, Kinder besser zu immunisieren. Hierauf wurde bereits in dem Beitrag „Kinder, Jugendliche und Gesundheit“ von Rainer Deimel im NAGEL 63 verwiesen. Mit Datum vom 21. Oktober 2002 greift die WAZ das Thema erneut auf. Sie berichtet: „Allergien zählen zu den häufigsten Zivilisationskrankheiten unserer Zeit. Eltern achten sehr sorgfältig darauf, mögliche Allergierisiken von Kindern fernzuhalten. Irrtümlicherweise wird dabei oft der Kontakt zu Heimtieren unterbunden. Ein Fehler in zweifacher Hinsicht, denn ersten seien Haustiere für die positive Entwicklung von Kindern wichtig für die spätere Sozialkompetenz, so eine Untersuchung der Universität Utah (USA). Zweitens zeigt eine Studie der Uni im schwedischen Göteborg, dass das Allergie-Risiko bei Kindern durch den Kontakt zu Heimtieren sinkt. Deshalb sei es wichtig, Kindern den Umgang mit Tieren zu ermöglichen. Werden dabei einige Regeln beachtet, besteht aus hygienischer Sicht kein Grund zur Besorgnis. Entscheidend ist, das Tier medizinisch gut zu versorgen. Ansonsten reicht es, Futterstelle, Toilette und Lager des Tieres regelmäßig zu säubern. Die Göteborger Studie zeigt weiter, dass Kinder, die in den ersten Lebensjahren intensiven Kontakt zu Tieren hatten, im Grundschulalter nicht so häufig an allergischem Schnupfen litten. Im Jugendalter waren außerdem weniger Asthma-Erkrankungen zu verzeichnen.“
InformationsDienst 11-2002
NAGEL-Redaktion – Allergien bei Kindern
Nachdem sich die Zahl der allergiekranken Kinder innerhalb von zehn Jahren verdoppelt hatte und erschreckenderweise Kinder doppelt so häufig wie Erwachsene betroffen sind (Prof. Dr. Claus Krögel, vgl. Rainer Deimel: „Kinder, Jugendliche und Gesundheit“, in: DER NAGEL 63/2001, S. 30), gibt es Hinweise auf eine Stagnation. Laut einer Umfrage von Emnid sei die Zahl von 248 Fällen pro Quartal pro Arzt gleich geblieben. Dies berichtete die WAZ am 20. September 2002 mit Bezug auf eine ap-Meldung. Die Zahl der Allergietests bei Kindern hingegen sei seit 1997 von einen Drittel auf nunmehr 54 Prozent angestiegen. Von einer „Trendwende“ zu sprechen scheint allerdings verfrüht. Nie zuvor waren derart viele Kinder betroffen. Dies wird auch durch eine Einschätzung des Allergologen Wolfgang Leupold bestätigt. Seiner Auffassung zufolge sind 35 Prozent aller Deutschen potentielle Allergiker. Als Tagungspräsident des Kongresses des Ärzteverbandes Deutscher Allergologen (ÄDA), der vom 13. ? 15. September 2002 stattfand, führte er aus, dass der Grundstein für spätere Allergien nicht selten in den letzten Schwangerschaftswochen und den ersten Lebensmonaten gelegt wird. Nach Leupold sind Kinder verstärkt Allergien ausgesetzt. Leupold bestätigte, dass eine Desensibilisierung ? also eine Immuntherapie ? das probateste Mittel sei, Allergien zu begegnen. Hierauf hatten wir bereits im erwähnten Beitrag in DER NAGEL 63/2001 hingewiesen. Dieser Beitrag wird in Kürze auch über das Internet abrufbar sein.
InformationsDienst 10-2002
NAGEL-Redaktion – ADS: Hunde beruhigen fast jeden „Zappelphilipp“
Hunde vermitteln Kindern ein Gefühl der Sicherheit und stärken ihr Selbstwertgefühl. Denn Hunde nähern sich ihnen ohne Vorbehalte und Forderungen; sie geben ihre Zuneigung stets bedingungs- und rückhaltlos und haben immer Zeit ? nie ist einem Hund etwas anderes wichtiger als sein „kleiner Freund“. „Viele aufmerksamkeitsgestörte Kinder, viele hyperaktive, aber auch Kinder, die durch Clownereien und Hampeleien auffallen, können doch ganz ruhig und selbstverständlich mit dem Tier spielen“, schreibt der Psychologe Prof. Dr. Erhard Olbrich von der Universität Erlangen/Nürnberg. Was den Hund vor anderen Heimtieren auszeichnet, ist seine außerordentliche Fähigkeit, mit dem Menschen zu kommunizieren. Er stellt sich auf seine Halter ein und versteht rasch, was sie von ihm wollen. Für das Kind bedeutet jedes Kommando, das der Hund ausführt, ein Erfolgserlebnis, das ihm Selbstvertrauen gibt. Besonders wichtig ist dies für nervöse und unruhige Kinder, die Schwierigkeiten haben, eine Sache zu Ende zu bringen. Die positive Erfahrung mit dem Hund motiviert sie dazu, auch andere Aufgaben konzentriert und mutig anzugehen (IHV/ Tip der Woche vom 3. Mai 2004).
i-Punkt 7-2004
NAGEL-Redaktion – ADS: Fernsehen macht zappelig
Je früher und je öfter Kleinkinder in die Röhre schauen, desto unkonzentrierter sind sie später in der Schule. Eine US-Studie, die in der Fachzeitschrift „Pediatrics“ veröffentlicht wurde, verglich das Verhalten von 1300 Grundschulkindern mit der Zeit, die sie ? nach Angaben ihrer Mütter ? im Krabbelalter vor dem Fernseher verbracht hatten. Die Kinder, die im Unterricht durch Konzentrationsschwierigkeiten und Unruhe auffielen, waren in der Mehrzahl diejenigen, die schon in den Windeln die bunten Bilder im Fernsehen verfolgt hatten. Mit jeder Fernseh-Stunde pro Tag steigt das Risiko für Aufmerksamkeits-Probleme um 10 Prozent, ermittelten die Wissenschaftler. Die Mediziner raten deshalb, zumindest Kinder unter zwei Jahren gar nicht vor die Mattscheibe zu lassen. (alverde 6/2004)
i-Punkt 7-2004
NAGEL-Redaktion – Abwehrkräfte bei Kindern
Armin Heils von der Klinik für Epileptologie an der Uni Bonn weist darauf hin, dass Fieberkrämpfe bei Kindern meist harmlos sind. Dass sie auftreten, hänge vermutlich mit dem Stadium der Hirnreifung im Alter von unter sechs Jahren zusammen. Wiederholte Fieberkämpfe mit rasch steigendem Fieber, zuckenden Gliedmaßen, Bewusstlosigkeit und Schaum vor dem Mund werden eher als bedenklich eingeschätzt. (ap) Dies bestätigt die auch vom ABA Fachverband vertretene Position, dass man dem kindlichen Organismus nach Möglichkeit die Chance geben sollte, Abwehrkräfte aufzubauen, sein Immunsystem zu stärken. In eine vergleichbare Richtung geht auch eine Verlautbarung des Landesverbandes Nordrhein-Westfalen im Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte, die diese am 10. April 2003 in Düsseldorf abgegeben haben: Übermäßige Reinheit schadet Kindern. Angesprochen wird unter anderem die Verwendung von desinfizierendem Haushaltsreiniger. Das Gegenteil der elterlichen Absichten werde erreicht: Das Training des Immunsystems, sich gegen Keime von außen zu Wehr zu setzen, wird unterbunden. Damit werden die Grundsteine für künftige Allergien gelegt. In den Reinigungsmitteln selbst könnten ebenfalls allergieauslösende Stoffe vorhanden sein. Ab und zu die Händewaschen reicht aus. (ap/dpa) Eine bundesweite ?Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen?, an der 18.000 junge Leute unter 18 Jahren beteiligt sind, hat das Robert-Koch-Institut (Berlin) im Auftrag der Bundesregierung begonnen. Die Untersuchung läuft über drei Jahre. Nähere Informationen gibt es unter www.kinder-jugend-gesundheit21.de.
NAGEL-Redaktion – Kopfläuse
Berichte aus dem „i-Punkt“
Kopfläuse sind seit Jahrzehnten in Einrichtungen, in denen sich Kinder aufhalten, ein Thema. Der Leiter der Hygieneabteilung im Kasseler Gesundheitsamt geht beispielsweise davon aus, dass keine Schule läusefrei sei. In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, dass Kopfläuse vor allem Ekel bewirken. Dies wird besonders deutlich, wenn man sich einen so genannten „Weichselzopf“ vorstellt. So wird die Verfilzung des Haares durch Nissen bei hochgradiger Verlausung bezeichnet. Läusefall ist nicht frei von Mythen: Läuse können zwar in Ausnahmefällen Wundinfektionen (als Folge des Kratzens bei Jucken) und möglicherweise Allergien, nicht aber gefährliche Krankheiten auslösen. Der Befall mit Läusen geschieht zumeist über nahen körperlichen Kontakt, die Nutzung gemeinschaftlicher Bettwäsche, Kuscheltiere, Kämme, Bürsten oder auch das Übereinanderhängen von Kopfbedeckungen an der Garderobe und hat nichts mit mangelnder Hygiene zu tun. Im Gegenteil: Läuse bevorzugen Köpfe, die oft gewaschen werden, da eine saubere Kopfhaut von den Tierchen viel besser anzuzapfen ist. Um zu überleben, benötigen Läuse in ihrem drei bis vier Wochen dauernden Leben Blut, das sie ihren Wirten entsaugen. Bereits nach 48 Stunden ohne Blut sind sie verhungert. Ein Lausweibchen legt bis zu 200 Eier. Durch die genannten Übertragungswege ist erklärbar, warum Kopfläuse im Winter zahlreicher auftreten als zu wärmeren Zeiten. Grundsätzlich ist Verlausung gesundheitsbehördlich meldepflichtig. Befallene Kinder dürfen erst wieder in die Einrichtung (z.B. die Schule), wenn sie lausfrei sind. Mittel gegen Kopfläuse gibt es in der Apotheke. Hilfreich sollen vor allem Mittel sein, die auf Chysanthemen-Blüten basieren. Diese töten nicht nur die Läuse, sondern auch die Nissen, die Verursacher des Weichselzopfes. Auch die Wäsche ist im Betroffenheitsfall bei 60 Grad zu waschen.
InformationsDienst 12/2002
Das Thema „Läuse“ hatten wir bereits vor einiger Zeit schon einmal im i-Punkt aufgegriffen. Da die Kopfläuse-Saison sich wieder einmal ihrem Höhepunkt nähert, hier erneut ein paar Informationen. Wir übernehmen einen Bericht der WAZ vom 20. Oktober 2003. Nach den Ferien eingeschleppt, haben Läuse in Kindergärten und Grundschulen (sowie anderen Einrichtungen, die Redaktion) leichtes Spiel: Dort stecken Kinder ihre Köpfe zusammen, tauschen Kleidung aus – ruck zuck ist eine Laus übergelaufen. „In unseren Breiten sind Läuse keine Krankheitsüberträger“, betont Dr. Petra Freynik, beim Gesundheitsamt Essen zuständig für den Kinder- und Jugendgesundheitsdienst. Läuse sind lästig – und bedeuten viel Arbeit. Denn nicht nur die Haare müssen mit abtötenden Substanzen behandelt werden. Auch Kleidung, Bettwäsche, Kuscheltiere, Haarbürsten, Teppiche, Polster und das Auto müssen lausfrei sein. Denn wenn nur wenige Tiere überleben – oder auch die Lauseier, die Nissen, nicht komplett getötet werden – vermehren sich die Plagegeister wieder. Dr. Freynik rät, nach acht Tagen zu kontrollieren – vor allem in der Nackengegend, hinter den Ohren und an den Schläfen. Läuse vertragen starke Kälte und Wärme nicht; wenn sie kein Blut saugen können, verhungern sie. Das hilft: Textilien mit mindestens 60 Grad waschen, Kissen und alles, was nicht waschbar ist, im Plastikbeutel verschließen und drei bis vier Wochen lagern. Polster und Teppiche oft saugen. Stichwort Hygiene: Läuse besiedeln auch supersaubere Köpfe (Hierauf hatten wir bereits schon in einem frühren i-Punkt hingewiesen: Je häufiger die Kopfhaut gewaschen wird, um so attraktiver ist sie für das lausige Mahl. Die Redaktion), und wer sie schon hat, kriegt sie durch Waschen allein nicht mehr weg. Die drei Millimeter großen Insekten können sich mit einer 2000fachen Zugkraft ihres Gewichtes ans Haar klammern. Ihre Eier kleben bombenfest und lassen sich nur durch Auskämmen mit dem Nissenkamm entfernen. Dazu rät Dr. Freynik, um kein Risiko einzugehen, Essigwasser (ein Teil Essig auf zwei Teile Wasser) macht die Aktion leichter. Man kann auch die weichen Haare an den zumeist betroffenen Stellen (Schläfen, Ohren, Nacken) wegschneiden. Von dem Tipp, Läuse mit einem Saunabesuch oder unter der Trockenhaube den Garaus zu machen, rät Dr. Freynik ab: „Unter dem Hygieneaspekt ist ein Saunabesuch nicht witzig“, meint sie, und warnt vor Trockenhauben: „Bei Kindern kann die Kopfhaut geschädigt werden.“ Schwangere sollten vor der Anwendung eines Antiparasitikums mit ihrem Arzt sprechen. Bettina Kutzner in der WAZ
i-Punkt 11/2003
Foto: WAZ
Angesichts des mehr oder weniger fragwürdigen „Läuseatlasses“ eines Arzneimittelherstellers, der in diesen Tagen durch die Medien „geistert“, haben wir uns dazu entschlossen, diese Seite zu aktualisieren, um unseren Leser(inne)n eine einigermaßen brauchbare Hilfestellung zu geben.
ABA Fachverband Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen (Oktober 2008)
Befall erkennen und bekämpfen
Erste Kennzeichen eines Läusebefalls sind Pusteln hinter den Ohren, die als Reizung vom Speichel der Läuse auftreten. später entwickelt sich ein Ekzem im Nacken, und Juckreiz tritt auf. Beweis für die Anwesenheit der Parasiten sind dann die Läuseeier, die nahe der Haarwurzeln zu finden sind. Sie ähneln Schuppen, lassen sich aber nicht wegschütteln, sondern kleben fest. Die Läuse sollten möglichst rasch bekämpft werden. Chemische Mittel schädigen das Nervensystem der Tiere, physikalische verstpopfen etwa ihre Atmewege: Die Läsue ersticken. Mittel gegen Läusebefall sind – wenn von Arzt verordnet – für Kinder bis zwölf Jahren eine Kassenleistung.
Quelle: WAZ vom 10. Oktober 2008
Foto: WAZ
Sensible Blutsauger
Ein Interview mit dem Läuseexperten Michael Forßbohm über die angebliche Zunahme des Läusebefalls
Jedes Jahr zehn Prozent mehr Läuse, meldet der Arzneimittelhersteller Dr. Wolff. Können Sie das bestätigen?
Forßbohm: Nein. Es gibt keine belastbaren Daten, dass es mehr werden. Denn es gibt ja keine Meldepflicht bei Ärzten. Auch der Verkauf von Mitteln ist überhaupt kein verlässlichen Indiz.
Aber viele Eltern sagen, bei uns hat es das früher nicht gegeben …
Forßbohm: Mit Sicherheit hat es in früheren Zeiten genauso viele Läuse gegeben wie heute. Nur früher wurde das bewusst vertuscht. Heute wird zum Glück darüber gesprochen. Das kommt in der Öffentlichkeit als Zunahme an.
Viele schämen sich aber auch heute noch für Läuse.
Forßbohm: Die Laus ernährt sich von menschlichem Blut. Nicht von Schmutz, auch nicht von Teddyhaar. Sie kann weder fliegen noch springen, und geht sie auf einem Teddy verloren, dann blüht ihr am dritten Tag das sichere Ende.
Aber man hört doch immer wieder, dass man sich Läuse auch dort holt, wo der hygienische Standard noch nicht so hoch ist?
Forßbohm: Nochmal: Läuse sind keine Urlaubsmitbringsel. Sie kommen in den besten Vierteln vor, gedeihen dort am besten, wo man nicht drüber redet. Läuse und Dreck haben nichts miteinander zu tun, weder von Körperpflege noch von Putzmitteln lassen sie sich schrecken. Und: Sie sind auch keine Krankheitserreger, es handelt sich schlicht um Insektenbefall.
Was also tun, wenn man befallen ist?
Forßbohm: Fakt ist: Ist ein Läusemittel einmal richtig angewendet worden, sind alle Läuse vernichtet. Und das heißt: Es kann keine Laus übertragen werden. Die Eier werden von den Mitteln aber nicht angegriffen, deswegen sollte man nach einer Woche etwa die Anwendung wiederholen. So lange dauert es, bis die Larven schlüpfen. Die müssen sich drei Mal häuten, können in dieser ganzen Zeit den Kopf nicht verlassen, stellen also keine Ansteckungsgefahr dar. Übertragen werden nur erwachsene Läuse, sonst nichts! Außerdem muss gewaschen werden: die Bett- und die Leibwäsche, alles was mit dem Kopf in Berührung gekommen ist – oder man packt es mindestens drei Tage in eine Tüte.
Was ist dann mit der oft geforderten Nissenfreiheit?
Forßbohm: Das ist schlimm: Die Nisse ist nur die Hülle, nicht das Ei! Dennoch hält sich die Forderung hartnäckig. Dabei gilt: Alles was weiter als ein Zentimeter von der Kopfhaut entfernt an den Haaren klebt, muss leer sein – das ist biologisch anders gar nicht möglich. Es gehört zu den Abstrusitäten in unserem Land, dass Kinder nach Hause geschickt werden, weil irgendwo in ihren Haaren eine Nisse entdeckt wurde.
Was ist also Ihre Empfehlung gegen Läuse?
Forßbohm: Reden! Es den anderen sagen, mit denen man zusammen war, das ist das Allerwichtigste. Dann alle umgehend untersuchen, die Betroffenen behandeln, so bekommt man jede Gruppe lausfrei. Außerdem fordere ich die Gesundheitsämter auf, ihrer Beratungs- und Aufkärungspflicht nachzukommen. Das ist eine richtige und wichtige Aufgabe. Wer sich hier wegduckt, entzieht Hilfe.
Dr. Michael Forßbohm ist Leiter der Abteilung für Infektionsschutz im Gesundheitsamt Wiesbaden und war als Läuseexperte mehrfach für die Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung (BZgA) tätig.
Quelle: WAZ vom 10. Oktober 2008 – Das Interview führt Britta Bingmann
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung
Zur Seite der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) zum Thema gelangt man hier. Eine PDF-Broschüre der BzgA kann hier geladen werden.
NAGEL-Redaktion – Was Kinder brauchen
Gesundheit ist nicht konsumierbar
Kinder und Jugendliche von heute erleben vielfach ein Wechselbad zwischen Über- und Unterforderung, Überfluss und Mangel. Immer mehr Kinder reagieren darauf mit psychosomatischen und mentalen Störungen. Der Einsatz von Medikamenten dagegen sollte kritischer hinterfragt werden. Der Schlüssel zu mehr Gesundheit und Wohlbefinden liegt im Elternhaus, im Kindergarten und in der Schule
Von Prof. Dr. Klaus Hurrelmann
Gesundheit ist viel mehr als die Abwesenheit von Krankheit. Gesundheit und Krankheit haben neben der körperlichen auch eine psychische und soziale Komponente. Die Weltgesundheitsorganisation drängt seit 50 Jahren auf diese umfassende Betrachtung, die im Bewusstsein der Menschen noch wenig verankert ist. In der gesundheitswissenschaftlichen Forschung hat sie sich inzwischen durchgesetzt. Danach bildet Gesundheit ein Gleichgewicht von störenden und schützenden körperlichen und geistigen Faktoren, die täglich ins Gleichgewicht zu bringen sind. Das gelingt nur, wenn der Mensch seinen Körper, seine genetische Ausstattung und seine Persönlichkeit akzeptiert und souverän damit umgehen kann. Aber auch die allgemeine Lebenssituation trägt maßgeblich zu Wohlbefnden und Lebensfreude bei: Familie und Freundschaften, Wohn- und Ernährungsbedingungen, der Ausgleich zwischen Leistungsanforderungen und entspannenden Freizeitaktivitäten.
Genau hier haben Kinder und Jugendliche heute die größten Probleme. Gesundheitliche Störungen liegen im Schnittbereich zwischen Körper, Psyche und Umwelt. Die Alarmsignale sind nicht zu übersehen.
Alarmsignal 1: Bei immer mehr Kindern und Jugendlichen streikt das Immunsystem
Etwa 20 Prozent aller Kinder leiden unter allergischen Erkrankungen. Darunter sind eher harmlose Beeinträchtigungen wie zum Beispiel leichter Heuschnupfen oder eine gelegentliche Bindehautentzündung. Es treten aber auch gefährliche, teils lebensbedrohliche Atemwegsstörungen vom Typ Asthma sowie schwere Hauterkrankungen vom Typ Neurodermitis auf. Ganz offensichtlich hat ein mangelhaft trainiertes Immunsystem mit der sprunghaften Ausbreitung dieser Krankheiten zu tun.
Es rächt sich, dass Kinder in klimatisierten Räumen mit kuscheligen Teppichböden groß werden und nur noch in hygienisch einwandfreien Sandkästen spielen. Die Widerstandskräfte des Körpers werden nicht trainiert, Belastungen durch psychischen Druck können nicht richtig abgewehrt werden. Dabei fällt auf, dass von Asthma und Neurodermitis verstärkt Kinder aus den wohlhabenden Familien heimgesucht werden – es handelt sich um echte Zivilisationskrankheiten.
Alarmsignal 2: Fehlsteuerungen in der Ernährung
Hier sind es vor allem Kinder und Jugendliche aus sozial schlechter gestellten Familien, die preiswerte, kalorienreiche Fast-Food-Gerichte zu essen bekommen. Diese Produkte sind zu fett, zu süß, zu salzig und enthalten zu wenig Ballaststoffe. Der Darm wird gerade noch zu „Teilzeitarbeit“ ermuntert. Die Folge von überschüssigen Kalorien bei gleichzeitigem Bewegungsmangel ist Übergewicht. Der Haltungsapparat wird völlig überlastet, die Blutfettwerte übersteigen den Normbereich. In Deutschland weisen inzwischen rund zehn Prozent der Kinder und Jugendlichen erschreckendes Übergewicht auf.
Alarmsignal 3: Fehlende Anregung und Schulung der Sinne
Bewegungsmangel und eine einseitige Anregung des Hör- und Sehsinns treten oft zusammen auf. Riechen, Fühlen und Sprechen werden vernachlässigt und verkümmern immer mehr. Gameboy und Bildschirm, teils aber auch Familie, Kindergarten und Schule bieten eine unausgewogene „Sinneskost“. Dieser Mangel führt bei Kindern und Jugendlichen verstärkt zu motorischen Koordinationsproblemen. Erzieherinnen und Grundschullehrerinnen klagen bereits bei kleinen Kindern über eine schlechte Feinmotorik. Die Verbindungen zwischen den Schaltzentren im Gehirn werden nicht hergestellt, es kommt zu Unsicherheiten und Ungeschicklichkeiten. Bereits bei zehn Prozent aller Kinder und Jugendlichen. Viele können nicht sicher mit einem Bleistift zeichnen, andere können kaum richtig gehen. Überschneiden sich diese Probleme mit schlechtem Ernährungsverhalten und mangelnder Bewegung, wird die Entwicklung mehrfach beeinträchtigt.
Alarmsignal 4: Aufmerksamkeitsdefzite und Hyperaktivität steigen
An und für sich hoch intelligente Kinder können sich nicht konzentrieren, sind unruhig und außerstande, eine Arbeit oder eine Aktivität zu Ende zu führen – man schätzt bis zu vier Prozent eines Jahrgangs. Zugrunde liegt eine Stoffwechselstörung im Gehirn, die aber offensichtlich durch hektischen Lebensstil und unsichere Beziehungen zu den Eltern erst freigelegt wird. Mitunter neigen Ärzte zu einer Behandlung mit Psychostimulanzien (z. B. Ritalin), vergessen aber die psychische und soziale Einbettung dieser Störung, die nach ruhiger und konsequenter Erziehung und zumindest zeitweiser psychotherapeutischer Begleitung verlangt.
Alarmsignal 5: „Bewältigungsverhalten“ mangelhaft
Viele Kinder und Jugendliche können mit seelischen Konflikten und sozialen Anspannungen nicht richtig umgehen. Sie haben nicht gelernt, Enttäuschungen hinzunehmen, einen Misserfolg wegzustecken oder mal ein kritisches Wort zu verdauen: Sie knicken bei den kleinsten Irritationen ein. So ist es wohl zu erklären, dass in allen Untersuchungen immer mehr psychosomatische Störungen wie Verdauungsprobleme, Kopf-, Magen- und Rücken schmerzen, bis hin zu Depressionen und Suizidversuchen festgestellt werden, vor allem bei den Mädchen. Jungen reagieren ihre innere Anspannung häufiger mit Überaktivität, Gereiztheit und Aggressivität nach außen ab, bis hin zu gewalttätigem und kriminellem Verhalten. Bei fünf Prozent der Mädchen und zehn Prozent der Jungen ist diese nach innen oder nach außen gerichtete krankhafte Form der Spannungsbewältigung zu beobachten – Tendenz steigend.
Alarmsignal 6: Druckabbau durch Drogen und Medikamente
Eine weitere Variante dieses krankhaften Spannungsausgleichs ist der Konsum von Medikamenten und psychoaktiven Substanzen. Schmerzstillende Arzneimittel, Zigaretten und Alkohol werden in immer jüngerem Alter genutzt, in einer so intensiven Form, dass schon früh körperliche und psychische Schäden entstehen. Die Kinder weichen den Problemen und Konfikten in Familie und Schule damit aus und flüchten in die Clique, die oft nur durch Tabak und Alkohol, später auch illegale Drogen zusammengehalten wird. In den letzten Jahren macht vor allem der früh einsetzende unkontrollierte Alkoholkonsum große Sorgen, der zu regelrechten Vergiftungserscheinungen vorwiegend bei Jugendlichen zwischen 12 und 16 Jahren führt.
Diese Alarmsignale zeigen, wodurch heute die meisten Krankheiten von Kindern und Jugendlichen entstehen: Der elementare Ausgleich zwischen den Anforderungen der inneren und äußeren Welt gelingt nicht, es kommt zu keinem befriedigenden Gleichgewicht von Risiko- und Schutzfaktoren. Die Folgen können die genannten Gesundheitsstörungen sein, Vorboten oftmals chronischer Krankheiten mit immer mehr psychischen und mentalen Komponenten. Viele Kinder leben heute wie kleine Erwachsene: Sie sind viel allein und müssen sich selbst managen. Sie haben häufig den gleichen Zugang zu Medien und Konsumartikeln wie ihre Eltern. Sie sind schon früh verantwortlich für ihre Schullaufbahn mit allen Folgen für die spätere Berufskarriere. Den Wertekompass, den sie in dieser komplex gewordenen Gesellschaft brauchen, müssen sie sich selbst entwickeln. Das ist zu viel für manche kleine Seele. In der stürmischen Phase der Pubertät spitzen sich diese Überforderungen dann noch weiter zu.
Wie können Eltern auf diese Herausforderung reagieren?
Meist fühlen Eltern sich entlastet, wenn sie einen Arzt finden, der auf die psychosomatische und mentale Gesundheitsstörung ihres Kindes mit medizinischer Behandlung und geeigneten Arzneimitteln einwirkt. Aber Eltern spüren zugleich, dass sie damit nicht aus der Verantwortung entlassen sind. Die eigentliche Antwort liegt darin, in die Beziehung zu ihrem Kind und in die Erziehung immer neu zu investieren.
Diese Beziehungsgestaltung ist in einer Gesellschaft mit viel Individualität und Freiheit eine komplizierte Gratwanderung zwischen Ausübung gesunder Autorität als Mutter oder als Vater und Berücksichtigung der kindlichen Bedürfnisse. Das „Erziehungsdreieck“, das jeder Vater und jede Mutter zu lösen hat, hat es in sich: Es besteht aus der richtigen Dosierung von Anerkennung, Anregung und Anleitung.
Das richtige Maß Anerkennung mit Wärme und Zuwendung ist zu finden. Nicht leicht, wenn eine Mutter oder ein Vater selbst unter voller Anspannung steht und durch das Kind beansprucht wird – aber auch dann, wenn das Kind ein geliebtes Einzelkind und die Projektion aller eigenen Wünsche ist. Erziehungsprobleme entstehen heute durch Beziehungen, in denen es einfach nicht zu der notwendigen Anerkennung und Würdigung der Persönlichkeit des Kindes kommt, aber auch durch eine „Überhitzung“ oder eine Überidentifzierung mit dem Kind, die keine emotionale Distanz für eine selbstständige Entwicklung lässt.
Das richtige Maß Anregung soll die Selbstständigkeit fördern und Impulse setzen, die dem Kind zur Weiterentwicklung helfen. Hier machen fast alle Eltern heute den Fehler, überehrgeizig auf die schulische Entwicklung zu achten und nervös auf jedes kleine Versagen zu reagieren. Überforderung und viel innerer Entwicklungsdruck entstehen deshalb schon bei Grundschulkindern. Stattdessen brauchen sie Mitdenken und Mitfühlen und ganz individuelle Unterstützung.
Die richtige Anleitung bildet den dritten Pol. Hier geht es um das Setzen von Regeln, Grenzen und Vereinbarungen, und das fällt Vätern und Müttern heute ebenfalls schwer. Die meisten versuchen, einem autoritären Stil auszuweichen und ohne feste Vereinbarungen und Sanktionen auszukommen. Dabei übersehen sie aber, dass sie damit das Kind ins Leere laufen lassen und eine verbindliche Beziehung verweigern. Richtig strafen zu lernen, wenn Vereinbarungen gebrochen wurden, das gelingt vielen Eltern nicht.
Werden diese drei Pole des „Erziehungsdreieckes“ nicht richtig eingestellt, dann leidet die Beziehung. Viele gesundheitliche Störungen der Kinder haben hier ihre Ursachen. Deshalb brauchen wir nicht nur einfühlsame Ärzte und Psychologen und gute Medikamente, sondern vor allem kompetente Eltern. Wichtig sind Elternseminare, die Tipps und Anleitungen geben, wie sie Persönlichkeit und Gesundheit ihrer Kinder fördern können.
Alle müssen mithelfen – auch in Kindergärten und Schulen sind mehr Aktivitäten zur Gesundheitserziehung und Persönlichkeitsbildung notwendig.
Viele Schulen machen bereits ermutigende Erfahrungen, indem sie Ernährung, Bewegung, Sinneskoordination und Stressbewältigung, Gewalt- und Drogenprävention in ihre Lehrpläne einbeziehen. Die Vorstellung von Gesundheit als einer gelungenen Auseinandersetzung mit den inneren und äußeren Lebensanforderungen hat sich pädagogisch durchgesetzt.
Es wird Zeit, neben den Pädagoginnen und Pädagogen auch die Eltern und dann andere Berufe in die Gesundheitsförderung für Kinder und Jugendliche mit einzubeziehen: Ärzte, Psychologen, Sozialarbeiter, Arbeitstherapeuten, Architekten, Raumgestalter, Physiotherapeuten. Besonders wichtig bei der Gesundheitsförderung sind Kindergärten, Schulen und auch Jugendzentren. Dort müssen Ärzte, Psychologen und andere Fachleute in Beratungsstunden gezielt mit den Kindern und Jugendlichen arbeiten.
Klaus Hurrelmann ist seit 2009 Senior Professor of Public Health and Education an der Hertie School of Governance in Berlin. Zuvor war es als Professor für Sozial- und Gesundheitswissenschaften lange Jahre in Lehre und Forschung an der Universität Bielefeld tätig sowie u. a. Leiter des Kooperationszentrums für Kinder- und Jugendgesundheit der Weltgesundheitsorganisation.
Prof. Dr. Klaus Hurrelmann ist Mitglied im Beirat des ABA Fachverbandes Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Sein Beitrag wurde von der „GESUNDHEIT konkret 3/2010“, dem Versichertenmagazin der BARMER GEK, veröffentlicht. Die Veröffentlichung im ABA-Netz erfolgte mit freundlicher Genehmigung der leitenden Redakteurin Doris Goedecke-Vorberg. Wir bedanken uns sehr.
NAGEL-Redaktion – Allergieschützender Stoff im Stallstaub identifiziert
Zuckermolekül aus Futterpflanzen dämpft Überreaktion des Immunsystems
Forscher haben im Stallstaub den Stoff identifiziert, der Landkinder möglicherweise vor Allergien und allergischem Asthma schützt: Arabinogalaktan, ein pflanzliches Zuckermolekül, hindert das Immunsystem an überschießenden Abwehrreaktionen, wenn es im ersten Lebensjahr in hoher Konzentration eingeatmet wird. Das Molekül kommt in großen Mengen in Futterpflanzen vor, wie Wissenschaftler im „Journal of Allergy and Clinical Immunology“ berichten.
Dass Kinder, die auf Bauernhöfen aufwachsen, seltener an Allergien und allergischem Asthma leiden, ist lange bekannt. Was sie allerdings davor schützt, war lange rätselhaft. „Die Suche nach der schützenden Substanz war wie die Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen“, erklärt Marcus Peters, Pneumologe an der Ruhr-Universität Bochum. Gemeinsam mit Kollegen aus München und Borstel analysierte er Stallstaub, der in den Stallungen von verschiedenen Bauernhöfen in Deutschland, Österreich und der Schweiz eingesammelt worden war.
Zuckermolekül Arabinogalaktan entscheidend
Die Analyse des Staubs ergab, dass er sich hauptsächlich aus pflanzlichen Bestandteilen zusammensetzt, darunter mehr als zehn Prozent Arabinogalaktan, einem großen Zuckermolekül, das sich somit als verdächtig qualifizierte. Die Forscher prüften nun, wie sich das Immunsystem von Mäusen gegenüber potenziellen Allergenen verhält, wenn Arabinogalaktan-Moleküle anwesend sind. „Es hat sich gezeigt, dass die dendritischen Zellen, die den Immunzellen schädliche Eindringlinge präsentieren, so dass diese dagegen vorgehen, in Anwesenheit von Arabinogalaktan ihr Verhalten ändern“, beschreibt Peters. „Sie produzieren dann einen bestimmten Botenstoff, der die Immunreaktion dämpft.“
Überreaktion des Immunsystems verhindert
Welche Rezeptoren der dendritischen Zellen für den Mechanismus verantwortlich sind, muss noch untersucht werden. Zuckerrezeptoren sind generell wichtig für die Erkennung von fremden Partikeln durch das Immunsystem. „Die Abschwächung der Immunreaktion auf diesem Wege ist uns nicht neu“, erklärt Peters. „Auch manche Bakterien machen sich den Mechanismus gezielt zunutze, um die Immunantwort des Wirts abzuschwächen.“ Durch Arabinogalaktan wird aber nur die übersteigerte Wachsamkeit des Immunsystems verhindert – die Abwehr von Krankheitserregern funktioniert weiterhin normal.
Dass ausgerechnet ein Gras-Bestandteil vor Heuschnupfen schützt, wundert die Forscher nicht: „Das ist eine Konzentrationsfrage“, meint Peters. „In kleineren Konzentrationen können die Pollen des Wiesenfuchsschwanzes Allergien auslösen, in großen Dosen und sehr früh im Leben aber auch verhindern. Nichts anderes als eine Dosissteigerung ist ja auch die Strategie bei der Hyposensibilisierung.“
Ob sich Arabinogalaktan zur Prophylaxe oder auch zur Therapie von Allergien und allergischem Asthma einsetzen lässt, werden die Forscher jetzt untersuchen. Denkbar wäre eine Anwendung als Spray oder Nasentropfen, da die Substanz gut wasserlöslich ist.
Ruhr-Universität Bochum vom 20. Juli 2010
NAGEL-Redaktion – Rein ins Abenteuer!



Text von Petra Sperling, Journalistin, Köln
Bilder: J. Wagner
Die Veröffentlichung erfolgte mit freundlicher Genehmigung von Annette Vorpahl, verantwortliche Redakteurin der „bleibgesund“, Mitgliederzeitschrift der AOK Westfalen-Lippe.
NAGEL-Redaktion – Zitate und Aphorismen

Lichtenberg-Grab in Göttingen (Foto: Dirk Makoschey)
2002 haben wir angefangen, den ABA-Informationsdienst als Internetmedium herauszugeben. Seit März 2003 heißt er übrigens i-Punkt.
In zahlreichen Rückmeldungen wurde uns bestätigt, häufig Zitate zu veröffentlichen, die der Fortentwicklung der Praxis und der Reflexion über selbige dienlich sind. Deshalb haben wir begonnen, hier eine Sammlung von Zitaten anzulegen; die meisten standen zuvor im i-Punkt oder auf unserer Startseite im Internet. So hat man die Möglichkeit, hilfreiche Aphorismen und Lebensweisheiten bei Bedarf wiederzufinden. Die Zitate wurden nach Stichworten, die jeweils fett abgebildet sind, geordnet.
Übrigens: Unten auf dieser Seite finden Sie erbauliche Pädagogensprüche und Zuchtreime aus Zeiten der sogenannten „Schwarzen Pädagogik“.
Viel Freude!
ABA Fachverband
NAGEL-Redaktion
Begonnen wurde diese Sammlung am 28. November 2007.
Ein guter Aphorismus ist die Weisheit eines ganzen Romans in einem einzigen Satz.
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Ein Arbeitsloser kommt ins Job-Center,
trifft am Front Desk auf den Case-Manager,
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Armut ist nicht nur Elend, Armut ist auch strafwürdig. Armut ist Makel, Armut ist Verdacht.
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Das größte Übel und das schlimmste Verbrechen ist Armut.
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Auswandern ist schwer. Einwandern ist schwerer.
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Wenn es überall so wäre wie in Bayern, hätten wir überhaupt keine Probleme. Leider haben wir nicht überall so kluge Bevölkerungsteile wie in Bayern.
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Jede einem Menschen zugefügte Beleidigung, gleichgültig, welcher Rasse er angehört, ist eine Herabwürdigung der ganzen Menschheit.
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Ich verliere nie die Beherrschung, nur manchmal kann ich sie nicht finden.
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Wenn man ein Unternehmen zerstören will, muss man nur versuchen, es mit externen Beratern in Ordnung zu bringen.
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In jedem Beruf ist der erste Schritt zum Erfolg, sich dafür zu interessieren.
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Die Bescheidenheit des menschlichen Geistes ist unersättlich.
Karl Kraus
Es ist schon so, dass wir selbst die Scheibe beschlagen, durch die wir sehen wollen.
Heinz Ludwig Greve
Ob ob es besser wird, wenn es anders wird, weiß ich nicht. Dass es anders werden muss, wenn es besser werden soll, ist gewiss.
Georg Christoph Lichtenberg
Es kann sich nur etwas bewegen, wenn Leute etwas tun wollen und aktiv werden.
Siegfried Woldhek
Ich bin weniger daran interessiert, wie sich die Menschen bewegen, als was sie bewegt.
Pina Bausch
Wer auf großen Fuße lebt, dem bezahlt man auch die größeren Stiefel.
Bert Brecht
Ich ließ mir meine Bildung nie durch die Schule beeinträchtigen.
Mark Twain
Mit Bildung haben Schulen ebenso wenig zu tun, wie Autofriedhöfe mit dem ewigen Leben.
Klaus H. Sindern
Ich würde mir gern mehr Wissen und mehr Allgemeinbildung aneignen. Schlau zu sein ist im Leben die beste Waffe.
Renée Zellweger
Diejenigen, die meist davon reden, dass wir doch alle in einem Boot sitzen, sind meist diejenigen, die sich rudern lassen.
Helmut Ruge
In dir muss brennen, was du in anderen entzünden willst.
Aurelius Augustinus
Das Land wird heute von einem Menschen regiert, der gefährlich und dumm ist. George Bush fällt aus dem Rahmen dessen, was wir unter einem sozialisierten Menschen verstehen. Er kann nicht reden. Er kann nicht lesen. Er ist Legastheniker. Und jetzt kommt das Beste: Er ist unser Präsident.
Larry Hagman (alias J.R. Ewing)
Es sind wirklich dunkle Zeiten. Ronald Reagan war geradezu ein Ausbund an Großzügigkeit und Menschenfreundlichkeit, verglichen mit der Bush-Administration. Der Druck gegen Andersdenkende ist noch immer enorm. Es ist schlimmer als unter Richard Nixon.
John Cusack
Durch Ruhe und Ordnung kann die Demokratie ebenso gefährdet werden wie durch Unruhe und Unordnung.
Hildegard Hamm-Brücher
Wie mir scheint, haben wir gar keine Demokratie, sondern eine Demoskopie.
Hans Dieter Hüsch
Demokratie ist mehr als die Erlaubnis, sich auszusuchen, wer einen verarscht.
Hagen Rether
Demokratie bedeutet Regierung mittels Gespräch – aber sie funktioniert nur, wenn du die Leute zum Schweigen bringst.
Clement Attlee
Hass und Gewalt sind immer das Ergebnis einer Demütigung, die ein Mensch bereits in der eigenen Kindheit erlebt hat. Menschen, die als Kinder Liebe und Entgegenkommen erfahren haben, werden nicht zu Attentätern, die sich der Zerstörung verschreiben.
Arno Gruen
Auf seine eigene Art zu denken, ist nicht selbstsüchtig. Wer nicht auf seine Art denkt, denkt überhaupt nicht.
Oscar Wilde
Wie kommt es, dass gerade dumme Menschen von ihren Fähigkeiten so ganz besonders überzeugt sind? Die Fähigkeiten, die Kompetenz ausmachen, sind dieselben, die auch die Grenzen der eigenen Kompetenz erkennen lassen. Wer sich also für besonders fähig hält, ist zu dumm, seine eigene Unfähigkeit zu erkennen.
Martin Urban
Ohne Geld ist die Ehre nur eine Krankheit.
Jean Baptiste Racine
Der Eigennutz spricht alle Arten von Sprachen und spielt alle Rollen, selbst die der Selbstlosigkeit.
François de La Rochefoucauld
Was aber eine Einheit bilden soll, muss der Art nach verschieden sein.
Aristoteles
Nichteinmischung ist Einmischung auf der Seite des Stärkeren.
Gabriel Laub
Es wäre besser, an der Verhütung des Elends zu arbeiten, als die Zufluchtsplätze für die elenden zu vermehren.
Denis Diderot
Auch in einem Königshaus lernt man wie die Affen: indem man die Eltern beobachtet.
Prinz Charles
Wer dauernd Endgültiges zu sagen hat, kommt über Plattitüden nicht hinaus.
Günter Grass
Wenn es so weiter geht, dann können die Deutschen in zehn Jahren nicht mehr richtig Deutsch und noch nicht richtig Englisch.
Walter Jens
Die wahre Entdeckungsreise besteht nicht darin, neue Landschaften zu suchen, sondern mit neuen Augen zu sehen.
Marcel Proust
Im Fasching pflegen sich bereits viele zu entlarven, wenn sie in ein Kostüm schlüpfen.
Sigmund Graff
Alles Wissen stammt aus der Erfahrung.
Immanuel Kant
Der größte Feind der Erkenntnis ist nicht die Unwissenheit. es ist vielmehr die Illusion von Erkenntnis.
Stephen Hawking
Der Wissenschaftler ist verantwortlich für die Erklärung seines Wissens, nicht aber dafür, wie dieses Wissen angewendet wird.
Edward Teller
Erziehen kann man einen Menschen zu einem guten Bürger, zu einem tapferen Soldaten, zu einem frommen Juden, Katholiken, Protestanten, Atheisten, ja sogar zu einem frommen Psychoanalytiker, nicht aber zu einem lebendigen und freien Menschen.
Alice Miller
Ich fürchte, unsere allzu sorgfältige Erziehung liefert uns nur Zwergobst.
Georg Christoph Lichtenberg
Es gibt keine andere vernünftige Erziehung als Vorbild sein, wenn’s nicht anders geht – ein abschreckendes.
Albert Einstein
Ruhig und langsam die Natur sich selbst helfen lassen und nur sehen, dass die umgebenden Verhältnisse die Arbeit der Natur unterstützen, das ist Erziehung.
Ellen Key
Jede Kindererziehungspraxis in der Geschichte wird im erwachsenen politischen Verhalten wieder aufgeführt.
Lloyd deMause
Manch einer gelangt deshalb an die Spitze, weil er keine Fähigkeiten besitzt, derentwegen man ihn unten behalten möchte.
Peter Ustinov
Vergib deinen Feinden, aber vergiss niemals ihre Namen!
John F. Kennedy
Leute, die sich die Finger verbrennen, verstehen nichts von Spiel mit dem Feuer.
Oscar Wilde
Wer fliegen lernen will, muss zuerst mit beiden Beinen auf dem Boden stehen.
Friedrich Nietzsche
Egal, wie gut du bist, wenn du nicht richtig gefördert wirst, wird dein Name nicht zu denen gehören, an die man sich erinnern wird.
Andy Warhol
Der Mensch ist nicht frei, wenn er einen leeren Geldbeutel hat.
Lech Walesa
Freiheit ist immer Freiheit der anders Denkenden.
Rosa Luxemburg
Falls Freiheit überhaupt irgendetwas bedeutet, dann bedeutet sie das Recht darauf, den Leuten das zu sagen, was sie nicht hören wollen.
George Orwell
Das Leben zwingt den Menschen zu allerlei freiwilligen Handlungen.
Stanisław Jerzy Lec
Fremd ist für mich nicht das Gegenteil von bekannt, sondern das Gegenteil von vertraut.
Herta Müller
Das Land, das die Fremden nicht beschützt, geht bald unter.
Johann Wolfgang von Goethe
Friede ist niemals durch Koexistenz, sondern nur in Kooperation.
Karl Jaspers
Ich möchte mich oft so gern in einen Ozean von Gedanken verlieren, und immer bleibt es nur ein kleiner Bach, den ich mit einem Schritte überspannen kann.
Karl Philipp Moritz
Selbst im Falle einer Revolution würden die Deutschen sich nur Steuerfreiheit, nie Gedankenfreiheit zu erkämpfen suchen.
Friedrich Hebbel
Die größte Gefahr im Leben ist, dass man zu vorsichtig wird.
Alfred Adler
Keiner hat das Recht, zu gehorchen.
Hannah Arendt
Der Maßstab, den wir an die Dinge legen, ist das Maß unseres eigenen Geistes.
Marie von Ebner-Eschenbach
Woher das Geld kommt, ist unbekannt. Es ist da oder nicht da. Meistens nicht da.
Kurt Tucholsky
Wie handle ich gerecht und fair in einem ungerechten und unfairen System?
Hartmut von Hentig
Das Leben ist nie gerecht, und für die meisten von uns ist das auch gut so.
Oscar Wilde
Seien Sie vorsichtig mit Gesundheitsbüchern – Sie könnten an einem Druckfehler sterben.
Mark Twain
Gewalt bringt vergängliche Siege; Gewalt hat mehr soziale Probleme zur Folge als sie löst und schafft niemals dauerhaften Frieden.
Martin Luther King
Denke nicht ans Gewinnen, doch denke darüber nach, wie man nicht verliert.
Gichin Funakoshi
Handle niemals gegen das Gewissen, selbst wenn der Staat es fordert.
Albert Einstein
Wer nichts weiß, muss alles glauben.
Marie von Ebner-Eschenbach
Wenn wir von Glück oder Unglück sprechen, so täuschen wir uns stets, weil wir nach den Verhältnissen und nicht nach den Personen urteilen. Eine Lage ist nie unglücklich, wenn man Gefallen an ihr findet. Und wenn wir von einem Menschen sagen, er sei unglücklich in seiner Lage, so meint dies nichts anderes, als dass wir unglücklich wären, wenn wir bei unserer organischen Beschaffenheit an seiner Stelle wären.
Charles de Montesquieu
Glücksfälle sind nur möglich, wenn ihnen keine Prinzipien im Weg stehen.
Chuang-tzu
Wenn wir mit Gott sprechen, beten wir. Wenn Gott zu uns spricht, sind wir schizophren.
Lily Tomlin
Der einzige Weg zur Erlösung ist der gerade, göttliche Weg. Anderenfalls wird Gottes machtvolle Hand aus dem Ärmel der unterdrückten Völker kommen und Euch das Leben schwermachen.
Mahmud Achmadinedschad
Unsere Generation wird nicht so sehr die Untaten böser Menschen zu beklagen haben als vielmehr das erschreckende Schweigen der Guten.
Martin Luther King
Wer auf großem Fuße lebt, dem bezahlt man auch die größeren Stiefel.
Bert Brecht
Wer aufhört, besser sein zu wollen, hat aufgehört, gut zu sein.
Oliver Cromwell
Das Gegenteil der Heiligen sind nicht die Sünder, sondern die Scheinheiligen.
Glenn Close
Man sollte seinen Helden nie begegnen; nicht, weil sie einen enttäuschen, sondern weil man selbst sie verraten wird. Judas war der erste Fan.
Julie Burchill
Den Himmel überlassen wir den Engeln und den Spatzen.
Heinrich Heine
Verbringe die Zeit nicht mit der Suche nach einem Hindernis, vielleicht ist keines da.
Franz Kafka
Wenn eine Idee nicht auf den ersten Augenblick absurd erscheint, taugt sie nichts.
Albert Einstein
Wenn es eine gute Idee ist, dann mach es einfach. Es ist viel einfacher, sich nachher zu entschuldigen, als vorher die Genehmigung zu bekommen.
Grace Hopper
Wenn ich 1.000 Ideen hätte und nur eine sich als gut erweisen würde, wäre ich zufrieden.
Alfred Nobel
Ich brauche Informationen. Eine Meinung bilde ich mr selbst.
Charles Dickens
Gute Informationen sind schwer zu bekommen. Noch schwerer ist es, mit ihnen etwas anzufangen.
Arthur Conan Doyle
Intelligenz ist die Fähigkeit, seine Umgebung zu akzeptieren.
William Faulkner
Der Nachteil der Intelligenz besteht darin, dass man ununterbrochen gezwungen ist, dazuzulernen.
George Bernard Shaw
Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.
Sokrates (ca. 400 v. Chr.)
Das Wunderbare an dieser Jugend: dass sie mit dieser Welt, die wir ihnen präsentieren, nicht zufrieden ist.
Erwin Ringel
Jugend kann nicht wissen, wie Alter sich fühlt, aber wir machen uns schuldig, wenn wir vergessen, wie man sich als Kind oder Jugendlicher fühlt.
Joanne K. Rowling
Spätestens mit 60 Jahren muss sich der Mensch entscheiden, ob er seine Jugend oder sein Leben verlängern will.
Alfred Charles Kinsey
Die Zukunft gehört der Jugend – sobald diese alt ist.
Stanisław Jerzy Lec
Es ist absurd, von der Unwissenheit der Jugend zu sprechen. Die einzigen, deren Ansichten ich mir noch mit einer gewissen Achtung anhöre, sind Leute, die viel jünger sind als ich. Sie scheinen mir voraus zu sein.
Oscar Wilde
Das Recht des Stärkeren wird ihnen doch in der Gesellschaft vorgelebt, sodass man schon die Frage stellen darf, wer eigentlich brutaler ist, die Jugendlichen in Neukölln oder so mancher Manager, wo es oft gleichzeitig um Aktiengewinne in Millionenhöhe und um Vernichtung von Arbeitsplätzen geht. Das ist doch das große Thema in unserer Gesellschaft, da wird Radikalität vorgelebt bis zum Exzess.
Detlev Buck
Der Kapitalismus basiert auf der merkwürdigen Überzeugung, dass widerwärtige Menschen aus widerwärtigen Motiven irgendwie für das allgemeine Wohl sorgen werden.
John Maynard Keynes
Der Kapitalismus ist ungesund, sogar für Kapitalisten.
Ernst Bloch
Das Ich in der Westwelt hat zu jenem Kapitalismus geführt, der in seiner gefährlichen und verblödeten Form derzeit scheinbar alternativlos vor sich hin wütet.
Ulla Unseld-Berkéwicz
Das Mindeste, was ich von einem Kind erwarte, ist, dass es Unsinn macht.
Gerhard Polt
Als Kind ist jeder ein Künstler. Die Schwierigkeit liegt darin, als Erwachsener einer zu bleiben.
Pablo Picasso
Dein Kind ist nicht dein Besitz. Das wirst du spätestens feststellen, wenn du versuchst, es zu verkaufen.
Ruth Rendell
Es gibt kein problematisches Kind, es gibt nur problematische Eltern.
Alexander Sutherland Neill
Gib Kindern Bretter, und sie bauen eine Hütte. Gib Kindern eine Hütte, so machen sie daraus Bretter.
Toni Anderfuhren
Kinder sind weise. Auf Liebe antworten sie mit Liebe und auf Hass mit Hass.
Alexander S. Neill
Alle unsere Irrtümer übertragen wir auf unsere Kinder, in denen sie untilgbare Spuren hinterlassen.
Maria Montessori
Kinder müssen die Dummheiten der Erwachsenen ertragen, bis sie groß genug sind, sie selbst zu machen.
Jean Anouilh
Ich glaube nicht, dass Gefahr besteht, dass freie Kinder sich so schlecht benehmen wie die heutigen Erwachsenen, die sich schlecht benehmen, weil sie niemals frei waren.
George Bernard Shaw
An den Frieden denken heißt, an die Kinder denken.
Michail Gorbatschow
Die Annahme, die Kinder des elektronischen Zeitalters würden die Regeln des zivilen Zusammenlebens per Mausklick lernen, ist absurd.
Peter Schneider
Kinder, wenn sie sich Geschichten ausdenken, sind Regisseure, die sich vom „Sinn“ nicht zensieren lassen.
Walter Benjamin
Wir können die Kinder nach unserm Sinne nicht formen.
Johann Wolfgang von Goethe
Kinder sind ein guter Hundeersatz.
Katharina Rutschky
Gestern ist etwas Furchtbares geschehen: 16.000 Kinder sind gestorben. Die Todesursache: Sie hatten nichts zu essen. Und warum kam das noch nicht durch die Nachrichten? Weil das jeden Tag passiert.
Werner Thissen
Wir reden viel über Kinder, die nicht da sind, und kümmern uns zu wenig um die, die wir haben.
Karl-Josef Laumann
Wir müssen uns darum bemühen, das wahre menschliche Niveau wiederzufinden, indem wir den Kindern erlauben, sich ihrer schöpferischen Kräfte zu bedienen.
Maria Montessori
Dass wir wieder wie Kinder werden, ist wohl eine unerfüllbare Forderung. Aber wir können zu verhüten versuchen, dass die Kinder werden wie wir.
Erich Kästner
Alles, was mit Kindern zu tun hat, soll billig sein und aus reiner Menschenliebe angeboten werden.
Andreas Steinhöfel
Einem Menschen, den Kinder und Hunde nicht leiden können, ist nicht zu trauen.
Carl Hilty
„Man erstickt den Verstand der Kinder unter einem Ballast unnützer Kenntnisse.“
Voltaire
In meiner Kindheit bin ich durch Karl May an Kanada gekommen. Damals war ich sieben Jahre alt. Heute ist das anders.
Heinrich Lübke
Bevor ich heiratete, hatte ich sechs Theorien über Kindererziehung. Jetzt habe ich sechs Kinder und keine Theorie.
John Wilmot, 2. Earl of Rochester
Einer der großen Mythen des Lebens ist, dass die Kindheit schnell vergeht. In Wirklichkeit vergeht die Zeit in der Welt des Kindes langsamer – fünfmal langsamer in einem Klassenzimmer an einem heißen Nachmittag, achtmal langsamer auf einer über sieben Kilometer langen Autofahrt, und während der letzten Woche vor Geburtstagen, Weihnachten und den Sommerferien vergeht die Zeit sogar so langsam, dass sie praktisch gar nicht mehr messbar ist. Die Kindheit dauert Jahrzehnte. Das Erwachsenenleben dagegen, das ist im Handumdrehen vorbei.
Bill Bryson
In strukturschwachen Gebieten stehen am Sonntag zur besten Gottesdienstzeit noch genau drei Fahrzeuge vor der Kirche: ein älterer Kombi des Organisten, ein Fahrrad des Pfarrers und ein Rollator für die Gemeinde.
Robert Niemann
Ein Kluger bemerkt alles. Ein Dummer macht über alles eine Bemerkung.
Heinrich Heine
Der Vorteil der Klugheit besteht darin, dass man sich dumm stellen kann. Das Gegenteil ist schon schwieriger.
Kurt Tucholsky
Die größte Kraft auf der Welt ist das Pianissimo.
Maurice Ravel
Jeder Mensch braucht nicht nur Wissen, sondern er braucht auch Kreativität; er muss lernen, eigene Einfälle zu haben, Dinge zu tun, die man ihm nicht beigebracht hat. Man muss ihm eine Haltung vermitteln, selbst Lösungen zu finden.
Robert Jungk
Krieg ist nicht – und ich wiederhole – Krieg ist nicht die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Im Gegenteil, er stellt immer ein katastrophales Versagen politischen Könnens und Vorstellungsvermögens dar.
Kofi Annan
Eine Krise kann jeder Idiot haben. Was uns zu schaffen macht, ist der Alltag.
Anton Tschechow
Mit Politik kann man keine Kultur machen, aber vielleicht mit Kultur Politik.
Theodor Heuss
Aufgabe von Kunst heute ist es, Chaos in die Ordnung zu bringen.
Theodor W. Adorno
Solange ich lebe, muss ich damit rechnen, dass ich weiterlebe.
Edgar Reitz
Wer leben will, der muss was tun.
Wilhelm Busch
Wo alles auf Leistung eingestellt ist, wird selbst das Vergnügen zur Schwerstarbeit.
Martin Kessel
Lernen ist wie Rudern gegen den Strom. Hört man damit auf, treibt man zurück.
Laotse (Laozi)
So mancher meint, er sei liberal geworden, nur weil sich die Richtung seiner Intoleranz geändert hat.
Wieslaw Brudzinski
Liebe ist die Fähigkeit, Ähnliches an Unähnlichem wahrzunehmen.
Theodor W. Adorno
Es gibt keine einfachen Lösungen für sehr komplizierte Probleme. Man muss den Faden geduldig entwirren, damit er nicht reißt.
Michail Gorbatschow
Der Zweck der Verfolgung ist die Verfolgung. Der Zweck der Folter ist die Folter. Der Zweck der Macht ist die Macht.
George Orwell
Was man nicht liebt, kann man nicht machen.
Johann Wolfgang von Goethe
Der ideale Manager ist ein Mann, der genau weiß, was er nicht kann, und sich dafür die richtigen Leute holt.
Philip Rosenthal
Wer im Verkehr mit Menschen die Manieren einhält, lebt von seinen Zinsen, wer sich über sie hinwegsetzt, greift sein Kapital an.
Hugo von Hofmannsthal
Jeder muss den Mut zu seiner eigenen Meinung haben.
Wilhelm von Humboldt
Sieh, dass du Mensch bleibst. Menschsein ist die Hauptsache. Und das heißt fest und klar und heiter sein, ja heiter, trotz alledem.
Rosa Luxemburg
Der Mensch wird als Genie geboren und stirbt als Idiot.
Charles Bukowski
Der junge Mensch braucht seinesgleichen, nämlich Tiere, überhaupt Elementares, Wasser, Dreck, Gebüsch, Spielraum. Man kann ihn auch ohne das alles aufwachsen lassen, mit Teppichen, Stofftieren oder auf asphaltierten Straßen und Höfen. Er überlebt es, doch man soll sich dann nicht wundern, wenn er später bestimmte soziale Grundleistungen nie mehr erlernt, zum Beispiel ein Zugehörigkeitsgefühl zu einem Ort und einer Initiative.
Alexander Mitscherlich
Seltsam ist unsere Situation hier auf Erden. Jeder von uns kommt zu einem kurzen Besuch, ohne zu wissen, warum, und doch anscheinend manchmal, um einen Zweck zu erfüllen. Es gibt jedoch eines, das wir mit Sicherheit wissen: Der Mensch ist hier um der anderen Menschen willen – vor allem für jene, von deren Lächeln und Wohlergehen unser eigenes Glück abhängt.
Albert Einstein
Es ist richtig, wenn Politiker immer wieder behaupten: „Der Mensch ist Mittelpunkt.“ Falsch ist nur die Schreibweise. Gemeint ist: Der Mensch ist Mittel.-Punkt.
Dieter Hildebrandt
Nicht alles Moderne ist gut, aber was gut ist, ist auch modern.
Marcel Reich-Ranicki
Mögen täten wir schon wollen, aber dürfen haben wir uns nicht getraut.
Karl Valentin
Der Moralist pflegt seiner Epoche keinen Spiegel vorzuhalten, sondern einen Zerrspiegel.
Erich Kästner
Die Kunst der Mitarbeiterführung ist es, den Mitarbeiter so schnell über den Tisch zu ziehen, dass er die Reibungswärme als Nestwärme empfindet.
Autor leider unbekannt
Nachrichtensprecher fangen stets mit einem „Guten Abend“ an und brauchen dann 15 Minuten, um zu erklären, dass es kein guter Abend ist.
Rudi Carrell
Das Nein, das ich endlich sagen will, ist hundertmal gedacht, still formuliert, nie ausgesprochen. Es brennt im Magen, nimmt mir den Atem, wird zwischen meinen Zähnen zermalmt und verlässt als freundliches Ja meinen Mund.
Peter Turrini
Ich habe keine besondere Begabung, ich bin nur leidenschaftlich neugierig.
Albert Einstein
Objektivität ist die Wahnvorstellung, Beobachtungen könnten ohne Beobachter gemacht werden.
Heinz von Foerster
Patriotismus ist eine gefährliche, psychopathische Form des Schwachsinns.
George Bernard Shaw
Die Voraussetzung für einen freien Staat ist ein Maximum an Öffentlichkeit.
Karl Jaspers
Ich bin Pessimist für die Gegenwart, aber Optimist für die Zukunft.
Wilhelm Busch
Pessimisten sind die wahren Lebenskünstler. Sie erleben dauernd angenehme Überraschungen.
Marcel Proust
Politik ist die Unterhaltungsabteilung der Wirtschaft.
Frank Zappa
Probleme sind Gelegenheiten, zu zeigen, was man kann.
Duke Ellington
Am meisten Energie vergeudet der Mensch mit der Lösung von Problemen, die niemals auftreten werden.
William Somerset Maugham
Wie vieles wurde schon ruiniert, um eine Handvoll Propheten zufriedenzustellen.
Peter Härtling
Die Abneigung der Deutschen gegen Provinzialismus, gegen das Alltägliche, das eigentlich das Soziale und Humane ist, ist eben provinzlerisch.
Heinrich Böll
Provokation ist das Prinzip der Lebendigkeit.
Michel Piccoli
Puritaner handeln nach dem Motto: Keinmal und nicht wieder.
Harold Pinter
Man kann nur dann große Mengen von Menschen umbringen, wenn man es im Namen absoluter Rechtschaffenheit tut.
Robert Jay Lifton
Regieren ist keine Sache für Leute von Charakter und Erziehung.
Aristophanes
Nicht, was du bisher wussest, kann dich bereichern, sondern nur das, was du bisher nicht wussest!
Peter Altenberg
Leidet ein Mensch an einer Wahnvorstellung, so nennt man es Geisteskrankheit. Leiden viele Menschen an einer Wahnvorstellung, dann nennt man es Religion.
Robert Maynard Pirsig
Der Religion ist nur das Heilige wahr, der Philosophie nur das Wahre heilig.
Ludwig Feuerbach
Es ist viel wertvoller, stets den Respekt der Menschen als gelegentlich ihre Bewunderung zu haben.
Jean Jacques Rousseau
Diejenigen, die friedfertige Revolutionen verhindern, machen gewalttätige unausweichlich.
John F. Kennedy
Das größte Risiko auf Erden laufen die Menschen, die nie das kleinste Risiko eingehen wollen.
Bertrand Russell
Wenn der Deutsche hinfällt, dann steht er nicht auf, sondern schaut, wer schadenersatzpflichtig ist.
Kurt Tucholsky
Schaun mer mal!
Franz Beckenbauer
Jeder Mensch hat die Anlage, schöpferisch zu arbeiten. Die meisten merken es nur nicht.
Truman Capote
Alles Schöpferische ist unvoraussehbar.
Karl Jaspers
Alles, was man dir in der Schule beigebracht hat, ist Blödsinn.
Orson Welles
Als ich fünf Jahre alt war, hat meine Mutter immer gesagt, dass Glücklichsein das wichtigste im Leben sei. Als ich in die Schule kam, wurde ich gefragt, was ich sein will, wenn ich groß bin. Ich schrieb: „Glücklich!“ Sie meinten, ich hätte den Arbeitsauftrag nicht verstanden. Ich sagte ihnen, sie hätten das Leben nicht verstanden.
John Lennon
Wer das Leben für eine Schule hält, braucht Nachhilfe.
Heinrich Zille
Sollte ich jemals wieder unterrichten, dann in keiner deutschen Schule!
Lea Fleischmann
Eine gute Schwäche ist besser als eine schlechte Stärke.
Charles Aznavour
Schweigen ist das einzige Argument, das sich nicht widerlegen lässt.
Christine Brückner
Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.
Ludwig Wittgenstein
Es ist schon so, dass wir selbst die Scheibe beschlagen, durch die wir sehen wollen.
Heinz Ludwig Greve
Wir haben einen Begriff ins Wörterbuch geschmuggelt, der nicht hineingehört: Selbstaufopferung. Er beschreibt etwas, das es gar nicht gibt.
Mark Twain
Sicher ist, dass nichts sicher ist. Und das ist nicht sicher.
Joachim Ringelnatz
Sicherheit erreicht man nicht, indem man Zäune errichtet, sondern indem man Tore öffnet.
Urho Kaleva Kekkonen
Die Sinne sind uns Brücke vom Unfassbaren zum Fassbaren.
August Macke
Sie werden es nicht glauben, aber es gibt soziale Staaten, die von den Klügsten regiert werden; das ist bei den Pavianen der Fall.
Konrad Lorenz
Gute Spiele kann man nicht im Voraus planen, sie entstehen nur, wenn wir ohne Absicht und zum Spaß mit den Kindern spielen.
John Holt
Ich bin mit der Vorstellung aufgewachsen, dass Spielen synonym mit Arbeiten ist.
Sacha Guitry
Etwas Gescheiteres kann einer doch nicht treiben in dieser schönen Welt, als zu spielen.
Henrik Ibsen
Bäume und Blumen sprechen zu uns, aber viel zu sagen haben sie nicht.
Camilla Mountbatten-Windsor, Herzogin von Cornwall und Rothesay, geschiedene Parker Bowles
Die perfekte Stadt wäre diejenige, die der Umwelt ebenso viel gibt, wie sie von ihr nimmt.
Richard Rogers
Statistiken haben für Politiker die gleiche Bedeutung wie Straßenlaternen für Betrunkene: Sie dienen weniger der Erleuchtung als vielmehr der Aufrechterhaltung des eigenen Standpunkts.
Roland Koch
Jetzt ist es zu spät, um jung zu sterben.
Annette Humpe (zum 60. Geburtstag)
Bei jedem Streit ziehe die Versöhnung selbst dem leichtesten Siege vor.
Georg Christoph Lichtenberg
Taktik ist so etwas wie auf den Hund gekommene Intelligenz.
François de La Rochefoucauld
Der Homo sapiens ist praktisch einzigartig im Reich der Lebewesen, was das Fehlen instinktiver Schutzvorkehrungen gegen das Töten von Artgenossen betrifft.
Arthur Koestler
Toleranz ist das unbehagliche Gefühl, der Andere könnte am Ende vielleicht doch noch recht haben.
Robert Lee Frost
Die sieben Todsünden der modernen Gesellschaft: 1. Reichtum ohne Arbeit, 2. Genuss ohne Gewissen, 3. Wissen ohne Charakter, 4. Geschäft ohne Moral, 5. Wissenschaft ohne Menschlichkeit, 6. Religion ohne Opferbereitschaft und 7. Politik ohne Prinzipien.
Mahatma Gandhi
Unsere Träume können wir erst dann verwirklichen, wenn wir uns entschließen, daraus zu erwachen.
Josephine Baker
Wenn einer allein träumt, ist es nur ein Traum. Wenn viele gemeinsam träumen, ist es der Anfang einer neuen Wirklichkeit.
Friedensreich Hundertwasser
Man soll die Dinge nicht so tragisch nehmen, wie sie sind.
Karl Valentin
Ängstlich zu sinnen und zu denken, was man hätte tun können, ist das Übelste, was man tun kann.
Georg Christoph Lichtenberg
Ich begreife, wie man ein Tyrann sein kann; aber nicht, wie das einer einen ganzen Tag lang sein kann.
Jean Paul
Allein mit SMS kann man heute auch nicht mehr überleben. Auch das muss ich noch lernen.
Angela Merkel
Der Versuch, jemanden von etwas zu überzeugen, ist ein guter Weg, ihn ganz davon abzubringen.
Michael Kahn
Wir können froh sein, dass so viel Unterricht ausfällt, sonst wäre die Zahl der Schülerselbstmorde noch höher.
Marga Bayerwaltes
Vegetarier leiden nur deshalb an keinem Eiweißmangel, weil beim Mähen und Dreschen so viele Hasen, Mäuse und Schnecken mitverarbeitet werden.
Nikolaas Tinbergen
In einer sich so schnell verändernden Welt kann nur bewahren, wer zum Verändern bereit ist. Wer nichts verändern will, wird auch das verlieren, was er bewahren möchte.
Gustav Heinemann
Das Zeichen des Untertans bildet der Verzicht auf eigene Verantwortung.
Heinrich Mann
Verantwortung ist der Preis, den wir alle für unsere Freiheit bezahlen müssen.
Edith Hamilton
Uns etwas zu verbieten heißt uns danach lüstern machen.
Michel de Montaigne
Ich vergesse das meiste, was ich gelesen habe, so wie das, was ich gegessen habe, ich weiß aber soviel, beides trägt nichtsdestoweniger zur Erhaltung meines Geistes und meines Leibes bei.
Georg Christoph Lichtenberg
Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon vorher verloren.
Max Schmeling
Eine Versicherung ist etwas, was man eigentlich nie brauchen müssen möchte, aber doch einfach wollen muss, weil man sie immer brauchen tun könnte.
Karl Valentin
Ich mache nicht nur leere Versprechungen, ich halte mich auch daran. (*)
Edmund Stoiber
Das Kind hat seinen Verstand meistens vom Vater, weil die Mutter ihren noch besitzt.
Gloria Seymour
Vieles hätte ich verstanden, wenn man es mir nicht erklärt hätte.
Stanisław Jerzy Lec
Erkläre mir, und ich vergesse. Zeige mir, und ich erinnere. Lass es mich tun, und ich verstehe.
Konfuzius
Es fällt immer auf, wenn jemand über Dinge redet, die er versteht.
Helmut Käutner
Die Aufgabe, ihr Volk zu vertreten, fällt den Mittelmäßigen zu, nicht den Genies.
Curzio Malaparte
Nachdenken, Reden, Schreiben sind und bleiben Behelfsmäßigkeiten, das Vorgefallene treffen werden sie nie, nicht einmal ungefähr.
Herta Müller
Ein Mensch bekommt Schuldgefühle, wenn er Menschen verletzt. Aber ein Bürokrat bekommt nur Schuldgefühle, wenn er Vorschriften verletzt.
Regine Hildebrandt
Es ist schwieriger ein Vorurteil als ein Atom zu zerstören.
Albert Einstein
Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners.
Heinz von Foerster
Die Wahrheit ist selten so oder so. Meistens ist sie so und so.
Geraldine Chaplin
Keiner, der für eine Lüge geschlagen wurde, hat dadurch die Wahrheit lieben gelernt.
Ellen Key
Nichts ist verblüffender als die einfache Wahrheit, nichts exotischer als unsere Umwelt, nichts ist phantasievoller als die Sachlichkeit. Und nichts Sensationelleres gibt es in der Welt als die Zeit, in der man lebt!
Egon Erwin Kisch
Scherz ist die drittbeste Tarnung. Die zweitbeste: Sentimentalität. Was unser Sepp so erzählt: Kindheit bei Köhlern im Wald, Waisenhaus, Zirkus und so. Aber die beste und sicherste Tarnung ist immer noch die nackte und blanke Wahrheit. Komischerweise. Die glaubt niemand.
Max Frisch
Bei fast allen Konflikten in der Welt, wo Leute einander die Köpfe einschlagen, geht es um einzige Wahrheiten. Ich möchte Wahrheit im Plural finden, das versuche ich immer wieder.
Alfred Brendel
Ein Mensch ist immer das Opfer seiner Wahrheiten.
Albert Camus
Wir sind auf dem Weg zum Mond. Das ist nicht weit. Der Mensch muss auf dem Weg in sich selbst sehr viel weiter gehen.
Anaïs Nin
Kein vernünftiger Mensch ist ohne einen Funken von Wahnsinn.
François de La Rochefoucauld
„Wenn wir uns nicht verlaufen, werden wir nie einen neuen Weg finden.“
Joan Littlewood
Wein saufen ist Sünde, Wein trinken ist beten. Lasset uns beten!
Theodor Heuss
Weise ist, wer seine Existenz eintönig gestaltet, denn dann besitzt jeder kleine Zwischenfall das Privileg eines Wunders.
Fernando Pessoa
Die gründlich gewandelten Lebensverhältnisse bringen keine neuen Werte hervor, sondern machen die gewohnten und eingeübten Mittel zu ihrer Erreichung und Sicherung untauglich.
Hartmut von Hentig
Was wir wissen ist ein Tropfen, was wir nicht wissen – ein Ozean.
Sir Isaac Newton
Das menschliche Wissen ist dem menschlichen Tun davongelaufen, das ist unsere Tragik.
Friedrich Dürrenmatt
Wissenschaftler neigen manchmal dazu, die Ostereier zu suchen, die sie zuvor selbst versteckt haben.
Joachim Bauer
Nichts ist unsozialer als der Wohlfahrtsstaat, der die menschliche Verantwortung erschlaffen und die individuelle Leistung sinken lässt.
Ludwig Erhard
Verwende nie ein neues Wort, sofern es nicht drei Eigenschaften besitzt: Es muss notwendig, es muss verständlich und es muss wohlklingend sein.
Voltaire
Selig der Mann, der nichts zu sagen hat und davon absieht, diese Tatsache durch Worte zu beweisen.
George Eliot
Man kann mit Worten allein die Realitäten nicht verändern, aber erhebliche Dynamik erzeugen in Richtung einer Veränderung.
Günter Verheugen
Die Zensur ist die jüngere von zwei schändlichen Schwestern, die ältere heißt Inquisition.
Johann Nestroy
Die gefährlichste Form der Zensur ist die Schere im eigenen Kopf.
Curzio Malaparte
Fleiß für die falschen Ziele ist noch schädlicher als Faulheit für die richtigen.
Peter Bamm
Je mehr Bürger mit Zivilcourage ein Land hat, desto weniger Helden wird es einmal brauchen.
Franca Magnani
Kopie und Zitat bleiben die höchste Form der Anerkennung.
David („Dave“) Gahan
Manche Leute braucht man nicht zu parodieren. Es genügt, dass man sie zitiert.
Robert Neumann
Zuhören ist eine leise, aber elementare Äußerung guten Benehmens.
Thaddäus Troll
(*) Die schönsten Zitate von Edmund Stoiber
Lesen liecht gmeacht
Nach eienr Stidue der Cmabrigde Uinverstiaet ist es eagl, in wlehcer Reiehnfogle die Bchustebaen in Woeretrn vokrmomen. Es ist nur withcig, dsas der ertse und lettze Bchusatbe an der ricthgien Stlele snid. Das ist, wiel das mneschilche Geihrn nicht jeden Bchustbaen liset, sodnern das gazne Wort. Krsas, oedr?
Emial ubnkaennter Hekrufnt – verberitet von der Farnfkutrer Rnduhscau am 20. Setpebmer 2003. Die FR üebrmnimt für die Rihtcikgiet kniee Gweähr. Wir acuh nhcit.
i-Punkt 10/2003
(*) Die schönsten Zitate von Edmund Stoiber
Pädagogensprüche und Zuchtreime

Repro: Rainer Deimel
1977 veröffentlichte Katharina Rutschky das Buch „Schwarze Pädagogik: Quellen zur Naturgeschichte der bürgerlichen Erziehung“. Seitdem werden unter dem Begriff Schwarze Pädagogik Erziehungsmethoden gemeint, die gewalttätig und einschüchternd eingesetzt werden. Weitergehend beschäftigte sich auch Alice Miller mit den Methoden der Schwarzen Pädagogik.

Repro: Rainer Deimel
Ob die Schwarze Pädagogik zwischenzeitlich überwunden wurde, scheint zumindest zweifelhaft. Neben nach wie vor zu beobachtenden Demütigungen von Kindern in der Schule, Misshandlungen zu Hause oder der Versuch „wohlmeindender“ Eltern, ihre Kinder in ihren lebensnotwendigen Erfahrungen massiv zu behindern („Geh‘ da nicht dran!“, „Lass das, du kannst das nicht!“, „Sei vorsichtig!“ pp.), sind solche Zweifel indiziert. Vor allem der letztgenannte Hinweis darauf, dass Kinder in zunehmendem Maße die Botschaft entgegen zu nehmen haben, sie seien inkompetent, muss geradezu zwangsläufig verheerende Wirkungen zeitigen. Solche Phänomene wollen wir an dieser Stelle nicht weiter vertiefen. Allerdings wollen wir Ihnen die „schönsten“ uns bekannten Pädagogensprüche und Zuchtreime hier nicht vorenthalten. Vielleicht kennen Sie sie ja auch noch, möglicherweise aus dem gegenwärtigen Alltag.

Repro: Rainer Deimel
● „Morgen, Morgen, nur nicht heute“, sagen alle faulen Leute.
● Wer nicht hören will, muss fühlen!
● Trocken Brot macht Backen rot.
● Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.
● Messer, Schere, Gabel, Licht ist für kleine Kinder nicht.
● Wer beim Glockenläuten eine Fratze schneidet, behält sie sein Lebtag.
● Wer nicht kommt zur rechten Zeit, der muss essen, was übrig bleibt.
● Geschenkt bleibt geschenkt, abgenommen in die Hölle gekommen.
● Es stieg ein Büblein auf einen Baum, oh so hoch, man sah es kaum, schlüpfte von Ast zu Ästchen, hüpft zum Vogelnestchen, hei, da lacht es, ei, da kracht es, plumps, da lag es unten.
● Fragt das neugierige Kind: „Warum?“, antwortet man kurz: „Darum!“
● Mädchen, die pfeifen, und Hähnen, die krähen, denen soll man beizeiten die Hälse umdrehen.
● Wenn die Mädchen pfeifen, dann weinen die Engel im Himmel.
● Ene dene Tintenfaß, geh in die Schule und lerne was, wenn du was gelernet hast, komm nach Haus und sag mir was. Kommst du heim und kannst du nix, kriegst du mit der Rute Wichs.
● Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht!

Repros: Rainer Deimel
Die vorstehenden Repros entstammen einem handgefertigten Büchlein, einem Unikat, produziert von einer Tante des Redakteurs während ihrer Schulzeit in den 1950er-Jahren. Das Büchlein konnte erfreulicherweise bis heute „gerettet“ werden.
NAGEL-Redaktion – Wohnen mit Kindern

Grafik: Daniel Fritsche, Dortmund
Bereits im vergangenen Jahr hatten wir angekündigt, das Thema „Wohnen mit Kindern“ ab 2010 zugänglich zu machen. Bearbeitet haben wir das Thema auf mehreren Arbeitstagungen des ABA-Sprecherrats. In den letzten Jahren spielte es auf breiter Ebene kaum eine Rolle. Das wollen wir mit Hilfe dieses Angebots ändern. Umso interessanter finden wir dies, zumal sich inzwischen auch Wohnungsgesellschaften dem ABA Fachverband als Mitglieder angeschlossen haben. Diese legen grundsätzlichen Wert auf eine kinder- und familienfreundliche Gestaltung ihrer Wohnanlagen. Gute Beispiele von deren Seite werden Sie nach und nach auch auf dieser Seite finden.
ABA Fachverband Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen
Diese Seite ging am 13. Januar 2010 an den Start.
Uta Schütte-Haermeyer, Moderation und Management in der Stadt(teil)entwicklung
Uta Schütte-Haermeyer ist Dipl. Erziehungswissenschaftlerin, Dipl. Sozialarbeiterin, Erzieherin und Gestaltberaterin (Fritz Perls Institut). Sie ist seit 2007 selbständig tätig. Von 1994 bis 2007 war sie bei der Ruhr-Lippe Wohnungsgesellschaft mbH in Dortmund tätig. Dort hat sie die Bereiche Soziales Management und wohnungswirtschaftliches Quartiermanagement aufgebaut und verantwortlich geleitet. In dieser Zeit hat sie zahlreiche Projekte im Handlungsprogramm „Soziale Stadt“ entwickelt und projektverantwortlich umgesetzt. „Prominentestes“ Beispiel ist die Großsiedlung Clarenberg in Dortmund-Hörde (siehe weiter unten).
Weiter lässt sich Umsetzung zahlreicher Projekte mit dem Ziel der Stärkung der Kundenbindung nennen. Uta Schütte-Haermeyer verfügt über umfangreiche Erfahrungen in den angewandten Sozialwissenschaften und der Fördermittelakquise. Von 2002 bis 2004 war sie an der Konzeptentwicklung und Beratung für die GWG Viersen für das Projekt Viersen-Höhenstraße im Handlungsprogramm „Stadtumbau West“ beteiligt. Unter ihrer Mitwirkung erfolgte 2003 die Gründung des Arbeitskreises „Wohnungswirtschaftliches Quartiermanagement“. Daran beteiligt waren mehrere Wohnungsgesellschaften, nämlich THS, LEG, Allbau AG, Glückauf Wohnungsgesellschaft und der Ruhr-Lippe Wohnungsgesellschaft. (1)
Bei der Erneuerung der zuvor genannten Großsiedlung Clarenberg in Dortmund oblag ihr zwischen 1998 und 2006 die Projektleitung.
Schließlich soll nicht verschwiegen werden, dass sie sich seit geraumer Zeit ehrenamtlich im ABA Fachverband engagiert. Von 1998 bis 2005 gehörte sie dem Fachbeirat des Verbandes an. Seit 2005 ist sie im Vorstand aktiv.
Seit der letzten Kommunalwahl ist sie Mitglied im Rat der Stadt Dortmund.
Wir empfehlen für den Bedarfsfall die Kooperation mit Uta Schütte-Haermeyer und sind sicher, dass Sie mit ihren Leistungen zufrieden sein werden.
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(1) Die Wohnungsgesellschaften, die Mitglieder im ABA Fachverband sind, können mit den zuvor angebrachten Links direkt aufgerufen werden.
Städtisches Wohnen mit Kindern
Ein Überblick über den aktuellen Stand des Themas mit einer Analyse guter Praxisbeispiele (© Sylvia Monzel, Münster)
Die Ausarbeitung wurde von Sylvia Monzel, Dipl. Geographin aus Münster erstellt. Sie betreibt dort das Büro für kinderfreundliche Stadtgestaltung und Partiziapationsverfahren. Ehrenamtlich engiert sie sich als Beauftragte für Partizipationsfragen sowie kindgerechte Stadt- und Raumplanung im Sprecherrat des ABA Fachverbandes. Das vom Sprecherrat 2009 intensiv bearbeitete Thema „Wohnen mit Kindern“ wurde von ihr maßgeblich vorangetrieben.
Eine Präsentation der Ausarbeitung können Sie mittels Klicks auf vorstehende Abbildung herunterladen. Wir bitten um Beachtung des Copyrights (©).
Literaturliste (Zusammenstellung: Sylivia Monzel)
Ergänzend zum Thema gib es hier eine Literaturliste. Von dieser Seite aus können Sie die angebenen Hinweise zum Teil in Broschürenform herunterladen. Darüber hinaus gibt es diverse weiterführende Literatur und Hinweise zum Herunterladen.
Zur Seite Literaturliste „Kinderfreundliches Wohnen“
Allbau: Ein nachahmenswertes Beispiel aus Essen
Kinder sind die Zukunft! Deshalb setzt sich der Allbau auch kontinuierlich dafür ein, dass Kinder ein bestmögliches Wohn- und Lebensumfeld vorfinden. So unterstützt der Allbau auch aktiv die Aktionsgemeinschaft „Essen. Großstadt für Kinder“, die sich seit Anfang der 1990-Jahre richtungweisend für Kinderinteressen in Essen einsetzt. Im Jahre 2006 unterstützte der Allbau die neu gegründete Stiftung „Essen. Großstadt für Kinder“ mit einer Einlage in das Kapital.
Um ihre Ziele besser erreichen zu können hat der Allbau eigene Kinderbeauftragteeingesetzt. Der Allbau ist Mitglied im ABA Fachverband. Inhaltlich wird die Mitgliedschaft aktiv durch die Kinderbeauftragten vertreten. So ist beispielsweise Annette Giesen(0201/2207-361) inzwischen regelmäßig bei den Angeboten für Spielplatzpaten im ABA Fachverband dabei. Beteiligt hat sich der Allbau 2009 auch bei den vom ABA Fachverband im Rahmen des Pakts mit der Jugend organisierten Tage der Spielplatzpaten NRW 2009. Zur Veranstaltung am 21. September 2009 gibt es im ABA-Netz auch spezielle Seiten.
Erwähnenswert sicherlich auch noch die seit 1999 geltende kinderfreundliche Hausordnung, die Bestandteil jedes Mietvertrags beim Allbau ist. Bei allen Themen, die insbesondere Kinder und Jugendliche betreffen, helfen Annette Giesen und Wolfgang Telöken gerne weiter. Sie sind Kinderbeauftragte und Betreuer der Spielplatzpaten der Allbau AG.
Clarenberg: Ein Beispiel aus Dortmund
Die Ruhr-Lippe Wohnungsgesellschaft hat von sich reden gemacht – unsere Anliegen betreffend vor allem hinsichtlich ihrer beachtlichen Partizipationsverfahren, mit der alleBewohner – einschließlich der Kinder und Jugendlichen – die Möglichkeit hatten sich an Wohnumfeldverbesserungsmaßnahmen zu beteiligen. Ein gelungenes Beispiel, nämlich die Umgestaltung des Wohngebiets Clatrenberg in Dortmund, kann man mittels eines Mausklicks auf vorstehende Abbildung (Clarenberg: Mut, Vision und Zuversicht) herunterladen.
Für das Aufgabenfeld „Wohnsoziale Projekte“ ist bei der Ruhr-Lippe Wohnungsgesellschaft Tanja Peselmann zuständig. Sie erreichen sie über 0231/419 02 658 oder per E-Mail.
Übrigens war an dem vorstellten Projekt (Clarenberg) seinerzeit maßgeblich Uta Schütte-Haermeyer beteiligt. Mehr über sie und ihre Tätigkeiten finden Sie weiter oben auf dieser Seite.
NAGEL-Redaktion – Werk- und Bastelanregungen
Mit der Firma Wehrfritz GmbH – Spezialversandhaus für soziale Einrichtungen – haben wir im Juli 2006 vereinbart, dass wir auf dieser Seite unter anderem Werk- und Bastelanregungen, die Wehrfritz zur Verfügung stellt, als Arbeitshilfen hier einzustellen. Besonders bedanken möchten wir uns hier bei Marcella Weiß von der Firma Wehrfritz, mit der wir diese Vereinbarung getroffen haben.
Wir empfehlen einen Besuch auf der Internet-Seite von Wehrfritz. Diese erreichen Sie durch einfaches Anklicken des Logos.
Manche Fortbildungen des ABA Fachverbandes haben zum Ziel, die unten dargestellten Werk- und Bastelanregungen praktisch zu erlernen. Wir bitten um Beachtung unserer Ausschreibungen. Diese finden Sie als Verzeichnis Veranstaltungen bei uns im Netz.
ABA Fachverband Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen
Die nachfolgenden Anregungen der Firma Wehrfritz können Sie durch Anklicken der Links herunterladen.
Flaschenfiguren aus Modelliermasse
Häkelbälle – Auf „Jugendeutsch“ auch „Foot Bags“ genannt
NAGEL-Redaktion – Tendenzen
Auf dieser Seite gibt es Beiträge, die zuvor in unserer früheren Zeitschrift DER NAGEL in der Rubrik „Tendenzen“ zu finden waren. Möglicherweise sind sie für Sie noch von Interesse. Die Seite wird nicht fortgesetzt, da wir inzwischen eine andere inhaltliche Systematik entwickelt haben. Viel Spaß beim Stöbern!
Keyboard, Pferd und Spielmobil… (Zum Thema „Integration von Behinderten)
Tübinger Erklärung – „Kinder brauchen Stadt“
NAGEL-Redaktion – Generationen-Spielräume – Systemische Pädagogik

Foto: Rainer Deimel
Systemische Pädagogik ist ein Modell, das systemtheoretische Erkenntnisse sowie systemische und konstruktivistische Methoden in die pädagogische Arbeit zu integrieren versucht. Dabei geht es nicht darum, Kinder und Jugendliche zu therapieren, sondern diese Sicht- und Handungsweise für den pädagogischen Auftrag zu nutzen. Ziel systemischer Konzepte ist es, in Ganzheiten zu denken und zu handeln.
Seit 2006 kooperiert der ABA Fachverband mit der Deutschen Gesellschaft für systemische Pädagogik. Wir empfehlen einen Besuch auf den Internet-Seiten dieses Verbandes. Klicken Sie das unten stehende Logo an!
Des Weiteren finden Sie hier Beiträge zum Thema, die Sie herunterladen können sowie weiterführende Literaturhinweise.
Hochschule Merseburg: Qualifiziertes Studium in Sache „Systemische Soziale Arbeit“
Dazu passend:
Ausgewiesener Experte in Sachen Systemische Soziale Arbeit ist der Merseburger Professor Dr. Johannes Herwig-Lempp, mit dem wir auf unterschiedlichen Ebenen kooperieren. Er ist in erster Linie verantwortlich für den Auf- und Ausbau des Masterstudiengangs Systemische Sozialarbeit an der Hochschule Merseburg (Fachbereich Soziale Arbeit.Medien.Kultur). Bei Interesse können Sie die Internetseiten von Prof. Herwig-Lempp mittels eines Mausklicks auf das unten stehende Logo besuchen.
Internetseiten von Prof. Dr. Johannes Herwig-Lempp
Ebenso empfehlen wir die Arbeit der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie und Familientherapie (DGSF). Bei Interesse das nachfolgende Logo anklicken!
Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie (DGSF)
ABA Fachverband
Kooperationspartner des ABA Fachverbandes
ida – Institut für dialogische Arbeitsformen, Bochum/Herne
Zum Herunterladen bzw. zur Weiterleitung
Franziska Klinkigt: Mobbing – Nur ein Missverständnis? Eine erste systemische Annäherung an ein bedeutsames Phänomen
Diesen beachtlichten Beitrag haben wir zunächst in der Zeitschrift „unerzogen 3/2012“ entdeckt. Wir fanden ihn so beachtlich, dass wir die Autorin sowie die Redaktion der „unerzogen“ darum gebeten haben, ihn unserseits verwenden zu dürfen. Dafür danken wir der Autorin Franziska Klinkigt und Sabine Reichelt von der „unerzogen“.
Zum Artikel
Zur Seite von Franziska Klinkigt
Zum Internetauftritt der „unerzogen“
Christiane Bauer: Systemische Pädagogik – Mit Blick aufs System – vom Problem zur Lösung!
Dieser Beitrag erschien zuerst in: DER NAGEL 61/1999. Christiane Bauer ist Dipl. Sozialpädagogin und System-/Familientherapeutin in eigener Praxis in Germering bei München. Inzwischen arbeitet sie verstärkt als Trainerin und Business-Coach. Seit 1985 ist Christiane Bauer Mitglied im ABA Fachverband. Wir empfehlen einen Blick auf ihre Internet-Seiten.
Morgens nach acht, wenn Mr. Hyde in uns erwacht! Nachdenkliches zur „Lehrergewalt“. Ein Beitrag von Gertrud Graf, Berlin. Hier eingestellt am 29. November 2006. (5 Seiten, 25 KB)
Heidemarie Neumann-Wirsig und Gabriele Treiber: Systemische Sozialarbeit
Dieser Beitrag erschien in: DER NAGEL 62/2000. Zuvor wurde er in der Zeitschrift „Blätter der Wohlfahrtspflege“ 3-4/2000 veröffentlicht. Der Nachdruck geschah mit freundlicher Genehmigung der Redaktion der „Blätter der Wohlfahrtspflege“.
Astrid Prabal Becker-Woitag: Systemtheorien
Hierbei handelt es sich um eine Arbeit, die an der Universität Göttingen entstanden ist. Wir fanden sie bei einer unserer Internet-Recherchen.
Resilienzforschung
Unter Resilienz wird die Fähigkeit verstanden, auf die Anforderungen wechselnder Situationen flexibel zu reagieren und auch anspannende, erschöpfende, entäuschende oder sonst schwierige Lebenssituationen zu meistern. (Wikipedia -> Zur Seite)
Katja Thimm: Die Kraft der Widerständigen
Obwohl alles dagegen zu sprechen scheint, gelingt überraschend vielen Jungen und Mädchen nach einem schlechten Start ein gutes Leben. Psychologen, Genetiker, Biologen und Pädagogen suchen nach den Gründen – und versuchen mit neuen Methoden, Kinder seelisch zu stärken.
DER SPIEGEL 15 vom 6. April 2009 berichtete umfassend und aufschlussreich zum Thema. Ausdrücklich möchten wir diesen Artikel zur Lektüre empfehlen. Wir haben ihn hier mit freundlicher Genehmigung der SPIEGEL-Redaktion (extern) verlinkt. Die Redaktion versicherte uns, der Artikel stünde dauerhaft im Verzeichnis SPIEGEL WISSEN zur Verfügung. In das Verzeichnis gelangen Sie mittels eines Klicks auf vorstehendes Logo. Direkt zum Artikel kommt man über die Abbildung des hier abgebildeten SPIEGEL-Titels. Wir wünschen fruchtbare Erkenntnisse!
Rezensionen
Empfehlungen zum Thema Systemische Pädagogik des ABA Fachverbandes
Rolf Arnold: Aberglaube Disziplin. Antworten auf das „Lob der Disziplin“
Besprochen im i-Punkt 2/2008
In diesem Zusammenhang möchten wir auch auf unsere Seite „Der Disputierer: Buebs Erweckungspädagogik“ hinweisen.
Besuch der Seite
Rolf Arnold: Ich lerne, also bin ich. Eine systemisch-konstruktivistische Didaktik
Besprochen im i-Punkt 2/2008
Rolf Balgo/Holger Lindemann (Hrsg.): Theorie und Praxis systemischer Pädagogik.
Besprochen im i-Punkt 7/2006
Anmerkung beim Einstellen ins Netz: Ein für pädagogische Profis unverzichtbares Buch!
Gianfranco Cecchin/Marie-Luise Conen: Wenn Eltern aufgeben. Therapie und Beratung bei konflikthaften Trennungen von Eltern und Kindern
Besprochen im i-Punkt 6/2008
Marianne Franke-Gricksch: „Du gehörst zu uns!“ – Systemische Einblicke und Lösungen für Lehrer, Schüler und Eltern
Besprochen im i-Punkt 3/2005
Ben Furman: Ich schaffs! Spielerisch und praktisch Lösungen mit Kindern finden – Das 15-Schritte-Programm für Eltern, Erzieher und Therapeuten
Besprochen im i-Punkt 2/2006
Christa Hubrig und Peter Herrmann: Lösungen in der Schule. Systemisches Denken in Unterricht, Beratung und Schulentwicklung
Besprochen von Rainer Deimel im i-Punkt 1/2006
Jillian Rodd: Kleine Kinder verstehen – Ein Leitfaden für alle, die mit kleinen Kindern arbeiten
Besprochen im i-Punkt 3/2005
Wilhelm Rotthaus: Wozu erziehen?
Besprochen von Rainer Deimel in: DER NAGEL 61/1999. Das Buch ist mehrfach neu aufgelegt worden.
Therese Steiner und Insoo Kim Berg: Handbuch Lösungsorientiertes Handeln mit Kindern
Besprochen von Rainer Deimel im i-Punkt 9/2005
Antje Tschira: Wie Kinder lernen – und warum sie es manchmal nicht tun. Über die Spielregeln zwischen Mensch und Umwelt im Lernprozess
Besprochen von Rainer Deimel im i-Punkt 8/2005
Rosmarie Welter-Enderlin/Bruno Hildenbrand: Rituale – Vielfalt in Alltag und Therapie
Rosmarie Welter-Enderlin: Wie aus Familiengeschichten Zukunft entsteht
Besprochen von Rainer Deimel im i-Punkt 8/2006
Daniel Wilk: Ein Käfer schaukelt auf einem Blatt. Entspannungs- und Wohlfühlgeschichten für Kinder jeden Alters
Besprochen von Rainer Deimel im i-Punkt 5/2006
Zur immer wieder aktuellen Beschäftigung mit dem Thema empfehlen wir das monatlich erscheinende Internet-Magazin „Das gepfefferte Ferkel“. Durch schlichtes Anklicken des oben abgebildeten Logos kommt man dahin.
Externe Links
Joachim Wenzel: Die Systemtheorie
Günther Ossimitz: Systemisches Denken und systemisches Management
Günther Ossimitz: Systemisches Denken und Modellbilden
Gerald Lembke: Die lernende Organisation
Auf die interessante Internet-Seite des Schweizer Kollegen Dr. Martin Hafen machte uns der Carl-Auer-Verlag am 17. Januar 2006 aufmerksam. Hier finden Interessierte eine Menge an weiterführendem Material. Martin Hafen ist Sozialarbeiter, Soziologe und Dozent an der Hochschule für Soziale Arbeit Luzern sowie an der Universität Luzern.
Eine Bitte an unsere Internet-Nutzerinnen und -Nutzer: Da wir in keiner direkten Beziehung zu den Betreibern oben aufgeführter Links stehen, kann es sein, dass die Adressen möglicherweise nicht mehr stimmen. Während unserer Recherche-Zeit waren die angegebenen Seiten problemlos zu erreichen. Sollten Sie Fehler feststellen, bitten wir um eine Rückmeldung, um entsprechende Korrekturen durchführen zu können.
NAGEL-Redaktion – Generationen-Spielräume – Integrative Spielräume
Seit einigen Jahren kursiert auch das Thema „Seniorenspielplätze“ durch die Diskussion. Bislang hat der ABA Fachverband diese nur peripher aufgegriffen. Unseren Beobaschtungen zufolge konnte sich diese Idee in der Praxis im öffentlichen Raum nur unzureichend durchsetzen.
Parallel zur Landtagswahl am 9. Mai 2010 in Nordrhein-Westfalen gab es in der Stadt Lüdenscheid einen Bürgerentscheid zum Thema „Mehrgenerationenspielplatz“, laut Presse (DerWesten.de: „Aufstand der Einwohner zeigt sich am geplatzten Spielplatz“) vom 10. Mai 2010 ein „Herzenanliegen“ der Fraktionsvorsitzenden Grünen im Rat der Stadt, Tanja Tschöke. Die Presse berichtet: „Was die Grüne Tschöke besonders trifft: Ein Bürgerentscheid hat den Traum des Ampel-Bündnisses im kommunalen Parlament zerschossen.“ Im Bürgerentscheid wurde gefragt: „Sind Sie gegen die Errichtung eines Mehrgenerationen-Spielplatzes auf derm Jahnplatz?“ Über 66 Prozent der Wähler(innen) waren dieser Meinung. Seit Ende 2009 gab es eine Iniative gegen einen entsprechenden Ratsbeschluss im November des Jahres. Geplant war in diesem Zusammenhang etwa ein Bolzplatz für Kinder und Jugendliche sowie Fitness-Geräte für Senioren.
Die Stadt Nürnberg, mit der der ABA Fachverband seit langem konstruktiv zusammenarbeitet, war – Generationenplätze betreffend – einmal mehr eine der „Vorreiterinnen“ in dieser Hinsicht. Einem Bericht von Rudolf Zeevaert, Sachgebietsleiter Grün, im städtischen Servicebetrieb Öffentlicher Raum, bestätigte auf der Fachmesse „public 10“ (Stadtplanung und öffentliche Raumgestaltung) die Skepsis, die bislang im ABA Fachverband vorhanden war.Wie nicht anders zu erwarten, hat die Stadt Nürnberg ihre Vorhaben erprobt und aus Fehlern die entsprechenden Konsequenzen gezogen. Auch dort wurde die Erfahrung gemacht, das ältere Menschen kein Vergnügen dabei empfinden, sich auf einem öffentlichen „Präsentierteller“ zu eigen und sich möglicherweise lächerlich zu machen. Nicht erstaunlich ist die Tatsache, dass ein solcher öffentklich zugänglicher Platz am „Seniorenzentrum Martha-Maria“ funktioniert.
Zu den Konsequenzen der Stadt gehörte, sich vom Gedanken des „Seniorenspielplatzes“ zu verabschieden und stattdessen die Idee der Generationenparks zu entwickeln. Hierbei wird darauf geachtet, dass sich Spielflächen für junge und ältere Menschen nicht überflüssigerweise vermischen. Der Auffassung der Stadt Nürnberg zufolge, haben Bewegungslässe und entsprechende Geräte für Senioren auf öffentlichen Flächen einen erheblichen vorlkswirtschaftlichen Nutzen. Zur Seite des Servicebetriebes Öffentlicher Raum Nürnberg gelangen Sie über nachstehendes Foto.
© Stadt Nürnberg
Generationenpark Nürnberg
Die Stadt Nürnberg ist auch in weiterer Hinsicht häufig bei den Pionieren innovativer Konzepte zu finden. So gibt es beispielsweise „Leitlinien für die Integration von Kindern mit Einschränkungen auf Spielplätzen in Nürnberg“, die unter dem Titel „miteinander spielen“ 2006 veröffentlicht wurden.
Die Skepsis im ABA Fachverband (dort vor allem beim Leitungsteam der Spielplatzpaten) gegenüber Seniorenspielplätzen wurde ebenfalls bestätigt durch die Studie „Genderdifferenzierte Untersuchung zur Freiflächennutzung älterer Menschen“. Diese entstand 2008 an der Fachhochschule Wiesbaden im Fachgebiet Landschaftsarchitektur, Federführung: Prof. Dr. Grit Hottenträger. Aufmerksam wurden wir über das Mitglied im Leitungsteam der Spielplatzpaten Elfriede Majer, beim Jugendamt der Stadt Mülheim an Ruhr verantwortlich für Spielplätze und Spielplatzpaten.
Interessierte können sich die Studie hier laden.
Weitere Hinweise
Die Hamburger Firma „Zukunft finden“ betreibt ein Internetportal, das ältere Menschen dabei untersützen will, Perspektiven für ein altergerechtes Leben entwickeln zu können. Dort gibt es ebenfalls informative Seiten zum Thema „Seniorenspielplätze/Mehrgenerationenspielplätze“, die wir nachfolgend verlinkt haben.
Diese Seite wird weiter ausgebaut.
NAGEL-Redaktion – Spielräume/Spielen draußen
Zehn Argumente für das Spiel
Zu den zehn Argumenten? Plakat anklicken!
Der 28. Mai ist seit 2008 zum Weltspieltag ausgerufen. Die Mitgliedseinrichtungen im ABA Fachverband werden gebeten, diesen Tag entsprechend zu organisieren. Ideen und Anregungen nicht unsere Fachbeiratsmitglied Dr. Christiane Richard-Elsner gern entgegen. 2010 gab es seitens des Bündnisses „Recht auf Spiel“ zehn verschiedene hilfreiche Motive, die genutzt werden können. Man kann sie hier ansehen. Bestellungen von Karten bzw. Plakaten bitte an das Deutsche Kinderhilfswerk.
Foto: Rainer Deimel
Spielen draußen: Kinder am Rhein in Köln (2010)
Spielräume – Spielen draußen
Prof. Götz Werner, Gründer, Gesellschafter und Aufsichtsratsmitglied von „dm-Drogerie Markt“ bringt am Beispiel der Ferien die Bedeutung des freien Spiels auf den Punkt. Er schreibt in „alverde“ vom Juni 2009:
„Ferien bieten für die kindliche und jugendliche Entwicklung eine Riesenchance. In den Ferien können Kinder mehr lernen als im Schwimmunterricht. Auch wenn Lehrer das nicht gern hören, aber die Hirnforscher sind sich sicher: Die Stimulation der emotionalen Zentren ist wichtiger als der Wissensstoff, weil Gefühle der entscheidende Impuls für alle Lernprozesse sind. Noch wichtiger ist, und deshalb können Eltern bei der Organisation der Ferienangebote für ihre Kinder gar nicht sorgsam genug sein, Kinder und Jugendliche müssen die Chance haben, sich als Entdecker und Gestalter ihrer Welt zu fühlen. Das geht im freien Spiel, nicht aber dabei, unter Anleitung von Animateuren beispielsweise Tänzchen einzuüben.
Für die Eltern bedeutet das den Mut zum Loslassen, für Großeltern, Freunde oder Ferienbetreuer, denen Eltern ihre Kinder anvertraut haben, noch mehr. Wenn der Neurobiologe Gerald Hüther fordert, die Kinder in Wäldern, an Bächen oder auf Schrottplätzen spielen zu lassen, damit sie neue Erfahrungen sammeln, eigene Fähigkeiten entdecken und neue Fertigkeiten erlernen zu können, dann fordert er zugleich Risikobereitschaft. Damit das Gehirn aktiviert wird, muss etwas passieren, das unter die Haut geht.
Als Vater von sieben Kindern kenne ich diesen Zustand des Abwägens; viele Mütter haben Angst, wenn sie ihre Kinder ohne Aufsicht wissen. Aber den Kindern hilft es nicht, wenn sie behütet und umsorgt werden. Junge Menschen, ob sechs oder 16 Jahre, brauchen Grenzerfahrungen, Entdeckungen und Abenteuer. Dafür bieten die Ferien alle Möglichkeiten.“
Das gilt – wie wir wissen – nicht nur für die Ferien der jungen Leute.
ABA Fachverband
– NAGEL-Redaktion –

Foto: Rainer Deimel
Kinder spielen! Jederzeit! Mit allem! Überall!
Kinder spielen überall, jederzeit, mit allem. Deshalb brauchen Kinder keine Spielplätze. Doch weil sie nicht überall jederzeit mit allem spielen dürfen, brauchen wir Spielplätze, um die Kinder von Gefahren, Störbereichen und falschen Dingen wegzulocken.
Spielen bedeutet: „Aktivitäten, die das Individuum unternimmt, um sich an seine Umwelt anzupassen“, mit anderen Worten: Spielen ist das Ausprobieren aller Möglichkeiten, an Grenzen gehen, Erfahrungen sammeln, lernen – und das ist nicht nur auf Kinder beschränkt. Künstler, Forscher und viele Kreative spielen.
Es gibt keinen definierten „Spielwert“, sondern viele eigenständige Spielfunktionen: Klettern, Balancieren, Koordinieren, Rutschen, Trainieren sozialen Verhaltens, Selbstbehauptung in der Gruppe, aber auch Erleben von Wind, Regen, sonne sind einige von vielen Spielfunktionsmöglichkeiten. sie können sich überlagern, gegenseitig untersützen, aber auch gegenseitig blockieren, das Spielen verhindern oder zu aggressivem Verhalten führen. Es ist deshalb wichtig, die einzelnen Spielfunktionen an Spielgeräten und auf Spielplätzen zu erkennen, bewusst auszusuchen und einzusetzen.
Ein Spielplatz ist ein hochkomplexer Funktionsraum.
Sechs goldene Regeln für einen guten Spielplatz
Ein guter Spielplatz sollte:
■ Atmosphäre bieten, Wohlgefühl vermitteln, zum Verweilen einladen
■ Entdeckungsmöglichkeiten haben, sich erst dem Suchenden voll erschließen
■ beherrschbares Risiko zulassen, erkennbares Risiko, manipulierbares Risiko
■ für unterschiedliche Stimmungen, Interessen, Bedürfnisse unterschiedliche Möglichkeiten bieten
■ Wind, Sicht- und Schallschutz bieten
■ „spezielle“ Verbote überflüssig machen
Ein schlechter Spielplatz ist:
■ ein Dressurparcours
■ eine Landschaftsdekoration
■ eine Restflächennutzung
■ ein zentralistisches Mongebilde für nur eine Besuchergruppe
■ zu wenig Platz, zu wenig Auswahl, zu eintönig, zu wenig stabil, zu lieblos
■ zu sicher, zu gehegeartig, zu regelmentiert
Quelle: Günter Beltzig
„Ein Spielplatz ist ein geschlossenes Terrarium, in das ich das Kind für eine gewisse Zeit stecke, damit es sich austobt und spielt, also seinen Grundbedürfnissen nachgeht. Und dann hole ich es wieder raus, möglichst unbeschädigt, möglichst sauber. Ein Spielplatz ist eine Art Frischhaltebox, wenn Sie so wollen: eine Perversion.“
Quelle: Interview mit Günter Beltzig („Kinder brauchen keine Spielplätze“, in: „Nido 6-2010“)
Artikel in ZEIT ONLINE vom 21. Dezember 2007 : Matsch und Wasser gegen die Langeweile. Seit dreißig Jahren entwickelt Günter Beltzig Spielplätze und Spielgeräte – und hört dabei auf die Wünsche der Kinder“

2011 im Wald entdeckt (Foto: Rainer Deimel)
Neugierig? Wolfgang Bort von der Spielwerkstatt Rhinozeros aus Essen „sammelt“ Orte der Kindheit. Er will herausfinden, wo wir uns als Kinder „herumgetrieben“ haben. Deshalb sucht er nach realen Orten, die wir in unserer Erinnerung als besonders bedeutsam betrachten, Orte, die so intensiv gewirkt haben, dass sie nicht aus unserer Erinnerung verschwinden. Es geht ihm ausdrücklich nicht um Träume und Wünsche, sondern um handfeste Materialien, um Formen, Gerüche, Licht, Farben usw. Insbesondere interessiert er sich für Erinnerung an die Zeit vor dem zwölften Lebensjahr. Der Fragebogen wird anonym ausgewertet. Eine möglichst große Zahl an Rückmeldungen ist für das Gesamtvorhaben wichtig. Den Fragebogen kann man sich über die Überschrift oder hier herunterladen.
Neues Portal im Internet – eröffnet zum Weltspieltag 2012 (28. Mai). Eine Initiative des ABA Fachverbandes Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen.
Weitere Dokumente
Dr. Daniel Rimbach, Landschaftsarchitekt aus Bad Liebenstein, ist es gelungen, im Rahmen seiner Dissertation eine tiefgründige wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Gesamtentwicklung der öffentlichen Freiräume für Kinder zu führen und damit einen Blick auf die Frühgeschichte der Spielplätze (bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs) zu werfen. Hieraus wurde in der „FreeLounge – Fachmagazin für kommunale Frei-Räume“ in den Jahren 2009 und 2010 eine vierteilige Serie publiziert. Im Rahmen der Kooperation zwischen dem Bundesverband für Freiraum-Gestaltung (BFG) und dem ABA Fachverband ist es gelungen, diese äußerst interessanten Beiträge zu bekommen. Wir haben daraus eine Internetseite gestaltet und wünschen erhellende Erkenntnisse. Zur Seite gelangt man über vorstehenden Schriftzug. Wir empfehlen ferner einen Besuch auf den Seiten des BFG. Neugierig? Nachfolgendes Logo anklicken!
Leitfaden für Bürger und Kommunen: Bewegungsräume im Wohnumfeld zur Förderung der Gesundheit von älteren Kindern
Dr. Hans-Joachim Schemel (München) stellte der NAGEL-Redaktion den Leitfaden freundlicherweise zur Veröffentlichung zur Verfügung. Sie gelangen mittels eines Mausklicks auf vorstehenden Schriftzug auf eine spezielle Seite mit dem Leifaden. Dort können Sie diesen auch herunterladen. Wir wünschen hilfreiche Erkenntnisse.
Erkenntnisse zum Thema „Spielen im Freien“
Mit der Fa. KOMPAN konnten wir eine erfreuliche Kooperation organisieren. So standen Jeanette Fich Jespersen (Leiterin des KOMPAN Play Institutes) und Uwe Lersch (Regionalleiter NRW) als qualifizierte Referenten während der Landeskonferenz für Spielplatzpaten NRW 2009 in Krefeld zur Verfügung. Die Ausführungen finden Sie, wenn Sie vorstehendes Logo anklicken.
Spielplatztreff
Bettina Schilling aus Köln betreibt seit Anfang 2009 die intereressanten Seiten spielplatztreff.de im Internet. Mit dem ABA Fachverband verbindet sie das gemeinsame Interesse an der Qualität von Spielplätzen. Aus diesem Grund gibt es berechtigterweise eine Kooperation zwischen dem Verband und Spielplatztreff. Auf dessen Seiten befindet sich u.a. im Rahmen eines Blogs ein überaus interressantes Gespräch mit dem Spielflächenplaner Uwe Lersch aus Iserlohn. Sowohl Bettina Schilling als auch Uwe Lersch waren damit einverstanden, dass die Inhalte ins ABA-Netz übernommen werden. Herzlichen Dank! Das Gespräch setzt sich aus mehreren Teilen zusammen:
1. Sicherheit geht vor!
2. Der perfekte Spielplatz
3. Altersgerechte Spielplätze
Wir haben dem Gespräch eine eigene Seite eingeräumt. Zur Seite
Die bespielbare Stadt
Ein interessantes Experiment – die bespielbare Stadt – ist mit Hilfe von Prof. Bernhard Meyer in Griesheim entstanden, dies mit relativ geringem Aufwand. Interessierte klicken sich auf die Seiten der Evangelischen Fachhochschule Darmstadt übervorstehendes Ortsschild.
Kinderspielplätze sind wie Affenzoos: Jan-Uwe Rogge im Interview
Im Frühjahr 2010 war Bettina Schilling, Betreiberin des Spielplatztreffs.de (sieher weiter vorn) bei einem Vortrag von Dr. Jan-Uwe Rogge, einem der bekanntesten Erziehungsexperten Deutschlands. Unter dem Motto „Ohne Chaos geht es nicht“ bescherte Rogge seinem Publikum (98 Prozent Mütter!) einen ausgesprochen unterhaltsamen Abend, gespickt mit vielen lustigen und zugleich zum Nachdenken anregenden Anekdoten aus seiner umfassenden Berufspraxis.
Besonders hellhörig wurde Bettina Schilling, als Jan-Uwe Rogge auf das Thema Spielplätze zu sprechen kam: „Kinderspielplätze sind wie Affenzoos: Drinnen die Affen – also die Kinder – und draußen die Mütter, die wie Hyänen bissig andere Mütter beäugen und überflüssige Ratschläge an ihre Kinder verteilen.“ Das hatte auch bei der Mutter Bettina Schilling gesessen! Wie das gemeint war, wollte sie dann doch genauer wissen und hat einige Tage später noch mal nachgefragt.
Das Interview hat sie am 30. Mai 2010 in den Blog des Spielplatzstreffs gestellt. Freundlicherweise gestattete sie uns die Übernahme. Außer an dieser Stelle erschien des Gespräch auch im i-Punkt 72010. Etlichen ABA-Mitgliedern und Teilnehmern unserer Spielplatzpatenveranstaltungen ist Bettina Schilling bekannt. Auf der NRW-Konferenz der Spielplatzpaten 2009 in Krefeld hat sie ihr Projekt vorgestellt. An dieser Stelle möchten wir erneut dazu aufrufen, den „eigenen“ Spielplatz im Quartier bei Spielplatztreff einzutragen.
Homo ludens
Im Spiel entsteht Kultur, schreibt Thomas R. Müller unter Bezug auf Johan Huizinga. Spielen belebt und bewegt. Seinen Beitrag, der in der Zeitschrift PLAYGROUND@LANDSCAPE 3/2009 veröffentlicht wurde, hat er uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt. Sie können ihn hier herunterladen.
Die Bedeutung des freien Spiels für das innere und äußere Gleichgewicht
Entfaltung à la Hengstenberg. Die Bedeutung des Freien Spiels für das innere und äußere Gleichgewicht (Projektdokumentation). Biographische und grundsätzliche Aspekte der Hengstenberg-Arbeit (freie und natürliche Bewegung, spielend lernen usw.), Erfahrungen in der Hengstenberg-/pikler-Arbeit (Krippe, Kita, Hort, Schule), Verhalten und Emtwicklung von Erzieherinnen, Reaktionen von Eltern u.a.m. Herausgegeben von der Unfallkasse Sachsen-Anhalt (2008, 92 Seiten, 3,7 MB)
Broschüre herunterladen
Mit Kindern im Wald
Mit Kindern im Wald – Möglichkeiten und Bedingungen in einem natürlichen Spiel- und Lebensraum (GUV-SI 8084, März 2008) (Waldkindergarten, Grundlagen kindlicher Entwicklung, Gefahren im Wald). Autorin: Annette Michler-Hanneken. Herausgegeben von der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (36 Seiten, 781 KB)
Broschüre herunterladen
Rauchen auf Spielplätzen
Die Diskussion über die Durchsetzung des Rauchverbots hat auch die Spielplätze erreicht. Während des Fachtags für die Organisator(inn)en der nordrhein-westfälischen Spielplatzpaten am 10. März 2009 in Bochum wurde vereinbart, dass Andrea Bögel vom Kinderschutzbund Essen zum Thema einen Beitrag verfasst. Zur Seite mit dem Beitrag gelangen Sie hier:
Zur Seite „Rauchen auf Spielplätzen“
Barriere-aufmerksame Spielplätze
Barriere-aufmerksame Spielplätze: Spiel für alle Kinder
Der Artikel erschien in der „spielart 4 – Ausgabe 2004″ der Firma KOMPAN Deutschland. Wir bedanken uns bei Frau Ramona-Christina Schwarz von der Marketing-Leitung“ für die Genehmigung,
den Artikel hier einstellen zu können.
Wilde Spiele
Serie „Wilde Spiele“ des Kölner Stadtanzeigers (Magazin)
Ende April/Anfang Mai 2008 brachte der Kölner Stadtanzeiger in seinem Magazin eine Serie „Wilde Spiele“, die beim ABA Fachverband auf lebhaftes Interesse stieß. In Absprache mit der engagierten Journalistin Mica Frangenberg haben wir die Beiträge hier zum herunterladen eingestellt.

Zur Seite mit der Serien-Dokumentation
Flächen mehrfach nutzen
Flächen mehrfach nutzen! Hier können Sie diese Publikation der Spiellandschaft Stadt Bremen laden.Sie erschien 2002. Wir danken den Kolleginnen und Kollegen von der Spiellandschaft Bremen für die Erlaubnis, Ihnen diese Publikation hier anbieten zu können. (16 Seiten, 1,47 MB)
Botanischer Blindengarten Strochennest
Botanischer Blindengarten Storchennest in Radeberg bei Dresden
Der Artikel wurde veröffentlicht in „spielart 4 – Ausgabe 2004“ der Firma KOMPAN Deutschland.
Kontakt: Taubblindendienst e.V. – Fachverband im Diakonischen Werk der EKD für Taubblinde und mehrfach behinderte Blinde, Pillnitzer Straße 71, 01454 Radeberg, 03528/43970. Wir bedanken uns beim Taubblindendienst für die Zusammenarbeit.
Bewegte Kindheit – Bewegtes Leben
Bewegte Kindheit – Bewegtes Leben! Bewegungskindergarten. Bewegung unterwegs auf dem Schulweg, im Stadtteil. Bewegungsspielplatz. Diese Veröffentlichung wurde 2004 von der Spiellandschaft Stadt Bremen veröffentlicht. Wir danken den Kolleginnen und Kollegen von der Spiellandschaft Bremen für die Erlaubnis, Ihnen diese Veröffentlichung hier anbieten zu können. (16 Seiten, 643 KB)
Kinderfreundlichkeit in der Stadt
Kinderfreundlichkeit in der Stadt. Diese Publikation wurde 2003 von der Spiellandschaft Bremen veröffentlicht. Wir danken den Kolleginnen und Kollegen von der Spiellandschaft Bremen für die Erlaubnis, Ihnen diese Veröffentlichung hier anbieten zu können. (14 Seiten, 1,2 MB)
Tür auf, draußen spielen!
Tür auf, draußen spielen! Hausnahe Spielplätze. Informationen für Eltern in Mehrfamilienhäusern. Wir danken den Kolleginnen und Kollegen von der Spiellandschaft Bremen für die Erlaubnis, Ihnen diese Veröffentlichung hier anbieten zu können. (12 Seiten, 1,5 MB)
Platz da, Kinder spielen draußen!
Platz da, Kinder spielen draußen! Wir danken den Kolleginnen und Kollegen von der Spiellandschaft Bremen für die Erlaubnis, Ihnen diese Veröffentlichung hier anbieten zu können. (32 Seiten, 192 KB)
Kinder als Experten
Kinder als Experten. Neugestaltung eines Hochhauses-Spielplatzes in Bremen-Tenever. Projektdokumentation. Wir danken den Kolleginnen und Kollegen von der Spiellandschaft Bremen für die Erlaubnis, Ihnen diese Veröffentlichung hier anbieten zu können. (32 Seiten, 372 KB)
Außengeländegestaltung am Jugendhaus
Außengeländegestaltung am Beispiel eines Jugendhauses in Delmenhorst. Wir danken den Kolleginnen und Kollegen der Spiellandschaft Bremen, Ihnen den Beitrag hier anbieten zu können. (22 Seiten, 504 KB)
Schulhofumgestaltung
Schulhofumgestaltung am Beispiel des Gymnasiums und Förderzentrums Horn. Wir danken den Kolleginnen und Kollegen der Spiellandschaft Bremen, Ihnen den Beitrag hier anbieten zu können. (41 Seiten, 1,3 MB)
Umfassende Informationen zum Thema „Spielplätze“ gibt es auch in unserem Verzeichnis „Ressorts im ABA Fachverband“
NAGEL-Redaktion – Spielplatzpaten

Spielplatzpaten
Für Menschen, die eine verbindliche Verantwortung für einen Spielplatz übernehmen wollen, gibt es die Möglichkeit, „Spielplatzpate“ zu werden.
Ein Beitrag von Christa Burghardt und Rainer Deimel
Projektbeispiele
Patenprojekte, die mit dem ABA Fachverband kooperieren
Spielplatzpaten in KölnSpielplatzpaten in Köln
Zur Seite Beispiel „Projekt Spielplatzpaten in Köln“
Beispiel Spielplatzsatzung Köln
Spielplatzpaten in Dortmund
Jugendamt Dortmund – Spielplatzpaten
Faltblatt der Stadt Dortmund („Werden Sie Spielplatzpate!“) herunterladen
Spielplatzpaten in Mülheim an der Ruhr

Spielplatzpaten in Mülheim an der Ruhr

Spielplatzpaten in Krefeld

Spielplatzpaten in Mettmann

Initiative Spielplatzpaten für Mettmann

Plakat der Spielplatzpaten in Mettmann zum Weltspieltag 2010 (28. Mai)
Spielplatzpaten in Oer-Erkenschwick
Das Jugendamt der Stadt Oer-Erkenschwick hat 2009 ein „Informationsheft für Spielplatzpaten“ herausgegeben. Erstellt wurde die Broschüre von Jessica Broy, Anna Madarasz, Jessica Schumacher und Elena Suchy während ihres Studium an der Hogeschool van Arnhem en Nijmegen (HAN). Die Stadt Oer-Erkenschwick hat uns die Broschüre freundlicherweise zur Verwendung im ABA-Netz zur Verfügung gestellt. Interessierte können sie über vorstehende Abbildung herunterladen.
Vereinbarung
Vereinbarung über die Tätigkeit als ehrenamtliche/r Spielplatzpatin/-pate
Spielplatztreff
Bettina Schilling aus Köln betreibt seit Anfang 2009 die intereressanten Seiten spielplatztreff.de im Internet. Mit dem ABA Fachverband verbindet sie das gemeinsame Interesse an der Qualität von Spielplätzen. Aus diesem Grund gibt es berechtigterweise eine Kooperation zwischen dem Verband und Spielplatztreff. Auf dessen Seiten befindet sich u.a. im Rahmen eines Blogs ein überaus interressantes Gespräch mit dem Spielflächenplaner Uwe Lersch aus Iserlohn. Sowohl Bettina Schilling als auch Uwe Lersch waren damit einverstanden, dass die Inhalte ins ABA-Netz übernommen werden. Das Gespräch setzt sich aus mehreren Teilen zusammen: 1. Sicherheit geht vor!2. Der perfekte Spielplatz3. Altersgerechte SpielplätzeDie im ABA Fachverband organisierten Spielplatzpaten werden in dem Gespräch etliche fachliche Aspekte finden, die ihr Engagement unterstützen. Wir haben dem Gespräch eine eigene Seite eingeräumt. Zur Seite
Thema „Rauchen auf Spielplätzen“
Seite „Rauchen auf Spielplätzen“
Mehr zum Thema „Spielplatzpaten“ gibt es im Verzeichnis Ressorts im ABA Fachverband -> Spielplatzpaten.
NAGEL-Redaktion – Spielleitplanung
Was ist die Spielleitplanung?
Die Spielleitplanung ist ein 1999 durch das Bundesland Rheinland-Pfalz entwickeltes, kommunales Planungsinstrument. Es handelt sich dabei um eine nachhaltige und umweltgerechte Entwicklungsplanung für Städte und Gemeinden, die einen besonderen Fokus auf die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen legt und zur Erhaltung und Verbesserung des Lebens- und Wohnumfeldes von jungen Menschen beiträgt. Wichtig ist: Spielleitplanung ist keine Spielplatzplanung, sondern geht weit darüber hinaus und umfasst grundsätzlich alle Flächen im Quartier.
Im Ergebnis entsteht durch die Spielleitplanung ein Planwerk, welches den Prozess der zukünftigen gemeindlichen Entwicklung hin zu einer kinder- und jugendfreundlichen Kommune leiten kann. Hierbei werden gleichfalls ganz konkrete Projekte und Maßnahmen entwickelt und die Zusammenarbeit aller Akteure in Politik, Verwaltung und Bürgerschaft gestärkt.
Durch die Anwendung in zahlreichen bundesdeutschen Kommunen hat das Instrument der Spielleitplanung zunehmend bundesweite Bedeutung erlangt. Seit 2007 begleitet und evaluiert das Deutsche Kinderhilfswerk e.V. Modellkommunen in kleinen und mittleren Städten.
Was ist das Besondere an einer Spielleitplanung?
Zwei Elemente unterscheidet die Spielleitplanung maßgeblich von bestehenden Instrumenten für kinder- und jugendfreundliche Planung:
Verbindlichkeit für Planung und Umsetzung werden sichergestellt
Ziel der Spielleitplanung ist die konsequente Zusammenarbeit von politischen Entscheidungsträgern, Planern sowie den Akteuren der Jugendhilfe, um qualifiziert und strukturiert zur Entstehung von geeigneten Spielräumen beizutragen.
Zentral ist hier die Verbindlichkeit der Spielleitplanung sicherzustellen, indem das Verfahren selbst wie auch der entwickelte Spielleitplan von der Bezirksverordnetenversammlung beschlossen wird. Die kommunale Vertretung bindet sich und ihre Verwaltung damit selbst an die Umsetzung von Maßnahmen und das Ziel einer kinder- und jugendfreundlichen Stadtentwicklung.
Kinder und Jugendliche werden als Experten ihrer eigenen Lebenswelt begriffen
Hauptziel der Spielleitplanung ist, dass die Bedürfnisse und Interessen von Kindern und Jugendlichen als Teil der Bürgerschaft in der räumlichen Planung berücksichtigt werden.
Was ihre Bedürfnisse und Interessen tatsächlich sind, können jedoch nicht Politik und Planung, sondern die Kinder und Jugendlichen selbst am besten beurteilen.
Daher stellt die konsequente Beteiligung von Jungen und Mädchen bei allen wichtigen Planungs-, Umsetzungs- und Entscheidungsschritten einen weiteren wesentlichen Kernbestandteil dar.
Gerade dadurch erhalten Kinder nicht nur die nötige Wertschätzung als Expertinnen und Experten für ihre eigene Situation, sondern es wird darüber hinaus auch ihrem Recht auf Mitbestimmung und Mitgestaltung Ausdruck verliehen.
Das Verfahren
Wie wird ein Spielleitplan aufgestellt?
Das Verfahren der Spielleitplanung folgt einem Schema, das sicherstellt, dass die Besonderheiten der Planung von Verbindlichkeit und Beteiligung gewahrt bleiben.
Am Anfang des Verfahrens … (stehen) die Aufstellung grundsätzlicher Qualitätsziele für die kinder- und jugendfreundliche Entwicklung und die methodischen sowie planerischen Vorüberlegungen für das Verfahren, das Gebiet sowie spätere Implementierungsmöglichkeiten und Realisierungschancen.
Diese Vorarbeiten bilden die Grundlage für die nachfolgende Bestandsaufnahme, welche auf drei wesentlichen Säulen mit jeweils ganz unterschiedlichen Blickwinkeln basiert:
■ die Erhebung durch eine planerische Fachkraft,
■ die Erhebung durch Interviews mit Akteuren aus Einrichtungen, Vereinen und der Verwaltung sowie
■ eine ausführliche Bestandsaufnahme vor Ort durch Kinder und Jugendliche selbst.
Im nächsten Zug werden die Ergebnisse der Bestandserhebungen hinsichtlich der örtlichen Qualitätsziele sowie hinsichtlich der einzelnen Orte bewertet und im Rahmen einer gesamträumlichen Bewertung zusammengefasst.
Auf der Grundlage all dieser Erkenntnisse wird der Spielleitplan entworfen, welcher dann durch den Beschluss der Bezirksverordnetenversammlung bzw. des Gemeinderates für die eigenen Behörden verbindlich wird und in allen künftigen Planungen für das Gebiet zu berücksichtigen ist, seien es Grünflächen-, Bebauungs- Verkehrs-, Freizeit-, Schul- oder auch Kulturplanungen.

Vorstehende Texte und Grafik: Auszüge aus der Broschüre Spielleitplanung in Berlin – Modellprojekt Berlin Weißensee, Hrsg.: Deutsches Kinderhilfswerk (Themenheft 2010)
Die komplette Broschüre
Sie interessieren sich für die komplette Broschüre des Deutschen Kinderhilfswerks? Titel anklicken!
Mehr zum Thema „Spielleitplanung“

Spielleitplanung am Beispiel Rheinland-Pfalz

Spielleitplanung am Beispiel Dortmund
Verwaltungsvorlage herunterladen
Kinderfreundliche Stadtgestaltung (DKHW) – Beste Beispiele: Dortmund (Link)
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Spielleitplanung und das Deutsche Kinderhilfswerk

Spielleitplanung mit dem Planungsbüro Stadt-Kinder
NAGEL-Redaktion –Spielanregungen

Foto: Rainer Deimel
Gute Spiele kann man nicht im Voraus planen, sie entstehen nur, wenn wir ohne Absicht und zum Spaß mit den Kindern spielen.
John Holt
Dieses Verzeichnis wurde im Juni 2004 begonnen. Seitdem gibt es in unserem InformationsDienst i-Punkt die Sparte Spiel des Monats. Von Zeit zu Zeit stellen die Spiele hier ein. Zum Teil handelt es sich bei den Spielen auch um solche, die früher selbstverständliche waren, heute aber zum Teil kaum noch bekannt sind. Wir hoffen, damit einen Beitrag zu leisten, die Spiele vor dem Untergang zu bewahren. Und wir freuen uns, wenn die Spiele in der Praxis auch angewandt werden. Entsprechende Rückmeldungen jedenfalls haben wir bekommen.
ABA Fachverband Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen
– NAGEL-Redaktion –

Spielwächter – Serie Kunst und Krempel (Foto: Rainer Deimel)
Hier unsere Spielanregungen:
Alle meine Kinder, kommt nach Haus!
Jakob hat ein Schwein geschlachtet
Mutter, wieviel Schritte darf ich?
NAGEL-Redaktion –Schule/Übergänge in Arbeit

Foto: Rainer Deimel
Für die Offene Arbeit mit Jugendlichen ergeben sich bezüglich des Übergangs in den Beruf zunehmend fachliche Verpflichtungen. Besonders hilfreich sind dabei unter anderem die Arbeiten des Deutschen Jugendinstituts, zu denen Sie hier Zugang finden.
Studie zur beruflichen Situation der jungen Generation 2010: Je jünger, desto prekärer
Der Aufschwung geht an den jungen Menschen vorbei. Gerade sie sind von prekären Arbeitsverhältnissen wie Praktika, Leiharbeit und befristete Jobs besonders betroffen. Das belegt eine Studie von TNS Infratest. Die IG Metall hatte das Institut beauftragt zu erforschen, welche Entwicklungen die berufliche Situation der jungen Generation bestimmen. Die IG Metall informiert über die prägnantesten Ergebnisse und Botschaften. Im Fokus der TNS Infratest-Studie steht die Generation der 14- bis 34-Jährigen sowie deren Stimmung und Zukunftserwartung. Das Institut untersuchte, welche Einstellungen, Ängste und Erwartungen aktuell junge Menschen insbesondere zur beruflichen Situation und Perspektive prägen und – wie sich diese gegenüber der Vorläuferstudie aus 2009 verändert haben.
IG Metall vom 18. Oktober 2010
Weiterlesen
Link zur IG Metall
Jungen vernachlässigt: Studie kritisiert einseitige Berufsberatung in Europa
So titelt die WAZ vom 8. Juni 2010 unter Berufung auf den Bericht „Geschlechterunterschiede bei Bildungsresultaten: Derzeitige Situation und aktuelle Maßnahmen in Europa“. Der Bericht wird verantwortet vom EU-Bildungswerk „Eurydice“ und am 7. Juni 2010 veröffentlicht. Die WAZ schreibt weiter, geschlechterspezifische Berufsberatung konzentriere sich meist auch Mädchen. Diese würden ermutigt sich für einen technischen oder naturwissenschaftlichen Beruf zu entscheiden. Bei den Jungen hingegen verfüge kein Land über eine Strategie, diese in einen traditionell weiblichen Beruf zu vermitteln. Die Tatsache, dass Jungen in der Schule schlechter abschnitten, würde darüber hinaus vernachlässigt. Interessierte können sich die Studie (158 Seiten) per Mausklick über vorstehenden Titel herunterladen.
Berufsbildungsbericht 2008
Berufsbildungsbericht 2008 herunterladen (406 Seiten, 2,2 MB)
DGB-Jugend NRW: Ausbildungsreport 2008
Inhalt: Gesamtbewertung – Einzelbewertungen: Ausbildungsinhalte – Fachliche Anleitung – Ausbildungszeiten und Überstunden – Ausbildungsvergütung – Persönliche Beurteilung der Ausbildung – Exkurs: Ausbildung und Geschlecht – Auswertungsverfahren und Methodik – Herunterladen
Technikberufe für Frauen wenig attraktiv
Die Wirtsschaft will Frauen in Ingenieursberufs locken. Eine aktuelle Studie zeigt: In vielen Betrieben orientieren sich die Arbeitszeiten an Männern. Der „Drehtüreffekt“ verhindert, dass Frauen Fuß fassen – sie wandern lieber in andere Jobs ab.
Artikel der „taz“ und Kommentar „Küchenpsychologie der Ökonomen“ vom 29. Juli 2008 herunterladen
„Die Schulen passen nicht mehr!“
Früher mussten sich die Schüler den Schulen anpassen. Heike Solga vom Wissenschaftszentrum für Sozialforschung Berlinfordert, dass es endlich andersherum geht: Die Bildungseinrichtungen sollen sich auf die Jugendlichen einstellen
Interview aus der „taz“ vom 11. Juni 2008 herunterladen
Übergangspanel über Zuwanderergruppen an Hauptschule des DJI
Ganz anders und total normal: Lebensumstände und Zukunftspläne türkischer Hauptschüler(innen) sowie junger Aussiedler(innen). Bericht aus dem DJI-Übergangspanel über Zuwanderergruppen an Hauptschulen (2 Seiten, 414 KB).
Herunterladen
Inklusionsstrategien für junge Aussiedler im Übergang Schule – Beruf
Zwischenbericht zum Projekt „Inklusionsstrategien für junge Aussiedler im Übergang Schule – Beruf“ – Zu den Lebenslagen und Bewältigungsstrategien von Aussiedlerjugendlichen. (30 Seiten, 169 KB)
Bericht herunterladen
Verbesserung der Qualifikationschancen von Jugendlichen mit Migrationshintergrund
Verbesserung der Qualifizierungschancen von Jugendlichen mit Migrationshintergrund durch lokale Netzwerke – Auswertung von zehn Fallstudien. DJI, Wissenschaftliche Texte 3/2007 (112 Seiten, 481 KB)
Bericht herunterladen
Komplizierte Wege von der Schule in Ausbildung
Die Schule bis zum Ende der Pflichtschulzeit besuchen, danach eine betriebliche Berufsausbildung in einem anerkannten Ausbildungsberuf abschließen, anschließend Facharbeit. Diese Abfolge von Schritten gilt traditionell als der Königsweg in das Arbeitsleben für Jugendliche in Deutschland. Tatsächlich gelingt aber nur einer Minderheit von Hauptschülerinnen und Hauptschülern der direkte Einstieg in die Berufsausbildung. 30 Monate nach dem Ende der Pflichtschulzeit haben knapp die Hälfte der Hauptschulabsolventen noch keine Berufsausbildung begonnen.
Aktuelle Ergebnisse dazu finden Sie im Bericht: „Lokales Übergangsmanagement – Handlungsbedarf und Handlungsspielräume“. Expertise von Matthias Müller und Frank Braun (23 Seiten, 403 KB)
Deutsches Jugendinstitut vom 2. November 2007
Bericht herunterladen
Erhöhte Ausgrenzungsrisiken für Jugendliche mit Migrationshintergrund
Je größer der zeitliche Abstand zwischen dem Ende der Schulzeit und dem Beginn der Ausbildung, desto höher das Risiko, dass Jugendliche ihre Ausbildungsanstrengungen aufgeben. Sie suchen Arbeit als Ungelernte oder werden ganz aus dem Ausbildungssystem und dem Arbeitsmarkt abgedrängt. Von der Ausgrenzung von Ausbildung, Arbeit und gesellschaftlicher Teilhabe sind in besonderer Weise Jugendliche aus Zuwandererfamilien bedroht. Sie fühlen sich vielfach bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz wegen ihrer Herkunft diskriminiert:
Link zum Projekt
Deutsches Jugendinstitut vom 2. November 2007
Leitfaden Lokales Übergangsmanagement
Eine wachsende Zahl von Kommunen und Landkreise engagieren sich, um durch Abstimmung und Kooperation von Förderangeboten und Politiken – eben durch lokales Übergangsmanagement – die Voraussetzungen für das Gelingen der Übergänge von Jugendlichen in Ausbildung und Arbeit zu verbessern. Um Kommunen und Landkreise beim Einstieg in diese Aufgabe zu unterstützen, hat das Deutsche Jugendinstitut im Auftrag der Bertelsmann Stiftung einen „Leitfaden lokales Übergangsmanagement: Von der Problemdiagnose zur praktischen Umsetzung“ erarbeitet. Leitfaden von Frank Braun (5 Seiten, 30 KB)
Deutsches Jugendinstitut vom 2. November 2007
Eine Zusammenfassung finden Sie hier.
Voraussetzungen für lokales Übergangsmanagements
Das DJI hat in lokalen Fallstudien die Instrumente und Prozesse untersucht, mit denen Kommunen und Landkreise sich auf den Weg zu einem lokalen Übergangsmanagement gemacht haben. Die Studien zeigen, wie wichtig es ist, alle relevanten Akteure (Jugendamt, Schulen, ARGE, Arbeitsagentur, Betriebe) mit ins Boot zu bekommen, weil sie alle das Gelingen oder Misslingen von Übergängen mit beeinflussen. Ein guter Ausgangspunkt für lokales Übergangsmanagement ist das Ende der Pflichtschulzeit, bevor sich die Jugendlichen auf unterschiedliche Wege verteilen. Und eine wichtige Voraussetzung für lokales Übergangsmanagement sind Daten, aus denen sich das tatsächliche Übergangsgeschehen und der konkrete Handlungsbedarf ablesen lassen. Broschüre „Lokales Übergangsmanagement Schule – Beruf. Fallstudien zu drei Standorten: der Kreis Herford, die Landeshauptstadt Stuttgart und der Schweizer Kanton Zürich“ (59 Seiten, 803 KB)
Deutsches Jugendinstitut vom 2. November 2007
Die Fallstudien zum lokalen Übergangsmanagement finden Sie hier.
Arbeiten und Lernen in Schülerfirmen, Jugendhilfebetrieben und Produktionsschulen
Irene Hofmann-Lun (Hrsg.)
DJI 2007
Produktionsorientiertes Lernen will die Praxis in die Schule bringen, indem die Jugendlichen unter betriebsförmigen Bedingungen für reale Kunden Produkte herstellen oder Dienstleistungen erbringen. Durch ihren hohen Ernstcharakter birgt das produktionsorientierte Lernen ein großes Förderpotenzial für Jugendliche auf ihrem Weg von der Schule in eine Ausbildung oder in die Erwerbsarbeit. Strategien und Methoden von „Produktionsschulansätzen“ wurden im BQF-Programm gefördert. Die Arbeitsergebnisse des BQF-Programms sowie weitere Praxisbeispiele bilden die Basis dieser Veröffentlichung. In diesem Handbuch wird beschrieben, wie produktionsorientiertes Lernen in der allgemeinbildenden Schule, in der Berufsvorbereitung, in der Berufsausbildung und als Maßnahme zur Eingliederung in den ersten Arbeitsmarkt funktionieren kann. (47 Seiten, 1,6 MB)
Broschüre herunterladen
Schaffung einer Datenbasis für lokales Übergangsmanagement
Weil die Jugendlichen auf dem Weg von der Schule in die Berufsausbildung durch die unterschiedlichsten Angebote und Institutionen gehen (allgemeinbildende Schulen, berufliche Schulen, BvB-Maßnahmen, Ein-Euro-Jobs, Freiwilligenjahre) fehlen verlässliche Daten über diese Wege. Welche Übergänge sind erfolgreich, welche riskant? Wo sind Bruchstellen? Wo werden Jugendliche aus dem Bildungs- und Ausbildungssystem herausgedrängt? Das DJI erhebt im Projekt „Längsschnittstudien Schule – Beruf für lokales Übergangsmanagement“ diese Informationen für eine Reihe von Kommunen und schafft so eine Datenbasis für lokales Übergangsmanagement.
Informationen zu diesem Projekt finden Sie hier.
Deutsches Jugendinstitut vom 2. November 2007
Seit März 2007 erscheint eine neue Publikation des Deutschen Jugendinstituts (DJI) zu Fragen der Bildung, Ausbildung und Arbeit von Jugendlichen mit schlechten Startchancen. Berichtet wird hier zu Forschungs- und Entwicklungsarbeiten des Deutschen Jugendinstituts (DJI) im Zusammenhang mit Übergängen in Arbeit.
Zum Herunterladen
Hilfreiche Erkenntnisse und Anregungen liefern die Newsletter (Schwerpunkt „Übergänge im Jugendalter“) des DJI (Außenstelle Halle), die in unregelmäßigen Abständen herausgegeben werden. Sie können Sie bei Interesse hier herunterladen. Weitere Inforamtionen zum Thema gibt es auf den Seiten des DJI.
Ausgabe 12 – Mai 2011: Jugendliche mit Migrationshintergrund auf dem Weg von der Schule zur Ausbildung. Aus der Längsschnittsutie (DJI-Übergangspanel): Wege von Hauptschüler(inne)n. 53 Prozent der Befragten stammen aus Zuwandererfamilien; diese haben höhere Hürden zu überwinden.
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Ausgabe 11 – April 2011: Berufliche integration von Föderschulabsolvent/inn/en. Förderschulen schränken die Möglichkeiten ein, einen an den eigenen Wünschen und Potenzialen orientierten Weg in Ausbildung und Beruf zu gehen.
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Ausgabe 10 – Dezember 2010: Regionales Übergangsmanagement: Regionaldaten zum Übergangsgeschehen als Handlungsgrundlage
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Ausgabe 9 – Juni 2010: Hauptschüler/innen an der Schwelle zur Arbeitswelt – „Die Hauptschule“ gibt es nicht! Große Unterschiede in der Zusammensetzung der Schülerschaft
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Ausgabe 8 – März 2010: Berufsorientierung: Ein Überblick über Programme und Projekte – Kein Mangel an Angeboten, wohl aber ein Mangel an Abstimmung
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Ausgabe 7 – März 2009: Aussiedlerjugendliche im Übergang Schule – Berufsausbildung: Zum Unterstützungspotenzial der Herkunftsfamilien
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Ausgabe 6 – November 2008: Berufsvorbereitung im Übergang Schule Berufsausbildung: Wirksamer Zwischenschritt, Warteschleife oder Sackgasse?
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Ausgabe 5 – Februar 2008: Lokales Übergangsmanagement II: Wie können lokale Akteure vorgehen?
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Ausgabe 4 – November 2007: Lokales Übergangsmanagement I: Materialien und Forschungsergebnisse zur Notwendigkeit lokaler Angebote und Politik
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Ausgabe 3 – August 2007: Integration von Aussiedlerjugendlichen. Übergangspanel Lebensumstände und Zukunftspläne junger Aussiedler/innen und türkischer Hauptschüler/innen, Inklusionsstrategien
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Ausgabe 2 – April 2007: Produktionsschulen, Schülerfirmen, Juniorenfirmen, Jugendhilfebetriebe: Die Pädagogik entdeckt die Arbeit.
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Ausgabe 1 – März 2007: Hauptschüler: Langwierige Übergänge von der Schule in die Berufsausbildung – Übergangspanel
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In der so genannten Nullnummer (März 2007) wird über Ergebnisse einer Längsschnittstudie zu den Wegen von Hauptschülerinnen und Hauptschülern in und durch die Berufsausbildung – aber auch ins berufliche Abseits – berichtet.
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Projekt SINTEGRA-Datenbank: Gute Beispiele der sozialen Integration marginalisierter Jugendlicher.
Link zur Datenbank
NAGEL-Redaktion – Offene Ganztagsschule (OGS)
Die Offene Ganztagsschule könnte eine Chance sein. Sie hätte die Möglichkeit, auch und gerade Konzeptionen in ihre Arbeit zu integrieren, die in der Kinder- und Jugendarbeit erfolgreich entwickelt wurden. Ferner könnten sich erfolgreiche Gelegenheiten zur vielbeschworenen Kooperation zwischen Schule und Kinder- und Jugendarbeit ergeben. In einigen Fällen ist dies wohl auch der Fall. Häufig können allerdings auch Situationen erlebt werden, die aus fachlicher Sicht mit einem gewissen Maß an Skepsis wahrgenommen werden müssen.
Wir möchten mit dieser Seite dazu beitragen, die Qualität der Offenen Ganztagsschule günstig zu stimulieren.
Die Redaktion freut sich über Berichte, Einschätzungen und andere Meldungen zum Thema.
ABA Fachverband

Am 10. November 2011 hat die Jugendzentren Köln gGmbH (JugZ) in Köln-Porz den zweiten Fachtag „JugZ und Schule `Die Quadratur des Kreises´ Eine unaufgeregte Bestandsaufnahme und Perspektiven“ veranstaltet. Ziel dieses Fachtages ist es gewesen, den fachlichen Austausch zwischen Jugendhilfe und Schule zu fördern und Weichenstellungen für die künftige Zusammenarbeit zu treffen. Der Fachtag war auch für externe Interessierte geöffnet.
Da die JugZ über langjährige Erfahrung in der Zusammenarbeit mit Schulen verfügt, freut es uns sehr, Ihnen hiermit die digitale Dokumentation des Fach-tages zur Verfügung stellen zu dürfen. Sie enthält die Inhalte und Ergebnisse des Fachtages mit mehr als drei Plenumsreferaten und sieben Workshops: hier geht es zur Dokumentation von Teil 1 und Teil 2.
Besonders intensiv befasst sich die inform mit dem Thema. Herausgegeben wird sie vom Landschaftsverband Rheinland (Landesjugendamt) unter der Redaktion von Alexander Mavroudis. Interessierte finden hier reichlich Beiträge und Anregungen.
Der ABA Fachverband ist Kooperationspartner des Landesjugendamtes Rheinland.
Wikipedia zum Thema
Der Begriff Offene Ganztagsschule (OGS auch OGaTa Offene Ganztagsschule oder OGaTE Offene GanztagsEinrichtung) bezeichnet eine besondere Form der Ganztagsschule. Im Gegensatz zur gebundenen Ganztagsschule wird die herkömmliche Zeitstruktur des Unterrichts um eine Übermittagbetreuung, Angebote zur Freizeitgestaltung aber auch um ein schulisches Nachmittagsangebot erweitert. Da die Anmeldung zur OGS freiwillig ist und jährlich bestätigt werden muss, spricht man von der offenen Ganztagsschule. Der Bedarf an OGS entstand, da immer mehr Schüler von alleinerziehenden und berufstätigen Müttern versorgt werden. Die OGS hat streckenweise das Konzept der Gesamtschule übernommen – insbesondere in den ersten Schuljahren erfolgt keine Differenzierung nach Schulklassen. Der bisher getrennte Unterricht in Physik, Chemie und Biologie wird zusammengefasst im neuen Fach Naturkunde.
Grundschüler und Schüler der Klassen 5 bis 10 sind in den Ganztagsbetrieb eingebunden. Das bedeutet, dass die Schüler nach dem regulären Unterricht bis 16 Uhr an den Nachmittagsveranstaltungen teilnehmen können.
Befürworter verweisen darauf, dass schwierige Kinder ganztags von der Straße geholt werden und intensiver schulisch gefördert werden können. Die Schüler können im Ganztagsschulbetrieb individuell gefördert werden, dazu zählt es die Begabungen und Stärken zu fördern und die Schwächen auszugleichen und auch hier den einzelnen Schülern Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Die Freizeit der Schüler wird zum Teil von der Schule übernommen und anstatt allein vor Fernseher oder Computer zu Hause zu sein, gibt es eine warme Mahlzeit, die Hausaufgaben werden in Gruppen erledigt und kontrolliert und die entsprechende Hilfestellung gegeben. Ein Teil der Erziehungsarbeit kann hier geleistet werden.
Probleme der Offenen Ganztagsschule
Die OGS ist ein Versuch, das gesellschaftlich anerkannte Ganztagsbetreuungsproblem von Schulkindern zu lösen. Dabei wird allerdings nicht der Ausbau vorhandener Hortplätze durchgeführt, sondern eine möglichst kostenneutrale Realisierung angestrebt, die sich an den aus der Privatwirtschaft bekanntem Outsourcing orientiert, da weder die jeweilige Schule noch eine ihr übergeordnete Behörde für die Durchführung der Maßnahme verantwortlich zeichnet. Im Regelfall wird die Arbeit von pädagogischen Laien auf 400 Euro-Basis durchgeführt, selbst eine Fortbildung ist unüblich. Die immer noch verbleibenden Kosten müssen größtenteils von den Eltern der Schulkinder getragen werden. Der im Konzept vorgesehene Betreuungsschlüssel von 1:25 erlaubt kaum ein Angebot von gleichzeitiger Hausaufgabenbetreuung und Freizeitgestaltung. Nach Meinung einiger Experten werden sich deshalb die Probleme eher verschärfen. Kritik entzündet sich darüber hinaus an der in Nordrhein-Westfalen durch einen Erlass vom Januar 2006 festgeschriebenen rigiden Abholzeitregelung. Darin heißt es, dass eine Teilnahme der Kinder am außerschulischen Angebot bei erfolgter Anmeldung an fünf Tagen in der Woche bis mindestens 15 Uhr verpflichtend sei.
(Quelle: http://de.wikipedia.org, geladen am Oktober 2007)
Beiträge und Links
Ganztagsportal des Ministeriums für Schule und Weiterbildung des Landes NRW. Hier gibt es Hinweise, Hilfen und Unterstützung, Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner, Organisationsmodelle und pädagogisches Material.
Landesregierung NRW will Ganztagsangebote weiter ausbauen
Mitteilung des Ministeriums für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen vom 23. Dezember 2010: Weiterer quantitativer und qualitativer Ausbau von Ganztagsangeboten und schulischen Betreuungsangeboten beabsichtigt. Damit sollen zentrale Ziele für eine bedarfsgerechte, kohärente und qualitativ anspruchsvolle Bildungs-, Jugend-, Familien- und Sozialpolitik verfolgt werden.
Schreiben des Ministeriums (Ganztagsschulen und Ganztagsangebote; Zusammenfassung der bestehenden Erlasse) herunterladen
Dokumente
Projekt der Jugendfarm Bonn: Mehr Platz für wilde Spiele an der Schule
Foto: Jugendfarm Bonn
Schule und Offene Arbeit, zwei Orte, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Der eine definiert sich oft in Abgrenzung zum anderen: Pflicht versus Freiwilligkeit, Lehrplan versus Freiraum, Lehren versus Lernen … Inwischen ist die Schule mehr und mehr gefordert, mit anderen Bildungspartnern zu kooperieren. Die Jugendfarm Bonn liefert dazu ein nachahmenswertes Beispiel, dem wir eine zusätzliche Seite im ABA-Netz widmen. Dorthin
Ein erfolgversprechendes Modell: Abenteuer Schule – Begleitprojekt für Offene Ganztagsschulen
Ein Angebot der Evangelischen Jugend Oberhausen
In der Präambel des Konzepts heißt es: „Langjährige Erfahrungen auf pädagogisch betreuten Spielplätzen zeigen, dass Kinder in der Regel keine ummauerten Räume zum Spielen brauchen. Was Kinder als spannend und damit persönlichkeitsbildend erleben, sind nicht die von der Werbung und den Medien häufig falsch vermittelten Abenteuer, sondern kreative, künstlerische und soziale Erfahrungen, die häufig im Zusammenhang mit der Natur und den so genannten Urelementen stehen. Ein Abenteuer- und Bauspielplatz bietet die Grundlage für alle musischen, erlebnispädagogischen, kulturellen, kreativen und sonstigen Angebote, die das Projekt in sinnvoller Weise anrunden können.“
Konzept herunterladen
Vorschlag für Qualitätsstandards
Die GEW Ostwestfalen-Lippe (GEW OWL) und der ver.di-Bezirk Herford-Minden-Lippe haben Qualitätsstandards für die Offene Ganztagsschule entwickelt. Diese wurden uns freundlicherweise von der Vorsitzenden der GEW OWL, Sabie Unger, zur Verwendung zur Verfügung gestellt.
Zur Seite „Qualitätstandards“ zur Offenen Ganztagsschule
NAGEL-Redaktion – Die „etwas andere“ Schule – Schulen mit Nachahmungswert
„Ja, sind die denn verrückt, diese Erwachsenen, dass sie unsere Jüngsten in einem Alter in die Schule schicken wollen, da sie doch so viel zu lernen haben?“ Himalaja-Bewohnerin (zitiert nach Bertrand Stern)
„Die meisten Kinder werden in der Schule niedergehalten, eingeschüchtert und entmutigt. Sie gebrauchen ihren Verstand nicht, um zu lernen, sondern um den Dingen aus dem Weg zu gehen, die wir von ihnen verlangen, um sie zum Lernen zu bringen.“ John Holt
Seit August 2005 haben wir von Zeit zu Zeit in der Sparte „Schule“ im i-Punkt einen so genannten „Link zur ‚etwas anderen‘ Schule“ veröffentlicht. Hiermit wollten wir einen weiteren Schritt in Richtung Kooperation Jugendarbeit und Schule wagen. Kritik am jeweils anderen System halten wir nicht für besonders entwicklungsförderlich. Hilfreich hingegen finden wir, Konzepte vorzustellen, die deutlich machen, dass sich nicht erst die Welt verändern muss, bevor man selbst etwas verändern kann. Wertschätzen wollen wir hiermit ausdrücklich die Arbeit der Kolleginnen und Kollegen an solchen Schulen, die sich auf den Weg gemacht haben, „etwas anders“ zu machen, die Kinder und Jugendliche in den Mittelpunkt ihres pädagogischen Bestrebens gestellt haben, die mit der schulischen Tradition, Kinder zu beschämen, gebrochen haben. Neben der von uns vorgenommenen Auswahl sehen wir auch gern „Bewerbungen“ von Schulen entgegen.
Diese Schulen wurden, nachdem wir sie im i-Punkt veröffentlicht hatten, hier eingestellt.
ABA Fachverband
„Grundschulkinder befinden sich in einem permanenten Ausleseprozess: Sie werden zurückgestellt, bleiben sitzen, werden auf Förderschulen überwiesen und frühzeitig auf das verzweigte Schulsystem hin sortiert. Dadurch werden viele systematisch beschämt, in ihrem Selbstbild begrenzt, in ihren Bildungsmöglichkeiten behindert und damit dauerhaft mutlos. Wir brauchen eine Gemeinschafts- und Ganztagsschule statt Aussonderung und des Primats sozialer Vererbung von Status und kulturellem Kapital.“
Ulrich Hecker, Grundschulrektor
Quelle: „Erziehung und Wissenschaft 4/2010“
Inklusive Grundschule: ein starkes Glied in der „Kommunalen Präventionskette“ gegen Kinderarmut
Deutschland tue wenig für frühkindliche Bildung und vernachlässige geradezu sträflich die präventive Förderung von Kindern in Armutslagen. Aus dem Mangel an frühzeitiger öffentlicher Verantwortungsübernahme für das Wohlergehen der Kinder erwüchsen den Kommunen, den Ländern und dem Bund tendenziell steigende Kosten wegen teurer und ineffektiver nachsorgender Unterstützungsmaßnahmen für unzureichend qualifizierte und integrierte Jugendliche, meint Dr. Brigitte Schumann vom NRW-Bündnis „Eine Schule für alle“. Den Beitrag haben wir im März 2012 in unsere Rubrik Kolumnen übernommen. – Zur Seite wechseln

Der Podcast rund um die Themen Schule und Kinderschutz
Über die Unmöglichkeit, objektiv zu urteilen

Foto: ZEITmagazin vom 20. Mai 2010 – Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion
In der Rubrik „Extra“ im i-Punkt 6/2010 gab es Lesestoff zum Thema „Zensuren in der Schule“. Neben eigenen Ausführungen haben wir zwei Vorkommnisse, die uns in jüngerer Zeit auffielen, aufgegriffen. Da gab es die Mutter aus Düsseldorf, die aus Angst vor einem Leistungsabfall ihrer Tochter deren Englischarbeit mit der Note 6 nachträglich mittels Tintenkiller um 13 Fehler korrigiert hatte. Dafür wurde sie vom Amtsgericht Düsseldorf zur Ableistung von 100 Sozialstunden verurteilt. Der Richter zum Prozssabschluss: „Ich hoffe, dass angekommen ist, dass man auch ohne Abitur glücklich werden kann.“
Ein weiterer Fall gab uns zu denken: Im französischen Poitiers ließ ein Vater seinen Sohn dessen Zeugnis mit schlechten Noten aufessen. Dieser sei daran fast erstickt, was den Vater nicht daran hinderte, ihn auch noch zu verprügeln. Strafe des Gerichts: Zwei Monate Haft auf Bewährung und einen Euro Entschädigungszahlung an den Sohn.
Die meisten Fälle gehen weniger spektakulär vonstatten. Zahlreiche Suizidversuche junger Menschen, Selbstmorde und Familiendramen im Zusammenhang mit Zeugnissen spielen sich eher im Verborgenen ab. Dass ein gutes Schulzeugnis lediglich der Beleg für eine gelungene Trivialisierung junger Menschen ist, damit befassen wir uns auf einer speziellen Seite mit dem Titel „Über die Unmöglichkeit, objekt zu urteilen (Zur Klärung eines Paradoxons)“.
In diesem Jahr fand vom 25. Juli bis 3. August 2008 die Europäische Konferenz Demokratischer Schulen in Leipzig statt. Interessierte gelangen über einen Klick auf vorstehendes Logo zur entsprecdhenden Seite.
Interview mit Michael Sappir
Michael Sappir (19) ist Israeli und gründete mit 14 Jahren eine eigene Schule: Die „Sudbury School Jerusalem“. Sie ist eine von mehreren Demokratischen Schulen in Israel. Dort entscheiden die jungen Leute allein, was sie tun (und lernen) wollen). Michael Sappir war im vergangenen Jahr Teilnehmer der Experten-Tagung „Demokratische Grundschule“, die vom 19. bis 21. September 2007 an der Universität Siegen stattfand. Inzwischen lebt er in Deutschland und ist ein gefragter Berater für viele Schulgründungs-Initiativen. Er wird ab Herbst Linguistik in Leipzig studieren. Er wird auch auf der EUDEC 2008 anzutreffen sein.

Foto: Kosog – in: „Der Tagesspiegel“ vom 29. Juni 2008
Das Interview führte Simone Kosog. Es wurde am 29. Juni 2008 im „Tagesspiegel“ veröffentlicht.
Interview herunterladen
NRW-Bündnis „Eine Schule für alle“
Der ABA Fachverband ist Mitglied im NRW-Bündnis „Eine Schule für alle“. Eine Zeitlang haben wir die Seiten des Bündnisses im ABA-Netz geführt. Seit dem Jahreswechsel gibt es eine eigene Internetpräsenz des Bündnisses, die wir sehr empfehlen. Wir rufen außerdem dazu, dem Bündnis beizutreten.
Schulen, auf die der „i-Punkt“ (ABA-Informationsdienst) hingewiesen hat
Grundschule am Sandsteinweg, Berlin
Fridjof-Nansen-Schule, Hannover
Laborschule, Bielefeld
Sudbury Schule Berlin-Brandenburg, Berlin
Gesamtschule Holsterhausen, Essen
Freie Schule Bochum
Realschule des Freien Grundes, Neunkirchen/Siegerland
Katholische Schule St. Franziskus, Berlin-Schöneberg
Evangelische Gesamtschule Bismarck, Gelsenkirchen
Vorgenannte Schulen wurden auch in der AGOT-Broschüre „Auf dem Weg zur gelingenden Schule“ (2006), veröffentlicht.
Hier sehen Sie den Titel der Broschüre Auf dem Weg zur gelingenden Schule. Diese Streitschrift ist das Ergebnis der Arbeit der Kommission Jugendarbeit und Schule der AGOT-NRW. Die Kommission war ein Jahr lang aktiv (2005 und 2006). Die Mitglieder der Kommission sind in der Broschüre aufgeführt. Vorgestellt wurden die Ergebnisse während einer Fachtagung am 26. September 2006 im Landesjugendamt in Köln. Der ABA Fachverband hat die die Inhalte der Broschüre am 20. September 2006 zu seiner aktuellen bildungspolitischen Position erklärt. Sie können sich die Broschüre hier laden, indem Sie auf den Titel klicken. (34 Seiten, 3 MB) In gedruckter Form kann sie bestellt werden bei der AGOT-NRW.
Schulen, die später – ohne Hinweis im „i-Punkt“ – eingestellt wurden
Die Bildungsschule Harzberg ist eine Grundschule in freier Trägerschaft ohne Schulgeld, in der Kinder von der ersten bis zur vierten Klasse in einer altersgemischten Gruppe mit festen Bezugspersonen lernen und arbeiten. Die ganze Schulgemeinschaft umfasst nur 20 bis 40 Kinder.
Das Besondere des Konzepts der Bildungsschule ist die hochgradige Individualisierung des Unterrichts. Jedes Kind wird individuell gefördert und gefordert und bestimmt innerhalb des offenen Curriculums selbst, was und wie es lernt.
So erfolgt ein Lernen mit höchster Passung und Bedeutsamkeit – Grundvoraussetzung, um Lernschwierigkeiten vorzubeugen und durch nachhaltiges Lernen die Kompetenzen zu entwickeln, die die Grundlage lebenslangen Lernens darstellen.
Zukunftsschule Hamburg (weltlich-humanistische Grundschule) eröffnet im September 2008.
Auch in Nordrhein-Westfalen gibt es Bemühungen, das Sudbury-Konzept umzusetzen. In dieser Tradition begreift sich die „Demokratische Schule Düsseldorf“. Ein Mausklick auf den Schriftzug bringt einen auf deren Internetseiten. Ebenso empfehlen wir in diesem Zusammenhang einen Besuch auf den Seiten der „Familienoase“, die eine neue Sicht auf das Lernen ermöglicht. Ulrike Sennhenn, in Sachen Sudbury-Schule in Düsseldorf aktiv, ist für diese Seiten verantwortlich.
Link zur Familienoase
Die Berliner Moses-Mendelssohn-Oberschule (Integrative Schule) haben wir nach einem Hinweis von Gertrud Graf am 14. Oktober 2007 hier eingestellt.
Es geht! – Sogar in Deutschland
Die zwei großen Pfeiler, auf denen das Konzept der Neuen Schule Hamburg aufbaut, sind
– Vertrauen in die Kinder sowie
– konsequente Demokratie.
Vertrauen in die Kinder heißt, auf die dem Menschen angeborene Neugier zu vertrauen. Es heißt, darauf zu vertrauen, dass das Leben, seine Herausforderungen und zu entdeckenden Geheimnisse, den Schüler beständig zum Lernen führen. Es heißt auch, dem Schüler den Freiraum zu geben, seinen persönlichen Lernimpulsen nachzugehen und selbständiges Denken und Handeln zu ermöglichen.
So wird Lernen als persönliche Bereicherung empfunden und beschränkt sich nicht auf Schule sondern wird ein wesentliches Element des Lebens. Und heute, in einer sich in rasantem Tempo verändernden Gesellschaft, ist mehr denn je die Fähigkeit zu lebenslangem Lernen und eigenverantwortlichem Denken gefragt.
Konsequente Demokratie heißt Freiheit – und Verantwortung!
Sudbury-Schulen in Deutschland (Link auf Wikipedia)
Nachrichten
Offener Brief an die Kultusministerkonferenz
Drei Probleme bestimmen aktuell die bildungspolitische Diskussion: die bedrückende Abhängigkeit des Schulerfolgs von er sozialen Herkunft, der mehrfache Selektionszwang im gegliederten System und die viellfach beklagten Nebenwirkungen der G8-Reform. Die Teilnehmer(innen) der dritten Hofgeismarer Tagung des Schulverbundes „Blick über dem Zaun“ verabschiedeten am 28. Mai 2008 einen Offenen Brief an die Kultusministerkonferenz, in dem sie erneut an die „Erklärung von Hofgeismar“ vom 14. November 2006 erinnerten, die seinerzeit unter dem Titel „Schule ist unsere Sache“ verabschiedet wurde. Der Offene Brief wurde uns am 1. Juni 2008 von Prof. Dr. Hans Brügelmann (Universität Siegen) zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt.
Offenen Brief herunterladen
Erklärung von Hofgeismar „Schule ist unsere Sache“ vom 14. November 2006
Die Erklärung wurde vom bundesweiten Schulverbund „Blick über den Zaun“ verabschiedet. Aus aktuellem Anlass wurde uns die Erklärung von Prof. Dr. Hans Brügelmann (Universität Siegen) zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt.
Erklärung von Hofgeismar vom 14. November 2006 herunterladen
Vom 19. bis 21. September 2007 fand an der Universität Siegen die Expert(inn)en-Tagung „Demokratische Grundschule“ statt. Nähere Einzelheiten gibt es über den Link, wenn Sie vorgestelltes Logo anklicken.
Interessieren sie sich für den Offenen Brief an die Kultusministerkonferenz (Siegener Erklärung), den die Tagung verabschiedet hat?
Dann klicken Sie hier!
Zehn Freiburger Schüler haben sich nach der zwölften Jahrgangsstufe einfach von der Schule abgemeldet – und sich ihre Abiturvorbereitung völlig autonom organisiert
Markus „Siggi“ Moser machte uns freundlicherweise auf diesen Vorgang aufmerksam. Die jungen Frauen und Männer haben dazu den Verein „methodos e.V.“ gegründet. Wir dokumentieren im Folgenden die Berichterstattung von Spiegel Online vom 10. Oktober 2007. Ferner finden Sie ein Interview mit Alwin Franke (18), einem der Nicht-Schüler aus Freiburg, das am 25. September 2007 von „stern.de“ veröffentlicht wurde. Den Link zur Seite „Freie-Schule.net“ (Markus „Siggi“ Moser) finden Sie weiter unten in der Rubrik „Hilfreiche Hinweise zum Thema“.
„Spiegel“-Artikel vom 10. Oktober 2007 herunterladen
„Stern“-Interview vom 25. September 2007 herunterladen
Link zur Internet-Präsentation von „methodos e.V.“
Ein Beitrag zum Gelingen von Schule
Wie Schule auch gelingen kann, berichtet Gertrud Graf in der Zeitschrift „ab 40″4/2007. Ihre Ausführungen über ihr pädagogisches Konzept in einer „Multi-Kulti-Schule“ (Moses-Mendelssohn-Oberschule in Berlin) können Sie nachlesen, wenn Sie auf das Logo der „ab 40“ klicken.
Gemeinschaftsschulen
Länger gemeinsam lernen: Studie schlägt Gemeinschaftsschule vor
Nach dem PISA-Schock sind sie laut geworden: die Forderungen, das Schulsystem grundlegend zu ändern. Vor allem mit Blick auf die nordeuropäischen PISA-Gewinner wird in diesem Zusammenhang immer auf den anderen Aufbau der dort so erfolgreichen Schulsysteme verwiesen. Lässt sich so etwas auch in Deutschland realisieren? In einer aktuellen Studie des Instituts für Schulentwicklungsforschung (IFS) an der Uni Dortmund zeigt Dr. Ernst Rösner exemplarisch, wie der Umbau zu einer „Gemeinschaftsschule“ funktionieren kann.
Neben den alarmierenden Ergebnissen deutscher Schülerinnen und Schüler im internationalen Vergleich ist es vor allem die demografische Entwicklung, die eine grundlegende Reform des Schulsystems notwendig macht. Die Schülerzahlen gehen immer weiter zurück – ein differenziertes Schulangebot vor Ort ist vor allem in ländlichen Gebieten auf Dauer nicht aufrecht zu halten.
Für das von ihm untersuchte Bundesland Schleswig-Holstein prognostiziert Rösner einen Zeitraum von zehn Jahren für die Umstellung von Gymnasium, Haupt- und Realschule zur „Schule für alle“. Hier sollen Kinder bis zum Abschluss der Sekundarstufe I zusammen lernen. Eine Differenzierung nach Bildungsgängen ist in Rösners Modell der „Gemeinschaftsschule“ frühestens ab der siebten Klasse möglich, kann aber auch hinausgeschoben werden. Wie die innere Organisation der Schulen aussieht, ist nach seiner Empfehlung vorrangig Sache der Schulen und ihrer Träger. In einem Punkt aber sind die Empfehlungen des Pädagogen unmissverständlich: „Alle Schulen sollen das vollständige Angebote der Sekundarstufe I umfassen. Eine Verteilung der Grundschüler auf verschiedene Schulstandorte findet nicht mehr statt.
Längeres gemeinsames Lernen unter einem Dach bedeutet für die Schulen viel mehr Gestaltungsfreiheit auf der einen, aber auch mehr Verantwortung auf der anderen Seite. Vor allem der Umgang mit leistungsgemischten Lerngruppen erfordert eine differenziertere Vermittlung des Stoffs und stellt somit eine anspruchsvolle Aufgabe dar. Letztendlich aber würde, so der Tenor der Studie, das gemeinsame Lernen sowohl stärkeren als auch schwächeren Schülern zu Gute kommen. Die PISA-Spitzenreiter jedenfalls haben dies überzeugend bestätigt.
Das Kultusministerium in Schleswig-Holstein, Auftrageber der Studie, will die Befunde und Empfehlungen nutzen. Staatssekretär Wolfgang Meyer-Hesemann: „Diese Studie bietet eine gute Basis für die Weiterentwicklung unserer Schullandschaft. Es geht um einen schrittweisen Umbau unseres Schulsystems. Eine Art Wegweiser, der die Richtung vorgibt, aber auch Zwischenstopps und Varianten zulässt, haben wir nun vorliegen. Das Gutachten zeigt wie der Wandel ausgehend vom bestehenden Schulsystem vollzogen werden kann.“
Kontakt:
Dr. Ernst Rösner
Institut für Schulentwicklungsforschung
0231/755-5503
Universität Dortmund vom 16. November 2004
Das Gutachten können Sie weiter unten unter „Inhaltliche Beiträge“ herunterladen.
Gemeinschaftsschulen in Schleswig-Holstein
Mit einem Klick auf das oben stehende Wappen von Schleswig-Holstein gelangen Sie auf die Seite „Bildungsklick“ des Landes Schleswig-Holstein. Hintergrundinformationen zum schleswig-holsteinischen Schulgesetz können Sie hier herunterladen.
Zu weiteren Informationen aus Schleswig-Holstein klicken.
Ebenfalls auf der Seite „bildungsklick“ der schleswig-holsteinischen Landesregierung gibt einen Hinweis auf einen Offenen Brief von 100 Schulleitern aus Baden-Württemberg. Dem Vernehmen nach sollen sich inzwischen 300 Schulleiter dem Schreiben angeschlossen haben.
Link zum „Bildungsklick“ „Schulleiter fordern Abkehr vom dreigliedrigen Schulsystem“
Der Offene Brief wurde auch ins ABA-Netz eingestellt auf der Seite NRW-Bündnis „Eine Schule für alle“
SPIEGEL ONLINE dokumentierte diesen Vorgang ebenfalls.
Kurz auf diese Seite wechseln.
Pädagogisches Konzept der Gemeinschaftsschule Horstmar/Schöppingen
Folien der Planungsgruppe Gemeinschaftsschule Horstmar/Schöppingen herunterladen
Die müsterländischen Gemeinden Horstmar und Schöppingen haben am 17. September 2007 eine gemeinsame Presseerklärung abgegeben.
Diese können Sie hier herunterladen.
Die Gemeinden Horstmar und Schöppingen haben ihre Antragbegründung für eine Gemeinschaftsschule ins Internet gestellt.
Sie können sie hier herunterladen.
Die Paul-Guenther-Schule in Geithain (Sachsen) ist ebenfalls eine Gemeinschaftschule. Sie hat einen neuen Internetauftritt.
Zur Seite der Paul-Guenther-Schule wechseln
Hilfreiche Hinweise zum Thema
Aktion Humane Schule e.V.
Sehr hilfreich für eine Weiterentwicklung der Schule sind die Publikationen und Hinweise aus dem Archiv der Zukunft, die auch unter dem Titel „Treibhäuser der Zukunft“ firmieren. Hier finden Interessierte brauchbares Material und Unterstützung.
Eine Revolution in der Schule? Der Ansatz „offener Unterricht“ von Falko Peschel
Falko Peschel stellt fest, dass der Unterricht freundlicher geworden ist – aber auch, dass offener Unterricht nichts mit einer positiven Einstellung zum Kind zu tun haben muss. Vor allem stellt er aber fest, dass seine Suche an vielen Schulen erfolglos war. Die Lehrer hatten immer die Zügel in der Hand, bestimmten den Freiheitsraum der Kinder. Offen an diesem Unterricht war, dass die Kinder wählen konnten, ob sie dieses oder jenes Arbeitsblatt zuerst oder eben später ausfüllten, in welcher Reihenfolge die die gestellten Aufgaben „aberledigten“, mit welcher Schülerin (welchem Schüler) sie zusammenarbeiten wollten. Das Tagesergebnis dieses ‚offenen Lernens’ war in der Regel dürftig. Selbst Wochenpläne gerieten zu konkreten Aufgabenstellungen. Nur in der Kür der Wochenpläne gab es etwas mehr Abwechslung: Noch mehr Aufgaben. Bestenfalls war der Unterricht nicht mehr lehrerorientiert sondern ‚materialorientiert’.
Falko Peschel ist auch in Wikipedia zu finden, etwa über diesen Link.
Das Thema „Offener Untericht“ bei Wikipedia kann ebenfalls geladen werden. Klicken Sie hier!
Der ABA Fachverband plant für 2008 einen Besuch bei Falko Peschel in Lügde; dies voraussichtlich im Mai. Wir bitten um Beachtung weiterer Hinweise.
In vielerlei Hinsicht gehen die Positionen des Grundschulverbandes mit denen des ABA Fachverbandes konform. Ein Besuch auf den Seiten ist allemal lohnend.
Die Berliner Gruppe K.R.Ä.T.Z.Ä., die als Kinderrechtsgruppe ihre Aktivitäten als „themenzentrierte Offene Jugendarbeit“ betrachtet, beschäftigt sich seit geraumer Zeit auch mit dem Thema Schule. Auf den Internetseiten von K.R.Ä.T.Z.Ä. gibt es interessante Themen für Leute, denen die Weiterenwicklung von Schulen ein wichtiges Anliegen ist.
Hier beispielsweise gibt es eine Kurzbeschreibung von Summerhill.
Wer sich mit grundsätzlichen Ideen für ein freiheitlich-demokratisches Bildungssystem beschäftigen will, wird auf der K.R.Ä.T.Z.Ä.-Seite Lernen in Freiheit fündig.
Wir würden uns freuen, wenn Sie die Aktivitäten von K.R.Ä.T.Z.Ä. regelmäßig mit Geld unterstützen könnten. Der ABA Fachverband ist der Meinung, dass es K.R.Ä.T.Z.Ä. nie an guten Ideen, wohl aber an Finanzen mangelt. Werden auch Sie Unterstützer dieser vorbildlichen Arbeit! Der ABA Fachverband hat sie im Oktober 2005 in der Sparte Qualität: Inspiration gewürdigt.
Resolution der IDEC 2005
„Wir glauben, dass – wo immer es um Bildung geht – junge Menschen das Recht haben, individuell zu entscheiden, was, wie, wo, wann und mit wem sie lernen, gleichberechtigt an Entscheidungen darüber beteiligt zu sein, wie ihre Organisationen – insbesondere ihre Schulen – geführt werden, ob Regeln und Sanktionen nötig sind und gegebenenfalls welche.“
13. International Democratic Education Conference (IDEC)
Berlin, Deutschland
Otto Herz, Mitglied im Beirat des ABA Fachverbandes zur IDEC 2005, die von K.R.Ä.T.Z.Ä. organisiert wurde: „Große Anerkennung von mir für die Konferenz, die Ihr organisiert habt. Beeindruckend, was alles zusammen gekommen ist. Ich hoffe, dass Eure Botschaften gut in der Presse angekommen sind und von dort wirkungsvoll verbreitet wurden/werden. Ihr seid mit Euren Ideen und Eurer Praxis den sonstigen (Schul-)Realitäten weit voraus!“
Markus „Siggi“ Moser ist Schulberater und Autor der Internetseiten „Freie-Schule.net“.
Link
Um sich darüber zu informieren, wie Lernen und Schule ganz anders stattfinden kann, empfehlen wir den Kontakt zum Bundesverband Natürlich Lernen.
Der Bundesverband Natürlich Lernen! e.V. arbeitet für die Abschaffung der Schulpflicht zugunsten eines Rechts auf selbstbestimmte Bildung vorsehen. Auf der Basis einer Petition von Johannes Heimrath aus dem Jahr 1991 liegt der aktuelle Entwurf des Forderungskatalogs von Anke Caspar-Jürgen (September 2006) vor.
PAED.COM – der etwas andere Bildungsserver von Jürgen Göndör
Im Zentrum seiner Arbeit
stehen die Lust
am Denken und Lernen,
die Zumutungen belehrt zu werden
und die endlosen Dramen
des Erwachsenwerdens.
Reinhard Kahl ist auch verantwortlich für das Archiv der Zukunft, das weiter oben zu finden ist.
Die Universität Siegen hat sich in der Forschung um eine bessere Schule einen guten Namen gemacht. Wir empfehlen, dieser über einen Mausklick auf zuvor stehendes Logo nachzugehen.
Inhaltliche Beiträge
Geschichte des Schulzwangs in Deutschland
„Bildungspflicht“ als „Schulzwang“ und die Liquidation des Elternrechts in Deutschland – Ein Beitrag von Prof. Dr. Franco Rest (Fachhochschule Dortmund) – Herunterladen
Interview mit dem Erziehungswissenschaftler Peter Fauser
„Gute Schulen spielen in einer anderen Liga.“ Peter Fauser über pädagogische Qualität. er glaubt, dass gute Schulen mehr bieten als bloßen Unterricht. Dort würde vieles passieren, „was die Schule interessant und lebenswert macht“. Zudem hätten sie gelernt, mit Vielfalt umzugehen, Mitbestimmung und Verantwortung zu fördern sowie einfühlsam das Umfeld der Schule miteinzubeziehen. Fauser ist Mitglied der Jury für den Deutschen Schulpreis.
Interview in „Deutschlandradio Kultur“ vom 29. Mai 2008 herunterladen
Individuelle Förderung – Herausforderung und Chance. Ein Beitrag von Dr. Andreas Schleicher (OECD), 2007.
Beitrag herunterladen
Schulentwicklung in Schleswig-Holstein. Veränderungen der Schulstruktur in Schleswig-Holstein als Konsequenz demografischer und gesllschaftlicher Entwicklungen – Gutachten des Instituts für Schulentwicklungsforschung (IFS) an der Universität Dortmund, September 2004 (52 Seiten, 367 KB)
Gutachten herunterladen
Weitere Links
NAGEL-Redaktion – Risiko als Spielwert

Foto: Rainer Deimel
Bereits seit längerem vertritt der ABA Fachverband offensiv die Position, dass der Erwerb von Risikokompetenz für junge Menschen überlebenswichtig ist. Explizit damit auseinandersgesetzt hat sich bereits 1995 ein Kongress des Verbandes zum Thema „Risiko als Spielwert“ ihn Hagen. Dort wurde am Ende des Kongresses die „Hagener Erklärung“ verabschiedet. Inzwischen gehen auch die Unfallkassen erfreulich konstruktiv mit diesem Thema um. Parallel dazu können immer größere Entwicklungsmängel bei Kindern hinsichtlich ihrer Bewegung und ihrer gesundheitlichen Situation konstatiert werden.
Als Unterstützung für eine adäquate Pädagogik haben wir uns dazu entschlossen, diese Internet-Seite aufzubauen. Sie ist im April 2007 an den Start gegangen. Im Folgenden finden Sie die „Hagener Erklärung“. Anschließend sind Beiträge zum Thema, die heruntergeladen werden können, eingestellt.
Hagener Erklärung
zum Thema: „Risiko als Spielwert“
Versicherungsträger, PolitikerInnen und Aufsichtspflichtige sind in der Regel bemüht, Situationen für Kinder und Jugendliche „risikofrei“ zu gestalten. Dieses Bemühen läuft vielfach ins Leere. Junge Menschen sind häufig dann am stärksten gefährdet, wenn Behütung und Aufsicht überspannt werden.
Risikofreies Leben ist eine nicht erreichbare Utopie. Leben sicher zu gestalten, geht nicht selten mit eigenen Unsicherheiten von PädagogInnen, PlanerInnen, SicherheitsexpertInnen und PolitikerInnen einher und führt in der Praxis von Pädagogik und Planung zu bisweilen kuriosen Erscheinungen. Langjährige Erfahrungen „gefährlicher Einrichtungen“, wie z.B. von Abenteuerspielplätzen, sowie entsprechende Untersuchungen belegen, dass der Gefährdungsgrad für junge Menschen sinkt, je gezielter und bewusster sich diese mit Risiken vertraut machen können.
Mehr Risiko bedeutet ein erhöhtes Maß an Gefahren; ein erhöhtes Maß an Gefahren ermöglicht eine Steigerung der Lern- und Erfahrungsmöglichkeiten; diese bewirken bei jungen Menschen eine Steigerung des Risikobewusstseins. Ein erhöhtes Maß an Risikobewusstsein führt im Resultat zu einer Steigerung der Lebensqualität und zu mehr Sicherheit.
Zur Steigerung der Lebensqualität von Kindern und Jugendlichen sind Pädagogik in Schule und Freizeit, Stadt- und Raumplanung sowie Politik und Verwaltung gefordert, Bedingungen für ein Höchstmaß an Spielwert zu schaffen. Der Rahmen administrativer und rechtlicher Einschränkungen muss in diesem Kontext so gering wie möglich gehalten werden.
Die Pädagogik ist gefordert, die genannten Aspekte in ihren Konzeptionen zu berücksichtigen und bei PädagogInnen bewusstseinsfördernd aktiv zu werden, Kausalitäten zu verdeutlichen sowie zu einer erhöhten und wohl reflektierten Risikofreude anzuregen. Die Planung ist gleichermaßen gefordert, öffentliche Spiel- und Erlebniswerte stärker in den Fokus ihres Interesses zu rücken. Die Politik ist angehalten, diese Bemühungen zu unterstützen. Ein wichtiger Schritt hierzu wäre eine Gesetzesinitiative, die zum Ziel hat, alle Kinder, die sich in der Öffentlichkeit aufhalten, in den Kreis der versicherten Personen im Sinne des § 2 SGB VII aufzunehmen.
Ferner ist die Politik ausdrücklich aufgefordert, Ungleichgewichte hinsichtlich der realen Gefährdung von Kindern stärker zu thematisieren und zu kompensieren. In diesem Zusammenhang wird auf den für junge Menschen unkalkulierbaren Straßenverkehr, dem jährlich zahlreiche Kinder zum Opfer fallen, sowie auf andere ökologische Gefährdungen hingewiesen. Ökologische Kinderrechte müssen mittelfristig in Anlehnung an das UN-Übereinkommen über die Rechte des Kindes (Art. 24) in geltendes deutsches (und somit einklagbares) Recht überführt werden.
Ziel ist eine allseits bespielbare und für Kinder sichere Stadt. Zum Erlebniswert einer Stadt gehören für junge Menschen wahrnehmbare und kalkulierbare Risiken, die mit zur größtmöglichen Entfaltung ihrer motorischen, kognitiven wie sozialen Fähigkeiten beitragen.
Diese Erklärung wurde einstimmig von den TeilnehmerInnen des Kongresses des ABA Fachverbandes „Risiko als Spielwert“, der am 29. November 1995 in Hagen stattfand, verabschiedet. Der Kongress wurde von ca. 80 TeilnehmerInnen besucht.

Foto: Rainer Deimel
Beiträge zum Thema
Risiko als Spielwert
Ein Beitrag von Rainer Deimel
Der Begriff „Risiko“ ist ein schillernder; deshalb ist er wahrlich geeignet, Irritationen, Interpretationen und Vorurteile auszulösen. Am Ende – so kann man, wie es auf den ersten Blick scheint, konstatieren – ist das ganze Leben ein einziges Risiko, dem es permanent vorzubeugen gilt; dies gilt vor allem auch für die Pädagogik.
Beitrag herunterladen
Bewegung schenken – Gesunde Kinder – Eine Broschüre aus Hamburg zur Kampagne „Kinderturnen 2008“
Inhalt:
Kinder brauchen Bewegung?! (Vorwort): Klaus Euteneuer-Treptow (Verband für Turnen und Freizeit): Medizinische Aspekte von Bewegung und Sport bei Kindern
Dr. Michael Zinke (Berufsverband der Kinder- und Jugendmedizin, Hamburg): Jedes Kind hat das Recht auf die eigene Beule!
Regina Haß (Hamburger Forum Spielräume): Topfschlagen ist mehr als Topfschlagen
Maike Frömming (Verein Psychomot. Erziehung e.V. Schleswig-Holstein): Mehr „Schwung“ ins Kinderzimmer
Beate Wagner–Hauthal (Verband für Turnen und Freizeit): Kinder stark machen
Dr. Harald Schmid (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung): Sportverletzungen und Unfälle? Tipps von Profis für Profis
Elke Fontaine/Rüdiger Remus (Landesunfallkasse Hamburg): Bewegungserziehung und Verkehrssicherheit
Hans Jürgen Vogt (Verkehrswacht Hamburg): Schmecken soll´s – Ernährung für Kinder
Petra Fricke (AOK-Hamburg): Deine allererste Turnstunde
Monika Lehmann (TSV Wandsetal): BewegungsexpertInnen für Kinder in ihrem Verein
Beate Wagner-Hauthal (Verband für Turnen und Freizeit): Bewegung für Kinder – eine Gemeinschaftsaufgabe
Norbert Baumann (Behörde für Bildung und Sport): Anhang (43 Seiten, 947 KB)
Broschüre herunterladen
Zwischen Risiko und Sicherheit – eine Gradwanderung. Ein Beitrag von Annette Kuhlig. Annette Kuhlig arbeitet in der Präventionsabteilung der Unfallkasse Berlin. Ihr Schwerpunkt dort ist Bewegungsförderung. Bei vorstehenden Beitrag handelt es sich um einen Vortrag im Rahmen eines Fachforums während der Fachtagung „Gesundheit und Bewegung“ am 5. und 6. Mai 2006 in Berlin.Mit freundlicher Genehmigung der Unfallkasse Berlin konnten wir den Artikel hier einstellen. Veröffentlicht wurde er zuerst in der Broschüre „Fachtage ‚Gesundheit und Bewegung’ – Dokumentation der Tagung vom 5./6. Mai 2006.
Interessieren sie sich für die Unfallkasse Berlin? Klicken Sie auf das Logo!
NAGEL-Redaktion – Der ABA Fachverband empfiehlt
Eine Zeitlang haben wir auf dieser Seite Rezensionen eingestellt, die Sie zumeist vorher in unserem Informationsdienst i-Punkt lesen konnten. Leider fehlen uns die Ressourcen, die Seite jeweils auf einem aktuellen Stand zu halten. Wenn Sie an unseren Besprechungen interssiert sind, möchten wir sie auf den i-Punkt verweisen. Hier gibt es allmonatlich hilfreiche Medienhinweise. Ein „Wermutstropfen“: Seit dem 1. April 2010 nehmen wir nur noch ABA-Mitglieder in den Verteiler auf.
Literatur von Eckhard Schiffer im ABA-Netz
Weitere hilfreiche Hinweise finden Sie auf den Seiten des Autors. Bei Interesse vorstehenden Buchtitel anklicken! Dr. Eckhard Schiffer ist Mitglied im Beirat des ABA Fachverbandes.
Thomas Armstrong
Das Märchen vom ADHS-Kind. 50 sanfte Möglichkeiten, das Verhalten Ihres Kindes zu verbessern – ohne Zwang und ohne Pharmaka, Kartoniert, 315 Seiten, 17 x 21 cm, ISBN 3-87387-494-6. Paderborn: Junfermannsche Verlagsbuchhandlung 2002. ? 22.50 / sFr 39.50 / Best.Nr. 446
Peter Apel/Reinhard Pach
Kinder planen mit. Stadtplanung unter Einbeziehung von Kindern. Herausgeber: Gesellschaft Freie Sozialarbeit. LKD-Verlag, Unna 1997
Bayerischer Jugendring
Mitwirkung und Beteiligung von Kindern und Jugendlichen in den Gemeinden. Informationen, Praxisbeispiele, Handlungstipps, München 1997
Matthias Bartscher
Partizipation von Kindern in der Kommunalpolitik, Lambertus Verlag 1998, Freiburg
Von Rainer Deimel
Matthias Bartscher ist Mitglied im Beirat des ABA Fachverbandes.
Karl Giebeler, Steffi Kreuzinger, Marion Loewenfeld, Elke Winterer-Scheidt (Hg.)
Aufstand für eine lebenswerte Zukunft. Ökologische Kinderrechte: Bestandsaufnahme – Ermutigung – Wege zum Handeln. Verlag Ökologie und Pädagogik (ISBN 3-9803197-7-6), München 1996. Bezug: MobilSpiel e.V., Ökoprojekt, Welserstraße 15, 81373 München.
Elisabeth C. Gründler/Norbert Schäfer
Naturnahe Spiel- und Erlebnisräume – planen * bauen * gestalten. Reihe „Hundert Welten entdeckt das Kind“. 96 Seiten. Hermann Luchterhand Verlag. Neuwied, Kriftel und Berlin 2000. 17,90 ?
Projektgruppe der TU Berlin
ÖKOLOGISCHE SPIEL(T)RÄUME. Ein Fachbuch zur Spielraumplanung und Spielraumgestaltung. Herausgegeben vom Bund der Jugendfarmen und Aktivspielplätze, Stuttgart 1997
Hiltrud von Spiegel
Offene Arbeit mit Kindern – (k)ein Kinderspiel. Erklärungswissen und Hilfen zum methodischen Arbeiten. Votum Verlag, Münster 1997. Das Buch ist leider vergriffen. Mit freundlicher Unterstützung der Autorin konnten wir es in das ABA-Netzeinstellen. Prof. Dr. Hiltrud von Spiegel ist Mitglied im Beirat des ABA Fachverbandes.
Mike Weimann
Wahlrecht für Kinder- Eine Streitschrift, Beltz Verlag 2002, Weinheim, Berlin, Basel
Sylvia Kroll, Fred Meyerhoff, Meta Sell (Hrsg.)
Sichere Orte für Kinder
Handlungsmodell zum Schutz von Kindern und Jugendlichen vor pädophilen Übergriffen in Offenen Freizeiteinrichtungen
1. Auflage 2003, 224 Seiten, broschiert, 9,50 Euro, ISBN 3-00-012426-8
Zu beziehen über: Bund der Jugendfarmen und Aktivspielplätze e.V.; Haldenwies 14, 70567 Stuttgart
Nikola Fersing
Offenstallhaltung. Das ABC für artgerechte Pferdehaltung. Ein Fotoratgeber mit Bildern von Cornelia Koller. Cadmos Verlag, Lüneburg 2000, 25 Seiten, broschiert (ISBN 3-86127-237-7)
Ingolf Bender (Bearbeitung)
Planungshilfe für artgerechte Pferdehaltung. Mit einer Einführung von Ursula Bruhns. 52 Seiten, 35 Graphiken, 15 Fotos, Ordner, Freizeit im Sattel, Bonn 1999, EUR 23.-
Freizeit im Sattel (Hrsg.)
Pferdehaltung rund ums Jahr
Zahlreiche Farbfotos und Zeichnungen, 176 Seiten, Spiralbindung, Kosmos Verlag, Stuttgart 1998
Marisa Hafner
Esel halten
240 Seiten, zahlreiche Fotos, Zeichnungen und Tabellen, Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart 2002, EUR 29,90
Peter Weskamp/Jürgen Zinnecker (Hrsg.)
Bildung und Beteiligung
ISBN 3-00-012174-9, Soziale Akademie Siegen-Wittgenstein, Siegen 2003, 266 Seiten
Wir empfehlen insbesondere die Literatur der Mitglieder unseres Fachbeirats. Auf der Fachbeirats-Seite gibt es umfassende Literaturhinweise. Diese sind jeweils den Mitgliedern zugeordnet.
NAGEL-Redaktion – Projektbeispiele
Wir stellen hier Projektbeispiele ein, die zur Nachahmung – in der einen oder anderen Form – empfohlen werden. Sollten Sie uns Beispiele zur Verfügung stellen können, nehmen Sie Kontakt mit uns auf!
ABA Fachverband
PferdeStärken
Ein Projekt der NaBeBa-Naturwerkstatt, Waltrop, in Kooperation mit dem ABA Fachverband Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen
Aufbau und Entwicklung freizeitpädagogischer Angebote für Kinder und Jugendliche mit und ohne Behinderungen unter besonderer Berücksichtigung des Einsatzes von Pferden (5. August bis 31. Dezember 2011) -> Zur Seite
Spielmobilkarawane zum Tag der Deutschen Einheit und NRW-Tag 2011
Anlässlich des Tages der Deutschen Einheit und des NRW-Tages vom 1. bis 3. Oktober 2011 wurde vom ABA Fachverband in Zusammenarbeit mit dem Jugendamt der Stadt Bonn eine Spielmobilkarawane organisiert. Ziel hierbei war neben Spaß und Spielfreude Facetten der deutschen Geschichte zu vermitteln – von der Teilung nach dem 2. Weltkrieg bis zur Wiedervereinigung 1990. Bislang hat es eine solche gemeinsame Aktion verschiedener Spielmobile unter einem Thema in Nordrhein-Westfalen nicht gegeben. Zum Projekt gibt es eine separate Seite. -> Dorthin
United We Change: Ein Projekt der besonderen Art
Ein Projekt im Programm „Pakt mit der Jugend“
Im Jahr 2010 wurde das internationale interaktive Musik-Medienprojekt für Integration und friedliches Miteinander „United We Change” in Nordrhein-Westfalen aktiv begleitet von dem Künstler und Mitinitiator Freeze4U. Das Projekt fand statt in Kooperation mit dem ABA Fachverband Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in verschiedenen Kinder- und Jugendeinrichtungen. Es wurde von weiteren Künstlern und Medienfachleuten zusätzlich unterstützt. Eine Förderung erfuhr das Projekt vom Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen. Im Netz gibt es eine umfassende Dokumentation zum Projekt: Texte, Musik, Filme und anderes mehr. Das Projekt fand statt im Rahmen des Programms „Pakt mit der Jugend“. Dorthin
Weitere Projekte des ABA Fachverbandes im „Pakt mit der Jugend“
Im Rahmen des Programm „Pakt mit der Jugend“ wurden vom ABA Fachverband einige erfolgreiche Projekte durchgeführt. Informationen zum „Pakt mit der Jugend“ sowie den Projekten gibt es auf den hier auf verschiedenen Seiten bzw. Unterseiten. Wir wünschen hilfreiche Erkenntnisse bei „Durchklicken“ und vor allem bei der Lektüre. Die Inhalte waren zuvor in einem separaten Bereich im ABA-Netz zu finden.
Projektseiten: Der ABA Fachverband im „Pakt mit der Jugend“
Sammlung Projektbeispiele
Kinder machen Kunst
Ein Projekt des Spielmobils „Tummelhummel“ der Stadt Herne mit dem ABA Fachverband (2004) – Eingestellt im Juni 2006
Projekt „Kinder machen Kunst“ 2004
Klimaprojekt auf dem Abenteuerspielplatz Troisdorf
Das „Klimaprojekt“ fand vom 25. bis 27. April 2007 auf dem Abenteuerspielplatz Friedrich-Wilhelms-Hütte in Troisdorf statt. Hier eingestellt wurde die Dokumentation im September 2007.
Klimaprojekt auf dem Abenteuerspielplatz Troisdorf
Grafitti-Projekt in Hagen
Legale Grafitti-Flächen in Hagen – ein Jugendbeteiligungsprojekt im Rahmen des Programms „Partiziaption und Demokratie fördern“ des Landesjugendamtes Westfalen-Lippe (2008)
Aus der Domumentation: Graffti gibt es weltweit. Als Kunst oder„Schmiererei“, je nach den jeweiligen Rahmenbedingungen. Die Augen davor zu verschließen, was da ist, (nicht nur an Wänden, auch im Kino, im Fernsehen, in Zeitschriften, in Galerien, in der Werbung, …..) wird keine der vieldiskutierten Probleme lösen und auch keine gelungene Kommunikation zwischen Sprayern und „Flächeninhabern“ in Gang bringen. Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene haben nicht nur ein Recht auf Partizipation in Fragen ihrer Belange und Wünsche sondern ebenso auf Möglichkeiten, ihre Kreativität ohne dabei kriminell zu werden, auch umsetzen zu können!
Legale Grafitti-Flächen in Hagen – ein Jugendbeteiligungsprojekt im Rahmen des Programms „Partiziaption und Demokratie fördern“ des Landesjugendamtes Westfalen-Lippe (2008)
Graffiti-Projekt Hagen: Gesamte Dokumentation herunterladen
Gesunde Küche – direkt aus der Natur
Von Juli bis Dezember 2009 fand beim NaBeBa, dem Natur- und Begegnungsbauernhof für Kinder und Jugendliche in Waltrop an der Stadtgrenze zu Castrop-Rauxel, ein spannendes Projekt statt. Kinder und Jugendliche mit und ohne Behinderung haben aktiv gelernt, wie man unterschiedliche Nahrungsmittel anbaut, erntet und auf verschiedene Arten zubereiten und konservieren kann. Ebenso wurden Wald- und Wiesenexpeditionen durchgeführt, bei denen die Kinder und Jugendlichen erfuhren, welche wild wachsenden Pflanzen und Kräuter essbar sind und wie man diese schmackhaft zubereiten kann.

Projekt „Gesunde Küche – direkt aus der Natur“
Projekt der Jugendfarm Bonn: Mehr Platz für wilde Spiele an der Schule

Foto: Jugendfarm Bonn
Schule und Offene Arbeit, zwei Orte, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Der eine definiert sich oft in Abgrenzung zum anderen: Pflicht versus Freiwilligkeit, Lehrplan versus Freiraum, Lehren versus Lernen … Inwischen ist die Schule mehr und mehr gefordert, mit anderen Bildungspartnern zu kooperieren. Die Jugendfarm Bonn liefert dazu ein nachahmenswertes Beispiel, dem wir eine zusätzliche Seite im ABA-Netz widmen. Dorthin
Großes Mini-Beuel, Filzblumen und jede Menge Freiraum
Ein Projekt des Spielplatzes Finkenweg, Bonn (Träger Jugendfarm Bonn)
Kinder brauchen Platz. Sie brauchen Raum und Zeit zum Spielen und zum eigenen Handeln, und sie brauchen Erwachsene, die für sie diese Rechte einfordern und ihnen Räume bieten. Die erste Bonner Kinderstadt „Mini-Beuel“ ermöglichte rund 400 Kindern zwei Wochen lang im Juli 2009 genau dies.
Zur Projektseite
Handwerk fördert Jugend
Ein Projekt des Spielplatzes Finkenweg, Bonn (Träger: Jugendfarm Bonn e.V.)Alte Bahnwaggons mit Holzöfen als Heizung haben ihren Charme – auch noch nach acht Jahren intensivster Nutzung unter jeder Wetterbedingung. Dennoch reicht dies leider langfristig bei weitem nicht aus, um ein nachhaltiges und adäquates pädagogisches Angebot als offener Jugendtreff für den sehr hohen Bedarf zu stellen. Der Jugendtreff des Spielplatzes Finkenweg hat daher in einem beispielhaften Projekt seinen Treff um ein festes Gebäude erweitert.
Sport- und Jugendclub (SJC) Hövelriege: Ein wahres Projektwunder!
Das langjährige ABA-Mitglied Sport- und Jugendclub Hövelriege (Kreis Paderborn) ist eine wahrliche Brutstätte für ausgefallene und nachahmenswerte Projekte. Unter anderem wird dort das Thema „Kunst“ großgeschrieben. Der SJC Hövelriege war der erste Träger, mit dem wir unsere Rubrik Qualität: Inspiration eröffnet haben (2005). Wir empfehlen bei Interesse den Besuch dieser Seiten.
Gedenk- und Aktionstage
Als Anregung für weitere Projekte haben wir eine Liste beachtenswerter Gedenk- und Aktionstage ins Netz gestellt, die sich durchaus für Projekte eignen.
Link zur Seite
NAGEL-Redaktion – Kinder brauchen Stadt
Jawohl, Kinder brauchen Stadt! Und Stadt braucht Kinder! –
Von Rainer Deimel
Einige Passagen der „Tübinger Erklärung“ muten nostalgisch an. „Früher“ – zu Zeiten, in denen Kinder Möglichkeiten besaßen, deren sie mittlerweile verlustig gegangen sind – war nämlich nicht alles besser, ganz im Gegenteil: Die Dressuren und Reglements, denen Kinder bis in die siebziger Jahre dieses Jahrhunderts hinein unterworfen waren, haben jene auch nicht eben neurosenarm sozialisiert. Und der wirtschaftlich Tätige im Wohngebiet beispielsweise hatte vermutlich ganz andere Sorgen, als Kinderneugierde zu befriedigen. Warum sollte im ausgehenden 20. Jahrhundert, in einer Zeit, in der der Schuster oder Frisör, den man als Wirtschaftenden im Quartier ggf. noch vorfindet, Lust darauf verspüren, Kinder in seine „“Kunst“ einzuführen, wo er eventuell Kinder gar nicht leiden mag, weil sie ihm „das Geschäft“ verderben, weil er vielleicht Kinder und Jugendliche überhaupt nicht leiden mag? Kinder sind zwar (auch) als Wirtschafts- und Überlebensfaktor einkalkuliert, aber doch auch furchtbar lästig. Warum sollte ausgerechnet die klitzekleine Papierfabrik „um die Ecke“, die gar nicht genug Schindluder – bezogen auf Ausbeutung und Umgehung von Tarifverträgen – leisten kann, um letztlich doch zu überleben, sich zum Museum „herabwürdigen“, indirekt – direkt, pädagogisch, aber möglichst nichtpädagogisch ihren Teil zum gesellschaftlichen Umbau beitragen?
Die „Tübinger Erklärung“, die ich aufgrund ihrer Intention selbstredend auch unterzeichnet hätte, fordert, ohne dies zu benennen, eine grundlegende gesellschaftliche Neuorientierung. Leider muss diese Neuorientierung in den Text erst einmal hinein interpretiert werden, um ihm das „Komische“ zu nehmen. Moderne deutsche Wohn- und Spielstraßen beispielsweise haben immer noch nichts vom Mief verloren, den Franz Josef Degenhardt in den 60er Jahren in seinem Chanson „Deutscher Sonntag“ besungen hat: „Wenn die Bratendüfte wehen…, das ist dann genau die Zeit, da frier‘ ich vor Gemütlichkeit, … die Luft riecht süß und säuerlich, ich glaube ich erbreche mich …“ Es bleibt zuzustimmen, dass jene Straßen, ebenso wenig wie Kinderhäuser, Schulen und Jugendtreffs nicht in der Lage sind, die Neugier, die Lust der Selbstdarstellung und die Freude am eigenen Tätigsein zu befriedigen.
Die Tübinger Erklärung bestätigt einmal mehr die fachlich-inhaltliche Nähe von politischer Interessenvertretung von Kindern, Stadt- und Raumplanung und Offenen Angeboten, aus meiner Sicht bedauerlich, dass dieser Aspekt in der Erklärung zu kurz kommt. Zum Beispiel könnte gerade das „flächendeckende“ Angebot von Abenteuerspielplätzen (vgl. dazu auch die „Freiburger Studie“ von Baldo Blinkert in: DER NAGEL 57; auch als Beitrag in unsere Web-Seiten eingestellt – „Kinder wollen draußen spielen“), die ich nach wie vor für d i e zeitgemäße „Kompensations“-Möglichkeit für die monierten Missstände halte, mittelfristig erheblich verbesserte Standards ermöglichen. Dass diese nicht zum Nulltarif zu haben sind, versteht sich von selbst. Dass diese in der Erklärung nicht vorkommen, hat möglicherweise etwas damit zu tun, dass man sich eine kindgerechte Lebensweltgestaltung kostenneutral vorstellen möchte. Es fehlen Vorstellungen über eine Umverteilung von – übrigens (zumindest auf Privatkonten) reichlich vorhandenem – Geld.
Gemeinsam mit Psychologin Dr. Dorothea Lukowski von der Universität Dortmund habe ich vor einiger Zeit Gedanken zusammengetragen, um die Idee des Abenteuerspielplatzes zu stützen. Zur sinnvollen Komplettierung meiner Argumentation möchte ich aus diesen Gedanken einige wiedergeben:
Kindheit unterliegt in den Jahren seit dem Zweiten Weltkrieg einem dramatischen Wandel. So ist festzustellen, dass Kinder früher erwachsen werden müssen; der Druck auf sie ist stetig gestiegen. In Familie und Schule – zum Beispiel – werden wachsende Anforderungen an ihre Leistungsfähigkeit gestellt, und sie sind dort und in anderen öffentlichen Feldern einem sich steigernden Konsumdruck ausgesetzt, und dies bei gleichzeitiger Verarmung und Verödung ihrer Lebensräume. Immer mehr Kinder verlieren bereits früh mögliche Lebensperspektiven. Dies führt verstärkt zu Ungleichgewichten, Störungen und zu vielfältiger Chancenungleichheit. Um dem begegnen zu können, müssen von der Gesellschaft anregende und entwicklungsfördernde Erfahrungs- und Erlebnisräume sowie Personen zur Verfügung gestellt werden.
Kinder sind heute stärkeren Gefährdungen als früher, z.B. durch Umweltverschmutzung, ausgesetzt, und sie erleben diese als äußerst bedrohlich; es wirkt für sie psychisch und körperlich belastend. Die Medien spielen eine immer stärkere Rolle im alltäglichen Leben, sei es als Aufpasser, sei es als Auslöser von Konfrontationen, die von den Kindern und meist auch von deren Familien nicht zu verarbeiten sind. „Wohnen“ befriedigt oft nicht mehr einfache menschliche Grundbedürfnisse, sondern wird für die Masse oftmals zum unerschwinglichen Luxus. Das Ergebnis sind unzureichende Entfaltungsmöglichkeiten für Kinder, schlimmer noch: Die Präsenz von Bezugspersonen wird immer geringer, da diese einen Großteil ihrer Arbeitskraft darin investieren müssen, das Wohnen bezahlen zu können. Gestiegene und weiter steigende Arbeitslosigkeit wird für Kinder unmittelbar zu einer existentiellen und psychischen Bedrohung. Viele Kinder sind von Sozialhilfe betroffen und leben am Rande des Existenzminimums, und das in einer sozialen Umwelt, in der – gesellschaftlich gewünscht – ein hoher Konsumstandard vorgelebt wird. Die Bau- und Verkehrspolitik sowie die Städteplanung haben Kinder als Mitglieder der Gesellschaft vielfach schlicht ignoriert. Zur Kompensation sind vor dem Hintergrund aktueller pädagogischer und psychologischer Erkenntnisse Notlösungen geschaffen worden, die auf unabsehbare Zeit zu Dauerzuständen zu werden drohen. Natürliche Freiräume, vor allem in Ballungsgebieten, stehen Kindern in der Regel nicht mehr zur Verfügung, obwohl solche Freiräume bzw. deren Ersatz für eine gesunde kindliche Entwicklung unbedingt erforderlich sind.
Einem unübersehbaren Wandel unterliegen ebenso auf gesellschaftlicher Ebene die familiären Konstellationen. Immer mehr Kinder wachsen in Ein-Kind-Familien auf. Die so notwendige haltgebende Funktion können manche Familien gegenwärtig nicht mehr hinreichend ausüben. Immer mehr Kinder sind von Scheidungen und Trennungen betroffen und leben in alleinerziehenden bzw. Stieffamilien. Rollenkonflikte bezüglich der Geschlechtersituation führen bei Kindern in erhöhtem Maße zu Konfusionen. Entsprechend steigt der Betreuungs- und Beratungsbedarf ständig.
Der Abenteuerspielplatz war von Beginn an eine Einrichtung mit stark präventivem Charakter. Das macht ihn gerade heute so bedeutsam und aktuell, in einer Zeit, in der wir uns einer zunehmenden Bedrohung durch Gewalt und rechtsradikaler Umtriebe ausgesetzt sehen. Der Abenteuerspielplatz ist eine unverzichtbare, notwendige und kurzfristig möglichst flächendeckend anzubietende Einrichtung.
Der Abenteuerspielplatz hat ein einzigartiges und sehr durchdachtes Konzept. Er steht ganzjährig zur Verfügung und ist in der Lage, durch zuverlässiges pädagogisches Fachpersonal, durch mannigfaltige Außenflächen und ein festes Gebäude eine für Kinder im Stadtteil notwendige Präsenz und Konstanz zu gewährleisten. Der Abenteuerspielplatz gibt Kindern Geborgenheit und Halt. Sie finden dort Bezugspersonen außerhalb von Schule und Elternhaus. Neben der Gelegenheit, sich in gewünschten „Peergroups“ aufhalten und betätigen zu können, brauchen und wünschen sich Kinder spätestens ab dem Schulalter derartige erwachsene Bezugspersonen außerhalb von Elternhaus und Schule, an denen sie sich reiben und von denen sie lernen können, wie man allmählich erwachsen wird.
Die Bereiche des Abenteuerspielplatzes entsprechen präzise dem kindlichen Bedarf; dies zeigt sich in den regulär bestehenden Bereichen. Auf dem Abenteuerspielplatz gibt es normalerweise einen Hüttenbaubereich, eine oder mehrere Feuerstellen, Wasserbereiche unterschiedlicher Art (stehendes und Fließwasser, die Kombination Wasser/Sand u.a.), Sand- und andere Modellierflächen (die vor allem für jüngere BesucherInnen wichtig sind), Sportflächen vielfältiger Art, Ökologie- und Tierbereiche. In der Variante „Jugendfarm“ (bzw. „Kinderbauernhof“) spielen letztgenannte Bereiche oft eine zentrale Rolle.
Der Abenteuerspielplatz ist für Kinder in unterschiedlichster Weise wichtig. Sie lernen dort, sich als tüchtig und lernfähig zu erfahren. Sie können ihre Fähigkeiten und Kräfte am Modell anderer lernend – zum Beispiel größerer, gleichgeschlechtlicher und andersgeschlechtlicher Kinder und Erwachsener – steigern. Sie erleben auf vielfältige Weise Spaß an Dingen und Aktivitäten, die nichts mit dem üblichen Konsum zu tun haben. Das gilt für reiche Kinder und für solche, deren Eltern den Anschluss an die Spitze des Konsumterrors nicht gefunden haben. Weiter werden ihnen Möglichkeiten eingeräumt, die aggressionsabbauend wirken. Besser noch: Aggressionen werden im konstruktiven Sinne kanalisiert. Statt sich und andere zu schädigen, können die Kinder ihre lebendigen Antriebe für kreative Vorhaben nutzen und auf vergnügliche Weise sublimieren. Auf Abenteuerspielplätzen kann man Ich-Stärke, Mut, Durchstehvermögen, Eigenständigkeit und Selbstbewusstsein aufbauen und erproben. Man lernt, etwas zusammen zu machen, für etwas und für andere verantwortlich zu sein, aber „man macht nicht alles mit“! Die Entwicklung von Ich-starker Eigenständigkeit ist der wirksamste Schutz gegen sexuellen und anderen Missbrauch. Weiter leistet der Abenteuerspielplatz – wie keine andere derart zugängliche Einrichtung – Unterstützung und Förderung beim Erlernen von Solidarität und Austragen von Konflikten. Kinder entwickeln Sensibilität gegenüber Menschen, Tieren, Pflanzen und Dingen wie anderswo kaum möglich. Sie erlernen Umgang miteinander im Sinne geschlechtsspezifischer, aber auch koedukativer Zielsetzungen. Vor allem aber erleben sie, dass es Vergnügen macht, mit anderen zusammen zu sein, Nähe und Distanz herstellen zu können, und manchmal erleben sie auch Glück!
Der Abenteuerspielplatz wirkt in vielerlei Hinsicht präventiv und prophylaktisch; er leistet ganz wichtige Aufgaben bei der Verhinderung von Gewalt und Rassismus. Einmal beruht dies auf der traditionell antifaschistischen Grundhaltung dieser Einrichtung, zum anderen in dem ganz gezielten Einsatz der oben geschilderten Abenteuerspielplatzbereiche und durch eigens organisierte Projekte. Hinsichtlich eines zeitgemäßen Umweltverhaltens hat der Abenteuerspielplatz durch seine ganzheitliche Konzeption vorbildliche Möglichkeiten der Vermittlung. Er wirkt psychisch und physisch stabilisierend gerade auch bei solchen Kindern, die zunehmend von Armut und Wohnungsnot betroffen sind, denn er ist ein menschenfreundliches Angebot! Im Gegensatz zur Schule regt der Abenteuerspielplatz auch Phantasien und Tagträume an; die gegenwärtigen Konzepte geben auch diesen einen Raum. Ein weiterer, sehr wichtiger Aspekt ist die Sicherheit: Es ist erwiesen, dass grobmotorische Aneignung von Material und ein Training in Risikosituationen in bedeutsamer Weise die allgemeine Lebenssicherheit von Kindern deutlich erhöht. In der Folge sinkt z.B. die Unfallgefährdung von Kindern auf eindrucksvolle Weise, wie dies auch aus einer Untersuchung der Eigenunfallversicherung der Stadt Frankfurt am Main aus dem Jahr 1991 sehr klar hervorgeht.
Angesichts der sich immer stärker auflösenden traditionellen Familienform und der immer brutaler agierenden Ellbogengesellschaft ist der Abenteuerspielplatz eine unverzichtbare Institution für Kinder, negativen Erscheinungen entgegenzuwirken (vgl. Rainer Deimel und Dorothea Lukowski: Der Abenteuerspielplatz – eine Einrichtung zur demokratischen Sozialisation, Dortmund 1993).
Vorstehender Beitrag erschien in: DER NAGEL 57/1995 und wurde im September 2002 ins Internet gestellt.
NAGEL-Redaktion – Professionelles Handeln in der Pädagogik
Diese Seite wurde im August 2007 angelegt. Nach und nach werden hier Beiträge zum Thema eingestellt.
ABA Fachverband Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen e.V.
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Abbildung: Pixelio
Beiträge
Was meint Professionalität in der Offenen Arbeit?
Ein Beitrag von Rainer Deimel – Zur Spezialseite
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AGJ: Fachkräftemangel in der Kinder- und Jugendhilfe
Die Diskussion über den Arbeitsmarkt Arbeitsmarkt der Kinder- und Jugendhilfe war in letzter Zeit insbesondere von zwei Inhalten beherrscht. Zum einen wird diskutiert, ob es Tendenzen hin zur Prekarisierung von Beschäftigungsbedingungen gibt, zum anderen stellt sich die Frage, ob die Absolventinnen und Absolventen der neuen Studiengänge, insbesondere diejenigen mit Bachelorabschluss, Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt haben. Derzeit ist zu beobachten, dass diese Diskussion überlagert wird durch den bereits bestehenden und zukünftigen Fachkräftemangel, wobei es durchaus Verbindungen zu den bereits genannten Themen gibt. Die AGJ beleuchtet die Situationen bezüglich des Fachkärftemangels in verschiedenen Handlungsfeldern der Kinder- und Jugendhilfe, erläutert Strategien und Maßnahmen und benennt Herusforderungen für Aus- und Fortbildung, Anstellungsträger und Politik. Positionspapier der AGJ (Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe) herunterladen
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Zukunft sichern: Fachkräftemangel als Managementherausforderung in der Sozialwirtschaft
In ihrer Bacholorarbeit ist Nina Limmer an der Ev. Hochschule Nürnberg im Rahmen einer empirischen Erhebung der Frage des Fachkräftemangels in der Sozialwirtschaft nachgegangen. Wenn man die Ergebnisse der Untersuchung betrachtet, lässt sich feststellen, dass bereits heute ein deutlicher Personalmangel unter anderem in der Kinder- und Jugendarbeit festzustellen ist. Die Arbeit ist von 2011 und kann hier heruntergeladen werden.
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DGB-Index Gute Arbeit 2007/2008
Arbeitsqualität der Erzieherinnen und Erzieher (Kurzfassung) – basierend auf einer Sonderauswertung des DGB im Auftrag von Ver.di und GEW (erstellt von Tatjana Fuchs und Falko Trischler)
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Arbeitsqualität aus Sicht von Lehrerinnen und Lehrern – Ergebnisse aus der Erhebung des DGB-Index Gute Arbeit (erstellt von Tatjana Fuchs und Falko Trischler)
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Zusammenfassung „Arbeitsqualität von Lehrerinnen und Lehrern“
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Weitere Beiträge
Deutsches Jugendinstitut: Mehr Einheitlichkeit und Durchlässigkeit bei Aus- und Weiterbildung für Erzieher/innen gefordert
Nach Schätzungen des Deutschen Jugendinstituts werden sich 2012 in Deutschland etwa 1.600 junge Menschen mit einem (Fach-)Hochschulstudium als frühpädagogische Fachkräfte qualifizieren. Damit sind sie gegenüber den rund 16.000 Erzieherinnen und Erziehern, die pro Jahr die Fachschulen mit einem Diplom verlassen, eine noch kleine, aber stetig wachsende Gruppe. 67 Prozent der Studierenden frühpädagogischer Studiengänge haben eine Ausbildung zur Erzieherin/zum Erzieher und nutzen das Studium zur fachlichen Weiterbildung. -> Weiterlesen
Bundesfamilienministerin: „Der Erzieherberuf verdient unsere ganze Anerkennung“
Start der Kampagne „Profis in die Kita“ – Bundesfamilienministerium unterstützt Fachkräftewerbung
Um mehr Nachwuchs für den Erzieherberuf zu gewinnen, startet heute (Dienstag) unter Federführung der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege die Schülerkampagne der Initiative „Profis für die Kita“. -> Weiterlesen
Frühförderung: Deutsch im Kindergarten wirkt nicht. DIE ZEIT (20. Januar
2009) sprach mit dem Psychologen Hermann Schöler. Dieser stellte fest, dass man Sprechen durch Sprechen lernt und nicht durch Sprachunterrichtim Kindergarten. Außerdem fordert er, die Kompetenz der pädagogischen Fachkräfte zu stärken. Die Ausbildung gehöre an die Hochschule. Dementsprechend müsse dann auch deren Bezahlung sein.
Interview herunterladen
Erzieherinnenausbildung: elementar + professionell. Die Akademisierung der elemenatarpädagogischen Ausbildung in Deutschland. Mit einer Fallstudie „Der Studiengang ‚Erziehung und Bildung im Kindesalter‘ an der Alice-Salomon-Hochschule Berlin. Ein HoF-Arbeitsbericht (Institut für Hochschulforschung Wittenberg an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg) von Karsten König und Peer Pasternack (2008). GEW (16. Dezember 2008): „In der Studie werden die Erwartungen an eine moderne Erzieherinnenausbildung diskutiert und daraus wesentliche Anforderungen an die Studiengänge abgeleitet.“ (165 Seiten, 3,9 MB) Die GEW weist u.a. auf das Fazit (Zukunftsperspektiven zwischen Fachschule, FH und Universität) hin, das sich auf den Seiten 146 ff. befindet.
Herunterladen (für Acrobat Reader 7.0 oder höher)
Erzieher Mangelware – wer will heute eigentlich noch Erzieher werden? – Mit diesem Thema befasste sich die „taz“ am 20. Oktober 2008 und stellte fest: Es gibt nicht genug Personal für den Kitaausbau. Das Berufsbild muss grundlegend geändert werden. Die Bezahlung ist zu schlecht. Und es fehlen Männer. – Den Bericht der „taz“ vom 20. Oktober 2008 herunterladen
Kitaqualität in den Ländern – eine kleine Analyse in der „taz“ vom 20. Oktober 2008 – Herunterladen
Anforderungen an Personalentwicklung in der Kinder- und Jugendhilfe vor dem Hintergrund demografischer Entwicklungen. Positionspapier der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe – AGJ – vom 9./10. April 2008 – beschlossen vom AGJ-Vorstand
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Erzieherinnenausbildung in der Hochschule – Studienmodelle im Überblick. Eine Broschüre der GEW (Februar 2008). Inhalt: Die Akademisierung der Erzieherinnenausbildung setzt sich durch (Zur gegenwärtigen Situation des Reformprozesses); Gestaltung eines Reformprozesses (GEW als Motor der Ausbildungsreform); Tessa C. Hermann: a) Hochschulstudium für Erzieherinnen – ein aktueller Überblick, b) Stand derakademischen Erzieherinnenausbildung (Juli 2007)
Boschüre herunterladen (29 Seiten, 400 KB)
Begleitmaterial zum Thema „Professionelles Handeln“
Zum Thema gibt es noch eine Reihe interessantes Begleitmaterial, das wir auf einer speziellen Unterseite eingestellt haben. Gerne heißen wir Sie da willkommen!
Weitere Informationen
Heinz Schlinkert vom Alice-Salomon-Berufskolleg, Bochum, hat die interessante Seite algodón in Netz gestellt. Sie befasst sich mit Fragen der Erzieher(innen)-Ausbildung. Zur Weiterleitung auf vorstehende Abbildung klicken!
DVD „Traumjob Erzieherin“ – Ein Film der Gewerkschaft Erziehung und WissenschaftErzieherinnen sind eine „stille Profession“. Man weiß, dass ihre Arbeit wichtig ist. Aber was sie genau tun und was frühkindliche Pädagogik ist, damit beschäftigen sich nur wenige Fachleute. Der Film gibt in 15 Minuten Einblicke in die Arbeit der Erzieherin. Einen Ausschnitt des Films kann man sich im Netz anschauen. Dafür bitte auf das vorstehende GEW-Logo klicken!

Abb.: Vebotene Schilder (verbotene-schilder.de). Dort gibt es recht originelle Schilder im Postkartenformat
NAGEL-Redaktion – Armut und Bildungschancen
Von Norbert Kozicki
Die Datenlage zum Zusammenhang von Armut und Bildungschancen ist mehr als schlecht. In den letzten Jahren der neoliberalen Deregulierungspolitik verschwanden immer mehr die statistischen Spuren dieser Klassengesellschaft. Der Kontext von sozialer Schichtung und Bildungschancen entwickelte sich zu einem Nichtthema. Die wenigen Untersuchungen, die sich auf den Übergang von Schule ins Berufsleben konzentrierten, kamen zu dem Ergebnis, dass Kinder aus mittleren und niedrigeren Bildungsschichten kaum noch im Bildungserwerb benachteiligt sind. Im Kontext der Armutsdebatte gerät dieses Thema langsam aber sicher in den Fokus der jugendpolitischen Diskussionen. Die Sozialforscher, die sich mit diesem Zusammenhang beschäftigen, sind oft über die Eindeutigkeit ihrer Untersuchungsergebnisse überrascht. In einer pluralisierten Gesellschaft mit den angeblich enormen Individualisierungstendenzen könnte man etwas anderes erwarten. Wolfgang Lauterbach und Andreas Lange konstatieren z.B. in ihrer Untersuchung „Aufwachsen in materieller Armut und sorgenbelastetem Familienklima“: „Die Analysen zeigen aber zusätzlich einen enormen Einfluss der beruflichen Ausbildung des Vaters auf die Bildungskarriere des Kindes. Dies ist ein Effekt, der zumindest in diesem Ausmaß nicht erwartet wurde. Hat demzufolge der Vater keine berufliche Ausbildung absolviert – ungeachtet des schulischen Bildungserfolges – so besteht für das Kind eine äußerst geringe Wahrscheinlichkeit, das Gymnasium zu besuchen. Sie ist um 45 Prozent reduziert.“ (in: Jürgen Mansel/ Georg Neubauer (Hg.): Armut und soziale Ungleichheit bei Kindern, Opladen 1998, S. 127).
Die beiden hier zitierten Autoren konzentrieren ihre Analyse auf den Schulwechsel der 10- bis 12-Jährigen in den Sekundarbereich I. Ergebnis: Kinder aus armen Familien wechseln signifikant weniger zum Gymnasium. Die Diskriminierung bewegt sich zwischen den Schultypen Hauptschule und Gymnasium. Beim Besuch der Realschule und der Integrierten Gesamtschule lassen sich ausgeglichene Werte finden. Von denjenigen Kindern, die in Armut leben, gehen 55 Prozent auf die Hauptschule und von denjenigen, die in prekärem Wohlstand leben, 53 Prozent. Das sind rund 14 Prozent mehr Kinder als im Bevölkerungsdurchschnitt. Dieser vermehrte Besuch der Hauptschule geht zu Lasten des Gymnasiums. Während im Durchschnitt 29 Prozent der Kinder dieser Altersgruppe das Gymnasium besuchen, sind es bei in Armut lebenden Familien nur 16 Prozent und bei in prekärem Wohlstand lebenden Familien nur 14 Prozent. Die beiden Autoren untersuchten auch den Zusammenhang von Schulbesuch und „großen wirtschaftlichen Sorgen“ der Mutter. Auch hier besteht eine starke Wechselwirkung. Sorgt sich die Mutter um die wirtschaftliche Zukunft, besuchen über 54,5 Prozent der Kinder die Hauptschule. Nur 15 Prozent aller Heranwachsenden, deren Mütter sich große Sorgen machen, besuchen das Gymnasium. Ähnliche Ergebnisse zeigen sich auch in der Betrachtung des Einflusses der Sorgen des Vaters um seinen Arbeitsplatz. Allerdings ist der Einfluss der von der Mutter geäußerten Sorgen um die wirtschaftliche Situation merklich stärker als die empfundene Arbeitsplatzunsicherheit des Vaters. „Insbesondere der eigenständige Beitrag des Faktors Armut und den auf das Familienklima wirkenden Sorgen der Eltern ergänzt den klassischen bildungssoziologischen Befund der Bildungsvererbung. Im Besonderen konnten wir Evidenzen dafür beibringen, dass eine besondere Belastungssituation mit wahrscheinlich lebenslaufprägender Potenz an der Gelenkstelle des deutschen Bildungssystems, dem Übergang in die Sekundarstufe I, aufgrund eines zeitgeschichtlichen Armutseffektes, vorliegt“, resümieren die beiden Wissenschaftler.
Elisabeth Schlemmer von der Universität Bamberg beschäftigte sich mit „Risikolagen von Familien und ihren Auswirkungen auf Schulkinder“. Sie konstatierte: „Das klassische Ergebnis der sozialen Ungleichheitsforschung, dass Einkommen und Bildung der Eltern Schulerfolg der Kinder bestimmen, ist nach wie vor gültig. Diesen beiden Faktoren sind die prinzipiell durchschlagendsten Selektionsmechanismen. Die Familienform und Erwerbssituation der Eltern bewirken einen signifikanten Einfluss, allerdings auf Basis der beiden sozialstrukturellen Faktoren Einkommen und Bildung. Damit folgt die Selektion vorrangig sozialstrukturellen Merkmalen. Die Familienform bzw. Erwerbssituation der Eltern kommt je nach Status bzw. Schichtzugehörigkeit als zusätzlicher Selektionsfaktor hinzu und hebt bzw. senkt die Chance, ins Gymnasium überzutreten.“ (in: Jürgen Mansel/Georg Neubauer (Hg.): a.a.O., S.146). Die Untersuchung von Schlemmer weist auf einen weiteren Zusammenhang der möglichen Benachteiligung von Kindern hin. Als kovarianter Einflussfaktor erwies sich die Klassengröße, die beim Übertritt ins Gymnasium einen signifikanten Part spielt. D.h. im Klartext, die heutigen großen Schulklassen benachteiligen besonders Kinder aus armen Familien.
In einer weiteren Untersuchung von Matthias Grundmann zum Thema „Milieuspezifische Einflüsse familialer Sozialisation“ wird der Zusammenhang von „relativer depravierter sozialer Lage“ und von schulischer Leistungsentwicklung und Bildungsverlauf analysiert. Das Ergebnis: Kinder aus dem Armutsmilieu sind gegenüber Gleichaltrigen aus anderen sozialen Lagen in ihrer kognitiven, ihrer schulischen Leistungsentwicklung und ihrem Bildungsverlauf benachteiligt. Als besonders gravierend für Heranwachsende aus dem Armutsmilieu stellt sich der frühzeitige Abbruch des Bildungsverlaufs heraus. Jürgen Mansel nennt in seinem Aufsatz zum „Wohlbefinden von sozial benachteiligten Jugendlichen“ weitere Zahlen zur Benachteiligung von Jugendlichen aus dem Armutsmilieu. So ist etwa jeder fünfte Jugendliche aus einer sozial schwachen Herkunftsfamilie in der Phase des Statusübergangs von der Schule in den Beruf arbeitslos oder als Jungarbeiter tätig, von den anderen Jugendlichen ist es nur jeder 25. Dennoch absolvieren immerhin drei Viertel der Jugendlichen aus den sozial schwachen Familien eine schulische oder berufliche Ausbildung, aber 11,6 Prozent besuchen die gymnasiale Oberstufe. Bei der Vergleichspopulation liegen die entsprechenden Anteile um 20 Prozent bzw. 24 Prozent höher. (in: Jürgen Mansel/Klaus-Peter Brinkhoff (Hg.): Armut im Jugendalter. Soziale Ungleichheit, Gettoisierung und die psychosozialen Folgen, Weinheim/München, 1998, S. 141 ff.)
Als wesentlichen Grund für die Konzentration des Schulbesuchs von Kindern und Jugendlichen aus dem Armutsmilieu und teilweise aus dem prekären Wohlstandsmilieu auf bestimmte Schultypen identifiziert Sabine Walper das große zielgerichtete Interesse der Eltern, die schon über einen längeren Zeitraum in Armut leben, dass ihre Kinder möglichst schnell die Schule verlassen und Geld verdienen (vgl. Sabine Walper: Können wir uns das leisten? Kinder und Armut, in: Deutsches Jugendinstitut (Hg.): Was für Kinder. Aufwachsen in Deutschland, München, S. 267-276). Die neue Armut wird mit dafür verantwortlich, dass Eltern ihre eigene niedrige Qualifikation an die nächste Generation weitergeben. Der frühzeitige Zuverdienst der Kinder stellt eine wichtige Entlastung für arme Haushalte dar. Diese Informationen müssen weiterhin geschlechtsspezifisch untersucht und dargestellt werden. In armen Familien besteht für die Mädchen häufig nur die Chance, eine „gute Hausfrau“ zu werden.
Norbert Kozicki arbeitet als Bildungsreferent beim Falken Bildungs- und Freizeitwerk NRW
Der vorstehende Artikel wurde veröffentlicht in DER NAGEL 60/1998, ins Internet gestellt im Juni 2003
NAGEL-Redaktion – Hagener Erklärung
zum Thema: „Risiko als Spielwert“
Versicherungsträger, PolitikerInnen und Aufsichtspflichtige sind in der Regel bemüht, Situationen für Kinder und Jugendliche „risikofrei“ zu gestalten. Dieses Bemühen läuft vielfach ins Leere. Junge Menschen sind häufig dann am stärksten gefährdet, wenn Behütung und Aufsicht überspannt werden.
Risikofreies Leben ist eine nicht erreichbare Utopie. Leben sicher zu gestalten, geht nicht selten mit eigenen Unsicherheiten von PädagogInnen, PlanerInnen, SicherheitsexpertInnen und PolitikerInnen einher und führt in der Praxis von Pädagogik und Planung zu bisweilen kuriosen Erscheinungen. Langjährige Erfahrungen „gefährlicher Einrichtungen“, wie z.B. von Abenteuerspielplätzen, sowie entsprechende Untersuchungen belegen, dass der Gefährdungsgrad für junge Menschen sinkt, je gezielter und bewusster sich diese mit Risiken vertraut machen können.
Mehr Risiko bedeutet ein erhöhtes Maß an Gefahren; ein erhöhtes Maß an Gefahren ermöglicht eine Steigerung der Lern- und Erfahrungsmöglichkeiten; diese bewirken bei jungen Menschen eine Steigerung des Risikobewusstseins. Ein erhöhtes Maß an Risikobewusstsein führt im Resultat zu einer Steigerung der Lebensqualität und zu mehr Sicherheit.
Zur Steigerung der Lebensqualität von Kindern und Jugendlichen sind Pädagogik in Schule und Freizeit, Stadt- und Raumplanung sowie Politik und Verwaltung gefordert, Bedingungen für ein Höchstmaß an Spielwert zu schaffen. Der Rahmen administrativer und rechtlicher Einschränkungen muss in diesem Kontext so gering wie möglich gehalten werden.
Die Pädagogik ist gefordert, die genannten Aspekte in ihren Konzeptionen zu berücksichtigen und bei PädagogInnen bewusstseinsfördernd aktiv zu werden, Kausalitäten zu verdeutlichen sowie zu einer erhöhten und wohl reflektierten Risikofreude anzuregen. Die Planung ist gleichermaßen gefordert, öffentliche Spiel- und Erlebniswerte stärker in den Fokus ihres Interesses zu rücken. Die Politik ist angehalten, diese Bemühungen zu unterstützen. Ein wichtiger Schritt hierzu wäre eine Gesetzesinitiative, die zum Ziel hat, alle Kinder, die sich in der Öffentlichkeit aufhalten, in den Kreis der versicherten Personen im Sinne des § 2 SGB VII aufzunehmen.
Ferner ist die Politik ausdrücklich aufgefordert, Ungleichgewichte hinsichtlich der realen Gefährdung von Kindern stärker zu thematisieren und zu kompensieren. In diesem Zusammenhang wird auf den für junge Menschen unkalkulierbaren Straßenverkehr, dem jährlich zahlreiche Kinder zum Opfer fallen, sowie auf andere ökologische Gefährdungen hingewiesen. Ökologische Kinderrechte müssen mittelfristig in Anlehnung an das UN-Übereinkommen über die Rechte des Kindes (Art. 24) in geltendes deutsches (und somit einklagbares) Recht überführt werden.
Ziel ist eine allseits bespielbare und für Kinder sichere Stadt. Zum Erlebniswert einer Stadt gehören für junge Menschen wahrnehmbare und kalkulierbare Risiken, die mit zur größtmöglichen Entfaltung ihrer motorischen, kognitiven wie sozialen Fähigkeiten beitragen.
Diese Erklärung wurde einstimmig von den TeilnehmerInnen des Kongresses des ABA Fachverbandes „Risiko als Spielwert“, der am 29. November 1995 in Hagen stattfand, verabschiedet. Der Kongress wurde von ca. 80 TeilnehmerInnen besucht.
ReferentInnen waren:
- Otto Herz, Dipl. Psychologe und seinerzeit Mitglied im Hauptvorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft
- Dr. Torsten Kunz, Dipl. Psychologe und seinerzeit Leiter der Präventionsabteilung der Eigenunfallversicherung der Stadt Frankfurt am Main
- Julian Richter, Dipl. Ing., Vorsitzender der Europäischen Normierungsgruppe für Spielgeräte und Kinderspielplätze, Mitglied der DIN-Kommission und Geschäftsführer der Fa. Richter Spielgeräte in Frasdorf
- Manfred Schmidt, Jurist und Sozialarbeiter, stellvertretender Geschäftsführer des Gemeindeunfallversicherungsverbandes Westfalen-Lippe in Münster
- Wolfgang Bort-Gesella, Spielpädagoge und Leiter der Spielewerkstatt Rhinozeros in Essen
- Norbert Rixius, verantwortlicher Mitarbeiter für das Sachgebiet „Gestaltung des Schullebens und Öffnung von Schule/GÖS“ im Landesinstitut für Schule (des nordrhein-westfälischen Schulministerium) in Soest
- Stefan Melulis, Dipl. Soz. Päd. und Leiter des Kinder- und Jugendbereiches des Ruhrwerkstadt in Oberhausen
- Peter Apel, Dipl. Ing., Raumplaner und Mitarbeiter des Planungsbüros Stadtkinder in Dortmund, Mitglied im Vorstand des ABA Fachverbandes
- Dr. Ulrich Deinet, Dipl. Päd., Fachreferent für Jugendarbeit beim Landesjugendamt Westfalen-Lippe in Münster
- Helga Schlünder, Lehrerin an der Fritz-Steinhoff-Gesamtschule in Hagen
- Peter Ogrodowski, Dipl. Soz. Päd., z.Zt. Mitarbeiter des AKI Meschede (ASP)
Eine Tagungsdokumentation ist erschienen in der Reihe DER NAGELKOPF als Ausgabe 22/1997.
NAGEL-Redaktion – Tübinger Erklärung – „Kinder brauchen Stadt“
„Kinder brauchen Stadt“ ist die „Tübinger Erklärung“ überschrieben, die von Fachleuten aus Stadtplanung, Pädagogik, Sozialarbeit und Sozialwissenschaft, Medizin, Psychologie und Verwaltung im März 1995 verabschiedet wurde. Diese Erklärung war Ergebnis eines interdisziplinären Werkstattgesprächs am 24. und 25. März in Tübingen, veranstaltet vom Wohnbund e.V., Frankfurt, International Making Cities Livable Conferences und der Stadt Tübingen. Im Mittelpunkt dieses Gesprächs stand die Frage, was Kinder und Jugendliche mit der Stadt zu tun haben. Besonders ging es dabei um den öffentlichen Raum: Die Straße ist ja der einzige Ort, an dem Kinder und Jugendliche nicht unter dem direkten Zugriff der Erwachsenen stehen. Kinder und Jugendliche brauchen nach Auffassung der Unterzeichnenden nicht weitere Reservate, sondern das städtische Viertel mit dem öffentlichen Raum der Straße, der angrenzenden Vielfalt des Wirtschaftens und Wohnens und der Auseinandersetzung mit Menschen, denen sie nicht durch familiäre oder pädagogische Bindungen verpflichtet sind.
Vorangegangen war ein Aufruf „Aufwachsen in der Stadt – Was haben Kinder und Jugendliche auf der Straße verloren?“, mit dem sich die Veranstalter Ende des Jahres 1994 an Persönlichkeiten aus Stadt- und Verkehrsplanung, Schul- und Sozialpädagogik, Soziologie, Psychologie, Medizin, Psychiatrie, Kultur- und Jugendforschung, Politik, Recht und Verwaltung, an Vertreterinnen und Vertreter der Wissenschaft, Publizistik, Interessenverbände und kommunaler Praxis gewandt hatten, die von ihrem Arbeitsfeld her und durch ihr persönliches Engagement für das Thema bekannt sind. Viele von ihnen haben sich mit schriftlichen Beiträgen an einer unkonventionellen Diskussion beteiligt.
Die Erklärung wird öffentlich zur Diskussion gestellt. Darüber hinaus wird dem Thema „Kinder und Jugendliche“ in Gestalt konkreter Beispiele und Projekte weiter nachgegangen: Was nützen sie der Stadt, und was nützt die Stadt ihnen?
Gabriele Steffen, Erste Bürgermeisterin der Stadt Tübingen
Tübinger Erklärung
1. Mit der überwiegend am wirtschaftlichen Erfolg ausgerichteten Modernisierung der vergangenen Jahrzehnte haben Kinder den wichtigen Erfahrungsraum „Straße“ verloren. Kinder von der Straße zu holen, ist nach wie vor für viele ein erklärtes Ziel. Das städtische Viertel mit dem öffentlichen Raum der Straße und der angrenzenden Vielfalt des Wirtschaftens und Wohnens bietet aber ein Modell des Zusammenlebens, das sich dort, wo es bis heute überlebt hat, als äußerst vital und anpassungsfähig erweist.
2. Raum in der Stadt ist erst dann öffentlicher Raum, wenn er Kinder und Jugendliche, deren erwerbstätige oder nichterwerbstätige Eltern, alte Menschen, Kranke und Behinderte, Menschen verschiedener kultureller Herkunft und Menschen von verschiedenem sozialen Status zumindest zeitweise zusammenzuführen vermag. Kinder und Jugendliche brauchen neben Schule und Familie den leichten Zugang zur Wirklichkeit eines lebendigen Stadtquartiers, in dem sie Formen des Zusammenlebens unter Menschen, die sich nicht gegenseitig verpflichtet sind, erfahren und auch selbst erproben, z.B. Verantwortung, Einfühlungsvermögen, Zuwendung, das Leben mit Konflikten.
3. Die moderne Wohnsiedlung, die heute den Alltag der meisten Kinder und Jugendlichen prägt, kommt deren Bedürfnissen fast gar nicht nach: Spielstraßen, Kinderhäuser, Schulen und Jugendtreffs sind ohne Anschluss an die Welt des Arbeitens und Wirtschaftens nicht in der Lage, die Neugier, die Lust der Selbstdarstellung und die Freude am eigenen Tätigsein zu befriedigen. Weder die gängigen Konzepte des Städtebaus noch die Verfahren der ressortspezifischen Fachplanungen berücksichtigen ernsthaft die Bedürfnisse der nachwachsenden Generation. Dies stellt nicht nur eine Rücksichtslosigkeit gegenüber den Kindern und Jugendlichen dar, es führt wahrscheinlich die Zivilgesellschaft in eine verhängnisvolle Sackgasse.
4. Kinder in den öffentlichen Außen- und Innenräumen einer Stadt brauchen die Möglichkeit, immer wieder in Kontakt mit ihren Familienangehörigen zu treten, aber ebenso die Möglichkeit, sehr schnell in ihre – und das heißt von ihnen auch gestaltbare – öffentliche Welt zurückzukehren. In diesem Sinne sind große Straßen mit Durchgangsverkehr kein öffentlicher Raum für Kinder. Spielplätze und Spielstraßen dürfen keine zoologischen Gärten für kleine menschliche Lebewesen abseits der Öffentlichkeit sein. Notwendig ist eine Verbindung zwischen Wohnen, autofreien Plätzen, kleinen wirtschaftlichen Betrieben und Straßen mit nichtbedrohlichem Verkehr.
5. Jugendliche brauchen „annehmbare“ Treffpunkte, Plätze, Brunnen, Treppen, Plastiken, Ecken und Nischen. Sie brauchen ferner mitgestaltbare Konsum- und Kulturangebote, z.B. Eisdielen, Cafés, Läden, Reparaturwerkstätten. Sie sollten auch unverbindlichen orientierenden Zugang zu Arbeitsstätten und beruflichen Ausbildungsstätten haben.
6. Jede Entscheidung in der Stadt, ob politisch, wirtschaftlich oder stadtplanerisch, hat Auswirkungen auf das Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen; dies erfordert intensivstes Nachdenken und öffentliche Auseinandersetzung. Deshalb müssen sich auch Städtebau, Jugendhilfe und Pädagogik schleunigst von dem Ideal perfekter, aber segmentierender Lösungen freimachen.
7. In einer Welt, die sich durch neue Telemedien geradezu explosiv erweitert, ist die Gesellschaft auf den Stadtteil als Fixpunkt des Austauschs und der unmittelbaren Auseinandersetzung mehr denn je angewiesen. Politik für Kinder und Jugendliche muss daher die Stadt und den öffentlichen Raum neu entdecken. Dies muss als gemeinsames Projekt von Politik, Planung, Verwaltung und Bürgern begriffen werden; davon profitieren letztlich alle Stadtbürgerinnen und Stadtbürger.
Die heutigen Entscheidungen von Kindern und Jugendlichen werden über die Zukunft der Stadt entscheiden.
Christian Achnitz, Umweltpsychologe, Tübingen
Johannes Beck, Prof. Dr., Universität Bremen, FB Pädagogik
Alfred Brennert, Sozialamt, Stadt Tübingen
Christa Burghardt, Deutscher Kinderschutzbund, Hagen
Suzanne Crowhurst Lennard, Prof. Dr.
und Henry L. Lennard, Prof. Dr., Making Cities Livable Conferences, Carmel, California
Reinmar du Bois, Prof. Dr., Universität Tübingen, Abt. Kinder- und Jugendpsychiatrie
Andreas Feldtkeller, Stadtsanierungsamt, Stadt Tübingen
Anne Frommann, Dr., Erziehungswissenschaftlerin, Tübingen
Peter Kürner, Deutscher Kinderschutzbund, Wuppertal
Aldo Legnaro, Dr., Sozialwissenschaftler, Köln
Peter Novak, Prof. Dr. Dr., Universität Ulm, FB Medizinsoziologie
Jochen Schulz zur Wiesch, Prof. Dr., Fachhochschule für Verwaltung und Recht, Berlin
Uta Schwarz-Österreicher, Sozialamt, Stadt Tübingen
Gabriele Steffen, Erste Bürgermeisterin, Stadt Tübingen
Gerda Zill, Wohnbund Frankfurt
Gabriele Steffen, Erste Bürgermeisterin in Tübingen, übersandte im Anschluss an dessen Verabschiedung den vorabgedruckten Text einschließlich der „Tübinger Erklärung“ mit der Bitte um Veröffentlichung, was wir in unserer Publikation DER NAGEL 57/1995 gern getan haben. Ins Internet gestellt haben wir den Beitrag im September 2002. Wir sind nach wie vor an konkreten Beispielen und Projekten zu der Frage, was Kindern und Jugendlichen nützt und was diese der Stadt nützen, interessiert und würden uns über die Zusendung entsprechender Dokumente freuen.
Wir möchten ferner auf den Beitrag „Kinder brauchen Stadt – Jowohl, Kinder brauchen Stadt! Und Stadt braucht Kinder! (Zur Tübinger Erklärung)“ von Rainer Deimel hinweisen, die ebenfalls auf unseren Internet-Seiten zu finden ist.
ABA Fachverband
NAGEL-Redaktion – Presseberichte
Sollten Sie interessante Presseberichte aus der Offenen Arbeit oder anderen den ABA Fachverband tangierenden Bereichen haben, freuen wir uns, wenn Sie sie uns hier zum Einstellen zusenden würden.
Rein ins Abenteuer!
Die „bleibgesund„, Mitgliederzeitschrift der AOK Westfalen-Lippe berichtete in einem „Service Spezial“ in ihrer Ausgabe 4/2010 zum Thema „Abenteuerspielplätze“. Einen ganzen Tag lang hat sich die Autorin Petra Sperling im Frühjahr 2010 zwecks Information und Recherche auf dem Abenteuerspielplatz Rahm in Dortmund aufgehalten. Zeitgleich mit der Veröffentlichung hat die AOK die wichtigsten Abenteuerspielplätze in Westfalen in ihr Netz gestellt und jeweils individuell verlinkt. Zur dieser schönen Seite mit diesen gesundheitsförderlichen Einrichtungen gelangt man hier. Im Artikel heißt es einleitend: „Hütten bauen, Brücken über den Bach schlagen, die Klamotten dabei so richtig einsauen und danach Stockbrot im Feuer backen. All das lieben Kinder. Und all das geht auf einem Abenteuerspielplatz.“ Der ABA Fachverband bedankt sich auf diesem Wege bei der AOK Westfalen-Lippe, das Konzept „Abenteuerspielplatz“ so umfassend bekannt zu machen. Wir bedanken uns auch bei der Autorin Petra Sperling und der verantwortlichen Redakteurin Annette Vorpahl von der „bleibgesund“ für ihre Zustimmung, den Artikel hier verwenden zu dürfen, und die erfreuliche Kooperation.
Zur Seite „Service Spezial: Rein ins Abenteuer!“
Herbstferien 2003 Abenteuerspielplatz Meerbusch
Toben und matschen – Abenteuerspielplätze im Rheinland –
Ein Beitrag der AOK-Mitgliederzeitschrift „vigo!“ 5 – 2003″
Unsere kleine Farm. Auf Jugendfarmen können Kinder viel von Tieren lernen.
Gisela Krockauer in der „freizeit im sattel“ 2/2004″
Mit freundlicher Genehmigung der „freizeit im sattel“.
Komm ins Abenteuerland
Quelle: Beilage „freizeit“ in den Zeitungen der WAZ-Gruppe
Jugendliche verdienen Anerkennung

Recklinghäuser Zeitung vom 30. Oktober 2006 über die Spielplatzpaten-Konferenz 2006 des ABA Fachverbandes in Recklinghausen. Das oben stehende Foto wurde dem Presseartikel entnommen. Es zeigt die Tagungsteilnehmer vom 28. Oktober 2006.
Charly Lehmann feiert Jubiläum – ein richtiges: 25 Jahre auf der Bauspielfarm Suderwich. Artikel der Recklinghäuser Zeitung vom 10. April 2007 herunterladen
Serie „Wilde Spiele“ des Kölner Stadtanzeigers (Magazin)
Ende April/Anfang Mai brachte der Kölner Stadtanzeiger in seinem Magazin eine Serie „Wilde Spiele“, die beim ABA Fachverband und dem Sprecherrat auf lebhaftes Interesse stieß. In Absprache mit der engagierten Journalistin Mica Frangenberg haben wir die Beiträge hier zum herunterladen eingestellt.
Mehr Freiraum für Kinder (mit Interview mit dem Kindertherapeuten Wolfgang Bergmann, Hannover)
Touren mit dem Kompass
Spieleanleitungen
Literaturhinweise
Stockbrot rösten über heißer Glut
Feuerregeln für Kokelspezialisten
KStA_Wilde_Spiele_03_02_Stockbrotrezept.pdfStockbrot-Rezept
Regeln für Ballspiele
Die Dunkelheit entdecken
Spiele im Dunkeln
Was tun, wenn ein Kind Angst hat – Tipp vom Experten
Expeditionen ins Unterholz
Spiele im Wald
Buchtipps
Was tun, wenn ein Kind alles bestimmen will? Expertentipp
NAGEL-Redaktion – Mädchen und Ponys
Von Angelika König
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Daniela: |
Ein fast surrealistisches Szenarium. Abrissreife Rückenansichten typischer Berliner Arbeitermietshäuser, die Zerfall signalisieren, eine Reihe sanierter Häuserfassaden – röhrenartige Betonfluchten Orwell’scher Prägung – hier und da ein modernes Hochhaus, das den Horizont zerschneidet. Eine große, stark frequentierte Straße, die vom Süden der Stadt in den Norden führt. Umgeben von alledem: Ein Stück Vergangenheit, das sich der Beseitigung (noch) widersetzte, ein letzter Rest der ehemals riesigen Kleingartenkolonie, zu der sich ein Abenteuerspielplatz, durch Eigeninitiative der Anwohner ins Leben gerufen, sowie ein in Selbsthilfe geschaffener Kinderbauernhof gesellt haben.
Sonntagnachmittag
Auf der Kinderfarm in Berlin-Wedding herrscht reges Treiben. Die Ponys werden aus den Ställen geholt und am Koppelgatter angebunden. Jedes Mädchen hat sein Pflegepony. Meist teilen sie sich zu zweit eins, denn die Ponys sind sehr begehrt, und am liebsten hätte jedes Mädchen, das auf den Hof kommt, sein eigenes. Mit Hingabe wird gestriegelt und geputzt, bis das Fell seidig glänzt. Einige Mädchen flechten in Schweif und Mähne bunte Bänder, um ihr Pony für den bevorstehenden Ausritt besonders schön herzurichten. Die Hufe werden gesäubert und eingefettet, das Halfter gegen die Trense (leichter Pferdezaum) eingetauscht und schließlich gesattelt oder auch nicht. Am liebsten reiten sie nach wie vor ohne Sattel, denn so haben sie es gelernt und so spüren sie direkt Körper und Rhythmus des Ponys beim Reiten.
Immer wieder dazwischen wird geschmust: vom Streicheln, Umarmen bis zum Küßchengeben wird die ganze Vielfalt des nichtsprachlichen Austausches im Kontakt mit dem Pony ausgelebt. Aber auch das Sprechen mit dem Pony ist für die Mädchen wichtig: sie reden, und das Pony antwortet, indem es die Ohren bewegt, mit dem Kopf schubbert oder mit den Nüstern sanft in den Nacken bläst.
Ausritt
Inzwischen sind alle in Aufbruchstimmung. Nicole, Birgit und Ilona sitzen bereits auf ihren Ponys und warten ungeduldig am Eingang. Thore, der einzige Junge auf der Kinderfarm, der es bislang geschafft hat, über längere Zeit ein Pflegepony zu haben, holt noch schnell eine Longe, um Pretty zu führen, die noch nicht eingeritten ist. Auch die drei Fohlen Shadow, Baby und Funny werden mitgenommen, denn sie brauchen Auslauf. So setzt sich ein bunter Trupp in Bewegung: kleine und große Ponys – kleine und große Mädchen – und ab und an ein Junge, der sich gegenüber den Mädchen behaupten konnte, und meistens auch Franky, ein behinderter Jugendlicher, der mittlerweile zur „Bauernhof-Großfamilie“ gehört. Sie ziehen über die große Straße, wenn die Ampeln Grün zeigen, über den breiten Hügel vor der Technischen Fachhochschule, durch graue Häuserschluchten, über stark befahrene Autostraßen und gelangen schließlich in die Rehberge. Die Mädchen auf ihren Ponys sind nicht mehr zu halten, im Jagdgalopp geht’s über die Wiesen – endlich ein bisschen Weite und Raum. Die gleichen Mädchen, die zuvor pflegend, versorgend, zärtlich und schmusig mit ihren Ponys beschäftigt waren, erwecken jetzt den Eindruck wilder Amazonen. Mit wehenden Haaren, lautem Gejohle und aufrechten, aber losgelassenen Körpern sind sie eins mit dem Tier und der Bewegung. Die Körperbilder verschmelzen miteinander. Mädchen und Ponys geben sich dem gemeinsamen Rhythmus des Galopps hin.
Jetzt dürfen auch die Fohlen frei laufen und rennen hinter den Stuten her, versuchen sie einzuholen. Mehrmals geht es in schnellem Galopp den Berg hinauf und hinunter. Dann teilt sich die Gruppe, die Reiterinnen brechen auf zu ihrem üblichen Ritt quer durch den großen Park bis hin zum Fluss und auf geheimen Pfaden wieder zurück. Währenddessen toben sich die anderen mit den Fohlen auf der Wiese aus. Als nach einer guten Weile die Mädchen lachend mit roten Köpfen und nassgeschwitzten Hemden von ihrem Ritt zurückkehren, bietet sich ihnen ein friedlicher Anblick: grasende Fohlen, einige, die sich in der Sonne räkeln und ein schlafender Franky. Erst einmal müssen sie ihrem übersprudelnden Redeschwall Luft machen und die neuesten Erlebnisse mitteilen. Der Zweig, der Ramona fast vom Pony fegte, der Radfahrer, der sich über reitende Mädchen in den Rehbergen ereiferte…
Nachdem noch ein wenig ausgeruht und die letzten Strahlen der Abendsonne gemeinsam genossen wurde, macht sich die ganze Gruppe entspannt und gelöst auf den Heimweg. Zurück auf der Kinderfarm werden zuerst die Ponys versorgt, das Fell trockengerieben, die Hufe gesäubert, eine extra Portion Hafer mit Möhren zurechtgemacht und frisches Wasser gegeben. Der Tag geht zu Ende. Die Ponys fressen behaglich schnaubend und verströmen ihre Körperwärme im Stall. Die Mädchen schmiegen sich noch einmal an ihre Tierfreunde, um „Tschüss“ zu sagen. Sie sind müde und zufrieden, denn sie haben sich die letzten Stunden über mit den Ponys ganz erlebt. Sie haben geredet, gedacht, gehandelt, gefühlt und gespürt.
Mädchen auf der Kinderfarm
Im Alltag auf der Kinderfarm dreht sich alles um die Ponys, ihre Pflege, ihre Versorgung und den Spaß mit ihnen. Eine feste Stammgruppe von Ponypflegerinnen hat sich herausgebildet, die sich um die anfallenden Arbeiten kümmert. Wer was, wann und wie zu tun hat, wird auf wöchentlichen Kinderversammlungen besprochen und organisiert. Besonders auf diesen Versammlungen fiel mir auf, wie schnell die Mädchen über die gemeinsame Gestaltung der Ponypflege und die Freizeit mit dem Pony ihre Vorstellungen und Wünsche zu artikulieren und durchzusetzen lernten, wenn nötig auch mit Nachdruck. Sie scheuen keinen Konflikt untereinander, mit den übrigen Kindern oder auch mit Erwachsenen, wenn es um das Wohl der Ponys geht.
Aus meiner Zeit als Lehrerin an der Grundschule erinnere ich mich an überwiegend schüchterne, zurückhaltende und angepasste Mädchen, die von den lauteren, aggressiveren und unangepassteren Jungen dominiert wurden. Hier auf der Kinderfarm treffe ich auf Mädchen, die eher „jungenhaftes“ Verhalten zeigen, sich lautstark und auch aggressiv (zornig) äußern und gegenüber den Jungen in der stärkeren Position sind. Vor allem beeindruckt hat mich die Wandlung, die sich bei einigen neu dazugekommenen Mädchen vollzieht, wenn sie über längere Zeit ein Pony zur Pflege haben. Sind sie anfangs verhalten, still und ängstlich, werden sie im Laufe von ein bis zwei Jahren zusehends offener und selbstsicherer, gehen aus sich heraus, lernen sich und ihre Interessen zu behaupten.
Hatte ich mir anfänglich keine Gedanken darüber gemacht, dass ich es überwiegend mit sieben- bis 16-jährigen Mädchen zu tun hatte, so wurde mir im Laufe von vier Jahren immer klarer, dass die Eigenverantwortung für die Versorgung der Ponys selbstbewussteres Auftreten und Verhalten der Mädchen stark fördert und ihnen ermöglicht, die engen Grenzen der üblichen Mädchenrolle weit hinter sich zu lassen. Auch auf Pony- und Reithöfen ist das zu beobachten. Überall wo es Ponys und Pferde gibt, finden sich kleinere und größere Mädchen in ihrer Nähe. Der Kontakt zu den Ponys und Pferden tut den Mädchen sichtlich gut. Die Faszination der Mädchen von den Ponys faszinierte auch mich. „Ponys und Mädchen“ machten mich immer neugieriger, und ich begann, mich mit dem Beobachteten auseinander zu setzen, es zu ergründen, auch als Teil meiner eigenen Geschichte als Mädchen und Frau.
Ponys erlauben mehr, als die Mädchenrolle erlaubt
Das Pflegen der Ponys bedeutet den Mädchen sehr viel. Einigen geht es hauptsächlich um das Putzen und Führen der Ponys, sie haben meist ein Fohlen zur Pflege – anderen gefällt das Pflegen ebenso sehr wie das Reiten. Keines der Mädchen jedoch möchte nur reiten und auf die Pflege ganz verzichten. Und mit welcher Intensität und Hingabe sie pflegen! Sie sind ganz bei der Sache. Jeder Handgriff wirkt gekonnt und sicher, eine Mischung aus Bestimmtheit, praktischer Arbeit am Pony und Zärtlichkeit. In der Art und Weise, wie sie das Pflegen beschreiben, kommt die Nähe zur mütterlichen Rolle zum Ausdruck: „Jemand versorgen, erziehen, sich kümmern.“ Zugleich betonen sie Wechselseitigkeit und Austausch: „Sich aneinander gewöhnen, sich verstehen, auseinandersetzen.“
Das Pony ist keine Puppe, kein Kuscheltier. Nur in Grenzen ist es möglich, sich seiner zu bemächtigen, es verlangt zugleich Achtung vor und Anpassung an seine ihm eigene Natur.
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Daniela: |
Gerade die Eigenwilligkeit reizt die Mädchen, und sie verstehen das Ponypflegen als Arbeit am Aufbau einer Beziehung, bei der es immer wieder darauf ankommt, Schwierigkeiten und Probleme miteinander zu bewältigen. Hier zeigt sich aber auch, dass sich die Mädchen kompensatorisch der Ponys bemächtigen, ebenso wie Mütter ihre Macht über Kinder unter Umständen dazu missbrauchen, gesellschaftlich erfahrene Ohnmacht zu kompensieren. Gerade aus dieser Erfahrung von Macht und Einflussnahme ergibt sich auch die Konkurrenz um die Ponys – ein Hauptkonflikt auf der Farm. Je länger eine ein Pony zur Pflege hat, desto stärker identifiziert sie sich mit ihm, betrachtet es als ihr Eigentum, über das sie am liebsten ganz allein verfügen möchte. Neue Mädchen werden als potentielle Konkurrentinnen angesehen, denen auf subtile Weise signalisiert wird, dass sie auf Dauer nicht erwünscht sind. Ein weiteres Problem ist das unkontrollierte Ausleben von Aggressionen gegenüber den Ponys. Während bei der Ponypflege die fürsorglichen, liebevollen Formen des Einwirkens überwiegen, lässt sich beim Reiten, beim Longieren und insbesondere beim Aufziehen der Kleinen, der Fohlen, häufig beobachten, wie die Mädchen hier eigene Beziehungs- und Erfahrungsmuster von Macht-Ohnmacht sowie Frustration und Aggression im Konflikt mit den Ponys wiederholen. Ohne unterstützende und kritisch-aufklärende Begleitung durch kompetente Bezugspersonen besteht die Gefahr, dass sich negative Interaktionsmuster verfestigen.
Der Umgang mit den Ponys erlaubt den Mädchen jedenfalls nicht nur das Einnehmen von als typisch weiblich geltenden Rollen, wie pflegen, versorgen, bemuttern, sondern darüber hinaus zugleich das Ausleben sogenannter „männlicher“ Rollenmuster wie Macht, Beherrschung, Stärke, Aktivität.
Aus der Enge der Verhältnisse heraus
Es sind nicht Mädchen privilegierter Schichten, die zu uns auf die Kinderfarm kommen. Die häuslichen Verhältnisse sind häufig durch existenzielle Probleme belastet, und die materielle Lage der meisten Familien würde den Luxus teurer Reitstunden kaum gestatten. Die Kinderfarm im Wedding bietet gerade diesen Mädchen die Möglichkeit zu reiten und ein Pony zu pflegen und öffnet ihnen sonst verschlossene Erfahrungsräume, in denen sie sich selbst aktiv handelnd erleben.
Das Reiten stellt einen umfassenden Lernprozess dar. Es geht nicht um das Erreichen eines bestimmten Ziels, vielmehr zählen die kleinen, täglichen Fortschritte und Entwicklungen – sie strengen an, motivieren, machen Spaß – der Weg ist gleichsam das Ziel. Die Mädchen lernen, sich durchzusetzen, das Pony zu führen und zu lenken, gezielt auf das Pony einzuwirken, Ausdauer und Kontinuität zu entwickeln. Reiten und Auseinandersetzung mit dem Pony bedeuten zugleich Bemächtigung, Aneignung, Er- und Begreifen von Wirklichkeit. Die Mädchen bemächtigen sich ein Stück weit der Natur des Tieres, sie eignen sich den Raum an, den sie durchstreifen. Reiten repräsentiert Bewegung, Veränderung, Abenteuer, Risiko. Nicht zuletzt erhöht das reitende Mädchen sich selbst – konkret und symbolisch. Die Reiterin wirkt stolz und erhaben, wird bewundert, hat Anteil an der urwüchsigen Schönheit und mythischen Kraft, die mit dem Tier assoziiert werden. Über die Beschäftigung mit dem Pony können „neue Verhaltensstrategien“ gelernt bzw. „neue Seinsweisen“ erprobt werden, die vor allem den eigenen Kompetenzerwerb zum Inhalt haben.
Kein Wunder
Sinnliches Erleben und Sinnesschulung gehen dabei Hand in Hand: über Schauen, Hören, Berühren, Erspüren findet eine Sensibilisierung statt, die zu einer bewussteren und differenzierteren Wahrnehmung und Erfahrung des eigenen und des fremden Körpers führt. Insbesondere beim Reiten wird in lustvoll-spielerischer Weise Körperkoordination, Balance und Reaktionsvermögen gefördert. Das Zusammenspiel von Mädchen und Pony verlangt hier ein hohes Maß an Bewusstheit, Konzentration und Einfühlung. Auf dem Pony lernen die Mädchen, sich sicher im eigenen Körper und in dem sie umgebenden Raum zu fühlen. So liegt die Faszination des Reitens vor allem im Reiz des Getragenwerdens, der schon seit je die Menschen zu unzähligen Erfindungen beflügelt haben dürfte: von der Schaukel über den Roller bis hin zum Auto, Flugzeug oder Raumschiff. Hinzu kommt, dass der Bewegungsfluss des Ponys ganz besonders demjenigen des Menschen entspricht. Neueren Untersuchungen zufolge sind die mehrdimensionalen Schwingungsimpulse, die vom Pferderücken im „Schritt“ auf den Menschen übertragen werden, dem Bewegungsmuster des menschlichen Ganges verwandt.
Nicht nur die Ponypflege, auch das Reiten weist eine große Nähe zum frühkindlichen Austausch zwischen Säugling und Mutter (Pflegeperson) auf. Bei seinem Bewegungsdialog versucht das Baby in den Händen und am Körper der Mutter sein Gleichgewicht zu finden. Die Suche nach dem Gleichgewicht sowie die frühkindliche Erfahrung von Körper-Selbst und Raum über die Bewegung mit dem anderen Körper lässt sich auf dem schreitenden, trabenden, galoppierenden Pony wiederholen. Im Kontakt mit den Ponys können die Mädchen sich also ganz erleben – Verstand und Gefühl, Kopf und Körper werden angesprochen. Das Lernen verläuft nicht nur auf der kognitiven Ebene, sondern umfasst ebenso Körpererfahrung und Körperbewusstsein.
Im Prozess der Zivilisation zunehmend in gesellschaftliche Randbereiche und Grenzerfahrungen verdrängt und aus dem sogenannten „Erwachsenenleben“ ausgeklammert, kann auf der Kinderfarm diese Enklave ganzen, heilen Seins auf und mit den Ponys entdeckt werden. Dass gerade Mädchen sie entdecken, finde ich inzwischen nicht mehr verwunderlich.
Von der Kompensation zur Utopie
Innerhalb der vielschichtigen Bedeutungen, die dem Pferd in Mythologie und Anthropologie zukommen, steht es symbolisch auch für die Instinktsphäre, die Triebnatur, die unbewusste Schicht des Menschen. Als Reittier trägt, repräsentiert das Pferd einen mütterlichen Aspekt. Einerseits geerdet, andererseits erhöht, ausgestattet mit der Sicherheit des Getragenwerdens und der Lust an Bewegung und Eroberung von Raum, finden die Mädchen über das Reiten zurück zur lebendigen Natur, zur eigenen und zur umgebenden. Nach den Aussagen der Mädchen selbst mögen Mädchen Tiere und Natur mehr als Jungen.
Die besondere Attraktion von Ponys für Mädchen ist vor dem Hintergrund des gesellschaftlich vorherrschenden Rollenkonflikts von Mädchen und Frauen zu verstehen: Auf der einen Seite – Bedürfnisse, Motivation, Bestrebungen von Mädchen und Frauen nach Entwicklung ihrer ganzen Persönlichkeit – auf der anderen Seite die Stigmatisierung und Begrenzungen der „weiblichen Rolle“. Der Wunsch nach einem Pony, das Reiten, die Beziehung zum Pony weisen einen Weg aus diesem Dilemma; so haben Ponys sowohl eine kompensatorische Funktion als auch einen utopischen Gehalt für Mädchen.
Die Autorin Angelika König arbeitet neben ihrer Tätigkeit auf dem Kinderbauernhof als Auslandskorrespondentin und Lehrerin.
Dieser Artikel erschien in: DER NAGEL 55/1993 und wurde uns freundlicherweise vom Bund der Jugendfarmen und Aktivspielplätze zur Verfügung gestellt. Eingestellt ins Internet wurde er im August 2002.
NAGEL-Redaktion – Praxishilfen
Hier gibt es ein paar Seiten zur Anregung für die Praxis. Sollten Sie uns weitere Dokumente zur Verfügung stellen können, freuen wir uns. Herzlichen Dank!

Foto: Rainer Deimel
Hier finden Sie folgende Seiten:
NAGEL-Redaktion – Keyboard, Pferd und Spielmobil…
Gemeinsames Erleben im leistungsfreien Raum
Das neue Arbeitsfeld „Integrative Spiel- und Kulturpädagogik“
Von Martin Bügler und Karl-Michael Brand
Der Begriff „integrative Spiel- und Kulturpädagogik“ steht für ein weites pädagogisches Handlungsfeld, in dem versucht wird, Möglichkeiten für gemeinsame Aktivitäten von behinderten und nichtbehinderten Kindern und Jugendlichen vor allem im außerschulischen Bereich zu schaffen. Damit soll ein Beitrag zur Verwirklichung von sozialer Integration behinderter und nichtbehinderter Menschen geleistet werden.
Immer noch kommt es viel zu selten vor, dass sich die Sonderpädagogik mit der Frage nach Integrationsmöglichkeiten im Freizeitbereich auseinandersetzt (Anm. der Red.: In unserer Reihe DER NAGELKOPF, Heft Nr. 11, das ebenfalls einen Beitrag von Karl-Michael Brandt enthält, beschäftigten wir uns mit diesem Thema; dieser NAGELKOPF ist noch erhältlich). Statt dessen macht sich das allgemeine Interesse am Thema Integration fast ausschließlich an der Schule mit ihren Selektionsmechanismen fest.
1. Integrationshilfen durch Freizeitförderung
In vielen Veröffentlichungen wird der Freizeitbereich als für die soziale Integration (geistig) Behinderter besonders günstiger Bereich angesehen: Freizeit als eigener struktureller Sektor, der im Vergleich zu anderen Lebensbereichen weitgehend frei von Leistungskriterien und -anforderungen sein sollte, bietet durch seine Offenheit, d.h. durch geringere institutionelle Rahmenbedingungen, vielfältige Möglichkeiten zu selbstbestimmtem Handeln sowie zu Kontakten zwischen Behinderten und Nichtbehinderten.
Günstig sind beispielsweise folgende Aspekte von Freizeit: relativ freie Verfügbarkeit über Zeit, weitgehendes Fehlen von Leistungsanforderungen, geringe institutionelle Vorstrukturierung, vielfältige Handlungs- und Verhaltensmöglichkeiten oder Selbstbestimmung. Die Freizeitsituation vieler behinderter Menschen ist durch einige Erschwernisse gekennzeichnet:
– unmittelbare Folgen der Schädigung, z.B. fehlende Mobilität, visuelle oder akustische Beeinträchtigungen im Verkehr u.a.
– zeitliche Ausdehnung der alltäglichen Versorgungs-, Hygiene- und Gesundheitsmaßnahmen
– familiäre Bindung, z.B. durch Überbehütung oder Vereinnahmung durch einen Elternteil
– Rehabilitationsüberschuss (gemeint ist ein Übermaß an medizinischer Beratung und Behandlung)
– starke Kompensations- und Regenerationswünsche infolge Überbeanspruchung durch Arbeit, z.B. als Folge schlechten Gesundheitszustandes, durch eintönige Arbeitsaufgaben, durch Schule
– fehlende Kontaktstellen
– Unzugänglichkeit von öffentlichen Verkehrsmitteln und Freizeiteinrichtungen
– Erreichbarkeitsprobleme
– Selbstisolierungstendenzen
– unzureichende Ausbildung von Interessen und Freizeitgewohnheiten.
Aus der Diskrepanz zwischen der Bedeutung von Freizeit und der realen Freizeitsituation vieler behinderter Menschen ergibt sich die Notwendigkeit freizeitpädagogischer Angebote.
2. Integrationsansätze im Freizeitbereich
In der Vergangenheit sind zahlreiche spezielle Freizeitangebote für behinderte Menschen entstanden, z.B. spezielle Einrichtungen der Erwachsenenbildung, Studienreisen, Sportveranstaltungen, aber auch Angebote mit sozialintegrativem Anspruch, insbesondere im Rahmen der „Offenen Behindertenarbeit“, z.B. die Behindertenfreizeitclubs. Spätestens hier zeigt sich die Notwendigkeit einer begrifflichen Abgrenzung von „Behinderten-Freizeitarbeit“ und „Integrationsarbeit im Freizeitbereich“, da der Begriff „Integrationsarbeit“ einer massiven Inflationsgefahr von Seiten der spezifischen Behindertenfreizeitangebote ausgesetzt ist, der beiden Arbeitsgebieten nicht zum Vorteil gereicht. Um soziale Integration im Freizeitbereich tatsächlich zu verwirklichen, ist es unserer Meinung nach nötig, dass sich die allgemeinen Freizeitangebote mehr in Richtung der Bedürfnisse behinderter Menschen verändern und dass umgekehrt die speziellen Angebote in die allgemeinen eingebettet werden.
Nach unseren bisherigen Erfahrungen lassen sich im Freizeitbereich für Kinder und Jugendliche sechs Ansätze tatsächlicher Integrationsarbeit festmachen:
– organisatorische Hilfen zum Verbleib im eigenen sozialen Umfeld und familienentlastende Dienste
– Eingliederung Behinderter in bereits bestehende feste Gruppen der traditionellen Jugendarbeit
– Ermöglichung der Teilnahme von Behinderten an bereits bestehenden offenen Angeboten der Kinder- und Jugendkultur durch Übernahme des organisatorischen Mehraufwandes
– Schaffung neuer offener Programmangebote mit Zugangsmöglichkeiten für beide Gruppen
– barrierefreie Spielplatzgestaltung (1)
– Kursangebote als Profilierungshilfe im sozialen Umfeld.
3. Integrative Spiel- und Kulturpädagogik – Struktur, Projekte, Perspektiven
Im folgenden beziehen wir uns auf das Arbeitsfeld Spiel- und Kulturpädagogik, das uns für sozial-integrative Bemühungen besonders günstig erscheint. Dieses Arbeitsfeld unterscheidet sich von familiärer und schulischer Sozialisation, aber auch von der traditionellen verbandlichen Kinder- und Jugendarbeit.
3.1. Vorgeschichte
Integrative Spiel- und Kulturpädagogik ist für uns ein „Destillat“ aus der spiel- und kulturpädagogischen Praxis der „Pädagogischen Aktion“ und eigener Erfahrungen im Bereich der offenen Behindertenarbeit, wie sie in München seit Anfang er siebziger Jahre im Freizeitbereich als Gegengewicht zur Ghettoisierungstendenz eines hochspezialisierten Funktionalbereiches praktiziert wird.
Ein Teil dieses Arbeitsfeldes ist der seit 1974 bestehende „Treffpunkt ECHO“, eine Freizeitstätte mit Integrationsanspruch, die unter der Trägerschaft der Münchner Hochschulgemeinde ein offenes Clubprogramm anbietet. Diese traditionelle Form der offenen Clubarbeit bietet unserer Meinung nach trotz ihrer unbestreitbaren Verdienste um die Erweiterung des Freizeitangebotes Behinderter nur sehr eingeschränkte Möglichkeiten für soziale Integration.
Der Grund dafür: Offene Freizeitclubs haben die Tendenz, sich als neue Form der „Behinderteneinrichtung“ mit festem Personenkreis und der traditionellen Rollenverteilung „Betreuer – Betreuter“ zu etablieren. Diesen Einrichtungen wird im Stadtteil dann auch mit den üblichen Ressentiments begegnet. Auf Grund dieser Entwicklungen suchten wir nach neuen Wegen der gemeinsamen Freizeitgestaltung behinderter und nichtbehinderter Menschen. Hinzu kam die Überlegung, dass es im Hinblick auf soziale Integration vor allem wichtig wäre, Programme für Kinder anzubieten – die Klientel der Clubs sind eher Jugendliche und Erwachsene -, um so zu einem möglichst frühen Zeitpunkt Kontakte zu ermöglichen und das Entstehen von Vorurteilen zu verhindern. Integration sollte dabei niemals als zentrales Thema vor Ort in Erscheinung treten, sondern vielmehr durch spannende Inhaltsangebote für gemeinsame Erfahrungen beider Gruppen erreicht werden; das heißt, soziale Integration zu einem selbstverständlichen Teil effizienter Kinder- und Jugendkulturarbeit werden zu lassen.
3.2. ECHO, Verein für integrative Spiel- und Kulturpädagogik e.V.
In der Folge dieser Überlegungen entstand der Verein ECHO e.V. Zweck des Vereins ist die Förderung der Integration behinderter – insbesondere geistig behinderter – Kinder, Jugendlicher und Erwachsener durch Schaffung gemeinsamer soziokultureller Erfahrungsfelder und intensiver Fortbildungsmaßnahmen. Dieser Zweck wird unter anderem durch Planung, Organisation und Durchführung von Projekten aus dem Bereich der mobilen Spielanimation über kultur- und museumspädagogische Angebote (auch Ausstellungen) bis hin zu integrativen Freizeit- und Urlaubsmaßnahmen, ein Kurssystem zur Förderung von Teilleistungsstärken sowie durch wissenschaftliche Untersuchungstätigkeit und Fortbildungsmaßnahmen zu erreichen versucht.
Für uns ist die Kooperation mit anderen Trägern und mit verschiedenen Einrichtungen, vor allem im kommunalen Bereich, wichtig – nicht zuletzt im Hinblick auf das Konzept einer „Spiel- und Kulturlandschaft Stadt“. Hier ist vor allem auf die enge Zusammenarbeit mit PA/Spielkultur e.V., einer der beiden Nachfolgeorganisationen der Pädagogischen Aktion, hinzuweisen.
3.3. Projektbeispiele
Jahrmarkt der Freundschaft
Das älteste Projekt des ECHO e.V. ist der „Jahrmarkt der Freundschaft“, ein Spielmobil. Dies war der erste Versuch eines mobilen Integrationsprojektes für geistig Behinderte. Die Grundidee ist sehr einfach: Man bietet in der Nähe einer großen Behinderteneinrichtung und in Kooperation mit ihr eine Palette interessanter Spielmöglichkeiten für behinderte und nichtbehinderte Kinder und schafft so die Möglichkeit des vorurteilsfreien Kennenlernens. Wichtig ist dabei ein starker Bezug zum jeweiligen Stadtteil. Seit 1989 führen wir im Auftrag des Stadtjugendamtes dieses Projekt jährlich mehrere Wochen an verschiedenen Orten im Stadtgebiet durch.
Das Gesamtprojekt gliedert sich in sechs Teilbereiche:
Der erste Bereich besteht aus Materialspielen und Großaktionen. Dieser Bereich legt eigentlich immer ein großes Tagesthema und eine Hauptattraktion fest. Das ist an einem Tag ein großes Wasserbett. An einem anderen Tag bauen wir eine Geisterbahn mittels Baugerüst, Planen, Rollenrutschen und Kostümfundus, die mit verkleideten Kindern als Geistern bestückt wird. Die größte Attraktion war bisher der „Tag des Tieres“: Da gab es unter anderem ein Hunderennen mit echten Hunden, die Kinder mit auf den Platz brachten. Man konnte auf speziell ausgebildeten Ponys des Vereins (sonst wohnhaft auf unserer „Naturstation“) seine Runden drehen (natürlich erst dann, wenn man sich durch die Bewältigung einiger einfacher Aufgaben zum „Reiter“ qualifiziert hatte)…
Den zweiten Bereich bildete die Großspielanimation mit vielfältigen Angeboten, z.B. Mannschaftsspiele mit gemischten Mannschaften (z.B. Tauziehen, „Wassermelonen-Werfen“ = wassergefüllte Luftballons), Fallschirmspiele, Tanzspiele, phasenweise ein Mini-Trampolin mit Aufsichtsperson, Wettspiele (z.B. Pferderennen, Wagenrennen).
Zielsetzung des dritten Bereiches „Theater“ ist die Selbstdarstellung. Das kann nun eine Modenschau sein oder einfach nur Freude am Schminken und Verkleiden… Wichtig ist das gemeinsame Erlebnis der Darstellung und die von uns hergestellte Öffentlichkeit für die Darbietungen.
Einen weiten, sehr wichtigen Bereich stellt viertens die Kleinwerkstatt dar. Hier gibt es die Möglichkeit zu feinmotorischer kreativer Tätigkeit (z.B. Mal- und Bastelbetrieb, Tierfigurenbau, Gipsmaskenproduktion, Puppenbau, nicht zuletzt eine „Küche“ für kleine Leckereien und vieles mehr).
Der fünfte Bereich entstand aus der anstrengenden Vorerfahrung, die wir zu der Zeit machten, als wir ihn noch nicht hatten und was uns zu pausenloser Animation zwang. Es handelt sich um den Bereich der „Selbstfunktionsspiele“, den man gar nicht ernsthaft genug betreiben kann.
Hier einige Beispiele aus unserem Projekt:
– eine „Spielhölle“ mit Tischfußball, Flipper, Billard etc. (alle selbstgebaut)
– ein Klettergerüst
– Wurfwände und Wurfmännchen
– eine Rollenrutsche
– das bereits erwähnte Wasserbett
– Stelzen und Soziusbretter
– ein Kleinkinderbereich für Mütter mit Kindern, die für das eigentliche Programm noch zu klein sind.
Der sechste und letzte Bereich ist ein Info-Stand, wo wir schriftlich und mündlich eine intensive Informations- und Elternarbeit zu leisten versuchen. Die Kinderzahlen schwanken zwischen 60-80 an Auf- und Abbautagen und bis zu 200 an Hauptspieltagen (nicht über den Tag verteilt, sondern gleichzeitig). Davon waren ca. 30 – 40 Prozent zum Teil schwerstbehinderte Kinder und Jugendliche, die aus den Einrichtungen zu uns kamen.
Servicepaket
Ausgehend von dem Erfolg unseres kommunalen Angebotes bieten wir auch Behinderteneinrichtungen, die dieses Angebot nicht nutzen können, landesweit die Möglichkeit, sich tageweise ein integratives Spielefest zum Selbstkostenpreis zu mieten.
Circus Krullemuck
Der nächste Schritt auf der kommunalen Programmschiene war unser erster kulturpädagogischer Großspielraum, der „Circus Krullemuck“. Der erste Teil war ein einwöchiger Zirkus-Workshop auf unserer Naturstation mit einer festen Gruppe von behinderten und nichtbehinderten Kindern und Jugendlichen. Ziel des Projektes war, mit der Gruppe ein komplettes Zirkusprogramm zu erarbeiten, wobei alle Teilnehmer sich ihren unterschiedlichen Fähigkeiten entsprechend einbringen konnten. Die Palette ging von echten artistischen Leistungen, wie bei den „Jumpies“ und Feuerspucken in der „Orientshow“, bis zu einfachen, kleinen Einlagen, wie den „One Jungles“ oder den Musizierenden Pinguinen, die erst in der Gesamtchoreographie einer großen Nummer zu ihrer Wirkung kamen. Das Projekt zeigte einen unerwarteten Erfolg. Auf unserer Tournee sahen wir uns zum Teil Zuschauermengen bis zu 700 Personen „ausgesetzt“. Der „Cirkus Krullemuck“ ist nunmehr seit 1991 im Einsatz.
Integrative Naturstation
Die Beweggründe für unser erstes stationäres Projekt, die „Integrative Naturstation“, waren die Erkenntnis über die wesentliche Bedeutung, die Sinneserfahrungen für die Entwicklung von behinderten und auch nichtbehinderten Kindern und Jugendlichen haben, und ein auf die ökologischen Notwendigkeiten in unserer Gesellschaft bezogenes Handlungsbedürfnis. Dazu trat das Bedürfnis nach einem neuen pädagogischen Denkmuster, das den Sinnen einiges Erkenntnisstreben zubilligt. Schon bei Aristoteles finden wir die drei Bildungsmodelle Poesis, den intellektuellen Schöpfungsakt, sowohl beim Schöpfer als auch beim Rezipienten (aber sinnlich offen), Mimesis, den Nachahmungsprozess mit subjektiver Bedeutungszuweisung, und Aisthesis, die Bildung der Sinne aufgrund des Strebens der Sinne nach eigener Erkenntnis (das Modell des sehenden Erkennens und wiedererkennenden Sehens). Die Naturstation gliedert sich in mehrere Themenblöcke.
Ein bedeutender Teil ist der Tierbereich. Wie bereits erwähnt, fielen uns bei den regelmäßig im Jahrmarkt der Freundschaft durchgeführten „Tagen des Tieres“ mehrere Dinge positiv auf.
Neben der Umkehr des üblichen Rollenbildes durch das Fehlen bestimmter Grundängste bei den behinderten Kindern bemerkten wir ganz allgemein die hervorragende Eignung von Tieren als Kommunikationsträger. Dazu kommt, dass gerade behinderten Kindern und Jugendlichen die Erfahrung eines eigenen Haustieres durch die äußeren Lebensumstände (Ganztagsbetreuung in Tagesstätte, Hort oder Heim) verwehrt wird und somit manch glückliches Erlebnis nicht eintritt (Tiere haben keine Vorurteile).
Er-fassen – Be-greifen
Ein weiteres Angebot ist ein museumspädagogisches Programm mit integrativer Thematik. Dies war eine Zusammenstellung von drei verschiedenen Ausstellungen in einer Präsentation mit Rahmenprogramm.
– Die erste Ausstellung war das Ergebnis des UNESCO/ICSID Interdesign Seminars in Dessau, das sich sehr intensiv mit Spielzeug für Kinder mit Handicaps befasst hatte.
– Im Zusammenhang mit dem Verein „Eltern helfen Eltern e.V.“ in Berlin entstand die zweite Ausstellung; sie befasste sich mit Spiel- und Fördermitteln aus einfachen Materialien für mehrfachbehinderte Kinder. Die Exponate beider Ausstellungen waren auch für nichtbehinderte Kinder durchaus interessant.
– Die dritte Ausstellung stammte aus unserer eigenen Arbeit und zeigte Kunstwerke geistigbehinderter junger Menschen.
4. Kooperationen, Partner – die Landesfachgruppe Integration
Neben den Kooperationen im kommunalen Bereich, wie vor allem auch der Mitgliedschaft in der „Spiellandschaft Stadt“, ist ECHO e.V. auch an Vernetzung und Zusammenarbeit auf landesweiter Ebene stark interessiert. Hier ist zunächst die Mitgliedschaft und Mitarbeit bei der LAG SpuK Bayern (Landesarbeitsgemeinschaft Kulturelle Jugendbildung, Kinder- und Jugendkultur, Spiel) zu nennen.
Außerdem ist ECHO e.V. Mitglied beim Deutschen Kinderhilfswerk und bei der Vereinigung für das Recht des Kindes zu spielen (IPA), Recht auf Spiel e.V. 1990 konnte ein Vertreter unseres Vereins unsere Arbeit auf dem Weltkongress der IPA in Tokio vorstellen. Im Rahmen der Tagungsreihe „Du mich auch … neue Perspektiven der Integration im Freizeitbereich“, die ECHO e.V. in Kooperation mit der LAG SpuK jährlich durchführt, entstand im März 1992 ein Forderungskatalog an Stadt, Bezirk, Land, Träger der Behindertenarbeit und der Offenen Jugendarbeit.
Als eine erste Folge dieses Forderungskataloges konstituierten sich im September 1992 in München in bescheidenem Umfang eine kommunale und eine Landesfachgruppe Integration. Die beiden Fachgruppen verstehen sich als Forum für Initiativen und Einrichtungen, die einen Beitrag zur Integration behinderter Menschen, vor allem Kinder und Jugendlicher, im Freizeitbereich leisten zu wollen. Aufgaben der Fachgruppen sind zum Beispiel: Kooperation und Austausch der beteiligten Gruppen, gemeinsame politische Äußerung, gemeinsame Vertretung in den relevanten Gremien der Kinder- und Jugendkulturarbeit oder der Behindertenarbeit, Schulungs- und Fortbildungsangebote, Förderung des Austauschs zwischen klassischen Behinderteneinrichtungen und Einrichtungen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit, Unterstützung von entsprechenden Initiativen. Auch hier suchen wir noch nach interessierten Mitmachern und Partnern.
Weitere Informationen über:
ECHO e.V.
Verein für integrative
Spiel- und Kulturpädagogik
Telefon 089/5050148 oder 089/1239-1517
Westendstraße 115
80339 München
Vorstehender Artikel ist entnommen: DER NAGEL 56/1994
Martin Bügler ist als Sonderpädagoge in der Heilpädagogischen Tagesstätte Ebersberg und ehrenamtlich beim Verein ECHO tätig.
Karl-Michael Brandt ist als Kunsterzieher und Freizeitpädagoge im Franziskuswerk Schönbrunn und ehrenamtliche beim Verein ECHO tätig.
Anmerkungen:
1 Anm. d. Red. (2002): In der Zwischenzeit ist der Diskurs ein Stück weiter „gereift“. U.E. dürfte „Barrierefreiheit“ nicht nur eine Illusion bleiben; vielmehr ist eine „Barrierefreiheit“ auch gar nicht sinnvoll. Vielmehr geht es darum, Einrichtungen usw. „barrierebewusst“ zu planen. Auch nichtbehinderte Menschen müssen sich mit „Barrieren“ auseinandersetzen und diese als Lernmöglichkeiten begreifen. Ohne Barrieren bleibt Lernen oberflächlich.
NAGEL-Redaktion – Partizipation
Partizipation gehört – wie Emanzipation und Integration – zu den Leitzielen des ABA Fachverbandes. Brauchbare Hinweise zum Thema finden Sie weiter unten. Ferner werden hier nach und nach weitere Beiträge eingestellt.
Zur Seite Arbeitsgrundlagen und Ziele des ABA Fachverbandes
Zur Wikipedia-Seite „Partizipation“
Hier finden Sie Beiträge zum Thema „Partizipation von Kindern und Jugendlichen“. Diese Seite wurde 2006 begonnen. Besonders hinweisen möchten wir an dieser Stelle auf das Institut für Partizipation und Bildung, Kiel. Hier finden Sie bei Interesse am Thema hilfreiche Beiträge.
Positionspapier des ABA Fachverbandes zum Thema
„Beteiligung von Kindern und Jugendlichen in der Kinder- und Jugend(sozial-)arbeit“
anlässlich der Sitzung der Kinderkommission des Bundestages am 28. November 2012
Grundlagen
Was ist Partizipation? Definitionen – Systematisierungen. Ein Beitrag von Prof. Dr. Waldemar Stange, Universität Lüneburg. Herausgegeben vom Deutschen Kinderhilfswerk. 151 KB, 21 Seiten
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Leitfaden Partizipation – Viele Wege – ein Ziel. Partizipationsmöglichkeiten in der Kinder- und Jugendarbeit. Interessenvertretung für Kinder und Jugendliche. Alternative Beteiligungsformen. Parlamentarische Beteiligungsformen. Jugend- und Auszubildendenvertretung. Herausgegeben vom Landesjugendring Baden-Württemberg 1997. 139 KB, 31 Seiten
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Partizipation in der Offenen Jugendarbeit. Ein Beitrag von Benedikt Sturzenhecker. Hier eingestellt mit seiner freundlichen Genehmigung am 14. Februar 2007. 201 KB, 48 Seiten
Prof. Dr. Benedikt Sturzenhecker ist an der Universität Hamburg tätig. Er gehört dem Beirat des ABA Fachverbandes an.
Partizipation in der Offenen Jugendarbeit. Ein Beitrag von Benedikt Sturzenhecker. Der Beitrag ist mit vorstehendem identisch, allerdings in der vom Deutschen Kinderhilfswerk herausgegebenen Version. 313 KB, 42 Seiten
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Partizipation – eine Anforderung an Professionalität. Ein Beitrag von Benedikt Sturzenhecker. Hier eingestellt mit seiner und der freundlichen Genehmigung des Landesjugendamtes Rheinland am 14. Februar 2007. Die Erstveröffetlichung erfolgte im Jugendhilfe-Report 4/2006 (Landschaftsverband Rheinland). 20 KB, 4 Seiten
Prof. Dr. Benedikt Sturzenhecker ist an der Fachhochschule Kiel tätig. Er gehört dem Beirat des ABA Fachverbandes an.
Die Verwirklichung der Kinderrechte in Einrichtungen und Diensten der Erziehungshilfe. Ein Beitrag von Prof. Dr. Mechthild Wolff (Fachhochschule Landshut) vom 8. Februar 2007. 5,4 MB, 38 Folien
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Partizipation – eine Aufgabe für die Offene Kinder- und Jugendarbeit. Ein Beitrag von Martina Horlitz. Hier eingestellt mit ihrer freundlichen Genehmigung am 14. Februar 2007.
Martina Horlitz ist Fachberaterin für die Offene Arbeit im Landfesjugendamt Rheinland in Köln.
Partnerschaftliche Teilhabe: Wie selbstverständlich ist die Partizipation im Kindergartenalltag? Ein Beitrag Katrin Kogel
Partizipation – Alltägliche Selbstverständlichkeit oder Ausnahme-Prinzip?
Die Forderung kindlicher Partizipation ist im Laufe der letzten Jahre, nicht zuletzt durch die Bildungspläne für Kindertageseinrichtungen immer lauter geworden. Und das zurecht, wobei u. a. schon Maria Montessori durch ihre Leitidee „Hilf mir, es selbst zu tun“ Möglichkeiten kindlicher Selbsttätigkeit und somit auch Beteiligung in Betracht zog. Im folgenden Artikel möchte ich neben Möglichkeiten kindlicher Partizipation insbesondere im Alltag auf umfassende Konsequenzen des Handelns als Erwachsene hinweisen und einen Zusammenhang zum notwendigen Menschenbild, nicht nur von Erzieherinnen (im folgenden geschlechtsneutrale Verwendung) herstellen. Abschließend wird der Sprachtest Delfin 4 im Hinblick auf kindliche Partizipation (kritisch) beleuchtet.
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Partizipation – Mode oder Königsweg? Ein Beitrag von Remi Stork (Diakonisches werk von Westfalen, früher Landesjugendamt westfalen-Lippe) 29 KB, 7 Seiten
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Jugend & Politik – Politik & Jugend – Ein Beitrag in POLIS – Analysen – Meinungen – Debatten: Der konsequente Weg zur Beteiligung Jugendlicher – Eine Arbeitshilfe für Kommunen und politische Bildner von Axel Knobloch, Karsten Rudolf, Alexander Wicker und Melanie Zeller im Auftrag der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung. Wiesbaden 2001. 1.3 MB, 140 Seiten
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Warum die junge Generation politisch stärker partizipieren muss – Von Klaus Hurrelmann (Aus Politik und Zeitgeschichte B 44/2001). 848 KB, 5 Seiten
Dr. Klaus Hurrelmann ist Professor für Sozial- und Gesundheitsforschung an der Universität Bielefeld. Er gehört dem Beirat des ABA Fachverbandes an.
Gesellschaftliche Beteiligung der Jugend. Handlungsfelder, Entwicklungstendenzen, Hintergründe – Von Wolfgang Gaiser und Johann de Rijke (Aus Politik und Zeitgeschichte B 44/2001). 422 KB, 16 Seiten
Dr. Wolfgang Gaiser ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Jugendinstitut (DJI), München
Johann de Rijke ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Jugendinstitut (DJI), München
Kinder- und Jugendforen als Beispiel neuer Formen der politischen Öffentlichkeit – Von Markus Ottersbach (Aus Politik und Zeitgeschehen B 44/2001). 54 KB, 7 Seiten
Dr. Markus Ottersbach ist wissenschaftlicher mitarbeiter bei NAVEND – Zentrum für Kurdische Studien in Bonn und Lehrbeauftragter an der Univesität zu Köln
Wie stimmig sind die Ziele von Beteiligungsaktionen mit Kindern und Jugendlichen in der Kommune? – Von Stefan Danner (Aus Politik und Zeitgeschehen B 44/2001). 55 KB, 8 Seiten
Dr. Stefan Danner ist Professor für Erziehungswissenschaften an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig, Fachbereich Sozialwesen
Barrieren und Hindernisse bei der Beteiligung von Kindern und Jugendlichen in urbanen Umbruchssituationen – Von Wolf-Dietrich Bukow (Aus Politik und Zeitgeschehen B 44/2001). 57 KB, 9 Seiten
Dr. Wolf-Dietrich Bukow ist Universitätsprofessor am Seminar für Sozialwissenschaften der Universität zu Köln für Kultur- und Erziehungssoziologie und Direktor der Forschungsstelle für Interkulturelle Studien (FiSt).
„Ihr nennt uns die Zukunft, wir sind aber auch die Gegenwart“ – Begründungen für eine verstärkte Partizipation von Kindern und Jugendlichen. Ein Beitrag von Prof. Dr. Thomas Olk und Prof. Dr. Roland Roth, April 2006 (3.792 KB, 96 Seiten)
Partizipation von Kindern und Jugendlichen als gesellschaftliche Utopie? – Ideale – Erfahrungen – Perspektiven. Dokumentation des Bundeskongresses am 12. und 13. November 2001 1.264 KB, 180 Seiten)
Bericht der Bundesrepublik Deutschland an die Kommission der Europäischen Union: Partizipation der Jugendlichen 2005 (959 KB, 41 Seiten)
Dokumente
Projektgruppe Evaluation des Aktionsprogramms für mehr Jugendbeteiligung: Berlin 08 – Festival für junge Politk – Ergebnisbericht der Evaluation (BMFSFJ, Bundeszentrale für politische Bildung, Deutscher Bundesjugendring). Herausgegeben vom Deutschen Jugendinstitut (DJI), Projekt „Evaluation des Aktionsprogramms für mehr Jugendbeteiligung), München 2008 – Herunterladen
Extra: Mädchen
Partizipation und nachhaltige Entwicklung: Vergleichende Studie der Partzipation von Mädchen und Frauen in Deutschland, Österreich und Italien. Beitrag von Dr. Maria Bitzan und Helga Huber, Tübinger Institut für frauenpolitische Sozialforschung. Tübingen 2003. 758 KB, 60 Seiten
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Partizipation und nachhaltige Entwicklung: Politische Beteiligung von Mädchen und jungen Frauen am Beispiel der Jugendkonferenzen in Deutschland zum „EU-Weißbuch Jugend“. Ein Beitrag von Dr. Barbara Tham, Zentrum für angewandte Politikforschung. München 2003. 629 KB, 27 Seiten
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Partizipation und nachhaltige Entwicklung: Zur Partizipation von Mädchen am naturwissenschaftlichen Wettbewerb „Jugend forscht“. Ein Beitrag von Dr. Angela Köhler-Krützfeld, Freie Universität Berlin, Berlin 2003. 434 KB, 22 Seiten
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Partizipation und nachhaltige Entwicklung: Partizipation von Mädchen in Umweltverbänden in Deutschland. Ein Beitrag von Gisela Enders. Berlin 2003. 639 KB, 31 Seiten
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Partizipation und nachhaltige Entwicklung: Länderstudie Deutschland. Voraussetzungen und vergleichende Auswertung dreier Teilstudien. Beitrag von Dr. Maria Bitzan und Helga Huber, Tübinger Institut für frauenpolitische Sozialforschung. Tübingen 2003.
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Praxis
Jugendparlamente (oder ähnliches) in Deutschland. Eine unvollständige Aufstellung. Zusammenstellung der Servicestelle Jugendbeteiligung. Berlin 2002. Herunterladen
Schulhofumgestaltung. Als fächerübergreifendes Unterrichtsmaterial zur Projektplanung einer Schulhofumgestaltung mit Schülerinnen und Schülern entwickelt von Anja Beisenkamp und Sonja Fischer. Herausgegeben 2001 von der LBS West, Münster (409 KB, 33 Seiten)
Landesjugendamt Rheinland
Jugendhilfe-Report 4/2006
Schwerpunkt: Wir machen’s! Partizipation von Kindern und Jugendlichen. Weiter: Shell-Studie 2006, Kooperation Erziehungsberatung und Grundschule
Redaktioneller Hinweise
Weitere Beiträge zum Thema gibt es ferner auf der ABA-Seite Kinderpolitik/Kinderrechte.
Unabhängig von den hier eingestellten Beiträgen empfehlen wir Interessierten überdies, die Arbeitsmaterialien auf dieser Seite zu nutzen.
NAGEL-Redaktion – (Pädagogische) Betrachtungen

Nachdenken über Pädagogik (Foto: Rainer Deimel)
Diese Seite wurde im März 2006 eingerichtet. Eingestellt werden hier pädagogische (und andere verwandte) Betrachtungen zu zeitgemäßen Themen, die man sich als Dateien herunterladen kann. In gewisser Weise versuchen wir damit auch, Ersatz für Inhalte und Themen zu schaffen, die wir früher in der Zeitschrift DER NAGEL publiziert haben.
Nach wie vor sind wir daran interessiert, den NAGEL in irgendeiner Weise wiederzubeleben. Leider sind unsere Kapazitäten so knapp, dass es augenblicklich zu einer Realisierung nicht kommen kann. Gleichzeitig hoffen wir allerdings, dass es uns mit dem Auf- und Ausbau unserer Internet-Seiten gelingen mag, diesen Verlust deutlich zu kompensieren.
Sie haben zwar dadurch als Interessierte mehr Arbeit bei der Auswahl. Wir allerdings trösten uns damit, dass „wirklich Interessierte“ auf unseren Seiten immer wieder etwas Passendes finden.
Wenn Sie sich öfter in/auf unseren Seiten bewegen, werden Sie feststellen, dass die neueren Verzeichnisse, Seiten und Inhalte einigermaßen gut zu bewältigen sind. Die älteren Seiten werden wir nach und nach an das neue Erscheinungsbild anpassen. Mit ein bisschen Übung bewegt man sich sogar ziemlich sicher durch das ABA-Internet. Das jedenfalls bestätigen uns etliche Nutzerinnen und Nutzer.
Angehängt finden Sie unsere Auswahl „pädagogischer Betrachtungen“ in Form von PDF-Dateien.
Wollen Sie unsere Arbeit als Mitglied unterstützen? Beitrittsformulare gibt es ebenfalls hier im Netz über das Verzeichnis „Mitglied im ABA Fachverband werden“.
Die NAGEL-Redaktion (März 2006)
Beiträge
Kinder und Jugendliche nicht draußen lassen – Plädoyer für eine nachhaltige Politik
Eine Aufgabe für die Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Ein Beitrag von Winfried Pletzer, München
Zur Seite
Die verhinderten Retter vom Jugendamt
Die Not in den Familien nimmt zu, staatliche Hilfen werden gekürzt. Wie viel Rationalisierung ist erlaubt, wenn es um das Leben gefährdeter und vernachlässigte Kinder geht? Ein Frontbericht aus Berlin-Wedding, wo „Case-Manager“ den Sozialarbeiter ersetzen sollen – Der Bericht von Anita und Marian Blasberg wurde am 21. Mai 2008 in DER ZEIT veröffentlicht. Bestätigt wird die Sicht von Prof. Wolf Ritscher, der die „Soziale Arbeit unter der Knute des neoliberalen Ökonomierungs- und Organsationsentwicklungswahns“ sieht (vgl. KONTEXT 2/2008 – Zeitschrift für Systemische Therapie und Familientherapie).
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Interview mit Wolfgang Bergmann, Kinder- und Familientherapeut aus Hannover: Eine teuflische Mischung
Die Kindererziehung scheint bei vielen Eltern aus dem Ruder zu laufen. Im „stern“-Interview spricht er über perfektionistische Eltern, überforderte Kinder und drüber, wie Erziehung gelingen kann.
Gespräch aus dem „stern“ Nr. 22 vom 21. Mai 2008 herunterladen
Interview mit Renate Zimmer: Die ersten drei Lebensjahre sind entscheidend – Bessere frühkindliche Betreuung gefordert
In Deutschland muss nach Ansicht von Renate Zimmer mehr in frühkindliche Bildung und Erziehung investiert werden. Gerade in die ersten drei Lebensjahren gehe es darum, dem Kind eine gute Basis für seine weitere Entwicklung zu geben, sagt die Vorstandsvorsitzende des Niedersächsischen Instituts für frühkindliche Bildung und Entwicklung.
Anmerkung der NAGEL-Redaktion: Prof. Dr. Renate Zimmer ist Mitglied im Beira des ABA Fachverbandes Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen.
Gespräch mit Gabi Wuttke in „Deutschlandradio Kultur“ im Rahmen des Themenschwerpunkts Schule vom 26. Mai 2008 herunterladen
Bildungsillusionen
Der Glaube an die Heilkraft der Bildung gehört seit je zu den Grundpfeilern der deutschen Ideologie. In einem verträumten Land, das am liebsten seine Grenzen abdichten und gleichzeitig die ganze Welt umschlingen möchte, soll es im Notfall immer die Bildung richten. Jedes soziale oder persönliche Problem hält man hierzulande zuerst für eine Erziehungsfrage.
Politisches Feuilleton von Prof. Wolfgang Sofsky in „Deutschlandradio Kultur“ im Rahmen des Themenschwerpunkts Schule vom 26. Mai 2008 herunterladen
Pro und Kontra Krippe: Wie sich gute Betreuung auf die Entwicklung der Kinder auswirkt
Kleine Kinder können neben der Bindung an die Eltern weitere enge Beziehungen auch zu den Erzieherinnen einer Krippe aufbauen. Dabei entwickeln sie sich in guten Einrichtungen deutlich schneller und haben in der Schule einen Vorsprung. Die Krippen müssen dafür in Räume, in Erzieherinnen und in deren Ausbildung investieren.
Beitrag von Volkart Wildermuth in „Deutschlandradio Kultur“ im Rahmen des Themenschwerpunkts Schule vom 26. Mai 2008 herunterladen
Interview mit Wolfgang Tietze: Pädagogische Qualität ist messbar – Bildungsforscher Tietze plädiert für Kindergartengütesiegel
Die Investionen in frühkindliche Bildung lohne sich für die Öffentlichkeit, sagt der Professor für Kleinkindpädagogik Wolfgng Tietze und fordert die Einführung eines Qualitätssiegls für deutsche Kindergärten. Entwicklungsunterschiede von bis zu einem Jahr seien bei Kindern auf die unterschiedliche Qualität von Betreuungseinrichtungen zurückzuführen.
Gespräch mit Liane von Billerbeck in „Deutschlandradio Kultur“ im Rahmen des Themenschwerpunkts Schule vom 26. Mai 2008 herunterladen
Interview mit dem Erziehungswissenschaftler Peter Fauser
„Gute Schulen spielen in einer anderen Liga.“ Peter Fauser über pädagogische Qualität. er glaubt, dass gute Schulen mehr bieten als bloßen Unterricht. Dort würde vieles passieren, „was die Schule interessant und lebenswert macht“. Zudem hätten sie gelernt, mit Vielfalt umzugehen, Mitbestimmung und Verantwortung zu fördern sowie einfühlsam das Umfeld der Schule miteinzubeziehen. Fauser ist Mitglied der Jury für den Deutschen Schulpreis.
Interview in „Deutschlandradio Kultur“ vom 29. Mai 2008 herunterladen
Traurige Ballade von der nutzlosen Eins
Ein politisches Feuilleton von Florian Felix Weyh
Beitrag in „Deutschlandradio Kultur“ vom 29. Mai 2008 herunterladen
Allein gelassen: Schulen in Problemvierteln
Schön lange gibt es, nicht nur in Berlin, viele Schulklassen, in denen kein Kind die deutsche, die Unterrichtssprache richtig beherrscht. Es hat Jahre gedauert, bis die ersten Studien zum Sprachvermögen, richtiger wäre Unvermögen, der Migrantenkinder vorlagen. Seitdem sind Millionen Euro für Förderstunden, für die Qualifizierung der Lehrer, für Sozialstationen, Sozialarbeiter, für Müttersprachkurse und vieles mehr ausgeben worden. Der durchschlagende Erfolg ist dennoch ausgeblieben.
Beitrag von Regina Mönch in „Deutschlandradio Kultur“ vom 27. Mai 2008 herunterladen
Wie erleben Kinder Werte und welche brauchen sie?
Zusammenfassung des Vortrags von Dr. Rainer Strätz (Sozialpädagogisches Institut NRW) anlässlich der Fachtagung des „Bundesforums Familie“ „Werte reflektieren und erlebbar machen! Wertevermittlung in jungen Jahren“ am 22. November 2007 in Hannover.
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Ohne Respekt ist Toleranz wertlos
Integration: liberal oder republikanisch? Integration und Demokratie sind nicht zu trennen
Jürgen Klinsmann und die Pädagogik – Ein Beitrag von Andrea Bethge (Universität Erfurt) – gefunden auf den Internet-Seiten der Deutschen Gesellschaft für Systemische Pädagogik
Die Verrohungsgesellschaft entsetzt sich
Die Väter als Komplizen ihrer mörderischen Kinder. Horst-Eberhard Richter in der Frankfurter Rundschau am 30. März 2007 zum Thema, wie schuldig die deutsche Gesellschaft am Aufkommen des Terrorismus war. Ihn beschäftigt über die RAF hinaus das Thema „Versöhnung“.
Miserables Prestige pädagogisch tätiger Menschen in Deutschland: Eine Frage des Anstands. Ein Kommentar von Prof. Rolf Dobischat (Universität Duisburg-Essen). Hier eingestellt am 18. April 2007.
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Sprachtests in NRW: Wer das Sprechen verbietet, kann Sprache nicht fördern. Ein Beitrag von Bernhard Eibeck, Referent für Jugendhilfe beim GEW-Hauptvorstand. Hier eingestellt am 18. April 2007.
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Verwahrlosung der Unterschicht? Leitbildfunktion der Oberschicht? Überlegungen zu einer neuen Fürsorglichkeit. Ein Beitrag von Dr. Matthias Nauert, Evangelische Hochschule für Soziale Arbeit und Diakonie, Hamburg (2006). Hier eingestellt am 14. Mai 2007. Wir danken den KollegInnen vom Verband Kinder- und Jugendarbeit Hamburg für die freundliche Veröffentlichungsgenehmigung.
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Erziehungsauftrag und Integration – Eine Auseinandersetzung mit Integrationshemmnissen
Von Necla Kelek
Der Beitrag erschien in „deutsche jugend“, 2/2007
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Meines kann schon mehr! Englisch für Babys, Ökonomie für Vierjährige. Wenn Eltern dem Frühförderwahn verfallen.
Dieser Beitrag von Jeanette Otto erschien am 6. September 2007 in der Wochenzeitung DIE ZEIT. Hierin beschäftigt sie sich mit dem sinnlosen Unterfangen, kleine Kinder bereits als Säuglinge und im Kindergartenalter mit „Bildung“ zuzupflastern. Dieses Treiben nennt der Neurowissenschaftler Henning Scheich „Scharlatanerie“. Auch die Zürcher Lernforscherin Elsbeth Stern warnt vor dieser vermeintlichen „Synapsenpflege“.
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Bertrand Stern: Stellen wir uns vor, „Kinder“ wären auch Menschen … Widersprechens isch Jugendwohlfahrt und Mündigkeit? Referat auf der Tagung „meine Meinung – (k)eine Meinung?!“ – Beteiligung von Kindern und Jugendlichen in der Sozialen Arbeit im Feld der Jugendwohlfahrt, veranstaltet von der Steirischen Kinder- und Jugendanwaltschaft und der Fachabteilung Sozialwesen der Steirischen Landesregierung in Graz am 8. Juni 2006, gefunden auf der Seite von Bertrand Stern.
Zum Inhalt: Nur der radikale Abschied vom Bild des „Kindes“ als einem defizienten, hilfbedürftigen, elenden „Zögling“, „Minderjährigen“ oder „Schüler“, dem Fürsorge zuteil werden soll, wird ermöglichen, die neuen Horizonte eines endlich demokratischen Zusammenlebens anzupeilen.
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Extrablatt 7/2005 des ABA Fachverbandes zum Thema „Super Nanny“
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NAGEL-Redaktion – Nützliche Hinweise aus dem I-Punkt
Insekten auf natürliche Art verscheuchen
Vegetarisches Essen für Kinder
Der i-Punkt hat sich zwischenzeitlich zu einem regelmäßigen Kompendium weiterentwickelt. Wir können es kaum glauben: Inzwischen (2006) erscheint er im 5. Jahr und übertrifft die Auflagenhöhe mancher Fachzeitschrift. Wir erhalten Reaktionen wie folgende:
„Ich danke Ihnen für Ihre ‚wahnsinnige‘ Sammlungs-, Aufarbeitungs- und Verbreitungsarbeit. Aus vielen Beiträgen habe ich wieder ‚Honig gesaugt‘. DANKE.“
Wir recherchieren einigermaßen intensiv, bemühen uns um Korrektheit und Fairness bei der Wiedergabe, ein Konzept, das zu funktionieren scheint.
Anfänglich glaubten wir, wir könnten auch all jene wichtigen Beiträge ins Netz einstellen, die der i-Punkt veröffentlicht hat. Das hat sich als Illusion – an die wir immer wieder glauben – herausgestellt. Insofern bleibt diese Seite fragmentarisch.
Den i-Punkt allerdings könnenSie entweder regulär zugesandt bekommen, indem Sie ihn einfach bestellen. Sie können ihn allmonatlich von unserer Startseite aus laden. Oder Sie nutzen unser i-Punkt-Archiv, das Sie hier finden.
NAGEL-Redaktion – Naturerfahrungsräume

Der ABA Fachverband arbeitet mit dem bundesweiten
Arbeitskreis „Städtische Naturerfahrungsräume“
eng zusammen. Als Verbandsvertreter ist unser Referent für Bildung und Öffentlichkeitsarbeit, Rainer Deimel (Pädagoge und Systemischer Berater), berufenes Mitglied im Arbeitskreis. Sprecher des Arbeitskreises ist Dr. Hans-Joachim Schemel aus München.
Die Botschaft des Arbeitskreises lautet: „Kinder und Jugendliche brauchen Natur in ihrem Wohnumfeld, um sich gesund und kreativ zu entwickeln. Daher müssen dafür geeignete Räume in der Stadt planerisch gesichert und gegen andere Nutzungsansprüche verteidigt werden.“
Mit Dr. Schemel haben wir geklärt, dass die nachfolgenden Beiträge als PDF-Dateien hier ins Internet gestellt werden können. Sie wenden sich nicht nur an Pädagoginnen und Pädagogen, sondern auch an Kolleginnen und Kollegen aus Planungs- und Grünflächenämtern sowie solche aus Planungsbüros und andere Interessierte.
Weitere Beiträge, die sich mit dem Thema befassen, nehmen wir gern entgegen.
Zu unseren Hinweisen zum aktuellen GEO-Tag der Artenvielfalt gelangt man über das nachfolgende Logo. Der ABA Fachverband empfiehlt – wie im vergangenen Jahr – eine Beteiligung.
ABA Fachverband Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen e.V.

Aktuell
Leitfaden für Bürger und Kommunen: Bewegungsräume im Wohnumfeld zur Förderung der Gesundheit von älteren Kindern
Dr. Hans-Joachim Schemel (München) stellte der NAGEL-Redaktion den Leitfaden freundlicherweise zur Veröffentlichung zur Verfügung. Sie gelangen mittels eines Mausklicks auf vorstehenden Schriftzug auf eine spezielle Seite mit dem Leifaden. Dort können Sie diesen auch herunterladen. Wir wünschen hilfreiche Erkenntnisse.
Zurück auf die Bäume! Das Recht der Kinder auf Wildnis, Freiheit und Natur! So lautete die Titelgeschichte der GEO-Ausgabe im August 2010. Ein bachtlicher Beitrag! Auf den Seiten von GEO heißt es: „Kinder, raus in die Natur!
Kinder lieben die Natur – und sie brauchen sie. Dass sie kaum noch im Freien herumstrolchen, hält der Biologe und Naturphilosoph Andreas Weber für eine zivilisatorische Katastrophe.“ Wir haben den Beitrag hier verlinkt und empfehlen die Lektüre von Andreas Weber auf Wärmste! Um zu GEO zu gelangen, bitten den vorstehenden Titel anklicken!
Folgende Beiträge können Sie hier herunterladen:
Hans-Joachim Schemel, Konrad Reidl, Baldo Blinkert: Naturerfahrungsräume in Städten – Ergebnisse eines Forschungsprojekts (92 KB)
Hans-Joachim Schemel: Gesundheit, Bewegung und Naturerleben (32 KB)
Hans-Joachim Schemel: Naturerfahrungsräume auf kommunaler und regionaler Ebene als Beitrag zur Wohnqualität und zur touristischen Wertschöpfung (35 KB)
Hans-Joachim Schemel: Neue Räume für Naturerfahrung – Ist eine neue Flächenkategorie „Naturerfahrungsraum“ sinnvoll? (80 KB)
Hans-Joachim Schemel: Erleben von Natur in der Stadt – Die neue Flächenkategorie „Naturerfahrungsräume“ (38 KB)
Hans-Joachim Schemel: Emotionaler Naturschutz – Zur Bedeutung von Gefühlen in naturschutzrelevanten Entscheidungsprozessen (54 KB)
Studie Naturerfahrungsräume (Hans-Joachim Schemel et al.): Zur kommunalen Haftung in naturnahen Spielräumen (21 KB)
Studie Naturerfahrungsräume (Hans-Joachim Schemel et al.): Naturerfahrungsräume – Das Beispiel Oppenheim (15 KB)
Herbert Zucchi: Revitalisierung von Fließgewässern aus Sicht der Umweltbildung (61 KB)
Herbert Zucchi: Naturentfremdung bei Kindern und was wir entgegensetzen müssen (93 KB)

Weitere Dokumente zum Thema:
Tanja Sperling setzte sich 2003 in ihrer Examensarbeit mit den Grundlagen und Zielen der naturnahen Arbeit mit Kindern in städtischen Wohnumfeldern auseinander. Freundlicherweise gab sie uns zur Ihrer Unterstützung ihre Arbeit. Sie können sie hier herunterladen. Zuvor gab es die Arbeit auf unserer Seite „Haus- und Examensarbeiten“. Die NAGEL-Redaktion hat diese Seite wegen einer befürchteten Unattraktivität vom Netz genommen. Tanja Sperling ist mit ihren Ansichten allerdings zeitgemäß. Deshalb finden Sie ihre Aufführungen hier. Die Arbeit wurde am 4. Oktober 2006 neu eingestellt. (85 Seiten, 179 KB)
Ist Wildnis planbar? Werte- und Interessenkonflikte in der raumbezogenen Umweltplanung anhand von ausgewählten Wildnis-Projekten. Ein Beitrag von Ellen Brouns, den diese uns freundlicherweise am 24. Oktober 2007 zur Verfügung stellte. (7 Seiten, 153 KB)
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Ist Wildnis planbar? Werte- und Interessenkonflikte in der raumbezogenen Umweltplanung anhand des Wildnis-Projektes Nationalpark Bayerischer Wald. Ein Beitrag von Ellen Brouns, den diese uns freundlicherweise am 24. Oktober 2007 zur Verfügung stellte. (34 Seiten, 429 KB)
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Broschüre „Naturnahes Spielen“. Die Broschüre wurde 2006 von der Spiellandschaft Bremen herausgegeben. (14 Seiten, 782 KB). Hier eingestellt mit freundlicher Genehmigung der SpiellandschaftStadt Bremen.
Broschüre herunterladen
Naturnahe Spielräume
Broschüre der Gesetzlichen Unfallversicherung mit zahlreichen Anregungen (GUV-SI 8014, 19 Seiten, 4,4 MB)
Spiel(t)räume naturnah mit Kindern gestalten. Eine Broschüre des Landesjugendreferats Oberösterreich, Linz 2001 (68 Seiten, 3,9 MB)
Die Bedeutung pädagogisch betreuter Spielplätze als außerschulische Lernorte der Natur- und Umweltbildung. Ein Beitrag von Marion Metzger und Prof. Dr. Karl-Heinz Erdmann (Bundesamt für Naturschutz). Dieser Artikel wurde zuerst in der Zeitschrift „Natur und Landschaft“ (März 2007) veröffentlicht. Hier handelt es sich um eine geringfügig erweiterte und korrigierte Version vom 13. Oktober 2007. Die NAGEL-Redaktion bedankt sich bei Marion Rike Metzger und Prof. Dr. Karl-Heinz Erdmann für ihre hilfreiche Arbeit, ihre Mithilfe bei der Überarbeitung und der freundlichen Erlaubnis, den Artikel hier zugänglich machen zu können.
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Broschüre Naturspielräume
Die Natur- und Umweltschutzakademie des Landes Nordrhein-Westfalen in Recklinghausen (NUA) hat eine hilfreiche Broschüre „Natur-Spiel-Räume für Kinder – Eine Arbeitshilfe zur Gestaltung naturnaher Spielräume in Kindergärten und anderswo“ herausgegeben. Dort heißt es:
Gebt den Kindern ihre Lebensräume zurück! Mit diesem an alle Erwachsenen gerichteten Appell soll die Schaffung kindgerechter, naturnaher Spiel- und Freiräume in Grünanlagen, auf Spielplätzen, an Kindergärten und an Schulen gefördert werden. Dazu macht das Heft praktikable und machbare Gestaltungsvorschläge, wie z.B.: Mit Weiden zaubern; Elementare Spielräume; Weiden- und Lehmhütten; Sinneswege.
Die Broschüre (11. überarbeitete Auflage, 2005) lässt sich in neun Teilen aus dem Internet herunterladen (sämtlich externe Links zur NUA):
1. Titelseite und Impressum (2 Seiten, 423 KB)
2. Vorwort und Einführung (4 Seiten, 592 KB)
3. Kindgemäße Geländegestaltung, von der Spielgerätesammlung zu Spielräumen, grüne Räume schaffen (8 Seiten, 906 KB)
4. Mit Weiden zaubern (12 Seiten, 1,2 MB)
5. Elementare Spielräume (4 Seiten, 722 KB)
6. Kinder-Garten im Kindergarten (7 Seiten, 822 KB)
7. Der Sinnen-Weg (5 Seiten, 697 KB)
8. Arbeiten mit Kopf, Herz und Hand (2 Seiten, 266 KB)
9. Literaturempfehlungen, Kontaktadressen (4 Seiten, 465 KB)
Zu unserer Unterseite mit zahlreichen Praxistipps
Kompetenz für Naturerfahrungsräume in Nordrhein-Westfalen:
Die Biologische Station östliches Ruhrgebiet
Die Biologische Station östliches Ruhrgebiet in Herne sieht sich im Einklang mit der Philosophie des bundesweiten Arbeitskreises „Städtische Naturerfahrungsräume“. Ihr Ziel ist ein „grünes Netz“ für die Stadt: Bergehalden, Industriebrachen, Bergsenkungsgebiete, Parks, Friedhöfe und die vielen privaten Gärten sollen die natürlichen Lebensräume für Pflanzen und Tiere ergänzen.
Naturschutz im Ballungsraum
Auch mitten im Ruhrgebiet gibt es sie: Intakte Natur. Das Team der Biologischen Station arbeitet dafür, diese Oasen in Bochum und Herne zu entdecken, zu pflegen und zu erleben.
Glückauf Natur!
„Glückauf Natur!“ heißt der Erlebnispfad der Biologischen Station über die ehemaligen Zechen Hannover und Königsgrube. Hier und in vielen anderen betreuten Gebieten finden naturkundliche Führungen für Groß und Klein statt.
Wildnis für Kinder
Dafür setzt sich die Biologische Station ein: Wer als Kind Natur erleben darf, entwickelt als Erwachsener Verantwortung für seine Umwelt.
Jeder kann mitmachen
Ob Nisthilfe für seltene Insekten, Vogelschutzgehölze im eigenen Garten oder Fassaden- und Dachbegrünung: Es gibt eine Vielzahl von Möglichkeiten. Die Biologische Station berät Sie gern.
Arbeiten im Grünen
Das Engagement der Biologischen Station für neues, lebendiges Grün – sogar im Gewerbegebiet – bringt Natur in die Stadt zurück.
Organisatorischer Rahmen
Die Biologische Station Östliches Ruhrgebiet arbeitet seit 1991 für den Naturschutz in Bochum und Herne. Die Zusammensetzung des Trägervereins macht sie zu einem Bindeglied zwischen amtlichem und ehrenamtlichem Naturschutz.
Was sonst noch?
Die Biologische Station betreibt den Naturgarten in der Kleingartenanlage „Kraut & Rüben“ in Bochum-Hordel an der Günningfelder Straße 161, sie verleiht den „Herner Spatz“, einen Umweltpreis für engagierte Bürgerinnen und Bürger, und sie lässt sich von Einrichtungen kostenlos einladen für den spannenden Vortrag „Abenteuer RuhrNatur“.
Mitglieder des Trägervereins sind
- Naturschutzbund Deutschland (NABU), Stadtverband Bochum
- Naturschutzbund Deutschland (NABU), Stadtverband Herne
- Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Kreisgruppe Herne
- Naturschutzzentrum (NZ) Herne
- Stadt Bochum
- Stadt Herne
- Regionalverband Ruhrgebiet (RVR)
- Emschergenossenschaft
Die Finanzierung erfolgt durch Zuschüsse des Landes Nordrhein-Westfalen, der Städte Bochum und Herne sowie des RVR und der Emschergenossenschaft. Projektzuwendungen, Sponsoring und Spenden unterstützen den Haushalt der Naturschutzeinrichtung.
Der ABA Fachverband Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen e.V. ist Kooperationspartner der Biologischen Station Östliches Ruhrgebiet.
Leiter der Biologischen Station ist Jürgen Heuser.

Kontakt
Biologische Station Östliches Ruhrgebiet
Vinckestraße 91
44623 Herne
02323/555 41
Weitere Kooperationspartner des ABA Fachverbandes
nua: Natur- und Umweltschatzakademie NRW
Oben stehendes Logo anklicken!
Regionalverband Ruhr – Bereich „Landschaft & Umwelt“
Oben stehendes Logo anklicken!
Planungsbüro Stadt-Kinder, Dortmund
Oben stehendes Logo anklicken!
Das Ökotop Heerdt in Düsseldorf kann überdies Interessierten als wahre Fundgrube empfohlen werden. Neugierig? Klicken Sie in die oben stehende Abbildung!
Empfehlende Hinweise
Deutsche Bundesstiftung Umwelt
Graslöwe – Umweltbotschafter der DBU für Kinder – Spannende Umweltbildung
NAGEL-Redaktion – Lese-Empfehlungen
In den „Tiefen“ des Internets gibt es zum Teil beachtliche, gewaltige Schätze. Aus diesem Grund haben wir uns Anfang 2012 entschlossen, solche Schätze – sofern wir auf sie stoßen – sichtbar zu machen.
Zum zweiten Mal in Folge konnten wir feststellen, dass inzwischen jährlich auf über 2 Millionen Seiten im ABA-Netz zugegriffen wird. Nahezu 200.000 unterschiedliche Besucher(innen) tummeln sich auf den ABA-Seiten im Internet. Zahlreiche finden uns über die diversen Suchmaschinen, die sonst möglicherweise gar nicht wüssten, dass es den ABA Fachverband überhaupt gibt.
Traditionell ist der Verband – aus guten Gründen – an vielen Stellen sinnvoll vernetzt. Das betrifft in erster Linie die fachliche Ebene. Unsere Aktivitäten in sogenannten „sozialen Netzwerken“ im Internet (seit 2011) hat dem Ganzen noch mal einen Schub gegeben. Immer wieder lernen wir interessante Menschen kennen und gewinnen auf diese Weise auch neue Freundinnen und Freunde unserer Arbeit.
Wir haben uns dazu entschlossen, deren hilfreiche „Produkte“ hier zugänglich zu machen, zumal dort auch immer wieder Hinweise zu finden sind, die dabei helfen können, die eigene (pädagogische) Arbeit weiterzuqualifizieren.
Wir wünschen gute Erkenntnisse!
ABA Fachverband
Hier zu finden
Ulla Keienburg’s Blog
Nachdenkenswertes und „Anstößiges“ – nicht nur für Pädagog_inn_en -> Weiter zur speziellen Seite
Grazyna Gintner
Was ihr wichtig ist, schreibt sie auf. -> Weiter zur speziellen Seite
Michael Karjalainen-Dräger
seiten für sinn-suchende! -> Weiter
Lotar Martin Kamm – Buergerstimme – Zeit für Veränderungen
Lotar Martin Kamm über sich: „Als bildender Künstler komme ich natürlich nicht umhin, mich zunehmend einzumischen in die Belange meiner Mitmenschen. Somit fand ich den Weg in den Weiten des Internets zur Buergerstimme und helfe von Beginn an im Buergerstimme-Redaktionsteam, hauptsächlich sowohl als Lektor als auch beratend. So manch anderes über mich ist der Homepage zu entnehmen.“
– Seite wird fortgesetzt –
NAGEL-Redaktion – Kultur macht Schule
Gute Partner: Kulturelle Kinder- und Jugendarbeit und Ganztagsschulen
Bundesweit existiert eine breite Palette an kulturellen Angeboten für junge Menschen zum Beispiel in Kindermuseen, Medienwerkstätten, Theatern, Musik- und Jugendkunstschulen, auf Abenteuerspielplätzen, bei Spielmobilen und in Jugendzentren. Sie sind Bildungsanbieter, die die Persönlichkeitsentwicklung junger Menschen unterstützen und ihr kreatives, kognitives, soziales und emotionales Lernen fördern.
Diese Träger und Einrichtungen der kulturellen Bildungsarbeit sind geeignete Partner für Ganztagsschulen. Auf der Basis ihrer langjährigen Erfahrungen bei Kooperationen mit Schulen und ihren spezifischen Methoden und Inhalten sind sie in der Lage, gemeinsam mit Schulen ein verlässliches und qualitätsvolles, ganztägiges Bildungsangebot zu schaffen.
Die Projektverantwortung liegt bei der BKJ (Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung).
Folgende Newsletter „Kultur macht Schule“ können hier heruntergeladen werden:
Newsletter 1/2007 (Februar 2007) 249 KB
Newsletter 2/2006 (Juli 2006) 260 KB
Newsletter 1/2006 (April 2006) 299 KB
Newsletter 5/2005 (Dezember 2005) 1.967 KB
Newsletter 4/2005 (September 2005) 164 KB
Newsletter 3/2005 (Juni 2005) 868 KB
Newsletter 2/2005 (März 2005) 406 KB
Newsletter 1/2005 (Januar 2006) 408 KB
Newsletter 1/2004 (September 2004) 351 KB
NAGEL-Redaktion – Kolumnen

Foto: KRÄTZÄ, Berlin
Die Rubrik Kolumne war seit 1990 ein fester Bestandteil in unserer früheren NAGEL-Reihe. Die Redaktion hat sich dazu entschlossen, die Kolumnen auf diesem Wege Interessierten zur Verfügung zu stellen. Beachtlich, wie sich manche Entwicklungen anscheinend pausenlos wiederholen, wie Sie beim Lesen feststellen werden. Wir wünschen gute Unterhaltung und hoffen, Ihnen hilfreiche Argumente an die Hand geben zu können.
Da für uns unter anderem die Presse- und Meinungsfreiheit ein hohes Gut einer demokratischen Gesellschaft ist, lassen wir auch Menschen zu Wort kommen, deren Ansichten nicht immer dem Zeitgeist entsprechen.
Seit dem April 2008 haben wir die Kolumne erneut aufgegriffen. Sie erscheint aktuell einmal im Quartal im i-Punkt und wird anschließend hier eingestellt.
NAGEL-Redaktion
Kolumnen 2013
Mobbing – nur ein Missverständnis? Eine erste systemische Annäherung an ein bedeutsames Phänomen
Franziska Klinkigt hat sich dem häufig diskutierten Phänomen „Mobbing“ auf die Spur begeben. Sie hat herausgefunden, dass es sich beim Mobbing in seinem ursprünglichen Sinne um ein sinnvolles Verhalten handelt, nämlich eine Lösungsstrategie in Notsituationen, ein Ausdruck des Erlebens von Gefahr. Auf dieses Verhalten würde zurückgegriffen, um eine vermeintlich oder tatsächliche Gefahr abzuwenden. Sie beschreibt Mobbing als ein Symptom, dass das System, in dem es auftrete, gestört sei. -> Artikel lesen
Kolumnen 2012
Beschneidung – Schnipp-schnapp die Vierte oder: Wie man ein schlechtes Gesetz macht
Dass die Politik in der Beschneidungsdebatte keine „Lösung“ finden würde, war für Heinricht Schmitz zu befürchten. Jetzt liegt der Gesetzesentwurf vor und sein Inhalt löst – völlig unabhängig, welche Position man in der Beschneidungsfrage selbst vertritt – nur erstauntes Kopfschütteln aus. Weiter lesen? -> Hier klicken!
Kindheit damals – ein klein wenig wehmütig
Kindheit 1961 sah anders als heute aus, meint Ria Garcia. Und sie beschreibt einige ihrer Erinnerungen, berichtet davon, keine Langeweile gekannt zu haben und wie Spielen und Freundschaften seinerzeit stattfanden und organisiert wurden. Dieses Zeitdokument hielten wir für veröffentlichungswürdig und haben dies im i-Punkt 10/2012 getan. -> Zur Seite
Schnipp-Schnapp – Beschneidung der Religionsfreiheit?
Der SPIEGEL tut’s, die Zeit, die FAS, die FAZ – alle tun es. Alle kommentieren das Urteil des Kölner Landgerichts und dessen angebliche Folgen für die Gesellschaft, meint Rechtsanwalt Heinrich Schmitz. Einige der zahlreichen eifernden oder aufgeregten Kommentare haben ihn geärgert. Und gleichzeitig freut es sich, dass die Urteilsbegründung des LG Köln die nun laufende gesellschaftliche Diskussion ausgelöst hat. Aufgegriffen hatten wir den Beitrag zunächst im i-Punkt 9/2012. -> Zur Seite wechseln
Im Verbieten sind sie groß …
Rechte Themen seien es – Kopftuch, Minarett und Beschneidung. Das meint Lutz Debus. Es böten sich archaische Formen der Religionsausübung im Sommerloch gut an, „als Schwein durch das feuilletonistische Dorf gejagt zu werden“. Und er hält die Debatte für bigott.
Arbeitszwang: Sklavenmarktgeschrei aus dem Hause von der Leyen
Jeder von uns kennt aus der Beobachtung, was geschieht, wenn bei der Drehbewegung des Schraubstocks unaufhörlich die Backen das festzuklemmende Werkstück sehr kräftig zusammendrücken, meint Lotar Martin Kamm von der Internetzeitschrift Buergerstimme. Und kommt zu der Feststellung, all jene seien diesem Druck ausgesetzt, die – in die Arbeitslosigkeit geraten – sich der Bundesanstalt für Arbeit und den Jobcentern bzw. Argen zur Verfügung zu stellen hätten. Dort erfolge nach kurzer Zeit die Entrechtung auf dem „Hartz-IV-Tablett“. Die „unfähigen Versager“ hätten, nachdem sie keinen Job ergattern konnten, widerstandslos Zwangsmaßnahmen über sich ergehen zu lassen. -> Zur Seite wechseln
Kinderwachstumsbeschleunigungsgesetz (KiWaBez): Eine Satire
Zur Veröffentlichung hat uns Detlef Träbert vom Schulberatungsservice aus Niederkassel eine nette kleine Satire zur Verfügung gestellt. Als Ergänzung zum Wachstumsbeschleunigungsgesetz habe die Bundesregierung Maßnahmen zur Förderung des Wachstums von Kindern und ihrer Bildung beschlossen. Kindertagesstätten zum Beispiel hätten demnach Wachstumsförderung durch ein verbessertes Essensangebot, tägliche Spezialgymnastik mit Streckübungen sowie Elternschulung zu betreiben. -> Zur Seite wechseln
Recht auf Bildung statt Schulpflicht
Zum Experiment ermuntert Michael Karjalainen-Dräger, u.a. Dipl. Pädagoge, Supervisor und Elterncoach aus Wien, nämlich zu dem Experiment, sich gedanklich vorzustellen, es gebe keine Schulpflicht, sondern ein Recht auf Bildung. Er vermutet, dass sich viel vorstellen, keiner ginge mehr zur Schule. Sollte dies tatsächlich so sein, spräche das nicht gegen die Kinder und Jugendlichen, sondern gegen die Schule selbst. Weiterlesen? -> Zur Seite wechseln
Inklusive Grundschule: ein starkes Glied in der „Kommunalen Präventionskette“ gegen Kinderarmut
Deutschland tue wenig für frühkindliche Bildung und vernachlässige geradezu sträflich die präventive Förderung von Kindern in Armutslagen. Aus dem Mangel an frühzeitiger öffentlicher Verantwortungsübernahme für das Wohlergehen der Kinder erwüchsen den Kommunen, den Ländern und dem Bund tendenziell steigende Kosten wegen teurer und ineffektiver nachsorgender Unterstützungsmaßnahmen für unzureichend qualifizierte und integrierte Jugendliche, meint Dr. Brigitte Schumann. – Zur Seite wechseln
Beobachtete Bewegung – Bewegte Beobachtung – Grundsätzliche Überlegungen
Die Diskussionen um Bildung bleiben bewegt. Kaum wieder am Schreibtisch, erinnert sich Ulla Keienburg an einen Text, der nicht er einmal publiziert wurde. Sie meint, manche Erkenntnisse seien „zeitlos“. Kinder hätten Erwachsenen gegenüber einen riesigen Vorteil. Sie lernten schneller, verarbeiteten zügiger, seien aufmerksamer, mutigen und neugieriger, falls man sie lassen würde.
Der Text erschien zuerst in Ulla Keienburg’s Blog. Wir bedanken uns, hin hier weiter verwenden zu dürfen. Unsererseits hatten wir ihn in den i-Punkt 2/2012 übernommen. -> Kompletten Beitrag lesen
Da es zahlreiche andere empfehlenswerte Beiträge von Ulla Keienburg gibt, haben wir über das ABA-Netz einen Weg zu ihrem Blog angelegt.
Kolumnen 2011
Normal besonders oder besonders normal?
„Eigentlich kann ich nicht meckern!“, sagte Ulla Keienburg mitunter, wenn sie mal wieder etwas durchgekämpft hatte. Seit ihr Sohn vor 28 Jahren auf die Welt kam, sind Behörden und Organisationen bis heute eine echte Herausforderung. Was hatte sie zuvor mit Sozialamt, Versorgungsamt, Frühförderstellen, Sozialen Hilfsdiensten, Familienkassen und Pflegekassen zu tun? Als ein Mittelschichts- und Bildungsbürgerkind: NICHTS. Rein gar nichts.
Diese nachdenkenswerten Ausführungen haben wir im i-Punkt 12/2011 veröffentlicht. Alles lesen
Da es zahlreiche andere empfehlenswerte Beiträge von Ulla Keienburg gibt, haben wir über das ABA-Netz einen Weg zu ihrem Blog angelegt.
Der tägliche und weit verbreitete Rassismus
Der Rassimus hat viele Gesichter, nicht nur das von Neonazis, findet Grazyna Gintner. Er begleite Menschen auf Schritt und trit und kaum jemand ärgere sich darüber. Dies war in der Kolumne im i-Punkt 9/2011 zu lesen. Alles lesen
Wie man Ausschuss produziert – Integrationsrassismus und Alltagsrenitenz
Das Ekelhafte am Fall Sarrazin, findet Dr. Thomas Seibert, seien nicht die Ergüsse eines „Geisteskretins aus den besten Kreisen“, sondern die die Deckung, die ihm auf breitester Front zuteil werde. Dabei würden „perfiderweise“ zwei scheinbare Debatten miteinander verquickt. Einerseits wünschten sich beispielsweise zahlreiche SPD-Mitglieder den Ausschluss Sarrazins aus der Partei, andererseits stellten sich zahlreiche Deutsche auf Sarrazins Seite nach dem Motto „Das wird man wohl doch sagen dürfen!“. Nach dieser „Zauberformel“ werde rassistisches und antisemitisches Gequatsche schon immer legitimiert.
Der Beitrag erschien zunächst als im „attac-Rundbrief 4/2010“. Freundlicherweise gestattete uns sowohl Thomas Seibert, Mitarbeiter bei „Medico International“, sowie Attac Deutschland die Verwendung hier sowie im i-Punkt 2/2011. Zur Seite wechseln
Kolumnen 2010
Bildung statt Pillen
Kinder und Jugendliche brauchen keine Luxusmedizin für einen gesunden Start ins Leben, viel wichtiger sind gute Vorbilder und Lernmöglichkeiten. Vor allem bedürftige Familien können davon profitieren. Das meint Birgit Taffertshofer in ihrem Beitrag, der im i-Punkt 3/2010 veröffentlicht wurde. Zunächst erschien er im DJI Bulletin 7/2009 (Heft 87). Für die Genehmigung, ihn weiter verwenden zu beürfen, bedanken wir uns sehr. Nachlesen kann man dort auch, dass Armut krank macht. Sie schildert hier erneut die Auffassung, die auch vom ABA Fachverband vertreten wird, Gesundheit bedeute nicht die Abwesenheit von Krankheit, sondern die Fähigkeit, Erreger und andere Krankheitsursachen erfolgreich zu bekämpfen.
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Leichen pflastern ihren Weg – Kommunen in Not
Die Verschuldung der deutschen Kommunen wird durch die Regierungen verursacht. Mancherorts werden inzwischen Verstorbene , für die die Kommune zuständig ist, in anderen Bundesländern unter die Erde gebracht – um zu sparen. Schulen, Bäder, Bürgerbüros, Jugendzentren werden geschlossen. Theatern droht die Schließung. Parks verwildern. Straßenlöcher bleiben Straßenlöcher. Ganztagsplätze in Kindergärten und Horten werden gestrichen. Freie Träger im sozialen und kulturellen Bereich erhalten keine Zuschüsse mehr. Welche Verwüstungen in einem der reichsten Länder der Welt! Das ist erst der Anfang – und die angeblich immer noch beliebte Bundeskanzlerin Merkel blicket stumm in der Wüstenei herum.
Die Kolumne von Dr. Werner Rügemer wurde zunächst in der „ver.di public 4/2010“ veröffentlicht. Erfreulicherweise haben uns der Autor sowie die Redaktion von „ver.di public“ die Verwendung hier sowie im i-Punkt 6/2010 gestattet. Immerhin hat der ABA Fachverband etliche Kommunen als Mitglieder organisiert. Wir hoffen, dass wir hier auch den „Nerv der Zeit“ bei den Verantwortlichen in den Städten und Gemeinden sowie den Aktiven in der Kinder- und Jugendarbeit treffen.
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Was haben Abenteuerspielplätze mit Abenteuer zu tun?
Dieser Frage ist Rainer Deimel, Mitarbeiter des ABA Fachverbandes, aktuell 2010 nachgegangen. Veröffentlicht wurde der Text zunächst als Kolumne im i-Punkt 9-10/2010. Hier finden Sie diese Auseinandersetzung bei Interesse auf einer speziellen Seite.
Behauptungen zum „Spannungsfeld öffentliche und freie Träger“
Siegfried Kühbauer von der Weddinger Kinderfarm in Berlin hat am 20. September 2010 im Auftrag der Gewerkschaft ver.di vor der Berliner Fachgruppe Sozialarbeit einen beachtlichen Vortrag zum Thema „abgeliefert. Diesen hat er uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt, sodass wir ihn als Kolumne im i-Punkt 12/2010 veröffentlichen konnten. Aufgegliedert hat er seine Ausführungen in mehreren Kapiteln:
1. Privatisierung – eine Form der „Enteignung“ öffentlichen Vermögens?
2. Meinungsführung durch Henkel und Esel
3. Privatisierung in Berlin durch die Expertenkommission Staatsaufgabenkritik
4. Freie Träger als Leiharbeitsfirmen des öffentlichen Dienstes
5. Privatisierung durch das Berliner „Leitbild Jugendamt“
6. Privatisierung der Berliner Jugendarbeit duirch Steria Mummert Consulting
Die Ausführungen finden Sie bei Interesse auf einer speziellen Seite.
Kolumnen 2009
Abenteuer – nur im Kinderbuch? (November 2009)
Die Anziehungskraft erfolgreicher Kinderbücher mache vor allem eins aus: das selbstbestimmte Leben der Kinder oder Phantasiegestalten, von denen das Buch handelt, stellt Dr. Christiane Richard-Elsner, Mitglied im Beirat des ABA Fachverbandes, in ihrer Kolumne fest. Diese stehe im Gegensatz zu den immer geringeren Freiräumen, die heutige Kinder haben, um ihre Vorstellungen und ihre Kreativität auszuleben. Lesen bilde und die fördere die Sprachkompetenz. Im Gegensatz zum Fernsehen sei Lesen mit Aktivität verbunden. Allerdings, so die Autorin, sei Phantasie nicht nur eine Sache von von Erwachsenen geschriebenen Büchern: Kinder wollen selbst Erfahrungen machen, um unabhängig und selbständig zu werden. Die Kolumne gibt sowohl hilfreiche Anregungen zur Kinderliteratur als auch Reflektionshilfe hinsichtlich einer Auseinandersetzung zum Thema Funktion von Abenteuer im kindlichen Erleben.
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Demografischer Wandel: Handeln statt klagen (September 2009)
Birgit Taffertshofer (Deutsches Jugendinstitut) kritisiert, der demografische Wandel werdeoft als Katastophe beschrieben: zu wenig Kinder, zu vielle Rentner, kollabierende Sozialsysteme. Ihrer Meinung nach lassen sich die befürchteten Probleme verhindern, würden die Generationen in einen Dialog treten. Abschließend verweist sie in der Kolumne auf Perikles, der der Auffassung war, es käme nicht darauf an, die Zukunft vorauszusagen. Vielmehr müsse man auf sie vorbereitet sein.
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Von der Unverzichtbarkeit der Utopie – Überlegungen jenseits des gängigen Geschmacks (Juli 2009)
Naturgemäß ist die Umsetzung von Theorie in Praxis ein äußerst schwieriges Unterfangen, meint unser Kolumnist Oscar Borkowsky. Es gelinge wohl nur dann, wenn die Theorie die Praxis dabei kritisch begleite und andererseits die Praxis bereits eine verlässliche theoretische Grundlage habe.
Der gesamte Text wurde im i-Punkt 7/2009 veröffentlicht.
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Von der Unfähigkeit zum Mit-Leiden (Mai 2009)
Die Kolumne im Mai 2009 stammt von Tissy Bruns. Sie ist Journalistin beim Tagespiegel in Berlin. Freundlicherweise haben uns Tissy Bruns und die Redaktion des Tagesspiegels erlaubt, den Kommentar – veröffentlicht im Tagesspiegel vom 15. März 2009 – als Kolumne zu verwenden. Veröffentlicht haben wir ihn im i-Punkt 5/2009.
Tissy Bruns vertritt die Auffassung, der Amoklauf von Winnenden sei der Ausdruck einer Kluft. Die Erwachsenenwelt sei nie so weit von der Einsamkeit der Heranwachsenden entfernt gewesen. Und sie gibt Hinweise, wie dieser Zustand geändert werden kann.
Interessierte können die Kolumne auch als PDF-Datei hier herunterladen.
Werteverfall oder: Die Achtundsechziger haben uns zu Egoisten gemacht (März 2009)
Die März-Kolumne ist von Christian Rickens, Redakteur beim „Manager-Magazin“. Der Beitrag wurde zunächst als 3. Kapitel in seinem vorzüglichen Buch „Die neuen Spießer – Von der fatalen Sehnsucht nach einer überholten Gesellschaft“ veröffentlicht. Sie können sie hier als PDF herunterladen. Herzlichen Dank an Christian Rickens und den Ullstein Verlag für die freundliche Genehmigung, den Beitrag verwenden zu dürfen!
Die Rezension zum Buch – veröffentlicht im i-Punkt 3/2009 – kann per Klick auf den vorstehenden Titel heruntergeladen werden.
Renaissance der sozialen Marktwirtschaft (Januar 2009)
Angesichts der Finanzkrise fordert der IG BCE-Vorsitzende Hubertus Schmoldt eine Renaissance der sozialen Marktwirtschaft und eine breit geführte gesellschaftliche Wertedebatte. der Beitrag wurde nach kurzer Abstimmung mit der Redaktion der DGB-Zeitschrift „einblick“ der Ausgabe 22/2008, in der die Erstveröffentlichung erfolgte, entnommen. Unser Dank geht an die „einblick“-Redaktion, dass wir den Beitrag hier verwenden dürfen.
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Kolumnen 2008
Unsere neuen Kolumnen erscheinen seit April 2008 wieder im i-Punkt (im monatlichen Wechsel mit der Sparte Qualität: Inspiration). Nachfolgend können Sie sie herunterladen.
Der Stress mit dem Stress (April 2008)
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Demokratie – ein Geschenk? (Juni 2008)
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Im Netz der Wachträume – Ungehaltene Rede wider die Aufgekratztheit (August 2008)
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Wir brauchen Denker! (Oktober 2008) – Herunterladen

Foto: Rainer Deimel
Die Stunde der Idioten – Kolumne von Wolf Lotter (Wirtschaftsjournalist und Autor), zunächst veröffentlicht im Internet-Wirtschaftsmagazin brand eins (Mai 2008). Wolf Lotter schreibt einleitend: „Fünf Minuten vor der Wissensgesellschaft drehen wir die Uhren zurück: Das Bildungssystem versucht, Wissen und Kreativität zu industrialisieren. Das schafft jede Menge Auftrieb für Hohlköpfe.“(Dezember 2008) – Herunterladen
Frühere Kolumnen
Von der herzlichen Vernetzung oder Wie die soziale Pädagogik klammheimlich geopfert wird.
„Der Krieg der Schimpansen“ oder „Erziehung zur Gewalt“
Vom Gejaule, vom Zorn und vom aufrechten Gang
Woher nehmen, wenn nicht stehlen?
NAGEL-Redaktion – Kochrezepte für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen

Markt in Dubrovnik (Foto: Dirk Makoschey)
Bereits seit längerem ist zu beobachten, dass es vielen Kindern, die unsere Einrichtungen besuchen, an vernünftiger Ernährung mangelt. Deshalb hatten wir bereits 2006 eine Initiative ergriffen, von prominenter Seite Unterstützung zu erfahren, Unterstützung dergestalt, Kochrezepte für kreative Kochideen liefern zu können. Wir hatten uns an die bekannte (Fernseh-)Köchin Sarah Wiener gewandt, um solche von ihr zu bekommen. Die Reaktion in ihrer Firma war zunächst durchaus positiv. Trotz zigfacher Anrufe ist das Vorhaben leider auf der Strecke geblieben. Aufgefallen ist uns zwischenzeitlich, dass Frau Wiener zwar eine Stiftung unterhält („Für gesunde Kinder und was Vernünftiges zu essen“), doch leider konnte die „gute Idee“ (Fa. Wiener), die Praxis mit regelmäßigen Rezepten zu unterstützen, nicht realisiert werden. Dass Sarah Wiener jetzt Stiftungsgelder für gesund ernährte Kinder sammelt, sei ihr gegönnt.
Wir haben unsere Augen und Ohren in der Praxis aufgehalten, und erfreulicherweise ist uns erst Peter Hermann „über den Weg gelaufen“. Wir trafen ihn bei einem Besuch auf dem Abenteuerspielplatz in Dormagen-Horrem, einer Einrichtung, die sich seit einiger Zeit erfolgreich in Trägerschaft des Diakonischen Werks befindet. Erfahren konnten wir, dass Peter schon als Kind Besucher auf dem Abenteuerspielplatz war. Zwischenzeitlich war er wieder aktiv, nämlich als ehrenamtlicher Mitarbeiter – und kochte mit den Kindern. So war er es auch gewohnt, die Nahrungsmengen für größere Gruppen einzuschätzen. Gern war er bereit, uns mit Rezepten zu versorgen, die wir in der speziellen Rubrik Peters Kochrezepte veröffentlichen haben. Durch eine berufliche Veränderung konnte er seinen Service leider nicht auf Dauer aufrechterhalten. Die Rezepte haben wir auf eine spezielle Seite gestellt.
Erfreulicherweise gelang es uns, eine Nachfolgerin zu finden, die uns seit Februar 2010 die Rezepte liefert, nämlich Anika Labus aus Dortmund. Sie finden sie auf der Seite Anikas Kochrezepte (und den entsprechenden Unterseiten, auf die Sie von dort aus gelangen).
Rezeptseiten für die Kinder- und Jugendarbeit
Kochen mit Koki
Wir freuen uns, dass es gelungen ist, die Idee, für die Kinder- und Jugendarbeit Kochrezepte anzubieten, erneut aufgreifen zu können. Zu verdanken haben wir dies Koki.
Koki? Wir möchten ihn gern vorstellen bzw. ihn sich selbst vorstellen lassen. Dahinter verbirgt sich Horst Köckeritz aus Essen. Er betreibt im Netz die Seiten Kochen mit Koki, die wir auf diesem Weg gern empfehlen wollen.
Lassen wir ihn sich selbst vorstellen: „Als Bäcker und Konditor begebe ich mich in die Welt der Gourmets und Feinschmecker, blicke in die normale Haushaltsküche und koche hin und wieder nach ‚Omas‘ Rezepten. Ein ‚Schlüssel zur Kochkunst‘ war die Grundidee meiner Webseite. ‚Verfasse doch einmal ein Online-Kochbuch für die ganz unerfahrenen Frauen und Männer, die keine Ahnung vom Kochen haben‘, hieß es – und für alle, die einfach Spaß am Kochen haben und auch Neues aus der kulinarischen Küche kennenlernen möchten. Ich komme damit wohl auch einem inneren Wunsch nach. Ich habe über Jahre Informationen aus der Kochwelt gesammelt und zusammengetragen, sortiert und aufgearbeitet. Ich bin davon überzeugt, dass auch Feinschmecker und Gourmetfreunde interessante Artikel finden werden. Sollten hier Artikel veröffentlicht werden, die nicht meiner Gedankenwelt entsprungen sind, werden Quellen und Autoren in den Artikeln erwähnt. Bilder zu den Themen sind von mir in künstlerischer Handarbeit erstellt, als Collagen, Feder- und Bleistiftzeichnungen oder in sonstiger Technik. Den ABA Fachverband dabei unterstützen zu können, die Kinder- und Jugendarbeit mit Rezepten zu versorgen, freut mich sehr.“
Von Februar 2010 bis Dezember 2011 belieferte Anika Labus aus Dortmund die Redaktion mit erprobten Kochrezepten für die Kinder- und Jugendarbeit.
2009 begann Peter Hermann aus Dormagen, Rezepte, die er in der Kinder- und Jugendarbeit erprobt hat, an die Redaktion zu liefern. Aufgrund beruflicher Verpflichtungen war dies nach August 2009 leider nicht mehr möglich.
Projekt „Gesunde Küche direkt auf den Tisch“
Im Rahmen des „Pakts mit der Jugend NRW“ wurde 2009 in Kooperation mit dem ABA Mitglied NaBeBa e.V. (Naturwerkstatt für Menschen mit und ohne Behinderung) in Waltrop ein großangelegtes Projekt „Gesunde Küche direkt auf den Tisch“ durchgeführt. Das Projekt ist auf speziellen im ABA-Netz dokumentiert. Entstanden ist hier auch ein beachtliches Kochbuch, das von den Doku-Seiten heruntergeladen werden kann.
NAGEL-Redaktion – Kinder- und Jugendpolitik/Kinder- und Jugendrechte
UN-Kinderrechtskonvention 
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Aktuell
Neue Broschüre: Kinderrechte ins Grundgesetz
20 Jahre Kinderrechte in Deutschland – Aus diesem Grund haben kürzliche „Die Falken“ eine Broschüre „Kinderrechte ins Grundgesetz – Vom Wo und Warum“ herausgegeben. Zu Wort kommen unter anderem: Lore Maria Peschel-Gutzeit (ehemalige Justizsenatorin in Hamburg und Berlin), Heinz Hilgers (Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes) und Gabriele Gruber-Pruner (Österreichische Kinderfreunde). Die Broschüre begreift sich als eine Aufforderung an die Politik und die Gesellschaft, den Mut endlich aufzubringen, alle Kinder und Jugendlichen gemäß ihrer Rechte als eigenständige Persönlichkeiten anzuerkennen und sie mit altersgerechten Methoden an demokratischen Prozessen zu beteiligen. -> Broschüre herunterladen
Skulpturenprojekt im Park (Hagen/Westfalen)
Weltweit einmalig werden in Hagen/Westfalen die Kinderrechte im öffentlichen Raum präsentiert und sind somit jederzeit sowohl von Kindern als auch von Erwachsenen nachlesbar. Das gibt es selbst am Standort der Vereinten Nationen nicht.
Den Mittelpunkt bildet die Bronze-Skulptur „BalanceAkt Kinderrechte“. Dazu gehören 12 Stelen zu den Themen Kinderrechte und „Was Kinder brauchen“. Der Standort im Dr. Ferdinand-David-Park liegt idealerweise genau am Rathaus, dem Allerwelthaus und „Ein Haus für Kinder“ des Kinderschutzbundes. Besser kann das Zusammenspiel von Politik, engagierten Vereinen und Bürgern nicht dokumentiert werden.
Der ABA Fachverband gehört ebenso zu den Organisationen, die sich für die Kinderrechte engagieren. Insofern freuen wir uns, dem Hagener Projekt hier eine eigene Seite einrichten zu können. Wir wünschen viel Spaß beim Stöbern, hilfreiche Erkenntnisse und freuen uns, wenn Sie – falls Sie mal nach Hagen kommen – diesen Park in Rathausnähe besuchen würden. -> Zur Seite Kinderrechtepark Hagen
Film: Niemals Gewalt
Inspiriert durch eine Erzählung von Astrid Lindgren hat David Aufdembrinke (DAGO Kinderlobby, Hamburg) den sechsminütigen Spielfilm „Niemals Gewalt“ produziert. Es ist ein Film, der berührt. Er kommt mit wenigen Worten aus. Herausgekommen ist eine packende und spannende Interpretation der Geschichte. Der Film zeigt kurz und prägnant die Unsinnigkeit von Gewalt in der Erziehung auf. Wir haben ihn hier verlinkt. Bei Interesse das Bild anklicken! Für den Einsatz auf Elternabenden oder bei anderen Anlässen kann er beim Verein DAGO Kinderlobby bestellt werden.
Kinder- und Jugendpolitik
Konturen einer neuen Jugendpolitik
Das Bundesjugendkuratorium hat 2009 eine Stellungnahme zu einer kohärenten Jugendpolitik veröffentlicht. Dort wird konstatiert, die Lebenswelt von Jugendlichen habe sich gravierend verändert. Zu Ihrer Information finden Sie die Ausführungen hier.
Nationaler Aktionsplan – Für ein kindgerechtes Deutschland – 2005-2010 (315 KB, 100 Seiten)

Foto: Rainer Deimel
Kinderrechte
Kinder haben Rechte! Die UN-Kinderrechtskonvention. Die Broschüre wurde anlässlich des 20-jährigen Bestehens der UN-Kinderrechtskonvention 2010 vom Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes NRW in Kooperation mit der National Coalition für die Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention in Deutschland herausgegeben. Inhalt: Vorwort National Coalition. Einführung. Übereinkommen über die Rechte des Kindes. Wie es zu der Vereinbarung kam. Wen das Übereinkommen schützt. Was die Regierungen und Eltern zu beachten haben. Von der Geburt an hat jedes Kind seine Rechte. Wenn Kinder nicht bei ihren Eltern leben. Wenn sich Kinder eine eigene Meinung bilden. Wer für die Kinder sorgt, wie Kinder beschützt werden sollen. Hilfe für Kinder mit Behinderungen und kranke Kinder. Damit sich Kinder gut entwickelen können. Damit Kinder nicht ausgebeutet werden. Wenn geschehen ist, was nicht geschehen soll. Es gelten die Gesetze, die Kinder am besten schützen. Zur Verwirklichung der Rechte der Kinder. Jeder Staat soll dem Übereinkommen beitreten. In dieser 52-seitigen Broschüre ist der Text der Konvention „kindgerecht übersetzt“. In der Übersetzung zum Artiekl 31 (Recht auf Ruhe und Freizeit) heißt es unter anderem: „Kinder wollen spielen. Die Städte und Gemeinden müssen dafür sorgen, dass genügend Spielplätze und Jugendhäuser gebaut werden.“ Herunterladen? Titel anklicken!
Zwölf populäre Irrtümer über die Kinderrechte
Zwölf populäre Irrtümer hat terre des hommes benannt, beschrieben und entsprechend kommentiert. Der gesamte Text kann hier nachgelesen werden.

Titelbild der Broschüre (Foto: DKHW/Katharina Ecklebe)
20 Jahre UN-Kinderrechtskonvention – so der Titel einer Broschüre des Deutschen Kinderhilfswerks. Detailliert wird auf 20 Forderungen, die aus diesem Anlass aufgestellt wurden, eingegangen. Der ABA Fachverband unterstützt diese ausdrücklich. Interesse? Vorstehendes Titelbild anklicken!
Prof. Dr. Manfred Liebel von der Internationalen Akademie an der FU Berlin hat auf dem Fachkongress des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend „Schützen, fördern, beteiligen – Für ein kindergerechtes Deutschland“ am 4. Dezember 2008 ein beachtliches Referat „Für eine kindergerechte Republik – politische und gesellschaftliche Herausforderungen“ gehalten. – Herunterladen
Kinder haben Rechte. Als Unterrichtsmaterial entwickelt von Richard Schröder, Sabine Lukas und Sonja Fischer. Herausgegeben 2001 von der LBS West (806 KB, 37 Seiten)
Ein Bild der eigenen Zukunft. Als fächerübergreifendes Unterrichtsmaterial zur Bearbeitung der Zukunftsvorstellungen, -wünsche und -ängste von Schülerinnen und Schülern entwickelt von Christian A. Klöckner und Sonja Fischer. Herausgegeben 2001 von der LBS West, Münster (514 KB, 45 Seiten)
Kinderrechte. Hier finden Sie unter anderem „Haben Kinder ein Recht auf Spielen?“. Die Publikation wurde 2005 veröffentlicht. Wir danken der „Spiellandschaft Stadt Bremen“ für die freundliche Genehmigung, Ihnen diese Schrift hier zugänglich zu machen.
Die Verwirklichung der Kinderrechte in Einrichtungen und Diensten der Erziehungshilfe. Ein Beitrag von Prof. Dr. Mechthild Wolff (Fachhochschule Landshut) vom 8. Februar 2007. 5,4 MB, 38 Folien
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Plädoyer für Kinderrechte: Warum Kinderrechte der beste Schutz gegen Kinderarbeit sind
Zwei „Flugschriften“ hat die Aktion 3. Welt Saar zum Thema herausgegeben (2006: Gute Kinderarbeit – schlechte Kinderarbeit; 2009: Kinderarbeit – Wem nützt sie?) Intereresse? Per Mausklick auf die nachfolgenden Titel kann man die erhellenden Publikationen herunterladen.
Partizipation von Kindern und Jugendlichen
Warum die junge Generation politisch stärker partizipieren muss – Von Klaus Hurrelmann (Aus Politik und Zeitgeschichte B 44/2001). 848 KB, 5 Seiten
Dr. Klaus Hurrelmann ist Professor für Sozial- und Gesundheitsforschung an der Universität Bielefeld. Er gehört dem Beirat des ABA Fachverbandes an.
Gesellschaftliche Beteiligung der Jugend. Handlungsfelder, Entwicklungstendenzen, Hintergründe – Von Wolfgang Gaiser und Johann de Rijke (Aus Politik und Zeitgeschichte B 44/2001). 422 KB, 16 Seiten
Dr. Wolfgang Gaiser ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Jugendinstitut (DJI), München
Johann de Rijke ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Jugendinstitut (DJI), München
Kinder- und Jugendforen als Beispiel neuer Formen der politischen Öffentlichkeit – Von Markus Ottersbach (Aus Politik und Zeitgeschehen B 44/2001). 54 KB, 7 Seiten
Dr. Markus Ottersbach ist wissenschaftlicher mitarbeiter bei NAVEND – Zentrum für Kurdische Studien in Bonn und Lehrbeauftragter an der Univesität zu Köln
Wie stimmig sind die Ziele von Beteiligungsaktionen mit Kindern und Jugendlichen in der Kommune? – Von Stefan Danner (Aus Politik und Zeitgeschehen B 44/2001). 55 KB, 8 Seiten
Dr. Stefan Danner ist Professor für Erziehungswissenschaften an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig, Fachbereich Sozialwesen
Barrieren und Hindernisse bei der Beteiligung von Kindern und Jugendlichen in urbanen Umbruchssituationen – Von Wolf-Dietrich Bukow (Aus Politik und Zeitgeschehen B 44/2001). 57 KB, 9 Seiten
Dr. Wolf-Dietrich Bukow ist Universitätsprofessor am Seminar für Sozialwissenschaften der Universität zu Köln für Kultur- und Erziehungssoziologie und Direktor der Forschungsstelle für Interkulturelle Studien (FiSt).
Fachbeiträge
Kinderbeauftragte als aktuelles Auslauf-Modell des Jugendhilfe-Marktes
NAGEL-Redaktion – Jugendarbeit und Schule
Kooperationsprojekt zwischen Schule und Bauspielplatz
„Abenteuerspielplatz“ an der Schnittstelle zwischen Freizeit und Schule
Offene Arbeit mit Kindern und Schule
Aktion: Kooperationsvereinbarung Jugendhilfe-Schule
Kooperation zwischen Jugendhilfe und Schule
Welche Bildung leistet die Offene Arbeit
Beispiel für eine Kooperationsvereinbarung zwischen einem Abenteuerspielplatz und einer Schule
Kooperation von Schulen mit außerschulischen Akteuren – Chance für eine neue Lernkultur? (DJI Bulletin 71/2005, 16 Seiten, 2,5 MB)
Den Wandel gestalten – Gemeinsame Wege zur integrierten Jugendhilfe- und Schulentwicklungsplanung. Eine Veröffentlichung des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe/Landesjugendamt (90 Seiten, 1,8 MB)
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Partner machen Schule – Bildung gemeinsam gestalten. Herausgeber: Sozialpädagogisches Institut – Text von Jürgen Rolle, Edith Kesberg (Projektleitung), Ilona Matheis, Jutta Schiersmann, Ulrich-A. Eschment, Walter Hospelt (108 Seiten, 1,3 MB)
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NAGEL-Redaktion – Jugendsexualität

Foto: Rainer Deimel
Die Debatte um sexuellen Missbrauch, Führungszeugnisse für Mitarbeiter, aber auch Phänome wie Pornos auf dem Handy Jugendlicher und anderes haben bisweilen dazu geführt, Sexualität trotz ihrer scheinbaren alltäglichen Präsenz in der pädagogischen Arbeit wieder stärker zu tabuieren. Zumindest ist eine gewisse Unsicherheit beim Umgang mit dem Thema in der Praxis nicht zu übersehen.
Und einmal mehr überholt die Realität die vermeintlichen Fakten. Bei Durchsicht der aktuellen Presse (Anfang September 2010) stellt man hingegen eher eine Art Ernüchterung fest: seltener, später, Wunsch nach fester Partnerschaft … Und es wird räsoniert: „Die Jugend ist besser als ihr Ruf!“ Sokrates lässt grüßen!
Die Kinder- und Jugendarbeit ist gefordert, sich dem Thema trotz möglicher Verunsicherungen qualifiziert zu nähern. Dass sie in der Verlautbarung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ausgeblendet wird, ist bedauerlich, aber nicht ungewöhnlich. Die Arbeitsfelder sind gefordert, sich selbst stärker – auch in Beziehung zum Thema „Jugend und Sexualität“ – qualifiziert zu positionieren und entsprechend einzubringen bzw. das Thema angemessen in die Alltagsarbeit zu intergrieren.
Wenn man sich die Ergebnisse der Studie anschaut, wird man auch schnell zu der Einschätzung gelangen, wie wichtig nach wie vor beispielsweise geschlechtsspezifische Angebote in den Einrichtungen sein könnten.
Im Nachfolgenden gibt es die Untersuchungsergebnisse der BZgA.
ABA Fachverband Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen
2010: Jugendsexualität heute
Sexuelle Aktivitäten gehen zurück – Verhütung so gut wie nie zuvor
Seit 1980 untersucht die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) regelmäßig Einstellungen und Verhaltensweisen 14- bis 17-jähriger Jugendlicher zu Aufklärung, Sexualität und Verhütung. Keine andere Studie in Deutschland zu diesem Thema kann auf einen so langen Vergleichszeitraum zurückblicken. Für die neue Studie „Jugendsexualität 2010“ wurden insgesamt 3.542 Jugendliche befragt, darunter 1.014 Mädchen und Jungen mit Migrationshintergrund. Die vollständigen Ergebnisse liegen nun vor.
Deutsche Mädchen und Jungen sind verglichen mit der letzten Repräsentativerhebung aus dem Jahr 2005 seltener früh sexuell aktiv. Bei den 14-jährigen Mädchen sank der Anteil derer mit Geschlechtsverkehrerfahrung deutlich von zwölf auf sieben Prozent, bei den gleichaltrigen Jungen sogar von zehn auf vier Prozent. Bei den 17-jährigen Mädchen reduzierte sich der Anteil von 73 auf 66 Prozent, bei den gleichaltrigen Jungen blieb er mit 65 Prozent nahezu konstant. Dies bedeutet zugleich, dass bis zu einem Alter von 17 Jahren mehr als ein Drittel der jungen Frauen und Männer noch keinen Geschlechtsverkehr gehabt haben. „Annahmen, wonach immer mehr junge Menschen immer früher sexuell aktiv werden, bestätigen sich nicht“, erklärt Prof. Dr. Elisabeth Pott, Direktorin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. „Die aktuelle Repräsentativerhebung zeigt, dass seit Mitte der neunziger Jahre die sexuelle Aktivität Jugendlicher fast unverändert und jetzt sogar rückläufig ist.“
In der Regel erleben deutsche Jugendliche ihr „erstes Mal“ in einer festen Beziehung. Darüber hinaus ist die Hälfte der sexuell aktiven Mädchen zwischen 14 und 17 Jahren bislang lediglich eine Partnerbeziehung eingegangen. Für deutsche Jungen trifft das auf 40 Prozent zu.
Jungen aus Migrantenfamilien sind früher und damit insgesamt häufiger sexuell aktiv als deutsche Jungen. Mädchen mit Migrationshintergrund sind deutlich zurückhaltender und begründen das damit, zu jung zu sein. Vor allem bei jungen Frauen muslimischen Glaubens, insbesondere bei türkischen Mädchen, sind nur wenige sexuell aktiv. Die Mehrheit von ihnen findet einen engen Kontakt zum anderen Geschlecht vor der Ehe nicht richtig.
Erfahrungen mit sexueller Gewalt sind Jugendlichen nicht unbekannt. So berichten 13 Prozent der deutschen Mädchen und 19 Prozent der Mädchen mit Migrationshintergrund über Situationen, in denen sie sich gegen unerwünschte sexuelle Übergriffe oder Gewalt zur Wehr setzen mussten. Von den Jungen berichten dies ein bzw. drei Prozent.
Verhütungsverhalten wird immer besser – Kondom beliebtestes Verhütungsmittel
Sexuell aktive deutsche Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren verhüten heute bereits beim ersten Mal besser als je zuvor: Nur je acht Prozent der Mädchen und Jungen geben an, keine Verhütungsmittel benutzt zu haben. 1980 lag dieser Anteil mit 20 Prozent bei den Mädchen und 29 Prozent bei den Jungen um ein Vielfaches höher. Die neuen Zahlen zeigen zudem, dass Jungen beim ersten Mal mittlerweile ebenso gut verhüten wie Mädchen.
Auch bei den Jugendlichen mit Migrationshintergrund hat sich das Verhütungsverhalten verbessert. Doch verglichen mit ihren deutschen Altersgenossen verhüten sie noch immer seltener. So geben zwölf Prozent der Mädchen und 18 Prozent der Jungen mit Migrationshintergrund an, beim ersten Geschlechtsverkehr keine Verhütungsmittel benutzt zu haben. Im Jahr 2005 waren es noch mehr als ein Drittel der Jungen und etwa jedes fünfte Mädchen.
Das Kondom ist mit deutlichem Abstand das Verhütungsmittel Nummer eins beim ersten Mal. Drei Viertel der deutschen Jungen und Mädchen wenden es beim ersten Geschlechtsverkehr an. Auch Jugendliche mit Migrationshintergrund greifen beim ersten Mal meistens zum Kondom: 75 Prozent der Mädchen und 59 Prozent der Jungen verhüten auf diese Weise. Mit zunehmender sexueller Aktivität ändert sich das Verhütungsverhalten jedoch. Mädchen mit und ohne Migrations-hintergrund verwenden dann häufiger die Pille.
Eltern und Schule: Starke Partner für Jugendliche
69 Prozent der deutschen Mädchen und 58 Prozent der deutschen Jungen sprechen heute ausführlich mit ihren Eltern über das Thema Verhütung. Das war vor 30 Jahren noch anders: Nur etwas mehr als ein Drittel der Mädchen und nur jeder vierte Junge hatte damals ein Verhütungsgespräch mit seinen Eltern. Eine ähnliche Situation gilt heute noch für viele Jugendliche mit Migrationshintergrund. Lediglich die Hälfte der Mädchen und nur 41 Prozent der Jungen aus Migrantenfamilien erhalten eine Verhütungsberatung im Elternhaus. Bei der Wissensvermittlung rund um die Themen Liebe, Sexualität und Verhütung wird die Schule immer bedeutender. Für Jungen mit Migrationshintergrund ist sie sogar der wichtigste Ort der Aufklärung.
„Eltern und Schule sind heute starke Partner für Jugendliche“, betont Prof. Dr. Elisabeth Pott, Direktorin der BZgA. “Das einmalige verschämte Aufklärungsgespräch von früher ist endgültig vorbei. Die verantwortungsbewusste Sexualaufklärung durch Elternhaus und Schule, vielfältige Beratungsmöglichkeiten und die Informationsangebote der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zu den Themen Liebe, Sexualität und Verhütung haben entscheidend dazu beigetragen, dass Deutschland eine der niedrigsten Teenagerschwangerschaftsraten in Europa hat.“
Aufklärungsmaterialien stehen bei Jugendlichen nach wie vor hoch im Kurs. Das gilt ganz besonders für das Internet. Deswegen entwickelt die BZgA ihre Informationsangebote kontinuierlich weiter. Die BZgA bietet Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund ein immer aktuelles, auf ihre Bedürfnisse abgestimmtes Medium an.
Pressemitteilung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung/BZgA vom 2. September 2010
Studie der BZgA: Jugendsexualität 2010
Die BZgA hat – die Studie begleitend und erläuternd – am 2. September 2010 ein übersichtliches, fünfseitiges Hintergrundpapier herausgegeben.
Rückblick
Zum Vergleich: Die Vorgängerstudien aus den Jahren 2006 und 2001

Studie der BZgA: Jugendsexualität 2006
Studie der BZgA: Jugendsexualität 2001
NAGEL-Redaktion – Jugend

Foto: Rainer Deimel
Jugendliche und Internet: Mit den Möglichkeiten wächst die Verantwortung
Ein eigenes Profil im Internet zu haben, ist für viele Jugendliche heutzutage ein Muss, die digitalen Freunde im Internet zu treffen, gehört zum Alltag. Private Daten und Informationen werden ins Netz verlagert, wodurch die Grenzen zwischen Privatheit und Öffentlichkeit verschwimmen. Neben drohenden Gefahren wie Cybermobbing entstehen durch soziale Online-Netzwerke aber auch Chancen, z.B. zur Nutzung für politische Kommunikation. Diese Themen bestimmten die Tagung „Responsibility 2.0 – Engagement und Verantwortung im Internet“ am 20. und 21. Januar 2011 an der Universität Siegen. Mehr lesen
Hurrelmann: Die Angst der Jugend nimmt zu
Sozialwissenschaftler warnt vor Unruhen
Durch die Wirtschaftskrise haben sich die Zukunftschancen der jungen Generation massiv verschlechtert, meint der Bielefelder Sozialwissenschaftler Klaus Hurrelmann. Er warnt vor Aufständen.Wenn auch größere Bemühungen um den Berufseinstieg nicht mehr fruchteten, steige die Unzufriedenheit, so Hurrelmann zu WAZ. „Die Angst, nicht ins Erwachsenenleben eingelassen zu werden, könnte zu Protesten führen”, glaubt der renommierte Jugendforscher.
Ein Funke genügt
Die Jugend sei zwar unpolitischer denn je, doch zugleich habe sie ein großes Interesse an einer gesicherten Zukunft. Geringes politisches Wissen gepaart mit schlechteren Zukunftsaussichten könne in offene Aktionen umschlagen. Ein emotionaler Funke könne dafür ausreichen. Hurrelmann, Leiter der Shell-Jugendstudie 2006, wagt die Prognose, dass dies in zwei bis vier Jahren passieren könnte.
„Jahr für Jahr entlassen wir 80.000 junge Menschen ohne Schulabschluss in die Gesellschaft. Viele bleiben ohne Berufsausbildung. Dies ist ein erschreckend großes Heer von Leuten, denen gesagt wurde: Wir brauchen euch nicht.” Dies erzeuge eine große Unzufriedenheit. Hurrelmann: „Es ist bemerkenswert, dass die junge Generation so still hält.” Hurrelmann fordert die Politik auf, sich der prekären Lage der Jugend offensiv zu stellen. Die Wirtschaftskrise dürfe nicht auf Kosten der Jugend bewältigt werden.
Quelle: WAZ vom 12. Februar 2009 – Beitrag von Christopher Onkelbach

Foto: Rainer Deimel
Die Angst der Jugend – Miese Aussichten
Die Jugend hat allen Grund zur Sorge. Da kübelt die Politik Milliarden in die leeren Tresore von Großbanken, verschickt pralle Rettungspakete an die Wirtschaft, hilft Automobilkonzernen und Bauunternehmen – und der junge Mensch, der gerade seine x-te Absage auf seine Bewerbungen um einen Ausbildungsplatz erhält, wird sich sagen: Super! Und was habe ich davon?
Zwar werden wohl auch Ausbildungsplätze durch das Konjunkturprogramm der Bundesregierung gerettet. Doch dieses rationale Argument kommt nicht an gegen das schleichend wachsende Gefühl, seiner Zukunfts-Chancen beraubt zu werden. Dass einige Milliarden auch in den Bildungsbereich fließen, ist ein Scheinargument. Denn eine energetische Sanierung von Schulen oder eine reparierte Klimaanlage an Universitäten hat mit Bildung nichts zu tun.
Die Jugend hat allen Grund zur Sorge: Für Dreijährige fehlen Kitaplätze, an Schulen die Lehrer. Packen sie die Hochschulreife, müssen sie um einen der knappen Studienplätze kämpfen – und sitzen dann in überfüllten Hörsälen. Wer in die Wirtschaft ausweichen will, findet noch lange keinen Ausbildungsplatz. Und schaffen sie es tapfer bis zur Rente, erwartet sie eine Versorgung, die niemals das Niveau heutiger Rentner erreichen wird. Keine rosigen Aussichten.
Was den Frust der Jugend noch verstärken mag: Bis 2020 darf der Staat sich weiter verschulden, erst dann soll die „Schuldenbremse“ greifen. Die Zinsen für das viele Geld, das der Staat heute ausgibt, zahlt die Jugend. Die Wirtschaftskrise trifft die junge Generation mit voller Härte. Man kann sich mit Hurrelmann tatsächlich nur wundern, dass von Rebellion nichts zu spüren ist. Eine „übergangene Generation“ wird sich irgendwann zu Wort melden, und womöglich nicht besonders friedvoll.
Doch dass die Alten die Politik bestimmen und das Geld verteilen, müssen sich die Jungen zum Teil selbst vorwerfen. Eine Demokratie lebt von Mitsprache, von Interesse, von Gemeinsinn, von Mitwirkung und dem Willen, sich zu informieren. Nur so lassen sich Zusammenhänge begreifen und Entscheidungen verstehen. Doch das politische Interesse ist unter Jugendlichen so gering wie nie, das lässt sich auch an der schwachen Wahlbeteiligung ablesen.
Wer sich aber resigniert ins Private zurückzieht, darf sich nicht wundern, wenn seine Meinung übergangen wird. Politisches Desinteresse, Frustration und Zukunftsangst sind eine gefährliche Melange.
Quelle: WAZ vom 12. Februar 2009 – Kommentar von Christopher Onkelbach
Zur Erinnerung stellen wir hier noch einmal folgende Dokumente zur Verfügung:
15. Shell-Studie „Jugend 2006“: Eine pragmatische Generation unter Druck (Zusammenfassung) – Herunterladen
Bericht „Mensch, Alter“ („Die neue Shell-Jugendsstudie zeigt eine Generation, die Gründe hat zu rebellieren – aber nicht will“) von Susanne Gaschke in der „Zeit“ vom 21. September 2009 – Herunterladen
Bericht „Jugendliche blicken in eine düstere Zukunft“ vom 21. September 2006 in der „Tagesschau“ – Herunterladen
Interview mit Prof. Dr. Klaus Hurrelmann in der ARD vom 4. April 2007: Sie ist pragmatisch, die Jugend von heute. Aber auch skeptisch. Sie hat Angst vor der Zukunft, bleibt aber optimistisch. Werte sind ihr wichtig, Sündenböcke auch. Wer soll schlau werden aus dieser Generation? Jugendforscher Klaus Hurrelmann hat’s versucht. – Herunterladen

Foto: Rainer Deimel
Die Angst der Jugend vor dem Morgen
Die junge Generation hat gelernt, mit fundamentalen Zukunftsängsten zu leben – allerdings zu einem hohen Preis. Mentale Probleme, psychische Störungen und die Meinung, dass das Lebens sinnlos sei, nehmen zu.Einst war es „Cool Britannia“, derzeit sinken die Temperaturen in Großbritannien allerdings in Richtung einer neuen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Eiszeit. Wie sehr darunter vor allem eine Bevölkerungsgruppe leidet, unterstreicht eine Studie des „Prince’s Trust“, die dieser Tage veröffentlicht wurde: die Jugend. Laut einer Umfrage der von Prinz Charles ins Leben gerufenen Stiftung unter rund 1.000 britischen Jugendlichen zwischen 16 und 25 ist jeder zehnte der Meinung, dass das Leben entweder kein Ziel hat, bedeutungslos oder nicht lebenswert ist. Diese Zahlen steigen deutlich an, wenn es sich dabei um Jugendliche handelt, die weder einen Job haben noch in Ausbildung sind.Ein rein britisches Phänomen, begründet in einer besonders wettbewerbsorientierten Ellbogengesellschaft und verstärkt durch die weltweite Wirtschaftskrise, die den Inselstaat besonders schwer getroffen hat? Keineswegs, sagen Wissenschaftler. Die britischen Ergebnisse spiegeln vielmehr einen gesamteuropäischen Trend wider: von einer Jugend, die das Morgen nicht mehr sehnsüchtig erwartet, sondern sich davor fürchtet.„Diese junge Generation hat gelernt, mit Zukunftsangst zu leben“, sagt etwa der deutsche Bildungs- und Jugendforscher Klaus Hurrelmann im Interview mit der „Presse“: „Junge Leute wissen, dass Themen wie Jobmangel, Terror oder Umweltentwicklungen einschneidende Auswirkungen auf ihr Leben haben können.“Dieses Wissen fordere aber seinen Preis – und der werde in Form zunehmender mentaler Probleme und psychologischer Störungen bezahlt. „Den jungen Leuten wird einerseits abverlangt, dass sie sich einen sicheren Platz innerhalb der Gesellschaft erobern, andererseits wird genau das immer schwieriger. Das birgt hohe psychosoziale Kosten – und die Quittung dafür wird der jungen Generation in besonderem Maße präsentiert“, meint Hurrelmann.Junge Arbeitslose stark betroffenWie negativ sich diese fundamentale wirtschaftliche Unsicherheit auf das Lebensgefühl junger Menschen auswirkt, zeigt sich in den Ergebnissen der Prince’s-Trust-Studie. Sind schon allgemein zwischen zehn und 14 Prozent aller 16- bis 25-Jährigen der Meinung, dass ihr Leben sinnlos oder nicht lebenswert ist, nehmen diese Werte bei denjenigen dramatisch zu, die keine Beschäftigung in Form eines Jobs oder einer Ausbildung haben: Aus dieser Gruppe meinen 27 Prozent, ihr Leben habe kein Ziel, 21 Prozent halten es für bedeutungslos und 17 Prozent für nicht lebenswert.Jeder Zweite gibt an, belastet oder ängstlich zu sein. „Obwohl die Mehrheit der jungen Leute noch immer relativ zufrieden ist, gibt es eine signifikante Zahl derer, die ihr Leben für sinnentleert halten“, schreibt Martina Milburn, Geschäftsführerin des „Prince’s Trust“.Dass Jugendliche unter dieser Situation besonders leiden, ist einerseits auf den prekären Lebensabschnitt der Pubertät zurückzuführen. Wurden die Leiden der Jungen früher nonchalant als „Weltschmerz“ abgetan, belegen neuere Forschungsergebnisse, dass Pubertierende tatsächlich anders ticken als Erwachsene – und zwar nicht nur psychologisch, sondern auch physiologisch (siehe unten).
Andererseits aber ist auch die traditionelle gesellschaftliche Rolle der Jugend – als Heilsbringer und Garant für eine der Gegenwart mindestens ebenbürtige Zukunft – heute schwerer zu erfüllen als früher. „Die zentrale Rolle der Jugend ist es, für den Arbeitsmarkt fit zu werden und in diesen hineinzuwachsen“, sagt Hurrelmann. Die heutzutage damit verbundenen Schwierigkeiten wie Jobunsicherheit strahlten dementsprechend bereits in die Zeit vor der Berufstätigkeit aus und erhöhten die Belastung der Jugend. Das Resultat sei eine messbare Zunahme depressiver Stimmungen und psychischer Störungen unter jungen Leuten.
In dieses Bild passe auch, dass die älteren Generationen die jüngere heute in einem noch nie da gewesenen Ausmaß mit Argusaugen beobachteten: aus Sorge um die gemeinsame Zukunft, gepaart mit einer gestiegenen Bereitschaft, das Verhalten der Jüngeren als pathologisch zu klassifizieren. Nach Hurrelmanns Ansicht nicht gerade eine hilfreiche Mischung, die nicht nur den Druck auf die Jugend noch erhöht, sondern auch das ohnedies prekäre Verhältnis zwischen den Generationen empfindlich stört.


Quelle: DiePresse.com (Wien) vom 11. Februar 2009 – Artikel von Doris Kraus

NAGEL-Redaktion – International
Partnerschaft Aachen – Kapstadt
Projekt Speelhuis Manenberg

Aus unserer Aachener Mitgliedschaft bekamen wir den Hinweis auf ein interessantes Projekt, das in Südafrika, nämlich im Kapstadter Stadtteil Manenberg, einem ehemaligen Township, organisiert wird. Manenberg soll, so die Projektinitiatoren, eine Chance bekommen hin zur Entwicklung zu einem lebenswerten Stadtteil. Dabei soll möglichst vielen Kindern und Jugendlichen der Weg zu einer gesunden Entwicklung mit angemessener Ausbildung ermöglicht werden. Federführend in Aachen ist das dortige Welthaus. Kooperationspartner in der Offenen Arbeit sind beispielsweise das Spielhaus Kennedyparkund der Abenteuerspielplatz Kirschbäumchen.
Programm/Terminplan Aachen – Kapstadt 2010 herunterladen
„BalanceAkt Kinderrechte“ – ein Skulpturenprojekt in Hagen
Ein gelungenes Beispiel einer Kooperation zwischen dem Mehrgenerationenhaus des Deutschen Kinderschutzbundes, Kommune und Wirtschaft
Ist das Zusammenspiel von Mehrgenerationenhäusern, der Kommune und der Wirtschaft zu schaffen? Viele MGH-Häuser haben bereits gute Erfahrungen sammeln können. Ein 2010 entstandenes, äußerst interessantes Projekt in Hagen zeigt auf, wie es im Einzelfall gelingen kann. In diesem Fall ist es ein Skulpturenprojekt für Kinderrechte, das trotz knapper Finanzen realisiert wird. Kostenpunkt: ca. 40.000,- Euro. Weiter lesen
NAGEL-Redaktion – Integration – Inklusion

Abbildung: Bündnis Recht auf Spiel/DKHW
Integration gehört – wie Emanzipation und Partizipation – zu den Leitzielen des ABA Fachverbandes. Brauchbare Hinweise zum Thema werden nach und nach hier eingestellt.
Zur Seite Arbeitsgrundlagen und Ziele des ABA Fachverbandes
Zur Wikipedia-Seite Integration (Soziologie) – Hier ist eine plausible Definition zu finden.
Zur Wikipedia-Seite „Integration“
Zur Wikipedia-Seite „Integrative Pädagogik“ – Auf dieser Seite wird leider primäre nur auf schulische Belange eingegangen.
Zum Thema „Integration“ gibt es im ABA-Netz weitere Hinweise, etwa auf der Seite Einwanderungsland Deutschland. Empfohlen sei an dieser Stelle auch unsere Seite Achtung! Werteverfall!
Inklusion, ein in jüngerer Zeit in den Sprachgebrauch übergegangener Begriff, grenzt sich gegenüber der „traditionellen“ Integration ab. Diese Abgrenzung erscheint aus Sicht des ABA Fachverbandes plausibel. Während bei „Integration“ davon ausgegangen wird, nicht angepasste, auffällige oder Menschen „mit Förderbedarf“ gehörten – etwa durch pädagogische Interventionen – in die Gesellschaft integriert, bewertet „Inklusion“ solche Differenzierungen als obsolet. Vielmehr hätten Menschen gemeinsame Interessen und gesellschaftliche Teilhabebedürfnisse, die sich in ihrer jeweiligen Individualität widerspiegelten. Inklusion meint, dass es zwar spezielle Methoden und Wünsche zur Zielerreichung gebe, Menschen allerdings per se „dazugehörten“. Diese konzeptionelle Sichtweise entspricht in der Tat dem fachpolitischen wie philosophischen Selbstverständnis des ABA Fachverbandes.
Gemeinsam Inklusion gestalten
„Jeder Mensch ist einmalig. Und jeder Mensch kann etwas beitragen zu einer Gemeinschaft, die Vielfalt wertschätzt und Teilhabe für alle aktiv ermöglicht. Das ist die Idee von Inklusion, die wir gemeinsam mit Ihnen in der Praxis gestalten wollen. Wir haben bereits einige Anregungen zusammengetragen, wie der positive Umgang mit Verschiedenheit und Vielfalt verwirklicht werden kann.“ So heißt es in dem Arbeitsbuch „Kommunaler Index für Inklusion“ der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft.
Die Montag Stiftung freut sich über Ihre Mitwirkung. Erschienen ist unter anderem ein Arbeitsbuch, das sich als „Mitmachbuch“ versteht. Eingeladen wird dazu, eigene Ideen zu entwickeln und zu dokumentieren. Entstehen soll ein Handbuch „Kommunaler Index für Inklusion“. Dieses soll schließlich Organisationen und Einrichtungen in den Kommunen zur Verfügung gestellt werden.

Zur Internet-Präsenz der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft
Beiträge
Dr. Heinz-Lothar Fichtner befasst sich in der KiTa NRW 4/2009 aus juristischer Sicht mit dem Thema Auf dem Weg von Integration zur Inklusion, nachdem die UN-Behindertenrechtkonvention in Deutschland ratifiziert wurde.
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NAGEL-Redaktion – i-Punkt
ABA Informationsdienst
Im Rahmen der Weiterbildungsarbeit erscheint monatlich der i-Punkt, der Informationsdienst des ABA Fachverbandes. Dieser wendet sich primär an die Mitglieder des Verbandes. Andere fachlich Interessierte konnten ihn bis Anfang 2010 ebenfalls bestellen. Hier nehmen wir ab dem 1. April 2010 eine Änderung vor: Wir stellen ihn ab dann auschließlich unseren Mitgliedern zur Verfügung. Nichtmitglieder, die im Verteiler sind, genießen augenblicklich eine Art Bestandsschutz. Wir behalten uns vor, den Verteiler sukzessive zu reduzieren. Denjenigen, die auf längere Sicht Interesse am Bezug haben, möchten wir empfehlen, sich zu einer Mitgliedschaft zu entschließen, da wir ein dauerhaftes Abonnement nicht garantieren. Verschickt wird der i-Punkt einmal monatlich als E-Mail. Andere Bezugsmöglichkeiten bestehen leider nicht.
Mitglied im ABA Fachverband werden
Der ABA Fachverband ist gemeinnützig aktiv; er handelt ausschließlich nichtkommerziell. Sowohl mit dem Versand des Informationsdienstes als auch mit den Angeboten im ABA-Netz werden weder unmittelbar noch mittelbar kommerzielle Erwerbszwecke verfolgt. Im Gegenteil: Vielmehr investiert der Verband selbst in die Gestaltung seiner Medien, um seinen Mitgliedern sowie weiteren fachlich Interessierten hilfreiche Informationen an die Hand zu geben. Dies steht im Einklang mit dem Auftrag des Verbandes als nichtgewerbliche Einrichtung der Weiterbildung.
Der i-Punkt ist ausschließlich zum persönlichen Gebrauch bestimmt, dient eigenen Weiterbildungszwecken und darf nicht weitergeleitet werden.
ABA ist ein Fachverband für handlungsorientierte Pädagogik, Dach- und Fachverband für Kinder- und Jugendzentren, Abenteuer- und Bauspielplätze, Kinderbauernhöfe und Jugendfarmen, Spielmobile sowie andere Offene Spiel- und Bildungsräume, Spielplatzgestaltung, Spielplatzpaten, Institutionen kinderfreundlicher Stadtplanung, der Ausbildung sowie der Interessenvertretung für Kinder und Jugendliche. Der ABA Fachverband (gegründet 1971) ist ein gemeinnütziger Verein, parteipolitisch und konfessionell ungebunden und als Träger der Freien Jugendhilfe öffentlich anerkannt. Er setzt sich für die Interessen, den Schutz und die Rechte von Kindern und Jugendlichen im Sinne der UN-Kinderrechtskonvention ein. Der ABA Fachverband ist eine Organisation in der AGOT-NRW. Gefördert wird die Arbeit des Verbandes durch das Land Nordrhein-Westfalen.
Redaktionsschluss für den i-Punkt ist jeweils zehn Tage vor Monatsende.
NAGEL-Redaktion – Gesundheit des Personals
Die Seite wurde im Dezember 2010 begonnen. Mittlerweile beschäftigen sich einige Organisationen mit gesundheitlichen Aspekten – auf das Personal in den Einrichtungen bezogen. Wir haben uns dazu entschlossen, hilfreiche Informationen zum Thema ebenfalls anzubieten. Dabei hoffen wir auf Unterstützung von Gruppierungen, denen die Theamatik ebenfalls ein Anliegen ist, so etwa die GEW.
Kürzlich erreichte die NAGEL-Redaktion eine Broschüre, die die sächsische Staatsregierung zur Erzieherinnengesundheit Ende 2008 herausgegeben hat.
Schwerpunkt ist die gesundheitliche Situationen von Erzieherinnen in Kitas. Zahlreiche Aspekte dürften allerdings auch auf andere Bereiche übertragen werden können, in denen pädagogisches Fachpersonal tätig ist. Interesse? Titel anklicken!
Inhalt
Notwendigkeit von Arbeits- und Gesundheitsschutz sowie Gesundheitsförderung bei Personal in Kindertageseinrichtungen
Rechtliche Grundlagen
Tipps zur praktischen Umsetzung des Arbeits- und Gesundheitschutzes
Handlungsfelder – Probleme erkennen und lösen
Informationen – Veranstaltungen – Weiterbildungen
Kopiervorlagen
Seite wird fortgesetzt!
NAGEL-Redaktion – Gesundheit
Bewegung? Aber ja doch! Und wie!

Gesundheitsförderung auf einem Abenteuerspielplatz – ganz natürlich (Foto: Rainer Deimel)
Sie finden hier Zugang zum Thema Gesundheit von „Kindern und Jugendlichen“. Nachfolgend gibt es Links und Hinweise zu Dokumenten und zentral bedeutsamen Institutionen. Seit geraumer Zeit interessiert uns das Thema ganz besonders. Gesundheitsförderung gehört zu einer der fachlichen Prämissen des ABA Fachverbandes. Sollten Sie ebenfalls Interesse am Thema haben, empfehlen wir Ihnen, sich ferner unseren Informationsdienst i-Punkt im Verzeichnis NAGEL-Redaktion (ABA-Informationsdienst) herunterzuladen. Dieser wird Ihnen monatlich auf Anfrage auch gern zugesandt. Im i-Punkt gibt es regelmäßig eine Sparte zum Thema „Gesundheit“.

Foto: Rainer Deimel
Kinder, Jugendliche und Gesundheit
Auf einer Extra-Seite gibt es diesen Beitrag von Rainer Deimel – Dorthin wechseln
2010
Gesundheit lernen – Wohnquartiere als Chance für Kinder
Ein Kooperationsprojekt von Bertelsmann Stiftung, Robert Koch-Institut und empirica AG (2010)

Zum Herunterladen bitte Titel anklicken!
Kinder in Deutschland haben ungleiche Bildungs- und Gesundheitschancen. Zahlreiche Studien belegen deren Abhängigkeit von der sozialen Herkunft der Mädchen und Jungen. Aber auch das direkte Lebensumfeld, der Ort, an dem Kinder und Jugendliche aufwachsen, entscheidet mit über ihre Entfaltungsmöglichkeiten und fördert oder hemmt gesunde Entwicklungsbedingungen. Einige Kommunen verfolgen daher verstärkt quartiersbezogene Ansätze und steuern ihre Politik für Kinder, Jugendliche und Familien mit Blick auf deren Sozialräume. Dass dies der richtige Weg ist, bestätigt die vorliegende Studie von empirica, Robert Koch-Institut und Bertelsmann Stiftung. © 2010 Bertelsmann Stiftung
Rein ins Abenteuer!
Die „bleibgesund„, Mitgliederzeitschrift der AOK Westfalen-Lippe berichtete in einem „Service Spezial“ in ihrer Ausgabe 4/2010 zum Thema „Abenteuerspielplätze“. Einen ganzen Tag lang hat sich die Autorin Petra Sperling im Frühjahr 2010 zwecks Information und Recherche auf dem Abenteuerspielplatz Rahm in Dortmund aufgehalten. Im Artikel heißt es einleitend: „Hütten bauen, Brücken über den Bach schlagen, die Klamotten dabei so richtig einsauen und danach Stockbrot im Feuer backen. All das lieben Kinder. Und all das geht auf einem Abenteuerspielplatz.“ Der ABA Fachverband bedankt sich auf diesem Wege bei der AOK Westfalen-Lippe, das Konzept „Abenteuerspielplatz“ so umfassend bekannt zu machen. Wir bedanken uns auch bei der Autorin Petra Sperling und der verantwortlichen Redakteurin Annette Vorpahl von der „bleibgesund“ für ihre Zustimmung, den Artikel hier verwenden zu dürfen, und die erfreuliche Kooperation.
Zur Seite „Service Spezial: Rein ins Abenteuer!“
Allergieforschung: Allergieschützenden Stoff im Stallstaub entdeckt
Ruhr-Universität Bochum: Zuckermolekül aus Futterpflanzen dämpft Überreaktion des Immunsystems
Dass Kinder, die auf Bauernhöfen aufwachsen, seltener an Allergien und allergischem Asthma leiden, ist lange bekannt. Was sie allerdings davor schützt, war lange rätselhaft. „Die Suche nach der schützenden Substanz war wie die Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen“, erklärt Marcus Peters, Pneumologe an der Ruhr-Universität Bochum. Gemeinsam mit Kollegen aus München und Borstel analysierte er Stallstaub, der in den Stallungen von verschiedenen Bauernhöfen in Deutschland, Österreich und der Schweiz eingesammelt worden war. Mehr lesen
Was Kinder brauchen – oder: Gesundheit ist nicht konsumierbar
Kinder und Jugendliche von heute erleben vielfach ein Wechselbad zwischen Über- und Unterforderung, Überfluss und Mangel. Immer mehr Kinder reagieren darauf mit psychosomatischen und mentalen Störungen. Der Einsatz von Medikamenten dagegen sollte kritischer hinterfragt werden. Der Schlüssel zu mehr Gesundheit und Wohlbefinden liegt im Elternhaus, im Kindergarten und in der Schule. Ein Beitrag von Prof. Dr. Klaus Hurrelmann. Die Verwendung dieses Artikels erfolgt mit freundlicher Genehmigung der leitenden Redakteurin des Mitgliedermagzins „GESUNDHEIT konkret“ der BARMER GEK, Doris Goedecke-Vorberg. Zur Seite
AOK-Familienstudie 2010: Deutschlands Eltern schätzen Familienrituale
Deutschlands Eltern legen nach den Ergebnissen einer bisher einmaligen Repräsentativbefragung von Müttern und Vätern großen Wert auf gemeinsame Mahlzeiten, Familienrituale und gemeinsame Zeit mit ihren Kindern. Zugleich sind sie in der Frage der richtigen Ernährung für ihre Kinder verunsichert. Das geht aus der AOK-Familienstudie 2010 hervor. Die Studie zeigt, dass es bei der Gesundheit der Kinder hauptsächlich auf die Einstellung der Eltern und auf deren Vorbild ankommt, sagte der stellvertretende Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, Jürgen Graalmann am 1. juli 2010 in Berlin. „Wir werden deshalb in unserer Präventionsarbeit und vor allem im Rahmen unserer Initiative „Gesunde Kinder – gesunde Zukunft“ die Vorbildfunktion der Eltern stärker hervorheben.“
Professor Klaus Hurrelmann zufolge wird in der AOK-Familienstudie 2010 erstmals die Elterngesundheit untersucht. „Damit ist der Grundstein für eine Betrachtung der Gesundheit von Eltern über einen längeren Zeitraum hinweg gelegt“, sagte Hurrelmann. Zwar liegen nach seiner Einschätzung viele Daten zur Gesundheit von Kindern, nicht aber von deren Eltern vor. Mit der Schließung dieser Lücke „bringt die AOK den Eltern jetzt die verdiente Wertschätzung entgegen“, so Hurrelmann. Der renommierte Forscher leitete die Studie zusammen mit der Professorin Ulrike Ravens-Sieberer vom Universitätsklinikum Eppendorf in Hamburg.
Für die AOK-Familienstudie 2010 hat die Gesellschaft für angewandte Sozialforschung (GE-F-A-S) im Auftrag des AOK-Bundesverbandes zwischen Februar und April 2010 bundesweit mehr als 2.000 Mütter und Väter zum Alltag mit ihren vier- bis 14-jährigen Kindern befragt. Dabei zeigte sich, dass Einstellung und Vorbildfunktion der Eltern wichtiger sind als die sozioökonomischen Verhältnisse. „Die Studie belegt, dass viele gesundheitsfördernde Selbstverständlichkeiten in den Familien bereits gelebt werden“, betont Graalmann. „Diese positive Einstellung wollen wir mit unserer Präventionsarbeit stärken.“ Die Untersuchung liefert auch Hinweise darauf, dass nicht nur die Kindergesundheit, sondern auch die Gesundheit der Eltern noch mehr unterstützt werden muss.
Die Studie 2010 ergänzt die Untersuchung zum Auftakt der Initiative „Gesunde Kinder – gesunde Zukunft“ aus dem Jahr 2007. Damals wurde in einer qualitativen Erhebung aufgezeigt, dass ein gesundes Aufwachsen von Kindern auch unter ungünstigen wirtschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen möglich ist.
Übergewicht durch falsche Ernährung und Bewegungsmangel sowie psychische Auffälligkeiten in Form von chronischen Stressreaktionen und Verhaltensauffälligkeiten sind nach Hurrelmanns Worten die wichtigsten Gesundheitseinschränkungen im Kindesalter. Gesundheitsrelevante Alltagsroutinen und nicht die sorgsam vorbereiteten Extras im Tagesablauf seien die Basis für eine erfolgreiche Gesundheitsbildung im Alltag. Nach Angaben Ravens-Sieberers wirken sich ein harmonisches Familienklima sowie gemeinsam in der Familie regelmäßig verbrachte Zeit besonders günstig auf eine gesundheitsfördernde Entwicklung aus. „Kinder, die ihre Mahlzeiten im Familienkreis einnehmen, sind eher vor Übergewicht geschützt“, so die Wissenschaftlerin.
AOK-Bundesverband vom 1. Juli 2010
AOK-Familienstudie 2010 herunterladen
2009
Gesund groß werden: Was Kinder krank macht – und welche Rezpete helfen
Das war das Thema des aufschlussreichen DJI Bulletins 3/2009 (Heft 87). Wir empfehlen Interessierten dieses Heft sehr. Zusätzlich als Bulletin PLUS im Heft: Gesundheit neu denken
DJI Bulletin 87 herunterladen
Stadtkinder: Parks helfen der Gesundheit
Forscher von der Medizinischen Fakultät der Universität in Indianapolis und Washington haben nachgewiesen, dass eine grüne Umgebung und freie Flächen in der Stadt positive Auswirkungen auf die Gesundheit der Kinder haben. Dort zeigten Kinder im Verlauf von zwei Jahren eine geringere Gewichtzunahme als Kinder in städtischen Regionen ohne Grünflächen in nächster Nähe. Kinder, die in dicht bewohnten Regionen leben, brauchen mehr Möglichkeiten, sich draußen zu bewegen. Dadurch verringert sich auch ihr Risiko für Übergewicht.
Die amerikanischen Forscher um Dr. Gilbert C. Lui beobachten 3.800 Kinder zwischen 3 und 16 Jahren, die zwei Jahre ihren Wohnsitz in der Stadt nicht gewechselt hatten. Zur Beurteilung des Anteils an Vegetation und Spielräumen in der Umgebung nutzten sie Satellitenaufnahmen. Das Ergebnis: Je grüner und weitläufiger die Bebauung in der Umgebung war, desto geringer war die Veränderung des Body-Mass-Index (BMI) der Kinder und Jugendlichen im Verlauf von zwei Jahren.
KU Gesundheitswelt 9/2009
Lerngesundheit durch Ressourcenorientierung
Autor: Eckhard Schiffer
Diese sehr empfehlenswerten Ausführungen konnten wir mit freundlicher Unterstützung von Dr. Eckhard Schiffer (Mitglied im Beirat des ABA Fachverbandes und Autor zahlreicher Bücher) auf eine spezielle Seite „Lerngesundheit“ stellen. Bedanken möchten wir uns bei ihm und bei Alexander Mavroudis vom Landesjugendamt Rheinland, der uns ebenfalls bei der Realisierung unterstützt hat.
Zur Seite
Kinder und Allergien – Ein Beitrag von Christiane Richard-Elsner, Mitglied im Beirat des ABA Fachverbandes
Allergische Erkrankungen sind in den letzten Jahrzehnten in allen Industireländern besonders bei Kindern vestärkt aufgetreten und zu einer Volkskrankheit geworden. Sie sind stets mit einer Eionschränkung der Lebensqualität verbunden.
Beitrag heunterladen
Bewegungsmangel bei Kindern – Ursachen, Folgen und Veränderungsmöglichkeiten – Ein Beitrag von Christiane Richard-Elsner, Mitglied im Beirat des ABA Fachverbandes
Kinder haben einen instinktiven Bewegungsdrang. Der Mangel an körperlicher Aktivität ist mittlerweile zu einem ernsten Problem nicht nur für die Familien, sondern für die gesamte Gesellschaft geworden.
Beitrag herunterladen
2008
Erkennen – Bewerten – Handeln: Zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland
Schlussbericht zur so genannten KIGGS-Studie. Herausgegeben von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und dem Robert-Koch-Institut, dem auch die Redaktion oblag. Ziel des gemeinsamen Werks ist es, einen Beitrag zur Verbesserung der Gesundheit der heranwachsenden Generation zu leisten. ABA Fachverband: Eine wichtige Arbeitshilfe für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen! (178 Seiten, 3,5 MB)
Bericht herunterladen
Schulkantinen – Lob und Tadel: Das LBS-Kinderbarometer hat das Mittagsessen in Schulkatinen untersucht.
Mitteilung vom 12. November 2008 hierzu herunterladen
Nationale Verzehrstudie II (Ergebnisbericht, Teil 1): Bundesweite Befragung zur Ernährung von Jugendlichen und Erwachsenen. Herausgeber: Max-Rubner-Institut (Bundesforschungsinstitut für Ernähnrung und Lebensmittel) mit dem Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, 2008. (173 Seiten, 1,7 MB)
Bericht herunterladen
2007
Gesundheitsbericht des Bundes 2006: Gesundheit in Deutschland. Erstellt vom Robert-Koch-Institut (224 Seiten, 5,7 MB); Zitierwünsche finden Sie dortselbst.
Dicke Kinder: Warum werden unsere Kinder immer dicker? Ein Beitrag von „Quarks & Co.“, gesendet am 26. Juni 2007.
Skript herunterladen
Die Bedeutung von Bewegung, Spiel und Sport in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit. Bei Beitrag von Sebastian Feis (Sportwissenschaftler). (62 Seiten, 257 KB). Dieser Beitrag wurde der NAGEL-Redaktion freundlicherweise von Sebastian Feis zur Verfügung gestellt.
Gesundheitsvorsorge im Kindes- und Teenageralter
Familienwegweiser: Ein Service des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend – Bei Interesse Logo des Ministeriums anklicken!
Vorsorgeuntersuchungen im Kindesalter sind überaus wichtig, um Entwicklungsstörungen und Krankheiten frühzeitig zu erkennen. Kinder haben bis zum vollendeten fünften Lebensjahr Anspruch auf insgesamt neun Untersuchungen (U1-U9). Die Mutter erhält nach der Geburt ein Untersuchungsheft, in dem die Ergebnisse jeder der neun Untersuchungen dokumentiert werden.
Bei Jugendlichen kann und sollte zwischen dem vollendeten 12. und 15. Lebensjahr eine Vorsorgeuntersuchung (J1) in Anspruch genommen werden. Diese umfasst neben der allgemeinen körperlichen Untersuchung auch das Überprüfen von Gewicht, Größe, Impfstatus, Blut und Urin. Außerdem können altersbedingte Probleme besprochen und geklärt werden.
Kinder und Jugendliche haben zudem Anspruch auf Zahnvorsorgeuntersuchungen. Diese sind als Vorbeugemaßnahme insbesondere gegen Karies wichtig.
Die Kosten für die Vorsorgeuntersuchungen werden bei gesetzlich und privat Krankenversicherten von den Krankenkassen, bei nicht Krankenversicherten vom Sozialamt übernommen.
Angebote der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA)
Durch einen Klick auf der Logo der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gelangen Sie auf dessen Startseite. Nachfolgend finden Sie diverse Spezialangebote der BZgA, Kinder und Jugendliche betreffend.
GUT DRAUF – eine Aktion der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung
(BZgA):
GUT DRAUF – unter diesem Motto hat die BZgA – wissenschaftlich fundiert und in enger Zusammenarbeit mit Fachleuten und Kooperationspartnern – auf der Grundlage eines integrierten Aufklärungskonzeptes die Jugendaktion GUT DRAUF entwickelt. Ziel dieser Aktion ist es, das Ernährungs- und Bewegungsverhalten wie auch die Stressbewältigung der 14- bis 18-jährigen Jugendlichen nachhaltig zu verbessern und damit einen entscheidenden Beitrag zur Gesundheitsförderung zu leisten. Die Annäherung an einen Zustand des umfassenden körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht lediglich das Freisein von Krankheit und Schwäche soll erreicht werden (vgl. Gesundheitsdefinition der WHO). In den wichtigsten Lebensbereichen – in der Freizeit, in der Schule, im Sportverein und auf Reisen – sollen Jugendliche gesundheitsbewusste Angebote erhalten, die Spaß machen und gesundheitsgerechtes Verhalten ganz selbstverständlich in den jugendlichen Lebensalltag integrieren. GUT DRAUF richtet sich vorrangig an Mittlerkräfte der Jugendlichen. Ziel ist es jegliche Akteure in der pädagogischen Arbeit, wie Jugendarbeiter, Erzieher, Lehrer, Reisebegleiter, Animateure, Sportpädagogen etc. zu befähigen GUT DRAUF Angebote umzusetzen. Wer die ganze Aktion kennenlernen will, klickt auf das folgende Logo.
Die Standards für GUT DRAUF für die Offene Kinder und Jugendarbeit – am Beispiel des Rhein-Sieg-Kreises – können hier geladen werden.
Kindergesundheit – Ein Spezialdienst der BZgA
Das Internetportal der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) rund um die Gesundheit und Entwicklung von Kindern. Eltern und Fachkräfte erhalten hier eine Vielzahl an Informationen zur gesunden kindlichen Entwicklung. Zu jedem Thema finden sich neben grundsätzlichen Informationen viele alltagsnahe Tipps, Antworten auf häufig gestellte Fragen, weiterführende Links und vieles mehr. Im Kanal „Rat & Hilfe“ erfahren Eltern darüber hinaus, an wen sie sich bei Fragen und Problemen in der Entwicklung und Gesundheit ihres Kindes sowie des Familien- und Erziehungsalltags wenden können. Fachkräfte, die in ihrer täglichen Arbeit mit Kinder zu tun haben, finden im Kanal „Für Fachkräfte“ Grundlagen und Hintergrundwissen zu Fragen der kindlichen Entwicklung.
Kinder stark machen – Ein Spezialdienst der BZgA
Kinder stark machen zielt darauf ab, Kinder und Jugendliche sowie erwachsene Kontaktpersonen mit biopsychosozialen Kompetenzen auszustatten, die ein suchtfreies Leben ermöglichen. Diese Kampagne, deren gegenwärtiger Schwerpunkt auf dem Freizeit- und Sportbereich liegt, wird in enger Kooperation mit den großen Breitensportverbänden sowie Organisationen aus der Jugendhilfe und Suchtprävention durchgeführt.
Informationen zur Jugendgesundheitsuntersuchung – Ein Spezialdienst der BZgA
Dieses Internet-Angebot der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung befindet sich zurzeit im Aufbau.
Gesunde Ernährung – Ein Spezialdienst der BZgA
Weitere Angebote

Netzwerk Kindergesundheit und Umwelt
Bündnis für eine enekeltaugliche Zukunft e.V.
Internet-Journal Gesundheitswissenschaften und Gesundheitsförderung
Um auf das 2007 eingestellte Internet-Journal Gesundheitswissenschaften und Gesundheitsförderung zu gelangen, klicken sie bitte auf das nachstehende Logo.
Internet-Journal Gesundheitswissenschaften und Gesundheitsförderung
Um auf das 2007 eingestellte Internet-Journal Gesundheitswissenschaften und Gesundheitsförderung zu gelangen, klicken sie bitte auf das vorstehende Logo.
Wir empfehlen ferner die Seiten des Frauengesundheitszentrum Graz. Sie gelangen über einen Mausklick auf die nachstehende Abbildung dorthin.
Zum Herunterladen
Vorsorgeuntersuchungen bei Kindern – Für Kinder gibt es elf kostenlose Vorsorgeuntersuchungen (U1 bis U10 bzw. J1). Je früher Störungen und Krankheiten erkannt werden, um so besser lässt sich etwas dagegen unternehmen. – Übersicht Vorsorgeuntersuchungen herunterladen
Gesund und munter in der Kita – Anregungen für einen bewegten Kita-Alltag – Auch für andere Einrichtungen geeignet (40 Seiten, 1,3 MB). Hedrausgegeben von der Unfallkasse Berlin (2007).
Broschüre herunterladen
Erste Ergebnisse der KIGGS-Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen des Robert-Koch-Instituts (2007) (188 Seiten, 1,3 MB). Zum Herunterladen bitte auf nachfolgenden Titel klicken!
Renate Höfer: Jugend, Gesundheit und der „Sense of Coherence“
Im vorliegenden Beitrag werden zum einen unter einer „Risikoperspektive“ die gesundheitlichen Gefährdungen der von Renate Höfer untersuchten Gruppe „institutionsauffälliger“ Jugendlicher aufgezeigt. Zum anderen wird aber unter einer salutogenetischen Perspektive dargestellt, welchen Beitrag der Sense of Coherence als generalisierte Bewältigungsressource bei der Bewältigung von alltäglichen Anforderungen für Gesundheit zu leisten vermag. Die Datenbasis bilden eine standardisierte Fragebogenerhebung bei 740 12-24jährigen und qualitative Interviews von 60 jungen Frauen und Männern aus der Fragebogenerhebung. (Deutscher Bildungsserver) – Der Beitrag erschien in: Zeitschrift für Gesundheitswissenschaften, Vol 6 (4), S. 341-357 (23 Seiten, 209 KB) 2006 – Hier eingestellt im Juli 2007
Stichwort: Salutogenese
Dr. Renate Höfer ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Praxisforschung und Projektberatung an der Ludwig-Maximilians-Universität, München, Departement Psychologie – Sozialpsychologie.
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Gerhard Nissen: Psychische Erkrankungen: Kindliche Angststörungen haben viele Gesichter
Was steckt dahinter, wenn ein 4-Jähriger seiner Mutter nicht von der Stelle weicht und sogar nachts den Vater aus dem Bett treibt? Oder wenn eine 12-Jährige sich weigert, in die Schule zu gehen? In dem Beitrag lesen Sie, wann Kinderängste als pathologisch eingestuft werden müssen, wie überängstliche Eltern zur Entstehung einer Angststörung beitragen können und welche Therapiemöglichkeiten es gibt. – Der Beitrag erschien in „pädiatrie hautnah“ 5/2004 (3 Seiten, 67 KB) – Hier eingestellt 2007
Prof. em. Dr. Gerhard Nissen ist an der Julius-Maximilians-Universität, Würzburg.
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Klaus Hurrelmann: Gesundheitssituation von Kindern und Jugendlichen
Trotz der Zunahme chronischer Krankheiten sind es nicht in erster Linie die körperlichen Erkrankungen, die Anlass zur Sorge geben. Beunruhigender ist die Zunahme von psychischen und soziomatischen Störungen. Klaus Hurrelmann beschreibt in seinem Beitrag ausführlich, woran Kinder und Jugendliche heute verstärkt leiden und erläutert Hintergründe und Ursachen. Einen Schwerpunkt widmet er dem Risikoverhalten junger Menschen und dessen psychischer und sozialer Bedeutung. – Der Beitrag erschien in ajs-informationen – Fachzeitschrift der Aktion Jugendschutz 1/2005, Stuttgart (15 Seiten, 113 KB) – Hier eingestellt im Juli 2007
Dr. Klaus Hurrelmann ist Professor für Sozial- und Gesundheitswissenschaften an der Universität Bielefeld, Direktor am Institut für Bevölkerungsforschung und Sozialpolitik und Leiter des Collaborating Center Jugendgesundheit der WHO. Seine wichtigsten Forschungsgebiete sind: Sozialisation, Bildung und Erziehung, Familie, Kindheit, Jugend und Gesundheit/Krankheit. Klaus Hurrelmann ist Mitglied im Beirat des ABA Fachverbandes.
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Rainer Steen: Bildungsqualität durch Gesundheitsförderung – Gesundheitsförderung durch Schulentwicklung
Obwohl es genügend Wissen darüber gibt, was zum Gelingen eines gesundheitsförderlichen schulischen Alltags und damit auch zu mehr Bildungsqualität beiträgt, bleiben viele Ansätze stecken, weil sie zu kurz greifen. Rainer Steen plädiert für eine neue Sichtweise: Weniger nach Defiziten und Gefahren zu fahnden als vielmehr nach Ressourcen und Lösungen zu suchen! Dabei ist das Setting Schule als Ganzes in den Blick zu nehmen: Gesundheit muss zum Thema der gesamten Organisation gemacht werden. Der Autor macht, ausgehend von einer Beschreibung der vielfältigen Belastungen von Schülerfinnen wie auch von Lehrer/innen konkrete Vorschläge, wie Schule „genesen“ kann. – Der Beitrag erschien in ajs-Informationen – Fachzeitschrift der Aktion Jugendschutz 1/2005, Stuttgart (8 Seiten, 484 KB) – Hier eingestellt im Juli 2007
Rainer Steen ist Referatsleiter für Gesundheitsförderung und Gesundheitsberichterstattung im Gesundheitsamt des Rhein-Neckar-Kreises/Heidelberg. Seine Arbeitsschwerpunkte sind: Gesundheitsförderliche Schulentwicklung und Lehrergesundheit (Praxisbüro „Gesunde Schule“), Salutogenese-Konzepte in pädagogischen und kommunalen Handlungsfeldern, Gesundheitsförderung und Öffentlicher Gesundheitsdienst.
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Links
Sprechstunde für Eltern – So das Verständnis des Ratgebers „Kindergesundheit“ des „Sterns“. „Stern“: Der Stand der Wissenschaft, von Medizinjournalisten gründlich recherchiert, unabhängig bewertet und verständlich aufbereitet. Zu den Seiten: Abbildung anklicken!
Foto: WAZ
Probleme mit Kopfläusen? Die NAGEL-Redaktion des ABA Fachverbandes hat hierzu eine spezielle Seite eingerichtet. Interesse? Hier klicken!
Zeckengefahr! Zecken breiten sich immer mehr aus. Die Baxter Deutschland GmbH hat eine informative Seite zum Thema eingerichtet. Sie erreichen Sie mittels eines Klicks auf vorstehendes Zeichen.
Beiträge bis 2005
Diese Links können Sie über einen Klick auf den Text laden.
Rainer Deimel: Kinder, Jugendliche und Gesundheit
ADS: Hunde beruhigen fast jeden Zappelphilipp
Haustiere mindern das Allergie-Risiko
Zu viel Hygiene Schuld an Allergien
Kleine Kinder nicht zu oft baden
Bewegungsmangel
Störquelle für eine Balance von Lernen und Leben bei Kindern
Depressionen bei Kindern und Jugendlichen
Fernsehen macht Kinder schlapp
NAGEL-Redaktion – Selbstbestimmung als Bildungsziel in der Praxis eines Mädchentreffs
Von Ulrike Graff
„Selbstbestimmung für Mädchen“, so lautet das grundlegende Anliegen feministischer Mädchenpädagogik. Damit hat sie einerseits dasselbe humanistische Bildungsziel wie andere kritisch emanzipatorische Pädagogiken auch, andererseits unterscheidet sie sich von ihnen in der Frage der Organisationsform in Bezug auf Geschlecht. Da feministische Pädagogik von der These ausgeht, dass die Selbstbestimmung von Mädchen in koedukativer Pädagogik behindert wird, strukturiert sie sich bewusst wieder geschlechtshomogen.
Der folgende Beitrag über den Mädchentreff Bielefeld untersucht, wie sich das Ziel Selbstbestimmung für Mädchen in diesem neuen geschlechtshomogenen Praxisfeld realisiert. Er referiert Ergebnisse einer qualitativen Studie, die von mir als Auswertung der Theorie und Praxis des Mädchenreffs durchgeführt wurde (Graff 1999). Als Mitinitiatorin und pädagogische Mitarbeiterin habe ich das selbstgesteckte Ziel, Mädchen in ihren Selbstbestimmungsprozessen zu unterstützen, evaluiert. In von Pädagoginnen und Mädchen geschilderten Situationen versuche ich, der Beziehung zwischen ihnen auf die Spur zu kommen. Beziehung, realisiert in Interaktion, ist einer der Orte, wo sich Pädagogik konkret abspielt.
Im vorliegenden Beitrag stelle ich zunächst exemplarische Interviewpassagen mit Mädchen aus dem Mädchentreff vor. Sie erzählen, welche Beziehungsmöglichkeiten sie im Mädchentreff zu den Pädagoginnen erleben, welche Art von Unterstützung und Anregung sie bekommen und welche Konflikte es für sie gibt. Dann analysiere ich die Geschichten gelungener und misslungener pädagogischer Situationen, die die Mädchentreff-Pädagoginnen erinnern. Hier wird es immer dann pädagogisch spannend, wenn die Mädchen anders sind oder andere Dinge tun als die Pädagogin erwartet. Die Frage nach Selbstbestimmung ist keine, die sich mit einem feministischen Konzept von selbst erledigt.
Der Mädchentreff wurde 1985 gegründet als eine der ersten Einrichtungen außerschulischer Mädchenbildungs- und Kulturarbeit in Nordrhein-Westfalen. Neu am Mädchentreff ist auch das Konzept einer feministischen Mädchenpädagogik; nach den Erfahrungen der Grenzen koedukativer Jugendarbeit macht es Geschlechtshomogenität bewusst wieder zu einem Prinzip der Arbeit (vgl. hier zunächst stellvertretend Spender 1985).
Im Begriff „Selbstbestimmung“ treffen sich hier zwei Traditionen: zum einen die pädagogische, deren klassisch-humanistische Aufgabe Erziehung zu Selbstbestimmung und Selbsttätigkeit ist (vgl. Benner 1983 sowie Hornstein in diesem Band), zum anderen die feministische, deren wichtigstes Ziel ebenfalls als „Selbstbestimmung für Frauen“ formuliert wird (vgl. Beyer u.a. 1983).
Im pädagogischen Diskurs nimmt die Auseinandersetzung mit dem Thema Selbstbestimmung breiten Raum ein: Erziehung zu Mündigkeit, Förderung persönlicher Autonomie, Emanzipation tauchen als „Bildsamkeitspostulat“ in geisteswissenschaftlicher Pädagogik (vgl. Dilthey 1961) ebenso auf wie in analytisch-empirischer (vgl. Brezinka 1974) und emanzipatorisch-kritischer Pädagogik (vgl. Mollenhauer 1974, Gamm 1979).
Dietrich Benner macht dies als „Grundstruktur pädagogischen Denkens und Handelns“ (Benner 1983) in einer Matrix deutlich:
|
das Individuelle von Erziehungspraxis |
das Gesellschaftliche von Erziehungspraxis |
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1. prinzipielle Bildsamkeit des Menschen zur Selbstbestimmung für eine produktive Freiheit, |
3. Erkennen der gesellschaftlichen Bedingtheit von Erziehung als ihre pädagogische Aufgabe, |
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2. Aufforderung zur Selbsttätigkeit der Individuen, |
4. Verständnis von Pädagogik als gesellschaftliche Praxis neben anderen Praxen (Arbeit, Kunst, Politik), die sich gemeinsam dem Streben für eine „bessere Welt“ verpflichten. |
Selbstbestimmung ist mit diesem Hintergrund klassisch pädagogisches Ziel. Es ist der positiven Utopie verpflichtet, dass alle Menschen frei und demokratisch über ihre Kompromisse zwischen individuellen und kollektiv-gesellschaftlichen Belangen entscheiden können sollen.
Dieses Ziel verweist auf ein Menschenbild, für das ein „Selbst“ als selbstreflexives Bewusstsein konstitutiv ist. Dieses Selbst steht in dialektischem Verhältnis zur Umwelt, d.h. es lernt im Handeln mit anderen als Individuum die Balance zwischen eigenen Interessen und Anforderungen des Kollektivs.
Bezugspunkte für eine feministische Begründung von Selbstbestimmung können zwei Arbeiten bilden, zum einen:
die amerikanische Untersuchung „Die verlorene Stimme“ (Brown/Gilligan 1994). Sie fragt als Weiterentwicklung von Carol Gilligans Studie zu weiblicher Moral (Gilligan 1984) nach dem Wissen, das Mädchen über Beziehungen haben, wie sich dies mit der Adoleszenz verändert und welche Bedeutung erwachsene Frauen für eine „eigene Stimme“ von Mädchen haben.
Zum anderen: die Überlegungen des Mailänder Frauenbuchladens zum Konzept „affidamento“ (Libreria delle donne 1988). Affidamento heißt wörtlich: „sich anvertrauen“, Frauen vertrauen sich einander an.
Dies wird entwickelt als politisch-feministische Strategie in einer patriarchalen Kultur, die Männer und Frauen auf den Vater-Mann-Sohn zentriert und die Beziehungen unter Müttern-Frauen-Töchtern leugnet oder diffamiert. Konkrete und symbolische Frauenbezogenheit will diese Struktur männlicher Herrschaft aufbrechen und gilt als Voraussetzung für weibliche Selbstbestimmung.
Feministische Mädchenpädagogik überträgt dies Konzept der Geschlechtshomogenität sowohl auf die Mädchen als Adressatinnen als auch auf die Pädagoginnen als Professionelle. Intendiert ist hier zum einen die Stärkung der Beziehungen der Mädchen untereinander, zum anderen die bewusste Auseinandersetzung mit dem Mädchen-/Frauenbild der Mädchen durch Prozesse positiver oder negativer Identifikation zwischen Mädchen und Pädagoginnen (vgl. Haasis 2002).
Feministische Pädagogik will „Selbstbestimmung für Mädchen“ anstatt „Gleichberechtigung mit Jungen“ und kombiniert dieses Ziel mit der Form Geschlechtshomogenität. Mädchen sollen ohne direkten männlichen Einfluss entscheiden können, wer und wie sie sein wollen. Feministische Pädagogik überträgt damit die feministische Strategie der Frauenbezogenheit als Voraussetzung für weibliche Selbstbestimmung auf die Pädagogik.
Bildungsziele formulieren einen Horizont für pädagogisches Handeln, sie sagen, was Jungen und Mädchen lernen sollen: „Selbstbestimmung bezeichnet die erlernbare Fähigkeit, Beziehungszusammenhänge in der Lebensumwelt aufzugreifen, ihre Wertgrundlage zu erfassen und in Auseinandersetzung mit ihnen nach eigenem Urteil Handlungsstandards zu entwickeln.“ (Schiefele 1974, S. 12)
Diese Definition stellt Selbstbestimmung als Ziel von Bildung, als erlernbare Fähigkeit, dar.
Im Kontext feministischer Pädagogik werden Bedingungen formuliert, die Selbstbestimmungsprozesse von Mädchen positiv beeinflussen:
- Formen geschlechtshomogener Pädagogik, die in emanzipatorischer Absicht eingerichtet werden, sind geeignet, Mädchen (und Jungen) ein Lernfeld für persönliche Entwicklungen zu geben, die traditionelle Rollenklischees von Weiblichkeit (und Männlichkeit) überschreiten können (vgl. Lemmermöhle 1996).
- Selbstbestimmung in der Entwicklung von Geschlechtsidentität braucht einen experimentellen Freiraum. Freiraum heißt im Kontext des Mädchenreffs: die Abwesenheit männlicher Konkurrenz und eines normierenden männlichen Blicks.
- Das ermöglicht Mädchen sowohl die Übernahme von Positionen und Aktivitäten, die überwiegend Jungen besetzen (Dominanz, Leitung, Aggressivität, Technik, Sport, Rockmusik), als auch das Ausleben sogenannter mädchentypischer Kompetenzen und Vorlieben (Beziehungsorientiertheit, Kooperation, Versorgung, Gestaltung, Körperpflege, Tanz, Schreiben) (vgl. Metz-Göckel 1999).
- Die Qualität eines Freiraums für Selbstbestimmung liegt dann in der Möglichkeit des Ausprobierens der einen oder anderen Rolle, ohne auf alte traditionelle oder auf neue „feministische“ Mädchenbilder festgelegt zu werden; insofern kann die Eröffnung von „Selbstbestimmung“ auch einen Feiraum von feministischer Normierung beinhalten. Wenn diese Erfahrungen mit pädagogischer Hilfe reflektiert werden können, unterstützt das Selbstbestimmung von Mädchen
- Selbstbestimmung entwickelt sich an und in Beziehungen. Für Selbstbestimmungsprozesse von Mädchen haben eine starke Mädchen peer group und erwachsene Frauen als Vorbilder einen großen Stellenwert. Die Beziehung zwischen Pädagogin und Mädchen muss sowohl positive Identifikation als auch negative Abgrenzung seitens der Mädchen erlauben, das heißt eine Selbstbestimmungsorientierte Beziehungsgestaltung ist auch „konfliktfreundlich“. Dann fördert sie die aktive Auseinandersetzung der Mädchen mit dem eigenen Mädchen- und Frauenbild und damit einen bewussten Selbstentwurf (vgl. Brown/Gilligan 1994).
Selbstbestimmung ist ein zentraler Begriff in Theorie und Praxis des Mädchentreffs: er ist pädagogische Zielkategorie der Konzeption und er ist thematisch präsent im Mädchentreff als Ort, wo Lebensplanung und Berufsorientierung in Seminaren oder in offenen Alltagsgesprächen stattfinden. Er konkretisiert sich dort in den Situationen, die Mädchen und Pädagoginnen gemeinsam erleben, in pädagogischen Beziehungen.
Als Untersuchungsgegenstand entzieht sich Selbstbestimmung eindeutigen, operationalisierenden Hypothesen: Sie kann nicht an Entscheidungsergebnissen überprüft werden, wie etwa: die Entscheidung für einen technischen Beruf ist „selbstbestimmter“ als die Entscheidung für einen sozialen Beruf. Selbstbestimmung ist ein Begriff, der etwas über die Qualität eines Entscheidungsprozesses aussagt. Insofern geht es in der diesem Text zugrunde liegenden Studie darum zu untersuchen, wieSelbstbestimmungsprozesse von Mädchen unterstützt werden.
Selbstbestimmung als Entscheidungskompetenz braucht Raum und Gelegenheit für Entscheidungen, braucht sowohl Entscheidungsmaterial/-inhalte/-alternativen, als auch die Fähigkeit zu Selbstreflexion, um die Integration von Norm und Individualität, von eigenen und äußeren Perspektiven als bewussten Prozess gestalten zu können. Selbstbestimmung entwickelt und übt sich im Kontakt und in Konflikten. Und sie braucht solidarische Bezugspersonen.
Der Mädchentreff muss auf die Bedingungen hin betrachtet werden, die er für Selbstbestimmungsprozesse von Mädchen schafft. Im Sinne des Konzeptes des pädagogischen Affidamento heißt das, die Beziehungen zwischen Pädagoginnen und Mädchen ins Zentrum der Untersuchung zu setzen.
Der Mädchentreff Bielefeld als offene Freizeit-, Bildungs- und Kultureinrichtung wurde von mir im Rahmen einer pädagogischen Praxisforschung (vgl. Graff 1997) im Hinblick auf die Realisierung seines Bildungsziels Selbstbestimmung untersucht
Die Studie ist angelegt als qualitativ-empirische Analyse der Pädagogik des Mädchentreffs. Diese Analyse findet auf zwei Ebenen statt:
- auf der Ebene pädagogischer Situationen als konkrete Praxis des Mädchentreffs; diese Situationen wurden eingefangen in zehn selbstreflexiven Geschichten von fünf Pädagoginnen zum Thema „Selbstbestimmung“. Dieses Material eröffnet den subjektiv-professionellen Blick z.B. auf Alltagsbedingungen, Beziehungsdynamiken, Handlungsaspekte.
- auf der Ebene der Adressatinnen, der Mädchen als Besucherinnen des Mädchentreffs; in Leitfadeninterviews wurden 13 Mädchen daraufhin befragt, was Selbstbestimmung für sie bedeutet und welchen Stellenwert der Mädchentreff in diesem Zusammenhang für sie hat; anders gesagt: welche Erfahrungen und Bedingungen sie im Mädchentreff als förderlich (oder hinderlich) für eigene Selbstbestimmung erlebten.
Das Material wurde in Kontext der Methodologie qualitativer Sozialforschung mit dem Instrument der „strukturellen Beschreibung“ (Schütze 1984) ausgewertet, hier können jedoch nur Zusammenfassungen der ausführlichen Interpretationen des Material vorgelegt werden.
Die Untersuchung bringt Erkenntnisse darüber, wie sich in einem feministischen geschlechtshomogenen Feld Pädagogik realisiert, im Hinblick auf ihr Bildungsziel Selbstbestimmungsprozesse von Mädchen zu unterstützen. Sie erforscht pädagogische Beziehungen in einem Mädchentreff anhand der von den Mädchen und Pädagoginnen erinnerten Begegnungen, Situationen, Ereignisse, Konflikte, Ärgernisse und Highlights. Die „feine“ Analyse dieses empirischen Materials bringt Ergebnisse, die zunächst auf der Ebene der Rekonstruktion pädagogischer Phänomene und dann auf der Ebene von Verstehen alltäglicher pädagogischer Interaktion liegen.
Zum anderen wird die Pädagogik innerhalb eines Mädchentreffs evaluiert, um Leistungen und Probleme der Praxis zu identifizieren, aber auch um Jugendhilfeplanungen und Jugendpolitik empirisch fundierte Hinweise zu geben auf die Bedeutung dieser relativ jungen (wieder) geschlechtshomogenen Einrichtungen im Feld der Jugendarbeit.
Eine Annäherung an konkrete förderliche und hinderliche Bedingungen im Hinblick auf die Realisierung des Bildungsziels „Selbstbestimmung für Mädchen“ soll nun zum einen auf institutioneller Ebene: Mädchentreffs als Einrichtungsform der Jugendarbeit und zum anderen auf der Ebene pädagogischer Praxis als Beziehungsarbeit passieren.
Die Sicht der Mädchen
Die Evaluation einer Pädagogik im Hinblick auf ihr Ziel, Selbstbestimmungsprozesse zu unterstützen, muss nach Brumlik (1992) die Selbstaussagen ihrer Adressatinnen einbeziehen. In der vorliegenden Studie wurden daher Besucherinnen über ihre Zeit im Mädchentreff interviewt.
Ein Mädchentreff als Ort für Mädchen
1. „Wir werden akzeptiert wie wir sind!“
Ein wesentliches Ergebnis der Interviews mit den Mädchen ist ihre durchgängige Aussage, sie fühlen sich im Mädchentreff so akzeptiert, wie sie sind. Dieses Akzeptieren geht für sie über das hinaus, was sie in Schule oder Freizeit erleben: Sie fühlen sich ernst genommen sowohl mit ihren Bedürfnissen nach „abhängen, Spaß, rumflippen“, als auch mit Anliegen und Problemen, die sie außerhalb des Mädchentreffs haben. Dabei ist für sie wichtig, nicht danach beurteilt zu werden, was ein „richtiges“ Mädchen macht. In der Anerkennung der Vorlieben und Neugierden müssen sie nicht mit Jungen konkurrieren.
Diese ungewöhnliche Erfahrung stärkt ihr Selbstbewusstsein und unterstützt sie in ihrer Selbstbestimmung sowohl bei alltäglichen Entscheidungen als auch bei Entscheidungen, die ihre Berufs- und Lebensplanung betreffen. Die Mädchen sagen, dass die Pädagoginnen „für sie da sind“. Dabei geht es um „da sein“ in Bezug auf Interessen bei anderen, in der Schule oder zu Hause. Sie erleben, dass sie legitime Rechte haben und die Pädagoginnen sich für sie und ihre Rechte einsetzen. Sie werden ermutigt, ihre Rechte wahrzunehmen und durchzusetzen. Insofern macht der Mädchentreff Selbstbestimmung relevant als etwas, was Mädchen zusteht, und bricht mit der kulturellen Haltung Mädchen gegenüber, in erster Linie „nett“ zu sein, und d.h. oft, ihre eigenen Interessen denen anderer unterzuordnen (vgl. Brown/Gilligan 1994).
2. „Der Mädchentreff unterstützt uns Mädchen in Krisen!“.
Viele Mädchen erzählen, dass sich die Pädagoginnen in großen persönlichen Krisen parteilich für sie eingesetzt haben. Dabei machen sie deutlich, dass sie es keineswegs als selbstverständlich erleben, dass Menschen in ihrem Umfeld sich in Konfliktsituationen auf die Seite von Mädchen stellen. In einer Kultur, die Mädchen noch immer sehr viel weniger Experimente und Fehler zugesteht als Jungen, empfinden sie es als besonders, wenn ihre Interessen gegenüber anderen verteidigt, wenn sie bei der Bewältigung von Fehlern unterstützt werden und wenn versucht wird, für die Realisierung ihrer Pläne Raum zu schaffen. Mädchenparteiliche Ressourcen dieser Art scheinen angesichts des aktuellen, ?modernen? Mädchenbildes zunehmend wichtig zu sein. Die Auswirkungen von Pluralisierung und Individualisierung (vgl. Beck 1993) machen es heute nötig zu fragen:
„Wie also können Konflikte/Probleme, auch Zuwendungsbedarf von Mädchen erkannt werden, wenn ihre Bewältigung für das Erscheinungsbild verschwiegen werden muss: ich habe keine Probleme, ich bin nicht benachteiligt, ich bin kompetent.“ (Bitzan/Daigler 2001, S. 209)
3. „Es ist nicht selbstverständlich für uns Mädchen, in den Mädchentreff zu kommen!“
Die Mädchen beschreiben, dass sie immer wieder erklären müssen, warum sie in den Mädchentreff zu gehen. Ein Mädchentreff provoziert eine Stellungnahme zum Geschlechterverhältnis, weil er eine Kategorie Geschlecht explizit macht: „Mädchen“. Warum ein extra Mädchentreff in einer Gesellschaft, die von der Gleichberechtigung ausgeht und getrenntgeschlechtliche Einrichtungen als überholt ansieht? Ein Mädchentreff ist mit der feministischen Begründung für sein geschlechtshomogenes Konzept immer auch Kritik am bestehenden Geschlechterverhältnis. Pädagogik speziell für Mädchen ist traditionell für die, die sie „nötig“ haben. Mädchenarbeit ist nicht wirklich selbstverständlich und positiv anerkannt. Mädchenräume gelten in unserer Kultur nach wie vor als defizitär. Das konstruierte Defizit bezieht sich zum einen auf die Situation selbst, es besteht angeblich im Mangel an Jungen. Es existiert eine Art black box: „Was machen Mädchen denn so ohne Jungen?“ Geselligkeit, Spaß, interessante und relevante Kontakte können demnach nur gemischtgeschlechtlich gedacht werden, genauer: Jungen sind dafür als Anwesende notwendig. Jungen allein hingegen gelten nicht als „allein“. Gesellige Situationen mit Jungen sind mit Attributen wie interessant, spannend, wichtig, richtig belegt. Entsprechend werden gesellige Mädchensituationen als langweilig, unvollständig, vorläufig, nicht wichtig und nicht richtig bezeichnet. Für Mädchen ist es schwer, sich dem herrschenden Bild vom Mädchen, das nur stark und akzeptiert ist, wenn es sich auf Jungen bezieht, entgegenzustellen.
Wenn Mädchen in den Mädchentreff gehen, müssen sie sich mit dem kulturellen Status von Mädchen in dieser Gesellschaft auseinander setzen. Ein Mädchentreff ist eine „kulturkritische“ pädagogische Einrichtung, die Mädchen eine eigene Kultur einräumen will, neben einer von Jungen dominierten Jugendkultur. Ein Mädchentreff sagt: Darauf haben Mädchen ein Recht. Er sagt nicht: das haben Mädchen nötig. Auf diesem Hintergrund reflektieren die Mädchen ihr Selbstbild, wenn sie den Mädchentreff aufsuchen, und sie müssen von außen provoziert Stellung beziehen. Das macht die Hürde für den Besuch des Mädchentreffs als offene Freizeit- und Kultureinrichtung sehr hoch. Andererseits erringt sich ein Mädchen mit Überschreiten dieser Hürde ein Stück Selbstbestimmung gegen die dominante Kultur der Gemischtgeschlechtlichkeit.
Im Rahmen offener Jugendarbeit wird mit einem Mädchentreff Raum für Mädchen geschaffen, ohne geschlechtsspezifische Einschränkungen und Zuschreibungen aufgrund direkter Interaktion mit Jungen. Mit Michael Walzer (1992) könnte man sagen, dass der Mädchentreff eine „Sphäre der Gerechtigkeit“ darstellt, innerhalb einer „Pädagogik der Vielfalt“ (Prengel 1993), in der Mädchenkultur anerkannt wird neben und in einer von Jungen dominierten Jugendkultur (vgl. BKJ (Hg.) 2000). Das ist das eigentlich historisch/gesellschaftlich Neue an einem Mädchentreff: er ist ein öffentlicher, damit im Symbolischen präsenter (vgl. Muraro 1989), positiv besetzter Raum für mädchenbezogene Geselligkeit, ein Freiraum für Selbstbestimmung und Eigensinn jenseits von pädagogischen Defizitkonstruktionen, oder anderen erzieherischen Zumutungen. Mädchen können kommen und gehen, wann sie wollen, ohne etwas lernen zu müssen und ohne Probleme haben zu müssen. Mädchen prägen und gestalten ihre eigene Kultur (vgl. Jaeckel 1998; Möhlke/ Reiter 1995). Mit diesem Bildungspotential wird institutionell umgesetzt, was Annedore Prengel in der „Pädagogik der Vielfalt“ (1993) als Gegenentwurf zu „Assimilationspädagogik“ fordert. Der gleichberechtigten Anerkennung und Pflege differenter Kulturen soll Ausdruck in eigenen Orten gegeben werden.
Die Beziehung der Mädchen zu den Pädagoginnen
Gerade Selbstbestimmung als Bildungsziel verlangt ihre Konkretisierung durch die Adressatinnen: welches Verständnis haben sie von ihrer Selbstbestimmung in pädagogischen Prozessen, die sie freiwillig suchen?
Im Folgenden wird die Synopse der Interpretationen von Interviewpassagen vorgestellt, in denen die Mädchen über die Pädagoginnen und ihre Beziehungen zu ihnen sprechen. Weiter unten werden die Inhalte dieser Liste an einzelnen Beispielen belegt.
– Es ist eine Beziehung unter Verschiedenen und das finden sie gut so.
– In der Beziehung erwarten sie, dass die Pädagogin ihnen ihr Mehr an Wissen zur Verfügung stellt.
– Sie erwarten Verschwiegenheit von der Pädagogin.
– Sie nutzen die Pädagogin zur Stärkung ihrer eigenen Interessen.
– Sie machen deutlich, wie wichtig ihnen ihre Selbstbestimmung ist.
– Sie kritisieren einen unoffenen Umgang der Pädagoginnen mit den zu befolgenden Regeln im Mädchentreff.
– Sie merken, wenn sie nicht ernst genommen werden und kritisieren das.
– Sie behalten im Kontakt die Verantwortung für sich selbst.
– Sie übernehmen die Verantwortung in der Interaktion, wenn sie meinen, die Pädagogin zu überfordern.
Als Quintessenz aller Deutungen im empirischen Material stellt sich heraus: die Mädchen schätzen die Differenz zwischen sich und der Pädagogin positiv.
An der Differenz zwischen Mädchen und Pädagogin lassen sich alle Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, positive Unterstützung und negative Einmischung in der Beziehung zwischen Mädchen und Pädagogin verhandeln (vgl. Bitzan/Daigler 2001, 174ff.; Wolf 1998, S. 172f.).
Die drei nun folgenden Beispiele beziehen sich auf Beziehungssituationen, in denen Ratsuchen und Ratgeben im Mittelpunkt stehen Sie belegen die oben nur zusammengefassten differenzierten Interviewaussagen.
Susanne (15 Jahre alt, Schülerin der Laborschule Bielefeld, Rollifahrerin) entwirft unter dem Motto „… ich brauche die Pädagoginnen auch!“ ein klares Konzept der Beziehung zwischen Mädchen und Pädagogin auf der Basis von Differenz und Gleichheit: Differenz der Rollen bei gleichem Anspruch auf Anerkennung der verschiedenen Rollen. Die Rolle der Pädagogin ist die derjenigen, die für Mädchen da ist, ihnen auf Nachfrage hilft; die Rolle der Mädchen ist die der Ratsuchenden, die sich mit der Bitte um Unterstützung an die Pädagogin wendet. Das ermöglicht Susanne ganz selbstverständlich und ohne sich klein oder abhängig zu fühlen, Rat und Hilfe nachzufragen. Die Differenz der Rolle und das Mehr an Wissen und Erfahrung macht die Pädagogin interessant für Susanne. Sie findet es „angenehm“, dass diese klare und unkomplizierte Art der Beziehung im Mädchentreff möglich ist. Dieses Beziehungsmodell scheint Konsens im Mädchentreff zu sein – sowohl für die Mädchen als auch für die Pädagoginnen.
Carola (19 Jahre alt, ausgebildete Werkzeugmacherin, erwerbslos) schildert ebenfalls einen Kontakt, den sie als Ratsuchende initiiert: „Da bin ich einmal zu Esther (einer Pädagogin) hingegangen, …“. Aufgrund ihres „harten Problems“, sie erwägt eine operative Geschlechtsumwandlung, sucht sie das Gespräch mit einer Pädagogin. Hier ist das Merkmal Differenz in der Weise wichtig, dass es aus Sicht des Mädchens von der Pädagogin nicht beachtet wird, und in der Folge in ihre Selbstbestimmung eingegriffen wird. Die Interviewpassage konzentriert sich im Kern auf die Verhandlungen über den Umgang mit Differenz. Die Differenz zwischen Carola und Esther besteht zunächst darin, dass Carola das Problem hat und Esther nicht. Carola verlangt, dass Esther diese Differenz zwischen ihnen lediglich aushält. Esther macht jedoch Carolas Problem quasi zu ihrem eigenen, denn sie sucht auf eigene Faust eine Lösung. In dem Bemühen, das Problem möglichst schnell aus der Welt zu schaffen, greift sie in Carolas Selbstbestimmung ein, die auch in Bezug auf ihren Prozess der Problemlösung gilt. Carola kritisiert Esthers Verhalten klar als Einmischung, die sie in keiner Weise erwartet.
Carola geht mit der Differenz zwischen sich und der Pädagogin darüber hinaus in der Weise um, dass sie im Kontakt die Verantwortung für sich selbst behält. In der Rolle der Ratsuchenden gibt sie sich nicht an die Pädagogin ab, schiebt ihr nicht die Verantwortlichkeit für die Lösung des Problems zu, sondern signalisiert mit ihrer expliziten Bitte um Verschwiegenheit im Gegenteil klar ihre Eigenverantwortlichkeit.
Als kontrastierender Vergleich zu Carolas negativer Erfahrung liegt im nächsten Fall mit Bärbel (23 Jahre alt, ausgebildete Verkäuferin, erwerbslos) ein Beispiel für den positiven pädagogischen Umgang mit Differenz vor. Ihre Erinnerung an die Ereignisse rund um die gemeinsam erstellte Liste der „Berufe, die Bärbel nicht mag“, beschreibt eine Interaktion zwischen Pädagoginnen und Mädchen, in der Probleme nicht direkt gelöst, sondern zunächst lediglich als existierend wahrgenommen werden. In Bärbels Äußerungen im Interview wird deutlich, wie sie die bloße Anerkennung ihrer Lebenssituation entlastet. Über das Aufschreiben der Zumutungen, die sie während ihrer Erwerbslosigkeit erlebt hat, und die Veröffentlichung dieser Liste im Mädchentreff (sie wurde ans Infobrett gehängt) muss sie lachen. Das ermöglicht ihr Distanz zu sich selbst. Sie sieht sich mit eigenen Ansichten spezifisch und different dargestellt. Obwohl ihre Situation sehr düster und ausweglos erscheint, gibt es in ihren Ausführungen nirgendwo einen Hinweis darauf, dass sie von den Pädagoginnen eine Lösung ihrer Probleme erwartet. Sie sucht Zuwendung, Aufmerksamkeit und Anerkennung. Es wird deutlich, dass sie aus dem Kontakt mit den Pädagoginnen die Bestätigung zieht, die sie zur Stabilisierung ihrer Lebenslage braucht. Sie will standhalten in einer Situation, die sich dadurch auszeichnet, dass ihre nähere Umwelt eng geworden ist, sie bedrängt und ihr unakzeptable Arbeiten zumutet. Beziehung, Arbeitsweise und reflexiver Freiraum des Mädchentreffs unterstützen also Bärbels vorhandene Selbstbestimmungspotentiale, ohne in das Paradox zu geraten, diese „herstellen“ zu wollen.
Die genannten Fälle zeigen beispielhaft empirisch Konzepte und Erfahrungen von Mädchen in pädagogischen Beziehungen. Mit ihnen erschließt sich die von ihnen eingeforderte positive Qualität von Differenz als Abstinenz der Pädagoginnen in Bezug auf Drängen auf Problemlösung. Die Anerkennung der Differenz von Rollen und Lebenslagen zeigt sich als Voraussetzung, Mädchen in ihrer Selbstbestimmung zu unterstützen.
Judith und Mechthild erzählen von anderen Situationen und Verhältnissen im Mädchentreff, für die sie ebenfalls gleiche Anerkennung in der Rollendifferenz fordern.
Bei Judiths (17 Jahre alt, Gymnasiastin) Geschichte von ihrem ersten Besuch im Mädchentreff geht es darum, dass sie sich auf merkwürdige Art nicht ernst genommen fühlt. Sie schildert, wie sie auf eine rhetorische Frage („Kannst du gut Handball spielen?“) hin ihr Selbstbewusstsein demonstrieren soll. Hier geht situativ die Differenz zwischen pädagogischen Zielen der Pädagoginnen und authentischem Kontakt verloren. Judith soll den Wunsch der Pädagogin Rebecca, dass Mädchen selbstbewusst sind, exemplarisch erfüllen. Dieses Paradox spürt Judith und es befremdet sie. Sie fühlt sich als Objekt von Pädagogik. Differenz zwischen Pädagogin und Mädchen zeichnet sich auf dem Hintergrund dieser Geschichte dadurch aus, dass die Pädagogin auf der Basis gleicher Anerkennung der eigenen und der Ansichten des Mädchens die Beziehung gestaltet. Das hieße, dass die Pädagogin um ihre pädagogischen oder feministischen Herzenswünsche weiß und sie bei sich selbst anerkennen kann, etwa: „ich möchte, dass Mädchen selbstbewusst sind“ – in Anerkennung der Wünsche von Mädchen nach Eigenständigkeit und Selbstbestimmung auch gegenüber der Pädagogin. Das wiederum bietet die Chance, dass die Pädagogin im Kontakt zwischen sich und den Mädchen zu unterscheiden weiß und nicht unbewusst die Erfüllung ihrer Ziele an die Mädchen delegiert (vgl. Brown/Gilligan 1994, S. 247).
Mechthild (16 Jahre alt, im Berufsvorbereitungsjahr) kritisiert die Praxis der „ungeschriebenen Gesetze“ im Mädchentreff. Sie wünscht sich klare Regeln in Bezug auf Programm- und Raumgestaltung. Gleichheit und Differenz zwischen Pädagoginnen und Mädchen sind in diesem Beispiel auf der faktischen Ebene klar: die Pädagogin setzt in ihrer qua Profession verantwortlichen Rolle die Regeln; auf der alltagspraktischen Ebene sind sie unklar, weil es keine erklärten Verbote oder Gebote gibt, die Mädchen ihre Grenzen und Möglichkeiten im Mädchentreff transparent machen würden.
Mechthilds Ausführungen lassen sich als Plädoyer dafür verstehen, dass die Pädagoginnen ihre Rolle als Hausherrinnen des Mädchentreffs insofern übernehmen, dass sie ihre Regeln veröffentlichen. Diese Setzung müsste gegenüber den Mädchen begründet und mit ihnen verhandelt werden.
Ein wesentliches Merkmal der Rollendifferenz zwischen Pädagoginnen und Mädchen in diesem Prozess wäre die Gesamtverantwortung der Pädagoginnen für Leib und Seele der Mädchen als letztes Beurteilungskriterium für Regeln. Gleichheit zwischen Pädagoginnen und Mädchen würde hergestellt in Bezug auf das Recht an der Teilnahme am Aushandlungsdiskurs und das Geltendmachen von plausiblen Argumenten (vgl. dazu beispielhaft Wolf 1998).
Resümee:
Die Aussagen der Mädchen enthalten differenzierte Rückmeldungen, Wünsche und Ansprüche an die Pädagoginnen:
– sie schätzen die Selbstverständlichkeit des Rats und der Unterstützung, die sie im Mädchentreff erfahren
– sie sehen sich in ihrem Anspruch auf Anerkennung ihrer Lebenssituationen selbstbewusst neben den Pädagoginnen
– sie haben ein deutliches Empfinden von ihrer Selbstbestimmung und können Einmischungen, Unklarheiten oder Projektionen seitens der Pädagoginnen klar benennen
– sie wollen jenseits pädagogisch-feministischer Ziele ernst genommen werden.
So wird durch die Mädchen das Beziehungsmodell pädagogischen Affidamentos deutlich mit dem Aspekt parteilicher Unterstützung durch das Mehr an Wissen und Erfahrung der Pädagoginnen, auf der Grundlage gleicher Anerkennung der Wohlergehensansprüche von Mädchen und Pädagoginnen (vgl. Prengel 1993), dem Plädoyer für einen offenen Umgang der Pädagoginnen mit ihrer Machtbefugnis.
Differenz und Gleichheit: zum Verständnis produktiver pädagogischer Beziehungen
Die Begriffe „Differenz und Gleichheit“ haben sich für eine Annäherung an die Beschreibung von Selbstbestimmungsprozessen als überaus produktiv erwiesen. Differenz und Gleichheit, verstanden als egalitäre Differenz, bilden die zentrale Denkfigur innerhalb der „Pädagogik der Vielfalt“ (Prengel 1993), die als wesentlicher erziehungswissenschaftlicher Rahmen feministischer Mädchenpädagogik gelten kann.
Was bedeuten die Begriffe Gleichheit und Differenz für die Pädagogik? Gleichheit für Gerechtigkeit, für das allgemeine Recht auf Gleichheit, Differenz steht für Verschiedenheit aller Menschen und Verhältnisse. Das Verhältnis zwischen Gleichheit und Differenz wird als egalitäres begriffen. Das bedeutet, beide Elemente gehören zusammen und sind gleich wichtig: „Denn aus Gleichheit ohne Differenz folgt Gleichschaltung und aus Differenz ohne Gleichheit folgt Hierarchie“ (Prengel 1994, S. 3).
Es folgt nun ein Vergleich der Aussagen der Pädagoginnen mit den Aussagen der Mädchen zu gemeinsamen Situationen und Interaktionen im Mädchentreff Bielefeld.
In den Geschichten der Pädagoginnen, in denen sie gelungene und misslungene Situationen mit Mädchen reflektieren, werden förderliche und hinderliche Herangehensweisen an pädagogische Beziehungen deutlich.
In den Interviews mit Mädchen über ihre Zeit im Mädchentreff gibt es direkte und indirekte Rückmeldungen auf ihre Beziehungen zu den Pädagoginnen. Direkt sind ihre Aussagen über die Pädagoginnen, indirekt lässt sich ihre Haltung deuten, die sie zu den Pädagoginnen einnehmen.
Es ist interessant, dass beide Seiten unterschiedliche Perspektiven auf dasselbe Beziehungsmodell werfen. Es handelt sich um eine Beziehung zwischen einer Frau und einem Mädchen in einem freiwilligen pädagogischen Setting, in dem beide differente Rollen haben: die Rolle der Frau ist die (qua Profession), ihr Wissen unterstützend zur Verfügung zu stellen; die des Mädchens (qua Status der Jugendlichen), Hilfe und Anregung im pädagogischen Rahmen von Mädchenarbeit nachzufragen. Innerhalb dieses Rahmens treffen Pädagogin und Mädchen aufeinander. Gleichheit bezieht sich auf die (auf seiten der Mädchen klar formulierte) gleiche Anerkennung der differenten Rollen – der Differenz.
Die Geschichten der Pädagoginnen zeigen, wie aus ihrer Sicht das Gelingen bzw. Misslingen pädagogischer Situationen mit der Realisierung egalitärer Differenz (Prengel 1993) in pädagogischen Beziehungen zusammenhängt. Die Klarheit der Pädagoginnen in Bezug auf ihre professionelle Rolle stellt sich her in der Wahrnehmung subjektiver Vorlieben und Grenzen. Auf dieser Grundlage können pädagogische Ziele authentisch umgesetzt werden. Pädagogische Vorhaben können dann so gestaltet werden, dass tragfähige, anerkennende Beziehungen möglich sind: z.B. in gemeinsamer Fotoarbeit, einer Freizeitorientierten Mädchengruppe und in der stärkenden Beschäftigung mit Gewalterfahrungen, Ohnmacht, Wut und Trauer.
Als Ursache dafür, dass Rollenklarheit auf Seiten der Pädagoginnen verloren geht, zeigt sich das Ausblenden subjektiver Befangenheiten und Gefühle in der Beziehung zu Mädchen. Aufgrund des normativen Anspruches an die eigene Professionalität, Subjektivität kontrollieren zu können, wird sie negiert. So wird die Beziehung zwischen Pädagoginnen und Mädchen gestört, da auf Seiten der Pädagoginnen das Management „unerlaubter“ Regungen im Mittelpunkt steht und nicht die Wahrnehmung dessen, was Mädchen und Pädagoginnen (aus welchen Gründen auch immer) in die Interaktion mitbringen. Hier wird die paradoxe Wirkung normativer Ansprüche deutlich: sie verhindern genau das, wofür sie antreten. Nur die Anerkennung eigener Subjektivität ermöglicht einen selbstreflexiven und in diesem Sinne pädagogisch-professionellen Umgang mit ihr (vgl. Brown/Gilligan 1994; Thiersch 1998) und damit erst die Öffnung für die Subjekthaftigkeit, für die Selbstbestimmungspotentiale des Gegenübers.
Besonders relevant wird der Zusammenhang von pädagogischer Professionalität und reflexiver Subjektivität, wenn es um die Wahrnehmung negativer Gefühle Mädchen gegenüber geht. Hier scheint der Grundsatz der Parteilichkeit letztlich als Argument für das Vermeiden von Konflikten mit Mädchen zu wirken. Parteilichkeit betont den Aspekt, Mädchen anzunehmen, wie sie sind, und widerständiges Verhalten unter dem Gesichtspunkt ihrer Stärke zu sehen. Diese Maximen sind als Gegenentwurf zu konservativer und koedukativer Mädchenerziehung entstanden, in der von Mädchen Anpassung verlangt wird oder sie im Vergleich mit Jungen defizitär beurteilt werden (vgl. Bitzan/Daigler 2001).
Im Konzept einer feministischen Mädchenpädagogik bedeutet der Grundsatz, Mädchen anzunehmen, wie sie sind, nicht, alles gut zu finden und zu tolerieren, was Mädchen tun. Annehmen meint ernst nehmen im Sinne einer Subjektorientierung Mädchen als Verantwortliche ihres Tuns zu sehen. Es verlangt, ihnen positive Bestätigung und kritische Rückmeldung zuzumuten, und es erlaubt der Pädagogin auch, sich gegen unfaires Verhalten von Mädchen zu wehren und eigene Grenzen körperlicher und psychischer Belastbarkeit zu schützen. Dieser Aspekt von Parteilichkeit ist auf der Ebene bewusster Reflexion sicherlich unstrittig. Wenn jedoch in schnellen und anspruchs-vollen Alltagssituationen Interessen oder Meinungen von Mädchen und Pädagoginnen auseinander gehen, scheint Parteilichkeit normativ zu wirken und das Argument für die Vermeidung von Konflikten mit Mädchen zu liefern und damit die darin liegenden Chancen der Ausweitung von Selbstbestimmung zu verpassen.
An dieser Stelle müsste das theoretische Konzept feministischer Mädchenpädagogik weitergeführt werden. Folgende Frage stellt sich aufgrund der empirischen Untersuchung pädagogischer Beziehungen: was bedeutet Konfliktorientierung für die Beziehungen von Mädchen und Pädagoginnen in Anerkennung der überwiegend negativen Konflikterfahrungen von Mädchen und Frauen in Beziehungen? (Vgl. dazu Bitzan 1998.) Ohne direkte Handlungsanweisungen zu geben, bestätigen sowohl Prengel (1993) als auch Großmaß (1993) diese Frageperspektive. Als analytisches Konstrukt für ein konfliktfähiges professionelles Selbstverständnis der Pädagogin ist das Subjekt-Subjekt-Modell pädagogischer Beziehungen von Prengel hilfreich. Dort werden die Wohlergehensansprüche von Mädchen und Pädagogin gleich anerkannt. Das Recht der Pädagogin auf eigenes Wohlbefinden wird als notwendig dafür angesehen, dass sie auf Bedürfnisse von Mädchen eingehen kann. Als Symbol dafür beschreibt sie zwei Menschen auf einem weiten Strand: Die Pädagogin hat Raum und läßt Raum für die Selbstbestimmung des Mädchens.
Ruth Großmaß analysiert ebenfalls die Notwendigkeit auf Seiten der Pädagogin, persönliche und institutionelle Grenzen anzuerkennen, um eine fördernde pädagogische Beziehung gestalten zu können. Sie betont die unvermeidliche Realität und letztliche Produktivität von Konflikten, die Affidamento, verstanden als ehrliche Beziehung zwischen Pädagogin und Mädchen, bedeutet. Es scheint sich zu lohnen, dieses Wagnis einzugehen, denn:
„Wenn Frauen und Mädchen sich an der Wegkreuzung der Adoleszenz begegnen, öffnet sich die Nahtstelle zwischen den Generationen, die Teil einer patriarchalen Kultur ist. Wenn Frauen und Mädchen sich zusammen dagegen wehren, die Beziehung um der „Beziehung“ willen aufzugeben, dann liegt in dieser Begegnung das Potential für eine soziale und eine kulturelle Veränderung.“ (Brown/Gilligan 1994, S. 256)
Die Mädchen beziehen Aussagen über ihre Beziehung zu den Pädagoginnen im Mädchentreff klar auf die Grenzen und Möglichkeiten eines pädagogischen Settings. In ihren positiven und negativen Rückmeldungen an die Pädagoginnen wird deutlich, was sie sich wünschen. Sie schätzen, dass sie im Mädchentreff auf unkomplizierte Art und Weise Unterstützung, Rat und Entlastung erfahren. Der Kontakt zu erwachsenen Frauen, mit denen sie nicht privat oder familiär verbunden sind, ist ihnen wichtig. „Unverstrickt und doch vertraut“ (Bitzan/Daigler 2001, S. 175) kennzeichnet treffend die positive Qualität pädagogischer Beziehungen für Mädchen. Sie holen sich, was sie in ihrer jeweiligen Lebenssituation brauchen. Die Mädchen kritisieren scharf, wenn die Pädagoginnen mit dem Argument, zu helfen, eigenmächtig handeln und in ihre Selbstbestimmung eingreifen. Dies wird als Verhalten dargestellt, das sie nicht erwartet hätten. Als Eingriff in ihre Selbstbestimmung empfinden sie auch, wenn sie merken, dass sie im Kontakt bestimmte Erwartungen der Pädagoginnen erfüllen sollen und ihr eigenwilliges Agieren nicht gefragt ist.
Die Mädchen akzeptieren die Rolle der Pädagogin als Betreuerin und verantwortliche Hausherrin im Mädchentreff. Aber sie verlangen, dass die Pädagogin mit dieser Rolle eindeutig umgeht, sowohl in Bezug auf authentischen Kontakt als auch in Bezug auf Regeln und Machtbefugnisse im Mädchentreff.
Die Aussagen der Mädchen sind Aufforderung und Ermutigung an die Pädagoginnen, ihre Lebenserfahrung und ihre Ansichten einzubringen, mit ihrem Mehr an Wissen und Macht im Mädchentreff offen umzugehen.Die Mädchen wollen einen klaren Umgang mit der Verschiedenheit zwischen Pädagoginnen und Mädchen auf der Basis gleicher Anerkennung der jeweiligen Lebenssituationen und Bedürfnisse. Sie wollen die Anerkennung ihrer Selbstbestimmung in Bezug auf eigene Entscheidungen und sie wollen die Auseinandersetzung über Regeln im Mädchentreff. Die Haltung der Mädchen in ihren Ausführungen ist selbstbewusst und klar zwischen sich und den Pädagoginnen unterscheidend. Ob sie diese Reife wegen der Beziehungsmöglichkeiten im Mädchentreff zeigen, kann hier nicht entschieden werden. Jedenfalls finden sie dort ein verlässliches Übungsfeld für genau diese Auseinandersetzungen (vgl. Möhlke/Reiter 1995; Wolf 1998).
Die Mädchen haben ein Modell von Gleichheit und Differenz für die Beziehungen zu den Pädagoginnen im Mädchentreff, ein Modell, das auf der Basis gleicher Anerkennung die Verschiedenheit der Beteiligten und ihrer Rollen wahrnimmt und positiv schätzt.
Mädchenarbeit als Bildung zu Selbstbestimmung
Bildungspotentiale von Mädchenarbeit liegen darin, dass Mädchen die Möglichkeit haben, im Prozess des erwachsen Werdens ihre Lebenserfahrung zu thematisieren und sich damit selbstbestimmtem Handeln anzunähern ? aber warum brauchen sie dafür ein geschlechtshomogenes Angebot?
Moderne Mädchen sind starke Mädchen, sie können alles, sie haben keine Probleme. Attraktiv am diesem veränderten Mädchenbild ist die Unterstellung von Durchsetzungsvermögen und Kompetenz. Problematisch daran ist, dass bei Mädchen wirkliche Durchsetzung im Sinne von Eigensinn nicht gefragt ist. Unsere Kultur ist nach wie vor geprägt von der Haltung, dass Mädchen stets den Erwartungen anderer an sie entsprechen sollen. Der Wechsel vom braven zum starken Mädchen ist klischeehaft insofern, als die Qualitäten der Zuschreibungen nicht interessieren. So hat im Grunde gar kein Wechsel des Mädchenbildes stattgefunden. Ironisch zugespitzt ließe sich formulieren: früher sollten Mädchen brav und brav sein, heute sollen Mädchen stark und brav sein.
Das Bild der „Stärke“ dethematisiert Überforderungs- und Unsicherheitserfahrungen von Mädchen. Erfahrungen von Zurücksetzung gegenüber Jungen und Konflikte im Prozess des Vereinbarens Ausbildungsbezogener mit Beziehungsorientierten Wünschen und Zielen werden tabuisiert.
Feministische Parteilichkeit als ein Eintreten für eigene Orte für Mädchen, in denen sie sich untereinander und mit parteilich auf ihrer Seite stehenden Pädagoginnen diesen Verunsicherungen annähern können, erscheinen vor diesem Hintergrund als gesellschaftlich notwendiges Korrektiv gegen die Zumutungen, die die Moderne für heranwachsende junge Frauen bereithält.
In Folge der positiven Erfahrungen der Mädchenarbeit werden im Moment entsprechende Konzepte für Jungen gefordert. Falsch verstanden ist der Zusammenhang, wenn er als „- jetzt sind die Jungen dran!“ formuliert wird. Mädchenarbeit und Jungenarbeit sind Teil qualifizierter Jugendarbeit. Sie sind jedoch nur dann langfristig erfolgreich, wenn sie konzeptionell als Regelangebot verankert sind und nicht als Sonderangebot der Mädchen- oder Jungenförderung. Mädchen und Jungen nehmen ihre Selbstbestimmung so ernst, dass sie dazu mit Recht sagen: „Das haben wir nicht nötig!“
Ulrike Graff, ( Jg. 1957) Dr. phil., Dipl. Päd., Geschäftsführerin der Landesarbeitsgemeinschaft „Mädchenarbeit in NRW“ e.V., Schwerpunkte: Theorie und Praxis feministischer Mädchenpädagogik, Vernetzung von Pädagoginnen. Ulrike Graff ist Mitglied im Beirat des ABA Fachverbandes. Dieser Beitrag wurde ins Netz gestellt im Oktober 2004.
Literatur
Beck, U: Die Erfindung des Politischen. Zu einer Theorie reflexiver Modernisierung. Frankfurt/M. 1993
Benner, D.: Grundstrukturen pädagogischen Denkens und Handelns. In: Lenzen (Hg.): Enzyklopädie Erziehungswissenschaft Band 1, 1983, S. 283-300
Beyer, J. / Lamott, F./ Meyer, B.: Frauenhandlexikon. Stichworte zur Selbstbestimmung. München 1983
Bitzan, M./ Daigler, C.: Eigensinn und Einmischung. Einführung in Grundlagen und Perspektiven parteilicher Mädchenarbeit. Weinheim und München 2001
BKJ – Bundesvereinigung Kulturelle Jugendbildung e.V. (Hg.): Kulturarbeit mit Mädchen. Remscheid 2000
Brezinka, W.: Grundbegriffe der Erziehungswissenschaft. München 1974
Brown, L. M./ Gilligan, C.: Die verlorene Stimme. Wendepunkte in der Entwicklung von Mädchen und Frauen. Frankfurt/New York 1994
Brumlik, M.: Advokatorische Ethik. Bielefeld 1992
Dilthey, W.: Pädagogik. Gesammelte Schriften, Bd. IX. Stuttgart 1961
Gamm, H.-J.: Allgemeine Pädagogik. Die Grundlage von Erziehung und Bildung in der bürgerlichen Gesellschaft. Reinbek 1979
Gilligan, C.: Die andere Stimme. München 1984
Graff, U.: Selbstbestimmung für Mädchen. Pädagogische Auswertung der Theorie und Praxis des Mädchentreffs Bielefeld. Landschaftsverband Westfalen-Lippe (Hg.), Ideen & Konzepte Band 13, Münster 1999
Graff, U.: Selbstevaluative Forschung in einem feministischen Projekt. Überlegungen zu einem Prozess in Nähe und Distanz. In: Friebertshäuser, B./Prengel, A.. (Hg.): Handbuch Qualitative Forschungsmethoden in der Erziehungswissenschaft. 1997, S. 731-744
Haasis, M.: Die feministische pädagogische Beziehung. Ausgewählte pädagogische Konzepte und der Beitrag des Affidamento. Königstein/Taunus 2002
Heinemann, G.: Mädchenarbeit im Stadtteil. In: Stiftung SPI – MÄDEA, Interkulturelles Zentrum für Mädchen und junge Frauen (Hg.): Mädchen in sozialen Brennpunkten. 2000, S. 193-207
Hornstein, W.: Bildungsziele und Bildungsaufgaben der Kinder- und Jugendarbeit auf der Grundlage jugendlicher Entwicklungsaufgaben. In diesem Band 2003
Jaeckel, M.: Weibliche Gegenkultur als Chance selbstbestimmten Lebens für Mädchen und junge Frauen. In: Hartmann u.a. (Hg.): Lebensformen und Sexualität. 1998, S. 122-126
Lemmermöhle, D.: Persönlichkeitsentwicklung und Geschlecht. Ziele und Ansatzpunkte einer geschlechterbewußten Mädchen- und Jungenbildung. In: Die Deutsche Schule, H.2, 1996, S.192-197
Libreria delle Donne di Milano: Wie weibliche Freiheit entsteht. Berlin 1988
Metz-Göckel, S.: Koedukation – nicht um jeden Preis. Eine Kritik aus internationaler Perspektive. In: Behm, B.L. u.a. (Hg.): Das Geschlecht der Bildung. Die Bildung der Geschlechter. 1999, S. 131-147
Möhlke,G. / Reiter, G.: Feministische Mädchenarbeit – Gegen den Strom. Münster 1995
Mollenhauer, K.: Vergessene Zusammenhänge. München 1983
Muraro, L.: Weibliche Genealogie und Geschlechterdifferenz. Vorträge. Herausgegeben vom Verein Sozialwissenschaftliche Forschung und Bildung für Frauen e.V., Frankfurt/M. 1989
Prengel, A.: Pädagogik der Vielfalt. Opladen 1993
Schiefele, H.: Lernmotivation und Motivlernen. München 1974
Spender, D.: Frauen kommen nicht vor. Sexismus im Bildungswesen. Frankfurt/M. 1985
Sturzenhecker, B. (Hg.): Leitbild Männlichkeit. Was braucht die Jungenarbeit? Münster 1996
Thiersch, H.: Profession und Person. Zur Berufsidentität der SozialpädagogInnen. In: Böhnisch u.a. (Hg.): Jugendarbeit als Lebensort. 1998, S. 263-270
Walzer, M.: Sphären der Gerechtigkeit. Ein Plädoyer für Pluralität und Gleichheit. Frankfurt/M. 1992
Wolf, B.: Kann Jugendarbeit Halt bieten? In: Böhnisch u.a. (Hg.): Jugendarbeit als Lebensort. 1998, S. 169-181
Wollstonecraft, M.: Thoughts on the Education of Daughters. London 1787
Woolf, V.: Ein Zimmer für sich allein. Frankfurt/M. 1994
NAGEL-Redaktion – Beiträge zur Mädchenarbeit
Mädchenarbeit – Selbstbestimmung als Bildungsziel in der Praxis eines Mädchentreffs
Ein Beitrag von Dr. Ulrike Graff
Zum Beitrag „Mädchenarbeit – Selbstbestimmung als Bildungsziel in der Praxis eines Mädchentreffs“
Leitlinien zur strukturellen Verankerung von Mädchenarbeit
Leitlinien zur strukturellen Verankerung der Arbeit mit Mädchen und jungen Frauen in der Jugendhilfe. Eine Arbeitshilfe der Landesjugendämter Westfalen-Lippe und Rheinland, Münster 2003 (317 KB, 73 Seiten)
Handbuch „Mädchenarbeit in der Migrationsgesellschaft“
Das Handbuch Mädchenarbeit in der Migrationsgesellschaft – Eine Betrachtung aus antirassistischer Perspektive von Güler Arapi und Mitja Sabine Lück (Girls Act-Projekt am Mädchentreff Bielefeld) kann hier geladen werden. (65 Seiten, 615 KB)
Literaturliste der LAG Mädchenarbeit NRW
NAGEL-Redaktion – Geschlechterbewusste Arbeit mit Kindern und Jugendlichen
Der ABA Fachverband befasst sich seit etlichen Jahren mit den Ansätzen „Mädchen- und Jungenarbeit“. Aus diesem Grund gibt es auch eine gezielte Zusammenarbeit mit den nordrhein-westfälischen Verbänden Landesarbeitgemeinschaft Mädchenarbeit und Landesarbeitsgemeinschaft Jungenarbeit.
Mittlerweile hat sich auch der Sozialverein für Lesben und Schwule e.V. (SVLS) dem ABA Fachverband als Mitglied angeschlossen. In der Broschüre „Wir sind viele! Geschichten von jungen Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Trans*Menschen“ geben ein paar junge Menschen authentische Einblicke in sehr persönliche Momente aus ihrem Leben – über Coming Out, erste große Liebe und andere positiven und negativen Erfahrungen. Sie sprechen aus, was andere sich nicht trauen und beweisen damit sehr viel Mut. Sie lassen uns teilhaben an ihren Ängsten, Sorgen, Gedanken, Gefühlen und Erfahrungen.
Der ABA Fachverband und die LAG Mädchenarbeit unterstützen sich darüber hinaus durch eine gegenseitige Mitgliedschaft. Bei der LAG Jungenarbeit ist der Referent des ABA Fachverbandes, Rainer Deimel, persönliches Gründungsmitglied.
Wir haben einige Dokumente hier und auf weiteren Unterseiten eingestellt. Darüber hinaus empfehlen wir die Nutzung der Internetseiten der genannten Verbände.
Hier finden Sie Weiteres auf inzwischen separaten Seiten (Links siehe weiter unten).
Beiträge auf dieser Seite
Leitlinien zur Mädchenarbeit in der offenen Arbeit in der Schweiz
Jungen vernachlässigt: Studie kritisiert einseitige Berufsberatung in Europa
So titelt die WAZ vom 8. Juni 2010 unter Berufung auf den Bericht „Geschlechterunterschiede bei Bildungsresultaten: Derzeitige Situation und aktuelle Maßnahmen in Europa“. Der Bericht wird verantwortet vom EU-Bildungswerk „Eurydice“ und am 7. Juni 2010 veröffentlicht. Die WAZ schreibt weiter, geschlechterspezifische Berufsberatung konzentriere sich meist auch Mädchen. Diese würden ermutigt sich für einen technischen oder naturwissenschaftlichen Beruf zu entscheiden. Bei den Jungen hingegen verfüge kein Land über eine Strategie, diese in einen traditionell weiblichen Beruf zu vermitteln. Die Tatsache, dass Jungen in der Schule schlechter abschnitten, würde darüber hinaus vernachlässigt. Interessierte können sich die Studie (158 Seiten) per Mausklick über vorstehenden Titel herunterladen.
Väter
DJI Bulletin 83/84 (Heft 3/4 2008): Wege in die Vaterschaft – Vorstellungen vom Vatersein – Kinder wünsche junger Väter – Ältere Väter – Inhaftierte Väter. Bulletin PLUS: Väterbilder – Vätertypen – Stichworte zu historischen und empirischen Variationen (56 Seiten, 2,8 MB)
Herunterladen
Mädchen und Jungen in Deutschland – Lebenssituationen, Unterschiede, Gemeinsamkeiten
Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hat gemeinsam mit dem Deutschen Jugendinstitut die gegenwärtige Lebenssituation von Mädchen und Jungen in Deutschland untersucht. Dabei zeigt sich, dass die meisten jungen Frauen und Männer heute mit Selbstvertrauen und klarem Bewusstsein für die eigene Verantwortung in die Zukunft blicken. Sie können und wollen ihre Chancen nutzen und ihre Lebenswege selbst gestalten. Die vorliegende Broschüre gewährt einen differenzierten Einblick in die vielfältigen Lebenswelten von Mädchen und Jungen. Sie stellt dabei die bestehenden Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Jungen und Mädchen gegenüber. Außerdem werden Initiativen und Maßnahmen vorgestellt, die für junge Frauen und Männer günstige Rahmenbedingungen und gleiche Chancen für einen guten Start ins Leben schaffen. (96 Seiten, 596 KB, November 2007)
Publikation herunterladen
Gender – (k)ein Thema für Erzieherinnen? Typisch männlich, typisch weiblich – oder die Frage: Wer erzieht hier wie?
Ein Beitrag von Katrin Kogel
Gilt der Beruf der Erzieherin immer noch als typisch weiblich? Ist es für manchen Mann unter seiner Würde, in einem von Frauen dominierten Beruf zu arbeiten? Sind (nur) Männer die geeigneten Personen für (Gruppen-)Leitungspositionen in sozialpädagogischen Arbeitsfeldern? Welche Faktoren machen das Genderprinzip notwendig, wenn auch schwierig in seiner Umsetzung? Diese und weitere Fragen werde ich im Folgenden diskutieren und darüber hinaus meine Erfahrungen aus Schule und Praxis einfließen lassen.
Beitrag herunterladen
Gender * Gleichstellung * Projekte
Texte und Beispiele vom Zentrum polis – Politik – Herausgegeben vom österreichischen Ministerium für Unterricht, Kunst und Kultur
Herunterladen
Gender-Mainstreaming: Mädchen- und Jungenarbeit in der Kinder- und Jugendhilfe in NRW. Expertise zum 8. Kinder- und Jugendbericht der Landesregierung NRW. (881 KB, 96 Seiten
Gender – Geschlechterdebatten – Angleichung der Geschlechter – Gewalt und Geschlecht – Jungenarbeit – ein Defizit? – Gender Mainstreaming – Kinder- und Jugendhilfe – ohne Männer? (DJI Bulletin 75/2006, 40 Seiten, 2,2 MB)
Mädchen- und Jungenarbeit in Bewegung (Schwerpunkt LVR – Jugendhilfe-Report 1/2005) (19 Seiten, 558 KB)
Spezialseiten
Fachorganisationen in Nordrhein-Westfalen
Überregionale Kontakte und Empfehlungen
Landkarte zur Chancengleichheit: Das Online-Portal zum Gender-Index zeigt den regionalen Stand der Chancengleichheit – Zum Portal: Auf das Logo klicken!
SOWIT – Sozialwissenschaftliches Institut Tübingen
NAGEL-Redaktion – Archiv der Jugendkulturen retten!
Der ABA Fachverband ruft zur Rettung des Archivs der Jugendkulturen auf!
Nur noch wenige Tage, um das Archiv der Jugendkulturen zu erhalten!
Noch nie war das Archiv der Jugendkulturen so viel in den Medien wie in den letzten Wochen, so zum Beispiel der Kulturzeit-Beitrag auf www.jugendkulturen.de. In mehr als 60 Blogs wird derzeit zu Spenden aufgerufen. Doch leider schlägt sich diese Präsenz nicht in Spenden nieder: Rund 400 Euro gehen bei uns täglich ein – das ist durchaus beeindruckend, wenn zum Beispiel ein 14-Jähriger uns 10 Euro überweist und in der Mail dazu mitteilt, er würde gerne mehr spenden, „aber ich bekomme nur 20 Euro Taschengeld im Monat, vielleicht geht nächsten Monat wieder was“. Dennoch: Es wird nicht reichen!
Am 31. Oktober 2010 müssen die Verantwortlichen des Archivs der Jugendkulturen definitiv entscheiden, ob sie ihren Mietvertrag kündigen oder verlängern. Letzteres wird ohne die Perspektive einer Stiftung nicht möglich sein. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schaffen es nicht mehr, jeden Monat privat das Defizit auszugleichen (derzeit rund 2.000 Euro monatlich). Und mit dem bisherigen Spendeneingang wird es am 31. Oktober leider heißen: Alles muss raus!
Dabei wäre es eigentlich so einfach: Wenn nur jeder Leser und jede Leserin des i-Punkts heute 10 Euro überweist, wäre das Ziel bereits erreicht! „10 Euro“, so Klaus Farin, einer der Engagierten beim Archiv für Jugendkulturen, „ich denke, das kann sich jede/r leisten. Und ich hoffe sehr, dass unser Engagement im Archiv der Jugendkulturen Ihnen diese 10 Euro wert sind. Helfen Sie bitte mit, dass unsere derzeit 29 MitarbeiterInnen in der Fidicinstraße 3 (davon 21 ehrenamtlich!) auch nach dem 31. Oktober hier noch einen Ort für ihr Engagement finden!“ Das Spendenkonto ist weiter unten zu finden. Klaus Farin steht übrigens gern für weitere Informationen zur Verfügung!
Kontakt:
Archiv der Jugendkulturen e.V.
Fidicinstraße 3
10965 Berlin
Telefon 030/612 03 318
Fax 030/691 30 16
klaus.farin@jugendkulturen.de
www.jugendkulturen.de
www.klaus-farin.de
www.culture-on-the-road.de
Kurzpräsentation Archiv (Film):
http://cms.cityguide.com/myvideo.jsp?movieRef=90903153947341950_ArchivderJugendkultu_de
Ust.-ID: DE203272846
Registergericht : Amtsgericht Charlottenburg, 18139 Nz
Spendenaufruf
Das Archiv der Jugendkulturen geht stiften!
Und Sie können ein Teil davon sein.
Das Berliner ARCHIV DER JUGENDKULTUREN e.V. existiert seit 1998 und hat sich zur Aufgabe gemacht, den Klischees und Vorurteilen über „die Jugend“ und ihre Lebens- und Freizeitwelten differenzierte Informationen entgegenzusetzen. Zu diesem Zweck betreibt es eine eigene umfangreiche Jugendforschung, publiziert deren Ergebnisse, aber auch autobiografische Texte und vieles mehr in seiner archiveigenen Verlagsreihe. Das Archiv der Jugendkulturen sammelt zudem Zeugnisse aus und über Jugendkulturen (Bücher, Diplomarbeiten, Medienberichte, Fanzines, Flyer, Musik etc.) und stellt diese in seiner Präsenzbibliothek der Öffentlichkeit kostenlos zur Verfügung. Punk, Techno, HipHop, Gothic, Skinhead, Emo … von der Bravo über Punk-Fanzines, den ersten Techno-Flyern bis hin zu Schülerzeitungen – hier ist alles zu finden.
Mit dem Projekt „Culture on the Road“ wird kulturelle und politische Bildung in interaktiven Workshops mit Informationen über die Geschichte und Wurzeln der Jugendkulturen verbunden. Ziel ist es, jugendkulturelle Vielfalt fundiert und authentisch zu vermitteln, politisches Bewusstsein zu schärfen, tolerante Haltungen zu unterstützen und einen Beitrag zur Gewalt- und Rechtsextremismusprävention zu leisten. Schon mehrfach wurde das Archiv der Jugendkulturen für seine Arbeit ausgezeichnet, so zum Beispiel
2003 vom Bündnis für Demokratie und Toleranz
2007 vom Jugendforum im Berliner Abgeordnetenhaus
2009 von der Initiative „Deutschland – Land der Ideen“
Nun geht das Archiv stiften! Das seit 12 Jahren erfolgreich als gemeinnütziger Verein arbeitende Archiv der Jugendkulturen will nun eine Stiftung gründen. Warum das? Das Archiv erhält bis heute keinen Cent Regelförderung und arbeitet seit seinem Bestehen mit auf Zeit geförderten Stellen und ehrenamtlichen MitarbeiterInnen. Es ist immer wieder erstaunlich, wie viel ehrenamtliches Engagement sich dort findet. Doch auf Dauer braucht eine derartige Einrichtung wenigstens eine oder zwei hauptamtliche Stellen und die Sicherung der Grundkosten. Das ist zurzeit nicht gegeben – immer wieder müssen Vereinsmitglieder oder MitarbeiterInnen sogar privat Gelder spenden, um die laufenden Kosten zu zahlen. Damit ist die Existenz dieser in Europa einmaligen Einrichtung in regelmäßigen Abständen akut gefährdet.
Eine Stiftung bietet Sicherheit und Kontinuität im Fortbestand des Archivs der Jugendkulturen und der daraus resultierenden kulturellen und politischen Arbeit mit und für Jugendliche(n) – und das unabhängig von der Vergabe von Fördergeldern.
Wozu brauchen wir ein Archiv der Jugendkulturen?
Wir alle sind die Summe unserer Geschichte, wir alle handeln, leben und beziehen Position aufgrund unserer Erfahrungen, die wir in unserer Jugend gemacht haben; Jugendkultur, auch in all ihren Extremen, nimmt Einfluss auf die gesellschaftliche Entwicklung – und wir alle brauchen das Wissen um unsere Wurzeln, um unseren Standort zu bestimmen, um nicht ges(ch)ichtslos zu sein – gerade in einer so schnelllebigen Zeit wie der heutigen.
Die Ziele der Stiftung
Förderung der Jugendkulturforschung – auch international! Die zu gründende Stiftung hat sich jedoch viel mehr vorgenommen als „nur“ die Erhaltung des Berliner Archivs der Jugendkulturen. In der Satzung heißt es dazu: „Gesamtgesellschaftliches Ziel der Stiftung ist stets die Förderung von Toleranz und Weltoffenheit, der Abbau und die Ächtung von Gewalt, Rassismus, Sexismus und anderen totalitären und menschenfeindlichen Einstellungen und Verhaltensweisen von Einzelpersonen wie auch Institutionen und der Ausbau und die Förderung demokratischer Partizipation nicht nur von Jugendlichen mit dem Ziel einer lebendigen Demokratie.“ Zweck der Stiftung ist die Sammlung, Erforschung und Vermittlung von Kenntnissen über jugendliche Kulturen und Lebenswelten bzw. die Förderung solcher Aktivitäten sowie die Förderung von Toleranz und kultureller Vielfalt in und zwischen allen Generationen.
Weitere Informationen: http://www.jugendkulturen.de/home/stiftungsaufruf/162-auszug-aus-der-stiftungssatzung
Was können Sie tun, um ein Teil davon zu sein?
Ermöglichen Sie jetzt durch Ihre Spende die Gründung der Stiftung! Helfen Sie mit, die engagierte und einmalige Arbeit des Archivs der Jugendkulturen langfristig zu sichern und auszubauen! Stiftungen sind Projekte für die Ewigkeit. Sie können ganz am Anfang dabei sein und einen der ersten Bausteine setzen für ein Haus, das auch in Jahren und Jahrzehnten noch von engagierten BewohnerInnen belebt sein wird!
Was haben Sie davon?
Neben der Tatsache, dass Sie noch Ihren Enkeln erzählen können, wie Sie dazu beigetragen haben, dieses einzigartige Projekt zu sichern,
• sind Stiftungsgelder zu einem erheblichen Teil steuerlich absetzbar.
• Sie können Ihre Stellungnahme über die Wichtigkeit der Bewahrung von Jugendkulturen auf der Internetseite des Archivs veröffentlichen und als Stifter präsent sein.
• Sie können sich still für sich ganz alleine über Ihr Mitwirken freuen.
• Sie können die Form Ihres Engagements individuell und Ihren Bedürfnissen entsprechend mit Klaus Farin vom Archiv der Jugendkulturen besprechen.
Was können Sie nun konkret tun?
100.000 Euro sind notwendig, um die Stiftung zu gründen. Helfen Sie uns mit Ihrer Spende – jede Summe ist ein weiterer Baustein zur Realisierung unserer Vision. Hierhin können Sie Ihre Spende überweisen:
Spendenkontonummer: 1241383853
BLZ: 500 502 01
Bank: 1822direkt Frankfurter Sparkasse
Konto-Inhaber: Klaus Farin
Zweck: Spende Stiftung
Für internationale Überweisungen:
IBAN: DE85 5005 0201 1241 3838 53
BIC: HELADEF1822
Bitte senden Sie parallel eine E-Mail über das Internet an das Archiv (http://www.jugendkulturen.de/home/spenderinnenverzeichnis/161-ihre-daten). Dann werden Sie über den Fortgang auf dem Laufenden gehalten.
Alle SpenderInnen werden (wenn Sie es möchten) im Spendenverzeichnis (http://www.jugendkulturen.de/home/spenderinnenverzeichnis) im Internet genannt.
Der ABA Fachverband ruft dazu auf, sich an dieser Gründungsaktion zu beteiligen!
Die „taz“ vom 16. August 2010 berichtete:
Archiv der Jugendkulturen vor dem Aus: Gefahr fürs Seelenheil
Das Berliner Archiv der Jugendkulturen erforscht seit zwölf Jahren den Alltag von Teenagern. Es nimmt sie ernst, statt Panikthesen zu verbreiten. Jetzt steht die bundesweit einmalige Einrichtung vor dem Aus.
Konzentrierte Stille herrscht im Raum, der bis obenhin vollgestopft ist mit Büchern und Zeitschriften. Am Tisch sitzt eine junge Frau und blättert in Büchern über Skinheads. Sie ist extra aus Österreich angereist, um für ihre Diplomarbeit zu recherchieren. Auf dem Boden wühlt sich ein Pärchen im Erstsemesteralter durch einen Stapel Street-Art-Magazine. Eine Grundschulklasse stürmt die Zeitschriftenregale – die Jungs und Mädchen wollen alles über ihre Lieblingszeitschrift Bravo erfahren. Nach der stichprobenhaften Sichtung der Jahrgänge 1956 bis 2010 („Was, so sah Madonna mal aus?!“) ziehen sie beeindruckt von dannen.
Ein normaler Vormittag im Archiv der Jugendkulturen in Berlin-Kreuzberg. Auf 700 Quadratmetern forschen Jung und Alt über die Jugend und können dabei auf rund 6.000 Bücher, 400 wissenschaftliche Arbeiten, 28.000 Zeitschriften sowie unzählige Tonträger, Presseausschnitte und Flyer zurückgreifen. Wer an einer Masterarbeit über malayischen Punk schreibt oder wissen will, ob Black Metal Gefahren fürs Seelenheil birgt, ist hier richtig.
Wie lange noch, ist aber fraglich: Das Archiv steht vor dem finanziellen Aus. Seit zwölf Jahren wurstelt man sich mit Projektgeldern, Spenden und ehrenamtlichem Engagement durch. Monatlich schießen die 28 MitarbeiterInnen nach eigenen Angaben rund 1.500 Euro aus eigener Tasche zu. Eine langfristige Perspektive erhoffen sie sich durch Gründung einer Stiftung: denn Stiftungen bringen Spendern Vorteile und bekommen leichter Fördergelder.
Am Interesse für die Arbeit der Forscher mangelt es jedenfalls nicht. „Es gibt großen Aufklärungsbedarf über die Jugend“, sagt Klaus Farin und grinst breit. Der 52-Jährige mit ergrauter Haarmatte und Muskelshirt ist so etwas wie Deutschlands oberster Jugendversteher. Im Gegensatz zu anderen sogenannten Jugendexperten – Soziologen, Kriminologen oder selbst ernannten Trendforschern – bemüht sich Farin um Nähe zu den Jugendlichen, die er erforscht.
„Der optimale Jugendforscher war selbst mal Teil einer Jugendkultur, hat aber genug Distanz zur Szene aufgebaut, um von außen draufzuschauen“, sagt er. Farin war früher Punk – schon während seiner Schulzeit in Gelsenkirchen grub er sich in die Szene ein und hortete mit Forschungseifer sämtliche Hervorbringungen, von Flyern bis zu selbst gemachten Fanzines. Später kamen andere Jugendkulturen dran, Skinheads, Hooligans, Gothics. Als Farin seine Sammlung einer Universität spenden wollte und auf Desinteresse stieß, beschloss er, ein eigenes Archiv für die flüchtigen Gegenkulturzeugnisse zu eröffnen – in Berlin, dem Treffpunkt für alle möglichen Jugendkulturen.
Vielen der 28 zumeist ehrenamtlichen MitarbeiterInnen sieht man ihre Szenezugehörigkeit an: Irokesen, Dreadlocks, Symbole auf Haut und T-Shirts. Monica Hevelke, die BesucherInnen durchs Archiv führt, trägt dicke HipHopper-Turnschuhe zu bunten Tatoos. Die 28-Jährige stieß über das Breakdancen zum Archiv. Jetzt hält sie Jugendgruppen Vorträge über HipHop-Geschichte und berät Pädagogen beim Erstellen von Kursangeboten.
„Ein bisschen Neugier auf andere Szenen muss man mitbringen“, sagt sie und zeigt auf das Regal mit den Eigenpublikationen des Archivs: Bücher über Vietnamesinnen in Deutschland, Hausbesetzer in Potsdam, Skinheads. Hevelke hat fast überall mal reingeschaut. Auch ins Schriftgut der rechten Szene, das in einem verschlossenen Schrank lagert und nur für spezifische Forschungszwecke herausgegeben wird. „Ekelhaft“, findet Hevelke. Aber: „Man muss doch wissen, worüber man redet – alles andere wäre peinlich.“
Wissen, worüber man redet – es ist diese Einstellung, die das Archiv der Jugendkulturen so besonders macht. Pauschales Gejammer über Verrohung oder Oberflächlichkeit der Jugend lässt man hier nicht gelten. Besonders Klaus Farin ist jederzeit bereit, für die Jugendlichen Partei zu ergreifen. „Wir haben die bravste Jugendgeneration seit langem“, sagt er und liefert aktuelle Entwicklungen gleich mit: Der Alkoholkonsum stagniere, der Tabakkonsum befinde sich auf einem historischen Tiefstand.
Auch die Jugendkriminalität sei in fast allen Bundesländern rückläufig. Trotzdem begegne man der Jugend mit Skepsis und Repressionen. „Der Umgang mit Jugendlichen wird immer autoritärer“, sagt Farin und berichtet von Baggy-Pant-Verboten in Freibädern. In seinen Worten klingt mit: Das hat die Jugend nicht verdient.
Teenager verdienen es, ernst genommen zu werden, das ist das Motto des Jugendarchivs. Ob eine Jugendkultur erst durch die Bravo zum Massenphänomen wurde, wie bei den androgyn auftretenden „Emos“, oder ob es wie beim „Parcours“ darum geht, über urbane Hindernisse zu hüpfen: Wenn es genug Leute tun und damit öffentliche Aufmerksamkeit erregen, handelt es sich um eine Jugendkultur, die es verdient, erforscht zu werden.
Auch wenn die Szenen immer schneller wechseln – die Motive, sich einer Jugendszene anzuschließen, sind seit der Wandervogel-Bewegung im 19. Jahrhundert gleich geblieben: Freunde finden, sich gegen den langweiligen Rest der Gesellschaft abgrenzen und zusammen etwas Eigenes schaffen. Gemeinsame Rituale, Mode, Sprache und Musik sind der Kitt dieser Gemeinschaften. Dass die heute weniger langlebiger sind als früher – Jugendliche zwischen 13 und 20 wechseln im Schnitt viermal die Szene – tue dem Gebot, sie ernst zu nehmen, keinen Abbruch, sagt Jugendforscher Farin.
Neben dem Archivieren ist das Vermitteln Hauptaufgabe der Kreuzberger Einrichtung. Workshops für Schulklassen und Projektgruppen, Wanderausstellungen zu Street Art oder den Lebenswelten von Berliner Einwanderern – die Nachfrage ist groß. Auch von Seiten der Polizei: Der jährliche Graffiti-Workshop für Beamte mit anschließendem Expertenrundgang durch Kreuzberg erfreue sich reger Beliebtheit, erzählt Farin. Lehrer und Politiker holten sich ebenso gern eine Portion Sachverstand, um sich auf dem Laufenden zu fühlen. Der Pluspunkt des Archivs – die aktive Beteiligung Jugendlicher – ist zugleich die offene Flanke der Einrichtung, die seit ihrem Bestehen ums finanzielle Überleben kämpft.
Für wissenschaftliche Fördertöpfe sind die Methoden der Jugendforscher zu unorthodox, für die Sozialarbeit zu wenig pädagogikorientiert. Außerdem reden Farin und seine MitstreiterInnen mit allen, ob Skins, Punks, Sprayer oder Hooligans. Das öffentliche Interesse ist aber nicht an allen gleich. Während Geld für MigrantInnenprojekte derzeit leicht aufzutreiben ist, haben es Forschungen im Punkmilieu eher schwer. „Vielleicht sollten wir mehr zu Linksextremismus forschen“, sagt Farin sarkastisch und bezieht sich damit auf die derzeitigen Debatten zu autonomer Gewalt und Regierungsprogrammen gegen Linksextreme.
HipHop-Expertin Monica Hevelke sieht ihre Forschungstätigkeit eher pragmatisch. Mit einem Zweitjob und viel finanzieller Bescheidenheit kommt die Slawistikstudentin knapp über die Runden. Dafür hat sie gerade Projektmittel für einen Radio-Workshop mit Jugendlichen genehmigt bekommen. „Wie viel Geld man hat, ist nicht so wichtig. Entscheidend ist, was Sinnvolles zu tun“, sagt sie. Und verschwindet dorthin, wo sich zwischen den „Mitteilungen der Karl May Gesellschaft“, einem Berg aus Schülerzeitungen und Magazinen aus der Technoszene noch jede Menge ungeordnetes Archivmaterial stapelt. Es gibt noch viel zu ordnen im Gedächtnis der Jugendkulturen.
Archiv geht stiften
Problem: Dem 1998 gegründeten Archiv der Jugendkulturen geht langsam die Puste aus. Seit der Gründung lebt die Kreuzberger Einrichtung von Spenden, ehrenamtlicher Arbeit und Projektmitteln. Unter anderem aus dem Bundesprogramm „Vielfalt tut gut“ und der Bundeszentrale für politische Bildung. Institutionelle Förderung gab es noch nie. Nun können die 28 MitarbeiterInnen um den Jugendforscher Klaus Farin den Unterhalt ihres auf 700 Quadratmeter angewachsenen Archivs nicht mehr zahlen: 1.500 Euro zahle man monatlich aus der eigenen Tasche für die Miete drauf.
Lösung: Das Jugendarchiv, das mit seinen 6.000 Büchern und 28.000 Zeitschriften eine weltweit einzigartige öffentlich zugängliche Sammlung besitzt, will eine Stiftung gründen. Mit der Kampagne „Das Archiv geht stiften“ sammeln die Macher die notwendigen 100.000 Euro Kapital. Bislang erhielten sie ein Drittel und außerdem jede Menge Unterstützung – unter anderem ausgerechnet von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien. Die ist wahrscheinlich froh darüber, dass die ganzen Black-Metal-Videos, HipHop-Tonträger und Skinhead-Blättchen schön übersichtlich an einem sicheren Ort verwahrt werden. Mehr Informationen über das Archiv und seine Rettung unter www.jugendkulturen.de.
taz vom 16. August 2010 – Von Nina Apin
NAGEL-Redaktion – Virtuelles Museum: Geschichte der Pädagogik

Vieles von dem, was uns vielleicht einmal lieb und teuer, vielleicht auch unangenehm oder verhasst war, droht im Laufe der Zeit mehr oder weniger unbemerkt „unterzugehen“. Aus diesem Grunde hat suich die NAGEL-Redaktion überlegt, in lockerer Folge hin und wieder Beiträge vor dem Vergessen zu retten und in diesem „virtuellen Museum“ unterzubringen. Wir wünschen viel Spaß beim Stöbern und freuen uns, wenn Sie uns mit passenden Schätzen versorgen mögen, die Ihrer Meinung nach hierher gehören. Und raten Sie mal, wen Sie auf dem vorstehenden Foto entdecken? Und wann kann das wohl gewesen sein? Und wo?

Pieter Bruegel d.Ä.: Kinderspiele
Der Geschichte der Offenen Arbeit haben wir eigene Seiten gewidmet. Gern nehmen wir weitere Beiträge zum Einstellen auf dieser Seite entgegen.
NAGEL-Redaktion
Herbst 2010
Der ABA Fachverband ruft zur Rettung des Archivs der Jugendkulturen auf!
Nur noch wenige Tage, um das Archiv der Jugendkulturen zu erhalten!
Noch nie war das Archiv der Jugendkulturen so viel in den Medien wie in den letzten Wochen, so zum Beispiel den Kulturzeit-Beitrag auf www.jugendkulturen.de. In mehr als 60 Blogs wird derzeit zu Spenden aufgerufen. Doch leider schlägt sich diese Präsenz nicht in Spenden nieder: Rund 400 Euro gehen bei uns täglich ein – das ist durchaus beeindruckend, wenn zum Beispiel ein 14-Jähriger uns 10 Euro überweist und in der Mail dazu mitteilt, er würde gerne mehr spenden, „aber ich bekomme nur 20 Euro Taschengeld im Monat, vielleicht geht nächsten Monat wieder was“. Dennoch: Es wird nicht reichen!
Am 31. Oktober 2010 müssen die Verantwortlichen des Archivs der Jugendkulturen definitiv entscheiden, ob sie ihren Mietvertrag kündigen oder verlängern. Letzteres wird ohne die Perspektive einer Stiftung nicht möglich sein. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, schaffen es nicht mehr, jeden Monat privat das Defizit aufzubringen (derzeit rund 2.000 Euro monatlich). Und mit dem bisherigen Spendeneingang wird es am 31. Oktober leider heißen: Alles muss raus!
Dabei wäre es eigentlich so einfach: Wenn nur jeder Leser und jede Leserin des i-Punkts kurzfristig 10 Euro überweist, wäre das Ziel bereits heute erreicht! „10 Euro“, so Klaus Farin, einer der Engagierten beim Archiv für Jugendkulturen, „ich denke, das kann sich jede/r leisten. Und ich hoffe sehr, dass unser Engagement im Archiv der Jugendkulturen Ihnen diese 10 Euro wert sind. Helfen Sie bitte mit, dass unsere derzeit 29 MitarbeiterInnen in der Fidicinstraße 3 (davon 21 ehrenamtlich!) auch nach dem 31. Oktober hier noch einen Ort für ihr Engagement finden!“ Das Spendenkonto ist weiter unten zu finden. Klaus Farin steht übrigens gern für weitere Informationen zur Verfügung!
Kontakt:
Archiv der Jugendkulturen e.V.Fidicinstraße 310965 BerlinTelefon 030/612 03 318Fax 030/691 30 16
E-Mail
Internet
Beiträge
Zur Geschichte der Spielplätze
Dr. Daniel Rimbach, Landschaftsarchitekt aus Bad Liebenstein, ist es gelungen, im Rahmen seiner Dissertation eine tiefgründige wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Gesamtentwicklung der öffentlichen Freiräume für Kinder zu führen und damit einen Blick auf die Frühgeschichte der Spielplätze (bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs) zu werfen. Hieraus wurde in der „FreeLounge – Fachmagazin für kommunale Frei-Räume“ in den Jahren 2009 und 2010 eine vierteilige Serie publiziert. Im Rahmen der Kooperation zwischen dem Bundesverband für Freiraum-Gestaltung (BFG) und dem ABA Fachverband ist es gelungen, diese äußerst interessanten Beiträge zu bekommen. Wir haben daraus eine Internetseite gestaltet und wünschen erhellende Erkenntnisse. Zur Seite gelangt man über vorstehenden Schriftzug. Wir empfehlen ferner einen Besuch auf den Seiten des BFG. Neugierig? Nachfolgendes Logo anklicken!
Spielen
Erprobungsmaßnahme des Landes Nordrhein-Westfalen: Verbesserung der Spielsituation für Kinder
In der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre hat das Land Nordrhein-Westfalen verschiedene Maßnahmen zur Verbesserung der Situation zum „Spielen im Freien“ erprobt. Die Arbeiten begannen mit der Sammlung von Erfahrungen auf pädagogisch betreuten Spielplätzen. Die Ergebnisse wurden 1982 veröffentlicht (siehe weiter unten: „Pädagogisch betreute Spielplätze“).
In der hier vorgelegten Broschüre wird deutlich, dass es nicht ausreicht, Spielplätze im herkömmlichen Sinne zu errichten; vielmehr komme es darauf an, Spielmöglichkeiten der verschiedensten Art mit unterschiedlichen Nutzungmöglichkeiten in den Wohngebieten zu integrieren. Der alltäglich Spielraum der Kinder müsse wieder bespielbarer gemacht werden; damit werde auch der Wohnwert der gesamten Umgebung positiv beeinflusst.
An der seinerzeitigen Modellmaßnahme haben sich neben den Landesjugendämtern Rheinland und Westfalen-Lippe die Jugendämter Aachen, Arnsberg, Bielefeld, Bonn, Düsseldorf, Gelsenkirchen, Gütersloh, Herne, Iserlohn, Köln, Mönchengladbach, Münster, Obverhausen und der Hochsauerlandkreis beteiligt.
Die damaligen Bemühungen um angemessene Spielräume für Kinder ließen es uns sinnvoll erscheinen, die Dokumente hier für Interssierte unterzubringen. Wollen Sie stöbern? Dann klicken Sie auf vorstehendes Titelbild!
Pädagogisch betreute Spielplätze
Erfahrungsbericht der Mitarbeiter der Erprobungsmaßnahme des Landes Nordrhein-Westfalen
1982 wurde eine mehrjährige Erprobungsmaßnahme zu den Abenteuer- und Bauspielplätzen in Nordrhein-Westfalen abgeschlossen. Diese stand im Kontext zur Verbesserung der Spielsituation für Kinder im Lande. In jüngerer Zeit fand und findet das eine oder andere Jubiläum von pädagogisch betreuten Spielplätzen statt, bei dem bisweilen auch an dieses Projekt erinnert wird. Beteiligt waren seinerzeit 12 Abenteuer- und Bauspielplätze aus verschiedenen Gebieten des Landes. Seit 1971 gibt es in NRW Abenteuer- und vergleichbare Spielplätze. Im selben Jahr wurde auch der ABA Fachverband Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen als „Landesarbeitsgemeinschaft Abenteuer-, Bau- und Aktivspielplätze NRW“ gegründet. Mitbegründer war übrigens der heutige Regierungspräsident von Arnsberg, Prof. Dr. Gerd Bollermann.
1998 wurden die Abenteuerspielplätze vom 10. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung (S. 222) als „besonders bemerkenswertes kinderbezogenes Angebot“ bezeichnet; hier schienen sich „am ehesten orignäre kinderspezifische Ansätze entwickelt zu haben“. Vor diesem Hintergrund empfahl die seinerzeitige Bundesregierung (unter dem Kanzler Helmut Kohl), Abenteuerspielplätze „flächendeckend zu verstärken“. Dies ist angesichts der Entwicklung kindlichen Aufwachsens in der Zwischenzeit dringender denn je.
In unserem Archiv ruhte noch eine Broschüre zur Probemaßnahme, die ca. 10 Jahre nach dem Entstehen von Abenteuerspielplätze in NRW veröffentlicht wurde. Wir fanden sie zu schade, dass sie dort ein Mauerblümchendasein fristet und haben uns dazu entschlossen, sie hier wieder zugänglich zu machen, zumal etliche der damals geäußerten Erkenntnisse und Thesen nach wie vor ihre Richtigkeit haben. Interesse? Mit einem Mausklick auf den vorstehenden Titel gelangen sie auf die Seite mit den Inhalten der Broschüre.
Nicht nur Verstaubtes …
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Für die ABA-Mitglieder werden nach und nach frühere, vom ABA Fachverband veröffentlichte Schriften ins ABA-Netz gestellt. Was in diesen zu finden ist, kann gesehen werden, wenn man vorstehenden Schriftzug anklickt.
Kinderläden
2008 jährte sich die Gründung der Kinderläden zum 40. Male. In „Kinderläden“ konnte man nicht etwa Kinder kaufen; vielmehr handelte es sich in der Gründerzeit vielmehr um ehemalige Ladenlokale, in den antiautoritär gesinnte Eltern ihre Kinder unterbrachten. Später nannten sich derartige Einrichtungen zumeist etwas umständlich „Elterninitiativen“.
Die „taz“ lieferte eine schöne Beschreibung unter dem Titel
Die Kinderläden
Im geschwätzigen Jubiläumsjahr kamen die Kinderläden nicht oder nur in Nebensätzen vor. Oder in diesem eigenartig hysterisierten Sound wie bei Sophie Dannenberg, selbst ein ehemaliges Ladenkind. Diese behauptete auf einer Veranstaltung im Mai dieses Jahres allen Ernstes, die antiautoritäre Erziehung sei in erster Linie eine „Anleitung zum Kindesmissbrauch“ gewesen.
Bei anderen Gelegenheiten war die Autorin der Meinung, Kinderläden seien „kryptostalinistische“ Umerziehungslager gewesen, die die „Entstrukturierung der Welt“ befördern. Die Wirklichkeit war harmloser, widersprüchlicher und vergnüglicher zugleich. Die Mütter waren es, die sich am politischen Aufbruch beteiligen wollten und deshalb 1968 in Berlin begannen – wie zuvor schon in Frankfurt – die Betreuung ihrer Kinder in leer stehenden Ladenwohnungen zu organisieren. Staatliche Kindergarten und -hortplätze waren knapp, die Erziehung war dort autoritär, und die dazugehörigen Männer zeigten sich tendenziell desinteressiert.
Während des Internationalen Vietnamkongresses im Februar 1968 galt es, das Problem der Kinderbetreuung zu lösen. Daraus entstand im neu gegründeten „Aktionsrat zur Befreiung der Frau“ die Idee der gemeinschaftlichen Kindererziehung, zunächst als eine Art Selbsthilfe. Zum aufblühenden Feminismus kamen später die Impulse der Reformpädagogik, die auf Kinderbefreiung und Selbstverwaltung setzte.
Der wenig später gegründete „Zentralrat der sozialistischen Kinderläden“ versuchte, den antiautoritären Anteil zugunsten einer „proletarischen Erziehung“ zurückzudrängen. „Der Versuch, möglichst schnell andere Bevölkerungsschichten mit unseren Kinderläden zu erfreuen, mag darauf zurückzuführen sein, dass sich die Männer nach wie vor weigern, ihre eigenen Konflikte zu artikulieren. Im Augenblick haben wir der Arbeiterschaft nichts zu bieten“, kommentierte Helke Sander dieses Ansinnen in ihrer berühmten Rede auf dem SDS-Delegiertenkongress im September 1968.
Das Kinderladenexperiment konsolidierte sich, aus den autonomen wurden staatlich bezuschusste Kinder- und Schülerläden. Man zahlte nach Einkommen, ließ sich zu Koch- und Putzdiensten einteilen und diskutierte auf wöchentlichen Elternabenden die kindliche Psyche. Was die ersten von den heutigen Läden – neben einer ausgeprägten Diskussionswut – unterschied, war vor allem, dass dort stabile Gruppen beieinander waren, die schon vor der Schule zusammenkamen und sich die Schulzeit hindurch begleiteten.
Der Laden, von dem in diesem Beitrag die Rede ist, wurde Anfang 1969 in einer ehemaligen Tischlerei in Wilmersdorf bezogen. Er funktionierte rund zwanzig Jahre lang als Kinder- und später als Schülerladen. Danach hatte ihn eine neue Initiative bezogen, die dort – wenn auch um einiges pragmatischer organisiert – noch weitere sechzehn Jahre als einer von 180 senatsgeförderten Schülerläden verblieb. 2007 wurden die Berliner Schülerläden dann geschlossen, die Kinderbetreuung wird von nun an im schulnahen Hort abgewickelt.
Neben Anna Freud, Wilhelm Reich oder Erich Fromm war vor allem der Brite Alexander S. Neill ein wichtiger Stichwortgeber der Kinderladenbewegung. Sein Klassiker über die 1921 gegründete freie Schule Summerhill wurde in Deutschland 1969 bei Rowohlt unter dem Titel „Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung“ veröffentlicht – übrigens ein Begriff, den Neill selbst gar nicht verwendete. Er bezeichnete sein Konzept vielmehr als selbstregulative Praxis.
Bei Kindern beliebter war sein Abenteuerbuch „Die grüne Wolke“, 1971 erstmals bei Rowohlt erschienen: eine tolle Gute-Nacht-Geschichte, in dem auch das eine oder andere Blutbad vorkommt. Doch als V-Effekt, die das Gemetzel auf Abstand halten, sind nach jedem Kapitel die Spontankritik der zuhörenden Kinder eingebaut. Kindliche Gewaltfantasien, so Neill, wollen erst mal – gedanklich – ausgelebt werden, bevor sie sanft entschwinden können.
taz vom 13. Dezember 2008
In derselben Ausgabe der „taz“ gab es ferner den eindrucksvollen Beitrag „Wir Ladenkinder“ von Anne Huffschmid, die aus eigener Erfahrung berichtet.
„Wir Ladenkinder“ herunterladen
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Echte Museen
Spielzeugmuseen

Deutsches Historisches Museum, Berlin
Die Spielzeugsammlung des Deutschen Historischen Museums besteht als eigenständiger Sammlungsbereich innerhalb der Alltagskultur erst seit 1992. Inzwischen umfasst die Sammlung rund 4.000 Objekte.
Die umfangreiche und außergewöhnlich qualitätvolle Sammlung des Spielzeugmuseums Nürnberg umfasst den Zeitraum von der Antike bis zur Gegenwart mit dem Schwerpunkt auf den beiden letzten Jahrhunderten.

Deutsches Spielzeugmuseum Sonneberg
Auf drei Etagen finden Sie hier Spielzeuge von der Antike bis zur Gegenwart: Ein tönernes Räderpferd, eine ratternde Dampfmaschine, Karussell, Achterbahn und eine große Modelleisenbahnanlage fesseln die Aufmerksamkeit. Im Reich der Puppen trifft man auf zarte Gebilde aus Papiermaché und Porzellan jeden Alters und aller Art.
Im Herzen der ältesten Stadt Deutschlands präsentiert das Spielzeugmuseum Trier auf über 500 qm, verteilt auf zwei Etagen,Spielzeugträume von der Antike bis zur Neuzeit: Blechspielzeug, Eisenbahnen, Zinnfiguren, Puppen, Puppenstuben, Plüschtiere, Dampfmaschinen und vieles mehr. In den verwinkelten Räumlichkeiten des Museums erzählen die Spielzeuge Geschichten aus über hundert Jahren, erfreuen die kleinen Besucher und lassen die großen von der eigenen Kindheit träumen; denn viele der mehr als 5.000 Exponate werden den älteren unter unseren Besuchern bekannt erscheinen.
Kindergartenmuseum, Bergisch Gladbach
Schulmuseen
Westfälisches Schulmuseum in Dortmund
Die Seite wird fortgesetzt.
NAGEL-Redaktion – Literaturhinweise
Eine Auswahl
Gerhard Aick: Die Befreiung des Kindes. Kleine Kulturgeschichte des Spiels und des Kinderspielplatzes. Schriftenreihe der Internationalen Gartenbau-Ausstellung Hamburg (IGA). Hamburg 1963
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Amt für industrielle Formgestaltung (AIF) der DDR/Finnischer Designerverband (ORNAMO): Plätze zum Spielen. Berlin/Helsinki 1985
Michael Andritzky/Kai J. Friedrich (Hg.): Klappholttal/Sylt 1919-1989 – Geschichte und Geschichten. List/Sylt (Nordseeheim Klappholttal e.V.) o.J.
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Autorenkollektiv: Spielanlagen für Kinder und Jugendliche (Hg.: Bauakademie der DDR, Institut für Städtebau und Architektur). Berlin (VEB Verlag für Bauwesen) 1979
Autorenkollektiv am Psychologischen Institut der FU Berlin: Sozialistische Projektarbeit im Berliner „Schülerladen Rote Freiheit“. Frankfurt am Main (Fischer) 1971
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Wolfgang Bauer: JugendHaus. Geschichte, Standort und Alltag Offener Jugendarbeit. Weinheim und Basel (Beltz) 1991
Edith Barow-Bernstoff et al. (Hg.): Beiträge zur Geschichte der Vorschulerziehung. Berlin (Volk und Wissen VEB Verlag), 3. Auflage 1971
Bauakademie der DDR/Institut für Städtebau und Architektur (Hg.): Spielanlagen für Kinder und Jugendliche. Berlin (VEB Verlag für Bauwesen) 1979
Nando Belardi: Probleme von Berufsanfängern in der offenen Jugendarbeit. Die „Wende“ auf dem Arbeitsmarkt für soziale Berufe. In: deutsche jugend 5/1986
Baldo Blinkert: Kinder wollen draußen spielen. Die Bedeutung des Wohnumfeldes für das Heranwachsen junger Menschen – Städte brauchen außerhäusliche Aktionsräume, in: DER NAGEL 57 (ABA Fachverband), Dortmund 1995
Baldo Blinkert: Aktionsräume von Kindern in der Stadt. Eine Untersuchung im Auftrag der Stadt Freiburg. Pfaffenweiler (Centaurus-Verlagsgesellschaft) 1996
Baldo Blinkert: Aktionsräume von Kindern auf dem Land. Eine Untersuchung im Auftrag des Ministeriums für Umwelt und Forsten Rheinland-Pfalz. Pfaffenweiler (Centaurus-Verlagsgesellschaft) 1997
Lothar Böhnisch: Historische Skizzen zur offenen Jugendarbeit I. In: deutsche jugend 10/1984
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Rainer Deimel: Abenteuerspielplätze, in: in: Ulrich Deinet/Benedikt Sturzenhecker: Hanbuch Offene Kinder- und Jugendarbeit (VS Verlag für Sozialwissenschaften) Wiesbaden, 3., völlig überarbeitete Auflage 2005
Rainer Deimel: Spielmobile, in: Ulrich Deinet/Benedikt Sturzenhecker: Hanbuch Offene Kinder- und Jugendarbeit (VS Verlag für Sozialwissenschaften) Wiesbaden, 3., völlig überarbeitete Auflage 2005
Rainer Deimel: Offenheit nicht nur in Häusern. Die Positionen von Abenteuerspielplätzen, Spiel- und Jugendmobilen in den aktuellen Konzeptionsdebatten. In: deutsche jugend 3/2001
Ulrich Deinet/Benedikt Sturzenhecker (Hg.): Handbuch Offene Jugendarbeit. Münster (Votum) 1998
Ulrich Deinet/Benedikt Sturzenhecker (Hg:): Handbuch Offene Kinder- und Jugendarbeit. Wiesbaden (VS Verlag für Sozialwissenschaften), 3., völlig überarbeitete Auflage 2005
Ulrich Deinet: Sozialräumliche Jugendarbeit. Eine praxisbezogene Anleitung zur Konzeptentwicklung in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit. Opladen (Leske + Budrich) 1999
Ulrich Deinet: Die Jugendarbeit ist überaltert. In: deutsche jugend 12/2000
Deutsche Shell (Hg.): Jugend 2000. 13. Shell Jugendstudie in zwei Bänden. Konzeption und Koordination: Arthur Fischer, Yvonne Fritzsche, Werner Fuchs-Heinritz, Richard Münchmeier. Opladen (Leske + Budrich) 2000
Deutsches Kinderhilfswerk et al. (Hg.): Das Spielmobilbuch. Berlin (FIPP Verlag) 1990
Sabine Doll: Wir lassen uns nicht verdrängen. Mädchenarbeit in Offenen Kinder- und Jugendeinrichtungen In: DER NAGELKOPF 9. Unna (ABA Fachverband) 1988
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Erwin Jordan: Jugendarbeit. In: Dieter Kreft und Ingrid Mielenz: Wörterbuch Soziale Arbeit. Weinheim (Beltz) 1980
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Franz-Josef Krafeld: Geschichte der Jugendarbeit. Weinheim (Beltz) 1984.
Margot Krecker (Zusammenstellung): Quellen zur Geschichte der Vorschulerziehung. Berlin (Volk und Wissen VEB Verlag) 1971
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Jean Liedloff: Auf der Suche nach dem verlorenen Glück. Gegen die Zerstörung unserer Glücksfähigkeit in der frühen Kindheit. München (C.H. Beck) 1980
Ulrich Mähnert/Gerd-Rüdiger Stephan: Blaue Hemden – Rote Fahnen. Die Geschichte der Freien Deutschen Jugend.Opladen (Leske + Budrich) 1996
Christian Marzahn/Christel Schütte/Hans Kamp: Konflikt im Jugendhaus. Fortbildung für Sozialarbeiter, Sozialpädagogen, Lehrer. Reinbek (Rowohlt) 1975
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Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen: Spielen. Erprobungsmaßnahme: Verbesserung der Spielsituation. Düsseldorf (MAGS) 1989
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Ministerium für Frauen, Jugend, Familie und Gesundheit des Landes Nordrhein-Westfalen (Hg.): Kinder und Jugendliche an der Schwelle zum 21. Jahrhundert. Chancen, Risiken, Herausforderungen. /. Kinder- und Jugendbericht der Landesregierung NRW. Düsseldorf 1999
Ministerium für Frauen, Jugend, Familie und Gesundheit des Landes Nordrhein-Westfalen (Hg.): Politik für Kinder und Jugendliche: Landesjugendplan NRW. Düsseldorf 1999
Ministerium für Frauen, Jugend, Familie und Gesundheit des Landes Nordrhein-Westfalen (Hg.): Kinder und Jugendliche an der Schwelle zum 21. Jahrhundert. Kinder und Jugendliche in Nordrhein-Westfalen. Kommentierter Datenband zum 7. Kinder- und Jugendbericht der Landesregierung NRW. Düsseldorf 2000
Richard Münchmeier: Was ist Offene Jugendarbeit? – eine Standortbestimmung. In: Ulrich Deinet/Benedikt Sturzenhecker (Hg.): Handbuch Offene Jugendarbeit, Münster (Votum Verlag) 1998
C. Wolfgang Müller: Wozu dient das Freizeitheim und wie muss es aussehen? In: Der Rundbrief. Mitteilungsblatt des Senators für Jugend und Sport 5/6. Berlin 1962
C. Wolfgang Müller, Helmut Kentler, Klaus Mollenhauer, Hermann Giesecke: Was ist Jugendarbeit? München (Juventa). 7. Auflage 1975
Wolfgang Nahrstedt/Johannes Fromme: Strategien offener Kinderarbeit (Reihe Forschungsberichte des Landes Nordrhein-Westfalen). Opladen (Westdeutscher Verlag) 1986
Norbert Ortmann/Peter Rohwedder (Bearb.): Die Planung und Entwicklung der offenen Kinder- und Jugendarbeit in Oberhausen. Oberhausen (Stadt Oberhausen) 1994
Ralf-Erik Posselt: Die Geschichte der Offenen Arbeit. Schwerte (Evangelische Landesarbeitsgemeinschaft der Offenen Tür/ELAGOT NRW, Amt für Jugendarbeit der EKvW) 2003
Ulrich Preis: Bleibt das Kinder- und Jugendhilfegesetz auf der Strecke? In: ABA TexteDienst 12, Dortmund (ABA Fachverband), 3. Auflage 1996
Ria Puhl: „Wir können ja niemanden zwingen …“. In: Sozialmagazin 4/1982
Redaktionskollektiv: Erziehung und Klassenkampf. Zeitschrift für marxistische Pädagogik 10-11/1973, Themenheft „Jugendzentren“. Frankfurt am Main (Verlag Roter Stern) 1973
Wilhelm Reich: Die sexuelle Revolution. Frankfurt am Main (Fischer), 8. Auflage 1979
Lutz Rössner: Jugend in der offenen Tür. Zwischen Chaos und Verartigung. München (Juventa) 1962
Eckhard Schiffer: Warum Huckleberry Finn nicht süchtig wurde. Anstiftung gegen Sucht und Selbstzerstörung bei Kindern und Jugendlichen. Weinheim und Basel (Beltz) 1993
Eckhard Schiffer: Warum Hieronymus B. keine Hexe verbrannte. Gewaltbereitschaft bei Kindern und Jugendlichen erkennen – Gewalt vorbeugen. Weinheim und Basel (Beltz) 1994
Eckhard Schiffer: Der Kleine Prinz in Las Vegas. Spielerische Intelligenz gegen Krankheit und Resignation. Weinheim und Berlin (Beltz Quadriga) 1997
Eckhard Schiffer: Wie Gesundheit entsteht. Salutogenese: Schatzsuche statt Fehlerfahndung. Weinheim und Basel (Beltz) 2001
Otto Schweizer/Donata Elschenbroich: Das Jahrhundert des Kindes im Jahrhundert des bewegten Bildes. Videoproduktion des Zentrums für Fernstudienentwicklung der FernUniversität Hagen. Hagen 1998
Otto Schweizer/Donata Elschenbroich: Das Rad erfinden. Kinder auf dem Weg in die Wissensgesellschaft. Videoproduktion des Deutschen Jugendinstituts im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. München/Frankfurt am Main 1999
Hiltrud von Spiegel: Offene Arbeit mit Kindern – (k)ein Kinderspiel. Erklärungswissen und Hilfen zum methodischen Arbeiten. Münster (Votum) 1997
Klaus Spitzer/Janne Günter/Roland Günter: Spielplatzhandbuch. Ein kritisches Lexikon. Berlin (VSA-Verlag) 1975
Rainer Treptow: Stärkung der Kulturarbeit. Thesen zur aktuellen Suchbewegung in der Jugendarbeit. In: Neue Praxis 1/1986
Hanne Tügel: Tiere als Therapeuten. In: GEO 3/2001 (Fotos von Walter Schmitz), S. 86 ff.
Hans-Jürgen von Wensierski: Freie Deutsche Jugend? Zur integrativen und desintegrativen Funktion der FDJ für die Jugend und die Jugendarbeit der DDR. In: deutsche jugend 4/1998
Lutz von Werder: Sozialistische Erziehung in Deutschland 1848-1973. Frankfurt am Main (Fischer) 1974
Das Standardbuch zum Thema

Ulrich Deinet, Benedikt Sturzenhecker (Hg.): Handbuch Offene Kinder- und Jugendarbeit, Wiesbaden (VS Verlag für Sozialwissenschaften) 2005, 3., völlig überarbeitete und erweiterte Auflage, 668 Seiten, ISBN978-3-8100-4077-0, 59,90 Euro. Rezension lesen
NAGEL-Redaktion – Die 1990er-Jahre
1990 wurde der 8. Jugendbericht der Bundesregierung veröffentlicht. Mit diesem Bericht wurden einige Paradigmenwechsel in der Jugendhilfe eingeleitet mit anderen Worten: die Sicht auf junge Leute begann sich „offiziell“ zu verändern. (1)

Foto: Bundesarchiv (Jugendliche in Bonn)
Im Kontext einer zeitgemäßen Jugendhilfeplanung fassen Jordan und Schone diese diese neuen fachlichen Maßstäbe folgendermaßen zusammen:
● Sozialraumorientierung statt quantitativer Flächendeckung
● Problemorientierung statt Institutionsorientierung
● Offene Prozessplanung statt statischer Festschreibungen der Zukunft
● Einmischung statt Abgrenzung der Jugendhilfe
● Pädagogischer (fachlicher) und politischer Diskurs statt statistischer Formelsammlungen
● Partizipation statt Direktion
● Gegenstromplanung statt Einwegplanung
● Entspezialisierung statt Spezialisierung (2)
Diese Postulate zeigen deutlich die Bemühungen der Jugendhilfe auf, in der Postmodernen „mitzuhalten“. In Anlehnung an den 8. Jugendbericht werden in der Folgezeit – sowohl in der institutionalisierten Praxis und bei Fachverbänden als auch in Politik, Administration und Wissenschaft Leitmotive bzw. Prinzipien für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen formuliert. Die Landesregierung Nordrhein-Westfalen nennt: Prävention, Integration, Partizipation und Emanzipation als Handlungsparadigmen. (3) Im Landesjugendplan Nordrhein-Westfalen wird hierzu ausgeführt: „Den Prinzipien der Emanzipation, der Prävention, der Integration und der Partizipation entsprechend sollen die Bemühungen der Träger, vor allem sozialbenachteiligte Gruppen mit ihren Regelangeboten zu erreichen, unterstützt werden.“ (4)
Am 1. Januar 1991 wurde das bisherige Jugendwohlfahtsgesetz (JWG) durch das Kinder- und Jugendhilferecht, das als Achtes Sozialgesetzbuch (SGB VIII) verfasste Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG) ersetzt. Damit wurde jungen Menschen in Deutschland eine deutlich verbesserte Rechtsstellung zugebilligt. So wird etwa formuliert, dass junge Menschen an allen sie betreffenden Entscheidungen der öffentlichen Jugendhilfe zu beteiligen sind. (5) Ferner sind die wachsende Fähigkeit und das wachsende Bedürfnis des Kindes bzw. Jugendlichen zu selbstständigem, verantwortungsbewusstem Handeln sowie die jeweiligen besonderen sozialen und kulturellen Bedürfnisse junger Menschen und ihrer Familien wie die unterschiedlichen Lebenslagen von Mädchen und Jungen zu berücksichtigen. Darüber hinaus gelte es, Benachteiligungen abzubauen und die Gleichberechtigung für Mädchen und Jungen zu fördern. (6)
Vor dem Inkrafttreten des SGB VIII galten die Einrichtungen der Offenen Arbeit als sogenannte „freiwilligen Leistungen“. Diese Interpretation kann dem SGB VIII definitiv nicht mehr entnommen werden. So heißt im 2. Kapitel (7) im § 11 (Jugendarbeit):
● Jungen Menschen sind die zur Förderung ihrer Entwicklung erforderlichen Angebote der Jugendarbeit zur Verfügung zu stellen. Sie sollen an den Interessen junger Menschen anknüpfen und von ihnen mitbestimmt und mitgestaltet werden, sie zur Selbstbestimmung befähigen und zu gesellschaftlicher Mitverantwortung und zu sozialem Engagement anregen und hinführen.
● Jugendarbeit wird angeboten von Verbänden, Gruppen und Initiativen der Jugend, von anderen Trägern der Jugendarbeit und den Trägern der öffentlichen Jugendhilfe. Sie umfasst für Mitglieder bestimmte Angebote, die offene Jugendarbeit und gemeinwesenorientierte Angebote.“ (8)
Zu den Schwerpunkten der Jugendarbeit gehören
● außerschulische Jugendbildung mit allgemeiner, politischer, sozialer, gesundheitlicher, kultureller und technischer Bildung,
● Jugendarbeit in Sport, Spiel und Geselligkeit
● arbeitswelt-, schul- und familienbezogene Jugendarbeit,
● internationale Jugendarbeit
● Kinder- und Jugenderholung
● Jugendberatung
Demnach kann das Vorhalten Offener Arbeit für die öffentliche Jugendhilfe nicht mehr beliebig sein, vielmehr handelt es sich nun dabei um eine pflichtige Leistung. Gleichzeitig wurde allerdings die kommunale Planungshoheit gestärkt. Nach § 80 SGB VIII sind die Träger der öffentlichen Jugendhilfe zwar verpflichtet, eine Jugendhilfeplanung durchzuführen, wobei sie den Bedarf unter Berücksichtigung der Wünsche, Bedürfnisse und Interessen junger Menschen und deren Eltern zu befriedigen haben, allerdings wird ihnen ein relativ hoher Ausgestaltungsrahmen zugebilligt.
In den 1990er-Jahren ist kein Verwaltungsgerichtsurteil bekannt geworden, wonach ein Träger verpflichtet worden wäre, ganz bestimmte Leistungs-Angebote vorzuhalten. Dieser Umstand, gepaart mit einer zunehmenden ungünstigeren Haushaltslage der Kommunen hat trotz einer verbesserten Rechtsstellung erneut zu einer stellenweise bedrohlichen Lage für die Offene Arbeit geführt.

Einer der ersten Abenteuerspielplätze nach der „Wende“ in der DDR, der ASP Mühle in Magdeburg-Olvenstedt um 1990, Träger Spielwagen e.V. ( Foto: Spielwagen)
Diese Situation wurde auch von der Landesregierung Nordrhein-Westfalens wahrgenommen und als günstige Stimulans wurde der Landesjugendplan zeitweise abgesichert; dies unter teilweisem Widerstand der Finanzpolitik. Unter der Voraussetzung, dass die Kommunen ihre Jugendhilfeplanung erledigt und die zu fördernden Einrichtungen dort ausgewiesen haben, konnten sie bis zu einem Drittel der Kosten vom Land bezuschusst bekommen. Seinerzeit war diese Situation vermutlich einmalig in Deutschland. In den anderen Bundesländern gab es meines Erachtens über die Länder in erster Linie Projektförderungen.
Ansonsten schienen die Kommunen die Einrichtungen der Offenen Arbeit – sofern vorhanden – aus „eigener Tasche“ zu finanzieren.
Erneut auf das Beispiel Nordrhein-Westfalen zurückkommend, kann festgestellt werden, dass der seinerzeitige Landesjugendplan im Bereich der Offenen Bereich als strukturell förderfähig nannte:
● Offene Formen und Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit
● Mobile Jugendarbeit (womit auch Spielmobile förderfähig geworden sind)
● Angebote der Spielplatzarbeit (hier war eine gezielte Förderung der Abenteuerspielplätze und Kinderbauernhöfe angesprochen)
Einer Auskunft (1999) des Ministeriums für Frauen, Jugend, Familie und Gesundheit NRW zufolge haben seinerzeit die Kommunen von dieser Fördermöglichkeit von Spielmobilen und Spielplätzen keinen, allenfalls nur einen marginalen Gebrauch gemacht.
Werfen wir noch einen Blick auf die Personalentwicklung, wieder am Beispiel Nordrhein-Westfalens. (9) Insgesamt ist hier in der Jugendhilfe die Zahl der Fachkräfte von knapp 86.000 im Jahr 1990 auf knapp 112.000 im Jahr 1998, also um etwa 26.000, angestiegen. „Naturgemäß“ machen auch hier die Tageseinrichtungen für Kinder den größten Anteil aus (1990: 39.000; 1998: 73.232). Der Stand des Fachpersonals in der Jugendarbeit – also den Bereichen verbandlicher, Offener und kultureller Kinder- und Jugendarbeit – entwickelte sich von 9.410 im Jahr 1990 auf 10.788 im Jahr 1998, also ein erklecklicher Zuwachs von gut 1.300 Stellen. (10)
Leider kann der Statistik nicht entnommen werden, um welche Stellen innerhalb der Jugendarbeit (etwa Vollzeit- oder Teilzeitbeschäftigte, Qualifizierungsgrad usw.) es sich handelt und auf welche Bereiche sie konkret entfallen. Zur Entwicklung des Personals liest sich der entsprechende Kommentar im Datenband der Landesregierung dann folgendermaßen: „Die Kinder- und Jugendhilfe in Nordrhein-Westfalen ist im Rückblick auf die 80-er Jahre bis heute ein wachsendes Segment sozialer Dienstleistungen. Wird dies an der Entwicklung der Einrichtungen von rund 13.600 auf 15.600 zwischen 1986 und 1998 noch nicht übermäßig deutlich, so dokumentiert die Entwicklung der beschäftigten Personenden Ausbau der Kinder- und Jugendhilfe. … Kamen 1990 rein rechnerisch auf einen Mitarbeiter/eine Mitarbeiterin in der Kinder- und Jugendhilfe 37 unter 18-Jährige, so sind dies 1998 noch 31 Minderjährige. Berechnet man diese Angaben auf Vollzeitstellen in der Jugendhilfe, so heißt dies, dass 1998 auf 36 Minderjährige eine Vollzeitstelle entfällt. Im Gegensatz dazu weisen die Ausgaben für 1990 noch 43 Minderjährige pro Vollzeitstelle in Nordrhein-Westfalen aus.“ (11)
Wir haben gesehen, dass der Bereich der Tageseinrichtung überdeutlich expandiert. Wir konnten feststellen, dass die Offene Arbeit immer wieder wie ein Verschiebebahnhof genutzt wird. Gegen Ende der 1990-er Jahre gerieten die Kommunen immer stärker unter Finanzdruck; ein Ende dieses Trends ist nicht absehbar. Insofern ist die Gefahr, dass das Kinder- und Jugendhilfegesetz, insbesondere die Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, auf der Strecke bleibt, wie Ulrich Preis von der FernUniversität Hagen es 1993 warnend formuliert hat (12), nicht vom Tisch.
1998, kurz vor dem Ende der Ära Kohl, wurde der Zehnte Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung veröffentlicht. Die seinerzeitige Bundesministerin für Familie, Senioren, Frau und Jugend, Claudia Nolte, war eine zeitlang bemüht, der Öffentlichkeit gegenüber diesen Bericht vorzuenthalten; dies vor allem vor dem Hintergrund der zunehmenden Verarmung von Kindern, dem „Lebensrisiko Kind“, dem Paare sich aussetzen, wenn sie sich entschließen, Nachwuchs „in die Welt zu setzen“. Der Bericht machte deutlich, dass die Kluft zwischen Wohlhabenden und Habenichtsen immer größer wird. Diese Zurückhaltestrategie sorgte – kurz vor der Bundestagswahl 1998 – noch einmal für erheblichen „Stress“ in der Bundesregierung. Eigentlich wäre er nicht nötig gewesen, können wir doch erleben, dass erwähnte Kluft zwischen Arm und Reich auch unter der neuen – rot-grünen – Bundesregierung nicht kleiner geworden ist, im Gegenteil scheint sie sich weiter zu vergrößern.
Der Zehnte Kinder- und Jugendbericht befasste sich mit der Lebenssituation von Kindern und die Leistungen der Kinderhilfen in Deutschland. Bezüglich der Offenen Arbeit mit Kindern kommt die Sachverständigenkommission, die den Bericht erstellt hat und deren Vorsitzender Prof. Dr. Lothar Krappmann (Berlin) war, zu ähnlichen Auffassungen, wie sie beispielsweise auch vom ABA Fachverband als Positionen vertreten werden. Demnach ist es erforderlich, für Kinder „kinderspezifische Ansätze“ zu entwickeln. Wie erwähnt haben sich zahlreiche Jugendfreizeitstätten der Arbeit mit Kindern gegenüber geöffnet. Allerdings „steht die offene Arbeit mit Kindern im Schatten der Jugendarbeit und ist bis heute ein eher randständiges Gebiet geblieben mit wenig eigenständigen pädagogischen Elementen. Von Spiegel (1997) notiert: ´Spielen und Basteln, kulturelle Angebote, ein offener Bereich mit Kicker, Billard und Tischtennis, Kindercafé und Kinder- bzw. Teeniedisco – alles wie gehabt“. (13) „Dennoch gibt es – wenn auch nicht flächendeckend – bemerkenswerte kinderbezogene Angebote, z.B. Abenteuer-, Bau- und Aktivspielplätze sowie Kinderbauernhöfe. … Bei Ferienangeboten und Abenteuerspielplätzen scheinen sich am ehesten originäre kinderspezifische Ansätze entwickelt zu haben. (14) Die Bundesregierung folgt dieser Feststellung in ihrer Kommentierung. Dort heißt es: „Die Bundesregierung teilt die Auffassung, dass es eine sehr große Differenzierung und unterschiedliche Intensität bei den Angeboten und Wahrnehmungsmöglichkeiten für Kinder in der Kinder- und Jugendarbeit und in der Kinderkulturarbeit gibt. Diese Arbeit ist von einer unterschiedlichen Dichte und einem unterschiedlichen Niveau geprägt. Die Bundesregierung sieht jedoch als wünschenswert an, die kinderbezogenen Angebote wie unter anderem Abenteuer-, Bau- und Aktivspielplätze, musikalische Früherziehung, Kinder- und Jugendkunstschulen, Kinderkinos, Kindermuseen, Spielmobile flächendeckend zu verstärken.“ (15)

ASP Mühle in Magdeburg-Olvenstedt um 1990, kurz nach der „Wende“ (Foto: Spielwagen)
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Fußnoten
(1) Bundesministerium für Jugend, Familie und Gesundheit (Hg.): Achter Jugendbericht. Bericht über die Bestrebungen und Leistungen der Jugendhilfe, Bonn 1990
(2) Erwin Jordan/Reinhold Schone: Jugendhilfeplanung – aber wie? Münster 1992, S. 21 f.
(3) vgl. Ministerium für Frauen, Jugend, Familie und Gesundheit NRW (Hg.): Kinder und Jugendliche an der Schwelle zum 21. Jahrhundert. Chancen, Risiken, Herausforderungen. 7. Kinder- und Jugendbericht der Landesregierung NRW, Düsseldorf 1999, S. 12 f.
(4) Ministerium für Frauen, Jugend, Familie und Gesundheit NRW (Hg.): Politik für Kinder und Jugendliche: Landesjugendplan NRW, Düsseldorf 1999, S. 9
(5) vgl. SGB VIII § 8
(6) vgl. SGB VIII § 9
(7) 2. Kapitel SGB VIII: Leistungen der Jugendhilfe
(8) Hervorhebung von R.D.
(10) vgl. Ministerium für Frauen, Jugend, Familie und Gesundheit … 2000, a.a.O., S. 85 f.
(11) ebenda, S. 84
(12) Ulrich Preis: Bleibt das Kinder- und Jugendhilfegesetz auf der Strecke?, in: ABA TexteDienst 12, Dortmund (ABA Fachverband), 3. Auflage 1996
(13) Zehnter Kinder- und Jugendbericht des Bundesregierung, Bonn 1998, S. 222 f.
(13) ebenda, Seite 223
(19) Hervorhebungen von R.D.
(20) Zehnter Kinder- und Jugendbericht , S. IX
NAGEL-Redaktion – Die 1980er-Jahre
Anfang der 1980er-Jahre wurde die Offene Kinder- und Jugendarbeit insgesamt von einer „Sparwelle“ in den Kommunen sowie anderen öffentlichen Haushalten ergriffen. Die Offene Arbeit firmierte damals noch unter dem Begriff der sogenannten „freiwilligen Leistungen“ und war insofern ein leicht zu erreichendes „Rotstift-Opfer“. Zahlreiche Einrichtungen mussten Federn lassen, einige gar schließen.
Wider besseres Wissen immer wieder bedroht: Die Offene Arbeit. Hier eine Demo vor einem Kasseler Jugendhaus 1987 (Foto: Richard Majewski, in: Wolfgang Bauer: JugendHaus, Weinheim/Basel 1991)
Offene Kinder- und Jugendarbeit kann und wird niemals „marktfähig“ werden; sie ist mittelbar und unmittelbar von öffentlichen Zuwendungen abhängig. Das hat sie immer wieder in Legitimationsdruck gebracht. Der „kommerzielle Druck“ auf die Offene Arbeit hat vor allem in den 1980er-Jahre erheblich zugenommen. Wurden zuvor Kommerz und Konsum expressis verbis entschieden abgelehnt, so musste sich die Offene Arbeit nunmehr zunehmend damit auseinandersetzen, um Gegengewichte zu schaffen.
Demo von Jugendlichen aus Kasseler Jugendzentren vor dem Rathaus 1987 (Foto: Richard Majewski, in: Wolfgang Bauer: JugendHaus, Weinheim/Basel 1991)
Aus dieser Situation heraus ist auch eine Zunahme von „Kulturangeboten“ (1) zu verzeichnen. „Kulturelle Jugendarbeit“ vermag die bisherige sozialpädagogische Praxis effektiv und sinnvoll bereichern. Dies erfordert einerseits vermehrte Fähigkeiten und Fertigkeiten bei den MitarbeiterInnen; andererseits bestand mit der zu starken Akzentuierung einer kulturellen Ausrichtung eine duale Gefahr:
● Hinsichtlich der Klientel kann es zu Veränderungen kommen; diejenigen Kinder und Jugendlichen, für die die bestehenden Angebote nach einem gängigen Selbstverständnis der Offenen Arbeit „am nötigsten“ haben, werden können zugunsten eines mobileren Publikums angedrängt werden, das in erster Linie daran interessiert ist „kulturelle Highlights“ zu erleben. Der reklamierte Stadtteilbezug geht auf diese Weise häufig verloren.
● Die Umgestaltung einer Offenen Einrichtung mit dem Schwerpunkt Kulturarbeit setzt sich verstärkt der Gefahr aus, sich als soziale Einrichtung selbst überflüssig zu machen; so ist zu beobachten, dass PolitikerInnen sich bisweilen – möglicherweise berechtigt – fragen, ob eine solche Einrichtung sich nicht auch ohne Subventionen tragen kann, sich also am Markt orientiert.
Kulturelle Ausdrucksformen gehören seit jeher in eine zeitgemäße Offene Arbeit. Kassel 1986 (Foto: Richard Majewski, in: Wolfgang Bauer: JugendHaus, Weinheim/Basel 1991)
Hiltrud von Spiegel berichtet, dass es nach „einem jahrelangem Nebeneinander“ von Sozial- und Kulturpädagogik seit Mitte der 80-er Jahre zu verstärkter Konkurrenz gekommen sei, vor allem in der Offenen Jugendarbeit scheine die Sozialpädagogik in die Defensive geraten zu sein. Sie vermutet, viele Häuser der Offenen Tür hätten auch deshalb ihre Konzeptionen in Richtung Kulturpädagogik geändert, da sie mit den „Problemen, die die traditionellen Besuchergruppen aus den unteren Schichten“ mitbrächten, nicht mehr zurecht kämen. (2) „Die ‚sozialpädagogische Fraktion‘ kritisiert an dieser Tendenz, dass sich dadurch Kinder und Jugendliche der unteren Schichten nicht mehr angesprochen fühlen und auf andere Formen der Sozialen Arbeit angewiesen sind, wie zum Beispiel Streetwork.“ (3) Sie bezieht sich dabei auf den „Arbeitskreis Jugendarbeit“, Nando Belardi und Ria Puhl. „Die ‚Kulturfraktion‘ hält dagegen, dass es ohnehin nicht die Aufgabe Offener Kinder- und Jugendarbeit sein dürfe, Sozialpädagogik zu betreiben. Erstens sei sie aufgrund ihrer Infrastruktur überfordert, zweitens sei es auch aus politischen Gründen falsch, sich für die integrativen Ziele des Sozialstaates vereinnahmen zu lassen.“ (4)
Dieser für die 1980er-Jahre charakteristische Konflikt wird meines Erachtens in der Darstellung relativ stark akzentuiert. Meines Dafürhaltens war der Konflikt regional begrenzt und nicht selten mit bestimmten Personen und Organisationen in Verbindung zu bringen. Seitens des ABA Fachverbandes beispielsweise wurde recht früh die Position vertreten, dass sich Sozial- und Kulturpädagogik hervorragend ergänzen. Es handelt sich hierbei nicht um zwei konträre Disziplinen, sondern sich gegenseitig befruchtende methodische Ansätze. Diese moderatere Position wird allerdings auch von von Spiegel bestätigt. (5)
Münster 1981 (Foto: K. Wohlgemuth, Essen, in: Lutz Niethammer et al.: Die Menschen machen ihre Geschichte nicht aus freien Stücken, aber sie machen sie selbst, Essen 2006)
Auffallend in den 1980er-Jahren war ferner der Trend, dass sich die bisherigen Jugendfreizeitstätten zunehmend gegenüber der Arbeit mit Kindern öffneten; dies zum Teil infolge von Hinweisen und Forderungen aus der Politik, zum Teil aber auch vor dem Hintergrund, mit Kindern ließe sich angeblich „leichter arbeiten“.
Bezogen auf die Offene Jugendarbeit war an etlichen Stellen ein kontinuierlicher Besucherrückgang feststellbar. Er blieb dort eher aus, wo die Jugendlichen die größten Chancen haben, ihre Bedürfnisse wahrzunehmen, sprich Partizipation nicht an der Schwelle zum Jugendzentrum halt macht. Ulrich Deinet erklärte diese Betulichkeit später in der „deutschen jugend 12/2000“ auch mit der These, die Jugendarbeit sei überaltert. Dementsprechend müsse das Personal nach kürzerer Zeit ausgetauscht werden. (6) (7)
Blicken wir noch einmal auf Entwicklungen der Offenen Arbeit mit Kindern in den 80-er Jahren. In dem Forschungsvorhaben „Strategien offener Kinderarbeit“ beschreiben Wolfgang Nahrstedt und Johannes Fromme 1986 drei Ebenen, die die Offenheit der Arbeit charakterisieren. Sie sprechen zum einen „das Einwirken und Beeinflusst-Werden des gesellschaftlichen Teilsystems der offenen Kinderarbeit auf und von andere(n) Teilsysteme(n)“ (8) an.
Broschüre „Pädagogisch betreute Spielplätze“ des Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales Nordrhein-Westfalen (MAGS NRW), Düsseldorf 1982.(9)
Eine weitere Ebene ist Offenheit, erfahrbar als Zugänglichkeit, Freiwilligkeit, Einsehbarkeit, räumliche Offenheit, pädagogische Offenheit, soziale Offenheit sowie Offenheit in dem Sinne, dass die BesucherInnen nicht irgendwo Mitglied sein müssen, etwa in einer Kirche oder bei der Verbandsjugend. (10) Als dritte Ebene stellen sie die Zukunftsoffenheit heraus und beziehen diese auf die pädagogisch-praktische Arbeit, deren Inhalte und natürlich auf die Partizipanten. Das genannte Forschungsvorhaben war das umfangreichste, das seinerzeit stattgefunden hat.

Für Mädchen auch in den 1980er-Jahren nichts besonderes, sofern vorhanden: Der Abenteuerspielplatz. Das Foto stammt wahrscheinlich von Gerhard Mlynczak. Entstanden ist es auf dem Abenteuerspielplatz Scharnhorst in Dortmund (aus: MAGS NRW: Pädagogisch betreute Spielplätze).
In einem Gespräch berichtete Professor Wolfgang Nahrstedt einmal von „seinem Ottawa-Effekt“, will sagen, seine Teilnahme an einer internationalen Konferenz über Abenteuerspielplätze, die in der kanadischen Stadt organisiert wurde, „öffnete ihm die Augen“, wie stark der Nachholbedarf in Deutschland noch war. Nicht ohne guten Grund wurden von Nahrstedt und Fromme vor allem die Konzepte „Abenteuerspielplatz“, „Jugendfarm“ und „Spielmobil“ gefordert. Diese Forderung scheint gegenwärtig aktueller denn je.

Abenteuerspielplatz Eller in Düsseldorf (Foto aus: MAGS NRW: Pädagogisch betreute Spielplätze)
Bereits ein paar Jahre zuvor hatte man sich in der Pädagogischen Fakultät der Universität Bielefeld mit dem „Niedergang“ der Abenteuerspielplatzbewegung beschäftigt (vgl. Fußnote 9 auf der Seite Die 1970er-Jahre: Holger Grabbe u.a.). Fromme, Nahrstedt et al. führen 1984 hierzu aus: „Der Elan der ersten Stunde ist … verflogen, die Aktualität des Themas ist durch Aktuelleres überholt. Die zunehmende Finanzenge der kommunalen Haushalte verlagerte das Interesse auf die finanzielle Absicherung der Plätze. Die ‚erste‘ Generation der ‚ASP-Kinder‘ hatte die Plätze verlassen, das Interesse der ‚ersten‘ Eltern-Generation, zumeist ehrenamtlich auf den Plätzen tätig, erlahmte: Zunehmend wurden den Kommunen die zunächst überwiegende Zahl der durch Bürgerinitiativen geschaffenen ASP angetragen. Die ASP-Bewegung wurde ‚kommunalisiert‘, dann exekutiert.“ (11) In der Folge dieser Entwicklung ist es dann nur noch zu einzelnen Neugründungen von Plätzen gekommen. Es kann vermutet werden, dass den meisten Verantwortlichen die Notwendigkeiten hinsichtlich einer gelingenden außerfamiliären und außerschulischen Sozialisation nicht deutlich gemacht konnte bzw. sie mehr oder weniger bewusst ihre Augen vor erfolgreichen Konzepten verschließen. (12)
Begeisterung, Erlernen von Fähigkeiten, gemeinsames Tun: Abenteuerspielplatz Scharnhorst in Dortmund in den 1980-er Jahren. Das Foto stammt vermutlich von Gerhard Mlynczak (aus: MAGS NRW: Pädagogisch betreute Spielplätze)
Bis in die jüngere Zeit hinein hat es ebenfalls kommunal Verantwortliche gegeben, die nach Jahrzehnten etwa hinter Abenteuerspielplätzen „rote Kaderschmieden“ witterten und dementsprechend das „Park-Tanten-Konzept“ (siehe auf der Seite „Bewegungen“) vorzogen. (13) Viele Vorbehalte gegenüber Abenteuerspielplätzen und Jugendfarmen speisten sich auch aus dem Reservoir „erwachsener Ästhetik“, einem überzogenen Sicherheitsdenken u.ä. Dies ist bei heute der Fall. Diese Kritik richtet sich nicht nur an die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung, sondern gleichsam auch an die Ausbildung von Pädagog(inn)en sowie an Mitarbeiter(innen) in Einrichtungen, die sich seit langem „eingerichtet“ bzw. „festgefahren“ haben.
Kleine Revolutionäre – gut versteckt! – auf dem Abenteuerspielplatz Scharnhorst in Dortmund. Das Foto stammt vermutlich von Gerhard Mlynczak. (aus: MAGS NRW: Pädagogisch betreute Spielplätze, Düsseldorf 1982)
Gegen Ende der 80-er Jahre – kurz vor und nach „der Wende“ wurden die ersten Abenteuerspielplätze und Kinderbauernhöfe in der „Noch-DDR“ gegründet. Der erste wurde von der erwähnten Gruppe des „Spielwagens Berlin I“ im Bezirk Prenzlauer Berg in Berlin initiiert.
Der Abenteuerspielplatz „Kolle 37“ im Prenzlauser Berg in Berlin, der erste seiner Art in den damals noch existierende DDR. (Foto: Kolle 37)(14)
Es folgten weitere Gründungen in Ost-Berlin, Dresden, Magdeburg, Leipzig, Cottbus, Hoyerswerda und an anderen Orten. In den ersten Jahren war bei diesen Plätzen durchaus eine ähnliche „Aufbruchstimmung“ erlebbar, wie sie zuvor in den 70-er Jahren im Westen beobachtet werden konnte.
Das alte Haus des Abenteuerspielplatzes „Kolle 37“ war in der benachbarten Immobilie untergebracht. (Foto: Kolle 37)
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Fußnoten
(1) Wolfgang Nahrstedt/Johannes Fromme: Strategien offener Kinderarbeit. Zur Theorie und Praxis freizeitpädagogischen Handelns, Opladen 1986, S. 91
(2) vgl. Hiltrud von Spiegel 1997, S. 14
(3) ebenda
(4) ebenda
(5) vgl. ebenda
(6) vgl. Ulrich Deinet: Die Jugendarbeit ist überaltert, in: deutsche jugend 12/2000
(7) Anm. R.D.: Interessanterweise gehörte vor allem in den 1970-er- und 1980-er Jahren eine kontinuierliche Tätigkeit des hauptberuflichen Personals zu den hervorgehobenen Qualitätsmerkmalen in der Offenen Arbeit. Ein rascher Wechsel in andere Tätgikeitsfelder wurde eher kritisch betrachtet, da er vor allem zu Lasten der Besucher(innen) ginge, für die feste Beziehungen allerdings elementar seien.
(8) Wolfgang Nahrstedt/Johannes Fromme: Strategien offener Kinderarbeit. Zur Theorie und Praxis freizeitpädagogischen Handelns, Opladen 1986, S. 91
(9) Veröffentlicht wurde hier ein Erfahrungsbericht über eine Erprobungsmaßnahme des Landes NRW. Das Gesetz, in dem die Abenteuerspielplätze als förderfähig ausgewiesen wurden, das Jugendförderungsgesetz, wurde 2005 – nach einer erfolgreichen Volksinitiative – realisiert. Allerdings hatten die Kommunen bereits einige Jahre zuvor die Möglichkeit, für Abenteuerspielplätze, Kinderbauernhöfe und Spielmobile eine Landesförderung in Anspruch zu nehmen. Von dieser Möglichkeit wurde allerdings nur in seltenen Fällen Gebrauch gemacht, da die Fördergelder bereits verteilt waren. In der Broschüre findet sich der (hochaktuelle!) Hinweis: „Unter den Angeboten der Jugendhilfe bietet der pädagogisch betreute Spielplatz eine gute Chance, auf Bedürfnisse der Kinder im Schulalter einzugehen und ihnen Erfahrungen zu ermöglichen, die sie sonst kaum noch machen können, die aber für ihre Entwicklung unerlässlich sind.“
(10) Anm. R.D.: Die in den 1980-er Jahren konstatierten Qualitätsmerksmale der Offenheit und Freiwilligkeit haben meines Erachtens gerade auch gegenwärtig – zum inzwischen fast zehn Jahre alten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts – keinen Deut ihrer Aktualität verloren, im Gegenteil: Gerade diese Qualitätsmerkmale kommen den Bedürfnissen und Gewohnheiten gegenwärtiger junger Menschen in hervorragender Weise entgegen. Insofern ist die Offenen Arbeit inzwischen bedeutsamer denn je. Da wir es aus pädagogischer Sicht nicht mit einem Erkenntnisdefizit zu tun haben, bleibt im Grunde nur festzustellen, dass es häufig am politischen Willen fehlt. Dieses Phänomen wird häufig mit „leeren Kassen“ kaschiert.
(11) Johannes Fromme et al.: Aktivspielplätze im Selbstverständnis der Mitarbeiter, Wuppertal/Bielefeld 1984
(12) Die „Quittung“ hierfür ist bei gegenwärtig aufwachsenden Kindern immer deutlicher erfahrbar. Auch auf diesen Aspekt werde ich an späterer Stelle erneut zu sprechen kommen.
(13) Anm. R.D.: Über einen ähnlichen gedanklichen Hintergrund schienen auch jene zu verfügen, die den Begriff „Aktivspielplatz“ zu etablieren versuchten. Während der Begriff „Bauspielplatz“ direkt vom dänischen „Byggelegeplads“ abgeleitet wurde, haben wir es bei „Aktivspielplatz“ nicht nur formal, sondern auch inhaltlich mit einer Tautolgie zu tun: Kinderspiel ist immer aktiv, auch wenn Kindern nur „träumen“. Vor dem Hintergrund einer möglichen historisch bedingten politischen Abgrenzungsstrategie kann man nicht anders, als zu der Auffassung zu gelangen, das hier schlicht zum Ausdruck gebracht wird: „Die spielen ja nur! Das muss man nicht so ernst nehmen!“ Erinnert sei in diesem Zusammenhang noch einmal daran, dass der Begriff „Abenteuerspielplatz“ von englischen „adventure playground“ übernommen wurde (siehe hierzu die Seite Die Etablierung der Offenen Arbeit mit Kindern). „Abenteuer“ beschreibt präzise, worum es geht: Abenteuer ist ein Prozess mit vorläufig unbekanntem Ausgang. Solche Prozesse ermöglichen Abenteuerspielplätze mit einem wohl durchdachten Konzept: Sie sorgen für hochwertige Entwicklungsunterstützung, für unschätzbar wichtige Bildungsprozesse und wirken im Sinne von Gesundheit auf vorbildliche Weise salutogenetisch. Detaillierte Hinweise hierauf können auf unserer Seite Lerngesundheit durch Resourcenorientierung von Dr. Eckhard Schiffer nachgelesen werden.
(14) Auf dem Bild ist noch der alter Spielwagen zu sehen (vgl. Seite Spielmobile).
Weiterführende Links
Die 1980er-Jahre (Wikipedia)
Kulturpädagogik (Wikipedia)
Hinweise
Hiltrud von Spiegel: Offene Arbeit mit Kindern – (k)ein Kinderspiel. Erklärungswissen und Hilfen zum methodischen Arbeiten. Münster 1997, Votum Verlag.
Das Buch wurde hier mehrfach zitiert bzw. gibt es Hinweise auf dieser Seite darauf. Es ist inzwischen vergriffen. Unser Fachbeiratsmitglied Prof. Dr. Hiltrud von Spiegel hat uns das Manuskript dankenswerterweise zur Verfügung gestellt. Auf diese Weise können wir es Ihnen hier anbieten. Zum Buch gelangen Sie, wenn Sie vorstehenden Titel anklicken.

In einer weiteren Erprobungsmaßnahme befasste sich eine Arbeitsgruppe des nordrhein-westfälischen Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales mit der Fragestellung, wie die Spielsituation für Kinder im Land insgesamt zu verbessern sei. Vorstehend sehen Sie den Titel der hierzu 1989 erschienenen Dokumentation.

Ulrich Deinet, Benedikt Sturzenhecker (Hg.): Handbuch Offene Kinder- und Jugendarbeit, Wiesbaden (VS Verlag für Sozialwissenschaften) 2005, 3., völlig überarbeitete und erweiterte Auflage, 668 Seiten, ISBN978-3-8100-4077-0, 59,90 Euro. Rezension lesen
NAGEL-Redaktion – Spielmobile
Gegen Ende der 70-er Jahre kam für die Offene mit Kindern verstärkt ein weiterer Einrichtungstyp hinzu: das Spielmobil. Das von der UNO ausgerufene Jahr des Kindes 1979 führte zu „einem Boom“ von Neugründungen derartiger Einrichtungen. Spielmobile gab es ab Ende der 60-er/Anfang der 70-er Jahre in Deutschland, die ersten in Köln, München (1) und Berlin. Bekannt waren Spielmobile ab 1949 in Australien, später in den USA und Schweden.
Spielmobile, die sich häufig in kommunaler Trägerschaft befinden, sind unterschiedlich konzipiert. Das betrifft sowohl den Fahrzeugtyp, der vom Tieflader über ausgediente und entsprechend ausgebaute Linienbusse bis hin zum Bollerwagen und Velomobil reicht, als auch den „Fahrplan“ und die inhaltlich-methodische Ausrichtung.
Spielmobil „Tobedüse“ aus Herne (ca. 1986). Das Foto erschien in der Broschüre „Spielen. Erprobungsmaßnahme des Landes NRW: Verbesserung der Spielsituation für Kinder“. Düsseldorf 1989 (2)
Manche Spielmobile fahren regelmäßig dieselbe Route; hierbei ist der Aspekt der Verlässlichkeit hervorzuheben. Andere begnügen sich mit der Durchführung einmaliger Aktionen, Beteiligung an Festen und dergleichen. Eine der ursprünglichen Intentionen des Spielmobils war es, Lücken in der Versorgung durch Angebote der Jugendhilfe – zumindest vorübergehend – zu schließen. Bestehende konventionelle Spielplätze und Schulhöfe erfahren durch das Spielmobil eine kreative Aufwertung.
Rollmobs, Spielmobil der Stadt Bottrop 2008 (Foto: Rainer Deimel)
Aus eigener Sicht begreifen sich Spielmobile als mobile Spielplätze mit Geräten, als Spielothek mit verschiedenen Materialien wie Gesellschafts- und Großspielen, Stelzen, Seifenkisten u.ä. und als rollende Kinderhäuser mit Bastel- und Werkangeboten u.a.m. (3)
Projektarbeit – vor allem auch mit einer stark kulturpädagogisch ausgerichteten Intention – spielt bei vielen eine bedeutende Rolle; so finden z.B. langfristig geplante Aktionen statt, deren Durchführung ebenfalls eine längeren Zeitraum (z.B. ein bis zwei Wochen) beanspruchen, z.B. Zirkus- und Jahrmarktprojekte. Baacke beschreibt das Spielmobil als „Gegeninszenierung“ (4), als „inszenierte Begegnung von Pädagogen und Kindern versucht es, zwischen Gegenseitigkeit, Körperlichkeit, Ganzheitlichkeit (und) Rhythmus zu vermitteln und das Gefühl für Freiheit und Bewegung (…) wieder hineinzuholen in seine eigenen Angebote.“ (5)

Falkenflitzer aus Hamburg (Foto: Verein zur Förderung der Jugendarbeit)
Spielmobile sahen sich in der Vergangenheit bisweilen der Kritik ausgesetzt, dass sie trotz ihrer Vorzüge immer ein Notbehelf blieben, da sie weder hinsichtlich des Standorts ausreichend verlässlich noch in der Lage seien, regelmäßige Beziehungen zwischen den Kindern zu ermöglichen. (6) Aus Sicht der Abenteuerspielplatzbewegung wurden Bedenken dahingehend erhoben, das Spielmobil fördere primär eine Konsumhaltung bei Kindern. Ferner wurde befürchtet, die mobile und möglicherweise preiswertere Variante der Offenen Arbeit mit Kindern könne sich existentiell gefährdend auf bestehende stationäre Einrichtungen auswirken, zumal das Spielmobil sich als medienwirksamer „Werbeträger“ für PolitikerInnen gut eigne. (7)
Das feuerrote Spielmobil in Berlin (Foto: Bezirksamt Neukölln)
Diese Konkurrenzsituation konnte ab Mitte der 80-er Jahre zugunsten einer friedlichen Koexistenz weitgehend entschärft werden. An manchen Orten ist es auch zu einer sinnvollen Kooperation und zu Vernetzungsansätzen zwischen Spielmobilen und stationären Einrichtungen gekommen. (8)
Das feuerrote Spielmobil in Berlin (Foto: Bezirksamt Neukölln)
Seit Ende der 70-er Jahre gab es auch in der DDR eine sogenannte „Spielwagen-Bewegung“, entstanden quasi als Gegenbewegung zur allseits präsenten FDJ.

Foto: Kolle 37
Die AktivistInnen kamen häufig aus Oppositionsgruppen, z.B. waren sie in kirchlichen Zusammenhängen aktiv. Die Bemühungen wurden von „offizieller Seite“ stets misstrauisch betrachtet. „Die Offene Arbeit mit Kindern wurde also auch in der DDR gegen den Widerstand der ‚offiziellen‘ Politik durchgesetzt.“ (9) Es gab „Probleme ideologischer Art, denn die Arbeit musste immer mit Blick auf das einheitliche ‚Bildungs- und Erziehungsziel‘ in der DDR und mit Rücksicht auf die Belange der öffentlichen Sicherheit und Ordnung legitimiert werden“. Die ausschließlich ehrenamtlichen „Mitarbeiter(innen) ‚verkauften‘ ihre ‚volkskünstlerische Tätigkeit‘ als ‚betreutes musisches Kinderspiel‘. (10)
Kontakt zu westlichen Organisationen und Einrichtungen wurde staatlicherseits bis Ende der 80-er Jahre konsequent unterbunden. Neben den „offiziellen“ Schwierigkeiten mussten zahlreiche Alltagsprobleme bewältigt werden. Bis auf den „Spielwagen Berlin I“, aus dem später übrigens der erste Abenteuerspielplatz in der DDR hervorging, hatten die meisten Gruppen nur unzureichende Fahrzeuge und oft wenig Material.

Auf der Abbildung ist ein Modell eines alten DDR-Bauwagens zu sehen. Solche Modelle können bei der Fa. Daniel Kürschner Modellbau (dkmb) erworben werden. Die Anleihe des Bildes gestatten wir uns, damit sich Interssierte eine möglichst realisitsche Vorstellung machen können.
Ehemalige Spielwagen-MitarbeiterInnen berichteten, wie sie sich zeitweise mit einem Bauwagen „per Anhalter“ – indem sie nämlich einen Lastwagen zum Ziehen anhielten – fortbewegten. Die MitarbeiterInnen des Spielwagens in Magdeburg gründeten nach der Wende den Abenteuerspielplatz „Mühlstein“ in Olvenstedt, der größten Plattenbausiedlung außerhalb Berlins. Ähnliches geschah in Berlin-Prenzlauer Berg: Dort gründeten die Bauwagen-Leute den ersten Abenteuerspielplatz auf DDR-Boden: den Kolle 37.
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Fußnoten
(1) Vor allem die Pädagogische Aktion in München war bereits in der ersten Hälfte der 70er sehr bemüht um die konzeptionelle Verbreitung der Spielmobil-Idee; vgl. Hans Mayrhofer/Wolfgang Zacharias: Aktion Spielbus, Weinheim 1973
(3) vgl. MAGS NRW (Hg.): Bericht Kinder- und Jugendkulturarbeit in Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf 1994, S. 96
(4) vgl. Baacke, Dieter u.a.: Lebenswelten sind Medienwelten (2 Bd.), Opladen 1990, in: MAGS 1994, a.a.O., S.95
(5) ebenda
(6) vgl. Klaus Spitzer/Janne Günter/Roland Günter: Spielplatzhandbuch. Berlin 1975, S. 192
(7) Anm. R.D.: Aus heutiger Sicht lässt sich fachlich konstatieren, dass es sich bei Spielmobilen um eine hochaktuelles Konzept handelt, dass die Landschaft der Offenen Arbeit auf konstruktive Weise bereichert.
(8) Weitergehende Informationen zur Arbeit des Spielmobils können meinem Beitrag „Spielmobile“ entnommen werden. Dieser ist erschienen im „Handbuch Offene Kinder- und Jugendarbeit von Ulrich Deinet/Benedikt Sturzenhecker (Hg.), 3., völlig überarbeitete und erweiterte Auflage, Wiesbaden 2005
(9) Hiltrud von Spiegel: Offene Arbeit mit Kindern – (k)ein Kinderspiel, Münster 1997, S. 15
(10) ebenda, zitiert nach Nilson Kirchner: Spielwagen in der DDR, in: Deutsches Kinderhilfswerk et al. (Hg.): Das Spielmobilbuch, Berlin 1990
Weiterführende Links
Spielmobil (Wikipedia)
Bundesarbeitsgemeinschaft Spielmobile

Die Fernsehserie „Das feuerote Spielmobil“ lief zwischen 1972 und 1981 im Fernsehen.
Hinweise

Ulrich Deinet, Benedikt Sturzenhecker (Hg.): Handbuch Offene Kinder- und Jugendarbeit, Wiesbaden (VS Verlag für Sozialwissenschaften) 2005, 3., völlig überarbeitete und erweiterte Auflage, 668 Seiten, ISBN978-3-8100-4077-0, 59,90 Euro. Rezension lesen
Hiltrud von Spiegel: Offene Arbeit mit Kindern – (k)ein Kinderspiel. Erklärungswissen und Hilfen zum methodischen Arbeiten. Münster 1997, Votum Verlag.
Das Buch ist inzwischen vergriffen. Unser Fachbeiratsmitglied Prof. Dr. Hiltrud von Spiegel hat uns das Manuskript dankenswerterweise zur Verfügung gestellt. Auf diese Weise können wir es Ihnen hier anbieten. Zum Buch gelangen Sie, wenn Sie vorstehenden Titel anklicken.
NAGEL-Redaktion – Die 1970-er Jahre
In der 1970-er Jahren gab es zahlreiche Versuche, Jugendarbeit neu zu definieren. So war Giesecke der Auffassung, Jugendarbeit bezeichne „diejenigen von der Gesellschaft Jugendlichen und Heranwachsenden angebotenen Lern- und Sozialisationshilfen, die außerhalb von Schule und Beruf erfolgen, die Jugendliche unmittelbar, also nicht auf dem Umweg über die Eltern, ansprechen und von ihnen freiwillig wahrgenommen werden.“(1)

Grenzenlose Freiheit – begrenztes Leben (Filmfoto. Quelle: Deutsches Filminstitut – Sozialgeschichte des bundesrepublikanischen Films)
Weitere Kriterien sind der „Verzicht auf Leistungskontrollen, Altersheterogenität, Flexibilität der Angebote, Methoden und Kommunikationsformen, Orientierung an den Bedürfnissen der Jugendlichen, erfahrungsbezogene Lernfelder mit Offenheit zur Aktion (und) Gruppenorientierung.“ (2) (3)

Disco in den 1970er-Jahren (Das Foto entstammt der Internetrezension von Katja Preissner zum Buch „Die 70er – einmal Zukunft und zurück“ von Markus Caspers, Ostfildern 1999)
Die 1970er Jahre waren für die Weiterentwicklung der Offenen Kinder- und Jugendarbeit eine wesentliche Periode. Sie ermöglichten sowohl ein enges zeitliches Aufeinanderfolgen von fortschrittlichen Entwicklungen – auch in wissenschaftlicher Hinsicht – als auch das Ende dieser Ideen und Bewegungen. Bauer (4) dokumentiert die Arbeitsansätze dieser Episode. Hier seien sie schlagwortartig wiedergegeben: „Sozialintegrative Jugendarbeit“, die kompensatorische Erfahrungen in der Gruppe durch Kommunikation und Interaktion, begleitet durch einen partnerschaftlichen Erziehungsstil, ermöglicht. (5)
Ferner werden unter der Begrifflichkeit „Emanzipation“ der individualkritische Aspekt, der ideologiekritische Aspekt und der systemkritische Aspekt thematisiert. Darüber hinaus definiert Bauer die Ansätze „antikapitalistische“ und „progressive“ Jugendarbeit.
In dem Bändchen „Die Geschichte der Offenen Arbeit“ (6), herausgegeben 2003 von der ELAGOT NRW, liefert Ralf-Erik Posselt eine hilfreiche Übersicht der diversen Ansätze. (7)

Trendig (Foto: cosmopolitan.de)
„1975 läuft die Jugendzentrumsbewegung aus.“ (8) So pragmatisch formulieren es Ortmann und Rohwedder. Die Universität Bielefeld konstatierte für den gleichen Zeitraum eine Stagnation der Abenteuerspielplatzbewegung. (9) Teil der Begründung war die „Kommunalisierung der Plätze“. Zunehmend hatten nämlich die Kommunen die Abenteuerspielplätze aus den Händen der Initiativen in eigene Trägerschaft übernommen oder sie gewährten neu gegründeten Trägern Zuschüsse. Teilweise gingen sie selbst daran, eigene Plätze zu installieren. Faktisch sind Einrichtungen in kommunaler Trägerschaft (dies unterscheidet Abenteuerspielplätze nicht von Jugendzentren) Teil der Administrative und damit eingebettet in die fünf von Mayntz genannten Merkmale der Verwaltungshierarchie:
● „eine festgelegte Autoritätshierarchie
● ein System vertikaler Kommunikationslinien
● eine geregelte, klar umrissene Aufgabenteilung
● ein System von Regeln und Richtlinien, das die Rechte und Pflichten von Organisationsmitgliedern festlegt
● ein System von klar definierten Verfahrensweisen für die Aufgabenerfüllung“. (10)

Buchtitel (Götz Aly: Wofür wirst du eigentlich bezahlt? Möglichkeiten praktischer Erziehungsarbeit zwischen Ausflippen und Anpassen, Berlin 1977) (11)
Es soll nicht unterstellt werden, dass Kommunen Einrichtungen nur deshalb übernahmen oder gründeten, um auf sie lediglich eine Kontrolle auszuüben. Vielmehr gewann die Einsicht über den Nutzen von Einrichtungen der Offenen auch zunehmend Raum in der öffentlichen Verwaltung. Richard Münchmeier bestätigt, Offene Arbeit sei zu jener Zeit zu einem anerkannten, öffentlich finanzierten Regelangebot der kommunalen Jugendarbeit geworden. (12)

Abbildung aus Götz Aly: Wofür wirst Du eigentlich bezahlt? Berlin 1977
Dennoch sind kommunale Einrichtungen infolge ihrer zuvor skizzierten Merkmale in Abhängigkeiten eingebunden, die ihren Handlungsspielraum und ihre ursprünglichen Ziele entscheidend beeinträchtigten. Genau diese Abhängigkeit schafft selbstverständlich auch konzeptionelle Grenzen. Hinzu kam, dass es in den Einrichtungen – unvermeidbar – zu Generationswechseln beim Personal kam. Und Ideen sind immer auch mit Personen verknüpft, wie neue Personen neue Ideen (oder auch keine mehr) mitbringen. Große freie Träger – wie etwa die Kirchen oder die AWO – erlebten und erleben aufgrund gewisser Strukturparallelen ähnliche Effekte.

Im Jugendhaus der 70er-Jahre (Quelle: Götz Aly: Wofür wirst du eigentlich bezahlt?)
Ein weiterer Aspekt der 70-er Jahre soll aufgegriffen werden: neben dem Politisierungs- und dem kreativen Anspruch ist – zusammenhängend mit der zunehmenden Professionalisierung Offener Kinder- und Jugendarbeit – eine zunehmende „Sozialpädagogisierung“ feststellbar. „In jeweils lokal spezifizierbaren Mischformen, die sich teils aus dem Nachklang einer romantischen Randgruppenpolitisierung, teils aus einem humanitär-sozialarbeiterischen Hilfeverständnis speisten, bildete die Orientierung auf eine Arbeit mit Auffälligen, Gefährdeten und Benachteiligten … (ein weiteres) Element im Konzeptionsspektrum offener Jugendfreizeitstätten.“ (13)

Foto: Lienhard Wawrzyn in: Kursbuch 59 – Bilderbuch, Berlin 1980
Die Rolle der mehr und mehr ernüchterten zweiten und dritten Generation der MitarbeiterInnen „nach dem Aufbruch“ skizzierte Götz Aly: „Die Verworrenheit der sozialpädagogischen Diskussion hat dazu geführt, dass heute (Anm. R.D.: 1977) statt der bastelnden Fröbelkindergärtnerin, die die Mädchen Puppen spielen ließ und den Jungen das Weinen abgewöhnte, sehr junge Erzieher und Sozialpädagogen die Akademien und Schulen verlassen, die weder singen noch basteln können. Die davon auch nichts halten. Sie beschränken sich zwangsläufig auf philantropisch-sozialistische Sprüche über die beschissene Welt. Sie widerstehen dem Anpassungsdruck einer Behörde kaum ein halbes Jahr und meinen dann: ‚Unter diesen Umständen kann man eben nichts machen.’“ (14)

Foto: Lienhard Wawrzyn in: Kursbuch 59 – Bilderbuch, Berlin 1980
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Fußnoten
(1) Hermann Giesecke: Jugendarbeit und Emanzipation, in: Lothar Böhnisch: Jugendarbeit in der Diskussion. München 1973, S. 84 f.
(2) Erwin Jordan: Jugendarbeit, in: Dieter Kreft und Ingrid Mielenz: Wörterbuch Soziale Arbeit, Weinheim 1980, S. 234 f.
(3) Anm. R.D.: Mancherorts scheinen auch gegenwärtig noch „Konzeptionen“ zu existieren, die die 70-er Jahre auf bisweile skurill anmuende Weise in ihrer Alltagspraxis widerspiegeln.
(4) vgl. Bauer, a.a.O., S. 35 ff.
(5) Dieser Ansatz hat nach wie vor einen erheblichen Anteil in der Jugendarbeit. Der Autor stimmt der Kritik Manfred Liebels (Bauer a.a.O., S. 36) zu, wenn dieser feststellt, dass sozialintegrative Jugendarbeit ein Instrumentarium sei, „das grundsätzlich die bestehende Herrschaftsordnung zu stabilisieren helfe“.
(6) Anm. R.D.: Wie problematisch es ist, zusammengestellte historische Dokumente und eine Auseinandersetzung mit ihnen als „die Geschichte“ zu titulieren, habe ich u.a. auch bei dieser Arbeit festgestellt. Deshalb haben die Leser(innen) es hier auch nicht mit „der Geschichte“ der Offenen Arbeit zu tun. Bewusst heißt der Titel hier „Zur Geschichte der Offenen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen“. Dies berücksichtigt auch, dass bestimmte Blickwinkel bei der Dokumentierung nicht verhehlt werden können und sollen.
(7) Ralf-Erik Posselt: Die Geschichte der Offenen Arbeit, Schwerte 2003. Hier ist das Kapitel „Die Profis kommen …“ verlinkt. In dem Beitrag werden auch Ansätze berücksichtigt, die zu späteren Zeiten entwickelt und relevant wurden.
(8) Norbert Ortmann/Peter Rohwedder (Bearbeitung): Die Planung und Entwicklung der offenen Kinder- und Jugendarbeit in Oberhausen, Oberhausen (Stadt Oberhausen) 1994, S. 37
(9) vgl. Holger Grabbe et al.: Zur Situation der offenen Kinderarbeit in der BRD, in: Freizeitpädagogik – Zeitschrift für kritische Kulturarbeit, Freizeitpolitik und Tourismusforschung (FZP) 3-4, Frankfurt am Main 1981
(10) Renate Mayntz, zitiert nach Karl-Heinz Boeßenecker: Das Neue Steuerungsmodell, in DER NAGELKOPF Nr. 21 „Steuerungsmodelle – Verplanung des Marktes oder Vermarktung des Plans? Dortmund (ABA Fachverband) 1995 (11) Anm. R.D.: „Wofür wirst du eigentliche bezahlt!“ Eine vergleichbare Frage kennen Abenteuerspielplatzmitarbeiter(innen) aus jener Zeit auch noch: „Wo arbeitest du eigentlich, wenn du hier nicht spielst?“
(12) vgl.: Richard Münchmeier: Was ist Offene Jugendarbeit? – eine Standortbestimmung, in: Ulrich Deinet/Benedikt Sturzenhecker (Hg.): Handbuch Offene Jugendarbeit, Münster 1998, S. 13
(13) Treptow, a.a.O.
(14) Götz Aly: Wofür wirst du eigentliche bezahlt? Berlin 1977, S. 8
Weiterführende Links
Die 1970er-Jahre (Wikipedia)
Jugendarbeit (Wikipedia)
Kinder- und Jugendfreizeiteinrichtung (Wikipedia)
Hinweise

Ulrich Deinet, Benedikt Sturzenhecker (Hg.): Handbuch Offene Kinder- und Jugendarbeit, Wiesbaden (VS Verlag für Sozialwissenschaften) 2005, 3., völlig überarbeitete und erweiterte Auflage, 668 Seiten, ISBN978-3-8100-4077-0, 59,90 Euro. Rezension lesen
Auch das waren die 1970er-Jahre


NAGEL-Redaktion – „Bewegungen“

Demonstration Ende der 1960-er Jahre in Biberach (Foto: weberberg.de, Archiv Heilig)
1967 kam es – im Vergleich zu anderen Ländern sehr spät – zur Gründung des ersten Abenteuerspielplatzes in Deutschland. Er wurde durch Studenten in Berlin im Märkischen Viertel initiiert.

Der erste Abenteuerspielplatz in Deutschland: Märkisches Viertel (ASP MV) in Berlin (Foto: Autorengruppe ASP/MV 1973)
Der Berliner Senat verhielt sich zunächst sehr zurückhaltend und ablehnend. Erst ein Besuch der damaligen Jugendsenatorin Ilse Reichel in Großbritannien („adventure playgrounds“) sorgte dann für politisches Wohlwollen. Dieser Zeitpunkt kann getrost als „die Geburt der Offenen Arbeit mit Kindern“ begriffen werden, wenngleich es sich hierbei nicht um den ersten pädagogisch betreuten Spielplatz handelte.

ASP MV: Wo Verbieten verboten ist (Foto: Autorengruppe ASP/MV 1973)
Zuvor gab es hier und da – vornehmlich in Hamburg – sogenannte „Park-Tanten-Plätze“ (1), im Grunde konventionelle Spielplätze, auf denen man die Kinder kostenlos „abgeben“ konnte, „da eine Beaufsichtigung ohne spezielle, einheitliche pädagogische Absichten durch Kindergärtnerinnen, Erzieherinnen, zum Teil aber auch durch unausgebildete Mütter“ (2) stattfand. Derartige Plätze gibt es zum Teil bis heute, obschon durchgehend mit stark modernisierten und kindgerechter ausgerichteten Konzepten. Den Begriff „Park-Tanten-Plätze“ halte ich aus heutiger Sicht zumindest für zweifelhaft. Ich möchte ihn trotz seines möglicherweise verunglimpfenden Charakters beibehalten, hilft seine Verwendung eventuell mit, antiquierte Ansätze im Sinne einer qualitativen Weiterentwicklung günstig zu stimulieren.

(Foto: Autorengruppe ASP/MV 1973)
Die Gründung des ersten Abenteuerspielplatzes im Märkischen Viertel (ASP MV) wirkte sich auf die Abenteuerspielplatzbewegung stark motivierend aus. In der Folge gab es in Westberlin und in Westdeutschland etliche Nachahmer. Das Ziel der Abenteuerspielplätze war, Kindern eine Veränderbarkeit ihrer Umwelt und ihres Umfeldes zu verdeutlichen.
Die kindliche Phantasie sollte gefördert und ausgelebt werden. Kinder sollten im außerschulischen und außerfamiliären Bereich Möglichkeiten erhalten und praktische Solidarität erfahren und begreifen. So wurde versucht, auf den „Ur“-Abenteuerspielplätzen ein Konzept der – bereits erwähnten – „proletarischen Kinderarbeit“ umzusetzen. Dahinter steckte die Absicht, die Sozialisation, den Sprachkodex und proletarische Verhaltensweisen und Kulturen „salonfähig“ zu machen, d.h. Zusammenhänge, die bis dahin als defizitär galten, sollten die bisher gültigen Mittelschichtnormen ersetzen, was mit einem entsprechenden politischen Bewusstsein eng gekoppelt war. Reflektierend bleibt festzustellen, dass das Proletariat sich mit „proletarischen Werten“ eher marginal identifizierte; war es vielmehr eine Schicht von Intellektuellen, die sich proletarische Inhalte, Methoden und Ziele auf ihre Fahnen geschrieben hatte.

Georg-von-Rauch-Haus Berlin (Foto: Jutta Matthess, Georg-von-Rauch-Haus)
Parallel zur Abenteuerspielplatzbewegung gedieh die Jugendzentrumsbewegung. Dass diese durch die Nähe der „rebellierenden“ Studenten an den Universitätsstandorten ihren Ausgang nahm, scheint nicht verwunderlich. Eine Standortbestimmung für „den Jugendlichen“ lieferte der französische Philosoph André Glucksmann: „Der Jugendliche haust in der Gesellschaft, ohne in ihr zu wohnen, er wird von ihr ausgebeutet, ohne in sie ‚integriert‘ zu sein. Die kapitalistische Wirtschaft und die staatliche Verwaltung errichten ihren partikularen und variablen Größen entsprechend Grenzpfähle, wobei das umstrittene Gebiet mal größer, mal kleiner wird.“ (3)
Die Selbstorganisation der Freizeit ist die wesentliche Forderung der Jugendzentrumsbewegung. Und mit einem – gegenwärtig möglicherweise erstaunlich klingenden – Selbstbewusstsein und Selbstverständnis wird deutlich gemacht, dass das Initiativwerden keineswegs „als altersbedingtes, d.h. zeitweiliges jugendliches Aufbegehren gegen die ‚Welt der Erwachsenen‘ (Hermann Giesecke) zu verstehen (wäre), das mit der Erreichung eines bestimmten Alters und der erfolgten ‚Emanzipation gegenüber den erwachsenen Autoritäten‘ sich in ein Nichts auflösen und ‚vergessen‘ würde. Mit einer solchen verharmlosenden ‚Erklärung‘ würden die gesellschaftlichen Zusammenhänge und politischen Implikationen unterschlagen.“ (4)

(Foto: Georg-von-Rauch-Haus, Berlin)
Aufgrund der relativen Abwesenheit von Kontrolle sei der Freizeitbereich für die jungen Leute derjenige, der am ehesten geeignet zu sein schiene, sich ihrer Situation klar zu werden und revolutionäre Strategien zu entwickeln. Außerdem würden sich die Jugendlichen zunehmend darüber bewusst, dass auch der Freizeitbereich dem Verwertungsdrang des Kapitals unterworfen sei. Das anfängliche Gefühl von „Befreiung“, als Konsument ernstgenommen zu werden, sei der Erkenntnis gewichen, junge Leute würden „an der Nase herumgeführt“, und die „Befreiung“ entpuppe sich als Schein. Jugendarbeit war vor diesem Hintergrund eine klare politische Botschaft.
Freilich wäre es unangebracht, anzunehmen, es hätte sich dabei um schlichte Indoktrinierung gehandelt. „Politische Bildungsarbeit im Jugendfreizeitheim muss diese beiden Seiten (Anm. R.D.: nämlich Arbeit und Freizeit) in ein richtiges Verhältnis zu setzen versuchen: im Entspannungs- und Zerstreuungsverhalten der Jugendlichen müssen auch die Probleme und Konflikte außerhalb des Heims (Familie, Arbeitsplatz, Stadtteil) aufgedeckt und zugänglich gemacht werden; umgekehrt muss das ‚Bildungsangebot‘ des Jugendfreizeitheims, das sich auf die Konflikte der Jugendlichen bezieht, in eine Atmosphäre eingebettet sein, die Spaß, Freude und Entspannung nicht ausschließt. Die starre Trennung beider Bereiche muss aufgehoben werden. (…) Die Erstellung eines solchen Konzepts von politischer Bildungsarbeit im Jugendfreizeitheim ist nicht ein einmaliger Akt, sondern ein Prozess. Sie vollzieht sich entsprechend der genauen Untersuchung des Verhältnisses von Lebens- und Freizeitsituation der jeweiligen Heimbesucher und durch das schrittweise Begreifen des Zusammenhangs von subjektiven Interessen und der objektiven Klassenlage. Dieser Prozess kann nur gemeinsam von Jugendlichen und Mitarbeitern vollzogen werden, nicht aber stellvertretend von den Mitarbeitern für die Jugendlichen. Deshalb kann und darf dieser Prozess auch niemals die Form einseitiger ‚Indoktrinierung‘ annehmen. Allerdings haben die Mitarbeiter bei der Entwicklung einer solchen Konzeption die Aufgabe, ihre spezifischen Kenntnisse und Fähigkeiten den Jugendlichen beratend zur Verfügung zu stellen, sodass z.B. in der Frage der didaktischen Umsetzung von Ideen, in der Nutzung ihrer Kontakte und der Bereitstellung bzw. Erkämpfung der materiellen Bedingungen, die für eine solche Arbeit erforderlich sind (Elternarbeit, Lehrgänge, Kontakte zu anderen Institutionen etc.). (…) Der so beschriebene Ansatz von Jugendfreizeitheim-Arbeit geht nicht von einem statischen Begriff der Freiwilligkeit aus, sondern davon, dass Erkenntnisprozesse und Einsichten in die gesellschaftlichen Verhältnisse auch zur Veränderung der eigenen Interessenlage führen.“ (5) (6)

(Foto: Gerorg-von-Rauch-Haus, Berlin)
Es kann nicht übersehen werden, dass es vor allem in der Jugendzentrumsbewegung gelungen ist, den Bedarf an Kommunikations- und Geselligkeitsbedürfnissen stärker zu befriedigen, als dies bis dahin der Fall war. Dies gilt nicht nur für die Großstädte, sondern auch für ländliche Gegenden, in denen sogenannte selbstverwaltete bzw. autonome Jugendzentren noch bis in die Gegenwart existieren.
Seinerzeit wurde seitens der Jugendlichen auch häufig versucht, sich an die kommunale Politik zu wenden. Forderungen fielen vor allem bei Sozialdemokraten auf fruchtbaren Boden, zumal die Jungsozialisten der Jugendzentrums- und der Abenteuerspielplatzbewegung positiv gegenüber standen. Ähnliche Entwicklungen gab es demgemäß auch in Bezug auf Forderungen nach Abenteuerspielplätzen und ihrer Durchsetzung. Eine große Zahl solcher Plätze existiert bis heute erfolgreich.
Nie vollständig gelöst werden konnte der Konflikt, in dem haupt- bzw. nebenamtliche Mitarbeiter(innen) im Zusammenhang mit Selbstverwaltungsstrukturen steckten. Die Kommunen als Zuschussgeber sahen in ihnen Kontrollorgane, und sie selbst wollten deutlich parteilich für die Jugendlichen sein.
Unterstützt wurde der Kampf der Jugendzentrumsbewegung durch die Besetzung leerstehender Gebäude, die als Freizeiteinrichtungen dienten bzw. dienen sollten. Hierbei ging die Intention zum Teil über den Regenerationsaspekt hinaus: konnte man in den besetzten Häusern auch leben, ergo zwei Lebensbereiche integrieren.

Erich-Dobhardt-Haus in Dortmund (oben links im Bild: Portrait des getöteten Erich Dobhardt)
Einige derartiger „Projekte“ sind weit über ihre kommunalen Grenzen hinaus bekannt geworden, wie z.B. das Georg-von-Rauch-Haus und das Tommy-Weisbecker-Haus in Berlin, das Erich-Dobhardt-Haus in Dortmund (7) und das Markus-Haus in Düsseldorf (8). Übrigens überlebte die Hausbesetzer-Szene die Jugendzentrumsbewegung um einige Jahre. Noch bis in die achtziger Jahre hinein wurden leerstehende Häuser besetzt; größtenteils ging es dabei in erster Linie um autonom gestalteten Wohnraum. Allerdings spielte derart gewonnener Wohnraum auch in Bezug auf Kommunikation und Geselligkeit immer eine bedeutendere Rolle als eine auf normalem Weg gemietete Wohnung.
Einige „Relikte“ aus dieser Zeit bestehen immer noch bzw. existierten bis in die jüngere Zeit, z.B. die Hamburger Hafenstraße oder ein sogenanntes „Punkerhaus“ in Dortmund, was allerdings nunmehr auch seit Jahren abgerissen ist. (9)
Zeitgleich mit der Jugendzentrumsbewegung gelang es der Abenteuerspielplatzbewegung die meisten der – nach wie vor bestehenden – Abenteuerspielplätze als Örtlichkeiten für die Offene Kinderarbeit zu installieren. Auch die konzeptionellen Auseinandersetzungen waren in den ersten acht Jahren vergleichbar vehement. Abenteuerspielplätze entstanden vornehmlich in Berlin, Hamburg und Nordrhein-Westfalen. In anderen Bundesländern gab es verschiedene „Enklaven“, in denen derartige Einrichtungen ebenfalls gegründet wurden, z.B. in Niedersachsen, Hessen und Bayern. In Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein und im Saarland kamen sie nur noch vereinzelt vor. Gleichsam wurden in einigen Bundesländern Verbände gegründet, um Abenteuerspielplätze zu fordern und um diese – zunächst – vor allem politisch zu unterstützen. (10)
Eine etwas abweichende Entwicklung war in Baden-Württemberg festzustellen. Dort wurde primär der Typus der „Jugendfarm“ als Einrichtung der Offenen Arbeit mit Kindern geschaffen. Ausgehend von der Idee des langjährigen Vorsitzenden des „Bundes der Jugendfarmen“ (später: Bund der Jugendfarmen und Aktivspielplätze, gegründet 1971), Edgar Böhm, das weitläufige Grundstück seiner Familie im Elsental in Stuttgart auch für andere Kinder (außer seinen eigenen) zugänglich zu machen, stand Patin bei der Gründung der ersten Jugendfarm. Eines der wichtigsten Elemente der dortigen Pädagogik waren – im Gegensatz zu den Abenteuerspielplätzen, auf denen Hüttenbau, Feuer, Wasser, Sand (die vier Urelemente) und eben die geschilderten pädagogisch-politischen Überlegungen leitend waren – Tiere, in erster Linie Pferde. Hinzu kam, dass die Gründer des Bundes der Jugendfarmen und Aktivspielplätze nicht mit den Motiven der Abenteuerspielplatzbewegung übereinstimmten, wohl aber mit der Erkenntnis, Offene Kinderarbeit sei erforderlich.
Dies führte in der Folge zu Konflikten, die allerdings ab Mitte der achtziger Jahre konstruktiv gelöst werden konnten. Der Bund der Jugendfarmen und Aktivspielplätze gilt gegenwärtig als anerkannter Bundesverband der pädagogisch betreuten Spielplätze.
Der Typus „Jugendfarm“, in deren „klassischer“ Variante Tiere ein zentrales pädagogisches Mittel sind (11), verbreitete sich über Baden-Württemberg hinaus mehr oder weniger stark, z.B. in Berlin, Bayern, Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen. In Berlin heißen die Jugendfarmen (vielleicht treffender) „Kinderbauernhöfe“. (12)
Auch im europäischen Ausland konnte sich die „Jugendfarm-Idee“ etablieren. Es existieren Einrichtungen in Großbritannien, Schweden, Norwegen, Belgien (dort vor allem in Flandern), den Niederlanden und vereinzelt in Frankreich (13), Italien sowie Spanien.
Die Idee und das Konzept „Jugendfarm“ vermischte zu zunehmend mit dem des Abenteuerspielplatzes. So gibt es Einrichtungen in Baden-Württemberg, die sich Jugendfarm nennen, aber von einem Abenteuerspielplatz in Düsseldorf oder Berlin kaum zu unterscheiden sind; ähnlich gibt es Abenteuerspielplätze (aus der Gründerzeit) in Norddeutschland, die Tierhaltung als selbstverständliches Element in ihr Konzept aufgenommen haben.
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Fußnoten
(1) vgl. Autorengruppe ASP/MV: Abenteuerspielplatz. Wo Verbieten verboten ist. Reinbek (Rowohlt) 1973, S. 33
(2) ebenda
(3) André Glucksmann: Strategie und Revolution (1968), zitiert in: Erziehung und Klassenkampf. Zeitschrift für marxistische Pädagogik 10-11/1973, Themenheft „Jugendzentren“, Frankfurt am Main 1973, S. 9
(4) Erziehung und Klassenkampf 10-11/1973, a.a.O., S. 10
(5) Christian Marzahn/Christel Schütte/Hans Kamp: Konflikt im Jugendhaus. Fortbildung für Sozialarbeiter, Sozialpädagogen, Lehrer. Reinbek 1975, S. 118 f.
(6) Aus heutiger Sicht kann festgestellt werden, dass etliche der in der Jugendzentrumsbewegung aufgestellten Forderungen selbstverständlicher Bestandteil von Konzeptionen sind. Allerdings werden gegenwärtig Klassenlagen oder Probleme, die sich aus Deklassierungsprozessen ergeben, regelmäßig ignoriert bzw. gekonnt mit verschönenden Begriffen umschrieben.
(7) Das Erich-Dobhardt-Haus wurde allerdings wenige Tage nach der Besetzung aufgrund der Intervention des (katholischen) Besitzers gewaltsam geräumt.
(8) Die Namen wurden häufig nach „Märtyrern“ der Szene ausgewählt.
(9) Die Hamburger Hafenstraße und die Düsseldorfer Kiefernstraße könnten des Weiteren als Synonyme dieser Bewegung begriffen werden.
(10) Weitergehende Informationen zur Arbeit von Abenteuerspielplätzen können meinem Beitrag „Abenteuerspielplätze“ in dem „Handbuch Offene Kinder- und Jugendarbeit“, herausgegeben von Ulrich Deinet und Benedikt Sturzenhecker, sowie den Abenteuersspielplatz-Seiten im ABA-Netz entnommen werden (zum Handbuch siehe hier am Seitenende unter „Hinweis“). Die Abenteuerspielplatzseiten in den Verzeichnissen Ressorts im ABA Fachverband sowie NAGEL-Redaktion erreicht man per Klick auf die jeweiligen vorstehenden Links.
(11) Der Autor ist der Überzeugung, dass Tiere in der Pädagogik in der Tat eine ganz hervorragende Rolle einnehmen; sind sie explizit geeignet, Verantwortungsgefühl heranzubilden und Vertrauen zu schaffen. Gleichzeitig machen sie Grenzen sehr einfühlsam deutlich. Bei Bedarf und entsprechender Sachkenntnis sind sie durchaus auch in therapeutischer Hinsicht auf heilsame Weise verwendbar.
(12) Nach der deutschen Wiedervereinigung entstanden Jugendfarmen auch in den neuen Bundesländern wie anderenorts.
(13) Dies ist umso bemerkenswerter, da in Frankreich vor allem die Schule das Leben der Kinder und Jugendlichen bestimmt. Insofern ist es nicht erstaunlich, dass diese Einrichtungen stark von einer Kooperation mit Schulen abhängig sind.
Weiterführende Links
Autonomes Jugendzentrum (Wikipedia)
Jugendzentrumsbewegung (Wikipedia) – Literaturliste zur Jugendzentrumsbewegung
Soziale Bewegungen in der Folge der 1968-er Bewegung (Wikipedia)

Die Serie „Krempoli“ lief in den 70er-Jahren im Fernsehen.

(Foto: Georg-von-Rauch-Haus, Berlin)
Hinweis

Ulrich Deinet, Benedikt Sturzenhecker (Hg.): Handbuch Offene Kinder- und Jugendarbeit, Wiesbaden (VS Verlag für Sozialwissenschaften) 2005, 3., völlig überarbeitete und erweiterte Auflage, 668 Seiten, ISBN978-3-8100-4077-0, 59,90 Euro. Rezension lesen

(Bild: Georg-von-Rauch-Haus, Berlin)
NAGEL-Redaktion – Die 1960-er Jahre
Die Entwicklung der Offenen Jugendarbeit bis Anfang der 60er Jahre führte diese in eine „Krise“: Das „Publikum“, das sich die Jugendfreizeitstätten herangezogen hatte, Jugendliche aus der Mittelschicht, blieben vermehrt den Häusern fern, da sie sich zunehmend andere Freizeitmöglichkeiten leisten konnten. Für die Rock’n Roll-Jugend waren die Häuser bisher nicht empfänglich. Auf diese Weise wurden sie gezwungen, sich anderen Gruppen gegenüber zu öffnen. Die Offene Jugendarbeit bekam inhaltliche Impulse durch C.W. Müller, den seinerzeitigen Leiter des „Hauses am Rupenhorn“, einer Bildungseinrichtung des Berliner Senats, sowie durch Lutz Rössner. Ihre Thesen konnten als Antwort auf die „Gautinger Beschlüsse“ aufgefasst werden.
Für C.W. Müller waren sowohl der Kommunikations- als auch der Emanzipationsaspekt von herausragender Bedeutung (1), ferner das Gesellungsbedürfnis der Jugendlichen. Jugendarbeit habe sich an den Bedürfnissen der Jugendlichen zu orientieren. Dies wurde auch von Rössner so gesehen. Darüber hinaus vertrat dieser die Meinung, dass Jugendarbeit den Kontakt zwischen den Geschlechtern (erotische Beziehungen) nicht verhindern dürfe. (2) Hermann Giesecke warf diesen Ansätzen vor, sie kaprizierten sich zu stark auf den Freizeitbereich und seien in dem Sinne systemimmanent, als sie „Versagung und Unterdrückung im Arbeits- und Schulsektor“ (3) ausblendeten.
Empirisches Material wurde 1966 von Gustav Grauer gesammelt. (4) Hieraus geht hervor, dass sich die Zahl der Jugendfreizeiteinrichtungen von 110 im Jahre 1953 auf 1.148 erhöht hatte. Weiterhin geht aus der Studie hervor, dass die meisten Jugendfreizeiteinrichtungen in Nordrhein-Westfalen angesiedelt waren. In dieser Erhebung wurde erneut deutlich, dass die Zielgruppe der Offenen Jugendarbeit in erster Linie Jungen bzw. junge Männer waren (1/4 Mädchen, 3/4 Jungen). Unter 50 Prozent der Einrichtungen verfügten über hauptberufliche Mitarbeiter(innen); das Schlusslicht hinsichtlich des Personals bildeten die konfessionellen Einrichtungen. Grauer kritisierte ebenfalls – wie zuvor schon C.W. Müller – die zu starke funktionale Festlegung der Gebäude, die den Jugendlichen angeboten wurden, die dem festgestellten Gesellungsbedürfnis keineswegs entsprachen. Sie ähnelten im Angebot noch eher Volkshochschulen als Einrichtungen, in denen Jugendliche tatsächlich ihren Bedürfnissen nachkommen konnten.
Die politische und gesellschaftliche Situation in Westdeutschland charakterisierte während dieser Zeit die Regierung der großen Koalition unter dem Kanzler Kiesinger; Kennzeichen waren der kalte Krieg, die Notstandsgesetzgebung, immer noch vorhandener Wohnungsnotstand und die politische Unmündigkeit großer Teile der Bevölkerung.
Die sogenannte Studentenbewegung der 1960-er Jahre läutete das Ende der großen Koalition ein. Mit Beginn der sozial-liberalen Regierung in Bonn wurden die Weichen gestellt für eine Entspannungspolitik nach außen hin. Innenpolitisch wurden Hoffnungen geweckt auf ein „Mehr-Wagen-von-Demokratie“ (Willy Brandt). Eine Ankoppelung bzw. ein Einfließen studentischer Emanzipationsversuche an bzw. in die Interessenvertretungen der Arbeiternehmer, die Gewerkschaften, kam nicht zustande, zumindest nicht in der Zeit dieses „Aufbruchs“, wenngleich die Bedeutung der späteren Lehrlings- sowie der Schülerbewegung außer Zweifel stehen sollte.

Rudi Dutschke, eine der Leitfiguren der deutschen Studentbewegung in den 1960-er Jahren im März 1968 (Foto: Archiv der Frankfurter Rundschau)
Gleichsam können wir heute feststellen, dass die später oft geklagte Ich-Bezogenheit, die Suche nach Sinn, die Individualisierung und Pluralisierung der Gesellschaft, Symptome der sogenannten „Postmoderne“, eine Folge jenes emanzipatorischen Aufbruchs ist. „Der Politfreak, der nichts so sehr hasste wie die Normalität, hat die Normalität der deutschen Gesellschaft erst entwickelt.“ (5)

Attentat auf Rudi Dutschke am 11. April 1968 (hier sein Fahrrad) – reaktionäre Hetze war ein möglicher Hintergrund. Nach den neuen Erkenntnissen um den ehemaligen Polizisten Kurras, der mit der Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 erheblich zu den sogenannten Studentenunruhen beitrug, scheint nicht auszuschließen, dass möglicherweise auch die Stasi ihre Finger im Spiel hatte. (Foto: Archiv Frankfurter Rundschau)
Waren es zunächst die Halbstarkenkrawalle deklassierter Jugendlicher, die sich von den in der Nachkriegszeit etablierten kulturellen Mittelschichtstandards ausgegrenzt sahen, die Druck auf die Jugendhäuser, sich verstärkt zu öffnen, ausübten (6), so kamen in der zweiten Hälfte der 60er Jahre deutlich formulierte Emanzipationsbestrebungen, die auch Lehrlingskreise ergriff, hinzu. „Der Schub, der mit der Studentenbewegung ab 1968 einsetzte, differenzierte das Bild entscheidend.“ (7)

Plakat 1968: Aufruf zur Demonstration gegen die die seinerzeitige Notstandsgesetzgebung (Quelle: Haus der Geschichte, Bonn)
Begriffe wie „emanzipatorische Jugendarbeit“ und „proletarische Kinderarbeit“ wurden geprägt. Jugendarbeit sollte ein zentrales Politisierungsfeld werden. In dieser Zeit formierten sich die „Jugendzentrumsbewegung“ ebenso wie die „Abenteuerspielplatzbewegung“. Schüler und Lehrlinge initierten und erkämpften sich Jugendzentren, Studenten forderten und errichteten Kinderläden – dies vorwiegend in Westberlin – (8) und Abenteuerspielplätze.
Der fürsorgerische Aspekt wurde zugunsten emanzipatorisch-politischer Strömunen zurückgedrängt. Probleme sollten gewissermaßen „im Schlepptau“ miterledigt werden. (9) Weitere Funktionen lagen in der „Befriedigung ästhetisch-kultureller Bedürfnisse – vor allem nach Musik … Politisierung und mediale Produktionsformen gingen teils in neuen Synthesen zusammen – z.B. ‚Rock gegen Rechts‘ – oder grenzten sich voneinander ab.“ (10)

Plakat des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes 1986
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Fußnoten
(1) vgl. C. Wolfgang Müller, Helmut Kentler, Klaus Mollenhauer, Hermann Giesecke: Was ist Jugendarbeit? München, 7. Auflage 1975, S. 11 ff.; auch: C. Wolfgang Müller: Wozu dient das Freizeitheim und wie muss es aussehen? In: Der Rundbrief. Mitteilungsblatt des Senators für Jugend und Sport 5/6. Berlin 1962, S. 20
(2) vgl. Lutz Rössner: Jugend in der offenen Tür. Zwischen Chaos und Verartigung. München 1962
(3) Hermann Giesecke 1980, a.a.O., S. 57
(4) vgl. Gustav Grauer: Jugendfreizeitheime in der Krise. Weinheim/Basel 1973
(5) Matthias Horx: Aufstand im Schlaraffenland. Selbsterkenntnisse einer rebellischen Generation, München 1989, S. 198. Auf Seite 199 heißt es dort: „Wir müssen uns wohl damit abfinden, dass jenes gesellschaftliche Konglomerat, mit dem wir in die 90er Jahre gehen, jenes Wirrwarr aus netten Polizisten und vernagelten Fundis, kriselnden Familien und einsamen Singles, aus sich widersprechenden Strömungen der Kälte und Nähe, der Ignoranz und Aufmerksamkeit, der dummen und der klugen, der lauten und der leisen Töne, diese Demokratie-Baustelle, auf der um die Moral des Geldes heftig gestritten wird, dieser weder richtig europäische noch amerikanische, aber auch nicht mehr im originären Sinn ‚deutsche‘ Gesellschaft, dass diese abenteuerliche Konstruktion auch auf unser Konto, auf das Konto der rebellischen Generation geht. Ob das alles ist, was wir erreicht haben? Man muss andersherum fragen: Ist das etwa nichts?“
(6) vgl. Rainer Treptow: Stärkung der Kulturarbeit. In: Neue Praxis 1/1986
(7) ebenda
(8) vgl. hierzu: Autorenkollektiv: Schülerladen Rote Freiheit
(9) vgl. Treptow, a.a.O.
(10) ebenda
Weiterführende Links
Die 1960er-Jahre (Wikipedia)
APO (Außerparlamentarische Opposition) (Wikipedia)
Benno Ohnesorg (Wikipedia)
Lehrlingsbewegung (Wikipedia)
Rudi Dutschke (Wikipedia)
Studentenbewegung der 1960-er Jahre (Wikipedia)
Hinweis

Der Kölner Philosoph und Autor Richard David Precht (Jahrgang 1964) beschreibt in seinem sehr persönlichen Buch „Lenin kam nur bis Lüdenscheid“ sein Aufwachsen in einer linken Familie. Stellenweise muten die geschilderten Erlebnisse kurios an. Unter dem Strich allerdings verhehlt er nicht, dass er die Zeit nicht missen will. Eine Kurzrezension gab es im i-Punkt 1/2009 auf den Seiten 36 f.
NAGEL-Redaktion – Zur Geschichte der Offenen Arbeit mit Kindern
Offene Arbeit mit Kindern gibt es in Westdeutschland seit Mitte der sechziger Jahre. Den Anfang machten Initiativgruppen (Eltern, PädagogInnen, StudentInnen), die die soziokulturellen Lebensbedingungen in ihrem Wohnbereich verbessern wollten. Die erste Jugendfarm entstand 1962 in Stuttgart-Elsental, der erste Abenteuerspielplatz 1967 im Märkischen Viertel Berlins nach dem Vorbild der Gerümpel- und Bauspielplätze in Dänemark (1943), in England (1946) und den Robinsonspielplätzen der fünfziger und sechziger Jahre in der Schweiz. Ähnliche Initiativen errichteten weitere Abenteuerspielplätze, Robinsonspielplätze, Jugendfarmen und Kinderbauernhöfe, so daß in kürzester Zeit die Rede von einer „Abenteuerspielplatz-Bewegung“ gerechtfertigt war. Es folgten weitere Differenzierungen der Formen Offener Arbeit mit Kindern, etwa ab 1970 die Spielmobile, aber auch Kinderspielclubs und stadtteilbezogene Arbeit mit Kindern.
Diese Arbeitsbereiche Offener Arbeit mit Kindern entstanden im Zusammenhang einer Vielfalt von sozialen Experimenten der siebziger Jahre (Kinderläden, Alternativschulen, Wohngemeinschaften, Stadtteilarbeit und viele andere mehr). Alle entstanden im Zusammenhang der westdeutschen StudentInnenbewegung, also in einer Zeit, in der bis dato anerkannte Erziehungskonzepte und darüber hinaus die Soziale Arbeit insgesamt und die gesellschaftlichen Verhältnisse in ihrer Gesamtheit radikal hinterfragt wurden. Man kritisierte die vorfindbaren phantasielosen Spielplätze und die zunehmende Funktionalisierung der öffentlichen Lebensräume, in denen für spontanes Kinderspiel wenig Platz blieb. Man fand (und findet), die Möglichkeiten sinnlicher Erfahrung für Kinder seien eingeschränkt, die Kindheit insgesamt wäre kolonialisiert und kommerzialisiert und die zunehmende Verbreitung des Fernsehens hätte eine verheerende Wirkung auf Kinder. All diesen negativen Einflüssen sollte (und soll) Positives entgegengesetzt werden. StudentInnen, PädagogInnen und Eltern diskutierten Neills „Antiautoritäre Erziehung“ (1969), v. Braunmühls „Antipädagogik“ (1975), Makarenkos „Kollektiverziehung“ (1958) und andere alternative Konzepte, und sie versuchten, diese in ihren Initiativen und Projekten praktisch umzusetzen. Ihr Ziel war, die gesellschaftlichen Verhältnisse kurzfristig durch politische Aktion und langfristig durch eine alternative Kindererziehung zu verändern.
Von Anfang an ließen sich die Fachkräfte der Offenen Arbeit mit Kindern durch die Diskussionen zweier verschiedener Arbeits- und Denkrichtungen inspirieren, durch die „Sozialpädagogik“ und die „Kulturarbeit“. Das Nebeneinander hat sich zeitweise zu einem Gegeneinander entwickelt und die Kontroverse der beiden Sichtweisen taucht in der Fachdiskussion immer wieder auf. KulturarbeiterInnen werfen den SozialpädagogInnen vor, sie würden „Defizitbearbeitung“ betreiben und die Kinder ausschließlich auf ihre Probleme reduzieren; die SozialpädagogInnen ihrerseits vermuten, daß die KulturarbeiterInnen lediglich Dinge tun, die ihnen selbst Spaß machen und ihre Angebote denjenigen unterbreiten, die pädagogisch ohnehin gut „versorgt“ sind. Um ein Verständnis für den Hintergrund dieser Vorwürfe zu wecken, zeigen wir kurz Entwicklungslinien beider Traditionen auf:
● Die sozialpädagogische Arbeit mit Kindern war – wie der gesellschaftspolitische Impetus der 70er Jahre insgesamt – alles andere als auf Defizitbearbeitung ausgerichtet (zum Beispiel die Kritik der kompensatorischen Erziehung). Seit den achtziger Jahren setzte in den Arbeitsfeldern der Sozialpädagogik die sogenannte „pragmatische Wende“ zur Alltagsarbeit und zur Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen ein. Je stärker die Lebenswelt in den Focus genommen wurde, desto deutlicher wurden auch Phänomene, die aus der Sicht sozialpädagogisch ausgebildeter Fachkräfte als „Probleme“ diagnostiziert wurden. Gemessen an den Zielsetzungen von Autonomie und Partizipation war und ist es naheliegend, die Kinder durch „Defizitbearbeitung“ erst einmal in die Ausgangsposition zu bringen, von der aus sie diese Ziele angehen können.Denn wem es aufgrund seiner persönlichen Ausstattung an Handlungskompetenzen mangelt, der kann schwerlich an einer gesellschaftlichen Entwicklung zu mehr Humanität et cetera teilhaben. Daher unterscheidet zum Beispiel Giesecke fein zwischen „Politik“ und „Pädagogik“. Letztere soll die Grundlagen und Fähigkeiten entwickeln, die für eine politische Tätigkeit notwendig sind, nämlich „grundlegende menschliche Fähigkeiten der Urteilskraft, Toleranz, Engagement für den Schwächeren, Solidarität, Kooperationsfähigkeit usw.“ (Giesecke 1980, 452).Viele Fachkräfte versichern glaubwürdig, daß immer mehr „problembelastete“ Kinder und Jugendlicher in die Offenen Einrichtungen kommen, weil sie hier erleben, daß die PädagogInnen auf ihre Bedürfnisse eingehen.
● Die Kulturarbeit mit Kindern entstand in der gleichen politischen Aufbruchsituation wie die Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen (Arbeitskreis Jugendarbeit 1987, 43). Der „soziokulturelle Ansatz“ richtet sich gegen den bürgerlichen Kulturbegriff und die „Kultur der Herrschenden“. Kultur soll „für alle“ da sein, sie soll nicht mehr die „zum Konsumieren“, sondern die „zum Selbermachen“ und „ästhetisch-sinnliche Praxis“ sein. Die ersten soziokulturellen Zentren wollten Zentren ästhetisch-politischer Stadtteilkultur sein. Als KulturarbeiterInnen verstanden sich KünstlerInnen aller Sparten, MedienarbeiterInnen, LehrerInnen, FreizeitpädagogInnen, HandwerkerInnen, aber selten SozialarbeiterInnen oder SozialpädagogInnen. Kulturelle Angebote für Kinder entstanden zunächst in der Museumspädagogik oder in Jugendmusik- und -kunstschulen, und man gründete Bezirks- und Landesarbeitsgemeinschaften für kulturelle Jugendbildung, die als „kulturelles“ Pendant der Jugendverbände gelten können. Die „Pädagogische Aktion“ München, ein Zusammenschluß von KulturarbeiterInnen, der auch heute für Kulturarbeit innerhalb der Offenen Arbeit mit Kindern steht, führte zu Beginn der siebziger Jahre die Spielmobilarbeit ein, die heute einen wesentlichen Arbeitsbereich der Offenen Arbeit mit Kindern darstellt. KulturpädagogInnen bieten den Kindern „Raum, Zeit und Zeug zum Spielen“ an, um ihnen damit umfassende sinnlich-ästhetische Lernprozesse zu ermöglichen. Sie arbeiten punktuell und/oder projekthaft und betonen die Lust und den Spaß der gemeinsamen Sache. Problembearbeitung steht nicht im Vordergrund und auch spezifische Zielgruppen im sozialpädagogischen Sinne werden meist nicht berücksichtigt. Kultur ist „für alle“ da.
Nach einem jahrelangen Nebeneinander beider Schwerpunkte kommt es seit Mitte der 80er Jahre zu verstärkter Konkurrenz. Vor allem in der Offenen Jugendarbeit scheint die „Sozialpädagogik“ in der Defensive. Viele Häuser der Offenen Tür ändern ihre Konzeption in Richtung „Kulturarbeit“, wahrscheinlich auch, weil sie mit den Problemen, die die traditionellen BesucherInnengruppen aus den unteren Schichten mitbringen, nicht mehr zurecht kommen. Die „sozialpädagogische Fraktion“ kritisiert an dieser Tendenz, daß sich dadurch Kinder und Jugendliche der unteren Schichten nicht mehr angesprochen fühlen und auf andere Formen der Sozialen Arbeit angewiesen sind wie zum Beispiel Streetwork (etwa Arbeitskreis Jugendarbeit 1987; Belardi 1986; Puhl 1982). Die „Kulturfraktion“ hält dagegen, daß es ohnehin nicht die Aufgabe Offener Kinder- und Jugendarbeit sein dürfe, Sozialpädagogik zu betreiben. Erstens sei sie aufgrund ihrer Infrastruktur überfordert, zweitens sei es auch aus politischen Gründen falsch, sich für die integrativen Zwecke des Sozialstaates vereinnahmen zu lassen (Treptow 1986).
In der Offenen Arbeit mit Kindern gibt es moderatere Positionen und Diskussionsergebnisse. In Arbeitsgruppen des ABA Fachverbandes (Der Nagel 1986/87, 7 ff.) und der Fachtagung „Spiel- und Lebensraum Großstadt“ (1987) wurden eher Gemeinsamkeiten herausgestellt und eine Zusammenarbeit propagiert, denn „eine Aktion wird nicht dadurch schlecht, weil ein anderer sie veranstaltet …“ (vergleiche dazu auch den vermittelnden Aufsatz von Lukas 1989).
Im Jahre 1975 gab es schon 70 bis 80 Abenteuerspielplätze und ca. 5000 Initiativen, die einen solchen Platz einrichten wollten (Aurin-Schütt 1992, 28). Um 1980 existierten etwa 350 Einrichtungen mit ca. 2000 MitarbeiterInnen (Nahrstedt 1981). Damit war die „Abenteuerspielplatz-Bewegung“ jedoch auch schon auf ihrem Höhepunkt angelangt. In den folgenden Jahren lösten sich die meisten Initiativen wieder auf, und/oder die Kommunen übernahmen die Trägerschaft der Plätze, eine Entwicklung, die als zunehmende „Institutionalisierung“ und „Kommunalisierung“ bezeichnet wird. In Nordrhein-Westfalen befanden sich beispielsweise gegen Ende der achtziger Jahre etwa 70 % der Einrichtungen Offener Arbeit mit Kindern in kommunaler Trägerschaft (vergleiche Deimel 1987, 13; vergleiche dazu auch Kapitel 8).
Zur Zeit gibt es in der Bundesrepublik etwa 300 Abenteuerspielplätze (Krauss 1994). Die Verbreitung von Spielmobilen wurde 1994 auf etwa 400 geschätzt (BAG Spielmobile 1994). Zum Umfang der Offenen Arbeit mit Kindern in Jugendzentren gibt es kaum Zahlen. In Nordrhein-Westfalen gab es Anfang der neunziger Jahre in 90 % der Offenen Jugendeinrichtungen Angebote für Kinder; und diese stellten im Durchschnitt 40 % der BesucherInnenzahlen – Tendenz steigend (Hubweber 1990).
Zum „Absterben“ der Initiativen sei gesagt, daß Bürgerinitiativen prinzipiell eine begrenzte Lebensdauer haben. Sie engagieren sich, solange es um ihre persönlichen Belange geht und da, wo innerhalb einer begrenzten Zeitspanne die eigenen Kinder unter optimalen Bedingungen aufwachsen sollen. Institutionen hingegen – dazu noch besetzt mit professionellen PädagogInnen (mit dem Interesse an einer langfristigen Sicherung ihrer Arbeitplätze) sind auf „ewiges Bestehen“ ausgerichtet. Die beklagte Kommunalisierung bietet für die Belange von Professionellen die beste Garantie, wenn auch um den Preis der bürokratischen Organisation der Arbeit.
Auch in der ehemaligen DDR gab es eine gewisse „Bewegung“: Seit 1979 gründeten sich sogenannte „Spielwagen“-Gruppen (in Berlin, Dresden, Halle, Leipzig, Magdeburg, Potsdam, Rostock u.a.). Den Anfang machte die Gruppe „Spielwagen Berlin I“, die auch als einzige Gruppe gezielt Kontakt mit der politischen Administration aufnahm und mit ihr verhandelte. Die Initiativen setzten sich aus den verschiedensten technischen, künstlerischen und pädagogischen Berufen und quer durch die Altersgruppen zusammen. Sie führten in ihrer Freizeit Spielnachmittage, Spielaktionen und Spielfeste mit teilweise großen Kindergruppen durch. Problematisch war immer die Frage des Transportes der Spielgeräte; bis auf die Gruppe „Spielwagen Berlin I“ verfügte keine Initiative über ein angemessenes Fahrzeug. Um 1984/1985 gab es die ersten Versuche der Selbstdarstellung: die engagierten MitarbeiterInnen „verkauften“ ihre „volkskünstlerische Tätigkeit“ als „betreutes musisches Kinderspiel“ (Kirchner 1990, 83). 1986 knüpfte man die ersten internationalen Kontakte.
Die Offene Arbeit mit Kindern wurde also auch in der DDR gegen den Widerstand der „offiziellen“ Politik durchgesetzt. Hinzu kamen Probleme ideologischer Art, denn die Arbeit mußte immer mit Blick auf das einheitliche „Bildungs- und Erziehungsziel“ in der DDR und mit Rücksicht auf die Belange der öffentlichen Sicherheit und Ordnung legitimiert werden. Die MitarbeiterInnen zogen ähnlich wie im Westen zunächst viele Kinder an; in neuerer Zeit scheint die Offene Arbeit mit Kindern jedoch in eine „Krise“ zu geraten: die Kinder bleiben aus (Kirchner 1990, 81). Kirchner meint, daß der Neuigkeitswert der Spielwagen nachgelassen hätte und daß Elemente der Spielwagen-Pädagogik im Laufe der Zeit in die offiziellen Kinderprogramme der DDR eingegangen seien. Er beklagt, daß es bisher kaum betreute Spielplätze auf dem Gebiet der ehemaligen DDR gäbe. Ein anderer Punkt sei, daß sich die ostdeutschen Kinder im Verlauf der „Wende“ der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung angepaßt und eher konsumorientierten Freizeitangeboten zugewandt hätten. Auch in Ostdeutschland gibt es eine ausgeprägte Theoriediskussion, die Umsetzung der konzeptionellen Überlegungen scheitert aber oft an Finanzierungsbarrieren. Angesichts der immensen Aufgaben des „Aufbau Ost“ bleiben Angebote Offener Arbeit mit Kindern Luxus.
In Westdeutschland ist schon lange „Krisenstimmung“ angesagt: Zunächst hatten die ProtagonistInnen ihre Arbeit intensiv dokumentiert, wie Nahrstedt mit einer umfangreichen Literaturliste für die erste Hälfte der 70er Jahre beweist (Nahrstedt 1981, 5). Aber schon seit Ende der 70er Jahre attestieren BeobachterInnen vor allem der Abenteuerspielplatz-Pädagogik und viele MitarbeiterInnen sich selbst eine schwere Krise. Ein „Zeitzeuge“, der seit über 10 Jahren auf einem Abenteuerspielplatz arbeitet, schreibt: „Man wollte den – vorgeblichen – Muff und Staub dieser ‚geschlossenen‘ Arbeit abschütteln und zu neuen Ufern aufbrechen. … Die Offene Arbeit mit Kindern sollte ihre Adressaten klüger, begabter, reicher usw. machen, kurzum: Die Unterdrückung der Kinder sollte aufgehoben werden. Auf diesem Wege könne im Laufe der Zeit, so die Hoffnung, Emanzipation insgesamt auf eine breitere Basis gestellt werden. Am Anfang schien auch alles bestens zu laufen. Die alten Bastionen erzitterten. … Doch dann, weiß der Teufel warum, geriet der Emanzipationszug ins Stocken. Das, was wie eine Alternative zum Herkömmlichen aussah, erwies sich als mangelhafte Kopie. Denn im Grunde machte Offene Arbeit mit Kindern dasselbe, was schon immer lief, bisweilen sogar noch etwas dürftiger“ (Thilke 1987, 10). Thilke deutet damit an, daß das neue Arbeitsfeld nach einem hoffnungsvollen Start in andere als die geplanten Bahnen geriet:
Mit der „politischen Wende“ von der sozial-liberalen Koalition zur CDU-Regierung wandelte sich das „Reform-Klima“ und auch die Abenteuerspielplatz-Bewegung „ermüdete“. Teilweise hatten die engagierten WegbereiterInnen der Offenen Arbeit mit Kindern die politischen und institutionellen Bedingungen unrealistisch eingeschätzt, und sie machten nun die Erfahrung, daß sie ihre Vorstellungen nicht so einfach umsetzen konnten. In der konkreten, kontinuierlichen Alltagsarbeit stellten sich zum Beispiel andere Probleme als die konzeptionell angedachten. Es ging um Alltagskonflikte, mühsame Materialbeschaffung usw.. Auch die Objekte der Bemühungen, nämlich die Kinder selbst, widersetzten sich so manchen Wünschen der MitarbeiterInnen nach Veränderung. Darüber hinaus haben sich auch die Interessen und Zielsetzungen von PädagogInnen gewandelt und die „neue Generation“ bezieht sich kaum auf die (noch so jungen) „Wurzeln“ der Offenen Arbeit mit Kindern. Als Hauptursache der Dauerkrise wird jedoch zu allen Zeiten und in Ost und West die restriktive Sparpolitik im Sozialbereich ausgemacht.
Man kann den Wandel vom politischen „Aufbruch“ zur pädagogischen Arbeit in den Institutionen jedoch auch als „Wandel im Verständnis der Praxis“, als „pragmatische Wende“ und einen „Prozeß bewußter Pädagogisierung, der die methodischen und didaktischen Voraussetzungen dauerhafter Lernprozesse ihrer Bezugsgruppen in den Vordergrund rückt“ verstehen, wie es Barabas u.a. schon 1978 taten (Barabas u.a. 1978, 492 ff.). PädagogInnen, die die Lebenswelten der Kinder und Jugendlichen in den Mittelpunkt stellen, kommen nämlich manchmal zu einer ganz anderen Praxis, als sie selbst zunächst gedacht haben.
Darüber hinaus wandelt sich dieses Arbeitsfeld wie alle anderen Arbeitsfelder auch im Laufe der historischen Entwicklung. Die politischen Bedingungen ändern sich und damit auch die der Offenen Arbeit mit Kindern zugedachten Funktionen (vergleiche Kapitel 3). Auch die Ansprüche und Bedürfnisse aller Beteiligten müssen ständig neu ausgehandelt werden. Es ist gut möglich, daß einige PädagogInnen diesen Wandel nicht wahrhaben wollen, oder daß deren Richtung ihnen nicht behagt – was immerhin (persönliche) Krisen auslösen kann. Unserer Meinung nach hat das nun schon annähernd 15 Jahre andauernde Gerede von einer Krise diesen Begriff entwertet. Das Arbeitsfeld der Offenen Arbeit mit Kindern ist das Kind einer sozialen Bewegung. In dem Moment, in dem sie sich institutionalisiert, erreicht sie ein neues Stadium ihrer Entwicklung. Neue Probleme und Perspektiven stellen sich, die nicht mit einem weinerlichen Rückblick auf vergangene Zeiten zu bewältigen sind. Wir plädieren daher dafür, dieses Arbeitsfeld unter didaktischen Gesichtspunkten neu zu vermessen – in Kenntnis der Geschichtlichkeit der Offenen Arbeit mit Kindern und unter Berücksichtigung der zeitgenössischen gesellschaftlichen Herausforderungen.
Neue Abenteuerspielplätze werden zur Zeit fast ausschließlich in Ostberlin und den neuen Bundesländern gegründet (etwa in Dresden, Berlin, Magdeburg, Hoyerswerda) und die durch den Vereinigungsprozeß und die wirtschaftliche Rezession zunehmende Finanznot der Kommunen bedroht derzeit viele Einrichtungen der Offenen Arbeit mit Kindern. Doch trotz „finanzieller Krise“ und „Krise des Selbstverständnisses“ gibt es heute eine Vielfalt von Ausprägungen Offener Arbeit mit Kindern. Auf dem „Grauen Markt“ kann man eine unübersehbare Anzahl von Praxisdokumentationen finden, die Trends und Arbeitsprinzipien abbilden.
Weiterführende Literatur
Als „geschichtliche“ Dokumente bieten sich an:
● Autorengruppe ASP/MV: Abenteuerspielplatz: wo Verbieten verboten ist. Reinbek 1973 (leider vergriffen, wird möglicherweise demnächst vom ABA Fachverband nachgedruckt)
● Autorengruppe Westberliner Volkstheaterkooperative: Blumen und Märchen. Stadtteilarbeit mit Kindern im Märkischen Viertel Berlin. Reinbek 1974 (leider vergriffen)
● Mayrhofer, Hans; Zacharias, Wolfgang: Aktion Spielbus. Spielräume in der Stadt – mobile Spielplatzbetreuung. Weinheim und Basel 1973
Neuere Aufsatzsammlungen, die auch die bisherige geschichtliche Entwicklung dokumentieren, sind:
● Bund der Jugendfarmen und Aktivspielplätze (Hg.): Abenteuerspielplätze und Kinderbauernhöfe. Eine Arbeitshilfe. Bezugsadresse: Haldenwies 14, 7000 Stuttgart 80
● Deutsches Kinderhilfswerk e.V.; Landesfachgruppe Spielmobil NRW; IPA – Recht auf Spiel e.V. (Hg.): Das Spielmobilbuch. Berlin 1990 (FIPP Verlag)
Mit der Offenen Arbeit mit Kindern unter den derzeitigen „Krisenbedingungen“ beschäftigen sich:
● Bähnisch, Dieter u.a.: Frostige Zeiten für die Kinder- und Jugendarbeit. Ein Gespräch In: Verbandskurier, 1. Quartal 1993, S. 4 – 15
● Fromme, Johannes: Perspektiven Offener Kinderarbeit. In: Harms, Mannkopf (Hrsg.): Spiel- und Lebensraum Großstadt. Berlin 1989; S. 95 – 102
● Hafeneger, Benno: Offene Kinder- und Jugendarbeit unter Krisenbedingungen. Zwölf Thesen zu neuen Herausforderungen. In: deutsche jugend, Heft 4, 1994, S. 181 – 184
● Hubweber, Norbert: Offene Kinder- und Jugendarbeit in NRW. Entwicklungen, Konzepte – Angebote – Daten. Expertise zum 5. Jugendbericht der Landesregierung. Kath. LAG Heim der Offenen Tür NRW, Marzellenstr. 32, 50668 Köln (Dokumentation der jugendpolitischen, institutionellen, personellen und konzeptionellen Entwicklungen in der Kinder und Jugendarbeit in den vergangenen 10 Jahren; Norbert Hubweber hat darüber hinaus eine Literatursammlung zur Offene Kinder- und Jugendarbeit für die Jahre 1955 – 1990 zusammengestellt.
● Kupfer, Hartmut: Liebe Antje (Ein Leserbrief). In: Verbandskurier, 1. Quartal 1993, S. 34 – 36 (Einschätzungen zum „Weg“ und zur Akzeptanz der Abenteuerspielplätze heute)
● Kupfer, Hartmut: Zur Situation der Offenen Arbeit mit Kindern. Einige kritische Anmerkungen. In: Der Nagel, 56/1994, S. 63 – 66
● Schottmayer, Georg: Der betreute Spielplatz: Pädagogisches Relikt, zeitgemäßer Spielraum oder unverzichtbarer Lebensraum für Kinder? In: Verbandskurier. 2. – 4. Quartal 1993, S. 27 – 35
NAGEL-Redaktion – Die Etablierung der Offenen Arbeit mit Kindern
Ohne dass Deutschland bis dahin davon tangiert wurde, hatte sich im europäischen Ausland eine Variante Offener Arbeit für Kinder etabliert. So hatte der dänische Gartenbauarchitekt, Künstler und Kunstprofessor Carl Theodor Sørensen (1893-1979), der in Kopenhagen zeitweilig zuständig für die Errichtung von Spielplätzen war, bereits im Kriegsjahr 1943 den Prototypen des pädagogisch betreuten Spielplatzes geschaffen. Dieser entstand auf einer Fläche von 6.000 qm in Emdrup, einem Kopenhagener Vorort. Sørensen schlussfolgerte aufgrund seiner Beobachtung, dass die Kinder seine „schönen“ und erwachsenengerechten Spielplätze nicht bzw. nur wenig annahmen, diese müssten sich anderenorts Spielgelegenheiten erobern. Und er entdeckte sie auf Schrotthalden, Brauchflächen, Trümmergrundstücken und Baustellen. Hieraus konzipierte er in Zusammenarbeit mit dem Architekten D. Fink zunächst die Idee der „skrammellegepladsen“ (Gerümpelspielplätze). Das Spielangebot bestand aus Gerümpel, Schrott und Schutt jeglicher Art. Aus den Gerümpelspielplätzen entwickelten sich in Folge in weiten Teilen Dänemarks die „byggelegepladsen“ (Bauspielplätze).

Skrammellegeplads in Kopenhagen (Foto: Königlich Dänisches Ministerium des Äußeren, Kopenhagen, gefunden bei Gerhard Aick: Die Befreiung des Kindes, Schriftenreihe der IGA 1963 Hamburg – Repro: Rainer Deimel)
Auffallendes Merkmal der dänischen Bauspielplätze war die Intention, Kindern die Welt der Erwachsenen auf kindgemäße Art und Weise zugänglich zu machen: im Grunde wurde hier das Leben der Erwachsenenwelt auf Kinderterritorien nachgespielt, um den Umgang damit zu vermitteln. In diesem Kontext sollte erwähnt werden, dass Kinderinteressen in Skandinavien schon wesentlich länger eine wichtigere Rolle als beispielsweise in Deutschland spielen.

Bellhøj Skammellegeplads (Foto: abm.nu, ABA Fotobutikke)

Früher Byggelegeplads 1949 (Foto: Willy F. Hansen)

Byggelegeplads (Foto: Bymuseum Kopenhagen, Kulturministerium Dänemark)
Die britische Gartenbauarchtektin Lady Allen of Hurtwood verschaffte sich gegen Ende der 40er Jahre in Skandinavien einen Eindruck über diese Form Offener Arbeit mit Kindern. Sie nivellierte jenen konzeptionellen Ansatz, indem sie besagten offenen Einrichtungstypus ab 1948 in Großbritannien vornehmlich in verdichteten industriellen Ballungsgebieten (London. Manchester, Leeds usw.), in denen Kindern natürliche Spielräume in besonderem Maße abhanden gekommen waren, einführte, ein „künstliches Abenteuer“ sozusagen. Hier taucht dann auch erstmalig der Begriff „adventure playground“ (Abenteuerspielplatz) auf. (1)
Ein erster Abenteuerspielplatz entstand ebenfalls Anfang der 50er Jahre in den Niederlanden, nämlich in Amsterdam. Sein anfänglicher Name „Jongensland“ deutete bereits auf seine ursprüngliche konzeptionelle Intention hin: dieser im Amsterdamer Osten auf einer Halbinsel im Ijsselmeer gelegene Platz sollte präventtiv und interventiv wirksam werden. Seine Zielgruppe waren Jungen, die durch die Kriegs- und Nachkriegswirren stark gefährdet waren und als Straßenkinder ihr „Unwesen trieben“. Dieser über 40.000 qm große Platz existiert nach wie vor; seit geraumer Zeit ist er ein „normaler“ Abenteuerspielplatz, nennt sich „Jeugdland“ (Jugendland) und ist eingebettet in die Jugendhilfelandschaft der „Stichting Amsterdam-Oost“.

Jongensland in den 1950-er Jahren (Foto: Het Geheugen van Oost, Amsterdam)
In den Niederlanden hat sich die Idee der betreuten Spielplätze als Einrichtungen der Offenen Kinderarbeit seit Anfang der 50er Jahre verbreitet. Schwerpunkte bilden die Städte Utrecht und Arnheim. Seit Anfang der siebziger Jahre sind diese Plätze meist formell in Bouw- bzw Avontuurenspeelplatsen bzw. -tuins (Bau- bzw. Abenteuerspielplätze bzw. -gärten) umgewandelt worden. Die unterschiedlich starke Verbreitung ist dadurch erklärbar, dass es sich bei der Einrichtung derartiger Angebote um „freiwillige“ kommunale Aufgaben handelt. (2)
1956 wurde in der Schweiz, in Zürich, mit Unterstützung der Stiftung „Pro Juventute“ (3) der erste „Robinsonspielplatz“ eingerichtet, weitere im ganzen Land folgten. „Pro Juventute“ vertrat die Ansicht, ein Spielplatz müsse eine gewisse „Spieldramatik“ besitzen. (4) Der Begriff „Robinsonspielplatz“ wurde in Deutschland anders interpretiert. Hierzulande wurden etwa ab Anfang der 60-er Jahre sogenannte Robinsonspielplätze ohne die auf Abenteuerspielplätzen typische Eigenaktivität der Kinder installiert. Ausgehend von der „IGA 63“ (der Internationalen Gartenbau-Ausstellung, die 1963 in Hamburg stattfand), handelte es sich nicht selten dabei um groß dimensionierte und entsprechend kostspielige Projekte mit (starren) Geräten aus Holz und anderen Materialien: Hängebrücken, Forts, Blockhütten, Aussichts- und Klettertürmen. (5)

Planten un Blomen in Hamburg. Der abgebildete Spielplatz entstand zur IGA 1963. Das Foto stammt aus dem Jahr 2005 (Foto: Wolfgang Feld, eingestellt bei Wikipedia)
Ein vergleichbarer Spielplatztypus wurde auch in der DDR entwickelt. Obwohl diese Einrichtungen im offiziellen Sprachgebrauch „Spielanlagen“ (6) hießen, wurden sie häufig von der Bevölkerung als „Abenteuerspielplätze“ bezeichnet. Dieser Umstand erklärt, weshalb sich die AktivistInnen vor und auch nach „der Wende“ mit dem Begriff „Abenteuerspielplatz“ zunächst schwer taten.

Spielplatz in der DDR: Bewegungsmöglichkeiten für Kinder spielten seinerzeit in der DDR eine große Rolle (Quelle des Bildes: Spielanlagen für Kinder und Jugendliche, Bauakademie der DDR, 1979 – Repro: Rainer Deimel)
Im Gegensatz zu den ursprünglich in Westdeutschland als „Robinsonspielplatz“ und in der DDR als „Abenteuerspielplatz“ bezeichneten Anlagen fand und findet auf den Schweizer Robinsonspielplätzen Offene Arbeit statt. Sie sind betreut und verfügen über typische Bereiche wie Feuerstelle, Wasser, Tierhaltung usw. Der Bauspielplatz ist häufig ein separater Bereich innerhalb des Robinsonspielplatzes. Zeitweilig war oder ist der Bauspielbereich für Erwachsene, die nicht auf dem Platz arbeiten, nicht zugänglich ist, damit die Kinder ungestört sein können.
In Schweden wurde ab 1964, zunächst in Göteborg, ein weiterer offener Einrichtungstypus für Kinder geschaffen, die „Spielparks“, eine Idee, die auch in Finnland und Jahre später in Deutschland, nämlich in Hannover aufgegriffen wurde. In Finnland gibt es für Bauspielplätze auch die Bezeichnung „Konstruktionsspielplätze“.Obwohl Fachleute in Deutschland immer wieder auf die Bedeutung derartiger offener Angebote hingewiesen hatten, konnte bis zu den ausgehenden 60er Jahren diesbezüglich nichts bewegt werden.
Zeitgenössische Bilder

Spielplatz in Hamburg 1963 (Repro: Rainer Deimel)
Das Foto, das Gerhard Aick in der Schriftenreihe zur IGA 1963 unter dem Titel „Die Befreiung des Kindes – Kleine Kulturgeschichte des Spiels und des Kinderspielplatzes“ veröffentlichte, wurde von ihm folgendermaßen untertitelt: „In Deutschland sucht die Spielplatzgestaltung neue Wege. Hier ein Spielplatz in Hamburg mit Geräten in filigraner Stahlröhrenkonstruktion.“

Spielplatz in Zürich 1963 (Repro: Rainer Deimel)
Auch dieses Bild veröffentlichte Gerhard Aick in dem genannten Bändchen. Hier ist folgende Bildunterschrift zu finden: „Die Schweiz ist führend in der Spielplatzgestaltung: Kriechröhren, Pilzhütten, Schaukelbretter und Kletterturm mit Schutzdach auf einem Spielplatz in Zürich.“
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Fußnoten
(1) Großbritannien verfügt über ein dichtes Netz von adventure playgrounds; allein in London gibt es ca. 100.
(2) Ferner gibt es in den Niederlanden gegenwärtig zwischen 300 und 400 „Kinderboerderijen“ (Kinderbauernhöfe). Diese befinden sich in sehr unterschiedlicher Trägerschaft; oft sind die Betreiber Privatpersonen oder private Personenzusammenschlüsse (Hausfrauen, Rentner usw.), aber auch Gemeinden, Kirchen usw. Diese Kinderboerderijen haben eher den Charakter von Streichelzoos. Für diesen Einrichtungstypus tauchte in Belgien vor Jahren zutreffenderweise zeitweilig der Begriff „Vitrine-Zoo“ auf. Die Avontuuren- und Bouwspeelplatsen verfügen regelmäßig auch über eine Kinderboerderij.
(3) Die Stiftung „Pro Juventute“ fungierte längere Zeit als Dachverband für die Schweiz. Für einige Jahre existierte ein weiterer Dachverband für die Offene Kinderarbeit, „SpeuX“. Der Verband hat zwischenzeitlich seien Arbeit wieder eingestellt. „SpeuX“ war ein Kunstwort und wurde aus dem deutschen Begriff „Spiel“ und der französischen Analogie „Jeux“ zusammengesetzt.
(4) Gerhard Aick: Die Befreiung des Kindes, Hamburg 1963, S. 40
(5) Das zuvor genannte Bändchen von Gerhard Aick weist auf die seinerzeitige Entwicklung hin.(6) vgl.: Bauakademie der DDR/Institut für Städtebau und Architektur (Hg.): Spielanlagen für Kinder und Jugendliche, Berlin 1979
Hinweis
Hiltrud von Spiegel: Offene Arbeit mit Kindern – (k)ein Kinderspiel. Erklärungswissen und Hilfen zum methodischen Arbeiten. Münster 1997, Votum Verlag.
Das Buch ist inzwischen vergriffen. Unser Fachbeiratsmitglied Prof. Dr. Hiltrud von Spiegel hat uns das Manuskript dankenswerterweise zur Verfügung gestellt. Auf diese Weise können wir es Ihnen hier anbieten. Zum Buch gelangen Sie, wenn Sie vorstehenden Titel anklicken.
NAGEL-Redaktion – Gautinger Beschlüsse
Die Arbeitsgemeinschaft für Jugendpflege und Jugendfürsorge fasste 1953 die sogenannten Gautinger Beschlüsse (1). Hierbei handelte es sich um eine erste Orientierung für die neu entstehende Offene Jugendarbeit. Die hier formulierten Aussagen machen die damalige Sichtweise auf junge Menschen deutlich. Dort heißt es u.a.:
Die Aufgaben des Heims der offenen Tür
Das Heim der offenen Tür ist eine Freizeit- und Begegnungsstätte im freien Erziehungsraum und ergänzt die Erziehung im Elternhaus, in der Schule und im Beruf. Es dient der gesamten Jugend und muss allen offen stehen. Im Heim der offenen Tür soll der junge Mensch der sozialen Gesamheit begegnen; deshalb muss das Heim der offenen Tür die soziale Struktur der Gemeinde oder Nachbarschaft widerspiegeln.
Das Heim der offenen Tür vermittelt dem jungen Menschen das Gemeinschaftserlebnis und weist ihm Wege zur Welt der Erwachsenen. Dadurch lernt er, dass mit dem Erwerb von Rechten auch die Übernahme von Pflichten verbunden ist. Diese Erkenntnis bildet die Grundlage für die staats- und mitbürgerliche Pflicht.
Das Heim der offenen Tür hat die Aufgabe, im jungen Menschen die Kräfte zu wecken, die zu einer freien, selbstständigen und selbstverantwortlichen Persönlichkeit führen.
Durch Interessengruppen und Arbeitsgemeinschaft werden brachliegende Fähigkeiten und Neigungen erkannt und entwickelt. Damit wirkt das Heim der offenen Tür ausgleichend und fördernd zur Tätigkeit in der Schule und im Beruf.
Die Erziehungsarbeit im Heim der offenen Tür findet da ihre Grenze, wo es um die Formung der Persönlichkeit unter weltanschaulicher oder parteipolitischer Zielsetzung geht.
Neben diesen allgemeinen Aufgaben ergeben sich aus der jeweiligen sozialen und politischen Situation besondere Aufgaben, für die das Heim der offenen Tür geeigneter Träger sein kann.
Quelle: Willy Klawe: Arbeit mit Jugendlichen, Juventa Verlag 1996, Seite 87 (zitiert nach Hermann Giesecke: Handbuch Kinder- und Jugendhilfe, 1983)
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(1) Nach der Tagungsstätte, dem Institut für Jugendarbeit des Bayerischen Jugendrings in Gauting, benannt.
NAGEL-Redaktion – Nach 1945
Nach 1945 wurde in der Jugendarbeit teils an den Traditionen der Weimarer Republik angeknüpft. Das Fundament für die Offene Jugendarbeit wurde in der Besatzungszeit nach dem Zweiten Weltkrieg – zunächst in der amerikanischen Zone – gelegt. Den Amerikanern kam es darauf an, junge Deutsche zu „demokratisieren“: Ehemaligen Faschisten bzw. faschistisch Erzogene sollten zu Demokraten nach US-Vorbild umerzogen werden; wesentliche Inhalte und Prinzipien der GYA-Heime (German Youth Activities) waren Offenheit (Freiwilligkeit), Mitbestimmung, „weltanschauliche Neutralität“ (1) und „staatspolitische Erziehung“, die spätere „politische Bildung“. In der britischen Zone war ein „demokratischer Grundkonsens“ konzeptionell leitend, in der französischen Zone sollte es zu einer Verbindung von Jugendarbeit und Volksbildung kommen und in der russischen Zone (der späteren DDR) wurde antifaschistische Jugendarbeit postuliert. (2)

Ehemaliges GYA-Heim (Anne-Frank-Haus) in Karlsruhe (Quelle: Stadt Karlsruhe – Stadtgeschichte, Foto: Schlesiger)
Die Jugendpolitik der Allierten wirkt bis in die Gegenwart hinein. Während sich die Briten in ihrer Besatzungszone deutlich „laxer“ in Bezug auf staatliche Einflussnahme als die Amerikaner verhielten, entstanden adäquate Trägerstrukturen: So ist nachvollziehbar, dass es bislang bezüglich der Trägerschaft (in der alten Bundesrepublik) ein deutliches Nord-Süd-Gefälle gab und gibt: Im Norden ist nach wie vor ein Übergewicht der kommunalen Träger feststellbar, während im Süden fast ausschließlich freie Träger vorzufinden sind. (3)
Während die FDJ (Freie Deutsche Jugend), die Jugendorganisation der KPD, in Westdeutschland durch die Adenauer-Regierung 1951 verboten wurde (4), erhielt die 1946 gegründete Organisation in der DDR den Status eines staatlichen – monopolistischen – Verbandes mit der Untergliederung der „Jungen Pioniere“ für Kinder von sechs bis 14 Jahren. Die Wertigkeit der FDJ als staatliche Organisation war insofern immens, als „Erziehung und Bildung“ in der DDR unter das Staatsmonopol fielen. Die Strukturen in der DDR waren mit denen in der BRD kaum vergleichbar. (5)

Gründungsfeier der FDJ im Berliner Friedrichstadtpalast in der DDR 1947 (Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-T1017-326)
Symptomatisch für die Jugend nach dem zweiten Weltkrieg war sowohl in den drei Westzonen als auch in der Ostzone die immense Zahl von Arbeitslosen und generell katastophale Lebensverhältnisse: viele Väter waren gefallen bzw. noch in Kriegsgefangenschaft, es herrschte absolute Wohnungsnot und Schulnotstand; es mangelte an Nahrung, Kleidung usw. Verschärft wurde dieser Zustand durch ein hohes Maß an Vertriebenen aus dem Osten, die häufig in provisorischen Massenunterkünften untergebracht waren.
Parallel zu den entstehenden Strukturen der Offenen Jugendarbeit nahmen in der 50er Jahren in Westdeutschland auch die Jugendverbände ihre Aktivitäten wieder auf. Diesen gelang es zunehmend, Einflüsse auf die entstehende bzw. entstandene Offene Jugendarbeit zu nehmen, sodass oftmals die Differenzierung zwischen verbandlicher und Offener Arbeit verwischt wurde: wenngleich das Postulat der freiwilligen Teilnahme nach außen hin erklärt wurde, stellte sich der Absicht, weltanschauliche und religiöse Tendenzen in die Offene Arbeit einzubringen, als nicht unproblematisch dar. Vor allem nach dem Rückzug der Amerikaner (GYA) führte dies zu einer Beschneidung der bisherigen Angebote, gepaart mit Jugendfürsorgeabsichten. Die Jugendfreizeitheime mussten „den Jugendverbänden ideologisch ihre Referenz erweisen, … möglichst viele ihrer Besucher zu einer (…) Mitgliedschaft zu animieren“. (6) Diese Intervention ging zu Lasten von Mitbestimmung und Freiwilligkeit; die Träger definierten in der Regel, was für die Jugendlichen „sinnvoll“ war. In der Folge dominierten dementsprechend „angepasste“ (Mittelschichts-)Jugendliche die Heime.

Gewagte Jugend (Foto: Chargesheimer, veröffentlicht in: Lutz Nierhammer et al.: „Die Menschen machen ihre Geschichte nicht aus freien Stücken, aber sie machen sie selbst“, Essen 2006)
Ferner war festzustellen, dass sich die Träger bis in die 50er Jahre koedukativen Freizeitmöglichkeiten widersetzten; dies nicht etwa in der heutigen Absicht, den Geschlechtern in emanzipatorischer Hinsicht Hilfestellungen zu gewähren, sondern um vermeintliche Gefährdungen, die vom anderen Geschlecht ausgingen, zu vermeiden. So findet sich noch in einem Tagungsbericht des Landesjugendamtes Rheinland aus dem Jahre 1960 der Hinweis, Mädchen würden in gemischten Heimen einen störenden Einfluss dadurch ausüben, indem sie „mit ihren Stöckelschuhen und Petticoatröcken durch das Heim gehen und es nach kurzer Zeit verlassen mit dem Ergebnis, dass die Jungen mit ihren Motorrädern hinterherjagen.“ (7)

Mädchen in gemischten Heimen stören (Quelle: Universität Ulm)
Die „Heime der teiloffenen Tür“, die ab 1950 in Nordrhein-Westfalen gegründet wurden, sind ein Ergebnis dieser Verschiebungen; waren es die Verbände, in deren Trägerschaft diese Variante „Offener Arbeit“ sich befanden. Giesecke vermisste hinter diesem Vorgang ein pädagogisches Konzept. Seiner Meinung nach ging es nicht darum, Angebote für nicht organisierte Jugendliche zu schaffen, sondern sich öffentliche Subventionen in die Verbandskasse einzuverleiben. (8)
1953 gab es 110 Freizeitheime, davon die meisten in Großstädten. Der überwiegende Teil (70 %) wurde kommunal getragen, ferner fungierten die Kirchen (9 %) und separate Vereine als Träger. (9)
Die ersten Richtlinien für die Offene Jugendarbeit wurden 1953 in Gauting, in Form der sogenannten Gautinger Beschlüsse gefasst. Hierin wurde eine Definition der Einrichtung sowie die Festschreibung bestimmter Standards vorgenommen, z.B. über die Öffnungszeiten. Ferner wurden konzeptionelle, programmatische und methodische Vorgaben gemacht. Wenngleich gewisse inhaltliche Analogien zu den GYA-Ansätzen nicht zu übersehen waren, blieben etliche Kritikpunkte bestehen, z.B. die sehr starke Orientierung an einer Mittelschichtsklientel, die Traditionsverhaftung in überkommenen Ansichten, die Ausklammerung des schwierigen Verhältnisses zwischen Offener Arbeit und der Verbandsjugendarbeit sowie die völlige Ausklammerung des (unverarbeiteten) Nazivermächtnisses. (10)
Die Praxis dieser betulichen Offenen Jugendarbeit sorgte dann dafür, dass ein Großteil der Jugendlichen sich anderweitig orientierte, nämlich in Szenen, in denen Raum für ihre Interessen vorhanden war. Ihren Ausdruck fand diese Kultur im Rock’n Roll und (1955/56) in den sogenannten „Halbstarkenkrawallen“. „Der Rock’n Roll war die Musik der Halbstarken in Blue Jeans und Lederjacken, die gegen Muff, enge und erotische Enthaltsamkeit zu rebellieren begann.“ (11)

„Halbstarke“ 1956 (Quelle: Bildarchiv Preussischer Kulturbesitz)
Wie erwähnt war in der DDR als einzige Jugendorganisation die FDJ offiziell zugelassen. Ihr wesentliches Ziel war es, Parteikonformität gegenüber der SED zu erreichen. Sie diente als Kaderreserve nicht nur für die Partei, sondern suchte den Anschluss an alle relevanten Instanzen im Staat, etwa die Wirtschaft, das Militär, Schulen, Hochschulen und Betriebe. Ferner war die FDJ für eine systemkonforme Freizeitgestaltung verantwortlich. Sie war als Karrieresprungbrett für junge Menschen erforderlich (12). Jutta Ecarius und Cathleen Grunert beschreiben Kindheit und Jugend in der DDR als gegenüber der seinerzeitigen westdeutschen Sozialisation als „viel stärker institutionalisiert“. (13)

FDJ-Delegation beim Festumzug bei den 2. Weltjugendspielen im August 1949 in Budapest (Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-R78424)
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Fußnoten
(1) vgl. Lothar Böhnisch: Historische Skizzen zur offenen Jugendarbeit I, in: deutsche jugend 10/1984, S. 461
(2) vgl. Wolfgang Bauer: JugendHaus. Geschichte, Standort und Alltag Offener Jugendarbeit. Weinheim/Basel 1991, S. 28
(3) Seit Inkrafttreten des SGB VIII/KJHG (ab dem 1.1.1991) und mehr noch in Folge jüngerer Haushaltskonsolidierungsbemühungen seitens der Kommunen scheint es zu einer stärkeren Anpassung zu kommen: Es kann eine Art „Privatisierungstrend“ beobachtet werden; ehemals kommunale Einrichtungen werden in freie Trägerschaft überführt.
(4) vgl. Lutz von Werder: Sozialistische Erziehung in Deutschland 1848-1973, Frankfurt am Main 1974, S. 253
(5) Gleichwohl mag es erstaunen, dass in den über 40-Jahren BRD- und DDR-Geschichte die Interessenlagen der Jugendlichen sich nicht eklatant unterschieden. Dies kann beispielsweise auch dem Film „Das Jahrhundert des Kindes im Jahrhundert des bewegten Bildes“ entnommen werden, den Otto Schweizer und Donata Elschenbroich vom Deutschen Jugendinstitut im Auftrage der FernUniversität Hagen produziert haben, Hagen 1998.
(6) Hermann Giesecke: Die Jugendarbeit. München, 3. Auflage 1975, S. 91
(7) Sabine Doll: Wir lassen uns nicht verdrängen. Mädchenarbeit in Offenen Kinder- und Jugendeinrichtungen (DER NAGELKOPF Nr. 9/1988), Unna (ABA Fachverband Offene Arbeit mit Kindern) 1988, S. 7
(8) vgl. Hermann Giesecke 1975, a.a.O., S. 91 f.
(9) vgl.Franz-Josef Krafeld: Geschichte der Jugendarbeit, Weinheim 1984, S. 151
(10) vgl. hierzu auch: Wolfgang Bauer, a.a.O., S. 30 f; Hermann Giesecke: Politische Bildung in der Jugendarbeit, München 1980, S. 47; Lothar Böhnisch, a.a.O., S. 466; Peter Kohrs: Jugendliche in der Bundesrepublik Deutschland, Stuttgart 1985, S. 31
(11) Wolfgang Bauer, a.a.O., S. 31
(12) vgl. Ulrich Mählert/Gerd-Rüdiger Stephan: Blaue Hemden – Rote Fahnen. Die Geschichte der Freien Deutschen Jugend, Opladen 1996. Weitere Informationen zu dieser Thematik können entnommen werden aus: Hans-Jürgen von Wensierski: Freie Deutsche Jugend?, in: deutsche jugend 4/1998 sowie: Neunter Jugendbericht der Bundesregierung, Bonn 1994
(13) vgl. Jutta Ecarius/Cathleen Grunert: Verselbständigung als Individualisierungsfalle, in: Jürgen Mansel (Hg.): Glückliche Kindheit – Schwierige Zeit? Über die veränderten Bedingungen des Aufwachsenens, Opladen 1996, S. 196
Weiterführende Links
Zweiter Weltkrieg (Wikipedia)
Die 1940er-Jahre (Wikipedia)
NAGEL-Redaktion – Die Anfänge
Jugendarbeit kann als Element des Ausdifferenzierungsprozesses der Jugendpflege (Armenpflege) gewertet werden, die sich ab dem 17. und 18. Jahrhundert entwickelt hat. Verwiesen werden soll exemplarisch auf die von Friedrich Fröbel (1782 – 1852) konzipierte Idee der „Kinderverwahranstalten“ und Spielplätze, der späteren „Kindergärten“ und auf die Einrichtung des Rauhen Hauses für verwahrloste Jugendliche (1833) durch Johann Heinrich Wichern (1808 – 1881), dem Begründer der „Inneren Mission“ (Diakonisches Werk) der Evangelischen Kirche.

Abbildung: Aus Leipzigs Schreber-Plätzen in: Die Gartenlaube 1, 1883 (Repro: Rainer Deimel)
„Offene“ Formen von Jugendarbeit sind seit Anfang des Jahrhunderts 20. Jahrhunderts festzustellen, parallel dazu auch der weitere Ausbau verbandlicher Jugendarbeit. Im Zuge der Industrialisierung etablierten sich Arbeiterbildungsbewegungen. In dem Maße, wie innerhalb sozialistischer und sozialdemokratischer Strömungen der Wille, sich weiterzubilden und zu emanzipieren feststellbar war, kann auch der Versuch des Staats, Einfluss auf „die Jugend“ zu gewinnen, nicht übersehen werden. Aus diesem (staatlich orientierten) Kontext heraus entwickelten sich in Folge z.B. die Volkshochschulen. Dem wilhelminischen Staat lag wenig an der Erstarkung der Arbeiterbewegung. Insofern hatte er ein deutliches Interesse an Einflussnahme, was vor allem in Preußen zu beobachten war. Da sich Jugendarbeit um die Jahrhundertwende (vom 19. zum 20. Jahrhundert) – unabhängig von ihrer politischen Ausrichtung – ausschließlich an männliche Jugendliche wand (1), bot sich als „Nebeneffekt“ eine militärische Rekrutierungsmöglichkeit an (2). Bürgerliche Bewegungen spielten für die weitere Differenzierung ebenso eine wichtige Rolle. Erwähnt werden soll in diesem Zusammenhang die sogenannte „Wandervogel“-Bewegung.
Reigentanz der Wandervögel 1920 (Quelle: M. Andritzky/K. J. Friedrich: Klappholttal/Sylt 1919 – 1989 – Repro: Rainer Deimel)
Während dieser Zeit, in den ersten 20 Jahren des vergangenen Jahrhunderts, wurde die Jugend als „spezifisches Lebensalter“ quasi entdeckt; es entstand ein förmlicher „Jugendkult“.

Strandleben in der 1920-er Jahren (Quelle: M. Andritzky/K. J. Friedrichs: Klappholttal/Sylt 1919-1989, Repro: Rainer Deimel)
Im Spektrum der reformpädagogischen Schulkonzepte wurden vor und vor allem nach dem ersten Weltkrieg (1914-1918) teilweise Ausnahmeprojekte organisiert, die bis heute von der Schule nicht mehr bzw. nur in seltenen Fällen Fällen wieder aufgegriffen wurden. Am ehesten sind diese Vorbilder gegenwärtig in den „am ehesten originär kinderspezifischen Ansätzen“ realisiert worden, etwa auf Abenteuerspielplätzen und Kinderbauernhöfen. (3) Exemplarisch sei hier etwa die 1910 gegründete Odenwaldschule genannt. Die traditionelle Drillschule – die „Buch- und Lernschule“ (4) – sollte zugunsten einer Schule überwunden werden, in der sich die Selbsttätigkeit und die schöpferischen Kräfte der jungen Menschen entfalten konnten. Unabhängig vom „Fach“, sollten handwerkliches Geschick, der konstruktive Umgang mit Material und Werkzeug sowie gemeinschaftliche Arbeit auf der Grundlage der „Schülerselbstverwaltung über die pseudodemokratischen Formen hinaus entfaltet werden“. (5)

Bemalung des Bibliothekszimmers auf der Schulfarm Scharfenberg, reformpädagogisches Projekt. Scharfenberg ist eine Insel im Tegeler See in Berlin. (Foto: Veröffentlicht in: Weimarer Republik, siehe Fußnote 5)

Heuernte auf der Schulfarm Scharfenberg (Foto: Veröffentlicht in: Weimarer Republik, siehe Fußnote 5)

„Offenes“ Singen bei den „Kinderfreunden“ in den 1920er-Jahren. Die „Kinderfreunde“ waren eine sozialdemokratische Jugendpflegeorganisation. Quelle: Kunstamt Kreuzberg/Institut für Theaterwissenschaft der Universität Köln (Hg.): Weimarer Republik, Berlin/Hamburg, 3. Auflage 1977
Einen Hinweis auf – möglicherweise erste – offene Angebote für Kinder (vergleichbar den späteren Abenteuerspielplätzen) in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts liefert Wilhelm Reich (1897 – 1957). Er verweist auf die Kulturparks in Moskau: Während die Eltern den Park für ihre eigenen Reproduktionsinteressen nutzen konnten, gab es für Kinder eigene, pädagogisch betreute Angebote. „Auf diese Weise verschwand das öde, trostlose Bild des Kindes, das gelangweilt und widerwärtig an der Hand der Eltern im Park dahinschlendert. So lernten fremde Kinder einander kennen, freundeten sich gegenseitig an und trennten sich ebenso leicht und rasch wieder; gelegentlich führten sie eine geschlossene Freundschaft weiter. Die Kinder vom 2. bis 10. Lebensjahr wurden ganz ‚unordentlich‘ … zusammengebracht, jedes Kind bekam irgendein Instrument primitivster Art, wie einen Schlüssel, einen Löffel, einen Teller usw. in die Hand. Ein musikalischer Pädagoge setzte sich ans Klavier…, und im Laufe weniger Minuten hatte sich das wunderbarste Orchester hergestellt. … dass in diesem Kulturpark Kinder in einer derart fabelhaften Weise zusammengefaßt und unterhalten werden, ist spezifisch lebenspositiv.“ (6) Reich bezeichnet die beschriebene Form der Freizeitgestaltung für Kinder als „unorganisiert organisiertes Spiel“. Die Arbeiter-Illustrierte-Zeitung (AIZ) berichtete bereits 1930 von betreuten Bauspielplätzen in der Sowjetunion. (7) In der Stalin-Ära scheinen sich diese frühen Ansätze allerdings völlig zu verlieren.

Spielanlage in einem Kulturpark in Moskau in den 1920-er Jahren. Foto: Arbeiter-Illustrierte-Zeitung (AIZ) 40/1930 – (Repro: Rainer Deimel)
In Deutschland geschah der bis dahin deutlichste staatliche Zugriff auf die Jugendarbeit während des 3. Reiches: Die gesamte Jugend wurde gleichgeschaltet und zur „Hitlerjugend“ (HJ) zusammengefasst. Damit wurde eine Weiterentwicklung der Jugendarbeit gewaltsam für mehr als über ein Jahrzehnt unterbrochen.

HJ-Gruppe 1933 (Quelle: Bundesarchiv, Bild 119-5592-14A)

Reichsjugendtag 1934 (Quelle: Renzo Vespinani: Faschismus, Berlin/Hamburg 1976)

Nähstube des Bundes Deutscher Mädel (BDM), Berlin 1942. Die BDM-Gruppen galten als „Schwesternschaften der Hitlerjugend“ (Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-J02938)

Missbrauchte Jugend: Hitlerjugend im Kriegseinsatz 1943 (Quelle: Bundesarchiv, Bild 146-1974-120-37)
Gleichsam gibt es aus der Nazi-Epoche Hinweise auf das Entstehen von Formen offerer Arbeit mit Kindern: Derartige Formen – vornehmlich Spielplätze, Klubs und „Kinderecken“ (8) – wurden nämlich von den jüdischen Gemeinden in den Ghettos und Internierungslagern errichtet.

Spielende Kinder im Lodzer Ghetto 1941/42 (Archiv des Simon Wiesenthal Centers in Los Angeles, veröffentlich in George Eisen: Spielen im Schatten des Todes – Kinder und Holocaust, München/Zürich 1993)
Dies geschah zum einen vor dem Hintergrund, Kontrollen über die Kinderbanden einzurichten, die dort häufig zu einem massiven Problem wurden. Die Eltern waren aufgrund ihrer Zwangsarbeit häufig bis 14 Stunden fort, und von daher bestand dringender Betreuungsbedarf.

Trotzdem Ja zum Leben sagen: Im Ghetto erfanden die Kinder ihre eigenen Spiele und Spielsachen. Ghetto in Lodz, 1942. (Veröffentlicht in George Eisen: Spielen im Schatten des Todes – Kinder und Holocaust, München/Zürich 1993. Quelle: Museum der Ghettokämpfer, Israel)
Gleichermaßen gab es die Befürchtung, dass die Nazis bei „formaler“ gestalteten Einrichtungen für Kinder einen leichteren Zugriff auf jene gehabt hätten und sie schneller in Vernichtungslager hätten abtransportieren können. In diesen Bemühungen steckte unübersehbar auch die Hoffnung, das Grauen doch noch überleben zu können, wie von George Eisen dokumentiert wird (10).

Warschauer Ghetto 1943 (Quelle: jafi.org – Shoa)

Ghetto Warschau 1943 (Quelle unbekannt)
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Fußnoten
(1) Dies gilt übrigens bis in die jüngere Zeit hinein: Erst im Laufe der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts wurden Konzepte auf ihre Geschlechtsspezifik hin untersucht und in Folge dazu stärker an Mädcheninteressen orientierte Korrekturen begonnen. Inzwischen gibt es ebenso Ansätze, eine geschlechtsbewusste Arbeit mit Jungen zu organisieren.
(2) Aus unter anderem diesem Grund wurde übrigens 1717 von König Friedrich Wilhelm I. in Preußen auch die Schulpflicht eingeführt. Vgl. hierzu: Martin Schlu: Kulturgeschichte(martinschlu.de) und Wikipedia (Schulpflicht)
(3) Vgl. 10. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung (Bonn 1998). Dort heißt es auf Seite 223: „Bei … Abenteuerspielplätzen scheinen sich am ehesten kinderspezifische Ansätze entwickelt zu haben.“ Dementsprechend heißt es in der Kommentierung der Bundesregierung in dem besagten Bericht in Punkt 19 auf Seite IX: „Die Bundesregierung sieht als wünschenswert an, die kinderbezogenen Angebote wie unter anderem Abenteuer-, Bau und Aktivspielplätze … und Spielmobile flächendeckend zu verstärken.“
(4) Volker Hoffmann: Anmerkungen zum Verhältnis von Massenschule und Versuchesschulen in der Weimarer Republik, in: Kunstamt Kreuzberg/Institut für Theaterwissenschaft der Universität Köln (Hg.): Weimarer Republik, Berlin/Hamburg, 3. Auflage 1977, Seite 565
(5) ebenda, eite 565 f.
(7) Wilhelm Reich: Die sexuelle Revolution, Frankfurt am Main, 8. Auflage 1979, S. 241 f.
(8) Arbeiter-Illustrierte-Zeitung (AIZ) 47, Berlin 1930, S. zitiert nach: Amt für industrielle Formgestaltung (AIF) der DDR/Finnischer Designerverband (ORNAMO): Plätze zum Spielen, Berlin/Helsinki 1985, S. 65
(9) Der Begriff „Kinderecken“ taucht übrigens nach dem Weltkried II. in Finnland erneut auf.
(10) vgl. George Eisen: Spielen im Schatten des Todes. Kinder und Holocaust. München/Zürich (Piper) 1993, S. 51 ff.
Weiterführende Links
Die 1900er-Jahre (Wikipedia)
Das 19. Jahrhundert (Wikipedia)
Die Wilhelminische Zeit (Wikipedia)
Die 1910er-Jahre (Wikipedia)
Der Erste Weltkrieg (Wikipedia)
Weimarer Republik (Wikipedia)
Die 1930er-Jahre (Wikipedia)
Der Hitlerfaschismus (Wikipedia)
Die 1940er-Jahre (Wikipedia)
Reformpädagogik (Wikipedia)
NAGEL-Redaktion – Geschichte der Offenen Kinder- und Jugendarbeit
Von Rainer Deimel
Die Etablierung der Offenen Arbeit mit Kindern
Beginn des 21. Jahrhunderts – Text muss noch bearbeitet werden
Autor der hier eingestellten Texte ist Rainer Deimel, Referent für Bildung und Öffentlichkeitsarbeit beim ABA Fachverband.
Die Kapitel können einzeln aufgerufen werden. Sofern sie noch nicht verlinkt sind, befinden sie sich noch in Arbeit.
Hinweis zur Quellenangabe
Bitte beim Zitieren angeben: Rainer Deimel: Zur Geschichte der Offenen Kinder- und Jugendarbeit – www. ABA-Fachverband.org -> NAGEL-Redaktion (bzw. andere Angaben berücksichtigen). Das Datum der Einstellung in das ABA-Netz befindet sich jeweils am Ende der Seiten.

Kinderrepublik der Roten Falken (Foto aus: Kunstamt Kreuzberg/Institut für Theaterwissenschaft der Universität Köln: Weimarer Republik, Berlin 1977)
Alle Seiten wurden mit zumeist historischen Fotos versehen. Die Quellen sind jeweils nach bestem Wissen deutlich vermerkt.
Sollten Sie selbst über Bilder verfügen, die möglicherweise besser bzw. zusätzlich in die Texte passen, freuen wir uns, wenn Sie uns diese zur Verfügung stellen würden.
NAGEL-Redaktion – Vorbemerkung
Der Titel dieses Versuchs assoziiert, „die“ Geschichte der Offenen Arbeit objektiv und schlüssig darzustellen. Diese Vorbemerkung scheint erforderlich, da es sich bei diesem Beitrag tatsächlich nur um einen weiteren Versuch handeln kann, möglichst zahlreiche Aspekte auf möglichst wenig Raum möglichst plausibel darzustellen und zu beleuchten.
Die Entwicklung der Offenen Arbeit hat – wie so Manches, was schließlich zu einem erträglichen Einvernehmen Teil zusammengewachsen sind, entstammen oft unterschiedlichen Ideen und Zusammenhängen. Offene Arbeit hat sich auf ganz differenten Gleisen entwickelt. Das trifft auch auf die inzwischen sogenannte Offene Kinder- und Jugendarbeit zu.
Fachlich betrachtet lag die Offene Arbeit genau richtig. Sie vermittelt etwa, was die Schule seit Jahrhunderten versucht: Über das Wohl und Wehe von Menschen zu entscheiden, ihre Zukunftschencen derart zu beiienflussen, ist erfreulicherweise nicht das Anliegen und die Aufgabe der Offenen Arbeit. Aufgabe der Offenen Arbeit ist, die Menschen dort abzuholen, wo sie stehen. Das hat sie oftgeschafft.
Bisher wurde zumeist die Geschichte der Offenen Jugendarbeit beschrieben. Jüngere Beiträge monieren die Ausgrenzung der Arbeit mit Kindern. Zum Teil reklamieren sie dann, sich mit der „Offenen Kinder- und Jugendarbeit“ zu befassen. Bei genauerem Hinsehen stellt man fest, dass es sich nach wie vor um die Geschichte der Offenen Jugendarbeit handelt, erweitert um die Kategorie „Kinder“, die sich aber die facto nicht widerspiegelt: es handelt sich regelmäßig um die Geschichte der Jugendfreizeitstätten, der Häuser der Offenen Tür, die meist irgendwann ab etwa 1980 Jahre ihre Angebote auch an Kinder richteten. Dabei wird völlig übersehen, dass die Offene Arbeit mit Kindern ihre spezifischen Ursprünge hatte und ihre eigenen Entwicklungen gemacht hat. Ich möchte es noch einmal ganz deutlich sagen: Die Geschichte der Offenen Kinder- und Jugendarbeit ist nicht identisch mit der Geschichte der „Offenen Türen“. „Offene Türen“ sind ein Angebotstypus unter mehreren. In einigen Passagen werden kinderspezifische Ansätze demzufolge stärker gewichtet.
Noch ein orthographischer Hinweis: Bis in die 90-er Jahre hinein, wurde regelmäßig die Schreibweise „offene Arbeit“ benutzt. Die Fachverbände verständigten sich in der Zwischenzeit darauf, den Begriff „offen“ als Substan-tiv zu benutzen. Dies geschah vor dem Hintergrund, die Etablierung der Offenen Arbeit als eine Säule der Jugendhilfe entsprechend zu würdigen. Wenn hier im Text hin und wieder die alte Form auftaucht, hat dies historische Hintergründe.
Fachliche Empfehlung

Ulrich Deinet, Benedikt Sturzenhecker (Hg.): Handbuch Offene Kinder- und Jugendarbeit, Wiesbaden (VS Verlag für Sozialwissenschaften) 2005, 3., völlig überarbeitete und erweiterte Auflage, 668 Seiten, ISBN978-3-8100-4077-0, 59,90 Euro. Rezension lesen
NAGEL-Redaktion – Gerichtsurteile
Gerichtsurteile auf die der „i-Punkt“ hingewiesen hat
Arbeitsrecht: Kettenverträge
Wer als Aushilfe arbeitet, aber jeden Monat gleich lautende Lohnabrechnungen bekommt, gilt automatisch als fest eingestellt und genießt dadurch Kündigungsschutz. (Arbeitsgericht Frankfurt am Main 7 Ca 244/03)
i-Punkt 2-2004
Diverses zur Aufsichtspflicht
Ein elfjähriges Mädchen stieg aus dem Auto ihrer Mutter nach rechts aus, während letztgenannte links in einer Einbahnstraße hielt. Die sich öffnende Tür trifft ein vorbeifahrendes Auto. Die Mutter bzw. deren Autohaftpflichtversicherung haften für die Kratzer am Auto. Das Landgericht Mainz sah hierin eine Aufsichtspflichtverletzung. (Urteil Landgericht Mainz 6 S 15/98)
Während eines Fahrradausfluges fuhr die sechsjährige Tochter eine Fußgängerin an, nachdem die Kleine plötzlich so schnell vorausgefahren war, dass die Eltern sie nicht mehr sehen konnten. Die Eltern müssen für den Schaden aufkommen. Der Blick- und Rufkontakt zum Kind hätte aufrecht erhalten werden müssen. (Urteil Kammergericht Berlin 22 U 1221/96)
Ein dreijähriger Junge verschwand in einer Apotheke hinter der Theke, um dort zu einer Bonbonauslage zu gehen, die ihn angelockt hatte. Dabei kommt er an den Hauptstromschalter und schaltet die Elektroanlage aus. Unter anderem stürzt der Computer ab. Es entstand ein Schaden von 2200 ?. Die Mutter muss nicht haften. Es sei ihr nicht zuzumuten, ihr Kind stets an die Hand zu nehmen. (Urteil Landgericht Coburg 32 S 163/01)
InformationsDienst 12-2002
Aufsichtspflicht im Geschäft
Eltern verstoßen nicht gegen ihre Aufsichtspflicht, wenn sie in einem Geschäft ihr Kind nicht ständig an der Hand führen. Ein solche Verpflichtung besteht nur, wenn eindeutig abzusehen ist, dass das Kind Schaden anrichten wird. Für unerwartete Schäden haftet daher der Ladenbesitzer, nicht die Eltern. (Landgericht Coburg 32 S 163/01)
i-Punkt 6-2004
Aufsichtspflicht und Haftung: Kinder müssen im Verkehr nicht ständig beobachtet werden
Bis zur Reform des Haftungsrechts mussten Eltern ihre Kinder ständig im Auge behalten, wenn sie sie zum Beispiel Fahrrad fahren ließen. Das führte in der Praxis zu einer Rundum-Haftung. Nach der Änderung des BGB gilt dies nicht mehr, wie auch ein Urteil des Landgerichts Mönchengladbach ausführte: Eine Mutter, die einige Meter vor ihrem Kind mit dem Fahrrad fährt, haftet nicht, wenn ein Auto aus einer Seitenstraße kommt und dabei von dem Fahrrad des Kindes gerammt wird. Früher hätte sie zumindest eine Teilschuld bekommen, weil sie das Kind nicht beobachten konnte – heute haftet allein der Autofahrer. (Landgericht Mönchengladbach 5 S 75/03)
i-Punkt 6-2004
Außenfläche Kindertagesstätte
Die Nachbarn einer Kindertagesstätte können es nicht verhindern, dass ein zur Tagesstätte gehörender Garten in eine Außenspielfläche umgewandelt wird. Der Lärm von in diesem Fall maximal 70 Kindern muss als „unvermeidbare Lebensäußerung“ hingenommen werden. (Verwaltungsgericht Düsseldorf 9 L 1204/03)
i-Punkt 5-2005
Ball auf dem Nachbargrundstück
Landet der Ball im Nachbargarten, dürfen Kinder ihn nicht holen, sondern sie müssen klingeln. Der Nachbar hingegen muss den Ball herausgeben und kann kein Fußballverbot vor seinem Haus verlangen. (Landgericht München 505454/03)
i-Punkt 3-2004
Bolzplatz und Nachbarschaft
Grenzt ein erst kurz zuvor eingerichteter Bolzplatz direkt an das Grundstück von Anwohnern und halten sich die bis zu 20 Jugendlichen nicht an die Öffnungszeiten der mangelhaft eingezäunten Anlage, muss die Gemeinde eine „nachbarschaftsverträgliche Weise“ der Nutzung sichern. Gelingt ihr das nicht, muss der Bolzplatz wieder geschlossen werden. (Verwaltungsgericht Minden 1 K 1027/02 und 1 K 3344/02)
i-Punkt 5-2005
Gesetzliche Unfallversicherung: Abhauen aus dem Kindergarten
Wenn ein Dreijähriger heimlich den Kindergarten verlässt und sich auf „dem Heimweg“ verletzt, muss die Gesetzliche Unfallversicherung eintreten. Kinder sind während des Besuchs in „Regelbetreuungseinrichtungen“ unfallversichert. Der Aufenthalt endet ? SGB VII ? erst, wenn das Kind abgeholt wird oder sich mit Einwilligung der Sorgeberechtigten auf den Weg macht. (Bundessozialgericht B 2 U 20/97 R). Anmerkung: Auch wenn sich das Kind ? mit Einwilligung ? auf den Weg macht, ist es versichert. Es sei denn, es ginge „zwischendurch“ zum Weihnachtmarkt, zum Friseur, zur besten Freundin… und bliebe dort. Sollte es Dinge tun, die mit „der Einrichtung“ nun gar nichts mehr zu tun haben, dann ist es vermutlich nicht mehr versichert.
InformationsDienst 2-2003
Gesetzliche Unfallversicherung: Handeln auf eigenes Risiko ? Verlust der gesetzlichen Unfallversicherung
Während einer Studienfahrt in die Toskana kletterte ein 18-jähriger Schüler über ein Fenstersims, um ins benachbarte Zimmer zu steigen. Sein Lehrer, der dies mitbekam, forderte ihn auf, zurückzugehen. Der junge Mann weigerte sich, fiel hinunter und brach sich mehrere Knochen. Die gesetzliche Unfallversicherung muss nicht zahlen, so das Landessozialgericht Rheinland-Pfalz: Der junge Mann habe sich schuldhaft und bewusst der Gefahr ausgesetzt.
i-Punkt 12-2003
Gesetzliche Unfallversicherung: Wegeunfall
Ein Autofahrer, der auf dem Weg zur Arbeit einen Unfall verursacht, kann alle Kosten, die die Versicherung nicht bezahlt, als Werbekosten geltend machen. (Urteil Finanzgericht Hessen 9 K 438/99)
i-Punkt 10-2003
Auch Grundschüler muss mit einer Strafe rechnen
Hartnäckige Störenfriede müssen auch in der Grundschule mit harten Disziplinarmaßnahmen rechnen. Das gilt vor allem, wenn die Eltern nicht bereit sind, an der Erziehung mitzuwirken. Eindeutig stellte sich das Verwaltungsgericht Minden hinter die Entscheidung einer Grundschule, die den Jungen 14 Tage vom Unterricht und sonstigen Schulveranstaltungen ausgeschlossen hatte. Wie die im Luchterhand-Verlag in Neuwied erscheinende Zeitschrift „SchulRecht“ dokumentiert, hatte der Junge wiederholt seinen Klassenkameradinnen „zwischen die Beine gefasst“. Laut Gericht hatten „eine Vielzahl von Ermahnungen und Gesprächen“ nicht dazu geführt, dass der Junge sein Verhalten änderte. Schließlich beschloss die Schule den sofortigen Unterrichtsauschluss. Prompt widersprach der Vater des Jungen und rügte vor allem Formalien. Das Verwaltungsgericht sah die Rechte des Kindes aber angesichts eines Ausschlusses von maximal 14 Tagen nicht verletzt. Die Klassenkonferenz sei sich zudem des Ausnahmecharakters des sofortigen Vollzugs bewusst gewesen. Rechtliches Gehör sei den Erziehungsberechtigten ausreichend gewährt gewesen, heißt es im Beschluss. Das Gericht sah es eher als das Problem des Vaters an, dass dieser die Klassenkonferenz verließ, weil sie sich seiner Bedingung nicht beugte, zunächst über das Fehlverhalten eines anderen Schülers zu reden. Angesichts der „Schwere des Fehlverhaltens“ sei die Maßnahme auch angemessen. Sie verletze keineswegs den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit. Durch sein unbestrittenes Verhalten habe der Junge die Rechte der Schülerinnen „erheblich verletzt“. Sogar noch schwerwiegendere Ordnungsmaßnahmen seien notfalls gerechtfertigt, meinten die Mindener Richter. Daran ändere auch nichts, dass der Vater des Schülers die Taten eher bagatellisiert habe. Auf dem Elternsprechtag fiel diesem nur ein flotter Spruch ein: „Scharfer Hecht, das beginnt ja früh.“ (Verwaltungsgericht Minden 2 L 89/00) (WAZ vom 6. Januar 2004)
i-Punkt 2-2004
Haftung: Keine Haftung für Hundebiss
Obwohl Hunde zumeist als „Luxustiere“ einzustufen sind, wird der Halter nicht in jedem Fall für einen Biss bestraft bzw. muss er nicht dafür haften. Das Oberlandesgericht Celle verwarf am 20. März 2002 die Revision der Generalstaatsanwaltschaft als unbegründet. In dem Fall hatte ein „Münsterländer“ einen zehnjährigen Jungen in die Hand gebissen, als dieser den angeleinten Hund streicheln wollte. Das Gericht vertritt die Auffassung, das derjenige, der einen fremden Hund streichelt, mit dem Risiko leben müsse, gebissen zu werden. (Oberlandesgericht Celle AZ 22 Ss 9/02)
InformationsDienst 4-2002
Haftung von Kindern: Bei geparkten Autos haften auch neunjährige Kinder ? Landgericht Trier korrigiert Gesetzgeber
Beschädigen Kinder ein ordnungsgemäß geparktes Auto, haften sie auch dann, wenn sie zwischen sieben und zehn Jahre alt sind. Mit diesem von der Deutschen Anwaltauskunft veröffentlichten Urteil korrigiert das Landgericht Trier den Gesetzgeber. Durch die Reform des Schadensersatzrechtes im Jahr 2002 hatte der Bundestag die „Verantwortlichkeitsgrenze“ bei Unfällen mit einem Kraftfahrzeug für Kinder von sieben auf zehn Jahre angehoben. Auch Kinder in diesem Alter sollen also nicht für den von ihnen angerichteten Schaden an einem Auto haften, unabhängig davon, ob das Auto fährt oder abgestellt wurde. Das Landgericht Trier entschied aber, dass auch Kinder zwischen sieben und zehn Jahren für Schäden an geparkten Fahrzeugen haften können, teilt die Deutsche Anwaltauskunft mit. Unter sieben Jahren haften Kinder generell nicht. In diesem Fall hatte sich ein Neunjähriger mit seinem Bruder auf der Fahrbahn ein Wettrennen mit Kickboards geliefert. Er war zwar geübt, stürzte jedoch aus Unachtsamkeit. Sein Kickboard prallte gegen die linke Seite eines ordnungsgemäß geparkten Autos; an diesem entstand Sachschaden. Das Amtsgericht wies die Klage des Autobesitzers ab. Denn aufgrund des neuen Schadenersatzrechts würden Kinder bis zu zehn Jahren nicht haften, begründete das Amtsgericht. Die Richter am Landgericht Trier folgten dieser Meinung nicht. Da von einem geparkten Fahrzeug keine größere Gefahr ausgehe als von einer Mauer oder einem am Straßenrand abgestellten Fahrrad, sei nicht einzusehen, warum der Junge nicht haften solle. Die besondere Schutzvorschrift könne nur für den „fließenden Verkehr“, also für Unfälle mit fahrenden Autos gelten. Der Gesetzgeber habe bei seiner Reform die haftungsrechtliche Situation von Kindern im motorisierten Verlehr nachhaltig verbessern wollen. Dies könne allerdings nicht für abgestellte Fahrzeuge gelten. Das Kind wurde zum Schadenersatz verurteilt (Landgericht Trier 1 S 104/03) (WAZ vom 24. Februar 2004). Dass mit der Reform des Schadenersatzrechts die Gefahr einer weiteren Entmündigung junger Leute einherging, war von Anfang an nicht von der Hand zu weisen. Insofern wird die vom Landgericht Trier vorgenommene Korrektur vor dem Hintergrund größerer Chancen für die Entwicklung von Verantwortlichkeiten vom ABA Fachverband sehr begrüßt.
i-Punkt 4-2004
Haftung: Tannenbaum & Co.
Wird durch einen glimmenden Docht ein Brand ausgelöst, muss die Versicherung zahlen. Wer beim Verlassen der Wohnung die Kerzen löscht, hat der Vorsicht Genüge getan und handelt nicht grob fahrlässig. (Urteil Oberlandesgericht Köln 9 U 150/94)
Wer Kerzen auf einem bereits ausgetrockneten Weihnachtskranz anzündet, handelt fahrlässig. Wird dadurch ein Brand ausgelöst, muss die Hausrat-Versicherung keinen Cent zahlen. (Urteil Amtsgericht Frankfurt am Main 32 C 2697/98)
Echte Kerzen auf einem Tannenbaum sind grundsätzlich erlaubt. Die erhöhte Brandgefahr spielt keine Rolle. Bricht ein Feuer aus, muss die Versicherung den Schaden voll zahlen. (Urteil Oberlandesgericht Schleswig 3 U 22/97)
Verlässt eine Familie die Wohnung und vergisst sie dabei die brennenden Kerzen, muss die Versicherung im Falle eines Brandes voll bezahlen. Grund: In der Hektik der Weihnachtszeit könnte man durchaus die Kerzen vergessen. Das Gericht sah keine Fahrlässigkeit, sondern ein entschuldbares Augenblicksversagen. (Urteil Landgericht Oldenburg II U 161/99)
Wer Silvester eine Rakete zündet und damit jemanden verletzt, haftet dafür. Dass der Schütze die Person nur aus Versehen getroffen hat und die Flugbahn nicht vorhersehbar war, spielt dabei keine Rolle. (Urteil Oberlandesgericht Karlsruhe 12 U 109/97)
InformationsDienst 1-2003
Haustiere
Im Konfliktfall handelt es sich bei einem Haustier um Hausrat. Ein Umgangsrecht mit Hausratsgegenständen schaffe keine verbindliche Klärung, sondern provoziere weitere Streitigkeiten. Das befand das Oberlandesgericht Schleswig in einem Revisionsverfahren und hob damit das Urteil des Amtsgerichts auf (Aktenzeichen 12 WF 46/98). Im vorliegenden Fall hatte ein Ehegatte im Scheidungsverfahren um ein Umgangsrecht mit einem gemeinsam Hund geklagt. Das Amtsgericht Bad Mergentheim hatte ein solches für das Wohlbefinden des Tieres für notwendig erachtet. Vor diesem Hintergrund: Im Fall von Tierhaltung in der Einrichtung beizeiten möglichst klare Vereinbarungen treffen!
i-Punkt 10-2003
Thema „Hundesteuer“: Hunde in Einrichtungen (etwa auf dem Abenteuerspielplatz)
Eine Gemeinde darf Hundesteuer nur von natürlichen Personen erheben. Das entschied das Oberverwaltungsgericht Lüneburg. Die Richter waren in einem Rechtsstreit grundsätzlicher Bedeutung zu der Auffassung gelangt, dass die Erhebung einer Hundesteuer von juristischen Personen, wie einer GmbH, nicht ihn Betracht komme. (13 L 2306/99)
i-Punkt 6-2003
Thema Inline-Skater
Wo dürfen Inline-Skater fahren? Nach augenblicklicher Rechtslage gelten sie als Fußgänger. Deshalb müssen sie innerorts auf dem Bürgersteig und außerorts auf der linken Straßenseite fahren. Wenn sie die Straße (Fahrbahn) nutzen müssten, wäre die Gefährdung anderer Verkehrsteilnehmer größer. Der Gesetzgeber wird aufgefordert, die Rechtsgrundlagen für diesen Bereich zu präzisieren. (Urteil Bundesgerichtshof VI ZR 333/00)
Übt ein Inline-Skater auf einem Fahrrad- oder Fußgängerweg das Kurvenfahren, so trägt er 50 Prozent des Schadens, wenn ein nachfolgender Fahrradfahrer wegen des Schlangenlinien-Fahrens stark abbremsen muss und sich beim Sturz schwer verletzt. (Urteil Landgericht Coburg 11 o 320/02)
Stürzt eine Frau auf einem kombinierten Rad-/Fußweg mit ihren Inline-Skates wegen einer Bodenunebenheit, so kann sie die Kommune nicht belangen, weil sie sich bei ihrer „besonders gefahrenträchtigen“ Fortbewegungsart darauf hätte einstellen müssen. (Urteil Oberlandesgericht Koblenz 1 U 881/99)
InformationsDienst 5-2003
Wer eine für Fußgänger und Radfahrer ausgewiesene Baumallee mit Inline-Skates befährt, kann die Kommune nicht wegen Verletzung der Verkehrssicherungspflicht verantwortlich machen, wenn er wegen einer durch Baumwurzeln hervorgerufenen Bodenwelle stürzt und sich verletzt. Inline-Skater gehen freiwillig eine erhöhte Unfallgefahr ein. (Urteil Landgericht Trier 4 O 99/99)
i-Punkt 6-2003
Kindergeld
Wenn sich ein volljähriges Kind in einer Ausbildung befindet und den Eltern dadurch Kosten entstehen, muss Kindergeld gezahlt werden, egal welcher Beruf erlernt wird. (Urteil Finanzgericht Rheinland-Pfalz 4 K 2257/01)
i-Punkt 10-2003
Eingriff in die Persönlichkeitsrechte bei Minderjährigen
Das Landgericht Bremen hatte sich damit zu beschäftigen, dass von einer Minderjährigen Daten abgefordert sind. Diese musste, wenn man auf der Seite weiterkommen wollte, ihre Einwilligung zur Speicherung personenbezogener Daten abgeben. Diese Forderung verstößt bei Minderjährigen gegen den §§ 104 ff. BGB in Verbindung mit § 9 Abs. 2 Nr. 1 Gesetz zur Regelung des Rechts der Allgemeinen Geschäftsbedingungen. Es handelt sich um einen erheblichen Eingriff in die Persönlichkeitsrechte des Nutzers, die, da sie minderjährig war, diesen Eingriff nicht überschauen konnte. (Landgericht Bremen 1 O 2275/00)
i-Punkt 12-2003
Produkthaftung
Verletzt sich ein vierjähriger Junge am Heiligen Abend beim Spielen mit seinen neuen Bauklötzen durch einen scharfen Splitter, muss der Hersteller nicht nur die Bauklötze umtauschen, sondern auch die Arztkosten voll bezahlen. Grundsätzlich gilt: Kommt es bei normaler Anwendung eines Produktes zu einer Verletzung, haftet der Verletzte nie selbst. (Urteil Bundesgerichtshof VI ZR 192/98)
InformationsDienst 1-2003
Reitunfall
ein Urteil, das für Einrichtungen mit Pferdehaltung von Interesse sein könnte
Wer ein fremdes Pferd geritten hat, kann Schmerzensgeld bekommen, wenn sie/er beweisen kann, dass das Pferd – unverschuldet von der Reiterin/vom Reiter – „durchgegangen“ ist. Zu dieser Auffassung gelangte das Oberlandesgericht Karlsruhe. Im verhandelten Fall war eine Frau mit neunjähriger Reiterfahrung in der Reithalle von einem Schulpferd gefallen und hatte sich dabei mehrere Wirbel gebrochen. Sie gab an, das Pferd habe gebuckelt und sei ohne ihr Verschulden „durchgegangen“. Die Halterin des Pferdes war anderer Auffassung. Sie habe beobachtet, wie die Reiterin beim Ausgaloppieren einen Steigbügel und dadurch das Gleichgewicht verloren habe. Deshalb sei sie vom Pferd gestürzt. Dieser Sichtweise folgten die Richter des Oberlandesgerichtes. Sie betonten, die Reiterin müsse beweisen, dass das Pferd durchgegangen sei. Diesen Nachweis habe sie nicht erbringen können. KeineR der umherstehenden ZeugInnen habe ein „Durchgehen“ beobachtet. Vielmehr sei es tatsächlich so gewesen, wie die Pferdebesitzerin angab. Folge: Kein Schmerzensgeld und kein Schadenersatz. Die Verletzte hat den Schaden selbst zu tragen. (OLG Karlruhe – 7 U 172/01)
i-Punkt 12-2003
Schulhof als Spielplatz
Die Anwohner einer Schule können sich nicht dagegen wehren, dass der Schulhof von der Stadt auch außerhalb der Unterrichtszeiten für Ballspiele freigegeben wird, da Kinderlärm tagsüber grundsätzlich zu dulden ist. (Verwaltungsgericht Koblenz 1 K 1074/03)
i-Punkt 5-2004
Kein Sorgerecht bei Gewalt
Ein gewalttätiger Mann, der seine Frau erheblich misshandelt hat, kann nicht das Mitsorgerecht fürs gemeinsame Kind einklagen. Das Bundesverfassungsgericht hat so im Fall einer Frau entschieden, die sich das Sorgerecht mit ihrem verurteilten Ex-Mann teilen sollte. (Bundesverfassungsgericht 1 BvR 1140/03)
i-Punkt 2-2004
Sportplatz als Nachbar
Zwar können Nachbarn eines Sportplatzes Vorkehrungen vom Betreiber der Sportstätte verlangen, dass keine Bälle auf das Grundstück fliegen. Ein Grundstückseigentümer darf jedoch keinen „NATO-Stacheldraht“ (in diesem Fall rund vier Meter) ausbreiten, um beispielsweise Kinder davon abzuhalten, irregeleitete Bälle zurückzuholen. (Verwaltungsgericht Minden 11 L 603/03)
i-Punkt 5-2004
Lernen von Fairness im Spiel gehört zu den Aufgaben eines Sportvereins
Bei Anschlussmaßnahmen gegenüber Jugendlichen ist zu berücksichtigen, dass es zu den Aufgaben eines Sportvereins gehört, jugendliche Mitglieder an sportliches ?Fairplay? heranzuführen und damit zu deren Charakterbildung wesentlich beizutragen. Ein Ausschluss ist daher nur bei ?besonders gravierendem Fehlverhalten des Jugendlichen zulässig. (Amtsgericht Germersheim 2 C 866/90)
i-Punkt 7-2004
Steuerformulare
Steuerformulare müssen auch Laien verstehen können. Deshalb hat auch das Finanzamt einen Steuerbescheid nachträglich wieder zu ändern, wenn der Steuerzahler mangels Fachkenntnis falsche Angaben gemacht hat. (Urteil Finanzgericht Köln 8 K 9148/98)
i-Punkt 10-2003
Unfall auf einer Rodelpiste
Schuld lässt sich nicht immer auf andere abwälzen. Diese Erfahrung musste ein Mann machen, der durch einen Unfall beim Rodeln verletzt worden war. Mit seinen Enkeln hatte der Großvater sich auf einem Rodelhang vergnügt. Irgendwann legte er eine Pause ein. Plötzlich kamen zwei vierjährige Zwillinge auf ihrem Schlitten herangebraust, die mit ihm zusammenstießen. Prompt klagte der Mann gegen die Eltern: Sie hätten ihre Aufsichtspflicht verletzt. Schadenersatz wollte er. Das sah das Landgericht Stuttgart nicht ein: Denn Vierjährige sind laut Urteil „durchaus in der Lage“, allein einen nicht sonderlich gefährlichen Rodelhang zu meistern. Der Großvater hätte selbst aufpassen müssen. (Landgericht Stuttgart 16 S 12/02) (WAZ vom 6. Januar 2004)
i-Punkt 2-2004
Zahlungsverantwortung von Kindern: Vereinsbeiträge
Allein dadurch, dass Eltern, deren minderjähriges Kind einem Angelverein beitritt, auf das Aufnahmeformular zusätzlich ihre Unterschrift setzen, sind sie nicht verpflichtet, Beitragsrückstände ihres Kindes zu begleichen. Anderes gilt nur, wenn die Zahlungsverantwortung aus dem Formular ?deutlich? hervorgeht. (Oberlandesgericht Hamm 15 W 195/99)
i-Punkt 7-2004
Vereinsrecht: Dienstleistungen als Vereinsbeitrag
Ein Verein kann in seiner Satzung Dienstleistungen als Mitgliedsbeitrag vorsehen. Vereinsrechtliche Arbeitspflichten dürfen aber nicht zwingende arbeitsrechtliche Schutzbestimmungen umgehen. (Urteil Bundesarbeitsgericht 5 AZB 19/01)
InformationsDienst 1-2003
Verkehrssicherungspflicht: Eis auf dem Gehweg
Wer außerhalb einer geschlossenen Ortschaft aufgrund eines vereisten Gehwegs stürzt, hat Pech gehabt. Denn die übliche Streupflicht von Grundstückeigentümern, Städten oder Gemeinden gilt hier nicht. (Urteil Oberlandesgericht Jena 3 U 565/98)
Wer um sechs Uhr morgens auf einem Gehweg wegen Eis und Schnee stürzt, kann den Hauseigentümer nicht belangen. Begründung: Die Streupflicht gilt erst ab sieben Uhr. (Urteil Oberlandesgericht Düsseldorf 24 U 143/99)
InformationsDienst 1-2003
Verkehrssicherungspflicht: Fahrradfahrer müssen auf Unebenheiten selber achten
Stürzt ein Rennfahrer mit dem Fahrrad, weil er durch ein drei Zentimeter tiefes Schlagloch gefahren ist, kann er von der Kommune keinen Schadenersatz wegen Verletzung der Verkehrssicherungspflicht verlangen. Er muss nämlich auf solche geringfügigen Unebenheiten im Boden achten und sein Tempo entsprechend anpassen. (Oberlandesgericht Braunschweig 3 U 47/02)
i-Punkt 6-2004
Verkehrssicherungspflicht: Verkehrsunsichere Radwege
Radfahrer sind nicht dazu verpflichtet, einen offiziellen Radweg zu benutzen, wenn dieser nicht verkehrssicher ist. In diesem Fall war er zu schmal, mit Werbetafeln zugestellt und zugewachsen. (Verwaltungsgericht Berlin 27 A 241/01)
i-Punkt 6-2004
Weitere Urteile werden regelmäßig im i-Punkt veröffentlicht.
NAGEL-Redaktion – Kindheit

Foto: Rainer Deimel
Aktuell
Deutsches Komitee für UNICEF: Zur Lage der Kinder in Deutschland 2011/2012 – Bericht „Starke Eltern – starke Kinder. Kindliches Wohlbefinden und gesellschaftliche Teilhabe.“ AutorInnen: Hans Bertram, Steffen Kohl und Wiebke Rösler (Humboldt-Universität zu Berlin) – Veröffentlicht: 16. Dezember 2011 -> Herunterladen
UNICEF-Bericht zur Lage der Kinder in Deutschland 2011/2012: „Starke Eltern – starke Kinder“ – Kindliches Wohlbefinden und gesellschaftliche Teilhabe (Zusammenfassung zentraler Ergebnisse) (Veröffentlicht: 16. Dezember 2011 -> Herunterladen
UNICEF-Bericht zur Lage der Kinder in Deutschland – Gesamtübersicht der deutschen Bundesländer „Kindliches Wohlbefinden“ -> Herunterladen
Beiträge
Kinderarmut in einem reichen Land
Von Prof. Dr. Christoph Butterwegge
Obwohl die Kinder hierzulande seit geraumer Zeit zu den Hauptbetroffenen von Armut gehören, wird diese in der Öffentlichkeit noch immer kaum wahr- und ernstgenommen, weil unser Armutsbild von absoluter Not und Elend in der sog. Dritten Welt geprägt ist, was viele BürgerInnen daran hindert, vergleichbare Erscheinungen „vor der eigenen Haustür“ zu erkennen bzw. als gesellschaftliches Problem anzuerkennen (vgl. hierzu: Butterwegge 2009). Dabei kann Armut in einem reichen Land sogar beschämender, bedrückender und bedrängender sein, weil vor allem Kinder und Jugendliche in einer Konsumgesellschaft massivem Druck von Seiten der Werbeindustrie wie auch ihrer Peergroup ausgeliefert sind, durch das Tragen teurer Markenkleidung oder den Besitz immer neuer, möglichst hochwertiger Konsumgüter „mitzuhalten“.
Anmerkung: Den Beitrag von Prof. Dr. Christoph Butterwegge haben wir dem FORUM FÜR KINDER- UND JUGENDARBEIT 3. Quartal, September 2010, entnommen (Hrsg.: Verband Kinder- und Jugendarbeit Hamburg). Wir danken dem Verband Kinder- und Jugendarbeit Hamburg für die freundliche Genehmigung, den Beitrag verwenden zu dürfen.
Kinderarmut
Beilage „Aus Politik und Zeitgeschichte“ 26 (vom 26. Juni 2006) der Wochenzeitung „Das Parlament“.
Inhalt
Gerda Holz: Lebenslagen und Chancen von Kindern in Deutschland
Olaf Groh-Samberg/Matthias Grundmann: Soziale Ungleichheit im Kindes- und Jugendalter
Michael/Marcus Tamm: Kinderarmut in reichen Ländern
Carolin Reißlandt/Gerd Nollmann: Kinderarmut im Stadtteil: Intervention und Prävention
Christoph Butterwegge: Wege aus der Kinderarmut
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Kinderarmut und Generationengerechtigkeit
Ein Beitrag von Prof. Dr. Christoph Buggerwegge und Michael Klundt (Universität zu Köln, 2003)
Dem Familienhandbuch ist dieser Beitrag, der mehrfach im Netz zu finden ist, entnommen. Wir haben ihn hier ebenfalls für Interessierte zu Weiterbildungs- und Infomationszwecken eingestellt. In der Einleitung heißt es: „Immer mehr Minderjährige in der Bundesrepublik wachsen in Armut auf. Da Kinder und Jugendliche mittlerweile diejenige Altersgruppe bilden, die am häufigsten und stärksten davon betroffen ist, sprechen Sozialwissenschaftler/innen seit einigen Jahren von einer sog. Infantilisierung der Armut. In absoluten Zahlen liegt die Anzahl der Kinder und Jugendlichen unter 15 Jahren, die in der Bundesrepublik in Armut leben, bei etwa 2,8 Millionen. Somit wächst jedes fünfte Kind bzw. jeder fünfte Jugendliche im Alter bis zu 15 Jahren in (Einkommens-)Armut auf. Diese Problematik kann zu psychosozialen Belastungen bei den Kindern führen
und unter Umständen einen Ausschluss aus vielen sozialen und kulturellen Lebensbereichen nach sich ziehen. Damit ist die Chancengleichheit der Betroffenen nachhaltig beeinträchtigt.“
Der Beitrag gliedert sich in folgende Kapitel:
1. Gesundheitliche und psychosoziale Folgend von Kinderarmut
2. Arme Junge, reiche Alte?
3. Ursachen und Struktur von (Kinder-)Armut
4. Fetischisierung von Familie und Kindern: ein Instrument zur Durchsetzung unsozialer Politik
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NAGEL-Redaktion – Generationen

Foto: R. Deimel
Demografischer Wandel: Handeln statt klagen
Der demografische Wandel wird oft als Katastrophe beschrieben: zu wenig Kinder, zu viele Rentner, kollabierende Sozialsysteme. Doch die befürchteten Probleme lassen sich verhindern, wenn die Generationen in einen Dialog treten.
Ein Beitrag von Birgit Taffertshofer (Deutsches Jugendinstitut)
Eine Schreckenszahl geistert durch Deutschland. Sie dominiert alle Rentendebatten und lautet schlicht: Im Jahre 2050 wird ein Beschäftigter fast alleine für einen Rentner aufkommen müssen. Das regt düstere Fantasien an. Die Jüngeren sehen es schon voraus: Während sich heute muntere Rentner und Pensionäre auf einem Kreuzfahrtschiff vor Teneriffa sonnen, werden sie selbst im Alter in Armut leben, da ihre Nachkommen die wachsende Rentenlast nicht mehr schultern können. Da kommen Neid und Angst auf. Aber sieht der deutsche Alltag in 40 Jahren wirklich so lebensfeindlich aus? Bevölkern das Land lauter verelendete Greise? Deutschland 2050 – eine bankrotte Alten-Republik?
Richtig ist: Deutschland altert – wie die meisten anderen europäischen Länder auch. Immer weniger Junge müssen für immer mehr Alte sorgen. Gleichzeitig wächst die soziale Ungleichheit in der gesamten Bevölkerung. Diese Entwicklungen werden, wenn man die Hände in den Schoß legt und schicksalsergeben abwartet, nicht nur die Sozialsysteme erschüttern. Sie haben auch gravierende Folgen für den Arbeitsmarkt, für Struktur- und Städteplanung, für Konsum und Kultur.
Manche befürchten deshalb einen Kampf zwischen den Generationen. Auch die EU-Kommission warnt in dem neu erschienenen „Alterungsbericht 2009“ davor, dass die Wirtschaftskrise das Problem der alternden Bevölkerung in Europa drastisch verschärft. Nur tief greifende Veränderungen könnten das Aushöhlen der Solidarität zwischen Alt und Jung und den massiven Druck auf künftige Generationen vermeiden.
Ein solcher Verteilungskrieg wurde schon oft beschworen, ausgebrochen ist er noch nie. Dennoch: Der Konfliktstoff nimmt zu. Momentan zahlt die Generation der Babyboomer, die in den sechziger Jahren geborenen geburtenstarken Jahrgänge, noch in das Rentensystem ein. So viel Geld wie jetzt wird die Rentenversicherung so schnell nicht wieder haben. Zudem werden die künftigen Ruheständler andere Probleme als ihre Vorgänger plagen, auch weil viele mehrfach unterbrochene Erwerbsbiografien haben werden.
Rentenerhöhung? Wie ungerecht!
Die Politik kann eine verbreitete Altersarmut aber verhindern. Tatsächlich sind an den Problemen des Sozialversicherungssystems ja nicht die vielen alten Menschen schuld, sondern hauptsächlich die beträchtlichen Steuer- und Beitragsausfälle aufgrund hoher Erwerbslosigkeit. Eine verantwortliche Politik muss gerade angesichts der geburtenschwachen Jahrgänge dafür sorgen, dass es weniger Arbeitslosigkeit gibt, die Erwerbstätigkeit der Frauen zunimmt, qualifizierte Fachkräfte zuwandern und die Älteren länger arbeiten. Die über 60-Jährigen sind ein Potenzial, das bisher nicht ausgeschöpft wird. Im August 2008 hatte nur etwa jeder Vierte im Alter zwischen 58 und 63 Jahren einen regulären Arbeitsplatz. In der Altersgruppe darüber sank die Quote sogar auf 7,4 Prozent. Menschen massenweise in die Frührente zu entlassen, wird sich künftig aber kein Staat mehr leisten können. Die Phase des Alters wird noch immer in eintönigen Farben ausgemalt, dabei wird sie immer länger und differenzierter. Längst gibt es Menschen, die sich nicht mehr einfach aufgrund ihres Geburtsdatums ausmustern lassen wollen.
Die Regierungen müssen Gesetze gleichzeitig für heute und morgen formulieren, um Alten, Jungen und künftigen Generationen möglichst gerecht zu werden. Das ist ein schwieriger Balanceakt. Denn sowohl Rentner als auch Arbeitnehmer blicken oft nur auf ihre eigenen Interessen, wie auch die zurückliegenden Debatten in Deutschland zeigen: Rentenerhöhung trotz der schwersten Rezession in der Nachkriegszeit? Wie ungerecht! Mehr Kindergeld für Familien? Gerecht, unbedingt! Studiengebühren? Ungerecht, klar doch! Stets aber lässt sich auch das Gegenteil behaupten.
Neue Altersstruktur, neue Geldströme
Statt darüber zu diskutieren, wie ältere Menschen innovativ bleiben, missbrauchen Politiker und Lobbyisten die angebliche Vergreisung der Gesellschaft allzu oft, um die Älteren gegen die Jüngeren auszuspielen – und umgekehrt. Statt zu klären, wie sich Beruf und Familie besser vereinbaren lassen, wird allzu oft über Sozialkürzungen fabuliert. Statt sicherzustellen, dass Kinder und Jugendliche eine Ausbildung erhalten, die Chancenungleichheiten möglichst früh ausgleicht, wird allzu oft über Generationengerechtigkeit lamentiert.
Nein, der demografische Wandel allein stellt keine Gefahr für die Gesellschaft dar, gefährlich ist nur, ihn zu ignorieren. Das Solidaritätsprinzip ist nicht am Ende. Es braucht aber neue Strukturen und andere Geldströme. Und es braucht den Dialog der Generationen, um die richtigen Antworten auf die gesellschaftlichen Herausforderungen zu finden. Wie sagte bereits Perikles, führender Staatsmann der griechischen Antike: „Es kommt nicht darauf an, die Zukunft vorauszusagen, sondern auf sie vorbereitet zu sein.“
Anmerkung des DJI und der NAGEL-Redaktion: Die Wissenschaftler des Deutschen Jugendinstituts (DJI) wollen im „DJI Bulletin“ 2/2009 (Heft 86) gemeinsam mit renommierten Gastautoren aufräumen mit Vorurteilen und Halbwahrheiten, die nur Ängste schüren. Sie zeigen auf, wie vielseitig und zugleich widersprüchlich die Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern, Lehrern und Schülern, Rentnern und Jugendlichen, Großeltern und Enkeln sind. Und sie suchen nach Orten, an denen sich die verschiedenen Generationen auch außerhalb der Familie begegnen können, um sich auszutauschen, voneinander zu lernen und sich gegenseitig zu unterstützen. Das Heft kann im Netz des ABA Fachverbandes aus dem Verzeichnis „NAGEL-Redaktion“ -> „DJI Bulletin“ heruntergeladen werden. Empfohlen sei ferner ein Besuch im Netz des Deutschen Jugendinstituts.
Veröffentlicht im „DJI Bulletin“ 2/2009 und als Kolumne im i-Punkt 9/2009. Der Verwendung durch den ABA Fachverband erfolgte mit freundlicher Genehmigung von Birgit Taffertshofer.
Hier werden Sie nach und nach weitere Beiträge zum Thema Generationen/Demographie finden.
Weitere Beiträge zum Thema finden Sie auch auf unserer Seite Kindheit im Verzeichnis NAGEL-Redaktion.
NAGEL-Redaktion – Feuer in der pädagogischen Arbeit

Foto: Abenteuerspielplatz Oberkassel (Düsseldorf)
„Wohltätig ist des Feuers Macht,
wenn sie der Mensch bezähmt, bewacht,
und was er bildet, was er schafft,
das dankt er dieser Himmelskraft.
Doch furchtbar wird die Himmelskraft,
wenn sie der Fessel sich entrafft.“
Friedrich Schiller: Das Lied von der Glocke
Leute, die sich die Finger verbrennen, verstehen nicht vom Spiel mit dem Feuer.
Oscar Wilde

Foto: Abenteuerspielplatz Oberkassel
Empfehlung des ABA Fachverbandes: Feuer
Im Band 44/2 (Bildband) des Buches „Kinderspielplätze – Beitrag zur kindorientierten Gestaltung der Wohnumwelt“, herausgegeben vom Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit, in zweiter, veränderter Auflage zuletzt 1977 im Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart, Berlin, Köln, Mainz) erschienen, wird folgendes Experiment vorgeschlagen: Unter der Fragestellung „Brennt Styropor?“ wird dies getestet. Nach viel Feuer, schwarzem Qualm, und jeder Menge heißer Kunststofftropfen verwandelt sich das Material schließlich in Teer. Dieses Buch enthält ferner zahlreiche andere Beispiele für praktische Bildungsprozesse.
Undenkbar heute, Plastik, anderen Kunststoff, Autoreifen oder dergleichen zu verbrennen, auch wenn dies vor dreißig Jahren durchaus noch üblich war. Der Umweltschutz befindet sich gegenwärtig auf einem anderen Stand, was bei manchen ZeitgenossInnen auch schon mal zur Hysterie geführt hat. Ebenso ist man sich des gesundheitlichen Risikos für die Beteiligten besser im Klaren, wenn sie derartigen Rauchbelästigungen – wie etwa beim Verbrennen von Kunststoffen – ausgesetzt werden.
Nach wie vor ist Feuer allerdings ein Element, das in der Arbeit mit Kindern von unschätzbarem Wert ist. Feuer ist ein „abenteuerliches Element“. Immer wieder fasziniert es Kinder, Feuer zu beobachten und mit ihm zu spielen, wenn sie etwa mit Stöcken in ihm herumstochern. Auch um das Feuer herumzusitzen, die Wärme oder Hitze zu spüren und dabei zu beobachten, wie sich Materie verändert, ist für junge (und auch ältere) Menschen ein Erlebnis.
Feuer bildet
Beim Umgang mit Feuer entwickeln sich hervorragende Bildungsprozesse. Kinder erfahren auf ganz praktische Weise, was „heiß“ ist. Sagt man einem jungen Menschen „Pass auf, das ist heiß, geh da nicht dran!“, bleibt Hitze etwas sehr Abstraktes. Hat ein Kind die Chance, sich einmal – unter Aufsicht – die Finger verbrennen zu dürfen (sic!), findet im Gehirn die entsprechende „Synapsenschaltung“ statt: Es lernt die Bedeutung von Hitze kennen und kann dementsprechend lernen, vorsichtig zu sein. Folgende Beispiele haben ebenfalls etwas mit kindlicher Bildung zu tun. Sie werden wegen ihrer Vielschichtigkeit aber gesondert genannt.
Feuer ist gesund
Feuer wärmt, schützt mich somit vielleicht vor Unterkühlungen. Wichtiger noch: Beim Beobachten von Flammen und dem Wahrnehmen des Prasselns, das bei Brennvorgängen zu hören ist, fallen Kinder regelmäßig in Trance. Sie sehen Figuren, Landschaften, Kobolde und anderes, das ihnen gerade gefällt. Ihre Phantasie wird stark angeregt. Feuer wirkt gegen Stress und nährt die Intuition. Feuer wird somit zu einem unschätzbaren gesundheitsförderlichen Element.
Feuer dient der Nahrungszubereitung
Mit Feuer kann man kochen, backen, Kartoffeln braten und anderes mehr. Neben seiner Eigenschaft aufzuwärmen, kann Feuer somit als Überlebenshilfe begriffen werden.
Feuer fördert die Kreativität
Feuer verändert Materie bis hin zum ihrem Zerfall in Asche. Mit angekokelten Holzstöcken etwa kann man malen. Auf diese Weise sind auf Abenteuerspielplätzen und bei anderen Aktionen mit Feuer schon „echte Höhlenmalereien“ entstanden. Darüber hinaus ist kindlicher Phantasie keine Grenze gesetzt, sich auf kreative Prozesse mit zum Teil verbrannten Gegenständen oder auch mit Asche einzulassen. Asche ist kein Dreck, Asche ist steril.
Feuer ist gefährlich
Bisweilen sehen sich pädagogische Fachkräfte Vorurteilen von Eltern oder anderen unwissenden Erwachsenen ausgesetzt, wenn sie Feuer als pädagogisches Medium in die Arbeit einbringen. Bekannt geworden ist beispielsweise der Vorwurf, man erzöge die Kinder zu Brandstiftern. Das Argument, Feuer sei für Kinder ohnehin zu gefährlich, soll hier lediglich am Rand erwähnt werden. Ein Kind, dessen Entwicklungschancen von Eltern, ErzieherInnen oder anderen Erwachsenen nicht behindert werden, lernt schnell, dass Feuer gefährlich sein kann, wenn man die Kontrolle darüber verliert. Kein Kind, das eine Vorstellung über die Gefährlichkeit von Feuer entfalten konnte, wird jemals heimlich mit Streichhölzern zündeln und auf diese Weise größere Schäden anrichten, vorausgesetzt eine Auseinandersetzung über diese Aspekte findet in der pädagogischen Arbeit statt.
Der alte Spruch „Messer, Schere, Gabel, Licht ist für kleine Kinder nicht!“ hat sich mittlerweile als völliger Unsinn entpuppt. Der Aufdruck auf Zündholzschachteln „Von Kindern fernhalten!“ sollte verboten werden! Dahinter steckt genau jene Strategie, Kinder doof zu halten. Aber man gibt seine Verantwortung gern an die Erziehungsberechtigten ab, ähnlich wie Bauunternehmer dies mit ihrem unverschämten Spruch „Eltern haften für ihre Kinder!“ tun. Eltern haften, wenn sie ihre Aufsichtspflicht verletzen, sonst nicht! Und je dümmer ein Kind, je weniger Entwicklungschancen man ihm einräumt, um so höher ist das Maß der zu führenden Aufsicht.
Umweltaspekte
Das Verbrennen zahlreicher Gegenstände, vor allem von Kunststoff, führt zu giftiger Rauchentwicklung, die krankheitsförderlich sein kann. Gegen das Verbrennen von Gegenständen, die „im Hausbrand üblich“ sind (trockenes Holz und Kohle), ist weder aus ökologischer, noch aus umweltrechtlicher Sicht etwas einzuwenden. Auf Nachfrage bestätigte das NRW-Umweltministerium dies gegenüber dem ABA Fachverband vor einiger Zeit.
Ordnungspoltische Aspekte
Da es oft keine verbindlichen Regelungen gibt, fallen praktische Maßnahmen zumeist in kommunale Zuständigkeiten. Man bekommt es dann zum Beispiel mit dem Ordnungsamt oder der Feuerwehr zu tun. Lustigste Begründung eines Ordnungsamtes, warum ein Abenteuerspielplatz „Feuerverbot“ bekam: Der Abenteuerspielplatz, dessen Gesamtkonzept – also auch die „Lizenz zum Feuermachen“ – vom Rat der Stadt beschlossen worden war, wollte sich dies vom Ordnungsamt bestätigen lassen. Sinngemäße Antwort: „Feuer ist in Ausnahmefällen gestattet. Da der Abenteuerspielplatz aber niemals in Ausnahmefällen, sondern regelmäßig Feuer macht, darf er niemals Feuer machen!“ Behördenlogik offensichtlich!
Der ABA Fachverband Offene Arbeit mit Kindern empfiehlt:
- Tragen Sie aktiv zur Entwicklung von Kindern bei und nutzen Sie dabei die Chancen, die das Element Feuer bietet!
- Verwenden Sie nur Brennmaterial, das im Hausbrand üblich ist (trockenes Holz und Kohle). In der Regel dürfte dies Holz sein.
- Vermeiden Sie nasses und behandeltes Holz!
- Papier nimmt man zum Entfachen von Feuer, aber nicht als Brennmaterial.
- Sprechen Sie mit den zuständigen Ordnungsbehörden (Feuerwehr, Ordnungsamt, Polizei) über den Sinn von Feuer in der pädagogischen Arbeit! Nehmen Sie möglicherweise diesen Text als Argumentationshilfe mit.
- Machen Sie selbst – wenn Sie bisher noch keine Erfahrungen haben – ein Feuer, um zu lernen, wie es funktioniert! Vor allem macht man sich als Erwachsener vor Kindern ziemlich lächerlich, wenn man es nur unter größten Mühen schafft, das Feuer zum Brennen zu bringen.
- Laden Sie unsichere Eltern zum Beobachten ein! Und achten Sie darauf, dass diese sich aufs Beobachten beschränken.
- Trösten Sie Kinder, die sich die Finger verbrannt haben, und freuen Sie sich über ein Stück geleistete Bildungsarbeit.
Empfehlung des ABA Fachverbandes – aktualisiert am 18. Februar 2006

Foto: Abenteuerspielplatz Oberkassel (Düsseldorf)
Feuerpädagogik – Brandschutzerziehung von morgen (2010)

Fundiert und einen weiten thematischen Bogen spannend hat Thomas van Hal aus Dortmund 2010 seine Diplomarbeit „Feuerpädagogik – Brandschutzerziehung von morgen“ vorgelegt. Im Gegensatz zu vielen anderen Examensarbeiten liest sie sich spannend und liefert neben hilfreichen Erkenntnissen ebenso eine unterhaltsame Lektüre. Fachleute, die daran interessiert sind, Feuer als Medium in der Pädagogik stärker zu integrieren bzw. vorhaben, ihre Konzeption mit Blick auf Feuer fortzuschreiben, sind mit dieser Arbeit gut bedient. Wir bedanken uns bei Thomas van Hal, uns diese Arbeit als Bereicherung unseres Internets zur Verfügung gestellt zu haben. Schon seit seiner frühen Jugend war dieses Element einer seiner wichtigen Alltagsbegleiter. Seit 2004 engagiert er sich in der Dortmunder Feuerperformance- und -künstlergruppe Evil Flames. Seit 2008 ist er Bühnenpyrotechniker. Um sich weiterhin in Sachen „Feuerkompetenz“ zu engagieren, war es konsequent, 2009 den Verein Feuerpädagogik e.V. mitzubegründen, dessen Vorsitzender er ist. Wir empfehlen einen Besuch auf seiner Internetpräsenz.
Arbeit „Feuerpädagogik – Brandschutzerziehung von morgen“ herunterladen
Debatte um Osterfeuer in Dortmund 2010
Osterfeuer
Osterfeuer gibt es seit langem. Der Überlieferung nach diente es dazu, den Winter zu vertreiben. Dieser Glaube mutet aus heutiger Sicht ein wenig antiquiert an. Wie es bei anderen Ritualen auch der Fall war (etwa beim Tannenbaum), wurde das Abbrennen eines Osterfeuers gern in das christliche Brauchtum übernommen. Im lippischen Lügdebeispielsweise wird das Osterfeuer auf eine spezielle Art und Weise gepflegt, werden hier nämlich alljährlich riesige brennende Osterräder vom Osterberg herabgerollt. Lüdge selbst bezeichnet sich als Stadt der Osterräder.
Aus vom Urheber her jeweils nachvollziehbarer Sicht ist das Osterfeuer als solches inzwischen in die Diskussion geraten. So existiert in Dortmund etwa eine Osterfeuerverordnung, die am 3. Januar 2005 in Kraft getreten ist. 2010 „entflammt“ eine Debatte um Osterfeuer, in der sich verschiedene Organisationen gegen solche aussprechen, etwa der Tierschutzverein, der Naturschutzbund (NaBu), der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) und die Arbeitsgemeinschaft Amphibien- und Reptilienschutz (AGARD).
Der ABA Fachverband steht in besonderer Weise für Tierschutz, artgerechte Tierhaltung und sinnvollen Naturschutz. Dabei wird der Mensch ausdrücklich als Bestandteil der Natur gesehen und nicht als ein – möglicherweise höherwertiges – Wesen, das außerhalb steht. Kinder müssen mithilfe der Pädagogik die Chance auf eine quasi ganzheitliche Entwicklung bekommen. Dazu gehören zahlreiche wichtige Erfahrungen, die sich etwa aus dem Umgang mit Tieren oder auch mit Feuer ergeben. Nur so können solche „Medien“ ihre Bildungswirkung entfalten. Dass praktischer Umgang mit „Medien“ (pädagogischen Mitteln) immer auch gewisse Risiken in sich birgt, ist nicht von der Hand zu weisen. Durch den Umgang mit Risiken lernen wir den Umgang damit. Durch ihre Verbannung schaffen wir ernsthafte Gefahren infolge tolerierter Unerfahrenheit und Unwissenheit. Was vermieden werden soll, wird geradezu erst heraufbeschworen. Man denke etwa an das zeitweise Zündeln von Kindern in Scheunen.
Abenteuerlust ist dem Menschen immanent – sie auszuleben gehört zum Heranwachsen. Sie zu unterbinden, zeitigt möglicherweise ganz andere Resultate, etwa das Abfackeln einer Scheune aus Unwissenheit, Sucht und andere Phänomene. Verbote führen selten zum gewünschten Erfolg. Praktische Auseinandersetzung mit Dingen ist immer erfolgreich. So gesehen müssen Kinder das „Rad immer wieder neu erfinden“, wie die geschätzte Kollegin Donata Elschenbroich, die früher beim Deutschen Jugendinstitut viele hilfreiche Erkenntnisse zutage gefördert und publiziert hat, es trefflich formulierte.
Weitere Dokumente zum Herunterladen

Foto: Abenteuerspielplatz Oberkassel (Düsseldorf)
Das Umweltbundesamt hat im Februar 2007 die Broschüre „Richtig Heizen mit Holz“ herausgegeben.
Holz ist ein klimaneutraler Brennstoff: Bei seiner Verbrennung entsteht nur soviel Kohlendioxid, wie die Bäume vorher beim Wachstum gebunden haben. Aber: Besonders bei nicht optimaler, unvollständiger Verbrennung und beim Einsatz falscher Brennstoffe – wie lackiertem Holz, Spanplatten und Kunststoffverpackungen – stoßen Holzheizungen große Mengen gefährlicher Luftschadstoffe aus – zum Beispiel Feinstaub oder polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe. Der Feinstaubausstoß der Millionen kleinen Holzfeuerungsanlagen in Deutschland ist ebenso hoch wie der von Pkw, Lkw und Motorrädern zusammen. Die Broschüre „Heizen mit Holz – ein Ratgeber zum richtigen und sauberen Heizen“ des Umweltbundesamtes (UBA) gibt Tipps, wie Bürgerinnen und Bürger die Umwelt- und Gesundheitsbelastungen ihrer Holzheizungen verringern und etwas für den Klimaschutz tun können. Mit qualitativ hochwertigem Holz, einer technisch einwandfreien Heizung und einer sparsamen Nutzung lassen sich die Emissionen der Holzöfen und -kessel entscheidend senken. Wer die Tipps der Broschüre umsetzt, kann das Klima schonen und die Umwelt schützen. (UBA)
Bezug: Umweltbundesamt, c/o GVP Gemeinnützige Werkstätten Bonn, Postfach 30 03 61, 53183 Bonn, uba@broschuerenversand.de
Die Broschüre kann hier direkt heruntergeladen werden. (12 Seiten, 148 KB)
Aufgrund verstärkter Nachfragen haben wir die Hinweise der Verwaltungs-Berufsgenossenschaft (VBG) zum Thema „Feuergefährliche Vorgänge“ hier eingestellt. Angesprochen werden:
Wunderkerzen und Feuerzeuge
Rauchen und brennende Kerzen
Bandpasten
Handfackeln
Lycopodium (Bärlappsporen)
Feuerspucken
Flüssiggas
Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren
Pyrotechnik
Hinweise der VBG herunterladen
Die umfangreichste Sammlung zum pädagogischen Einsatz von Feuer, die wir kennen, hat die Provinzial-Versicherung herausgegeben (2003). Sie ist betitelt mit „Das Feuerideen-Mobil – spielerisch mit Feuer umgehen“. Auf 322 Seiten gibt es zahlreiche Anregungen, Vorschläge für Elterninformationen, Folien und anderes mehr. Konzipiert ist diese Sammlung in erster Linie für Grundschulen, interessant aber für alle, die sich mit Feuer in der pädagogischen Arbeit beschäftigen. (322 Seiten, 4,6 MB)
Kleinkinder: Hände weg vom Lampenöl
Lampenöl ist für kleine Kinder äußerst giftig und kann schon in kleinen Mengen tödlich sein
Artikel von dpa/GesundheitPro vom 11. Dezember 2007 herunterladen
NAGEL-Redaktion – Fernsehen und Co.
Junge Menschen und Medien
Diese Seite haben wir Anfang 2007 ins Netz gestellt. Nach und nach sollen hier Beiträge zu finden sein, die sich kritisch mit dem Umgang mit Medien befassen sowie hilfreiches Material zum konstruktiven Einsatz bieten. Sollten Sie selbst über entsprechende Dokumente verfügen, die Sie uns zur Verfügung stellen können, würden wir uns freuen.
Die NAGEL-Redaktion
Zum (Herunter-)Laden
Bedenkenswertes
Zahlreiche Studien bestätigen: Fernsehen macht Kinder dumm
Kinder, die viel fernsehen, erreichen als junge Erwachsene einen schlechtern Schulabschluss als jene, die selterner „glotzen“. Neue Studien bestätigen zudem: Je früher Kinder vor dem Fernseher hocken, desto schwächer sind ihre späteren Lernerfolge. Und: Kinder mit einem Fernsehgerät in ihrem Zimmer haben durchschnittlich schlechtere Noten als Gleichaltrige ohne eigenen TV-Anschluss
Meldung aus „Medizinauskunft“ vom 19. September 2005 herunterladen
Macht Gernsehen blöd?
WAZ-Dokumentation „Macht Fernsehen blöd?“ herunterladen
Super-Nanny
Im Extrablatt 7/2005 haben wir uns mit der RTL-Serie Die Super Nanny befasst. Auszugsweise finden Sie die Texte hier wieder.
Herunterladen
Hilfsmittel
Elternratgeber: Gut hinsehen und zuhören!
Tipps für Eltern zum Thema „Mediennutzung in der Familie“. Herausgeber des Elternratgebers ist die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA). Inhalt: Was Eltern wissen müssen: Kinder nehmen Medien anders wahr! Hinweise zu Fernsehen, DVD und Video, Handys in der Familie, computer und Internet, Hörmedien, Kinder im Medienverbund, Werbung, Achtung Medien!, Zusammenfassung
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Der Sinn des Hörens
Wissenswertes für Kinder, Jugendliche und Erwachsene (Reihe Mit Medien leben: gewusst wie!)
Inhalt:
Hörsinn – Willkommen in der Welt der Klänge
Unterschätzte Wirkung – Was Hören wichtig macht
Frühe Entwicklung – Der menschliche Hörsinn
Bleibende Schäden – Lärm und die Folgen
Basis für Kommunikation – Bewusstes Hören
Digitale Daten – Musik in moderner Form
Geprüfte Qualität – Orientierung im Angebotsdschungel
Beliebte Geschichten – Was Kindern wichtig ist
Breite Streuung – Übergreifende Einbettung von Hörthemen
Engagierte Experten – Initiativen und Projekte
Die Broschüre wurde 2009 von der Landesanstalt für Medien NRW herausgegeben.
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Förderung von Medienkompetenz im Kindergarten
Eine empirische Studie zu Bedingungen und Handlungsformen der Medienerziehung von Prof. Dr. Ulrike Six und Dr. Roland Gimmler (Institut für Kommunikationspsychologie, Medienpädagogik und Sprechwissenschaft , Abt. Kommunikationspsychologie und Medienpädagogik, an der Universität Koblenz-Landau. Die Studie wurde von der Landesanstalt für Medien NRW in Auftrag gegeben. Hier können Sie die Zusammenfassung der 2006 veröffentlichten Studie herunterladen.
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Die TRICKBOXX – Ein Leifaden für die Praxis
Die von der Landesanstalt für Medien NRW (LfM) herausgegebene TRICKBOXX ist ein mobiles Trickfilmstudio, das sich vor allem für Kindergruppen eignet. Es bietet ihnen Einblicke in die Mediennutzung und Medienproduktion, fördert sie in der aktiven Auseinandersetzung mit Medien in ihrer Kompetenz, diese zu nutzen. Darüber hinaus bietet es Hinweise für kreative Gestaltungsmöglichkeiten ohne technischen Aufwand.
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Weitere Publikationen der Landesanstalt für Medien (LfM) Nordrhein-Westfalen finden Sie, wenn Sie nachfolgendes Logo anklicken!
NAGEL-Redaktion – Schnittstelle Familienpolitik
Die Schnittstelle Familienpolitik ist ein Angebot des Instituts für Entwicklungsplanung und Strukturforschung (ies) an der Universität Hannover.
Das Angebot dient der Unterstützung der Arbeit für und mit Familien und beinhaltet unterschiedliche Leistungen. Familienpolitik umfasst ein breites Spektrum, das von der Arbeitswelt über Bildungs- und Freizeitangebote bis zu Wohnen und Gesundheit reicht. Die Vernetzung der unterschiedlichen Aktiven auf örtlicher und regionaler Ebene ist ein besonderes Anliegen.
Die Schnittstelle Familienpolitik hat ihre Wurzeln im Projekt „Netzwerk für örtliche und regionale Familienpolitik“, das 1992 auf Anregung des Bundesfamilienministeriums ins Leben gerufen wurde und bis Ende 2004 durch das Bundesfamilienministerium und beteiligte Länder finanziert wurde.
Hier sind die Leitgedanken der Schnittstelle Familienpolitik zu finden.
Als Kooperationspartner hat der ABA Fachverband mit dem Institut für Entwicklungsplanung und Strukturforschung vereinbart, die Veröffentlichungen „Schnittstelle Familienpolitik“ zum Herunterladen hier einzustellen.
Frühere Publikationen können direkt über die Seite der Schnittstelle Familienpolitik geladen werden.
ABA Fachverband
Zum Herunterladen
Newsletter 1/2005
Newsletter 2/2005
NAGEL-Redaktion – Familienbildung
Familienarbeit, Familienunterstützung, Familienbildung – das Thema Familie hat sich innerhalb der Offenen Arbeit zunehmend zu einem Arbeitsschwerpunkt entwickelt. Der ABA Fachverband ist bemüht, perspektivisch vor allem auch ein brauchbares Konzept der Familienbildung zu entwickeln. Es geht hierbei keineswegs um gewohnte Kurse à la Volkshochschule, sondern vielmehr darum, das „Klima“ in den Einrichtungen so zu gestalten, dass Bildung quasi en passant geschieht, dass Eltern sich nicht bevormundet fühlen, sondern Lust auf mehr Lebenstüchtigkeit verspüren.
Wir sind bemüht, hier nach und nach brauchbare Hinweise für die Praxis der Offenen Arbeit unterzubringen.
Der ABA Fachverband empfiehlt
Starke Eltern – Starke Kinder ® – Elternkurse des Deutschen Kinderschutzbundes
Der Elternkurs „Starke Eltern – Starke Kinder“ wurde 1995 aufgrund zahlreicher Erfahrungen in Finnland im Ortsverband Aachen von Paula Honkanen-Schobert (jetzige Bundesgeschäftsführerin des Deutschen Kinderschutzubundes) entwickelt. Zehn Jahre später erschien das erste Kurshandbuch. Die Elternkurse basieren überwiegend auf kommunikationstheoretischen und familiensystemischen Konzeptionen. Zur Vermittlung der Kursinhalte werden gruppendynamische, gesprächs- und familientherapeutische Methoden verwendet. Die Elternkurse gehen grundsätzlich von der Erziehungskompetenz von Müttern und Vätern aus. Anhand des Modells der anleitenden Erziehung werden Eltern in ihrem Erziehungsprozess begleitet. Auf rezepthaftes Erziehungstraining wird beusst verzichtet.Es gilt:
■ Eltern nehmen ihre Erziehungsverantwortung wahr.
■ Eltern achten auf die Rechte ihrer Kinder.
■ Eltern und Kinder lernen voneinander.
Elternkurse helfen, entwicklungsfördernde Faktoren wie Zuwendung und Anerkennung im Alltag zu stabilisieren und missachtende Verhaltensweisen abzubauen. Elternkurse können die Kommunikation innerhalb einer Familie entscheidend verbessern.
Die Kursdauer ist auf acht bis zwölf Termine mit insgesamt mindestens 16 Stunden ausgelegt. Jede Zusammenkunft enthält einen thematischen Schwerpunkt, der durch ein einprägsames Motto illustirert wird. Die Kursleitung führt theoretisch in das Thema ein und begleitet den Inhalt mit einem Übungsangebot. Das können Rollenspiele, Arbeitsgruppen oder Gesprächsrunden sein. Zur Übertragung in den Familienalltag erhalten die Kursteilnehmer eine Wochenaufgabe, mit der das Gelernte im Alltag zu Hause umgesetzt werden.
Die Themen
■ Erziehungsvorstellungen und Familienwerte
■ Psychische Grundbedürfnisse von Kindern
■ Selbsterkenntnis und Ausdrucksfähigkeit
■ Selbsterkenntnis und Feedback
■ Rolle und Aufgabe von Erziehenden
■ Verhalten in Prpoblemsituationen
■ Gefühlsäußerungen
■ Erziehungsmacht
■ Fähigkeiten, Probleme zu lösen
Die Eltern erfahren, wie unterschiedliche Werte und Vorstellungen von Erziehung auch ohne Gewalt umgesetzt werden können. Eltern werden ermutigt, sich bei Bedarf Unerstüttzung in Beratungsstellen zu holen, denn die Elternkurse sind kein theapeutisches Angebot. Die Freiwilligkeit der Teilnahme ist gewährleistet.
Unterstützung bieten zunehmend auch Einrichtungen der Offenen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, die den Aspekte Familie in ihr Konzept integriert haben.
Mehr Informationen gewünscht? Vorstehendes Logo anklicken!
Forschungsprojekt Offene Kinder- und Jugendarbeit und Familie
Familien beraten, fördern, bilden – Familienorientierung in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit – Wege zu einer intensiveren Elternarbeit
Das Forschungsprojekt hat zum Ziel, familienorientierte Arbeit als Aufgabe der Offenen Kinder- und Jugendarbeit durch die Praxis vor Ort und die pädagogischen Angebote der Fachkräfte zu evaluieren, d.h. Übergänge der Kooperation und des sinnvollen miteinander Lernens von Kindern, Jugendlichen und ihren Eltern zu suchen und unter wissenschaftlicher Begleitung zu bearbeiten. Die Bedeutung und die Praxis vor Ort wird analysiert, konzeptionelle Wege unter Berücksichtigung möglicher Widerstände ermittelt und der Bedarf an notwendigen Ressourcen festgelegt. Der Bildungsbegriff für Kinder, Jugendliche und ihre Eltern werden einzeln wissenschaftlich dargestellt und die Wege eines Zusammenspiels für die außerschulische Jugendbildung erforscht. Hierbei geht es nicht nur um Einsichten in strukturelle Unterschiede zwischen der Bildung von Erwachsenen und der Bildung von Kindern und Jugendlichen, sondern auch um die Fähigkeit, den Unterschied der pädagogischen Ansätze zu klären und zukunftsfähige Modelle der Kooperation dieser Bildungswege darzustellen – im Sinne des politischen Ansatzes „Familie als Zentrum“ zu fördern und wenn möglich, eine generationsübergreifend vernetzte Bildungsarbeit durch die interdisziplinäre Zusammenarbeit aufzuzeigen. Der Bildungsort der Offenen Kinder- und Jugendarbeit wird möglicherweise erweitert und bereits bestehende Ansätze können gestärkt und /oder ausgebaut werden.
Forschungsschwerpunkte
- Beispiele aus der Praxis auffinden und evaluieren anhand von Einrichtungen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit, die in ihrer pädagogischen Konzeption bisher Elternarbeit verankert haben oder in der Kommune als Familienzentren auftreten wollen.
- Generationsübergreifender Konzept- und Aufgabenvergleich mit anderen familienbezogenen Beratungs- und Bildungssystemen (Kulturzentren, Bürgerzentren, Familienzentren u.a.) und die Suche nach Übereinstimmungen zur OKJA
- Praxisbegleitung und -beratung von Einrichtungen als Teil eines Familienzentrums in einer Kommune
- Konzeptentwicklung und Standards einer familienorientierten Arbeit als pädagogisches Arbeitsfeld in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit
- Erstellung einer Fachveröffentlichung (Arbeitshilfe, Dokumentation, evtl. Homepage als Ideenbörse)
Arbeitsformen
- Arbeitsgruppen, mit MitarbeiterInnen der OTs und Fachreferent/innen
- Wissenschaftliche Begleitung und Auswertung durch die LAG KATH OKJA NRW
- Wissenschaftliche Begleitung des Forschungsprojektes durch Prof. Dr. Sauer-Schiffer, Erwachsenenbildung und außerschulische Jugendbildung, Universität Münster
- Gesamtdokumentation des Forschungsprojektes
- Fachtage
- Projekte
- Weiterbildungen
- Vorbereitung, Durchführung und Auswertung eines Fachtages mit
- Arbeitshilfe als Präsentation der Ergebnisse
Unterlagen
NAGEL-Redaktion – Der Fachbeirat
Mitglieder im Beirat des ABA Fachverbandes
Dr. Matthias Albrecht, Dortmund
Peter Apel, Dortmund
Matthias Bartscher, Hamm
Dr. Imbke Behnken, Siegen
Günter Beltzig, Hohenwart
Prof. Dr. Ulrich Deinet, Düsseldorf
Prof. Dr. Manuela du Bois-Reymond, Leiden
Prof. Dr. Gerhard Fieseler, Kassel
Prof. Dr. Johannes Fromme, Magdeburg
Dr. Ulrike Graff, Wuppertal
Otto Herz, Bielefeld
Prof. Dr. Klaus Hurrelmann, Berlin
Gerhard Knecht, München
Rainer Kronshage, Bielefeld
Prof. Dr. Werner Lindner, Jena
Dirk Makoschey, Köln
Dolf Mehring, Bochum
Dr. Falko Peschel, Lügde
Dr. Christiane Richard-Elsner
Ingo Ross, Dortmund
Dr. Eckhard Schiffer, Quakenbrück
Dr. Henriette Schildberg, Bochum
Mechthild Gräfin von Schwerin, Schwerte
Prof. Dr. Hiltrud von Spiegel, Münster
Prof. Dr. Benedikt Sturzenhecker, Hamburg
Marco Szlapka, Essen/Bernried
Ali Ertan Toprak, Recklinghausen/Köln
Prof. Dr. Jörg Ziegenspeck, Lüneburg
Prof. Dr. Renate Zimmer, Osnabrück
Im Nachfolgenden stellen wir unsere Fachbeiratsmitglieder in alphabetischer Reihenfolge vor.
Wenn Sie auf den Namen klicken, bekommen Sie eine Vorstellung der Personen. Ferner finden Sie Links zu den jeweiligen Institutionen, in denen sie tätig sind.
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Dr. Matthias Albrecht
Dr. Matthias Albrecht, Chefarzt der Kinderchirurgie an den Städtischen Kliniken, Dortmund

Zur Internetpräsenz der Kinderchirurgie am Städtischen Klinikum Dortmund
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Peter Apel
Peter Apel, Dipl. Ing., Planungsbüro Stadt-Kinder, Institut für bewohnerfreundliche Stadtplanung, Dortmund

Zur Internetpräsenz des Planungsbüros Stadt-Kinder/Institut für bewohnerfreundliche Stadtplanung
Peter Apel hat von 1991-2005 dem Vorstand des ABA Fachverbandes angehört.
Veröffentlichungen von Peter Apel – Liste herunterladen
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Matthias Bartscher
Matthias Bartscher, Kinderbeauftragter der Stadt Hamm, Projektleitung Elternschule Hamm, Hamm

Zur Internetpräsenz des Kinderbüros der Stadt Hamm

Zur Internetpräsenz der Elternschule Hamm
Bericht über die Entwicklung der Elternschule Hamm
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Dr. Imbke Behnken
Imbke Behnken, Universität Siegen, Siegener Zentrum für Kindheits-, Jugend- und Biografieforschung, Siegen

Zur Internetpräsenz von SiZe – Siegener Zentrum für Kindheits-, Jugend- und Biografieforschung
Literatur von Imbke Behnken – Liste herunterladen
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Günter Beltzig
Günter Beltzig, Hohenwart (Bayern), Spielplatzplaner, Designer, freiberuflich tätig
Im Oktober 2012 wurde von der „taz“ interviewt. Veröffentlicht wurden die Beiträge am 26. und 27. Oktober 2012. Dorthin
Literatur von Günter Beltzig – Liste herunterladen
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Prof. Dr. Ulrich Deinet
Ulrich Deinet, Fachhochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften, Düsseldorf. Schwerpunkte: Didaktik und methodisches Handeln, Verwaltung und Organisation

Zur Internetpräsenz der Fachhochschule Düsseldorf

Zur Internetpräsenz des Fachbereichs Sozial- und Kulturwissenschaften der Fachhochschule Düsseldorf
Literatur von Ulrich Deinet (seit 2004) – Liste herunterladen
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Prof. em. Dr. Manuela du Bois-Reymond
Manuela du Bois-Reymond, Universität Leiden (Niederlande), Sozialwissenschaftliche Fakultät, Lehrstuhl für Pädagogik, Leiden

Zur Internetpräsenz der Universität Leiden
Literatur von Manuela du Bois-Reymond – Auswahlliste herunterladen
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Prof. em. Dr. Gerhard Fieseler
Gerhard Fieseler, Jurist (Bürgerliches Recht, Strafrecht und Recht; Schwerpunkt „Kinder- und Jugendhilferecht“) an der Universität GH Kassel, Fuldatal

Zur Internetpräsenz der Universität Kassel

Zum Fachbereich Sozialwesen an der Universität Kassel
Seite „Kinder- und Jugendhilferecht“ im ABA-Netz. Redaktion: Gerhard Fieseler und Rainer Deimel. Link zur Seite
Literatur von Gerhard Fieseler – Liste herunterladen
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Prof. Dr. Johannes Fromme
Johannes Fromme, Otto-von-Guericke-Universität, Fakultät für Geistes-, Sozial- und Erziehungswissenschaften, Lehrstuhl: Erziehungswissenschaftliche Medienforschung, Geschäftsführender Direktor der Instituts für Erziehungswissenschaften (IEW) und Leiter des Audiovisuellen Medienzentrums der Universität Magdeburg, Magdeburg

Zur Internetpräsenz der Universität Magedeburg
Institut für Erziehungswissenschaft
Veröffentlichung vom 22. März 2009: Medienforscher Johannes Fromme: Computerspiele nicht für Gewalt verantwortlich – Artikel lesen
Literatur von Johannes Fromme – Auswahlliste herunterladen
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Dr. Ulrike Graff
Ulrike Graff, Universität Bielefeld, Fakultät für Erziehungswissenschaft (Allgemeine Erziehungswissenschaft). Schwerpunkte:
Allgemeine Pädagogik, Geschlechterpädagogik, Biografie und Professionen; Kinder- und Jugendhilfe.
Von 1998 – 2008 Geschäftsführung der Landesarbeitsgemeinschaft Mädchenarbeit NRW, Redaktionsleiterin der Zeitschrift Betrifft Mädchen, Wuppertal

Zur Internetpräsenz der Landesarbeitsgemeinschaft Mädchenarbeit NRW
Zeitschrift „Betrifft Mädchen“ – Herausgabe und Redaktionsleitung seit 2006
Im ABA-Netz werden noch weitere Fachzeitschriften vorgestellt. Zur Seite „Fachzeitschriften“
Literatur von Ulrike Graff – Literaturliste herunterladen
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Otto Herz
Otto Herz, Pädagoge, Dipl. Psychologe, Schulforscher, für COMED e.V., den Verein zur Förderung von Community-Education tätig, Mitglied im Vorstand der Stiftung Civil-Courage, Bielefeld und Leipzig

Zur Internetpräsenz der Stiftung Civil-Courage
Texte von Otto Herz – Herunterladen
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Prof. em. Dr. Klaus Hurrelmann
Klaus Hurrelmann, seit 2009 Professor of Public Health and Education an der Hertie School of Governance in Berlin. Zuvor: Universität Bielefeld, Professor für Sozial- und Gesundheitswissenschaften, Fakultät für Gesundheitswissenschaften, Arbeitsgebiete: Bildungsforschung mit den Schwerpunkten Sozialisation, Schule, Familie, Kindheit und Jugend und die Gesundheitsforschung mit den Schwerpunkten Gesundheitsförderung, Gesundheitskommunikation und Sucht- und Gewaltprävention, Gründer (2006) und Leiter des Instituts für Gesundheits- und Bildungsforschung (INGE – Sitz: Herford und Berlin), Bielefeld

Zur Internetpräsenz der Universität Bielefeld

Zur Internetpräsenz der Gesundheitswissenschaftlichen Fakultät
Klaus Hurrelmann emeritiert: Abschiedsvorlesung 21. Januar 2009 an der Universität Bielefeld
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Gerhard Knecht
Gerhard Knecht, Diplom-Pädagoge, Dozent für Spielpädagogik an der Akademie Remscheid, 1. Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft Spielmobile, Vorstandsmitglied bei der Spiellandschaft Stadt e.V., München

Bundesarbeitsgemeinschaft Spielmobile

Spiellandschaft Stadt e.V., München
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Rainer Kronshage
Rainer Kronshage, Fachdienst Jugend, Soziales, Wohnen (Amt für Jugend und Familie – Jugendamt), Mitglied des Landesjugendhilfeausschusses Westfalen-Lippe, Bielefeld

Zur Seite „Jugendarbeit in Bielefeld“
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Prof. Dr. Werner Lindner
Prof. Dr. Werner Lindner, Fachhochschule Jena, Fachbereich Sozialwesen, Schwerpunkte u.a.: Kinder- und Jugendarbeit, Jugendkultur, Soziale Arbeit, Jena

Zur Internetpräsenz der Fachhochschule Jena
Literatur von Prof. Dr. Werner Lindner – Liste herunterladen
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Dirk Makoschey
Dirk Makoschey, Diplompädagoge, Integrations- und Rehaforschung, Köln

Zur Internetpräsenz von Dirk Makoschey
Veröffentlichungen von Dirk Makoschey


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Dolf Mehring
Dolf Mehring, Leiter des Jugendamtes Bochum, Bochum

Zur Internetpräsenz der Stadt Bochum
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Dr. Falko Peschel
Falko Peschel, Bildungsschule Harzberg, Lügde

Zur Internetpräsenz der Bildungsschule Harzberg
Beitrag „Gleichwertige Kommunikation – von autoritären zu demokratisch-authentischen Strukturen“
Der Beitrag wurde zuerst in der Zeitschrift unerzogen 2/2008 veröffentlicht. Die Aufnahme in das ABA-Netz erfolgte mit freundlicher Genehmigung von Sören Kirchner vom Tologo Verlag und Falko Peschel.
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Literatur von Falko Peschel
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Dr. Christiane Richard-Elsner
Christiane Richard-Elsner, Dipl.Ing., arbeitet auf dem Gebiet der Nachhaltigkeit. In diesem Zusammenhang war sie beim Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie beschäftigt. Inzwischen ist sie bei einem Industrieunternehmen, der Fa. Cognis, tätig. Aus dem Blickwinkel der Nachhaltigkeit ist sie an zahlreichen Themen interessiert, die sich Fragen des kindlichen Aufwachsens, ihres Spielens, aber auch aktuellen Krankheiten usw. widmen.
Im Rahmen ihrer Mitgliedschaft im Beirat des ABA Fachverbandes hat sie sich freundlicherweise bereit erklärt, den Mitgliedern des Verbandes einige ihrer hilfreichen Beiträge zur Verfügung zu stellen. Zum Teil werden sie hier zum Herunterladen eingestellt. In jedem Fall sind sie im Verzeichnis NAGEL-Redaktion den dort vorhandenen Seiten jeweils inhaltlich zugeordnet.
Das Mandat von Dr. Christiane Richard-Elsner ruht zurzeit, da sie von der Mitgliederversammlung des ABA Fachverbandes am 22. Sptember 2011 in den Vorstand gewählt wurde.
Hier können Sie die folgenden Beiträge herunterladen:
Allergien
Arbeitsaufwand von Eltern für ihre Kinder
Diese aktuelle Auseinandersetzung dürfte auch historisch Interessierte in besonderer Weise ansprechen. Christiane Richard-Elsner stellt neben gegenwärtigen Familien beispielhaft auch die Elternsituation auf einem Bauernhof um 1900 sowie die in einer Familie 1955 dar.
Freies Kinderspiel im Freien
Diesem Thema widmet sich Christiane Richard-Elsner inzwischen verstärkt. Der ABA Fachverband ist mit ihr der Auffassung, dass in Zukunft verstärkt darauf hingearbeitet werden muss, dass im Sinne gedeihlichen Aufwachsens Kindern quasi ein Recht auf Erlebnisse eingeräumt werden muss. Im Bündnis Recht auf Spiel wird der ABA Fachverband vorschlagen, hierauf bezüglich des Weltspieltages 2010 ein besonderes Augenmerk zu richten. Der Beitrag befindet sich exklusiv im mitgliederinternen ABA-Netz.
Unterrichtseinheit unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit: Baumwolle – vom Strauch zur Jeans
Von hier aus können Sie auch die Suchmaschine im ABA-Netz nutzen. Nach dem Aufrufen bitte die gewünschten Stichwörter eingeben!
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Ingo Ross
Ingo Ross, Kunstmaler, Farbraum Dortmund: Atelier, Galerie, Kunstschule, Goethe Mobil, Kunstprojekte, Dortmund
Ingo Ross hat von 1997-2007 dem Vorstand des ABA Fachverbandes angehört.
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Dr. Eckhard Schiffer
Eckhard Schiffer, Chefarzt der Abteilung Psychotherapeutische Medizin und Psychosomatik am Christlichen Krankenhaus Quakenbrück, Quakenbrück

Zur Internetpräsenz der Abteilung Psychotherapeutische Medizin und Psychosomatik am Christlichen Krankenhaus Quakenbrück
Literatur von Dr. Eckhard Schiffer (wird in Kürze eingestellt)

Zur Präsentation von Eckhard Schiffer beim Beltz Verlag
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Dr. Henriette Schildberg
Henriette Schildberg ist Leiterin des Instituts für Dialogische Arbeitsformen, Bochum
Der ABA Fachverband freut sich, mit Henriette Schildberg ein kompetente Partnerin in Sachen „systemischer Pädagogik“ gefunden zu haben. Wir empfehlen ihre Angebote zur Weiterqualifizierung pädagogischen Fachpersonals ausdrücklich. Das Programm von ida ist im ABA-Netz unter Mitglieder- und Trägerservice -> Serviceleistungen von ABA-Mitgliedern -> Systemische Beratung zu finden. Ebenso gibt es regelmäßig Hinweise auf Institutsveranstaltungen auf der Terminseite des ABA Fachverbandes.
Literatur von Henriette Schildberg – Literaturliste herunterladen
Literatur von Henriette Schildberg – Link zum Institut für dialogische Arbeitsformen
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Mechthild Gräfin von Schwerin
Mechthild Gräfin von Schwerin, Gartenarchitektin, Landschaftsplanerin und Kunstmalerin, Schwerte. Schwerpunktmäßig hat sie sich inzwischen auf die Malerei konzentriert. Dazu finden Sie demnächst hier mehr.

Zur Internetpräsenz von Mechthild Gräfin von Schwerin
Die Nachfolge in Sachen Landschaftsarchitektur und -planung hat Dipl.Ing. Eva Achour von U Plan aus Dortmund übernommen. Wir empfehlen die Kooperation mit ihr. E-Mail an Eva Achour
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Prof. Dr. Hiltrud von Spiegel
Prof. Dr. Hiltrud von Spiegel, Fachhochschule Münster, Fachbereich Sozialwesen

Zur Internetpräsenz der Fachhochschule Münster
Prof. Dr. Hiltrud von Spiegel hat von 1989-1997 dem Vorstand des ABA Fachverbandes angehört. Seit 2010 ist Hiltrud von Spiegel Ehrenmitglied im ABA Fachverband.
Literatur von Prof. Dr. Hiltrud von Spiegel – Literaturliste herunterladen
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Prof. Dr. Benedikt Sturzenhecker
Benedikt Sturzenhecker, Universität Hamburg, Fakultät Erziehungswissenschaft, Psychologie und Bewegungswissenschaft, Fachbereich Erziehungswissenschaft, Sektion Schulpädagogik, Sozialpädagogik und Behindertenpädagogik, Mitglied des Instituts für Partizipation und Bildung

Internetpräsenz Prof. Dr. Bendedikt Sturzenhecker

Zur Internetpräsenz der Universität Hamburg

Zur Internetpräsenz des Instituts für Partiziaption und Bildung
Literatur von Prof. Dr. Benedikt Sturzenhecker – Literaturliste herunterladen
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Marco Szlapka
Marco Szlapka, Sozialwissenschaftler an der Universität Duisburg-Essen, Geschäftsführer und Projektleiter am Institut für Sozialplanung und Organisationsentwicklung (INSO), Essen/Bernried

Zur Internetpräsenz des Instituts für Sozialplanung und Organisationsentwicklung
Literatur von Marco Szlapka – Literaturliste herunterladen
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Ali Ertan Toprak
Ali Ertan Toprak, Generalsekretär der Alevitischen Gemeinde Deutschlands, Mitglied der Deutschen Islam Konferenz (DIK) und des Rates der Stadt Recklinghausen, Recklinghausen und Köln
Internetpräsenz der Alevitischen Gemeinde Deutschlands
Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Rat der Stadt Recklinghausen
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Prof. em. Dr. Jörg Ziegenspeck
Jörg Ziegenspeck, Universität Lüneburg/Institut für Erlebnispädagogik, Lüneburg

Zur Internetpräsenz der Universität Lüneburg

Internetpräsenz des Institus für Erlebnispädagogik
Literatur von Prof. Dr. Jörg Ziegenspeck: Link zur Deutschen Nationalbibliothek
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Prof. Dr. Renate Zimmer
Renate Zimmer, Universität Osnabrück, Fachbereich Erziehungs- und Kulturwissenschaften, Sport/Sportwissenschaft, Leiterin des Niedersächsischen Instituts für frühkindliche Bildung und Entwicklung, Osnabrück

Zur Internetpräsenz der Universität Osnabrück

Zur Internetpräsenz des Niedersächsischen Instituts für frühkindliche Bildung und Entwicklung
Publikationen von Prof. Dr. Renate Zimmer
Aufsätze in Zeitschriften/Buchbeiträge
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NAGEL-Redaktion – Familie
Familie ist, wo man ohne zu fragen zum Kühlschrank gehen kann, wenn man Durst hat.
Familie Lacarabatz, DER SPIEGEL vom 26. Februar 2007

Foto: Rainer Deimel
Zum Selbstverständnis des ABA Fachverbandes – bezogen auf eine professionelle pädagogische Arbeit – gehört neben Bildung und Gesundheitsförderung auch die Unterstützung von Familien. Wir lösen uns von einer klassischen Familiendefinition, nach der eine Familie aus einem Ehepaar und Kindern bzw. einem Kind besteht. Vielmehr begreifen wir unter „Familie“ alle aktuellen Formen des menschlichen Zusammenlebens.
Die hier eingestellten Beiträge wollen Fachkräfte der Kinder- und Jugendarbeit bei ihrem Tätigwerden unterstützen. Wir hoffen ferner, dass engagierte Familien hier ebenfalls Brauchbares finden können.
Sie finden etliches an Material zur Situation von Familien, so etwa die Ergebnisse des Mikrozensus 2005 und anderes mehr.
Seit geraumer Zeit beobachten wir beispielsweise auch die Bemühungen der LBS West (Landesbausparkasse) in Münster, die sich im Rahmen ihrer Initiative Junge Familie seit 1991 des Themas angenommen hat. Die Initiative finanziert seitdem wissenschaftliche Studien und organisiert den Informationsaustausch zwischen Praktikern und Wissenschaftlern. Darüber hinaus führt sie zukunftsorientierte Modellprojekte durch, um auf dieser Basis praktische Erkenntnisse für das Familienleben abzuleiten. Resultat dieser Aktivitäten sind mehrere Modellprojekte für Kinder und Familie, die LBS-Familienstudie sowie das LBS-Kinderbarometer, deren Ergebnisse in verschiedenen Ratgebern und Büchern sowie in der Presse veröffentlicht wurden und größtenteils online verfügbar sind. Um Sie bei Ihren Bemühungen möglichst effektiv zu unterstützen, haben wir uns entschlossen, einen Teil der verfügbaren Publikationen der LBS hier ebenfalls zu verlinken.
ABA Fachverband Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen
Material zum Herunterladen
Alleinerziehende in Deutschland
Monitor Familienforschung: Alleinerziehende in Deutschland: Lebenssituation und Lebenswirklichkeiten von Müttern und Kindern
2010 gab es insgesamt 8,1 Millionen Familien mit minderjährigen Kindern, davon sind 19 Prozent allein-erziehend (Statistisches Bundesamt 2011). Generell sind Alleinerziehende in den neuen Bundesländern etwas häufiger vorzufinden als in den alten Bundesländern. In Berlin ist der Anteil mit rund 32 Prozent bundesweit am höchsten, in Rheinland-Pfalz mit 11,5 Prozent am geringsten. Besonders häufig leben Alleinerziehende in Großstädten mit mehr als 500.000 Einwohnern. Der Bericht erschien im Juli 2012. Herausgegeben wurde er vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Die wissen-schaftliche Beratung oblag Prof. Dr. Hans Bertram von der Humboldt-Universität zu Berlin. Die Redaktion besorgten Karsten Kassner und Iris Angelika Quander (beide ebenfalls Humboldt-Universität) unter Mitarbeit von Tobias Wandreo, Gina Göksu und Annina Thiller.
Alleinerziehende in Deutschland – Lebenssituation und Lebenswirklichkeiten von Müttern und Kindern (Monitor Familienforschung: Beiträge aus Forschung, Statistik und Familienpolitik, Ausgabe 28, Juli 2012), herausgegeben vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. -> Herunterladen
Befragung zur Familienfreundlichkeit von Unternehmen
NRW-Familienministerin Ute Schäfer hat am 11. Oktober 2011 in Düsseldorf die erste repräsentative NRW-Studie zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf aus Sicht der Beschäftigten vorgestellt. Als zentrales Ergebnis bezeichnete Schäfer, dass 60 Prozent der Befragten erklärten, die Möglichkeit, Familie und Beruf miteinander zu verbinden, habe sich in den vergangenen Jahren in Nordrhein-Westfalen zwar grundsätzlich verbessert, bei konkreten familienfreundlichen Maßnahmen sei allerdings noch viel zu tun.
Gesamte Pressemitteilung des NRW-Familienministeriums herunterladen

Zum Herunterladen vorstehenden Titel anklicken!
Forschungszentrum Familienbewusste Personalpolitik (Westfälische Wilhelms-Universität Münster, Steinbeis-Hochschule Berlin)
Familienbewusstes NRW – Was tun Unternehmen? Ergebnisse einer repräsentativen Beschäftigtenbefragung (Veröffentlicht am 11. Oktober 2011)
Herunterladen
Schaubilder und Grafiken zur repräsentiven Beschäftigtenbefragung
Herunterladen
Zur Lage der Kinder in Deutschland 2010
Prof. Dr. Hans Bertram und Steffen Kohl (Humboldt-Universität zu Berlin): Zur Lage der Kinder und Deutschland 2010. Kinder stärken für eine ungewisse Zukunft
Im Auftrag des Deutschen Komitees für UNICEF haben Prof. Dr. Hans Bertram und Steffen Kohl von der Humboldt-Universität Berlin auf der Basis aktueller empirischer Daten das Wohlergehen von Kindern in Deutschland im internationalen Vergleich untersucht. Ziel des erneuten internationalen Vergleichs der Situation von Kindern in Deutschland mit der in anderen Industrieländern ist es zu prüfen, ob sich das Wohlergehen von Kindern verbessert hat und welche Maßnahmen am besten geeignet sind, die Rechte der Kinder zu fördern. Im Unterschied zu internationalen Untersuchungen von Einzelaspekten wie den Schulleistungen erfasst die Studie für UNICEF umfassend materielle, soziale und auch subjektive Faktoren. Hierdurch entsteht ein ganzheitliches Bild der Situation von Kindern. Thematisiert wird u. a. auch das Thema „Risiko und Resilienz“. Empfehlenswerte Lektüre, herausgegeben von Deutschen Komitee für UNICEF.
Familienreport 2010
Leistungen – Wirkungen – Trends (Herausgegeben vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Fraune und Jugend) – Veröffentlicht am 1. juni 2010
Inhalt
Entwicklung der nachhaltigen Familienpolitik
Familienleben in Deutschland
Familienbilder: Werte und Einstellungen
Zeitverwendung und Zeitbedarfe
Einkommenssicherung und Armutsreduzierung
Lebenssituation von Alleinerziehenden
Familien mit Migrationshintergrund
Elterngeld und Elternzeit
Balance von Familienleben und Arbeitswelt
Das Tableau der staatlichen Leistungen
Familienpolitik als gesellschaftspolitische Investition
Orientierungswissen für wirkungsorientierte Familienpolitik
Kinder ganz stark
Das Elternbegleitbuch des Landes Nordrhein-Westfalen
Inhalt
Durch den „Behörden-Dschungel“
Wirtschaftliche hilfen
Sind Sie alleinerziehend?
Der Kinderarzt – ein wichtiger Partner
Kinderbetreuung
Familienbildung und Familienberatung
Checkliste für Behördengänge und Anträge
Wissenschaftliche Bestandsaufnahme der Forschung zu „Wohlbefinden von Eltern und Kindern“
Monitor Familienforschung – Beiträge aus Forschung, Statistik und Familienpolitik – Ausgabe 19 (2009)
Inhalt u.a.: Lebensqualität, Wohlbefinden, Glück, zuufiredneheit – begriffliche Klärungen – Forschung in Großbritannien: Ansätze in der Forschung, Konzept und Zielsetzung, Ergebnisse, Handlungsempfehlungen – Ergebnisse in Deutschland – Literaturhinweise
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Memorandum Kinderarmut
Bekämpfung der Kinderarmut – Politische Forderungen – Präventive Ausrichtung der Kinder- und Jugendhilfe und des Bildungssystems. Herausgegeben wurde das Memorandum im August 2009 von den nordrhein-westfälischen Organisationen von Arbeiterwohlfahrt, dem DGB, der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, dem Deutschen Kinderschutzbund sowie dem PARITÄTISCHEN.
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Arbeitsaufwand von Eltern für ihre Kinder
Ein Beitrag von Christiane Richard-Elsner, Mitglied im Beirat des ABA Fachverbandes
Damit aus Kindern selbstständige Erwachsene werden, müssen die Eltern Zeit und Energie in die Versorgung, Erziehung und Bildung der Kinder investieren. Die von Eltern für ihre Kinder geleistete Arbeit ist nicht konstant, sondern hängt von Eltern und Kind selbst und von äußeren Gegebenheiten ab. Die Anforderungen an die intellektuellen, sozialen und gteistigen Fähigkeiten von Eltern sind heute höher als früher. In dem Artikel wird beispielhaft die Arbeit der Eltern auf einem Bauernhof um 1900, einer Familie der alten Bundesrepublik 1955 und einer im heutigen Deutschland dargestellt.
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LBS-Kinderbarometer 2009: Wie unsere Kinder denken
Stimmungen, Trends und Meinungen von Kindern in NRW. Inhalte ua. Verteilung von Geschlechtern, Jahrgangsstufen, Schulformen, Alter, Regionen, des Weiteren Migration, Familienstatus, Erwerbstätigkeit der Eltern, Geschwisterzahl, Wohlbefinden der Kinder, Haustiere, Körperempfinden und Selbstkompetenz, Familie, Schule Freundeskreis, Freizeit, Wohngegend und sicherheit, Politik und Kinderrechte, Zukunft.
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Familienreport 2009

Leistungen – Wirkungen – Trends (Herausgegeben vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Fraune und Jugend) – Veröffentlicht am 16. Februar 2009
Inhalt
Nachhaltige Familienpolitik 2008
Familienpolitik als Investition
Familienleben in Deutschland
Das Tableau der staatlichen Leistungen
Armutsreduzierung durch staatliche Leistungen
Zwei Jahre Elterngeld
Vereinbarkeit für Alleinerziehende
Die Arbeit des Kompetenzzentrums
Ergebnisse der „Vorwerk-Familienstudie 2008“: Junge Männer – alte Ansichten
Zum vierten Mal in Jahresfolge seit 2005 hat das Familienunternehmen Vorwerk die Situation in deutschen Familien durch das Institut für Demoskopie Allensbach untersuchen lassen. Für die „Vorwerk Familienstudie 2008“ wurden insgesamt 1.816 Personen ab 16 Jahre befragt. Dies sind die wesentlichen Ergebnisse. (23. August 2008)
Kernthesen herunterladen (Pressemitteilung Vorwerk)
Eltern unter Druck
Eine sozialwissenschaftliche Untersuchung von Sinus-Sociovision im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung, Berlin 2008, 29,80 Euro, ISBN 978-3-8282-0424-9
Michael Borchard, Christine Henry-Huthmacher, Tanja Merkle M.A., Carsten Wippermann –
Hrsg.: Konrad-Adenauer-Stiftung e.V.: Selbstverständnisse, Befindlichkeiten und Bedürfnisse von Eltern in verschiedenen Lebenswelten
Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse von Christine Henry-Huthmacher herunterladen
Statistisches Bundesamt: Situation von Familien in Deutschland
Untersuchung des Statistischen Bundesamtes zur Situation von Familien in Deutschland (2008) – Pressemitteilung (Zusammenfassung) vom 22. Juli 2008 herunterladen – Detaillierte Übersicht herunterladen
Väter
DJI Bulletin 83/84 (Heft 3/4 2008) Wege in die Vaterschaft – Vorstellungen vom Vatersein – Kinder wünsche junger Väter – Ältere Väter – Inhaftierte Väter. Bulletin PLUS: Väterbilder – Vätertypen – Stichworte zu historischen und empirischen Variationen (56 Seiten, 2,8 MB)
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Kinder und Mobilität
Kinder auf Reisen: Sicherheitsstandards und Angebot verbessern! Die Kinderkommission des Deutschen Bundestages nimmt Stellung zum Thema „Kinder und Mobilität„.
Kommissionsdrucksache (16. Wahlperiode 16/18) vom 17. April 2008 herunterladen
Kinder sichern im Auto
Seit dem 8. April 2008 sind alte Kindersitze nicht mehr erlaubt. Die Broschüre „Kinder sichern im Auto“ (6. Auflage, Berlin 2008, 45 Seiten, 1,4 MB) der Unfallforschung der Deutschen Versicherungswirtschaft haben wir zum Herunterladen hier eingestellt.
Broschüre herunterladen
Taschengeldstudie 2008
Mikrozensus Familie 2006
Vorgestellt am 28. November 2007
Familien in Deutschland. Ergebnisse des Mikrozensus 2006. Pressekonferenz am 28. November 2007 in Berlin. Statement des Präsidenten des Statistischen Bundesamtes, Walter Radermacher.
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Familien in Deutschland. Ergebnisse des Mikrozensus 2006. Ergänzende Tabellen zur Pressekonferenz am 28. November 2007 in Berlin.
Tabellen herunterladen
Familien in Deutschland. Ergebnisse des Mikrozensus 2006. Ergänzende Übersichten zur Pressekonferenz am 28. November 2007 in Berlin.
Tabellen herunterladen
World Vision-Kinderstudie: Kinder in Deutschland 2007
Kinder in Deutschland 2007
* informiert umfassend über Werte, Wünsche und Ziele von Kindern im Alter bis 11 Jahre sowie über ihre Lebenssituationen
* basiert auf den neuesten Ergebnissen einer repräsentativen Befragung durch die renommierten Kinder- und Jugendforscher Klaus Hurrelmann und Sabine Andresen in Zusammenarbeit mit TNS Infratest Sozialforschung
* erscheint im Fischer Taschenbuch-Verlag und ist im Buchhandel erhältlich (ISBN 978-3-596-17720-2, EUR 12,95) sowie online bei www.fischerverlage.de bestellbar.
Worldvision-Kinderstudie 2007 (8 Seiten, 84 KB)
Zusammenfassung herunterladen
Zur Studie haben wir hier verschiedene Artikel aus der Presse zum Herunterladen eingestellt.
Studie: Arme Kinder, armes Leben (SPIEGEL ONLINE vom 24. Oktober 2007)
Artikel herunterladen
Acht- bis Elfjährige befragt: Berufstätige kümmern sich besser („taz“ vom 24. Oktober 2007)
Artikel herunterladen
Neue Studie: Arme Kinder glotzen länger („taz“ vom 24. Oktober 2007)
Artikel herunterladen
Kinder lieben „stabile“ Familien („WAZ“ vom 24. Oktober 2007)
Artikel einschließlich Kommentar herunterladen
Kindesvernachlässigung: Erkennen – Beurteilen – Handeln
Deutscher Kinderschutzbund (Landesverband NRW)/Institut für Soziale Arbeit: Kindesvernachlässigung – Erkennen – Beurteilen – Handeln. Auflage 2007. (96 Seiten, 1.150 KB)
Broschüre herunterladen
Entwicklungspsychologische Aspekte der Erziehung, Bildung und Betreuung von Kleinkindern
Landtag Nordrhein-Westfalen – Enquete-Kommission „Chancen für Kinder“ – Rahmenbedingungen und Steuerungsmöglichkeiten für ein optimales Betreuungs- und Bildungsangebote in NRW. Expertise von Prof. Dr. Lieselotte Ahnert (Lehrstuhl für Entwicklungsförderung und Diagnostik, Universität zu Köln): „Entwicklungspsychologische Aspekte der Erziehung, Bildung und Betreuung von Kleinkindern„, Oktober 2007 (29 Seiten, 196 KB)
Expertise herunterladen
Weitere hilfreiche Hinweise
Bundesfamilienministerium und Deutscher Industrie- und Handelskammertag legen Familienatlas 2007 vor: Bilanz der Situation von Familien in allen deutschen Kommunen. (4. Oktober 2007)
Externer Link
Christine Henry-Huthmacher (Hrsg.) im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung: Kinder in besten Händen – Frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in Deutschland. Sankt Augustin/Berlin 2007 (107 Seiten, 1.150 KB)
Publikation herunterladen
Bestandsaufnahme und Evaluation von Angeboten im Elternbildungsbereich. Abschlussbericht 2006. Die Studie der Universität Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg entstand im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. (Hier eingestellt am 5. März 2007. 204 Seiten, 1,3 MB)
Kinder besser schützen! Dokumentation eines Fachgesprächs der Grünen im Landtag NRW vom 10. Februar 2006 (48 Seiten, 4.519 KB)
Monitor Familienforschung, Ausgabe 6/2006: In Familien wirksam investieren – Familienleistungen in Deutschland (11 Seiten, 965 KB)
Zukunft Familie – Familienpolitik in Europa – Wandel von Familienrollen – Szenarien: Siebter Familienbericht – Familienzeit – Entgrenzte Arbeit – Entgrenzte Familie – Männer und Familiengründung – Nachbarschaftsplanung = Stadtplanung – Zeitpolitik für Familien (DJI Bulletin 74/2006, 36 Seiten, 1,6 MB)
Leben in Deutschland. Haushalte, Familien und Gesundheit – Ergebnisse des Mikrozensus 2005. Statistisches Bundesamt, Wiesbaden, Juni 2006 (100 Seiten, 3.598 KB)
Leben und Arbeiten in Deutschland. Haushalte, Familien und Gesundheit – Ergebnisse des Mikrozensus 2005. Tabellenanhang. Statistisches Bundesamt, Wiesbaden 2006 (192 Seiten, 3 MB)
Leben und Arbeiten in in Deutschland. Sonderheft 1: Familien und Lebensformen. Ergebnisse des Mikrozensus 1996 – 2004. Statistisches Bundesamt, Wiesbaden 2006 (42 Seiten, 1.598 KB)
Heribert Engstler und Sonja Menning: Die Familie im Spiegel der amtlichen Statistik. Lebensformen, Familienstrukturen, wirtschaftliche Situation der Familien und famliendemographische Entwicklung in Deutschland. Erstellt im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend in Zusammenarbeit mit dem Statistischen Bundesamt. 2003 (264 Seiten, 1,2 MB)
Aktualisierte Tabellen zum Datenreport „Die Familie im Spiegel der amtlichen Statistik“ – Ausgewählte Ergebnisse des Mikrozensus 2003. Herausgegeben vom Statistischen Bundesamt (Zweigstelle Bonn), Bonn 2004 (20 Seiten, 128 KB)
Hans Bertram, Hiltrud Bayer, Renate Bauereiß: Familien-Atlas: Lebenslagen und Regionen in Deutschland. Karten und Zahlen. Herausgegeben vom Deutschen Jugendinstitut, 2004. Als Buch erschienen 1993 bei Leske + Budrich, Opladen (Achtung: 253 Seiten, 18,9 MB) – Extern verlinkt. Der Familien-Atlas II (Lebenslagen und Regionen im vereinten Deutschland. Karten und Zahlen) von Renate Bauereiß, Hiltrud Bayer und Walter Bien ist 1997 bei Leske + Budrich erschienen und kann über den Buchhandel bezogen werden (ISBN 3-8100-1654-3).
Kinderwünsche in Deutschland – Konsequenzen für eine nachhaltige Familienpolitik. Charlotte Höhn, Andreas Ette und Kerstin Ruckdeschel (Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung), bearbeitet von Friederike Grothe, herausgegebenvon der Robert Bosch Stiftung, Stuttgart 2006 (276 KB, 87 Seiten)
Wie man in Deutschland erwachsen wird (2003 – 6 Seiten, 26 KB)
Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend: Unternehmensmonitor Familienfreundlichkeit 2006. Wie familienfreundlich ist die deutsche Wirtschaft? – Stand, Fortschritte, Bilanz – Institut der deutschen Wirtschaft Köln in Zusammenarbeit mit dem Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), dem Deutschen Industrie- und Handelkammertag (DIHK) und dem Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) (26 Seiten, 260 KB)
Gute Betreuung ab eins: Das Konzept für einen Rechtsanspruch auf Kinderbetreung der SPD vom 27. Februar 2007. (7 Seiten, 754 KB)
Konzept herunterladen
Institut für Demoskopie Allensbach: Gravierende Unterschiede des gesellschaftlichen Klimas. Zusammenfassung der wichtigsten Befunde der Studie „Einflussfaktoren auf die Geburtenrate – ein deutsch-französischer Vergleich“ (März 2007) (5 Seiten, 32 KB) – Eingestellt am 8. Mai 2007
Zusammenfassung herunterladen
Untersuchungsdaten herunterladen
Auf den Punkt gebracht! Empirische Beiträge zur Diskussion über Kinderbetreuung und Familientranfers. Eine Publikation des PARITÄTISCHEN Wohlfahrtsverbandes (April 2007): 1. Systematische Aufschlüsselung der Tranferleistungen für Familien von für Familien von Marion von zur Gathen. 2. Empirische Studie zur Entlastungswirkung und zu Verteilungseffekten des Kindergeldes. (75 Seiten, 902 KB)
Dokumentation herunterladen
In der Frankfurter Rundschau vom 15. Mai 2007 wenden sich 16 Verbände Für eine Familienpolitik, die alle Kinder fördert, statt splittet an die Öffentlichkeit, ua. der DGB, die GEW, der Kinderschutzbund und pro familia. Der ABA Fachverband unterstützt diese Erklärung. (5 Seiten, 468 KB)
Erklärung herunterladen
Zwangsverheiratungen in Deutschland – Forschungsreihe Band 1 – Schriftenreihe des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Konzeption und Redaktion: Deutsches Institut für Menschenrechte. Baden-Baden 2007, Nomos Verlag (384 Seiten, 1,76 MB)
Zwangsverheiratungen und Deutschland – Risikofaktoren und Ansatzpunkte zur Intervention. Von Rainer Strobl und Olaf Lobermeier (Hrsg. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend). Konzeption und Redaktion: Deutsches Institut für Menschenrechte, 2007 (47 Seiten, 419 KB)
Seit 2007 gibt die Abteilung Familie und Familienpolitik des Deutschen Jugendinstituts den „Familienwissenschaftlichen Infoletter FAMI“ heraus. Sie können diese Publikation hier herunterladen. Durch einen Klick auf das oben stehende Logo gelangen Sie zu dieser Abteilung des DJI.
Zum Herunterladen
FAMI 1/2007 – Die Alten und die Jungen: Clinch oder Umarmung?
Alterssozialberichterstattung des Deutschen Zentrums für Altersfragen (DZA) – Stand: Dezember 2007
Link

LBS-Studie Junge Familie
Report 1/1997: Bewertung familienpolitischer Leistungen (52 KB, 4 Seiten)
Report 2/1997: Aufgaben- und Rollenverteilung zwischen Man und Frau (37 KB, 4 Seiten)
Report 3/1997: Mütter und Väter kurz nach der Geburt des Kindes (43 KB, 4 Seiten)
Report 1/1998: Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf (59 KB, 8 Seiten)
Report 2/1998: Die Chancen der Vaterschaft (52 KB, 8 Seiten)
Report 1/1999: Die Bedeutung äußerer Lebensbedingungen (109 KB, 12 Seiten)
Report 1/2000: Vorstellungen von Vaterschaft und Mutterschaft (138 KB, 12 Seiten)
Report 1/2001: Familienplanung, Kinderwunsch und generatives Verhalten (108 KB, 8 Seiten)
Report 1/2002: Partnerschaft im Übergang zur Elternschaft (118 KB, 8 Seiten)
Report 1/2003: Konsequenzen sozialer und ökonomischer Benachteiligung (628 KB, 16 Seiten)
Report 1/2004: Die Funktionen von Kindertageseinrichtungen (378 KB, 8 Seiten)
Report 1/2005: Der Übergang in die Schule (617 KB, 12 Seiten)
LBS-Kinderbarometer (Durchführung der Studien: Prokids-Institut, Herten)
LBS-Kinderbarometer 2002: Stimmungen – Meinungen -Trends von Kindern und Jugendlichen in NRW (745 KB, 116 Seiten)
LBS-Kinderbarometer 2003: Stimmungen – Meinungen – Trends von Kindern und Jugendlichen in NRW (2.890 KB, 126 Seiten)
LBS-Kinderbarometer 2004: Stimmungen – Meinungen – Trends von Kindern und Jugendlichen in NRW (2.795 KB, 146 Seiten)
Anmerkung der NAGEL-Redaktion: Aus technischen Gründen haben wir die Verlinkung der LBS-Dokumente extern vorgenommen. Von daher können wir keine Gewähr über das dauerhafte Funktionieren übernehmen. Sollten Sie Probleme beim Herunterladen haben, sagen Sie uns kurz Bescheid. ABA-Mitglieder haben überdies die Möglichkeit, die jeweiligen Publikationen unter Angabe ihrer Mitgliedsnummer und der gewünschten Veröffentlichung über unser Versandarchiv zu beziehen.

Hier finden Sie den Newsletter zum Unternehmensprogramm „Erfolgsfaktor Familie. Unternehmen gewinnen“. Es handelt sich hierbei um ein Projekt unter der Federführung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Beteiligt sind unter anderem ferner neben den Arbeitgeberverbänden auch der DGB. Den jeweils vierseitigen Newsletter, der sich in erster Linie an Unternehmen wendet, können Sie von dieser Seite aus laden. Hingewiesen sei an dieser Stelle auf die Aktivitäten des Arbeitskreises Unternehmenskooperation im ABA Fachverband. UnternehmerInnen erreichen diesen Arbeitskreis über den ABA Fachverband.
Newsletter Erfolgsfaktor Familie 1/2006 | Januar 2006 (1,2 MB)
Mehr Unternehmen gewinnen. Analyse: Kinderbetreuung ausbaufähig. Umfrage: Firmen: Mehr Leistungen, schlechtes Image.
Newsletter Erfolgsfaktor Familie 2/2006 | März 2006 (369 KB)
Unternehmen profitieren. Kinderbetreuung gefordert: Mütter wollen arbeiten. Begehrte Arbeitgeber: Famlienfreundlichkeit steigert Image.
Newsletter Erfolgsfaktor Familie 3/2006 | Juni 2006
Arbeit braucht Spielraum. Viel hilft viel: Unternehmen profitieren von Familienfreundlichkeit. Doppelter Gewinn: AMS aus Bielefeld erleichtert Frauen den Wiedereinstieg.
Newsletter Erfolgsfaktor Familie 4/2006 | Juli 2006 (358 KB)
Aufbruchsignal für die deutsche Wirtschaft. Elterngeld: Warum gut vorbereitete Unternehmen profitieren. Schwerpunkt Teilzeit: Fallbeispiel Führungskräfte, aktuelle Studien.
Newsletter Erfolgsfaktor Familie 5/2006 | Oktober 2006 (667 KB)
Regionaloffensive gestartet. Elterngeld: Breite Zustimmung in der Wirtschaft. Umfrage: Väter – Rückenwind durch Elterngeld.
Newsletter Erfolgsfaktor Familie 6/2006 | Dezember 2006 (427 KB)
Wachstumsmotor Familienpolitik. Kinderbetreuung: Geld sparen mit betrieblicher Kinderkrippe. Schwerpunkt Väter: Interview mit Volker Baisch von „Vaeter e.V.“
Newsletter Erfolgsfaktor Familie 1/2007 | Februar 2007 (348 KB)
Deutsche Wirtschaft wird zunehmend familienfreundlich. Interview mit Kirsten Hirschmann von den Wirtschaftsjunioren. Schwerpunkt: Betriebliche Kinderbetreuung im Verbund.
Newsletter Erfolgsfaktor Familie 2/2007 | April 2007
Wege aus der Fachkräftefalle. VDI-Direktor Dr. Willi Fuchs zu Konzepten gegen den Fachkräftemangel. Familienfreundlicher Friseursalon.
Newsletter Erfolgsfaktor Familie 3/2007 | Juni 2007
Botschafter beim Aktionstag. Vereinbarkeit von Familie und Arztberuf. Teilzeit für Väter.
Newsletter Erfolgsfaktor Familie 4/2007 | Juli 2007
Mit Kinderbetreuung Fachkräfte gewinnen. Familienfreundliche Hochschule. Flexible Teilzeit für Mütter und Väter.
Werte – Wertewandel

Foto: Rainer Deimel
Unter dem Titel „Achtung! Werteverfall!“ haben wir Anfang 2009 begonnen, eine sparate Seite zum Thema aufzubauen. Auf dieser Seite finden Sie unter anderem die „Berliner Erklärung“, die die Steuerungsgruppe des Bundesforums Familie zur „wertorientierten Erziehung“ Ende 2008 verabschiedet hat. Sie trägt den Titel „Position beziehen – gesellschaftlichen Dialog gestalten“. Interesse? Dann klicken Sie einfach hier!
NAGEL-Redaktion – Fernsehen und Humor
Nachfolgender Beitrag kommt hier vielleicht ein wenig spät; andere Prioritäten verhinderten eine frühere Aufnahme in die Rubrik Extra; Gleichwohl wollen wir Ihnen diesen nicht vorenthalten. Besonders für die pädagogisch Tätigen unter Ihnen könnte er eine brauchbare Reflexionshilfe sein. Im Übrigen könnten die Ausführungen dazu gut sein, einmal darüber nachzudenken, wie stilvoll man den vergangenen Karneval hinter sich gebracht hat.
Polemik: Kreative Querschnittslähmung
Von Oliver Kalkofe
Das TV-Jahr 2006 war furchtbar. Schlimmer werden nur die nächsten zwölf Monate. Dabei ginge es auch ganz anders, wie andere Nationen zeigen. Kaum jemand liebt das Fernsehen so wie Oliver Kalkofe. Kaum jemand hasst es auch derart abgrundtief wie der 41-Jährige, der seine Karriere als Medienkritiker einst beim niedersächsischen Radiosender ffn begann. Für die TV-Show „Kalkofes Mattscheibe“ bekam er 1996 den Grimme-Preis. Ein großer Kinoerfolg wurde seine Edgar-Wallace-Parodie „Der Wixxer“, deren Fortsetzung „Neues vom Wixxer“ im März starten soll.
Das Jahr 2006 ist zu Ende. Durch die Gänge der TV-Anstalten hallt ein kollektiver Seufzer der Erleichterung. Nichts wirklich Spektakuläres geleistet, aber ein weiteres Fernsehjahr ist überstanden!
Also Haken drunter, Schippe Sand drauf, fertig. Und mit der gleichen Mischung aus großkotziger Publikumsverachtung und kreativer Lethargie weiter Richtung 2007. Mit etwas Glück bemerkt es niemand, und wir schaffen noch ein Jahr!
Unser Fernsehen ist am Ende. Beim Versuch, es allen recht zu machen, auf riskante Innovationen zu verzichten und einfach die Erfolge der restlichen Welt zu kopieren, ist das deutsche Fernsehen versehentlich mit dem Hintern an den Knopf für den Selbstzerstörungsmechanismus gekommen.
Gab es einstmals zwischen Fernsehanstalt und Publikum eine Art unausgesprochene Vereinbarung für eine direkt oder indirekt bezahlte Entertainment-Dienstleistung, herrscht auf Seiten der Sender heute die Geschäftsmentalität eines Dönerbuden-Besitzers, der heimlich zwölf Jahre altes Gammelfleisch auf den Drehspieß packt: Bloß nicht erwischen lassen! Solange keiner merkt, was er frisst, und niemand daran stirbt, ist es auch nicht wirklich illegal.
Ein Großteil der Sendestrecken im Privatfernsehen wird inzwischen gefüllt von schlechtausgebildeten Trickbetrügern und mäßig begabten Hütchenspielern, die auf der Straße keine zehn Minuten überstehen würden, ohne verhaftet oder von der Kundschaft niedergeschlagen zu werden. Debil grinsende Moderations-Amöben auf Neun Live oder DSF, die stundenlang vor einem vollgeschmierten Flipchart stehen und sich den kargen Restverstand aus dem Haarständer labern, um die zuschauenden Nieten im Loseimer der Glotzmasse zum Anrufen und Bezahlen der dreisten Dämlichkeit zu animieren.
Frech getarnt wird derlei auch gern als Quizshow, denn gesucht werden beispielsweise zusammengesetzte Wörter aus dem Substantiv „Fußball …“ – ganz gebräuchlich, kennt jeder. Fußballspiel, richtig. Fußballverein, auch dabei. Fußballfeld, natürlich … nur das letzte Wort macht über eine Stunde lang Schwierigkeiten, total einfach, aber die Leute scheinen wie vernagelt.
Schade, Zeit ist um, die 500 Euro bleiben in der Hose – „Fußballmensch“ wäre es gewesen! Eines der bekanntesten Nominalkomposita unserer Sprache, gleich nach dem „Fußballbaum“ oder „Fußballball“.
Wo früher zumindest Serien-Wiederholungen, die schönsten Bahnstrecken Deutschlands oder auch mal die aufregendsten Bürgersteige Baden-Württembergs die Programmlücken füllten, wird neuerdings nicht einmal mehr versucht, so etwas wie Inhalt vorzutäuschen. Schlimmer noch: Der mit gutgläubiger Dummheit gesegnete Zuschauer hilft aktiv mit, im großen Stil ignoriert und betrogen zu werden.
Wenn nicht wegen der Aussicht auf den Gewinn bescheidener Bargeldbeträge, dann eben durch den kostspieligen Anruf bei einer der qualifizierten Fleischereifachverkäuferinnen mit Sprachfehler und abgebrochenem Hauptschulabschluss, die sich als Astrologinnen ausgeben und mit Hilfe ihres spirituellen Zivildienstleistenden oder mit dem Autoquartett ihres Nachbarjungen irgendeine Zukunft voraussagen.
Wer erst einmal so weit in den Keller seiner eigenen Erwartungen hinabgestiegen ist, solche unverschämt erbärmlichen Programmersatzstoffe überhaupt nur als offizielle Sendung zu akzeptieren, der hat auch nicht mehr ganz so starke Schmerzen, wenn zur besten Sendezeit selbsternannte Prominentendarsteller für Sat.1 Eier ausblasen. Oder beim ProSieben-Ochsenrennen mitmachen, wo die Ochsen erstmals bekannter waren als die Promis im Sattel.
Nach kurzer Zeit akzeptiert man sogar, dass gleichzeitig zwei Sender mit der gleichen unerbetenen Eislaufshow – „Stars auf Eis“ (ProSieben) und „Dancing on Ice“ (RTL) – um Aufmerksamkeit betteln. Man wurde dort leider Zeuge, wie zu Recht vergessene Medienranderscheinungen die Kulanz ihrer Krankenversicherung austesteten.
Es wundert nicht einmal mehr, wenn plötzlich wieder steinzeitliche Pannenshows aus der Mülltüte der Fernsehgeschichte zu echten Quotenhits werden, bei denen hyperaktive Härtefallpatienten aus der geschlossenen Psychiatrie uralte Heimvideos präsentieren, die Opas Sturz vom Küchenstuhl mit doppeltem Arschbruch zeigen (etwa „Upps – Die Superpannenshow“ auf RTL).
Und ganz am Ende freut sich dann vielleicht sogar, wer dabei zusehen darf, wie etwa bei „Einsatz in 4 Wänden“ dicke Frauen bei fremden Menschen in deren hässliche Lebensräume einfallen und ihnen beweisen, dass sie ohne Hilfe des Fernsehens sogar zu blöd zum Wohnen waren.
Der Rest des Programms? Die ewige Suche nach dem Superwesen – sei es nun im Bereich Gesang, Tanz, Optik („Deutschland sucht den Superstar“, „Popstars“), Haustier („Top Dog“) oder Bulimie („Germany’s Next Topmodel“).
Oder von talentresistenten Laiendarsteller-Azubis dargebotene Gerichtstermine und Kriminalfälle aus äußerst kranken Parallel-Universen, die manchmal sogar so heißen, wie sie aussehen („Niedrig und Kuhnt“). Oder unzählige gleicherzählte Telenovelas („Sturm der Liebe“, „Verliebt in Berlin“, „Schmetterlinge im Bauch“) über unglücklich verliebte Kitschziegen auf dem dornigen Weg zum Herzen ihres Angebeteten, ironiefrei zubereitet und gefällig melodramatisch für den reibungslosen Kleinsthirn-Einlauf. Geschichten, die das Leben nie schreiben würde, weil sie ihm peinlich wären.
Die größte Angst aller unserer Sender besteht derzeit in der Furcht vor der eigenen Kreativität. Die verantwortlichen Redakteure hassen ihre eigenen Programme fast so sehr wie die Zuschauer, die so dumm sind, sie zu gucken und damit ja irgendwie zu bestätigen. Ihre absurde Logik: Das Publikum sei selbst schuld an dem Müll, weil es den ja auch schaut. Wie der Wärter, der seinem Gefangenen ausschließlich trockenes Brot gibt mit der Begründung, der Inhaftierte esse es ja immer auf.
Die Triebfeder für Produktionen ist längst nicht mehr der Wunsch nach Sendungen, die man selbst gern sehen würde, sondern die reine Sicherung des eigenen Arbeitsplatzes. Und der übersteht Misserfolge nun mal eher, wenn man wenigstens sagen kann: „Keine Ahnung, warum das hier nicht funktioniert hat, in Dänemark war das 1982 der absolute Straßenfeger, wahrscheinlich ist unser Publikum einfach noch nicht reif genug.“
Jede wirklich neue originäre Idee ist für den gewöhnlichen TV-Redakteur die Einladung zum russischen Roulett. Diese Verantwortung will niemand tragen. Große Erfolge aufzuweisen ist nicht halb so wichtig wie das Umgehen großer Misserfolge.
Man kann auch ohne Hit alt werden, sofern man sich nur lange genug unbemerkt am Mittelmaß entlanghangelt. Bloß kein Risiko eingehen, bloß nichts Neues wagen! Innovation ist der Feind der Beständigkeit.
Die Öffentlich-Rechtlichen zeigen sich hier seit Jahren als Meister der Selbsttäuschung und kreativen Querschnittslähmung. Wer nur schnell genug stillsteht, sieht fast so aus, als würde er sich bewegen.
Die künstlerischen Impulse, die der Kulturauftrag von ihnen zu Recht verlangen darf, beschränken sich auf den Versuch, Florian Silbereisen und ein paar grundlos fröhliche Volksmusikanten „Am laufenden Band“ oder wahlweise den Zweiten Weltkrieg nachspielen zu lassen. ARD und ZDF fühlen sich inzwischen selbst so alt, dass sie sogar von Johannes Heesters erwarten würden, dass er aufsteht und ihnen seinen Platz anbietet.
Als logische Konsequenz zielen die Sender auch gar nicht mehr auf jene Zuschauer, die mit Qualität geködert werden müssen, sondern produzieren lieber simple Lockstoffe für das in seinem eigenen Existenzvakuum gefangene Restpublikum. Der Begriff „Unterschichtenfernsehen“ ist in diesem Zusammenhang nicht diskriminierend, sondern vor allem falsch. Es handelt sich nicht um die soziale Unterschicht, vielmehr um den intellektuellen Bodensatz der Gesellschaft, die schlammige Ursuppe der televisionären Evolution.
Es sind jene Menschen, die immer anschalten, egal, was läuft. Die auch beim Testbild anrufen würden, wenn sie glaubten, man könne einen der Farbbalken gewinnen.
Wer es sich inzwischen leisten kann abzuschalten, der tut es. Wer genug Geld für Kino oder Videothek hat oder gar das so gern zitierte „gute Buch“ zu benutzen weiß, der hat sich längst von seinem alten Kumpel Fernsehen verabschiedet. Oder bestellt sich seine DVDs aus dem Ausland, um erstaunt mitzuerleben, wie vor allem in Amerika und England in den vergangenen Jahren einige der phantastischsten TV-Produkte aller Zeiten entstanden sind.
„Die Sopranos“, „24“, „Lost“, „Deadwood“, „Six Feet Under“, „Arrested Development“, „The Office“, „Boston Legal“, „Little Britain“, „Doctor Who“ – die Liste ist endlos. Denn in anderen Ländern weiß man, dass die eigentliche Aufgabe des Fernsehens darin besteht, das Publikum zu überraschen, auch auf die Gefahr hin, es erst einmal zu irritieren.
Deshalb wird jede Saison versucht, die Zuschauer mit jeder Menge neuer Ideen, Looks und Erzählweisen zu konfrontieren, wohl wissend, dass nicht alle der ambitionierten Neustarts überleben werden. Aber die es schaffen, haben es meist auch verdient.
So ist die Schere zwischen dem, was theoretisch machbar wäre, und dem, was tatsächlich produziert wird, wohl nirgends größer und enttäuschender als in Deutschland.
Einerseits ist es uns gelungen, jegliche Eigeninitiative aus dem Angebot zu verbannen und stattdessen eine Auswahl des Erfolgreichsten vom Rest der Erde in gefälliger, abgeschliffener und fast ausnahmslos minderwertiger Form nachzuspielen.
Andererseits können wir stolz darauf sein, unser Publikum in seiner Erwartungshaltung wie auch der intellektuellen Aufnahmefähigkeit so weit heruntergesendet zu haben, dass etwaige qualitativ höhere Aussetzer ohnehin nicht mehr angenommen werden können.
Endlich ist das Publikum so doof, wie man es schon immer von ihm behauptet hat. Und es ist daran auch noch selbst schuld.
Das schafft zumindest ein reines Gewissen für die Verbrechen der nächsten zwölf Monate.
(SPIEGEL ONLINE vom 30. Dezember 2006
Nachtrag
Auszug aus einem Interview mit Uwe Lyko alias Herbert Knebel
Lyko: Es gibt eine Garde von Comedians, die übers Fernsehen groß geworden sind. Traditionelle Kleinkunst-Veranstalter kommen gar nicht heran an solche großen Namen, mit denen sie Geld verdienen könnten, um unbekanntere Sachen subventionieren zu können. Die bleiben auf unbekannten Sachen hängen. Da findet eine Monopolisierung statt, die gefährlich ist. Da sollten sich Kollegen wie Atze Schröder und Mario Barth Gedanken drüber machen. Aber das tun die leider nicht. Da geht es eiskalt darum, Kohle abzugreifen. Man sollte immer im Hinterkopf haben, wo man herkommt und wem man ein bisschen seinen Erfolg zu verdanken hat.
Böse Zungen würden diese Sätze gegen Sie wenden . . .
Lyko: Aber das hier hat nichts damit zu tun, dass der Knebel neidisch ist. Wir haben nach wie vor ein großes Publikum und verdienen gutes Geld.
Wobei vieles, was an Comedy im Fernsehen läuft, ganz anders ist als Knebel-Humor.
Lyko: Bei vielen jungen Comedians fällt mir auf, dass sie mit einer anderen Form von Komik arbeiten – und nicht alles, was neu ist, muss innovativ sein. Ich finde wichtig, dass man Geschichten erzählt. Bei diesen jungen Comedians ist das oft spätpubertäre Komik. So etwas haben wir gemacht, als wir 14, 15 waren. Oder wenn ich mir die „Schillerstraße“ angucke, sitze ich vorm Fernseher und denke: Warum machen die das? Das ist doch Kindergeburtstag! Und dann ist man erschüttert, dass Millionen das witzig finden.
(WAZ vom 5. Januar 2007
Nachtrag 2
Wenn Sie Ihrem Kind schaden wollen, kaufen Sie ihm einen Fernseher:
i-Punkt 3/2007
NAGEL-Redaktion – Todesstrafe
Saddam Husseins Hinrichtungsvideo: Vor aller Augen
Dass ein Video von Saddam Husseins Hinrichtung frei im Internet zugänglich ist, hat Abscheu und Empörung ausgelöst. Claudius Seidl von der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ hält dagegen: Es gibt kein besseres Argument gegen die Todesstrafe, als Zeuge einer Hinrichtung zu werden.
Wer sich selbst ein Bild davon machen möchte, wie Saddam Hussein zu Tode kam, der braucht nichts als einen handelsüblichen Computer, einen halbwegs schnellen Zugang zum Internet sowie eine Anmeldung bei „YouTube“, dem Videoportal, was nicht länger als zwei Minuten dauert. Dann wird man gefragt, ob man älter als 18 sei – und schon sieht man verwackelte Bilder, hört Stimmen, die man nicht versteht, sieht Saddam, von dem man nicht so genau sagen kann, ob er tatsächlich sehr gefasst war oder nur mit Drogen ruhiggestellt. Dann kommt auch schon der Moment, in welchem selbst dem abgebrühtesten Zuschauer bewusst wird, dass es hier nicht wie sonst, wenn man am Bildschirm oder auf der Leinwand solche Szenen sieht, um Inszenierung und das Spiel mit dem Schrecken geht. Es ist der Ernstfall, es ist echt – und natürlich ist das der Moment, in welchem man sich dieser Zumutung, diesem Einbruch des Realen in die virtuelle Computerwelt lieber nicht aussetzen mag.
Der Umstand, dass die Henker Saddam Husseins die Hinrichtung mit dem Mobiltelefon gefilmt haben, die Nachricht, dass diese Bilder für jeden Internetnutzer nur zwei Mausklicks entfernt sind – das alles hat viel Abscheu und Empörung ausgelöst. Der stellvertretende britische Premierminister Prescott forderte den Urheber dieser Bilder auf, er solle sich gefälligst schämen, ein deutscher Zeitungskommentator schrieb von der „Seuche Internet“, eine Feuilletonistin entdeckte darin den schlimmsten heute noch möglichen Tabubruch. Und alle, wirklich alle, die dazu überhaupt eine Meinung formulierten, schienen sich einig darin zu sein, dass der Tod eines Menschen ein absolut intimer Moment sei. Weshalb die Bilder der Hinrichtung sowohl die unveräußerliche Würde des blutrünstigen Diktators als auch die der Zuschauer verletzten und ein Dokument der allgemeinen Verrohung und der moralischen Verwahrlosung seien.
Selbst die Pfarrer in den Kirchen, so ist zu hören, haben diese Bilder zum Gegenstand ihrer zornigen Predigten gemacht – und vielleicht darf man sich jetzt einen Augenblick lang darüber wundern, dass dieser Zorn ausgerechnet aus der Mitte einer Gesellschaft kommt, deren mächtigstes und wirkungsvollstes religiöses Bild einen Mann zeigt, an welchem die Todesstrafe soeben vollstreckt wird, und zwar auf eine unglaublich grausame Art. Es waren, während des sogenannten Kruzifixstreits der frühen Neunziger, ausgerechnet die klügsten und die ernstesten Köpfe, die darauf hinwiesen, dass das Kreuz eben nicht bloß Folklore sei, nicht bloß ein Symbol, dessen Bedeutung sich im Abstrakten verliert. Sondern eine Zumutung und Herausforderung, mit welcher im Grunde nur der fertig werden kann, der daran glaubt, dass so ein Urteil und dessen Vollstreckung eben nicht das letzte Wort seien. Dass ein Kruzifix das Kennzeichen einer blutrünstigen und verwahrlosten Gesellschaft sei, hat man aber weder von den Kanzeln noch von den Leitartiklern gehört.
Demonstration des Gewaltmonopols
Saddam Hussein war kein Heiliger und auch nicht der Märtyrer, den jetzt mancher aus ihm machen will – er war nur ein Staatsbürger des Iraks, der zum Tode verurteilt wurde. Und dass so ein Urteil vor den Augen der Öffentlichkeit vollstreckt wird, das unterscheidet es eben vom Mord. Dass Hinrichtungen öffentliche Akte sind, das ist kein barbarisches Relikt aus einem finsteren Mittelalter. Die zivilisierten Römer haben es so gehalten, und als Ludwig XVI. aufs Schafott stieg, sehr gefasst und würdevoll, da ging es durchaus nicht darum, die Schaulust der Menge auf der Place de la Révolution zu befriedigen. Vielmehr demonstrierte der Staat aufs drastischste sein Gewaltmonopol, und er führte vor, dass der Bürger Louis Capet nicht anders behandelt wurde als ein Citoyen Dupont oder Lenôtre. Die Öffentlichkeit garantierte nicht nur, dass alles mit rechten Dingen zuging. Das Volk, in dessen Namen das Urteil gesprochen wurde, sollte sich gefälligst auch mit dessen Vollstreckung konfrontieren. Es war Albert Camus, der in seinen sehr ergreifenden „Betrachtungen zur Todesstrafe“ den französischen Staat dafür geißelte, dass er, seit 1939, seine Hinrichtungen fern der Öffentlichkeit in Gefängnishöfen vollstreckte.
Und insofern besteht der Skandal des Saddam-Videos nicht darin, dass es diese Bilder gibt – ganz im Gegenteil, man muss, so brutal das klingen mag, dem Menschen, der sie machte, dankbar sein. Denn die offiziellen Nachrichten verkündeten, dass eben alles rechtens gewesen sei. Und erst die angeblich so geschmacklosen Bilder zeigten, dass es nicht so war. Der Delinquent wurde beschimpft, verhöhnt und durfte sein Gebet nicht zu Ende sprechen – was die Bilder zeigen, sieht aus wie ein schmutziger Mord, und die Empörung über diese Bilder nährt wieder einmal den Verdacht, dass der Bote hier mit der Botschaft verwechselt wird. Der Skandal besteht in dem, was diese Bilder dokumentieren.
Wir haben uns, hier im Westen, in den Feuilletons und Seminaren und den Gesprächen der Kenner, längst angewöhnt, das Eigenleben und die Selbstreferenzen der Bilder zur Kenntnis zu nehmen, die Bilder eher danach zu bewerten, wie sie sich zueinander verhalten, als nach der Wirklichkeit zu fragen, auf welche sie angeblich verweisen. Das ist meistens angemessen – und läuft im Fall des Hinrichtungsvideos doch ins Leere: Wer das, wovon es zeugt, nicht mehr sehen will, braucht nicht dessen Urheber zu beschimpfen, und es hilft auch nichts, wenn man das Internet als ein Problem der Hygiene begreift. Das Problem ist die Todesstrafe.
Albert Camus erzählt in seinem Essay von seinem Vater, der sich eines Morgens aufmacht, um der Hinrichtung eines vielfachen Mörders beizuwohnen, welchem er noch Schlimmeres als die Guillotine wünscht. Aber als der Vater nach Hause kommt, ist er so verstört, dass er kein Wort sagen kann. Es gibt kein besseres Argument gegen die Todesstrafe, als wenn jemand Zeuge einer Hinrichtung wird.
(Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 7. Januar 2007 – Gefunden bei SPIEGEL ONLINE am 7. Januar 2007)
Nachtrag
Junge spielte Hinrichtung – tot
Washington. Beim Nachstellen der Hinrichtung Saddam Husseins hat sich ein zehnjähriger Junge in den USA erhängt. Wie der „Houston Chronicle“ berichtete, legte sich der Junge am Silvesterabend eine Schlinge um den Hals und kletterte auf sein Hochbett. Beim Herunterfallen erhängte er sich, offenbar durch einen Unfall. Der Junge hatte zuvor einen Bericht über die Hinrichtung gesehen.
(afp/WAZ vom 6. Januar 2006)
i-Punkt 2/2007
NAGEL-Redaktion – Kitze und andere Böcke
Frau Dr. Eva Köhl von www.aachener-boysday.de schrieb uns ein weiteres Mal als „Mitstreiter“ an, den von ihr organisierten „Boy’s Day“ zu unterstützen. Das tun wir ausdrücklich nicht, ganz abgesehen davon, dass wir bislang nicht ihr „Mitstreiter“ waren. Allerdings: unseren Mit-Streit kann sie haben! Mein Schreiben an sie lautete unter anderem: „Extra bin ich nach Boy gefahren. Das ist ein Stadtteil von Bottrop. Dort habe ich leider niemanden gefunden, der was von einem entsprechenden Day wusste. Insofern wird der Boy’s Workshop in unseren Medien genau so wenig vorkommen wie der Girl’s Day oder Kids. Wir nehmen Kinder zumindest so ernst, dass wir wahrnehmen, sie nicht als kleine Ziegen oder Kitze bezeichnen zu müssen.“ Jetzt kommt er – der Boy’s Day – doch vor, allerdings ohne unsere Kollaboration. Ach so, wissen Sie eigentlich, was GIRL heißt? Das ist zum Beispiel die Geruchsimmissions-Richtlinie des Landes Nordrhein-Westfalen. Der Duden (24. Auflage 2006) definiert „Girl“ als „scherzhafte Bezeichnung für Mädchen“. Nun, denn!
P.S.: Der Verein Deutsche Sprache (VDS) hat den ABA Fachverband übrigens im November 2006 auf seine Liste „Lichtblicke“ gesetzt. Hier werden Firmen und Einrichtungen aufgenommen, die sich um die Pflege der deutschen Sprache bemühen. Es heißt hier: „Der ABA Fachverband Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen bemüht sich um eine verständliche Sprache und übersetzt unverständliche Begriffe, besonders denglische Ausdrücke und Anglizismen.“ In ihrem Schreiben vom 21. November 2006 teilt Eva-Maria Kieselbach vom VDS-Vorstand mit: „Endlich hat einmal jemand aus der Kinder- und Jugendarbeit den Mut, aufgeblasene Prahlwörter zu vermeiden. Ich freue mich, dass Sie nicht der Meinung sind, Kinder und Jugendliche könne man nur mit denglischen/englischen Versatzstücken erreichen.“
(de-ip)
i-Punkt 12/2006
NAGEL-Redaktion – Vorbilder
Vorbilder 1: Fußballvereine
Seit über 100 Jahren läuft „die Wirtschaft“ dem spanischen Fußballclub FC Barcelona (www.fcbarcelona.com) mit dem Ziel hinterher, Trikotwerbung unterzubringen. Eines der letzten Angebote: 22 Millionen Euro für den katalanischen „Superverein“. Abgelehnt! Auch mit Werbung für die Olympischen Spiele 2008 in Peking konnte die chinesische Regierung in Barcelona nicht landen. Da sei die traditionelle anarchische Sturheit Kataloniens vor! Doch nun – im September 2006 – hat sich der FC Barcelona weichkloppen lassen: Es gibt Werbung auf den Hemden! Nämlich für das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen UNICEF. Und der FC Barcelona zahlt dafür 1,5 Millionen Euro im Jahr. Das ist doch mal was wirklich Neues – und durchaus i-Punkt-würdig! Auch, dass der FC Schalke 04 (www.schalke04.de) sich weigert, NPD-Mitglieder aufzunehmen. Reguliert wird dies „auf Schalke“ satzungsgemäß durch den Hinweis, dass ein Ausschluss aus dem Verein erfolgen kann „insbesondere durch Kundgabe rassistischer oder ausländerfeindlicher Gesinnung“.
Originalmeldungen hierzu unter:
http://www.unicef.de/3886.html
www.fcbarcelona.com/eng/noticias/especiales/UNICEF.sht
www.aktive-fans.de/01a9d793ed0d8ca08/01a9d793ed0d8dd0b/501460979407ea209.html(Schalke)
(de-ip)
Vorbilder 2: Sankt Bernhard Hospital, Kamp-Lintfort
Siemens verschenkte (sic!) die Mobiltelefon-Sparte an BENQ. BENQ setzte den Betrieb binnen Jahresfrist an die Wand: Honi soit qui male y pense (Ein Lump, der Böses dabei denkt)! Tausende von Arbeitsplätzen, unter anderem in Kamp-Lintfort, kurzerhand platt gemacht! Das Sankt Bernhard Hospital in Kamp-Lintfort hat einige Käufe vor sich: Kernspintomografiegerät, Computer, Apparate zur Röntgen-Diagnostik, Herzkatheder usw., ein schlapper Millionenkauf halt. Auch die Kaffeemaschinen und Telefonapparate waren von Siemens. Die Krankenhausleitung erklärte, sie kaufe „auf unbestimmte Zeit“ nicht mehr bei Siemens. Eine begrüßenswerte Reaktion! Dies habe ich auch in einem Leserbrief an die NRZ mitgeteilt, Kopie ans Krankenhaus. Und ich habe meine persönliche Konsequenz gezogen: Uns kommt kein Siemensgerät mehr ins Haus; basta! Nur diese Sprache verstehen verantwortungslose Arbeitsplatzvernichter!
(de-ip)
i-Punkt 11/2006
NAGEL-Redaktion – Fernsehen: Der Kasten, der krank macht
Der Kasten, der krank macht
Niemanden wird sie glücklich machen, die Gesundheitsreform. Geschweige denn gesünder. Kanzlerin Angela Merkel hat uns längst gewarnt: Das „wichtigste Thema“ dieser Legislaturperiode, sagt sie, ist „so schwierig wie kaum ein anderes“. Klartext: Es wird in guter demokratischer Tradition nach viel Streit in einem enttäuschenden Kompromiss enden, weit entfernt von einer langfristigen Lösung der Krankenversicherungskrise. Dafür bekommt Deutschland bekanntlich auch viel zu wenige Kinder.
Doch die Deutschen könnten auf sehr einfache Weise glücklicher, gesünder und sogar zahlreicher werden. Auf Knopfdruck. Das ist zweifelsfrei erwiesen. Und dennoch ist die radikale Senkung der Gesundheitskosten durch den kollektiven Knopfdruck nicht durchsetzbar.
Denn Merkels Mahnung, dass es in der Gesundheitsdebatte keine „heiligen Kühe“ geben darf und „dass man auch ein Stück über den eigenen Schatten springen muss“, kommt gegen die gesundheitsschädlichste aller zivilen Maschinen nicht an. Nicht gegen jenes Gerät, das laut Wissenschaft unsportlich, faul, vergesslich, gedankenlos, gehemmt, überreizt, freudlos, wortkarg, scheu, ängstlich, gewaltbereit, kontaktarm, nervös, motorisch unterentwickelt, unausgeglichen, passiv, unsozial, depressiv, emotional abgestumpft, unkonzentriert, langweilig, sprachlich zurückgeblieben, fantasielos, aggressiv, unaufmerksam, unausgeschlafen, übergewichtig, verantwortungsscheu und einsam macht. All diese Adjektive vermitteln schon die oberflächliche Lektüre der einschlägigen Literatur über jene menschenfeindliche Maschine. Die Rede ist vom Fernseher. Bei übermäßigem Gebrauch wird der Zuschauer krank. Mit übermäßigem Gebrauch meinen Wissenschaftler bei Erwachsenen mehr als zwei Stunden täglich. Diese Marke hatten die Deutschen Mitte der 70er Jahre erreicht – als es den Krankenkassen, nebenbei bemerkt, noch gut ging. Mittlerweile liegt das deutsche Mittel bei sagenhaften dreieinhalb Stunden pro Tag. Der Durchschnittsdeutsche also belastet das Gesundheitssystem mit seiner liebsten Freizeitbeschäftigung beträchtlich. Am teuersten sind über 65 Jahre alte Frauen, die laut Statistik pro Tag fast fünf Stunden den Lichtblitzen auf ihrem Bildschirm folgen. Alte sind ohnehin die konsequentesten Glotzer. Selbst Jugendsendungen wie „Bravo TV“ im ZDF sitzen sie aus – angeblich ist mehr als die Hälfte der Zuschauer über 50 Jahre alt.
Auch sonst entspricht der Fernsehkonsum dem Gesundheitsgefälle im Lande: Im Norden wird länger ferngesehen als im gedeihlichen Süden, im kränkelnden Osten länger als im Westen. Arme gucken länger als Reiche. Besserverdiener und Hochschulabsolventen, die zudem dünner und sportlicher sind als der Rest der Bevölkerung, verbringen etwa eine Stunde weniger pro Tag im Hirnwellen verlangsamenden Trancezustand. Erwachsene sind selbst schuld, wenn sie das Lebenszeitvernichtungsgerät nicht ausschalten. Diese absurde Maschine, die dem modernen Menschen seine anderweitig ersparte Zeit tagtäglich wieder wegnimmt. Kinder jedoch können nichts dafür, wenn sie in krank machende Fernsehsucht hineinerzogen werden. Säuglinge können die Kiste nicht ausschalten, wenn ihre Eltern sie vor „Baby TV“ legen, ein Programm für Null- bis Dreijährige, das als Erziehungsinstrument vermarktet wird. Der Programmchef verspricht: „Wir achten streng darauf, unsere Zuschauer nicht zu überfordern.“ Dabei werden sie skandalös unterfordert: Kinder, die extrem viel fernsehen, landen zweimal wahrscheinlicher in der Hauptschule als andere. Schulleistungen sind, so eine gestern veröffentlichte Studie, noch stärker vom Fernsehkonsum abhängig als vom sozialen Hintergrund. Fast jeder vierte Sechsjährige hat ein eigenes Fernsehgerät – richtig sprechen können diese Kinder dagegen nicht.
Sie werden mit einem Sprachniveau von Dreijährigen eingeschult. Und dann für viel Geld zum Sprachtherapeuten geschickt. In Nordrhein-Westfalen ist die Zahl sprachbehinderter Schüler innerhalb von sechs Jahren um fast 60 Prozent gestiegen. Kein Wunder: Der durchschnittlich deutsche Schüler verbringt übers Jahr gerechnet mehr Zeit vor dem Fernseher als im Unterricht.
Bildungspolitisch wäre es also genauso angebracht, den Fernsehkonsum einzuschränken, wie gesundheitspolitisch. Und noch ein wichtiges, gar lebenswichtiges Argument gibt es, das der indische Gesundheitsminister CP Thakur neulich im Umkehrschluss vorgetragen hat: das demografische. Thakur nämlich sorgt sich wegen Indiens Kinderreichtum. Deshalb will er Fernseher verteilen lassen. Je mehr die Menschen fernsehen, so Thakur, desto weniger Kinder zeugen sie. „Wir wollen, dass die Leute fernsehen.“
Besser kann die radikal utopische Idee, weniger fernzusehen, eigentlich nicht begründet werden. Auf Deutschland angewendet lautet das Argument: Macht den Fernseher aus und stattdessen Kinder. Doch für Utopien fehlt dem deutschen Zeitgeister, der schon mit Reformen so furchtbar hadert, leider die Kraft.
(aus: Financial Times Deutschland, von Eva Busse)
i-Punkt 10/2006
NAGEL-Redaktion – Nicht wirklich
„Ich bin wohl der Arzt“, betonte vor 20 Jahren das sechsjährige Mädchen beim Doktor-Spiel. „Ich bin wohl die kranke Lehrerin“, meinte der Junge und erhielt prompt die Antwort: „In meinem Schrank sitzt wohl der böse Löwe“. Das Adverb „wohl“ galt als klassischer Kinder-Konjunktiv. Mit „wohl“ war einfach alles möglich. Heute antworten Sechsjährige auf die Frage, ob sie Lust auf Spinat, Aufräumen oder Englischunterricht haben: „Nicht wirklich.“ Ob die Kinder sich mit der neuen Formel über uns lustig machen? Wohl nicht wirklich. Mit diesem sprachlichen Zwinkern ist eher Augenhöhe angesagt. Kinder, die „nicht wirklich“ statt „nein“ sagen, haben verstanden, dass Wahrnehmung und Wirklichkeit in jedem Lebensalter etwas ziemlich Subjektives sind. Vermutlich begreifen Kinder die Definitionsmacht der Erwachsenen besser, als Pädagogen es für möglich halten.
Dr. Eva-Maria Oehrens in „kulturarbeit aktuell – Pressedienst der Akademie Remscheid 7-8/2006
i-Punkt 9/2006
NAGEL-Redaktion – Die Fußball-Weltmeisterschaft ist vorbei
Die WM ist vorbei
Als sich Daniel Cohn-Bendit während der Fußball-Weltmeisterschaft meldete und angab, im Gegensatz zur französischen Nationalmannschaft sei der deutschen die Integration nicht gelungen, bin ich zugegebenermaßen ein wenig ins Grübeln gekommen. Der Idealdeutsche sei Beckenbauer, der Idealfranzose Zidane, Sohn algerischer Einwanderer. Gut, die französischen Jungs kommen nicht selten aus der Vorstadt, wo es immer wieder mal brennt, nicht nur Autos. Insofern: gelungen! Leider kann eine Fußballelf auch nur in überschaubarem Maße Massen unterbringen. Dort, wo ich das Endspiel sah, in Dortmund, waren mindestens 90 Prozent der ZuschauerInnen Fans der Franzosen; auf anderen Plätzen war es durchaus auch umgekehrt. Gewonnen haben trotzdem die Italiener, jene Jungs, deren Mütter ihnen liebevoll ein Schwalbennest gebaut haben, das sie durchschnittlich 34 Jahre benutzen, ohne zu vergessen, ihre Mutter mit „Hostia“ oder „Porca Madonna!“ zu beschimpfen. Und sie weinen, diese Jungs! Bei jedem Sturz weinen sie. Selbst bei ihren „Schwalben“ weinen sie. Wir feiern diesen italienischen Sieg tagtäglich mit dem Schwalbenlied von Heintje, dem Oranjenen. Nun der Katzenjammer zu Hause: Abstieg mancher Stars in die Zweitklassigkeit. Das wird schon wieder: Mama hilft. Italienische Knaben wohnen tatsächlich im Schnitt 34 Jahre bei Mama (europäischer Rekord)! Das wird möglicherweise nur noch von polnischen Ministerpräsidenten getoppt.
Blicken wir noch einmal auf die von Cohn-Bendit benörgelte nichtmultikulturelle Nationalmannschaft: Sehen wir David Odonkor flitzen und helfen, Tore zu machen, und hören wir die Mädchen schreien, sobald sie ihn nur sehen, den Mann aus dem westfälischen Bünde. Schauen wir auf Gerald Asamoah, der bei der WM zwar selten mitspielen durfte, dafür aber um so lauter „Marmor, Stein und Eisen bricht“ vom soeben verstorbenen Drafi Deutscher anstimmte und mit David Odonkor und Lukas Podolski im Fernsehen intonierte; Lukas Podolski, der in seinem Geburtsort Gleiwitz/Polen inzwischen so bekannt wie in Deutschland ist und des Öfteren dort seine Oma besucht. Aus Polen ebenfalls Miroslav Klose, geboren in Oppeln, und über Frankreich in die Pfalz gelangt. Laut eigener Internetseite war die Schule in Deutschland ein Hammer. Der achtjährige Mirek wurde wegen schlechter Deutschkenntnisse gar zurückgestuft. Görlitz an der deutsch-polnischen Grenze nennt sich Europastadt Görlitz-Zgorzelec und wirbt mit seinem „Konzept der grenzüberschreitenden kulturellen Integration und des Dialogs zwischen den verschiedenen Kulturen“. Geboren wurde hier übrigens Michael Ballack. Und woher kommt Oliver Neuville? Er stammt aus Locarno und gelangte von dort aus über Genf und Teneriffa nach Deutschland. Ein wenig Internationalismus also auch in der deutschen Nationalmannschaft!
Während der Weltmeisterschaft waren geradezu rührende Szenen internationaler Verständigung zu beobachten. Vielleicht lässt sich von dieser Offenheit ein wenig bewahren; dann hätte „das Volk“ in nur einem Party-Monat mehr Integration geleistet, als Politik dies über Jahrzehnte vollbracht hat. Vielleicht sollte Politik sich etwas mehr zurückhalten bei Dingen, die die Leute viel besser allein schaffen. Ganz zu schweigen von rassistischen Sprüchen wie die des italienischen Senators Roberto Calderoli, der laut „taz“ vom 12. Juli 2006 den italienischen Sieg über die „gemischtrassige Mannschaft“ Frankreichs als „politischen Sieg“ feierte. Die reinrassigen Italiener hätten „eine Mannschaft geschlagen, die dem Streben nach Erfolg ihre Identität geopfert hat, indem sie Schwarze, Muslime und Kommunisten aufstellte“. Calderoli! Schweigen wäre Gold gewesen – wenn man solche Gedanken schon nicht verhindern kann!
Rainer Deimel
i-Punkt 8/2006
NAGEL-Redaktion – Von Schlaukindern und Problembären
Der Problembär ist ein Schlaubär, haben deutsche Fernsehsender herausgefunden. Bär Bruno durchquert die bayerischen Wälder auf Trimmpfaden, nutzt Flussbetten und überquert Autobahnen. In Garmisch-Partenkirchen hat er vermutlich den Skilift genommen, und im Zillertal sind seine Spuren vor einer Disco gesehen worden. Problempolitiker sind zwar manchmal Schlaupolitiker, aber der Umkehrschluss funktioniert nicht: Bei weitem nicht jeder Politiker, der Probleme hat oder macht, ist schlau. Problemkinder hingegen sind verdächtig oft Schlaukinder. Sie nutzen ungewöhnliche Wege und überschreiten Grenzen, ohne sie zu kennen. Schlafwandlerisch erschließen sie sich angeblich unzugängliches Terrain, beleben sterile Kanäle mit originellen Texten und Klängen und mischen die Medienszene auf. Kinder- und Jugendkulturarbeit gibt Problemkindern Chancen zu zeigen, was in ihnen steckt. Und dann ist einfach mehr als ein Bär los.
Dr. Eva-Maria Oehrens
www.akademieremscheid.de
Anmerkung der Redaktion: Zwischenzeitlich ist aus dem Schlaubären leider ein „Bärtyrer“ geworden. Nicht immer so schlau, schlau in Deutschland zu sein!
i-Punkt 7/2006
Anmerkung fürs Internet: Erinnern wir uns an einen der Erfinder des Phänomens „Problembär“? Richtig! Der Stoibär, dem diese Seiten ohnehin gewidmet sind. Seine unterhaltsamen Einlassungen werden uns spätestens im Herbst 2007 vermutlich schmerzhaft fehlen. Aber gerade deshalb hat er diese Seiten verdient. Lieber Edmund Stoibär, wir werden Sie nie vergessen!
NAGEL-Redaktion – Erbschaft für die ABA-Mitglieder
Schreiben an die ABA-Mitglieder vom 15. Mai 2006
Erbe-Übertragung
Hallo mein freind !
Mein name ist Herr GREG MOKWENA, ich bin ein hoehere bank Angestellte und in der abteilung Firmekundebetreung der WesBank (WB) [SUD AFRIKA ], Dieser Abteilung ist auch zustaendig fuer den betreung alle auslandischen Kunden.
Ich kontaktiere Sie bezglich des Transfers einer sehr groen Summe Geldes vom Konto eines Verstorbene kunde unsere bank. Ich wei, da eine Transaktion dieser Grenordnung zunchst bei jedem Besorgnis erregen wird und versichere ich Ihnen, da Ich um alles gekmmert habe. Aufgrund der Dringlichkeit der Angelegenheit habe ich mich entschlossen, Sie zu kontaktieren.
Es geht um folgendes:
Einer meiner Kollegen ist zustndig fr das Konto von Mr. Peter B.Hanson, 32, aus Groton, Massachusetts, USA., der im September 11, 2001 in New York bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam. Er befand sich gemeinsam mit anderen Passagieren an Bord der American Airlines Flight 175. Dieser unfall war von International terroristen verursacht wurde.Seit diesem Vorfall hat sich keiner von seiner nchsten Verwandten gemeldet um sein Erbe Ansprche auf das Guthaben auf seinem Konto erheben knnte. Wir knnen jedoch gem unserer Richtlinien das Geld nicht auszahlen, weil keiner als seiner Angehriger auftritt um Anspruch geltend machen kann. Aufgrund dieser Entdeckung der bankmanagement wird den vermoegen freigeben, es sei denn jemanden einer Antrag zu dieser zweck eingereicht hat. Dieser person muess sich angeben seinerVerwandter zu
sei.
Wie Die Richtlinien unsere bankwesen angezeigt hat, muess jemand dieser vermoegen beanspruchen damit dieser freigelassen wird. Leider ist keiner bis jetzt angekommen um den vermoegen zu behaupten daher bitten meine Kollegen um jemanden aus Deutschland zu suchen. Daher habe Ich nach einer langer versuch an ihrer Name in einer Internet datenbank gestossen. Ich trete daher mit Ihnen in verbindung durch dieser brief auf, und bitte ich Sie nun um Ihre Erlaubnis, Sie als nchsten Angehrigen des erstorbenen anzugeben. Die gesamte Abwicklung und Dokumentation wird sorgfltig von mir durchgefhrt, damit das Guthaben von 15,5 Millionen USD an Sie als nchsten Angehrigen ausgezahlt werden kann. Andernfalls wird die gesamte Summe nach fnf Jahren (Dezember 31,2006) in das Eigentum der Bank bergehen und die Direktoren der Bank werden den betrag untereinander aufteilen. Aufgrund dieser Tatsache habe ich mich entschlossen, mich an Sie zu wenden, damit Sie als Erbe auftreten knnen und nicht alles den Direktoren zugute kommen lassen. Wir werden vom Nachlaverwalter den Auftrag bekommen, einFamilienmitglied des Verstorbenen ausfindig zu machen, da das Erbe antreten kann. Wir werden dan ihrer Name als der verwandter angeben.
Wir bitten Sie, unseren Vorschlag anzunehmen und versichern Ihnen, da alles absolut risikofrei fr Sie ablaufen wird.Wir werden Sie mit 40% an der gesamte betrag belohnen, Ich mit meiner Kollegen bekommen 60% der gesamte betrag Nachdem wir fuer den UNKOSTEN 2% abgezogen hatten.Werden wir als aufwendung/unkosten bei der bearbeitung des transaktions 2% zudenken.
(ALLE AUFWENDUNGEN, DIE VON JEDER PARTEI IN DIESER VERHANDLUNG GEMACHT WERDEN, WERDEN VON DEN 2% RCKVERGTET WERDEN, NACHDEM DIE VERHANDLUNG GESCHLOSSEN WORDEN WAR.).
Sie werden erwartet diesem vorschlag zu erwidern fall Sie ihrer Interesse entspricht und sie wollen an dieser transaktion beteiligen. Sie werden mit den ablauf zunaechst verstaendigt um zu verstehen wie die bearbeitung ohne risiko gemacht wird. Wir werden einer schnelle ueberweissung nach Europa ausfuehren und hoffen dass sie uns dabei helfen koennen.
***Aus sicherheit grunden werde Ich nicht in der lage sei mit ihnen einer telefon gespraech auszufuehren waehrend der arbeitzeit. Folglich werde Ich Sie regelmaessig anrufen wegen sicherheit massnahmen um die transaktion nicht zu gefahrden oder zu enthuellen. Ich erwarte ihrer dringende Antwort. Bitte bemerken Sie auch dass dieser Transaktion muess als vertraulich behandeln worden. Alle oben gennanten Beamtern werden nicht im zusammenhang mit dieser transaktion gebracht werden um unnoetigen peinlichkeit und werbung zu vermeiden.
Ich verbelibe mit freundlichen gruessen.
Greg Mokwena
WENN SIE NICHT DER EMPFNGER DIESES BRIEFES SIND, LSCHEN SIE ES BITTE UND BERGEBEN SIE NICHT ZU ANDERER PERSON.
Absender: dealproject13@virgilio.it
Liebe Mitglieder, treten Sie Ihr Erbe an! Wir erhalten solche Schreiben immer wieder mal und löschen sie in der Regel. Diesmal wollten wir Ihnen den Brief nicht vorenthalten. Immerhin war er offiziell an den Verband gerichtet. Möglicherweise stutzig machen dürfte, dass das Schreiben vermutlich aus Italien kommt. Dazu aber weiter keine Kommentare.
i-Punkt 6/2006
NAGEL-Redaktion – Funkspruch in Galicien
Funkspruch in Galicien
Funkspruch zwischen Spaniern und Nordamerikanern, aufgenommen von der Frequenz des spanischen maritimen Notrufs, Kanal 106 an der galicischen Küste „Costa da Finisterra“, am 16. Oktober 1997. Der Funkspruch wurde im März 2005 von den spanischen Militärbehörden zur Veröffentlichung freigegeben. Angeblich haben ihn alle spanischen Zeitungen veröffentlicht. Dies soll in Spanien große Erheiterung ausgelöst haben.
Galicier: (Geräusch im Hintergrund) … Hier spricht A 853 zu Ihnen, bitte ändern Sie Ihren Kurs um 15 Grad nach Süden, um eine Kollision zu vermeiden! Sie fahren direkt auf uns zu, Entfernung 25 nautische Meilen.
Amerikaner: (Geräusch im Hintergrund)… Wir raten Ihnen, Ihren Kurs um 15 Grad nach Norden zu ändern, um eine Kollision zu vermeiden.
Galicier: Negative Antwort! Wir wiederholen deshalb: Ändern Sie ihren Kurs um 15 Grad nach Süden, um eine Kollision zu vermeiden!
Amerikaner: (eine andere amerikanische Stimme) Hier spricht der Kapitän eines Schiffes der Marine der Vereinigten Staaten von Amerika zu Ihnen. Wir beharren darauf: Ändern Sie sofort Ihren Kurs um 15 Grad nach Norden, um eine Kollision zu vermeiden!
Galicier: (mit Bestimmtheit) Dies sehen wir weder als machbar noch als erforderlich an; deshalb empfehlen wir Ihnen nochmals, Ihren Kurs um 15 Grad nach Süden zu ändern, um eine Kollision zu vermeiden!
Amerikaner: (stark erregter, befehlshaberischer Ton) Hier spricht Kapitän Richard James Howard, Kommandant des Flugzeugträgers „USS Lincoln“ von der Marine der Vereinigten Staaten von Amerika, das zweitgrößte Kriegsschiff der nordamerikanischen Flotte! Uns geleiten zwei Panzerkreuzer, sechs Zerstörer, fünf Kreuzschiffe, vier U-Boote und mehrere Schiffe, die uns jederzeit unterstützen können. Wir befinden uns in Kursrichtung Persischer Golf, um dort ein Militärmanöver vorzubereiten und im Hinblick auf eine Offensive des Irak auch durchzuführen. Ich rate Ihnen nicht, ich befehle es Ihnen, Ihren Kurs um 15 Grad nach Norden zu ändern! Sollten Sie sich nicht daran halten, so sehen wir uns gezwungen, die notwendigen Schritte einzuleiten, die erforderlich sind, um die Sicherheit dieses Flugzeugträgers und auch die dieser militärischen Streitmacht zu garantieren. Sie sind Mitglied eines alliierten Staates, Mitglied der NATO und somit dieser militärischen Streitmacht. Bitte gehorchen Sie unverzüglich und gehen Sie uns aus dem Weg.
Galicier: Hier spricht Juan Manuel Salas Alcántara. Wir sind zwei Personen. Uns begleiten unser Hund, unser Essen, zwei Bier und ein Mann von den Kanaren, der gerade schläft. Wir haben die Unterstützung der Sender Cadena Dial von La Coruña und Kanal 106 als Maritimer Notruf. Wir fahren nirgendwo hin, da wir mit Ihnen vom Festland aus reden. Wir befinden uns im Leuchtturm A-853 Finisterra an der Küste von Galicien. Wir haben eine Scheißahnung, welche Stelle wir im Ranking der spanischen Leuchtturme einnehmen. Und Sie können die Schritte einleiten, die Sie für notwendig halten und auf die Sie geil sind, um die Sicherheit ihres Scheiß-Flugzeugträgers zu garantieren, zumal er gleich gegen die Küstenfelsen Galiciens fahren und an diesen zerschellen wird; und aus diesem Grund müssen wir darauf beharren und möchten Ihnen die Kursänderung nochmals ans Herz legen, weil es das Beste, das Gesündeste und das Klügste für Sie und Ihre Leute ist, nämlich Ihren Kurs um 15 Grad nach Süden zu ändern, um eine Kollision zu vermeiden. Ende!
i-Punkt 5/2006
NAGEL-Redaktion – Fernsehen 2006
Fernsehen 2006
Dieser Tage schlage ich meine Fernsehzeitschrift auf und lese folgendes Programm
5.15 Stuart Stupid – Eine Familie zum Kotzen
6.50 talk talk talk
7.45 Teenage Werewolf
8.15 Keine Gnade für Davis (Comedyserie)
9.40 Liebe auf den ersten Schrei
11.35 Switch
12.10 Die Sketch Show
12.40 Comedy Club
15.15 Charmed
16.10 Charmed
17.05 What’s up, Dad?
17.30 Sarah & Marc in Love
19.00 talk talk talk
20.00 Newstime
20.15 Nix wie raus aus Orange County
21.50 Blind Horizon (Thriller)
23.50 RoboCop3 (Actionfilm)
1.40 Suspicous Minds (Thriller)
Da fragt man sich ja schon: Hat das Angehen gegen diese Sprachverhunzung überhaupt noch einen Sinn? (1) Und dann lese ich zwei Spalten weiter das Programm eines anderen Senders für denselben Tag:
14.00 Barbara Hirschbichler
14.45 Künstler hautnah
15.15 Der Vater meiner Schwester
16.55 Kaleidoskop
17.20 Absolut
18.45 Mit offenen Karten
19.00 Paläste der Macht
19.50 Info
20.15 Neue Gartenkunst
20.40 Terra X
21.40 360°-Geo-Reportage: SOS auf hoher See
22.10 Die Zauberflöte
0.45 Metropolis
1.35 Kafka geht ins Kino
Was lernen wir daraus? Der erste Sender war Pro 7, also ein typischer Vertreter des von Harald Schmidt einmal so arrogant wie zutreffend benannten „Unterschichtsfernsehens“. Tiefer geht es nicht. Der zweite Sender war Arte, also ein Kanal, in dem Zeitgenossen, deren kultureller Horizont bei McDonalds und Coca-Cola endet, eher selten schwimmen.
Die Anglizitis wandert von oben nach unten. Vor 20-30 Jahren galt es in besseren Kreisen als schick, sich im City Look bei einem Happening zu outen. Heute redet man dort in dieser Sprache im allgemeinen nur noch dann, wenn man, wie der Direktor des Frankfurter Städel-Museums, auch das Pro 7-Publikum erreichen will. Denn heute ist Denglisch die Sprache der Zurückgebliebenen, der Möchte-gern-Erfolgreichen, der Nachmacher und der Verlierer. Wer immer noch zu Meetings einlädt, sich committet und auf deadlines achtet, wird von wahren Tonangebern nicht mehr ernstgenommen – Denglisch-Schwätzer laufen wie mit einem großen Pickel auf der Nase durch die Gegend. Die meisten haben es nur noch nicht gemerkt. (2)
Prof. Dr. Walter Krämer in „Sprachnachrichten“ 28/2005
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(1) Anmerkung der Redaktion: Da fällt uns gerade ein: Etwas kann sinnvoll sein, wie etwas Sinn haben kann. „Sinn machen“ kann übrigens nix! Obwohl wir jeden Tag – mit zunehmender Tendenz – von Dingen hören, die für viele Leute „Sinn machen“. Wieder einmal sind wir einem Anglizismus (dazu noch einem ganz scheußlichen!) aufgesessen! Der Redakteur fängt spätestens nach der zweiten Verwendung mit dem Zählen an: Wie oft kommt es noch? Und während ich zähle, zuhören? Fehlanzeige! Geblubber für den Eimer – gewissermaßen!
(2) Diese Fußnote widmen wir dem 2003 verstorbenen amerikanischen Medienökologen Neil Postman, der uns das „Ende der Kindheit“ prophezeit hat. Schließlich prognostizierte er, wir „amüsierten uns zu Tode“. In diesen Tagen wäre er 75 Jahre alt geworden. Zum Denken hat er uns allemal angeregt. Manche seiner Thesen zweifeln wir inzwischen an, stellen allerdings fest, dass das Fernsehen sehr wohl zur weiteren Verrohung junger Leute beitragen kann, wenn das individuelle Umfeld entsprechend „mitmischt“. Aus meiner Kindheit kenne ich: „dbddhkpukku“ (Doof bleibt doof, da helfen keine Pillen und keine kalten Umschläge). Diese Abkürzung ging uns flink über die Lippen; noch heute beherrsche ich sie fließend. Eine Generation früher hieß es: „Gegen Dummheit ist kein Kraut gewachsen.“ Es geht auch nicht um Kräuter! Es geht um Bildung! Aber unsere Regierenden verschließen die Augen vor dem, was funktioniert. Es könnte ja auch gefährlich sein, von gebildeten Menschen gewählt werden zu müssen. Und Fernsehen versaut unserer Erkenntnis zufolge immer mehr. Mit Sorge beobachten wir beispielsweise den Wandel des Senders „mtv“: Häufig geht es dort nicht mehr um Musik, sondern um Verrohungsstrategien und fortschreitende Verdummung. Die „Skater“-Kultur zumindest hat inzwischen beträchtlichen Schaden genommen, wie wir beobachten können. „Skater“ hatten ursprünglich tatsächlich so etwas wie Kultur entwickelt: Anteilnahme, Hilfsbereitschaft und Rücksichtnahme; diese Tugenden gehen zunehmend unter im Sumpf der morbiden Sendungen von „mtv“.
i-Punkt 4/2006
NAGEL-Redaktion – Terminus mortem: Shop
Terminus mortem: Shop
Der Anglizismus Shop ist ein so genannter „Rückkehrer“. Eigentlich handelt es sich um das deutsche Wort „Schuppen“, das in England die Form Shop annahm. Dass das Wort dort für den Ort des Warenverkaufs stand, war durchaus nachvollziehbar. Geschäfte wurden – hier wie dort – in Schuppen abgewickelt. Allerdings waren es nur einfache Geschäfte. Feinere Warenumschläge wurden in den deutschsprachigen Ländern in „Läden“, „Geschäften“, „Warenhäusern“ usw. abgewickelt. Spezialisten gar verzichteten auf solche übergreifenden Begriffe, für diese gab es „Fleischereien“, „Bäckereien“, „Drogerien“, „Reformhäuser“, „Anglerbedarf“, „Imbiss-Stuben“ usw. Entweder ist das Spezialistentum auf dem Rückzug oder den Spezialisten ist die sprachliche Kreativität abhanden gekommen. Jedenfalls feiert der ehemalige Schuppen in seiner englischen Ausprägung Shop rauschende Erfolge. Vom „Blumen-Shop“ bis zum „Tank-Shop“, vom „Handy-Shop“ bis zum – sehr verwunderlich – „Bio-Shop“ heißt jeder Laden, dem nichts Besseres eingefallen ist, nun Shop. Grenzen gibt es nicht. Wunderliche Erscheinungen sind dabei durchaus eingeschlossen, denn was eigentlich ein „Back-Shop“ sein soll, ist ja nicht auf Anhieb klar. Ist es ein „Hinterladen“ oder eine Bäckerei? Kann ich im „Angel-Shop“ nun frische Engel erwerben oder nur biederen Anglerbedarf? Der „Gyros-Shop“ macht dem „Döner-Shop“ heftige Konkurrenz, beide entpuppen sich allenfalls als fettige Frittenbuden wie der „Bratwurst-Shop“ oder der „Gockel-Shop“.
Es ist also nicht nur die Beliebigkeit, die dem Anglizismus Shop den Garaus macht. Er steht natürlich für Einfallslosigkeit, Ideenarmut und Erbärmlichkeit. Aber er steht auch für Schmierigkeit und verbrauchte Luft. Es stinkt im Schuppen. Wer also irgendeine ernsthafte und seriöse Ware anzubieten hat, sollte dies auf keinen Fall in einem Shop tun.
(Sprachnachrichten Nr. 29/Februar 2006 – Beitrag von Reiner Pogarell)
Anmerkung der Redaktion: Da wir uns in der NAGEL-Redaktion dazu entschlossen haben, die so genannte neue Rechtschreibung moderat anzuwenden, haben wir diesen Beitrag entsprechend angepasst; dies in der Hoffnung, damit keinen Zorn bei der Redaktion der „Sprachnachrichten“ zu erregen.
i-Punkt 3/2006
Hier ein schönes Beispiel:

Solche Ärgernisse begegnen einem unterwegs immer wieder. Hier soll es sich um einen Fahrradladen handeln – nach dem Zufallsprinzip im Internet gefunden. Warum das „Vehikel“ vor dem „Shop“ ein Eigenleben als Substantiv führt, bleibt des Schildermalers Geheimnis. Wie der Apostroph in den Genitiv („Rudi’s“) gelangt ist, wollen wir lieber nicht nachfragen.
NAGEL-Redaktion – Die Zielscheiben der Vögel und von weißen und dunklen Autos
Die Zielscheiben der Vögel und von weißen und dunklen Autos
Britische Forscher haben die Hinterlassenschaften von Vögeln auf 2.000 Autos gezählt. Das Ergebnis: Weiße Autos werden von ihnen am liebsten bombardiert. Dunkle Autos, vor allem blaue und schwarze, scheinen vor den Vögeln sicher zu sein. Den Vogelexperten wundert das nicht: Vögel würden vor allem auf weiße Autos zielen, weil sie deren Farbe mit Raubvögeln assoziierten.
i-Punkt 2/2006
NAGEL-Redaktion – Die Sonntagsmediendemokratie

Sonntags um 21.45 Uhr kann man in der ARD besichtigen, wie die konservative Mitte ihre neuesten Sprachregelungen dem Publikum verkauft. Dann umrundet eine kostbare Mischung aus Multimillionären und mit abstrusen Sondervergütungen gemästeten Spitzenbeamten eine schwer gestylte, doch unverkennbar verdrießliche Blondine namens Sabine Christiansen und stellt unerbittlich fest, dass Deutschland ein Sanierungsfall sei: „Wie krank ist Deutschland?“, „Wirtschaftsflaute, Streik – Bleibt Deutschland Schlusslicht?“, „Kassen leer, Nerven blank – Regierung ratlos“ so lauten jeden Sonntag wieder die stets gleichen Themen. Und bald ist klar: Es geht im Grunde schon nicht mehr um Reformen, sondern um die Systemüberwindung.
Und deshalb bietet Sabine Christiansen der großen Koalition der Systemüberwinder allwöchentlich die Chance, dem Publikum zu verkünden, dass die heilige Utopie des Kapitalismus erst mal ans Ende gekommen ist. Denn es sieht nicht so aus, als ob es weiter ginge wie versprochen: Dass wir immer weniger arbeiten müssen und dabei immer mehr verdienen. Im Moment sieht es eher umgekehrt aus: Die Wirtschaft muss wachsen, dafür muss der „kleine Mann“ mehr und länger arbeiten, weniger verdienen und seine selbst verschuldete Arbeitslosigkeit mit Sozialhilfe bezahlen. Dabei ist unsicher, ob er Arbeit findet und ob es „der“ Wirtschaft beliebt, einen 50-Jährigen noch zu beschäftigen. Trotzdem wird das Rentenalter heraufgesetzt, und man sollte sich darauf einstellen, sich um drei Minijobs gleichzeitig zu prügeln. Wir wollen diesem Deutschland-Rescue-Team unsere Hochachtung aussprechen: Die Aufgabe ist schwer, und trotzdem scheut es keine Mühe, seine unfrohe Botschaft zu verkünden. Sabine Christiansen gibt ihr Bestes, dass die Herrschaften dabei nicht gestört werden. So wird man in dieser Runde niemals hören, dass in den letzten zehn Jahren die Netto-Realeinkommen um über vier Prozent gesunken sind, während die Wirtschaft um ca. 15 Prozent gewachsen ist.
Solche Bagatellen erschüttern doch die freie Presse nicht. Zwar halten immer noch zwei Drittel der Bevölkerung neoliberale Reformen wie die Agenda 2010 für fiesen Unfug, aber das hindert 98 Prozent unserer medialen Dienstleister nicht daran, stramm gegen ihr Publikum zu halten. Auch bei Sabine Christiansen wird nicht diskutiert: Die Chefetage dekretiert ihre Zehnjahrespläne. Da es nichts zu diskutieren gibt, versucht man, uns mit der Androhung des Untergangs zu unterhalten. Hin und wieder wird nach Schuldigen gefahndet: „Die Stunde der Wahrheit: Wieviel soziale Gerechtigkeit können wir uns noch leisten?“ oder: „Gewerkschaften, Beamte, Politiker – Wer blockiert das Land?“. Leider stehen alle Antworten schon vor Sendebeginn fest. Jeder dieser Katastrophentalks ist komplett austauschbar.
Sabine Christiansen funktioniert als Tonspur in der Endlos-Schleife mit den stets gleichen Figuren, die bloß unterschiedliche Namen tragen. Transkribierte man die Palavermasse in Schrifttext ohne Quellenangabe – 98 Prozent des Wortumsatzes bei Sabine Christiansen ließe sich keiner Person oder keinem eigenen Programm zuordnen. Heinrich von Pierer, Friedrich Merz, Wolfgang Clement mögen genetisch differieren, rhetorisch nicht.
Friedrich Merz formulierte in der Sendung vom 29. Juni 2003 eine treffende Einsicht: „Sie haben ja heute Ihre 250. Sendung – ich finde, wir sollten Ihnen erst mal gratulieren zu dieser Sendung. Diese Sendung bestimmt die politische Agenda in Deutschland mittlerweile mehr als der deutsche Bundestag.“ Nun werden sich ältere Jahrgänge vielleicht nicht nur an den Bundestag erinnern, sondern auch daran, dass zur Demokratie unterschiedliche Programme gehören. Es lässt sich in gefahrloser Allgemeinheit sagen: Es gibt nicht nur keine politischen Programme (außer „Wirtschaftswachstum“), es gibt auch keine Unterschiede in den Als-ob-Programmen. Politik beschränkt sich darauf, dem Wähler angebliche Zwänge zu verkaufen. Sabine Christiansen sorgt dafür, dass das so wenig als möglich auffällt: Sie simuliert streitbare Demokratie.
Allerdings hat die Sendung auch erhebliche Vorteile. Wer drei Mal Sabine Christiansen gesehen hat, wird nicht mehr behaupten dürfen, er hätte den Offenbarungseid der deutschen Politik nicht mitbekommen. Andererseits dürfte aber auch niemandem mehr entgehen, dass der größte Teil der Medien als unabhängige „vierte“ Macht abgedankt hat.
Walter van Rossum, Meine Sonntage mit Sabine Christiansen, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2003
i-Punkt 5-2005
NAGEL-Redaktion – Die erste Kanzlerin vor der echten Kanzlerin

Das Thema „Christiansen“ hat uns im Extra im i-Punkt 5-2005 bereits schon einmal beschäftigt. Die Äußerung kann man sich hier problemlos laden. Hellhörig gemacht hat uns erneut der ehemalige BDI-Präsident Hans-Olaf Henkel. „Die Welt“ vom 24. November 2005 schrieb:
„Seit längerem ist zu beobachten, dass Kollegen, die sonntags „Christiansen“ gesehen haben, montags dümmer ins Büro kommen. Bislang freilich durfte man dies nur im kleinen Kreis aussprechen. Nun aber bekommen wir in unserer Abscheu vor Fernseh-Talkshows prominente Unterstützung. Der Ex-BDI-Präsident Hans-Olaf Henkel bekennt: ‚Ich kann die Sendungen ja selbst nicht mehr sehen. Das ist zum Kotzen.’ Und hinzu fügte der Dauergast jener Talkshows, bei denen immer dieselben Leute in unserem Wohnzimmer jeden Unsinn sagen dürfen: ‚Ich kann mich manchmal auch nicht mehrt hören.’ Ja, das geht uns manchmal auch so. Wenig überzeugend jedoch ist Henkels Begründung, warum er sich dennoch immer wieder einladen lässt: ‚Wenn Sie etwas in der Gesellschaft verankern wollen, dann müssen Sie es immerzu wiederholen.’ Das ist Henkel doch bei seinem Leib- und Magen-Thema nicht gelungen: Schließlich war die letzte Bundestagswahl ein Referendum just gegen das Dauergerede der Talkshows.“ (mka)
i-Punkt 1-2006
NAGEL-Redaktion – Sippenhaft
Da reibt man sich doch verwundert die Augen: Christian Wulff, Niedersachsens CDU-Ministerpräsident und möglicherweise – so wird hin und wieder kolportiert – Deutschlands „beliebtester Politiker“, hat versucht, VW-Aufsichtsratschef Piech zu beeinflussen. Der sollte Horst Neumann als Arbeitsdirektor zu verhindern. Piech: „Warum?“ Wulff: „Er ist der Lebensgefährte von Andrea Nahles.“ Piech: „Das reicht mir nicht als Begründung.“ Horst Neumann tritt die Nachfolge von Peter Hartz (Hartz I – IV) an, der wegen diverser Konzern-Skandale zurücktrat. Neumann ist privat mit Nahles liiert.
i-Punkt 12-2005
NAGEL-Redaktion – Österreicherin zum Deutschtest aufgefordert
Das Stuttgarter Ordnungsamt hat eine Frau aus Österreich zu einem Deutschtest aufgefordert. Die 62-Jährige wollte sich einbürgern lassen. Nach Angaben des Amtes hatte die Frau die zuständige Sachbearbeiterin nicht von ihren Sprachkenntnissen überzeugen können. Trotz eines persönlichen Gesprächs habe die Sachbearbeiterin Zweifel an den Deutschkenntnissen der Österreicherin gehabt, bestätigte die Amtsleiterin einen Bericht der „Stuttgarter Zeitung“. Die Unterhaltung sei „nicht glücklich verlaufen“. In der Regel müssten Menschen aus deutschsprachigen Ländern keinen Sprachnachweis erbringen. Die Österreicherin hatte bereits ihre Ausbildung in Deutschland absolviert, arbeitet seit neun Jahren in Stuttgart und leitet Literaturkreise: auf Deutsch.
(Spiegel Online vom 25. August 2005)
i-Punkt 11-2005
NAGEL-Redaktion – Kultur-Allerlei
Es ist ja nicht der Erste und auch nicht der Einzige, doch jetzt hat es auch Herbert Blomstedt gesagt: Leipzigs Anfang Juli 2005 ausgeschiedener Gewandhauskapellmeister vermag den Dirigentenstab ähnlich energisch zu schwingen wie das Zepter der hohen Kultur. Er sagte also: Eigentlich sei die ganze Gesellschaft krank. Die Erziehung zur Kultur habe kläglich versagt. Geistige Werte seien nicht mehr gefragt. Es sei aufgezogen eine Epoche des krassen Materialismus.
Aber Herr Blomstedt: Wir haben doch jede Menge Kultur. Wir haben die Lese-Kultur, die Schreib-Kultur, die Wohn-Kultur, die Lauf-Kultur sowie Fahr-, Sitz- und Sofa-Kultur. Wie haben die Spiel-Kultur und die Sprach-Kultur, des Weiteren die Schlaf-Kultur, die Ess- und Trink-Kultur, die Arbeits- und Büro-Kultur sowie die Haarschneide- und die Fußpflege-Kultur. Wir haben dazu Rock-, Hosen-, Krawatten- und Schuh-Kultur und sogar eine Socken-Kultur. (*)
Wenn das noch nicht genügt, haben wir außerdem noch Bau-Kultur, Gegen-Kultur, Jugend-Kultur, Sub-Kultur, Unternehmens-Kultur, Industrie-Kultur, Alltags-Kultur, Kiosk-Kultur, Kneipen-Kultur und Karnevals-Kultur.
Was sagen Sie jetzt, Herr Blomstedt?
(Christopher Onkelbach in der WAZ vom 23. Juli 2005)
(*) Vom Kultur-Beutel ganz zu schweigen!
i-Punkt 10-2005
NAGEL-Redaktion – Geschlechterkampf
Sind Sie den Geschlechterkampf nicht auch leid? Männer und Frauen sind nun mal unterschiedlich, daran besteht ja wohl kein Zweifel. Ich denke, wir sollten nicht die negativen Eigenschaften von Männern und Frauen verschärfen, sondern die positiven loben. Lasst uns mit den Frauen anfangen: Frauen sind mitfühlend, liebevoll und sozial. Sie weinen sogar, wenn sie glücklich sind, und tun immer kleinen Dinge, um zu zeigen, wie sehr sie sich um einen kümmern. Sie werden auf keinen Fall aufgeben, um das ihrer Meinung nach Beste für ihre Kinder rauszuholen. Frauen haben die Fähigkeit, auch dann zu lächeln, wenn sie todmüde sind. Sie können ein einfaches Essen in ein Festmahl verwandeln. Frauen wissen, wie sie das meiste für ihr Geld bekommen. Sie allein können einen traurigen Freund richtig trösten. Frauen bringen Freude und Lachen in diese Welt. Sie kennen die Tricks, wie man Kinder stundenlang beschäftigt! Sie sind liebenswürdig und loyal, dabei versteckt sich hinter ihrem sanften Wesen ein Wille aus Stahl. Meilen würden sie gehen, um einem Freund in Not zu helfen. Frauen sind durch Ungerechtigkeit leicht zum Weinen zu bringen. Sie wissen, wie man einem Mann das Gefühl gibt, ein König zu sein. Frauen machen unsere Welt einfach zu einem glücklicheren Ort zum Leben. Jetzt zu den Männern: Männer können Stadtpläne lesen und Spinnen töten.
i-Punkt 9-2005
NAGEL-Redaktion – Ist Ehe ungesund?
Ein Forscherteam der Boston University unter der Leitung von Elaine Eaker fand heraus, dass verheiratete Frauen, die einem Streit mit ihrem Ehemann aus dem Weg gehen, ein viermal höheres Risiko haben, an Herzerkrankungen und Schlaganfall zu sterben als unverheiratete Frauen. Dies berichtet der amerikanische Branchendienst Science Daily. Auch Männer sterben doppelt so oft früher, wenn sie mit einer emotional unausgeglichenen Frau verheiratet sind. In der Studie wurden zum ersten Mal die Auswirkungen der Ehe auf das Auftreten und die Entwicklung von Herzkrankheiten und Sterblichkeit untersucht.
Die Forscher analysierten ein Sample von 1.493 Männern und 1.501 Frauen, die verheiratet waren oder in einem eheähnlichen Beziehungsverhältnis lebten, und verfolgten den Gesundheitszustand der Teilnehmer über eine Dauer von zehn Jahren.
Dabei kamen sie zu dem Ergebnis, dass Ehemänner mit einer doppelt so hohen Wahrscheinlichkeit früher sterben als unverheiratete Männer. „Verheiratete Männer sind zwar oft Nichtraucher, dennoch sind sie tendenziell dicker, haben schlechtere Blutwerte und höhere Cholesterinwerte als Singlemänner“, erklärte Eaker. Männer, deren Ehefrauen verärgert und gestresst aus der Arbeit zurückkehrten, hatten ein zweifach höheres Risiko an Herzerkrankungen zu sterben als unverheiratete Männer. Frauen, die in einer angespannten ehelichen Situation ihre Gefühle für sich behielten, hatten gegenüber extrovertierten und emotionalen Frauen ein vierfach höheres Risiko, zu sterben.
Die Forscher glauben, dass die Ergebnisse der Studie eine vermehrte Miteinbeziehung psychosozialer Faktoren in die medizinische Behandlungspraxis zur Folge haben wird. „Die Ergebnisse sind einzigartig. Wir haben Charakteristika der Ehe herausgefunden, die einen Einfluss auf die Gesundheit und die Lebensdauer der Ehepartner haben“, erklärte Eaker. In Zukunft sollen den Krankenberichten und Patientenblättern auch psychosoziale Screening-Fragen angefügt werden, empfehlen die Experten.
(Pressetext/GesundheitPro 4. März 2005)
i-Punkt 8-2005
NAGEL-Redaktion – Der Regenbogen an sich und in der amerikanischen Kultur
Der Regenbogen ist eine farbenprächtige und faszinierende atmosphärische Erscheinung. Und weil die Menschen seit Jahrtausenden über dieses Naturphänomen staunen, haben sie ihm in vielen Kulturen eine ganz besondere Bedeutung gegeben. In der griechischen Mythologie zum Beispiel war er ein Kennzeichen der Götterbotin Iris. Sie stieg auf ihm zur Erde nieder. Die Inkas betrachteten den bunten Himmelsbogen als Gottheit. Und in der Bibel steht er als Symbol des alttestamentlichen Bundes zwischen Noah und Gott.
Ein vierjähriges Kindergarten-Kind in der amerikanischen Stadt Geneva im Bundesstaat New York hat jetzt einen Regenbogen gemalt, aber damit bei besorgten Eltern einen echten Kulturschock ausgelöst. Als sie die Zeichnung nämlich sahen, beschwerten sie sich umgehend bei der Kindergarten-Leitung. Denn sie kannten ganz offensichtlich nur die eine, zeitgenössische Bedeutung: Heute gilt der Regenbogen nämlich auch als Symbol der Homosexuellen-Szene.
Der Kindergarten reagierte schuldbewusst und entschuldigte sich bei den Eltern. Und damit kein Kindergarten-Kind jemals mehr in diesen religiös aufgeheizten amerikanischen Sphären einen Regenbogen naturgetreu aufs Papier bannen kann, kam der Kindergarten auf eine bahnbrechende Idee: Er begrenzte die Zahl der Farben bei den Stiften. Regenbogenfarben kommen jetzt erst gar nicht mehr vor.
(Angelika Wölk in der WAZ vom 25. Juni 2005)
Anmerkung der Redaktion: Dass dieser möglichen „Ente“ aus dem Internet zahlreiche Agenturen und Nachrichtenredaktionen aufgesessen sind, macht die Nachricht nicht weniger amüsant.
i-Punkt 7-2005
NAGEL-Redaktion – Panische Eltern: Warum uns die Flut an Warnhinweisen in den Wahnsinn treibt – und die Kinder ebenso
Kinder leben gefährlich. Sie werden entführt und missbraucht. Sie erleiden schreckliche Unfälle, sie verirren sich und verpassen nach Einbruch der Dunkelheit den Bus. Ständig! Das jedenfalls ist die Botschaft einer Erkelenzer Firma an alle, die Kinder haben. Und, siehe da, die Erkelenzer haben ein System entwickelt, das verängstigten Eltern Sicherheit bieten soll. „Kids protect“, so sein Name, arbeitet mit Handytechnik und kann den Aufenthaltsort eines Kindes überwachen – verlässt es einen genau definierten Aktionsradius, schlägt das System Alarm. In den USA verkauft sich so was gut, und auch Deutschland scheint bald reif für die elektronische Vollkontrolle.
Denn: Unter den Eltern grassiert die Angst. Die Angst vor Kriminellen und Perversen, aber auch die Angst vor Computerspielen und dem Fernsehen. Wir haben Angst vor Allergien, vor Schadstoffen, Fett- und Magersucht, vor den Gefahren des Autoverkehrs, Alkohol und Drogen, UV-Strahlen, vor Schulversagen, dem plötzlichen Kindstod und vor Teenieschwangerschaften. Wir haben sogar Angst vor Gartenteichen, denn das Kind könnte ja darin ertrinken.
Wo ist nur die Lockerheit geblieben, dieses Gefühl, „die kriegen wir schon groß“? Durch den brennenden Wunsch, wirklich alles, alles richtig zu machen, verkrampfen wir zusehends. Wenn etwas passiert, ganz klar, sind wir schuld. Schließlich hätten wir ja den Erste-Hilfe-Kurs für Säuglinge buchen, den Sohn bei der Nachhilfe oder die Tochter beim Mädchen-Selbstverteidigungs-Training anmelden können.
Überhaupt anmelden. Wir lieben es, unsere Kinder irgendwo anzumelden, weil wir sie dann in Sicherheit wähnen. Turnen, Tennis, Ballett oder Blockflöte – lückenlose Kinderaufsicht ist auch ein Statussymbol geworden. Straßenkinder gelten als Schmuddelkinder.
Auch die letzten kindlichen Vergnügungen wollen gut durchorganisiert sein. Die Bundesarbeitsgemeinschaft „Mehr Sicherheit für Kinder“ in Bonn warnte Eltern in diesem Winter eindringlich vorm Schlittenfahren. Eltern sollten die Rodelpiste vorher in Augenschein nehmen und die Kinder nie bäuchlings oder mit dem Kopf voran rodeln lassen. Die Bahn dürfte weder zu steil noch zu schmal sein, die Schneedecke bitte nicht gefroren. Außerdem sollte das Kind einen Helm und der Schlitten ein TÜV-Zeichen tragen. Was hätten wohl die Kinder von Bullerbü zu diesen Rodelregeln gesagt?
Wahrscheinlich wären sie gleich zu Hause geblieben. Das empfiehlt sich übrigens auch im Sommer, wie eine Plakatkampagne uns Eltern vor zwei Jahren nahe legte. Das Motiv: ein Kind mit nacktem Oberkörper auf dem Spielplatz, das gerade von einem großen, schwarz gewandeten Mann entführt wird. Sexueller Missbrauch? Nein. Die Arbeitsgemeinschaft Dermatologische Prävention warb damals mit dem Slogan: „Holen Sie Ihr Kind aus der Sonne, bevor es ein anderer tut.“ Wen schaudert’s da nicht? Ein zartes, halbnacktes Kind, ein gesichtsloser Sensenmann … Hu!
Der natürliche Impuls, uns um unsere Kinder zu sorgen, macht uns offen für solche Schreckensbilder. Die Melodie der Elternliebe hat vor allem ein Grundrauschen: Schuldgefühle. Und Lobbyisten aller Art beherrschen es perfekt, dieses Geräusch niemals verstummen zu lassen.
Zum Beispiel mit allgegenwärtigen Warnhinweisen, die dafür sorgen, dass ein latent vorhandenes Unbehagen immer wieder in lodernde Panik umschlägt. So liegen angeblich überall Kleinteile herum, die kleine Kinder auf der Stelle verschlucken, um daran jämmerlich zu ersticken. Nahrungsmittel sollen nach dem Willen der NRW-Verbraucherschutzministerin Bärbel Höhn nicht unbeschrieben bleiben – sie forderte jüngst erst Karies-Warnhinweise auf Süßigkeiten-Packungen. Und fast hysterisch mutet das Kleingedruckte auf einem Osterbastelbogen an. „Nur geeignet für Kinder ab vier Jahre“, steht da geschrieben – wegen „Verletzungsgefahr mit der Schere“.
Je weniger Kinder es in Deutschland gibt, desto mehr Lust hat die Nation, sie mitzuerziehen. Jeder einzelne Aufruf mag gut gemeint sein – in der Masse beginnen uns die wohlmeinenden Warnungen zu erdrücken. Ihr Eltern, so das unterschwellige Signal der Botschaften, Ihr Eltern seid eigentlich nicht ganz zurechnungsfähig. Was gut und richtig ist für Kinder, das wissen nur die Sicherheitsexperten, Pädagogen oder auch eine TV-Supernanny. Ohne konkrete Anweisungen geht alles gründlich schief.
Danke sehr dafür, aber wir können uns vor guten Ratschlägen kaum mehr retten. Wir setzen den Kindern zu wenig Grenzen, heißt es, dafür gönnen wir ihnen zu viele Süßigkeiten, zu wenig Bewegung und zu viel Fernsehen. Von Anfang redet jeder mit – wieviel Muttermilch das Baby braucht und wie lange, welche Betreuungsform optimal ist und wie Eltern ihre Kleinen am besten fördern. Denn Pisa geht uns ja alle an, und schließlich ruht auf den kleinen Schultern die Hoffnung künftiger Rentnergenerationen.
Unser Selbstbewusstsein schrumpft im Laufe unserer Eltern-Sozialisation auf die Größe einer Erbse. Und die Kinder, die wir ja so dringend schützen wollen? Die sind auch ohne übertriebene Vorsichtsmaßnahmen heute gesünder, materiell besser gestellt und weniger Gefahren ausgesetzt als je zuvor. Aber sie beginnen immer mehr, die Leidtragenden der kollektiven Panikmache zu werden. Während sie früher auch ohne Aufsicht spielen durften, erlauben das heute immer weniger Eltern. Immer hockt irgendwo eine Mutter oder ein Vater, um Streit zu schlichten, geschältes Obst aus Tupperdosen zu verteilen und bei Langeweile lustige Spiele zu erfinden. Es könnte ja ein Kind auf eigene Ideen kommen. Dumme Ideen.
Indem alles als gefährlich gilt, wird es für Kinder immer schwieriger werden, sich selber, die eigenen Kräfte auszuprobieren, an dosierten Risiken zu wachsen und Erfolgserlebnisse zu spüren. Was soll aus einer Vierjährigen werden, der wir nicht zutrauen, mit einer Schere zu hantieren? Einem Siebenjährigen, der seinen Schulweg nur mit Mami bewältigt? Und aus einem Neunjährigen, der nur (behelmt) einen Rodelberg runterrutschen darf, wenn seine Eltern vorher die Piste abgeschritten und für ungefährlich befunden haben? Und was werden seine Kumpels zu der Aktion sagen? Hier ein ganz persönlicher Warnhinweis: Richten Sie diesen Kindern frühzeitig ein Therapiekonto ein. Sicher ist sicher.
(Ismene Poulakos in der Wochenendbeilage des Kölner Stadt-Anzeigers vom 23. April 2005)
i-Punkt 6-2005
NAGEL-Redaktion – Die Sonntagsmediendemokratie
Sonntags um 21.45 Uhr kann man in der ARD besichtigen, wie die konservative Mitte ihre neuesten Sprachregelungen dem Publikum verkauft. Dann umrundet eine kostbare Mischung aus Multimillionären und mit abstrusen Sondervergütungen gemästeten Spitzenbeamten eine schwer gestylte, doch unverkennbar verdrießliche Blondine namens Sabine Christiansen und stellt unerbittlich fest, dass Deutschland ein Sanierungsfall sei: „Wie krank ist Deutschland?“, „Wirtschaftsflaute, Streik – Bleibt Deutschland Schlusslicht?“, „Kassen leer, Nerven blank – Regierung ratlos“ so lauten jeden Sonntag wieder die stets gleichen Themen. Und bald ist klar: Es geht im Grunde schon nicht mehr um Reformen, sondern um die Systemüberwindung.
Und deshalb bietet Sabine Christiansen der großen Koalition der Systemüberwinder allwöchentlich die Chance, dem Publikum zu verkünden, dass die heilige Utopie des Kapitalismus erst mal ans Ende gekommen ist. Denn es sieht nicht so aus, als ob es weiter ginge wie versprochen: Dass wir immer weniger arbeiten müssen und dabei immer mehr verdienen. Im Moment sieht es eher umgekehrt aus: Die Wirtschaft muss wachsen, dafür muss der „kleine Mann“ mehr und länger arbeiten, weniger verdienen und seine selbst verschuldete Arbeitslosigkeit mit Sozialhilfe bezahlen. Dabei ist unsicher, ob er Arbeit findet und ob es „der“ Wirtschaft beliebt, einen 50-Jährigen noch zu beschäftigen. Trotzdem wird das Rentenalter heraufgesetzt, und man sollte sich darauf einstellen, sich um drei Minijobs gleichzeitig zu prügeln. Wir wollen diesem Deutschland-Rescue-Team unsere Hochachtung aussprechen: Die Aufgabe ist schwer, und trotzdem scheut es keine Mühe, seine unfrohe Botschaft zu verkünden. Sabine Christiansen gibt ihr Bestes, dass die Herrschaften dabei nicht gestört werden. So wird man in dieser Runde niemals hören, dass in den letzten zehn Jahren die Netto-Realeinkommen um über vier Prozent gesunken sind, während die Wirtschaft um ca. 15 Prozent gewachsen ist.
Solche Bagatellen erschüttern doch die freie Presse nicht. Zwar halten immer noch zwei Drittel der Bevölkerung neoliberale Reformen wie die Agenda 2010 für fiesen Unfug, aber das hindert 98 Prozent unserer medialen Dienstleister nicht daran, stramm gegen ihr Publikum zu halten. Auch bei Sabine Christiansen wird nicht diskutiert: Die Chefetage dekretiert ihre Zehnjahrespläne. Da es nichts zu diskutieren gibt, versucht man, uns mit der Androhung des Untergangs zu unterhalten. Hin und wieder wird nach Schuldigen gefahndet: „Die Stunde der Wahrheit: Wieviel soziale Gerechtigkeit können wir uns noch leisten?“ oder: „Gewerkschaften, Beamte, Politiker – Wer blockiert das Land?“. Leider stehen alle Antworten schon vor Sendebeginn fest. Jeder dieser Katastrophentalks ist komplett austauschbar.
Sabine Christiansen funktioniert als Tonspur in der Endlos-Schleife mit den stets gleichen Figuren, die bloß unterschiedliche Namen tragen. Transkribierte man die Palavermasse in Schrifttext ohne Quellenangabe – 98 Prozent des Wortumsatzes bei Sabine Christiansen ließe sich keiner Person oder keinem eigenen Programm zuordnen. Heinrich von Pierer, Friedrich Merz, Wolfgang Clement mögen genetisch differieren, rhetorisch nicht.
Friedrich Merz formulierte in der Sendung vom 29. Juni 2003 eine treffende Einsicht: „Sie haben ja heute Ihre 250. Sendung – ich finde, wir sollten Ihnen erst mal gratulieren zu dieser Sendung. Diese Sendung bestimmt die politische Agenda in Deutschland mittlerweile mehr als der deutsche Bundestag.“ Nun werden sich ältere Jahrgänge vielleicht nicht nur an den Bundestag erinnern, sondern auch daran, dass zur Demokratie unterschiedliche Programme gehören. Es lässt sich in gefahrloser Allgemeinheit sagen: Es gibt nicht nur keine politischen Programme (außer „Wirtschaftswachstum“), es gibt auch keine Unterschiede in den Als-ob-Programmen. Politik beschränkt sich darauf, dem Wähler angebliche Zwänge zu verkaufen. Sabine Christiansen sorgt dafür, dass das so wenig als möglich auffällt: Sie simuliert streitbare Demokratie.
Allerdings hat die Sendung auch erhebliche Vorteile. Wer drei Mal Sabine Christiansen gesehen hat, wird nicht mehr behaupten dürfen, er hätte den Offenbarungseid der deutschen Politik nicht mitbekommen. Andererseits dürfte aber auch niemandem mehr entgehen, dass der größte Teil der Medien als unabhängige „vierte“ Macht abgedankt hat.
Walter van Rossum, Meine Sonntage mit Sabine Christiansen, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2003
i-Punkt 5-2005
NAGEL-Redaktion – Schwein??? Nein!!!
Gerade als die Marktfrau am Geflügelstand meinen Puter auf die Waage legt, drängt mich eine zornige Frau zur Seite. „Hallo, ich muss reklamieren!“ Die Verkäuferin erwidert: „Moment, ich bediene gerade.“ Das löst einen neuen Zornanfall aus. „Typisch, so werden die Ausländer behandelt.“ Mir liegt auf der Zunge, dass ich auch halber Ausländer bin – und mich hinten angestellt habe. Doch die Sache duldet keinen Aufschub. Denn jetzt schleudert die Dame ihre Einkaufstüte auf die Theke. „Betrug!!!“ zetert die Frau, die eine Art angedeutetes Kopftuch um Hals und Schultern gelegt hat. Sie trägt einen langen schwarzen Ledermantel, Goldschmuck, und ihre Augen sind mit viel Kajal umrandet. Mit ihren dramatischen Gesten erinnert sie an eine Stummfilm-Diva. Leider ist dies kein Stummfilm! Die Dame wird lauter, denn es geht um die Wurst. Um die Geflügel-Fleischwurst, die sie gekauft hat. „Es ist ja doch Schwein drin! Lügen Sie mich nicht an!“ Die Verkäuferin ist verblüfft: „Wir sind ein Geflügelhof. Wir halten Hühner, Puten und Gänse, also können wir gar kein Schwein in die Wurst tun.“ „Und was steht da???“ – die muslimische Diva zieht die Wurst aus der Tüte und deutet auf die Schrift: „Feine Geflügel-Schinkenwurst“. „Ja und?“ „Schinken ist immer Schwein!!!“ „Blödsinn!“ entfährt es mir. „Schinken ist das, worauf Sie sitzen.
Alles was Schenkel hat, kann zum Schinken werden.“ „Fleischwurst heißt auch Schinkenwurst“, erklärt die Verkäuferin. Sachargumente zählen nicht. Die Dame verlegt sich aufs Klagen – sie als Gläubige könne ihren Kindern doch kein Schwein aufs Brot geben. „Es ist kein Schwein, verdammt noch mal!“ „Schinken ist immer Schwein!!!“ Am Ende bekommt die Frau ihr Geld zurück. Ich überlege, ob religiöse Nahrungsvorschriften Gläubige in die Hysterie treiben können.
„Sie treiben andere Leute in den Wahnsinn!“, erklärt meine persische Freundin, als ich ihr die Geschichte erzähle. Das sei noch gar nichts – sie habe ja früher im Supermarkt gearbeitet. Da war ein türkischer Kunde, der wissen wollte, ob die Butter wirklich nicht vom Schwein sei. Eigentlich war meine Freundin sicher, dass die Butter auch in Deutschland nie vom Schwein ist – aber der Kunde meckerte, er habe schon einmal Schweinebutter gekauft, jetzt wolle er die Garantie. Also wurde der Marktleiter geholt. „Ist die Butter auch wirklich nicht vom Schwein?“ Der Chef lachte nur bei der Vorstellung, eine Sau zu melken.
Nein, ganz sicher! Auch die Ungläubigen trinken keine Schweinemilch! „Aber wo kann der Mann denn Schweinebutter gekauft haben?“, frage ich. Meine Freundin lacht. Das habe sie auch erst später verstanden. Er hatte wohl das Billigste aus dem Kühlregal genommen – und das ist Schweineschmalz!
(Diana Zulfoghari in der WAZ-Wochenend-Beilage vom 22. Januar 2005)
i-Punkt 4-2004
NAGEL-Redaktion – Linientreu bis in die Haarspitzen
Nicht viel dringt aus dem abgeschotteten Nordkorea. Doch so hoch ist die Mauer des Schweigens wohl doch nicht. Aus Pjöngjang kommt die Kunde, dass Diktator Kim Jong Il seinen männlichen Untertanen befohlen hat, alle 15 Tage zum Friseur zu gehen. Aufgefischt hat diese Meldung der britische BBC-Monitoringdienst, der die nordkoreanischen Medien beobachtet. Er berichtet von einer neuen Kampagne im Staatsfernsehen, die den vielsagenden Titel trägt: Für einen Haarschnitt, der zum sozialistischen Lebensstil passt! Was darunter zu verstehen ist, wird auch erklärt: Männer sollen ihre Haare maximal fünf Zentimeter lang tragen. Bei Männern über 50 darf die Haarpracht zwei Zentimeter länger sein. Wer muss, könne damit lichte Stellen abdecken. Warum das mit der sprichwörtlichen Linientreue so sein muss, beantwortet Pjöngjang gleich mit. Das nordkoreanische Staatsfernsehen berichtet, dass lange Haare die Entwicklung der menschlichen Intelligenz stören. Begründung: Die Energie, die Haare benötigen, um so lang zu werden, würden letzten Endes dem Gehirn fehlen. Damit kein Schlendrian einkehrt, empfehlen die Propagandisten, alle zwei Wochen zum Friseur zu gehen. Wer aber weiterhin durch unkorrekten Haarschnitt auffällt, der soll im Fernsehen mit Foto, Name und Adresse an den Pranger gestellt werden. Über allem aber steht der geliebte Führer Kim Jong Il. Er trägt die Haare oben lang. (Jürgen Polzin in der WAZ vom 14. Januar 2005)
i-Punkt 3-2005
NAGEL-Redaktion – Villahermosa/Mexiko schafft neue Werte
Seit dem 1. Januar 2005 ist nacktes Herumlaufen in der Wohnung in Villahermosa (500.000 Einwohner) verboten. Der Rat der Stadt in Mexiko erließ einen neuen Strafkatalog. So riskiert rund 100 Euro Buße oder 36 Stunden Arrest, wer unbekleidet durch die Wohnung geht oder ohne Einladung auf einer Party erscheint. (afp)
i-Punkt 2-2005
NAGEL-Redaktion – Vorurteil bestätigt: Beamte schlafen am besten
Beamte schlafen am besten. Das hat eine repräsentative Umfrage der Gießener Haushaltswissenschaftlerin Uta Meier ergeben. Demnach klagen nur rund elf Prozent der Staatsdiener über Schlafstörungen. Den schlechtesten Schlaf haben Hausfrauen, von denen mehr als 30 Prozent nachts wach liegen und sich laut Studie zumeist Gedanken über Kinder, Ehemann und finanzielle Probleme machen. Da fällt mir der Witz ein, in dem sich zwei Beamte auf dem Behördenflur treffen. Sagt der eine: „Na, kannst du auch nicht schlafen?“ Und: Wenn ich weiß, dass ich bis zum Tod und darüber hinaus „ausgesorgt“ habe, lässt mich das schlafen, wenn auch nicht am Arbeitsplatz. Beamte müssen dort inzwischen wieder länger arbeiten/schlafen als die meisten Anderen. Prof. Dr. Uta Meier ist übrigens keine Witzfigur, sondern eine ernsthaft arbeitende Professorin an der Universität Gießen. Interessierte können den Pressebericht der Ärzte-Zeitung vom 10. Februar 2003 bestellen überversandarchiv@ABA-Fachverband.org (Stichwort „Beamte schlafen“).
i-Punkt 2-2005
NAGEL-Redaktion – Auf der Suche nach einem Lateinwörterbuch im Internet
http://www.schpanisch.de/trkisch-bersetzung-latein-lateinisch_5547945.html(gefunden von: T-Online:) englisch, haben , dolmetschhilfe onlineübersetzung, einer, wöterbuch chinesisch englisch … translater translation german, deshalb , wörter latein iterromanum
Herzlich Willkommen auf www.tranlator.de. Ohne Fremdsprachen kommt man heutzutage kaum noch aus. Viele Informationen werden sogar nur in anderen Sprachen veröffentlicht und es bleibt dem Nutzer überlassen, ob er die Inhalte übersetzen möchte oder nicht. Das Internet bietet dafür viele Hilfestellungen und hält einige Übersetzungsmaschinen bereit, die zum Verstehen oder zum lernen der verschiedenen Fremdsprachen wichtig sein können. Finden Sie hier einige Möglichkeiten, mit denen Sie Aufsätze, Referate oder tägliche Nachrichten – z.B. in Englisch – mühelos übersetzen können. Ein einzelnes Wort, eine Wortgruppe oder gar eine komplette Webseite – mit diesen Tools werden Sie die Informationen verstehen können. Das Angebot ist kostenpflichtig (29,95 Euro/call aus Deutschland).
i-Punkt 1-2005
NAGEL-Redaktion – Denglisch: Nicht selten fehlt der Sense jeder Sinn
Der Verein Deutsche Sprache e.V. macht sich seit Jahren mit nicht selten erfrischenden Polemiken gegen eine zum Teil unerträglich gewordene Flut von Anglizismen im Alltag stark.
Das Thema „Anglizismen in der Werbung“ wurde inzwischen auch von der Presse aufgegriffen. So veröffentlichte die WAZ in ihrer Wochenendeausgabe am 4. September 2004 unter dem Titel „Quell großer Missverständnisse: Werbebotschaften auf Englisch – Nicht selten fehlt der Sense der Sinn“ einen Artikel von Aeneas Rooch: „Finden Sie, Deutsch klingt cool? Viele Unternehmen werben lieber in Englisch, denn das klingt frisch, modern und transportiert die Werbebotschaft besser zu den Kunden. Ob diese Ansicht richtig ist, wurde jetzt einmal näher untersucht. Die Endmark AG in Köln, spezialisiert auf die Entwicklung von Markennamen und Werbeslogans, so genannten Claims, hat den Test gemacht und in einer repräsentativen Studie untersucht, inwieweit deutsche Kunden die englischen Claims überhaupt verstehen. Rund 1100 Verbraucher hat Endmark dazu zwölf bekannte englische Werbeslogans zum Übersetzen vorgelegt. Das Ergebnis ist erschütternd: Die meisten der Verbraucher haben die Slogans gar nicht oder zumindest nicht im Sinne des jeweiligen Absenders verstanden. Lediglich „Every time a good time“ (McDonald’s früher) und „There is no better way to fly“ (Lufthansa) konnten über 50 Prozent korrekt übersetzen, die anderen zehn Slogans verstanden nur weniger als die Hälfte der befragten 14- bis 49-Jährigen in vollem Umfang. In einigen Fällen glaubten die Probanden, den Slogan zu verstehen, lagen aber weit neben der Botschaft. So meinten 54 Prozent zu wissen, was „Come in and find out“ (Douglas) bedeutet, aber viele übersetzten es mit „Komm herein und finde wieder heraus“, nur 34 Prozent konnten ihn korrekt auslegen. Sat.1 überschätzt die Zuschauer. Nur zwei Drittel derjenigen, die glaubten „Powered by emotion“ zu verstehen, tun es wirklich, denn es heißt weder „Kraft durch Freude“ noch „Sexuell erregt sein“. Dieses Los teilt der Elektronik-Riese Loewe mit dem Slogan „Stimulate your senses“, was Testpersonen mit „Die Sense stimulieren“ übersetzten. Dennoch werben einige deutsche Unternehmen in Frankreich französisch, in Spanien spanisch – aber in Deutschland englisch. Bernd M. Samland, Vorstand der Endmark AG, sieht mehrere Ursachen, warum die Unternehmen an ihrer Strategie festhalten: „Englisch gilt als modern und soll auch dort Internationalität suggerieren, wo sie gar nicht vorhanden ist.“ Hinzu kommt, dass die Sprache der Marketing-Macher Englisch ist. „Ich habe schon Meetings in Englisch, insbesondere in großen Konzernen, mitgemacht, bei denen sich am Ende der Sitzung herausstellte, dass alle Teilnehmer Deutsche waren“, so Samland. Die Profis hat das Ergebnis der Untersuchung überrascht, dennoch bedeutet es kein Aus für Anglizismen, zumal sich das Verhältnis von Sprache und Markterfolg schlecht ermitteln lässt. Für bestimmte Zielgruppen kann Englisch sinnvoll sein, etwa bei den Trendsportarten oder bei einer Fluggesellschaft. Doch der Grat ist schmal, auf dem Werbetexter zwischen „simple English“ (wie „Test the West“) und „sophisticated English“ mit selten Vokabeln oder Wortspielen balancieren. Denn dass Verbraucher denken, „Drive alive“ (Mitsubishi) bedeute „Die Fahrt überleben“, gibt immerhin zu denken.“
i-Punkt 12-2004
NAGEL-Redaktion – Klopapier hilft dem Staat beim Sparen
Geld ist knapp – auch an der englischen Grundschule in Basildon in der Grafschaft Essex. Die britische Online-Agentur Ananova berichtete über eine Mitteilung der Verantwortlichen an die Eltern, wonach im Budget eine Lücke von 15.000 Euro klafft. Deshalb müsse man sich bis zum Herbst von zwei Mitarbeitern trennen und auch sonst zu Sparmaßnahmen greifen. Eine davon war die Bitte an die Eltern, außer dem Pausenbrot den Kindern doch bitte Klopapier mit in die Schule zu geben. Das eingesparte Geld könne dann wieder in die Klassenräume investiert werden (aus: Die Krankenhaus-Zeitung 29/2004). Eine nette Idee! Und alle – auch die Eltern – könnten sparen, wenn man sich den Arsch wieder mit Blättern oder anderem Laub abputzte (vielleicht eine Anregung für „Hartz V“?). Nur könnte es (nach PISA – die doofen Kinder!) kleine Probleme geben. Da fiel mir die Geschichte von dem russischen Soldaten nach der erfolgreichen Befreiung Deutschlands 1945 ein: Er benutzte eine Brennnessel und fluchte: „Verdammt! In Njemacka (Germani) alles elektrisch!“
i-Punkt 11-2004
NAGEL-Redaktion – Bizarrer Kulturkampf in den USA ums Stillen
Öffentliches Protest-Stillen bei Starbucks – Das ‚An die Brust anlegen’ von Säuglingen führt in Washington zu einem bizarren Kulturkampf“. So titelt die WAZ vom 28. August 2004 einen Artikel in der Rubrik „Aus aller Welt“. Und der Korrespondent Markus Günther schreibt: „Als Lorig Charkoudian (31) bei Starbucks ein Päuschen einlegte, kam es wieder einmal zum Eklat. Gerade hatte sie ihre 15 Monate alte Tochter Aline an die Brust angelegt, da liefen auch schon empörte Gäste des Cafés zum Chef und beschwerten sich. Wenig später wurde sie aufgefordert, ihr Kind in der Damentoilette (*) zu stillen oder das Lokal zu verlassen. Doch zwei Tage später kam Lorig Charkoudian wieder, diesmal mit 40 anderen Müttern, und veranstaltete ein öffentliches „Protest-Stillen“ im Café. Seither tobt in Washington ein bizarrer Kulturkampf: Haben Mütter das Recht, ihre Kinder in der Öffentlichkeit zu stillen? Die „Washington Post“ widmete der heiß umstrittenen Frage gar einen Leitartikel. Antwort: Theoretisch ja, praktisch nein. Denn auch wenn Stillen in der Öffentlichkeit nicht verboten sei, gebiete der Anstand doch, darauf zu verzichten oder das Unziemliche wenigstens mit einem Tuch zu verhüllen. Das war noch der sachlichste Kommentar in der ganzen Debatte. Die Reporterin Roxanne Roberts beschimpfte dagegen die stillenden Protest-Mütter als „Busen-Nazis“, die einen „Kreuzzug“ führten und unbescholtenen Bürgern die Kaffeepause versauten, weil sie unbedingt „alles raushängen lassen“ wollten. Davon, sagt Lorig Charkoudian, könne gar keine Rede sein. Sie habe diskret ihr Kind gestillt, und hinsehen müsse ja niemand. Doch immer wieder beschwerten sich Gäste, wenn sie ihr Kind im Restaurant oder im Café anlegt. Die „Bürgerinitiative für das generelle Verbot des Stillens“ (nicht nur öffentlich, sondern überhaupt), deren Flugblätter ein paar Tage lang für Aufsehen sorgten, hat sich zwar als böser Scherz entpuppt. Doch Dutzende von Leserbriefen zeigen, dass der Widerstand gegen das Stillen in der Öffentlichkeit massiv ist. Geschmacklos, peinlich, unangenehm – so beschreiben viele das Stillen in der Öffentlichkeit. Einige sehen sogar die Gefahr, dass „Kinder von dem Anblick verstört werden“. „Wir sind keine Exhibitionistinnen, die Fremden unbedingt ihre Brüste zeigen wollen“, schrieb Helen Zubaly zur Verteidigung der stillenden Mütter. Und Catherine McCubbin fragte zynisch: „Wo genau sieht man denn die vielen nackten Mütter, über die sich alle beschweren?“ Von der Vereinigung amerikanischer Kinderärzte wird das Stillen inzwischen dringend empfohlen, und tatsächlich steigt auch in den USA der Anteil der Kinder, die erst einmal mit Muttermilch ernährt werden, weiter an. Doch mit deutlich unter 50 Prozent werden in Amerika weit weniger Kinder gestillt als in vielen europäischen Ländern. „Solange die Öffentlichkeit uns nicht akzeptiert, wird sich an diesen Zahlen nichts ändern“, meint Lorig Charkoudian. Tatsächlich sind Kommentare wie die in der „Washington Post“ nicht gerade eine Ermutigung: „Stillen ist zwar eine natürliche Sache, aber auch rülpsen, furzen und in der Nase bohren sind ganz natürliche Dinge, die man anständigerweise nicht in der Öffentlichkeit macht.“
i-Punkt 10-2004
(*) Durchschnitts-Amerikaner betrachten im Übrigen den Begriff „Toilette“ als anstößig. In der Regel wird ein Klosett als „Bath Room“ umschrieben. Es kann auch als „Rest Room“ oder bei Damen als „Powder Room“ bezeichnet werden (vgl. Paul Watzlawick: Gebrauchsanweisung für Amerika, München/Zürich 2002, S. 80 f.)
NAGEL-Redaktion – Gebrauchsanweisungen
Ein kürzlich erhaltenes Geschenk war in einem wertvollen „Stadtkoffer“ untergebracht. Diesen kann man selbstverständlich repräsentativ weiterverwenden. Hier die Gebrauchsanweisung:
„DAS KOMBINATIONS SCHLOSS STADTKOFFER. the kombinations schloss wird in der fabrik’so etinge stellt dass es sich bei ooo offnet sie konnen es bei dieser Einstelung lassen oder sie konnen HRE EGENE GEHEME
KOMBINATION auf den drei ziherbiattern wie folgeng ensteten stufe 1. Machen sie bitten hren Stactkoffer auf und schauen she auf den wechsclhebel der sich von oben gesehen auf der linken Halfte des schosses befindet.
Der wechsethebel (Nun folgt eine Abbildung, die wir hier aus Geheimhaltungsgründen nicht wiedergeben wollen!)
Stufe 2. der wechselhebel wird nach rechts und cben vers choben bis er sich hinter der kerbe einhakt.
Stufe 3. Mit hihe der Zahlenreihen stellen sie die von hnen gewahlte code Nummer ein die sie gut notieren soliten falls sie die Nummer vergassen Es empfichit sich ziffern zu wahlen die sich leicht einpragenwie z. B Telfon-Nr Gebultsdatum Hausnummer oder versicherungs-Nr
stufe 4 One die Einsteilung des Codes zu Verandem schie ben sie den wechsethebel in seine ursprungliche stellung (Normalstellung) zurück vor Schliessen des koffers sollten sie sich unbedingt vergewissern dass der wechselhebel wieder auf Normal steht
ihr kann jetzt nur nach Einstellun threr kom binaficn geoffnet werden. Falls sie eine neue kombination wollen wiederhofen sie stufe 2 3 und 4 inre eigene komtination: (Jetzt folgen die Kästchen zum Eintragen, damit man zur Not darauf zurückgreifen kann)“
Liebe Leserinnen und Leser, Sie werden nicht glauben, wie schwer ein solcher Text, wenn man ihn abschreibt, zu korrigieren ist! Für Fans teuer erworbener Produkte sei das Buch „Jetzt zieh den Zipfel durch die Masche“ von Jürgen H. Hahn (dtv, 2. Auflage 1998) empfohlen. Es sei versichert, dass das vorstehende Beispiel ganz frisch und in jenem Buch nicht zu finden ist. Ein nettes Beispiel (Gebrauchsanweisung zur „Luftmatrotze ES 223“) aus dem Buch:
„Wenn das Wetter kalt ist, wird die Puff Unterlage sich langsam puffen. Entrollen die Puff Unterlage und liegen auf ihr, dann sie wird von der Wärme sich Inflationen bekommen.“
i-Punkt 9-2004
NAGEL-Redaktion – Auszug aus einem Interview mit dem früheren ungarischen Ministerpräsidenten Gyula Horn
Guyla Horn, 72 Jahre alt, war von 1994 bis 1998 Ministerpräsident. 1989 „zerschnitt“ er als Außenminister den „Eisernen Vorhang“, die Grenze zwischen Ungarn und Österreich, und verhalf damit vielen DDR-Bürgern zur Ausreise. 1990 erhielt er den Karlspreis der Stadt Aachen.
? Im Jahr 2010 will das Ruhrgebiet Kulturhauptstadt Europas werden, möglicherweise gemeinsam mit Budapest. Wie finden Sie das?
Gyula Horn: Das Ruhrgebiet und Budapest? Davon habe ich noch nichts gehört. Oder Dortmund und Budapest? Es muss doch eine Stadt sein.
? Es bewirbt sich Essen für das Ruhrgebiet.
Gyula Horn: Essen? Nicht Dortmund?
? Dortmund ist auch dabei.
Gyula Horn: Aber nicht Düsseldorf?
? Nein, aber Gelsenkirchen, Duisburg, Oberhausen. Alle gemeinsam mit Essen.
Gyula Horn: Gut. Sie sagen, wen wir unterstützen sollen, und das machen wir dann. Eins steht fest, solche Freundschaften sind immer gut.
Verlagssonderbeilage „Zukunft Europa“ der WAZ vom 27. April 2004
i-Punkt 7-2004
NAGEL-Redaktion – Gewalttätige Schäferhunde
Seine Besorgnis über die zunehmende Gewaltbereitschaft Jugendlicher und junger Erwachsener äußerte der nordrhein-westfälische Justizminister, Wolfgang Gerhards, bereits Anfang März in den Medien. Schön, wie er es gesagt hat, und schön zu sehen, wie wir offensichtlich offiziell „auf den Arm“ genommen werden: „Die Bereitschaft, Konflikte gewaltfrei zu lösen, nimmt immer mehr ab, vor allem bei denen, die am Rande der Gesellschaft stehen. Das hat auch mit der wirtschaftlichen Lage zu tun: Wer keine Chancen in seinem Leben sieht, der haut eher zu. Viele denken, so wie im Fernsehen laufe das eigentliche Leben ab. Im wirklichen Leben wundern sich dann einige, dass das Opfer nicht sofort wieder aufspringt, sondern blutend in der Pfütze liegt, wenn sie ihm eine auf den Kopf gehauen haben.“ So Gerhards in einem Interview mit der WAZ, veröffentlicht am 2. März 2004. Versuchen wir eine Übersetzung: „Die rasant zunehmende Ungerechtigkeit in dieser Gesellschaft, solche Leute wie Ackermann und Esser und ihre politischen Büttel in den Parlamenten und Regierungen, haben es erreicht, dass die gewöhnlichen Leute gemerkt haben, dass sie keine Chance haben. Deshalb würden sie denen gern die Schnauze einschlagen. Weil sie nicht an die dran kommen, schlagen sie denen die Schnauze ein, die ihnen blöd kommen.“ Und wunderbar: „Die Bereitschaft, Konflikte gewaltfrei zu lösen, nimmt immer mehr ab, vor allem bei denen, die am Rande der Gesellschaft stehen.“ Wie kann man „am Rande der Gesellschaft stehen“? Angela Merkel hat Glück gehabt. Im Grunde steht die dort zufällig nicht mehr, will aber möglichst viele dorthin befördern. Was führt sie im Schilde (Sigmund Freud, hilf uns!)? Alle wissen es: Wenn sie ran kommt, wird der Rand breit, ziemlich breit! Sie hat vermutlich niemandem die Schnauze eingeschlagen, aber aus ihrer „Randständigkeit“ was gemacht. Ich höre ihn noch, den Altkanzler Helmut: „Mädchen!“ Zurück zu Herrn Gerhards: „Die Bereitschaft, Konflikte gewaltfrei zu lösen, nimmt immer mehr ab.“ Lieber Justizminister in NRW: Dreimal musste ich das lesen, bevor ich begriffen habe, was vermutlich gemeint sein sollte! Die Prolls schlagen sich also immer öfter die Schnauze ein. Und denken, es wär´ wie im Fernsehen. „Superstars“, berufen von sich selbst – Geiz ist geil! -, „gefördert“ von Krücken wie Dieter Bohlen, placken sich den Hintern wund, während ihre feinen, sie scheinbar tragenden Gönner wie Ackermann und Esser, aber auch Gerhards und all die anderen, zumindest ihre Altersversorgung fein hinbekommen haben. Das haben die Russen, die sich deutsch nennen und uns kriminalstatistisch in Atem halten und die Gerhards besonders im Interview hervorhebt, (noch) nicht geschafft. Mir sagte ein deutscher Russe kürzlich: „Ich bin Deutscher, und wenn mir einer sagt, meine Vorfahren waren Deutsche Schäferhunde, dem schlage ich die Schnauze ein!“ Und jetzt?
i-Punkt 6-2004
NAGEL-Redaktion – Politische Überraschungseier
Der Vorstoß des britischen EU-Labour-Abgeordneten Glyn Ford, Überraschungseier verbieten zu lassen, hat anscheinend nicht ausreichende Resonanz erzeugt. Sein Vorstoß von Anfang März 2004, dies wegen der lebensgefährlichen Inhalte der Eier erreichen zu wollen, zeugt einmal mehr von mangelnder Kompetenz in Sachen Kinder und Familien auf Seiten der Politik. Nach Auffassung des ABA Fachverbandes sind Überraschungseier ebenso wenig Kult, wie ihr Inhalt per se kindergefährdend sein könnte. Aus fachlicher Sicht kann abschließend festgestellt werden, dass PolitikerInnen, wenn ihnen die Felle wegzuschwimmen drohen, nichts auslassen, sich ins Gespräch zu bringen, lebende Überraschungseier quasi. Kinder brauchen keine Überraschungseier, sie brauchen allerdings die Herausforderung, das Üben, das Lernen, die Auseinandersetzung mit Existierendem – seien es Überraschungseier! Übrigens, die aufgeregte Reaktion anderer EU-Abgeordneter, beispielsweise des Deutschen Peter Liese aus Meschede – im Hauptberuf Kinderarzt – wirft entsprechendes Licht auf die politische Klasse. Fachlich korrekt weist er darauf hin, dass Kinder beim Verschlucken am ehesten an Nüssen ersticken („Nie mit Spielzeugen!“). Seine größte Sorge allerdings gilt der Firma Ferrero, die einen ernsthaften Schaden erleiden könnte. Sollte Ferrero allen Eltern gefährdeter Kinder einen Arbeitsplatz garantieren, würden wir hier regelmäßig eine kostenlose Werbung zusagen.
i-Punkt 5-2004
NAGEL-Redaktion – Benutzung von Aborten in Sachsen-Anhalt
Gesetzes- und Verordnungsblatt für das Land Sachsen-Anhalt
- Jahrgang, ausgegeben in Magdeburg am 1. April 1993, Nummer 15
Benutzungsordnung für Aborte (BoA)
- 1 Definition: Der Abort, umgangssprachlich auch Toilette genannt, besteht aus einem trichterförmigen Porzellanbecken zur Aufnahme der Exkremente mit einem klappbaren, auf dem Sitzrand angebrachten Sitzstück.
- 2 Anwendungsbereich: Diese Benutzungsordnung gilt für die Darmentleerung in allen Aborten in Behörden, Dienststellen und öffentlichen Gebäuden des Landes Sachsen-Anhalt.
- 3 Sitzgebot: Die Toilette darf nur im Sitzen benutzt werden. Die stehende Benutzung ist nur an Urinalen erlaubt. Deren Benutzung ist in der Benutzungsordnung für Urinale (BoU) geregelt.
- 4 Vorbereitungen: Vorm dem Hinsetzen auf das Sitzstück sind die Beinkleider bis zu den Knien herunterzuschieben.
- 5 Sitzposition: Der Benutzer setzt sich unter gleichzeitigem Anheben der Oberbekleidungsstücke so tief in die Hocke, bis das Gesäß in der Sitzaufnahme einrastet. Das Gewicht des Körpers ist gleichmäßig gleichseitig verteilt, der Oberkörper leicht nach vorn geneigt. Die Ellenbogen ruhen auf dem Muskelfleisch der Oberschenkel, der Blick ist geradeaus gerichtet.
- 6 Darmentleerung: Unter ruhigem Ein- und Ausatmen drängt der Benutzer unter gleichmäßigem Anspannen der Bauchmuskulatur den ausscheidungsreifen Inhalt des Mastdarms bei gleichzeitigem Entspannen des Afterschließmuskels in den dafür vorgesehenen Durchbruch des Porzellanbeckens. Die Äußerung von gutturalen Stimmlauten, umgangsprachlich auch als Ächzen oder Stöhnen bezeichnet, ist auf das absolut notwendige Maß zu beschränken.
- 7 Sichtkontrolle: Nach beendeter Prozedur steht der Benutzer auf, macht eine Drehung um 180 Grad nach links und nimmt eine Sichtkontrolle der Exkremente vor. Bei Auffälligkeiten ist eine Stuhlprobe sicherzustellen und an das nächstliegende Gesundheitsamt zu übersenden.
- 8 Reinigung des Rektums: Der dafür vorgesehenen Vorrichtung sind Reinigungsfähnchen (14×10 cm, einlagig) in ausreichender Stückzahl, höchstens jedoch fünf, zu entnehmen. Das Reinigungsfähnchen wird mit dem Daumen und Zeigefinger der rechten Hand erfasst und von hinten der Reinigungszone, das ist der Bereich zwischen den Gesäßbacken, zugeführt. Das Reinigungsfähnchen wird unmittelbar vor den hinteren Geschlechtsorganen fest an den Körper gedrückt und mit einer ziehenden Bewegung bis unmittelbar vor das Steißbein geführt. Dieser Vorgang wird so lange wiederholt, bis mindestens ein Blatt sauber erscheint, sofern dazu nicht die Verwendung von mehr als fünf Reinigungsfähnchen erforderlich ist. Im Bedarfsfall sind die Reinigungsfähnchen beidseitig zu benützen. Die benutzten Reinigungsfähnchen dürfen nicht mitgenommen werden, sondern sind ebenfalls in das Porzellanbecken zu entsorgen.
- 9 Reinigung des Aborts: Nach der Benützung des Abortes ist zwingend die Spülung zu betätigen. Eine Delegierung dieser Tätigkeit ist ausdrücklich verboten. Nach dem Spülvorgang verbleibende Exkrementanhaftungen sind mit der dafür vorgesehenen Reinigungsbürste manuell zu entfernen.
- 10 Verlassen des Aborts: Vor dem Verlassen der Entleerungskabine sind die Beinkleider wieder in Ausgangsposition zu bringen. Bei Auftreten unangenehmer Gerüche ist das Öffnen einer Lüftungsklappe angezeigt. Eine abschließende Reinigung der Handinnenflächen wird anheimgestellt.
- 11 Inkrafttreten: Diese Benutzungsordnung tritt am Tage nach ihrer Veröffentlichung in Kraft.
Vorstehende Verordnung ist hier und an diversen anderen Stellen im Internet zu finden.
i-punkt 3-2004
NAGEL-Redaktion – Fette
Wer fett wird, ist selber Schuld. Die Fastfood-Kette McDonalds erwirkte im Januar 2003 die Abweisung einer Klage, nach der der Konzern für Probleme dicker Kinder verantwortlich sei. Augenblicklich streiten sich die Konzerne und die politische Fachwelt darüber, wie groß der Einfluss von Wirtschaftsunternehmen in einer Stiftung in Deutschland sein darf, die sich zum Ziel gesetzt hat, die Kleinen nicht mehr so fett werden zu lassen.
i-Punkt 2-2004
NAGEL-Redaktion – Kinder an der Leine
Laut dpa (WAZ vom 22. November 2004) müssen die Kindergärtnerinnen im südfranzösischen Albi (nahe Toulouse) die Kinder künftig an die Leine legen, damit Kinder vor Autounfällen geschützt werden. dpa bezieht sich dabei auf einen Bericht der Zeitung „Libération“. Die Erziehrinnen sind laut einer Aufforderung des Bürgermeisteramtes von Albi aufgefordert, den Kindern Halsbänder und Leinen anzulegen, wenn sie mit drei oder mehr Kindern an die frische Luft gehen. Ohne nach Albi fahren zu müssen, kommt mir (R.D.) „die Szenerie“ sehr lebendig – wie soeben erst passiert – vor. Meine späte Rache am Kindergarten meiner sauerländischen Heimat: In den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts war es: Mit Gebimmel, Gemuhe und Gemecker zog allmorgendlich der Kuhhirt durchs Städtchen: Eingesammelt wurden die Kühe und Ziegen, die die seinerzeitigen Nebenerwerbs-Landwirte im kargen Sauerland hielten; mit dabei ein Schäferhund, der die Tiere bis zur sicheren Ankunft auf der Hude beisammenhielt. Verhindern konnte der Hund nicht, dass sich die Ziegen bisweilen an den Andenken vor den „Touristen-Fachgeschäften“ gütlich hielten. Kurz danach marschierte gegen acht Uhr eine zweite Herde durch die Gemeinde, die einzusammelnden Kinder, die den Kindergarten besuchten, fest am Seil von Tante Anita und Tante Hildegard vertäut, die peinlich darauf achteten, dass niemand aus der Reihe geriet. (1) Autos fuhren in diesen Jahren im Sauerland noch nicht so häufig. Und ich stand mit Tränen in den Augen am Fenster, weil die Leiterin des Kindergartens, eine Braut Christi, Schwester Ursulana, erfolgreich damit war, mich als Kindergartenbesucher abzuweisen. Also durfte ich immer nur die angeleinten Kinder – wie gesagt, mit Tränen in den Augen – anschauen, kurz nachdem die Kühe durchwaren. Albi im Jahre 2003. Ich glaube, es war vielleicht ein Glück, nicht unter Schwester Ursulana und Tante Anita und Tante Hildegard in den Kindergarten gehen zu müssen. P.S.: Die Namen sind nicht gefälscht. Die Personen sind authentisch. Und dass mein Sauerland in Winterberg/Westfalen lag, verrate ich hier nicht.
i-Punkt 1-2004
(1) An sich war es ein Wahnsinns-Service – von heute aus betrachtet -, die Kleinen auch noch von zu Hause aus abzuholen. Heute werden sie damit bestraft, überall hingefahren zu werden.
NAGEL-Redaktion – Extra: Ein Spezial aus dem „i-Punkt“
“ … wir müssen den Kindern mehr Deutsch lernen.“ Edmund Stoiber
„Ich mache nicht nur leere Versprechungen, ich halte mich auch daran.“ Edmund Stoiber
„Wer für alles offen ist, ist nicht ganz dicht.“ Edmund Stoiber
„Dann hätte man eine Bundesregelung, man hätte für Deutschland eine Regelung, äh hätte keine regellose Regelung, und die Länder, die das nicht regeln wollen, haben dann die Bundesregelung und die Länder, die das regeln wollen, können dann das für sich regeln.“ Edmund Stoiber
„Das ist wiederum einfach so aus der hohlen Hand gerissen.“ Edmund Stoiber
„Die Mitte hat keine Farbe. Aber rot ist sie mit Sicherheit nicht.“ Edmund Stoiber
„Die durchrasste und durchmischte Gesellschaft ist eine Gefahr für Deutschland.“ Edmund Stoiber
„Wer randaliert, fliegt raus, und wer kein Deutsch kann, kommt nicht rein, meine sehr verehrten Damen und Herren!“ Edmund Stoiber
„Ich will nicht, dass unser Land sowjioniert wird.“ Edmund Stoiber
„Wenn Sie vom Hauptbahnhof in München mit zehn Minuten ohne dass Sie am Flughafen noch einchecken müssen, dann starten Sie im Grunde genommen am Flughafen am … am Hauptbahnhof in München starten Sie ihren Flug zehn Minuten – schauen Sie sich mal die großen Flughäfen an wenn Sie in Heathrow in London oder sonstwo meine s Charles de Gaulle in äh Frankreich oder in äh in … in Rom wenn Sie sich mal die Entfernungen ansehen, wenn Sie Frankfurt sich ansehen dann werden Sie feststellen dass zehn Minuten Sie jederzeit locker in Frankfurt brauchen um ihr Gate zu finden – Wenn Sie vom Flug – äh vom Hauptbahnhof starten Sie steigen in den Hauptbahnhof ein Sie fahren mit dem Transrapid in zehn Minuten an den Flughafen in an den Flughafen Franz-Josef Strauß dann starten Sie praktisch hier am Hauptbahnhof in München – das bedeutet natürlich dass der Hauptbahnhof im Grunde genommen näher an Bayern an die bayerischen Städte heranwächst weil das ja klar ist weil aus dem Hauptbahnhof viele Linien aus Bayern zusammenlaufen.“ Edmund Stoiber
„Ich liebe Deutschland, meine verehrten Damen und Herren. Und wenn man dieses Land liebt, dann muss man mehr tun, als bei einem Sieg der deutschen Fußballmannschaft sozusagen aufzuspringen und sich zu freuen.“ Edmund Stoiber
„Äh, natürlich freuen wir uns, das ist keine Frage, freuen mich uns, und die Reaktion war völlig richtig, einen … äh … sich normal verhaltenden Bär in Bayern zu haben … äh … ja, das ist gar net zum Lachen. Äh, und der Bär im Normalfall, ich muss mich ja auch, äh, Werner Schnappauf hat sich hier intensiv mit so genannten Experten ausgetauscht und austauschen … äh … müssen. Nun haben wir, der normal verhaltende Bär lebt im Wald, geht niemals raus und reißt vielleicht ein bis zwei Schafe im Jahr. Äh, wir haben dann einen Unterschied zwischen dem normal sich verhaltenden Bären, dem Schadbär und dem Problembär. Und … äh … es ist ganz klar, dass, äh … dieser Bär … äh … ein Problembär ist, und es ist übrigens auch, im Grunde genommen, durchaus ein gewisses Glück gewesen, er hat um ein Uhr nachts praktisch diese Hühner gerissen. Und Gott sei Dank war in dem Haus … äh … war, also jedenfalls ist das nicht bemerkt worden. Auf Grund von … äh … es ist nicht bemerkt worden. Stellen Sie sich mal vor, der war ja mittendrin, stellen Sie sich mal vor, die Leute wären raus und hätten praktisch jetzt … äh … dem Bär praktisch begegnet. Äh … was da hätte passieren können.“ Edmund Stoibär
„Ich habe natürlich dargelegt, dass ich als Parteivorsitzender, der auch ein Stück seines Lebens der Idee der CSU gewidmet hat und es auch weiter tut, ja wie ein Hund darunter leide, dass jetzt gegenwärtig das Ansehen der Partei ein Stück weit Schaden genommen hat.“ Edmund Stoiber
„Wir beide, wir haben Humor. Sie … in der Praxis! Ich … in der Theorie.“ Edmund Stoiber
„Relativ große Worte, relativ kleine Taten. Von allem bleibt nur eines übrig: relativ wenig!“ Edmund Stoiber
„Edmund Stoiber und ich sind auch Menschen mit Herz.“ Angela Merkel
„Über seine Rolle haben wir gemeinsam – und jeder für sich alleine – oft gesprochen.“ Angela Merkel
„Edmund Stoiber ist vor allem sexy, dies ist für uns Frauen besonders wichtig.“ Gloria Fürstin von Thurn und Taxis
Hoffentlich bleiben uns solch nette Zitate auch noch erhalten, wenn Edmund Stoiber Bayern nicht mehr regiert!
Wir danken Edmund Stoiber ausdrücklich für die Bereicherungen, die er uns hier geboten hat! Speziell „Extra“-würdig!
Wer an weiteren Zitaten interessiert ist, findet diese in dem Büchlein „‚Wer für alles offen ist, ist nicht ganz dicht.‘ – Weisheiten des Edmund Stoiber von Jule Philippi, Linguistin aus Hamburg. Reinbek 2007, Rowohlt Taschenbuch Verlag. Außerdem gibt es inzwischen den ersten offiziellen Edmund Stoiber-Fanclub.
Wir haben uns selbstverständlich gefragt, was Edmund Stoiber macht, wenn er uns keine Zitate mehr liefert. Wir haben recherchiert und es herausgefunden. Hier ist der Beleg:

Haderer im „Stern“ 15/2008
Klein-Edmund und der Transrapid
Extra – Ein Spezial aus dem i-Punkt
Hier finden unsere Leserinnen und Leser Sachen, die wir uns nicht selbst ausdenken konnten. Dafür sind sie zu normal, eben keine Visionen. Sie finden das „Extra“, das ursprünglich als sporadisch in den seinerzeitigen „Informationsdienst“ eingefügt wurde, inzwischen als regelmäßige Rubrik im „i-Punkt“. Unser „Extra“ hat dem Vernehmen nach eine erkleckliche Anhängergemeinde. Im Gegensatz zu anderen Seiten, die wir regelmäßig aktualisieren, findet hier eine Generierung nur in Etappen statt.
Gute Unterhaltung!
ABA Fachverband
Titel zum Lesen einfach anklicken!
Kinder an der Leine
Fette
Benutzung von Aborten in Sachsen-Anhalt
Politische Überraschungseier
Gewalttätige Schäferhunde
Auszug aus einem Interview mit Gyula Horn
Gebrauchsanweisungen
Bizarrer Kulturkampf in den USA
Klopapier hilft dem Staat beim Sparen
Denglisch: Nicht selten fehlt der Sense jeder Sinn
Lateinwörterbuch im Internet
Vorurteil bestätigt: Beamte schlafen am besten
Villahermosa/Mexiko schafft neue Werte
Linientreu bis in die Haarspitzen
Schwein??? Nein!!!
Die Sonntagsmediendemokratie
Panische Eltern: Warnhinweise
Regenbogen und amerikanische Kultur
Ist Ehe ungesund?
Geschlechterkampf
Kultur-Allerlei
Österreicherin zum Deutschtest aufgefordert
Sippenhaft
Die erste Kanzlerin vor der echten Kanzlerin
Die Zielscheiben der Vögel
Terminus mortem: Shop
Fernsehen 2006
Funkspruch in Galicien
Erbschaft für die ABA-Mitglieder
Von Schlaukindern und Problembären
Die Fußball-WM ist vorbei
Nicht wirklich
Fernsehen: Der Kasten, der krank macht
Vorbilder
Warum der „Girl’s Day“ beim ABA Fachverband nicht vorkommt
Todesstrafe
Fernsehen und Humor
Scherz am Rande: Schilder in Europa

Fußgänger (Deutschland)

Fußgänger (Belgien?)
NAGEL-Redaktion – Vernetzung des Verbandes – Mitgliedschaften des ABA Fachverbandes
Foto: pixelio
Der ABA Fachverband ist Mitglied
(die jeweiligen Organisationen erreichen Sie über einen Mausklick auf die Logos, sofern einer empfehlenswerter Internet-Auftritt vorhanden)
in der AGOT-NRW
im PARITÄTISCHEN
im Bund der Jugendfarmen und Aktivspielplätze
in der Bundesarbeitsgemeinschaft Spielmobile
im Bundesverband Individual- und Erlebnispädagogik
im Deutschen Kinderschutzbund
Zum Ergänzungsmaterial “Kinderschutz und offene Kinder- und Jugendarbeit”
im Deutschen Kinderhilfswerk
im bundesweiten Arbeitskreis Städtische Naturerfahrungsräume
Berufenes Mitglied im Arbeitskreis: Rainer Deimel
im Bündnis „Recht auf Spiel“

Der ABA Fachverband wird im Bündnis vertreten durch Dr. Christiane Richard-Elsner und Rainer Deimel
im NRW-Bündnis „Eine Schule für alle“
in der Landesarbeitsgemeinschaft Mädchenarbeit NRW
Zur Seite mit den aktuellen Infobriefen der LAG Mädchenarbeit NRW
in der Landesarbeitsgemeinschaft Jungenarbeit NRW

Vertreten durch Rainer Deimel (persönliches Gründungsmitglied)
Zu den Rundbriefen der LAG Jungenarbeit NRW
im Forum Förderung von Kindern NRW
in der Landesarbeitsgemeinschaft Zirkuspädagogik NRW
im Aktionsbündnis Kinderrechte ins Grundgesetz
im Bündnis für Toleranz und Zivilcourage NRW
im Paritätischen Bildungswerk NRW

Vertreten durch Rainer Deimel und Nicola Hengst-Gohlke
im Progressiven Eltern- und Erzieherverband NRW (PEV)
in der Pro Familia (NRW)
NAGEL-Redaktion – ABA – der kompetente Partner für
● Abenteuerspielplätze
● „Abenteuer Kita“
● „Abenteuer Schule“
● Aktionsräume für Jugendliche
● Ausbildung: Berufskollegs Sozialpädagogik, Hochschulen
● Elternvereine/Initiativen
● Fördervereine der Kinder- und Jugendarbeit u.ä.
● Jugendfreizeitstätten
● Kinder- und Jugendgruppen der politischen Bildung (Demokratiepflege)
● Kinderbauernhöfe und Jugendfarmen
● Kinderbüros/Büros für kinderfreundliche Stadtgestaltung
● Kinder- und Jugendzentren
● Lernwerkstätten
● Natur- und Begegnungseinrichtungen
● „Offene Arbeit“ in Tageseinrichtungen
● Offene Ganztagsschulen
● Planungsbüros/-ämter usw.
● Schulen, die von Kinder- und Jugendarbeit (auf Augenhöhe) profitieren wollen
● Spezialdienste: Kindermuseen, Geschichtshäuser u.a. Projekte
● Spielmobile
● Spielhäuser
● Spielplatzpaten
● Spielplatzpaten-Projekte
Bildungsarbeit
Unter anderem:
● Konzeptarbeit
● Kunst- und Kulturpädagogik
● Erlebnispädagogik
● Umweltpädagogik
● Geschlechtsspezifische Arbeit
● Spielen
● Offene Konzepte in Kindertageseinrichtungen und Internaten
● Kooperation mit Schulen
● Offene Schulkonzepte/Bildungswerkstätten
● Kindgerechte Stadt- und Raumplanung
● Partizipationsverfahren
● Spielplatzpatenschaften
● Praxisreflexion/Organisations- und Konzeptentwicklung
● Supervision/Systemische Beratung
Fachberatung
● Konzepte
● Pädagogik
● Planungsvorhaben
● Verträge
● KJHG/SGB VIII
● UN-Konvention über die Rechte des Kindes
● Vereinsrecht
● Bau- und Planungsrecht
● Aufsichts- und Verkehrssicherungspflicht
● Haftungsfragen
● Versicherungen
● Kinder- und Jugendschutz
● Praxisfeldeinführung an Berufskollegs/Hochschulen
Themenbezogene Publikationen und Materialien
● ABA-Netz (Zur Startseite)
● „i-Punkt“ (Monatlicher Informationsdienst) – Abonnieren
● DER NAGEL (frühere Ausgaben auf Anfrage)
● DER NAGELKOPF (Themen- und Projektreihe)
● ABA TexteDienst (Rechtsreihe)
● stichWort (Konzepthilfe)
● spielRäume (Konzepthilfe)
● Sonderpublikationen
● Videoproduktionen u.ä.
Zugunsten einer verstärkten Internetpräsenz wurde die regelmäßige Publizierung gedruckter Schriften inzwischen sinnvollerweise weitgehend aufgegeben.
Kooperation/Lobbyarbeit
● Einrichtungen
● Fachschulen
● Gewerkschaften
● Hochschulen
● Institute
● Jugendhilfeausschüsse
● Kommunen
● Landesjugendämter
● Landesregierung NRW
● Landtag NRW
● Kinderkommission Bundestag
● Verbände
Mitgliedschaften des ABA Fachverbandes
Zur Seite mit den Mitgliedschaften
Kontakt
ABA Fachverband Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen e.V.
Clarenberg 24
44263 Dortmund
Tel. 0231/985 20 53 – 02363/56 96 80
Mobil 0179.211 04 73
Fax 0231/985 20 55- 02363/56 96 81
Email
NAGEL-Redaktion – Arbeitsgrundlagen und Ziele
Der ABA Fachverband betrachtet als Hauptgrundlage seines Tätigwerdens den Paragraphen 11 des SGB VIII:
(1) Jungen Menschen sind die zur Förderung ihrer Entwicklung erforderlichen Angebote der Jugendarbeit zur Verfügung zu stellen. Sie sollen an den Interessen junger Menschen anknüpfen und von ihnen mitbestimmt und mitgestaltet werden, sie zur Selbstbestimmung befähigen und zu gesellschaftlicher Mitverantwortung und zu sozialem Engagement anregen und hinführen.
(2) Jugendarbeit wird angeboten von Verbänden, Gruppen und Initiativen der Jugend, von anderen Trägern der Jugendarbeit und den Trägern der öffentlichen Jugendhilfe. Sie umfasst für Mitglieder bestimmte Angebote, die offene Jugendarbeit und gemeinwesenorientierte Angebote.
(3) Zu den Schwerpunkten der Jugendarbeit gehören:
1. außerschulische Jugendbildung mit allgemeiner, politischer, sozialer, gesundheitlicher, kultureller, naturkundlicher und technischer Bildung,
2. Jugendarbeit in Sport, Spiel und Geselligkeit,
3. arbeitswelt-, schul- und familienbezogene Jugendarbeit,
4. internationale Jugendarbeit,
5. Kinder- und Jugenderholung,
6. Jugendberatung.
(4) Angebote der Jugendarbeit können auch Personen, die das 27. Lebensjahr vollendet haben, in angemessenem Umfang einbeziehen.
Ferner handelt er im Auftrag des Gesetzes zur Förderung der Jugendarbeit, der Jugendsozialarbeit und des erzieherischen Kinder- und Jugendschutzes des Landes Nordhrein-Westfalen vom 12. Oktober 2004 (Gesetzestext herunterladen).
Er sieht sich in Übereinstimmung mit dem jugendpolitischen Grundverständnis des Landes NRW. Dies ist im Wesentlichen gekennzeichnet durch
● die Bedeutung der Selbstorganisation der Interessenvertretung von Kindern und Jugendlichen und des ehrenamtlichen Engagements;
● die allgemeine Förderung junger Menschen durch Angebote der Freizeit und Bildung und Kinder- und Jugenderholung;
● die Überwindung sozialer Benachteiligung durch eine gezielte Förderung betroffener junger Menschen;
● das gleichberechtigte Miteinander zu fördern und Diskriminierungen abzubauen;
● die Gewährleistung einer pluralen, vielfältigen und fachlich kompetenten Angebotsstruktur von Trägern der freien und öffentlichen Jugendhilfe.
Der ABA Fachverband begreift sich im Einklang mit den Prinzipien des Kinder- und Jugendplanes des Landes NRW:
● Emanzipation
● Partizipation
● Integration
Der ABA Fachverband unterstützt Konzeptionen, die von den Prämissen
● Bildung
● Gesundheitsförderung (Salutogenese)
● Familienunterstützung und -begleitung
getragen werden.
Ziele des Verbandes
● Förderung der individuellen Entwicklung junger Menschen, ihrer Phantasie und Kreativität
● Eintreten für die politische Umsetzung der Rechte junger Menschen
● Entwicklung sozialer Kompetenz
● Vermittlung kultureller und künstlerischer Fähigkeiten
● Förderung der Identitätsbildung in unterschiedlichen Gruppen und Milieus
● Unterstützung der Auseinandersetzung mit Fremden im Sinne interkultureller Arbeit
● Erweiterung gesellschaftlicher Partizipationschancen
● Verbesserung der Kommunikation und Interaktion
● Sensibilisierung für das Verhältnis zwischen Mensch und Umwelt
● Stärkung der Wahrnehmung für gesellschaftliche und politische Entwicklungen
Die Zielgruppen und Arbeitsschwerpunkte des Verbandes ansehen
Die Mitgliedschaften des Verbandes ansehen
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NAGEL-Redaktion – Emanzipation
Emanzipation gehört – wie Partizipation und Integration – zu den Leitzielen des ABA Fachverbandes. Brauchbare Hinweise zum Thema werden nach und nach hier eingestellt.
Zur Seite Arbeitsgrundlagen und Ziele des ABA Fachverbandes
Zur Wikipedia-Seite „Emanzipation“ – Auf dieser Seite gib es eine hilfreiche Definition des Begriffes
NAGEL-Redaktion – Einwanderungsland Deutschland
Anlässlich der Veröffentlichung der Sinus-Milieustudie „Lebenswelten von Migranten“ am 16. Oktober 2007 haben wir diese Seite eröffnet. Bislang haben wir das Thema diversen anderen Seiten zugeordnet. In Zukunft werden Sie entsprechende Beiträge hier finden. Zunächst können Sie sich einen Auszug aus der Forschungsbericht (SINUS SOCIOVISION) sowie weiteres Material zum Thema herunterladen.
ABA Fachverband
Zum Herunterladen
Interview mit Prof. Dr. Christian Pfeiffer zum Thema Jugendgewalt: Ethnische Herkunft spielt faktisch keine Rolle
Interview aus der „e&w“ (Erziehung und Wissenschaft) 3/2008 herunterladen
Interview mit Seyran Ates: … eine andere Vorstellung von Fürsorge. Bildung von Migrantinnen.
Interview aus der „e&w“ (Erziehung und Wissenschaft) 3/2008 herunterladen
Die Milieus der Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland. Eine qualitative Untersuchung von Sinus Sociovision. Auszug aus dem Forschungbericht. Veröffentlicht am 16. Oktober 2007. (72 Seiten, 273 KB)
Studie herunterladen
Studie von Sinus Sociovision „Die Milieus der Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland“. Zentrale Ergebnisse einer qualitativen sozialwissenschaftlichen Untersuchung (16. Oktober 2007). Die Auftraggeber finden Sie im Papier. (4 Seiten, 89 KB)
Papier herunterladen
Lebenswelten von Migrantinnen und Migranten in Deutschland. Rollenbilder in Migrantenmilieus (16. Oktober 2007). (6 Seiten, 1001 KB)
Papier herunterladen
NAGEL-Redaktion – Ehrenamt – Freiwilliges Engagement
Freiwilliges Engagement – früher nannte man es Ehrenamt – spielt eine wichtige Rolle. Auch in der Offenen Arbeit hat das Ehrenamt seine Relevanz, etwa bei den Spielplatzpaten.
Zum Herunterladen
Vorstehend können Sie eine Broschüre zum Unfallschutz im Ehrenamt herunterladen.
MONITOR ENGAGEMENT

Im April 2010 wurde vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend der MONITOR ENGAGEMENT herausgegeben. Er befasst sich mit freiwilligem Engagement in Deutschland (1999 – 2004 – 2009) und fasst die Ergebnisse der repäsentativen Trenderhebung zu Ehrenamt, Freiwilligenarbeit und bürgerschaftlichem Engagement zusammen. Bei Interesse können Sie die Unterlagen mittels Klicks auf nachstehende Links herunterladen.
Monitor Engagement (Ausgabe 2: Freiwilliges Engagement in Deutschland 1999 – 2004 – 2009) Kurzbericht des 3. Freiwlligensurveys – Ergebnisse der repräsentativen Trenderhebung zu Ehrenamt, Freiwilligenarbeit und bürgerschaftlichem Engagement
Herunterladen (1,4 MB)
Hauptbericht des Freiwilligensurveys 2009 (Zivilgeselllschaft, soziales Kapital und freiwilliges Engagment in Deutschland 1999 – 2004 – 2009)
Inhalt (unter anderem)
Öffentliches Leben und freiwilliges Engagement
Stärken und Grenzen des Freiwiliigensurveys
Trend-Indikatoren
Mehr öffentliches, weniger privates soziales Kapital?
Freiwilliges Engagement – das Herz der Zivilgesellschaft
Selbstverständnis, Motive und Erwartungen freiwillig Engagierter
Bereitschaft nicht Engagierter, sich zu engagieren
Trends in verschiedenen Bevölkerungsgruppen
Strukturen des freiwlligen Engagements und Verbesserungsbedarf
Zeitliche Beanspruchung der Freiwilligen
Leistungen und Anforderungen im Engagement
Zielgruppen des freiwilligen Engagements (hier u.a. Kinder, Jugendliche und Familien)
Internetbenutzung im Engagement
Monetarisierung: Das materielle element
Verbesserungsbedarf bei den Rahmenbedingungen
Herunterladen (4,3 MB)
Hauptbericht des Freiwilligensurveys 2009 (Zivilgesellschaft, soziales Kapital und freiwilliges Engagement in Deutschland 1999 – 2004 – 2009) Zusammenfassung
Herunterladen (2,3 MB)
Jugend in der Zivilgesellschaft: Freiwilliges Engagement Jugendlicher von 1999 bis 2009 (Von Sibylle Picot im Auftrag der Bertelsmann Stiftung) Kurzbericht April 2011

Die Turbo-Studiengänge und die Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur seien Schuld daran, dass sich Jugendliche immer weniger für die Gesellschaft engagierten. So eine Feststellung aus der Studie, die gezielt mit dem ehrenamtlichen Verhalten von Schülern und Studenten nachgegangen ist. Freundlicherweise hat uns Nicole Henrichfreise vom „Programm Zukunft der Zivilgesellschaft“ am 12. April 2012 eine aktualisierte 2. Auflage zugesandt. Diese haben wir nunmehr hier eingestellt.
Jugendliches Ehrenamt fördert demokratische Kompetenzen
Zu dieser Erkenntnis gelangt eine Studie der Universität Würzburg, die Prof. Dr. Heinz Reinders in Kooperation mit dem VCP, dem Verband christlicher Pfadfinder, 2007 durchgeführt hat. Die Dokumentation hierzu kann nachfolgend heruntergeladen werden. Hier wird folgende Kernaussage getroffen: „Jugendliche, die sich sozial engagieren, erleben sich stärker als Teil der Gesellschaft und sind häufiger zu politischer Beteiligung bereit.“Heinz Reinders: „Wenn neun von zehn Jugendlichen durch ihr Engagement etwas Neues gelernt haben und ihre demomkratische Kompetenz dadurch steigt, dann ist doch eine verstärkte Förderung jugendlichen Engagements ohne Alternative.“
Dokumentation herunterladen
Tagungsdokumentation „Engagement verändert – Freiwilliges Engagement und Entwicklung von Demokratie“
Die Dokumentation (15 Seiten, 1.972 KB) wurde uns am 19. Dezember freundlicherweise von Oliver Hesse von der FreiwilligenAgentur Dortmund zur Verfügung gestellt.
Inhalt
- Der Staat, der die Zivilgesellschaft stärkt, stärkt sich selbst.
- Die Demokratisierung verbandlicher Strukturen durch Personalentwicklung – eine neue Art von Organisationsentwicklung
- Politische Partiziaption
- Jugend und Partizipation
- Demokratische Strukturen in Verbänden und Einrichtungen
- Freiwilligenkoordination
- Die Martkplatzmethode als Instrument des Corporate Citizenship
Dokumente
Führungszeugnisse für Ehrenamtliche
Der Sprecherrat des ABA Fachverbandes hat sich auf seiner Arbeitstagung vom 10. November 2008 mit dem Thema Führungszeugnisse für Ehrenamtlich befasst. Seitdem existieren zwei Arbeitspapiere, die unser Sprecherratsmitglied Christa Burghardt vom Kinderschutzbund Hagen zur Verfügung gestellt hat. Im ersten geht es generell um Führungszeugnisse. Ein weiteres ist der Vorschlag für eine „Ehrenerklärung“, die seit längerem beim Hagener Kinderschutzbund genutzt wird. Wir empfehlen beispielsweise beim Einsatz von Spielplatzpaten einen entsprechenden Gebrauch.
Polizeiliche Führungszeugnisse für Ehrenamtliche
Ehrenerklärung für Ehrenamtliche
Im Juni 2010 hat der Deutsche Bundesjugendring (DBJR) ein Hintergrundpapier zur Positionsbeschreibung veröffentlicht. Titel: Führungszeugnisse für Ehrenamtliche – ein geeigneter Beitrag zur Prävention sexuellen Missbrauchs in Jugendverbänden? Neben einer Einschätzung der Problemlage, befasst sich das Hintergrundpapier unter anderem mit der Aussagekraft von Führungszeugnissen, präventiven Maßnahmen, den Übergängen zwischen informellen und nonformalen Zusammenhängen, der Datenschutzproblematik, dem Aufwand im Vergleich zum Nutzen u.a.m. Der ABA Fachverband sieht eine Übertragbarkeit vor allem beim Einsatz ehrenamtlicher Spielplatzpaten. Heruntergeladen werden kann das Papier mittels eines Klicks auf vorstehendes Logo des DBJR.
Prävention statt statt Führungszeugnisse! Auf diese griffige Formel bringt der Landesjugendring Nordrhein-Westfalen seine Position. Er verwendet sich dafür, ein angemessenes Problembewusstsein zu schaffen, zu sensibilisieren und aufzuklären. Ebenso setzt er sich für eine entsprechende Qualifizierung derjenigen ein, die in der Kinder- und Jugendarbeit Verantwortung übernehmen. Nach Meinung des Landesjugendrings NRW stellt die Einführung von Führungszeugnissen für Ehrenamtliche Hunderttasusende unter Generalverdacht; dies behindere zivilgesellschaftliche Gestaltungskraft. Ehrenamt verdiene Vertrauen, Anerkennung und Strukturen, die es unterstützuen und nicht erschweren. Dieser Aussage kann sich der ABA Fachverband inhaltlich nur anschließen. Der Beschluss des Landesjugendrings NRW kann mittels eines Klicks auf vorstehendes Logo heruntergeladen werden.
NAGEL-Redaktion – Zukunftsängste von Kindern und Jugendlichen
Von Horst Petri
Einleitung
Der Begriff „Zukunftsangst“ ist in letzter Zeit, speziell in der jungen Generation, in Mode gekommen und erfährt seitdem einen inflationären Gebrauch. Die Angst vor der Zukunft hat aber die Menschheit von Anbeginn begleitet, ob vor Naturkatastrophen oder vor von Menschen verursachtem Unheil. Der Begriff „Zukunftsangst“ scheint jedoch, wenn man ihn nicht als modische Wortschöpfung abtun will, im Unterschied zu früheren Ängsten eine neuartige Qualität der Angst auszudrücken.
In der Psychologie kennen wir Begriffe wie Triebangst, Gewissensangst, Trennungsangst, Kastrationsangst oder Todesangst. Sie werden als psychische Realitäten aufgefasst, die an konkrete seelische Konflikte oder Beziehungskonflikte gebunden sind. Zukunftsangst dagegen hat eine globale Dimension. Sie bezieht sich auf etwas Unbestimmtes, auf eine, wie es scheint, unheimliche und ungreifbare Bedrohung von endzeitlichem Charakter. Zumindest besitzt sie diese universelle Konnotation und drückt damit mehr aus als zum Beispiel die Angst vor Arbeitsplatzverlust, vor Verarmung, vor Krankheit oder anderen realen Gefahrenquellen, auch wenn sie im politischen und öffentlichen Bewusstsein mit solchen äußeren Auslösern begründet wird.
Ich möchte im folgenden der Hypothese nachgehen, dass durch die gesellschaftlichen Umbrüche der letzten Jahrzehnte Zukunftsangst eine neuartige Gefühlsqualität im menschlichen Erleben darstellt, bei der es zu einer engen Verschränkung von innerer und äußerer Realität von existenzbedrohendem Ausmaß kommen kann. Dem Thema entsprechend beschränken sich meine Überlegungen auf die Erfahrungswelten der jungen Generation. Die Oberfläche bilden hierbei zunächst einige ausgewählte Ergebnisse der Kinder- und Jugendforschung der letzten Jahre. Zukunftsängste können in der psychologisch orientierten Sozialforschung nur durch konkrete persönliche oder gesellschaftliche Faktoren äußerer Realität erfasst werden. Dabei unterscheidet man zwischen mikrosozialen, das heißt auf das persönliche Umfeld bezogenen, und makrosozialen, das heißt gesellschaftlich bedingten Stressoren. In die Zukunft projizierte persönliche Stressoren beziehungsweise Ängste betreffen hauptsächlich Probleme in Familie, Schule, Beruf und Freundschaften, äußeres Ansehen, soziale Anerkennung und Krankheiten. Ende der siebziger Jahre konzentrierte sich die Forschung dann stärker auf makrosoziale Stressoren. Die untersuchten gesellschaftlichen Zukunftsängste betreffen hauptsächlich die Themen Krieg, speziell Atomkrieg, Ökologie, Technik, Arbeitsmarktentwicklung, Bevölkerungswachstum, Ausländerfragen und Dritte Welt. Ich beschränke mich hier auf einige orientierende Daten zu den makrosozialen Stressoren, weil sich in allen Untersuchungen, soweit sie mikro- und makrosoziale Faktoren vergleichend erfassen, ein einheitlicher Trend zeigt, wonach die gesellschaftsbedingten Zukunftsängste die persönlichen hochsignifikant übertreffen.
Ergebnisse empirischer Forschung
Ab Ende der siebziger Jahre wurden weltweit zahlreiche Untersuchungen zu der Frage durchgeführt, wie sich die atomare Dauerbedrohung auf die seelische Entwicklung junger Menschen auswirkt und ihre Zukunftseinstellungen beeinflusst. 1985 führten wir mit einer Arbeitsgruppe in der damaligen Bundesrepublik die erste internationale Vergleichsstudie mit 3500 Kindern und Jugendlichen durch, die unter der Bezeichnung „Bundesweite Befragung“ bekannt wurde (Petri u.a. 1987). Die Ergebnisse zeigten eine hohe Übereinstimmung mit anderen internationalen Studien in bezug auf das erschreckende Ausmaß an Atomkriegsängsten in der jungen Generation. Obwohl erst wenige Jahre zurückliegend, scheinen wir das alles wieder vergessen zu haben und werden durch neue Untersuchungsdaten beunruhigt, die seit der Versöhnung der Supermächte eine deutliche Abnahme dieser Ängste gegenüber anderen gesellschaftlichen Bedrohungen zeigen. Statt von „Vergessen“ sollten wir jedoch von Verleugnung sprechen, denn unser Wissen, dass das Atomzeitalter die Welt und die Menschen tiefgreifend verändert hat, ist unabweisbar. So stellt nach meiner Überzeugung die Atombombe im Erleben von Kindern das Unfassbarste aller Erschrecken dar, sie ist zum Symbol für das Zerstörerische schlechthin geworden und wurde entsprechend als dauerhaft verfolgendes, böses Objekt introjiziert. Ihre destruktive Wirkung auf das innere Repräsentanzensystem erhält zudem ständige Nahrung von außen, ob durch die Atomkriegsgefahr im Zusammenhang mit dem Golfkrieg 1991, ob durch Plutoniumschmuggel oder durch die inzwischen fast weltweit vermutete heimliche Produktion von Atomwaffen, deren Einsatz bei der Zuspitzung globaler Konflikte immer unkalkulierbarer wird. Wie spontan die Atomängste aus ihrer Latenz hervorbrechen können, zeigen die massenhaften Protestaktionen junger Menschen in vielen Teilen der Erde gegen die jüngste Atomtestserie Frankreichs auf dem Mururoa-Atoll. Dass außerdem der radioaktive Komplex auch im Bewusstsein weiterwirkt, belegt die Angst vor einem größeren Kernkraftunglück. In unserer Studie von 1985, also noch vor Tschernobyl, hatten bereits 37 Prozent der Befragten auf einer vierstufigen Antwortskala „viel Angst“ vor der „Explosion eines Atomkraftwerkes“. Dieser Anteil stieg nach Tschernobyl in zwei repräsentativen Studien von Mansel (1992) und besonders von Hurrelmann (1992) auf knapp 60 Prozent an. In der Studie von Mansel (1992) zeigte sich folgende Rangliste für „wahrscheinlich“ gehaltene „katastrophale Ereignisse“: Zunahme von Umweltzerstörung 80,5 Prozent, Gesundheitsrisiken infolge der Umweltverschmutzung 75,8 Prozent, anhaltende Arbeitslosigkeit 56,6 Prozent, Explosion eines Kernkraftwerks 52,9 Prozent, Wirtschaftskrisen und Armut 48,6 Prozent, Krieg in Europa 37,3 Prozent. Die durchschnittliche Erwartung der Wahrscheinlichkeit katastrophaler Ereignisse lag bei 58,7 Prozent. Die statistische Analyse dieser gründlichen Studie ergab einige signifikante Korrelationen zwischen einzelnen dieser makrosozialen Stressoren und der Entstehung anomischer Gefühle wie Hilflosigkeit, Angst, Traurigkeit, Einsamkeit, Sinnlosigkeit sowie der Häufigkeit psychosomatischer Symptome.
Leuzinger-Bohleber und Garlichs (1993) führten 1990 mit einem psychoanalytisch orientierten, qualitativen und quantitativen Untersuchungsansatz eine gründliche Vergleichsstudie zwischen Kindern der 2., 4. und 8. Klasse (7-8 Jahre, 9-10 Jahre, 13-14 Jahre) in Jena und Kassel mit einer Klassengröße von durchschnittlich 20 Schülern durch (Gesamtzahl circa 180). Der inhaltliche Schwerpunkt der Studie lag in der Erfassung der Zukunftshoffnungen und Zukunftsängste im Zusammenhang mit den unterschiedlichen Sozialisationsbedingungen der Probanden in Ost- und Westdeutschland. Aus der Fülle der Daten sind für den hiesigen Zusammenhang folgende von Bedeutung: Bei der Auswertung einer freien Zeichnung zum Thema „Zukunft“ stiegen die negativen Zukunftsprojektionen der Kasseler Schüler von 4 Prozent bei den Zweitklässlern über 44 Prozent bei den Viertklässlern auf 79 Prozent bei den Achtklässlern (Jenaer Schüler zum Vergleich: 0 Prozent, 4,2 Prozent, 31,8 Prozent). Inhaltlich dominieren bei den Zukunftsvorstellungen der Jugendlichen „offene Gesellschaftskritik“ (94 Prozent in Kassel, 77 Prozent in Jena) und „Naturzerstörung“ (88 Prozent in Kassel, 77 Prozent in Jena). Bei einer „Traumreise in die Zukunft“ bestätigten sich diese Befunde für Jugendliche: 91 Prozent der Kasseler Jugendlichen drücken eine negative Einstellung zur Technik und „Schreckensvisionen einer technisierten Zukunft“ aus (Jenaer Jugendliche: 50 Prozent); bei einer Differenzierung dieser Angaben betrifft die Technikkritik vor allem den Bereich Kernenergie, Gentechnologie und den Komplex „Großtechnologie“. Durch Zeichnungen, Interviews und Fragebögen ließen sich bei der Mehrzahl der Jugendlichen große Ohnmachtsgefühle ermitteln, mit dem Ergebnis, dass 76 Prozent der Kasseler und 47 Prozent der Jenaer Jugendlichen ihre Möglichkeiten negativ einschätzen, als einzelne die gesellschaftliche Zukunft zu beeinflussen.
Der qualitative Untersuchungsansatz solcher empirischer Studien wird inzwischen durch eine Vielzahl dokumentierter Materialien ergänzt, die in ihrer spontanen Ausdrucksform oft genauere tiefenpsychologische Deutungen ermöglichen als die Ergebnisse systematisch angelegter Untersuchungen. Dazu zählen Aufsätze, Briefe, aufgezeichnete Gespräche und Interviews, Träume, Zeichnungen, Gedichte und Geschichten zum Thema „Zukunft“, die aus unterschiedlichen Anlässen, zum Beispiel im Rahmen von Schreib- und Malwettbewerben, von Unterrichtseinheiten zur Umwelterziehung in Kindergärten und Schulen, von Dokumentarfilmen oder als Selbstzeugnisse anderer Art entstanden. Nicht zuletzt verfügen wohl die meisten Therapeuten inzwischen über ein mehr oder weniger breites Erfahrungsspektrum aus psychotherapeutischen Behandlungen oder Beratungen von Kindern und Jugendlichen, die die hier referierten Ergebnisse aus der Normalpopulation bestätigen. Im Original-Ton erhält man dann zum Beispiel folgende Antworten auf die Frage, was in den nächsten zehn Jahren passieren könne:
Nazmiye, 15 Jahre: „In zehn Jahren lebe ich nicht mehr. Das mit der Umwelt ist schlimm, das ist wirklich katastrophal. Irgendwas wird bestimmt passieren, oder ich mache Selbstmord und kapituliere. Entweder bringt mich jemand um, oder ich bringe mich selbst um.“
Lisa, 11 Jahre: „Das Ding wird in zehn Jahren bestimmt seine Wirkung zeigen.“
Interviewer des Spiegel: „Welches Ding?“ Lisa: „Na, das Ozonloch. Und vielleicht explodiert auch ein Kernkraftwerk. Ich hab‘ so Angst von dem Jahr 2000. Da geht bestimmt irgendwas los, irgend ein riesiges Chemiewerk könnte auch explodieren. Oder Politiker sagen, sie wollen etwas ausprobieren, etwas, was nicht gefährlich ist, und dann schmeißen sie ’ne Atombombe. Dann geht die Welt auseinander, sie zerbricht.“
Veronika, 11 Jahre: „Also, lange geht das bestimmt nicht mehr weiter, es könnte so viel passieren, vielleicht kommt auch eine Sintflut. Vielleicht machen sie auch einen Atombombenversuch, und dann kommt der Weltuntergang.“
Güven, 14 Jahre: „Ich glaube, die Menschen können sich irgendwie nicht verändern. Vielleicht sollten sich die Staaten zusammentun. Aber bis das passiert, wird es bestimmt zu spät sein, und wir stehen da im Dunkeln und sind tot.“ (Der Spiegel Nr. 43 vom 23.10.1989, S. 272)
Aus den vielen vorliegenden Materialien habe ich selbst eine kleine qualitative Analyse einer Auswahl von 128 Briefen von Kindern bis 14 Jahre vorgenommen, die im Rahmen eines Schreibwettbewerbs der IG-Metall zum Thema „Meine Zukunft“ entstanden (Rusch 1989). Die spontan genannten, negativ besetzten Items ließen sich zu 19 Begriffskomplexen zusammenfassen, von denen ich hier nur die drei häufigsten zitiere. Das Sterben von Natur, Tieren und Menschen stand an erster Stelle und wurde in knapp 90 Prozent der Briefe genannt. An zweiter Stelle folgten Umweltzerstörung, -verseuchung, -verschmutzung einschließlich Müllhalden, -bergen und -deponien in 60 Prozent der Briefe und an dritter Stelle Fabriken, Hochhäuser, Beton und Plastik als gegenwärtige und zukünftige Sinnbilder menschlicher Entfremdung in 50 Prozent der Briefe. In den teilweise erschütternden Dokumenten verdichten sich über die genannten Inhalte hinaus Begriffe wie Atomwaffen, Krieg, Atomkraftwerke, Gift, Roboter und Computer, Autos, Ozonloch und Klimakatastrophe, Sorge um die eigenen späteren Kinder, Zweifel am Fortbestand der Erde, Gasmasken für die Zukunft und viele als destruktiv erfahrene menschliche Eigenschaften zu konkreten Bildern und Phantasien der Zerstörung und Entmenschlichung, die zu Ohnmacht und Resignation führen und die Vision des Todes, des eigenen wie den der Menschheit, einschließen. Die zuletzt zitierte Dokumentation erscheint nicht überzeichnet, wenn man sie mit einer Vielzahl anderer persönlicher Zeugnisse vergleicht, die in den letzten Jahren publiziert wurden. Allerdings möchte ich ausdrücklich betonen, um einseitige Akzentuierungen mit der Erzeugung von Katastrophenstimmung zu vermeiden, dass in allen Materialien natürlich auch positive Zukunftsaspekte auftauchen. Durch aktives Engagement in einer der zahlreichen Jugendvereine oder in einer Gruppe der ökologischen Kinderrechtsbewegung auf der Realebene oder durch erfundene Geschichten, Visionen, Träume und Science-fiction-Bilder auf der Phantasieebene werden die negativen Erfahrungen durch die Hoffnung auf eine friedliche, erfüllte und menschengerechte Zukunft kontrastiert.
Ich fasse zunächst zusammen, was sich aus den bisher dargestellten Befunden verallgemeinernd sagen lässt:
1. Kinder und Jugendliche besitzen in heutiger Zeit im Durchschnitt einen hohen Informationsstand über alle im gesellschaftlichen Zusammenhang auftretenden Gefahrenpotentiale, ob national oder international. Dies ist im Zeitalter der Medienkindheit nicht überraschend. Eher könnten wir darüber erstaunt sein, welches Ausmaß die diesbezügliche Verleugnung bei Erwachsenen erreicht. Sie lässt sich aber durch die verbreitete Erfahrung erklären, dass Kinder und Jugendliche kaum spontan mit Erwachsenen über die täglich auf dem Bildschirm visualisierten Schrecken unserer Zeit oder gar über die damit verbundenen Gefühle sprechen, zumal sie kaum jemals darauf angesprochen werden. Eltern und Kinder schaffen sich auf diese Weise einen wechselseitigen Schonraum, weil sie sich gegenseitig das eigentlich Unerträgliche nicht zumuten wollen.
2. Kinder denken global. Ich zitiere noch einmal den Original-Ton-Ausschnitt aus einem eineinhalbstündigen Interview mit einem zehnjährigen Mädchen für ein WDR-Pilot-Projekt zum Thema „Was Kinder so denken“. Mir war im Verlauf des Gesprächs aufgefallen, dass Daniela mit viel Mitleid und Mitgefühl über Probleme anderer Menschen erzählte. Ich sprach das an:
„Du machst Dir viele Gedanken über andere.“
Daniela: „Ja, wie es denen geht, und wie man ihnen helfen kann. Das muss man ja machen, sonst müssten ja alle Menschen irgendwann dran glauben.“
„Wie meinst Du das: ‚dran glauben‘?“
Daniela: „Sagen wir mal, da ist `n Bürgerkrieg, und dann glauben alle, das ist doch deren Sache. Dann kann der ja nie aufhören, und dann leiden ganz viele Menschen dran, Hunderte oder so, die sind dann tot mit einem ganz jungen Alter, und das nur, weil sich andere keine Gedanken drüber machen. Es wäre gut, wenn sich alle Gedanken über die Frage machen würden: ‚Was passiert, wenn wir jetzt nicht irgendein Mittel erfinden, was, sagen wir mal, die Ozonschicht schützt.‘ Irgendwie kommt es mir so vor, machen sich viel zu wenig Menschen Gedanken darüber. Sollten sich viel mehr darüber machen.“
„Es scheint Dich eine Menge zu beunruhigen, was noch alles Schreckliches passieren kann.“
Daniela: „Ja, ich glaube, dass es zu viel Plastik gibt.“
„Und warum stört Dich das?“
Daniela: „Na ja, irgendwie, irgendwann denke ich manchmal, irgendwann kann man das nicht mehr stoppen, dann wird es zu voll, und dann kann man so viele Verbrennungsanlagen gar nicht mehr bauen, um das ganze wegzukriegen, das wird dann immer mehr, und irgendwann schlafen wir im Müll.“
Die assoziative Verknüpfung von Bürgerkrieg, Zerstörung der Ozonschicht, Plastik und erstickenden Müllhalden, beschränkt auf diesen kurzen Interviewausschnitt, spiegelt anschaulich das globale Denken wider, das sich auch in den meisten der zitierten Untersuchungen niederschlägt. Es scheint nicht der drohende Atomkrieg allein oder einer der vielen Bürgerkriege irgendwo in der Welt zu sein, es sind nicht die Atomkraftwerke, die Autos allein, der Beton, die vergiftete Nahrung oder eine der vielen anderen angstauslösenden Zeichen für Zerstörung und Zerfall – es ist das Ganze, das sich als unheimliche Bedrohung zusammenballt. In diesem globalen Denken und Erleben scheint sich noch etwas erhalten zu haben, was die Säuglingsbeobachtung in den letzten Jahren erbracht hat und was von ihr „als ganzheitliches Erleben beschrieben wird, in dem Kognition, Handlung und Wahrnehmung noch keine trennbaren Kategorien sind“ (Köhler 1990). Psychologisch dürfte sich diese Unterscheidung zwischen jüngerem und erwachsenem Erleben zu einem wesentlichen Teil durch eine altersabhängige Veränderung der Abwehrprozesse erklären, bei denen Erwachsene mehr zu einer Verdrängung und Verleugnung von Konflikten tendieren.
3. Vor allem die spontan entstandenen persönlichen Zeugnisse über Zukunftsängste speziell in der jungen Generation lassen auf stärkere Identifikationsvorgänge besonders in der frühen Kindheit schließen, die die Komponenten der Einfühlung, des Mitleids und mithin des Leidens verständlicher machen. Durch Umweltkatastrophen sterbende Tiere, wie Seevögel im Ölteppich oder Fische nach einem Chemieunfall, durch Krieg und Landminen in aller Welt verstümmelte Kinder oder solche, die hungernd in stinkenden Abfallhalden nach Nahrung herumstochern, durch Industrieabgase verwüstete Waldstriche, die die Bäume wie Gespenster gen Himmel ragen lassen – alle diese destruktiven Bilder und Erfahrungen können Kinder bis zu bitteren Tränen rühren. Freud verdanken wir eine für diesen Zusammenhang wichtige Beschreibung: „Das Verhältnis des Kindes zum Tiere hat viel Ähnlichkeit mit dem des Primitiven zum Tiere. Das Kind zeigt noch keine Spur von jenem Hochmut, welcher dann den erwachsenen Kulturmenschen bewegt, seine eigene Natur durch eine scharfe Grenzlinie von allem Animalischen abzusetzen. Es gesteht dem Tiere ohne Bedenken die volle Ebenbürtigkeit zu; im ungehemmten Bekennen zu seinen Bedürfnissen fühlt es sich wohl dem Tiere verwandter als dem ihm wahrscheinlich rätselhaften Erwachsenen“ (Freud 1913, S. 154).
4. Leider lassen uns die bisher vorliegenden Befunde über Zukunftsängste in der jungen Generation bei der Frage im Stich, welche krankmachende Bedeutung ihnen bei der Verarbeitung der mit Angst verbundenen inneren und äußeren Konflikte zukommt. Für Fachleute ist ein diesbezügliches Interesse zwar verständlich und nicht unbedeutend, mir scheint aber, dass es im gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang keine Priorität gegenüber der Frage besitzt, zu welchen kollektiven Verarbeitungsformen die Zukunftsangst in der jungen Generation führt.
Eine psychotherapeutische Kasuistik
Bevor ich nach diesem Überblick den Versuch machen werde, die Zukunftsangst mehr zu vertiefen, möchte ich eine kurze Kasuistik voranstellen.
Boris ist ein großer, körperlich gesund und kräftig wirkender junger Mann. Im Widerspruch zu seiner attraktiven Erscheinung bestand sein Verhalten in einer starren Körperhaltung, einer nur zögernden Kontaktaufnahme und zähflüssigen Sprache. Insgesamt bot er das Bild einer depressiven Verzagtheit und Resignation. Er kam nicht freiwillig, sondern auf Drängen der in Westdeutschland lebenden Eltern. Er selbst versprach sich nichts von einer Therapie, weil sie seine Probleme nicht lösen könne. Seit seiner Pubertät sei er innerlich permanent mit sterbenden Bäumen, mit der geschundenen Natur und der Weltzerstörung beschäftigt. Damals hätten auch seine Depressionen begonnen, die im Laufe der Jahre immer schlimmer wurden. Bei unserem ersten Gespräch klagte er darüber, daß er keinerlei Zukunftsperspektive sehe und überzeugt sei, innerhalb der nächsten zehn Jahre zu sterben. Er sitze oft tagelang stumpfsinnig in seiner lichtlosen Hinterhofwohnung. Es sei ja ohnedies alles völlig sinnlos. So zum Beispiel auch jeder politische Protest. Er habe früher ein paarmal an Demonstrationen in Wackersdorf teilgenommen, das dann aber aufgegeben, weil angesichts der Übermacht von Militär und Technik jeder Widerstand ohne Wirkung bleibe.
Nach diesem Bericht über seine aktuelle Lage bat ich ihn um einige Informationen zu seiner Entwicklung. Boris wuchs in einer Akademikerfamilie mit zwei Geschwistern in ländlicher Umgebung auf. Von daher stammte seine Liebe zur Natur. Seine Kindheit und das Verhältnis zu seinen Eltern schildert er als harmonisch. Er wurde musisch erzogen und hatte in der Schule keinerlei Leistungsschwierigkeiten. Nach dem Abitur 1985 leistete er eine knapp zweijährige Ersatzdienstzeit ab und schrieb sich danach in einer westdeutschen Universität für Kunstgeschichte und Philosophie ein. Seine Gefühle von Zukunftslosigkeit und seine Depressionen hatten sich bis zu diesem Zeitpunkt so verstärkt, daß er sein Studium nie aktiv aufnahm. Statt dessen reiste er 1987 in dem Gefühl, bald zu sterben oder innerlich schon gestorben zu sein, für zunächst unbestimmte Zeit nach Nepal. Als äußeren Grund gab er seinen Eltern ethnologische Interessen für fernöstliche Kultur und Religion an. Real näherte er sich in Nepal dem Tod durch exzessives Fasten mit einem Gewichtsverlust von 20 Kilogramm. Unterstützt wurde der Selbstzerstörungsprozeß durch hohe Einnahmen von Haschisch, Heroin und großen Mengen magic mushrooms. Durch diese Pilze mit einer halluzinogenen Wirkung kam es nach Arztberichten bei dem inzwischen körperlich geschwächten und äußerlich stark verwahrlosten jungen Mann zum Ausbruch religiös getönter Wahnideen und einem so auffälligen und aggressiven Verhalten in der Öffentlichkeit, daß er zwangsweise in eine psychiatrische Klinik eingeliefert werden mußte. Von Indien wurde er in eine deutsche Klinik verlegt und äußerte dort akute Selbstmordideen. Die durch die Drogen ausgelöste Psychose klang nach kurzer Zeit wieder ab. Boris wechselte seinen Studienort nach Berlin und schrieb sich für Ethnologie und Religionswissenschaften ein, ohne seit drei Semestern das Studium aufzunehmen.
Als Analytiker steht man bei solchen Patienten immer vor schwierigen differentialdiagnostischen und behandlungstechnischen Fragen. Liegt bei Boris eine endogene, das heißt konstitutionell und meist erblich fixierte Depression vor, oder gar eine Schizophrenie, die jeder Zeit wieder zum Ausbruch kommen kann? Wäre bei diesen Diagnosen die Erkrankung auch ohne die Umweltbelastung ausgebrochen? Oder stammt sein Leiden aus seelischen Ursachen, die primär in seiner Entwicklung und in seiner Beziehung zu seinen Eltern zu suchen sind? Hat er in diesem Fall seine frühkindlichen Konflikte nur verdrängt und die Umweltzerstörung unbewußt zum projektiven Austragungsort seiner inneren Konflikte gemacht? Wenn man schließlich von einer sich ergänzenden Belastung durch Kindheitserfahrungen und aktuelle gesellschaftliche Probleme ausgeht: hätten erstere oder letztere zu einer Erkrankung geführt? Oder muß man, wie es die Geschichte von Boris nahezulegen scheint, in letzter Konsequenz davon ausgehen, daß bei einem jungen Menschen die Umweltzerstörung eine psychische Dauerbelastung darstellt, die ausreicht, um eine chronische „Innenweltzerstörung“ zu erklären? Ich habe bisher im Falle von Boris und der vielen anderen leidenden Kinder und Jugendlichen keine schlüssigen Antworten. Auch die wissenschaftliche Erforschung solcher Zusammenhänge steht hier an den Anfängen. Die theoretischen Überlegungen stelle ich hier zunächst zurück. In der Therapie habe ich mich Boris ganz von der Oberfläche her genähert, das heißt von dem ausgehend, was er als Grund seiner Erkrankung ansah – von der Umweltzerstörung. In der zweiten Stunde sprachen wir über konkrete Kenntnisse, Gefühle und Ängste, wobei ich eigene Gedanken ergänzt habe, um ihm mein Verständnis für seine Reaktionen und Befürchtungen zu vermitteln. Ich habe ihm nichts auszureden versucht, sondern einzelne Meinungen ausdrücklich bestätigt. Das dadurch hergestellte Vertrauen war notwendig, um die nächste Schritte einleiten zu können.
Eigentlich hätte man nach psychoanalytischen Erfahrungen davon ausgehen können, daß Boris durch die positive Unterstützung nicht mehr ganz so starr an seiner Überzeugung von der totalen Sinnlosigkeit des Lebens festhalten mußte. Denn jenseits aller begründeten Ängste war zu vermuten, daß er die Umweltzerstörung teilweise auch als Widerstand benutzte, um die Auseinandersetzung mit eigenen Konflikten zu vermeiden. Aber in der dritten Stunde blieb er an den Widerstand fixiert und setzte ihn aktiv als Herausforderung ein: „Wenn Sie meine Auffassung von der ökologischen Situation teilen und meine Verzweiflung darüber verstehen, müssen Sie auch zugeben, daß es sinnlos ist, irgendeine Zukunftsperspektive zu entwickeln. Ich weiß wirklich nicht, was ich überhaupt tun sollte.“
Mit dieser Provokation stellte mir Boris eine Falle. Wenn ich dagegen argumentiert hätte, wäre meine Glaubwürdigkeit verloren. Sollte ich ihm aber recht geben und damit meine eigene Ohnmacht eingestehen, sähe er sich in seiner Auffassung bestätigt und könnte weiter an seinem Widerstand festhalten. Als Analytiker ist man solche Fallen gewohnt und auf der Hut vor ihnen. Ihr Sinn besteht darin, den Therapeuten zu binden, das heißt ihn ohnmächtig zu machen, und damit die Arbeit an den eigentlichen Konflikten zu blockieren. Oft haben solche Fallensteller masochistische Züge: Sie wollen lieber an ihrem Leiden festhalten als es aktiv verändern. Daß auch Boris nicht frei von ihnen war und sein Leiden mit einem starken Appell verband, ließ sich aus seiner dramatischen Vorgeschichte vermuten. Um der Falle zu entgehen, antwortete ich ihm auf seine Provokation: „Warum sind Sie nach Berlin gekommen, in diese von Mauern eingezäunte Insel? Und warum haben Sie ihr Gefängnis noch enger gemacht, indem sie in eine dunkle Hinterhofparterrewohnung mitten im Häusermeer gezogen sind, fernab von jeder Grünfläche und Natur – und das bei Ihrer ausgeprägten Naturliebe? Wollten Sie sich mit diesen Schritten vielleicht für immer in ihrem Gefühl der Zukunftslosigkeit einmauern?“
Mit dieser Deutung ziele ich bewußt auf Boris‘ Masochismus. Nur wenn man diesen unbewußten Mechanismus verstärkt, wird dem Patienten deutlich, wie selbstschädigend er sich ständig verhält. Er berichtet daraufhin, wie schrecklich und zerstörerisch er diese Großstadt erlebe. Die Stadt könne einen kaputtmachen. Ich sage ihm daraufhin, daß die Umweltzerstörung eine Sache sei, und schlimm genug, aber die Frage, wie man mit ihr umgehe, sei eine zweite Sache. Offenbar habe er eine Neigung, für sich alles noch schlimmer zu machen und noch mehr darunter zu leiden, statt seine Energien darauf zu verwenden, einen Weg aus der Sackgasse zu suchen. Vielleicht ergäben sich daraus, wenn meine Vermutung stimme, neue Schritte in eine entgegengesetzte Richtung als die bisherige.
In der vierten Stunde ist Boris deutlich verändert. Seine Körperhaltung hat sich aufgelockert, das Gespräch läuft flüssiger und in einem engeren emotionalen Kontakt. Er habe über alles nachgedacht. An der fortschreitenden Umweltzerstörung gebe es keinen Zweifel. Aber die Sache mit Berlin habe ihn nachdenklich gemacht. Er überlege, die Stadt zu verlassen und in die Gegend seiner Eltern zurückzuziehen. Dort habe er wenigstens seine Familie in der Nähe und noch alte Freunde. Studieren wolle er zur Zeit nicht. Eine praktische Ausbildung wäre sicher besser. Ihm sei plötzlich eingefallen, eine Agrar- oder Forstwirtschaftslehre zu machen. Dann könne er später immer noch studieren.
Das Thema der konkreten Berufsplanung durchzieht auch die nächsten drei Stunden. Wir sprechen über alternative Landwirtschaft, über Möglichkeiten der Berufsausübung in Dritte- Welt-Ländern und über die Frage, warum ihm diese Ideen nie früher eingefallen seien, obwohl sie für ihn nahelagen. „Ich war durch meine Gedanken an die Umweltzerstörung wie gelähmt“, sagt Boris, „und mir fielen nur Dinge ein, die mir keinen Spaß machten – vielleicht auch nur um mir zu beweisen, wie sinnlos alles ist.“
Nach dieser Stunde fuhr Boris zum Besuch zu seinen Eltern, um sich in der Umgebung über Ausbildungsmöglichkeiten zu informieren. Er käme danach sicher nochmal nach Berlin zurück und werde sich melden. Einen Monat später teilte mir der Vater mit, der Sohn bemühe sich um eine Lehr- beziehungsweise Praktikumsstelle in der Landwirtschaft und habe Kontakt zu einem landwirtschaftlichen Ausbildungsinstitut aufgenommen. Er käme nicht nach Berlin zurück.
Theoretische Überlegungen zur Zukunftsangst
Ausgangspunkt für die Darstellung der vielfältigen Facetten der Zukunftsangst war die Hypothese, daß es sich bei dieser Angst um eine neuartige Gefühlsqualität handelt, bei der die Beziehung zwischen innerer und äußerer Realität ein existenzbedrohendes Ausmaß annehmen kann. Welche theoretischen Konstrukte bieten sich zur Erklärung der Hypothese an?
Den Angelpunkt für die folgenden Überlegungen bildet die grundsätzliche Unterscheidung zwischen vergangenen und gegenwärtigen Gesellschaftsbedingungen, globalen Problemlagen und Zukunftsperspektiven. Historisch ist dieser Punkt genau zu datieren, nämlich auf den 6. August 1945. Hiroshima läutete das Atomzeitalter ein und damit zum ersten Mal die reale Möglichkeit der Menschheitsvernichtung. Zumindest die Szenarien, die in den letzten Jahrzehnten über die Folgen eines Atomkrieges entwickelt wurden (zum Beispiel der „nukleare Winter“), lassen diesen Schluß zu. Hinzu gekommen und von noch größerer Wahrscheinlichkeit ist aber eine historisch ebenfalls völlig neue Vernichtungsmöglichkeit – die durch Technikfolgen bedingten Veränderungen der Biosphäre, die nach allen vorliegenden Berechnungen durch ein Umkippen der Ökosysteme die klimatische Anpassungsfähigkeit der menschlichen Art in absehbarem Zeitraum überfordert. Diese Perspektive hat den Begriff der Zukunft gegenüber der Vergangenheit grundlegend verändert. In letzterer blieben die Folgen von Naturkatastrophen, Kriegen, Epidemien und anderen Verheerungen berechenbar, sie schweißten soziale Gemeinschaften in der tätigen Bewältigung der angerichteten Zerstörungen zusammen und konnten den Glauben und die Hoffnung auf Zukunft und an die Kontinuität menschlicher Geschichte nie ernsthaft in Frage stellen. Dieser Konsens beginnt sich zunehmend aufzulösen. Die Zeichen der Anomie, die in allen fortgeschrittenen Industriegesellschaften zu beobachten sind, lassen sich nach meiner Einschätzung mit diesem fundamentalen Wandel der menschlichen Geschichte in Zusammenhang bringen. Kinder und Jugendliche als Seismographen gesellschaftlicher Transformationsprozesse – das scheinen alle vorliegenden Befunde zu belegen – reagieren nicht nur als Beobachter, sondern auch als unmittelbar betroffene Opfer dieser Entwicklung. Die Gefahren, denen sie sich ausgesetzt sehen, sind, wie wir sahen, globaler Natur. Für den psychischen Strukturaufbau müssen wir daraus folgende Konsequenzen ins Auge fassen. Das Ich als Instanz der inneren und äußeren Gefahrenabwehr und besonders bei Kindern mit noch gering entwickelten Abwehr- und Anpassungsmechanismen ausgestattet, wird von frühem Alter an mit destruktiven Bildern der Außenwelt inflationiert. Die Gewalt der Bilder verohnmächtigt das Ich aus folgenden Gründen:
1. Das noch schwache Ich verfügt kaum über Möglichkeiten, sowohl der Qualität als auch der Quantität der Bedrohungen durch eigenes aktives Handeln zu begegnen und sie abzumildern.
2. Die meist auf dem Fernsehschirm visualisierten Bilder des Schreckens geben nur ein virtuelles Abbild der Wirklichkeit, wodurch diese in ihrem realen Gefahrenpotential anonymisiert und verfremdet wird. Die Verfremdung manifestiert sich außerdem in der Ungreifbarkeit und Unsichtbarkeit vieler Bedrohungen, zum Beispiel der radioaktiven Strahlung und des Arsenals der gesundheits- und umweltschädigenden chemischen Gifte.
3. Durch den Verfremdungseffekt eignen sich die Bilder als ideale Projektionsflächen für destruktive Impulse und Phantasien, mit denen das Ich die aus der eigenen Hilflosigkeit entstehenden Verteidigungsaggressionen abwehrt.
4. Über diesen Mechanismus wird das real bedrohliche Objekt in der Phantasie zusätzlich dämonisiert und sein destruktiver Charakter affektiv überdimensional aufgeladen.
Die Verohnmächtigung des Ich führt aus psychologischer Sicht zu Gefühlen der Hilflosigkeit, Ohnmacht, Hoffnungslosigkeit und des Aufgebens, von der Streßforschung als „giving up“ bezeichnet, die bis zum Gefühl des Aufgegebenseins auch durch die Gesellschaft reichen können („given up“) (Engel und Schmale 1972), und die wir als Ausdruck eines depravierten Ich-Zustandes auffassen. In ein auf diese Weise geschwächtes Ich kann die Zukunftsangst quasi ungefiltert einfluten.
An diesem Punkt der Analyse wird aber deutlich, daß der Begriff „Zukunftsangst“ zu abstrakt ist, um zu verstehen, wovor sich das Ich wirklich fürchtet. Die größte aller Ängste ist die Angst vor dem Tod. Die Ahnung vor einer drohenden Gefahr in der Zukunft kulminiert in der Antizipation des eigenen Sterbens. Wenn man die zahlreichen Daten, Aussagen und Gestaltungen von Kindern und Jugendlichen zum Thema Zukunft ernst nimmt und in ihrer Summe auf sich wirken läßt, drängt sich in der Tat der Eindruck auf, daß die Angst, eines frühzeitigen und nicht natürlichen Todes zu sterben, einen zentralen Bestandteil der Zukunftsangst ausmacht. Die Ausprägung dieser Angst bereits in jungem Alter scheint mir aber nicht selbstverständlich, sondern einer Zeit geschuldet, die durch das Arsenal ihrer destruktiven Kräfte den Wert menschlichen Lebens immer schonungsloser zur Disposition stellt. In dieser entwicklungspsychologisch keineswegs typischen Todesangst erfährt die Hypothese von der neuartigen und existenzbedrohenden Qualität der Zukunftsangst eine erste Bestätigung.
Aber das noch unreife, kindliche Ich fürchtet nicht nur den eigenen Tod. Ich möchte an dieser Stelle einen Befund aus der bereits zitierten „Bundesweiten Befragung“ mit 3500 Kindern und Jugendlichen nachtragen. Auf einer Angstskala mit 20 persönlichen und politischen Ängsten stand die Angst, „daß meine Eltern sterben könnten“, an zweiter Stelle der Rangliste; 63 Prozent der Befragten hatten „viel Angst“ davor, weitere 22 Prozent „etwas Angst“. Nach Kenntnis vieler anderer Materialien und der längeren Beschäftigung mit dem Thema erscheint mir heute folgende Erklärung am plausibelsten. Die Inflationierung des Ich mit destruktiven Bildern und Phantasien der globalen Bedrohungen löst nicht nur eigene Todesängste aus. Zumindest im Bewußtsein scheint die Angst vor dem Tod der Eltern sogar zu dominieren. Die Urangst des Menschen setzt bekanntlich mit der Geburt in Form der Trennungsangst ein. Der Tod der Eltern würde den totalen Verlust von Schutz und Geborgenheit bedeuten, der angesichts der potentiell tödlichen Bedrohungen für das Kind eine absolute Katastrophe im Sinne eines endgültigen Verlassenseins wäre. Wir haben es hier also mit einer elementaren Trennungsangst zu tun, die durch das Ich nicht mehr altersgemäß verarbeitet werden kann und sich um so leichter mit der Todesangst verbindet. Die Trennungsangst scheint mir noch durch einen anderen Tatbestand belegbar. Zur Kennzeichnung unserer heutigen Situation und der Zukunft benutzen Kinder und Jugendliche – wie bereits ausgeführt – in auffälliger Häufung folgende Bilder: Beton, Hochhäuser, Plastik, Müll, Fabriken, Roboter, Computer und Technik allgemein. Über ihren realen Gehalt hinaus sind diese Merkmale unserer Zivilisation inzwischen zu Chiffren geworden, die sich als Symbole menschlicher Entfremdung deuten lassen. Sie bedeuten die Aufkündigung von Grundbedürfnissen nach Emotionalität, Geborgenheit, Wärme, Zusammengehörigkeit und Mitmenschlichkeit und drücken darin eine basale Befindlichkeit von Trennung und Getrenntsein aus. Auf der Realitätsebene gibt es kaum einen Zweifel, daß diese zivilisatorische Entwicklung unaufhaltbar ist und sich progressiv beschleunigen wird. Auf die psychische Ebene übertragen ist mit einer entsprechenden Zunahme der Gefühle von Entfremdung und Getrenntsein zu rechnen. Hier dürfte eine weitere wichtige Wurzel der Zukunftsangst liegen (Petri 1995).
Eine dritte Wurzel sehe ich in dem wachsenden Verlust von Hoffnungspotential, wodurch die Widerstandsfähigkeit des Ich zusätzlich geschwächt wird. Hoffnung, so wissen wir heute, ist eine spezifisch menschliche und lebensnotwendige emotionale Kraft, die im Ich gebündelt wird und mit der sich das Subjekt planend und handelnd in eine offene Zukunft hinein entwirft. Wie aber, wenn Zukunft heute gar nicht mehr planbar ist, wenn ernstzunehmende Klimaforscher den Kollaps des menschlichen Ökosystems für die nächsten zehn, fünfzehn oder zwanzig Jahre prognostizieren, für einen Zeitraum auf jeden Fall, der nach der Zeitrechnung von Kindern und Jugendlichen diese in ihrem frühen Erwachsenenalter oder auf der Höhe ihres Lebens treffen wird? Es kommt hier weniger darauf an, wie zuverlässig solche Berechnungen sind oder zu welchen radikalen Gegenmaßnahmen die Menschheit noch in der Lage sein wird. Die kostspieligen, Sorge vortäuschenden, aber Konsequenzen vermeidenden internationalen Klimakonferenzen der letzten Jahre konterkarieren eher alle entsprechenden Erwartungen. Entscheidend für die junge Generation sind die inzwischen tausendfach gespeicherten inneren Objektbilder einer Zukunft, die nach dem Slogan „Gestern stand ich noch am Abgrund, heute bin ich schon einen Schritt weiter“ breite Schneisen in das Hoffnungspotential geschlagen haben. Hoffnung bedeutet Lebenskraft. Zukunftsangst schließt daher die Ahnung ein, daß diese existentiell notwendige Kraft sukzessive ausgehöhlt und vorzeitig verbraucht werden kann.
Wenn man die Zukunft in diesen tieferen Dimensionen betrachtet – Todesangst, Trennungsangst und die Angst vor dem Verlust vitaler Hoffnungskräfte -, erkennt man den ausgesprochen verharmlosenden Charakter, den der Begriff umgangssprachlich angenommen hat. Vielmehr scheint er seine neuartige Gefühlsqualität einem Verdichtungsprozeß zu verdanken, bei dem mehrere elementare Grundängste zusammenfließen.
Auf das innere Repräsentanzsystem bezogen, müssen wir vermuten, daß bei einem von Angst und Aggression inflationierten Ich, das mit Hilflosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Depression und Vergeltungsaggression reagiert und dessen Wirklichkeitssinn in bezug auf die Zukunftsgestaltung verkürzt wird, auch ein stabiler Aufbau der Identität wenig wahrscheinlich ist. Vielmehr dürften die Selbstrepräsentanzen mit ihren bösen und verfolgenden Anteilen kaum eine Verbindung eingehen, die dem Selbst einen hohen Grad an Unterstützung und Kohärenz garantiert. Im Gegenteil wird durch den Zusammenprall von destruktiver Realität und reaktiver Triebentfesselung ein Zustand präfiguriert, der zu einer Selbst-Auflösung mit den Gefühlen von Entleerung, Sinnlosigkeit, Nichtigkeit und diffuser Lebenswut und, wie in dem Behandlungsfall dargestellt, schließlich zum völligen Realitätsverlust führen kann. Es muß hier nicht ausdrücklich betont werden, daß die pathogenetische Bedeutung makrosozialer Stressoren, ob individuell oder kollektiv, von einer Vielzahl von Variablen abhängig ist und daß der hier dargestellte innerpsychische Verarbeitungsmodus entsprechend unterschiedlich verlaufen dürfte. Außerdem folgt die Darstellung theoretischen Konstrukten, die allerdings von einer relativ breiten empirischen Basis ausgehen. Sollte der Arbeitshypothese einige Plausibilität zukommen, so kann sie für eine weitere vertiefende Forschung von Nutzen sein.
Psychoanalyse ist bekanntlich keine bequeme Wissenschaft, weder in der Therapie noch in ihrer Kulturkritik. Sie wäre in ihrer Legitimation sogar verdächtig, wenn sie ihren kritischen Blick aufgeben und sich den Zuständen der Zeit anbequemen würde. Die Psychoanalyse kann nur dazu beitragen, Hoffnung zu erhalten und Zukunft angstfreier zu gestalten, wenn sie die Krisis der Moderne als „entscheidende Wende“ der Menschheitsgeschichte in ihrem Wahrscheinlichkeitsgrad ernst nimmt und durch Kritik, das heißt durch prüfende Beurteilung mit ihren wissenschaftlichen Mitteln, vor Einsprüchen und Einmischung nicht zurückschreckt.
Literatur
Engel, G. L./Schmale, A. H.: Conservation-Withdrawl: A Primary Regulatory Process for Organismic Homeostasis. In: Ciba Foundation Symposion 8: Physiology, Emotion and Psychosomatic Illness. London, Amsterdam, New York 1972
Freud, S. (1913): Totem und Tabu. GW, Bd. IX. Frankfurt/M. 1973
Hurrelmann, K: Orientierungskrisen und politische Ängste bei Kindern und Jugendlichen. In: Mansel, J. (Hrsg.): Reaktionen Jugendlicher auf gesellschaftliche Bedrohungen. Weinheim 1992
Köhler, L.: Neuere Ergebnisse der Kleinkindforschung. Ihre Bedeutung für die Psychoanalyse. Forum Psychoanalanalyse 6/1990, S. 32-51
Leuzinger-Bohleber, M./Garlichs, A.: Früherziehung West-Ost. Zukunftserwartungen, Autonomieentwicklung und Beziehungsunfähigkeit von Kindern und Jugendlichen. Weinheim 1993
Mansel, J.: Sensibilisierung und Angst Jugendlicher angesichts makrosozialer Risiken. In: Mansel, J. (Hrsg.) a.a.O.
Petri, H./Boehnke, K./Macpherson, M./Meador, M.: Zukunftshoffnungen und Ängste von Kindern und Jugendlichen unter der nuklearen Bedrohung. Analyse einer bundesweiten Pilot-Studie. Psychologie u. Gesellschaftskritik, 11, H. 2/3, 1987, S. 81-105
Petri, H.: Umweltzerstörung und die seelische Entwicklung unserer Kinder. Zürich 1992
Petri, H.: Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus! Von der Entfremdung zur Fremdenfeindlichkeit in der jungen Generation. In: ders.: Lieblose Zeiten. Psychoanalytische Essays über Tötungstrieb und Hoffnung. Göttingen 1995
Rusch, R.: So soll die Welt nicht werden. Kinder schreiben über ihre Zukunft. Kevelaer 1989
Der Autor, Prof. Dr. Horst Petri, ist Arzt und Hochschullehrer für Psychotherapie und Psychosomatik an der FU Berlin sowie Psychoanalytiker in eigener Praxis. Die vorstehende Auseinandersetzung erschien mit Genehmigung von Prof. Dr. Petri in DER NAGEL 59/1997
NAGEL-Redaktion – Züchtigung von Kindern 2 (Alice Miller)
Von Alice Miller
Immer wieder liest man in Zeitungen, es sei bereits statistisch erwiesen, dass die meisten Menschen, die ihre Kinder misshandeln, selbst in der Kindheit misshandelt wurden. Diese Information ist nicht ganz richtig, weil es nicht „die meisten“ sind, sondern alle. Jeder Mensch, der seine Kinder misshandelt, ist selbst in seiner Kindheit in irgendeiner Form schwer traumatisiert worden. Dieser Satz gilt ohne jede Ausnahme, weil es absolut unmöglich ist, dass ein Mensch, der in einer ehrlichen, respektvollen und zugewandten Umgebung aufgewachsen ist, jemals unter dem Zwang stünde, Schwächere zu quälen und lebenslänglich zu schädigen. Er hat einst erfahren, dass es richtig ist, dem kleinen, hilflosen Wesen Schutz und Orientierung zukommen zu lassen, und dieses in seinem Körper und seinem Gehirn früh gespeicherte Wissen wird für ihn lebenslänglich wirksam bleiben. Der oben formulierte Satz gilt ohne Ausnahme, obwohl sehr viele Menschen von den Qualen ihrer Kindheit kaum etwas erinnern können, weil sie gelernt haben, sie als berechtigte Strafe für ihre eigene Schlechtigkeit anzusehen und weil ein Kind schmerzhafte Ereignisse verdrängen muss, um zu überleben. Deshalb schreiben Soziologen, Psychologen und andere Fachleute trotz der neuen Erkenntnisse immer wieder, dass man nicht wisse, wie es zum Kindesmissbrauch käme, und sie spekulieren über den Einfluss enger Wohnverhältnisse, der Arbeitslosigkeit oder der Angst vor der Atombombe.
Mit solchen Erklärungen schützen wir die Taten unserer Eltern. Denn es gibt keinen anderen Grund für Kindesmisshandlungen als die Verdrängung der eigenen erlittenen Misshandlung und Verwirrung. Die engsten Wohnverhältnisse, die größte Armut zwingen einen Menschen niemals zu einer solchen Tat. Nur wer selbst Opfer solcher Taten war und sie in der Verdrängung belässt ist in Gefahr, seinerseits Leben zu zerstören.
Die sogenannten schwierigen, „unerträglichen“ Kinder sind von Erwachsenen dazu gemacht worden. Nicht immer von den eigenen Eltern. Denn die Geburts- und Nachgeburtspraxis in vielen Kliniken liefert oft bereits einen erheblichen Beitrag dazu. Es gibt Eltern, die diese Traumen durch liebevolle Zuwendung ausgleichen können, weil sie sie ernstnehmen und deren Gefahr nicht leugnen. Doch Eltern, die ihre eigenen schwersten Traumen in der Verdrängung halten, bagatellisieren häufig deren Gewicht bei ihren Kindern aus purem Unwissen und leiten unnötig eine neue Kette von Grausamkeit ein. Ihre Unempfindlichkeit für das Leiden des Kindes wird von der Gesellschaft voll unterstützt, weil die meisten Menschen, Fachleute nicht ausgenommen, diese Blindheit mit ihnen teilen.
Das einzige Mittel gegen die Ausbreitung einer Krankheit sind korrekte, gut dokumentierte Informationen über den Krankheitserreger. Misshandelnde Eltern brauchen klare Informationen; sie spüren doch selbst dumpf, dass etwas nicht stimmt, wenn sie ihre Wut am wehrlosen Kind auslassen oder ihre sexuellen Wünsche bei ihm befriedigen. Statt dies ernst zu nehmen, reden die Fachleute um den Brei herum, denn sie fürchten, die Eltern könnten Schuldgefühle bekommen, und dies dürfte ja, so meinen sie fälschlicherweise, auf keinen Fall geschehen.
Diese Meinung, man dürfe die Eltern niemals beschuldigen, was auch immer sie getan haben, hat sehr viel Unheil angerichtet. Denn wie sieht es in der Realität aus? Mit dem Zeugungsakt gehen die Eltern eine Verpflichtung ein, für das Kind zu sorgen, es zu beschützen, seine Bedürfnisse zu erfüllen und es nicht zu missbrauchen. Wenn sie diese Schuld nicht abzahlen, bleiben sie dem Kind tatsächlich etwas schuldig, genauso wie sie der Bank etwas schuldig geblieben sind, wenn sie dort ein Darlehen aufgenommen haben. Sie bleiben haftbar, unabhängig davon, ob ihnen die Folgen ihres Tuns klar sind oder nicht.
Darf man ein Kind auf die Welt bringen und die Verpflichtungen vergessen? Das Kind ist kein Spielzeug, kein Kätzchen, sondern ein Bündel von Bedürfnissen, das sehr viel Zuwendung braucht, um seine Möglichkeiten zu entfalten. Wenn man nicht bereit ist, ihm das zu geben, muss man keine Kinder haben. Diese Worte mögen hart klingen für Menschen, die diese Zuwendung niemals erfahren haben und sie daher nie ihren Kindern geben konnten. Für diejenigen, die in ihrer Kindheit Schutz und Zärtlichkeit bekommen haben, die daher selbst nicht ausgehungerte Kinder sind, klingen sie nicht hart. Sie sind für sie die banalste Selbstverständlichkeit.
Ein Kind zu schlagen, zu demütigen oder sexuell zu misshandeln ist ein Verbrechen, weil es einen Menschen lebenslänglich schädigt. Es ist wichtig, dass dies auch Drittpersonen wissen, weil die Aufgeklärtheit und der Mut der Zeugen eine entscheidende, lebensrettende Bedeutung für das Kind haben können. Aus der Tatsache, dass jeder Täter früher selbst einmal ein Opfer gewesen ist, folgt nämlich nicht, dass jeder Mensch, der selbst misshandelt wurde, später notwendigerweise zum Misshändler seiner Kinder wird. Dies muss nicht unbedingt der Fall sein, wenn er in seiner Kindheit die Chance hatte, und sei es nur ein einziges Mal, einem Menschen zu begegnen, der ihm etwas anderes als Erziehung und Grausamkeit vermittelte: einem Lehrer, einer Tante, einer Nachbarin, einer Schwester, einem Bruder. Erst durch die Erfahrung des Geliebt- und Geschätztwerdens kann das Kind Grausamkeit als solche überhaupt ausmachen, sie wahrnehmen und sich gegen sie auflehnen. Ohne diese Erfahrung kann es gar nicht wissen, dass es etwas anderes als Grausamkeit in der Welt überhaupt geben kann, es wird sich ihr ohne weiteres unterwerfen und sie als die normalste Sache später ausüben, wenn es selbst als Erwachsener an der Macht ist.
Menschen, die Hitler geholfen haben, sein Werk auszuführen und ganze Völker auszurotten, mussten als Kinder Ähnliches wie er erfahren haben: die ständige Präsenz der Gewalt. Daher war die Haltung des Führers für sie selbstverständlich. Sie wurde gar nicht in Frage gestellt, weil in der ganzen Kindheit offenbar kein einziger Mensch, kein einziger wissender, aufgeklärter Zeuge vorhanden war, der das Kind in Schutz genommen hätte. Ein solcher Zeuge hätte dem Kind unter Umständen geholfen, seine Wahrnehmungsfähigkeit und seinen Charakter zu retten. Um Grausamkeit zu erkennen, sie eindeutig abzulehnen, sie den eigenen Kindern ersparen zu wollen, muss man sie als solche überhaupt wahrnehmen. Streng und grausam erzogene Kinder durften das nicht, sie mussten für die Behandlung ihrer Eltern dankbar sein, ihnen alles verzeihen, die Ursache der Ausbrüche immer bei sich selbst suchen und durften auf keinen Fall die Eltern in Frage stellen.
Was geschieht, wenn ein in Liebe, Schutz, Ehrlichkeit aufgewachsenes Kind plötzlich von einem Menschen geschlagen wird? Es wird schreien, seinen Zorn ausdrücken, schließlich weinen, die Schmerzen zeigen und vermutlich fragen: Warum tust du mir das an? Nichts von alledem ist möglich, wenn ein von Anfang an zu Gehorsam dressiertes Kind von seinen eigenen Eltern, die es liebt, geschlagen wird. Es muss den Schmerz und den Zorn unterdrücken und die ganze Situation verdrängen, um zu überleben. Denn um Zorn zeigen zu können, braucht es das Vertrauen und die Erfahrung, dass es dafür nicht umgebracht wird. Ein geschlagenes Kind kann dieses Vertrauen nicht aufbauen; tatsächlich werden Kinder manchmal umgebracht, wenn sie es wagen, sich gegen das Unrecht aufzubäumen. Das Kind muss also seine Wut unterdrücken, um in einer feindseligen Umgebung zu überleben. Auch den massiven, überwältigenden Schmerz muss es unterdrücken, um nicht daran zu sterben. Nun senkt sich also über alles die Stille des Vergessens, die Eltern werden idealisiert, sie haben nie einen Fehler begangen. „Und wenn sie mich geschlagen haben, dann habe ich das verdient.“ Das ist die geläufige Version der überstandenen Folter.
Vergessen und Verdrängen wären eine gute Lösung, wenn es dabei sein Bewenden hätte. Aber die verdrängten Schmerzen blockieren das Gefühlsleben und erzeugen körperliche Symptome. Und was das Schlimmste ist: die Gefühle des misshandelten Kindes sind zwar zum Schweigen gebracht worden, da wo sie begründet waren, nämlich bei denen, die den Schmerz verursachten, aber sie melden sich zu Wort bei den eigenen Kindern. Es ist, als ob diese Menschen jahrzehntelang in einer Falle säßen, aus der keine Türe hinausführt, weil die Wut auf die eigenen Eltern in unserer Gesellschaft verboten ist. Doch mit der Geburt der eigenen Kinder öffnet sich eine Türe: Dort kann sich die seit Jahren aufgestaute Wut rücksichtslos entladen, unglücklicherweise an einem kleinen hilflosen Wesen, das man quälen muss, oft ohne es zu merken; man wird von einer unbekannten Macht dazu getrieben.
Die Tatsache, das Eltern ihre Kinder oft in der gleichen Art misshandeln oder vernachlässigen, wie ihre eigenen Eltern es mit ihnen taten, auch (und gerade dann!) wenn sie sich an diese Zeiten gar nicht mehr erinnern, zeigt, dass sie in ihrem Körper die eigenen Traumen gespeichert haben. Sonst könnten sie sie gar nicht reproduzieren. Sie tun es mit einer verblüffenden Präzision, die deutlich wird, sobald sie bereit sind, ihre eigene Hilflosigkeit zu fühlen, anstatt sie gegen eigene Kinder abzureagieren und ihre Macht zu missbrauchen.
Wie soll eine Mutter alleine diese Wahrheit herausfinden, wenn die Gesellschaft ihr eindeutig sagt: Kinder müssen diszipliniert, sozialisiert und zum Anstand erzogen werden? Wen kümmert es, dass der sogenannte „Mut zur Erziehung“ von einer jahrzehnte alten, früher nie gelebten Wut auf die eigene Mutter angetrieben wird? Die junge Frau will es auch nicht wissen. Sie denkt: Ich habe die Pflicht, mein Kind zu disziplinieren, und tue das in genau der gleichen oder in einer ähnlichen Art, wie meine Mutter es bei mir getan hat. Und es ist doch schließlich auch aus mir etwas Rechtes geworden, nicht wahr? Ich habe meine Ausbildung mit Auszeichnung abgeschlossen, habe mich in der Kirchenarbeit und in der Friedensbewegung engagiert, habe mich immer gegen das Unrecht eingesetzt. Nur bei meinen Kindern konnte ich es nicht verhindern, dass ich sie schlagen musste, obwohl ich das gar nicht wollte; aber es ging eben nicht anders. Ich hoffe, es hat ihnen nicht geschadet, genau wie es mir nicht geschadet hat.
Wir sind an solche Sätze so gewöhnt, dass sie den meisten gar nicht auffallen. Aber es gibt bereits einzelne Menschen, denen sie doch auffallen, Menschen, die sich entschlossen haben, die Worte der Erwachsenen von der Perspektive des Kindes aus zu hinterfragen, die dabei neue Entdeckungen machen und die die Klarheit nicht mehr fürchten. Sie sehen: Die Zerstörung des Menschenlebens darf nicht als „ambivalente Elternliebe“ bezeichnet werden, sondern muss als das, was sie ist, erkannt werden: als ein Verbrechen. Die Schuldgefühle der Eltern müssen nicht ausgeredet, sondern ernstgenommen werden. Sie sind ein Hinweis darauf, dass etwas den Eltern geschehen ist und dass sie Hilfe brauchen. Und diese Hilfe werden sie aufsuchen, wenn die bisher einzige offene Türe, die leider zu Kindesmisshandlungen führt, durch die Rechtslage endlich geschlossen wird. Dann müssen die Eltern eine andere Türe suchen: Sie müssen sich mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen, um ohne Schuld aus ihrer emotionalen Falle herauszukommen.
Erst wenn das Kind nicht mehr als legaler Sündenbock zur Verfügung steht, wird dieser wirklich befreiende Prozess den Eltern ermöglicht. Ein misshandelnder Vater muss ja nicht mit Gefängnis bestraft werden. Es ist zum Beispiel eine gerichtliche Anordnung denkbar, die verfügt, dass ein Vater für einige Monate seine Familie verlassen und doch deren Unterhalt sichern muss. Wenn der Vater, plötzlich allein gelassen, sich mit den Gefühlen der eigenen Kindheit konfrontiert sieht und dann einem wissenden Zeugen (vielleicht in der Person eines gut informierten Sozialarbeiters) begegnet, der ihm hilft, seine damalige Situation nicht mehr zu verdrängen, dann wird dieser Vater nach seiner Rückkehr kaum in Gefahr sein, sein Kind zu misshandeln. Und sein Kind wird die wichtige prägende Erfahrung machen, dass es nicht in einem Dschungel aufgewachsen ist, sondern in einer humanen Gesellschaft, die sein Recht auf Schutz wirklich ernstnimmt und respektiert.
Eine Gefängnisstrafe kann eine innere Wandlung nicht herbeiführen. Aber auch Therapeuten, die unter dem Motto „Helfen statt Strafen“ der Wahrheit ausweichen, können ebenso wenig helfen, die Haltung der Eltern zu verändern. Sie gehen sogar so weit zu sagen, dass ein Verbot der Misshandlung nur eine neue Form der Gewalt wäre. Also müsse man Verbrechen nicht klar benennen, solange sie an eigenen Kindern begangen werden, sonst würden sich die Eltern gekränkt fühlen und sich schließlich noch auf Kosten des Kindes rächen. So äußern sich Vertreter der Ärzteschaft und des Kinderschutzbundes beinahe einstimmig.
Trotzdem sind sie im Irrtum, und aus ihren Argumenten spricht die Angst des einst bedrohten Kindes, das sich mit den Eltern arrangieren möchte und darum zum Schweigen und Nicht-Merken bereit ist. Die Realität gibt ihnen nicht recht. Die skandinavischen Länder haben bereits die Anzeigepflicht für Ärzte in ihrem Gesetz verankert, und der Bevölkerung ist es dank diesem Gesetz klargeworden, dass die Rechte der Kinder nicht missachtet werden dürfen. Meine Erfahrung hat mich außerdem gelehrt, dass manche Eltern auf die Wahrheit besser reagieren als auf Beschwichtigung und dass sie von korrekten Informationen profitieren können. Denn jeder Mensch, der sich in einer Falle befindet, sucht einen Ausweg. Aber er ist im Grunde froh und dankbar, wenn man ihm einen Ausweg zeigt, der nicht in die Schuld und nicht zur Zerstörung eigener Kinder führt. Eltern sind in den meisten Fällen keine Ungeheuer, die man mit Sprüchen beschwichtigen muss, damit sie nicht schreien, sondern oft verzweifelte Kinder, die erst lernen müssen, Realitäten zu sehen und ihre Verantwortung wahrzunehmen. Sie konnten es als Kinder nicht lernen, weil ihre Eltern diese Verantwortung nicht kannten. Sie missverstanden sie als ein Recht auf den Missbrauch ihrer Macht. Nun liegt es an den jungen Eltern, diese „Lehren“ als unbrauchbar zu erkennen und aus der Erfahrung mit ihren Kindern zu lernen. Doch dieser neue Prozess kann nur stattfinden, wenn es auch für die Gesetzgebung eindeutig klar ist, dass Kindesmisshandlung einen Menschen lebenslänglich schädigt und dass dieser Schaden keineswegs durch das Nichtwissen des Täters vermindert wird. Nur durch die Aufdeckung der vollen Wahrheit bei allen Beteiligten kann eine wirklich effektive Lösung für die Gefahren von Kindesmisshandlungen gefunden werden.
Das Buch „Untertan Kind“ von Carl-Heinz Mallet zeigt, wie Pädagogen seit Martin Luther die Eltern dazu aufgerufen haben, an Gottes Stelle ihre Kinder zu züchtigen und zu bestrafen. Die Lektüre dieses Buches kann den heutigen Eltern helfen, zu verstehen, weshalb sie sich in einer emotionalen Falle befinden und welchen Preis sie und ihre Kinder zu bezahlen haben, wenn sie sich an die überlieferten Werte der Erziehung halten. Die Folgerung mag paradox klingen und ist dennoch korrekt: Der bisher legale Ausweg aus der Falle, die Züchtigung des Kindes, führt zum Verbrechen, und der bisher verbotene Weg des Merkens und der Kritik an den eigenen Eltern führt aus der Verschuldung heraus und zur Rettung unserer Kinder. Mallets Buch kann sehr hilfreich sein für Eltern, die meine Bücher nicht kennen und die hier zum ersten Mal mit Entsetzen feststellen werden, was ihnen einst zugefügt wurde und was sie in ihrer Blindheit weitergaben. Mit diesem Entsetzen aber öffnet sich bereits die Türe aus der zwanghaften Zerstörung des Lebens in die Freiheit und Verantwortung.
Anm. der Red.: Vorstehender Artikel wurde uns dankenswerterweise vom Suhrkamp Verlag und Alice Miller zur Verfügung gestellt. Er erschien zuvor als Anhang in Alice Millers Buch: „Das verbannte Wissen“, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1988 und 1990.
aus: DER NAGEL 54/1992
NAGEL-Redaktion – Züchtigung von Kindern 1 (Alice Miller)
Von Alice Miller
In einem langen Leserbrief an eine der größten deutschen Zeitungen, der im Dezember 1991 publiziert wurde, schreibt ein Dr. theol. unter dem Titel „Pauschalverbot von Körperstrafe bibelwidrig“ unter anderem folgendes:
„Als evangelischer Christ, Theologe und Vater von sechs Kindern sehe ich mich veranlasst, gegen die jüngste Gesetzesinitiative im Bundestag zum Verbot von ‚Prügeln, Ohrfeigen und Liebesentzug‘ entschieden Widerspruch anzumelden. … Wer jede Form von Körperstrafe unterschiedslos unter Strafe stellt, nivelliert den pädagogisch fundamentalen Unterschied zwischen Kindesmisshandlung und einer von klaren erzieherischen Grundsätzen geleiteten maßvollen körperlichen Züchtigung, die auf das Beste des Kindes zielt und nicht vom Affekt bestimmt ist. … Die Gesetzesinitiative der Kinderkommission greift in eklatanter Weise in das grundrechtlich geschützte elterliche Erziehungsrecht ein. … In der Sicht der christlichen Ethik ist der Vorstoß der Kinderkommission vollends verwerflich. Niemand kann bestreiten, dass das biblische Ethos aus grundsätzlichen Gründen körperliche Züchtigung bejaht, solange sie maßvoll ist und im Dienst erzieherischer Liebe steht (z.B. Hebräer 12, 6 – 11 und Sprüche Salomon 13, 24). Ein Staat, der christlichen Eltern jede Form von Körperstrafe verbietet, greift ein von Gott gegebenes, vorstaatliches Recht an und schränkt nicht nur das elterliche Erziehungsrecht, sondern auch die grundrechtlich geschützte Religionsfreiheit ein!“
Der ungekürzte Text dieses Briefes wurde mir von einigen Lesern zugeschickt, die empört und beunruhigt darüber waren, dass die „Schwarze Pädagogik“ in dieser krassen und extremen Form heute immer noch öffentlich in einem angesehenen Blatt propagiert werden kann. Eine der Leserinnen stellte sich die Frage, wie es wohl möglich sei, dass dieser Vater von keinem seiner sechs Kinder etwas über Erziehung hätte lernen können, das über die Weisheit Salomos hinausginge. Ich meine, dass der vorliegende Text selbst die Antwort auf diese Frage enthält und uns auch indirekt zu verstehen hilft, weshalb sich ohne ein gesetzliches Verbot der Züchtigung kaum etwas Entscheidendes im Bewusstsein der breiten Bevölkerung ändern wird. Ich will meine Behauptungen im folgenden erläutern.
Ein von einem Auto tödlich verletzter Fußgänger ist tot, ganz unabhängig davon, wer ihn überfahren hat. Er wird nicht auferstehen, wenn es sich herausstellt, dass er nicht von einem fahrlässigen Betrunkenen oder einem gefährlichen Verbrecher, sondern von einer freundlichen kurzsichtigen Dame, ganz ohne böse Absicht, überfahren wurde oder gar von einem Philosophen oder Religionsfanatiker, der sich das Recht herausnimmt, die Rotlichter in der Stadt nach eigenem Gutdünken zu befolgen, und das Gebot, sie zu respektieren, als Meinungsdiktatur bezeichnet. Die Gefahr des verantwortungslosen Philosophierens und Handelns, gepaart mit schönklingenden Worten, besteht auch auf dem Gebiet der Erziehung. Das Verbot, Kinder zu schlagen, muss daher endlich, wie ein warnendes Rotlicht, zum Schutz unserer Kinder und der nachfolgenden Generationen eingeführt werden. Es besteht nämlich absolut kein Unterschied zwischen einer Züchtigung und einer Misshandlung. Jede Züchtigung ist nichts anderes als eine Misshandlung, weil sie die Integrität eines wachsenden Organismus verletzt und dadurch lebenslängliche, oft katastrophale Folgen hat. Dieser nachhaltige Schaden wird nicht dadurch vermindert, dass die Eltern nach ihrem „besten Wissen und Gewissen“ gehandelt haben, angesehen davon, dass dieses „Wissen“ sehr häufig hoffnungslos und unentschuldbar veraltet ist. Der Schaden bleibt bestehen, und die wohlmeinende Ahnungslosigkeit der Eltern wird daran ebenso wenig etwas ändern können wie die Philosophie des Autofahrers am Tod des Fußgängers. Daher ist es höchste Zeit, dass Eltern sich heute richtig informieren, statt im Namen der „erzieherischen Liebe“ die Bibel zu zitieren und sich auf unsere Vorfahren vor 3000 Jahren berufen, die unser heutiges Wissen über die Konsequenzen des Kinderschlagens und verbalen Demütigens leider noch nicht besaßen.
Keines der sechs Kinder konnte seinem Vater, dem Autor des oben zitierten Textes, helfen, die Wahrheit zu erkennen, weil alle, so steht zu vermuten, nach den von ihm so klar geschilderten Prinzipien erzogen wurden. Kinder, die gezüchtigt werden, können die Meinung ihrer Eltern nicht in Frage stellen, sie können sie nicht korrigieren, ohne die größten Gefahren oder gar das Leben zu riskieren. Sie sind daher zum Schweigen und zum Nicht-Merken verdammt. Sollten sie „ausfällig“ werden, drohen ihnen noch grausamere Strafen, also bleibt den meisten von ihnen nichts anderes übrig als Folgsamkeit und Anpassung, auf Kosten ihrer eigenen Kinder später und auf Kosten ihrer Gesundheit ? wenn ihnen nicht rechtzeitig „wissende Zeugen“ zu Hilfe kommen.
Das ist der Grund, weshalb die Überzeugung, dass körperliche und verbale Züchtigungen unschädlich und segensreich seien, immer noch so stark verbreitet ist: Sie wurde den meisten Menschen in den frühesten Jahren eingeimpft. Die Wahrheit zu realisieren, ist ohne Schmerzen kaum möglich, weil man zugleich realisieren müsste, dass man unnötig gequält und geschädigt wurde. Um diesen Schmerz nicht fühlen zu müssen, ziehen es viele Menschen vor, diese Wahrheit zu leugnen und weiter zu behaupten, die Züchtigung diene dem Wohle des Kindes und hätte auch ihnen selbst gute Dienste erwiesen. Sie berufen sich dabei auf die Bibel und ignorieren, was die Wissenschaft in den letzten Jahrzehnten entdeckt hat. Wollte man heute bei einer bakteriellen Entzündung die Entdeckung Pasteurs ignorieren, würde das als verantwortungslos gelten, aber Kinder zu schädigen, weil man sie getreu den Sprüchen Salomos erzieht und alles andere als bibelwidrig ablehnt, weil man sich nicht informieren will, ist immer noch erlaubt. Dieser Zustand muss sich so schnell wie möglich ändern. Nicht die Meinung, sondern die Information muss wie die Verkehrsregeln jedem Bürger mit Hilfe des Gesetzes aufgezwungen werden, weil die Weigerung, sich zu informieren, zerstörerische Folgen für die Mitmenschen hat.
Es ist nicht wahr, dass eine affektlose Züchtigung, angeblich zum Wohle des Kindes, weniger Schaden anrichtet als das Schlagen im Affekt. Zum körperlichen und seelischen Schmerz über die Demütigung kommt im ersten Fall die langzeitige, verheerende Wirkung der Heuchelei hinzu, die das Kind meistens nicht durchschauen kann, weil es die Eltern liebt und ihnen vertraut. Sie hinterlässt beim Opfer das absurde, aber sehr hartnäckige Gefühl, dass es an der Misshandlung selber schuldig gewesen sei und dass sein Verfolger ihm aus edelsten Gründen, aus „erzieherischer Liebe“, nichts anderes als ein Massaker bescherte. Diese verhängnisvolle Verwirrung, die eine spezifische Blindheit für offensichtliche Tatsachen erzeugt, lässt sich später kaum ohne tiefgreifende, aufdeckende Therapie auflösen und wird den Erwachsenen, das ehemalige Kind, dazu treiben, das Erfahrene zu legitimieren und es an Unschuldigen abzureagieren, ebenfalls mit der heuchlerischen Versicherung, dies geschehe ja nur zum Besten des Kindes. Natürlich kann sich der verdrängte latente Hass auch in verschiedenen nationalistischen Ideologien, in der Kriminalität, in Kriegen oder anderen Perversionen Luft machen, erneut versehen mit der Etikette der „Erlösung“ des anderen durch Unterdrückung und Zerstörung. Bei allen Diktatoren ist diese heuchlerische Etikette vorzufinden. Sie dient unter anderem der Tarnung der eigenen wahren Geschichte.
Wenn Eltern ihr Recht auf die Züchtigung ihrer Kinder reklamieren, dann reklamieren sie im Grunde, meistens unbewusst, das Recht, sich für das zu rächen, was ihnen einst angetan wurde, und was sie niemals als Verbrechen zu sehen wagen. Ein neues Gesetz würde das Verbrecherische der vergangenen Taten, an denen unsere Tradition reich ist, entlarven. Aber auch das wollen seine Kritiker nicht. Doch einmal muss die Kette der Gewalt endgültig durchbrochen werden. Wir leben in einer Tradition der Kindesmisshandlungen, doch die Mehrheit ist sich dessen noch kaum bewusst. Es ist ja noch gar nicht so lange her, dass Kindermord verboten ist. Wir müssen das zerstörerische Handeln als das, was es ist, erkennen und uns davon distanzieren, statt es zu verharmlosen und zu perpetuieren ? wenn wir nicht am Unglück unserer Kinder und Kindeskinder aus purer Unwissenheit schuldig werden wollen. Wir sind nicht mehr wie im Mittelalter zur Ignoranz verdammt. Wir können sie zwar wählen, aber wir können sie auch ablehnen. Unsere Ignoranz wird unsere Schuld jedenfalls nicht vermindern.
Das neue Gesetz kann all den vielen Millionen Menschen, die einst lernen mussten, Grausamkeit und Brutalität als normal zu bezeichnen, und die ihre Kinder daher nicht achten können, wie ein Rotlicht helfen, sich zu orientieren und die Gefahr wahrzunehmen. Es kann ihnen signalisieren: „Halt! Was Du jetzt so leicht, so ’spontan‘, so ‚automatisch‘ tun willst, ist absolut unzulässig, weil es erwiesenermaßen lebenslange Schäden bewirkt, weil es Dein Kind zum seelischen Krüppel macht. Du zerstörst lebenswichtige Funktionen eines sich im Wachstum befindenden Menschen: seine Gefühle, seine Fähigkeit, sich aufgrund seiner Gefühle zu orientieren, sein Bewusstsein, sein Vertrauen zu anderen und zu seinen Wahrnehmungen, seine Lebensfreude. Du zerstörst oder pervertierst seinen gesunden Sinn für das, was richtig und gut ist, seine Fähigkeit, sich einzufühlen, Schwächere (d.h. später seine Kinder) zu achten und zu beschützen – all die Fähigkeiten, die er seinem biologischen Auftrag verdankt. Denn dieser heißt, zu leben und das Leben zu beschützen, es nicht zu zerstören.“
Glücklicherweise wächst heute die Zahl der Eltern, die diesem Auftrag gerecht werden wollen und ihre Verantwortung wahrnehmen, indem sie sich informieren. Auch sie werden Fehler nicht immer vermeiden können. Aber sie sind entschlossen, sich für diese bei ihrem Kind zu entschuldigen, um es nicht zu verwirren, d.h. es niemals nach dem Muster der „Schwarzen Pädagogik“ glauben zu machen, dass die eigenen Fehler für das Kind „gut seien“. Ihnen wird das neue Gesetz ebenfalls helfen, ihre Wahrnehmungen und Ahnungen ernst zu nehmen und ihren Kindern beizustehen. Es wird die Bedingungen für eine besser aufgeklärte und daher humanere und friedlichere Welt schaffen.
aus: DER NAGEL 54/1992
NAGEL-Redaktion: Der Artikel wurde uns 1992 vom Suhrkamp Verlag und Alice Miller zur Veröffentlichung im NAGEL zur Verfügung gestellt.
In der Zwischenzeit hat sich einiges geändert. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend weist 2004 darauf hin, dass Züchtigungen in Familien deutlich zurückgegangen seien. Dazu hat gewiss nicht nur eine inzwischen geänderte Gesetzeslage beigetragen, sondern auch Menschen wie Alice Miller. Ein Treppenwitz der gesetzlichen Entwicklung soll hier allerdings festgehalten bleiben: Viele Jahre lang wurde zur Veränderung des BGB diskutiert. Kinderschutzbund und andere verlangten eine Präzisierung des Paragraphen 1631 in seinem zweiten Satz hieß es bis 1996: „Entwürdigende Erziehungsmaßnahmen sind unzulässig.“ Quasi: „Schlechtes Wetter finden wir ziemlich blöd.“
Die seinerzeitige Kohl-Regierung brachte dann die Veränderung: „Entwürdigende Erziehungsmaßnahmen, insbesondere körperliche und seelische Misshandlungen, sind unzulässig.“ Es besteht der Verdacht, dass Eltern möglicherweise durch eine solche Präzisierung unter das Kuratel ihrer Kinder geraten könnten. Von daher wurde noch ein dritter Absatz angehängt: „Das Familiengericht hat Eltern auf Antrag bei der Ausübung der Personensorge in geeigneten Fällen zu unterstützen.“ Kinder bleiben außen vor! Sie haben nach wie vor allenfalls die Möglichkeit, über den Umweg des KJHG Möglichkeiten zu finden, sich unerträglichen Eltern zu entziehen. Ein langer Weg!
Und hier die Pointe des Treppenwitzes: Manche erinnern sich noch an Claudia Nolte, Kohls jüngste Ministerin, jünger als Angela Merkel in ihren Mädchen-Tagen, zuständig für das Ressort Familie und Kinder. Sie plapperte in der Presse am 30. Juni 1996, also einen Tag, bevor die Gesetzesnovelle in Kraft trat, sie würde trotzdem ihr Kind schlagen. Unter dem Thema „Die Hand ausrutschen“ gab sie an:: „Ich glaube, ein Klaps auf den Po muss schon mal sein. Aber niemals ins Gesicht, und niemals im Affekt!“ Wie Alice Miller schon sagte: Kühl kalkuliert und wohl geplant! Ein echtes Vorbild, gewissermaßen!
Die Schröder-Regierung hat dann eine erneute Präzisierung vorgenommen. Seit 2001, infolge des „Gesetzes zur Ächtung der Gewalt“ lautet der zweite Absatz des Paragraphen 1631 im BGB (Bürgerliches Gesetzbuch): „Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.“ Endlich wurde auch erkannt, dass es „entwürdigende Erziehungsmaßnahmen“ gar nicht geben kann. Wenn wir schon nicht „antipädagogisch“ denken und, wie Gerichte es tun, der Pädagogik lediglich hehre Absichten unterstellen, kann Entwürdigung schlicht kein Programm sein, Frau Nolte, Sie Klapserin!
Aber auch Schröders Regierung hat nicht den Mumm ? vielleicht findet sie es auch nicht wichtig oder sie wurde von einer Clique von Psychotherapeuten bestochen, wer weiß es schon? ?, den dritten Absatz dahingehend zu nivellieren, dass das Familiengericht Eltern und Kinder zu unterstützen hat.
Für Nichtfachleute zitieren wir hier noch den ersten Absatz des Paragraphen 1631: „Die Personensorge umfasst insbesondere die Pflicht und das Recht, das Kind zu pflegen, zu erziehen, zu beaufsichtigen und seinen Aufenthalt zu bestimmen.“
Und abschließend: Die Schröder-Leute haben 2001 die „Pflicht“ vor das „Recht gestellt“.
NAGEL-Redaktion, im August 2004
NAGEL-Redaktion – 10. Kinder- und Jugendbericht
Bericht über die Lebenssituation von Kindern und die Leistungen der Kinderhilfen
in Deutschland (1998)
Von Rainer Deimel
Thema: „Kinder in der Kinder- und Jugendarbeit und in der Kinderkulturarbeit“
„Die sehr allgemein gehaltenen Empfehlungen richten sich im wesentlichen an die Kommunen … Der außerschulischen Kinder- und Jugendbildung kommt … steigende Bedeutung zu … Die Bundesregierung sieht … als wünschenswert an, die kinderbezogenen Angebote wie unter anderem Abenteuer-, Bau- und Aktivspielplätze, musikalische Früherziehung, Kinder- und Jugendkunstschulen, Kinder- und Jugendtheater, Kinderkinos, Kindermuseen, Spielmobile flächendeckend zu verstärken … Die Bundesregierung stimmt der Kommission zu, wenn sie feststellt: ‚Im Stadtteil, in der Region ist es möglich, integrierte Gesamtkonzepte zu verwirklichen, die den unterschiedlichen Bedarf berücksichtigen und von den Bedürfnissen der Kinder ausgehen.'“
Vorstehende Auszüge sind der Stellungnahme der alten Bundesregierung entnommen, die diese zum Thema „Kinder in der Kinder- und Jugendarbeit und in der Kinderkulturarbeit“ abgegeben hat. Deutlich wird eine Argumentationslinie, die in den vergangenen Legislaturperioden bezüglich der Kinder- und Jugendpolitik kennzeichnend für die Kohl-Administration war: „Wir beschließen feine Gesetze, nur bezahlen müssen andere.“ So ist es denn auch Wunder, dass die Kommission immer wieder feststellen muss, dass in unzureichendem Maße Mittel bereitgestellt würden: Sie konstatiert, dass die zur Aufgabenerfüllung notwendigen Mittel bei weitem nicht ausreichen (vgl. S. 230). Oder sie beruft sich auf THOLE (vgl. S. 224), der gar von einer „ökonomisch katastrophalen Gesamtlage“ spricht, die in ihrer Auswirkung dazu führe, dass die Kommunen darauf bedacht seien, ihre Haushalte dadurch zu entlasten, dass sie vor allem an jenen Leistungen zu sparen versuchten, welche gesetzlich nicht (detailliert) festgeschrieben, dementsprechend finanziell mangelhaft ausgestattet seien und von einer festen Etatisierung ausgegrenzt blieben. Wir erleben es auch in der Argumentationspraxis vor Ort: Trotz anderslautender Gesetzesgrundlage scheint den kommunal Verantwortlichen der wenig korrekte Begriff der „freiwilligen Leistungen“ nur allzu leicht über die Lippen zu gehen. Auch diese These findet ihre Bestätigung im 10. Kinder- und Jugendbericht (vgl. z.B. S. 223). Die Autoren des Kinder- und Jugendberichts bestätigen meine vorgetragene These, dass die Argumentation für die in den letzten 25 Jahren entwickelten Konzepte der Offenen Arbeit mit Kindern und der Kinderkulturarbeit insofern schwieriger geworden ist, als es kaum noch fachliche Reibungspunkte gibt, ein Diskurs somit nicht mehr stattfindet. PolitikerInnen jedweder Couleur stimmen genannten Konzepten unisono – zum Teil mit unübersehbarer Vehemenz – zu. Der 10. Kinder- und Jugendbericht spricht von „breiter Zustimmung zur Arbeit mit Kindern und zur Kinderkulturarbeit sowie zu ihren Leistungen für das Aufwachsen von Kindern.“ (vgl. S. 230) Diskursvermeidend ist der lapidare Verweis auf nicht vorhandene öffentliche Mittel, um sich die gesetzlich vorgeschriebenen – und, wie erwähnt, oft „freiwillig“ genannten – Leistungen noch „erlauben“ zu können. Hier schließt sich der Kreis. Eben jene Bundesregierung muss für die genannte Situation zumindest mitverantwortlich gemacht werden. Immerhin hat sie in keiner Weise dazu beitragen, ihren Teil zur Konsolidierung der Haushalte unterhalb der Bundesebene zu leisten; im Gegenteil hat sie solche Steuern abgebaut, an denen zuvor die kommunalen Haushalte partizipierten.
Diese Zusammenhänge sind möglicherweise komplizierter als die augenscheinlich zunehmende Verarmung von Kindern, die der Bericht ebenfalls aufzeigt. Die frühere Familienministerin Nolte war wohl deshalb auch bemüht, letztgenannte Zusammenhänge schönzureden, da diese immerhin im populistischen Sinne besser genutzt werden können, während die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe eher die Fachwelt berühren, auch wenn die EndverbraucherInnen, nämlich Kinder und Familien, ummittelbare Auswirkungen dieser kinder- und familienfeindlichen Politik zu spüren bekommen. Immerhin liegt mir ein Schreiben von Frau Noltes Vorgängerin, Angela Merkel, vor, in dem diese mitteilen lässt, dass die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe keineswegs als „freiwillig“ interpretierbar sind.
Die fachlichen Positionen, die die Verbände der Offenen Arbeit mit Kindern und der Kinderkulturarbeit in den letzten Jahren entwickelt und vertreten haben, finden z.T. auf breiter Ebene Bestätigung durch den Kinder- und Jugendbericht. Im nachfolgenden soll versucht werden, einige Inhalte, die die Kommission unter dem Vorsitz von Prof. Dr. Lothar Krappmann (Berlin) und unter der Geschäftsführung des Deutschen Jugendinstituts (München), mit großer Akribie zusammengestellt hat, nachzuskizzieren.
Wie ein roter Faden zieht sich das Thema „Partizipation“ – auch im einfordernden Sinne – durch den Bericht. Das gilt auch für das hier zur Diskussion stehende Kapitel „Kinder in der Kinder- und Jugendarbeit und in der Kinderkulturarbeit“. Der Bericht beschreibt einmal mehr den Wandel der Kindheit in den letzten Jahr(zehnt)en: Aktivitäten von Kindern sind – auch – nach außen gerichtet. Dabei geht es weniger um das Außenspiel, wie es etwa vor zwanzig bis dreißig Jahren noch üblich war, als vielmehr um das Bedürfnis, sich in organisierten Zusammenhängen betätigen zu können. Man denke beispielsweise an das gern kolportierte (Vor-)Urteil, Kinder in ländlichen Gebieten brauchten keine organisierten Angebote; sie spielten im Wald. Vor diesem Hintergrund sind die Kinder- und Jugendarbeit wie die Kinderkulturarbeit in besonderem Maße gefordert, wenn „das Feld“ nicht ausschließlich dem Kommerz überlassen werden soll. Es gibt auch Kinder, die sich in mehr oder weniger festen Peergroups aufhalten und wechselnde Treff- und Betätigungsmöglichkeiten suchen. Differenziert werden muss auch nach Altersstufen: je älter die Kinder, um so größer der offenkundige Wunsch nach vielfältigen Aktionsradien; jüngere hingegen sind eher auf feste „Anlaufstationen“ angewiesen. Feststellbar ist allerdings auch, dass hier ein Wandel stattfindet. In zunehmendem Maße „kopieren“ jüngere Kinder die älteren, sprich, das „typische“ Freizeitverhalten der Postmoderne wird mit steigender Tendenz von jüngeren Kohorten übernommen; zumindest ist dieser Trend erkennbar. Auffallend ist auch, dass viele Kinder in Vereinen organisiert sind (in Westdeutschland 70 Prozent, in Ostdeutschland 50 Prozent bzw. 80 Prozent aller Kinder laut Deutschem Jugendinstitut). Daraus können allerdings keine Rückschlüsse auf ein tatsächliches Vereinsengagement gezogen werden; Kinder nutzen Vereine als Freizeitmöglichkeit. Auf das zunehmende Interesse an kommerziellen Angeboten wird in verschiedenen Zusammenhängen hingewiesen, auch auf deren Konkurrenzeffekte, Grenzen und ggf. Gefährdungen.
Im institutionalisierten Rahmen lässt sich Arbeit mit Kindern innerhalb der Kinderverbandsarbeit, die oft ein Anhängsel der Jugendverbandsarbeit darstellt, der Offenen Arbeit und der Kinderkulturarbeit ausmachen. Der Bericht zeigt auf, dass Kindern in der Verbandsarbeit keine besondere Bedeutung zukommt und die Arbeit mit Kindern nur einen geringen Stellenwert hat. Beschrieben wird ferner, dass die Angebote der Verbandsarbeit vor allem für ältere Kinder wenig attraktiv seien. Dementsprechend wird gefordert, „ein den veränderten Anforderungen angepasstes pädagogisches Konzept für die praktische Arbeit zu entwickeln“ (S. 221). Dass dies nicht für alle Verbände gleichermaßen zutrifft, wird anhand der Beispiele der „Sozialistischen Jugend Deutschlands (SJD) – Die Falken“ und der „Deutschen Pfadfinderschaft St. Georg (DPSG)“ beschrieben. In diesem Zusammenhang ist zu betonen, dass diese beiden genannten Verbände eine lange Tradition in der Arbeit mit Kindern haben und so in der Lage waren, sich den diversen Strömungen der pluralistischen Postmoderne zu stellen und ihre Konzepte anzupassen. Neben diesen – im Sinne der Kinder – positiven Beispielen wird allerdings darauf hingewiesen, dass eine Reihe von Verbänden Kinder weitgehend unberücksichtigt lässt. So ist es nicht erstaunlich sein, dass trotz genannter hoher Organisationsquote (Stichwort: punktuelle Freizeitbetätigung in einem Verein) die Mitgliederzahlen der Jugendverbände rückläufig sind; eine Ausnahme bilden die Sportvereine. Vermutlich sind es die Sportvereine, die im wesentlichen den hohen Durchschnitt kindlicher Präsenz innerhalb der Vereine bewirken. Unter dem Strich scheinen kleine, quartiersbezogene Jugendhilfeträger – z.B. solche aus dem Initiativenbereich unter dem Dach des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes – gegenüber den traditionellen Verbänden deutlich an Attraktivität gewonnen zu haben. Jedenfalls bescheinigt ihnen der Bericht, sie bekämen eine immer größere Bedeutung. Ebenfalls wie ein roter Faden durchzieht den Bericht eine unübersehbare Disparität bezüglich der Teilhabe von ausländischen TeilnehmerInnen; dies gilt auch für die Arbeit zahlreicher Jugendverbände: interkulturelle Ansätze spielten kaum eine Rolle. In den Jugendverbänden gebe es zwar eine breite Diskussion über die veränderte multikulturelle Realität, es fehle jedoch noch die Umsetzung in die Praxis (vgl. S. 222).
Mit Blick auf die Offene Arbeit mit Kindern kann festgestellt werden, dass sie im Schatten der Jugendarbeit steht und sich bis heute als „ein eher randständiges Gebiet … mit wenig eigenständigen pädagogischen Elementen“ präsentiert (vgl. S. 222). Die Kommission zitiert von SPIEGEL (1997): „Spielen und Basteln, kulturelle Angebote, ein offener Bereich mit Kicker, Billard und Tischtennis, Kindercafé und Kinder- beziehungsweise Teeniedisco – alles wie gehabt.“ (S. 222 f, vgl. auch Originalquelle: Hiltrud von Spiegel: Offene Arbeit mit Kindern – (k)ein Kinderspiel, Münster 1997, S. 54). Im Original vertritt von SPIEGEL die Auffassung, die Struktur der Offenen Arbeit mit Kindern in den Jugendfreizeitstätten sei weitgehend identisch mit der der Offenen Jugendarbeit. Demgegenüber weist die Kommission auf „bemerkenswerte kinderbezogene Angebote“ hin (vgl. S.223); genannt werden Abenteuer-, Bau- und Aktivspielplätze sowie Kinderbauernhöfe. Allerdings, so wird einschränkend vermerkt, gebe es diese Angebote nicht flächendeckend. Vor diesem Hintergrund kann der einleitend zitierte Wunsch der Bundesregierung, diese kinderbezogenen Einrichtungen Abenteuer-, Bau- und Aktivspielplätze flächendeckend zu verstärken, eingeordnet werden. Eine vergleichbare „Kinderbezogenheit“ innerhalb der Offenen Arbeit wird den Ferienfreizeiten bescheinigt, die häufig als internationale Begegnungen konzipiert sind. Der Bericht führt wörtlich aus: „Bei Ferienangeboten und Abenteuerspielplätzen scheinen sich am ehesten originäre kinderspezifische Angebote entwickelt zu haben.“ (S. 223) Die Einrichtungen der Offenen Arbeit mit Kindern, vor allem solche im jeweiligen Stadtteil, werden als „notwendig“ klassifiziert; sie übernehmen eine Funktion als Anlauf- und Stützpunkte, „in denen Spiel- und kulturelle Gestaltungsmöglichkeiten, Gelegenheiten zum kommunikativen Austausch angeboten werden … unabhängig vom Elternhaus, formaler Organisiertheit und vom sozialen Milieu“ (S. 223). Die Kommission betont, dass auch Zuwanderer- und Aussiedlerkinder – im Gegensatz zu zahlreichen Jugendverbänden – in besonderem Maße Zugang zu den Offenen Einrichtungen fänden. Gleichwohl wird kritisch vermerkt, dass auch hier Nachbesserungsbedarf hinsichtlich der Konzeptionen einer interkulturellen Öffnung feststellbar sei. Dieses Konzept ginge nämlich dann nicht auf, wenn etwa aufgrund der Dominanz türkischer Jungen andere Kinder fortblieben.
Mit Blick auf die Kinderkulturarbeit muss gesehen werden, dass die kommunale Realität weit hinter den Ansprüchen, die sich einerseits aus dem § 11 KJHG und andererseits aus dem Artikel 31 der UN-Kinderkonvention ergeben („volle Beteiligung am kulturellen und künstlerischen Leben“), zurückbleibt (vgl. S. 223). Gerade bezüglich der Kinderkulturarbeit wird mehr noch als in den anderen Bereichen der Arbeit mit Kindern seitens der Kommunen mit dem Hinweis der „freiwilligen Leistungen“ argumentiert; auch dies unzutreffenderweise, wie meiner Einleitung entnommen werden kann. Vor diesem Hintergrund scheint nachvollziehbar, „dass zwar … seit den 80er Jahren die Kinderkulturarbeit ausgebaut worden (ist); gleichzeitig sind jedoch die Angebote kleiner Einrichtungen mit flexibler Struktur deutlich zurückgegangen.“ (S. 223) Aus dieser Feststellung lässt sich schließen, dass in Zeiten knapper werdender Kassen eine Kommune in der Regel mehr Wert auf den Erhalt vermeintlich vorzeigbarer Prestigeobjekte legt, als dass ihr tatsächlich daran gelegen ist, dem Geist und der Intention des KJHG und der UN-Kinderkonvention zu entsprechen. Eine Anmerkung sei in diesem Zusammenhang gestattet: Aufgrund meiner Erfahrungen in und meines Verständnisses von den als „am ehesten originär kinderspezifisch“ klassifizierten Einrichtungen und Diensten, den pädagogisch betreuten Spielplätzen, kann gesagt werden, dass vor allem bei diesen die Grenzen zwischen Offener Arbeit und Kinderkulturarbeit fließend sind, dass genannte Einrichtungen in der Regel auch Einrichtungen der Kinderkulturarbeit sind; dies gilt in besonderem Maße auch für die meisten Spielmobile.
Bezüglich der Arbeit mit Kindern und der Kinderkulturarbeit wird den Aspekten regionaler Disparitäten und gruppenspezifischer Benachteiligungen ein unübersehbares Augenmerk eingeräumt. Die Kommission hebt darauf ab, die monierten Missverhältnisse bezüglich der unterschiedlichen Alterskohorten nähmen sich im Vergleich zu regionalen Disparitäten relativ gering aus. Hier wird beispielsweise abgezielt auf Kinder in Ostdeutschland. Ganze Einrichtungslandschaften, die zu DDR-Zeiten noch existierten, seien weggebrochen und teilweise kommerzialisiert worden. Am meisten von der Unterversorgung betroffen seien die Kinder aus den unteren Schichten und auf dem Land; im Vergleich zu Westdeutschland allerdings sei die Versorgung der Landkreise mit Jugendzentren günstiger. Ob die Kinder davon profitierten, sei allerdings ungeklärt. Kritisiert wird die „schnelle und partiell zu wenig reflektierte Übernahme westdeutscher Strukturen“, die zu einer Zerstörung bzw. Beschädigung ehemals vorhandener Potentiale geführt habe. Gewisse Kuriosa fallen auf: Gab es zu DDR-Zeiten eine Verzahnung von schulischen und außerschulischen Angeboten, ist man heute zum Teil dabei, die zerstörten Strukturen vergleichbar wiederherzustellen. Die Kommission schlägt vor, ehemals vorhandene Strukturen zu reaktivieren und gezielt zu fördern (vgl. S. 224). Kritisiert wird neben einer generell unzureichenden Finanzausstattung der ostdeutschen Kommunen auch die Praxis der Vergabe von Projektmitteln, befristeten Förderprogrammen und ABM. Eine Verbesserung der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen wäre zu erwarten, wenn eine strukturelle Absicherung stattgefunden hätte und die Arbeit mit Kindern professionell ermöglicht würde.
Auf Gesamtdeutschland bezogen ist die Unterversorgung in bestimmten Wohngebieten signifikant. Hierunter fallen in den Innenstadtlagen vor allem großstädtische Wohngebiete aus der „Gründerzeit“, traditionelle „Arbeiterviertel“, „frühindustrielle Arbeiterkolonien der Schwerindustrie“ und solche Wohngebiete, die seitens der Praxis schon länger als sogenannte „soziale Brennpunkte“ markiert werden, nämlich die Trabantensiedlungen der 60er und 70er Jahre. Kennzeichnend für alle betroffenen Gebiete ist eine hohe Quote an Zuwanderern, Aussiedlern, Sozialhilfeempfängern, kurz: materiell Minderbemittelten. Häufig wird in diesem Zusammenhang der Begriff „sozial Benachteiligte“ als Synonym verwandt. Da dieser meines Erachtens ein aktives Beteiligtsein am beschriebenen gesellschaftlichen Defizit impliziert, gesellschaftliche Realitäten möglicherweise ausblendet, scheint seine Verwendung nicht selten unzureichend. Es könnte es allerdings sinnvoll sein, diejenigen als „sozial Benachteiligte“ zu definieren, die aufgrund ihres wirtschaftlich unzureichenden Status obendrein noch durch das jeweilige Gemeinwesen am schlechtesten versorgt sind. Ein Merkmal davon ist beispielsweise eine Wohnsituation, wie sie oben als „benachteiligt“ dargestellt wird. Die Kommission beruft sich auch auf die sogenannte Freiburger Studie von BLINKERT (1996). Deren Kernaussagen lassen sich mit folgenden Thesen zusammenfassen: Kinder wollen draußen spielen. Je besser die nahräumliche Spielinfrastruktur ist, um so besser ist die Aktionsraumqualität entwickelt und umgekehrt; je weniger die Aktionsraumqualität ausgeprägt ist, um so weniger haben Kinder die Gelegenheit, sich in sozialräumlichen Zusammenhängen zu sozialisieren. Der Kinder- und Jugendbericht setzt sich mit Nachdruck für „organisierte Angebote“ ein und führt weiter aus: „In den unterversorgten Wohngebieten sind nachhaltige Änderungen notwendig. Der Unterversorgung mit organisierten oder veranstalteten Freizeitgelegenheiten muss kleinräumig im Stadtviertel begegnet werden. Dafür müssen Einrichtungen für Kinder ohne zusätzlichen Transport (Anmerkung: etwa durch „Mütterfahrdienste“) zugänglich sein.“ (S. 224 f.)
Als unterversorgt gelten auch ländliche Gebiete. Wenngleich der Jugendverbandsarbeit auf dem Lande offenbar eine relative Stabilität zukommt (Messindikator sind die Mitgliederzahlen), so besteht bezüglich der Arbeit mit Kindern ein „Vakuum“ (vgl. S. 225). Auf dem Lande ist ferner eine klassische Dominanz männlicher Jugendlicher zu konstatieren: Jugendarbeit auf dem Lande „richtet sich vorwiegend an Jungen und sie blendet den geschlechtlichen Aspekt ihrer Arbeit aus oder reflektiert ihn nicht“ (S. 225). Kinderkulturarbeit scheint auf dem Lande keine nennenswerte Rolle zu spielen. Insgesamt wird ein erheblicher Nachbesserungsbedarf – wie bereits auch schon im 8. Jugendbericht (1990) geschehen – bezüglich der Kinder- und Jugendarbeit in ländlichen Gebieten gesehen. Indirekt fordert der Bericht eine stärkere Präsenz von Spielmobilen, wenn er aufzeigt, die Mobilität müsse verbessert werden und zwar nicht nur die der Kinder, sondern auch die der Anbieter.
Ein nicht unerhebliches Augenmerk richtet die Kommission vor dem Hintergrund gruppenspezifischer Benachteiligungen auf die Mädchen. Mit der dürren Feststellung „Jugendverbände sind Jungenverbände“ führt sie in das Kapitel ein (vgl. S. 225). Zwischen ostdeutschen und westdeutschen Mädchen gibt es Unterschiede, z.B. scheint der Aktionsradius ostdeutscher Mädchen größer zu sein und besonders in Westdeutschland zeigt sich, dass geschlechtsspezifische Differenzen um so größer sind, „je tiefer die Sozialschicht und je niedriger die Schulkarriere ausgelegt ist. Besonders groß ist sie bei einem Teil der Mädchen ausländischer Herkunft.“ (S. 226) Es folgen Hinweise auf die Bemühungen von Frauen, zum Teil feministisch intendiert, dieser auf Dauer unhaltbaren Situation zu begegnen. Dokumentiert ist eine Reihe von Beispielen der Mädchenarbeit. Wenngleich das Freizeitverhalten von Mädchen – im Vergleich zu männlichen Aktivitäten und Möglichkeiten – als defizitär bewertet wird, wird den Mädchen unter dem Aspekt postmoderner Erfordernisse die überlegenere Position eingeräumt, „da die eher verinselte Lebensweise zu einem Gewinn an individueller Autonomie führen kann und die bei Mädchen stärker sozialisierten Fähigkeiten zur Kommunikation, zur Planung und zur Herstellung von Kontakten eher einer modernen Kindheit zuzuordnen sind“ (S. 226). Bemerkenswert scheint mir – neben einer ganzen Reihe anderer aufgezeigter Möglichkeiten – der Vorschlag, speziell für Mädchen Abenteuerspielplätze zu errichten bzw. auf vorhandenen Plätzen gezielt Möglichkeiten der geschlechtsspezifischen Sozialisation zu installieren.
Bedauerlich ist, dass der Bericht das Thema „reflektierte Arbeit mit Jungen“ ausspart, hätte sich in dessen Thematisierung gewiss die Chance einer stärkerer Stimulans jungenspezifischer Ansätze geboten; kann doch in praxi davon ausgegangen werden, dass mädchenspezifische Benachteiligung um so besser reduziert werden kann, je ausgeprägter eine Kultur reflektierter Jungenarbeit entwickelt ist.
Auffällige Disparitäten zeigt der Bericht bei den Zuwandererkindern, denn es wird deutlich, dass Kinder nichtdeutscher Herkunft in den Einrichtungen und Aktivitäten deutlich unterrepräsentiert sind. Statistiken verfälschen offenbar die Darstellung der Alltagssituation, etwa indem „reine Ausländergruppen“ addiert werden. Dass in allen existierenden Arbeitsfeldern beispielsweise Aktionen gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus stattfanden und -finden, wird ausdrücklich gewürdigt. Moniert werden allerdings fehlende bzw. unzureichend umgesetzte interkulturelle Konzeptionen und Praxen. Dies bezieht ausdrücklich auch die – „deutschorientierte“ – Personalpolitik der Träger mit ein. Ein Merkmal der Kinder- und Jugendarbeit, das interkulturelle Arbeit erschwert, scheint eine gewisse Resignation in den Praxisfeldern zu sein. Um dieser zu entgehen, müsste eine offensiv interkulturelle Öffnung dahingehend stattfinden, dass unterschiedliche Werte und Lebensweltkonzepte nebeneinander und zueinander in Beziehung stehend integriert würden. Der Bericht nimmt Bezug auf die Darstellung konzeptioneller Grenzen, die beispielsweise genannte Resignation hervorriefen. Dass „es eine interkulturelle Öffnung der Einrichtungen bisher noch nicht einmal ansatzweise gegeben“ haben soll, macht ein wenig ratlos (vgl. S. 228). Der Intention, wahrnehmbarer zu machen, dass sich in Deutschland eine „multikulturelle und multiethnische Gesellschaft“ herangebildet hat, kann etwas abgewonnen werden. Die Lösungsvorschläge allerdings sind nur bedingt in der Lage, kurzfristig zu Lösungen zu kommen. An einem Lösungsprozess, sprich: echten interkulturellen Konzepten, müsste die Politik maßgeblich beteiligt sein. Solange in populistischer Manier völlig überzogen über „Gastrecht“ in einem Land, vom „Boot, das voll ist“ usw. diskutiert wird, wird es die Praxis schwer haben, sich aus ihrer Resignation und aus ihrem Grenzerleben heraus zu entwickeln. Gewürdigt werden muss außerdem, dass interkulturelle Aushandlungsprozesse immer eine Aufgabe mehrerer und nicht von einer oder zwei Generationen sind. Diese Erfahrung hat Deutschland schon mehrfach machen können. Dass Finanzmittel in die Jugendhilfepläne zugunsten des interkulturellen Anliegens eingestellt werden sollen, wie es der Kinder- und Jugendbericht fordert, scheint zumindest sinnvoll.
„Die einzigen Behinderten, die es hier gibt, sind die Betreuer.“ So lautete der provokative Titel einer Broschüre zum Thema Integration behinderter Kinder in die Offene Arbeit, die der ABA Fachverband bereits 1990 herausgegeben hat. Der genannte Titel resultierte aus einer Antwort auf die Frage nach der Anwesenheit von Behinderten in einer Einrichtung der Offenen Arbeit, die seinerzeit einem Betreuer gestellt wurde. Folgt man dem 10. Kinder- und Jugendbericht, scheint sich an dieser Situation bis heute nicht viel geändert zu haben. Die perspektive-orientierten Ausführungen des Berichts lassen sich mit einem Zitat auf den Punkt bringen: „Im Freizeitbereich stellt sich heute nicht mehr die Frage, ob separate oder integrative Formen für behinderte Kinder angemessen sind, sondern es geht darum, wie integrative Formen flächendeckend eingeführt werden können und welche Bedingungen dafür geschaffen werden müssen.“ Wie vor einem knappen Jahrzehnt vom ABA Fachverband betont, muss in erster Linie der Aspekt der Integration wesentlich aktiver und reflektierter in jede konzeptionelle Überlegung einfließen. Zusätzlich fordert der Kinder- und Jugendbericht eine Verstärkung integrationsfördernder Ressourcen (Personal, Qualifizierung, Mittel, reflektierte Barrieren usw.)
Ebenso geht der 10. Kinder- und Jugendbericht auf die Angebotsentwicklung, Partizipation, die Personalstruktur sowie Förderung und Förderpolitik künftiger Entwicklungsbereiche ein. Die Kommission vertritt die Auffassung, ein allgemein gültiges – „fertiges“ – Konzept für die Arbeit nach Kindern gebe es nicht (Stichwort: Vielfalt) (vgl. S. 229). Es wird auf die Schwierigkeit beim Erstellen des Berichts hingewiesen, überhaupt Dokumente zu bekommen; vieles sei unveröffentlicht. Man konstatiere das Bemühen der Praxis, innovativ orientierte Konzepte zu entwickeln. Eine Innovationsbereitschaft der Verbände und Einrichtungen sei erkennbar, tatsächliche Veränderungen seien allerdings z. Zt. nur unzureichend. Man könne davon ausgehen, dass jüngere Kinder eher stabile Zusammenhänge (organisierte Gruppen), ältere hingegen erlebnis- und aktionsorientierte Kontakte suchten (Anmerkung: Solche bieten z.B. gerade für diese Altersgruppe Abenteuerspielplätze und Kinderbauernhöfe an. Denkbar wäre auch, dieses Angebot z.B. durch nicht-kommerzielle Aktionshallen mit einer Vielfalt grobmotorischer Möglichkeiten zu erweitern. In diesem Zusammenhang sollen Möglichkeiten, die im Kontext und Konzept „Erlebnispädagogik“ entwickelt wurden, nicht verschwiegen werden. Neben einschlägig bekannten Stellen und Organisationen hat der ABA Fachverband 1998 damit begonnen, einen Teil der erlebnispädagogisch orientierten Projekte auf einer fachlichen Ebene zusammenzuführen). Ältere Kinder suchten darüber hinaus bei den Einrichtungen auch Hilfe und Beratung. Dieses macht einmal mehr den Aspekt professionellen Personals deutlich. In der Praxis fehlten für die verschiedenen Altersgruppen und deren jeweilige Bedürfnislagen differenzierte pädagogische Konzepte. „Notwendig ist, der Lebenswelt der Kinder, die sich in der lokalen Umwelt konstituiert, entsprechende Aktivitäten – und das mit den Kindern gemeinsam – zu initiieren.“ (S. 229)
Hier schließt sich dann der Kreis mit Blick auf die geforderte Partizipation von Kindern. Die Kommission beruft sich dabei unter anderem auf das KJHG. Aus den §§ 80 (Jugendhilfeplanung), 8 (Beteiligung von Kindern und Jugendlichen) und 9 (Berücksichtigung der selbstdefinierten Bedürfnisse Minderjähriger) wird eine Verpflichtung auf ein persönliches Mitspracherecht abgeleitet (vgl. S. 229). Mit Blick auf die Jugendverbände wird festgestellt, Mitbestimmung beschränke sich in den Verbänden zumeist auf die jeweilige konkret zu gestaltende Situation, sei darüber hinaus nicht vorgesehen, wenn man einmal von der Sozialistischen Jugend Deutschlands – Die Falken absehe, wo eine als politisch verortete Partizipation konzeptionell und pragmatisch integriert sei. Eine politische Interessenvertretung für Kinder werde zumeist von – oft vermutlich gar älteren – Erwachsenen vorgenommen. Der Begriff „demokratische Spielweise“ (S. 230), der in diesem Zusammenhang genutzt wird, spiegelt das, was in der Praxis dann auch häufig als Interessenvertretung mit Alibicharakter vorgefunden wird. Von den beanstandeten Mängeln um so mehr betroffen sind die o.a. diversen unterversorgten Gruppen.
Zu kurz greifen die Ausführungen des Berichts unter dem Titel „Personalstruktur“, beschränken sie sich doch ausschließlich – und dies in äußerst knapper Form – auf das Ehrenamt. Ehrenamtlichkeit sei rückläufig und mittlerweile primär vor dem Hintergrund, ob man persönliche Gewinne aus ihm ziehen könne, entwickelt. Dies kann seit längerem durch die Praxis bestätigt werden. Immerhin ist gesellschaftliches Engagement auch ein Reflex auf gesellschaftliche Zustände. Wo der „Ellbogen regiert“, kann nicht damit gerechnet werden, dass Bürgerengagement auf breiter Ebene entwicklungsfähig ist. Der Praxis in Verbänden und Einrichtungen hätte es vermutlich mehr genutzt, wenn deutlich geworden wäre, dass Ehrenamtlichkeit professioneller, hauptamtlicher Begleitung und Koordination bedarf.
Die Analyse der Förderung und Förderpolitik bestätigt meine einleitenden Ausführungen: die Zustimmung zu den behandelten Feldern ist breit, die erforderlichen Mittel bei weitem unzureichend. Hinzu kommt, dass die „abschmelzenden Töpfe“ wenig bis keinen Spielraum hinsichtlich der Förderung neuer, sich ändernder Strukturen zulässt. Am Beispiel der augenblicklichen Umstrukturierung des nordrhein-westfälischen Landesjugendplans lässt sich dieser Zustand gut nachvollziehen. Gewisse Änderungen scheinen hier unter „schmerzhaften“ Prozessen möglich, geht es auf der einen Seite um die Absicherung und Weiterentwicklung bewährter Strukturen, auf der anderen Seite um die Neuberücksichtigung inzwischen gewachsener und von den Zielgruppen gewollter Inhalte und Räume.
Fünf Schwerpunkte, die sich unter „Perspektiven und Empfehlungen“ subsumieren, zeigt die Kommission auf. Im ersten Schwerpunkt sind dies Veränderungen, die im Zusammenhang zu den genannten unterversorgten Gruppen (Mädchen, Behinderte, Zuwandererkinder) als dringlich angesehen werden. Als zweites wird „die Schaffung eines größeren und flexibleren Angebots für Kinder“ (vgl. S. 231) als notwendig betrachtet, vor allem, was die unterversorgten Gebiete angeht. Der dritte Schwerpunkt thematisiert das Erfordernis, hauptberufliches Personal zu gewinnen, das den zu integrierenden Zuwanderergruppen selbst angehören soll. Viertens wird noch einmal auf die Bedeutung von Partizipationsmöglichkeiten hingewiesen. Empfohlen wird den Ländern ein Jugendfördergesetz, das – wie in Schleswig-Holstein – den Teilhabeaspekt festschreibt. Gleichermaßen sei in den Einrichtungen selbst das Programm am Bedarf der Kinder auszurichten. Angesprochen sind hier nicht irgendwelche Alibiveranstaltungen (Stichwort: demokratische Spielwiesen), vielmehr geht es um die Organisation des pädagogischen Alltags. Als letzten Schwerpunkt weist der Bericht auf die Notwendigkeit der Absicherung der Kinder- und Jugendarbeit generell hin. Die Dringlichkeit einer Vervollständigung des KJHG durch jeweiliges Landesrecht wird angemahnt; Kinder- und Jugendarbeit sei dem „Grunde nach zur Pflichtaufgabe“ (S. 231) zu erklären. In diesem Rahmen müsse „auch nach Umfang und Dauer über einen hinreichenden finanziellen Rahmen“ (S. 231) entschieden werden. Eine deutlich bessere Mittelausstattung auf allen Ebenen sei erforderlich.
Das Kapitel „Kinder in der Kinder- und Jugendarbeit und in der Kinderkulturarbeit“ wird mit einem Exkurs „Zu einer sozialraumbezogenen Arbeit mit und von Kindern“ abgerundet. Es wird festgestellt, dass „die Angebote in der Region … selten aus der Sicht und von den Interessen der Kinder her geplant“ sind (S. 231). Im wesentlichen werden noch einmal zahlreiche der hier bereits behandelten Aspekte nachgezeichnet. Im Vergleich zu Einfamilienhaussiedlungen, die der Erkenntnis der Kommission zufolge über eine deutlich bessere Infrastruktur und damit über eine kindgerechtere Vielfalt verfügen, wird noch auf diverse Disparitäten und deren Veränderungsbedarf verwiesen. Es wird eine deutliche Abgrenzung gegenüber den – von der Praxis oft so erlebten – „Feuerwehr“-Programmen vorgenommen (nach dem Motto, wenn es irgendwo – im sozialen Brennpunkt – brennt, stellen wir rasch einen Container – „mobile Einheit“ – hin, setzen einen Sozialarbeiter hinein und der löst/löscht dann die Probleme/das „Feuer“). „Die besondere kostenaufwendige Ausstattung muss allen Kindern im Stadtteil, in der Region zugute kommen.“ (S. 232).
Abschließend möchte ich den Blick auf anstehende Veränderungen von Planung insgesamt richten. Der Bericht führt dazu aus: „Arbeit mit Kindern und Kinderkulturarbeit als sozialräumlich bezogene Arbeit überwinden die Zersplitterung der kommunalen Planungen: Die Ressorts Verkehr, Wohnen, Soziales, Gesundheit u.a. werden danach befragt, was sie zur Verbesserung der Lage der Menschen, und namentlich der Kinder, in der Region, im Stadtteil leisten können; diese Leistungen werden dann von der Kommune, vom Land oder vom Bund abgefordert. Unterversorgte Zielgruppen müssen in der Jugendhilfeplanung entsprechend ihrem Anteil berücksichtigt werden bzw. es muss Rechenschaft darüber abgelegt werden, dass sie auch von den Aktivitäten profitieren. Eine kleinräumig angelegte Sozialberichterstattung und eine ebensolche Jugendhilfeplanung, welche die Kinder als eigene Gruppe berücksichtigen und nach Mädchen und Jungen, Kindern aus Zuwandererfamilien und deutschen Kindern, Kindern mit und ohne Behinderungen differenzieren, bilden die Planungsgrundlage. In die Planung eingehen müssen auch die vorhandene Infrastruktur und deren Defizite, die Wohnbedingungen der Kinder, die Familienkonstellation und die wirtschaftliche Lage der Familien. … Die freien Träger können sich mit ihren Angeboten einbringen.“ (S. 232)
Meines Erachtens kann das hier skizzierte Kapitel des 10. Kinder- und Jugendberichts der Bundesregierung als Argumentationsgrundlage und konzeptionelle Orientierung gewinnbringend eingesetzt werden. Dass möglicherweise bevorstehende Auseinandersetzungen und Aushandlungen nicht leicht sein dürften, kann man sich unschwer vorstellen. PolitikerInnen auf allen Ebenen (Bund, Ländern und Gemeinden) werden sich – auch – an den hier eingeforderten Veränderungen, messen lassen müssen. Wenn ein fachlicher Diskurs – wie eingangs beschrieben – weder möglich noch erforderlich ist, was nach Kenntnisnahme der Ausführungen des Berichtes angenommen werden kann, hat der künftige Diskurs vor allem ein politischer zu sein. In den letzten Jahren gingen meine Verweise immer wieder in die Richtung, das Reden über Kinderfreundlichkeit an solche sei noch keine Kinderfreundlichkeit an sich. Eine kinderfreundliche Politik ist zunächst eine Ressourcenpolitik. Und die fragt mit Fug und Recht nach der Verteilung der Besitzverhältnisse. Jawohl, Kinderpolitik ist auch und vor allem eine Geldverteilungspolitik.
Vorstehender Beitrag wurde veröffentlicht in DER NAGEL 60/1998 – In das Internet eingestellt im Juni 2003.
Rainer Deimel ist Bildungsreferent beim ABA Fachverband Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen
NAGEL-Redaktion – Kinder, Jugendliche und Gesundheit
Von Rainer Deimel
Vorbemerkung
Beim Zusammentragen der Materialien und beim Schreiben dieses Textes habe ich festgestellt, dass es schier unmöglich ist, alles hier Verarbeitete so zu präsentieren, dass es „einfach so“ in der Praxis verwandt werden könnte. Dazu reicht weder der Platz in dieser Zeitschrift, noch die mir zur Verfügung stehende Zeit. Im ersten Teil der Auseinandersetzung versuche ich, Bilanz zu ziehen; dies mit Hilfe zum großen Teil aktueller Quellen. Im zweiten Teil bin ich bemüht, Perspektiven vor allem für die Praxis und die Politik aufzuzeigen. Dabei habe ich in erster Linie Personen bemüht, Personen, die für Konzepte, Erkenntnisse und Rückschlüsse stehen. Ich habe einerseits versucht, das Material so zu bearbeiten, dass die Praxis Hilfestellungen bezüglich konzeptioneller Reflexionen finden kann. Anderseits war ich daran interessiert, die üblichen Kriterien des wissenschaftlichen Journalismus einigermaßen zu erfüllen. So bleibt Interessierten, die neugierig auf mehr an hier Dokumentiertem geworden sind, nicht erspart, sich selbst weiter auf den Weg zu mehr Fachlichkeit zu begeben. Wir können darüber hinaus anbieten, mit Hilfe des ABA Fachverbandes passgerechte Fortbildungen zu organisieren.
Unter dem Titel „Man muss den Charakter bilden“ gab das Journalistenehepaar Petra Gerster und Christian Nürnberger dem SPIEGEL ein Interview, das in der Ausgabe 35/2001 veröffentlicht wurde. Anlass des Interviews war ihr Buch, dass kürzlich erschien.1 Es scheint so, als habe nach Doris Schröder-Köpf auch andere Leute das erreicht, was hier als „Erziehungsnotstand“ charakterisiert wird. Es werden Thesen von „kollektiver Ratlosigkeit“ und des Unvermögens zu erziehen, aufgestellt. In diese Kerbe soll hier nicht weiter gehauen werden. Wer sich grundsätzlich mit dem Thema Erziehung beschäftigen möchte, dem sei hier erneut das Buch „Wozu erziehen?“ von Wilhelm Rotthaus empfohlen. Wir besprachen es im NAGEL 61.2 In Abrede gestellt werden soll auch keineswegs die hehre Absicht, mit der Gerster und Nürnberger versuchen, für das Erziehen von Kindern einen – möglicherweise neuen – Grundkonsens herzustellen. Gleichsam kann z.B. nicht das Ziel der Bemühungen sein, die Schule müsse „zeitloses Wissen, das hilft, die Welt zu verstehen“, vermitteln (im Kernsatz stimme ich dieser Auffassung durchaus zu) und sich dabei z.B. auf die Newtonschen Gesetze berufen.3 Wo sich die Physik längst in die Tiefen der Chaostheorie vorgewagt hat, kommen mir derartige Forderungen eher hinterwäldlerisch vor. Dass die Schule mit ihrem Latein häufig am Ende ist, hat meines Erachtens eher etwas damit zu tun, dass sie am Alten zu stark festzuhalten versucht und zu wenige praktische Konsequenzen aus dem zieht, was gegenwärtige Kindheit im Wesentlichen charakterisiert. Mit diesem Beitrag will ich versuchen, den Aspekt einer gedeihlichen Sozialisation ansatzweise zu bearbeiten; dies vor allem zugespitzt vor dem Hintergrund kindlicher Gesundheit und Konsequenzen, die sich daraus einerseits für das pädagogische Handeln und andererseits als politische Verpflichtungen ergeben.
Eine Bestandsaufnahme
Die Themenkomplexe „Gesundheit“ und „Krankheit“ erlebe ich gegenwärtig nahezu wie einen Dickicht. Gleichwohl weisen alle neueren Untersuchungen ähnliche Ergebnisse auf. Kindheit und kindliches Befinden haben sich stark verändert, Antworten auf diese Veränderungen müssten adäquat sein. Für meine „Dickicht-These“ spricht möglicherweise auch der Umstand, dass das Robert-Koch-Institut in Berlin eine umfassende Studie zum Thema durchführt, die bis zum Jahre 2005 vorliegen soll. Unter dem Motto „GUT DRAUF“ gab es bereits vor ein paar Jahren eine Kampagne der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), die sich an alle möglichen Felder, die sich mit Kindern und Jugendlichen beschäftigen, richtete. Hierzu kann kostenlos ein Ordner „Kompakt – Das GUT DRAUF-Kommunikationspaket“ bezogen werden.4 Die Direktorin der BZgA, Elisabeth Pott, die auch das Kommunikationspaket als Herausgeberin mit zu verantworten hatte, greift in einem kürzlich erschienen Artikel unter dem Thema „Alles hängt mit allem zusammen“ die zentralen Anliegen der GUT DRAUF-Kampagne erneut auf, nennt sie Stress, Essstörungen und Bewegungsmangel als die fundamentalen Probleme des gegenwärtigen Aufwachsens und betont gleichzeitig, diese Phänomene dürften nicht losgelöst voneinander betrachtet werden. Vielmehr stünden sie in einer Beziehung untereinander.5 Ziel der Bemühungen müsse die positive Beeinflussung des Selbstwertgefühls durch das Erzeugen von Selbstvertrauen und eines harmonischen Körpergefühls sein. Sie spricht sich hinsichtlich der Gesundheitsförderung für einen „ganzheitlichen Ansatz“ aus.6 Welche Methoden und Mittel, welche Konzepte am ehesten geeignet sind, einen solchen „ganzheitlichen Ansatz“ zu verfolgen, werden wir an späterer Stelle versuchen, herauszuarbeiten.
„Gesundheit ist die Abwesenheit von Krankheit und Gebrechen.“ Diese plakative Definition galt bis weit in das 20. Jahrhundert hinein. Die Definition der WHO (World Health Organization – Weltgesundheitsorganisation) von 1946 fasst hingegen „Gesundheit“ deutlich umfassender. Einerseits wird Gesundheit als Zustand des „völligen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens“ betrachtet, andererseits ist „Gesundheit“ vor dem Hintergrund dieser Definition in einem interdisziplinären Kontext von Psychologie, Sozialmedizin, Epidemologie sowie Medizinsoziologie zu sehen.7 Gesundheit ist nur möglich, „wenn eine Person konstruktiv soziale Beziehungen aufbauen kann, sozial integriert ist, die eigene Lebensgestaltung an die wechselhaften Belastungen des Lebensumfeldes anpassen kann, dabei individuelle Selbstbestimmung sichert und den Einklang mit den biogenetischen, physiologischen und körperlichen Möglichkeiten herstellen kann.“8
Versuchen wir, Bilanz zu ziehen, d.h. ein Szenario zu zeichnen, was postmoderne Kindheit im Kontext dieser Auseinandersetzung ausmacht. Krankheitsbilder und -verläufe haben sich bei jungen Menschen grundlegend verändert. Die Mortalitätsrate bei Kindern ist durch die Jahrhunderte infolge medizinischer Fortschritte und durch ein gestiegenes Maß an Aufklärung deutlich gesunken, flankiert durch Vorsorgeuntersuchungen ab der Geburt bis zum Schulalter. Akute Erkrankungen sind bei jungen Menschen kaum noch feststellbar. Wirft man allerdings einen Blick auf die Veränderungen, stellt man fest, dass chronische Erkrankungen sowie psychische und psychosomatische Störungen in geradezu alarmierender Weise zugenommen haben. Die Jugendgesundheitsstudie der Universität Bielefeld aus dem Jahr 1993 bezeichnet 70 % aller Jugendlichen in Deutschland als nicht gesund.9 Folgt man Professor Klaus Hurrelmanns Argumenten, hat sich der Gesundheitszustand der zwischen 12 und 17-Jährigen seit Mitte der 70er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts verschlechtert.10
Kinder und Jugendliche selbst haben diffuse Vorstellungen über Gesundheit. So mögen sie den Zustand chronischer Erkrankung möglicherweise als „normal“ begreifen. Eltern beurteilen die gesundheitliche Situation ihres Nachwuchses häufig anders, wobei es auch hier nicht selten zu Fehleinschätzungen kommt. Lediglich in Bezug auf auffällige verhaltensbezogene „Störungen“ (z.B. soziale Isolation und Essstörungen) gab es vergleichbare Einschätzungen. Bezüglich der Elterneinschätzung ist der Geschwisterstatus erwähnenswert. Bei Erstgeborenen – was somit auch für die gestiegene Zahl der Einzelkinder gilt – neigen Mütter zu einer Überschätzung von Problemverhalten. Adäquat zur eigenen Lebenssituation bzw. dem Umgang mit sich selbst geben sich Väter dagegen sorgloser und zuversichtlicher.11 Bei dieser Feststellung wird deutlich, dass auch die Geschlechterrolle von Bedeutung ist; dies gilt nicht nur für Eltern, sondern ebenso für die jungen Menschen selbst. In diesem Zusammenhang sollte noch erwähnt werden, dass junge Menschen nicht selten hinter der Sorge um die Gesundheit den Versuch von Erwachsenen wittern, diese wollten ihre Lebensgestaltung reglementieren.12 Eltern, vor allem Mütter, haben oft die Befürchtung, ihr Kind könne ausgelacht werden, sich beim Sport verletzen oder andere Risiken nicht bestehen. Die Fehleinschätzung von Risiken durch Eltern führt im Resultat nicht selten zu einer Minderung des Selbstvertrauens der Kinder. Eine Unzufriedenheit der Eltern mit sich selbst ist ebenfalls ein die Kinder krankmachender Faktor, wohingegen eine lebensbejahende und nicht alles überbewertende Grundstimmung ihrerseits eine wichtige Voraussetzung für ein einigermaßen gesundes Wachstum darstellt.13 Ich selbst erfuhr in Interviews mit gegenwärtig jungen Eltern, dass diese selbst Erfahrungen, die das geforderte „ganzheitliche Aufwachsen“ im Wesentlichen bestimmen, nicht mehr gemacht haben, z.B. das Toben im Freien.
Jugendliche neigen naturgemäß zu einer risikoreichen Lebensweise. Zwei für sie typische Manifestationen werden von Professorin Inge Seiffge-Krenke, der Leiterin der Abteilung Entwicklungs- und Pädagogische Psychologie an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, beschrieben: die „imaginäre Audienz“, nämlich das Gefühl, ständig durch andere beobachtet und bewertet zu werden, und den „personal faible“, die von ihnen erlebte Einzigartigkeit, kombiniert mit dem Gefühl, von niemandem verstanden zu werden.14 Weitere Stressoren, die an der Ausprägung psychischer und psychosomatischer Auffälligkeiten beteiligt sind, ergeben sich aus unzureichend verarbeiteten gesellschaftlichen Werteveränderungen sowie aus sich daraus ableitenden Marginalpositionen wie Deklassierungsprozessen, schulischen Leistungsdruck, unkalkulierbaren Berufswünschen usw. Vor diesem Hintergrund wird das eingangs genannte Buch von Gerster und Nürnberger um so verständlicher. In einer Verlautbarung äußerte der Bund Deutscher Psychologen Anfang 1996, dass selbst junge Leute im Alter von sechs bis neun Jahren kaum noch Zeit für spontanes Spielen und Ruhepausen hätten; sie lebten nach einem Terminkalender und litten in der Folge häufig unter Kopf- und Bauchschmerzen, nervöser Unruhe und Schlafstörungen. Ursächlich hierfür werden Schulstress und zu stark verplante Freizeitaktivitäten angegeben.15 Dieser Trend scheint sich in den letzten Jahren eher noch verschärft zu haben. Hierauf werde ich an späterer Stelle noch einmal zurückkommen.
Hinsichtlich genannter Deklassierungsprozesse kann festgestellt werden, dass gegen Ende des letzten Jahrhunderts 12 % der Bevölkerung als arm galten. 2 Mio. Kinder lebten 1991 in einkommensschwachen Verhältnissen; 500 000 Kinder in Obdachlosensiedlungen.16 1997 waren über 1 Mio. Kinder bis 18 Jahre Sozialhilfeempfänger (Hilfe zum Lebensunterhalt). Demnach sind über 37 Prozent der Sozialhilfeempfänger Kinder und Jugendliche. Nimmt man die jungen Erwachsenen – die bis 25-Jährigen – hinzu, kommt man zu der frappierenden Feststellung, dass fast die Hälfte derjenigen, die Hilfe zum Lebensunterhalt benötigen, jung ist.17 Insgesamt hat sich die Zahl der SozialhilfeempfängerInnen von 1980 bis 1997 mehr als verdreifacht, sie stieg von 851 000 auf 2,58 Mio.; einschließlich der neuen Bundesländer, die in der Statistik vor der Wende logischerweise nicht auftauchen, beziehen knapp 3 Mio. Menschen Hilfe zum Lebensunterhalt. Der Datenreport 1999 des Statistischen Bundesamtes zeigt zudem auf, dass 1997 noch weitere 1,41 Mio. Menschen Hilfe in besonderen Lebenslagen bezogen.18 Armut macht einsam, sozial isoliert19, macht mut- und antriebslos und krank20; jeder vierte Haushalt in Deutschland gilt gegenwärtig als arm.21 Norbert Kozicki zeigt auf, dass sich der Anteil junger Menschen an der armen Bevölkerung zunehmend gesteigert hat: „Das Gesicht der Armut wird immer jünger.“22 Aus einer von ihm zitierten Untersuchung des Psychologen Thomas Kieselbach von der Universität Bremen wird deutlich, dass „ärmere“ Kinder „depressiver, einsamer, empfindlicher, weniger gesellig, misstrauischer und weniger in der Lage (sind), Stress zu bewältigen, als Kinder aus gesicherten materiellen Verhältnissen“.23
Wie bereits unter Berufung auf Elisabeth Pott erwähnt, beeinflussen sich im Rahmen einer ganzheitlichen Sicht Ernährung, Bewegung und Stress bzw. dessen Bewältigung gegenseitig. Werfen wir einen Blick auf die Komplexe Ernährung und Bewegung.
Ernährung hat nicht nur über Nahrungsbestandteile einen Einfluss auf das physische wie psychische Wohlbefinden. Hunger ist ein starker Stressor mit den typischen Folgen wie Aggressivität, Nervosität usw. Das sogenannte Fastfood spielt bei Kindern und vor allem bei Jugendlichen eine erhebliche Rolle; dieses Phänomen muss auch im Kontext von Peernormen betrachtet werden. Gefördert wird der Trend zum Fastfood ebenfalls durch sich verändernde Familien- und Rollensituationen. Die Ernährungsversorgung mit „ausgewogenen Mahlzeiten“ ist markant zurück gegangen. In nur noch der Hälfte der Familien wird gekocht und gemeinsam gegessen. Erwiesenermaßen trägt Fastfood infolge übergroßer Anteile an Fett und Kohlehydraten sowie mangelnden Ballaststoffen und Vitaminen zu einem Gutteil zur Fehlernährung mit allen ihren negativen Folgen bei. Eine Untersuchung der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) zeigt auf, dass sich ein Drittel der Deutschen aus Konserven und der Tiefkühltruhe und 60 % mit Fertiggerichten ernähren. Die Untersuchung weist darauf hin, dass dies primär für jüngere Menschen gelte.24 Damit will ich hier allerdings nicht zum Ausdruck bringen, Essen beispielsweise aus dem Gefrierschrank sei schädlich; vielmehr geht es bei diesem Hinweis darum, geändertes Nahrungsverhalten aufzuzeigen.
Hurrelmann verwies schon vor einigen Jahren darauf, die Nahrung junger Leute sei unausgewogen zusammengesetzt. Ferner wirke sich die unregelmäßig Einnahme von Mahlzeiten krankmachend aus. Darüber hinaus weist er darauf hin, dass ungünstiges Ernährungsverhalten mit abfallendem Sozial- und Finanzstatus steige.25
Ein weiterer Aspekt ist die Irritation, die bei Eltern durch offenbar unlautere Werbung ausgelöst wird. Hierbei geht es beispielsweise um die „Extra-Portion Milch“, „lebenswichtige Vitamine“ oder „viel Kalzium“. Das Forschungsinstitut für Kinderernährung in Dortmund erläutert die Überflüssigkeit und Systemlosigkeit derart „nährstoffangereicherter“ Lebensmittel. In der Folge seien die Lebensmittel teurer, ohne dass sie die für die Ernährung junger Menschen wichtigen Ballaststoffe enthalten seien. Sie trügen demnach in keiner Weise zur Veränderung falscher Essgewohnheiten bei. Das Institut vertritt die Auffassung, Mangelerscheinungen seien eher die Ausnahme, nicht aber massive Fehlernährungen durch zuviel Fett und Zucker. Und genau diese seien häufig in den umworbenen Produkten enthalten. Damit leisten sie – zumindest indirekt – postmodernen Zivilisationserkrankungen wie Herz-Kreislauf-Problemen, Bluthochdruck und Übergewicht Vorschub. Letztendlich diene derartige Werbung in keiner Weise einer gesünderen Ernährung, sondern sie sei allein umsatzsteigernd zu begreifen.26 Die amerikanische Professorin Jean Harvey-Berino, Fachfrau für Ernährungs- und Lebensmittelwissenschaft an der Universität von Vermont, hat zwischenzeitlich Beobachtungen gemacht, die über die These, bestimmten Zivilisationserkrankungen würde Vorschub geleistet, hinausgeht: „Was wir beobachten, sind Kinder mit Krankheiten, die sonst bei Erwachsenen auftreten, etwas, das zuvor nicht registriert wurde. Wir beobachten Kinder mit Bluthochdruck, Kinder mit hohem Cholesterinspiegel und Kinder mit Typ 2-Diabetes, was bisher als Erwachsenenvariante der Zuckerkrankheit angesehen wurde. Diese Entwicklung ist so schnell aufgetreten, dass genetische Faktoren als Ursache nahezu ausgeschlossen werden können. Wir haben festgestellt, dass es wahrscheinlich auf eine verringerte körperliche Aktivität und auf den Verzehr größerer Mengen zurückzuführen ist. Es ist einfach das Phänomen der Riesenportionen, die zehn Mal größer sind, als sie sein müssten.“27
Räumt man den US-AmerikanerInnen eine gewisse Vorreiter-Rolle bezüglich des Konsums von Fastfood und Süßigkeiten ein, ist ein vergleichbar auf uns zukommendes Szenario vorstellbar, wobei sich einige Tendenzen bereits jetzt unübersehbar abzeichnen. Die nationalen Institute für Gesundheit in den USA geben an, mehr als 97 Millionen, also über 50 % der Amerikaner über 20 Jahren hätten Übergewicht. Davon wögen etwa vier Millionen mehr als 45 Kilogramm zu viel. Dies wiederum hätte eine zehnfach erhöhte Sterblichkeitsrate im Vergleich zu Normalgewichtigen zur Folge. Bei den Kindern seien inzwischen 20 % fettleibig.28 Die Leiterin des Amtes für Gesundheit und Ernährung von Vermont, Allison Gardner, zeigt die gesellschaftlichen Veränderungen auf, die mit dieser Entwicklung einhergehen. Sie verweist darauf, dass in der Regel beide Eltern beruftätig seien, die Kinder sich demzufolge nach der Schule selbst versorgen müssten. Hinzu kommen Argumente der Eltern, die wir in Deutschland ebenso erleben können: Kinder spielen – selbst dann, wenn es noch möglich wäre – kaum noch draußen, da die Eltern Angst haben, es sei nicht sicher. Man wolle sie nicht unbeaufsichtigt lassen. Diese oft dubiosen Ängste werden bisweilen von den Kindern übernommen und internalisiert. Ich erlebe immer wieder Gruppen von Kindern und Jugendlichen, die sich z.B. nicht mehr in den Wald begeben aus Angst vor dem „Grauen“, das sich dort verbergen könnte. Infolgedessen bewegen sich viele Kinder „automatisch“ weniger, sehen mehr fern, essen mehr Fastfood usw.. Gardner berichtet ferner, in den USA würden Süßigkeiten nicht selten zur Verhaltenssteuerung eingesetzt.29
Aus dem Ernährungsbericht 2000 der Deutschen Gesellschaft für Ernährung geht hervor, dass es nicht nur Übergewicht und Adipositas (Fettsucht) sind, die bei deutschen Kindern auffallen. Es kann augenblicklich (2001) davon ausgegangen werden, dass 11 % aller Jungen und Mädchen übergewichtig sind; sie liegen mit ihrem Gewicht zwischen 15 und 25 % über dem empfohlenen Grenzwert. Neun Prozent der Jungen und sieben Prozent der Mädchen überschreiten gar noch die 25-%-Marke, können dementsprechend als fettsüchtig bezeichnet werden. Es wird ebenso auf die Zahl von acht Prozent aller Jungen und Mädchen verwiesen, die untergewichtig sind. Von den 11-15-Jährigen haben elf Prozent der Jungen und 17 Prozent der Mädchen bereits Diäten gemacht, um Schönheitsidealen nachzukommen. Sogar untergewichtige Jugendliche, nämlich sieben Prozent der Jungen und acht Prozent der Mädchen nehmen weiterhin ab: sie finden sich immer noch als zu dick.30 Hurrelmann geht gar davon aus, 21 Prozent der Mädchen zwischen 12 und 17 Jahren hätten bereits eine oder zwei Diäten gemacht, um abzunehmen. Er konstatiert, weniger als die Hälfte der Mädchen sei der Auffassung, das richtige Gewicht zu haben; 40 Prozent hielten sich für zu dick.31Diese Zahl scheint weiterhin zu steigen: Der Ernährungsbericht 2000 gibt an, 56 Prozent der Mädchen zwischen 13 und 14 Jahren seien dieser Auffassung.32
Die Tendenz zu unzureichender Bewegung ist nicht nur in den USA zu beobachten. Vielmehr gibt es auch hierzulande alarmierende Trends. Bewegung reguliert einerseits die Nahrungszufuhr durch Kalorienverbrauch. Andererseits trägt sie auf beste Weise dazu bei, gestresste Körper wieder in Balance zu bringen. Bewegung ist eine der wesentlichen Erfordernisse einer gelingenden Sozialisation in einem ganzheitlichen Sinne. Eine der Ursachen für gesteigerte Bewegungsarmut dürfte im Verlust erforderlicher Möglichkeiten für Kinder und Jugendliche gesehen werden. Dies soll nicht nur am Verhalten der Eltern, deren Ängstlichkeit usw., festgemacht werden. Vielmehr werden jungen Menschen Räume vorenthalten, die sie zu einem Mehr an Bewegung motivieren würden. Dieses Verdrängen von Kindern und Jugendlichen vor allem aus natürlichen, zum Teil auch aus „künstlichen“ Räumen bewirkt – ganz „nebenbei“ – eine gesteigerte „Anfälligkeit“ zum Konsum angebotener Medien. In diesem Circulus vitiosus wird das Problem der Bewegungsarmut weiter verschärft. Dies ist um so bedauerlicher, da unter gesundheitsfördernden – sprich: menschen- und vor allem kindgerechten – Bedingungen ein ausgesprochener Bewegungstrieb wesentlich deutlicher als bei Erwachsenen vorhanden ist. Dass dieser gelebt werden kann, hängt sehr stark von der Aktionsraumqualität ab, wie es Baldo Blinkert in seiner Freiburger Kinderstudie deutlich macht.33 Die Bertelsmann Stiftung legte kürzlich eine Bewegungsstudie vor. Diese Studie unter der Leitung von Professor Klaus Bös vom Institut für Sport und Sportwissenschaft der Universität Karlruhe kommt zu der Auffassung, deutsche Kinder seien Bewegungsmuffel. 6-10-Jährige lägen bzw. säßen neun Stunden und stünden fünf Stunden täglich. Die Bewegungszeit der Kinder betrüge höchstens eine Stunde täglich. Auf intensive Bewegung entfielen davon lediglich 15 bis 30 Minuten.34
Bestätigung finden derartige Ergebnisse durch Erkenntnisse der Arbeitstelle für Kinder-, Jugend-, Sport- und Sozialforschung an der Universität Essen. Die Arbeitsstelle unter der Leitung von Professor Werner Schmidt verweist am Beispiel der Stadt Essen auf den Umstand, der Autoverkehr habe seit Anfang der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts – also in dreißig Jahren – um 500 Prozent zugenommen. In der Folge seien für Kinder erforderliche Spiel- und Bewegungsflächen35 verloren gegangen. Die städtebauliche Verdichtung habe dazu geführt, dass Kinder nicht mehr gefahrlos auf der Straße spielen könnten. Schmidts Thesen gipfeln in der Erkenntnis, dass bei acht von zehn Kindern bei der Einschulung Defizite – wie Haltungsschwächen und Koordinationsstörungen – festgestellt werden könnten. Jedes fünfte Kind bedürfe einer gezielten individuellen bewegungstherapeutischen Behandlung.36 In einer zehnjährigen Vergleichsstudie an SchulanfängerInnen (1986 – 1996) konstatiert Schmidt dramatische Zunahmen von Auffälligkeiten. Er kommt zu dem Schluss, bereits 1986 seien die Ausgangsdaten schon relativ hoch gewesen. Demnach ist in den untersuchten zehn Jahren festzustellen eine Steigerung bei
- Sehschwäche von 15,2 auf 21,4 Prozent;
- Koordinationsstörungen (nicht Schwäche) von 7,8 auf 13,9 Prozent;
- Haltungsschwäche von 9,6 auf 10,2 Prozent;
- Übergewicht von 5,6 auf 7,1 Prozent;
- Hörstörung von 3,4 auf 6,8 Prozent;
- chronisches Ekzem von 2,7 auf 5,4 Prozent;
- Allergien von 0,7 auf 2,4 Prozent.37
M.E. erübrigt sich eine Kommentierung dieser alarmierenden Befunde. Insgesamt fehle es den Kindern an Spiel- und Bewegungsfreiräumen. Die Notwendigkeit, ihre Umwelt spielerisch zu erfahren, geschähe vielfach nur noch virtuell. Tatsächliche Bewegungsabläufe würden nicht mehr ausreichend verinnerlicht. Kinder könnten beispielsweise nicht mehr rückwärts balancieren. Idealtypisch zur Entwicklung kindlichen Bewegungsdranges und kindlicher Kreativität seien Abenteuerspielplätze; hier könnten sie diese frei entfalten.38
An früherer Stelle habe ich darüber berichtet, dass eine Verschlechterung des allgemeinen Gesundheitszustandes von Kindern und Jugendlichen im Trend liege. Angaben der BzgA zufolge klagen 19 Prozent der Mädchen und neun Prozent der Jungen über Kopfschnerzen, elf Prozent der Mädchen und sechs Prozent der Jungen über Nervosität und Unruhe, acht Prozent der Mädchen und drei Prozent der Jungen über Schlafstörungen und schließlich sieben Prozent der Mädchen und zwei Prozent der Jungen über Magenbeschwerden.39
Im Auftrag des „stern“ wurde von der Universität Hamburg in Zusammenarbeit mit dem Kölner Psy-data-Institut eine bundesweite repräsentative Studie über seelische und körperliche Gesundheit von vier- bis 18-Jährigen durchgeführt, die von Professor Michael Schulte-Markwort vom Hamburger Klinikum Eppendorf ausgewertet wurde. Demnach ist jedes fünfte Kind in Deutschland physisch oder psychisch derart beeinträchtigt, dass es professionelle Hilfe bräuchte. Einige der Erkenntnisse dieser Studie sollen hier wiedergegeben werden. Fast jeder dritte junge Mensch berichtet von Albträumen. Ich hatte bereits darauf hingewiesen, dass Kinder die Ängste ihrer Eltern internalisierten. Diese These wird ebenfalls durch die Hamburger Studie bestätigt. Jeder dritte junge Mensch leidet unter Phobien (z.B. Angst vor Dunkelheit), ist häufig oder zeitweise deprimiert und macht sich viele Sorgen. Konzentrationsprobleme haben 46 Prozent, über 40 Prozent dürften als hyperaktiv angesehen werden und über 30 Prozent sind „Nägelkauer“. Weiterhin leidet jeder zweite unter plötzlichen Stimmungswechseln, mehr als die Hälfte der jungen Leute ist misstrauisch und fast 30 Prozent sind bisweilen verwirrt oder zerstreut. Über ständige Kopfschmerzen klagen zehn Prozent und immerhin 2,5 Prozent über Magenschmerzen. Mehr als fünf Prozent stellen bei sich eine „bleierne Müdigkeit“ fest und über zehn Prozent haben Angst vor der Schule. Absichtlich verletzt haben sich über vier Prozent bzw. sie haben Selbstmord versucht. Über Suizid nachgedacht haben immerhin knapp fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen; dies meist ohne Wissen ihrer Eltern. Der Studie zufolge weiß nur jedes achte Elternpaar überhaupt davon, dass ihr Kind sich verletzt bzw. einen Suizidversuch verübt hat. Die Untersuchung kommt weiter zu der Auffassung, 6,2 Prozent der jungen Menschen litten unter Asthma und fast 20 Prozent unter Allergien. Ebenso viele berichten von Hautproblemen. Auf den Komplex „Allergien“ werde ich im Weiteren noch einmal zu sprechen kommen. Ständige bzw. häufige Rückenschmerzen haben fast sieben Prozent, gelegentliche Rückenschmerzen noch einmal weitere 13,5 Prozent. Wie Werner Schmidt kommt auch hier die Studie zu der Auffassung, dies habe etwas mit der akuten Bewegungsarmut zu tun und führt kausal das lange Sitzen vor dem Fernseher bzw. Computer an. Die an früherer Stelle berichteten Gewichtsprobleme werden ebenfalls bestätigt. Der Kinder- und Jugendpsychiater Schulte-Markwort hält eine unbeschwerte Kindheit schlicht für ein Mythos. Abweichend von früheren Untersuchungen kommt die Gesundheitsstudie zu der Auffassung, dass wohlbehütete Kinder inzwischen stärker von den Auffälligkeiten betroffen sind als Kinder aus sogenannten „sozial schwachen“ Schichten.40 Die Journalistin Ulrike Moser sieht neben der Überbehütung auch das Phänomen der Wohlstandsverwahrlosung, glaubt aber, dass es vor allem die Armutsverwahrlosung gebe. Sie verweist aktuell auf die eine Million Kinder, die von der Sozialhilfe leben. Im Falle von Unterprivilegierung fehle es am ehesten an Fürsorge.41
Erwin Jordan, Vorsitzender des Instituts für soziale Arbeit in Münster, ergänzt mit Blick auf offizielle Jugendhilfestatistiken, die Öffentlichkeit werde oftmals erst von spektakulären Fällen aufgeschreckt, etwa von verhungerten oder verdursteten Kindern. Schleichende Vernachlässigung von Kindern werde kaum wahrgenommen. Anzeichen für eine anhaltende Vernachlässigung seien chronische Unterernährung, schlechte oder auch nicht passende Kleidung, unbehandelte Krankheiten und mangellnde Körperpflege. Jordan betont ausdrücklich, die Eltern seien nicht schlechter geworden, vielmehr lösten sich die früher üblichen entlastenden Netzwerke – bestehend etwa aus Großmüttern und Freunden – zunehmend auf. 50 000 Kinder sind nach Jordans Auffassung betroffen. Vermutlich mit Blick auf die Politik sei dieser Zustand ein „Armutszeugnis für Deutschland“.42
Zu ähnlichen Beurteilungen wie die Hamburger Repräsentativstudie kommt auch ein Symposion für Dynamische Psychiatrie in München.43 Hier wird ein dramatischer Anstieg von Depressionen und Ängsten bei Kindern und Jugendlichen festgestellt. In Zusammenhang bringen dies die Wissenschaftler mit einer oft exzessiven Internetnutzung und dem damit einhergehenden Verlust zwischenmenschlicher Beziehungen. Gerade die seien allerdings für eine gelingende Sozialisation erforderlich, entsprächen sie doch dem menschlichen Urbedürfnis nach Kontakt und Bindung. Um seine Persönlichkeit und seien Identität herausbilden zu können, benötige der heranwachsende Mensch den Austausch mit anderen Menschen. In der Folge genannter und zunehmender Defizite sein Beziehungsstörungen, soziale Ängste, ja sogar Beziehungs-Erkrankungen (wie z.B. das Borderline-Syndrom) zu befürchten.
In der gegenwärtigen Diskussion um Gesundheit von Kindern und Jugendlichen spielt ferner das Thema „Allergien“ eine zuvor nicht gekannte Rolle. Die Zahlen variieren zum Teil. Während die Hamburger Gesundheitsstudie von über sechs Prozent der Kinder ausgeht, berichtet der Jenaer Pneumologe Prof. Claus Krögel, der sich sehr spezifisch mit dieser Problematik befasst hat, davon, inzwischen sei bereits jedes 10. Kind in Deutschland Asthmatiker. Die Zahl der betroffenen Kinder sei doppelt so hoch wie die der Erwachsenen. Innerhalb von zehn Jahren habe sich die Zahl der Erkrankten insgesamt verdoppelt. Wenn wir die Anzahl der Kinder und Jugendlichen, die unter Allergien und Hautproblemen leiden, mit der vermuteten Anzahl der Asthmatiker addieren, kommen wir gegenwärtig auf einen alarmierenden Anteil von etwa der Hälfte der jungen Leute, die mehr oder weniger stark krank sind.
Bereits seit längerem ist aufgefallen, dass das Risiko allergischer Reaktionen bzw. Erkrankungen dort am höchsten ist, wo die hygienischen Bedingen die höchsten Standards erfüllen, etwa in Krankenhäusern. Unisono kommen denn auch Krögel, der Pädiater Professor Theodor Zimmermann von der Universität Erlangen, die Münchner Pädiaterin Erika von Mutius, die Allergologin Sabina Illi, ebenfalls aus München, Erich Wichmann vom GSF-Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit in Neuherberg sowie eine Ärztegruppe um den Allergologen Ratko Djukanovic aus dem britischen Southampton zu vergleichbaren Erkenntnissen. Krögel stellt fest, nicht Umweltverschmutzung sei die Ursache von Allergien, sondern die Lebensweise der Betroffenen. Er führt als krankmachende Beispiele Dämmung, Doppelverglasung und Teppichböden an, die verantwortlich seien für die Zunahme an Milben, Schimmelpilzen und erhöhte Empfindlichkeiten darauf. Ferner wirkten sich übertriebene Hygienevorstellungen verschärfend aus. „Übertriebene Sauberkeit“ bewirke gerade bei kleinen Kindern das Gegenteil ihrer vermeintlichen Absicht.44 Ich selbst kenne aus meiner eigenen Kindheit den Spruch: „Dreck reinigt den Magen.“ Dieser „Bauernweisheit“ scheinen zutreffende Erfahrungen zugrunde zu liegen. Ein Beispiel, wie sich übertriebene Hygiene auswirken kann: Nehmen wir eine Wohnung mit Teppichbodenbelag an. Um die Gesundheit der Familie nicht zu gefährden, wird regelmäßig gründlich Staub gesaugt. Der Staubsauger schafft es mühelos, Raubmilben zu entfernen. Die kleineren Haustaubmilben bleiben übrig und können sich beliebig vermehren, da ihre natürlichen Feinde vernichtet wurden. Ein hausgemachtes Problem? Einiges spricht dafür. Einerseits werden Faktoren, die das Immunsystem schwächen, durch den Versuch Sauberkeit herzustellen, überhaupt erst erzeugt. Andererseits nimmt mit zunehmendem Hygienestandard die Fähigkeit des Immunsystems ab, körpereigene Widerstände zu erzeugen. Zimmermann führt an, dass Kinder mit regelmäßigen Tierkontakten und Kinder von Bauernhöfen deutlich weniger erkranken als Kinder in der typischen Stadtwohnung, ebenso seien Kinder aus der früheren DDR und Polen – gerade wegen der niedrigeren hygienischen Standards – weniger betroffen als westdeutsche und schwedische Kinder. Er vertritt die Auffassung, ein ausgewogenes Maß an Umweltkontakten sei für die optimale Entwicklung des kindlichen Immunsystems wesentlich.45 Krögel ergänzt, das menschliche Immunsystem müsse genau wie das Gehirn trainiert werden, um mit allergenen Stoffen umgehen zu können.46 Diese Informationen würden nach Erich Wichmann die menschlichen Abwehrkräfte derart stärken, dass der Effekt ein Leben lang vorhielte.47
Auch hinsichtlich der früher bei Kindern üblichen Krankheiten wie Erkältungen und anderen Infektionskrankheiten hat es offenbar eine Verhaltensänderung bei den Eltern gegeben. Sechs bis acht derartiger Infektionskrankheiten jährlich hält Zimmermann bei Vorschulkindern für normal. Er glaubt, dass die Kinder um so häufiger erkrankten, je stärker sie mit Antibiotika behandelt würden. Und Krögel kommt schließlich zu der Erkenntnis, Kinder, die sich beim Spielen eine Erkältungskrankheit zuzögen, würden dadurch abgehärtet. Diese Erfahrung können Waldkindergärten genauso bestätigen, wie sie von Kindern, die regelmäßig einen Abenteuerspielplatz besuchen, berichtet werden können.
Den Themenbereich Allergien und Infektionskrankheiten abschließend sei noch auf eine neue medizinische Vorgehensweise verwiesen, die besagte britische Ärzte in Southampton praktizieren. Dort werden allergiekranke Menschen mit einer Bazille, dem Mycobacterium vaccae, behandelt. „Diese Bakterien finden sich überall im Schmutz und bilden auch die fiesen Beläge, die sich am Wasserhahn festsetzen. Wir töten sie ab und spritzen sie Asthmatikern unter die Haut,“ so der Allergologe Ratko Djukanovic.48 Nicht umsonst übertitelte DER SPIEGEL seinen Beitrag mit „Heilkraft aus dem Misthaufen“. Gegen Heuschnupfen und Neurodermitis, die bei Kindern auch auf dem unübersehbaren Vorstoß sind, sollen bald ebenfalls Impfstoffe aus Erdmikroben und Darmbazillen zur Verfügung stehen.
Das Stichwort „biologische Medikation“ gibt mir eine gute Gelegenheit, zum Phänomen „chemische Medikation“ überzuleiten. Eine immer größer gewordene Anzahl sogenannter hyperaktiver Kinder macht dies deutlich: Immer schneller und immer häufiger wird zu Pillen gegriffen, die das Problem – im wahrsten Sinne des Wortes – ruhig stellen sollen. Die Hamburger Gesundheitsstudie sprach von immerhin 40 Prozent hyperaktiver Kinder. An ADHS (Aufmerksamkeits-Hyperaktivitätssyndrom), an dem schätzungsweise zwei bis sechs Prozent der Jungen und Mädchen in Deutschland leiden, wird dies besonders deutlich.49 Bei ADHS, dessen Diagnose häufig voreilig von Ärzten getroffen wird, handelt es sich um eine neurobiologische Störung der Hirnfunktion, die möglicherweise genetisch bedingt ist. Die Botenstoffe Noradrenalin und Dopamin werden im Gehirn nur unzureichend zwischen den Zellen übertragen werden. Die betroffenen Kinder fallen auf durch Konzentrationsstörungen, allgemeine Unruhe, Vergesslichkeit und erhöhte Aggressivität. Die Kinder werden häufig mit Amphetaminen „stillgestellt“. Häufig gilt dies auch für solche Kinder, die aus anderen Gründen unruhig sind. Auch kann beobachtet werden, dass Eltern nicht selten solche Medikamente verlangen. Das bekanntesten ist vermutlich Ritalin.
Die drastische Steigerung des Konsums von Ritalin und vergleichbaren Präparaten verdeutlicht Professor Dietrich Hofmann, früher an der Kinderklinik der Universität Frankfurt am Main beschäftigt. Unter Berufung eines Berichts im Deutschen Ärzteblatt verweist er darauf, dass die noch 1990 verordneten Mengen für 1500 Kinder gereicht hätten. Die 1999 verschriebene Menge reichte aus, um damit 42 000 Kinder zu behandeln. Wie zuvor im Zusammenhang mit ADHS schon ausgeführt, kommt Hofmann ebenfalls zu der Auffassung, derartige Präparate würden häufig nach unzureichender Diagnose und ohne psychotherapeutische Begleitung verordnet. Eine rein medikamentöse Behandlung zur Alltagsbewältigung sei abzulehnen; allenfalls könnten Medikamente zur Unterstützung anderer Therapieformen hinzugezogen werden. Hofmann betont, die Gewöhnung an Medikamente sei dazu angetan, die Schwelle hinsichtlich des Erlernens eigener Lösungen zu Ungunsten des alltäglichen Pillenkonsums zu verschieben. Er vermutet in diesem Zusammenhang auch eine größer werdende Toleranz z.B. gegenüber Party- und anderen Drogen.50
Generell kann bezüglich des Tablettenkonsums bei jungen Leuten festgestellt werden, dass im Alter von 15 Jahren 15 Prozent Schmerzmittel einnehmen; diese Quote steigert sich auf 22 Prozent im Alter von 18 Jahren. Psychopharmaka werden von 0,5 Prozent der 15-Jährigen konsumiert; 18-Jährige sind bereits mit vier Prozent dabei. Mittel gegen niedrigen Blutdruck werden von fünf Prozent der 15- und von sieben Prozent der 18-Jährigen benutzt. Mit 18 Jahren nehmen immerhin drei Prozent Schlafmittel.51 Erwähnenswert scheint, dass fast 80 Prozent aller Arzneimittel, die von Kindern und Jugendlichen verwandt werden, nicht für sie zugelassen sind; er handelt sich fast regelmäßig um Präparate für Erwachsene, die nicht auf die Eignung bei Kindern klinisch geprüft sind.52
Kürzlich sprach ich mit dem Quakenbrücker Arzt und Psychotherapeuten Eckhard Schiffer über dieses Thema. Er berichtete ebenso über die genannte, Tendenz, immer früher zu den Pillen zu greifen. Er ist augenblicklich dabei, gemeinsam mit seiner Frau ein Buch zum Thema „Hyperaktive Kinder/Medikation“ zu verfassen, was vermutlich bereits jetzt empfohlen werden kann. Gemeinsam mit Eckhardt Schiffer bin ich der Auffassung, dass im Zweifelsfalle die rechtzeitige Einrichtung eines Abenteuerspielplatzes bzw. vergleichbarer Möglichkeiten sowohl im präventiven als auch im begleitenden bzw. nachsorgenden Sinne hilfreicher sein dürften, als der allzu rasche Griff zur Tablette. Auf Schiffer werde ich in meinem perspektivischen Teil noch einmal zurück kommen.
Vor einiger Zeit hatte ich selbst im Rahmen meiner Weiterbildungsarbeit ein beeindruckendes Erlebnis. Die Gruppe, die sich in der Fortbildung befand, hatte von mir Aufgaben bekommen. Eine junge Kollegin erklärte sich bereit, zum Thema „Aggressionsabbau bei Kindern und Jugendlichen“ zu arbeiten. Nach einer kleinen theoretischen Einführung über Aggressionen präsentierte sie einen biographischen Teil. Dort führte sie u.a. aus, sie selbst sei nach einem Umzug vom Land in die Stadt ein hyperaktives Kind geworden. Sie schilderte die Leiden, die für sie selbst damit verbunden waren und welche Schritte sie ausprobierte, in der Großstadt „heimisch“ zu werden. Schließlich gelang es ihr, sich als Schlagzeugerin in einer Punk-Band zu etablieren. Dieses sei für sie die „beste Medizin“ gewesen. In der Zwischenzeit spielt sie in mehreren Bands mit. In einem weiteren Teil des Seminars hatten alle TeilnehmerInnen Gelegenheit, selbst Schlagzeugerfahrungen zu machen; alle konnten nachvollziehen, was gemeint war: Rhythmus und „Krachmachen“ konnten als probate Mittel entdeckt werden, Aggressionspotentiale zu kanalisieren. Vergleichbares kann auch aus anderen Zusammenhängen berichtet werden; denken wir etwa an Kinder, die sich im Hüttenbaubereich eines Abenteuerspielplatzes mit Hammer und anderen Werkzeugen austoben können.
Das Szenario abschließend möchte ich noch einen Blick auf Kinderunfälle werfen. Da wir hierzu – auch bei uns im Verband – an etlichen Stellen gearbeitet haben53, möchte ich es hier kurz halten. Je stärker Kinder behütet und beschützt werden, um so größer wird die Gefahr, dass sie an Erfahrungen gehindert werden, die sie sicher und reif werden lassen.54 Diese Erfahrung machen Abenteuerspielplätze im Laufe ihrer jahrzehnte alten Erfahrung immer wieder; dies übrigens weltweit, sofern der Einrichtungstypus existiert. Es gibt nur eine einzige abenteuerspielplatztypische Verletzung, den Nagelstich. Fälschlicherweise wurde bisweilen darauf hingewiesen, dieser Einrichtungstypus sei ungefährlich, was dann mit der unbedeutenden Unfallquote in einen Zusammenhang gebracht wurde. Eine solche Aussage verkehrt den tatsächlichen Effekt, den der Abenteuerspielplatz zur Folge hat: Durch das bewusst integrierte Risiko reduziert sich die tatsächliche Gefahr für die Benutzerkinder. Sie wachsen konkret mit den Aufgaben, die sie nach und nach zu bewältigen lernen. Ähnliches gilt übrigens auch für die Erlebnispädagogik. Bereits 1978 vertrat der Bundesgerichtshof die Auffassung, ein Abenteuerspielplatz solle nicht nur ein die Phantasie anregendes, schöpferisches Spiel ermöglichen. Vielmehr sei sein Zweck auch, „in besonderer Weise die Freude am Abenteuer und am Bestehen eines Risikos zu vermitteln, um seine Benutzer so aus moderner pädagogischer Sicht frühzeitig auf die Gefahren des täglichen Lebens einzustellen und sie lernen lassen, diese zwar zu wagen, sie aber auch zu beherrschen.“55 Ein vollkommen behütetes Milieu würde den Zweck der Körper- und Persönlichkeitserziehung vereiteln.
Der Psychologe Torsten Kunz fand gegen Ende der 80er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts in einer Untersuchung der Eigenunfallversicherung der Stadt Frankfurt am Main heraus, dass Kinder in Kindergärten und Grundschulen deshalb am meisten verunglückten, weil ErzieherInnen und LehrerInnen primär damit beschäftigt waren, diese zu beschützen, will sagen, sie möglichst an ihrer Bewegung zu behindern, damit ihnen nicht zustieße. Das Gegenteil allerdings wurde hiermit erreicht: Die Unfallquote war beachtlich hoch; sie sank ab dem Zeitpunkt, wo vermehrt grobmotorische Angebote eingeführt wurden.56
Diese – für viele Erwachsene scheinbar paradoxe – Sichtweise müsste im Sinne von Gesundheitsförderung tatsächlich von Eltern, ErzieherInnen, LehrerInnen usw. integriert werden. Der Widerspruch bzw. die divergierenden Einschätzungen zu dieser Thematik wird auch in der Broschüre „Giftpflanzen – Beschauen, nicht kauen“ deutlich. In der Broschüre wird einerseits das Bemühen skizziert, Kinder möglichst dadurch zu schützen, indem man alle giftigen Pflanzen vorenthält. Andererseits wird aufgezeigt – und diese Einschätzung halte ich für die verantwortlichere -, das Vorhandensein giftiger Pflanzen im Umfeld von Kindern sei nicht nur dazu dienlich, eine ökologische Vielfalt zu pflegen; vielmehr hülfen sie auch bei einer Erziehung zur Vorsicht und damit zu einem Mehr an Erfahrungen.57 Die Konferenz der Gartenbauamtsleiter sowie der Bundesverband Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau vertreten denn auch die Auffassung, bestehende reglementierende Erlasse der Bundesländer gehörten aufgehoben. Erlasse würden nur für Verwirrung und Ängste sorgen. Lediglich vier besonders giftige Gehölze hätten nichts in der Welt von Kindern zu suchen, nämlich der Goldregen, das Pfaffenhütchen, die Stechpalme und der Seidelbast.58
Perspektiven
Erfreulicherweise „bescheinigt“ die Wissenschaft den „am ehesten originär kinderspezifisch entwickelten Ansätzen“59 nicht nur, sie fristeten ein Schattendasein, sondern auch, dass deren „offensivste Interessenvertretung“ in der Bundesrepublik Deutschland, der ABA Fachverband Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen sowie der Bund der Jugendfarmen und Aktivspielplätze, über die jeweiligen Landesgrenzen hinaus fachliche Anerkennung erlangt habe.60 Bleibt zu hoffen, dass diese Auseinandersetzung ebenso zu dieser „Offensivstrategie“ einen Beitrag zu leisten imstande ist. Der 10. Kinder- und Jugendbericht führt in der Kommentierung der Bundesregierung vor dem Hintergrund zuvor genannter Feststellung der Sachverständigenkommission aus, sie sähe es als wünschenswert an, „die kinderbezogenen Angebote wie … Abenteuer-, Bau- und Aktivspielplätze, musikalische Früherziehung, Kinder- und Jugendkunstschulen, Kinder- und Jugendtheater, Kinderkinos, Kindermuseen, Spielmobile flächendeckend zu verstärken“.61 62
Ich wünsche mir, dass die Argumente dieses Beitrags der Praxis nicht nur Anregungen bezüglich ihrer konzeptionellen Fortentwicklungen aufzeigen; darüber hinaus verfolge ich die Intention, der Politik gegenüber zu verdeutlichen, in welcher Weise sie Kindern gegenüber mehr Verantwortlichkeit aufbringen kann. Die in Rede stehenden Konzepte setze ich bei den meisten LeserInnen als bekannt voraus. Sie hier im Einzelnen erneut zu beschreiben, würde den Rahmen dieser Auseinandersetzung sprengen. Sachunkundigen sei der Kontakt zum ABA Fachverband empfohlen.
Anstelle konzeptioneller Beschreibungen möchte ich im Anschluss an die „Schreckensbilanz“ im vorhergehenden Teil dieser Arbeit nunmehr mit Fachleuten argumentieren, die gewissermaßen für lösungsorientierte Konzepte stehen. Bewusst orientiere ich mich nicht nur an Inhalten und Methoden, die in der Offenen Arbeit entwickelt wurden, sondern versuche, auch darüber hinaus gehende, in anderen Feldern entwickelte gesundheitsförderliche Ansätze – selbstverständlich ohne Anspruch auf Vollständigkeit – zu berücksichtigen.
Beginnen wir mit Kurt Hahn (* 1886 – + 1974).63 Der als Reformpädagoge populär gewordene Brite deutscher Herkunft war von 1920 – 1933 Leiter der Internatsschule Salem in der Nähe des Bodensees. Er gründete diese Schule, die bis heute weit über ihr Einzugsgebiet hinaus bekannt ist, im Auftrag des letzten kaiserlichen Reichkanzlers, Prinz Max von Baden (* 1867 – + 1929). „Herausforderung“ (challenge) sollte und soll sie sein. Es ginge nicht um „pädagogische Sandkastenspiele“, vielmehr um die praktische Organisation des Lebens, Bildung von Verantwortung, Mitgefühl, politische Mündigkeit, Partizipation, Innovation, Engagement und Phantasie.64 Hildegard Hamm-Brücher tritt der Meinung entgegen, Salem sei eine Eliteschule für die Kinder reicher Familien; vielmehr berichtet sie, bei steigender Tendenz seien über ein Drittel der SchülerInnen Stipendiaten. Unterstellen wir, dass diese Feststellung schlimmstenfalls eine Schutzbehauptung ist, so können wir mithin feststellen, dass für die Kinder reicher Leute unzweifelhaft ist, wofür andere möglicherweise kämpfen müssten: Gibt es im Internat Schloss Salem wie selbstverständlich einen Abenteuerspielplatz und eine Jugendfarm wie auch andere erlebnispädagogische Betätigungen in den Alltag integriert sind. Das Schloss Salem zählt zu seien Zielen eben nicht nur das Abitur, vielmehr gehe es um Selbstdisziplin, politisches Handeln, die Bereitschaft und die Fähigkeit zu helfen, rücksichtsvoll und aufmerksam auf andere zu reagieren, sich für Musik, Kunst und Theater zu begeistern, seinen Körper gesund erhalten zu lernen, Sport, praktische und handwerkliche Fähigkeiten u.a.m. Salem beruft sich hinsichtlich seiner Auffassung zum politischen Handeln auf Kurt Hahn. Es gehe darum, seine Erkenntnisse umzusetzen „gegen Unbequemlichkeit, gegen Gefahren, gegen Langeweile, gegen Eingebungen des Augenblicks, gegen Strapazen, gegen Hohn der Umwelt, gegen Skepsis“.65 Die jungen Leute lernten die Regeln der Demokratie kennen und mit ihnen umzugehen, bei Enttäuschung nicht zu resignieren und die Verantwortung jedes Einzelnen auch ohne führende Hand. Nebenbei erwähnt, ist Kurt Hahn der „Erfinder“ der Erlebnispädagogik.
Das „Urgestein“ der Psychoanalyse, Wilhelm Reich (* 1897 – + 1957), dokumentierte bereits in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts seine Erkenntnisse über die gesundheitsförderlichen Aspekte der „originär kinderspezifischen Ansätze“. Er verdeutlicht dies u.a. am Beispiel der Moskauer Kulturparks, aus denen die m.E. frühesten Bauspielplätze bekannt geworden sind, und der Arbeit der Moskauer Psychoanalytikerin Wera Schmidt.66
Unabhängig von der von Reich beschriebenen Entwicklung beobachtete der Kopenhagener Landschaftsarchitekt Carl Theodor Sörensen (* 1893 – + 19XX), der ab 1940 Professor an der Kunstakademie Kopenhagen war, das Spiel von Kindern und stellte fest, dass diese sich vorwiegend dort aufhielten, wo sie kreativ konstruieren konnten. In der Folge entstanden in den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts in Skandinavien die ersten originär kinderspezifischen Einrichtungen (Gerümpelspielplätze, Bauspielplätze, Konstruktionsspielplätze). Bevor wir uns den zeitgenössischen „Mit- und VordenkerInnen“ für ganzheitliche, gesundheitsfördernde Konzeptionen zuwenden, sei mir gestattet, einige Pädagogen u.a., die ebenfalls für die „richtige Richtung“ stehen, zu nennen. M.E. bleiben erwähnenswert der beachtliche Kinderpsychologe und Professor für Pädagogik, Psychologie und Psychiatrie an der Universität Chicago, Bruno Bettelheim (* 1903 – + 1990), für den zu jeder Zeit seines Schaffens klar war, zu einer gesunden Sozialisation von Kindern gehöre das Abenteuer unbedingt dazu.67 Bettelheim verzeichnete in seiner kindertherapeutischen Klinik weltweit beachtete Erfolge selbst bei „schwer gestörten“ Kindern und Jugendlichen68, weiterhin Janusz Korczak (* 1878 – + 1942), der polnische Arzt und Pädagoge, der in Achtung und Liebe gegenüber Kindern zentrale gesundheitsfördernde Faktoren sah69; der französische Reformpädagoge und Lehrer Célestin Freinet (* 1896 – + 1966), für den die Natur, die Kunst und das Experimentieren zentrale Medien und Methoden der Arbeit, die Verantwortlichkeit und gesunde Entwicklung von Kindern beförderten, darstellten. Der Pädagoge Alexander S. Neill (* 1883 – + 1973), der Gründer des Internats in Summerhill, sollte m.E. hier nicht fehlen. Allzu gern wird Neill von denjenigen, die gegenwärtig lauthals nach „neuer Erziehung“ und „Autorität“ schreien, als einer derjenigen verunglimpft, die den eingangs erwähnten „Erziehungsnotstand“ mit zu verantworten hätten. Nach wie vor existiert Summerhill unter der Leitung von Neills Tochter Zoe Readhead. Immer wieder wird es durch die britischen Schulbehörden in seiner Arbeit behindert. Gleichwohl bringt es Kinder hervor, die nicht weniger gut gebildet sind wie SchulabgängerInnen anderer Schulen auch. Vor allem kommt es entscheidend dem Auftrag nach Ganzheitlichkeit nach.70
Eine grundlegende Systematik für eine ökologische Sozialisationstheorie hat der 1917 geborene amerikanische Psychologe russischer Herkunft, Urie Bronfenbrenner, entwickelt. Er bestätigt die hier vertretene und geforderte „Ganzheitlichkeit“, indem er klar stellt, dass sich „alles miteinander in Verbindung“ befindet und Entwicklung immer Wechselwirkung sei. Er schließt sich der Systemtheorie an, wenn er zu der Auffassung gelangt, dass Veränderungen, auch kleinste Störungen, die Gesamtstruktur eines Systems veränderten, diese eben nicht nur vom Individuum als Beeinträchtigung aufgefasst würden. Diese Erkenntnis kann sich eine gesundheitsförderliche, wohl reflektierte Pädagogik sehr zunutze machen.71
„Was uns erschöpft, ist die Nichtinanspruchnahme der Möglichkeiten unserer Organe und unserer Sinne, ist ihre Ausschaltung, Unterdrückung … Was uns aufbaut, ist Entfaltung. Entfaltung durch die Auseinandersetzung mit einer mich im Ganzen herausfordernden Welt.“72 Ich denke, dass Hugo Kükelhaus73(*1900 – + 1984) mit Fug und Recht als einer der wichtigsten Protagonisten einer ganzheitlichen Lebens- und Sichtweise gesehen werden kann. Kükelhaussche Elemente in die Arbeit mit jungen Leuten zu integrieren, könnte ein nicht unerheblicher Schritt zur Gesundheitsförderung sein. Sein Lebenswerk steht quasi unter dem Motto „Mit den Sinnen leben!“ „Die Entwicklung des Menschen wird von derjenigen Umwelt optimal gefördert, die eine Mannigfaltigkeit wohldosierter Reize gewährleistet. Ungeachtet der Frage, ob diese Reizwelt von physischen oder sozialen Verhältnissen und Faktoren aufgebaut ist – die Vielgestaltigkeit der Umwelt ist Lebensbedingung.“74 Um der Praxis Einblick in die Arbeit von Kükelhaus zu geben und daraus Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln, werden beim ABA Fachverband entsprechende Seminare angeboten.
Bezüglich einer Gesundung unter Extremsituationen können wir von dem österreichischen Psychiater, KZ-Häftling und späteren Professor für Neurologie und Psychiatrie, Viktor E. Frankl (* 1905 – + 1997), lernen. Er zeigt – wie später Ernst Bloch – vor allem auf, wie wichtig das „Prinzip Hoffnung“ zur Gesundung und möglicherweise zum Überleben des Menschen ist. Vor allem die zitierte Hamburger Repräsentativstudie (2001) sowie das Symposion für Dynamische Psychiatrie in München (2001) haben aufgezeigt, wie dramatisch Depressionen und Hoffnungslosigkeit bei Kindern gestiegen sind. Frankl belegt vor allem mit seinem Bericht über das Konzentrationslager Auschwitz, welche Mechanismen, Aktivitäten, Sichtweisen usw. das Leben selbst in extremen Situationen „lebenswerter“ machen.75 Frankl war es auch, der später deutlich herausstellte, dass seiner Auffassung nach im Rahmen der Psychotherapie am allerwenigsten Methodik und Technik wirksam seien. Die größte Heilkraft sieht er in der menschlichen Beziehung zwischen Arzt und Patienten76, eine Erkenntnis, die sich auch die Pädagogik zunutze machen kann.
Wie bereits erwähnt lieferte der Frankfurt Psychologe Torsten Kunz einen bedeutenden Beitrag zur Gesundheitsförderung bei Kindern durch seine Erkenntnis, ihnen müsste gezielt eine Portion von Risiko eingeräumt werden (vgl. hierzu Fußnote 54). Über die Schlussfolgerungen von Kunz hinaus gehen die freie Autorin Elisabeth C. Gründler und der Landschaftsarchitekt Norbert Schäfer. Während sie betonen, dass selbst bei den Unfallkassen durch die Arbeiten von Kunz ein Umdenken eingesetzt habe, vertreten sie die Auffassung, mehr organisierte Bewegungsspiele seien nicht die Konsequenz, vielmehr müsse dafür gesorgt werden, dass Kindern ein nachhaltiges und abenteuerliches Freispiel ermöglicht würde. Gründler und Schäfer haben ein beachtliches Buch vorgelegt, das m.E. „Pflichtlektüre“ in jeder pädagogischen Einrichtung sein müsste.77 Das Buch orientiert sich auf einer systemischen Grundlage. Es beschreibt in seinem Theorieteil eingängig, wie sich z.B. menschliche Intelligenz entfaltet, führt eine Reihe praktischer Beispiele auf, wie Gelände kindgerecht und gesundheitsfördernd umgestaltet werden kann. Schließlich wird das Buch durch einen Anhang „Fehlende Freiräume machen Kinder krank!“ von Gerd Glaeske und Ruth Rumke ergänzt.78
Freies und naturnahes Spielen – auch im Sinne kindlicher Gesundheit – zu fördern, ist Ziel eines bundesweiten, interdisziplinär besetzten Arbeitskreises „Städtische Naturerfahrungsräume“ unter der Leitung des Landschaftsplaners Hans-Joachim Schemel,79 der interdisziplinär von Umwelt- und Kinderexperten wie Vertretern der Pädagogik besetzt ist. Dem Arbeitskreis ist über seine fachliche Arbeit hinaus auch an politischer Einflussnahme gelegen. Hierbei geht es u.a. um die Durchsetzung einer neuen Flächenkategorie „Naturerfahrungsräume“.
Dass die Integration weiterer Naturelemente in die Arbeit mit Kindern gesundheitsförderliche Komponenten aufweist, belegt z.B. auch die Arbeit von Kinderbauernhöfen (Jugendfarmen) und Abenteuerspielplätzen mit Tierhaltung. Einerseits haben Tiere antiallergene Wirkung. Auf diese Erkenntnis wies das Deutsche Grüne Kreuz unter Berufung auf eine amerikanische Studie hin. Demnach sinkt das Risiko, eine Allergie zu entwickeln bei Kindern, die regelmäßigen Kontakt zu Tieren haben, um die Hälfte, wobei dieser möglichst frühzeitig ermöglicht werden sollte.80 Der Nutzen einer allgemeinen Gesundheitsförderung von Tieren wurde unter dem Titel „Tiere als Therapeuten“ eingehend dokumentiert.81 Sogenannte „Bausteine zur Tierhaltung in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit“ wurden vom ABA Fachverband entwickelt.82 In diesen Bausteinen beschäftigen sich Irene Tilly, Rainer Deimel und Petra Elbers mit den verschiedenen Aspekten zu einer umsetzbaren Konzeption. Sie befassen sich mit Grundlagen, veröffentlichen eine Prioritätenliste (welche Tiere?), mit der Wirkung von Tieren auf Kinder, Ökologie und schließlich auch mit dem Tod.
„Warum Huckleberry Finn nicht süchtig wurde – Vom gesunden Eigensinn“, „Der Kleine Prinz in Las Vegas – Spielerische Intelligenz gegen Krankheit und Resignation“, „Warum Hieronymus B. keine Hexe verbrannte“, „Wie Gesundheit entsteht – Salutogenese: Schatzsuche statt Fehlerfahndung.“ Die Titel seiner Bücher sind quasi das Programm des bereits erwähnten Quakenbrücker Arztes und Psychotherapeuten Eckhard Schiffer. Zur primären Vertiefung sei hier vor allem „Der Kleine Prinz in Las Vegas“ empfohlen. Mit den Augen des Kleinen Prinzen will er die unsichtbaren Qualitäten sichtbar machen. Er begreift seine Ausführungen als Gegenentwurf zum zunehmenden Konkurrenzdruck und Leistungsdenken. Eine spielerische Intelligenz ist es, so Schiffer, die Menschen in die Lage versetzt, Krankheit, Resignation und emotionaler Leere zu entgehen.83Schiffer erwähnte mir gegenüber in einem Gespräch, in Niedersachsen habe man einen Abenteuerspielplatz als „Huckleberry-Finn-Platz“ eröffnet. In seinem bislang letzten Buch beschreibt er, wie Gesundheit entsteht.84Eine geänderte Sichtweise, nämlich nicht mehr daran festzuhalten, was uns für uns riskant ist und uns krank macht, sondern zu schauen, wie wir es schaffen, mit den Herausforderungen und Belastungen des Alltags umzugehen und uns gleichzeitig vor ihnen zu schützen, ist die Grundlage dieser Auseinandersetzung. Schiffer beruft sich dabei auf Erkenntnisse des israelischamerikanischen Medizinsoziologen, Aaron Antonovsky (* 1923 – + 1994), der davon ausging, dass Gesundheit entsteht durch die Entwicklung eines sogenannten Kohärenzgefühls, eines Gefühls für Zusammenhänge, ergo eines ganzheitlichen Lebensentwurfs. Spiel und Dialog sind demnach grundlegend für die Entwicklung des Kohärenzgefühls und damit für die Gesundheit, eine These, die einmal mehr bestätigt, dass Spiel niemals zweckfrei ist, wie früher häufig angeführt wurde.
Von der gleichen Grundlage aus argumentiert die Osnabrücker Professorin und Sportwissenschaftlerin Renate Zimmer. Auch sie belegt die verschiedenen Risiko- und Schutzfaktoren. Unter Berufung auf die bekannteste 30 Jahre dauernde Längsschnittstudie, die Kauai-Studie,85 zeigt Zimmer auf, dass trotz erheblicher Risikofaktoren „nur“ zwei Drittel der untersuchten Kinder Symptome von Krankheit oder Störung aufwiesen, eine Feststellung, die gewiss auch manche Pädagogen und Psychotherapeuten überraschen könnte. Als Risikofaktoren, von denen mindestens vier festgestellt werden mussten, wurden angeführt: Armut, dauernde Konflikte der Eltern, Alkoholprobleme,, psychische Krankheiten bei den Eltern oder mindestens einem Elternteil, Geburtskomplikationen und schwere Erkrankungen während des ersten Lebensjahres. Vor allem interessierte die Studie sich für die „unauffälligen“, ergo gesunden Kinder („resilient children“). Hier konnte eine besondere Bindungsfähigkeit, Kontakt zu einem oder mehreren Erwachsenen, zu Freunden, Erziehern usw. festgestellt werden. Diese Kontaktfreudigkeit war manifest. Auch später verfügten die Betroffenen über einen großen Freundeskreis.. Ferner wurde herausgefunden, dass diese Kinder schon von klein auf ein sehr aktiv waren, auffallend selbstständig, aufgeweckt, fröhlich und selbstbewusst und sich imstande zeigten, Probleme selbst zu lösen. Sie waren in der Lage, sich, wenn erforderlich, anderer Ressourcen zu bedienen, sprich sich selbstbewusst nach Hilfe umzusehen. Dadurch konnte sich ihr eigenes Kompetenzgefühl gut entwickeln und sie erlebten, dass man etwas verändern kann. Auch im Jugendalter verfügten die Untersuchten über ein positives Selbstkonzept, eine höhere Leistungsmotivation und waren davon überzeugt, dass man dem Schicksal nicht hilflos ausgeliefert sei, sondern vielmehr Einflüsse auf sein Leben habe. Selbst unter chaotischen Verhältnissen waren sie in der Lage, ihr Leben zu strukturieren. So konnte die Studie festhalten, dass die besagte Gruppe „problemfrei zu kompetenten, selbstbewussten jungen Erwachsenen“86 heranwuchs.
Zimmer betont, das derartige Erkenntnisse nicht bedeuten könnten, „man könne Kinder im Vertrauen auf deren Widerstandskräfte ruhig sich selbst überlassen“.87 Im Gegensatz zu anderen Fachleuten, die inzwischen deutlich vermehrt an „die Macht der Gene“ glauben88, geht Zimmer nicht von genetischen Persönlichkeitsdispositionen aus, sondern von Eigenschaften und Verhaltensmerkmalen, die in der frühen Kindheit erworben wurden. Am Beispiel des Kindergartens führt sie weiter aus, der Aufbau von Selbstwertgefühl, Selbstständigkeit und aktives Lösungsverhalten seien vereinbar mit einer Erziehung zur Selbstständigkeit89, quasi eines Auftrages pädagogischen Tätigwerdens.
Zimmer verwendet sich wie Schiffer für eine aktive Ressourcensuche, die kindliche Widerstandsfähigkeit stärken würden. Gesundheitsressourcen sind demnach körperliche – wie Fitness, Stärkung bzw. Intaktheit des Immunsystems, Herz-Kreislauf-Leistungsfähigkeit -, personale – wie Zuversicht, Optimismus, positives Selbstkonzept und Selbstvertrauen – sowie soziale – wie Akzeptanz und Unterstützung in der Bezugsgruppe. Des weiteren stellt sie einen Maßnahmenkatalog zusammen, der die Bildung eines positiven Selbstkonzepts bei Kindern unterstützt:
- eigene Stärken erkennen helfen, bewusst machen;
- Situationen bereitstellen, in denen Kinder das Selbstkonzept erfahren können;
- Eigenaktivität und Selbsttätigsein fördern;
- vorschnelle Hilfeleistung vermeiden;
- Kinder unabhängig von ihrer Leistung wertschätzen;
- Vergleiche mit anderen vermeiden, individuelle Bezugsnormen setzen.90
Zimmer sieht auch die Gefahren, die mit Sparmaßnahmen in den öffentlichen Haushalten verbunden sind. Sie argumentiert, dem Kindergarten käme in bildungspolitischer Hinsicht immer noch nicht die ihm relevante Bedeutung zu. Dies kann aus Sicht der Offenen Arbeit vergleichsweise attestiert werden. Wenn Zimmer dies für den Kindergarten konstatiert, der immerhin einen gesetzlichen Erziehungs- und Bildungsauftrag hat, ist dieser für die Kinder- und Jugendarbeit nirgendwo verankert. Vor dem Hintergrund ihrer – zumindest bei den „am ehesten originär kinderspezifisch entwickelten Ansätzen“ – ganzheitlichen Konzepte leistet meines Dafürhaltens die Offene Arbeit nicht selten eine höherwertigere Bildungsarbeit und Gesundheitsförderung als die klassischen Bildungsinstitutionen.91 Dass Teile der Politik diesen Bildungsauftrag wahrnehmen, belegt eine entsprechende Aussage der nordrhein-westfälischen Jugendministerin während einer Tagung am 23.10.2000 in Essen. Zimmer betont die höhere Wirksamkeit des Kindergartens in gesundheitspolitischer Hinsicht. Sie gibt allerdings zu bedenken, dass sich aufgrund eines immer höher werdenden finanziellen Druck die Leistungen eher verschlechterten denn verbesserten. „Wenn Kinder in ihrem Lebensalltag schon immer größeren Belastungen ausgesetzt werden, dann sollten wenigsten für familienergänzende Erziehungs- und Betreuungseinrichtungen optimale Voraussetzungen geschaffen werden. Die Risiken werden in der modernen Gesellschaft für Kinder kaum einzudämmen sein. Im Zentrum des pädagogischen Interesses müssen daher zunehmend die Potenziale und Möglichkeiten stehen, die die kindliche Entwicklung schützen und stärken.“92 Dieser positive Denkansatz der Risikominimierung, der Stützung der personalen, körperlichen und sozialen Ressourcen der Kinder, das Entdecken eigener Stärken wie auch der Umgang mit Schwächen und die Förderung einer bejahenden Lebenseinstellung sei von Erwachsenen, wo immer es in ihrem Verantwortungsbereich liege – dies schließt m.E. vor allem die Politik und die Wirtschaft ein – zu fördern. Dies bedeutet vor allem auch, die erforderlichen Finanzmittel zur Verfügung zu stellen.
Salutogenese bestätigt einmal mehr die Erkenntnisse, die die britisch-amerikanische Anthropologin Jean Liedloff bereits 1977 dokumentierte. Liedloff, die über zwei Jahre bei venezuelanischen Yequana-Indianern lebte, berichtet von der Entstehung des „Urkontinuums“, vom Aufwachsen der Kinder und vom Umgang zwischen Erwachsenen und Kindern. Sie weist auch an diesem Beispiel deutlich nach, wie Gesundheit entsteht. U.a. führt sie aus, wie die Selbstverantwortung von Kindern respektiert wird. Gleichzeitig belegt sie, welche Risiken möglicherweise durch das Verhalten von Eltern und anderen Erwachsenen in der sogenannten westlichen Welt überhaupt erst produziert werden.93
Meine Ausführungen können – wie bereits betont – die Thematik nur ansatzweise „aufreißen“. Viele Komplexe – wie Karies u.a. – blieben unerwähnt. Auch auf das Phänomen der zunehmenden Lärmbelastungen (das im Zusammenhang mit den Erkenntnissen Werner Schmidts in der Statistik zur Vergleichsstudie auftauchte) – ein nicht unerheblicher Stressor, der das vegetative Nervensystem aufruft, über die Produktion entsprechender Hormone in Abwehr zu gehen und am Ende zu Bluthochdruck, Herz-, Magen und Darmerkrankungen führen kann, kann hier nur noch erwähnt werden. Gleichzeitig denke ich dabei auch an Eindrücke, die ich bisweilen in Einrichtungen machen kann, in denen Kinder und Jugendliche pausenlos mit Musik oder anderen Geräuschen geplant belästigt bzw. berieselt werden. Vielleicht sei mir noch der Hinweis darauf gestattet, dass zur fachlich qualifizierten Arbeit immer auch eine Menge Fachwissen und Reflexionsvermögen gehören. Ins Grübeln gerate ich ferner, wenn ich in der Zeitung lesen, dass der Paderborner Professor Wolf Brettschneider herausgefunden hat, dass junge Leute, die in Sportvereinen aktiv sind, zwar weniger an Schlafstörungen und Kopfschmerzen litten als ihre nicht sportlich aktiven Altersgenossen. Brettschneider untersuchte das Drogenverhalten Jugendlicher, die in Vereinen Mitglied sind und kam zu der Erkenntnis, dass z.B. Vereinsfußballer beim Konsum von Bier und Zigaretten „Spitze sind“. Die Werbung, Sportvereine machten stark gegen Drogenkonsum, entpuppt sich offenbar als Schimäre. Es konnten weder beim Konsum legaler noch illegaler Drogen Unterschiede zwischen Jugendlichen in Sportvereinen mit anderen festgestellt werden. „Die optimistische Annahme, Sportvereine wirkten positiv auf die Entwicklung junger Menschen, muss relativiert werden,“ sagt Brettschneider.94
Unter der Leitung des renommierten Jugend- und Gesundheitsforschers, Professor Klaus Hurrelmann, beschäftigte sich ein Initiativkreis, an dem auch der ABA Fachverband beteiligt war, im März 2000 in einem Workshop an der Universität Bielefeld mit der Weiterentwicklung von gesundheitsförderlichen Freizeiteinrichtungen für Jugendliche. Teile des erarbeiteten Konzepts, das Vorschlag zu einem Modellprojekt war, sollen im Folgenden als Anregung wiedergegeben werden. Hierbei gilt es zu bedenken, dass als Jugendliche hier im wesentlichen die Alterskohorte der 10- bis 15-Jährigen angesprochen ist. Die Ergebnisse des Workshops wurden von Klaus Hurrelmann zusammengefasst und an die TeilnehmerInnen versandt.95 Der Workshop kommt zu der Auffassung, dass es für Jugendliche kaum öffentliche Plätze gibt, die frei zugänglich sind und Spaß und Anregung geben. Die meisten Jugendlichen seien auf ihr häusliches Umfeld und die Plätze im Geschäftsviertel der Innenstadt angewiesen. Frei zugängliche Aktionsplätze, die den Interessen und Bedürfnissen der Jugendlichen entsprächen, gebe es kaum. Ein solcher Mangel an öffentlichen Freizeittreffs wirke sich auf die Entwicklung von Jugendlichen nicht günstig aus. Gerade Jugendliche brauchten Räume, die sie sich aneignen, besetzen, gestalten und verändern könnten. Sie benötigten den öffentlichen Raum, um sich darzustellen, denn sie befänden sich in einer Entwicklungsphase, in der sie sich mit sich selbst und mit ihrer sozialen Umwelt auseinander setzten. Würden Jugendlichen in den Städten und Gemeinden keine öffentlichen Plätze gegeben, dann könne das zu Rückzug, Isolation, sozialer Inkompetenz, mangelnder Konfliktfähigkeit und fehlendem Meinungsaustausch führen und dem Gefühl, ausgegrenzt zu sein, Vorschub leisten. Viele der gegenwärtigen gesundheitlichen und sozialen Schwierigkeiten Jugendlicher seien so zu begründen. Wissenschaftliche Studien hätten deutlich gemacht, dass auch Aggressionen und Gewalt, die in der Öffentlichkeit beklagt würden, darauf zurückzuführen seien, dass keine Freiräume für natürliche und gesunde Aggressionen zur Verfügung stünden.
Jugendlichen würden gegenwärtig zumeist Räume in einem pädagogisch gesteuerten Umfeld – wie Schule und Sportverein – bzw. im kommerziellen Bereich – Einkaufspassage, Kaufhaus – angeboten. Zudem seien diese in der Regel standardisierte, perfekte und nicht veränderbare Räume. Demgegenüber müssten Jugendliche Räume aber nach eigenem Gusto erfahren und erkunden. Dabei ginge es um die Stimulation von Sinnen, das Erleben von öffentlichem Handeln mit der typischen Erfahrung von Unbekanntem und Anonymität, die vielen Jugendlichen, besonders auch Mädchen Schwierigkeiten bereiteten. Ziel sei das Überwinden der Angst, sich im öffentlichen Raum zu präsentieren, also um eine Form der Behauptung und der Selbstbehauptung. An einem öffentlichen Raum könnten immer auch fremde und unbekannte Menschen sein, es stellten sich neuartige und irritierende Situationen ein. Zugleich könne hier Zugehörigkeit und Ortsverbundenheit erfahren werden. Sollten diese Erfahrungen möglich werden, müsse es sich um Räume handeln, die gestaltet und verändert werden könnten. Sie dürften nicht perfekt und fertig sein. Fertige Lösungen produzierten Zurückhaltung oder Ablehnung, oft sogar Zerstörung oder Vandalismus. Jugendlich bräuchten Räume, in denen sie sich einnisten könnten. Dabei müssten sie auf Unbekanntes, Fremdes, Neues und Spannendes treffen. Betreute und beaufsichtige Räume in Schulen, „klassische“ Jugendzentren, Einkaufszentren und Kinos könnten diese Qualität nicht oder nur zum Teil bieten.
Ferner, fasst Hurrelmann die weiteren Ergebnisse des Workshops zusammen, seien die Bedürfnisse von Mädchen und Jungen verschieden. Deshalb sollten sie in Jugendtreffs und auf den hier beschriebenen Aktionsplätzen besonders berücksichtigt werden. Berücksichtigt man noch lebensweltliche Hintergründe – wie Wohnsituation, Kultur, Bildung und ethnische Besonderheiten – käme man zu der Auffassung, dass es nicht möglich sei, Einrichtungen für alle Jugendlichen gleichermaßen attraktiv zu gestalten. Diese Selektion führe allerdings zu einem größeren Maß an Partizipationsmöglichkeiten und zu einer höheren Identifikation der Gruppe mit ihrer Einrichtung.
Bei der Planung wird hinsichtlich der Architektur und der räumlichen Voraussetzung Flexibilität groß geschrieben. Der Workshop spricht sich für eine Architektur mit möglichst geringem Aufwand und vielfältigen Veränderungsmöglichkeiten aus. So könnten die sich wandelnden Bedürfnisse zeitnah berücksichtigt werden. Geschaffen werden sollten Möglichkeiten für Sport, Bewegung (z.B. Skate-Anlagen) und Konstruktionsmöglichkeiten, aber auch für Ruhe, Kommunikation, die leibliche Versorgung u.a.m. Ein derartiges Planungsmodell deckt sich mit den Vorstellung Jugendlicher, wenn sie dazu befragt werden, und ist durchaus mit Elementen vergleichbar, wie sie auch auf Abenteuerspielplätzen entwickelt wurden. Darüber hinaus, so Ergebnis des Bielefelder Workshops, sollten die Jugendlichen von Anfang an in die konkrete Planung und Umsetzung einbezogen werden, ihre Selbstverantwortung und Selbstorganisation sei gefragt. Ein Vorschlag ist z.B. eine Vereinsstruktur, in der sich die jungen Leute Regeln für den Betrieb, die Umgangsformen, Reinigung und Instandhaltung der Anlage usw. geben. Pädagogische Intervention sollte auf ein Minimum reduziert bleiben.
Meines Erachtens könnten die hier unterbreiteten Vorschläge auch schrittweise in der „klassischen“ Offenen Arbeit in Jugendfreizeitstätten „ausprobiert“ werden. Gehen wir von der These aus, dass niemand wirklich von außen gesteuert werden kann, kommt es – auch im Sinne von Gesundheitsförderung – entscheidend darauf an, Übungsfelder für Selbstverantwortung und soziales Miteinander zu initiieren. Eine konstruktive Arbeit in der Jugendfreizeitstätte, sollte sich daran messen lassen, wie stark sie das Ziel der Emanzipation verfolgt und welche hilfreichen Elemente sie dazu organisiert.
Anmerkungen:
1 Petra Gerster und Christian Nürnberger: Der Erziehungsnotstand – Wie wir die Zukunft unserer Kinder retten, Rowohlt Verlag, Berlin Rowohlt 2001
2 ABA Fachverband, Dortmund 1999, S. 107. In derselben Ausgabe ist ebenso ein Artikel „Systemische Pädagogik – Mit Blick aufs System – vom Problem zur Lösung!“ von Christiane Bauer zu finden (S. 11 ff.).
3 vgl. DER SPIEGEL 35/2001, S. 61
4 Der komplette Ordner enthält neben einem Ideenhandbuch für Jugendreisen, Offene Arbeit, Schule und Sportverein für jeden der genannten Bereich jeweils ein Praxisheft mit zahlreichen Anregungen, weiter je eine Aktionsbox „Entspannung und Stressbewältigung“, „Gesunde Ernährung“, „Bewegung und Aktion“ sowie – quasi als Kochbücher – zwei Handbücher „Essenfeste“ und schließlich einige Kopiervorlagen. Der Ordner, der inzwischen als Neuauflage wieder zu beziehen ist, kann bestellt werden bei der BZgA, Ostmerheimer Straße 220, 51109 Köln.
5 Elisabeth Pott: „Alles hängt mit allem zusammen“, in: BARMER – Das aktuelle Gesundheitsmagazin 3/2001, Zeitschrift der BARMER Ersatzkasse, S. 17
6 vgl. ebenda
7 vgl. Inge Seiffge-Krenke: Gesundheitspsychologie des Jugendalters, Göttingen 1994, S. 1 ff.
8 Klaus Hurrelmann: Sozialisation und Gesundheit. Somatische, psychische und soziale Risikofaktoren im Lebenslauf, Weinheim 1988, S. 17
9 vgl. Päd. Blick, 3. Jahrgang, Heft 1, S. 46
10 vgl. Westfälische Rundschau vom 16.10.1995
11 vgl. Seiffge-Krenke, a.a.O., S. 34
12 vgl. Seiffge-Krenke, a.a.O., S. 69
13 vgl. Ruhr Nachrichten vom 21.12.1995
14 vgl. Seiffge-Krenke, a.a.O., S. 32
15 vgl. Ruhr Nachrichten vom 15.1.1996
16 vgl. Norbert Kozicki: Armut von Kindern und Jugendlichen (Hg. SJD – Die Falken UB Dortmund), Dortmund 1994, S. 1 f.
17 vgl. Norbert Kozicki: Reiches Land – arme Kinder (Hg. SJD – Die Falken Landesverband NRW), Gelsenkirchen 1998, S. 3
18 vgl. ebenda, S. 2
19 vgl. Norbert Kozicki: Armut von Kindern und Jugendlichen, a.a.O.
20 vgl. ebenda, S. 7
21 vgl. ebenda, S. 2
22 ebenda
23 ebenda, S. 7
24 vgl. Ruhr Nachrichten vom 18.1.1996
25 vgl. Westfälische Rundschau vom 16.10.1995
26 vgl. Ruhr Nachrichten – Dortmunder Zeitung vom 9.2.1996
27 Jean Harvey-Berino, in: Westfälische Rundschau vom 10. Juni 2000
28 Westfälische Rundschau vom 10. Juni 2000
29 ebenda
30 vgl. „Was Kinder krank macht“, in: BARMER – Das aktuelle Gesundheitsmagazin 3/2001, S. 16
31 vgl. Westfälische Rundschau vom 16.10.1995
32 vgl. „Was Kinder krank macht“, a.a.O. S. 16
33 vgl. Baldo Blinkert: Kinder wollen draußen spielen, in: DER NAGEL 57 (Hg.: ABA Fachverband), Dortmund 1995. Die Untersuchung ist auch als umfassendes Buch erschienen: Baldo Blinkert: Aktionsräume von Kindern in der Stadt. Centaurus-Verlagsgesellschaft, Pfaffenweiler 1996
34 vgl. Internet-Archiv der Bertelsmann Stiftung, 3. Quartal 2001 vom 1. August 2001
35 Schmidts Erkenntnissen zufolge sind analog dazu die Verkehrsflächen um das Achtfache gewachsen. Information in der WAZ vom 27.4.2001
36 vgl. Pressemitteilung 171 der Universität Essen (Essener Sportwissenschaftler wissen: Kinder brauchen im Alltag mehr Bewegung) vom 21. Juni 2001
37 vgl. Werner Schmidt: Veränderte Kindheit. Manuskript einer Skizze. Essen, o.J., S. 3
38 vgl. Neue Ruhr Zeitung (Ausgabe Essen) vom 24.7.2001: Wissenschaftler will Kinder auf die Straße schicken
39 vgl. „Arzneimittel als Alltagsdroge?“, in: BARMER – Das aktuelle Gesundheitsmagazin 3/2001, Zeitschrift der BARMER Ersatzkasse, S. 15
40 Alle Angaben zur Gesundheitsstudie sind einer Pressemitteilung des „stern“ vom 4.7.2001 entnommen.
41 Ulrike Moser: Unter Barbaren -Wie sollen Kinder erzogen werden?, in: Die Woche vom 3.8.2001, S. 30
42 Institut für soziale Arbeit e.V., in: www.Familie.de/erziehung/news vom 15.8.2001
43 vgl. WAZ vom 10. 4.2001
44 WAZ vom 2.4.2001
45 WAZ vom 14.98.2001 – Die Ergebnisse von Erika von Mutius, Sabina Illi und Erich Wichmann sind nahezu identisch und können nachgelesen werden in: DER SPIEGEL 19/2001, S. 222 ff.
46 WAZ vom 2.4.2001
47 DER SPIEGEL 19/2001, S. 224
48 ebenda, S. 222
49 vgl. Oliver Lanner: Psychopillen für Zappelphilipp“, in: NetDoktor.de, September 2001
50 vgl. Dietrich Hofmann: Kinder und Arzneimittel, in: BARMER – Das aktuelle Gesundheitsmagazin 3/2001, Zeitschrift der BARMER Ersatzkasse, S. 18
51 vgl. ebenda
52 vgl. „Arzneimittel als Alltagsdroge?“, a.a.O., S. 15
53 U.a. können zu diesem Thema auch Seminare über den ABA Fachverband organisiert werden.
54 vgl. zu dieser Thematik: u.a.: ABA Fachverband (Hg.): Risiko als Spielwert, in: DER NAGELKOPF 22, Dortmund 1997, sowie: Rainer Deimel: Stichwort „Risiko“, in: stichWort 1 (Hg. ABA Fachverband), Dortmund 1995
55 Urteil zur Verkehrssicherungspflicht: Ein Abenteuerspielplatz darf gefährlich sein, in: ABA Texte-Dienst 1, 6. Auflage, Dortmund 1996, S. 15
56 vgl. hierzu u.a.: Torsten Kunz: Weniger Unfälle durch Bewegung, in: DER NAGELKOPF 22, a.a.O., S. 32 ff. und: Torsten Kunz: Mit Bewegungsspielen gegen Unfälle und Gesundheitsschäden bei Kindern, in: DER NAGEL 54 (Hg. ABA Fachverband), Dortmund 1992
57 vgl. Bundesverband der Unfallkassen (Hg.): Giftpflanzen – Beschauen , nicht kauen, 18. Auflage, München 2001, S. 4 f.
58 vgl. ebenda, S. 5 f.
59 10. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung, Bonn 1998, S. 223
60 Werner Thole: Kinder- und Jugendarbeit. Eine Einführung. Juventa Verlag, Weinheim und München 2000, S. 121
61 10. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung, a.a.O., S. IX
62 Ausführungen zu den Themen „Abenteuerspielplatz“ und „Spielmobil“ gibt es in: Ulrich Deinet/Benedikt Sturzenhecker: Handbuch Offene Jugendarbeit, Votum-Verlag, Münster 1998, dort: Rainer Deimel: Abenteuerspielplätze, S. 328 ff. und Rainer Deimel: Spielmobile, S. 336 ff. In erweiterter Fassung können diese Beiträge auch als Broschüren in der Reihe stichWort des ABA Fachverband bezogen werden.
63 Zur besseren Orientierung werden bei den nicht zeitgenössischen Personen Geburts- und Todesdaten angegeben.
64 vgl. Hildegard Hamm-Brücher, in: Otto Seydel: Zum Lernen herausfordern. Das reformpädagogische Modell Salem. Klett-Cotta, Stuttgart 1995, S. 17 ff.
65 Schule Schloss Salem e.V.: Salem, Salem in Baden 1991 (ohne Seitenangabe)
66 vgl. Wilhelm Reich: Die sexuelle Revolution, Sexpol-Verlag, Kopenhagen 1936. Das Buch gibt es als Neuauflage im Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main. Meinen Recherchen zufolge gibt es von Wera Schmidt selbst keine Publikationen mehr. Mir selbst liegt ein Nachdruck aus den 20-Jahren vor, den sich Interessierte ggf. als Kopie anfordern könnten.
67 Einen kleinen, aber gelungen Querschnitt über die Arbeiten Bettelsheim gibt das Buch: Bruno Bettelheim: Zeiten mit Kindern. Herder Verlag, Freiburg 1994
68 vgl. Faktum Lexikoninstitut (Hg.): Lexikon der Psychologie. Bertelsmann Lexikon Verlag, Gütersloh und München 1995. Autorisierte Sonderausgabe im Bassermann Verlag, S. 47
69 Hauptwerke: „Wie man ein Kind lieben soll“ (1926) und „Das Recht des Kindes auf Achtung“ (1928). Korczak, der 1942 gemeinsam mit einer Gruppe von Kindern aus seinem Warschauer Waisenhaus im Vernichtungslager Treblinka von den Nazis ermordet wurde, erhielt 1972 posthum den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.
70 Eine kritische Bilanz, jenseits ideologischer Voreingenommenheit, zieht folgendes Buch: Peter Ludwig (Hg.): Summerhill: Antiautoritäre Pädagogik heute. Ist die freie Erziehung tatsächlich gescheitert?, Beltz Verlag, Weinheim und Basel 1997
71 vgl. Faktum Lexikoninstitut, a.a.O., S. 336 ff.
72 Hugo Kükelhaus, in: Internet-Seiten der Hugo Kükelhaus Gesellschaft e.V. Soest (www.uni-leipzig.de/?angl/kuekelhaus): Hugo Kükelhaus kennelernen
73 Pädagoge, Handwerker, Philosoph, Künstler, Forscher, Schriftsteller
74 Hugo Kükelhaus, in: Internetseiten, a.a.O.
75 vgl. Viktor E. Frankl: … trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager. Kösel-Verlag, 6. Auflage, München 1994. Mit Kindern und deren Überlebensstrategien befasst sich das Buch „Spielen im Schatten des Todes – Kinder und Holocaust“ des ungarischstämmigen amerikanischen Professors für Soziologie des Spiels und des Sports an kalifornischen Universität in Pomona, George Eisen. Piper Verlag, München 1993
76 Viktor E. Frankl: Der Mensch auf der Suche nach dem Sinn. Hippokrates Verlag, Stuttgart 1959, S. 49
77 vgl. Elisabeth C. Gründler und Norbert Schäfer: Naturnahe Spiel- und Erlebnisräume. Planen * bauen * gestalten. Luchterhand Verlag, Neuwied/Kriftel/Berlin 2000.
78 Dieser Beitrag bestätigt zahlreiche Argumente meines Beitrages. Dr. Gerd Glaeske war Leiter der Abteilung für medizinisch-wissenschaftliche Grundsatzfragen bei der BARMER Ersatzkasse, Ruth Rumke ist wissenschaftliche Mitarbeiterin ebenda.
79 Büro für Umweltforschung und Umweltplanung, Dr. Ing. Hans-Joachim Schemel, Altostrasse 111, 81249 München, www.umweltbuero-schemel.de
80 vgl. WAZ vom 1.10.2001. Eine Broschüre „Allergien bei Kindern – Auf die Früherkennung kommt es an“ kann bestellt werden bei: Deutsches Grünes Kreuz, Schuhmarkt 4, 35037 Marburg. Bitte einen mit 1,50 DM adressierten DIN-C-5-Rückumschlag beifügen.
81 vgl. Hanne Tügel: Tiere als Therapeuten, in GEO 3/2001, S. 86 ff.
82 vgl. DER NAGEL 59 (Hg.: ABA Fachverband), Dortmund 1997, S. 79 ff. und DER NAGEL 60 (Hg. ABA Fachverband), Dortmund 1998, S. 79 ff.
83 vgl. Eckhard Schiffer: Der Kleine Prinz in Las Vergas, Beltz Quadriga Verlag, Weinheim und Berlin 1997
84 vgl. Eckhard Schiffer: Wie Gesundheit entsteht – Salutogenese statt Fehlerfahndung. Beltz Verlag, Weinheim und Basel 2001
85 Kauai-Studie von Emmy E. Werner, in: Renate Zimmer: Hauptsache gesund – aber wie?, in: KITA NEWS 2/2001 (Hg.: GEW Landesverband NRW), S. 15 f.
86 Renate Zimmer, a.a.O., S. 15′
87 ebenda, S. 16
88 vgl. z.B. Rolf Degen: Lexikon der Psychoirrtümer – Warum der Mensch sich nicht therapieren, erziehen und beeinflussen lässt, Verlagsgruppe Weltbild, Augsburg 2001. Dort heißt es u.a. auf S. 81, der genetisch bedingte Einfluss auf das menschliche Verhalten betrüge immerhin zwischen 40 und 50 Prozent.
89 vgl. Renate Zimmer, a.a.O., S. 16
90 vgl. ebenda, S. 18 ff.
91 vgl. „Welche Bildung leistet die Offene Arbeit?“, in: ABA Fachverband: Der Verband stellt sich vor, Dortmund 2001. Der Text dieses Positionspapiers ist auch als Merkblatt beim ABA Fachverband erhältlich.
92 Renate Zimmer, a.a.O., S. 20 f.
93 vgl. Jean Liedloff: Auf der Suche nach dem verlorenen Glück. Gegen die Zerstörung unserer Glücksfähigkeit in der frühen Kindheit. C.H.Beck´sche Verlagsbuchhandlung, München 1980.
94 WAZ vom 6.3.2001
95 Schreiben von Klaus Hurrelmann vom 13. April 2000
NAGEL-Redaktion – Reflektierte Jungenarbeit
Zur geschlechtsspezifischen Arbeit mit Jungen
Von Rainer Deimel
Wie es anfing
Anfangs, in den siebziger Jahren, konnte ich bei mir eine stille, aber – wie ich glaubte – deutliche Sympathie für Forderungen der Frauenbewegung verspüren. Die Forderungen schienen mir zum größten Teil plausibel, ich fühlte mich an vielen Stellen gar „solidarisch“, wenn ich das in diesem Zusammenhang überhaupt so nennen kann. Ein Umstand, der mir damals nicht klar war: In jener Zeit war meine Lebenslage derart gestaltet, dass es ohne irgendwelche Komplikationen möglich war, mich „solidarisch“ zu fühlen. Ich hatte meinen festen Job, den ich gern tat, mein geregeltes Einkommen, eine feste Beziehung, also trotz aller politisch fortschrittlicher Gedanken, eine Situation, aus der eine Menge Sicherheitsgefühl „gesaugt“ werden konnte.
Spätestens ab Anfang der achtziger Jahre, als sich meine erste Tochter „ankündigte“, geriet einiges ins Wanken. Ich spürte überdeutlich, dass zwischen Anspruch und Wirklichkeit Welten lagen. Und bis heute habe ich das Gefühl, ständig Ansprüchen hinterher zu jagen. Ich wollte mich mit dieser Situation nicht abfinden, war vor 1983 Jahren mit dabei, einen Vätergesprächskreis zu gründen, der viele Jahre „arbeitete“ und auch gegenwärtig noch als offener Männerkreis existiert (1). Im Rahmen dieses Gesprächskreises gingen die Konturen immer weiter in Richtung reiner „Männerthemen“ (selbstverständlich unter Einbeziehung väterspezifischer Fragestellungen). Lange Zeit wurde in diesem Gesprächskreis darauf geachtet, dass nur Väter Zugang hatten; dies genau aus dem Grund, den ich so überdeutlich an mir selbst erfahren hatte: Es macht einen Riesenunterschied, ob ein Mann Kinder hat oder nicht. Solange eine eigene Betroffenheit, etwa in Form einer Vaterschaft, nicht realisiert wird, ist es einfach, verbal mit Frauenbewegung zu sympathisieren und umgekehrt wird erlebbar, wie schwer es im Falle von Betroffenheit ist, sich in Richtung geschlechtlicher Gleichberechtigung zu entwickeln.
Seit längerem ist mir deutlich, dass es die vielbeschworene „Männerbewegung“ nicht gibt. Es gibt allenfalls einige „männerbewegte“ Männer, die ich allerdings nicht als „Bewegung“ quantifizieren möchte. Vermutlich hat Frauenbewegung einiges damit zu tun, dass vereinzelt Männer angefangen haben, sich Gedanken zu machen, Gruppen zu gründen, Veränderungsversuche ausprobierten, teilweise Rollen tauschten (z.B. Hausmann-Sein) und anderes mehr. Mittlerweile beobachte und erlebe ich allerdings, dass Frauenbewegung, wenn überhaupt, bei Männern allenfalls noch eine Art „Kick“ auslöst, um männerspezifisch aktiv zu werden. Ich denke vor allem, dass es normalerweise der eigene, zum Teil immens gestiegene oder spürbar gewordene Leidensdruck bei Männern ist, die diese veranlasst, sich etwa mit anderen Männern zusammenzutun, etwas verändern zu wollen. Dort, wo Männer aktiv sind, haben diese Aktivitäten mittlerweile überall ihre eigenen Konturen gewonnen. Und leider sind es immer noch herzlich wenig Männer, die überhaupt „aus ihrer Haut heraus“ kommen (2).
Das Dilemma der Jungen
Jungen sind schwer zu verstehen. In Einrichtungen werden sie immer wieder als „ätzend“ und störend begriffen, was sie zweifelsohne häufig sind. Besonders Mitarbeiterinnen haben oft keine Lust mehr, sich mit ihnen zu konfrontieren. Einrichtungen sind in erster Linie an den Interessen von Jungen ausgerichtet; Mädchen wird der Zugang durch strukturelle, inhaltliche und atmosphärische Einschränkungen erschwert. Die Jungen dominieren mit Macho-Gehabe, Mädchen werden oft zu bloßen Anhängseln der Jungen degradiert. Stimmt! Aber halt, was ist mit den Jungen, die nicht dominieren, die selbst von ihresgleichen unterdrückt, benutzt und ausgebeutet werden? Was ist mit den Jungen, die unter einer Art hypnotischer Gruppendynamik für sich gar keine andere Überlebenschance sehen, als sich in irgendeiner Form – und sei es als „blöder“ Handlanger eines Rädelsführers – einzuklinken? Warum überhaupt dominieren Jungen?
Wir müssen – als Männer zumindest – unseren Blick schärfen für die konkrete Situation von Jungen. Erwiesenermaßen werden Jungen anders erzogen als Mädchen. Ich möchte mich nicht beim – wie ich mittlerweile glaube – Märchen vom Ödipus-(Komplex) aufhalten. Festzustellen bleibt, dass Jungen häufig seitens der Mutter – zunächst – eine besondere Form der Zuwendung erfahren (bis – wie sich mittlerweile immer deutlicher abzeichnet – hin zu sexuellem oder anderem Missbrauch) (3). Es können gar Unterschiede in der Art und Weise festgestellt werden, wie Jungen und Mädchen von ihren Müttern als Baby getragen werden. Früher als Mädchen werden Jungen in die „feindliche Welt“ geschickt. Der Schutz, den kleine Jungen bitter nötig haben, wird ihnen allzu früh entzogen, ihre Gefühlsregungen werden unterdrückt („Ein Indianer weint nicht!“). Ihren Vater, der ebenfalls einmal Junge war, erleben bislang die meisten Jungen als abwesend. Damit meine ich nicht eine unverhältnismäßig große lokale Abwesenheit, z.B. wegen Arbeit, sondern ich spreche in erster Linie von emotionaler Abwesenheit, der Unfähigkeit des ehemaligen Jungen, seinem Sohn Zuwendung zu geben und Stärke vorzuleben. Nicht Stärke in Form von brachialer oder anderer patriarchaler Gewalt, Ausbeutung seiner selbst und Ausbeutung seiner Frau und seiner Kinder, nicht Stärke, die sich als Erguss einer tumben, stupiden Bestrafungs- und Bedrohungsmaschinerie austobt, oft zur Kompensation der Probleme, die ihn selbst betreffen, die er am Arbeitsplatz, in seiner Beziehung oder sonst wo erlebt. Ich meine die Stärke, die dem Sohn Identifikation mit einer „richtig verstandenen“ Männlichkeit ermöglicht, ein Ernstnehmen, Verständnis, Empathie, Liebe und erlebbare Solidarität mit seinem gleichgeschlechtlichen Kind. Dem Sohn entgeht also in der Regel „der große Freund“, der Partner, an dem er sich messen, dem er vertrauen, mit dem er sich solidarisieren kann, der ihm Vorbild sein kann. „Vorbild“ ist er ihm trotzdem, Teil des Jungen-Dilemmas. Bereits früh verinnerlicht der Junge solches männliches Verhalten und kann nicht anders, als es richtig zu finden und dieses „verhasste“ Verhalten bei sich selbst unbewusst zu verinnerlichen. Verstärkt wird die Katastrophe normalerweise durch die „gutmeinende“ Mutter, die eine gleichgeschlechtliche Vorbildfunktion ohnehin nie übernehmen könnte, indem sie alle möglichen „Tricks“ anwendet, den Jungen durch ihre Erziehung patriarchal anzupassen, ihn eigentlich gegen ihr eigenes Geschlecht erzieht. Ich will damit Mütter nicht verteufeln; sie erfüllen lediglich die ihnen in dieser patriarchalen Gesellschaft zugedacht Rolle und produzieren weiter – wie die Väter – „männliche Verhaltenskrüppel“. Dieser Teufelskreis wird an keiner Stelle im herkömmlichen Leben unterbrochen, weder im Kindergarten, noch in der Schule und schon gar nicht mehr am Arbeitsplatz, normalerweise nicht einmal im Jugendzentrum (4).
So nimmt es nicht wunder, dass Jungen bei fast allen Auffälligkeiten und Krankheiten – vor allem psychosomatischen – Spitzenreiter werden (Bettnässen, Stottern, organischen Erkrankungen usw.); ebenfalls „guinnessreif“ sind Jungen (und Männer) im Vergleich, wenn es um Selbstmord, Perversionen, Kriminalität und Süchte unterschiedlicher Art geht.
Richten wir unseren Blick noch einmal auf den „ätzenden“ Jungen in der Einrichtung. Wir stellen fest: Er ist laut, dominant, frauenfeindlich, sexistisch … Wir müssten uns fragen, warum er so ist, ob sich hinter dem „Ätz-Stoff“ nicht ein verletztes, hilfsbedürftiges, nach Zuwendung schreiendes Wesen verbirgt. Gelegentlich ist zu hören, Jungen würden in der Regel übervorteilt. Ein Argument: Jungen drängen sich in den Vordergrund, sind dominant und … werden deshalb bevorzugt (im Verhältnis 70 Prozent Jungen zu 30 Prozent Mädchen) in die Hände von (Erziehungs-)Beratungsstellen gegeben. Ich möchte diesen Umstand nicht weiter kommentieren.
„Jungenarbeit“ – zum Scheitern verurteilt?
Geschlechtsspezifische Arbeit mit Mädchen ist ein großes Verdienst von Frauenbewegung. Quasi als Antwort darauf gab es in etlichen Einrichtungen Versuche, ebenfalls eine analoge Jungenarbeit zu etablieren. In den meisten Fällen sind diese Versuche gescheitert. Oft wurden meines Erachtens dann „Jungen-Aktivitäten“ ausprobiert, weil Jungen sich durch Mädchenarbeit einfach benachteiligt fühlten. Eine Reflexion fand in der Regel nicht statt. Derartige Startvoraussetzungen lassen normalerweise eine authentische Jungenarbeit scheitern. So haben wir in der Praxis etliche Anläufe wahrnehmen können, in denen Jungenarbeit etwa in Form von Skatrunden, Kegeln oder ähnlichem stattfand und das häufig mit Mitarbeitern, die selbst über keinen Funken „Männerbewusstseins“ verfügten. Nachdem die Heimvolkshochschule Alte Molkerei Frille für eine „antisexistische Arbeit mit Jungen“ warb, löste dies in etlichen Einrichtungen erneut Initiativen aus, Jungenarbeit zu versuchen. (5) Meine eigene Lebensgeschichte als Junge und Mann, die Beschäftigung mit meiner eigenen Sozialisation und der gesellschaftliche Kontext, in dem ich lebe, der mir ein entsprechendes Feedback gibt, lässt mich zu der Überzeugung gelangen, dass eine eigenständige, lebendige, geschlechtsspezifisch orientierte Arbeit mit Jungen unabdingbar ist hinsichtlich einer – eben nicht nur verbal – angestrebten Gleichstellung von Frauen und Männern, von Mädchen und Jungen. Einen weiteren Beitrag zur Jungenarbeit leistete die AG Klub, eine evangelische Bundesarbeitsgemeinschaft (für Offene Jugendarbeit) mit einer Veröffentlichung der Übersetzung aus dem Englischen, nämlich der Broschüre „Junge, Junge – Work with Boys“ von Trefor Lloyd aus dem Jahre 1986. (6) Die seit längerem vergriffene Schrift wurde als durchgesehene und durch einen Anhang erweiterte Neuauflage vom bei ABA Fachverband neu veröffentlicht (7). Der Neuling Verlag bringt seit einiger Zeit ebenfalls Schriften für die Arbeit mit Jungen und Männern heraus, die sehr praxisnah sind. (8) Die meines Erachtens wichtigsten Basis-Schriften für eine gezielte Jungenarbeit sind die Bücher „Kleine Helden in Not“ von Dieter Schnack und Rainer Neutzling (9) und das „Praxishandbuch für die Jugendarbeit, Teil 2: „Jungenarbeit“ von Uwe Sielert. (10) Dieter Schnack und Rainer Neutzling haben erstmalig umfangreich und sehr einfühlsam aus männlicher Sicht die Sozialisation von Jungen aufgearbeitet. Dieses Buch halte ich für eine gute Empfehlung an jeden Mann, der beabsichtigt, mit Jungen zu arbeiten (11).
Nachdem ich zugesagt hatte, ein „paar Gedanken“ zur Jungenarbeit aufzuschreiben, war ich zunächst der Auffassung, es würde reichen, einfach ein bisschen „aus dem Nähkästchen“ zu plaudern. Als ich mich dann – einmal wieder – an das Thema herantastete, stellte ich fest, dass mir das erstens selbst nicht ausreichen würde und zweitens eine Chance vertan werden könnte, eine echte Werbung für eine gezielte Arbeit mit Jungen in Einrichtungen zu betreiben. So habe ich mir ein weiteres Mal das Praxishandbuch von Uwe Sielert vorgenommen, um das Fundament besser abstützen zu können. Einige seiner wichtigen und überzeugenden Aussagen möchte ich aufgreifen und damit konfrontieren.
Begriffe
Schauen wir zunächst auf die Begrifflichkeiten: Wir sprechen oft von „Geschlechtsspezifischer Arbeit“, ein Begriff, der mir nicht nur „lahm“ erscheint, sondern der auch nicht über genügend Aussagekraft verfügt. Möglicherweise ließe sich darunter auch die oben kritisierte Skatrunde, die in keinem reflektierten Zusammenhang stand, subsumieren. Zumindest würde ich dabei keine klaren Abgrenzungen gegenüber „klassischen“ Jungen- oder Mädchenaktivitäten machen können. Da höre ich z.B., dass eine „Arbeitsgemeinschaft Tanz“ keine „Defizite“ und keinen gezielten Handlungsbedarf – etwa in Richtung gezielter Mädchenarbeit (und umgekehrt) feststellen kann, da ohnehin 70 Prozent der TeilnehmerInnen Mädchen sind, also Problem gelöst? Ähnliches ist bisweilen von Jugendfarmen, auf denen Pferdehaltung eine besondere Rolle spielt, zu hören: 80 Prozent der BesucherInnen sind Mädchen, keine Probleme? Ein Jugendzentrum mit überwiegend männlicher Dominanz zieht den Schluss, vorwiegend geschlechtsspezifische Jungenarbeit zu leisten, alles klar?
Der Begriff „Antisexistische Arbeit“ mit Jungen ist – soweit ich weiß – vorwiegend von der Alten Molkerei Frille geprägt worden. Zum Teil ist er brauchbar, allerdings setzt er voraus, dass wir es unbedingt mit Sexismus zu tun haben, was möglicherweise doch zu sehr einschränkt. In einem anderen Zusammenhang bin ich vor einiger Zeit einmal über einen ähnlichen Begriff gestolpert und habe ihn mir abgewöhnt: Ich las in einem Kölner Prospekt, dass der dortige Verein „Männerbüro“ sonntags ein „antisexistisches Frühstück“ veranstaltet. Ich habe mir überlegt: Was tun die denn wohl da? Zumindest konnte ich mir vorstellen, dass dort keine Zoten gerissen werden und sonst…? Auf mich wirkt ein „antisexistisches Frühstück“ so einladend, dass ich als Morgenmuffel doch lieber weiter allein frühstücken oder Sonntagsvormittags im Bett bleiben möchte.
Uwe Sielert prägt den Begriff „reflektierte Jungenarbeit“. Meines Dafürhaltens wird hiermit am ehesten das getroffen, was gemeint ist, und deshalb möchte ich entweder schlicht von Arbeit mit Jungen, Jungenarbeit oder aber eben von „reflektierter Jungenarbeit“ sprechen.
Grundsätzliches
Uwe Sielert zeigt u.a. auf, dass Mädchen in Jungencliquen nichts zu suchen haben, dass Jungen sich gegenüber Mädchen abgrenzen zur Absicherung ihrer eigenen traditionellen Geschlechterrolle. (12)Gleichzeitig werden gegenwärtige männliche Irritationen deutlich gemacht, die eben auch vor Jungen nicht Halt machen, im Sinne einer reflektierten Arbeit mit Jungen auch nicht Halt machen sollten. Männer werden – in Anlehnung an Walter Hollstein (13) – typisiert als „Machos“ und „Chauvis“. Sielert „vervollständigt“ diese Aufzählung durch „Schwule“, „Neutralos“, „Opportunisten“, „Anpassungskünstler“, „Softis“ und vor allem durch die „Irritierten“ und „Desorientierten“ (14). Nach dem „traditionellen Rollenbild“ beinhaltet Männlichkeit vor allem „Teilen/Spalten/Abspalten“, während das Weibliche „Kontinuität, Ganzheitlichkeit und Sehnsucht nach Geborgenheit“ zum Ausdruck bringt. Ein positives Männlichkeitsbild schließt weibliche Komponenten unbedingt mit ein, ebenso das Korrektiv, sich als Mann auch zurücknehmen zu können (15). Männer, die mit Jungen arbeiten wollen, haben verinnerlicht, dass hinter chauvinistischem Verhalten zumeist ein mangelndes Selbstbewusstsein steckt. Eine wesentliche Voraussetzung für eine reflektierte Arbeit mit Jungen sind Kenntnisse aus der Sozialisationsforschung. Die männliche Sozialisationsforschung steckt leider noch in den Kinderschuhen. Umso erfreulicher sind die erwähnten Erkenntnisse und Aufzeichnungen von Schnack und Neutzling in diesem Zusammenhang für die praktische Arbeit in Einrichtungen.
Bei einer reflektierten Jungenarbeit stehen Jungen im Brennpunkt „pädagogischer Aufmerksamkeit“ (16); sie bezieht in jedem Fall antisexistische, antichauvinistische und antifaschistische Intentionen (17) mit ein, verharrt aber nicht in diesen Positionen, um weder zu stigmatisieren, noch durch vorwiegenden Negativ-Touch abzuschrecken. Sie entwickelt eine eigene Moral, eine eigene Identität, lässt ausreichend Platz für neue „Erlebnis- und Gedeihräume“ (18) Schwierig dürfte es oft sein, eigene Vorbehalte – etwa hinsichtlich einer „akzeptierenden Arbeit“ z.B. mit „Glatzen“ – auszuräumen. Die Leitschnur dort festzulegen, wo man(n) den Eindruck hat, hier gälte es besonders viele Defizite bei Jungen „wegzuarbeiten“, ließe einen eher in Frustration, Resignation und letztlich ins Scheitern laufen.
Dass Jungen Schwächen haben (sollen, dürfen, müssen), muss Jungen deutlich werden. Sie können begreifen, dass Schwächen zugleich Stärken sind (19). Die Steigerung ihres Selbstwertgefühls in einer – „vorm Zug“ – positiven Intention ist ein Ziel und zugleich Weg einer erfolgversprechenden Arbeit mit Jungen. Jungen sollten Fähigkeiten erlangen, „Beziehungen“ eingehen und leben zu kön-nen, Gefühle von Schwäche ebenso wie Stärke, Freude, Trauer, Glück usw. zeigen und leben zu können.
Pädagogik kann sich in diesem Sinne nicht als „Trichter“ verstehen. Als „Antipädagoge“ (20) gestehe ich der Pädagogik in diesem Kontext die Rolle einer verständnisvollen Begleiterin zu. Pädagogik muss die Aufmerksamkeit und das Taktgefühl besitzen, zu erkennen, wann jemand überfordert oder entmündigt wird und dies verhindern. Pädagogik greift ein, wenn die Grenzen anderer – z.B. von Mädchen oder auch anderen Jungen – missachtet und verletzt werden. Pädagogik nimmt Erfahrungen, auch Grenzerfahrungen, ernst, duldet und fördert sie, wenn nötig.
Der Mitarbeiter
Die Schwierigkeiten, die Jungen bislang haben, sind nicht ihre Schwierigkeiten (allein). Es sind auch unsere eigenen Schwierig-keiten, die wir als Männer tagtäglich haben, wenn wir uns einmal kritisch hinterfragen. Dazu schreibt Uwe Sielert: „In Beziehungsdingen sind die meisten Jungen und Männer ziemlich sprachlos, oder sie entwickeln als Gewohnheitsredner eine Geschwätzigkeit, die in keiner Weise authentisch ist. Besonders Studenten und Sozialwissenschaftler reden ganz oft und sehr ausführlich über sich selbst und zwischenmenschliche Beziehungen. Es bleibt … beim ‚darüber-reden‘ und wird nirgends bedeutsam. Das ist nichts anderes als die Wortkargheit eines Handwerkers. Beide können unfähig sein, Gefühle und Beziehungs-Dinge auszudrücken.
Im gemeinsamen Tun kann eine Atmosphäre entstehen, die das Sprechen leichter macht, wenn es notwendig wird. Nicht immer ist es wichtig, zu reden, aber vieles lässt sich verbal verstärken, differenzieren, richtig stellen, vielschichtiger kommunizieren. Besonders im Austausch und in der Auseinandersetzung mit Mädchen ist die Fähigkeit wichtig, eigenes Erleben in Worte zu fassen. Jungen unter sich leben in einer ähnlichen Erlebniswelt, vieles ist dann ´selbstverständlich´ (21) und muss nicht mitgeteilt werden. Einfühlung in eine fremde Psyche und Verständnis für die Besonderheit des Erlebens sind ohne Sprache nicht möglich.“ (22)
Männer, die reflektiert mit Jungen arbeiten wollen, haben bei sich bereits begonnen, sich selbst zu reflektieren. Sie dürfen keine „Star- oder Papstrolle“ einnehmen; das würde Jungen eher abschrecken. Sie begeben sich mit den Jungen auf einen gemeinsamen Weg des „Be-Greifens“ und Lernens. Aufgrund ihrer Erfahrungen und aufgrund ihres Status eines Erwachsenen würde ich bei ihnen die „Messlatte der Reflexion“ eine Portion höher ansetzen. Klarheit vor allem darüber, dass sie als „Autorität“ erlebt werden, dass sie Identifikationsobjekt sein können, in jedem Fall Vorbild sind, ist vonnöten, ebenso Sensibilität in Bezug auf Verletzungen und hinsichtlich ihres eigenen – oft verbrämtem sexistischen – Verhaltens. Klarheiten über ihre eigene Sozialisation gehören ebenso dazu wie das Abfragen eigener Vor- und Leitbilder. Ein Gespür dafür zu entwickeln, wo die Einrichtung „typisch männlich“ ist, wo Atmosphäre verändert werden muss, was die Mitarbeiter- und Organisationsstrukturen damit zu tun haben, die Programme, Angebote und Konzeptionen sind ebenso Bestandteil „männlichen Aufbruchs“.
Der einzelne – „gutwillige“ – Mann ist damit überfordert. Voraussetzung ist ein Hinterfragen der eigenen Geschlechterrolle. In der Regel gehört eine nachhaltige, wenn auch behutsame, die Interessen aller Beteiligter berücksichtigende „Klimaveränderung“ in einer Einrichtung dazu. Das Team – vor allem die männlichen Mitarbeiter – wird in einen intensiven kommunikativen Austausch treten, Konflikte, unterschiedliche Standpunkte werden deutlich gemacht. Eine Überzeugung von Kolleginnen, dass reflektierte Arbeit mit Jungen nicht dazu führen soll (wird), neue „Hintertürchen“ für ein – eventuell leicht modifiziertes – tradiertes männliches Verhalten zu öffnen, sondern dass man(n) tatsächlich auf Veränderung im langfristigen Sinne einer geschlechtlichen Gleichberechtigung aus ist, ist Teil des Prozesses. Manche Hürden – etwa in Richtung Team, Träger, bei den Jugendlichen usw. – scheinen auf den ersten Blick unüberwindbar. Überlegen wir mal, wo in unserer Arbeit auch immer wieder „Ecken und Nischen“ sind, die sich anbieten, die genutzt werden können. Überzeugungsarbeiten gehören zum „Geschäft“. Es reicht für den einzelnen Mann nicht aus, kiloweise Männerliteratur zu „fressen“, ohne deren unterstützende Wirkung in Abrede stellen zu wollen. Unterstützung von „außen“ kann angesagt sein, etwa in Form von Supervision oder Praxisreflexion, konzeptioneller inhaltlicher Beratung und/oder durch gezielte Seminare, Fachtagungen und dergleichen. Auch Rollenspiele im Team können eine Hilfestellung sein. Reflektierte Jungenarbeit kann „keine Berge versetzen“. Jungenarbeit kann – wenn sie auf Dauer angelegt sein soll – nur „realistisch“ beginnen, z.B. in einer kleinen Jungengruppe, in anderen kleinen Zusammenhängen. Die Ziele, die erreicht werden sollen, müssen erreichbar sein, dürfen nicht in „Atlantis“ liegen. Ich bin davon überzeugt, dass jeder Mann, der sich ein bisschen „anstecken“ lassen mag, beginnen kann. Sonst… (hier fällt mir das Bild von „Godot“ ein). Eine wichtige Hilfe dabei kann z.B. sein, „Selbstverständliches“ zu thematisieren (und zu reflektieren), „Unnormales“ zu tun, Hilfen, die dazu dienen, zu geänderten Wahrnehmungen kommen zu können, Alltäglichkeiten in einem anderen Licht erblicken zu können, neu bewerten und interpretieren zu können.
Input
Handelt es sich bei reflektierter Arbeit mit Jungen um einen Modetrend? Könnte sein. Bliebe es dabei, wäre das Ende möglicherweise bald absehbar, wäre sie nicht Teil einer prozesshaft gewollten Veränderung in Richtung Gleichberechtigung der Geschlechter. Bislang sind mir kaum Fälle bekannt geworden, wo Jungenarbeit „von oben verordnet“ wurde (23), wie das bei „Mädchenarbeit“ häufig geschehen ist. Aufgrund politischer Beschlüsse oder aufgrund von Legitimationszwängen von Amts- und Abteilungsleitern ist Einrichtungen Mädchenarbeit häufig „aufs Auge gedrückt“ worden (kurioser- bzw. typischerweise, nachdem die Bemühungen der Frauenbewegung um Mädchenarbeit von denselben Verantwortlichen über mindestens zehn Jahre blockiert wurden). Nicht immer ist deswegen verordnete Mädchenarbeit „schlecht“; die Gefahr allerdings, die bei Nicht-Vorhandensein von Überzeugungen, also beim bloßen Verordnen, immer wieder deutlich wird, ist, dass die Arbeit vordergründig, lediglich auf äußere Legitimation ausgerichtet bleibt und letztlich ineffektiv ist. Im Augenblick kann ich mir nicht vorstellen, dass regelmäßig Amts- oder Abteilungsleiter mit einer derartigen Vehemenz reflektierte Jungenarbeit einfordern könnten, wie das in Sachen Mädchenarbeit geschehen ist (23). Dazu müssten sie ihre eigene „männliche“ Identität erst einmal in Zweifel ziehen, ihre eigenen Rollenbilder müssten gehörig ins Wanken geraten. Und das kann ich mir bei den meisten dieser männlichen „Funktionalisten“ – offen gestanden – nicht vorstellen. Mädchenarbeit hat ihre bisweiligen „Verordner“ nicht so stark tangiert, wie dies eine reflektierte Männer- und Jungenarbeit zwangsläufig tun müsste. Hierin erblicke ich eine Chance für Jungenarbeit: Sie kann wie ein zartes Pflänzchen von unten wachsen, realistisch bleiben und erfolgversprechend werden.
Ein gängiges Rezept für eine „einheitliche“ Form reflektierter Jungenarbeit gibt es nicht. Ein solches würde die Intention von Jungenarbeit meines Erachtens auch konterkarieren. Gleichwohl gibt es eine Menge Aspekte – außer den bisher genannten – zu beachten.
„Betroffenen-Arbeit“
Jungenarbeit ist „Betroffenen-Arbeit“. Betroffenen-Arbeit schafft „Aha-Erlebnisse“ und Solidarisierungseffekte. Sie räumt mit Mythen auf und bricht Tabus. Jungen (und Mitarbeiter) lernen zu begreifen, dass sie es nicht allein sind, die ihre individuellen Schwierigkeiten (z.B. in emotionaler und sexueller Hinsicht, bezogen auf „Leistungszwänge“ usw.) haben, sondern dass es sich um handfeste kollektive, individualisierte Probleme handelt. „Besonders Richter (24) hat darauf hingewiesen, dass in unserer Kultur vor allem Männer persönliche Leiden (‚Probleme haben‘) für unansehnlich halten und vor anderen – und vor sich selbst – zu verbergen trachten… Bei dem Verbergen innerer Zustände handelt es sich nicht nur um ein taktisches Manöver, bewusst oder schon automatisch eingesetzt. Vielfach sind die Gefühle auch in der Innenwelt nicht mehr spürbar. Wenn in der Kindheit bestimmte Gefühle (z.B. von Schmerz) nicht ausgedrückt werden durften, dann wurden diese Gefühle gleichsam fest verkorkt und abgespalten.“ (25)
Jungen erfahren etwas über „die gemeinsamen Ursachen“, entwickeln gemeinsam Lösungs- und/oder Akzeptierungswege, die dem einzelnen Jungen (und Mann) und letztlich vielen Jungen, Mädchen, Männern und Frauen zugute kommen können (26). Sie dürfen Schwächen zeigen, Schwächen gar als positiv erleben. Sie spüren, falls sie eine zuversichtliche Atmosphäre erleben dürfen, dass sie sich nicht unnötig zu schämen brauchen, dass sie auch mit Macken akzeptiert und als wichtig anerkannt werden.
Lebenswelten
Unterschiedliche Lebenswelten erfordern unterschiedliche Konzepte. Die Art der Sozialisation ist verschieden. In einem Dorf wachse ich anders auf, als in einem traditionellen urbanen Stadtteil, anders als in einer Beton-Satelliten-Stadt, anders als in einer Kleinstadt. Die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Kultur vermittelt mir bestimmte Werte, deren patriarchaler Zusammenhang sich zum Teil scheinbar erheblich voneinander unterscheidet. Bei näherem Hinschauen wird man feststellen, dass Unterscheidungen teilweise nur gradueller Natur sind. Gleichwohl gilt es, diese zu berücksichtigen. Jungen, die in besonders gewalttätigen Zusammenhängen (Familie, Schule, Stadtteil usw.) aufwachsen, brauchen andere (Re-)Aktionen als Jungen, die in ihrem Milieu besser behütet werden. So kann ich mir verstärktes Engagement in Richtung reflektierter Jungenarbeit etwa in Fan-Projekten von Fußballclubs, in der „Glatzen“-Arbeit und sogar in der Arbeit mit Rechtsradikalen (27) vorstellen. Voraussetzungen hierbei sind – wie in jeder anderen Form von Jungenarbeit – Hintergrundwissen (28) über die Jungen, ihre Lebenszusammenhänge und gefühlsmäßige Solidarität. Als „Papst“, der unfehlbar ist, der alles besser weiß, sollte ich die Jungen lieber in Ruhe lassen. Sie müssen merken, dass ich fehlbar bin, dass ich manchmal auch ratlos bin und ihre Hilfe ebenfalls benötige. Ich muss transparent und einfühlsam sein, muss mich und mein Verhalten ihnen gegenüber plausibel machen können. Rechtsradikale Organisationen haben oft früher als Pädagogen begriffen, wie wichtig es ist, Jungen Grenzerfahrungen des Sich-Erprobens und Sich-Austesten-Könnens machen zu lassen. Teilweise laufen ihnen die Jungen deshalb in erster Linie zu. Zu klären wäre darüber hinaus, inwieweit rechtsradikale Führernaturen nicht bereits zu sehr im Weltbild des Jungen etabliert sind. Dies würde eine Herangehensweise an derart „infizierte“ Jungen deutlich erschweren. Der Mitarbeiter wird auf jeden Fall provoziert, sich entsprechende Kenntnisse und Fertigkeiten zuzulegen, Möglichkeiten und Methoden zu erlernen, die geeignet sind, den Erfahrungshorizont von Jungen vergrößern zu helfen, sich erproben und in ihrer Entwicklung erweitern zu können. Der Kontext, in dem wir derartige Aktivitäten (z.B. Abenteuersport, Erlebnispädagogik, Mutproben anderer Art usw.) vollziehen, ist zudem eine potentielle Möglichkeit, das Abwandern zu rechtsradikalen „Rattenfängern“ zu verhindern.
Wenn – wie in manchen Einrichtungen häufig bedauert wird – fast ausschließlich Jungen als Besucher kommen, braucht dies nicht auf Dauer akzeptiert werden; jedoch könnten Mitarbeiter beginnen, diesen Umstand als Chance für den Beginn einer reflektierten Arbeit mit Jungen zu sehen. Uwe Sielert schlägt vor, „geschlechtshomogene Gruppen aller Art“ zu nutzen. (29) Er bezieht dies auf Vereine, deren Untergliederungen, Jugendhäuser, Interessensgruppen usw. „Reflektierte Jungenarbeit ist in solchen Gruppen durchaus machbar, vor allem dann, wenn sie gerade nicht unter diesem Vorzeichen praktiziert wird. Weil die Gruppendynamik und die selbstgewählten Inhalte in der Regel das traditionelle Männerverhalten verstärken, sind von Seiten der Jugendarbeiter bewusste Interventionen und Situationsarrangements erforderlich, damit Atmosphäre, Gesprächsinhalte und Aktivitäten einen anderen Charakter bekommen.
Schon die Verstärkung der ganz wenigen offensiven antisexistischen Bemerkungen und Handlungen einzelner Mitglieder kann wichtige Veränderung initiieren. In vielen Gesprächen haben mir Jungen davon erzählt, dass sie sich in ihren Cliquen oft zu Äußerungen und Handlungen hinreißen lassen, die sie eigentlich gar nicht wollen. In der Situation fällt ihnen das gar nicht auf, weil die Stimmung ganz selbstverständlich frauenfeindlich, die Atmosphäre rau und wenig herzlich ist.“ (30)
„Multikulti“ und Gewalt
Mir selbst ergeht es oft genug so: Ich lebe in einem Stadtviertel mit einem hohen Ausländeranteil (31). Die teilweise „südländisch“ anmutende Atmosphäre auf den Straßen bewirkt bei mir keine Urlaubsstimmung, im Gegenteil: Ich spüre immer wieder den „Schweinehund“ in mir. Die Horden von Machos, die die Bürgersteige füllen, hinter Frauen herglotzen und -pfeifen, lösen mir zunächst ungute bis abscheuliche Gefühle aus. Wenn ich dann einmal in mich „hineinhöre“, spüre ich, dass es auch und vor allem meine Ängste vor dem Fremden, dem Anders-Sein sind, die mir „die Nackenhaare hoch stehen“ lassen.
Machen wir uns bewusst, dass Cliquen z.B. türkischer Jungen eine stabilere homogene Struktur haben, als beispielsweise „normale deutsche“ Jungen (23). Auch hierin verbergen sich wiederum eine Unzahl sinnvoller Ansatzmöglichkeiten für eine reflektierte Jungenarbeit, möglicherweise zunächst im eigenen Kulturkreis. Dazu allerdings ist wichtig, die (andere) Kultur möglichst gut zu kennen. Und wer könnte in diesem Zusammenhang eine reflektierte Arbeit mit Jungen besser durchführen als ein türkischer Kollege mit entsprechendem Bewusstsein? Ist er nicht da, wächst die Lernaufgabe für den Mitarbeiter, der sich die Arbeit vornimmt, natürlich; braucht er doch einen einigermaßen stabilen Hintergrund.
Durch nichts mehr ist zu verhehlen, dass wir in einer multikulturellen Gesellschaft leben, die unser Handeln erfordert, vor allem auf dem Hintergrund zunehmender Gewalt gegen Migranten. Für alle betroffenen Jungengruppen sind auf diesem Hintergrund entsprechende Konzeptionen zu entwickeln. Damit spreche ich nicht für Konzeptionen, die „in“ sind, die sich oberflächlich gut „verkaufen“ lassen. Tatsächlich umsetzbare Konzeptionen – unabhängig von ihren Zusammenhängen – können immer nur die Realität spiegeln. Sie untersuchen Fakten, Hintergründe des Stadtteils, der Zielgruppe(n), formulieren – erreichbare – Ziele, Methoden und Kapazitäten. Und sie basieren – nur so können sie mit Leben gefüllt werden – auf den Fähigkeiten, Fertigkeiten, der Einfühlsamkeit und Flexibilität der Mitarbeiter. Mitarbeiter sind somit wesentlicher Bestandteil einer Konzeption.
Schichtenunterschiede
Die Jugendzentrumsbewegung und die Abenteuerspielplatzbewegung versuchten – zumindest verbal – in den 1960er Jahren, „Proletarisches“ zu kultivieren und zum gesellschaftlichen Maßstab zu etablieren. Nachdem Mitte der 1970er Jahre „die große Stagnation“ eintrat, lebten diese Inhalte zum Teil nur noch als Mythen in zahlreichen Köpfen weiter. Es folgten Zeiten, in denen große „Bewegungen“ (z.B. die Frauenbewegung, die Friedensbewegung usw.) aufblühten. Weder einem proletarischen Bewusstsein, noch den meisten Bewegungen ist es gelungen, eine Annäherung der Geschlechter im Sinne von Gleichberechtigung einzuleiten. Die Schwerpunkte lagen anderswo. Sie klammerten die Geschlechterfrage aus. Sozialisten erklärten eine Gleichberechtigung „qua verbum“ als realisiert. Schauen wir einmal hinter die Kulissen des „ehemaligen Ostblocks“ können wir (erstaunt?) feststellen, dass die Ideen August Bebels (32) dort auch nur Mythos geblieben sind. Mit Ausnahme der Frauenbewegung hat keine Ideologie und keine Bewegung Bewegung in die Geschlechterfrage gebracht.
Gegenwärtig bestimmt in zunehmendem Maße die „Lebenslagen-Diskussion“ das Geschehen. Trotz einiger Widersprüchlichkeiten, die ich immer wieder ausmachen kann, bietet diese vergleichbar mehr Komponenten, emanzipatorische Bestrebungen aufzunehmen. Ich möchte mich allerdings davor hüten, den Blick fürs Kollektive vollständig zu verlieren, ganz im Gegenteil. Nicht jeder „muss das für sich selber wissen“! In der Regel sind Männer die Ausbeuter. In der Regel sind Männer aber auch Ausgebeutete. Und Jungen, die aus einer stärker ausgebeuteten Schicht kommen, benötigen (unter Umständen verstärkt) Hilfen, Verständnis und Unterstützung beim Erkennen ihrer Interessen und deren Realisierung. Wünschenswert ist in diesem Zusammenhang die Transparenz, das Nachvollziehen und nach Möglichkeit der Zugang zu anderen Lebensmodellen. Schließlich wollen wir tradiertes Rollendenken überwinden. Auch dies erfordert beim Mitarbeiter fundiertes Hintergrundwissen und Empathie. Eine Verklärung der Arbeiterbewegung hilft da ebenso wenig weiter wie eine Abgrenzung gegenüber harten „Unterschichts-Cracks“. Eine reflektierte Arbeit mit diesen kann nicht jeder Mann tun. Ich halte sie allerdings für möglich. Sie kann vielleicht auch ein Abwandern in rechtsradikale Kreise vermeiden helfen. Geleugnet werden darf allerdings nicht, dass für manchen Mitarbeiter eine reflektierte Jun-genarbeit mit Unterschichtsjungen schwieriger zu bewältigen ist, als etwa mit Gymnasiasten. Diesbezüglich halte ich es für besonders wichtig, wenn der Mitarbeiter seine verinnerlichte Vorstellung, seine kulturelle Welt, seine Gewohnheiten usw. seien das Maß aller Dinge, aufgeben könnte.
Voraussetzungen
Reflektierte Jungenarbeit ist in jedem Fall eine Form politischer Arbeit. Ich wünsche mir, dass dies in dieser Auseinandersetzung immer wieder deutlich geworden ist. Jeder Mann, der reflektierte Jungenarbeit anstrebt, benötigt zunächst erst einmal eine gehörige Portion Selbstreflexion und eine Produktivkraft, die sich bei ihm selbst daraus entwickeln kann. Austausch mit anderen Männern ist vonnöten, Klärungen, Hintergrundwissen, die zunehmende Schaffung einer eigenen männlichen Identität. Ziele müssen formuliert werden können. Fähigkeiten müssen erkannt werden. Bündnispartner und Bündnispartnerinnen müssen gefunden und angeworben werden. Ganz wichtig finde ich auch die Unterstützung einer reflektierten Jungenarbeit durch engagierte Frauen. Ihr Verständnis sollte eine wichtige Voraussetzung sein. Möglicherweise muss man(n) sein Vorhaben gegenüber Frauen auch immer wieder „unter Beweis“ stellen. Aufgrund Jahrhunderte alter Erfahrungen und Vorbehalte würde ich es nicht erstaunlich finden, wenn Frauen hinter einer geschlechtsspezifischen Arbeit mit Jungen eine weitere Manifestierung bestehender Verhältnisse wittern.
Männer fangen an, sich selbst, andere Männer, Jungen, Frauen und Mädchen ernst zu nehmen. Sie zweifeln nicht an der Glaubwürdigkeit derer, mit denen sie arbeiten wollen. Sie verhalten sich solidarisch, grenzen sich allerdings nötigenfalls auch ab (33); dies günstigenfalls in einer transparenten Art und Weise. Männer erwerben die Fähigkeit, zuhören zu können und, wenn erforderlich, sprechen zu können. Sie versetzen sich in die Lage, deutlicher als bisher, Körpersignale zu erkennen.
Schließlich benötigen sie „praktisches“ Handwerkszeug. Sie erlernen kreative Methoden, Erkenntnisse und Ziele in einer Art und Weise umzusetzen und anzugehen, dass Jungen angesteckt, begeistert werden können. Und Redenkönnen ist nur ein kleiner Teil zur Methodenergänzung. Denkbar sind alle möglichen Rollenspiele, Theaterstücke, ganz „normale“ Spiele, Ausflüge mit entsprechenden „Bonbons“ und vieles andere mehr. Uwe Sielert liefert in seinem Praxishandbuch eine ganze Reihe brauchbarer themenbezogener Möglichkeiten, die ich an dieser Stelle empfehlen möchte. (34) Auch der Griff zur – eventuell in der Einrichtung verstaubten – Spielekartei ist überlegenwert. Wir können einen Jungenraum anlegen, wenn die Einrichtung dies zulässt. Atmosphärische Veränderungen haben in manchen Einrichtungen „echte Wunder“ bewirkt.
Eine Auseinandersetzung mit der Thematik der Koedukation führt mir an dieser Stelle zu weit. Ich verweise erneut auf Uwe Sielert (35), der für eine „reformierte Koedukation“ plädiert, ein Ansatz, mit dem ich mich anfreunden könnte (36).
Ich selbst habe vor ein paar Jahren einmal folgende Sätze formuliert: „Wir wollen weder geschont noch bemitleidet werden, wir haben es aber auch nicht gerne, stellvertretend für die Männer, in denen wir selbst ein Feindbild sehen, unter die Gürtellinie getreten zu werden. Wir streben auch nicht die Erfüllung des Lebens als Hausmann und ‚männliche Mutter‘ an. Unser Ziel ist identisch mit dem der Frauenbewegung: die Selbstbestimmung von Mann und Frau. Die Wege sind zwangsläufig – unter Berücksichtigung der Geschichte und der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation – getrennte.“ (37)
Dortmund, September 1992 – Für das Internet überarbeitet und mit zum Teil neuen Fußnoten versehen im September 2002. Zur Vertiefung und beim eigenen Aktivwerden sei der Kontakt zur LAG Jugendarbeit NRW, Fachstelle Jungenarbeit, Geschwister-Scholl-Straße 33-37, 44135 Dortmund, Telefon 0231/5342174 empfohlen.
Anmerkungen:
1 Anm. 2002
2 Anm. 2002: Der Artikel wurde 1992 geschrieben mittlerweile sind zehn Jahre vergangen; dies nicht ohne zum Teil gewaltigen Veränderungen. Die folgenden Ausführungen über die Arbeit mit Jungen dürften für den einen oder anderen Leser nach wie vor von Interesse sein. Deshalb haben wir uns dazu entschlossen, den Beitrag auf die Web-Seiten des Verbandes zu stellen.
3 Die Kölner Beratungsstelle „Zartbitter“ (Dirk Bange) befasste sich seinerzeit verstärkt mit diesem Phänomen. Zwischenzeitlich liegt auch entsprechende Literatur vor.
4 Anm. 2002: Dass sich in den letzten zehn Jahren hier und dort etwas verändert hat, kann nicht übersehen und soll nicht abgestritten werden.
5 Heimvolkshochschule Alte Molkerei Frille: Parteiliche Mädchenarbeit & antisexistische Jungenarbeit – Abschlussbericht des Modellprojekts „Was Hänschen nicht lernt …. verändert Clara nimmer mehr!“, Petershagen o.J.
6 Trefor Lloyd: Junge, Junge – Work with Boys, Frankfurt am Main 1986, AG Klub
7 DER NAGELKOPF 18, ABA Fachverband, Dortmund 1992
8 Neuling Verlag, Schwäbisch Gmünd und Tübingen, z.B.: „…damit Du groß und stark wirst!“ – Beiträge zur männlichen Sozialisation, 1990, und „Was fehlt, sind Männer!“ – Ansätze praktischer Jungen- und Männerarbeit, 1991. Zum Thema gibt es ebenfalls eine Bibliographie aus dem Jahre 1992: Sonderausgabe des NAGELKOPF (ABA Fachverband, Dortmund)
9 Dieter Schnack/Rainer Neutzling: Kleine Helden in Not. Jungen auf der Suche nach Männlichkeit. Reinbek 1990, Rowohlt
10 Uwe Sielert: Jungenarbeit. Praxishandbuch für die Jugendarbeit. Teil 2. Weinheim und München 1989, Juventa
11 Anm. d. Red. (2002): Dieter Schnack und Rainer Neutzling haben ein weiteres empfehlenswertes Buch verfasst, das Männern, die Jungenarbeit versuchen wollen, sehr hilfreich sein kann, nämlich: „Die Prinzenrolle. Über die männliche Sexualität.“ Reinbek 1993, Rowohl (als Taschenbuch bei Rowohlt 1995 erschienen).
12 vgl. Sielert, a.a.O., S. 16
13 Empfehlenswert: Walter Hollstein: Nicht Herrscher, aber kräftig. Die Zukunft der Männer. Hamburg 1988, Hoffmann und Campe und Reinbek 1991, Rowohlt
14 vgl. Sielert, a.a.O., S. 16 ff.
15 vgl. ebenda, S. 21
16 vgl. ebenda, S. 38 ff.
17 Anm. 2002: Aus heutiger Sicht erscheinen die vielen „Anti“-Positionen zumindest dahingehend zweifelhaft, dass damit eher Widerstände erzeugt, denn Lösungen gefunden werden. Vielleicht gelingt es dem erfolgreichen Praktiker, von vornherein lösungsorientiert vorzugehen; dies beinhaltet, jedes Verhalten erst einmal zu akzeptieren, damit es eine Chance zur Veränderung erfahren kann.
18 vgl. Sielert, a.a.O., S. 42
19 vgl. ebenda, S. 40 f.
20 Anm. 2002: Als solcher begriff ich mich vor zehn Jahren. Und wieder haben wir es mit dem „Anti“ zu tun. Heute kommt es mir näher, mich als „professionellen Pädagogen“ wahrnehmen zu können. Die Verdienste der „Antipädagogik“ will ich damit auf keinen Fall schmälern.
21 Die Anführungszeichen sind von mir gesetzt worden; in dem Grundverständnis, dass es „Selbstverständlichkeiten“ aus heutiger Sicht (2002) nicht gibt. Wie Uwe Sielert zu Recht weiter ausführt, ist die Einfühlung in eine fremde Psyche usw. ohne Sprache nicht möglich. R.D.
22 Sielert, S. 43 f.
23 Diese Aussage wurde 1992 gemacht. Für die Gegenwart (2002) würde ich diese These nicht mehr aufstellen.
24 vgl. Richter, Horst Eberhard: Lernziel Solidarität. Reinbek 1974 (Rowohlt)
25 Schulz von Thun, Friedemann: Miteinander reden. Band 1: Störungen und Klärungen. Allgemeine Psychologie der Kommunikation, Reinbek 1991 (Rowohlt), S. 109 f.
26 Anm. 2002: Die „taz“ vom 28. August 2002 griff das Thema in einen Artikel von Marc Böhmann in der Folge von PISA- und 14. Shell-Studie unter der Überschrift „Das neue Missverständnis: Jungs als Prügelknaben – Der ´türkischstämmige Migrantensohn aus dem Ghetto´ hat das ´katholische Arbeitermädchen vom Lande´ abgelöst“ auf. Dort heißt es u.a.: „Die Diskussion darum, wie sich Jungen und Mädchen besser fördern ließen, muss weitergehen. Die feministische Forschung weiß: Mehr Förderung von Mädchen kommt Jungen zugute. Es ist zu vermuten, dass dies umgekehrt ähnlich ist.“
27 Anm. 2002: Soll die Arbeit mit rechten Jungen/Männern Erfolge zeitigen, gilt allerdings zu bedenken, dass eine „überzogen verständnisvolle“ Haltung leicht als „Schwäche“ des Mitarbeiters interpretiert werden könnte. Es muss sehr deutlich dokumentiert werden, dass der Junge/der Mann als Person akzeptiert wird, nicht aber seine Haltungen und sein mögliches Verhalten.
28 Etliche Mitarbeiter verfügen meines Erachtens über Erfahrungen aus der Stadtteil- und Gemeinwesenarbeit, die auch für Jungenarbeit gut genutzt werden können.
29 vgl. Sielert, a.a.O., S. 61 f.
30 ebenda, S. 61
31 Anm. 2002: Zu jener Zeit, als ich den Aufsatz schrieb.
32 vgl. August Bebel: Die Frau und der Sozialismus. Berlin 1946.
33 Anm. 2002: Heute würde ich statt von „abgrenzen“ lieber von „sich unterscheiden“ sprechen.
34 vgl. Sielert, a.a.O., S. 95 ff
35 vgl. ebenda, S. 87 ff
36 Anm. 2002: In dem bereits erwähnten „taz“-Artikel von 28. August 2002 („Das neue Missverständnis: Jungs als ´Prügelknaben´…“) wird hierzu das Konzept der „Reflexiven Koedukation“ vorgestellt.
37 Deimel, Rainer, in: Landesinstitut für Schule und Weiterbildung des Landes NRW (Hg.): Mann und Frau in Gesellschaft und Weiterbildung. Dokumentation des XIV. Soester Weiterbildungsforums. Soest 1988, S. 184
NAGEL-Redaktion – Kindermuseen sind keine überdachten Abenteuerspielplätze
Unter diesem Titel veröffentlichte Frau Dr. Gabriele König vom Kindermuseum in Fulda, einer beachtlichen Einrichtung, am 8. November 2001 einen Beitrag in der Internet-Zeitung des „Forum Bildung“. Er kann nachgelesen werden unter www.forum-bildung.de unter der Rubrik „Themen“, Quartal 4/2001. Ihre Eingabe veranlasste uns zu folgender Reaktion, die in gekürzter Form ebenfalls beim „Forum Bildung“ unter „Freies Forum“ mit Datum vom 23. November 2001 nachgelesen werden kann.
Nachfolgend das Original-Schreiben an Frau König vom 13. November 2001, das leider unbeantwortet blieb.
Sehr geehrte Frau Dr. König,
seit geraumer Zeit nehmen wir – wenn auch aus der Ferne – interessiert Kenntnis von Ihren Aktivitäten im Kindermuseum Fulda. Vor allem die Veröffentlichungen von Donata Elschenbroich vom Deutschen Jugendinstitut haben uns einigermaßen plastisch mit Ihrer Arbeit vertraut gemacht. Wir, das ist der ABA Fachverband Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Einer unserer inhaltlichen Schwerpunkte ist die Organisation von Abenteuerspielplätzen; dies vorwiegend in Nordrhein-Westfalen, aber auch darüber hinaus, zumal in den meisten anderen Bundesländern (wie etwa Hessen) vergleichbare Strukturen überhaupt nicht existieren. Ich schreibe Ihnen aufgrund Ihres Interviews „Kindermuseen sind keine überdachten Abenteuerspielplätze“ im Internet-„Forum Bildung“.
Ganz nüchtern betrachtet vermag ich Ihnen zustimmen: Kindermuseen sind keine überdachten Abenteuerspielplätze. Betrachten wir das Ganze aber einmal aus einer fachlichen Sicht, ist dieser Vergleich, sind die Assoziationen, die Sie mit dieser Feststellung bewirken, in erheblicher Weise kontraproduktiv. Diese Aussage bestätigt leider, dass Ihnen, liebe Frau Dr. König, das Konzept des Abenteuerspielplatzes nicht vertraut sein dürfte. Sonst würde unmöglich ein solcher Vergleich angeführt werden.
Beim Abenteuerspielplatz handelt es sich um ein wohldurchdachtes Konzept, das Kindern in erheblichem Maße Sozialisations- und Lernhilfen einzuräumen imstande ist. Die Verbände der Offenen Arbeit mit Kindern haben mittlerweile Standards formuliert, die deutlich machen, wann ein sogenannter Abenteuerspielplatz auch tatsächlich ein Abenteuerspielplatz ist. Da dies offenbar in Fulda nicht bekannt ist, möchte ich Sie hier aufführen. Ein Abenteuerspielplatz verfügt über folgende Erfahrungsfelder (Bildungsfelder):
- Sozialer Bereich
- Handwerklich-technischer Bereich
- Natur-/Umweltbereich
- Landwirtschaftlich-gärtnerischer Bereich
- Kreativ-schöpferischer Bereich
- Senso-motorischer Bereich
Mindestens neun der folgenden Ausstattungsmerkmale werden von einem Abenteuerspielplatz erwartet:
- Freiflächen und überdachte Aufenthaltsbereiche (mindestens zum Teil beheizbar)
- Küche
- Werkstätten mit Lagerräumen
- Bauspielbereich
- Wasserbereich/e
- Feuerstelle/n
- Grünflächen, Biotopen, Gärten und Gehölze
- Tiergehege, Reitkoppel, Ställe
- Bühne, Raum für Veranstaltungen
- Spiel- und Sportflächen
- Klettermöglichkeiten
- Kleinkinderspielbereich
Ergänzend hinzufügen könnte man noch Kommunikationsbereiche für ältere Besucher (Eltern, Anwohner usw.).
In den letzten Jahren haben wir uns in unseren Veranstaltungen häufig gezielt damit beschäftigt, in welcher Weise gerade der Abenteuerspielplatz Bildungsarbeit leistet. Wir haben festgestellt – und scheinen uns damit z.B. mit Donata Elschenbroich und Otto Schweitzer im Einklang zu befinden -, dass Bildung keineswegs das Privileg von Schulen ist. Abenteuerspielplätze verfügen nicht selten über geeignetere Möglichkeiten und Methoden zum Bildungserwerb. Ein wesentliches Merkmal auf Abenteuerspielplätzen ist, dass Bildung im Transfer stattfindet. Damit berücksichtigen sie ganz konkret die Erkenntnis, die Professor Gerold Scholz von der Universität Frankfurt im Rahmen einer Ihrer Kinderakademien formuliert hat und die sich Donata Elschenbroich wie einen Leitfaden zueigen gemacht hat: Jedes Kind ist unbelehrbar. Kinder können nur lernen. Auf Abenteuerspielplätzen eignen sich junge Leute Erfahrungen und deren Reflexion durch aktive Auseinandersetzung und konkretes Handeln – im Sinne von Lösungen finden – an. Wie diese Prozesse stattfinden und welche Ergebnisse sie bewirken, wurde einmal mehr von Elisabeth C. Gründler und Norbert Schäfer in ihrem sehr hilfreichen Buch „Naturnahe Spiel- und Erlebnisräume“ (Luchterhand, Neuwied 2000) beschrieben. Hier möchte ich vor allem auf das 2. Kapitel „Nur im freien Spiel entfaltet sich menschliche Intelligenz“ verweisen.
Ihr Vergleich, liebe Frau Dr. König, ist geeignet Spiel als zweckfrei zu verorten, dem Spiel seine konkrete Funktion als hervorragend geeignete Bildungsmethode abzusprechen. Unserer Erkenntnis zufolge werden allerdings – gerade auf dem Abenteuerspielplatz – folgende Bildungskomplexe stimuliert:
- Sensitive Bildung -> mit allen Sinnen lernen
- Praktische Bildung -> manuelles, grob- wie feinmotorisches Lernen
- Persönliche Bildung -> Erwerb von Kompetenz
- Kognitive Bildung -> abstraktes Lernen -> Lösung von Problemen
- Soziale Bildung/Kulturelle Bildung
- Methodische Bildung -> Erwerb spezifischer Fähigkeiten
- Emotionale Bildung -> Erwerb emotionaler Kompetenz
- Politische Bildung -> Herstellung gesellschaftlicher Zusammenhänge, Kinderrechte
- Künstlerische Bildung -> Erwerb künstlerischer Kompetenzen
In einem solchen Kontext begreift sich professionelle Pädagogik als Rahmenkonstrukteur und Milieuschaffer. Sie nimmt eine Lobby-Rolle ein, sorgt ferner für Animation und vernachlässigt auch nicht den Aspekt der „Beziehungs-Arbeit“ (bei Interesse kann ich Ihnen hierzu gern weitere Ausführungen zukommen lassen).
Wenn Sie einmal in den 10. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung (Bonn 1998) hineinschauen, werden Sie feststellen, dass den Abenteuerspielplätzen (wie ihren Varianten Kinderbauernhöfen, Bauspielplätzen usw.) seitens der Sachverständigenkommission unter der Leitung von Professor Dr. Lothar Krappmann von der FU Berlin bestätigt wird, dort hätten sich am „ehesten originär kinderspezifische Ansätze entwickelt“ (S. 223). Die Bundesregierung greift dies in ihrer Kommentierung auf und empfiehlt eine flächendeckende Errichtung derartiger Plätze. Und genau in jedem Kontext werden auch Kindermuseen als „kinderbezogene Angebote“ genannt (S. IX, Ziffer 19).
M.E. könnte ein Kindermuseum eine hervorragende Ergänzung eines Abenteuerspielplatzes sein. Ebenso wäre denkbar, dass man eine sehr geeignete Kombinationseinrichtung kreieren könnte.
Wir fänden es sinnvoll, wenn Sie unsere kritischen Anmerkungen bewegen könnten, noch einmal deutlich zu machen, dass Sie einem der geeignetesten Konzepte für die Bildung junger Menschen nicht schaden wollten. Der Abenteuerspielplatz befindet sich – wie Kindermuseen – immer noch in einer Nischenposition. Dies muss geändert werden. Das könnten wir z.B. auch gemeinsam vorantreiben. Es führt aber zu keinem Erfolg, wenn durch schädliche Vergleiche Konkurrenzen – bewusst oder unbewusst – aufgebaut werden, die am Ende den Kindern, um die es erklärtermaßen geht, Bildungsmöglichkeiten eher vorenthalten als – wie von der Bundesregierung angeregt – flächendeckend zu verstärken.
Mit freundlichen Grüßen
Rainer Deimel
Referent für Bildung und Öffentlichkeitsarbeit
Systemischer Berater DGSF
NAGEL-Redaktion – Kinder lernen VAKOG
Ganztagsschulen – ein Paradigmenwechsel?
Von Rainer Deimel
In der Folge von PISA stehen die bildungspolitischen Zeichen auf Veränderung. Hierin stecken Chan-ce und Gefahr zugleich. Gefahr vor allem deshalb, dass Reaktionen auf PISA schnellschussartig den Weg vom „mehr Desselben“ beschreiten. Plötzlich besinnt man sich in der Politik diverser Tugenden wie einer verstärkten Übernahme sozialer Aufgaben und Verantwortung (1). Dies ist um so erstaunli-cher, als in den letzten zwei Jahrzehnten nichts unversucht blieb, Kinder und Jugendliche einerseits systematisch zu entmündigen, was seine Entsprechung in der scheinbar allgegenwärtigen „Betreu-ungs-Situation“ findet, und andererseits der alltägliche „Über-Lebenskampf“ für junge Leute zuneh-mend dramatischer wurde; dies wird deutlich in einer bisher nicht erlebten Orientierungslosigkeit. Unübersehbar auch die Tendenzen in Richtung mehr „Paukerei“ und dies möglichst vom Kindergarten an. Diesen Weg zu beschreiten, hieße, die bislang offenkundig wenig erfolgreichen Bemühungen von Schule weiter zu manifestieren. Ein Beispiel: In jüngerer Zeit wird in Schulen vermehrt auf das „IT-Pferd“ gesetzt. Kinder sollen „von Anfang an“ elektroniktauglich gemacht werden, ohne dass sie zuvor „das echte Leben“ auch nur ansatzweise gelernt hätten. Dabei wird zudem übersehen, dass „das Wissen“, das Kinder in Sachen „Computer“ erwerben, bei der Schnelligkeit der Entwicklung moderner Medien bereits nach dem Verlassen der Grundschule wieder überaltert sein muss.
Bevor wir uns weiter mit möglichen unbefriedigenden Folgen aus PISA beschäftigen, sollten wir den Blick nach vorn werfen. Eine der Grundlagen für eine kindgerechte Bildungskonzeption stammt von niemand Geringerem als von Albert Einstein. Sein „Ansatz“ ließe sich in seinem Satz zusammenfassen: „Man muss die Welt nicht verstehen, man muss sich darin zurechtfinden.“ Er selbst schilderte seinen Weg zur Genialität dahingehend, dass er als Kind hinsichtlich seiner Entwicklung eher ein „Spätzünder“ gewesen sei. In der Schule war er gar ein „Sitzenbleiber“. Seiner Meinung nach aber war es gerade seine Langsamkeit, die ihm später nützlich war. Er schaffte es, in seine Arbeit zur Raum-Zeit-Beziehung (Relativitätstheorie) seine jugendliche Neugier und sein kindliches Staunen hinüber zu retten. Weiterhin war er der Auffassung, dass „früh Entwickelte“ im Erwachsenenalter be-reits derart geprägt und festgefahren sind, dass sie kaum noch Raum für Kreativität entwickeln können.
Kinder sind unbelehrbar. Sie können nur lernen. Lernen zu lernen, das ist ein Weg, den erwachsene PädagogInnen mit Kindern entdecken und entwickeln müssen. Kinder lernen VAKOG – ein Kunstbegriff aus dem NLP. Kinder lernen ganzheitlich, unter Beteiligung aller ihrer Sinne, nämlich visuell, auditiv, kinästhetisch, olfaktorisch und gustatorisch. Schnell gelingt es der „überkommenen“ Schule, Schwergewichte so zu verlagern, dass Ganzheitlichkeit kaum noch eine Rolle spielt. Bei fast allen Menschen mit einer „durchschnittlichen Schulkarriere“ sind diese ungleich entwickelten Phänomene zu beobachten.
Die Entwicklung einer Ganztags-Grundschul-Konzeption kann nicht bedeuten, den ganzen Tag „Schule“ zu haben. Im Gegenteil: Das, was jetzt Schule besonders ausmacht, müsste auf ein Minimum zurückgebracht werden. Kinder müssen sich entwickeln. Dazu hat beispielweise die Offene Ar-beit mit Kindern ganz hervorragend geeignete konzeptionelle Ansätze entwickelt. Die wohl originell-sten und konstruktivsten sind die des Abenteuerspielplatzes und des Kinderbauernhofes. Der 10. Kinder- und Jugendbericht (1998) bescheinigt diesen, dass sich dort „am ehesten originär kinderspezifische Ansätze“ entwickelt hätten. Demzufolge empfiehlt die Bundesregierung deren flächendeckende Ausweitung. Damit es keine neuen Missverständnisse gibt: Spielen ist nicht zweckfrei; Spielen ist die bewährteste Bildungsmethode, zumal dann, wenn Spielen in einem spannenden, abenteuerlichen und gleichsam entspannenden Kontext stattfindet. Die Konsequenz kann im Grunde nur die sein, aus bisherigen Grundschulen völlig neue Lern- und Begegnungseinrichtungen zu kreieren, in denen Abenteuerspielplätze integrierte Bildungsbestandteile sein werden. Für die Kinder und Jugendlichen, die das Nobel-Internat Schloss Salem besuchen, ist dies seit langem selbstverständlicher Lebens- und Lernalltag. Für den Auf- und Ausbau derartiger neuer Bildungseinrichtungen ist Geld, Platz, Material und vor allem qualifiziertes Personal erforderlich.
Wenn wir uns vorstellen, dass es nicht darum geht, für den „Nürnberger Trichter“ wieder neue Löcher in die Köpfe der Kinder zu bohren und auch nicht darum, Spielen weiterhin als „zweckfrei“ zu verorten, kommen wir zu der Erkenntnis, dass sowohl auf Seiten der Schule als auch in der Jugendhilfe ein erheblicher Qualifizierungsbedarf besteht, dem es parallel mit dem Ausbau zur Ganztagsschule zu entsprechen gilt. In denjenigen Ländern, in denen die PISA-Studie nicht den fernöstlichen Drill als „Erfolgsgeheimnis“ aufgedeckt hat, sondern Zuwendung, Angebote (Optionen, Optionen, Optionen …) und menschengerechte Förderung, können wir ebenfalls Ansätze finden, die den hier vorgeschlagen zumindest vergleichbar sind. Es spräche auch nichts dagegen, VAKOG (2) zum zentralen Bildungsansatz im Vorschulbereich zu entwickeln.
Datteln 2002
Anmerkungen:
1 Randbemerkung: Diese Ziele habe ich bislang während meiner beruflichen Tätigkeit zu keinem Zeitpunkt außer Acht gelassen.
2 Um an dieser Stelle nicht allzu tief in der Fachmaterie zu „versinken“, wird darauf verzichtet, das kinästhetische System um die Aspekte des vestibulären, propriozeptiven und taktilen Systems zu erweitern. Interessierte Einrichtungen können mich im Bedarfsfall gern ansprechen, etwa um ein passgerechtes Seminar zu organisieren.
NAGEL-Redaktion – Kinderernährung
Stichprobe der Verbraucherzentrale belegt: Lebensmittel für Kinder oft zu süß, zu fett und teuer
Die Palette der Lebensmittel mit Spaßfaktor wird immer umfangreicher. Bärchenwurst, Fruchtzwerge und Knisterperlen im Joghurt sollen vor allem Kinder zum Konsum von Fun-Food animieren. Doch Ernährungsexperten und Verbraucherschützern vergeht bei der angeblich gesunden Kost häufig der Appetit.
„Mama, ich will das Krokodil!“: Lautstark quengelt der kleine Georg im Supermarkt. Der Knirps besteht auf Fricos „Safari Käse“ mit dem knallgelben „Crrroco“-Kopf auf jeder Scheibe, auch wenn 100 Gramm Schmelzkäse 1,59 Euro kosten. Natürlich weiß Georg auch, wo er Geflügelmortadella in Bärchenform, wo er seine Fruchtzwerge findet.
Mit Comics und Stickern, mit Sammelfiguren und auffälliger Verpackung locken Lebensmittelhersteller junge Kunden. Klassiker der Kinderkost sind Milchprodukte, fruchtsafthaltige Getränke und Frühstücksflocken. Inzwischen gehören auch Tütensuppen, Fischkonserven und Nudeln zum Sortiment.
Selbst die Fleischindustrie müht sich mittlerweile, ihren rückläufigen Wurstkonsum wieder anzukurbeln, beispielsweise mit einer „Bärchenwurst“ von Reinert, mit Schattenrissen der Comicfiguren von Tom und Jerry auf einer Brühwurstpastete der Fleischwarenfabrik Feldhues.
Selten fehlt der Hinweis für Eltern, dass Kinderlebensmittel gesund seien, dass sie den Nachwuchs mit der „Extraportion Calcium“ oder dem „Plus für eine ausgewogene Ernährung“ besonders Gutes angedeihen ließen. Der süße Mix der Danone-„Fruchtzwerge“ wird zum kleinen Steak, Brauseexperten werten einen Ehrmann-Fruchtgummi-Joghurt zum „Knister-Spaß“ auf.
Ernüchternd ist dagegen das Ergebnis einer Stichprobe der Verbraucherzentrale. Zwölf Kinderlebensmittel sammelte deren Redaktion dazu in einem Supermarkt ein. Im Einkaufswagen landeten sowohl Joghurts von Rhöngold und Ehrmann, zwei Kindergetränke „Fruchttiger“ und „Qoo“, Bärchenwurst, Pastete und Käse als auch Schokolade „Kinder Prof. Rino“, Frühstücksflocken „Dailycer“ von Harrison´s, Kuchenmeisters „Kinder Hörnchen“ sowie die Klassiker Danone-„Fruchtzwerge“ und Ferreros „Kinder Country Riegel“.
Keins dieser Produkte mag Ursula Tenberge-Weber für Kinder empfehlen. Die Kritikpunkte der Ernährungsexpertin der Verbraucherzentrale NRW: „Oft extra teuer und aufwendig verpackt, zu süß, zu fett.“ Auch mit Farb- und Aromastoffen geizten die Kinderlebensmittel selten. Dabei „brauchen Kinder keine Extrawurst“, versichert Tenberge-Weber, „weder eine fette noch eine süße.“
Gerade vor Zucker aber strotzen viele Produkte. In 100 Gramm „Rhöngold Happy Jogurt“ der Molkerei Fricke, mit einrührbaren „M&M´s Minis“ aus Schokolade fand schon die Zeitschrift Öko-Test mehr als 18 Gramm Zucker. Das sei vergleichbar mit einem Teetrinker, der sich eine kleine Tasse des Heißgetränks mit sieben Stück Würfelzucker versüße, weiß Tenberge-Weber.
Zucker satt steckt auch in anderen Kinderlebensmitteln: im Ehrmann-Joghurt „Knister Spaß“, in Danone-„Fruchtzwergen“ wie im Mixgetränkt der Marke „Qoo“. Sogar Zuckeranteile bis zu 50 Prozent entdeckten Ernährungsexperten der Verbraucherzentrale abseits der aktuellen Stichprobe. In einer 30-Gramm-Portion sind somit 15 Gramm Zucker (rund sechs Stück Würfelzucker) enthalten.
Dabei ist die Detektivarbeit nicht einfach. Oftmals fehlt der exakte Zuckergehalt auf dem Etikett. Dann können sich Konsumenten nur mit einer Eselsbrücke helfen. Ein Blick auf die Zutatenliste gibt einen Hinweis: Diese beginnt stets mit dem Hauptbestandteil des Produkts. Wenn in Schokocreme „36 Prozent gesunde Haselnüsse“ beworben werden, die Zutatenliste aber mit „Zucker“ beginnt, liegt dessen Anteil auf jeden Fall bei mehr als 36 Prozent.
Zucker und Fett: Beide Kalorienbringer stecken en masse in Kinderlebensmitteln. Wenn etwa Crrroco“-Käsescheiben 48 Prozent Fett enthalten, dann ist das für Ernährungsexperten keine ausgesprochen kindgerechte Kost. Da wundert es nicht, dass statistisch mittlerweile jedes fünfte Kind in Deutschland als übergewichtig oder fettsüchtig gilt. Die gleiche Zahl, so schätzen Experten, müsse als gefährdet angesehen werden.
Mittlerweile schlagen sich übergewichtige Kids bereits mit einer Reihe von Leiden herum: beispielsweise Störungen des Fettstoffwechsels und Bluthochdruck, Beeinträchtigungen des Stütz- und Halteapparates sowie „Altersdiabetes“. Prävention ist daher dringend geboten. Verbraucherschützer fordern ein Werbeverbot in den TV-Kinderprogrammen und die deutliche Kennzeichnung des Nährwerts aller Lebensmittel.
Ärgerlich zudem: Die Produkte „sind in aller Regel teurer als ihre normalen Varianten“, rügt die Verbraucherschützerin Tenberge-Weber. So kosteten beim Verbraucher-Aktuell-Einkauf 80 Gramm Bärchenwurst 99 Cent. Nebendran lagen 200 Gramm Geflügelmortadella für 55 Cent: und das „mit Pistazienstücken“.
Heftig attackieren Ernährungsexperten auch die Mär von der gesunden Extraportion Calcium, die in den vielen Kinderlebensmitteln steckt. Wer seinen Calciumbedarf mit Frischmilch deckt, lebe in der Regel gesünder als mit spezieller Kost. So enthalten sowohl ein Viertelliter Milch wie 100 Gramm Kinderschokolade jeweils 300 Milligramm Calcium, im ersten Fall aber mit 8,8, im zweiten mit 31,2 Gramm Fett angereichert.
Charakteristisch für Kinderfänger ist außerdem die aufwendige Verpackung, oft verbrämt als „kindgerechte Einzelportionen“. In Minipacks stecken beispielsweise Frühstücksflocken von Harrison, Danone-„Fruchtzwerge“ wie „Prof. Rino“ und „Kinder Hörnchen“. Schon Kids würden damit hemmungslos zugemüllt und zum Weg-Werf-Verhalten verführt, kritisieren Verbraucherschützer.
„Kinderlebensmittel nutzen vor allem den Vertreibern“, sagt Tenberge-Weber. Ein Beweis: Ungeniert versucht Coca Cola in der Zeitschrift Lebensmittelpraxis den Handel für „Qoo“ zu begeistern – für „das erste sympathische Kindergetränk, das Ihre Kasse klingeln lässt“.
Abwechslung
„Eine abwechslungsreiche Kost versorgt Kinder mit allen Nährstoffen, die sie für ein gesundes, aktives Leben und Wachstum benötigen“, weiß Ursula Tenberge-Weber von der Verbraucherzentrale NRW. Abwechslungsreich heißt: Täglich fünf Portionen Obst und Gemüse, Milch und Milchprodukte sowie Brot, Bachwaren, Getreideflocken auf Vollkornbasis. Eine untergeordnete Rolle spielen dabei eher Fleisch, Fisch und Eier. (Pressemitteilung der Verbraucherzentralen Baden-Württemberg, Bayern, Brandenburg und NRW vom 24. Juni 2003)
NAGEL-Redaktion – Jugendpolitische Überlegungen aus Sicht eines aktiven Politikers
Ein Interview mit Prof. Dr. Gerd Bollermann
Interview mit Prof. Dr. Gerd Bollermann anlässlich des 20-jährigen Bestehens des ABA Fachverbandes (1993).
Gerd Bollermann war 1973 einer der Initiatoren und Gründungsmitglied des Verbandes (damals Landesarbeitsgemeinschaft Abenteuer-, Bau- und Aktivspielplätze NRW). Zum Zeitpunkt des Interviews war er beschäftigt als Hochschullehrer an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung und seit 1999 deren Leiter. In seiner politischen Funktion war er zum Zeitpunkt des Interviews Vorsitzender des Jugendhilfeausschusses in Dortmund (1987 – 1994). Seit dem Jahr 2000 gehört er als Abgeordneter dem nordrhein-westfälischen Landtag an. Dort nimmt er das Amt des stellvertretenden Vorsitzenden des Rechtsausschusses wahr. Das Interview wurde von Rainer Deimel, Referent beim ABA Fachverband und verantwortlicher Redakteur, geführt. Es wurde zuerst veröffentlicht in: DER NAGEL 56/1994. Interessanterweise scheint sich an vielen politischen Umständen, die zum Teil Inhalt des Gesprächs waren – vor allem hinsichtlich der kommunalpolitischen Dimensionen – bis heute, also fast zehn Jahre später – kaum etwas geändert zu haben. Die den Texte ergänzenden bzw. erläuternden Fußnoten wurden vor der Einstellung in das Internet eingefügt.
DER NAGEL: Herr Prof. Bollermann, 20 Jahre ABA, lag eine solche oder gar längere Zeit in Ihrer und in der Vorstellung Ihrer Mitstreiter, als Sie Anfang der siebziger Jahre die LAG ABA gründeten?
Gerd Bollermann: Nein, überhaupt nicht. Wir haben in einer Notsituation diese Gründung vorgenommen. Wir waren am Anfang auch in einer Kampfsituation, die Idee durchzusetzen. Wir haben nicht einen Zeitraum von zwanzig Jahren gesehen; wir haben vielleicht über fünf Jahre geblickt und gesagt, wenn wir es in diesen fünf Jahren schaffen, die Idee in Deutschland und hier in Nordrhein-Westfalen stärker zu etablieren, dann haben wir einen tollen Erfolg erzielt. Da hat sich auch relativ schnell gezeigt, dass die eine Initiative oder das andere Projekt erfolgreich war. Nach den ersten fünf Jahren war wohl erkennbar, dass es länger gehen würde, dass wir über den ersten kleinen Berg hinweg waren. Wir wussten allerdings lange nicht, ob sich die Idee wirklich durchsetzen würde. Im Rückblick muss man auch sagen, dass es immer Hochs und Tiefs gegeben hat.
DER NAGEL: Was haben Sie sich damals dabei gedacht, die Organisation „Landesarbeitsgemeinschaft Abenteuer-, Bau- und Aktivspielplätze“ (LAG ABA) zu nennen? Wie war das mit den Begriffen?
G.B.: Seinerzeit gab es eine sehr deutliche inhaltliche Auseinandersetzung – auch – über die Begrifflichkeit. Der Begriff „Abenteuerspielplatz“ war geprägt durch den ersten Abenteuerspielplatz, den es in Deutschland überhaupt gab, nämlich den Abenteuerspielplatz im Märkischen Viertel in Berlin. Der Begriff „Bauspielplatz“ kam aus Dänemark zu uns herüber und wurde favorisiert von Prof. Schottmeier aus Hamburg, der auch in seiner wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Themenbereich seinerzeit versucht hat, den Begriff „Aktivspielplatz“ einzuführen. Dann gab es hier eine besondere Dortmunder Entwicklung. Hier wollte man eigentlich auch auf den Begriff „Aktivspielplatz“ hinaus. Es gab auch Zeiten, in denen es Mehrheiten für den einen oder anderen Begriff gab – ich will mal eine Klammer aufmachen: Jugendfarmen, Spielmobile usw., das spielte zu diesem Zeitpunkt überhaupt keine Rolle. In unserem Team, auf dem Abenteuerspielplatz in Dortmund-Lütgendortmund (Anm. d. Red.: Hierbei handelte es sich 1970 um den ersten Abenteuerspielplatz in Nordrhein-Westfalen), in dem ich hauptamtlicher Mitarbeiter war und die übrigen Praktikantinnen und Praktikanten waren, haben wir um den Begriff, wie denn der zu gründende Verein/Verband heißen sollte, geknobelt. Eine Praktikantin kam auf die Idee, einen Namen zu wählen, der auch klingt, unabhängig von den begrifflichen Auseinandersetzungen. Unter Beteiligung der Kinder des ASP in Lütgendortmund kam es dann zu der Namensgebung. Damals ist auch unser Maskottchen, der Hamster, kreiert worden. Der Hamster mit seinem Werkzeug, der Dokumentation dessen, was die Kinder auf einem ASP tun, half auch mit, ein Stück Identität aufzubauen.
DER NAGEL: Was bewegt Sie, wenn Sie gegenwärtig über die lange Vereinsgeschichte nachdenken?
G. B.: Mich bewegt, dass es in der zwanzigjährigen Verbandsgeschichte immer wieder ein Auf und Ab gegeben hat durch Personen, die diesen Verein mitgeprägt haben. Es sind nicht immer innerverbandlich harmonische Phasen gewesen. Ich habe manchmal den Eindruck gehabt – als später Außenstehender -, es würde nicht weitergehen. An manchen Stellen hätte ich mir den Verlauf etwas harmonischer gewünscht. Das gilt allerdings auch für die Anfangsphasen, in denen wir uns manches Mal im Vorstand gefetzt haben, da es unterschiedliche Interessen gab. Wir waren alle Individualisten mit einem hohen Sendungsbewusstsein. In so einem Zusammenhang sind Reibungen dann zwangsläufig.
Das Zweite, was mich bewegt, ist der Blick nach außen. Wir haben in einer für Kinder gesellschaftspolitisch schwierigen Situation angefangen. Ich hatte geglaubt, wir hätten die Situation für Kinder in diesen zwanzig Jahren ein Stück weiter entwickelt. Es gibt heute das eine oder andere mehr an Angeboten. Defizite allerdings gibt es nach wie vor. Viele Dinge zeichnen sich heute noch viel deutlicher ab als vor zwanzig Jahren. Ich denke da z.B. an das Thema „Gewalt“.
Ein Drittes ist die finanzpolitische Situation. Wir haben als Leute angefangen, die improvisiert haben, die ein Sendungsbewusstsein hatten und davon überzeugt waren, dass die Aufgabe zu schaffen sei. Finanzpolitisch gesehen waren das keine rosigen Zeiten, obwohl es irgendwie ging. In den zwanzig Jahren hat es auch in dieser Beziehung ein Hoch und Nieder gegeben. Augenblicklich sind wir bezüglich der kommunalpolitischen Seite der Finanzierung in einem deutlichen Tief. So schlecht, wie es heute aussieht, war es in der Anfangszeit – selbst bei einer Verklärung, die man manchmal vornimmt – nicht.
DER NAGEL: Sie sind uns nach wie vor als Mitglied verbunden. Für wie wichtig halten Sie die ABA-Arbeit im Augenblick? Worin sehen Sie gegenwärtig die wichtigsten Aufgaben für ABA?
G.B.: Ich bin ABA als Mitglied verbunden – wenn auch in den letzten Jahren eher als passives Mitglied – und werde das auch bleiben. Ich halte den Blick von „außen“ zeitweise für interessant: Ich halte es für wichtig, dass es einen Landesverband gibt, der Interessen artikuliert, der auch sehr deutlich gegenüber Financiers – wie den Kommunen – einen bestimmten fachlichen Anspruch erhebt sowie Interessen und Macht dokumentiert. Viele Leute zeigen Macht; warum nicht auch die PädagogInnen? Zum Zweiten halte ich einen solchen Verband elementar wichtig hinsichtlich Informationsaustausches und Qualifizierung. Fortbildung ist ein ganz wesentliches Instrument. Ein Letztes: Als wir anfingen, waren wir Exoten, die aus einzelnen Städten, z.B. Berlin, Köln und Dortmund kamen, die weite Reisen machen mussten, um sich kennen zu lernen und auszutauschen. Heute ist das Regionalprinzip wichtig. Ich persönlich habe mich seinerzeit lange dagegen gesträubt; inzwischen bin ich davon überzeugt, dass regionale Zusammenhänge einen wichtigen Teil der verbandlichen Arbeit ausmachen.
DER NAGEL: Sie werden es mitbekommen haben, und unsere diesjährige Mitgliederversammlung wird voraussichtlich eine Satzungsänderung beschließen, die zum Ziel hat, (politische) „Interessenvertretung für Kinder“ ebenfalls als Verbandsaufgabe festzuschreiben. Wie stehen Sie dieser Entwicklung gegenüber?
G.B.: Da müssen wir über Politik streiten, was man unter einer politischen Interessenvertretung versteht. Für mich persönlich war der Weg in eine politische Partei in meiner weiteren Entwicklung irgendwie zwangsläufig als jemand, der sich engagiert hat für Bürgerinitiativen. Ich halte von einer Interessenvertretung sehr viel, wenn man politisch als gesellschaftspolitisch versteht. Insofern ist für mich ABA auch immer eine gesellschaftspolitische Interessenvertretung für Kinder gewesen. Man muss Politik in Gesamtzusammenhängen sehen und diskutieren. Insofern kann ich eine Entwicklung hin zu einer global-gesellschaftspolitischen Interessenvertretung sehr gut vertreten. Eine zu enge politische Sichtweise würde ich nicht für gut halten.
DER NAGEL: Unserer Auffassung nach wird es höchste Zeit, dass die VertreterInnen und MitarbeiterInnen der Einrichtungen wieder deutlich an politischem Profil zulegen, und zwar auch genau in dem von Ihnen genannte Sinn, gesellschaftspolitisches Bewusstsein wieder stärker entwickeln, dies sowohl in Richtung Absicherung einer professionellen Arbeit mit Kindern als auch im Sinne o.g. Interessenvertretung für Kinder. Im Zuge dieser Überlegungen haben wir teilweise das Schwergewicht unserer Bildungsarbeit verstärkt auf Perspektiven zur Klärung (fach-)politischer Fragen gelenkt. Würden Sie unsere Auffassung teilen, und könnten Sie uns ad hoc Einschätzungen geben, was Ihrer Meinung nach dabei vor allem zu beachten ist?
G.B.: Wer sich für Kinder einsetzt, wer Defizite deutlich machen will, muss auch politisches Profil zeigen. Für mich gibt es nur wenige demokratische Parteien, die in der Vergangenheit Politik für Kinder gemacht haben; deshalb will ich das nicht parteipolitisch sehen. Dem, was hinter der Frage steht, ist voll zuzustimmen. Ich habe bedauert, dass viele, die in den pädagogischen Bereich gegangen sind, sich apolitisch entwickelt haben. Ich halte es für sträflich, wenn pädagogische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht über die politischen Zusammenhänge, in denen sie arbeiten, Bescheid wissen. Zu einer vernünftigen pädagogischen Arbeit gehört auch ein politisches Grundbewusstsein. Dazu gehört auch, den Kindern deutlich zu machen, warum man dieses Grundbewusstsein hat. Ich bin dagegen, jemanden – auch im pädagogischen Prozess – auf eine politische Partei hin auszurichten. Als Demokrat muss man Kindern sehr deutlich sagen, welches demokratische Spektrum vorhanden ist. Ich bin erschrocken über die Rechtsentwicklung, über die Gewaltauseinandersetzung. Ich meine, genau an der Stelle ist ein Pädagoge oder eine Pädagogin gefragt. Wir müssen als Pädagogen Farbe bekennen und deutliche Signale setzen, deutliche Signale gegen Rechts, gegen die Braunen und gegen Gewalt. Es ist der richtige Weg, stärker Perspektiven zu entwickeln und ein Schwergewicht der Bildungsarbeit hierauf zu setzen.
DER NAGEL: Wir stellen in immer größerem Maße eklatante Widersprüche innerhalb der politischen Parteien fest. Diese beginnen bei Aussagen der Bundesregierung im Verhältnis zu der von Bonn betriebenen Politik und setzen sich häufig mit unterschiedlich großen Divergenzen bis hin auf die kommunale Ebene fort. Wir sehen bei den GRÜNEN augenblicklich das größte Maß an Glaubwürdigkeit, was gewiss auch aus der politischen Opposition heraus nicht sehr schwer ist. Der außerordentliche Landesparteitag der NRW-Sozialdemokraten am 5.3.1994 in Rheine hat beschlossen, dass in der nächsten Legislaturperiode des Landtages ein „Gesetz zur Förderung der Jugendarbeit und der Jugendsozialarbeit als 3. Ausführungsgesetz“ zum KJHG durchgesetzt werden soll. In vielen, auch neu formulierten Inhalten und Zielen sozialdemokratischer Politik sehen wir unsere Arbeit in weiten Teilen bestätigt. Wir erleben aber, dass es vor allem sozialdemokratische KommunalpolitikerInnen sind, die mit Nachdruck – und offensichtlich schamlos und wider besseres Wissen – sozial- und jugendpolitischen Kahlschlag betreiben. Wie schätzen Sie diesen Widerspruch ein?
G.B.: Ich will mit dem Stichwort „Glaubwürdigkeit“ beginnen. Es ist richtig, dass eine Partei in der Opposition nicht nachzuweisen braucht, ob sie das, was sie verspricht, auch hält. Da würde ich dann manchmal auch ein großes Fragezeichen setzen. Zur Oppositionsarbeit gehört meines Erachtens dazu, dass das, was man meint und fordert, auch ehrlicherweise umsetzbar ist. Das Schlimme, was ich derzeit im politischen Geschäft erlebe, ist, dass es Unmengen von Schauanträgen gibt, Unmengen an Vernebelungstaktiken laufen und jeder versucht, sich auf Kosten des anderen zu profilieren. Entkleidet man mal diese ganzen Nebelschwaden und kommt auf den Kernpunkt, dann ist es in der Kommunalpolitik vielfach auch eine Frage der Glaubwürdigkeit und der Durchsetzungsfähigkeit von Personen.
Die Sozialdemokraten haben meines Erachtens jugendpolitisch wieder Tritt gefasst. Wir haben uns einige Zeit lang viel zu sehr nur mit einem Teilbereich beschäftigt, nämlich dem des Kindergartens. Wenn man die Vorgaben der Bundesregierung und die Nachfolgeentwicklungen des Landes sieht, wird ein Großteil des Geldes für den Kindergartenbereich aus den anderen Bereichen der Jugendhilfe herausgenommen. Das ist der Punkt, dass sich diese Widersprüche zwangsläufig ergeben. Mit dem Landesparteitag haben wir jugendpolitisch einen deutlichen Akzent gesetzt. Ich hoffe, dass Franz Müntefering, der Arbeits- und Sozialminister, aber auch der Jugendminister (Anm. d. Red.: des Landes Nordrhein-Westfalen) erkannt hat, dass das Thema „Kinder- und Jugendarbeit“ über den Bereich des Kindergartens hinaus ein ganz wichtiges Thema für die gesellschaftliche Entwicklung dieses Landes ist. Aus Gesprächen mit dem Minister weiß ich, dass er das so sieht. Ich bin der Hoffnung, dass wir mit dem „Gesetz zur Förderung der Jugendarbeit und der Jugendsozialarbeit“, also dem 3. Ausführungsgesetz, etwas Vernünftiges hinbekommen werden. Wie das im Detail aussehen wird, das muss man nach den nächsten Landtagswahlen abschätzen und auch sehen, wie sich die wirtschaftspolitischen Entwicklungen darstellen werden.
Nun zu den offensichtlich sozialdemokratischen Kahlschlägen: Wenn man politische Verantwortung zu übernehmen hat, muss man auch finanzpolitische Verantwortung übernehmen, und hier darf man nicht verkennen, dass derzeit enorme Finanzmittel in Richtung Osten gelenkt werden. Es ist tatsächlich so, dass die Kommunen ganz erhebliche Finanzierungsschwierigkeiten haben, dass sie sich beschränken, dass sie Prioritäten setzen müssen. So kommt es dann dazu, dass es in Nordrhein-Westfalen ganz unterschiedliche jugendpolitische Entwicklungen gibt. Es gibt Städte, in denen alle Jugendheime geschlossen werden, in denen beim Bau von Kindergärten und Kinderspielplätzen nichts mehr funktioniert. Es gibt Städte, die die Abenteuerspielplätze abschaffen , weil sie der Auffassung sind, dass deren Aufgaben auch vom Jugendheim übernommen werden können , und, und, und… Oftmals wird eine Politik des geringsten Widerstandes betrieben. Wo sind die wenigsten betroffen, und wo sind diejenigen, die sich am wenigsten stark durchsetzen können? Dann muss man sich fragen, wenn in einer Stadt den Abenteuerspielplätzen „das Messer an die Kehle gesetzt“ wird: Wie haben wir uns denn eigentlich politisch aktiv beteiligt? Sind wir in einem Stadtteil so verwurzelt, dass wir durch unsere Arbeit Legitimation nachweisen können? Ich könnte das nicht für jede Einrichtung beantworten. So kommt es natürlich auch, dass es Widersprüche gibt, die sich über Personen, in ihren politischen Zielvorstellungen zeigen, aber auch Widersprüche, die sich aus dem Umfeld einer Stadt ergeben. Insofern ist das nie eine einseitige Sache, egal ob das nun SPD-, CDU- oder Koalitionsregierungen auf kommunaler Ebene sind. Ich glaube, wenn es zu so eklatanten Widersprüchen kommt, dass Abenteuerspielplätze geschlossen werden, dann hat das auch was mit denjenigen zu tun, die die Arbeit dort machen. Per Order de Mufti schließt keiner eine Einrichtung. Da heißt es dann wiederum, politisches Profil zeigen. Es wird nur der in ein politisches Geschehen eingreifen können, der, bevor es Konflikte gegeben hat, mit Politikern geredet, der Interessen deutlich gemacht, der Menschen gezeigt hat, dass die Arbeit, die dort geleistet wird, interessant ist.
DER NAGEL: In letzter Zeit lässt sich mancherorts der Eindruck nicht verdrängen, dass die gesetzlich vorgeschriebene Jugendhilfeplanung instrumentalisiert wird, um Kahlschläge zu legitimieren. An einigen Stellen laufen gegenwärtig Verwaltungsgerichtsprozesse gegen die öffentliche Jugendhilfe mit – nach Meinung renommierter Jugendhilferechtsexperten – durchaus berechtigter Hoffnung auf Erfolg. Würden Sie als Jugendpolitiker auch die Auffassung vertreten, dass die Jugendarbeit sich u.U. mithilfe der Gerichte aus der Zange zwischen dem GTK (2. AG KJHG) und den erzieherischen Hilfen befreien soll?
G.B.: Nach meinen Erfahrungen – auch im Umgang mit Gerichten in der Jugendhilfe – führt das langfristig nicht sehr weit. Im Einzelfall kann der Weg über die Gerichte mal der richtige sein. Viel wichtiger ist, im Bereich der Jugendhilfeplanung offensiver zu werden. Ich weiß, dass das Instrument der Jugendhilfeplanung in jeder Stadt anders benutzt wird, in jeder Stadt andere Formen der Partizipation gefunden werden. Trotzdem ist es ein Instrument – das uns der Gesetzgeber vorgegeben hat -, mit dem man arbeiten kann, ob nun in der „klassischen“ Jugendhilfeplanung oder in der sogenannten Vorfeldplanung zur Jugendhilfeplanung. Entscheidend ist, dass der öffentliche Träger mit den freien Trägern und den Initiativen in einen Kommunikationsprozess kommt. Ich sehe auch, dass die Initiativen dabei manchmal benachteiligt sind, da sie zuwenig Kapazitäten haben. Unterm Strich glaube ich, dass der Weg der Gerichte ein zu umständlicher, ein zu wenig effektiver und vor allem kein auf Dialog gerichteter ist, sondern er zementiert Fronten. Das halte ich für nicht gut.
DER NAGEL: Können Sie auch unsere Auffassung teilen, dass sich viele JugendpolitikerInnen nicht in ausreichendem Maße ihrer Verantwortung und ihres Gewichtes, das sie durch das KJHG gewonnen haben, bewusst sind?
G.B.: Ich kenne viele, die damit überfordert sind, weil sie Jugendpolitik als „Feierabend-Politik“ neben anderen Politikfeldern haben. Der Kernpunkt ist meines Erachtens ein anderer: Dieses Bundesgesetz ist ein Gesetz, dem der „richtige Biss“ fehlt. Der richtige Biss in das Gesetz wäre gekommen, wenn es gleichzeitig ein Leistungsgesetz wäre mit einem echten Anspruch. Der Bund und die Länder haben sich gedrückt bei diesem Gesetz; sie haben nicht gesagt, wer „die Zeche bezahlen“ soll. Das beste Beispiel sind die Kindergärten, wo der Bund zwar richtige Entscheidungen getroffen hat, aber im Grunde genommen mit seinem Gesetz in die Tasche der Kommunen oder der Länder greift. Jugendhilfeplanung, vernünftig gemacht, kostet Geld. Nicht jede Stadt, nicht jede Kommune kann sich einen Wissenschaftler, einen langen Prozess der Partizipation erlauben. Es fehlt meines Erachtens da, wie an vielen anderen Stellen, im KJHG an wirklich harten Fakten. Von daher sehe ich die Perspektive etwas verschobener. Ich hätte mir ein besseres Gesetz, eine Leistungsverpflichtung von Bund und Land gewünscht. Dann würde es der eine oder andere auf der kommunalen Ebene auch besser durchsetzen können.
DER NAGEL: Wir sehen auch die finanzielle Misere der Kommunen, die wir für unerträglich halten. Gleichwohl sind wir der Auffassung, dass es gerade jetzt darauf ankommt, dass die Jugendpolitik ihr „Schwergewicht“ in die Waagschale wirft. Kinder und Jugendliche sind „die Zukunft unserer Gesellschaft“ . Was halten Sie von der Vorstellung, dass z.B. alle JugendpolitikerInnen ihr Amt zur Verfügung stellen würden – aparter Gedanke: Deutschland ohne JugendpolitikerInnen, um deren Gewicht einmal auf praktische Weise belegen zu können -, anstatt immer wieder darüber zu lamentieren, dass die Hände gebunden seien, kein Geld da sei usw.?
G.B.: Ein aparter und spontaner Gedanke, in der Tat, der aber letztendlich mehr Schaden provozieren und im Ergebnis noch weniger bringen würde, als das, was dahinter steckt. Wenn alle Jugendpolitiker oder diejenigen, die sich für Jugendpolitik engagieren, nicht gleichzeitig in derart schwierigen Situationen auch Lobbyisten in ihren Fraktionen für Jugend wären – und das würde das ja bedeuten: sie würden dieses Lobbyistentum in den Fraktionen aufgeben -, dann würde es noch viel düsterer, und wir würden um Jahre zurückgeworfen. Trotz aller Schwierigkeiten bin ich der Meinung, die Jugendpolitiker sollten bei der Stange bleiben. Ich würde mir wünschen, sie würden sich manchmal von dem einen oder anderen Finanzpolitiker nicht „unterbuttern“ lassen.
DER NAGEL: Wir beabsichtigen, im Laufe des Jahres Wahlprüfsteine zu entwickeln, in denen für uns die Glaubwürdigkeit der Politik hinsichtlich Kinderfreundlichkeit – nicht im formalisierten Sinne, sondern als politisches Konzept – eine zentrale Rolle spielen wird. Welche Kriterien wären für Sie erheblich in derartigen Wahlprüfsteinen?
G.B.: Wahlprüfsteine sind ein Instrument, das der Verband bereits in seiner frühen Geschichte benutzt hat. Es war seinerzeit kein sehr erfolgreiches Instrument. Trotzdem ist es legitim, Politiker, die sich zur Wahl stellen, zu fragen: Wie haltet ihr es denn mit den Interessen von Kindern? Wie wäre es zu fragen, wie man sich denn die Sozialpolitik in einer Stadt vorstellt? Kinderpolitik muss in einem Kontext mit Jugend- und Sozialpolitik gesehen werden. Wird z.B. im Bereich der Sozialpolitik ein Schwerpunkt gesetzt oder nicht? Oder gehört zur Kinderpolitik die Schaffung von Arbeitsplätzen dazu? Wird darin investiert oder nicht? Auch Kinder leiden ganz enorm unter Arbeitslosigkeit. Das wären für mich die beiden Eckpfeiler für derartige Kriterien:
1. Wie steht es mit Ideen zur Arbeitsmarktpolitik, zur Arbeitsplatzschaffung und zur Arbeit überhaupt;
2. Wie steht es mit der Sozialpolitik, und wie ist Kinderpolitik in diese eingebettet?
Ich halte diese beiden Punkte für die zentralen. Eine Partei, die sich zu diesen Punkten nicht äußert, wäre für mich auf kommunaler Ebene nicht wählbar.
DER NAGEL: Herr Prof. Bollermann, lassen Sie uns noch einmal zurückkommen auf den Kreis, der sich, nachdem ABA vor über zwanzig Jahren in Dortmund gegründet wurde, vor einiger Zeit geschlossen hat, indem die Landesgeschäftsstelle wieder nach Dortmund gekommen ist. Unterschwellig schwingen nach zwei Jahrzehnten seitens der Stadt immer noch irgendwelche „Animositäten“ mit, die wir bedauern, da sie bislang eine wünschenswerte fachliche Kooperation behindern. Über lange Jahre waren Träger der freien Jugendhilfe ein nicht unbedingt beliebtes Kind in dieser Stadt. Das scheint sich geändert zu haben. Gleichwohl haben wir das Gefühl, dass gegen unsere Arbeit immer noch ziemliche Vorbehalte bestehen, die wir in anderen Kommunen nicht haben, im Gegenteil: in zahlreichen Kommunen arbeiten wir sehr vertrauensvoll und intensiv mit dem Träger der öffentlichen Jugendhilfe zusammen. Plakativ gesprochen könnten wir feststellen, dass andere Kommunen unsere Geschäftsstelle „eher verdient“ hätte als Dortmund. Sehen Sie Möglichkeiten, diese unleidige Situation zu verbessern?
G.B.: Am liebsten würde ich sie morgen am Tage verbessern. Ich muss allerdings auch hier die Geschichte sehen. Die Tatsache, dass wir die erste Geschäftsstelle nach der Gründung von ABA nicht in Dortmund angesiedelt haben, fiel unter anderem damit zusammen, dass wir bei der Gründung erhebliche Schwierigkeiten mit dem Jugendamt Dortmund hatten. Der damalige Jugendamtsleiter fand die ABA-Gründung nicht gut und sah überhaupt keine Notwendigkeit dafür. Wenn man so will, hat es in Dortmund von der Gründung an eine gewisse Aversion gegen diesen Verband gegeben. Nichtsdestotrotz muss man sagen, dass die Stadt Dortmund sehr zentral liegt, bezogen auf Nordrhein-Westfalen im Schnittpunkt angesiedelt. Auch von der Anzahl der Abenteuerspielplätze, die wir haben, gibt es eine gute Berechtigung, in dieser Stadt zu bleiben. Es ist richtig, festzustellen, dass Initiativen außerhalb der klassischen Wohlfahrts- und Jugendverbände in Dortmund ganz deutliche Beachtung gefunden haben. Das ist auch ein Stückchen Politik, das ich mitverantwortet habe und zu der ich auch stehe. Schwierig empfinde ich, dass wir in dieser Stadt zur Zeit nicht über ausreichend städtischen oder anderen billigen Büroraum verfügen, was sich hinsichtlich einer Kooperation mit dem Verband oder auch einer besseren Betreuung des Verbandes durch die Stadt erschwerend auswirkt. Es gibt nicht ausreichend Platz, wo Initiativen Raum hätten, ihre Geschäftsstellen bedarfsgerecht zu realisieren. Das trifft nicht nur ABA, sondern auch noch verschiedene andere Jugendverbände in dieser Stadt. Das kann man nicht so einfach lösen. Ich zumindest bin gern bereit, Vermittler zu sein. Mehr kann ich in dieser Situation wohl nicht, aber das will ich gerne tun.
DER NAGEL: Stünden Sie noch einmal für ein Mandat in unserem Verband, z.B. im Vorstand, zur Verfügung?
G.B.: Das kann ich mir nicht vorstellen. Aber man soll nie „nie“ oder „nicht mehr“ sagen. Im Moment habe ich andere Prioritäten in meiner politischen Arbeit. Ich begleite die ABA-Arbeit aus einer gewissen wohlwollenden Distanz und fände es gut, wenn möglichst viele junge Pädagoginnen und Pädagogen sich bereit finden würden, sich hier zu engagieren, Ideen einzubringen, einen Verband nach vorn zu tragen und den Geist der Gründung mit einem „Pusch“ wieder aufzugreifen, um auf Dauer einen lebhaften Verband zu erhalten.
DER NAGEL: Herr Prof. Bollermann, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
NAGEL-Redaktion – „Abenteuerspielplatz“ an der Schnittstelle zwischen Freizeit und Schule
Entwurf und Dokumentation: Rainer Deimel
Vierte, für das Internet überarbeitete Auflage
Dortmund, September 2002
Die vorherigen Auflagen erschienen in Broschürenform, zuletzt im Februar 1995
ABA Fachverband Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen e.V.
Postfach 160 160
44331 Dortmund
Tel. 0231/985 20 53
Fax 0231/985 20 55
ABA@ABA-Fachverband.org
Vorwort
1995 handelte es sich hier um eine Dokumentation über die konzeptionelle Arbeit an einem Projekt, das sich seinerzeit in der Entwicklung befand. Im damaligen Vorwort hieß es, dass es auch in Zukunft keinen abschließenden Bericht über eine „fertige Einrichtung“ werde geben können, da es sich bei diesem Projekt um ein sich stetig entwickelndes Vorhaben handeln sollte, das zu permanenten Veränderungen auffordert. Das Projekt wurde veröffentlicht, da die ehemalige fachliche Leitung die geplanten durchgeführten Aktivitäten für interessant genug bewertete, um sie einer breiteren Fachöffentlichkeit zugänglich zu machen. Gleichzeitig wurde auch auf Nachahmer gehofft.
Die hier beschriebenen Inhalte sind u.a. Arbeitsgrundlage des Arbeitskreises „Abenteuerspielplatz an der Schule“, der sich im Umfeld der Fritz-Steinhoff-Gesamtschule (Gesamtschule Hagen-Nord) gebildet hatte. Sie wurden darüber hinaus als Motivationsgrundlage für die Jugendarbeit und für Schulen, einmal über ihre bisherigen Strukturen hinauszudenken, betrachtet. Blieb weiterhin zu konstatieren, dass über Vernetzung und Kooperation eine Menge geredet wurde, in der Umsetzung aber eher spärliche Versuche zu verzeichnen waren und sind. Als ein Vorteil der Entwicklung des Hagener Projekts wurde gesehen, dass keine Einrichtung der Jugendhilfe sich Verdrängungsgefahren ausgesetzt fühlen musste, da hier ein völlig neuer Ansatz entwickelt werden sollte. Bisher existierenden Einrichtungen sollte es freistehen, sich einzubringen oder nicht.
Die Berührungsängste zwischen Jugendhilfeeinrichtungen und Schulen waren seinerzeit noch erheblich. Das Konzept „Gestaltung des Schullebens und Öffnung von Schule/GÖS“ des Landesinstituts für Schule und Weiterbildung (seit 2002: Landesinstitut für Schule) brachte seinerzeit erstmalig etwas Bewegung in die verkrusteten Strukturen, die regelmäßig die Beziehung von Jugendhilfe und Schule charakterisierten. Zu beobachten war an mancher Stelle auch, dass eine Kenntnisnahme praktischer Innovationen auch Nachahmungseffekte provozierte (und provozieren soll). Eine Erklärung für diese Berührungsängste war, dass schulische Pädagogik in ihren Methoden von sozialpädagogischen Ansätzen her als kontraproduktiv empfunden wurde und Schule oft nicht nachvollziehen kann, dass Transfer-Lernen – etwa in der Offenen Arbeit – nicht augenfällig mit den von ihr entwickelten Curricula harmoniert. Von daher hat sich die „Freizeitpädagogik“ über lange Zeit nicht nur missverstanden, sondern auch ausgenutzt gefühlt. Dies dokumentierte sich etwa in der Forderung nach Schulaufgabenhilfe.
Das hier vorgestellte Projektvorhaben ist nicht realisiert worden. Es „scheiterte“ an diversen Hindernissen. Vielleicht haben wir seinerzeit auch schlicht zu früh begonnen. Es sei mir allerdings – aus aktuellem Anlass – gestattet, einen Hinderungsgrund anzuführen: Ein Abenteuerspielplatz an der Schule war mit den seinerzeitigen schulischen Erfordernissen kaum in Übereinstimmung zu bringen. Er hätte selbst im Falle seiner Realisierung eher ein Schattendasein geführt. Davon kann man sich z.B. auch überzeugen, wenn man sich einmal das „Lernfeld Bauspielplatz“ an der Laborschule in Bielefeld ansieht. Nach wie vor dominiert in der Schule „curriculares Denken“. Um mit Heinz von Foerster zu sprechen, könnte man konstatieren, dass SchülerInnen wie „triviale Maschinen“ begriffen werden, im linear-kausalen Sinne: Wenn ich vorn das und das hinein tue, kommt hinten das und jenes heraus. Schule funktioniert nicht systemisch. Von daher wird sie von Heinz von Foerster auch als „staatliche Trivilisationsanstalt“ bezeichnet.
Die Ergebnisse der PISA-Studie machen das Dilemma deutlich. Zu befürchten ist, dass sich künftig diejenigen, die sich in ihrem westlich rationalistischen Denken noch weiter in ihre Trivilisationsoperationen verlieben werden, um in der Folge daraus die Kinder noch stärker zu ihren Maschinen zu funktionalisieren. In den Erkenntnissen der PISA-Studie steckt allerdings auch die Chance, es künftig besser machen zu können. Vor diesem Hintergrund soll das praktisch gescheiterte Projektvorhaben erneut – nämlich an dieser Stelle – öffentlich zugänglich gemacht werden. Zur praktischen Umsetzung ist gewiss ein großes Maß an zusätzlicher Qualifikation erforderlich. Das betrifft diejenigen, die in der Schule arbeiten, genauso wie die MitarbeiterInnen der Jugendarbeit.
Jugendarbeit und Schule können voneinander lernen. Zum Teil sind Methoden übertragbar, und sie stellen eine innovative Bereicherung bisheriger Ansätze dar. Uns hat seinerzeit – also Mitte der vergangenen 90er Jahre – überrascht, dass Kinder in zahlreichen Interviews angaben, sich von der Schule als solcher nicht abgeschreckt zu fühlen. Sie empfinden gegen vieles an Schulen eine Abneigung, haben aber durchaus Ideen der Verbesserung. Das bedeutet, dass sie nicht unbedingt die Distanz zur Schule suchen, sondern sie sich Schule attraktiver wünschen und sich vorstellen können, auch einen Teil ihrer Freizeit an der Schule zu verbringen.
Dass Schule und Offene Arbeit voneinander lernen können, dazu möchten wir mit dieser Dokumentation einen Beitrag leisten und Anstöße geben. Wer Lust bekommt, in Zukunft weitere, möglicherweise andersartige Projekte der Kooperation zu entwickeln, kann sich zwecks Unterstützung gern an den ABA Fachverband wenden. Die hier vorliegende Dokumentation wurde so überarbeitet, dass sie als Arbeitshilfe für vergleichbare Projekte dienen kann. Sie will auch fachpolitische Impulse setzen. Es ist nicht auszuschließen, dass es an der einen oder anderen Stelle zu sprachlichen Holprigkeiten kommen kann, da die frühren Auflagen von der Gegenwart Mitte der neunziger Jahre aus dokumentierten, augenblicklich allerdings eher retrospektiv berichtet wird. Ich habe versucht, dies in dieser Überarbeitung entsprechend zu berücksichtigen. Möglicherweise wurde an der einen oder anderen Stelle etwas übersehen. Dafür bitte ich um Nachsicht.
I. Einführung
Ort des Projekts
Gelände und Gebäude der Gesamtschule Hagen-Nord (Fritz-Steinhoff-Gesamtschule), Am Bügel 20, 58099 Hagen, Tel. 02331/65071
Fachliche Leitung (in alphabetischer Reihenfolge)
Helga B.-S. (Lehrerin, Fritz-Steinhoff-Gesamtschule), Rainer D. (Bildungsreferent, ABA Fachverband Offene Arbeit mit Kindern e.V., Dortmund), Werner K. (Schulleiter, Fritz-Steinhoff-Gesamtschule, Hagen), Susanne K. (Lehrerin, Betriebswirtin, Fritz-Steinhoff-Gesamtschule, Hagen), Hans-Georg O. (Lehrer, Fritz-Steinhoff-Gesamtschule), Detlef P. (Leiter Freizeit, Fritz-Steinhoff-Gesamtschule), Ingrid R. (Didaktische Leiterin, Fritz-Steinhoff-Gesamtschule, Hagen)
Projektbegleitung (in alphabetischer Reihenfolge)
Dieter A. (Liegenschaftsamt, Stadt Hagen), Margot A. (Bezirksvorsteherin Stadtbezirk Hagen-Nord bis 1994, Hagen), Heinz B. (Vorsitzender Schul- und Sportausschuss, Hagen), Christa B. (Dipl. Päd., Deutscher Kinderschutzbund, OV Hagen), Reinhard G. (Kinderbeauftragter, Jugendamt, Stadt Hagen), Thomas G. (Architekt, Iserlohn), Winfried H. (Grünflächenamt Hagen, Sachgruppenleiter Spielplatzplanung und Kleingartenwesen), Hans Peter J. (Bezirksvorsteher Stadtbezirk Hagen-Nord seit 1994), Jochen J. (Sponsoring-Entwickler), Roger K. (Student, Fachhochschule Bochum, Fachbereich Architektur, Wahlfach Freiraum und Gartengestaltung), Renate K.-M. (Dipl. Päd., Landesvereinigung Kulturelle Jugendarbeit NRW, Dortmund), Steffen M. (ABA Fachverband Offene Arbeit mit Kindern e.V., Dortmund), Prof. Dr. Dipl. Ing. Egon O. (Fachhochschule Bochum, Fachbereich Architektur), Lothar S. (HGW Wohnungsverein, Hagen), Gaby T. (Jugendamt, Stadt Hagen), Jürgen Z. (Grünflächenamt, Stadt Hagen).
Lage
Das Projekt ist räumlich angesiedelt im Hagener Norden und liegt in dem Dreieck zwischen den Ortsteilen Boele, Kabel und Helfe. Besonders der Ortsteil Helfe, zu dem die Schule gerechnet wird, fällt auf durch dichte Hochhausbebauung mit relativ magerer Infrastruktur. Nach Einschätzung des Ortsvereins Hagen des Deutschen Kinderschutzbundes besteht im Hagener Norden ein hoher Bedarf an Spiel- und Erfahrungsmöglichkeiten für Kinder: dies trifft insbesondere für Kinder und Teens zwischen zehn und 15 Jahren zu.
Statistik (1995)
Im Ortsteil Helfe beträgt der Anteil der 7- bis 15-Jährigen (also die originäre Zielgruppe der Einrichtung) an der Gesamtwohnbevölkerung 10 Prozent (5361 Personen). Da der Anteil der bis zu 6 Jahre alten Kinder in Helfe nahezu doppelt so hoch ist wie die jetzige Altersgruppe der 7- bis 10-Jährigen 1, ist in den nächsten fünf Jahren mit einer deutlichen Bedarfssteigerung zu rechnen.
Insgesamt leben im Stadtbezirk Hagen-Nord 41156 Menschen, davon sind gut 10 Prozent bis zu 9 Jahre alt und knapp 10 Prozent zwischen 10 und 19 Jahren. Am höchsten liegt der Anteil der Menschen zwischen 20 und 39 Jahren, nämlich bei fast 29 Prozent. Vor diesem Hintergrund ist damit zu rechnen, das aufgrund dieser zahlreichen Menschen in einer Altersgruppe, die für eine Elternschaft in Frage kommt, auch in den nächsten Jahren der Kinderanteil eher steigen als sinken wird. Im benachbarten Lennetal leben noch einmal 4880 Menschen, von denen gut 11 Prozent bis 9 Jahre alt sind und knapp 11 Prozent zwischen 10 und 19 Jahren 2. Insgesamt könnten (geschätzt) zwischen 3000 – 4000 junge Menschen von der geplanten Einrichtung regelmäßig profitieren.
Erwähnenswert erscheint noch der Anteil der Wohnbevölkerung mit Migrationshintergrund. Dieser beträgt im Stadtbezirk Hagen-Nord über 10 Prozent und im Lennetal 6,5 Prozent.
II. Idee
Seit ihrem Bestehen bietet die Gesamtschule Hagen-Nord für ihre Schülerinnen und Schüler (Freizeit-) Arbeitsgemeinschaften an. Wegen einer zehnprozentigen Kürzung des Ganztagszuschlages bei den Lehrerstunden geriet die Konzeption des Ganztages an der Schule in Gefahr. Neue Wege mussten gefunden werden, die entstandenen Lücken mit außerschulischen PartnerInnen zu füllen. Dieser Umstand fiel zeitlich zusammen mit der Absicht der Schule, sich stärker mit anderen Strukturen im Hagener Norden zu vernetzen. Die Schule selbst ist als Ganztagsbetrieb eingerichtet, und ein hoher Anteil der Kinder hat keine Alternative hinsichtlich Betreuungsangeboten. Aufgrund dieser Tatsache ist über die Schulleitung und unter Kontaktaufnahme durch noch bestehende Arbeitsgemeinschaften verstärkt die Kooperation zu anderen Organisationen gesucht worden. In diesem Falle handelt es sich um Kontakte zum ABA Fachverband Offene Arbeit mit Kindern (inzwischen: ABA Fachverband Offene Arbeit mit Kindern uned Jugendlichen), für den ein derartiges Modell von großem Interesse ist, zur Landesvereinigung Kulturelle Jugendarbeit (LKJ) NRW und zum Deutschen Kinderschutzbund, OV Hagen.
Nach ersten Kooperationsgesprächen und einer fundierten Ortsbegehung wurden kontinuierliche Arbeitstreffen installiert. Im Rahmen des so entstandenen Arbeitskreises (AK ASP/Schule) wurde die Idee eines Projektes „Abenteuerspielplatz an der Schule“ entwickelt. Der AK ASP/Schule und das Grünflächenamt Hagen gehen konform, dass die zu überplanende Fläche gegenwärtig funktionslos ist; zusätzliche Motivation zur Projektentwicklung leistete die Intention der Jugendarbeit, sich verstärkt mit Schulen zu vernetzen sowie das Konzept „Gestaltung des Schullebens und Öffnung von Schule/GÖS“ des nordrhein-westfälischen Landesinstituts für Schule und Weiterbildung 3. Der Gedanke, Jugendhilfe deutlicher mit Schule in einen Zusammenhang zu bringen, schlägt sich ebenso gesetzlich nieder. So weist der § 11 (Jugendarbeit) Abs. 3, 3 SGB VIII (Kinder- und Jugendhilfegesetz/KJHG) z. B. darauf hin, dass schulbezogene Jugendarbeit zu den Schwerpunkten der Jugendarbeit zählt. Ein weiterer Auftrag an die öffentliche Jugendhilfe, mit Schulen zusammenzuarbeiten, ergibt sich aus dem § 81, 1 SGB VIII. Ein augenblicklich in Vorbereitung befindlicher Gesetzentwurf zur Sicherung und Förderung der Kinder- und Jugendarbeit, der Jugendsozialarbeit und des erzieherischen Kinder- und Jugendschutzes (3. Ausführungsgesetz NRW zum KJHG) würdigt die gleichberechtigte Kooperation von Jugendarbeit und Schule in einer spezifischen Nennung (einem separaten Paragraphen), u.a. unter folgenden Stichworten: Herausbildung demokratischen Bewusstseins, Bereitschaft und Fähigkeit gesellschaftlicher Partizipation, Übernahme von Verantwortung, solidarisches Lernen und Handeln, Prävention bei Risiken und Gefährdungen, Schaffung neuer Lebens- und Entfaltungsräume, Ganztagsbetreuung, Anregung der Lernfähigkeit und -bereitschaft von Jungen und Mädchen 4.
III. Zielsetzung
Der Abenteuerspielplatz als Einrichtung soll auf dem Gelände der Gesamtschule Hagen-Nord (westlicher Schulhof) installiert werden. Es steht dort eine Gesamtfläche von ca. 10.000 qm zur Verfügung. Etwa 1.800 qm hügeliges Gelände wären vollständig nutzbar, da sie gegenwärtig brachliegen. Bei der übrigen Fläche handelt es sich vorwiegend um sportliche Einrichtungen, die auch von der Schule genutzt werden. Hier böte sich eine entsprechende Mehrfachnutzung an. Ein als „Schutzwall mit Trimm-Dich-Bereich“ ausgewiesener Abschnitt soll ebenfalls überplant und einbezogen werden.
Der Abenteuerspielplatz umfasst dreierlei konzeptionelle Aspekte. Eine weitere – ebenfalls im folgenden aufgeführte – Perspektive kann ebenso von politischem wie fachlichem Interesse sein.
1.
Es findet eine Nutzung statt innerhalb der schulischen (unterrichtlichen) Pädagogik. Eine solche Einrichtung eignet sich für ganz unterschiedliche Fächer 5, z.B.
- Biologie (Garten, Pflanzenzucht und -beobachtung, Ökologieerziehung, Biotop, Tierbereich, andere erlebbare Natur usw.);
- Sport (Geländespiele, Bolzplatz usw.);
- Werken (Holz-, Metall-, andere Materialerfahrungen und -bearbeitung);
- Gesellschaftskunde (praktische Erfahrungen im sozialen Miteinander, Rollenspiele usw.);
- Kunst (Skulpturen, Bauwerke usw.);
- andere naturwissenschaftliche Fächer wie Chemie und Physik (Feuer, Materialverbindungen, wie Sand-Wasser, Lehm-Wasser usw.);
- Religion, Ethik (Förderung des menschlichen Miteinanders, Begegnungen auf mitmenschlicher Ebene, in Natur- und kulturellen Zusammenhängen);
- Musik (Bau von Klangkörpern usw.);
- u.a.m.: Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt, allerdings eher den vorhandenen Ressourcen.
2.
Der Abenteuerspielplatz dient als Freizeiteinrichtung für die betreffenden Stadtteile. Das Materialangebot ist dem für den schulischen Bereich vorgeschlagenen sehr ähnlich;. die pädagogische Ausrichtung tendiert hier in den Freizeitbereich. Gemäß dieser Absicht würde der Abenteuerspielplatz in die Struktur der Jugendhilfe im Hagener Norden eingefügt. Hierzu sind Öffnungszeiten außerhalb des Schulbetriebes erforderlich (bis ca. 18.30/19.00 Uhr). Es muss versucht werden, für den regelmäßigen Betrieb (zunächst) zwei Stellen für pädagogisches und handwerklich versiertes Fachpersonal zu schaffen. Eine detaillierte pädagogische Rahmenkonzeption würde bei Realisierung dieses Aspektes vorgelegt.
3.
Der Abenteuerspielplatz ist eine konkrete, praktische und regelmäßige Umsetzung der Vorstellungen des Schulministeriums, wie sie in dem Konzept „Gestaltung des Schullebens und Öffnung von Schule“ (GÖS) vorgesehen sind. Vor allem hinsichtlich bestehender und neu zu schaffender Arbeitsgemeinschaften an der Schule werden hier mannigfaltige Möglichkeiten gesehen. In der Zwischenzeit sind bereits Arbeitsgemeinschaften, die seitens der Schule für den schulischen wie den Freizeitbereich (also im Sinne von Offener Arbeit) angeboten wurden, vom Landesjugendamt Rheinland (aufgrund des Vereinssitzes des ABA Fachverbandes im Rheinland) als landesweit richtungsweisend befunden und durch den Landesjugendplan NRW unterstützt worden. Denkbar wäre mittelfristig auch die Einbindung anderer Personen, wie z.B. Eltern, interessierte Senioren usw.
4.
Von der Öffentlichkeit – speziell auch von Eltern – und der Politik wird immer noch zu wenig zur Kenntnis genommen, dass offene Angebote/Offene Arbeit mit Kindern eine wichtige (Ersatz-)Funktion hinsichtlich des Bedarfs an Regelbetreuung übernehmen. Offene Arbeit mit Kindern schließt eine Lücke bei potentiell vorhandenem „Regelbetreuungsbedarf“ und nimmt so quasi eine Hortfunktion ein.
Es gilt
a) ein Informationsdefizit in Öffentlichkeit und Politik zu überwinden und
b) genannte Funktion entsprechend konzeptionell zu berücksichtigen.
Künftig muss deutlicher werden, dass eine vertragliche Übernahme z.B. von Aufsichtspflicht nicht automatisch eine bessere pädagogische Betreuung 6 und Versorgung von Kindern garantiert. Versorgungsbedarf könnte über die Schule (z.B. Mensa) geregelt werden. Für weiteren Bedarf, z.B. Hausaufgabenhilfe, Ruheräume usw. müssten entsprechende Vereinbarungen getroffen werden.
IV. Pädagogische Begründung
Aus schulischer Sicht stellt sich das Angebot von Arbeitsgemeinschaften als unbedingt wichtig dar. Vor dem Hintergrund der Erkenntnisse des Landesinstituts für Schule des Landes NRW, wie sie auch im GÖS-Konzept formuliert werden, kann die Schule ihren Bildungsauftrag und ihren pädagogischen Auftrag mit möglicherweise neuen, bisher unkonventionellen und sehr erfolgversprechenden Methoden und Materialien deutlich verbessern. Aufgrund fachlicher sowie kinder- und jugendpolitischer Erkenntnisse schafft ein Projekt „Abenteuerspielplatz“ zahlreiche zeitgemäße Voraussetzungen zur Begegnung aktueller Probleme einerseits; andererseits würde die soziale Infrastruktur des Hagener Nordens wesentlich aufgewertet.
Ein solches Projekt fügt sich konsequent ein in politische Forderungen hinsichtlich mehr Kinderfreundlichkeit und Kinderbeteiligung; es würde wertvolle Hilfestellung leisten in Richtung Aggressionsabbau bzw. der Sublimierung von Aggressionen (Miteinander statt Gegeneinander, Erfahren und Erlernen von Solidarität, Mutproben, Kräftemessen, weniger Konsum, mehr eigene Tätigkeit usw.). Den Möglichkeiten zur Förderung von Kreativität sind hierbei kaum Grenzen gesetzt. In der (postmoderen) Stadt verlorenengegangen Möglichkeiten wird auf „künstlich-natürliche“ Weise entgegengearbeitet: Kinder erfahren deutlicher als anderswo ihre Wertigkeit (in psychologischer Hinsicht) und bekommen somit Hilfestellungen zur Bewältigung ihres künftigen Lebens. Dies scheint vor allem wichtig vor dem Hintergrund zunehmender materieller, sozialer und psychischer Verarmung, von Wohnungsnot, Arbeitslosigkeit in den Familien usw. Kinder können so ein Selbstwertgefühl entwickeln, was ihnen ansonsten oft – aufgrund beschriebener Umstände – nicht möglich ist. Hier kann eine solche Einrichtung – wie die geplante – aufbauend und stabilisierend wirken. Dies gilt auch für Phänomene wie Drogenmissbrauch und andere Delinquenz. Darüber hinaus leistet ein Abenteuerspielplatz wichtige Beiträge bezüglich gezielter geschlechtsspezifischer Konzeptionen: Mädchen wie Jungen können gemäß ihren Bedürfnissen und Lebenswelten gezielte Förderung und Unterstützung erhalten.
Da eine solche Einrichtung eine Reihe grobmotorischer Möglichkeiten bieten würde, wäre davon auszugehen, dass sich (auch aufgrund einer größeren Gefahrenkonfrontation) das Sicherheitsbewusstsein der Kinder deutlich verbessern würde. Es ist belegbar, dass Kinder generell weniger gefährdet sind, wenn ihnen vielfältige grobmotorische und „gefährliche“ Tätigkeiten ermöglicht werden. Ein Abschirmen von Kindern bzw. ein unnatürliches Beschützen führt in der Umkehrung zu einer nicht zu unterschätzenden, möglicherweise das ganze Leben beeinträchtigenden negativen „Hypothek“ in Richtung Gefährdungen (Unfälle usw.). Diese von der Offenen Arbeit mit Kindern entwickelte Theorie findet im Laufe ihrer über dreißigjährigen Praxis permanente Bestätigung. Umfangreiche Untersuchungen von Dr. Torsten Kunz von der gesetzlichen Unfallversicherung (Eigenunfallversicherung der Stadt Frankfurt am Main) im schulischen und im Vorschulbereich kommen zu adäquaten Ergebnissen, die verschiedentlich dokumentiert sind (vgl. z.B.: T. Kunz: Weniger Unfälle durch Bewegung, Schorndorf 1993; T. Kunz: Mit Bewegungsspielen gegen Unfälle und Gesundheitsschäden bei Kindern, in: DER NAGEL 54, Dortmund 1992. Eine weitere Veröffentlichung von Dr. Kunz zu diesem Thema (Weniger Unfälle durch Bewegung) befindet sich im NAGELKOPF 22 (Risiko als Spielwert, ABA Fachverband 1997).
Bezüglich ökologischer Aspekte ist die Palette von Möglichkeiten nahezu unbegrenzt. Bei entsprechender Sachkompetenz zukünftiger MitarbeiterInnen bietet ein Abenteuerspielplatz die besten Voraussetzungen für einen ganzheitlichen pädagogischen Ansatz.
Innerhalb der Offenen Arbeit mit Kindern bestand jederzeit ein Bildungsanspruch. Dieser wurde über eine lange Zeit nicht ausreichend verdeutlicht. Zumindest wurde das Bildungs-Idiom zwischenzeitlich vollständig von der Schule okkupiert. Eine Erklärung hierfür ist in der Abgrenzung der Offenen Arbeit gegenüber „klassischen“ Bildungseinrichtungen, wie sie die Schule darstellt, zu finden. Offene Arbeit hat die Erfahrung gemacht, dass produkt- und vor allem prozessorientiertes Lernen für Kinder in der Regel effizienter ist, als beispielsweise Frontalunterricht. Assoziativ sei hier an die Aussage Bruno Bettelheims erinnert, der feststellt, dass ein Erlernen des Umgangs mit Werkzeugen (Frontalunterricht) sinnlos sei, wenn es keinen Einsatz von Werkzeugen (Produktorientiertheit) gebe (vgl. Bruno Bettelheim: Kinder brauchen Bücher, Stuttgart 1992 und ders.: Ein Leben für Kinder, Stuttgart 1989). Weiterhin muss festgestellt werden, dass der Offenen Arbeit in der Vergangenheit auch oft das Selbstbewusstsein fehlte, ihren Bildungsanspruch ausreichend deutlich zu machen. Insofern ergeben sich mit Hilfe des vorliegenden Konzepts ganz hervorragende Gelegenheiten, diesbezügliche Lücken (pionierhaft) zu schließen 7.
V. Initiative Netzwerk e.V.
Nach den Sommerferien 1994 wurde von Lehrerinnen und Lehrern die „Initiative Netzwerk e.V.“ als Trägerverein für das hier beschriebene Projekt gegründet.
Über seinen Zweck sagt der Verein in seiner Satzung u.a. aus, dass er Projekte und Aktivitäten für Kinder und Jugendliche vornehmlich im Hagener Norden plane und organisiere und er diese Projekte pädagogisch und finanziell betreue; ferner strebe er innerhalb des Stadtteils eine soziale Vernetzung an. Die Satzung sieht darüber hinaus vor, nach Möglichkeit LehrerInnen der Schule sowie andere in der Kinder- und Jugendarbeit Involvierte in die Vorstandstätigkeit des Vereins einzubinden.
VI. Stadtteilorientierung/Vernetzung
Das Projekt „Abenteuerspielplatz“ wird als fester Bestandteil der drei angrenzenden Stadtteile angelegt. Demzufolge wird von Beginn an ein stadtteilbezogener Ansatz umgesetzt; dies dokumentiert sich durch eine von der Schule durchgeführte Stadtteilkonferenz. Die Stadtteilkonferenz soll zu einem regelmäßigen begleitenden Instrumentarium werden: Ziel ist, neben einer Vorstellung des Projekts im Stadtteil Kooperationsmöglichkeiten zu klären und einzuleiten. Eventuell anstehende Konkurrenzsituationen werden transparent gemacht und nach Möglichkeit abgestellt. Ressourcen im Stadtteil sollten von vornherein sach- und fachgerecht gebündelt werden. Augenblicklich vorstellbare Kooperations- und Gesprächspartner sind die Kirchengemeinden, Häuser der Offenen Tür, die Volkshochschule, stadtteilrelevante Vereine und Organisationen, andere Schulen, die Familienfürsorge, aber auch Kaufleute usw.
Interesse zur Mitarbeit/Vernetzung wurde bislang bekundet von dem Förderverein der Fritz-Steinhoff-Gesamtschule, dem Arbeitskreis Kinder- und Jugendarbeit Hagen-Nord, der Interessengemeinschaft Hagen-Nord, dem Jugendpfarramt, der Arbeiterwohlfahrt, der AWO-Jugendorganisation, den Pfadfindern u.a.m.
VII. Zusätzliche/begleitende Projekt-Bereiche
Zum Teil haben sich die Bemühungen um das Gesamtprojekt bereits in bestehenden Arbeitsgemeinschaften niedergeschlagen. So finden beispielsweise jetzt schon Aktivitäten gegen Ausländerfeindlich-keit sowie geschlechtsspezifische Angebote mit Mädchen (z.B. Selbstverteidigung usw.) statt; hierbei sollte erwähnt werden, dass ein Großteil der Besucherinnen nicht Schülerinnen der Schule sind (Verhältnis 18:7). Ferner soll darauf hingewiesen werden, dass sich unter den Mädchen eine Gruppe von Roma und Sinti und eine Gruppe von Asylbewerberinnen befindet. Eine Begegnung mit Schülerinnen zu organisieren, kann in diesem Fall als bereits gelungen bezeichnet werden. Gegenwärtig gibt es zusätzlich Bemühungen um Kontakte mit dem Ziel, weitere Projektbereiche zu akquirieren und zu etablieren (z.B. Kontakt zum Hagener Künstlerhaus usw.).
Für das Schuljahr 1995/96 war die Erweiterung bzw. Fortführung des Mädchenprojekts, das von der Bund-Länder-Kommission gefördert wurde, geplant. Bei der Fortsetzung dieses geschlechtsspezifischen Projekts ging es speziell um die Förderung der Jungenarbeit. Bei der Projektbeschreibung ist dabei u.a. auch eine „AG Spielplatz“ nur für Jungen berücksichtigt worden.
Mit über sechzig Kindern und einigen LehrerInnen wurde im Frühjahr 1994 eine Exkursion auf den Abenteuerspielplatz in Düsseldorf-Eller organisiert. Die Beteiligten hatten bei dieser Tagesveranstaltung die Möglichkeit, sich fundiert über Inhalte und Methoden eines „klassischen“ Abenteuerspielplatzes zu informieren. In begleitenden Interviews äußerten sich alle Kinder begeistert über die angebotenen Aktivitäten. Durchweg waren sie der Auffassung, dass eine vergleichbare Einrichtung an der Schule deren Attraktivität grundsätzlich erhöhe und sie – die Kinder – voraussichtlich mehr Zeit an der Schule verbringen würden, als sie dies zur Zeit täten. Erstaunlicherweise spielte die Tatsache, dass die Einrichtung am organisierten „Pflichtlernort“ Schule eingebunden sein würde, keine Rolle bezüglich der eingeschätzten Attraktivität. Im Gegenteil vertraten manche Kinder die Position, dass durch einen solchen „Ausgleich“ auch die eher belastenden Momente der Schule reduziert würden. Es scheint sinnvoll, auch künftig Exkursionen mit SchülerInnen zum Anlass zu nehmen, die Palette der Anregungen bezüglich der Umsetzung des geplanten Projekts zu vergrößern.
Bei weiteren geplanten bzw. zu planenden Arbeitsgemeinschaften im GÖS-Bereich wird eine jeweilige Anbindung an das Projekt „Abenteuerspielplatz“ bedacht (z.B. Interkulturelle Aktivitäten, Musik, Sport, Gestaltung, Theater usw.)
Seit der Sommerpause 1994 werden Lehrerinnen und Lehrer gezielt sowohl in das Gesamtprojekt als auch in einzelne Projekt-Bereiche eingebunden. Begleitet wird auf dieser Ebene das Projekt durch Lehrerfortbildungen, z.B. Mädchen- und Jungenarbeit, Haftungs- und Versicherungsfragen, Aufsichts- und Verkehrssicherungspflicht u.a.m. Ende 1995 wurde vom ABA Fachverband in Kooperation mit der Schule ein Fachkongress unter Motto „Risiko als Spielwert“ durchgeführt. Die Kongressbeiträge sind gleichnamigen NAGELKOPF 22 veröffentlicht. Die während des Kongresses verabschiedete „Hagener Erklärung“ kann im Internet aufgerufen werden.
Seit Januar 1995 ist die „Initiative Netzwerk e.V.“ Träger des „Jugendcafés Kabel“. Gegen Jahresende stellte sich heraus, dass das Jugendcafé in Hagen-Kabel, das sich bisher fünf Jahre lang in Trägerschaft des Diakonischen Werkes befand, akut von Schließung bedroht war. Die „Initiative Netzwerk e.V.“ bemühte sich mit anderen Personen und Organisationen um die Rettung des Cafés.
Der Erhalt des Jugendcafés konnte zunächst gesichert werden. Eine Fortführung ist von Seiten der Stadt Hagen wurde in Aussicht gestellt. Bis auf Weiteres war die Stadt Hagen bereit, einen Lohnkostenzuschuss zu zahlen. Ca. 30 Prozent der Gesamtkosten für den Betrieb übernimmt der Trägerverein. Dies wurde durch eine Spende der Petrus-Kirchengemeinde möglich.
Ohne einen Trägerverein wäre die Rettung des Jugendcafés undenkbar gewesen. Bei diesem Jugendtreff handelt es sich um die einzige Einrichtung im Stadtteil, die Jugendlichen Möglichkeiten zur Kommunikation, Beratung und Anleitung zu sinnvoller Freizeitgestaltung bietet. Es war ein interessantes Experiment der „Initiative Netzwerk e.V.“ (als ein sehr junger Träger mit wenigen Mitgliedern), die sich anschickte, Jugendhilfe-Erfahrungen zu sammeln. Die Tatsache, dass vorwiegend Lehrerinnen und Lehrer einer Schule derartige Aktivitäten auf dem Jugendhilfesektor entwickeln, sollte Impulse im Bereich der Freizeitarbeit setzen, verstärkt die Kooperation mit Schulen vor Ort zu suchen. In Hagen jedenfalls hat die Bereitschaft der „Initiative Netzwerk e.V.“, das Jugendcafé zu übernehmen, erstaunliche Wirkung innerhalb des Stadtteils gezeigt. Bei mehreren Konferenzen am „Rundes Tisch“ wurde von den beteiligten VertreterInnen von Verbänden, Parteien und anderen Organisationen deutliches Interesse geäußert und dieses auch durch tatkräftige Unterstützung und Angebote finanzieller Beihilfen untermauert. Die „Initiative Netzwerk e.V.“ hoffte seinerzeit, nach einem gelungenen Abschluss der Verhandlungen mit der Stadt und einer erfolgreichen Arbeit im Jugendcafé ebenfalls die Trägerschaft für den Abenteuerspielplatz übernehmen zu können. Die Einbeziehung des im Jugendcafé beschäftigten Sozialarbeiters in die Spielplatzarbeit wurde bereits eingeplant in der Hoffnung, auf diesem Wege eine Verknüpfung des Jugendcafés mit dem Abenteuerspielplatz erreichen zu können.
VIII. Dokumentation und Öffentlichkeitsarbeit
Das gesamte Projekt wurde auf einer großflächigen Wand, auf der die einzelnen Schritte planerisch und zeitlich anschaulich dargestellt werden, dokumentiert. Ferner sind dieser Darstellung auch die abgeschlossenen Realisierungsphasen sowie neu entwickelte praktische Schritte zu entnehmen. Diese Dokumentation wurde in der Landesgeschäftsstelle des ABA Fachverbandes in Dortmund ausgestellt und konnte dort eingesehen werden.
Ferner existierten Fotos von Einrichtungen und beteiligten Kindern sowie Interviews mit Kindern. Im „Lehrerinfo“ der Fritz-Steinhoff-Gesamtschule vom 18.5.1994 wurde das Kollegium von der didaktischen Leiterin über den Stand des Projekts informiert.
Vor allem die großflächige Dokumentation sorgte im Binnenbereich der Schule für einen erfreulichen Ideentransfer und somit für einen Schneeball-Effekt hinsichtlich einer zu erweiternden Unterstützung des Vorhabens. Eine über den Schulalltag hinausgehende Funktion übernahm die Dokumentation im Rahmen des Gesamtschultages Anfang Mai 1994, was seitens anderer Schulen prompt zu Rückfragen führte, ob derartige Projekte nicht auch dort angegangen werden könnten. Mittelfristig sollte das Projekt einer breiteren (Fach-)Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.
IX. Politische Strategien
Trotz aller „pädagogischer Begeisterung“ (oder vielleicht gerade deshalb) standen politische Strategien zur Umsetzung des Projekts nicht im Vordergrund. Primär musste die Frage geklärt werden, ob ein derartiges Unternehmen innerhalb der „Binnenstruktur Schule“ überhaupt realistisch sein würde. Durch die Arbeit des „Arbeitskreises ASP/Schule“ dynamisierten sich die Arbeitsinhalte allerdings schneller, als dies vom Arbeitskreis übersehen werden konnte. Kaum Kenntnis von dem Vorhaben genommen, wurde durch außenstehende Personen und Institutionen größeres fachliches Interesse (Landesinstitut für Schule, Landesjugendämter Rheinland und Westfalen-Lippe usw.) bekundet als ursprünglich angenommen.
Aufgrund dieses Umstandes konnte nicht verhindert werden, hiermit auch politische Empfindlichkeiten zu berühren. Der fachlichen Leitung kam es vor allem darauf an, von vornherein ein umsetzungsfähiges Konzept vorzubereiten, bevor es formell den Gremien auf der politischen Ebene unterbreitet wurde.
Gleichwohl bekundete die Bezirksvertretung Hagen-Nord relativ früh ihr Interesse an dem Projekt. Seitens des Hagener Jugendamtes wurde zunächst darauf verwiesen, dass für ein solches Vorhaben keine Mittel zur Verfügung stünden. Unabhängig davon sah die fachliche Leitung es als ein Ziel an, dass das Gesamtprojekt und die einzelnen Projektteile ihren Niederschlag in der Jugendhilfeplanung der Stadt Hagen finden sollten.
Vor diesem Hintergrund sollten gezielt Kontakte vertieft werden:
– zur Bezirksvertretung Hagen-Nord
– zum Jugendhilfeausschuss der Stadt Hagen
– zum Schul- und Sportausschuss der Stadt Hagen
– zum Jugendamt (Amtsleitung)
– zum Schulamt (Amtsleitung).
– zum Grünflächenamt
In zu planenden Gesprächen sollten einerseits fachliche Fragen und andererseits Leistungsmöglichkeiten erörtert werden. Die Entwicklung weitergehender Strategien wurde vorangetrieben. Zwischenzeitlich wurden sämtliche Angelegenheiten der politischen Außenvertretung über die „Initiative Netzwerk e.V.“ gebündelt (s. Kap. V).
X. Personal
Neben Arbeitsgemeinschaftsleiter/innen und dem Lehrpersonal der Schule ist es erforderlich, die Einrichtung mit regulärem Personal auszustatten. Eine Mindestvoraussetzung sind zwei volle Stellen, möglicherweise verstärkt durch Honorarkräfte. Hierzu müssen Verhandlungen mit der Stadt geführt werden. Mit der Perspektive, Personalkostenzuschüsse zu erhalten, sollte ebenso das Schulministerium einbezogen werden (z.B. in Richtung Anschubfinanzierung). Hierbei ist vor allem auf den Modellcharakter der Einrichtung hinzuweisen. Denkbar ist ebenso, dass zunächst Kräfte aus dem ABM-Programm der Arbeitsverwaltung und aus dem Programm „Hilfe zur Arbeit“ (Landesprogramm zur Bereitstellung von Arbeitsgelegenheiten für arbeitslose Sozialhilfeempfänger/ASHE) eingestellt werden 8. Vorstellbar ist ebenso der Kontakt zu Fachhochschulen und Fachschulen, mit dem Ziel, Praktikantinnen zu interessieren.
Bezüglich einer eventuellen „Regelbetreuung“ (Hortbetrieb) müssten zusätzliche Absprachen und Regelungen getroffen werden.
XI. Jugendhilfeplanung
Im jugendpolitischen Gesamtzusammenhang ist dafür Sorge zu tragen, dass das Projekt Eingang in die Jugendhilfeplanung der Kommune integriert wird.
Hinsichtlich der Planungskriterien, wie sie durch den 8. Jugendbericht der Bundesregierung vorgegeben und aus fachlicher Sicht unangezweifelt sind, böte das Projekt ausgezeichnete – auch experimentelle – Ansätze (Sozialraumorientierung statt quantitativer Flächendeckung, Lebensweltorientierung statt Einrichtungsplanung, Einmischung statt Abgrenzung, (fach-)politischer Diskurs statt Konfliktvermeidung, Beteiligung statt Ausgrenzung). Weitere Gebote des SGB VIII (KJHG) könnten ebenfalls eingelöst werden (z.B. §§ 1, 3, 4, 8, 9, 11 u.a.m.).
Ferner ist das Projekt geeignet, auch innerhalb unterrichtlicher Zusammenhänge Kinder- und Jugendbeteiligung zu proben und umzusetzen (Stichworte: Gesellschaftslehre, politische Partizipation von Kindern).
XII. Trägerschaft
In ersten Überlegungen wurden als mögliche Träger fÂr das Projekt „Abenteuerspielplatz Gesamtschule Hagen-Nord“ der Deutsche Kinderschutzbund, der ABA Fachverband und der Förderverein der Schule genannt. Ein weiteres Arbeitstreffen favorisierte ein Träger-Kooperationsmodell, dem angehören sollten:
– die Gesamtschule Hagen-Nord
– der ABA Fachverband
– der Deutsche Kinderschutzbund
– die Stadt Hagen (Jugendamt)
– der Arbeitskreis Kinder- und Jugendarbeit Hagen-Nord
– die Interessengemeinschaft Hagen-Nord.
Als Trägerverein wurde schließlich 1994 die „Initiative Netzwerk e.V.“ gegründet (s. Kap. V.).
XIII. Umsetzung
Das Projekt sollte in mehreren Phasen umgesetzt werden, wobei zunächst vorhandene Ressourcen innerhalb der Schule deutlicher ermittelt und aktiviert werden sollten. Dies bezog sich beispielsweise auf den Technikbereich, der zwischenzeitlich einen Teil seiner Aktivitäten auf das Projekt konzentrierte.
Im Projektunterricht wurde nach den Sommerferien 1994 damit begonnen, das Gelände zu bearbeiten. Der Unterricht wurde durch verschiedene Anregungen (z.B. Besuch einer Kükelhaus-Ausstellung u.a.m.) flankiert.
Daneben wurden die SchülerInnen direkt in Planung und Umsetzung integriert. Ihre Vorstellungen und konzeptionellen Ideen sollten – soweit eben möglich – grundsätzlich in die Umsetzung einfließen. Foren hierfür sollten Arbeitsgemeinschaften und der Unterricht sein.
Hinsichtlich der Gestaltung des Geländes waren zeitweise drei Bereiche in Planung: ein Abenteuerbereich (Bauspielplatz, Biotop, Totholzbiotop usw.), ein Erlebnisbereich (unter Einbeziehung von Geräten) und ein Ruhe- und Kommunikationsbereich.
Bei der „künstlichen“ Ausgestaltung sollte nach Möglichkeit darauf geachtet werden, dass natürliche und naturnahe Stoffe verwandt werden, z.B. Steine und Stämme als Sitzgelegenheiten. Derartige Materialien steigern nicht nur den ästhetischen Wert der Anlage, sie verhindern in der Regel auch größere Zerstörungen durch Übergriffe von außen 9.
Von der von Anfang an verfügbaren Infrastruktur sollten die sanitären Anlagen, Teile der Schule, Lagerräume sowie ein Materialhaus übernommen werden. Das vorhandene „Atrium“ böte sich – nach einer Renovierung z.B. durch eine AG – als Theater- und Mehrzweckbühne (Rockveranstaltungen, Open-Air-Konzerte) an. Die vorhandenen Felsen/Felswände sollten nicht überplant werden. Ferner sollte der im Gelände befindliche Hügel zunächst größtenteils als ökologische Reserve bestehen bleiben.
In der weiteren Entwicklungs- und Investitionsschritten des Projekts war vorstellbar, auf dem Gelände einen Wasser-/Wasser-Sand-Matsch-Bereich sowie einen Tierbereich zu integrieren; letzter wäre in guter Weise geeignet gewesen, den Kindern(auch in ihrer Identität als „SchülerInnen“) zusätzliche Anreize zur Übernahme von (Eigen-) Verantwortlichkeit zu schaffen.
XIV. Ausbau anderer Kontakte
Zu unterschiedlichen Zwecken wurde es als sinnvoll betrachtet, gezielt diverse Kontakte aufzubauen.
Hinsichtlich einer Unterstützung bei der Gestaltung des Geländes war vorstellbar, das Technische Hilfswerk u.ä. Organisationen einzubeziehen. Beim Erstellen des Ökotops und anderer Naturelemente schien die Kooperation mit dem BUND als vorteilhaft; Kontakte bestanden hier seit dem Herbst 1994. So gab es beispielsweise eine persönliche Beratung beim Anlegen von Schneisen im Gelände und beim Rückschnitt von Gehölzen.
Über Kontakte zu Hochschulen (Fachrichtungen Pädagogik, Architektur usw.) hätte versucht werden können, StudentInnen und Lehrende für das Projekt zu interessieren und sie mit ihren Fähigkeiten und Fertigkeiten für eine Beteiligung zu gewinnen. Seit April 1994 bestand ein Bezug zur Fachhochschule Bochum, Fachbereich Architektur. Das „Projekt Abenteuerspielplatz“ wurde dort im Rahmen einer Semesterhausarbeit einer Studentengruppe zur Verfügung gestellt. Deren Ergebnisse flossen zum Teil dann wieder in die Planungen ein.
Sofern Sachzusammenhänge auf der Hand liegen, hätten über die Initiative von Schul-Arbeitsgemeinschaften erfolgreiche Kontakte hergestellt werden, z.B. Musikveranstaltungen – Rockkünstler, bildnerisches Gestalten – darstellende Künstler/Künstlerhaus, Tierhaltung/Naturbezüge – landwirtschaftliche Betriebe usw. Ebenso schien der Kontakt zu Theater, Feuerwehr, Freilichtmuseum, Volkshochschule usw. durchaus potentielle Kooperation zu beinhalten. Der Phantasie waren weniger Grenzen gesetzt als den Ressourcen. Allerdings sollten alle Beteiligten, bevor sie die Ressourcenfrage als Quasi-Entscheidung über die Unmöglichkeit eines Vorhabens stellen, zuvor die Phantasie „grenzenlos“ ausschöpfen.
XV. Finanzierung
Wäre der AK ASP/Schule den seinerzeitigen Erfahrungen hinsichtlich etwaiger Finanzierungsmöglichkeiten gefolgt, wäre das Projekt bereits nach wenigen Arbeitssitzungen abgebrochen worden. Der Wille zur Realisierung war bei den Beteiligten zwischenzeitlich so groß, dass auch die Hinweise der Stadt, es gebe überhaupt keine Realisierungschancen, nichts von dem Engagement und der festen Absicht, den Plan umzusetzen, nehmen konnte.
Der Wohnungsverein (HGW), der auch dafür bekannt ist, sich auf sozialem Gebiet zu engagieren, zeigte sich von dem Konzept überzeugt und signalisierte eine – möglicherweise nicht unbedeutende – Beteiligung an den Kosten.
Ferner sollte ein gezieltes Sponsoring-Konzept aufgelegt sowie um Spenden (als Starthilfe) ersucht werden. Ob sich Sponsoren bereit gefunden hätten, sich an der Regelfinanzierung zu beteiligen, hat das Projekt leider nicht mehr erleben können. Im damaligen Planungszeitraum war neben einem Großsponsor an etliche Kleinsponsoren gedacht. Eine Liste potentieller Kleinsponsoren existierte bereits und sollte bei den weiteren Bemühungen „abgearbeitet“ werden.
Des weiteren sollten Verhandlungen mit der Stadt zeigen, ob es nicht doch noch Möglichkeiten gegeben hätte, das Konzept als Leistung der Jugendhilfe zu fördern.
Ferner sollten Schritte eingeleitet werden, das Land Nordrhein-Westfalen vom Modellcharakter des Projekts zu überzeugen, um auf diese Weise eventuell eine (Anschub-)Finanzierung zu erreichen.
Die Personalkosten sollen zunächst durch Drittmittel aufgebracht werden. In Frage hierfür wären gekommen die Arbeitsverwaltung (ABM) und das Sozialamt (Arbeit statt Sozialhilfe). Ebenfalls sollte darüber verhandelt werden, ob der Verein „Initiative Netzwerk e.V.“ nicht in die Lage hätte versetzt werden können, eine oder zwei Stellen über das Bundesamt für Zivildienst einzurichten.
Weitere potenzielle Quellen sollten ein: Stiftungsmittel, „Geld statt Stellen “ (GÖS), Freiwilliges Soziales Jahr usw.
XVI. Aktualisierung 2002
Das Experiment war möglicherweise „der Zeit voraus“. Jedenfalls ist es gescheitert. Die Hauptlast blieb bei der didaktischen Leiterin der Schule, die Vereinsvorsitzende der „Initiative Netzwerk e.V.“ war, „hängen“. Erforderliche Unterstützung durch andere Kräfte blieb – nach anfänglicher großer Euphorie – weitgehend aus. Die Seinerzeitige „Rettungsaktion“ – das Jugendcafé betreffend – schöpfte ungeahnte Energien und Ressourcen bei dem kleinen Trägerverein ab. Die Rettung des Jugendcafés wurde auch vom Konsultat der Republik Italien unterstützt, da es im Einzugsgebiet viele italienische StaatsbürgerInnen gibt und es sich bei den BesucherInnen häufig um junge ItalienerInnen handelte. Es gab eine Phase, in der die Aktivitäten um das Jugendcafé derart dominierten, dass die Bemühungen um das Projekt „Abenteuerspielplatz“ förmlich „unter die Räder“ gerieten. Ob Schule in Zukunft insgesamt ein feineres Gespür für die Aktualität und Sinnhaftigkeit solcher Bildungsmethoden entwickelt, die die Offene Arbeit mit Kindern anzubieten hätte, bleibt abzuwarten. Die Ergebnisse der PISA-Studien lassen ein wenig darauf hoffen, dass die Organisation einer staatlichen Trivilisationsanstalt (Heinz von Foerster) bei weitem nicht ausreicht, dem Bedarf junger Menschen adäquat zu entsprechen. An unserem hier dokumentierten Beispiel wird deutlich, dass – der ersten Euphorie folgend – das Schulsystem bislang geeignet war, KollegInnen, die etwas Neues, über das bislang Übliche Hinausgehendes anzufassen und auszuprobieren, auf treffliche Weise zu verheizen in der Lage war und ist.
In unserem Beispiel konnte mit einer Art erneuten „Rettungsaktion“ erreicht werden, die Trägerschaft für das Jugendcafé wieder an die Diakonie abzutreten. Der Trägerverein „Initiative Netzwerk“ wurde 1999 aufgelöst. Der Abenteuerspielplatz ist bis heute nicht realisiert worden. Bereits in seinen zarten Anfängen blieb die ganz praktische Arbeit fast ausschließlich bei der Vereinsvorsitzenden sowie den WerklehrerInnen hängen. Ohne vielfältige und vielseitige Unterstützung bzw. ohne, dass die Philosophie eines „Lernfeldes Abenteuerspielplatz“ umfassend in die Konzeption der Schule hätte integriert werden können, war das Projekt zum „Scheitern“ verurteilt. Möglicherweise hätte dies verhindert werden können, wenn die PISA-Studie ein paar Jahre früher erstellt worden wäre.
Anmerkungen:
1 Angaben 1993 des Hagener Amtes für Statistik
2 Angaben 1992 des Hagener Amtes für Statistik
3 Aufgrund geänderter ministerieller Zuständigkeiten gibt es seit 2002 zwei Institute unter einem Dach, nämlich das Institut für Schule sowie das Institut für Qualifizierung
4 Ein solches Gesetz ist bis dato in NRW nicht realisiert worden.
5 Selbstverständlich ist eine fächerübergreifende Nutzung sehr gewünscht.
6 Aus fachlich-qualitativer Sicht böte sich eher an, von pädagogischer Begleitung“ zu sprechen.
7 Nach den Erkenntnissen, die uns die PISA-Studie beschert hat, können „die Karten“ ohnehin noch einmal neu „gemischt“ werden.
8 Das Landesprogramm wurde mittlerweile eingestellt. Es gibt aber noch die Möglichkeit, an kommunalen Programmen zu partizipieren.
9 Zwischenzeitlich ist hierzu ein sehr empfehlenswertes Buch erschienen, nämlich: Manfred Pappler/Reinhard Witt: NaturErlebnisRäume. Neue Wege für Schulhöfe, Kindergärten und Spielplätze, Seelze-Velber 2001.
NAGEL-Redaktion – Abenteuerspielplätze und Erlebnispädagogik
An die Redaktion „Aus dem Westen“ der WAZ (Westdeutsche Allgemeine Zeitung)
Schreiben vom 1. Oktober 2001
Sehr geehrte Damen und Herren,
auf der Seite „Aus dem Ruhrgebiet“ befand sich in der heutigen Ausgabe der WAZ der Artikel „Im Big Tipi darf jetzt geklettert werden“ von Dieter Jaeschke. Meine Reaktion gilt der Aussage von Herrn Jaeschke, in der er konstatiert, dass in den kommenden zwei Jahren „rund um das Big Tipi ein Erlebnispark entstehen (soll), gegen den herkömmliche Abenteuerspielplätze alt aussehen“.
Meine Frage an Herrn Jaeschke: Wissen Sie, was ein Abenteuerspielplatz ist? Und was ist ein „herkömmlicher Abenteuerspielplatz“?
Ich schreibe Ihnen im Auftrag des ABA Fachverbandes Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, einem Verband, der in Nordrhein-Westfalen sowohl die Abenteuerspielplätze als auch Erlebnispädagogik organisiert. Ich vermute, dass beim Schreiben ein „herkömmlicher Spielplatz“ assoziiert wurde, wobei auch in dieser Begrifflichkeit eine gewisse Gefahr steckt, da sich der „normale Kinderspielplatz“ in den letzten Jahren bezüglich seines Erlebniswertes nicht selten konstruktiv weiter entwickelt hat. Spielgerätehersteller wissen längst über die Bedeutung „riskanten Spielens“. Gleichwohl haben sich in den Köpfen – durchaus – wohlmeinender Erwachsener Stereotypen über langweilige Gerätespielplätze festgesetzt. Damit will ich nicht behaupten, dass es solche Langweiler-Plätze nicht mehr gibt. Wie hinter der sogenannten „Erlebnispädagogik“ steht auch hinter der „Abenteuerspielplatz-Pädagogik“ ein handlungsorientiertes Bildungskonzept. Abenteuerspielplätze und Erlebnispädagogik verfügen regelmäßig über zahlreiche methodische und inhaltliche Gemeinsamkeiten. Erlebnispädagogik wird nicht selten in ambulanter Form angeboten, Abenteuerspielplätze verfügen über ein ganzjährig zugängliches stationäres Gelände. Dank der Initiative der Stadt Dortmund ist es im Falle des Big Tipi gelungen, Erlebnispädagogik ebenfalls stationär einzurichten; dies in Verbindung mit dem seit fast dreißig Jahren bestehenden Abenteuerspielplatz Fredenbaum, eine der beachtlichsten Einrichtungen für Kinder auf dem Gebiet der Stadt Dortmund. In einer weiteren Bauphase werden die Bereiche des Abenteuerspielplatzes, die dem Big Tipi weichen mussten, wieder hergerichtet. Sowohl der Verein E.L.E. mit seinen engagierten MitarbeiterInnen als auch die fachlich versierten PädagogInnen des Abenteuerspielplatzes Fredenbaum sind Mitglieder in unserem Verband.
Mein Anliegen ist es, Sie davon zu überzeugen, dass die Formulierung in Ihrem Beitrag unzutreffend ist. Ferner wäre mir daran gelegen, die Redaktion der WAZ zu gewinnen, wieder vermehrt für das Konzept des Abenteuerspielplatzes zu werben. Das Big Tipi wird wohl eher ein Unikat bleiben, Abenteuerspielplätze könnten allerdings flächendeckend eingerichtet werden. Dies ist übrigens eine Empfehlung des Bundesregierung, die diese im 10. Kinder- und Jugendbericht (Bonn 1998) zum Ausdruck bringt. Im Bericht selbst kommt die Sachverständigenkommission unter der Leitung von Prof. Dr. Lothar Krappmann zu der Auffassung, dass sich beim Abenteuerspielplatz am ehesten „originäre kinderspezifische Ansätze entwickelt haben“ (vgl. 10. Kinder- und Jugendbericht, S. 223). Ich möchte noch einmal auf meine Vermutung zurückkommen, dass „herkömmliche Spielplätze“ (Langeweiler-Variante) assoziiert wurden. Dass derartige Spielplätze nicht in der Lage sind, kinderspezifische Möglichkeiten zu erzeugen, beobachtete bereits der Kopenhagener Gartenarchitekt Theodor Carl Sørensen Anfang der 40-er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Er spürte die Kinder auf und fand sie auf Trümmergrundstücken, Schritthalden, Baustellen usw. Aus dieser Beobachtung wurden in der Folge in Dänemark die Gerümpel- und Bauspielplätze entwickelt. Die britische Gartenarchitektin Lady Allen of Hurtwood wurde von diesen Einrichtungen derart inspiriert, dass sie in England die ersten Abenteuerspielplätze („adventure playgrounds“) kreierte. Und bereits Wilhelm Reich wies in den zwanziger Jahren auf die Bedeutung derartiger Spielformen hin. Vielleicht ist ein Hinweis auf den Reformpädagogen Kurt Hahn, der gewissermaßen als der „Erfinder“ der Erlebnispädagogik bezeichnet werden kann, hilfreich, erhielt er doch von dem ehemaligen Reichkanzler, dem Prinzen Max von Baden den Auftrag, ein Internat zu organisieren. Es handelt sich dabei um das berühmte Schloss Salem in der Nähe des Bodensees. Auch heute noch befinden sich in besagtem Internat wie selbstverständlich ein Abenteuerspielplatz und eine Jugendfarm (Kinderbauernhof). Scherzhafterweise könnte man hinzufügen, dass „betuchte Eltern“ durchaus wissen, was für eine gedeihliche Sozialisation ihrer Kinder vonnöten ist.
Für die Kinder von Otto und Ottilie Normalverbraucher scheint es nicht so sehr darauf anzukommen. Um so weniger hilft Ihr Verweis auf den „herkömmlichen Abenteuerspielplatz“, der obendrein noch „alt aussieht“. Diese Aussage ist in höchstem Maße kontraproduktiv. Gerade heute kommt es vermehrt darauf an, Abenteuerspielplätze aus ihrem Nischendasein hervorzuholen und stärker als bislang zu fordern und fördern. Dies könnte durchaus auch Aufgabe der Presse sein.
Ein paar aktuelle Hinweise:
Der Essener Sportwissenschaftler Prof. Dr. Werner Schmidt – Ihre Zeitung berichtete u.a. darüber – kommt zu der alarmierenden Erkenntnis, dass acht von zehn Kindern, die gegenwärtig eingeschult werden, fehlentwickelt sind. Angesprochen sind hier Bewegungsstörungen, Haltungsschäden, Fehlernährung usw. Schmidt fordert dementsprechend Abenteuerspielplätze und mehr sportliche Aktivitäten; ferner vertritt er die Auffassung, Kinder müssten wieder vermehrt auf die Straße. Diese Auffassung vertreten wir ebenso. Andererseits ist uns klar, dass „die Straße“ anders als noch in den 50-er und 60-er Jahren des letzten Jahrhunderts aufgrund ihrer unübersehbaren Gefahren kaum noch als kindgerechter Spielraum genutzt werden kann. Ein weiteres Argument für mehr Abenteuerspielplätze.
Die Erkenntnis, dass Kinder draußen spielen wollen, hat überdies der Freiburger Forscher Dr. Baldo Blinkert in seiner sogenannten Freiburger Studie öffentlich gemacht (vgl. Blinkert: Aktionsräume von Kindern in der Stadt, 1993). Blinkert vertritt die Auffassung, dass Spielen im Freien durch nicht zu ersetzen sei und bei entsprechender Attraktivivtät von Kindern dem Spielen im Haus (inklusive der sogenannten „Neuen Medien“) vorgezogen würde. Dieser Erkenntnis kann ferner entnommen werden, dass Kinder selten domestizierte Angebote – etwa in sogenannten Jugendfreizeitstätten – benötigen. Für eine gelingende Sozialisation benötigen Kinder zahlreiche Optionen „unter freiem Himmel“, wie dies etwa bei Abenteuerspielplatz der Fall ist. Für diese Form der Bildungsarbeit spricht auch der Aspekt der kindlichen Gesundheitsförderung.
Hierzu ebenfalls ein paar Argumente: Unabhängig voneinander kommen diverse jüngere Untersuchungen zu der Erkenntnis, dass neuere „Zivilisationserscheinungen“ – wie die deutliche Zunahme von Allergien (Asthma u.a.) und anderer „Kinder“-Krankheiten (Herz-Kreislauf-Erkrankungen usw.) – nicht selten geradezu hausgemacht sind. Unisono betonen beispielsweise die Professoren Dr. Dr. Claus Kroegel von der Universität Jena (Sie selbst berichteten am 2. April 2001 unter dem Titel „Ein bisschen Dreck ist gesund“ darüber) und Dr. Theodor Zimmermann von der Universität Erlangen (Sie berichteten am 14. August 2001 unter dem Titel „Zuviel Hygiene kann Kinder krank machen“ darüber), dass viele der Probleme hausgemacht sind. Dass der Abenteuerspielplatz d i e geeignete Einrichtung ist, diesen Phänomenen effektiv zu begegnen, versteht sich fast von selbst, belegen aber auch die Erfahrungen, die die sogenannten Waldkindergärten machen; kann hier doch festgestellt werden, dass Kinder, die sich vorwiegend im Freien aufhalten, kaum noch erkranken. Das Immunsystem bekommt schlicht die Informationen, die es benötigt, um Kinder gesund zu erhalten. Dass in England inzwischen Bakterien aus Kuhmist mit dem gleichen Ziel geimpft werden, sei hier nur am Rande erwähnt.
Ein weiterer Aspekt, der sowohl für die Aktivitäten im Big Tipi als auch auf dem Abenteuerspielplatz relevant ist, ist der des Risikos. Bis auf Nagelstichverletzungen gibt es auf Abenteuerspielplätzen keine typischen Verletzungen. Insgesamt ist die Verletzungsquote erstaunlich – wenn man sich mit der Materie auskennt: selbstverständlich – niedrig. Erlebnispädagogik arbeitet – wenn sie es verantwortungsvoll tut – immer mit Sicherungen. Der Abenteuerspielplatz kann regulär darauf verzichten, da die Gefahren erlernbar und zu bewältigen sind. Gleichwohl muss darauf verwiesen werden, dass es sich beim Abenteuerspielplatz vermutlich um die risiko- bzw. wagnisreichste Einrichtung handelt, die für Kinder konzipiert wurde. Das ist der Grund, dass es kaum nennenswerte Unfälle gibt: Kinder wachsen mit den Leistungen, die sie erbringen. Analog dazu hat Dr. Torsten Kunz gegen Ende der 80-er Jahre des letzten Jahrhunderts (im Auftrage der Eigenunfallversicherung Frankfurt am Main, ergo der Gesetzlichen Unfallversicherung) herausgefunden, dass Kinder dann am stärksten gefährdet sind, wenn versucht wird, sie vor Gefahren zu schützen. Dies war der Hintergrund der zahlreichen Unfälle, die in Frankfurter Kindergärten und Schulen seinerzeit geschahen. Nachdem die Konzepte deutlich in Richtung grobmotorischer Schwerpunkte und weniger Behütung verändert wurden, konnte die Unfallquote drastisch gesenkt werden. Diese Erkenntnisse werden vertieft durch Aussagen des renommierten Quakenbrücker Arztes und Psychotherapeuten, Dr. Eckhard Schiffer (vgl. z.B. „Der Kleine Prinz in Las Vegas“, 1997). Eckhard Schiffer, der augenblicklich gemeinsam mit seiner Frau Heidrun ein Buch über Alternativen zur Medikation bezüglich hypermotorischer Kinder schreibt (Anm. d. Red.: Das „Zappelphilipp-Buch“ liegt inzwischen vor und kann über den Beltz Verlag bezogen werden.), vertritt mit mir die Auffassung, dass der Abenteuerspielplatz in den meisten Fällen hilfreicher als die „beste Tablette“ (z.B. das bekannte „Ritalin“ zur Ruhigstellung von Kindern) ist. Und spätestens seit Bruno Bettelheim wissen wir, dass Kinder Abenteuer und Märchen brauchen, was – wie gesagt – Wilhelm Reich bereits in den 20-er Jahres des letzten Jahrhunderts betonte.
Der Abenteuerspielplatz ist – wie die Erlebnispädagogik – ein wohldurchdachtes pädagogisches Konzept. Beide können unabhängig voneinander oder in der Kombination wie in Dortmund wesentliche Sozialisations- und Bildungshilfen geben. Dass dies erforderlich ist, konnten hoffentlich meine Argumente aufzeigen. Der Abenteuerspielplatz sieht jedenfalls nicht „alt“ aus, sondern ist eine attraktive und leider immer viel zu wenig beachtete Alternative, die für postmoderne Kindheit unbedingt erforderlich ist. Mindeststandards sind verbandlicherseits entwickelt worden. Auf Anfrage stellen wir sie gern zur Verfügung.
Ein Letztes: Bislang wurden Abenteuerspielplätze zumeist in der Offenen Arbeit mit Kindern entwickelt, wenn man einmal von Ausnahmen wie die erwähnten auf Schloss Salem absieht. Veränderungen von Kindheit (z.B. zunehmender zeitlicher Zugriff von Schule auf Kinder, Ganztagseinrichtungen) machen es allerdings überlegenswert, sich über die Etablierung von Abenteuerspielplätzen/Erlebnispädagogik (als handlungsorientierte Bildungsarbeit) in anderen Zusammenhängen weitergehende Gedanken zu machen; dies etwa in Schulen, Horten, Kindergärten usw. Von mir existiert bereits seit ein paar Jahren ein Konzept für einen Abenteuerspielplatz an der Schule. Einrichtungen, die sich entsprechend verändern wollen, hierbei zu unterstützen, könnte eine Aufgabe des ABA Fachverbandes sein.
Auf Ihre Unterstützung setzend
mit freundlichen Grüßen
Rainer Deimel
Referent für Bildung und Öffentlichkeitsarbeit
Systemischer Berater DGSF
NAGEL-Redaktion – Bestrafen von Kindern
von Jan Hunt
1. Kinder zu schlagen, lehrt sie, selbst zu Schlagenden zu werden. Studien und Untersuchungen haben den Zusammenhang zwischen Strafen in der Kindheit und gewalttätigem Verhalten von Jugendlichen und Erwachsenen eindeutig bewiesen. Nahezu alle gefährlichen Verbrecher waren in ihrer Kindheit regelmäßig bedroht und gestraft worden.
2. Die Bestrafung hinterlässt die Botschaft, es sei richtig, jemanden, der kleiner und schwächer ist als man selbst, zu misshandeln. Das Kind meint dann, es sei gut, kleinere Kinder mit Gewalt zu etwas zu zwingen. Als Erwachsener empfindet dieser Mensch kein Mitgefühl mit Schwächeren oder weniger Erfolgreichen und fürchtet die Stärkeren.
3. Kinder lernen am besten durch das Vorbild der Eltern. Strafen enthalten die Botschaft, man könne mittels Gewalt Gefühle ausdrücken und Probleme lösen. Wenn das Kind nicht erleben kann, dass die Eltern mit Ärger und Problemen phantasievoll und positiv umzugehen wissen, wie soll es selbst diese Fähigkeit ausbilden? Die Umgangsformen der Eltern gehen auf die nächste Generation über.
4. Das oft zitierte „Spare die Rute nicht“ ist in der Bibel lediglich an einer Stelle in den „Weisheiten Salomons“ im Zusammenhang mit Kindern erwähnt. Salomons Praktiken erwiesen sich bei der Erziehung seines Sohnes Rehabeam als sehr schlecht. Jesus sah die Kinder nahe bei Gott und sprach von Liebe, nicht von Strafe.
5. Die Liebe zwischen Eltern und Kindern wird durch Strafen unmöglich gemacht, weil kein Mensch einen anderen wirklich lieben kann, der ihn körperlich und seelisch bestraft. Ein wahres Zusammenwirken zwischen Eltern und Kindern kann nur in liebevollen Gefühlen gründen, die durch viele Beispiele von freundschaftlichen und zusammenwirkenden Handlungen entstanden sind. Strafen, sogar wenn sie erfolgreich zu sein scheinen, produzieren nur „gutes“ Verhalten aus Angst.
6. Wut, die nicht gefahrlos ausgedrückt werden kann, wird innerlich gespeichert. Wenn diese Wut lange zurückgehalten worden ist, kann sie plötzlich, für die Eltern völlig überraschend, zum Ausbruch kommen, wenn der Heranwachsende später einmal ausreichend Kraft besitzt, seinen Zorn auszudrücken. Das „gute“ Verhalten bestrafter Kinder wird später von den Eltern und der Gesellschaft teuer bezahlt.
7. Schläge auf das Gesäß, während der Kindheit eine der erogenen Zonen, können zur Verknüpfung von Schmerz und erotischer Lust und damit zu Schwierigkeiten im späteren Leben des Erwachsenen führen.
8. Hiebe können auch körperlichen Schaden anrichten. Schläge auf das untere Ende der Wirbelsäule bewirken einen Schock die ganze Wirbelsäule entlang; dadurch können sogar Blutergüsse im Gehirn verursacht werden. Beschädigungen von Nerven können zu Lähmungen führen
9. In jedem Fall antwortet das Kind auf die Vernachlässigung seiner fundamentalen Bedürfnisse früher oder später mit Krankheit oder Destruktion. Sein größtes Bedürfnis ist die liebende Aufmerksamkeit der Eltern. Leider erhalten in unseren Tagen nur wenige Kinder genug Zeit und Aufmerksamkeit von Seiten ihrer Eltern, weil diese oft müde und abgelenkt sind und dem Kind zuwenig Verständnis und Geduld entgegenbringen. Es ist im tiefsten Sinne ungerecht und nicht fair, das Kind zu bestrafen, wenn es doch nur ganz natürlich auf die Vernachlässigung seiner wichtigsten Bedürfnisse und Wünsche reagiert.
10. Bestrafungen lenken das Kind vom Geschehen in der konkreten Situation und den eigentlichen Problemen ab. Es ist innerlich mit Schmerz, Angst, Wut und Rache beschäftigt. Damit wird ihm die Gelegenheit genommen, Probleme in kreativer Weise zu lösen. Die Eltern berauben sich durch das Strafen des Kindes der Möglichkeit, mit dem Kind spielerisch Problemlösungen zu üben und ihm Weisen zu vermitteln, wie mit Schwierigkeiten umgegangen werden kann. Strafen verhindern, dass das Kind lernt, sich in schwierigen Situationen zurechtzufinden. Liebende Begleitung ist der einzige Weg, um die nächste Generation zu wirklich kooperativem Verhalten zu befähigen. „Gutes“ Verhalten, das in Angst gegründet ist, kann niemals ein friedliches Zusammenleben bewirken. Starke innere Werte können nur in Freiheit gedeihen.
Frei ins Deutsche übertragen von Alice Miller
Warum man Kinder nicht strafen soll
Von J. Konrad Stettbacher
Auch das Kind macht Fehler. Wenn sein Handeln ihm Schmerzen bereitet, dann wird es den Fehler merken und sein Verhalten ändern, sobald ihm das möglich ist. Es wird versuchen, die Fehler zu vermeiden.
Wird das Kind für Fehler bestraft, gescholten, geschlagen, entstehen in ihm negative Gefühle, zerstörerische und selbstzerstörerische, schlummernde negative Reaktionen. Weil es keine Fehler machen will und die Eltern liebt, auf sie angewiesen ist, kann es meist Brutalität und Demütigungen der Eltern nicht als solche erkennen. Strafe sei Liebe, ist eine Lüge. Bestrafung bewirkt Fehlleistungen in der Aufmerksamkeit des Kindes, es bezweifelt die Fähigkeiten und Möglichkeiten seiner Person, es wird unkritisch gegen Menschen und beginnt gleichzeitig zu hassen.
Ein Kind, das ständig kritisiert wird, lernt verdammen.
Ein Kind, das ständig geschlagen wird, lernt selbst zu schlagen.
Ein Kind, das der Ironie ausgesetzt wird, wird verwirrt.
Zum Gegenteil:
Ein Kind, das ermuntert wird, lernt Selbstvertrauen.
Ein Kind, dem mit Toleranz begegnet wird, lernt Geduld.
Ein Kind, das gelobt wird, lernt Bewertung.
Ein Kind, das Ehrlichkeit erlebt, lernt Gerechtigkeit.
Ein Kind, das Freundlichkeit erfährt, lernt Freundschaft.
Ein Kind, das Geborgenheit erleben darf, lernt Vertrauen.
Ein Kind, das geliebt, geschützt und umarmt wird, lernt Liebe in dieser Welt zu empfinden.
Ein Kind, dem Achtung und Verständnis entgegengebracht werden, weiß sich in der Welt und Gesellschaft zu Hause.
Anm. der Red.: Von J. Konrad Stettbacher erschien bei Hoffmann und Campe, Hamburg (1990) der Band „Wenn Leiden einen Sinn haben soll. Die heilende Begegnung mit der eigenen Geschichte.“
aus: DER NAGEL 54/1992
NAGEL-Redaktion – Abenteuerspielplatz und Amazonas
Eckhard Henscheid, der in seiner erquicklichen Art immer wieder für literarische Erfreulichkeiten sorgt, war der Auffassung, das Thema „Abenteuerspielplatz“ würde ebenso in seinen Kompetenzbereich fallen. Insofern beschrieb er ihn in seinem Lexikon „Dummdeutsch“ (erschienen in zwei Bänden 1985 und 1986, zusammengefasst und überarbeitet (!) 1992 und von ihm selbst im Vorwort vom 31.12.1992 als „definitives Buch“ bezeichnet) folgendermaßen: „Abenteuerspielplatz: Steht zum Abenteuer in ähnlichem Verhältnis wie das Hallenbad zum Amazonas. Hundertprozentig daneben.“ Das Buch erschien 1993 bei Reclam. Mit Datum vom 16. Mai 1997 sahen wir uns zu einer Reaktion bemüßigt. Diese Reaktion wurde als offener Brief verfasst und unsererseits über den Haffmanns Verlag in Zürich an Eckhard Henscheid weitergeleitet. Eine Reaktion blieb leider bislang aus. Veröffentlicht hatten wir den Brief bereits in unserer Broschüre „stichWort 10 – Stichwort ´Abenteuerspielplätze´“, die 1998 erschien.
Offener Brief an Herrn Eckhard Henscheid
Lieber Eckhard Henscheid,
mit Lust und Leidenschaft nehme ich immer wieder ihre „Sudeleien“ und anderes aus Ihrer Feder zur Hand. Tränen habe ich gelacht, was leider nicht oft vorkommt, als ich mir Satz für Satz ihre Glosse „Zur Dialektik der Polizei – Wie Suhrkamp noch viele schöne Buchtitel machen könnte“ auf der Zunge habe zergehen lassen. Und immerhin ist es Ihnen gelungen, sogar das in unserem Verband organisierte Mitglied, Frau Delia Temmler-Häring aus Herten, für Ihre „Denkmal-Rückseite – Abermals für unsere neu-deutschen Närrinnen“ ausfindig zu machen. Stattliche Recherche-Leistung! Ich lasse mir „Ihre Spitzen“ auf der Zunge zergehen. „Es hört und hört und hört nicht auf – und warum sollte es auch?“ (Lord Beaverbrook d.J.) Insofern befinde ich mich in guter Gesellschaft etwa mit der hier in Nordrhein-Westfalen geschätzten Elke Heidenreich, die genau wie Sie, gern gegen den Strich bürstet.
Ich hatte überlegt, ob ich das feine Wörterbuch „Dummdeutsch“ in unsere Medienrubrik aufnehmen sollte und kam dabei zu dem Schluss, darauf zu verzichten und Ihnen statt dessen diesen Brief zu schreiben. Wir vertragen einiges, insofern können wir auch ganz unaufgeregt in diesen (hoffentlich!) Dialog gehen. Gleich auf der ersten Seite unter „A“, der Seite 11 des Wörterbuches, auf der Seite, auf der auch unser Verband hätte stehen müssen, wenn er die Voraussetzungen erfüllt hätte, oder vielleicht, wenn er Ihnen bis dato gekannt gewesen wäre, gleich auf dieser Seite befindet sich als dritter Begriff, kurz und knapp, das Wort „Abenteuerspielplatz“. Und Sie führen aus: „Steht zum Abenteuer in ähnlichem Verhältnis wie das Hallenbad zum Amazonas. Hundertprozentig daneben.“ Da haben wir’s!
Vorweg: Grundstücke, die sich „Abenteuerspielplätze“ nennen und von denen wir den Eindruck haben, „dass sie zum Abenteuer in ähnlichem Verhältnis wie das Hallenbad zum Amazonas stehen“, kennen wir – leider, leider – auch zu genüge. Wir wissen nicht, auf welchem Gelände Sie ihre Eindrücke haben sammeln und verfestigen können. Auf jeden Fall könnten wir Ihnen Adressen von Orten empfehlen, wo Sie gewiss den Amazonas-Hallenbad-Vergleich relativieren müssten.
Die Diskussion um Begriffe fand „in unserer Szene“ zwischen 1975 und 1980 statt. Der Begriff hat uns als Erfindung der fünfziger Jahre aus dem Britischen („adventure playground“) erreicht. Nach Meinung der englischen Gartenbauarchitektin Frau Allen of Hurtwood sollte er zum Ausdruck bringen, dass Kindern dort – zwar auf künstliche Weise – „abenteuerliche“ Flächen zur Verfügung gestellt würden, wo ihnen natürliche Erlebnisräume zunehmend streitig gemacht wurden. Dieser Begriff fand auch bei der Gründung des ersten Abenteuerspielplatzes in Deutschland, 1967 im Märkischen Viertel zu Berlin, Verwendung. Aus dem Dänischen kannten wir bis dahin den Begriff des „Bauspielplatzes“, der übrigens bereits nach der russischen Revolution in Moskau bekannt war. Die Schweizer reicherten die Palette noch mit dem „Robinson-Spielplatz“ an. Ihre „Amazonas-Bedenken“ mögen wohl auch Jugendhilfe- und Raumplaner gehabt haben, als sie auf so skurrile Schöpfungen wie „Großspielanlagen“ und „Spielparks“ gekommen sind. Selbst die Tautologie „Aktivspielplatz“ musste herhalten.
Dabei drückt gerade der Begriff „Abenteuer“ das aus, was kindgemäß geschaffen wurde bzw. werden soll: Ein großes Stück Land, auf dem Kinder ohne die ständige Gängelei von Erwachsenen selbstständig und in Gruppen vielfältige Erfahrungen machen, Erfahrungen mit Feuer, Wasser, Erde und Luft, wo sie sich wie „die Schweine im Schlamm wälzen“ dürfen, wo sie Wertschätzung durch andere Kinder und Erwachsene (PädagogInnen) erfahren, ein Ort, an dem sie lernen können, dass sie – möglicherweise ungeahnte – schöpferische Qualitäten haben. Und wir befinden einmal wieder in guter Gesellschaft mit dem großen Pädagogen Bruno Bettelheim, der erkannt hat, dass Kinder für eine gesunde Entwicklung Abenteuer (und Märchen) benötigen. Die augenblicklichen gesellschaftlichen Zustände – besser: die Verantwortlichen für diese Zustände – schränken Kinder kolossal ein. In der Folge wird lamentiert, Kinder seien immer unfähiger; unfähig, was ihre Körperbeherrschung, ihr kreatives Potential, ihre motorischen Fähigkeiten und Fertigkeiten und ihr soziales Empfinden angeht. Solchen Kinder fehlen in der Regel „Abenteuerspielplätze“. Ein Abenteuerspielplatz ist eine gefährliche Einrichtung. Und genau das ist der Grund, warum Kinder hier so wenig Schäden erleiden. Sicherlich werden Ihnen entsprechende Versicherungen auf Anfrage gern bestätigen, dass das tatsächliche Risiko für Heranwachsende – in realiter – in „behütenden“ Einrichtungen, etwa dem Kindergarten und der Schule, deutlich höher ist.
Lieber Eckhard Henscheid,
ich vermute, dass Sie bislang noch nicht in den Genuss gekommen sind, einen „Abenteuerspielplatz“ kennen lernen zu dürfen. Wir möchten Sie dazu einladen, dies nachzuholen und stehen Ihnen herzlich gern für weitere Absprachen zur Verfügung. Wir würden dabei nicht in missionarischem Eifer handeln; zugestandenermaßen sind wir – genau so wenig wie Mutter Teresa – uneigennützig. Es wäre uns schon ein Vergnügen, in Ihnen einen Fürsprecher für eine überaus aktuelle und zeitgemäße Jugendhilfeeinrichtung gewinnen zu können.
Rainer Deimel
ABA Fachverband Offene Arbeit mit Kindern
P. S.: Wir möchten es nicht versäumen, weiteren LeserInnen dieses Briefes Ihre literarischen Ergebnisse wärmstens ans Herz zu legen.
NAGEL-Redaktion – Dokumente
Abenteuerspielplatz und Amazonas
Beschluss „Bündnis für Freiräume“ – Landesjugendring NRW
„Bündnis für Freiräume“ – Alle Infos auf einen Blick
Abenteuerspielplätze und Erlebnispädagogik
Jugendpolitische Überlegungen aus Sicht eines aktiven Politikers
Ein Interview mit Prof. Dr. Gerd Bollermann
Kindermuseen sind keine überdachten Abenteuerspielplätze
Kinder, Jugendliche und Gesundheit
10. Kinder- und Jugendbericht
Bericht über die Lebenssituation von Kindern und die Leistungen der Kinderhilfen in Deutschland (1998)
Züchtigung von Kindern 1 (Alice Miller)
Warum brauchen wir unbedingt ein gesetzliches Verbot der Kinderzüchtigung
Züchtigung von Kindern 2 (Alice Miller)
Der Weg aus der Falle
Zukunftsängste von Kindern und Jugendlichen
Letzte Aktualisierung dieser Seite: 1. Juni 2010
NAGEL-Redaktion – DJI Bulletin
Bis Februar 2007 hatten wir Ihnen auf unseren Seiten einzelne Ausgaben des „DJI Bulletins“ zugänglich gemacht. Diese sind nach wie vor thematisch zugeordnet zu finden. Zum Aufsuchen empfehlen wir, vor allem, wenn Sie es eilig haben, am besten mit Hilfe von Suchmaschinen: „ABA Fachverband“ eingeben und die Stichwörter, nach denen Sie suchen.
Um einen sinnvollen Auftritt im Netz zu organisieren, muss sich eine Redaktion entscheiden, entweder „spartanische“ Angebote zu machen oder ein Füllhorn von Möglichkeiten zu bieten. Wir – die NAGEL-Redaktion – haben uns für Letztgenanntes entschieden. Deshalb haben wir im Februar 2007 das „DJI Bulletin“ ab Frühjahr 2001 hier eingestellt. Die Ausgaben finden Sie anschließend zum Herunterladen aufgelistet, wobei die jeweils letzte Ausgabe oben steht.
Mit der Ausgabe 92/93 hat das Deutsche Jugendinstitut sein „Bulletin“ umbenannt in „DJI impulse – Das Bulletin des Deutschen Jugendinstituts“.
DJI impulse 99 – Das Bulletin des Deutschen Jugendinstituts (3/2012): Lebenswelten Jugendlicher: Freunde, Schule, Job: Was die Jugendheute bewegt – Vom Wandel der Jugend (Erwachsenwerden in der Leistungsgesellschaft) – Aufwachsen im Osten (DJI-Studie über Kindheit und Jugend in ostdeutschen Regionen) – Kultur und Freizeit (Die Generation 2.0 zwischen Facebook und Fußball)
DJI impulse – Das Bulletin des Deutschen Jugendinstituts (2/2012): Kinderbetreuung: Ausbau, Qualität und Herausforderungen in der Früherziehung – Eltern und Kitas im Vergleich (Wer betreut am besten?) – Rechtsanspruch bei Platzmangel (Wann Eltern Schadenersatz zusteht) – Jugend-Migrationsreport (Es gibt nicht nur Verlierer
DJI impulse – Das Bulletin des Deutschen Jugendinstituts 97 (1/2012): Kinder und Jugendliche im Genrationengefüge: Lebenslagen, Beziehungen, Übergänge – Zwischen Konflikt und Solidarität – Das Leben im Umbruch – Wie Kinder Krisen meistern – Banden, Cliquen, Peers – Jugend heute: im Zwiespalt – Männer: nicht immer im Vorteil – Autonomie und Zuwendung – Geschwisterbeziehungen im Wandel – Keine Zeit zu zwei – Neue Orte der Begegnung – Vereine: Auslaufmodell oder Treffpunkt der Generationen? – u.a.
DJI impulse – Das Bulletin des Deutschen Jugendinstituts 96 (4/2011): Sprachliche Bildung: Wie Kinder Sprache erwerben und pädagogische Fachkräfte sie dabei unterstützen können – Glossar zur sprachlichen Bildung – Perspektiven für die Kindertagespflege – Jugendhilfe vor neuen Herausforderungen – Interview: „Konsum ist sozial konstruiert“
DJI impulse – Das Bulletin des Deutschen Jugendinstituts 95 (3/2011): Sexuelle Gewalt gegen Kinder. Missbrauch in Institutionen. Forschungsergebnisse und Empfehlungen für einen besseren Kinderschutz – Missbrach verhindern: An wen sich Präventionsmaßnahmen richten und wie sie wirken – Jugend-Migrationsreport: Gorschungsüberblick zur Bildungssituation Jugendlicher – Spielzeug Internet: Was Kinder im Internet suchen und worauf Eltern achten sollten (48 Seiten, 3.500 KB)
DJI impulse – Das Bulletin des Deutschen Jugendinstituts 94 (2/2011): Mythos Prävention – Chancen und Grenzen präventiver Konzepte – Päventiver Kinderschutz: Frühe Hilfen und ihrer möglichen negativen Folgen – Jugend und Web 2.0: Kontroversen über das Internet – Folgen der Finanzkrise: Wenn junge Menschen keinen Job finden (36 Seiten, 2.800 KB)
DJI impulse – Das Bulletin des Deutschen Jugendinstituts 92/93 (1/2011): Aufwachsen in Deutschland. Wie Eltern, Jugendliche und Kinder heute leben und welche Unterstützung Famlien brauchen (mit bisher unveröffentlichten Daten).
DJI Bulletin 91 (3/2010): Ganz ist nicht genug: Was Ganztagsschulen in Deutschland leisten – und welche Potenziale noch ungenutzt bleiben. Bulletin PLUS: Ganztags lernen – ein Glossar (36 Seiten, 952 KB)
DJI Bulletin 90 (2/2010): Die soziale Seite der Bildung. Wie benachteiligte Kinder und Jugendliche in Deutschland gefördert werden – und welche Konzepte zukunftsfähig sind. Eine Analyse anlässlich der Prognosen im Nationalen Bildungsbericht 2010. Bulletin PLUS: Bildungsperspektiven (44 Seiten, 1.000 KB)
DJI Bulletin 89 (1/2010): Geteilte Sorge. Wie sich die Trennung der Eltern auf Kinder auswirkt – und die Familien einen Neuanfang meistern können. Bulletin PLUS: Familienrecht im Wandel (40 Seiten, 1.200 KB)
DJI Bulletin 88 (4/2009): Experiment Familie – Der globale Wandel und die folgen: Wie Mütter, Väter und kinder den Alltag bewältigen. Kinderarmut verlangt neue Politik. Bulletin PLUS: Zur Herstellung von Familie (28 Seiten, 500 KB)
DJI Bulletin 87 (3/2009): Gesund groß werden: Was Kinder krank macht – und welche Rezpete helfen. Bulletin PLUS: Gesundheit neu denken (36 Seiten, 1.200 KB)
DJI Bulletin 86 (2/2009): Das Generationen-Geheimnis. Wie Jung und Alt den Wandel der Gesellschaft meistern können. Thema „Demografie“. Bulletin PLUS: Bausteine zur Generationanalyse (40 Seiten, 700 KB)
DJI Bulletin 85 (1/2009): Das Wissen über die Kinder – eine Bilanz emprischer Studien – Zweckfreie Kindheit – Private Kindheit – Verarmte Kindheit – Gesunde Kindheit – Betreute Kindheit – Kompetente Kindheit – Multikulturelle Kindheit – Gute Kindheit. Bulletin PLUS: Kinderforschung in Deutschland (60 Seiten, 1,8 MB)
DJI Bulletin 83/84 (3/4 2008): Väter – Wege in die Vaterschaft – Vorstellungen vom Vatersein – Kinder wünsche junger Väter – Ältere Väter – Inhaftierte Väter. Bulletin PLUS: Väterbilder – Vätertypen – Stichworte zu historischen und empirischen Variationen (56 Seiten, 2,8 MB)
DJI Bulletin 82 (2/2008): „Kinderwelten – Familienwelten“ – Qualitative Sozialforschung am DJI – Mit den Augen der Kinder – Pflegekinder kommen zu Wort – Angebote im Kinderhaus (43 Seiten, 660 KB)
DJI Bulletin 81 (1/2008): Gerechtes Aufwachsen ermöglichen – Bildung – Integration – Teilhabe – Beiträge zum 13. Deutschen Kinder- und Jugendhilfetag (40 Seiten, 700 KB)
DJI Bulletin 80 (3/4 2007): Kindertagesbetreuung in Deutschland. Finanzen. Pädagogische Konzeption. Qualität. Personal. Qualifizierung. Kindertagespflege. Kinderbetreung in Deutschland – Entwicklung und Begriffe (52 Seiten, 977 KB)
DJI Bulletin 79 (2/2007): Jugend in Europa. Jugendpolitik. Zukunft. Gesundheit. Bildung. Arbeit. Familie. EU-Jugendpolitik – ein Glossar. (40 Seiten, 610 KB)
DJI Bulletin 78 (1/2007): Ganztagsschulen. Ganztagsbildung. Entwicklung der Ganztagsschule. Chancengleichheit. Lokale Bildungslandschaft. Schule und Partner. Individuelle Förderung. Ganztagsschule – ein Glossar. (36 Seiten, 794 KB)
DJI Bulletin 77 (4/2006): Kinder in Deutschland. Kinderbetreuung. Kinderleben. Pflegekinder. Sicht der Kinder. Kinder im Zahlenspiegel. DJI PLUS: Quantitative Forschungsmethoden. (36 Seiten, 1,4 MB)
DJI Bulletin 76 (3/2006): Jugend und Migration. Migration und Bildung. Migrationshintergrund. Migration oder Milieu. Multukulti funktioniert. Sprachgebrauch – Freundeskreis. Interkulturelle Beziehungen. DJI Bulletin PLUS: Interkulturelle Kompetenz. (36 Seiten, 1,4 MB)
DJI Bulletin 75 (2/2006): Gender. Geschlechterdebatten. Angleichung der Geschlechter. Gewalt und Geschlecht. Jungenarbeit – ein Defizit. Gender Mainstreaming. Kinder- und Jugendhilfe – ohne Männer? DJI Bulletin PLUS: Gender Mainstreaming. (40 Seiten, 2,3 MB)
DJI Bulletin 74 (1/2006): Zukunft Familie. Familienpolitik in Europa. Wandel von Familienrollen. Szenarien: Siebter Familienbericht. Familienzeit. Entgrenzte Arbeit – Entgrenzte Familie. Männer und Familiengründung. Nachbarschaftsentwicklung = Stadtplanung. DJI Bulletin PLUS: Zeitpolitik für Familien. (36 Seiten, 1,6 MB)
DJI Bulletin 73 (Winter 2005): Zwölfter Kinder- und Jugendbericht: Bildung, Betreuung und Erziehung vor und neben der Schule. Kinderbetreuung. Gesundheit. Ethnische Zugehörigkeit. Übergang von Schule – Beruf. Beteiligung der Jugend. Bildungsorte und Lernwelten. Schule & Partner. Kommunale Bildungslandschaften. DJI Bulletin PLUS: Lernen: informell. (40 Seiten, 1,5 MB)
DJI Bulletin 72 (Herbst 2005): Von großen Erwartungen und ersten Schritten – Kriminalprävention (Dossier). Mit Zwang zum Erfolg? – Freiheitsentziehende Maßnahmen. Frühprävention von Gewalt gegen Kinder in psychosozial belasteten Familien. Familien sind keine „Inseln“. DJI Bulletin PLUS: Evaluation – einige Sortierungen zu einem schillernden Begriff. (20 Seiten, 1 MB)
DJI Bulletin 71 (Sommer 2005): Kooperation von Schulen mit außerschulischen Akteuren – Chance für die Lernkultur? (Dossier) Black Box Familie: Wie kompetent sind Eltern in ihrer Erziehung? Ein neuer Blick auf die Bildungsprozesse von Kindern. Neue familienpolitische Arrangements vor Ort. (16 Seiten, 2,5 MB)
DJI Bulletin 70 (Frühjahr 2005): Gute Nachrichten: Azubis unterschiedlicher Herkunftskultur verstehen sich gut (Dossier). ErzieherInnenausbildung vor dem Neuanfang? Entscheidungen bei Kindeswohlgefährdung. Zu wenig und die „Falschen“? – Kinderlosigkeit als komplexes Bedingungsgeflecht. (16 Seiten, 1 MB)
DJI Bulletin 69 (Winter 2004): Hoffnungen und Ängste – Jugendliche aus Zuwandererfamlien an der Schwelle zur Arbeitswelt (Dossier). Männer und Familiengründung. Zeit zum Leben-Lernen? Frühförderung für Kinder aus sozial benachteiligten Familien. (16 Seiten, 1 MB)
DJI Bulletin 68 (Herbst 2004): Wundermittel gesucht! – Vom schwierigen Umgang mit schwierigen Jugendlichen (Dossier). Konkurrierende Gesetzgebung als Chance für die Jugendhilfe. Familie neu denken. Lokale Netzwerke und kommunalpolitische Steuerung und benachteiligten Stadtteilen. (16 Seiten, 936 KB)
DJI Bulletin 67 (Sommer 2004): Lebenswelt von Kindern – mit ihren Auggen gesehen (Dossier). Wie entdecken Kinder das Internet? Neue Perspektive für die Tagespflege. Länger lernen in der Schule? (16 Seiten, 2,4 MB)
DJI Bulletin 66 (Frühjahr 2004): Auch das noch?! – Gender Mainstreaming in der Kinder- und Jugendhilfe (Dossier). Neuer Politikansatz im Visier: Lokale Bündnisse für Familie. Schlüsselkompetenz Sprache. Partizipation im Kontext erzieherischer Hilfen. (16 Seiten, 1,8 MB)
DJI Bulletin 65 (Winter 2003): Familienkompetenzen als Potenzial für eine innovative Personalpolitik (Dossier). DJI legt Konzeption für einen Nationalen Bildungsbericht vor. Fußfesseln für Schulschwänzer? Trotz besserer Leistungen der Mädchen noch keine Geschlechtergleichheit in der Schule. (16 Seiten, 1,8 MB)
DJI Bulletin 64 (Herbst 2003): 40 Jahre Deutsches Jugendinstitut (Dossier). Perspektiven für die Zukunft. Vom Sputnik-Schock zur Pisa-Studie: Kindheit und Bildung in den Arbeiten des DJI. Jugendhilfeforschung zwischen Wissenschaft, Politik und Praxis. Von der traditionellen Elternarbeit zu einer neuen Sicht auf Familien. Eine Spezialität des Hauses: Repräsentative Längsschnitte zu Familie, Jugend und Kindern. (24 Seiten, 2,6 MB)
DJI Bulletin 63 (Sommer 2003): Jugendliche in Europa auf dem Weg in die Selbstständigkeit (Bulletin). Vier Jahrzehnte Jugendforschung am DJI. Sicherheitsrisiko Jugend oder Youth at Risk? Internationale Forschung zu Lebenslagen von Kindern. (16 Seiten, 236 KB)
DJI Bulletin 62 (Frühjahr 2003): Familiäre Bereitschaftsbetreuung – Erfahrungen und Perspektiven (Dossier). Integration beginnt im sozialen Nahraum. Migration, Ethnie und Geschlechterverhältnisse. Bildungsmaßnahmen gegen Rechtsextremismus. (16 Seiten, 200 KB)
DJI Bulletin 60/61 (Winter 2002): Bildungs- und Lerngeschichten von Kindern. Die PISA-Verlierer: Von der Schule ins berufliche und gesellschaftliche Abseits? (Dossiers) Zur Lebenssituation von Stieffamilien. Guter Start mit Opstapje. Entgrenzung der Erwerbsarbeit – Zukunftsfähigkeit der Familie. (32 Seiten, 455 KB)
DJI Bulletin 59 (Herbst 2002): Angebotsstruktur der Kinder- und Jugendhilfe – Jugendhilfe und sozialer Wandel (Dossier). Interview mit Prof. Dr. Thomas Rauschenbach. Ehrenamt und Jugendarbeit. Internet – ein Gewinn für die Frauenpolitik. (16 Seiten, 1 MB)
DJI Bulletin 58 (Frühjahr 2002): Elfter Kinder- und Jugendbericht – Aufwachsen in öffentlicher Verantwortung (Dossier). Des Instituts neue Kleider. Chancengleichheit nicht in Sicht! Schule und Jugendforschung. (16 Seiten, 585 KB)
DJI Bulletin 56/57 (Dezember 2001): Mädchen in gewaltbereiten Jugendgruppen – kein Thema für die Jugendarbeit? (Dossier) – Sozialräumliche Vernetzung in städtischen Armutsquartieren – erste Erfahrungen und Herausforderungen (Dossier). Early Excellence Centers. Paritzipation von Kindern und Jugendlichen als gesellschaftliche Utopie. Die Entdeckung der Mädchen. (32 Seiten, 642 KB)
DJI Bulletin 55 (September 2001): Partizipation von klein auf fördern (Dossier). Fördern und Fordern. 1. Europäischer Jugendbericht: Zur Lage der Jugendlichen und zur Jugendpolitik. (16 Seiten, 263 KB)
DJI Bulletin 54 (Mai 2001): Deutschland wird älter (Dossier). Kein Bock auf Schule? Wie kann Jugendhilfe kriminelle Aussiedlerjugendliche erreichen? (20 Seiten, 1,3 MB)
Letzte Aktualisierung dieser Seite: 25. September 2012 (de)
Gewalt ist keine Lösung
Gespräch zwischen Stephan B. Antczack und Siegfried Kühbauer, dem langjährigen Projektkoordinator der Weddinger Kinderfarm zur Räumung der Einrichtung mit Staatsgewalt.
Stephan B. Antczack: Die ehemalige Bezirksjugendstadträtin Sabine Smentek (SPD) ließ am 20. Juni 2016 die Weddinger Kinderfarm in Berlin-Mitte mit Polizeigewalt räumen. Eine Eskalation auf Kosten von Kindern, Jugendlichen und rund 60 Haustieren. Wie begründete die Stadträtin diesen Schritt?
Siegfried Kühbauer: Ja, es stimmt, dass diese SPD-Stadträtin ausgerechnet am internationalen Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung mit Staatsgewalt die berechtigten Kinder, Jugendlichen und deren Familien gegen deren Willen aus unserer Einrichtung vertrieben hat (das Bundesinnenministerium hatte übrigens rechtzeitig alle Bundesländer aufgefordert, diesen Tag „würdig“ zu begehen). Begründet wurde dies von ihr damit, dass dieses „unverzichtbare Angebot … wieder nach fachlichen Gesichtspunkten in der Steuerungsverantwortung des Jugendamtes Mitte durchgeführt werden kann“. Dann wurde die Einrichtung für über eine Monat unter „Wachschutz“ geschlossen und danach zunächst für einen halben Tag geöffnet, um dann den Betrieb wieder aufzunehmen. In den 33 Jahren in denen der Weddinger Kinderfarm e. V. die fachliche Verantwortung getragen hat, wurde die Einrichtung keinen einzigen Tag geschlossen. Im sogenannten Qualitätsdialog hatten wir immer die höchste zu erreichende Punktzahl.
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Einführungsworkshop zum „BEMIL – Das Bewegungs- und Ernährungsmobil“
Das BEMIL des ABA Fachverbandes kann ab dem 17. März 2016 wieder ausgeliehen werden! Voraussetzung für das Ausleihen des BEMIL ist die Teilnahme am Einführungsworkshop; dieser findet am Donnerstag, den 17. März, von 13 Uhr bis 16 Uhr im Bildungswerk der RUHRWERKSTATT, Grevenstr. 36 in Oberhausen statt (Raum Roland, Teilnahmegebühr 20,- € pro Person).
Bewegung und Ernährung sind zwei grundlegende Bausteine für eine gesunde Entwicklung von Kindern. Mit dem BEMIL werden Kindern spielerisch Möglichkeiten eröffnet, eigene Bewegungsräume ohne Leistungsdruck zu entdecken und zu erfahren, wie viel Spaß eine einfache gesunde Ernährung machen kann.
Kursinhalte:
- Theoretischer Hintergrund: Bewegung und Ernährung als wichtige Bausteine der Gesundheitsförderung für Kinder
- Die Bewegungsbaustelle: Spiele, Spielketten und Tipps für die eigene Praxis
- Gesunde Ernährung spielerisch
- Bemil vor Ort: Technische, organisatorische und inhaltliche Voraussetzungen
Zielgruppe: Erzieher/innen aus Kindergärten, Kitas und OGS/OGATA, Lehrer/innen, Pädagog/innen in der Kinder- und Jugendarbeit, Spielplatzpaten, die BEMIL in ihrer Einrichtung/ihrem Spielplatz einsetzen möchten
Leitung: Eva Hofmann, ABA Fachverband e.V.
Zeit: Donnerstag 17. März 2016, 13.00 Uhr bis 16.00 Uhr
Ort: Bildungswerk RUHRWERKSTATT, Grevenstr. 36 in 46045 Oberhausen
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Programm „Angekommen?! (Offene) Kinder- und Jugendarbeit mit jungen Geflüchteten und Zuwander_innen – Impulse für die Praxis“ in Moers
Fachtag der AGOT-NRW e.V.
Kosten: keine
Mittwoch, 17. Februar 2016, Bollwerk, Am Bollwerk 107, Moers
Beschreibung
Kriege, Krisen und Arbeitslosigkeit veranlassen Menschen weltweit ihre Heimat zu verlassen. Geflüchtet oder ausgewandert befinden sich diese Menschen in schwierigen und teils menschenunwürdigen Situationen. Und so ist auch die Lebensrealität von geflüchteten und zugewanderten Kindern und Jugendlichen in Deutschland in der Regel von Ungewissheit, Perspektivlosigkeit und Ausgrenzung geprägt. Mit der Zunahme von Flucht und Zuwanderung wird auch die (Offene) Kinder- und Jugendarbeit herausgefordert, sich stärker einzumischen.
(Offene) Kinder- und Jugendarbeit hat aufgrund ihrer Prinzipien, Expertise und Methoden besonderes Potenzial, um den Umgang mit geflüchteten und zugewanderten Kindern und Jugendlichen in unserer Gesellschaft mitzugestalten. Zudem ist es für sie nicht ganz neu, mit geflüchteten und/oder zugewanderten Kindern und Jugendlichen zusammen zu arbeiten. Gleichzeitig wirken sozialpädagogische Angebote vielerorts vereinzelt oder nebeneinander her. Oder es gibt sie nicht. Wie kann es also gelingen, auch geflüchtete und zugewanderte Kinder und Jugendliche besser in ihrer Entwicklung zu fördern und sie gleichberechtigt zur Selbstbestimmung zu befähigen?
Die Fachtagung zielt darauf ab, Erfahrungen und Methoden der (Offenen) Kinder- und Jugendarbeit diesbezüglich zu bündeln und zu systematisieren. Das dadurch gewonnene Wissen soll dokumentiert und in die Debatte um den Umgang mit Geflüchteten und Zuwander_innen einfließen.
Tagesverlauf
9.30 Uhr Ankommen
10 Uhr Begrüßung
10.15 bis 11.30 Uhr Vortrag
Moderation: Anne Broden, IDA-NRW
Kochen, Kickern, Karaoke? Oder was Offene Jugendarbeit für Jugendliche Geflüchtete tun kann! 15 Punkte für eine Willkommensstruktur in Jugendeinrichtungen (Judith Rahner, Amadeu Antonio Stiftung)
Beschreibung folgt
11.30 bis 11.45 Uhr kurzer Austausch in Kleingruppen
11.45 bis 12.15 Uhr Pause
12.15 bis 13 Uhr Diskussion im Plenum
13 bis 13.45 Uhr Mittagspause
13.45 bis 15.15 Uhr Workshops
Workshop 1: Wie gelingt die Gestaltung unseres OT-Alltages mit jungen Geflüchteten, ohne die Stammbesucher_innen aus dem Blick zu verlieren? (Andrea Heinz, Landesarbeitsgemeinschaft Katholische Offene Kinder- und Jugendarbeit NRW)
Es ist seit jeher unsere tägliche Herausforderung in der Offenen Arbeit, dass sich in unseren Einrichtungen konkurrierende, sich voneinander abgrenzende Gruppen begegnen. Aktuell treffen unsere StammbesucherInnen vermehrt mit geflüchteten Jugendlichen aufeinander. Wie es uns gelingen kann, dass diese Gruppen friedlich miteinander auskommen, vielleicht sogar einander verstehen und aufeinander zugehen, das möchte ich anhand einiger Projekte, aber auch anhand von Materialien für die Praxis vorstellen.
Workshop 2: Netzwerkarbeit im Bereich schulische Bildung und Berufsausbildung für junge Flüchtlinge (Hayat Ketfi und Adell Sliwa, Bunter Tisch Moers e.V.)
Der „Bunte Tisch Moers e.V.“ wurde 1993 gegründet und befasst sich seitdem intensiv mit dem Thema „Flüchtlingsarbeit“. Im Februar 2015 wurden dem Verein die Aufgaben für die Koordinierungsstelle Flüchtlingshilfe von Seiten der Stadt Moers übergeben. Der Workshop umfasst einen kurzen inhaltlichen Input über das aktuelle Projekt zum Thema schulische Bildung/Berufsausbildung für junge Flüchtlinge mit anschließender Diskussion.
Workshop 3: Kreativangebote, Karten- & Brettspiele und mehr für die pädagogische Praxis im Umgang mit Geflüchteten (Nicole Riemer und Kenneth Ruiz Eiro, Falkenfamilie Recklinghausen, Marl)
Anhand der Arbeit des „Jungen Flüchtlingsforums Marl“ möchten wir euch die Praxis unserer Offenen Kinder- und Jugendarbeit mit Geflüchteten vorstellen – im Jugendzentrum und beim Spielmobil. Wir präsentieren euch vielfältige Kreativangebote sowie Karten- und Brettspiele, die ohne eine gemeinsame Sprache funktionieren, und geben euch die Gelegenheit diese auszuprobieren.
Workshop 4: Neue Wege und Projekte in der Arbeit mit jungen Flüchtlingen und Zuwander_innen (Sonja Knobloch, Vignaraj Shammugarajah, Jugendarbeit Hamm Westen)
Der Workshop bietet praxisnahe Erfahrungsberichte aus der Offenen Jugendarbeit im Umgang mit der steigenden Anzahl junger Geflüchteter und Zuwander_innen im Stadtteil Hamm Westen. Welche Besonderheiten weisen diese Kinder und Jugend-lichen auf, welche Anforderungen werden an die Pädagog_innen gestellt und in welchem Rahmen werden spezifische Angebote eingebettet?
Workshop 5: Projektvorstellung No Border – Refugees Welcome (Torsten Nagel, SJD – Die Falken Düsseldorf)
Das Projekt No Border wurde 2014 von SJD – Die Falken Düsseldorf initiiert und über Kultur Macht Stark Mittel in Kooperation mit der Flüchtlingsinitiative STAY! und dem soziokulturellem Zentrum zakk durchgeführt. Das in 2016 im dritten Jahr stattfindende Projekt hat einerseits das Ziel jugendlichen Refugees eine Stimme zu geben und mittels kultureller Bildung zu empowern, anderseits sich präventiv gegen Rassismus und Rechtspopulismus zu positionieren. Nach einer Projektvorstellung sollen im Workshop zwei Fragen diskutiert werden. Wie kann eine gleichberechtigte Arbeit mit Refugees auf Augenhöhe aussehen? Muss sich die offene Kinder – und Jugendarbeit politisch einmischen?
Workshop 6: Ankommen & Dasein: Welche Rolle(n) spielt das Geschlecht in der OKJA? (Andreas Haase, Kerstin Schachtsiek, FUMA Fachstelle Gender NRW Essen)
Im Workshop wird der Umgang mit vielfältigen Geschlechterleitbildern von jugendlichen Geflüchteten und Mitarbeiter_innen thematisiert. Zudem werden Möglichkeiten erörtert, wie die OKJA alle Geschlechter gleich(berechtigt) erreichen kann.
15.30 bis 16 Uhr: Abschluss
Archiv Interkultureller Menschenrechtekalender
Hier finden Sie Texte aus den Kalenderausgaben, die vom ABA Fachverband herausgegeben wurden (2015-2021).
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PferdeStärken
PferdeStärken
Aufbau und Entwicklung freizeitpädagogischer Angebote für Kinder und Jugendliche mit und ohne Behinderungen unter besonderer Berücksichtigung des Einsatzes von Pferden
Ein Projekt des
NaBeBa e.V. (Naturwerkstatt)
Heidebusch 1c
45731 Waltrop
Finanziert aus Mitteln des Kinder- und Jugendförderplans des Landes Nordrhein-Westfalen
In Kooperation mit dem
ABA Fachverband Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen e.V.
Clarenberg 24
44263 Dortmund
Ausgangslage
Der Verein NaBeBa e.V. wurde 2006 gegründet. Unter ausschließlich ehrenamtlicher Initiative wurde ein verwahrlostes Gelände hergerichtet und zu einem Natur- und Begegnungsbauernhof für Kinder und Jugendliche mir und ohne Behinderungen ausgebaut.
Mit Beginn des Jahres wurde dem Verein ein weiteres großes Stück Weideland zur Verfügung gestellt. Im Weiteren wurden 2 Pferde kostenlos an den Verein übergeb.
Neben dem bisher bereits auf dem Gelände bestehenden Angebot für die Kinder und Jugendlichen Erfahrungen im Umgang mit Kleintieren zu sammeln und über diesen Weg auch soziale Kompetenzen zu erwerben, wollte der Verein nunmehr auch den Umgang und die Pflege von Pferden mit in sein Angebot aufnehmen.
Gerade Pferde strahlen durch ihre eigenen Charaktereigenschaften und ihre Intelligenz eine besondere Anziehung auf Kinder aus. Dies trifft für Kinder und Jugendliche mit geistigen Behinderungen besonders zu.
Kinder und Jugendliche mit Behinderungen oder sozialen Verhaltensstörungen können nachgewiesenermaßen in ihren körperlichen, geistigen und sozialen Kompetenzen durch den Umgang mit Pferden gefördert werden.
Ein entsprechendes Angebot als Bestandteil der Offenen Kinder- und Jugendarbeit ist in der weiteren Umgebung nicht vorhanden.
Als dringlichste Aufgabe stand nunmehr im Vordergrund, die vorhandene Weidefläche für die Pferde „bewohnbar“ und für ein solches Angebot nutzbar zu machen. So mussten Unterstellmöglichkeiten für die Pferde, Sitzgelegenheiten für die Kinder hergestellt und Erstausstattungsmaterialien für das Reitangebot angeschafft werden.
Zu den grundsätzlichen Herangehensweisen des Vereins gehört immer, die Kinder und Jugendlichen mit ihren individuellen Fähigkeiten von Anfang an mit einzubeziehen. Dabei kann der Verein auch immer auf die Hilfe seiner zahlreichen ehrenamtlich tätigen Mitarbeiter zählen, die aus ihrem früheren Berufsleben ein großes handwerkliches Geschick mitbringen. Dies war auch bei diesem Projekt der Fall.
In diesem Sinne wurde Ende Juni ein Antrag auf Finanzierung der Sachkosten und notwendigen Honorarkosten zur pädagogischen Umsetzung des Projektes beantragt und seitens des Landes Nordrhein-Westfalen (LWL-Landesjugendamt Münster) Anfang August bewilligt.
Das Projekt wurde fachlich durch den ABA Fachverband Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen begleitet und dokumentiert. Wir danken dem Verband für seine fachliche Unterstützung und die Erstellung dieser gelungenen Dokumentation.
Realisierungsphase
Mitte September 2011 wurde der offizielle Startschuss des Projektes im Wege einer pressewirksamen Eröffnungsveranstaltung gegeben.

Nachfolgend wurde mit dem Bau der Unterstände (Offenstall) begonnen.







Dann war es endlich soweit: Die Pferde durften Einzug nehmen! Die jugendlichen Helfer durften stolz ihr Werk präsentieren.
Der Verein NaBeBa e.V. ist stolz und hoch erfreut, dass er nunmehr in der Lage ist, den Kindern und Jugendlichen mit und ohne Behinderungen vielfältige auch therapeutische Angebote mit Hilfe der Pferde unterbreiten zu können.
Das Interesse von Kindern, Jugendlichen und Eltern ist groß und wächst stetig.
Impressum
Text und Layout
ABA Fachverband Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen e.V.
Fotos
Horst Oesterwind-Stiller, Dorothee Zijp und Farina Meurer
© NaBeBa e.V., Heidebusch 1c, 45731 Waltrop. Weiter unten gibt es einen Link, über den die Dokumentation für eigene nichtkommerzielle Zwecke als druck- und speicherfähige PDF heruntergeladen werden kann.
Presseberichte
Weitere Eindrücke von der NaBeBa-Naturwerkstatt





















Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention in Nordrhein-Westfalen
SoVD: Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention in Nordrhein-Westfalen
Landesverband NRW
Landespolitische Handlungsbedarfe zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention in Nordrhein-Westfalen
Das Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (UN-Behindertenrechtskonvention – BRK) normiert erstmals in völkerrechtlich bindender Weise die Menschenrechte der Menschen mit Behinderung. Damit wird kein Sonderrecht für behinderte Menschen geschaffen, sondern die allgemeinen Menschenrechte werden aus der Perspektive von Menschen mit Behinderung klargestellt und konkretisiert.
Mit Inkrafttreten der BRK am 26.03.2009 als Teil des deutschen Rechts ist die Bundesrepublik Deutschland verpflichtet, eine umfassende Gleichstellung und Teilhabe behinderter Menschen in allen Bereichen der Gesellschaft sicherzustellen. Die Bestimmungen der Konvention binden Bund, Länder und Kommunen gleichermaßen und uneingeschränkt. (1) Alle staatlichen Ebenen sind zu ihrer Umsetzung mittels sämtlicher geeigneter Gesetzgebungs-, Verwaltungs- und sonstigen Maßnahmen verpflichtet. (2) Bei der Erarbeitung und Umsetzung entsprechender politischer Konzepte und Rechtsvorschriften haben sie die Organisationen behinderter Menschen „eng“ zu konsultieren und sie aktiv einzubeziehen.(3) Der SoVD NRW begrüßt das vorliegende Anhörungsverfahren der Landesregierung als Einstieg in diesen Prozess.
Die Umsetzung der BRK erfordert die systematische Überprüfung aller rechtlichen und tatsächlichen Gegebenheiten, die das Leben von Menschen mit Behinderung betreffen, auf etwaige Anpassungsbedarfe zur Erfüllung der Anforderungen der Konvention. Dieser Prozess betrifft alle Ressorts der Landesregierung und wird fachliche Fragen auf vielfältigen Gebieten aufwerfen. Das Verfahren zur Umsetzung der BRK sollte so gestaltet werden, dass einerseits die als erforderlich und geeignet anerkannten Maßnahmen unverzüglich umgesetzt werden. Andererseits sollte es jederzeit für Ergänzungen oder Modifikationen offen bleiben („lernendes“ Verfahren).
Der SoVD NRW hebt hervor, dass die Definition von Behinderung in Art. 1 Satz 2 BRK auch pflegebedürftige alte Menschen einschließt. Dies ist in Deutschland bereits durch die Legaldefinitionen von Behinderung (§ 2 SGB IX) und Pflegebedürftigkeit (§ 14 SGB XI) sozialrechtlich geregelt, wird aber in der Praxis bislang nur selten beachtet.
Der SoVD NRW regt an, zur Umsetzung der BRK in Nordrhein-Westfalen ein jederzeit fortschreibungsfähiges Aktionsprogramm des Landes zu entwickeln, in das alle geeigneten Maßnahmen aufgenommen und jeweils mit einer voraussichtlichen zeitlichen Realisierungsperspektive sowie finanzplanerisch mit ggf. erforderlichen Haushaltsmitteln unterlegt werden. Die Landesregierung sollte dem Landtag, den Organisationen behinderter Menschen und weiteren beteiligten Akteuren einen jährlichen Bericht über den Stand der Umsetzung des Aktionsprogramms vorzulegen.
Zur Durchführung und Überwachung des Umsetzungsprozesses in Gebieten, die der Regelungskompetenz des Landes unterliegen, sind die Bestimmungen des Art. 33 BRK auf Landesebene anzuwenden. Danach bestimmen die Vertragsstaaten zur Durchführung der BRK eine oder mehrere staatliche Anlaufstellen „nach Maßgabe ihrer staatlichen Organisation“ sowie eine „Struktur“ zur Überwachung des Umsetzungsprozesses „nach Maßgabe ihres Rechts- und Verwaltungssystems“. In Deutschland dürfte hier dem föderalen Aufbau des deutschen Bundesstaats mit der Kompetenzverteilung zwischen Bund und Ländern Rechnung zu tragen sein. Die organisierten Interessenvertretungen behinderter Menschen werden gem. Art. 33 in den Überwachungsprozess einbezogen und nehmen in vollem Umfang daran teil.
Im föderalen System der Bundesrepublik Deutschland wirken die Länder an der Gesetzgebung des Bundes mit. Insbesondere die materiellen und sozialen Lebensbedingungen behinderter Menschen in Nordrhein-Westfalen werden meist stärker von Entscheidungen der Bundespolitik beeinflusst als von der Landespolitik. Daher können und sollten auch bundesrechtliche Handlungsbedarfe, insbesondere im Bereich des Sozialrechts, in die Diskussion auf Landesebene einbezogen werden. Da aber die Diskussion über die bundespolitischen Handlungsbedarfe zur Umsetzung der Konvention vorrangig von und mit den Bundesverbänden behinderter Menschen zu führen sein wird, beschränken wir uns vorliegend weitgehend auf Fragen in originärer Regelungs- bzw. Handlungskompetenz des Landes.
Der SoVD NRW sieht landespolitische Handlungsbedarfe zur Umsetzung der BRK gegenwärtig (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) insbesondere in folgenden Fragen:
1. vom selektiven zum inklusiven Bildungswesen: eine Schule für alle
2. Barrierefreiheit („Zugänglichkeit“) in den Bereichen Bauen und Verkehr
3. selbstbestimmtes, barrierefreies Wohnen
4. Barrierefreie öffentlich zugängliche Dienste und Einrichtungen
(insbesondere: Beratungsinfrastrukturen, Arztpraxen, Frauenhäuser)
5. Anpassung des Behindertengleichstellungsgesetzes NRW
6. Öffentlich-rechtliche Medien
7. „Disability Mainstreaming“
Darüber hinaus hält es der SoVD NRW für geboten, die notwendige Mitwirkung der Interessenvertretungen behinderter Menschen an Vorbereitung, Durchführung und Überwachung des Umsetzungsprozesses so zu gestalten, dass eine Kluft zwischen den Partizipationsansprüchen der BRK und der Praxis vermieden wird.
1. Vom selektiven zum inklusiven Bildungswesen: eine Schule für alle
Der wohl weitreichendste landespolitische Handlungsbedarf besteht im Bildungswesen, insbesondere im Schulsystem. Art. 24 BRK fordert von den Vertragsstaaten in der englischen, rechtlich verbindlichen (4) Wortlautfassung, ein inklusives Bildungssystem auf allen Ebenen zu gewährleisten („States Parties shall ensure an inclusive education system at all levels“). Dazu müssen die Vertragsstaaten sicherstellen, dass Menschen mit Behinderungen nicht aufgrund von Behinderung vom „allgemeinen“ Bildungssystem ausgeschlossen werden und sie gleichberechtigt mit anderen Zugang zu einem inklusiven, hochwertigen und unentgeltlichen Unterricht haben. Die notwendige Unterstützung zur Erleichterung des Bildungserfolgs ist „innerhalb des allgemeinen Bildungssystems“ zu leisten. Darüber hinaus sind für Bedürfnisse im Einzelfall „angemessene Vorkehrungen“ (5) zu treffen.
Zwischen dem Begriff der Inklusion und dem aus politischen Motiven zur deutschen Übersetzung von „inclusion“ benutzten Begriff der Integration besteht ein großer Unterschied. (6) Integration (Eingliederung) verlangt eine Anpassungsleistung des betroffenen Menschen an ein gegebenes System und legitimiert im Fall des Misslingens seine Exklusion (Ausschluss). Ein „integratives“ System bleibt daher stets selektiv. Dagegen verlangt Inklusion (Einschluss) umgekehrt die Anpassung des Systems an die Bedarfe und Bedürfnisse der Menschen in ihrer Vielfalt und Verschiedenheit. Nicht das Kind soll sich der Schule anpassen, sondern die Schule dem Kind. Eine Schule ist erst dann inklusiv, wenn sie die Individualität jedes Kindes – mit und ohne Behinderung, mit und ohne Migrationshintergrund, aus armen wie aus reichen Familien – respektiert und sie als Vielfalt und Bereicherung anerkennt, anstatt das „Anderssein“ zum Grund des Ausgrenzens und Aussonderns zu machen. Der Inklusionsgedanke prägt die Philosophie der BRK nicht nur im Bildungsbereich, sondern auch insgesamt.
Die Diskussion um die Wichtigkeit und Richtigkeit des gemeinsamen Lernens behinderter und nicht behinderter Kinder ist in der Wissenschaft bereits seit Jahrzehnten entschieden. Schon 1973 empfahl der Deutsche Bildungsrat für die pädagogische Förderung behinderter und von Behinderung bedrohter Kinder und Jugendlicher „ein flexibles System von Fördermaßnahmen, das einer Aussonderungstendenz der allgemeinen Schule begegnet, gemeinsame soziale Lernprozesse Behinderter und Nichtbehinderter ermöglicht und den individuellen Möglichkeiten und Bedürfnissen behinderter Kinder und Jugendlicher entgegenkommt“. Zugleich betonte er: „Die dadurch zustande kommende gemeinsame Unterrichtung von behinderten und nicht behinderten Kindern bringt eine sonderpädagogische Verantwortung für die allgemeine Schule mit sich, die sie bisher nicht wahrzunehmen brauchte, weil es neben ihr die Sonderschule gab und noch gibt.“ (7)
Seither haben zahlreiche Schulversuche und wissenschaftliche Studien die Vorteile der gemeinsamen Beschulung gegenüber der Sonderbeschulung behinderter Kinder in überaus deutlicher Weise dokumentiert. Dies gilt grundsätzlich unabhängig von der Art und Schwere der Behinderung. Andere europäische Staaten leben seit langem vor, dass inklusive (zugleich qualitativ hochwertigere) Bildungssysteme möglich sind und erreichen Inklusionsquoten von 80 % und mehr. Dennoch hielt man hierzulande am herkömmlichen, selektiven Schulsystem fest und beschränkte sich auf meist nur bescheidene integrative Öffnungen innerhalb desselben.
Mit der Überführung der UN-BRK in deutsches Recht ist das „Ob“ einer inklusiven Bildungsreform nunmehr entschieden. Jetzt geht es um das „Wie“. Aus Sicht des SoVD NRW geht es darum, das Regelschulsystem systematisch zu befähigen, seinen Bildungsauftrag bis zum Ende der Pflichtschulzeit (Klasse 10) auch für behinderte Kinder zu erfüllen. Nach Auffassung namhafter Sachverständiger ist es möglich, innerhalb von 10 Jahren eine Inklusionsquote von 80 % zu erreichen. (8) Die Landesregierung sollte sich dem Ziel verpflichten, diese Quote innerhalb eines entsprechend definierten Zeitraums für NRW zu erreichen. Darüber hinaus wird die Erschließung und Ausschöpfung der Inklusionspotenziale des Regelsystems zeigen, ob, wofür und wie viele besondere Schulen für behinderte Menschen am Ende noch erforderlich sind.
Ein inklusives Bildungssystem auf allen Ebenen ist allerdings nicht erreichbar, ohne das Regelsystem selbst grundlegend zu verändern. Ein Schulsystem, das auf systematischer Selektion der SchülerInnen gründet, und das deshalb ein Sondersystem von Förderschulen benötigt, um diejenigen aufzufangen, die durchs Rost fallen, ist strukturell nicht inklusionsfähig. Zwar können im bestehenden System zweifellos höhere Integrationsquoten erreicht werden als bisher. Doch die von anderen europäischen Ländern gesetzten Maßstäbe bleiben innerhalb dieses Systems unerreichbar.
Ein inklusives Schulsystem, dass jedes Kind in der Besonderheit seiner Individualität, mit seinen persönlichen Stärken und Schwächen, Fähigkeiten und Beeinträchtigungen annimmt, um ihm die bestmögliche Förderung und Bildung zu ermöglichen, basiert auf dem Prinzip der Heterogenität, der Anerkennung der Verschiedenheit und Vielfalt der Kinder. Inklusive Schule richtet ihre Arbeit mit Binnen- und Zieldifferenzierung an den individuellen Potenzialen, am individuellen Lern- und Entwicklungstempo aus, um bis zum Ende der Pflichtschulzeit individuell unterschiedliche Bildungsziele zu erreichen. Zieldifferenz ist normal.
Das herkömmliche dreigliedrige Regelschulsystem basiert dagegen auf der Fiktion einer im Voraus (!) festlegbaren Leistungshomogenität und einer vorgegebenen Zielgleichheit, sowohl für die jeweilige Schulform und deren Bildungsabschluss wie auch für den jeweiligen Klassenverband („Klassenziel“: Versetzung). Würde man nun Hauptschulen, Realschulen und Gymnasien befähigen, in der Sekundarstufe I Kinder mit geistiger Behinderung bestmöglich individuell (zieldifferent) zu fördern, gäbe es keine Legitimation mehr dafür, nicht behinderte SchülerInnen nach der Grundschule wegen vermeintlich oder tatsächlich unterschiedlicher Leistungsfähigkeit einer dieser drei Schulformen zuzuweisen. Würde man dagegen nur den Hauptschulen (und Gesamtschulen) einen Inklusionsauftrag bis Klasse 10 geben, würde zum einen der Forderung nach Inklusion „auf allen Ebenen“ nicht entsprochen, und zum anderen würde die Hauptschule in der öffentlichen Meinung dann noch mehr als bisher als „Restschule“ für die „Problemfälle“ (gleichsam als Sonderschule neuen Typs) wahrgenommen, von der sich die anderen Schulformen noch stärker privilegiert abheben. Gleiches gälte auch im Fall einer „Zweigliedrigkeit“ der Sekundarstufe I (z. B. Hamburg: „berufsorientierte Stadtteilschule“ und „wissenschaftsorientiertes“ Gymnasium).
Zu berücksichtigen ist in diesem Zusammenhang auch, dass die frühe Selektion der RegelschülerInnen nach der Grundschule als ein maßgeblicher Faktor für die erschreckend hohe soziale Selektivität unseres bisherigen Schulsystems identifiziert wurde. Die Verlängerung der gemeinsamen Lernzeit, der Verzicht auf frühe Selektion gilt allgemein als ein Schlüsselelement für die Herstellung von Chancengerechtigkeit in einem hochwertigeren, leistungsfähigeren Schulwesen. Von unterschiedlichen Ausgangspunkten kommend treffen sich somit die Reformbestrebungen für eine bessere Regelschule und für eine inklusive Regelschule in der Forderung nach einer Schule für alle bis Klasse 10.
Sollen Inklusion und Zieldifferenz Normalität werden, führt an einer entsprechenden Strukturreform unseres Schulsystems kein Weg vorbei. Das NRW-Bündnis „Eine Schule für alle“, dem auch der SoVD NRW angehört, hat das im Anhang beigefügte Papier über Leitlinien und Grundsätze einer Schule für alle erarbeitet, das die Zielperspektive skizziert.
Gegen einen Umbau des selektiven zum inklusiven Schulwesen wird vielfach die Behauptung in Stellung gebracht, dass die damit verbundene Kostenbelastung für die öffentlichen Haushalte nicht verkraftbar sei. Im UN-Handbuch für Parlamentarier zur Behindertenrechtskonvention werden inklusive Schulsysteme dagegen im Allgemeinen als kostengünstiger bewertet als Sonderschulsysteme („Inclusive educational settings are generally less expensive than segregated systems.“). Diese Auffassung wird in der Tendenz auch von deutschen Sachverständigen geteilt, die einen kostenneutralen Übergang vom Selektions- zum Inklusionssystem für möglich halten. (9) Haushalterische Überlegungen dürfen im Übrigen niemals einen Grund dafür liefern, einem Kind den Zugang zum Regelschulsystem zu versagen oder zu erschweren.
Allerdings besteht ein zusätzlicher Finanzierungsbedarf für Qualitätsverbesserungen im Regelsystem selbst, der nicht durch die Inklusionsorientierung bedingt ist, sondern durch die ohnehin bestehende Notwendigkeit zur Überwindung von Leistungsdefiziten der Schulen, insbesondere für Verbesserungen der Personalausstattung zur Vermeidung von Unterrichtsausfall und zur Sicherung ausreichend kleiner Klassenfrequenzen. Alle Kinder haben Anspruch auf Inklusion in guten, hochwertigen und auch sozial nicht selektiven Schulen.
Maßnahmen
Art. 8 BRK verpflichtet die Vertragsstaaten zu einer Reihe von Sofortmaßnahmen zur Bewusstseinsbildung. Dazu gehört u. a. eine öffentliche Kampagne zur Förderung einer respektvollen Einstellung gegenüber den Rechten von Menschen mit Behinderungen „auf allen Eben des Bildungssystems“. (10) Diese Kampagne kann und muss genutzt werden, um für den Strukturwandel vom selektiven zum inklusiven Bildungssystem und die Reform zugunsten einer Schule für alle bis Klasse 10 zu werben, über das Inklusionsziel, dessen menschenrechtliche Notwendigkeit und die darin liegenden Chancen für behinderte wie nicht behinderte SchülerInnen aufzuklären.
Zugleich ist der Strukturwandel zu einem inklusiven Regelschulsystem zielgerichtet und systematisch in Angriff zu nehmen. Kapazitätserweiterungen des Förderschulsystems sind deshalb unverzüglich wirksam auszuschließen.
Novelle des Schulgesetzes NRW
Das Schulgesetz NRW sollte entsprechend der folgenden Gesichtspunkte angepasst werden:
● Normierung eines ausdrücklichen generellen Vorrangs der inklusiven Beschulung in Regelschulen gegenüber der Förderschule, die Regelschule wird vorrangiger Ort der sonderpädagogischen Förderung;
● Schaffung eines vorbehaltlosen Elternwahlrechts mit Rechtsanspruch auf Gemeinsamen Unterricht;
● Aufhebung der Voraussetzung für Gemeinsamen Unterricht (zielgleich und zieldifferent), dass „die Schule dafür personell und sachlich ausgestattet ist“ (§ 20, Abs. 7 und 8 SchulG), stattdessen Verpflichtung zur Bereitstellung der notwendigen Ausstattung; (11)
● Normierung des Anspruchs auf umfassende – auch sonderpädagogische – Förderung und Unterstützung beim Besuch einer allgemeinen Schule, mindestens von der Qualität, die bislang in Förderschulen erbracht wird;
● Verpflichtung der Gemeinden und Kreise als Schulträger (§ 79 SchulG) sowie der Träger privater Ersatzschulen, Schulgebäude und –anlagen barrierefrei zu gestalten (12) und die Schulentwicklungsplanung (§ 80 SchulG) am Ziel einer Schule für alle auszurichten;
● Planmäßige Zusammenführung der Klassen 1 bis 10 in einer Schule für alle auf Basis entsprechender Übergangsregelungen.
Förderschulen Lernen, Sprache sowie emotionale und soziale Entwicklung
Es ist seit langem umstritten, ob Verhaltensstörungen, Sprach- und Lernschwierigkeiten, deren Diagnostizierung bislang die Aufnahme in die entsprechenden Förderschulen rechtfertigen, zu Recht als „Behinderung“ charakterisiert werden. Es spricht vieles dafür, dass es sich eher um Folgen sozial benachteiligter Milieus sowie mangelnder Förderfähigkeit der Kinderbetreuungseinrichtungen und Grundschulen handelt und nicht um eine Behinderung – weder im Sinne der sozialrechtlichen Definition (§ 2 SGB IX) noch im Sinne von Art. 1 BRK. Indes stellen SchülerInnen mit diesen Befunden die Mehrheit aller SchülerInnen mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Zudem ist bildungswissenschaftlich belegt, dass die Förderschule Lernen nicht fördert, sondern bestehende Problemlagen eher verfestigt.
Nach Auffassung zahlreicher Sachverständiger sollten deshalb die genannten Förderschulzweige vorrangig und unverzüglich vollständig auslaufen, wobei die Regelschulen im Gegenzug regelmäßig eine entsprechende bedarfsgerechte Grundausstattung mit sonderpädagogischen Fachkräften erhalten. (13) Diese Frage sollte einer vorrangigen und frühzeitigen Klärung zugeführt werden, um sich ggf. ergebende Folgerungen zügig in den Reformprozess aufnehmen zu können.
Aus- und Fortbildung von Lehrkräften
● Die Aus- und Fortbildung von Lehrkräften für allgemeine Schulen ist inklusionsorientiert fortzuentwickeln. Der Erwerb grundlegender sonderpädagogischer Kompetenzen sollte obligatorischer Teil der Lehrerausbildung werden.
● Entsprechend Art. 24 Abs. 4 BRK sind „auf allen Ebenen des Bildungswesens“ Maßnahmen zur Schulung (Fortbildung) von Fachkräften und MitarbeiterInnen zu treffen, die Kompetenzen in Fragen von Behinderungen, geeigneter Kommunikationsmittel, pädagogischer Verfahren und Materialien vermitteln.
● Entsprechend der gleichen Bestimmung sollte die Zahl der Lehrkräfte, die selbst behindert sind, sowie die Zahl derer, die in Gebärdensprache oder Brailleschrift ausgebildet sind, sukzessive erhöht werden.
Leistungen der Eingliederungshilfe zum inklusiven Schulbesuch
Art. 24 Abs. 2 Buchstabe d) BRK fordert, notwendige Unterstützung zur Erleichterung des Bildungserfolgs „innerhalb“ des allgemeinen Bildungssystems zu leisten. Schon bei der Wahrnehmung bisheriger Integrationsmöglichkeiten besteht eine teils erhebliche Schwierigkeit darin, dass für notwendige ergänzende Hilfen zum Schulbesuch – etwa die Finanzierung einer Schulassistenz (IntegrationshelferIn, Begleitperson) – nicht der Schulträger, sondern der Sozialhilfeträger im Rahmen der Eingliederungshilfe (§ 54 SGB XII) zuständig ist. Immer wieder lehnen Sozialhilfeträger entsprechende Anträge ab; die Bewältigung dieser Schnittstelle unterschiedlicher Kostenträger ist den Eltern dann nur auf dem Klageweg möglich. So lange ein rechtssicherer Leistungsanspruch und eine Beseitigung der Schnittstellenprobleme durch bundesrechtliche Änderung noch nicht erreicht ist, sollte das Land auf eine Verwaltungspraxis der Sozialhilfeträger hinwirken, die diese Probleme entschärft. (14) Eine Verpflichtung zur entsprechenden Änderung der Praxis leitet sich auch aus Art. 4 Abs. 1 Buchstabe d) her, wonach alle mit der BRK nicht vereinbaren Handlungen oder Praktiken zu unterlassen sind und dafür Sorge zu tragen ist, dass staatliche Behörden und öffentliche Einrichtungen im Einklang mit der BRK handeln.
Kultusministerkonferenz
Die Kultusministerkonferenz (KMK) hat anlässlich der BRK ein Verfahren zur Fortentwicklung der sonderpädagogischen Leitlinien von 1994 eingeleitet. Die politischen Diskussionen um Art. 24 BRK haben deutlich werden lassen, dass die Kultusressorts mancher Länder sich einer inklusiven Bildungsreform noch widersetzen. Der SoVD NRW erwartet daher von der Landesregierung, in der KMK aktiv für den notwendigen Reformkurs und seine zügige und sachgerechte Umsetzung auch in den übrigen Bundesländern zu werben. Insbesondere sollte sie sich dafür einsetzen, dass die sonderpädagogischen Leitlinien von einem klaren Bekenntnis zu den Zielsetzungen der BRK geprägt sind und dementsprechend den Vorrang der gemeinsamen Beschulung und die Ablösung der Defizitorientierung durch die Teilhabeperspektive klar zum Ausdruck kommen.
Übrige Einrichtungen des Bildungswesens
Es sei darauf hingewiesen, dass der Handlungsauftrag zur Schaffung eines inklusiven Bildungssystems auf allen Ebenen neben den allgemeinbildenden Schulen auch Kinderbetreuungseinrichtungen (Elementarstufe), Einrichtungen der beruflichen Bildung, Hochschulen, sowie Einrichtungen der Erwachsenenbildung einschließt. Auch hier sind die landesrechtlichen und förderpolitischen Regelungen, die Verwaltungspraxis sowie die baulichen Gegebenheiten auf ihre regelhafte Inklusionsfähigkeit und Geeignetheit zur Inklusionsförderung zu überprüfen und ggf. anzupassen.
2. Barrierefreiheit in den Bereichen Bauen und Verkehr
Nach Art. 9 [Zugänglichkeit] Abs. 1 BRK sind die Vertragsstaaten verpflichtet, geeignete Maßnahmen zu treffen zur Feststellung und Beseitigung von Zugangshindernissen und –barrieren unter anderem für „Gebäude, Straßen, Transportmittel … einschließlich Schulen, Wohnhäusern, medizinischer Einrichtungen und Arbeitsstätten“, die „der Öffentlichkeit offen stehen oder für sie bereitgestellt werden“. Abs. 2 verpflichtet außerdem zu Maßnahmen, um „sicherzustellen“, dass private Träger, die der Öffentlichkeit offen stehende oder für sie bereitgestellte Einrichtungen und Dienste anbieten, „alle Aspekte der Zugänglichkeit für Menschen mit Behinderungen berücksichtigen“.
Bauen
Nach § 7 Behindertengleichstellungsgesetz NRW (BGG NRW) haben Land und Kommunen die Errichtung oder die Änderung baulicher Anlagen „entsprechend den bauordnungsrechtlichen Vorschriften“ barrierefrei zu gestalten. § 55 der Landesbauordnung (BauO NRW) bestimmt, dass öffentlich zugängliche bauliche Anlagen (auch solche in privater Trägerschaft) „in den dem allgemeinen Besucherverkehr dienenden Teilen“ barrierefrei sein müssen. Die zitierte Beschränkung des Barrierefreiheitsgebotes, mit der Gebäudeteile, die von den dort Beschäftigten genutzt werden, von der Vorschrift ausgenommen werden, war schon wiederholt Gegenstand der Kritik des SoVD NRW und anderer Interessenvertretungen behinderter Menschen.
Nach Auffassung des SoVD NRW ist diese Beschränkung in § 55 BauO NRW in Folge Art. 9 BRK aufzuheben. Dies wäre keine Kompetenzüberschreitung mit Blick auf die Arbeitsstättenverordnung des Bundes. (15) Diese regelt Mindeststandards des Arbeitsschutzes (nicht des Baurechts) und sieht ausdrücklich die Möglichkeit vor, andere (ergänzende) Regelungen in der BauO zu treffen. (16)
Die Ausweitung der Barrierefreiheitsvorschrift des § 55 auf das ganze Gebäude trägt zudem auch zur Verbesserung der Beschäftigungsmöglichkeiten behinderter Menschen bei und erleichtert damit die Umsetzung von Art. 27 [Arbeit und Beschäftigung] BRK. § 3 Abs. 2 ArbStättV sieht eine Verpflichtung zur barrierefreien Gestaltung von Arbeitsplätzen erst dann vor, wenn behinderte ArbeitnehmerInnen beschäftigt werden. Da Arbeitgeber nicht selten den damit verbundenen Aufwand scheuen (trotz Bereitstellung von Fördermitteln), wird eine Einstellung behinderter Menschen, die entsprechender Anpassungen bedürfen, häufig vermieden. In dem Maße, wie Arbeitsstätten ohnehin barrierefrei gestaltet sind, entfällt dieses Hindernis.
Ebenso ist der nur schwer nachvollziehbare Umstand zu bereinigen, dass die Unterrichtsräume von Schulen nach herrschender Rechtsauffassung nicht „dem allgemeinen Besucherverkehr“ dienen, weil SchülerInnen nicht als BesucherInnen, sondern als „NutzerInnen“ gelten. Nach dieser Auslegung hat § 55 BauO NRW – obwohl „Einrichtungen des Bildungswesens“ dort ausdrücklich genannt sind – für Schulgebäude erst dann rechtliche Bedeutung, wenn und soweit dort öffentliche Veranstaltungen stattfinden. (17) Ob diese Rechtsauffassung auch auf Einrichtungen des Gesundheitswesens (z. B. Arztpraxen: PatientInnen vs. BesucherInnen) Anwendung findet, ist uns derzeit nicht bekannt.
Ein großes Problem im Zusammenhang mit § 55 BauO NRW sind langjährig beklagte Vollzugsdefizite seitens der örtlichen Bauämter. Der SoVD NRW erwartet, dass die Landesregierung ihre Möglichkeiten ausschöpft, die Vollzugsdefizite unverzüglich zu beheben, so dass keine öffentlich zugängliche bauliche Anlage in NRW mehr ohne Beachtung von § 55 errichtet, umgebaut oder erweitert wird. Darüber hinaus sind Konsequenzen daraus zu ziehen, dass die Vorschrift nicht auf Errichtung, Um- oder Erweiterungsbauten abstellt, sondern generell zur Barrierefreiheit verpflichtet. Daraus ist die Verpflichtung herzuleiten, Maßnahmen zur Herstellung von Barrierefreiheit innerhalb angemessener Fristen auch dann zu planen und durchzuführen, wenn eine anderweitige Umbaumaßnahme nicht bevorsteht. (18)
Im Übrigen wurde die Aufgabe, auf eine barrierefreie Gestaltung kommunaler Anlagen und Einrichtungen hinzuwirken, mit § 5 BGG NRW den Verbänden behinderter Menschen übertragen. Diese sollen hierzu freiwillige Zielvereinbarungen mit den Gemeinden, Kreisen, Kommunalverbänden oder deren Unternehmen aushandeln. Nicht selten müssen damit (bau-)rechtliche Vollzugsdefizite ausgeglichen werden. Der SoVD NRW hat dies bereits im Gesetzgebungsverfahren des BGG NRW als völlig unzureichend und strukturelle Überforderung der Verbände kritisiert. Um Barrierefreiheit auf kommunaler Ebene herbeizuführen, sind Zielvereinbarungen allein kein „geeignetes Mittel“ im Sinne der BRK.
Daher erneuert der SoVD NRW unter Verweis auf Art. 9 BRK seine Forderung nach einer rechtlichen Verpflichtung der Kommunen und des Landes, ihren Bestand an öffentlich zugänglichen baulichen Anlagen innerhalb angemessener Fristen barrierefrei umzugestalten. (19) Dabei können Zielvereinbarungen im Sinne des § 5 BGG NRW ein sinnvolles und hilfreiches Instrument der Partizipation der örtlichen Interessenvertretungen behinderter Menschen bei der Prioritätensetzung und der konkreten Ausgestaltung und Planung von Maßnahmen sein.
Darüber hinaus ist die Anforderung der Barrierefreiheit in die Allgemeinen Anforderungen des § 3 BauO NRW aufzunehmen, um ihr grundsätzlich für sämtliche Baumaßnahmen Geltung zu verleihen. Notwendig erscheinende Ausnahmen von diesem Grundsatz müssen – auch zur rechtssicheren Orientierung der Bauaufsicht – ausdrücklich normiert werden.
Art. 9 Abs. 2 Buchstabe a) fordert, Mindeststandards und Leitlinien für die Barrierefreiheit öffentlich zugänglicher Einrichtungen und Dienste „zu erlassen und ihre Anwendung zu überwachen“. In Gestalt der einschlägigen DIN-Normen liegen bereits anerkannte Barrierefreiheitsstandards für Gebäude, Wohnungen und Außenanlagen vor, deren Beachtung aber häufig nicht verbindlich ist.
Der SoVD NRW begrüßt, dass der Landesbetrieb Straßen.NRW den „Leitfaden für Barrierefreiheit im Straßenraum“ veröffentlicht hat. Dieser sollte für Landes- und kommunale Straßen verbindlich werden (z. B. untergesetzliche Regelung zu § 9 Abs. 2 Straßen- und Wegegesetz NRW).
Verkehr
Art. 9 BRK verlangt geeignete Maßnahmen, um die Zugänglichkeit auch der öffentlichen Verkehrsinfrastrukturen in städtischen und ländlichen Gebieten für Menschen mit Behinderung zu gewährleisten. Der Regelungskompetenz des Landes unterliegen hier der Öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) und der Schienenpersonennahverkehr (SPNV). Nach wie vor besteht erheblicher Handlungsbedarf, um das Ziel eines barrierefreien ÖPNV/SPNV in NRW in Reichweite zu bringen. Bei der Umsetzung der bereits bestehenden Barrierefreiheitsvorschriften des Gesetzes über den Öffentlichen Personennahverkehr in Nordrhein-Westfalen (ÖPNVG NRW) (20) bestehen erhebliche Defizite, die in einzelnen Fällen die örtlichen Interessenvertretungen behinderter Menschen veranlasst haben, den beschwerlichen Weg der Zielvereinbarungen zu beschreiten.
Der SoVD NRW sieht eine geeignete Maßnahme insbesondere darin, die Vergabe der Fördermittel nach dem ÖPNVG NRW künftig an die Voraussetzung zu knüpfen, dass die Aufgabenträger des ÖPNV und SPNV konkrete, mit zeitlichen Zielen und bezifferten Investitionsplanungen unterlegte Planungen zur vollständigen barrierefreien Umgestaltung ihres Angebots vorlegen und umsetzen. Bei der Erarbeitung dieser Pläne sind die Partizipationsrechte der Organisationen behinderter Menschen zu wahren.
Auch für den ÖPNV-Bereich ist der Auftrag der BRK bedeutsam, Mindeststandards und Leitlinien für Fahrzeuge, Haltestellen bzw. Bahnhöfe sowie den Übergang zwischen beiden zu entwickeln, zu erlassen und ihre Anwendung zu überwachen. Die barrierefreie Gestaltung des ÖPNV würde den kommunalen ÖPNV-Trägern dadurch erheblich erleichtert, weil sie nicht mehr in jedem Einzelfall mit den örtlichen Interessenvertretungen behinderter Menschen „eigene“ Barrierefreiheitskriterien entwickeln müssten. Die Anwendung der Standards würde dazu führen, dass die Fahrzeughersteller ausschließlich barrierefreie Fahrzeuge anbieten würden. Bei der Ausschreibung von ÖPNV-Dienstleistungen sind barrierefreie Angebote im Nachteil, wenn die Anbieter barrierefreie Fahrzeuge als teurere Sonderanfertigung bestellen müssen.
3. Selbstbestimmt barrierefrei Wohnen
Nach Art. 19 BRK haben die Vertragsstaaten zu „gewährleisten“, dass Menschen mit Behinderung
● „gleichberechtigt die Möglichkeit haben, ihren Aufenthaltsort zu wählen und zu entscheiden, wo und mit wem sie leben, und nicht verpflichtet sind, in besonderen Wohnformen zu leben“,
● „Zugang zu einer Reihe von gemeindenahen Unterstützungsdiensten … haben, einschließlich der persönlichen Assistenz“ und
● „gemeindenahe Dienstleistungen und Einrichtungen für die Allgemeinheit“ nutzen können.
Diese Bestimmungen gelten gleichermaßen für „klassische“ KlientInnen der Eingliederungshilfe wie für pflegebedürftige alte Menschen. Damit unvereinbar ist der Kostenvorbehalt bei der Gewährung ambulanter Leistungen in § 13 Abs. 1 Satz 3 SGB XII. Die Regelung ermächtigt den Sozialhilfeträger, eine Heimunterbringung gegen den Wunsch des Betroffenen für „zumutbar“ zu erklären und die Kostenübernahme für eine (teurere) ambulante Unterstützung zu verweigern. Der SoVD NRW fordert die Landesregierung auf, unverzüglich eine Bundesratsinitiative zur Aufhebung der Bestimmung einzubringen. Dabei ist auch die Regelung des § 9 Abs. 2 Satz 3 SGB XII (21) zu überprüfen, da diese einen Grundsatz formuliert, der durch die kritisierte Regelung des § 13 konkretisiert wird.
Das Land NRW hat seit 2003 – derzeit befristet bis 30.06.2013 – die Zuständigkeiten für ambulante und stationäre Wohnhilfen im Rahmen der Eingliederungshilfe bei den Landschaftsverbänden zusammengeführt, um eine verstärkte Ambulantisierung der Wohnhilfen zu erreichen. Die erreichten und in Fortsetzung der bestehenden Maßnahmen zukünftig erreichbaren Fortschritte reichen jedoch nicht aus, um den Anforderungen der BRK zu genügen. Insbesondere Menschen mit höherem Unterstützungs- und Hilfebedarf werden nicht erreicht und haben weiterhin keine Alternative zum Heim. Zudem sind auch ambulant betreute Wohngruppen und Wohngemeinschaften meist noch „besondere Wohnformen“ im Sinne der BRK, die mit Einschränkungen des Entscheidungsrechts der Betroffenen, wo und mit wem sie leben, verbunden sind. Persönliche Assistenz ist nach wie vor nur für einen kleinen Kreis Betroffener zugänglich und praktikabel.
In Folge von Art. 19 BRK müssen heute die Bestrebungen zum Ausbau des ambulant betreuten selbstbestimmten Wohnens in den Kontext einer erweiterten Zielperspektive gestellt werden. Diese wird annähernd im Entwicklungsszenario C des Abschlussberichts „Selbständiges Wohnen behinderter Menschen“ der wissenschaftlichen Begleitforschung als „inklusives Gemeinwesen“ beschrieben. (22)
Behinderte Menschen müssen ungeachtet der Art und Schwere ihrer Behinderung die Möglichkeit haben, allein oder mit PartnerIn eine „normale“ Mietwohnung zu beziehen und die erforderliche tragfähige Unterstützung durch persönliche Assistenz oder ambulante Dienste zu erhalten. Der SoVD erwartet, dass die Landesregierung entsprechenden Einfluss auf die konzeptionelle Fortentwicklung des Engagements der hier maßgeblich zuständigen Landschaftsverbände beim Ausbau des selbstbestimmten Wohnens entsprechend Art. 19 BRK nimmt und diese zielgerichtet unterstützt.
Für den notwendigen Ausbau der Einrichtungen und Dienste zur Unterstützung der häuslichen Pflege, nicht zuletzt hinsichtlich des Leistungsumfangs, sind vor allem bundesrechtliche Fortentwicklungen notwendig, die hier nicht vertieft werden sollen. Allerdings sind in diesem Zusammenhang auch die pflegeergänzenden („komplementären“) Dienste zu berücksichtigen, die zur Entwicklung tragfähiger häuslicher Pflegesettings wesentlich beitragen können. Dabei dürfen keine „Preisbarrieren“ entstehen, die den Zugang zu tragfähiger Unterstützung in der eigenen Häuslichkeit von den persönlichen Einkommensverhältnissen abhängig machen. Mit dem Landespflegegesetz (1996) wurde der Sicherstellungsauftrag für die bis dahin landesgeförderte Infrastruktur der „komplementären ambulanten Dienste“ den Kommunen übertragen, während das Land sich weitgehend aus der Aufgabe zurückzog. Die Kommunen ihrerseits haben diese Aufgabe vielfach nicht angenommen, ohne dass dies Interventionen des Landes ausgelöst hätte. In der Folge wurde das Thema pflegeergänzender Dienste in den Zusammenhang der Erschließung eines Wettbewerbsmarktes „haushaltsnaher Dienstleitungen“ gestellt. Die Inanspruchnahme entsprechender Angebote ist jedoch vielen Pflegebedürftigen aus Kostengründen nicht möglich.
Der SoVD NRW hält es im Sinne der Art. 19 und 22 [Achtung der Privatsphäre] BRK für zwingend, im Landesheimrecht (Wohn- und Teilhabegesetz – WTG) das Recht auf ein Einzelzimmer zu verankern. Im Gesetzgebungsverfahren zum WTG haben sich bereits alle Landtagsfraktionen politisch zu dieser Zielsetzung bekannt, wenngleich sie (noch) mehrheitlich auf eine entsprechende Regelung verzichteten.
Nach Art. 4 BRK sind die Vertragsstaaten zur Förderung der „Schulung von Fachkräften und anderem mit Menschen mit Behinderungen arbeitendem Personal“ bezüglich der in der BRK anerkannten Rechte verpflichtet. (23) Solche Schulungsmaßnahmen sind nicht nur für Beschäftigte von Einrichtungen der Eingliederungshilfe und der Pflege zu organisieren, sondern auch für die Einrichtungsleitungen sowie für die „Entscheider“ in den Verbänden der Leistungserbringer und der Kostenträger. Insbesondere die Letzteren haben wesentlichen Einfluss darauf, ob und wie rasch die Hilfe- und Unterstützungsstrukturen in Richtung des inklusiven Gemeinwesens entwickelt werden. Die Landesregierung sollte sich daher mit den Verbänden über die Aufstellung entsprechender Schulungsangebote ins Benehmen setzen und diese – soweit erforderlich – finanziell unterstützen.
Neben dem Zugang zu den erforderlichen ambulanten Hilfen ist der Zugang zu geeignetem barrierefreiem Wohnraum die zweite notwendige Voraussetzung zur Verwirklichung des Rechts auf selbstbestimmtes Wohnen. Barrierefreie Mietwohnungen, die auch finanziell schwächeren MieterInnen (24) offen stehen, sind bislang noch in viel zu geringem Umfang vorhanden. Für die Verwirklichung der Rechte des Art. 19 sind Maßnahmen zur barrierefreien Umgestaltung von Bestandswohnungen besonders bedeutsam, da Neubaumaßnahmen nur noch in geringem Umfang zum Wohnungsangebot beitragen. Im Rahmen der Richtlinien zur Förderung von investiven Maßnahmen im Bestand in Nordrhein-Westfalen (RL BestandsInvest) hat die Landesregierung ein Förderinstrument für Maßnahmen zur barrierefreien Umgestaltung von Bestandswohnungen bereitgestellt; zum 01.04.09 startete das KfW-Förderprogramm für barrierereduzierende Modernisierungen.
Jedoch kann mit diesen Instrumenten allein der Bedarf an barrierefreiem Wohnraum, der im Zuge der demografischen Entwicklung weiter zunimmt, nicht gedeckt werden. Bisherige bauordnungsrechtliche Zumutbarkeitsregelungen, Schwächen der Bauaufsicht und vereinfachte Genehmigungsverfahren führten dazu, dass die Modernisierung des Mietwohnungsaltbestandes in der Regel ohne Berücksichtigung der Barrierefreiheit stattfindet. Hinzu kommen der Bedeutungsverlust des Sozialwohnungsbaus und die Schrumpfung des Sozialwohnungsbestandes mit öffentlichen Belegungsrechten zugunsten von am Markt benachteiligten Gruppen. Der SoVD NRW fordert die Landesregierung auf, geeignete Maßnahmen zu entwickeln, um innerhalb angemessener Fristen ein bedarfsgerechtes Angebot an barrierefreien Wohnungen zu erreichen.
4. Öffentlich zugängliche Dienste und Einrichtungen
Nach Art. 9 treffen die Vertragsstaaten geeignete Maßnahmen, um sicherzustellen, dass der Allgemeinheit zugängliche Einrichtungen und Dienste in öffentlicher wie in privater Trägerschaft für Menschen mit Behinderung zugänglich (barrierefrei) sind. Hierzu zählen insbesondere die Beratungsinfrastrukturen, die für vielfältige Aufgabenbereiche (wenngleich noch nicht immer bedarfsgerecht) von kommunalen, frei gemeinnützigen Trägern bereitgestellt werden. Teilweise werden die Einrichtungen regelmäßig mit Fördermitteln des Landes unterstützt.
In den landesgeförderten Bereichen sollte das Land gemeinsam mit den Trägern unter Beteiligung sachkundiger InteressenvertreterInnen behinderter Menschen eine Bestandsaufnahme des Barriere(freiheits)status einschließlich der Kommunikationsfragen vornehmen, um die konkreten Handlungsbedarfe im Sinne des Art. 9 zu identifizieren. Da die Finanzierung der Einrichtungen häufig als „Komplementärfinanzierung“ unter Beteiligung einer Mehrzahl von Kostenträgern organisiert ist, sollten unter Beteiligung der weiteren Kostenträger Maßnahmeplanungen zur Herstellung von Barrierefreiheit entwickelt werden, deren Finanzierung von den beteiligten Kostenträgern gemeinsam sichergestellt wird. Die Landesregierung sollte hier initiierend und moderierend tätig werden. Zugleich sollte sie nach Möglichkeit sicherstellen, dass neue Einrichtungen nur dann ans Netz gehen, wenn sie die Anforderungen der BRK erfüllen.
Erheblicher Handlungsbedarf besteht bei Arztpraxen, deren Barrierefreiheit zur Verwirklichung des Art. 25 BRK unerlässlich ist. Die Landesbehindertenbeauftragte hat dieses Thema zu Recht zum Gegenstand einer Kampagne gemacht. Allerdings ist äußerst fraglich, ob im Wege der Aufklärung, Werbung und ggf. von Anreizen das Ziel erreichbar wird. Die Beseitigung bestehender Vollzugsdefizite bei § 55 BauO NRW wäre sicher auch in diesem Bereich hilfreich. Als ein geeignetes Mittel er erscheint aber insbesondere, ein Barrierefreiheitsgebot als Zulassungsvoraussetzung in die ärztlichen und zahnärztlichen Zulassungsverordnungen aufzunehmen. Hierauf sollte das Land NRW über die Gesundheitsministerkonferenz hinwirken.
Handlungsbedarf besteht ebenfalls bei den Frauenhäusern (25) sowie bei geeigneten Maßnahmen der Gewaltprävention, insbesondere gegen sexuelle (sexualisierte) Gewalt. Einschlägige Befunde deuten darauf hin, dass Frauen und Mädchen mit Behinderung häufiger sexueller Gewalt zum Opfer fallen als nicht behinderte Frauen. (26) Nach Auffassung des SoVD dürfen die einschneidenden Haushaltskürzungen, die mit dem Landeshaushalt 2006 in diesen Bereichen vorgenommen wurden, keinen Bestand haben. Insbesondere haben sie die Leistungsfähigkeit der Frauenhäuser in Frage gestellt. Bundesweit sind bislang nur rund 10 % der Frauenhäuser barrierefrei zugänglich; eine entsprechende Angabe für NRW liegt uns nicht vor.
Der SoVD NRW sieht hier aufgrund von Art. 16 in Verbindung mit Art. 6 BRK das Land und die Kommunen in der Verantwortung, die barrierefreie Umgestaltung der Frauenhäuser, deren qualifizierte Arbeit zugunsten der Gewaltopfer sowie erforderliche Lückenschlüsse in der Infrastruktur auch finanziell verstärkt zu fördern.
5. Behindertengleichstellungsgesetz NRW
Anpassungsbedarf im BGG NRW sieht der SoVD NRW insbesondere bezüglich
● der Ergänzung der Legaldefinition von Benachteiligung (Diskriminierung) in § 3 Abs. 2 um den in Art. 2 BRK formulierten Diskriminierungstatbestand der „Versagung angemessener Vorkehrungen“.
Die Konvention schafft gleichsam ein Individualrecht auf angemessene Vorkehrungen, die – soweit sie keine unverhältnismäßige und unbillige Belastung darstellen – in einem bestimmten Einzelfall vorzunehmen sind, damit die in der BRK formulierten Menschenrechte und Grundfreiheiten wahrgenommen werden können. Dies kann beispielsweise der Anspruch auf Anbringung einer provisorischen Rampe sein, um einer Schülerin im Rollstuhl den Zugang zu einer Regelschule (oder einer anderen Einrichtung) zu ermöglichen, oder der Anspruch auf Anbringung einer Beschilderung in Brailleschrift.
● der Einfügung einer Verpflichtung der kommunalen Körperschaften, Verbände und Unternehmen, ihre öffentlichen Infrastrukturen barrierefrei zu gestalten (vgl. oben Abs. „Bauen“) und hierzu unter Beteiligung der örtlichen Interessenvertretungen behinderter Menschen zeitlich definierte Maßnahmepläne zu entwickeln und fortzuschreiben. Die Regelungen des § 5 BGG NRW sollten dann auf die konkrete Ausgestaltung der Planungen bezogen werden für den Fall, dass ein Einvernehmen über die Maßnahmen im Verwaltungsverfahren nicht erzielt wird.
6. Öffentlich-rechtliche Medien
Im Rahmen des Landesbehindertenrates NRW (LBR) hat sich auch der SoVD seit längerer Zeit für einen Barriereabbau im Programmangebot von Rundfunk und Fernsehen sowie für ein realitätsnahes und respektvolles Bild behinderter Menschen in den Medien eingesetzt. Dies sind auch Ziele der BRK.
Zu den Sofortmaßnahmen nach Art. 8 [Bewusstseinsbildung] BRK gehört „die Aufforderung an alle Medienorgane, Menschen mit Behinderungen in einer dem Zweck dieses Übereinkommens entsprechenden Weise darzustellen“. Nach Art. 21 BRK gehört zu den Maßnahmen, mit denen die Vertragsstaaten die Ausübung des Freiheitsrechts zu Beschaffung, Empfang und Weitergabe von Informationen und Gedankengut durch alle von behinderten Menschen gewählten Kommunikationsformen im Sinne des Art. 2 BRK „gewährleisten“, die Aufforderung an die Massenmedien (einschließlich Internet-Anbietern), ihre Dienstleistungen für Menschen mit Behinderung zugänglich zu gestalten. Die Sofortmaßnahme (Art. 8 Buchstabe d) „Förderung von Schulungsprogrammen zur Schärfung des Bewusstseins für Menschen mit Behinderungen und für deren Rechte“ sollte in diesem Zusammenhang zur Qualifizierung von Medienschaffenden genutzt werden.
Der Landesregierung obliegt die Umsetzungsverantwortung in diesem Bereich insbesondere für den WDR und andere öffentlich-rechtliche Anbieter. Die Fachveranstaltung des LBR „Behinderung und Medien“ am 08.01.09 in Kooperation mit WDR und Landesregierung hat sowohl erzielte Fortschritte gewürdigt, als auch auf weitere Handlungsbedarfe hingewiesen. Es wird näher zu prüfen sein, ob Anpassungen („geeignete Maßnahmen“ i. S. Art. 4 Abs. 1 Buchstabe a) BRK) im WDR-Gesetz und im Landesmediengesetz möglich sind, die zur Erreichung der Ziele des Art. 21 beitragen.
7. „Disability Mainstreamig“
Art. 4 Abs 1 Buchstabe c) BRK verlangt, den Schutz und die Förderung der Menschenrechte von Menschen mit Behinderungen „in allen politischen Konzepten und allen Programmen“ zu berücksichtigen. Damit ist in den Allgemeinen Verpflichtungen der Konvention das Postulat eines „Disability Mainstreamings“ nach dem Vorbild des „Gender Mainstreaming“ (27) formuliert.
Hierzu sind geeignete Verfahren zu entwickeln, mit denen alle Ressorts der Landesregierung einschließlich ihrer nachgeordneten Behörden bereits in der Vorhabenplanung regelmäßig die zu erwartenden Auswirkungen auf die Rechte behinderter Menschen prüfen und ggf. Anpassungsbedarfe im weiteren Planungsverfahren zu berücksichtigen. Dies setzt die regelhafte Beteiligung von Personen voraus, die über die erforderlichen Kompetenzen in Fragen der Belange behinderter Menschen verfügen.
Partizipation
Die Vorbereitung, Durchführung und Überwachung der Umsetzungsprozesse der BRK auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene bringen vielfältige Partizipationsaufgaben für die Organisationen behinderter Menschen mit sich, die zu den bisherigen hinzutreten. In einigen Bereichen wird die Umsetzung der BRK auch unter Annahme günstigster Rahmenbedingungen eine Reihe von Jahren in Anspruch nehmen, bis die Zielstellungen verwirklicht sind.
Einige der ehrenamtlich arbeitenden Organisationen sind bereits durch bestehende Partizipationsaufgaben an den Grenzen ihrer materiellen und personellen Ressourcen angelangt. Kleine Organisationen haben bereits Schwierigkeiten, die Reisekosten zu Sitzungsterminen aus eigenen Mitteln zu tragen. Um asymmetrische Kräfteverhältnisse zwischen professionellen ExpertInnen aus Verwaltungen einerseits und VertreterInnen von Betroffenenorganisationen andererseits möglichst abzubauen, müssen Betroffenenorganisationen zur Beurteilung rechtlicher und fachlicher Sachverhalte ggf. auch auf professionellen externen Sachverstand zurückgreifen können. Angesichts des voraussichtlichen Umfangs partizipationsrelevanter Klärungsprozesse in vielfältigen Sachgebieten sollte daher frühzeitig die Frage beantwortet werden, in welcher Weise den Betroffenenorganisationen notwendige Unterstützung zur Verfügung gestellt werden kann.
Einen Ansatz sieht der SoVD NRW darin, das der Unterstützung der Behindertenselbsthilfe dienende Teilprojekt der agentur barrierefrei NRW unter Fortführung seiner bisherigen Unterstützungsarbeit bei Zielvereinbarungen nach BGG NRW zu einem leistungsfähigen Kompetenzzentrum in allen Fragen der Barrierefreiheit fortzuentwickeln. (28) Dieses sollte die Partizipation der Betroffenenorganisationen bei der Umsetzung der BRK auf Landes- wie kommunaler Ebene im Bedarfsfall unentgeltlich unterstützen, auch mittels eines Pools geeigneter Sachverständiger, die zu beratender Unterstützung bereit sind. Unterstützungsbedarfe werden aber auch in den anderen Bereichen jenseits des Art. 9 BRK bestehen. In jedem Fall sollte vermieden werden, dass sich eine Kluft zwischen den Partizipationsansprüchen der BRK und den tatsächlichen quantitativen wie qualitativen Partizipationsmöglichkeiten entwickelt.
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Fußnoten
(1) vgl. Art. 4 Abs. 5 UN-BRK
(2) vgl. Art 4 Abs. 1 Buchst. a) i. V. mit Buchstabe d) BRK
(3) vgl. Art. 4 Abs. 3 UN-BRK; dies gilt gleichermaßen bei an anderen Entscheidungsprozessen in Fragen, die Menschen mit Behinderungen betreffen.
(4) Deutsch zählt nicht zu den Amtssprachen der Vereinten Nationen.
(5) Der Begriff der „angemessenen Vorkehrungen“ ist in Art. 2 BRK definiert; deren Versagung ist ein Diskriminierungstatbestand.
(6) Für den deutschen Sprachgebrauch ist diese begriffliche Unterscheidung vergleichsweise neu. In der Vergangenheit wurde häufig von Integration gesprochen, wo Inklusion gemeint war.
(7) Zitiert nach: SoVD e.V., UN-Behindertenrechtskonvention umsetzen – Inklusive Bildung verwirklichen, Berlin 2009, S. 3
(8) vgl. etwa die Ausführungen von Prof. Dr. Hans Wocken in der Anhörung des Ausschusses für Schule und Weiterbildung am 20.05.09 – APr 14/896 S. 16 ff.
(9) vgl. etwa Prof. Preuss-Lausitz, Stellungnahmen 14/2362 und 14/2591 gegenüber dem Landtag NRW
(10) vgl. Art. 8 Abs. 2 Buchstabe b)
(11) Im Einzelfall ergibt sich diese Verpflichtung unmittelbar aus Art. 24 Abs. 2 Buchstabe c) BRK: Sicherstellung „angemessener Vorkehrungen“, die in Art. 2 definiert sind.
(12) Diese Verpflichtung ergibt sich auch unmittelbar aus Art. 9 BRK.
(13) So auch Prof. Dr. Wocken in APr 14/896
(14) Gleiches gilt auch für die Auslegung des Begriffs der „wesentlichen“ Behinderung zur Definition des Personenkreises, der Anspruch auf Leistungen der Eingliederungshilfe hat, in § 53 Abs. 1 SGB XII.
(15) In ihrem Bericht über die Wirkungen des BGG NRW hatte die Landesregierung die entsprechende Forderung des SoVD und anderer Behindertenverbände mit der Behauptung fehlender Regelungskompetenz aufgrund der ArbStättVO zurückgewiesen.
(16) vgl. § 3 Abs. 4 ArbStättV
(17) Quelle: Ausführungen des Ministeriums für Bauen und Verkehr im Landesbehindertenbeirat vom 05.03.2009. Die zitierte Rechtsauslegung ist als mit der BRK unvereinbare Praxis gem. Art. 4 Abs. 1 Buchstabe d) durch eine Auslegung im Sinne der Inklusion und Barrierefreiheit abzulösen.
(18) Die geforderte Änderung der Auslegung und der Vollzugspraxis von § 55 BauO ergibt sich auch unmittelbar aus Art. 4 Abs. 1 Buchstabe d) BRK, wonach mit der BRK nicht vereinbare Handlungen oder Praktiken zu unterlassen sind und dafür Sorge zu tragen ist, dass staatliche Behörden und öffentliche Einrichtungen im Einklang mit der BRK handeln.
(19) Da es sich um eine Maßnahme zur Umsetzung der BRK handelt, die auch die kommunale Ebene unmittelbar verpflichtet, dürften sich Konnexitätsfragen (kommunaler Anspruch auf Finanzausgleich bei Aufgabenübertragung durch das Land) hier nicht stellen.
(20) § 2 Abs. 8 ÖPNVG verpflichtet generell zur Berücksichtigung der Barrierefreiheit „bei Planung und Ausgestaltung der Verkehrsinfrastruktur, der Fahrzeuge sowie des Angebotes des ÖPNV“. § 8 Abs. 1 greift dies für die Erstellung der Nahverkehrspläne ausdrücklich auf. § 2 Abs. 3 verlangt die landesweite Entwicklung einer koordinierten Fahrgastinformation unter Berücksichtigung der Bedürfnisse von Menschen mit Hör- und Sehbehinderungen.
(21) Im Wortlaut: „Der Träger der Sozialhilfe soll in der Regel Wünschen nicht entsprechen, deren Erfüllung mit unverhältnismäßigen Mehrkosten verbunden wäre.“
(22) ZPE der Universität Siegen, Selbständiges Wohnen behinderter Menschen – Hilfen aus Einer Hand, Abschlussbericht, August 2008; vgl. hier: S. 345 ff.
(23) vgl. Art. 4 Abs. 1 Buchstabe i) BRK
(24) Ende Juli 2009 bezogen in NRW 62,2 % der in der registrierten schwerbehinderten Erwerbslosen Leistungen nach dem SGB II. Die durchschnittliche Höhe der Erwerbsminderungsrenten lag Ende 2007 bei 761 Euro (alte Bundesländer).
(25) Die Frauenberatungsstellen sind in die vorstehenden Ausführungen zu Beratungseinrichtungen eingeschlossen.
(26) vgl. Landtag NRW (Hrsg.), Zukunft einer frauengerechten Gesundheitsversorgung in NRW, Bericht der Enquetekommission des Landtags von Nordrhein-Westfalen, S. 159 f.
(27) [1] Gender Mainstreaming verlangt die Berücksichtigung des Zieles der Gleichstellung der Geschlechter bei sämtlichen politischen Maßnahmen einschließlich der Haushaltsgesetzgebung. („Gender Budgeting“). Die Umsetzung der Verpflichtungen des Gender Mainstreaming erscheint bislang unbefriedigend.
(28) vgl auch die einmütig verabschiedete Resolution der Delegiertenversammlung des LBR vom 14.03.09 zur Sicherung und Fortentwicklung der agentur barrierefrei NRW
Der ABA Fachverband unterstützt ausdrücklich das vorstehende Positionspapier des SoVD Landesverbandes NRW.
Programm „Angekommen?! (Offene) Kinder- und Jugendarbeit mit jungen Geflüchteten und Zuwander_innen – Impulse für die Praxis“
Fachtag der AGOT-NRW e.V.
Donnerstag, 12. November 2015, Jugendzentrum Multicult, Am Haxthausenhof 18, Paderborn
Beschreibung
Kriege, Krisen und Arbeitslosigkeit veranlassen Menschen weltweit ihre Heimat zu verlassen. Geflüchtet oder ausgewandert befinden sich diese Menschen in schwierigen und teils menschenunwürdigen Situationen. Und so ist auch die Lebensrealität von geflüchteten und zugewanderten Kindern und Jugendlichen in Deutschland in der Regel von Ungewissheit, Perspektivlosigkeit und Ausgrenzung geprägt. Mit der Zunahme von Flucht und Zuwanderung wird auch die (Offene) Kinder- und Jugendarbeit herausgefordert, sich stärker einzumischen.
(Offene) Kinder- und Jugendarbeit hat aufgrund ihrer Prinzipien, Expertise und Methoden besonderes Potenzial, um den Umgang mit geflüchteten und zugewanderten Kindern und Jugendlichen in unserer Gesellschaft mitzugestalten. Zudem ist es für sie nicht ganz neu, mit geflüchteten und/oder zugewanderten Kindern und Jugendlichen zusammen zu arbeiten. Gleichzeitig wirken sozialpädagogische Angebote vielerorts vereinzelt oder nebeneinander her. Oder es gibt sie nicht. Wie kann es also gelingen, auch geflüchtete und zugewanderte Kinder und Jugendliche besser in ihrer Entwicklung zu fördern und sie gleichberechtigt zur Selbstbestimmung zu befähigen?
Die Fachtagung zielt darauf ab, Erfahrungen und Methoden der (Offenen) Kinder- und Jugendarbeit diesbezüglich zu bündeln und zu systematisieren. Das dadurch gewonnene Wissen soll dokumentiert und in die Debatte um den Umgang mit Geflüchteten und Zuwander_innen einfließen.
Tagesverlauf
9.30 Uhr Ankommen
10 Uhr Begrüßung
10.15 bis 12.30 Uhr Vorträge
Moderation: Anne Broden, IDA-NRW
Die rechtliche Situation junger Geflüchteter in NRW (Dr. Zübeyde Duyar, AK Asyl Bielefeld)
Bei dem Vortrag sollen neben den asyl- und aufenthaltsrechtlichen Perspektiven der minderjährigen und jungen Flüchtlinge auch ihre Unterbringungs- und Betreuungssituation sowie der Zugang zu Bildung und Beschäftigung aufgezeigt werden. Insbesondere unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge fallen in Deutschland unter das Kinder- und Jugendhilferecht (SGB VIII) und für sie gelten teilweise andere asyl- und aufenthaltsrechtlichen Bestimmungen als für begleitete, minderjährige und volljährige Flüchtlinge. Der Vortrag soll das nötige Hintergrundwissen vermitteln, um die rechtlichen Rahmenbedingungen und die Situation der Kinder und Jugendlichen zu verstehen und sie dabei zu unterstützen, Hilfs- und Bildungsangebote wahrzunehmen und die damit verbundenen Chancen für sich zu nutzen.
Offene Kinder- und Jugendarbeit mit jungen Geflüchteten und Zuwander_innen – Chancen und Herausforderungen (Sonja Knobloch, Jugendarbeit Hamm Westen)
12.30 Uhr bis 13.30 Uhr Mittagspause
13.30 bis 15.30 Uhr Arbeitsgruppen
Workshop 1: Wie gelingt die Gestaltung unseres OT-Alltages mit jungen Geflüchteten, ohne die Stammbesucher_innen aus dem Blick zu verlieren? (Andrea Heinz, Landesarbeitsgemeinschaft Katholische Offene Kinder- und Jugendarbeit NRW)
Es ist seit jeher unsere tägliche Herausforderung in der Offenen Arbeit, dass sich in unseren Einrichtungen konkurrierende, sich voneinander abgrenzende Gruppen begegnen. Aktuell treffen unsere StammbesucherInnen vermehrt mit geflüchteten Jugendlichen aufeinander. Wie es uns gelingen kann, dass diese Gruppen friedlich miteinander auskommen, vielleicht sogar einander verstehen und aufeinander zugehen, das möchte ich anhand einiger Projekte, aber auch anhand von Materialien für die Praxis vorstellen.
Workshop 2: Einblick in die Koordination der Flüchtlingshilfe am Beispiel der Stadt Paderborn – Chancen und Möglichkeiten der Offenen Kinder- und Jugendarbeit unter dem Aspekt der Flüchtlingssituation in Deutschland (Verena Kopp, Stadt Paderborn)
Verena Kopp aus Paderborn stellt dar, wie die Flüchtlingsabteilung innerstädtisch koordiniert wird und zeigt an Hand von Praxisbeispielen auf, welche Fördermöglichkeiten und Chancen für Offene Kinder- und Jugendarbeit bestehen. Im Anschluss an Ihren Vortrag besteht die Möglichkeit für Erfahrungsaustausch und Diskussion.
Workshop 3: Viele Spiele – wenig Worte! Welche Spiele eignen sich für Gruppen, wenn „Sprache“ nicht als Kommunikationsmittel zur Verfügung steht? (Karin Broekmann, Spielpädagogin, 25 Jahre Berufserfahrung in der Kinder-, Jugend- und Bildungsarbeit)
Gespielt wird auf der ganzen Welt, Spielen ist ein ganzheitlicher, aktiver und partizipativer Prozess. Welche Spiele eignen sich für Gruppen (Kinder, Jugendliche aber auch Erwachsene), wenn „Sprache“ nicht als Kommunikationsmittel zur Verfügung steht? Wie können wir gemeinsam in Kontakt kommen, auch wenn wir uns sprachlich nicht, oder nur unzureichend, verständigen können? Der Workshop bietet hierzu Anregungen und Spiele, die direkt in der Praxis angewandt werden können. Voraussetzung: Neugier, Spaß und bequeme Schuhe 😉
Workshop 4: Neue Wege und Projekte in der Arbeit mit jungen Flüchtlingen und Zuwander_innen (Sonja Knobloch, Vignaraj Shammugarajah, Jugendarbeit Hamm Westen)
Der Workshop bietet praxisnahe Erfahrungsberichte aus der Offenen Jugendarbeit im Umgang mit der steigenden Anzahl junger Geflüchteter und Zuwander_innen im Stadtteil Hamm Westen. Welche Besonderheiten weisen diese Kinder und Jugend-lichen auf, welche Anforderungen werden an die Pädagog_innen gestellt und in welchem Rahmen werden spezifische Angebote eingebettet?
Workshop 5: „Raus aus der Rundturnhalle!“ – wie aus rechten Parolen bei Facebook eine Flüchtlingsinitiative (mit uns) entstand (Michelle Selina Diedrichs und Nicole Riemer, Falkenfamilie Recklinghausen, Marl)
Anhand der Arbeit des „Jungen Flüchtlingsforums Marl“ möchten wir euch die Praxis unserer Offenen Kinder- und Jugendarbeit mit Geflüchteten im Jugendzentrum und beim Spielmobil vorstellen. Wir präsentieren euch vielfältige Kreativangebote sowie Karten- und Brettspiele, die ohne eine gemeinsame Sprache funktionieren – und geben euch die Gelegenheit, diese auszuprobieren.
15.30 bis 16.30 Uhr Abschlussplenum
Zeitzeugen
Viel Spaß und hilfreiche Erkenntnisse wünschen wir Ihnen beim Lesen der Berichte diverser Zeitzeugen. Wir freuen uns, wenn Sie uns Ihre eigenen Erfahrungen aus vergangenen Zeiten – oder auch Kuriosa aus der Gegenwart – zukommen ließen. Gern präsentieren wir diese ebenfalls hier.
Anekdoten vom Baui
Erwin Götz, Mitarbeiter der ersten Stunde auf dem Bauspielplatz Langwasser (Nürnberg) erinnert sich. Erschienen ist der Beitrag zunächst in dem Buch „Wo die Kinder spielen(d) lernen“, erschienen 2003 im emwe-Verlag, Nürnberg 2003. Die Verwendung hier geschieht mit freundlicher Genehmigung des Teams vom Bauspielplatz und des emwe-Verlages.
Der Abenteuerspielplatz hat mich geprägt: Eine frühere Besucherin erinnert sich
Renate Kavuza, Besucherin auf dem Bauspielplatz Langwassser in Nürnberg während ihrer Grundschulzeit erinnert sich und schreibt ihre Erlebnisse auf. Erschienen ist der Beitrag zunächst in dem Buch „Wo die Kinder spielen(d) lernen“, erschienen 2003 imemwe-Verlag, Nürnberg 2003. Die Verwendung hier geschieht mit freundlicher Genehmigung des Teams vom Bauspielplatz und des emwe-Verlages.
Viel gelernt – am Anfang war ich dabei
Ewald Heckl war 1971 bei Gründung des Bauspielplatzes Langwasser in Nürnberg als Honorarkraft dabei. Er erinnert sich. Erschienen ist der Beitrag zunächst in dem Buch „Wo die Kinder spielen(d) lernen“, erschienen 2003 im emwe-Verlag, Nürnberg 2003. Die Verwendung hier geschieht mit freundlicher Genehmigung des Teams vom Bauspielplatz und des emwe-Verlages.
Christioph Berse: Kommunale Bildungslandschaften
Dr. Christoph Berse hat in der Zeitschrift „inform 3/2009“ unter dem Titel „Kommunale Bildungslandschaften“ – Eine geeignete Konzeptfigur für die Förderung mehrdimensionaler Bildung?“ veröffentlicht. Die Zeitschrift inform finden Interessierte in Absprache mit dem Landejugendamt Rheinland, der Herausgeberin, auch regelmäßig zum Herunterladen im ABA-Netz. Wir haben uns erlaubt, den besagten Beitrag zusätzlich hier zur Verfügung zu stellen, da wir – im Rahmen der AGOT-NRW das Thema ebenfalls intensiv bearbeiten.
Bei dem hier vorliegenden Beitrag handelt es sich um eine Vorabveröffentlichung des gleichnamigen Beitrages für die Publikation „Bildungslandschaften – Raum für flexible Bildung“ von Hans-Uwe Otto und Petra Bollweg. Das Buch wird 2010 erscheinen. Das Buch „Mehrdimensionale Bildung im Kontext Kommunaler Bildungslandschaften. Bestandsaufnahme und Perspektiven von Dr. Christoph Berse reflektiert vor dem Hintergrund erweiterter Bildungsvorstellungen und des aktuellen Bildungsdiskurses die produktiven Ansätze von mehrdimensionalen Bildungskonzeptionen in der Neugestaltung kommunaler Bildungslandschaften. Darüber hinaus wird die bildungspolitische Ausrichtung der Kinder- und Jugendhilfe als ambivalente Leitnorm diskutiert. Des Weiteren werden die verschiedenen Ansätze in der Kooperation von Jugendhilfe und Schule sowie der Ganztagsschule vorgestellt.
Das Buch ist als eBook erschienen. Es kann kostenlos beim Budrich UniPress heruntergeladen werden. Ferner gibt es das Buch in gedruckter Form bei Budrich UniPress (ISBN 978-3-940755-43-8, Leverkusen-Opladen 2009, 233 Seiten)
Wechsel zu Budrich Unipress (Logo anklicken)
Zum eBook-Link bei Budrich (Titel anklicken)
Beitrag aus der inform 3/2009




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NAGEL-Redaktion – Kommunale Bildungslandschaften
Foto: Rainer Deimel
Bildung ist mehr als Schule!
Abschlusserklärung der Fachtagung „Entwicklung kommunaler Bildungslandschaften aus Sicht der Kinder- und Jugendarbeit“ der AGOT-NRW am 27. November 2009 in Bochum
Kommunale Bildungslandschaften: Eine geignete Konzeptfigur für die Förderung mehrdimensionaler Bildung?
Ein Beitrag von Christoph Berse, veröffentlicht in der Zeitschrift inform des Landschaftsverbandes Rheinland (Landesjugendamt)
Der Deutsche Verein (für öffentliche und private Fürsorge) hat Mitte 2007 ein beachtlichesDiskussionspapier zur Entwicklung Kommunaler Bildungslandschaften vorgelegt.
Darin heißt es unter anderem:
● Eine optimale Entwicklungsförderung junger Menschen kann nur gelingen, wenn soziales, schulisches und emotionales Lernen miteinander verbunden wird.
● Dies kann nur erfolgreich ausgestaltet werden, wenn alle für Bildung und Erziehung verantwortlichen Träger und Institutionen in verbindliche Vernetzungsstrukturen eingebunden sind und Familien aktiv einbeziehen.
● Die Kommune ist die zentrale Plattform für die Bildung junger Menschen. Sie ist der Ort, an dem schulisches, soziales und emotionales Lernen und Bilden stattfindet. Deshalb muss die Steuerungsverantwortung für die Verzahnung der Träger, Einrichtungen und Angebote durch die Kommune wahrgenommen werden, weil nur sie den erforderlichen Rahmen zur optimalen Nutzung der örtlichen Ressourcen sicherstellen und verbindliche Kooperationsstrukturen herstellen kann.
Und weiter:
● Der Schlüssel für die Integration in die Gesellschaft und die dauerhafte Teilhabe aller jungen Menschen an einer selbstbestimmten und zukunftsorientierten Lebensgestaltung liegt in einem Bildungsverständnis, das den erfolgreichen Erwerb von schulischen, sozialen und emotionalen Kompetenzen und Fähigkeiten beinhaltet.
● Ausgangspunkt für die Organisation der Bildungs- und Lernprozesse muss die Orientierung an den individuellen Bedürfnissen und Leistungspotenzialen junger Menschen in ihren jeweils altersspezifischen Phasen vor Ort sein.
● Entwicklungs- und Bildungsprozesse junger Menschen in ihren ersten Lebensjahren sind in einem besonderen Maße abhängig von den Ressourcen ihres Lebensumfeldes. Eltern nehmen im Bildungsprozess ihrer Kinder eine zentrale Rolle ein. Kommunale Bildungslandschaften beziehen deshalb die Eltern strukturell in die Verantwortung für die Gestaltung der Lebens- und Bildungsorte ihres Umfeldes ein.
● Eine Kommunale Bildungslandschaft entsteht, wenn alle am Prozess der Bildung, Erziehung und Betreuung beteiligten Akteure ihre Angebote miteinander verschränken und zu einem konsistenten Gesamtsystem zusammenführen: Familie, Kindertageseinrichtung, Kinder- und Jugendhilfe, Schule, Wirtschaft und Betriebe etc.
● Die konsequente Orientierung am Bild einer Kommunalen Bildungslandschaft ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer von Bildung unterstützten Chancengleichheit und schafft somit günstige Voraussetzungen für die Sicherung gesellschaftlicher Teilhabe.
● Um diesen Prozess voranzutreiben und zu steuern bedarf es einer Weiterentwicklung der Kooperationskultur mit verbindlichen Kontrakten der beteiligten Organisationen unter öffentlicher Verantwortung.
● Ziel ist die Schaffung einer tragenden Struktur, die die Abstimmung aller Prozesse der Bildung, Erziehung und Betreuung auf kommunaler Ebene ermöglicht.
● Kommunale Bildungslandschaften bilden diese Struktur ab. Durch sie wird die strukturierte Abstimmung aller Angebote der Bildung, Betreuung und Erziehung ermöglicht und damit gleichsam das separierte Denken und Handeln in Einzelzuständigkeiten merklich reduziert.
● Ein umfassendes Bildungsmonitoring als integriertes Berichtswesen von Bildungsverläufen vor Ort sind Grundvoraussetzung für eine Integration von Schulentwicklungs- und Jugendhilfeplanung und ein Qualitätssicherungsinstrument Kommunaler Bildungslandschaften.
● Eine kontinuierliche Evaluation der Kooperations- und Abstimmungsstrukturen der Kommunalen Bildungslandschaften ist erforderlich, um die erzielten Wirkungen überprüfen und die Netzwerke weiterentwickeln zu können.
Gesamtes Diskussionspapier des Deutschen Vereins herunterladen
Auch in Nordrhein-Westfalen gibt es Aktivitäten zur Umsetzung Kommunaler Bildungslandschaften, bei denen unter anderem der ABA Fachverband beteiligt ist.
Diese Seite ist zur Flankierung dieser Bemühungen eingerichtet worden. Sie soll die Entwicklung begleiten.
Sie können hier herunterladen
Prof. Dr. Werner Lindner (Fachhochschule Jena) 1: Kooperation von Jugendverband und Schule im Rahmen kommunaler Bildungslandschaften – Neue Herausforderungen und alte Verlegenheiten (Skript eines Vortrages vom 12. September 2009 bei der Landeskonferenz SJD-Die Falken, Landesverband NRW, in Gelsenkirchen)
Bildungslandschaften_Neue_Herausforderungen_alte_Verlegenheiten-2
Begleitendes Powerpoint Material Kooperation von Jugendarbeit und Schule im Rahmen Kommunaler Bildungslandschaften (5 MB)
Prof. Dr. Werner Lindner (Fachhochschule Jena) 1: Visionen einer vernetzten Bildungslandschaft (Vortrag vom 19. April 2008 beim Landesjugendring Rheinland-Pfalz) Herunterladen
Prof. Dr. Werner Lindner (Fachhochschule Jena) 1: Neue Netze der Verantwortung für Bildung und Lebensbewältigung. Konzeption für das integrative Zusammenwirken von Erziherischen Hilfen, Schulsozialarbeit, Kinder- und Jugendarbeit und Schule in Jena-Lobeda und Jena-Winzerla (Stand: Oktober 2008) Herunterladen
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1 Prof. Dr. Werner Lindner ist Mitglied im Beirat des ABA Fachverbandes. Die eingestellten Beiträge hat er uns freundlicherweise zur Verwendung zur Verfügung gestellt.
11. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung (2002)
Gesamtbericht über die Lebenssituation junger Menschen und die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland
PDF-Datei laden. 11._Kinder und Jugendbericht Achtung: 378 Seiten
Jugendhilfe ist Erziehung und Bildung
Von Reiner Prölß

Foto: Rainer Deimel
„Jugendhilfe und Bildung“ – ein Thema, das ja in unserer Profession durchaus umstritten ist, und von dem manche meinen, Jugendhilfe verhebe sich mit ihrem Bildungsanspruch. (1) Ich bin da anderer Meinung und sehe darin durchaus eine Chance für die Jugendhilfe.
Welche Aufgaben und Inhalte, welche Rolle und Funktion, welche Chancen und Möglichkeiten hat Jugendhilfe in der gegenwärtigen oder der zukünftigen Gesellschaft?
Hat Jugendhilfe in dieser zukünftigen Gesellschaft überhaupt noch einen Stellenwert?
Wird Jugendhilfe überhaupt wahrgenommen, ist sie wichtig und noch von Bedeutung?
Was muss sich ändern?
Diesen Fragen will ich nun nachspüren.
Die aktuelle Bildungsdebatte als Chance für die Jugendhilfe
Dass der deutsche Bildungsbegriff ein sperriger und schwieriger, in anderen Sprachen so nicht bestehender ist, wissen alle, die sich irgendwann einmal mit Pädagogik beschäftigt haben. Es ist ein idealistischer Begriff. Es ist ein Begriff der Aufklärung, aus dem sich dann im deutschen Humanismus so etwas wie eine „Theorie der Bildung“ entwickelt hat. Die Namen, die damit verbunden sind, lesen sich wie das „Who is who“ deutscher Geistesgeschichte dieser Zeit: Herder, Wilhelm von Humboldt, Schlegel, Schiller, Fichte und viele andere haben sich damit beschäftigt. Die Urväter deutscher Pädagogik haben darauf Bezug genommen: Pestalozzi, Fröbel, Campe u. v. m. Schleiermacher hat von einem „unbestimmten Selbstzweck“ der Bildung gesprochen. In dieser Tradition bewegen sich die zahlreichen – und im Gegensatz zur PISA-Studie leider in der öffentlichen Diskussion noch viel zu wenig beachteten Papiere wie die Empfehlungen Forum-Bildung (2), der Streitschrift des Bundesjugendkuratoriums Zukunftsfähigkeit sichern! Für ein neues Verhältnis von Bildung und Jugendhilfe (3) und die Aussagen im Kapitel B IV „Bildungschancen und Herausforderungen an Bildung“ des Elften Kinder- und Jugendberichtes (4), das Papier Die bildungspolitische Bedeutung der Familie – Folgerungen aus der PISA-Studie des wissenschaftlichen Beirats für Familienfragen der Bundesregierung (5) oder jüngst, darauf basierend Bildung ist mehr als Schule! Leipziger Thesen zur aktuellen bildungspolitischen Debatte, die vomBundesjugendkuratorium, der Kinder- und Jugendberichtskommission und der Arbeitsgemeinschaft für Jugendhilfe formuliert wurden (6).
Die Streitschrift des Bundesjugendkuratoriums führt aus: „Bildung heißt immer: ‚sich bilden‘.“ Bildung ist stets ein Prozess des sich bildenden Subjekts, zielt immer auf Selbstbildung ab. Bildung ist mehr als ein Katalog akkumulierten Wissens, ein Kanon von Inhalten, über den man verfügen muss, um – wie gerne behauptet – als gebildeter Mensch zu gelten. Bildung ist kein Gut und keine Ware. Bildung meint auch Wissenserwerb, geht aber nicht darin auf. Sie ist zu verstehen als Befähigung zu eigenbestimmter Lebensführung, als Empowerment, als Aneignung von Selbstbildungsmöglichkeiten. Im Kinder- und Jugendalter ist Bildung als „eigen-sinniger“ Prozess des Subjekts von grundlegender Bedeutung für dessen Entwicklung und Hineinwachsen in Kultur und Gesellschaft …“ (7)
Bildung hat also Konjunktur! Seit der Veröffentlichung der PISA-Studie gibt es eine breite und teilweise aufgeregt geführte Diskussion über das bundesdeutsche Bildungssystem. Doch wird diese Diskussion sehr verkürzt und zu sehr aus der Perspektive des Schulwesens geführt. Überhaupt ist die öffentliche Debatte nach PISA von einem sehr eingeengten und auch merkwürdigen Verständnis von Bildung geprägt, das – wie es Thomas Rauschenbach formuliert hat – „Bildung auf Wissensvermittlung, auf überprüfbare Wissensbestände fokussiert“. (8) Bildung wird mit Schule gleichgesetzt, um dann daraus die gleichermaßen einfache wie falsche Schlussfolgerung zu ziehen, eine institutionelle Zuordnung zum Schulbereich garantiere per se Bildung. In der aktuellen bildungspolitischen Debatte sollten vielleicht stärker die Aneignungsprozesse, die der „Alltagsbewältigung dienen“, in den Blick genommen werden, denn „angesichts der zunehmenden Komplexität der gesellschaftlichen Verhältnisse und der kulturellen und technischen Entwicklungen, angesichts des mit wachsender Beschleunigung vonstatten gehenden Wandels von Lebensbedingungen kann „Bildung“ nicht darauf beschränkt werden, den Nachwachsenden die Kenntnisse von „Wissensbeständen, Interpretationen und Regeln einer gegenwärtig bestehenden kulturellen Lebensform zu vermitteln“ (9) – beschreibt der Elfte Kinder- und Jugendbericht.
Es ist aber auffällig, dass diese Anforderungen zwar deklamatorisch in Sonn- und Feiertagsreden wohlfeil formuliert werden, dass sie aber nicht Grundlage zur Operationalisierung der Bildungsinstitutionen und Gestaltung von Bildungspolitik sind.
Wer sich auf eine solche Operationalisierung einlässt, wird sehr schnell feststellen, dass es gerade die Schule in Deutschland ist, die in Struktur und Organisation nicht den Anforderungen einer eben beschriebenen Gesellschaft gerecht wird – trotz vieler mutmachender Ansätze und auch etlicher engagierter und kreativer Kolleginnen und Kollegen. Schule wird weder in der erforderlichen Breite und Tiefe bei Inhalten noch bei didaktischen und methodischen Ansätzen den Erfordernissen veränderter Gesellschaft gerecht, sondern – ich wage die These – sie entspricht mehr als jede andere Bildungsinstitution nach wie vor den Reproduktionsbedingungen einer „alten“ Industriegesellschaft vergangener Tage. Bei der Betrachtung der Schulorganisation sowie von Formen und Inhalten schulischer Lernprozesse wird eine Formenbestimmung deutlich, die mit ihrer Taylorisierung der Wissensvermittlung und der Strukturierung von Zeitabläufen (Denken im %-Stunden-Takt), Disziplin und Selektion einer industriell-kapitalistischen Massengüterproduktion entspricht.
Es ist deshalb kein Zufall, dass Schule, wie sie ist, nur einen geringen Anteil am nachhaltigen Lernen von Menschen in allen Lebensphasen hat. 70 bis 80 Prozent des Wissens und der Fähigkeiten werden außerhalb von Schule angeeignet.
Eine ernsthafte bildungspolitische Diskussion muss deshalb alle Orte des Lernens in den Blick nehmen und überlegen, wie Lernprozesse sinnvoll und wirkungsvoll gestaltet werden können – in und außerhalb der Schule und das ist die Chance und Aufgabe der Jugendhilfe!
Bildung ist also mehr! Bildung ist also – institutionell gedacht – mehr als Schule. Bildung umfasst – von den Aneignungsbedingungen her betrachtet – formelle Bildung, wie curricular abgestimmte, weitgehend verpflichtende, mit leistungszertifizierende Schul-, Ausbildungs- und Hochschulsysteme, nichtformelle Bildung als jene Form organisierter Bildung und Erziehung, die freiwilliger Natur ist und Angebotscharakter hat und informelle Bildung, worunter ungeplante und nicht intendierte Bildungsprozesse verstanden werden, die sich im Alltag von Familie, Nachbarschaft, Arbeit und Freizeit ergeben. Schließlich ist Bildung – von den Aneignungsprozessen her gesehen – höchst unterschiedlich, differenziert und individuell vielfältig. Und Bildung ist – wie bereits konstatiert – immer auch Selbstbildung.
In den Mittelpunkt der Betrachtung müssen die Rahmenbedingungen, die Räume und Orte, die ein erfolgreiches Lernen ermöglichen, gerückt werden und die Frage, welches Wissen, welche Fähigkeiten und Fertigkeiten wir heute für morgen benötigen. Letzteres sicherlich eine schwierig zu entscheidende Frage, die einen Werte orientierten, gesellschaftspolitischen Diskurs erfordert, der Fragen der Demokratie, Mündigkeit, Toleranz ebenso wie die nach Wissensinhalten, Kenntnissen und Fertigkeiten in einer globalisierten Welt.
Jugend(hilfe)politik als Querschnittspolitik
Jugendpolitik wird in der äußeren Wahrnehmung als Ressortpolitik gesehen und wahrgenommen und intern meist auch als Ressortpolitik gelebt. Jugendpolitik wird mit der Umsetzung des Kinder- und Jugendhilfegesetzes und einiger weiterer auf Kinder, Jugendliche und ihre Familien bezogenen Rechtsnormen (z. B. das BGB, JGG, JÖSchG, Adoptionsgesetz u.v.m) sowie mit dem Bundesjugendplan gleichgesetzt.
„Allerdings war Jugendhilfe“, schrieb Ingrid Mielenz vor knapp 10 Jahren in dem von der Arbeitsgemeinschaft für Jugendhilfe herausgegebenen Band „Jugendhilfe 2000 – Visionen oder Illusionen?“, „als ausschließliche, gegen andere Politikbereiche abgrenzbare Ressortaufgabe für die in sie gesetzten Erwartungen und für die von ihr selbst formulierten Zielsetzungen schon immer viel zu eng gesetzt. Lebenslagen von jungen Menschen und Familien werden von einer Vielzahl von Bedingungsfaktoren geprägt. Jugendhilfe – als ein Erziehungs- und Bildungsbereich neben anderen – findet in einem sozialen Kontext statt, der mit dem Begriff der Lebensweltorientierung seine fachliche Ausformung gefunden hat. Mit diesem, an den gegebenen Lebensverhältnissen orientierten Handlungszusammenhang wollte (und will) Jugendhilfe ihre Adressaten aktivieren, Strukturen verändern, ganzheitlich tätig sein.
Mit einem weit reichenden, recht selbstbewussten Ansatz, nämlich konkret zur Verbesserung von Lebenslagen beizutragen, hat sich … mit dem Begriff der „Einmischungsstrategie“ eine offensive Jugendhilfepraxis durchgesetzt. … Eine Jugendhilfe, die sich mit gesellschaftlichen Veränderungen auseinander setzt, die Lebenssituationen und Bedürfnisse ihrer Adressaten ernst nimmt, wird sich ‚quer‘ in andere Politikbereiche einmischen und dafür Handlungskonzepte entwickeln müssen.“ (13)
Orientierungsrahmen für eine neue Jugend(hilfe)politik
Abschließend stellt sich die Frage: Was bedeutet dies nun für die Kinder- und Jugendhilfe in gegenwärtiger und zukünftiger Gesellschaft konkret, in einer Gesellschaft, die der Veranstalter als „Informations- und Wissensgesellschaft“ ausgemacht hat? Was ist der Orientierungsrahmen für eine neue, eine offensive Jugend(hilfe)politik vor Ort. Eine Neuorientierung der Kinder- und Jugendhilfe sollte – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – in folgenden drei Korridoren erfolgen:
Orientierung und Konzentration auf Kinder, Jugendliche und ihre Familien
● Wir brauchen auf allen Ebenen eine Veränderung in den Jugend- und familienpolitischen Finanzierungsinstrumentarien, in deren Zentrum zwei Prinzipien stehen: Dienste und Infrastruktur vor Geld und lelstungsbezogene – aber nicht monetäre – Subjektförderung zur Stärkung des Wunsch- und Wahlrechts, z. B. in Form von Bildungsgutscheinen, Kita-Cards etc.
● Jugendhilfe hat sich in der Vergangenheit von Familienpolitik abzugrenzen versucht. Das war falsch! Vielmehr muss zukünftig Jugendhilfe die familienpolitische Dimension planerisch und in der konkreten Praxis stärker berücksichtigen. Dabei geht es einmal um die Stärkung der Erziehungsfähigkeit in der Familie, zum Zweiten um soziale Integration und die Überwindung von Ungleichheit und drittens um eine stärkere öffentliche Wahrnehmung der Bedeutung von Familie für die Zukunft unseres Gemeinwesens.
● Kommunale Sozialpolitik muss sich stärker und prioritär auf Kinder, Jugendliche und ihre Familien konzentrieren und – gerade aufgrund der knappen Haushaltsmittel – ihre Ressourcen darauf ausrichten.
● Wir brauchen eine intensive Kooperation von Kindertagesstätten, Schulen, Beratungsdiensten, dem Allgemeinen Sozialdienst (ASD) und der Eltern- und Familienbildung. Wir brauchen „neue Formen der Vernetzung“, wie es in der 10. Leipziger These heißt.
● Aus diesen Überlegungen und aus den vielfältigen Erkenntnissen über die Bedeutung des sozialen Nahraums ist zu überlegen, ob die Rolle des Allgemeinen Sozialdienstes (ASD) nicht völlig neu definiert werden müsste. Es geht darum, den programmatischen Satz „vom Fall zum Feld“ inhaltlich und strukturell umzusetzen. Aufgrund dieses vorstehend beschriebenen Perspektivenwechsels verbunden mit der Konzentration der Ressourcen auf Kinder, Jugendliche und ihre Familien, käme dem ASD eine neu Rolle und Aufgabe zu. Die Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen des ASD müssten verstärkt mit Kindertagesstätten und Schulen kooperieren und auch Einrichtungen als Kristallisationspunkt für den sozialen Nahraum nutzen. Sie würden zum Berater und Manager des sozialen Nahraums und seiner Ressourcen und Potenziale, sie würden Quartiersmanager und Koordinatoren für Lern- und Bildungsprozesse im Stadtteil.
Jugendhilfe ist Erziehung und Bildung
Jugendhilfe ist Erziehung und Bildung, Betreuung, Förderung und Hilfe. In der Vergangenheit ist der Erziehungs- und Bildungsauftrag der Jugendhilfe in allen Handlungsfeldern vernachlässigt; worden, auch in den sogenannten „bildungsnäheren“, wie Kindergärten und Jugendarbeit. Der Erziehungs- und Bildungsauftrag der Jugendhilfe muss deshalb wieder stärker in den Vordergrund gerückt werden. Das bedeutet u. a.:
Jugendhilfe ist Erziehung und Bildung, Betreuung, Förderung und Hilfe. In der Vergangenheit ist der Erziehungs- und Bildungsauftrag der Jugendhilfe in allen Handlungsfeldern vernachlässigt; worden, auch in den sogenannten „bildungsnäheren“, wie Kindergärten und Jugendarbeit. Der Erziehungs- und Bildungsauftrag der Jugendhilfe muss deshalb wieder stärker in den Vordergrund gerückt werden. Das bedeutet u. a.:
● Es bedarf eines quantitativen Ausbaus von Krippen und Krabbelstuben sowie der Tagesbetreuung für unter 3-Jährige auf einen Bedarfsdeckungsgrad von 30 bis 40 Prozent und eines Umbaus von sozialpolitisch begründeten Betreuungs- zu Bildungseinrichtungen. Durch gezielte Ansprache und Vermittlung soll vor allem sozial benachteiligten Kindern (Sozialhilfebedürftigkeit) und Kindern mit Migrationshintergrund ein Besuch ermöglicht werden. Sie sollen entsprechend gefördert werden. Begleitend ist eine intensive Elternarbeit anzubieten, einschließlich entsprechender Sprachkurse. Dies ist aufgrund der Bedeutung von Lern- und Bildungsprozessen in der frühen Kindheit von großer Wichtigkeit für eine gelingende Integration.
● Die Qualität des Kindergartens in Deutschland ist empirischen Studien zufolge bestenfalls als mittelmäßig zu bezeichnen. Der – auch oft im Gegensatz zur Schule – erhobene kindgerechtere Bildungsansatz wird in der Breite nicht erfüllt. Eine systematische Förderung erfolgt nicht. Deshalb ist die Einführung von verbindlichen Standards, eventuell im Rahmen eines nationalen Kerncurriculums sinnvoll und erforderlich. Insbesondere muss im Kindergarten mehr Gewicht auf die Sprachförderung gelegt werden. Die Qualifikation der pädagogischen Fachkräfte muss auf ein international übliches Vergleichsniveau angehoben werden.
● Beim Übergang Kindergarten und Grundschule muss intensiver zusammengearbeitet werden, aus Schnittstellen müssen Schritte des Übergangs werden. In gemeinsamen „Einschulungskonferenzen“ sollen mindestens ein Jahr vor der Einschulung „individuelle Bildungspläne“ erstellt werden, die die rechtzeitige Gewährleistung des individuellen Förderbedarfs im Kindergarten und dessen Fortsetzung in der Grundschule verbindlich festlegen.
● Zur Stärkung der Erziehungsfähigkeit der und zur Unterstützung von Familien sind Kindertagesstätten zu „Orten für Familien“ umzugestalten. In den Kindergärten werden inzwischen fast alle Kinder und ihre Familien erreicht. Sie stellen eine weitestgehend flächendeckende soziale Infrastruktur der Jugendhilfe dar. Damit können sie mit ihren räumlichen Voraussetzungen zum Kristallisationspunkt zur Gestaltung des sozialen Nahraums und für Lern- und Bildungsprozesse im Stadtteil werden. Ein Blick über den bundesdeutschen Gartenzaun zeigt die Potenziale, die in einem solchen Ansatz für soziale Integration liegen (Early Excellence Center).
● Das Verhältnis – Institutionen gedacht – von Jugendhilfe und Schule und – von der Professionalität her gedacht – Schul- und Sozialpädagogik – muss neu gestaltet werden. Es ist derzeit geprägt von zwei unterschiedlichen Positionen. Die eine ist, die Schule soll sich darum kümmern, Wissen, Fähig- und Fertigkeiten zu vermitteln und die darüber hinausgehenden Erziehungsfragen oder sozialpädagogischen Ansätze zu externalisieren. Die andere Position setzt auf eine Sozialpädagogisierung der Schule. Bei letzterer Position gibt es wiederum drei theoretische Modelle. Das eine setzt auf die Integration von erzieherischer Verantwortung (und damit auch sozialpädagogischer Aufgaben) und Unterricht als Aufgabe von Schule durch das jeweilige Lehrpersonal (personale Integration). Dem widersprechen häufig berufliches Selbstverständnis, schulische Rahmenbedingungen und entsprechende Qualifikation, wenngleich dies je nach Schulart differenziert werden muss. Das zweite Modell setzt auf die Einbeziehung sozialpädagogischer Professionalität in der Schule in Form von Schulsozialpädagog/inn/en als Mitarbeiter/innen des Systems Schule. Da sie hier allerdings eine eher randständige und strukturell nachrangige Stellung haben, kommt es vielfach zu professionellen Deformationen und dem Versuch es den Lehrkräften gleich zu tun, eigene Unterrichtseinheiten, z. B. für „soziales Lernen“ oder „Antiaggressionstrainings“ für die ganze Klasse, eingebettet im Dreiviertelstundentakt in die Stundentafel durchzuführen. Das dritte Modell basiert auf einer gleichberechtigten Partnerschaft der Systeme Jugendhilfe und Schule an einem Lernort. Der Lernort Schule wird gemeinsam gestaltet, Bildungs- und Lernprozesse fächer- und unterrichtsübergreifend organisiert, der Unterricht wird entrhythmisiert, die Schule wird somit Ansprechpartner für Familien in allen Erziehungs- und Bildungsfragen, sie öffnet sich zum Gemeinwesen in Kooperationen mit Kunst, Kultur, Sport und Wirtschaft. Konkret heißt das, Jugendhilfe muss viel mehr versuchen, in den Schulen Fuß zu fassen mit ihrem gesamten Angebot von Beratung, Eltern- und Familienbildung, Kinder- und Jugendarbeit und Hilfen zur Erziehung. Jugendhilfe muss deshalb auch ihre Ressourcen stärker in Richtung Schule lenken. Das gilt für den Bereich der Horterziehung, des ASD und auch der Kinder- und Jugendarbeit.
● Kinder- und Jugendarbeit muss sich in ihrem Verhältnis zur Schule den veränderten gesellschaftlichen Anforderungen und einer allmählichen Veränderung hin zur Ganztagsschule anpassen und entsprechende Strategien entwickeln. Wenn Kinder- und Jugendarbeit vor allem aber Jugendverbände glauben, mit dem Hinweis auf Selbstbestimmung und Selbstorganisation von Kindern und Jugendliche die Ganztagsschule ablehnen zu können, werden sie scheitern. Nicht das „Ob“, sondern das „Wie“ einer Ganztagsschule muss auf die Agenda der Jugend(verbands)arbeit geschrieben werden. Wenn nämlich in der Schule durch eine ganztägige Öffnung das möglich wird, was Kinder und Jugendliche in der Kinder- und Jugendarbeit suchen und finden, Selbstbestimmung, Selbstorganisation, Freundschaften, Spiel, Sport, Geselligkeit, kreatives Gestalten, Musik und Theater, Anerkennung, Ausprobieren können, Herrschafts- und Leistungsdispens, Anregung zu selbstgestalteten Lernprozessen usw., dann stellt sich in der Tat die Frage nach der Legitimation und strukturellen Verortung von Kinder- und Jugendarbeit, die nach dem „Gebrauchswert“ für Kinder und Jugendliche. Deshalb ist es notwendig, dass Kinder- und Jugendverbände bei der Ausgestaltung von Ganztagsschule mit dabei sind, Konzepte entwickeln und in die Schule gehen (dürfen). Denn Jugendverbände als selbst organisierte Gesellungsformen von jungen Menschen haben einen gesellschaftspolitischen Auftrag, der mehr ist als die Gestaltung von Freizeit und Bildungsprozessen. Es geht bei ihnen auch um politische Beteiligung, um Interessensvertretung und um Organisation.
● Die aktuelle Entwicklung zur Ganztagesschule ist für die Jugendhilfe eine große Chance der Schule auf gleicher Augenhöhe begegnen zu können, denn das System Schule ist derzeit nicht in der Lage, einen fachlich qualifizierten Ganztagsbetrieb zu konzipieren und zu organisieren und auch nicht, ihn zu finanzieren.
● Jugendhilfe muss in ihren verschiedenen Handlungsfeldern vor allem an den Schnittstellen zur Schule gemeinsam mit dieser individuelle Bildungs- und Förderpläne für die Kinder und Jugendlichen ausarbeiten. Ein Modell hierfür könnte die Hilfeplanung nach § 36 SGB VIII sein.
Qualität und Organisation verbessern
Die fachliche Qualität der Jugendhilfe und ihre Organisation entsprechen in vielen Bereichen nicht dem fachlichen Erkenntnisstand und vielfach auch nicht den normativen und verfahrensrechtlichen Vorgaben des Kinder- und Jugendhilfegesetzes. Deshalb bedarf es einer Qualitätsoffensive, die organisatorische Strukturen und fachliche Standards beinhaltet. Die Handlungsstrategien einer solchen Offensive sollten in fünf Richtungen gehen:
● Integration statt Versäulung: Wir brauchen eine Aufhebung der Versäulung innerhalb der Jugendhilfe. Denn auch die verschiedenen isolierten Ressortzuständigkeiten innerhalb der Jugendhilfe und ihre Struktur, z. B. ASD, Streetwork, Jugendarbeit und Hort stehen oft isoliert nebeneinander und entsprechen nicht den Lebensrealitäten ihrer Adressaten.
● Klarheit und Transparenz: Ziele, Inhalte und Handlungsweisen müssen klar beschrieben und vereinbart werden und nachvollziehbar sein. Sie müssen dokumentiert, überprüft, transparent gemacht und bzgl. ihrer Wirkung evaluiert werden. Wir brauchen vor Ort mehr Wissen über die Wirkung von Maßnahmen. Deshalb sollte auf kommunaler Ebene ein Berichtswesen aufgebaut und es sollten Mittel für lokale Forschung zur Verfügung stehen.
● Zeitlich begrenzt statt dauerhaft: Wir brauchen in der Jugendhilfe mehr Flexibilität und eine bedarfsgerechte Steuerung. Strukturen, Organisation und Finanzierung müssen so angelegt sein, dass auf neue Anforderungen rasch reagiert werden kann. (Zelt- statt Palaststrukturen). Zunehmend ist in der sozialen Arbeit jedoch eine Tendenz im Sinne von der Idee, zur Initiative und zur Institution erkennbar. Die „Segnung für alle Ewigkeit“ erfolgt dann mit der eigenen Haushaltstelle. Eine solche Entwicklung blockiert Ressourcen und verhindert Innovation und Weiterentwicklung.
● Intensiv statt routinemäßig: Die Leistungen der Jugendhilfe müssen intensiver und kompakter, zeitnah am Unterstützungsbedarf ansetzen und sie müssen zeitlich begrenzt sein. Die Mitwirkung muss im Sinne von Hilfe zur Selbsthilfe eingefordert werden. Auch das gehört zu „Fördern und Fordern“.
● Aktive Betätigung und Mitwirkung statt passiver Entgegennahme (Selbsthilfe statt Alimentierung): Das Wunsch- und Wahlrecht der Adressaten der Jugendhilfe ist zu stärken, auch um damit einen fachlichen Wettbewerb zu fördern. Der Leistungsberechtigte ist als Co-Produzent seiner Hilfe mehr all bisher einzubeziehen. Biografische, familiäre und nachbarschaftliche Potenziale müssen stärker genutzt und einbezogen werden. Die vielfältigen Formen von bürgerschaftlichen Engagements in einer Zivilgesellschaft sollen mobilisiert werden. Professionalität und ehrenamtliches Engagement bzw. Selbsthilfe werden im beruflichen Selbstverständnis vieler sozialpädagogischer Fachkräfte als Gegensatz gesehen. Dieses Verständnis ist aber falsch. Es ist eine andere Professionalität gefordert, die die Ressourcen der Lebenswelten besser nutzt.
Schlussbemerkung
Soweit einige Überlegungen, in welche Richtung sich Kinder- und Jugendhilfe weiterentwickeln sollte. Die Frage der Generationengerechtigkeit ist dabei mehr denn je Begründung und Legitimation für Jugendhilfe. Nehmen wir die Losung mit auf den Weg, die vor über 2.000 Jahren bereits Konfuzius seiner Generation mit auf den Weg gegeben hat: „Diejenigen, die sagen, es könne nicht gemacht werden, sollen denjenigen Platz machen, die handeln.“
Zum Autor
Reiner Prölß, Dipl.-Pädagoge, Dipl.-Sozialpädagoge, war lange Zeit wissenschaftlicher Mitarbeiter im Referat für Jugend, Familie und Soziales der Stadt Nürnberg und dort zuständig für Grundsatzfragen, Planung und Koordination. Seit 2005 ist er Berufsmäßiger Stadtrat (Dezernent) für Jugend, Familie und Soziales in Nürnberg. Er verfügt über vieljährige berufliche und ehrenamtliche Erfahrung in verschiedenen Handlungsfeldern der Jugendhilfe auf kommunaler, Landes- und Bundesebene. Von 2000-2006 war er Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft für Jugendhilfe (AGJ) in Berlin.
Diesen Beitrag verfasste Reiner Prölß anlässlich des 30jährigen Bestehens des Bauspielplatzes Langwasser (Nürnberg). Erschienen ist der Beitrag zunächst in dem Buch „Wo die Kinder spielen(d) lernen“, erschienen 2003 im emwe-Verlag, Nürnberg 2003. Die Verwendung hier geschieht mit freundlicher Genehmigung des Teams vom Bauspielplatz und des emwe-Verlages.
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Fußnoten
(1) siehe dazu: Hebenstreit-Müller, Sabine/Müller, Burkhard: Verhoben. Kritik der „Streitschrift“ des Bundesjugendkuratoriums zum Verhältnis von Bildung und Jugendhilfe. In: Sozialmagazin, 27 Jg. 4/2002 und dies.: Warum Kitas in Deutschland noch keine Bildungseinrichtungen sind – Thesen und Konsequenzen im Elementarbereich und Konsequenzen aus HSA. In: FORUM-Jugendhilfe 2/2002
(2) Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderang Arbeitsstelle Forum Bildung: Empfehlungen des Forum Bildung. 2001
(3) Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend/Bundesjugendkuratorium: Zukunftsfähigkeit sichern! Für ein neues Verhältnis von Bildung und Jugendhilfe. Eine Streitschrift des Bundesjugendkuratoriums. Berlin 2001
(4) Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Elfter Kinder- und Jugendbericht. Berlin 2002
(5) Wissenschaftlicher Beirat für Familienfragen: Die bildungspolitische Bedeutung der Familie – Folgerungen aus der USA-Studie. Berlin 2002
(6) Bundesjugendkuratorium (BJK), Sachverständigenkommission für den elften Kinder- und Jugendbericht, Arbeitsgemeinschaft für Jugendhilfe (AGJ): Bildung ist mehr als Schule. Leipziger Thesen zur aktuellen bildungspolitischen Debatte. Berlin 2002
(7) Bundesjugendkuratorium, Streitschrift, S. 22
(8) Rauschenbach, Thomas: Der Bildungsauftrag des Kindergartens – Neubesinnung nach dem PISA-Schock. In: „Theorie und Praxis der sozialen Arbeit Nr. 3/2002
(9) Elfter Kinder- und Jugendbericht, S. 153
(10) Mielenz, Ingrid: Wo stößt Jugendhilfe in ihrer Leistungsfähigkeit an die Grenzen anderer sozialer Systeme? Lebenslagen und qualitative Aspekte des KJHG im Hinblick auf eine notwendige Vernetzung sozialer Leistungen und Angebote. In: Arbeitsgemeinschaft für Jugendhilfe (Hrsg.) Jugendhilfe 2000. Visionen oder Illusionen. Bonn 1994, S. 29f
(11) Leipziger Thesen, a.a.O.
(12) Elfter Kinder- und Jugendbericht, S. 122 ff.
13. Ausführlicher siehe dazu: Reiner Prölß: Pisa deckt eine Bildungskatastrophe auf: Brauchen wir „neue Wege des Lernens“? In: Jugendnachrichten – Zeitschrift des Bayerischen Jugendringes Nr.4/2002
Weitere Diskussionsbeiträge und wichtige Dokumente zum Thema „Bildung und Jugendhilfe“ sind auch nachzulesen in: Reiner Prölß (Hrsg.): Bildung ist mehr! Die Bedeutung der verschiedenen Lernorte – Konsequenzen aus der PISA-Studie zur Gestaltung der Jugendhilfe in einer kommunalen Bildungslandschaft, emwe-Verlag Nürnberg 2003
Konzeptionen zum Thema „Abenteuerspielplätze“
Exemplarisch gibt es als Arbeitshilfen hier Konzeptionen von Abenteuerspielplätzen zum Herunterladen.
Rahmenkonzeption Herunterladen
Einzelne Einrichtungen
Abenteuerspielplatz Oggersheim, Ludwigshafen
Abenteuerspielplatz Panama, Dresden
Abenteuerspielplatz Oggersheim, Ludwigshafen
Gerne können Sie unsere Arbeit unterstützen und anderen Interessierten helfen! Schicken Sie Ihr Konzept – als PDF- oder RTF-Datei an die Redaktion.
Nutztiere
Auf Abenteuerspielplätzen gehört Tierhaltung nicht selten zu einem bedeuten Teil des pädagogischen Konzepts. Dies gilt insbesondere für Kinderbauernhöfe. Tiere sind in besonderer Weise in der Lage, den Prozess der Heranbildung des Verantwortungsbewusstseins bei Kindern günstig zu stimulieren; dies in einer emotional sehr förderlichen Weise. Fünf Konzeptbausteine gibt es hier im Netz unter dem Titel „Tierhaltung in der pädagogischen Arbeit“. In Teil 2 haben wir eine Prioritäten-Listen (Empfehlung) veröffentlicht. Hier wird deutlich, dass es vor allem Nutztiere – besonders größere – sind, die sich in der pädagogischen Praxis als besonders geeignet herausgestellt haben.
Aufgrund positiver Erfahrungen mit der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen e.V. (GEH) möchten wir die Verantwortlichen in den Einrichtungen anregen, die Kooperation im Bedarfsfall zu suchen. Gleichzeitig kann erreicht werden, dass sich die betreffenden Einrichtungen vermehrt hinsichtlich der Ziele der GEH engagieren.
Die Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen wurde 1981 im niederbayerischen Rottal gegründet. Ursprünglich ein kleiner privater Verein, der hauptsächlich aus engagierten Landwirten, Tierhaltern und Züchtern bestand, zählt die GEH heute fast 200 Mitglieder. Viele tragen aktiv – sei es als Tierzüchter oder in der Verwaltung, in der Öffentlichkeitsarbeit oder als Landwirt – zur Erhaltung der alten und bodenständigen Rassen in ihrem landwirtschaftlichen Umfeld bei. Das Hauptziel ist die in-situ Erhaltung tiergenetischer Ressourcen, die standort- und nutzungsspezifisch gehalten und gezüchtet werden.
Die GEH erachtet es als wichtig, das möglichst viele der heute bedrohten Haustierrassen mit ihren positiven Eigenschaften wie Genügsamkeit, Robustheit und Widerstandsfähigkeit, Langlebigkeit und Fruchtbarkeit in einem dynamisch organisierten Zuchtrahmen erhalten werden.
Tierhaltung in der pädagogischen Arbeit
Die nachstehende konzeptionelle Betrachtung in fünf Teilen wurde 1997 und 1998 erarbeitet und erschien zuerst in unserer Fachzeitschrift DER NAGEL. Aufgrund der nach wie vor lebhaften Nachfrage haben wir uns dazu entschlossen, sie geringfügig überarbeitet ins Internet zu stellen. Anregungen und andere Rückmeldungen sind uns sehr willkommen.
NAGEL-Redaktion
Artgerechte Tierhaltung
Foto: Pixelio
Tierschutz – und dazu gehören auch Aspekte der artgerechten Tierhaltung – sollte nicht wichtiger genommen werden als eine kindergerechte Stadtplanung. Allerdings sollten auch die Bedürfnisse der Tiere bei Planung und Gestaltung eines pädagogisch betreuten Spielplatzes so weit wie möglich berücksichtigt werden. Unter artgerechter Tierhaltung wird dabei keineswegs verstanden, dass die Haltungsbedingungen den Gegebenheiten von freigebenden Tieren entsprechen. Ausschlaggebend ist vielmehr, dass die Tiere ein artgemäßes Verhalten und keine übermäßige Krankheitsauffälligkeit aufweisen. Die folgenden Grundsätze lehnen sich weitgehend an die vom europäischen Dachverband für Stadtbauernhöfe (European Federation of City Farms) erarbeiteten Empfehlungen an:
Anregungen zum Hüttenbau
Der Hüttenbau ist in letzter Zeit auf einigen Abenteuerspielplätzen bisweilen „stiefmütterlich“ behandelt worden. Zum Teil ist dies auch auf die fehlende Erfahrung des Personals beim Bauen zurückzuführen. Bei unserem Besuch am 16. September 2008 auf dem Abenteuerspielplatz Kirschbäumchen in Aachen wurde uns eine Bauweise vorgestellt, die es verdient, sich näher mit ihr zu befassen. Im Gegensatz zu „traditionellen“ Bauweisen (mindestens vier Pfosten eingraben und die Hütte anschließend mit Brettern umbauen) wurden wir mit der Möglichkeit vertraut, eine Hütte ohne Fundament zu errichten, die obendrein noch sehr stabil und regendicht ist.
Machen Sie sich ein Bild anhand der folgenden Fotos!
Interessante Bauweise auf dem Abenteuerspielplatz Kirschbäumchen, Aachen
Foto: Rainer Deimel
Die Balken werden – wie auf dem Foto zu sehen – aufgestellt und verschraubt.

Foto: Rainer Deimel
Das Gestell steht fest auf dem Boden.

Foto: Rainer Deimel
Die Kinder nageln die Bretter – wie dargestellt – so an, dass die oberen die darunterliegenden jeweils „überlappen“. Dadurch wird eine Regendichtigkeit erreicht. Des Weiteren ist der Phantasie natürlich keine Grenze gesetzt.
Bauen mit Palettenholz
In früheren Jahren nahm sich die Holzbeschaffung meist relativ leicht aus. Vor allem im Ruhrgebiet wurde hervorragendes Bauholz zum Beispiel von benachbarten Zechen (etwa in Form von Abschwarten) zur Verfügung gestellt. Mittlerweile haben die meisten Zechen geschlossen. Darüber hinaus wird das „ausgediente“ Holz vielfach in den Firmen direkt geschreddert und zur Weiterverarbeitung an die Möbelindustrie bzw. andere Abnehmer verkauft. Gegenwärtig sind Abenteuerspielplätze zumeist auf die Beschaffung von ausgedienten Holzpaletten angewiesen. Wie Kinder damit ohne Anleitung bauen, kann man auf unserer Fotoseite zum Hüttenbau ansehen.
Dies ist nicht zu beanstanden, da Kinder über den Umgang mit dem zur Verfügung stehenden Material Ideen entwickeln, was man damit alles tun kann, wie man Spielen und Konstuieren weiterentwickeln und „verbessern“ kann.
Mit ausgedienten Paletten kann man allerdings auch nahezu „perfekt“ bauen. Dies zeigen die Bilder, die wir im März 2011 auf dem Abenteuerspielplatz Scharnhorst in Dortmund aufnehmen konnten. Die Mühe lohnt sich: Die Paletten werden vollständig auseinandergenommen, entnagelt und neu zusammengebaut.

Foto: Rainer Deimel

Foto: Rainer Deimel

Foto: Rainer Deimel

Foto: Rainer Deimel

Foto: Rainer Deimel
Weitere Fotos aus der Serie sind auf der Fotoseite zum Hüttenbau zu sehen.
Haben Sie selbst auch gute Ideen – Anregungen, über die andere sich freuen? Sagen Sie uns Bescheid!
ABA Fachverband
Gerichtlicher Vergleich: Feuer auf einem Abenteuerspielplatz
Feuer auf einem Abenteuerspielplatz – Ein gerichtlicher Vergleich
Mit Datum vom 11. August 2009 wurde vor der 34. Kammer des Verwaltungsgerichts Düsseldorf ein Vergleich vereinbart. Klägerin war eine dem Spielplatz benachbarte Firma. Beklagt war der Träger des betreffenden Abenteuerspielplatzes. Nach erfolgreicher Beendigung des am selben Tag durch den Richter vorgenommenen Mediationsverfahrens wurde folgender Vergleich geschlossen:
Auf dem Abenteuerspielplatz werden drei Arten von Feuer betrieben. Es handelt sich um „große Feuer“, um Grillstellen und um einen sogenannten Feuerparcours. Insoweit verpflichtet sich der Beklagte, folgende Regelungen zu beachten.
1. „Große Feuer“
„Große Feuer“ werden von montags bis freitags nicht zwischen 7.00 und 16.00 Uhr betrieben.
2. Grillstellen und Feuerparcours
1. Die Grillstellen und der Feuerparcours werden während der Osterferien, Sommerferien und Herbstferien vor 16.00 Uhr nur an maximal zwei Tagen je Woche und maximal zwei Stunden betrieben. Dabei werden maximal vier Grillstellen eingerichtet. Begrenzungen für die Zeit zwischen 16.00 und 7.00 Uhr sowie an Wochenenden bestehen nicht.
2. Außerhalb der vorgenannten Ferien werden in der Zeit vor 16.00 Uhr maximal sechsmal im Jahr maximal acht Grillstellen bis zu jeweils 2 Stunden betrieben. Begrenzungen für die Zeit zwischen 16.00 Uhr und 7.00 Uhr sowie an Wochenenden bestehen nicht.
3. Während der Zeiten vor 16.00 Uhr, in denen der Betrieb von Feuerparcours und Grillstellen nach dem vorgenannten Vergleich erlaubt ist, werden Grillstellen und Feuerparcours nicht gleichzeitig betrieben.
3. Informationspflicht
a) Betreibt der Beklagte während der vorgenannten Zeiten vor 16.00 Uhr Feuerstellen, wird er jeweils spätestens 14 Tage vorher die Klägerin darüber informieren. Außerdem wird er unmittelbar vor dem Entzünden des Feuers bei der Klägerin anrufen und auf den bevorstehenden Feuerbetrieb hinweisen.
b) Der Beklagte wird zur Umsetzung der vorgenannten Informationspflichten einen internetfähigen PC für den Abenteuerspielplatz anschaffen und betreiben.
4. Sanktionen
Bei Verstößen gegen die vorgenannten Regelungen wird der Beklagte den Feuerbetrieb den jeweils folgenden Kalendermonat über aussetzen.
5. Kosten
Die Kosten des Verfahrens werden gegeneinander aufgehoben.
Vom Tonträger vorgespielt und genehmigt.
Dr. Grabosch (Richter) Harder (Urkundsbeamtin)
Verwaltungsgericht Düsseldorf 3 K 5257/08
Gerichtsurteile zum Thema „Abenteuerspielplätze“
Das Grundsatzurteil des Bundesgerichtshofs
Das „Abenteuerspielplatz-Urteil“
„Ein Abenteuerspielplatz, der im Wesentlichen von älteren Kindern benutzt wird, soll nun aber nicht nur ein die Phantasie anregendes, schöpferisches Spiel ermöglichen; sein Zweck ist es auch, in besonderer Weise die Freude am Abenteuer und am Bestehen eines Risikos zu vermitteln, um seine Benutzer so aus moderner pädagogischer Sicht frühzeitig auf die Gefahren des täglichen Lebens einzustellen und sie lernen zu lassen, diese zwar zu wagen, sie aber auch zu beherrschen. Dieser Zweck der Körper- und Persönlichkeitserziehung würde vereitelt, wenn die Kinder und Jugendlichen dort nur geringen, ohne weiteres zu beherrschenden und kontrollierten Gefahren ausgesetzt werden dürften, wie z.B. auf Klettergerüsten, Rutschen, Schwebebalken usw., die auf sonstigen Spielplätzen aufgestellt werden. Er kann nur erreicht werden, wenn den älteren Kindern ein nicht vollkommen behütetes Milieu geboten wird, das in etwa Ersatz bietet für die heute kaum mehr gegebene Möglichkeit zum Spiel in freier Natur.“
So heißt unter anderem in der Begründung des so genannten „Abenteuerspielplatz-Urteils“ des Bundesgerichtshofs. In der Verhandlung, die am 25. April 1978 mit dem Fazit endete, dass ein Abenteuerspielplatz in gewisser Weise gefährlich sein muss, um seinen Zweck zu erfüllen, wurde – aus juristischer Sicht – ein pädagogischer Markstein gesetzt. Dieses Urteil wurde seitens des ABA Fachverbandes seit jeher begrüßt und verbreitet, dies zuletzt in unserer Reihe ABA TexteDienst (Nr. 1) in der 7. Auflage (1999). Nunmehr haben wir es Interessierten zur Nutzung hier zum Herunterladen zugänglich gemacht.
Aktuell
Landgericht Mönchengladbach stärkt die Konzeptionen von Abenteuerspielplätzen
Ältere Kinder sind für Verletzungen, die sie sich beim Spielen auf einem Abenteuerspielplatz zuziehen, selbst verantwortlich, wenn es sich dort um ein überschaubares Terrain handelt und mögliche Gefährdungen offensichtlich und sofort erkennbar sind. Vor allem Bagatellverletzungen kommen beim Spielen immer wieder vor und rechtfertigen kein Schmerzensgeld. Diese vernünftige Sichtweise musste das Landgericht Mönchengladbach Eltern nahebringen. Wir möchten uns vor dem Vorwurf hüten, den besagten Eltern sei es möglicherweise um einen materiellen Profit gegangen. Vielmehr kommen wir nicht umhin, zu konstatieren, dass bei ihnen ein alltagsgemäßes Maß an pädagogischem Realismus nicht ausreichend entwickelt war.
Erfreulicherweise bezieht sich Richter Kreuels beim Landgericht Mönchengladbach inhaltlich stark auf das Grundsatzurteil – das so genannte „Abenteuerspielplatz-Urteil“ – des Bundesgerichtshofes aus dem Jahre 1978.
Die Tatsache, dass die Mitarbeiter des Abenteuerspielplatzes die Kindergruppe auf die typischen Gefährdungen hinwiesen, reichte dem Richter aus, keine Verletzung der Verkehrssicherungspflicht erkennen zu können.
Das Urteil klärt überdies noch einige andere Umstände:
1. Da der Unfall im Zusammenhang mit einer schulischen Aktivität stand, kann mittlerweile getrost angenommen werden, dass auch solche nicht in jedem Falle idiotensicher sein müssen. Nach diesem Urteil sollte sich kein Lehrer mehr mit dem Hinweis auf „das eine Bein im Gefängnis“ herausreden können, wenn er Kinder in schultypischer Art und Weise in ihrer Entwicklung behindert. Hoffentlich spricht sich diese Botschaft in der Schule herum!
2. Auch selbstgebaute Geräte – ob mit oder ohne Zutun der Kinder – sollten nunmehr unter die erweiterten Grenzen der Verkehrssicherungspflicht auf einem Abenteuerspielplatz fallen.
3. Der Einbezug von Kindern in die Konstruktion von Hütten und Geräten auf einem Abenteuerspielplatz wird ausdrücklich als Erhöhung des Spielreizes gewürdigt. Vor diesem Hintergrund sind selbst übliche DIN-Abweichungen hinzunehmen.
4. Die Mitarbeiter – analog dazu auch Lehrer – kommen ihrer Sorgfaltspflicht nach, wenn sie vor allem Kinder, denen die Spielmöglichkeiten noch nicht sehr vertraut sind, auf mögliche Gefährdungen hinweisen. Risiken gehören auf einem Abenteuerspielplatz zur konzeptionellen Zweckbestimmung hinzu.
Ein Abenteuerspielplatz ist in erster Linie für ältere Kinder konzipiert – also solche im Schulalter. Diese sind gehalten, selbst ausreichende Sorgfalt beim Spielen walten zu lassen, um sich nicht zu verletzen.
Gerichtlicher Vergleich: Feuer auf einem Abenteuerspielplatz
Eine benachtbarte Firma klagte gegen den Träger eines Abenteuerspielplatzes wegen Belästigungen durch Rauchentwicklung. Mit Datum vom 11. August 2009 wurde vor der 34. Kammer des Verwaltungsgerichts Düsseldorf ein Vergleich geschlossen. Der Text des Vergleichs ist zur Information für möglicherweise andere Betroffene auf einer speziellen Seite zu finden.
Frühere Urteile
Stadt haftet nicht für Augenverletzung auf Abenteuerspielplatz
Die Stadt Bayreuth muss nicht für die Folgen einer Augenverletzung haften, die ein Jugendlicher beim Spielen auf einem Abenteuerspielplatz erlitten hat. Die 2. Zivilkammer des Landgerichts Bayreuth lehnte die Klage eines heute 17-Jährigen auf 11.000 Euro Schadenersatz ab. Beim Spielen auf dem Abenteuerspielplatz war dem Jungen im Mai 2000 ein Holzsplitter ins linke Auge geflogen. Durch die Verletzung verlor der Jugendliche fast die gesamte Sehkraft des Auges. Beim Spielen auf einem Abenteuerspielplatz müssten, wie beim Sport auch, gewisse Risiken in Kauf genommen werden, argumentierte das Gericht. Die Stadt Bayreuth habe als Betreiberin die Pflicht, Gefahren zu begrenzen. Dieser Pflicht sei die Stadt nachgekommen, indem sie täglich Werkzeuge und Material kontrollierte und auch aussortierte.
Ebenfalls abgewiesen wurde die Klage gegen einen 15-jährigen Spielkameraden. Dieser hatte mit einem Hammer einen Nagel aus dem Holzbalken ziehen wollen. Dabei hatte sich der Splitter gelöst und das Auge des Freundes verletzt. Der 15-Jährige habe ihn gewarnt, er solle zurück treten. Dies habe das Opfer auch getan. Dass der Freund trotzdem in einer Entfernung von vier Metern verletzt wurde, habe außerhalb der Vorstellungskraft des 15-Jährigen gelegen. meinten die Richter.
(Landgericht Bayreuth 23 O 351/03) dpa
Aufsichts- und Verkehrsicherungspflicht auf einem Bauspielplatz im Rahmen einer Stadtteilerholung
Zwei bayerische Gerichte kommen zu zwei völlig unterschiedlichen Einschätzungen einer Situation. Hierbei geht es um den Vorwurf der Verletzung der Aufsichtspflicht und ggf. der Verkehrssicherungspflicht auf einem Bauspielplatz. Bei dieser Auseinandersetzung soll es nicht um Gerichtsschelte gehen; vielmehr soll versucht werden, pädagogisch-fachliche Sichtweisen in die von der Rechtsprechung hier behandelte Thematik einzuführen. Ferner können die beiden Urteile im Originaltext nachgelesen werden.
Zur Seite Abenteuerspielplätze
Wasser-Sand-Matsch
Auf dieser Seite sehen Sie einen Wasser-Sand-Matsch-Bereich in Aktion. Ferner gibt es Bilder über sein Entstehen. Die Fotos wurden auf dem Abenteuerspielplatz „Ankerplatz“ in Sankt Augustin aufgenommen und uns von diesem freundlicherweise zur Verwendung zur Verfügung gestellt.
Wir wünschen beim Betrachten viel Vergnügen und würden uns freuen, wenn es gelänge, mit diesen Bildern inspirierend zu wirken.
Wasser-Sand-Matsch-Bereich in Aktion



Errichtung des Wasser-Sand-Matsch-Bereichs














Presseservice – Tage der Spielplatzpaten in NRW 2015
Herzlich willkommen und vielen Dank an Ihrem Interesse an „Tage der Spielplatzpaten in NRW 2015“. Hier erhalten Sie alle wichtigen Presse-Informationen zum Projekt auf einen Blick.
Ihre Ansprechpartnerin ist Nicola Hengst-Gohlke:
c/o Spielplatzpaten für Mettmann, Postfach 20 02 25, 40811 Mettmann
Festnetz: + 49 2104 81 901 82, Mobil: + 49 176 54 82 45 28
info@spielplatzpaten.com, www.spielplatzpaten.com
ALLGEMEINES
Hintergrundinformation – Tage der Spielplatzpaten 2015
Vorstellung Bewegungs- und Ernährungsmobil – BEMIL
SANDRA BORGMANN – Botschafterin der nordrhein-westfälischen Spielplatzpaten
Vorstellung Sandra Borgmann – Botschafterin der nordrhein-westfälischen Spielplatzpaten-Projekte
Videobotschaft der neuen Botschafterin für Spielplatzpaten in NRW, Sandra Borgmann
ABSCHLUSSVERANSTALTUNG
Spielplatzpatenkonferenz am 14. November 2015, Oberhausen
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Filmbeitrag für das Engagement der Spielplatzpaten in NRW. Auch Sandra Borgmann, die prominente Botschafterin der Spielplatzpaten NRW, spricht über die wichtige Arbeit der engagierten Freiwilligen.
Einladung zur 16. Konferenz der Spielplatzpaten in NRW, Oberhausen
Hintergrundinformation für die Presse
SPIELFESTE IN DEN KOMMUNEN
Mettmann (31. Oktober 2015)
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Filmbeitrag von micro films über das Spielfest, auch als Dankeschön für die Auszubildenden der Kreissparkasse Düsseldorf, die am Aktionstag der Wirtschaft einen eintägigen Einsatz als Spielplatzpaten hatten
Ein bunter Spielplatz begeistert die Nachbarschaft, 5. November 2015, Schaufenster Mettmann
Bunter Spielplatz begeistert die Nachbarschaft, 5. November 2015, Taeglich ME
Ein buntes Fest, 4. November 2015, SuperTipp Online
Bottrop (29. August 2015)
Paten feiern Fest im Ehrenpark, 30. August 2015, WAZ
Paten des Ehrenparks feiern ihr Sommerfest, 22. August 2015, WAZ
Wuppertal (28. August 2015)
300 Besucher feiern den Tag der Spielplatzpaten, 29. August 2015, WZ
Ein Fest für die Spielplatzpaten, 22. August 2015, wuppertaler rundschau
Tag der Spielplatzpaten: Fest an der Samoastraße, 20. August, 2015, wuppertal.de
Krefeld (23. August 2015)
Spielplatz zum Leben erweckt, 8. August 2015, WZ
Ein geheimer, märchenhafter Ort, 7. August 2015, WZ
Köln (22. August 2015)
Ein großes Fest für die Spielplatzpaten, 27. August 2015, Kölner Rundschau
Spielplatzpaten im Einsatz, 27. August 2015, Blogbeitrag auf Spielplatztreff.de
Düsseldorf (15. August 2015)
RP, Benrather Tageblatt, 15. August 2015, Terminankündigung
Wochenpost Düsseldorf Süd, Spielplatzfest mit Bewegungsmobil, 12. August 2015
Oberhausen (31. Juli 2015)
keine Presseveröffentlichung
Hagen (11. Juni 2015)
Gestern war Tag der Spielplatzpaten NRW, 107.7 radiohagen, 12. Juni 2015
Tage der Spielplatzpaten NRW: Spielfest in Hohenlimburg, TV 58. De, 9. Juni 2015
Großes Fest auf dem Spielplatz an der Elseyer Straße, 6. Juni 2015, WAZ
Tag der Spielplatzpaten, Hohenlimburger Blatt, 1. Juni 2015
Tag der Spielplatzpaten am 11. Juni in Hohenlimburg, 27. Mai 2015, hagen.de
Essen (30. Mai 2015)
Terminankündigung, Borbeck Kurier, 27. und 29. Mai 2015
Mettmann (29. Mai 2015)
Eine ganze Schule ist in Bewegung, 30. Mai 2015, Taeglich ME
Sport und Spielfest rund um die GGS Herrenhauser Straße, 29. Mai 2015
Spielfest auf dem Spiel- und Bolzplatz Oderstraße, 23. Mai 2015, Schaufenster Mettmann
Mülheim an der Ruhr (28. Mai 2015)
Weltspieltag und Tage der Spielplatzpaten, 28. Mai 2015, livekritik.de
Spielen für Jung und Alt, Mülheimer Woche, 30. Mai 2015
Weltspieltag an der Ruhr, WAZ 28.Mai 2015 und Viel Spaß am Weltspieltag, WAZ 29. Mai 2015
AUFTAKTVERANSTALTUNG
in Düsseldorf (23. März 2015)
Pressemitteilung – Tage der Spielplatzpaten in NRW 2015 – Auftakt in Düsseldorf
Tagesordnung – Fachtag für die Organisator_innen von Spielplatzpaten 2015
Standards und Qualitätskriterien für pädagogisch betreute Spielplätze
Vorbemerkung
Die hier veröffentlichten Standards und Qualitätskriterien wurden von den KollegInnen des Berliner Dachverbandes AkiB entwickelt. Sie wurden von den Verbänden, die Abenteuerspielplätze usw. organisieren, in dieser Form akzeptiert und werden so als Empfehlungen vertreten. Die im Text erwähnten Angebots- und Leistungsblätter sind in der Komplett-Dokumentation enthalten. (Herausgeber: Bund der Jugendfarmen und Aktivspielplätze e.V., Redaktion: Maritta Giermann, Oliver Ginsberg, Martyn Sorge, Berlin 1998). Der Gesamtkatalog kann beim ABA Fachverband angefordert werden (8 Euro).
Anmerkung zu den Standards und Qualitätskriterien
Im Herbst 1995 begann der Landesarbeitskreis der Berliner Abenteuerspielplätze und Kinderbauernhöfe intensiv Standards und Qualitätskriterien für pädagogisch betreute Spielplätze zu diskutieren. Diese Plätze tragen verschiedene Namen. Sie werden zum Beispiel Abenteuerspielplatz, Kinderbauernhof, Jugendfarm, Bauspielplatz, Aktivspielplatz, Robinsonspielplatz usw. genannt. Unabhängig von ihrer Bezeichnung stellen diese Einrichtungen wichtige Elemente der sozialen Infrastruktur für Kinder, Jugendliche und die jeweilige Nachbarschaft dar. Sie übernehmen damit gesetzlich festgelegte Aufgaben der Kinder- und Jugendhilfe nach dem VIII. Sozialgesetzbuch (KJHG).
Aus der Diskussion entstanden die „Standards und Qualitätskriterien für pädagogisch betreute Spielplätze“. Sie beziehen sich sowohl auf Qualitäten als auch auf die Leistungsfähigkeit von pädagogisch betreuten Spielplätzen. Sie können auch als Evaluationsmodell für einzelne Einrichtungen genutzt werden. Für die Gewährleistung adäquater Arbeitsbedingungen (Bereitstellung von Flächen, leistungsgerechte Förderung) sind allerdings auch die politischen EntscheidungsträgerInnen verantwortlich. Es ist klar, dass in nicht wenigen innerstädtischen Gebieten nur sehr kleine Flächen für diese Einrichtungen zur Verfügung gestellt werden (können). Dies wirkt sich unter Umständen auf die Leistungsfähigkeit der Plätze aus, muss jedoch nicht grundsätzliche Qualitäten in Frage stellen (zum Beispiel: Qualifikation der MitarbeiterInnen, Partizipation der Zielgruppen, Erreichung inhaltlicher Ziele, Zufriedenheit der Zielgruppen, soziale Akzeptanz etc.).
Die Standards und Qualitätskriterien sollen einen Beitrag dazu leisten, die Förderungspolitik in der Kinder- und Jugendhilfe auf eine sachliche bzw. fachlich nachvollziehbare Grundlage zu stellen. Sie sollen aber auch gegenüber politischen EntscheidungsträgerInnen als Argumentation zur Sicherung bzw. Verbesserung der Rahmenbedingungen dienen. Der Landesverband der Berliner Abenteuerspielplätze und Kinderbauernhöfe (AKiB) hat auf dieser Grundlage den Angebots- und Leistungskatalog für pädagogisch betreute Spielplätze erarbeitet. Beide zusammen ergeben eine sinnvolle Grundlage für Leistungsvereinbarungen zwischen Trägern und der Verwaltung.
Die in den jeweiligen Angebots- und Leistungsblättern (A/L-Blätter) genannten Qualitätsindikatoren nehmen Bezug auf die folgenden „Standards und Qualitätskriterien“. Sie stellen nur einen Teilbereich der Qualitätskriterien dar und erlauben keine erschöpfende Evaluation der Einrichtung als Ganzes. (Das ganze ist mehr als die Summe seiner Teile). Umgekehrt lassen sich die in den „Standards und Qualitätskriterien“ genannten Indikatoren nicht immer auf jede Einzelleistung anwenden. In den Angebots- und Leistungsblättern sind lediglich die Indikatoren aufgeführt, die eine leistungsspezifische Evaluation erlauben. In der folgenden Übersicht sind für diese Indikatoren jeweils Kapitel und Seite des SQPbS angegeben, um die Referenz zu erleichtern.
|
Qualitätsindikatoren in den A/L-Blättern |
Fundstelle im SQPbS |
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|
Vielfalt |
Kap. I, 1.1. |
S. 3 |
|
Artenvielfalt |
Kap. I, 4. |
S. 5 |
|
Struktur- und Ausstattungsvielfalt |
Kap. I, 5.2. |
S. 5/6 |
|
Angebots- und Themenvielfalt |
Kap. II, 1.3. |
S. 8 |
|
Fachlichkeit |
Kap.I, 3.1./3.2./3.3. |
S. 4/5 |
|
Kontinuität |
Kap. I, 1.1. |
S. 3 |
|
Integrativität |
Kap. I, 1.1. |
S. 3 |
|
Partizipativität |
Kap. II, 1.1. |
S. 8 |
|
Termintreue |
Kap. II, 3. |
S. 9 |
|
Bekanntheitsgrad/Akzeptanz |
Kap. III, 1.1./4. |
S. 10/11 |
|
Nutzungsgrad/Attraktivität |
Kap. III, 1.2./3. |
S. 10/11 |
|
Vernetzungsgrad |
Kap. I, 2.4./III, 4. |
S. 4/S.11 |
Übersicht über die Qualitätsbereiche
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I. STRUKTURQUALITÄT (35 Prozent) |
II. PROZESSQUALITÄT (15 Prozent) |
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1. Zielstellung/Prinzipien |
1. Input |
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1.1. Leitbild/ Arbeitsprinzipien |
1.1. Beteiligung der Zielgruppen |
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1.2. Ziele/Arbeitsinhalte 1.3. Zielgruppen |
1.2. Kontinuierliche Bedarfsfeststellung 1.3. Methodenauswahl/Angebots- und Themenvielfalt |
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|
2. Organisation |
2. Planung |
|
|
2.1. Zuständigkeiten/Entscheidungsstrukturen |
2.1. Angebotspläne/Programme |
|
|
2.2. Verhaltenspfade/Verfahrensabläufe |
2.2. Dienstplanung |
|
|
2.3. Interne Kommunikationsstruktur |
2.3. Finanzplanung |
|
|
2.4. Vernetzung/Kooperation |
2.4. Reserven/Freiräume |
|
|
3. Personal/MitarbeiterInnen/ Fachlichkeit der Arbeit |
3. Umsetzung/Termintreue |
|
|
4. Evaluation |
||
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3.1. Qualifikation/Suche/ Auswahl/ 3.2. Einsatz |
4.1. Auswertung des Feedbacks |
|
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3.3. Weiterbildung/Personalentwicklung |
4.2. Systematische Evaluation |
|
|
3.4. Zufriedenheit |
||
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III. ERGEBNISQUALITÄT (50 Prozent) |
||
|
4. Tierhaltung |
||
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5. Ressourcen |
1. Erreichung der Betriebsziele |
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5.1. Flächen/Räumlichkeiten |
1.1. Erreichung der Zielgruppen/zielgruppenspezifische |
|
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5.2. Ausstattung/Erfahrungsfelder |
Akzeptanz |
|
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5.3. Öffnungszeiten |
1.2. Auslastung der Einrichtung/Attraktivität |
|
|
5.4. Finanzen/Eigenleistungen |
1.3. Wirtschaftlichkeit |
|
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5.5. Gerätepool |
1.4. Eigenleistungen/Drittmittel |
|
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6. Management |
2. Erreichung der inhaltlichen Ziele |
|
|
6.1. Information/Akquisition |
3. Zufriedenheit Zielgruppen |
|
|
6.2. Zukunftssicherung/Innovation |
||
|
6.3. Qualitäts- und Kostenkontrolle |
4. Soziale Akzeptanz/Gemeinwesenbezug/ |
|
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6.4. Krisenbewältigung |
Vernetzungsgrad |
I. STRUKTURQUALITÄT
1. Zielstellung und Prinzipien
1.1. Leitbild/Arbeitsprinzipien
Pädagogisch betreute Spielplätze erweitern neben Schule und Familie wesentlich den kindlichen bzw. jugendlichen Sozialisationsrahmen und unterstützen die gesamte Persönlichkeitsentwicklung der Heranwachsenden. Die Plätze sind ganzjährig geöffnet, verfügen über ein vielfältiges Angebot an Erfahrungsfeldern und sind immer pädagogisch betreut. Sie sind darüber hinaus Stätten sozialer Begegnung und Integration. Sie fördern dabei durch Bereitstellung selbständig nutzbare Strukturen sowie im Rahmen animatorischer Angebote nicht nur Kontakte unter den Kindern und Jugendlichen, sondern auch zwischen den Generationen und Kulturen. Dabei kommen folgende Arbeitsprinzipien zum Tragen:
- Offenheit (offene Gruppen, keine Ausgrenzung)
- Freiwilligkeit (die Teilnahme soll durch Animation und Motivation erreicht werden)
- Kostenfreiheit (schließt Beiträge zu einzelnen Angeboten nicht aus)
- Kontinuität (Verbindlichkeit von Angeboten und Bezugspersonen)
- Veränderbarkeit (Flexibilität in Bezug auf Interessen und Bedürfnisse der Zielgruppen)
- Gestaltbarkeit (physische und ideelle Freiräume zur Verwirklichung eigener Ideen)
- Vielfalt (als Struktur-, Ausstattungs-, Angebots-, Themen- und ggf. Artenvielfalt – vgl.: Kap. I, 4./5.)
- Transparenz (Durchschaubarkeit und Regelhaftigkeit von Strukturen)
- Partizipation (Mitwirkung der Zielgruppen an Gestaltung und Angeboten – vgl.: Kap II, 1.1.)
- Unterstützung der Selbstorganisation der Zielgruppen
- Integration (verschiedener gesellschaftlicher Gruppen)
1.2. Ziele/Arbeitsinhalte
Spezifische Arbeitsinhalte und Ziele ergeben sich aus einer Bedarfsanalyse, die dem sozialen Umfeld und den strukturellen Möglichkeiten Rechnung trägt. Es lassen sich aber allgemeinverbindliche Ziele und Arbeitsinhalte benennen, die auch für andere Bereiche der Jugendarbeit gelten. Diese sind größtenteils in § 74 KJHG formuliert:
- Gemeinschaftsfähigkeit
- Verantwortlichkeit
- Selbstbewusstsein
- Demokratieverständnis
- Soziales Engagement
- Abbau von Benachteiligungen
- Gleichberechtigung von Mädchen und Jungen
- Herausbildung einer Geschlechtsidentität
- Ökologische Handlungskompetenz
- Toleranz und Verständnis für andere Kulturen
- Generationsübergreifende Kontakte
- Gesundheitsförderung
- Partizipation und Selbstorganisation
1.3. Zielgruppen
Die Kernzielgruppe pädagogisch betreuter Spielplätze sind Kinder und Jugendliche zwischen 6 und 14 Jahren, insbesondere die sogenannten „Lückekinder“, die in der klassischen Angebotsstruktur benachteiligt sind, unabhängig von Rasse, Nationalität oder Geschlecht. Zur erweiterten Zielgruppe gehören aber auch Kleinkinder, ältere Jugendliche und Erwachsene, junge Familien und SeniorInnen.
2. Organisation
2.1. Zuständigkeiten und Entscheidungsstrukturen
Wie andere Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe sollten auch pädagogisch betreute Spielplätze eine transparente Struktur von Zuständigkeiten und Entscheidungsabläufen bzw. -kompetenzen aufweisen. Diese werden beispielsweise in Satzungen, Geschäftsordnungen, Stellenausschreibungen, Platzregeln und Selbstdarstellungen formuliert. Für spezielle Arbeitsbereiche (Tierhaltung, Werkstatt etc.) sollte es eine fachlich fundierte Zuständigkeit geben.
2.2. Verhaltensregeln und Verfahrensabläufe
Im Umgang mit den Zielgruppen sollten für sensible Schnittstellen (häufig wiederkehrende Situationen, bei denen die Begegnung mit Kindern, Jugendlichen und Eltern weitreichende Konsequenzen für das Gelingen oder Misslingen der Arbeit mit sich bringt) Verhaltenspfade festgelegt bzw. formuliert werden. Es sollten auch Verfahren für die Schlichtung innerbetrieblicher Streitigkeiten etc. entwickelt werden.
2.3. Interne Kommunikationsstruktur
Das Funktionieren der innerbetrieblichen Kommunikation ist eine wichtige Voraussetzung zur Erreichung der selbst gesetzten Ziele. Regelmäßige Teamsitzungen gehören dazu genauso wie eine frühzeitige und umfassende Berichterstattung bei Auftreten veränderter Rahmen- und Arbeitsbedingungen etc.
2.4. Vernetzung/Kooperation
Keine Einrichtung existiert im „luftleeren Raum“. Die Vernetzung sowohl mit gleichartigen Einrichtungen als auch mit anderen Einrichtungen (beispielsweise aus dem sozialen Umfeld) ist wichtig, um synergetische Effekte auszunutzen und Ressourcen effizient zu nutzen. Vernetzung ist keine statische Angelegenheit, sondern die aktive Gestaltung von Kommunikation und Kooperation.
3. Personal/MitarbeiterInnen/Fachlichkeit der Arbeit
3.1. Qualifikation/Suche/Auswahl
Zu besetzende Stellen auf pädagogisch betreuten Spielplätzen werden öffentlich ausgeschrieben. In den Stellenbeschreibungen wird auf spezifische Arbeitsbedingungen und Qualifikationen hingewiesen. Die personelle Fachlichkeit kann als gewährleistet gelten,
- wenn eine der Arbeit entsprechende Ausbildung abgeschlossen wurde oder eine mindestens fünfjährige Berufserfahrung in dem betreffenden Bereich besteht;
- bei ausgewogener Besetzung mit weiblichen und männlichen MitarbeiterInnen;
- bei Anwesenheit von mindestens zwei qualifizierten, regulären Fachkräften während der gesamten Betreuungszeit für die Gewährleistung der Grundversorgung (vgl. Anlage 2)
3.2. Einsatz
Unabhängig von der beruflichen Qualifikation bzw. Berufserfahrung muss dafür Sorge getragen werden, dass die MitarbeiterInnen (auch freiwillige) so eingesetzt werden, dass sie weder über- noch unterfordert sind. Dabei sollte immer Spielraum zur Entfaltung von Eigeninitiative gegeben sein. Es sollte vermieden werden, unangenehme Arbeiten regelmäßig an MitarbeiterInnen mit geringerer Qualifikation zu delegieren. Der Einsatz der MitarbeiterInnen erfolgt überwiegend im Freien und orientiert sich vor allem am Besucheraufkommen (flexible Arbeitszeiten-Regelungen).
3.3. Weiterbildung/Personalentwicklung
Es findet eine kontinuierliche Weiterbildung an mindestens 40 Stunden im Jahr statt. Über Bereitstellung von Fachliteratur und die regelmäßige Information über Fortbildungsmöglichkeiten wird die Eigenmotivation zur Fortbildung gestärkt.
3.4. Zufriedenheit
Die Zufriedenheit von MitarbeiterInnen ist wesentliche Grundlage für eine erfolgreiche Arbeit. Sie läßt sich u.a. an Fehlzeiten und am Fluktuationsgrad bemessen, andererseits auch an der Übernahme von Verantwortung und Eigeninitiative über die vertragliche Arbeitsverpflichtung hinaus.
4. Tierhaltung
Soweit es die Flächenausstattung zulässt, betreiben die Einrichtungen Tierhaltung. Artenvielfalt wird angestrebt, dabei sollten mindestens zehn der folgenden Tierarten bzw. -gruppen gehalten werden: Ponys, Großpferde, Esel, Rinder, Schweine, Schafe, Ziegen, Hunde, Katzen, Frettchen, Gänse, Enten, Hühner, sonstige Vögel, Kaninchen, Meerschweinchen, Hamster, Ratten, Mäuse, sonstige Säuger, Fische, Amphibien, Reptilien. Dabei werden die Grundsätze artgerechter Haltung und des Tierschutzes beachtet. Insbesondere ist auf ausreichenden Bewegungsraum und die Ermöglichung arteigenen Verhaltens zu achten. Eine ausschließliche Käfighaltung bzw. Haushaltung findet grundsätzlich nicht statt.
5. Ressourcen
5.1. Flächen/Räumlichkeiten
Für die adäquate Umsetzung der inhaltlichen Ziele steht eine Fläche von 6.000 m² bis 15.000 m² zur Verfügung. Als Aufenthaltsmöglichkeiten für kritische Witterungsbedingungen und für Werkstätten stehen beheizte Räumlichkeiten von 100 m² bis 250 m² zur Verfügung. Dabei soll sowohl Raum für spezifische Angebot, als auch zur freien Nutzung/Gestaltung zur Verfügung stehen. (Orientierungswerte für spezielle Flächen finden sich in Anlage 4). Ein Trinkwasseranschluss ist obligatorisch, ein Stromanschluss sinnvoll. Auf Abwasserentsorgung kann bei Sicherstellung von adäquaten Alternativen verzichtet werden.
5.2. Erfahrungsfelder/Ausstattung
Eine Struktur- und Ausstattungsvielfalt der Einrichtung wird angestrebt. Strukturvielfalt liegt vor, wenn vier der folgenden sechs Erfahrungsfelder abgedeckt sind. Ausstattungsvielfalt liegt vor, wenn mindestens neun der folgenden zwölf Ausstattungsmerkmale erfüllt sind:
Erfahrungsfelder:
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Ausstattungsmerkmale:
- Freiflächen und überdachte Aufenthaltsbereiche (mindestens zum Teil heizbar)
- Küche
- Werkstätten mit Lagerräumen
- Bauspielbereich
- Wasserbereich(e)
- Feuerstelle(n)
- Grünflächen, Gärten und Gehölze
- Tiergehege bzw. Reitkoppel und Ställe
- Bühne bzw. Raum für Veranstaltungen
- Spiel- und Sportflächen
- Klettermöglichkeiten
- Kleinkinderspielbereich
5.3. Öffnungszeiten/Betreuungszeiten
Die Plätze sollen ganzjährig nutzbar sein. Die Öffnungszeiten lassen sich nur zielgruppen- und bedarfsorientiert konkretisieren. Eine durchschnittliche Öffnungsdauer von wöchentlich mindestens 40 Stunden ist für den Grundbetrieb angemessen. Die Betreuung spezieller Zielgruppen und die sozialräumlichen Bedingungen (zum Beispiel unterdurchschnittliche Freiflächenversorgung der Nachbarschaft) können eine erweiterte Öffnungszeit erforderlich machen. Die Betreuung soll auch an Wochenenden und in der Ferienzeit gewährleistet sein
5.4. Finanzen/Eigenleistungen
Der Finanzbedarf ist abhängig von Größe, Besucheraufkommen, Betreuungsumfang und Angebotsstruktur. Der Bedarf zur Absicherung des Grundbetriebs mit mind. zwei gleichzeitig anwesenden Fachkräften (vgl. I.3.1. bzw. III.1.2. + 1.3.) entspricht der Förderung von 3,5 Stellen zuzüglich der Kosten für Unterhaltung und Tierversorgung (vgl. Anlage 5) plus 8 Prozent Aufschlag für das Projektmanagement. Ein erhöhter Grundbedarf ergibt sich, wenn:
- der Grundbedarf an pädagogisch betreuten Spielplätzen im Stadtteil zu weniger als 50 Prozent abgedeckt ist
- die Bevölkerungsdichte den städtischen Durchschnittswert um mindestens 50 Prozent übersteigt
- die Freiflächenversorgung mindestens 50 Prozent unter dem städtischen Durchschnittswert liegt
- die Versorgung mit allgemeinen Spielplatz- oder Sportflächen mindestens 50 Prozent unter dem Richtwert liegt
- die Einrichtung in einem sozialen Brennpunkt liegt. Dieser Fall liegt zum Beispiel vor, wenn:
- die Zahl der Arbeitslosen oder Sozialhilfeempfänger mindestens 50 Prozent über dem Durchschnittswert liegt
- der Anteil von MigrantInnen bzw. AusländerInnen mindestens 50 Prozent über dem Durchschnittswert liegt
Diese finanzielle Grundabsicherung sollte auf kommunaler Ebene bzw. durch die jeweils für Jugendhilfeplanung verantwortliche Stelle gewährleistet sein. Auf ihrer Basis lässt sich ein zusätzlicher Eigenleistungsbeitrag (freiwillige Arbeitsleistung plus Geld und Materialspenden) im Wert von 10-20 Prozent des Finanzvolumens erbringen. Eine ausreichende Grundförderung ist mittel- bis langfristig auch Voraussetzung zur sinnvollen Integration von Beschäftigungsmaßnahmen, PraktikantInnen, Zivildienstleistenden etc.
5.5. Gerätepool
Eine komplette Ausstattung einer Einrichtung mit technischen Geräten (nicht zu verwechseln mit der Ausstattung im Bereich der Erfahrungsfelder) ist nicht Voraussetzung für eine qualitative Arbeit, wenn die Nutzung der notwendigen Geräte im Bedarfsfall über einen gemeinsamen Gerätepool mit anderen Einrichtungen gewährleistet ist. Dadurch werden Ressourcen effizienter genutzt und eine Vernetzung mit anderen Einrichtungen unterstützt.
6. Management
6.1. Information/Akquisition
Die Einrichtungen bemühen sich um umfassende Berichterstattung bzw. Information über ihre Arbeit und die Angebote. Mögliche Informationsquellen können sein:
- Arbeitsberichte/Projektberichte
- Erstellung eines spezifischen Produkt- und Leistungskataloges
- Selbstdarstellungen, Faltblätter bzw. Programme
- Presse- bzw. Medienerklärungen
- Informationstafeln
- Informationsbüro/-referentIn mit regelmäßigen Sprechzeiten (bei größeren Einrichtungen sinnvoll)
Als Maßstab der Informationsqualität dient insbesondere der Bekanntheitsgrad der Einrichtung und der speziellen Angebote bei der/den angesprochenen Zielgruppe/n sowie den Förderstellen. Wichtig ist darüber hinaus die Verfolgung einer aktiven Akquisitionspolitik, d.h. Kontaktaufnahme mit potentiellen freiwilligen MitarbeiterInnen, Spendern und Sponsoren sowie Drittmittelquellen. Als Qualitätsmaßstab kann zum Beispiel die Erreichung des o.g. Eigenleistungsanteils angesehen werden. Möglich ist auch die Realisierung von zusätzlichen Angeboten bzw. Projekten über Drittmittel.
6.2. Zukunftssicherung/Innovation
Zukunftssicherung bezieht sich zum einen auf die perspektivische Formulierung von mittel- bis langfristigen Entwicklungsplänen bzw. -programmen. Zum anderen ist hier die Initiierung bzw. die Durchführung innovativer Angebote bzw. Angebotsformen angesprochen. Die bloße Fortschreibung bisheriger Angebote über einen längeren Zeitraum genügt nicht diesem Qualitätsmerkmal. Ebenso wenig geht es lediglich um die Umsetzung von Neuheiten. Innovationen müssen sich vielmehr auf eine verobjektivierbare soziale, politische, ökonomische oder ökologische Entwicklung bzw. einen erkennbaren Handlungsbedarf beziehen.
6.3. Qualitäts- und Kostenkontrolle
Die Einrichtungen verfügen über ein System der Qualitäts- und Kostenkontrolle. Dazu ist zum einen eine ordentliche Buchhaltung Voraussetzung, andererseits müssen Qualitätsparameter bzw. Leistungsziele formuliert werden, die überprüfbar sind. Die Ergebnisse der Überprüfung sind Bestandteil der Ergebnisqualität. Für die Beurteilung des Managements ist zunächst wichtig, daß ein System der Qualitäts- und Kostenkontrolle existiert und angewendet wird. Der vorliegende Katalog von Qualitätskriterien kann dabei zur Evaluation herangezogen werden. Im Übrigen gelten die Regeln der ordentlichen Buchhaltung.
6.4. Krisenbewältigung
Jede Einrichtung ist bisweilen mit Ereignissen konfrontiert, welche die gesamte Einrichtung oder wesentliche Teile der Arbeit in Frage stellen können. Ein Kriterium zur Beurteilung der Managementqualität ist, dass sich anbahnende Krisen rechtzeitig erkannt, dass Interventionsstrategien entwickelt und nicht zuletzt, dass solche Krisen bewältigt werden.
II. PROZESSQUALITÄT
1. Input
1.1. Beteiligung der Zielgruppen
Die Beteiligung der Zielgruppen an der Gestaltung der Einrichtung und der Entwicklung bzw. Planung der Angebote ist wesentliche Bedingung für eine erfolgreiche Arbeit.
Partizipationsmöglichkeiten sind u.a.:
- persönliche Gespräche, Kinderplenum, Nachbarschaftsversammlungen, Elternsprechstunden etc.
- öffentliche Mitgliederversammlungen
- Sammlung von Verbesserungsvorschlägen, anonyme Meinungsumfragen, Meckerkasten
- Aufgreifen von Eigeninitiativen der Zielgruppen
- Zukunftswerkstätten o.ä. partizipatorische Planungsprozesse
Häufigkeit und Umfang von Partizipationsmöglichkeiten kennzeichnen die Partizipativität.
1.2. Kontinuierliche Bedarfsfeststellung
Die kontinuierliche Bedarfsfeststellung erfordert zum einen die Überprüfung bestehender Angebote bzw. ihrer Nutzung sowie die Auseinandersetzung mit neuen Ansprüchen und Ideen, die im Rahmen der Partizipationsprozesse erkennbar geworden sind. Dazu ist wenigstens einmal jährlich eine „Angebotsinventur“ vorzunehmen, was sinnvollerweise im Zusammenhang mit einer umfassenden Evaluation der Arbeit geschieht. Bedarfsfeststellung kann auch aufsuchende Jugendarbeit beinhalten, da Bedarf bzw. Bedürfnisse möglicherweise nicht innerhalb der Einrichtung erkennbar sind.
1.3. Methodenauswahl/Angebots- und Themenvielfalt
Ob die ausgewählten Methoden geeignet sind, wird in der Regel erst rückblickend erkennbar. Entscheidend für die Prozessqualität ist, dass über die Auswahl überhaupt reflektiert wird bzw. dass ein bewusster Auswahl- und Entscheidungsprozess stattfindet. Grundsätzlich ist immer eine Angebots- und Themenvielfalt anzustreben. Von Angebotsvielfalt kann dann ausgegangen werden, wenn mindestens die Hälfte aller Angebote eines Quartals bzw. einer Jahreszeit sich von den Angeboten des vorherigen Quartals bzw. der vorherigen Jahreszeit unterscheidet. Themenvielfalt ist gegeben, wenn mindestens vier der folgenden Themenfelder abgedeckt sind: Natur und Umwelt, Gesundheit und Ernährung, Kunst und Kultur, Politik und Soziales, Handwerk und Technik.
2. Planung
2.1. Angebotspläne/Programme
Die Einrichtungen betreiben eine kontinuierliche Angebotsplanung. Dies schlägt sich zum Beispiel in der Herausgabe von Informationsblättern zu Art, Umfang, Zeitpunkt und eventuellen Kosten spezieller Angebote oder auch in der Herausgabe regelmäßiger Programme bzw. Produkt- und Leistungskataloge nieder. Auch die jeweilige Aktualisierung von Selbstdarstellungen ist hier angesprochen. Hinweise können aber auch vor Ort auf Tafeln etc. angebracht sein. Auch Bemerkungen zur angesprochenen Zielgruppe können dabei eine Rolle spielen.
2.2. Dienstpläne
Dienstpläne sind wichtig zur Identifizierung der Ansprechpersonen bzw. Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten unter den MitarbeiterInnen sowie für die BesucherInnen. Letzteres macht die Veröffentlichung in irgend einer Form notwendig. In den Bereich der Dienstplanung fällt auch eine geregelte Urlaubsplanung. Die Festlegung der Verantwortlichkeit durch Dienstpläne kann auch in Versicherungsfällen wichtig sein.
2.3. Finanzplanung
Die Finanzplanung wird in der Regel jeweils für ein Jahr im Voraus erstellt. Sie enthält zum einen die wichtigsten Ausgabenposten im Rahmen zu erwartender Einnahmen bzw. Fördermittel, sowie eine Prioritätenliste für den Fall, dass diese hinter den Erwartungen zurückbleiben. Auch die Bildung von Rückstellungen für Notfälle ist notwendiger Bestandteil der Finanzplanung.
2.4. Reserven/Freiräume
Sowohl zeitlich als auch materiell sollten immer Freiräume für unvorhergesehene bzw. spontane Maßnahmen beibehalten werden. Dies ist wichtig für die Flexibilität und eventuelle Krisenbewältigung sowie die Basis für Eigeninitiative und Innovation. Dazu gehört beispielsweise, dass über Zeiten für Vorbereitungen, Teamsitzungen, Evaluationsprozesse etc. hinaus ein Teil der Arbeitszeit der MitarbeiterInnen aus der Betreuungsarbeit ausgenommen bleibt.
3. Umsetzung/Termintreue
Die Einrichtungen bemühen sich um eine Umsetzung der Programmpläne und Entwicklungsziele. Die Umsetzung lässt sich auf verschiedene Art und Weise dokumentieren. Eine gängige Form der Dokumentation ist die Herausgabe eines Jahresberichtes, in dem die geleistete Arbeit eines Jahres mit den Planvorstellungen abgeglichen wird. Dieser Bericht sollte auch eine grobe finanzielle Jahresbilanz und eine Übersicht über Besucheraufkommen bzw. Besucherstruktur enthalten. Spezielle Projekte oder Veranstaltungen können auch separat dokumentiert werden. Für die Dokumentation eignen sich auch audiovisuelle Medien. Ein wichtiger Qualitätsindikator zur Bestimmung der Zuverlässigkeit bzw. einer adäquaten Umsetzung ist die Termintreue. Sie bemisst sich am Einhaltungsgrad vereinbarter bzw. angekündigter Termine und sollte bei mindestens 90 Prozent liegen
4. Evaluation
4.1. Auswertung des Feedbacks
Die Einrichtungen bemühen sich um eine kontinuierliche Sammlung und Auswertung des verbalen oder nonverbalen Feedbacks seitens der Zielgruppen. Die Auswertung kann im Rahmen regelmäßiger Besprechungstermine, im Zuge der Nachbereitung des Arbeitstages, im Anschluss an spezielle Veranstaltungen oder über partizipatorische Evaluationsveranstaltungen (Kinderplenum, Teestunde etc.) geschehen (vgl. 1.1. Beteiligung von Zielgruppen). Sammlung von Feedback kann auch erfolgen über Meckerwand, Briefkasten, Gästebuch, Abschlussberichte von PraktikantInnen, Bufdi etc. Die Auswertung sollte protokolliert bzw. dokumentiert werden.
4.2. Systematische Evaluation
Mindestens einmal jährlich sollte eine umfassende Selbstevaluation stattfinden, in der systematisch alle Qualitätsaspekte der Einrichtung „abgearbeitet“ werden. Diese Selbstevaluation läßt sich gegebenenfalls durch Hinzuziehung einer Supervisionskraft unterstützen, sie kann aber auch im Rahmen einer nichtöffentlichen Sitzung des Trägers stattfinden. Die Arbeit auf dem pädagogisch betreuten Spielplatz sollte für diesen Zeitraum ruhen.
III. ERGEBNISQUALITÄT
1. Erreichung der Betriebsziele
1.1. Erreichung der Zielgruppen/zielgruppenspezifische Akzeptanz
Die angestrebte Kernzielgruppe sollte mindestens 50 Prozent des Besucheraufkommens darstellen. Dabei ist nicht allein die reine Besucherzahl entscheidend, sondern auch die Aufenthaltsdauer und die Betreuungszeit. Die Einrichtung sollte auch bei der Mehrheit der Kinder im Einzugsbereich bekannt sein, welche die Einrichtung nicht besuchen und von diesen zumindest akzeptiert werden.
1.2. Auslastung der Einrichtung/Attraktivität
Die Auslastung gilt als wichtigster Indikator für die Attraktivität einer Einrichtung. Eine Auslastung der Einrichtung ist dann gegeben, wenn durchschnittlich mindestens drei Viertel der Kapazität einer Einrichtung ausgelastet sind. Für die Tageskapazität einer Einrichtung kann bei einer adäquaten Ausstattung ein Richtwert von 50-60 m² Fläche pro NutzerIn angenommen werden, unter der Voraussetzung, dass in etwa ein Betreuungsschlüssel von 1:25 (Eine Betreuungskraft pro 25 Kinder/Jugendliche und Tag) erreicht wird. Für soziale Brennpunkte kann auch ein Betreuungsschlüssel von 1:10 bis 1:15 erforderlich sein.
1.3. Wirtschaftlichkeit
Ein durchschnittlicher Kostensatz von maximal 10 -15 DM (5,11 – 7,65 Euro) pro BesucherIn und Tag bzw. 15 – 20 DM (7,65 – 10,23 Euro) je BesucherIn aus der Kernzielgruppe und Tag sollte im Grundbetrieb bei Standardausstattung und normaler Betreuungsanforderung erreicht werden. Dies wird anhand der folgenden Beispielrechnung illustriert:
- Bei 300.000 DM (153.390 Euro) Grundförderung, 300 Öffnungstagen und einem Kostensatz von 10 bzw. 20 DM (5,11 bzw. 10,23 Euro) pro BesucherIn und Tag ergibt sich ein Mindestbesucheraufkommen von maximal 100 BesucherInnen pro Tag insgesamt bzw. mind. 50 BesucherInnen pro Tag aus der Kernzielgruppe.
Ein wichtiger Grundsatz zur Erreichung der Wirtschaftlichkeit ist neben der Auslastungsgewährleistung einer Einrichtung die Forderung, dass bei Investitionen und Anschaffungen mit einem Wert über 800 DM (409 Euro) vor der Entscheidung grundsätzlich Kostenvergleiche eingeholt werden, um das günstigste Angebot zu ermitteln. Bei Materialverbrauch zum Beispiel im Rahmen von Kurs- oder Werkstattangeboten ist grundsätzlich von einer sozialverträglichen Kostenbeteiligung auszugehen, um einen sparsamen Verbrauch sicherzustellen. Wiederverwertung von Materialien hat Vorrang vor Neukauf. Die gemeinsame Nutzung von teuren Maschinen und Geräten mit anderen Einrichtungen sollte genauso selbstverständlich sein wie energieeffiziente Architektur und Geräte.
1.4. Eigenleistungen/Drittmittel
Unter Voraussetzung einer adäquaten Grundförderung ist je nach sozialen Rahmenbedingungen ein Eigenleistungsanteil (Gegenwert unbezahlter Arbeit, Eigeneinnahmen, Sach- und Geldspenden) von 10-20 Prozent vom Gesamtwert der Leistungen realistisch und sollte von den Einrichtungen erbracht werden. Zur Vermeidung von Verzerrungen in der Angebotsstruktur und zur Gewährleistung der Kontinuität sollte der Anteil an Drittmitteln zur Finanzierung von Sondermaßnahmen nicht mehr als 25 Prozent des gesamten Leistungsvolumens betragen. Dies betrifft nicht einmalige Zuwendungen für Investitionen, sondern v.a. Honorarkräfte und befristete Beschäftigungsmaßnahmen. Der Grundbetrieb ist mittel- bis langfristig durch eine kommunale Regelfinanzierung sicherzustellen.
2. Erreichung der inhaltlichen Ziele
Ob die unter Punkt I.1.2. genannten Ziele erreicht werden, lässt sich teilweise nur über einen längeren Zeitraum feststellen. Zur Dokumentation kommen z.B. Fallbeschreibungen, Projektberichte oder sozialempirische Studien in Frage. Da solche Verfahren relativ aufwendig sind, sprengen sie in der Regel die Arbeitskapazitäten der Einrichtungen. Hier lassen sich u.a. über Zusammenarbeit mit universitären Forschungseinrichtungen Evaluationsmethoden entwickeln und anwenden. Der Beitrag zum Abbau von Benachteiligungen wird sich auch indirekt an der Repräsentation benachteiligter Zielgruppen in der Besucherstruktur ablesen.
3. Zufriedenheit der Zielgruppen
Für die Evaluation der Zufriedenheit mit der Einrichtung, den MitarbeiterInnen und Angeboten seitens der Zielgruppen bzw. NutzerInnen gibt es eine Reihe von direkten und indirekten Methoden. Es kommen zum Beispiel in Frage:
- persönliche Gespräche
- anonyme Umfragen, „Hitlisten“
- Registrierung der Aufenthaltsdauer und -häufigkeit
- Feststellung der Akzeptanz von „Spielregeln“
- Ermittlung der Unterstützung der Einrichtung bzw. Übernahme von Verantwortung für die Einrichtung
4. Soziale Akzeptanz/Gemeinwesenbezug / Vernetzungsgrad
Ein wichtiger Maßstab für die Akzeptanz im sozialen Umfeld ist der Umfang der freiwilligen Mitarbeit in der Einrichtung. Die Anzahl ehrenamtlich geleisteter Arbeitsstunden sollte in der Größenordnung von 10 -20 Prozent der bezahlten Arbeitsstunden liegen.
Darüber hinaus können auch Unterschriftenlisten oder Schreiben an politische EntscheidungsträgerInnen Aufschluss über die soziale Akzeptanz geben.
Die Kooperationsbereitschaft anderer Institutionen bzw. Einrichtungen mit dem pädagogisch betreuten Spielplatz bzw. dessen Vernetzungsgrad ist ein weiterer Indikator dafür. Für kooperative Beziehungen kommen beispielsweise in Frage:
- Einrichtungen oder Träger, die Leistungen nach dem KJHG erbringen;
- Arbeitsgemeinschaften nach § 78 KJHG;
- Sonstige Träger öffentlicher Belange wie: Bildungseinrichtungen, Umweltverbände, soziale Einrichtungen und Dienste, Gesundheitsdienste, religiöse Gemeinschaften, Kirchen und Wohlfahrtsverbände, Parteien, Stiftungen, Polizei, Gerichte und Strafvollzugsanstalten;
- Wirtschaftsbetriebe wie: kommunale Betriebe, lokale Gewerbetreibende und Firmen, Banken und Versicherungen, Aktiengesellschaften und transnationale Konzerne.
Eine allgemeinere Form der gesellschaftlichen Akzeptanz erschließt sich unter Umständen auch über Häufigkeit und Umfang der Berichterstattung in Medien bzw. Fachzeitschriften.
Abenteuerspielplätze – ohne geht’s nicht!
Von Rainer Deimel
Vor wenigen Tagen machte der Verband der Kinderärzte wieder einmal deutlich, dass es um die Gesundheit von Kindern in diesen Zeiten vergleichsweise schlecht bestellt ist. Einer der Hauptgründe hierfür: Kinder bewegen sich immer weniger! Die körperliche Leistungsfähigkeit ist bei Kindern in den letzten 25 Jahren um mehr als zehn Prozent zurückgegangen. Dies hat zur Folge, dass inzwischen schon jedes achte Kind unter Bewegungsstörungen leidet. In Deutschland sind, so die Kinderärzte, nur 18 Prozent der Mädchen und 29 Prozent der Jungen zwischen 11 und 15 Jahren an mindestens fünf Tagen in der Woche körperlich aktiv. Empfehlung der Ärzte: Schulkinder sollten sich mindestens eine Stunde am Tag bewegen und dies möglichst draußen an der frischen Luft.
Wir können feststellen, dass natürliche Bewegungsräume für Kinder zusehends knapper werden. Der Straßenverkehr hat beispielsweise in der Stadt Essen in den letzten dreißig Jahren des vergangenen Jahrhunderts um das 500-fache zugenommen, ein Zuwachs, den man sich in seiner konkreten Dimension kaum noch vorstellen kann. Wir gehen davon aus, dass Essen lediglich ein Beispiel für die Situation insgesamt ist.
Des Weiteren kommen die (Aus-)Wirkungen des Fernsehens und anderer Medien – wie Computer und elektronisches Spielzeug – hinzu. Kinder werden von diesen Medien immer mehr in Beschlag genommen. Natürlich haben die Eltern dies mitzuverantworten. Nicht selten werden sie dabei auch von dem Gedanken geleitet, das Leben vor den Geräten sei sicherer als in der „Welt draußen“. Die „gefühlte Angst“ vor den Gefahren der Welt ist bei vielen Menschen gestiegen, ohne dass es tatsächlich Hinweise hierfür gibt. Dies könnte eine Folge der Informationsflut sein, die bisweilen die Realitäten verschiebt. Mittlerweile gibt es ausreichend Hinweise darauf, dass diejenigen Kinder, die am meisten fernsehen oder vor dem Computer sitzen, am stärksten verblöden.
Vor über einem halben Jahrhundert, in den 1940er Jahren, war der dänische Kunstprofessor und Gartenbauarchitekt C. Th. Sørensen in Kopenhagen für die Planung und den Bau von Spielplätzen zuständig. Er stellte fest, dass bereits 1943 Kinder die von ihm geplanten herkömmlichen Spielplätze nicht oder nur wenig nutzten. Dies bewog ihn dazu, herauszufinden, wo sich die Kinder aufhielten und wo sie spielten. Fernseher gab es zu dieser Zeit noch nicht. Spielen fand hauptsächlich draußen statt. Sørensen fand die Kinder auf Baustellen, Schrott- und Schutthalden, auf Trümmergrundstücken, Erdhügeln, Brachgeländen, im Gebüsch usw. Aus seinen Beobachtungen entstand ein Planungskonzept. Er entwickelte in Kopenhagen und Umgebung zuerst den Gerümpel- und später den Bauspielplatz. Einige Jahre später informierte sich die englische Gartenarchitektin Lady Allen of Hurtwood in Dänemark über Bauspielplätze. Vor dem Hintergrund einer anderen Infrastruktur in England entwickelte sie das Konzept weiter. Sie war der Auffassung, solche Plätze gehörten in erster Linie in die stark verdichteten Industriezonen des Landes, eine Situation, die sich durchaus mit der heutigen vergleichen lässt; dies allerdings mit dem Unterschied, dass sich die heutige krasser darstellt. Die Lady nannte ihre Plätze „Abenteuerspielplätze“, ein nach wie vor stimmiger Begriff.
„Abenteuer“ ist ein gewisses Wagnis, auf das Menschen sich einlassen, ohne sich dabei ins Unglück zu stürzen. Beim Abenteuer ist der Ausgang des Prozesses nicht von vornherein klar; Kinder begeben sich auf einen Weg, wobei dessen Ausgang und Verlauf sie möglicherweise überraschen wird, sie in jedem Fall aber dazulernen werden: Kinder lernen nämlich ganzheitlich mit all ihren Sinnen. Sie lernen durch Sehen, Hören, Fühlen, Schmecken, Riechen und Begreifen. Erst wenn ihre Sinne ausreichend stimuliert wurden, sind sie in der Lage, auch kognitiv, also denkend, zu lernen. So nimmt es nicht wunder, wenn ein Kind, das nicht mehr rückwärts balancieren kann, auch nicht in der Lage ist, Mathematik zu verstehen.
Keine andere Einrichtung ist derart imstande, Bildung und Gesundheit so günstig zu beeinflussen, wie dies Abenteuerspielplätze (*) sind. Dies bestätigte auch der 10. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung (1998), in dem die Kommission feststellt, dass sich bei Abenteuerspielplätzen „am ehesten originäre kinderspezifische Ansätze entwickelt“ hätten. Demzufolge empfahl seinerzeit die Bundesregierung, unter anderem Abenteuerspielplätze „flächendeckend zu verstärken“. Einzelne Kommunen und Träger haben darauf reagiert; bei weitem allerdings nicht so viele, wie es für eine vorteilhafte Entwicklung von Kindern erforderlich gewesen wäre. Wenn wir allerdings davon ausgehen, dass es nie zu spät ist, eine glückliche Kindheit zu haben, dann sollten sich PolitikerInnen und JugendhilfeplanerInnen auf ihre besondere Verantwortung gegenüber Kindern besinnen.
Als zumindest unverantwortlich muss ein Verhalten gedeutet werden, lediglich die Zustände gegenwärtiger Kindheit zu bedauern und gleichzeitig die förderlichste Alternative, wie eben das Konzept „Abenteuerspielplatz“, zu ignorieren. Die Stadt Nürnberg soll hier als gutes Beispiel genannt werden: Nach wie vor ist man dort dabei, Abenteuerspielplätze konsequent auf- und auszubauen. Im Nobelinternat „Schloss Salem“ in der Nähe des Bodensees gibt es – wie selbstverständlich – einen Abenteuerspielplatz und eine Jugendfarm: Reiche Leute wissen eben, was für ihre Kinder gut ist.
In Zeiten, in denen Kinder immer unbeweglicher und ungeschickter werden, in denen ihr gesundheitlicher Zustand als zunehmend bedenklich einzustufen ist, in Zeiten, in denen Kinder offensichtlich auch zunehmend dümmer werden, da grenzt die Überlegung, bestehende Abenteuerspielplätze einzuschränken oder gar zu schließen, an ein jugendpolitisches Fiasko. Abenteuerspielplätze sind zeitgemäßer und erforderlicher denn je!
Abenteuerspielplätze stehen für Gemeinschaftsfähigkeit, Verantwortungs- und Selbstbewusstsein, Demokratieverständnis, soziales Engagement, Abbau von Benachteiligungen, Gleichberechtigung von Mädchen und Jungen, ökologische, handwerkliche sowie künstlerische Handlungskompetenzen, Toleranz und Verständnis für andere Kulturen, generationsübergreifende Kontakte, Gesundheitsförderung, Teilhabe und Selbstorganisation und anderes mehr.
Abenteuerspielplätze bieten Erfahrungs- und Lernmöglichkeiten in sozialer, handwerklich-technischer sowie künstlerischer Hinsicht. Sie organisieren Natur- und Umwelterlebnisse. Und schließlich stimulieren sie alle Sinne des Kindes.
Abenteuerspielplätze sind regelmäßig ausgestattet mit Freiflächen und überdachten Aufenthaltsbereichen. Sie verfügen über eine Küche, Werkstätten, zahlreiche Lagermöglichkeiten, Bauspiel-, Wasser- sowie Wasser-Sand-Bereiche. Ferner gibt es normalerweise Feuerstellen, Grünflächen, Gärten und Gehölze, Spiel- und Sportflächen, Klettermöglichkeiten sowie Räume für Veranstaltungen. Zahlreiche Abenteuerspielplätze organisieren Tierhaltung; dies ist nicht selten die einzige Möglichkeit, Kindern einen für ihre Entwicklung bedeutsamen Kontakt zu Tieren überhaupt zu ermöglichen.
In Nordrhein-Westfalen ist vor allem der ABA Fachverband Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen an der Entwicklung von Abenteuerspielplätzen interessiert. Dort erhalten Sie, wenn Sie wollen, weitere Informationen.
Fußnote
(*) Und ihre Varianten Bauspielplätze, Kinder- und Jugendbauernhöfe sowie andere vegleichbare Einrichtungen. Aus Finnland beispielsweise weiß man von „Konstruktionsspielplätzen“. In der Schweiz heißen die Plätze „Robinsonspielplätze“.
Kinder brauchen solche Plätze
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ABA Fachverband empfiehlt
Eckhard Schiffer: „Der entfremdete Hunger – Weltzerstörende Unersättlichkeit als verzweifelte Suche nach Sinn und Geborgenheit“
1990 RECOM – Basel, Baunatal
197 Seiten
ISBN 3-315-00068-9
Die starke Zunahme von Hungerkrankheiten (Ess-, Brech-, Krankheiten, Spielsüchte, „Null-Bock- Syndrom“) in den letzten zwanzig Jahren haben den Autor zum Verfassen dieses Buches bewogen.
Vielen Menschen ist das ursprüngliche Hunger- und Sättigungsgefühl verlorengegangen. Sie versuchen durch immer größeren Konsum und stärkere Reize, diesen Verlust auszugleichen. Satt werden sie dabei jedoch nicht, weil auch die Vorstellung, wie und durch was Befriedigung erlangt werden kann nicht mehr vorhanden ist. Über den Verlust an Sinnerfahrung, der damit einhergeht, führt dies zu einer Zerstörung der inneren und äußeren Welt.
Ausgehend von Fallbeispielen zeigt der Autor Ursachen dieser Entwicklung, aber auch Möglichkeiten zur Vorbeugung auf.
Eckhard Schiffer: „Warum Huckleberry Finn nicht süchtig wurde – Anstiftung gegen Sucht und Selbstzerstörung bei Kindern und Jugendlichen“
(1993) Auflage 1999 Beltz Verlag, Weinheim. Basel
152 Seiten, 10 Euro
ISBN 3-407-22004-9
Wie hätte Huckleberry Finn süchtig werden können? Er hat seine Träume ja ausgelebt! Andere Kinder und Jugendliche können das nicht. Eckhard Schiffer zeigt, wie Sucht entsteht und welche Möglichkeiten es gibt, ihr vorzubeugen.
Wenn Huckleberry Finn nicht süchtig wurde, dann deshalb, weil er sich das Recht und die Zeit nahm, seine Sehnsüchte und Träume auszuleben, meint Eckhard Schiffer und zeigt, dass viele Kinder und Jugendliche diese Möglichkeit nicht haben. Anhand von Krankengeschichten wird deutlich, wie Sucht entsteht, welches Ursachengeflecht sie auslösen kann und wie man ihr wirksam vorbeugen kann, konkret und praktisch.
Eckhard Schiffer: „Warum Hieronymus B. keine Hexe verbrannte – Gewaltbereitschaft von Kindern und Jugendlichen erkennen – Gewalt vorbeugen“
(1994) Auflage 2001 Beltz Verlag, Weinheim. Basel
254 Seiten, Euro 13
ISBN 3-407-22026-x
Eckhard Schiffer zeigt in diesem Buch, wie Gewalttätigkeit entsteht und wie man ihr vorbeugen kann. Überzeugend, verständlich und mit vielen Fallbeispielen berichtet er, wie Jugendliche großen seelischen Druck kreativ und konstruktiv abbauen können.
„Lehrling legte Bombe aus Spaß am großen Knall“: eine Überschrift, schon ein paar Jahre alt, aus der Osnabrücker-Zeitung. Die Fälle von scheinbar grundloser, spontaner Gewalt, insbesondere von Jugendlichen, nehmen in beunruhigendem Maße zu. Schon Kinder schockieren uns durch Brutalität. Eckhard Schiffer zeigt in diesem Buch, wie Gewalttätigkeit entsteht und wie man ihr vorbeugen kann. Möglichkeiten sieht er besonders dort, wo schöpferische Kräfte zur Entfaltung gebracht werden können. Überzeugend, verständlich und mit vielen Fallbeispielen berichtet der erfolgreiche Autor, wie Jugendliche großen seelischen Druck kreativ und konstruktiv abbauen können.
Eckhard Schiffer: „Der kleine Prinz in Las Vegas“
(1997) Auflage 2001 Beltz Verlag, Weinheim. Basel
229 Seiten, 13 Euro
ISBN 3-407-22105-3
Unsichtbare Qualitäten jedes Menschen werden mit den Augen des kleinen Prinzen sichtbar gemacht: Erinnerungen an Möglichkeiten, die den spielenden und technisch orientierten Menschen (homoludens und homo faber) miteinander versöhnen.
Der Autor erinnert dazu an die schöpferischen Möglichkeiten, die in jedem von uns vorhanden sind und beschreibt, wie sich unsere spielerische Intelligenz, wenn wir sie nur zulassen, auf alle Lebensbereiche positiv auswirkt: auf unsere Zukunftspläne, unsere Arbeit und unsere zwischenmenschlichen Beziehungen. Anhand von Fallgeschichten und alltäglichen Erfahrungen zeigt Eckhard Schiffer, wie wir spielerische Intelligenz auch nutzen können, um Krankheit, Resignation und emotionaler Leere zu entgehen.
Der Psychotherapeut und Arzt Eckhard Schiffer erinnert in seinem Buch an die spielerisch schöpferischen Möglichkeiten, die in jedem Menschen vorhanden sind. Anhand von Fallbeispielen aus seiner eigenen Praxis und alltäglichen Erfahrungen beschreibt er, wie wir die emotionale Leere füllen können, die unser Dasein und unsere Gesellschaft zunehmend bedroht.
Der Druck, den eine von Konkurrenzmentalität bestimmte Gesellschaft auf uns alle ausübt, nimmt immer mehr zu. Und immer mehr Menschen finden keine andere Lösung, als sich in Krankheit, Sucht oder Resignation zu flüchten, um der inneren Leere, zu entkommen. Spielerische Intelligenz, die ein entscheidendes Humanum darstellt, bleibt dabei auf der Strecke.
Um den spielenden und technisch orientierten Menschen (Homo ludens und Homo faber) zu versöhnen, entwirft der Autor konkrete Utopie einer menschlicheren Gesellschaft als Gegenentwurf zu einer Welt, die von Gewalt und zunehmender Verrohung gekennzeichnet ist. Er will unsichtbare Qualitäten jedes Menschen mit den Augen des kleinen Prinzen sichtbar machen, Erinnerungen an Möglichkeiten, die „uns gut tun“.
Anmerkung: „Der Kleine Prinz in Las Vergas“ ist unseres Erachtens das Grundlagenwerk für diejenigen, die sich erstmalig mit Eckhard Schiffers Inhalten befassen wollen. ABA Fachverband
Eckhard Schiffer: „Wie Gesundheit entsteht – Salutogenese: Schatzsuche statt Fehlerfahndung“
2001 Beltz Verlag, Weinheim. Basel
254 Seiten, 13 Euro
ISBN 3-407-22090-1
Nicht nach Fehlern und Störungen, die zur Krankheit führen, will er suchen, sondern nach schöpferischen Kräften, die seelische und körperliche Gesundheit ermöglichen: Gesundheit als Schatzsuche im Spiel, im Dialog und in der Suche nach Lebenssinn. Dabei stützt sich der Autor zum einen auf das Salutogenese-Konzept des amerikanisch-, israelischen-, Gesundheitsforschers „Aaron Antonovsky“ und dessen Ausführungen zum „Kohärenzgefühl“ des Menschen. Zum anderen bezieht er so unterschiedliche Geschichten wie „Tausendundeine Nacht“, „Pu der Bär“ und „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ in sein Erklärungskonzept ein und ebenso die Biografien von Künstlern und Schriftstellern wie Joan MirÓ, Jean-Jacques Rousseau oder Albert Camus.
„Alles das, was in der „schönen“ Literatur schon lange bekannt ist, soll anhand neuer Modelle zur Gesundheit bzw. Gesundheitsförderung weiter verdeutlicht werden. Seit geraumer Zeit richtet sich nämlich das Interesse nicht mehr nur auf die Entstehung von Krankheit (Pathogenese), sondern auch auf die Entstehung von Gesundheit (Salutogenese).“ Oder anders formuliert: „Was haben eigentlich „Gute Nacht- Geschichten“ mit Gesundheit, und „die Unfähigkeit zum Dialog“ mit Krankheit zu tun?“ Eckhard Schiffer
Eckhard und Heidrun Schiffer: „Nachdenken über Zappelphilipp – ADS: Beweg-Gründe und Hilfen“
2002 Beltz Verlag, Weinheim, Basel
131 Seiten, 12 Euro
ISBN 3-407-22844-9
Genetische Defizite, wie insbesondere von ärztlicher Seite und der Pharmaindustrie immer wieder hervorgehoben wird, Hirnstörungen, die man am besten mit Psychostimulanzien wie Ritalin behandelt? Aber wenn genetisch bedingt, warum wird das ganze Ausmaß dieser „Hirnstörung“ erst jetzt deutlich? Die Autoren dieses Buches orten denn auch die Gründe, weshalb viele unserer Kinder unter den Symptomen leiden, die unter ADS zusammengefasst werden, eher in unserer Gesellschaft. Kinder, die mit immer mehr optischen Reizen überflutet werden, denen immer weniger Bewegungsmöglichkeiten geboten und deren Phantasie und „innere Bilder“ von den Medien gestohlen werden, reagieren einfach so, wie es das „Krankheitsbild“ ADS umschreibt. Und sie reagieren auf das, was ihnen da angeboten wird, durchaus „gesund“, weshalb eine „Therapie“ auch am besten dort ansetzt, wo ADS entsteht, nämlich in der nächsten Umgebung des „betroffenen“ Kindes.
Eingehend auf das Wechselspiel biologischer und sozialer Faktoren geht es Heidrun und Eckhard Schiffer im Wesentlichen darum, wie den ADS-Symptomen präventiv begegnet werden kann. Ihre Vorschläge reichen von ganz einfachen Mitteln wie der „Gute-Nacht-Geschichte“ über die sinnvolle Einrichtung des Kinderzimmers bis hin zu einem adäquat vorbeugenden Unterricht in der Grundschule – Möglichkeiten, das Problem an der Wurzel zu packen statt Medikamente zu verordnen, was den Autoren, wenn überhaupt, nur im Einzelfall sinnvoll erscheinen.
Nachbemerkung: Alle Veröffentlichungen unseres Beiratsmitgliedes Eckhard Schiffer sowie von Eckhard und Heidrun Schiffer verdienen eine uneingeschränkte Empfehlung durch den ABA Fachverband. Sie sind in einer verständlichen und metaphernreichen Sprache verfasst, helfen so nicht nur wesentlich zu wichtigen Erkenntnissen; sie vermitteln die Inhalte auch so, dass sie praxisrelevant weiterhelfen können. Es macht überdies auch noch Spaß, sie zu lesen. In dem Buch „Nachdenken über Zappelphilipp – ADS: Beweg-Gründe und Hilfen“ weisen Heidrun und Eckhard Schiffer auch darauf hin, dass das Tätigwerden von Kindern auf einem Abenteuerspielplatz in der Regel sinnvoller und hilfreicher ist als die Medikation etwa mit Ritalin.
inform – Jugendhilfe & Schule
Diese S
eite wurde im April 2006 angelegt. Eingestellt werden hier die Ausgaben der Zeitschrift „inform“, die vom Landesjugendamt Rheinland mehrmals jährlich herausgegeben werden.
Die Inhalte betreffen die Offene Ganztagsschule im Primarbereich und andere Schnittstellen, wie z. B. den Übergang von der Kindertagesstätte in die Schule, den Übergang von der Schule in den Beruf, Schulmüdenprojekte und die Schulsozialarbeit.
Suchen Sie Kontakt zur Redaktion von „inform“, wenden Sie sich bitte an
Alexander Mavroudis
LVR, Dez. 4 „Schulen, Jugend“
50663 Köln
Hermann-Pünder-Straße 1
Telefon 0221/809-6932
Folgende Ausgaben der „inform“ können Sie herunterladen:
2012
inform 1/2012
Bildungslandschaft gemeinsam anpacken – Ganztagsschule, Ort der Freundschaft – Wie ticken Jugendliche 2012 – Starke Eltern, starke Kinder – Kommunaler Index für Inklusion – Sprachbildung im Ganztag – Ganztag: Mehr als nur Betreuung – Bildung braucht Freiräume
2011
inform 1/2011
Bildungslandschaften in Bewegung: Bildungsnetzwerke * Jugendämter * Ganztag * Soziale Gerechtigkeit * Bildungspaket * Inklusion * Praxis * u.a.
inform 2/2011
Präventionsketten: Kommunen positionieren sich – Fachliche Maßstäbe – Ganztag weiterentwickeln – u.a.
2010
inform 1/2010
Ganzatg in der Sek. I: Impuls für kooperative Praxis?…! Kooperation von Schulen mit der Kinder- und Jugendhilfe im Ganztag: Zugänge und Praxisbezüge (Alexander Mavroudis). Flexibel und bedarfsgerecht: Inhaltliche Grundlagen des Ganztags in der Sek. I (Norbert Reichel). Individuelle Förderung: Herausforderung und Chance (Andreas Schleicher). Fördern und Fordern: Eine solomonische Formel (Jürgen Oelkers). U.a.m.
inform 2/2010
Niemanden ausgrenzen! Kompetenzzentren – ein Baustein inklusiver Bildung: Beiträge von Ralph Fleischhauer, Renate Katz u.a. Schlaglicht: Worauf man achten muss, wenn man die Begegnung von Schule und Jugendhilfe gestalten will (Rainer Meerkamp). Ganztag NRW: Studie „Träger in der OGS“. Zahlreiche weitere Beiträge.
2009
inform 1/2009
Lerngesundheit: Anerkennung statt Demütigung (Eckhard Schiffer: Lerngesundheit durch Ressourcenorientierung) – Des Weiteren u.a.: Kinder sind Expertinnen und Experten – Jugend gestaltet Zukunft – Bericht: Anerkennungsjahr im Offenen Ganztag – Kongress „Aufwachsen offensiv mitgestalten“ (Leverkusen, 30. und 31. März 2009) – Ganztagserlass
inform 2/2009
Memorandum Kinderarmut: Politische Froderungen – präventive Ausrichtung der Kinder- und Jugendhilfe und des Bildungssystems – Deutscher Bundestag: Stellungnahme „Kinderkommission gegen Kinderarmut“ – LVR-Koordinierungsstelle und Sonderprojektförderung „Kinderarmut“ – Kinder wollen glücklich sein – dem Glück auf der Spur (Von Dr. Christian Alt) – Kinder brauchen Freunde (Von Hans Oswald) – Mobbing in der Schule – „Lecker Schule Klausen“: Kooperation von Jugendhilfe und Schule (Von Richard Ulrich) – Vision 2025: Ideenwettbewerb für Jugendliche des MGFFI – u.a.
inform 3/2009
Die Gender-Box im Verbundprojekt „Lernen für den GanzTag“: Geschlechterpädagogische Arbeit mit Mädchen und Jungen im Ganztag. Jungen und Mädchen gleichermaßen fördern. Kommunale Bildungslandschaften: Eine geeignete Konzeptfigur für die Förderung mehrdimensionaler Bildung. Bildung – Integration – Teilhabe: Kinder- und Jugendpolitik gestalten. Kultur & Schule: Bildungangebote der LVR-Museen und Kultureinrichtungen. Schulamt und Jugendamt Neuss gestalten den Übergang „Kita – Grundschule“. Chancen für gesundes Aufwachsen: 13. Kinder- und Jugendbricht.
2008
inform 1/2008
Bildungslandschaften gemeinsam gestalten. Diskussionspapier des Deutschen Vereins. Aachener Erklärung des Deutschen Städtetags „Bildung in der Stadt“. Bildungslandschaften gemeinsam gestalten im Kölner Modellprojekt Altstadt-Nord.
inform 2 + 3/2008
Alltag aus meiner Sicht. Schule und Jugendhilfe mit Aussicht – und warum Ganztagsschulen neue Formen der Bildungsplanung verlangen. Ganztag & Bildungsplanung. Ganztagsoffensive Sek. I. Lebens- und Berufsplanung mit Jungen. Ausbau Schulsozialarbeit.
inform 4/2008
IGLU-E 2006: Die Länder der Bundesrepublik Deutschland im nationalen und internationalen Vergleich – Ausgewählte Forschungsergebnisse. Zukunftsvermögen Bildung. Jungs in der Grundschule. Selbstständige Schulen und regionale Bildungsnetzwerke. Offene Kinder- und Jugendarbeit und Schule. Lernen vor Ort.
2007
inform 1/2007
Ganztag: Was sagen Fach- und Lehrkräfte, Eltern und Kinder?
Jugendarbeit bildet, Kinderschutz, Recht auf Bildung
inform 2/2007
Individuelle Förderung
Kinder und Gewalt – Kindeswohlgefährdung
inform 3/2007
Absturz verhindern. Hilfen zur Erziehung und Schule sichern gemeinsam.
Kita & Schule. Kinderschutz. Ganztag & Kommune. EU-Förderung 2007-2013
inform 4/2007
Ganztagsschulen kooperieren – Empirische Befunde. Junge Muslime in Schule und Bildung. Kooperation von Jugendhilfe und Schule. Kommunale Qualitätszirkel. PISA 2006. IGLU 2006
2006
inform 1/2006
Gesundheit – Ernährung, Bewegung, Entspannung im Ganztag – Menschenrecht Bildung
inform 2/2006
Hauptschülerinnen und Hauptschüler – engagiert, motiviert, Flexibel?
inform 3/2006
Kinder und Jugendliche im Mittelpunkt
inform 4/2006
Bewegung, Spiel und Sport im Ganztag
2005
inform 1/2005
Schule und Jugendsozialarbeit – Aus Erfahrung lernen – 8. Kinder- und Jugendbericht NRW
inform 2/2005
Jungs in der Schule – „Gender“ im Blick von Sozial- und Schulpädagogik
inform 3/2005
Neue Lernkulturen durch außerschulische Akteure?
inform 4/2005
Zwölfter Kinder- und Jugendbericht – Schon gelesen?
2004
inform 1/2004
Ganztag gestalten – Lern- und Lebensraum für Kinder – Jugendarbeit erhalten und verbessern
inform 2/2004
Schulmüde? Schulische Reintegration durch Kooperation
inform 3/2004
Schulsozialarbeit steuern & qualifizieren
inform 4/2004
Erfolg durch Kooperation – Lebenswelten von Kindern – Theaterpädagogik gegen Gewalt
Zum inform-Archiv des Landschaftsverbandes Rheinland.
Hier steht ferner zur Verfügung:
Rundschreiben 43/7/2006 des Landesjugendamtes Rheinland vom 9. Oktober 2006
- Vereinbarung über die Zusammenarbeit zwischen dem Ministerium für Generationen, Familie, Frauen und Integration (MGFFI) und dem Ministerium für Schule und Weiterbildung (MSW) NRW in gemeinsamen Angelegenheiten von Jugendhilfe und Schulen
- 2. Schulrechtsänderungsgesetz. Dargestellt werden die Änderungen, die die Kooperation der Kinder- und Jugendhilfe betreffen.
Weitere Dokumente zum Thema
Kommunalverband für Jugend und Soziales Baden-Württemberg (KVJS): Jugendhilfe und Schule effektiv vernetzen – Impulse für beide Partner (Mai 2008). Beschluss des Landesjugendhilfeausschusses Baden-Württemberg (April 2008). Kommentar der GEW hierzu: Ein bemerkenswertes Papier! Mittel- bis langfristiges Ziel sei die Schaffung kommunaler Bildungslandschaften. Kernsätze des Papiers sind
- Offene Ganztagsschulen lösen die Erwartungen noch nicht ein
- Kostenpflichtige Bildungsangebote verstärken Prozesse sozialer Selektivität
- Schulsozialarbeit zumindest an jeder Ganztagsschule
- Kooperation von Jugendhilfe und Schule im Schulgesetz verankern
Das Papier zeichnet sich von vielen anderen insbesondere durch die klare Sprache und die deutliche Benennung von Perspektiven aus. Es ist erkennbar, dass die Jugendhilfe in Baden-Württemberg verbindliche Schritte zur Verbesserung der Kooperationsbeziehungen und zum Ausbau von Schulsozialarbeit erreichen will. (Bernhard Eibeck/Sibylle Wrede, GEW)
Lerngesundheit durch Ressourcenorientierung
Von Eckhard Schiffer
Im Titel dieses Beitrages ist der Zusammenhang und die Entfaltung von Gesundheit, Lebensfreude und Lernfreude angesprochen – als Schatzsuche. Hierfür sind weitgehend auch Lernprozesse entscheidend. Wir lernen ständig, wir können uns gar nicht dagegen wehren, denn unser Gehirn hat nichts anderes vor und nichts anderes zu tun als zu lernen. Sogar im Schlaf. Die Frage ist nur, was, wie und wo wir lernen. Körperliche Korrelate von Lernprozessen, die schon vorgeburtlich einsetzen, sind die (synaptischen) Veränderungen in den Verknüpfungen der Nervenzellen des Gehirns. Unser Gehirn ist eine ständige Umbaustelle. Wenn Sie nach diesem Vortrag aus dem Saal herausgehen, haben Sie mit Sicherheit ein anderes Gehirn als das, mit dem sie hereingekommen sind. Und wenn etwas Gutes daraus wird – nämlich eine Schatzsuche – dann entwickeln wir auch ein starkes Kohärenzgefühl.
In dem Konzept zur Gesundheitsentstehung, dem Salutogenesekonzept von Aaron Antonovsky ist das Kohärenzgefühl die entscheidende Grundlage von Gesundheit.
Kohärenz kommt aus dem Lateinischen und das bedeutet soviel wie Zusammenhang, Zusammenhalt, einen inneren und äußeren Halt haben: Sich innerlich und äußerlich getragen, gehalten fühlen und sich auch selber innerlich und äußerlich Halt verschaffen können.
Die Eingangsthese, die ich Ihnen heute vor diesem Hintergrund mitgebracht habe, lautet nun: Wer – in unseren Breiten – ausreichende Freiräume des Spielens und des Dialoges vorfindet, hat die besten Aussichten, im Rahmen seiner Möglichkeiten über ein starkes Kohärenzgefühl bis ins hohe Alter körperlich und geistig gesund zu bleiben und die ihm gegebenen Lerntalente mit Freude optimal zu entfalten.
Wie das passiert und was mit dem Kohärenzgefühl genauer noch gemeint ist, ist Inhalt der weiteren Ausführungen.
Was in diesem Kontext allerdings weitgehend ausgelassen wird, ist die kritische Reflexion eines definierten Gesundheitsbegriffes. Denn Gesundheit lässt sich nicht eindeutig wie eine naturwissenschaftliche Konstante definieren, sondern ist immer nur in ihrem jeweiligen soziokulturellen Kontext zu verstehen.
Eine erste Annäherung an das Kohärenzgefühl
Zur weiteren Annäherung an das Kohärenzgefühl habe ich Ihnen zwei Texte mitgebracht. In dem ersten geht es um eine Szene aus der Geschichte meines Lieblingshelden Huckleberry Finn. Der andere ist ein Ausschnitt aus dem Brief Dietrich Bonhoeffers Weihnachten 1943 aus dem Gefängnis Tegel an seine Eltern.
Huckleberry Finn ist in Mark Twains Geschichten um Tom Sawyer der Bürgerschreck: faul, verwahrlost, ohne festen Wohnsitz – der Vater ein gewalttätiger Säufer, von der Mutter ist schon gar nicht mehr die Rede. Nach unseren heutigen Vorstellungen wäre demnach Huckleberry Finn hochgradig gefährdet. Offensichtlich kommt der Huck jedoch gut über die Runden. Der Leser sympathisiert mit ihm, die Geschichten laden ein, sich mit Huck zu identifizieren.
Auf der Flucht vor seinem eigenen Vater, der ihm nach dem Leben trachtet, trifft Huck den entflohenen Negersklaven Jim. Beide müssen um ihr Leben fürchten. Das Floß, das sie finden und mit dem sie auf dem Mississippistrom flussabwärts flüchten, wird zu ihrem Freiraum und Fluchtort. Unser Text knüpft an eine Passage an, innerhalb derer sie an einer geschützten Uferstelle Halt machen, um in einer Höhle auf einem offenen Feuer ihr Mittagessen zu bereiten: „Wir nahmen noch’n paar Fische von den Haken, die inzwischen angebissen hatten und warfen die Angelschnüre wieder aus. Dann machten wir alles zum Mittagessen (in unserer Höhle) fertig (…) Sehr bald wurde es dunkel, und es fing an zu donnern und zu blitzen. (…) Gleich hinterher fing es an zu regnen, und bald goss es wie mit Eimern. Und der Wind heulte, wie ich’s noch nie gehört hatte. Es war ein richtiges Sommergewitter. Es wurde so duster, dass draußen alles wie in Tinte getaucht aussah (…). Und dann tauchte ein Blitz alles in helles, goldenes Licht und man konnte für einen Moment Baumkronen erkennen, die ganz weit weg waren. ‘Jim, ist das nicht schön?’ fragte ich. ‘Ich möchte nirgendwo anders sein als hier. Gib mir noch mal’n Stück Fisch und ‘nen heißen Maiskuchen.’“
Auf dem Bild zu dieser Textpassage aus dem „Huckleberry Finn“ fühlen sich die beiden offensichtlich wohl. Ihnen schmeckt es ausgezeichnet, obwohl ihr Mahl – Fisch und Maiskuchen – relativ bescheiden ist und draußen die Welt unterzugehen scheint. Die beiden haben augenscheinlich keine Angst, fühlen sich in ihrer Freundschaft gut aufgehoben und geborgen. Und eben diese Freundschaft ist es, die in ihrem sonst eher einsamen Leben Sinn stiftet. Zusammen fühlen sie sich stark, zusammen meistern sie die Anforderungen, die die Wildnis und der Strom Mississippi mit all den dazugehörigen Gefahren an sie stellen.
Der zweite Text, den ich Ihnen mitgebracht habe, scheint aus einer ganz anderen Welt heraus entstanden zu sein, aber es gibt zumindest eine bedeutende Gemeinsamkeit: Dietrich Bonhoeffer schrieb Weihnachten 1943 aus dem Gefängnis in Tegel an seine Eltern: „Ich brauche Euch nicht zu sagen, wie groß meine Sehnsucht nach Freiheit und nach Euch allen ist. Aber Ihr habt uns durch Jahrzehnte hindurch so unvergleichlich schöne Weihnachten bereitet, dass die dankbare Erinnerung daran stark genug ist, um auch ein dunkleres Weihnachten zu überstrahlen. In solchen Zeiten erweist es sich eigentlich erst, was es bedeutet, eine Vergangenheit und ein inneres Erbe zu besitzen, das von dem Wandel der Zeiten und Zufälle unabhängig ist. (…)“
Dieser Text vermittelt auf der gedanklichen Ebene, was die Episode vom Huckleberry Finn emotional vermittelt, nämlich das Kohärenzgefühl. Das Kohärenzgefühl kann sich wie in dem Bonhoeffer-Text auf eine Einzelperson beziehen, aber auch auf ein Paar wie in dem Text zu Huckleberry Finn. Ebenso kann sich das Kohärenzgefühl jedoch auf eine Gruppe von mehreren Menschen beziehen wie z. B. auf eine Familie, ein Lehrerkollegium, eine Schulklasse oder sogar eine ganze Schule. Das Kohärenzgefühl entsteht immer aus sozialen Beziehungen heraus.
Was nun die Gesundheit unserer Kinder angeht, so stehen wir vor dem Paradox, dass in den letzten hundert Jahren die Kindersterblichkeit zwar deutlich zurückgegangen ist, in den letzten Jahrzehnten unsere Kinder und Jugendlichen aber immer mehr an Allergien, Asthma, Süchten, Essstörungen, Übergewichtigkeit und Verhaltensstörungen leiden. Auch scheint die von innen her kommende Lebensfreude vielen Kindern und Jugendlichen verloren gegangen zu sein. An deren Stelle ist der Anspruch auf fun getreten.
Und: Kinder können nicht mehr zuhören – Zuhören lernt man aber nur, indem einem selber gut zugehört wird.
Zur weitgehenden angeborenen Lernmotivation und Lernfreude unserer Kinder schreibt Martin Dornes (Dornes, M.: Der kompetente Säugling. Frankfurt/M. Fischer 1993), indem dem er sich auf die Ergebnisse der beobachtenden Säuglingsforschung bezieht: „Experimente lehren, dass nicht nur Trieb- und Körperlust, sondern auch Entdeckerlust und das Gefühl, in der Außenwelt sinnvolle Zusammenhänge bewirken und erkennen zu können, zentrale Motivatoren von Lebensbeginn an sind.“
Ein zweites Zitat sagt literarisch-pointiert das gleiche und stammt aus der Autobiografie von Astrid Lindgren: „Als ich noch in die Vorschule ging, fragte die Lehrerin eines Tages, wozu Gott uns die Nase gegeben habe, und ein Knäblein antwortete treuherzig: ‘um Rotz darin zu haben’. Ach, Albin, wie konntest du nur so etwas Dummes sagen, hast du denn wirklich nicht gewusst, dass die Nase dazu da ist, damit wir uns gleich jungen Hunden durch unser Kinderleben schnuppern und schnüffeln und Seligkeiten entdecken?“
Und wie werden die Seligkeiten entdeckt? Spielend!
Gemeint ist von Astrid Lindgren ein Spielen – wie auf dem Bruegel-Bild – im Sinne von paidia (griechisch: kindliches Spielen) oder play (altsächsisch: plegan = pflegen): Und das bedeutet leibhaftige Welterfahrung mit allen Sinnen, einschließlich des Bewegungssinnes sowie der Gefühle (wir sprechen von Affektu-Sensumotorik).
Diese leibhaftige Welterfahrung wird als implizit-prozedurales Wissen gespeichert. Es handelt sich um ein Wissen, das weitgehend ohne Worte auskommt. Der Anschluss an Worte ist jedoch in unterschiedlicher Weise möglich und sinnvoll, manchmal aber sehr schwer und auch nicht immer zweckmäßig. Beschreiben Sie mal mit Worten für andere nachvollziehbar, welche einzelnen Fingerbewegungen Sie ausführen, wenn Sie zum Beispiel Ihre Schuhe mit einer Schleife zubinden. Dies wird Ihnen nur sehr schwer gelingen.
Das implizit-prozedurale Wissen ist auch entscheidend für unser Körperschema und Körperbild, d.h. für die Sicherheit, in unserem Leib zu Hause zu sein. Aber eben diese Sicherheit ist heute durch den Bewegungsmangel der Kinder sowie den überzogenen Schlankheitskult in vielfältiger Hinsicht gestört, prädisponiert zu Essstörungen bzw. -süchten als verzweifelten Versuchen der Selbstvergewisserung unserer Leibhaftigkeit.
Unsere leibhaftigen, affektu-sensumotorischen Erfahrungen können im Dialog Anschluss an unser sprachgebundenes explizit-deklaratives Wissen finden, lassen darüber die Bilder unserer Fantasie für ein inneres (Probe-)Handeln und Erleben besonders lebendig werden (Soldt, 2006). Die Lebendigkeit unseres Denkens speist sich aus diesen Bildern, die unsere vormaligen Sinneserfahrungen in jeweiligen Kontexten aktuell vergegenwärtigen.
Hierfür ein Beispiel: Der alte Herr, den ich aus dem Küchenfenster beobachte, wie er sich im Herbst unter dem großen Baum bückt, etwas aufhebt und seiner Frau gibt, die es dann in der Hand hin und her bewegt, hat offensichtlich keinen Euro gefunden sondern – Sie ahnten es schon – eine Kastanie. Diese spontane Vorwegnahme beim Hören dieser kleinen Geschichte ist aber nur denjenigen möglich, die selbst einmal die „handschmeichlerische“ Glätte einer frischen Kastanie in der Hand gespürt haben.
Unser Innenleben wird reich, wenn wir als Kinder die Chance haben, uns wie auf dem Bruegel-Bild mit all unseren Sinnen und unserer motorischen Kompetenz zu entfalten.
Jedoch – wie wir alle wissen – spielen Kinder heute kaum noch „auf der Straße, auf der Wiese, im Wald …“ Im Gegenteil, sie verpassen sich selbst freiwillig das, was zu meiner Jugendzeit noch das Allerschrecklichste war, nämlich Stubenarrest!
Auch hierzu ein Beispiel: Klausi, der Junge auf der nebenstehenden Zeichnung, hat kein starkes Kohärenzgefühl. Er frisst Süßigkeiten und Pommes, trinkt Cola, lernt schlecht, wird dümmer und immer trauriger. Was braucht Klausi wirklich? Klausi braucht jemanden, der ihn in die Intermediärräume des Spielens und des Dialoges entführt.
Die Intermediärräume des Spielens und des Dialoges
Die Intermediärräume sind die schönsten Räume der Welt, die ich kenne. Leider sind es auch Räume, die sehr schnell beschädigt werden können.
Die Intermediärräume – wörtlich übersetzt: Zwischenräume – sind nicht sichtbar, aber erlebbar. Gemeint sind die Zwischenräume, die sich im Spielen wie im Dialog und natürlich auch im spielerischen Dialog oder dialogischen Spiel eröffnen. Es sind die Räume zwischen der Fantasie des Kindes und z.B. dem Sandhaufen vor dem Kind wie auch die Räume zwischen zwei Menschen, die im Dialog vertieft sind. In den Spielintermediärräumen wie in den dialogischen Intermediärräumen kann man sich verlieren – und bereichert aus ihnen zurückkehren. Und das, was man für sich in diesen Intermediärräumen spielend an Schätzen entdecken kann, sind Lebens- bzw. Lernfreude und Friedensfähigkeit. Man kann aber noch viel mehr darin entdecken: z.B. seine eigene Kreativität und Gesundheit. Das klingt fast nach einem fernen Wunderland. – Erstmals beschrieben worden ist dieses Wunderland von dem genialen Donald Winnicott in seinem Buch „Vom Spiel zur Kreativität“ (1979, Stuttgart: Klett-Cotta ).
Darüber hinaus bedeutet ein solches Spielen mit anderen zusammen in der Gruppe (Peer-Group) auch dann noch Freude am Spielen haben zu können, wenn ich dabei desillusioniert werde, wenn ich also erlebe, dass die anderen schneller laufen oder schwimmen, besser klettern, gewandter mit dem Ball umgehen oder sich besser ausdrücken können. Die intrinsisch begründete Lust auf Welt (siehe Dornes) bleibt innerhalb solcher Spielerfahrungen trotz Enttäuschungen erhalten. Ich bedarf dann auch nicht zwingend der Suchtmittel und -handlungen, um Enttäuschungen zu verkraften oder um „kicks“ zu erleben.
Eine solche Gruppe hat mehrere Geheimnisse. Eines dieser Geheimnisse ist vor sechs Jahren von der neurobiologischen Forschung gelüftet worden. Kinder, die in den Intermediärräumen einer solchen Gruppe spielen, wo es also mehr um den Spielprozess als um das Ergebnis, den Sieg geht, produzieren im Gehirn die BDNF-Nervenwachstumsfaktoren (brain derived neurotropic factor), die eine notwendige biologische Voraussetzung für das erfolgreiche Lernen darstellen. Verkürzt heißt das: Nur Kinder, die auf diese Weise spielen können, können auch erfolgreich lernen.
Und es gibt noch ein weiteres Geheimnis einer solchen Gruppe spielender Kinder. Eine solche Gruppe entfaltet eine Haltefunktion, die man sonst in der Psychologie einer liebevollen Mutter zuschreibt (holding function). Das Wohlbefinden, das wir in der Gruppe empfinden, wenn wir mit anderen zusammen in dieser Weise spielen, hat auch sein neurobiologisches Korrelat. Denn es wird im Gehirn vermehrt das hochwirksame Oxytocin ausgeschüttet, das dafür sorgt, dass wir uns in liebevollen und freundschaftlichen Beziehungen wohlfühlen, worüber eben diese Beziehungen stabilisiert werden.
Und Kinder, die sich beim Spielen so fabelhaft betragen und zugleich getragen fühlen, können von dieser Freiheit auch besser ein Stück abgeben und sich in sinnvolle Regeln einfügen, ohne sich dabei in ihrer Lebensfreude eingeengt zu fühlen. Diesen Kindern fällt dann der Schritt von der Autonomie zur verantworteten Autonomie, das heißt vom play zum fair play nicht schwer. fair play meint den anderen wahrnehmen, sich nach seinen Möglichkeiten entfalten lassen, ihn nicht zur Seite schubsen oder ausschalten müssen.
Hierüber kann sich ein starkes Element entfalten, das die gegenwärtig immer mehr wuchernde Konkurrenzmentalität, die auch schon Kinder und Jugendliche erfasst, mildern könnte. Im fair play ist mein Gegenüber zwar mein spielerischer Gegner, mein Konkurrent, trotzdem verliere ich dessen – das sei etwas altmodisch ausgedrückt – Antlitzhaftigkeit nicht aus den Augen. Er bleibt trotz aller Rauferei mein Spielkamerad. Erinnert sei an die Spiele von Pippi Langstrumpf oder von Tom Sawyer, Huckleberry Finn und ihren Freunden. In diesen Spielen ging es oftmals wild zu, es gab Gehässigkeiten, Gemeinheiten, aber keiner wurde ausgeschaltet. Der freundschaftlich-tragende Zusammenhalt wurde nicht zerstört. Solch ein Zusammenhalt ist Grundlage des Kohärenzgefühles einer Gruppe.
Das Kohärenzgefühl in der Gruppe
Wie ein solches Kohärenzgefühl, das sich in einer Gruppe entfaltet „aussieht“, zeigt das hier abgebildete Foto.
Es geht um eine bildnerische Gemeinschaftsproduktion in einem zweiten Schuljahr, in dem die Kinder auf einer 1 x 1 Meter großen Leinwand jeweils eine Blume malen konnten. Keine Blume wurde übermalt. Die Kinder entdeckten, dass ihre Blume zusammen mit den anderen jeweils viel schöner aussieht, als wenn sie alleine auf der Leinwand zu sehen gewesen wäre. Die Freude der Kinder über das gelungene Werk, mit dem sie sich identifizierten, ist ohne Schwierigkeiten zu erkennen.
Die Identität des Einzelnen geht in dieser Gemeinschaftsproduktion nicht verloren, sondern ist gut aufgehoben, sogar erhöht. Und jedes Kind wusste auch, wer welche Blume gemalt hat – die jeweils anderen wurden also mit ihren Produktionen gleichfalls wahrgenommen.
Die Freude der Kinder am gemeinsamen Wahrnehmen und Gestalten zeigt auch das Bild, das anlässlich des Besuches einer Hundertwasser-Ausstellung in Quakenbrück entstanden ist. Jedes Kind zeichnete ein kleines Detail aus einem Hunderwasser-Bild seiner Wahl ab und malte um dieses Detail herum sein eigenes „Hundertwasser-Bild“, das seinen eigenen Einfällen und Gestaltungsoptionen entsprach. Die Bilder beeindruckten die Ausstellungsorganisatoren so sehr, dass sie sie im Foyer der Ausstellungsräumlichkeiten aufhängen ließen. Mit dabei war auch das Bild einer Schülerin, die zwischen den beiden Stunden, in denen die Bilder hergestellt wurden, erkrankte und deswegen ihr Bild nicht selber fertig malen konnte. Dies übernahm ein Mitschüler, dessen „Vollendung“ des Bildes von der erkrankten Schülerin freudig akzeptiert wurde. Der Herstellungsprozess der Bilder sowie die Präsentation in den Ausstellungsräumen führten zu einer intensiven Kommunikation zwischen den Schüler/innen einerseits sowie den Schüler/innen und deren Eltern andererseits. Letztere wurden von den Schüler/innen in die Ausstellung mitgenommen und konnten sich nur noch wundern, was die Schüler/innen von dem Maler und dessen Werk alles wussten. Dialogisch verdichtete sich situativ das Kohärenzgefühl zwischen den Schüler/innen und zugleich auch zwischen den Schüler/innen und Eltern, indem diese Sonntagnachmittags eben nicht nur vor dem Fernseher saßen, sondern intensiv ein gemeinsames Thema verfolgten.
Aus der – in den angelsächsischen Ländern erfolgreich praktizierten – Multi-Familientherapie und der daraus abgeleiteten Familienschule wissen wir, wie hilfreich schöpferische Aktivitäten, in die die Eltern eingebunden werden, gerade bei Teilleistungsschwächen sind (vgl. hierzu Retzlaff, R. et al., 2008: Multi-Familientherapie bei Kindern mit Teilleistungsfertigkeiten. Prax. Kinderpsychol. Kinderpsychiat. 57, S. 346-361 sowie Asen, E. u. Scholz, M., 2008: Multi-Familientherapie in unterschiedlichen Kontexten. Ebd., S. 362-380).
Warum nicht die Familienschule in diesem Sinne in die Ganztagsschule zu integrieren zu versuchen? Das Kohärenzgefühl in der Gruppe kann wie über diese bildnerische Gemeinschaftsproduktionen auch über Projektarbeit in der Schule – oder anderenorts – gefördert werden.
Das Kohärenzgefühl kann sich in einer Gruppe, so zum Beispiel einer Familie einstellen, aber ebenso auch das Lebensgrundgefühl eines Paares sowie eines jeden Einzelnen ausmachen. Das Kohärenzgefühl meint damit auch für den Einzelnen, also individuell, eine Grundstimmung oder Grundsicherheit innerlich zusammengehalten zu werden, nicht zu zerbrechen und gleichzeitig auch äußeren Halt und äußere Unterstützung zu finden. Der Kohärenzsinn beschreibt eine mit diesem Gefühl einhergehende und an gedankliche Aktivitäten geknüpfte Weltsicht: Meine Welt ist verständlich, stimmig, geordnet; auch Probleme und Belastungen, die ich erlebe, kann ich in einem größeren Zusammenhang begreifen (Dimension der Verstehbarkeit). Das Leben stellt mir Aufgaben, die ich lösen kann. Ich verfüge auch über innere und äußere Ressourcen, die ich, um mein Leben zu meistern, einsetzen kann (Dimension der Handhabbarkeit). Für meine Lebensführung ist Anstrengung sinnvoll. Es gibt Ziele und Projekte, für die es sich zu engagieren lohnt (Sinndimension).
Noch einmal das Beispiel Huckleberry Finn: Er kannte sich in dem Urwald und auf dem Mississippistrom aus, er kannte sich mit dem Wetter aus und wusste, wie man preisgünstig ein Floß organisiert, ein Feuer macht, das nicht zu viel Rauch entwickelt und wie man Fische fängt und brät. Das Wichtigste war aber die Sinnhaftigkeit, die er in der Beziehung zu seinem Freund Jim erlebte.
Zur Entstehungsgeschichte des Konzeptes vom Kohärenzgefühl
In diesem Zusammenhang einige Anmerkungen zur Entstehungsgeschichte des Konzeptes vom Kohärenzgefühl. – Im Jahre 1970 führte Antonovsky in Israel eine Befragung zur Gesundheit von Frauen durch, die den Schrecken und das Entsetzen von Verfolgung, Inhaftierung und Konzentrationslagern überlebt hatten. Diese Frauen waren im Kindes- und Jugendalter schwersten Traumatisierungen ausgesetzt gewesen. 71 Prozent berichteten als Folge dessen über deutliche seelische und körperliche Beeinträchtigungen ihrer Gesundheit. Dies war auch zu erwarten gewesen und daher nicht weiter verwunderlich. Was Antonovsky vielmehr beschäftigte, war die Frage, warum 29 Prozent der Frauen trotz der massiven Belastungen dennoch bei relativ guter Gesundheit waren. Diesen Wechsel in der Perspektive bezeichnete er rückblickend als die entscheidende Wende in seiner Arbeit, aus der heraus er dann auch sein Konzept vom Kohärenzgefühl entwickeln konnte.
Das Kohärenzgefühl ist entscheidend für unsere körperliche und seelische Gesundheit – gerade auch unter Belastung und Krankheit. Und das Kohärenzgefühl ist eine entscheidende Kraft z. B. auch gegen Hyperaktivität und Sucht.
Gerade in der aktuellen Diskussion um das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom mit oder ohne Hyperaktivität (AD(H)S), aber auch bei anderen Krankheiten und Störungen wie Sucht, Gewalt und manchen Lernstörungen wird immer wieder angeführt, dass diese vererbt, d.h. genetisch begründet seien und damit schicksalhaft sich früher oder später zeigen müssten. Vorbeugende und gesundheitsförderliche Bemühungen seien deswegen zwecklos. Wenn sich das Krankheitsbild dann zeige, könnten wie z.B. bei AD(H)S nur Medikamente und ergänzend eine Verhaltenstherapie helfen.
Jedoch: „Gene steuern nicht nur, sie werden auch gesteuert. Die Vorstellung, dass Gene auf eine starr festgelegte Weise funktionieren und danach das gesamte Leben programmieren, ist nicht zutreffend. Vielmehr unterliegen Gene zahlreichen Einflüssen, die ihre Aktivität in hohem Maße regulieren.“ (Bauer, J.: Das Gedächtnis des Körpers. Wie Beziehungen und Lebensstile unsere Gene steuern. Frankfurt/M.: Eichborn 2002) Hierzu gehören geistige Tätigkeiten, Gefühle und Erlebnisse in zwischenmenschlichen Beziehungen, Panik und Katastrophenerlebnisse, aber auch Freude, Geborgenheit und Gelassenheit. Daher kann mit großer Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, dass das Kohärenzgefühl auch entscheidend für eine positive Entwicklung des kindlichen Gehirnes ist:
- 26.000 Gene produzieren 26.000 Proteine, die für Struktur und Funktion des menschlichen Organismus die entscheidenden Bausteine sind.
- Jedes Gen hat als „Ingenieur“ Kenntnisse für die Produktion eines speziellen Proteins.
- Die Aufträge für die Produktion dieses jeweiligen Proteins durch sein Gen nehmen die regulativen Sequenzen entgegen, die in der Nähe der Gene ebenfalls auf dem zwei Meter langen DNS-Faden angesiedelt sind.
- Auftragsüberbringer sind die Transskriptionsfaktoren, die an den regulativen Sequenzen andocken.
- Die Transskriptionsfaktoren werden wiederum von aktuellen inner- und außerzellulären Prozessen beeinflusst.
Kohärenzgefühl und Kohärenzsinn bewirken eine verminderte Lebensangst und mehr Gelassenheit bei Belastungen. Dies hat auf unsere Lernfähigkeit und Gesundheit einen entscheidenden Einfluss. Denn bei einem starken Kohärenzgefühl sind es vergleichsweise nur wenige akute Belastungsreaktionen, in denen das Stresshormon Cortisol deutlich vermehrt ausgeschüttet wird. Die Ausschüttung des Cortisols bei stark empfundenem Stress ist zunächst sinnvoll, weil dadurch die Kampf- und Fluchtreaktion des Gesamtorganismus heruntergeregelt wird. Wenn jedoch aufgrund einer starken Ängstlichkeit bei mangelhaftem Kohärenzgefühl eine Kampf-/Fluchtreaktion auf die andere folgt, bleibt der Cortisolspiegel dauerhaft erhöht. Hierdurch wird dann wegen der gewebs- und zelldeaktivierenden Wirkung des Cortisols zum Beispiel das Immunsystem unterdrückt, wodurch wir für Infekte, aber auch für Krebserkrankungen, anfälliger werden. Die Wundheilung verzögert sich, der Knochen wird abgebaut, besonders aber wird auch das Hirngewebe als hochaktives „Umbaugewebe“ in seiner Aktivität, bzw. Ausbildung gebremst. Dadurch bleiben unsere Lernbemühungen erfolglos. Denn wir lernen dauerhaft nur, wenn sich im Gehirn die Verknüpfungen unter den Nervenzellen verdichten.
Ich sagte nun eingangs, dass durch Spiel und Dialog ein starkes Kohärenzgefühl entsteht, wodurch die Lebensangst abnimmt und die Gelassenheit gestärkt wird. Bemerkenswert erscheint in diesem Zusammenhang, dass bereits die ersten Begegnungen zwischen Mutter und Kind sich in spielerisch-dialogischen Intermediärräumen abspielen. Für den Außenstehenden wird diese spielerisch-dialogische Begegnung noch deutlicher, wenn das Kind im Alter von zwei Monaten im Kontakt zu lächeln beginnt, die kindlichen Laute nuancenreicher werden, Wohlbehagen und Freude sowie Ärger und Spannung unterscheidbarer werden lassen, die Bewegungen immer zielgerichteter werden. Die Mutter (oder der Vater) nimmt die Gesten und Laute des Kindes auf, wiederholt diese variierend. Kind und Bezugsperson stellen sich dabei in ihrer Körpermotorik und Lautbildung so aufeinander ein wie zwei, „die gemeinsam freudig tanzen“ oder im Duett singen (Milch, W., 2000: Kleinkindforschung und psychosomatische Störungen. Psychotherapeut, 45, S. 18-24).
Diese aktivierende Kraft der spielerisch-dialogischen Begegnung erspüren wir jedoch nicht nur bereits schon in den ersten Tagen des menschlichen Lebens, sondern auch noch an dessen Ende: Gehen wir in ein Altersheim, befreien wir die stumpfsinnig vor der Glotze hängenden Alten von diesem Medium, singen wir mit ihnen, tanzen wir mit ihnen – und wir staunen immer wieder neu, wie rege, fröhlich und Geistes-gegenwärtig diese Menschen sich auf einmal zeigen können.
Über das Musizieren im Allgemeinen sowie über das Singen im Besonderen werden im Gehirn über die Ausschüttung von Neurotransmitter Prozesse aktiviert, die für das Lernen von größter Bedeutung sind. Im Frontalhirn wird das Dopamin ausgeschüttet, das sowohl für die gute Laune wie auch für die Konzentration und die Impulsregulierung zuständig ist, im zentralen Höhlengrau sind es die Endorphine, die für Angstfreiheit, Beruhigung und Schmerzmilderung sorgen. Diesen Effekt des Singens kannten noch die alten Volksschulpauker, die acht Jahrgänge in einer Klasse hatten. Wenn es um zwölf Uhr in der Klasse etwas kribbelig wurde, dann ließen sie ihre Schüler/innen aufstehen und singen. Danach ging es eine halbe Stunde wieder konzentriert und ruhig weiter.
Und wegen der genannten Neurotransmitterausschüttung insbesondere beim Singen gibt es Wiegen- und Gutenachtlieder, haben wir gesummt und gepfiffen, wenn wir früher im Keller Angst hatten und deswegen haben die Menschen früher in Not nicht nur gebetet, sondern auch gesungen.
Aber stellen Sie sich vor: An einem sommerlichen Montagmorgen stehen Sie – nicht alkoholisiert – an einer Straßenbahnhaltestelle. Sie aktivieren Ihr körpereigenes Dopamin-Belohnungssystem, indem Sie nicht den MP3-Player einschalten, sondern laut und freudig singen: „Geh aus mein Herz …“ Neben den diagnostischen Erwägungen seitens der Mitwartenden werden Sie vermutlich auch noch ein allgemeines Peinlichkeitsgefühl auslösen. Anders hingegen die Reaktion noch im Grundschulunterricht meiner Frau, in dem diese gerade eines neues Lied einübt. Die kleine Sonja meldet sich: „Das Lied kenne ich schon aus dem Kindergarten. Soll ich es mal vorsingen?“ „Oh ja, gern!“. Die anderen Kinder hören aufmerksam und anerkennend zu. Keine hämische Bemerkung; niemand lacht. – Das, was die kleine Sonja aus dem Kindergarten mitbringt, ist eine kostbare, immer seltener werdende salutogenetische Ressource.
Kreativ-kommunikative Darstellungsweisen von Anfang an wahrnehmen und fördern
Es hat nun leider auch etwas mit Schule zu tun, wenn uns eben diese sowohl für unsere Gesundheit als auch für unsere Lernfähigkeit so wertvolle Ressource verdorben wird.
Kinder sind mit ihren kreativ-kommunikativen Ausdrucksformen identifiziert. Es sind ihre jeweils eigenen Produktionen und keine Re-Produktionen, wie zum Beispiel die korrekte Lösung einer Rechenaufgabe. Wird das Lied oder das Bild, die Geschichte oder die turnerische Übung schlecht bewertet, wird auch das Kind entwertet. Und zwar viel stärker als bei einer schlechten Mathematikarbeit, denn diese ist nicht das eigene Produkt, sondern eine Re-Produktion. Von daher ist eine Distanzierung viel eher möglich als von einem entwerteten Bild.
Die ersten kreativ-kommunikativen Darstellungsweisen des Kindes sind dessen Lächeldialoge. Hierauf freuen sich die Eltern eines jeden Kindes, sofern sie das Lächeln nicht schon vorher verlernt oder selbst nie erfahren haben. „Bis zum Alter von sechs Monaten gibt es unter normalen Umständen bis zu dreißigtausend solcher Lächelbegegnungen (…). Es sind dies keine Affektansteckungen sondern echte Dialoge (…). Mit jeder der dreißigtausend Lächelbegegnungen wächst ein Stück Wissen, dass das entstehende Selbst die Quelle der mütterlichen Freude ist. Das Kind weiß nun, dass es für die anderen ein Geschenk ist.“ (Krause, R., 2001: Affektpsychologische Überlegungen zur menschlichen Destruktivität. Psyche – Z Psychoanal, 55, 934-960)
Das wahrnehmende Lächeln der Eltern schützt vor negativen Stresseinwirkungen, denen das Kind im Laufe seiner weiteren Entwicklung ausgesetzt ist. So bleibt das Kind unter Belastung – wie zum Beispiel der einer vorübergehenden Trennung – gelassener. Es reagiert weniger angstvoll oder aggressiv, wenn es nur häufig genug diesen wahrnehmenden Lächeldialog erlebt hat. Es zeigt eine basale Gelassenheit, die durchaus als Grundlage des späteren Kohärenzgefühles aufgefasst werden kann.
Das erste Lächeln des Kindes erfolgt spontan im Schlaf und wird dann im wachen Dialog durch das antwortende Lächeln der Eltern verstärkt, was wiederum deren Lächeln und Freude fördert. Hier findet sich die Grundform eines positiven selbstverstärkenden Zirkels zur Lebensfreude. Solche selbstverstärkenden Zirkel zur Lebensfreude können späterhin überall da entstehen, wo ein Kind im Spiel schöpferisch etwas hervorbringt und als Geschenk präsentieren möchte – z.B. sein Bild. Entscheidend ist dann das annehmende Lächeln und: die aufmerksame Wahrnehmung des Bildes. Denn das Bild ist das Kind.
In der Übergangsphase vom Krabbeln zum Laufen, mit ungefähr einem Jahr also, wird die Umwelt für das Kleinkind aufregender als in den vorausgegangenen zwölf Monaten der Säuglingszeit. Das Kind kann eigenmotiviert und selbständig die Haltung auf allen vieren überwinden und sich in das Abenteuer der spielerischen Umwelterkundung stürzen. Es verbringt nun weniger Zeit als zuvor mit der Erkundung des mütterlichen oder väterlichen Gesichtes. Sein Interesse gilt auch der aufregenden Welt um ihn herum. Mit allen Sinnen wird diese Welt erkundet – diese Erfahrungsräume des Spielens sind die schon genannten Intermediärräume.
Im Alter zwischen eineinhalb und vier Jahren hat das Spielen außer der Lust und der Freude, die das Kind dadurch erfährt, auch eine dialogische Funktion, die an die Stelle der Lächeldialoge gerückt ist. Nun ist es nicht mehr nur „face to face“ der elterliche Gesichtsausdruck, über den das Kind etwas von sich selbst zurückgespiegelt bekommt und auch zugleich aus etwas von den Eltern erfährt, sondern auch die elterlichen Kommentare zu seinem Spiel sind es, denen diese Doppelfunktion zukommt. Und die Kommentare der Erzieher/innen sowie die der Grundschullehrer/innen stehen genau in der Fortsetzung dieser wahrnehmenden und bestätigenden Kommunikation, die mit den Lächeldialogen beginnt und sich über die Handlungskommentare der Eltern zu den Entfaltungen des Kindes in den Erfahrungsräumen des Spielens fortsetzt. Aber auch noch den Kommentaren unserer Lehrherren/Lehrfrauen, Professoren/innen oder anderweitigen Vorgesetzten haftet dieses Moment an.
Danach geht es um das „Unterscheidungslernen“. Auch wenn die Hilfsbereitschaft des Kindes, den Kamin säubern zu wollen, positiv einzuschätzen ist, so ist das Ergebnis für die Eltern vermutlich nicht besonders beglückend ausgefallen. Anstelle eines Lobes wird es wohl eher einen entsetzten Aufschrei gegeben haben. Dennoch: wenn dieses Bild vierzehn Tage später beim Kaffeeklatsch gezeigt worden ist, dann wird dies vermutlich von einem herzlichen Gelächter begleitet worden sein. Lernprozesse dieser Art bleiben keinem Kind in seinen spielerischen Erkundungs- und Eroberungsprozessen erspart. Entscheidend ist, dass die Kommentierungen solcher „kleinen Katastrophen“ in eine wohlwollend-akzeptierende Grundstimmung, die das Kind täglich erfährt, eingebettet sind und dass das Kind nicht tiefgreifend beschämt wird.
Kinder suchen Spielsituationen
Kinder suchen im Laufe ihrer Entwicklung Spielsituationen, die einen zunehmenden Anforderungscharakter aufweisen: Balancieren, Klettern, Schwimmen, Buden bauen, Fahrrad fahren, Computer nutzen usw. Die Lebensfreude eines Kindes schließt die lustvolle Welt- und Selbsterfahrung bei zunehmender eigener Kompetenz mit ein. Diese Erfahrensräume des Spielens schließen unmittelbar an die eben genannten frühen Intermediärräume an. In den Geschichten z.B. um Huckleberry Finn oder Pippi Langstrumpf werden deren für das Kohärenzgefühl so bedeutsame Erfahrungen in diesen Intermediärräumen eindringlich vermittelt. Das Gleiche gilt aber auch für alle schöpferischen Fächer und die Projektarbeit in der Schule.
Dies gilt aber nur unter der Voraussetzung, dass der Prozess, das Handeln selbst genauso wichtig ist wie das Produkt und dass es zumindest in der Primärpädagogik keine Bewertungen und damit auch keine Entwertungen gibt.
Das Spannende an dem schöpferischen Gestalten ist, dass über die zunehmenden Anforderungsstrukturen die Kinder eben das erfahren, was in dem Salutogenesemodell als Handhabbarkeit und Verstehbarkeit beschrieben wird. Verstehbarkeit und Handhabbarkeit werden dann in den Intermediärräumen des Dialoges in das Moment der Sinnhaftigkeit integriert (die drei Teilkomponenten des Kohärenzgefühls!).
Damit sind wir wieder bei unserer Eingangsthese angelangt. Zugleich müssen wir uns mit der Frage beschäftigen, vor welchen Aufgaben wir als Eltern, Pädagogen/innen, Ärzte/innen stehen angesichts des Umstandes, dass die Kinder ihre abenteuernde Welterfahrung mit allen Sinnen gegen freiwilligen Stubenarrest eingetauscht haben. Bedrückend ist, dass viele Eltern immer mehr Schwierigkeiten haben, das Spiel ihrer Kinder im Sinne von Play und Fairplay zu fördern, da sie selber schon nicht mehr über ein implizites und explizites Spielwissen verfügen. Das Gleiche gilt leider auch für viele Erzieher/innen am Anfang ihrer Ausbildung – so die sorgenvolle Mitteilung von Fachschulleiter/innen auf einer Fachtagung in Erfurt November 2007.
Wir sollten uns der Bedeutung, die die Intermediärräume für die schöpferische Entfaltung der Kinder über Spiel und Dialog in der Familie und im Kindergarten haben, stets gewahr sein. Spielen ist für die gesunde Entwicklung ein kostbarer, unersetzbarer Vorgang und sollte keinesfalls durch vorzeitige Lern- und Paukprogramme eingetauscht werden. Schon gar nicht durch irgendwelche Computerprogramme. Denn die Durchorganisation und Vernetzung unseres Gehirns erfolgt unter dem Einfluss eben des Spielens und des Dialoges. In der affektu-sensumotorischen und dialogischen Hungeratmosphäre der Medienwelt verkümmert die Gehirnentwicklung. Das Gehirn arretiert in dem, was es schon von Geburt an kann, nämlich ein lebhaftes Interesse des Menschen für äußere bewegte Bilder erzeugen. Kultureller Fortschritt ist aber erst möglich, wenn das Gehirn die Kapazität, die es für die Wahrnehmung äußerer bewegter Bilder vorhält, für innere bewegte Bilder verwendet. Und innere bewegte Bilder sind als Denksymbole entscheidend für unsere Denkfähigkeit.
Diese Umwidmung der Hirnkapazität für innere bewegte Bilder wird in den Intermediärräumen des Spielens und des Dialoges aktiviert. Zugleich entfaltet sich ein starkes Kohärenzgefühl, das nicht nur diesen Umwandlungsprozess, sondern die Lernfähigkeit im Allgemeinen fördert. Das Gehirn entfaltet dabei die Fähigkeit, sich auf neue Lernsituationen immer wieder optimal einzustellen. Kinder, die wie auf dem Bruegel-Bild spielen, können sowohl in einen Baum klettern als auch ab elf oder zwölf Jahren optimal mit einem Computer umgehen. Sie überholen dabei mit ihren Fähigkeiten Kinder, die bislang vorwiegend vor dem Computer gesessen, aber nie anderweitig gespielt haben. Medienkinder entwickeln ein in seinen Funktionen sehr eingeschränktes Gehirn, haben dann weder die Kompetenz noch die Lust in Bäume zu klettern oder andere Aufgaben zu meistern, die nicht per Mausklick zu erledigen sind.
Hier sind Eltern, Erzieher/innen und Lehrkräfte präventiv gefordert, die virtuellen
Räume zumindest vorübergehend zu verschließen und dazu beizutragen, dass salutogenetische Intermediärräume eröffnet werden. Konkrete Empfehlungen gibt es hierzu auf dem kostenlosen Flyern und Plakaten des Beltz-Verlages: „Nehmen Sie sich Zeit …“.
Abgebildetes Faltblatt kann kostenlos beim Beltz Verlag bezogen werden. Interesse? Anklicken!
Nehmen Sie sich Zeit!
1. Nehmen Sie sich Zeit, mit ihren Kindern zu sprechen. Denn Kinder lernen Sprache vor allem im Dialog – von Angesicht zu Angesicht.
2. Zeigen Sie im Gespräch Interesse für das, was Ihr Kind erlebt hat, was es bewegt. Es kann sich in einer solchen Atmosphäre leichter öffnen und seine Gefühle besser verarbeiten. Es gibt dann nicht mehr so viel, was Ihrem Kind „schwer im Magen liegt“, ihm „Kopfzerbrechen bereitet“, und „an die Nieren geht“. Gleichzeitig erwirbt Ihr Kind Lebendigkeit im sprachlichen Ausdruck und in der Phantasie. Ihr Kind kann seinem Sprachgefühl vertrauen, es kann seine Anliegen sprachlich darstellen. Und es braucht dazu weniger seine Fäuste.
3. Kinder, denen gut zugehört wird, können auch selber gut zuhören. Wenn sich also ein Gespräch zwischen Ihnen und Ihrem Kind ergibt, schalten sie Fernseher, Computer und Radio aus. Sie (und Ihr Kind) können besser zuhören bzw. beim Zuhören eigene innere Bilder entwickeln. Auch wenn Sie meinen, gar nicht auf den Fernseher zu achten, wird Ihre Wahrnehmung allein schon durch die unterschwellig wahrgenommenen, ständig wechselnden Licht- und Schattenverhältnisse des Raumes gründlich gestört.
1. Kinder, denen gut zugehört wird, sind gelassener, schlafen besser, fühlen sich weniger unter Stress und transportieren das, was sie tagsüber gelernt haben, im Schlaf besser vom Kurzzeitgedächtnis ins Langzeitgedächtnis.
4. Lesen Sie Ihrem Kind etwas vor und geben Sie ihm Bücher zum selber Lesen. Schaffen Sie eine gemütliche Stimmung beim Vorlesen, wie z.B. bei der Gutenacht-Geschichte. Diese gemütliche Stimmung entsteht später auch dann, wenn das Kind alleine ein interessantes Buch aufklappt und es liest. Lesen ist das entscheidende Training für das Gehirn – nicht wahlloser Medienkonsum.
5. Stellen Sie Ihrem Kind keinen eigenen Fernseher zur Verfügung. Je weniger Ihr Kind mit Fernsehen und Computerspielen seine Zeit verbringt, desto besser. Wissenschaftliche Untersuchungen belegen eindeutig: Kinder, die übermäßig elektronische Medien konsumieren, sind häufiger leistungsschwach und übergewichtig, traurig und beziehungsleer und sie neigen eher zu Gewalt.
6. Kinder brauchen Bewegung im Spiel, keinen Stubenarrest vor den Medien. Lassen Sie in Ihrer Familie Wandern, Fahrradfahren, Schwimmen, Ballspiele auch mit ihrer eigenen Beteiligung zur Selbstverständlichkeit werden. Wenn Ihr Kind in einen Sportverein geht, besprechen Sie mit seinen Betreuern dort, dass das sportliche Miteinander, die sportliche Aktivität und nicht der Sieg im Vordergrund steht.
7. Wenn Ihr Kind am Malen Freude hat, fördern Sie dies mit Material und Aufmerksamkeit. Greifen Sie nicht korrigierend in die Gestaltungen ein, lassen Sie den Eigen-Sinn gelten. Vermeiden Sie unbedingt Negativzensuren. Es bedarf aber auch keines inflationären Lobes. Wenn Sie – sinngemäß – sagen: „Toll, dass du so gerne malst!“, reicht das schon. Die Bilder nicht gleich wegpacken, sondern gut sichtbar aufhängen. Zum Beispiel am Pinnbord in der Küche oder im Flur, wo alle sie sehen können.
8. Singen Sie zusammen mit Ihren Kindern – zum Beispiel zur Gutenacht-Geschichte. Keine entwertenden Bemerkungen, wenn Sie meinen, dass Ihr Kind „schräg“ singt. Besonders wenn wir singen, sind wir durch Kritik sehr leicht verletzbar. (Das gilt im Grunde für alle schöpferischen Tätigkeiten einschließlich der „Kurzgeschichten“, die die Kinder am Ende eines Tages zu ihren Erlebnissen erzählen.) Beginnen Sie mit dem (Vor-)Singen so früh wie möglich. Am besten schon während der Schwangerschaft. Wenn Ihr Kind (auch und besonders zusammen mit anderen Kindern) Interesse und Freude am Singen oder Musizieren hat, kann ihm für die Entwicklung seiner sozialen Qualitäten kaum etwas Besseres passieren. Wichtig dabei: Es kommt nicht darauf an, im Wettbewerb der beste zu sein, sondern sich auf andere „einstimmen“ zu können.
9. Singen und eigenes Musizieren senken Angst und fördern Aufmerksamkeit. Beides schafft damit die besten Voraussetzungen für Lernfreude und Lernfähigkeit.
Literatur
Antonovsky, A. (1997): Salutogenese. Zur Entmystifizierung der Gesundheit. Tübingen: dgvt-Verlag.
Dornes, M. (1993): Der kompetente Säugling. Die präverbale Entwicklung des Menschen. Frankfurt/M.: Fischer.
Lindgren, A. (1977): Das entschwundene Land. Hamburg: Oettinger.
Schiffer, E. (1993/1997): Warum Huckleberry Finn nicht süchtig wurde. Anstiftung gegen Sucht und Selbstzerstörung bei Kindern und Jugendlichen. Weinheim und Basel: Beltz.
Schiffer, E. (2001): Wie Gesundheit entsteht. Salutogenese: Schatzsuche statt Fehlerfahndung. Weinheim und Basel: Beltz.
Schiffer, E. & H. (2002): Nachdenken über Zappelphilipp – ADS: Beweg-Gründe und Hilfen. Weinheim und Basel: Beltz.
Schiffer, E. & H. (2004): LernGesundheit. Lebensfreude und Lernfreude in der Schule und anderswo. Weinheim und Basel: Beltz.
Schiffer, E. (2006): Reise zur Gelassenheit. Den sicheren Ort in sich entdecken. Freiburg/Brsg.: Herder.
Schiffer, E. (2008): Warum Tausendfüßler keine Vorschriften brauchen. Intuition. Wege aus einer normierten Lebenswelt. Weinheim und Basel: Beltz.
Twain, M. (1980): Huckleberry Finns Abenteuer. Berlin: Verlag Neues Leben. Lizenzausgabe für den Herder-Verlag, Freiburg/Brsg.
Winnicott, W. Donald (1979): Vom Spiel zur Kreativität. Stuttgart: Klett-Cotta.
Link zu weiteren Publikationen: Allesamt sehr empfehlenswert!
Dr. Eckhard Schiffer ist Mitglied im Fachbeirat des ABA Fachverbandes.
Beim vorstehenden Beitrag handelte es sich um einen Vortrag anlässlich der Tagung „K wie Kinder im Blick“ am 18. November 2008 beim LVR-Landesjugendamt in Köln-Deutz. Er wurde zunächst unter dem Titel „Schatzsuche im offenen Ganztag – Lerngesundheit durch Ressourcenorientierung – Anerkennung statt Demütigung“ in der Zeitschrift „inform“ 1/2009 veröffentlicht. Die Zeitschrift erscheint als digitale Publikation und wird vom Landesjugendamt Rheinland zum Thema „Jugendhilfe und Schule“ herausgegeben. Die „inform“-Ausgaben können auch im ABA-Netz heruntergeladen werden. Die Einrichtung dieser Seite erfolgte mit freundlicher Genehmigung von Eckhard Schiffer und Alexander Mavroudis, beim Landesjugendamt Rheinland verantwortlich für die „inform“.
Ko-Konstruktion: Lernen durch Zusammenarbeit
Von Prof. Dr. mult. Wassilios E. Fthenakis
Beim ko-konstruktiven Lernen kommt es mehr auf die Erforschung von Bedeutung an als auf den Erwerb von Wissen. Der Schlüssel dieses pädagogisch-didaktischen Ansatzes ist die soziale Interaktion.
Ko-Konstruktion als pädagogischer Ansatz heißt, dass Lernen durch Zusammenarbeit stattfindet, also von Fachkräften und Kindern gemeinsam ko-konstruiert wird. Der Schlüssel dieses Ansatzes ist die soziale Interaktion. Die Ko-Konstruktion hat sich aus dem philosophischen Ansatz des Konstruktivismus herausgebildet, nach dem man die Welt interpretieren muss, um sie zu verstehen. Dieser Auffassung nach entwickelt das Kind eine natürliche Lernneugier und das Bedürfnis, mit seiner dinglichen und sozialen Umwelt in Beziehung zu treten. Auf diese Weise exploriert das Kind seine Umwelt und beginnt, sie zu verstehen. Auch Piagets Werk ist von dieser Auffassung geprägt: Nach Piaget lernen Kinder durch die aktive Auseinandersetzung mit ihrer Umwelt. In diesem Verständnis ist das Kind der aktive Konstrukteur seiner Bildung. In der deutschen Pädagogik hat sich diese Auffassung durchgesetzt, und der methodische Ansatz, mit dem das Kind diesen Bildungsprozess steuert, ist das sogenannte „Selbstbildungskonzept“: Das Kind bildet sich selbst.
Der soziale Konstruktivismus, der auf den Arbeiten Vygotzkys aufbaut, teilt diese Auffassung, sieht jedoch den wesentlichen Faktor für die Konstruktion des Wissens in der sozialen Interaktion. Demnach lernen Kinder die Welt zu verstehen, indem sie sich mit anderen austauschen und Bedeutungen untereinander aushandeln. Dies impliziert auch, dass die geistige, sprachliche und soziale Entwicklung durch die soziale Interaktion mit anderen gefördert wird, während nach Piaget Kinder bei der Entwicklung von Sprache und Intelligenz viel mehr auf sich selbst gestellt sind.
Der effektive Einsatz von Ko-Konstruktion
Fachkräfte können mit Kindern Wissen ko-konstruieren, indem sie die Erforschung von Bedeutung stärker betonen als den Erwerb von Fakten. Für den Erwerb von Fakten müssen Kinder beobachten, zuhören und sich etwas merken. Die Erforschung von Bedeutung dagegen heißt, Bedeutungen zu entdecken, auszudrücken und mit anderen zu teilen, ebenso wie die Ideen anderer anzuerkennen. Stellen wir uns beispielsweise folgende Situation vor: Kinder machen im Herbst einen Ausflug in den Wald, um die Natur zu beobachten und dabei herbstlich gefärbte Blätter zu sammeln. Diese klassifizieren und benennen sie dann nach Größe, Farbe etc. und betrachten sie möglicherweise sogar unter dem Mikroskop. Die Fachkräfte beobachten die Kinder dabei und unterstützen sie bei Bedarf. In diesem Fall handeln die Fachkräfte nach den Prämissen des Selbstbildungskonzepts. Der Bildungsprozess beschränkt sich im Wesentlichen auf den Erwerb von Faktenwissen. Im Sinne der Ko-Konstruktion handeln sie, wenn dieser Prozess gemeinsam zwischen Kindern und Fachkraft gestaltet wird, wenn bereits während des Waldbesuchs Fragen nach dem Sinn aufgeworfen und beantwortet werden wie zum Beispiel: Warum fallen die Blätter? Aus welchem Grund ist es wichtig für den Baum, seine Blätter abzuwerfen? Warum werfen andere Bäume ihre Blätter nicht ab? Und wie lässt sich dieses Phänomen in den Jahreszyklus einordnen? Ko-Konstruktion erforscht also die Bedeutung, den Sinn des Phänomens und beschränkt sich nicht auf den Erwerb von Fakten. Die Erforschung von Bedeutungen ist somit ein ko-konstruktiver Prozess, in dem Kinder und Erwachsene in einer Gemeinschaft ihr Verständnis und ihre Interpretation von Dingen miteinander diskutieren und verhandeln.
Das Ziel der Ko-Konstruktion
Mit Erwachsenen Bedeutungen zu ko-konstruieren, hilft Kindern zu lernen, wie man gemeinsam mit anderen Probleme löst. Ko-Konstruktion ist deshalb ein wichtiger didaktisch-pädagogischer Ansatz, um das aktuelle Verständnis- und Ausdrucksniveau in allen Entwicklungsbereichen der Kinder zu erweitern. Dieser Prozess ist besonders nachhaltig, wenn Fachkräfte die Kinder dazu anregen, durch eine Vielzahl von Medien auszudrücken, wie sie die Welt begreifen. Durch Ko-Konstruktion können bessere Lerneffekte erzielt werden als durch selbstentdeckendes Lernen oder durch die individuelle Konstruktion von Bedeutung.
Elemente der Ko-Konstruktion
Der ko-konstruktive Prozess wird durch den Einsatz von Gestaltung, Dokumentation und Diskurs unterstützt.
- Die Gestaltung bezieht sich auf die Aktivitäten von Fachkraft und Kindern, die mögliche Aktionen, Pläne und angestrebte Lösungen darstellen. Dies können Produkte der Kinder sein, wie z.B. Bilder, Bauten, Skizzen etc.
- Zur Dokumentation zählen z.B. Aufzeichnungen und Notizen der Fachkraft, die es Kindern ermöglichen, ihre eigenen Ideen auszudrücken und sie mit anderen zu teilen. Ebenso wird es ihnen dadurch ermöglicht, die Ideen anderer kennenzulernen.
- Der Diskurs schließlich ist der Prozess, in dem mit Kindern über die Bedeutungen gesprochen wird: Bedeutungen werden ausgedrückt, geteilt und mit anderen ausgehandelt. Dabei versuchen die Beteiligten, die Gestaltungen und Dokumentationen der anderen zu begreifen. Fachkräfte sollten dabei auf die Theorien der Kinder, ihre Vermutungen, Widersprüche und Missverständnisse achten und diese diskutieren. Dadurch können sie sicherstellen, dass sie die Kinder bei der Erforschung von Bedeutungen unterstützen und nicht die bloße Vermittlung von Fakten fördern.
Wann sollte Ko-Konstruktion eingesetzt werden?
Ko-Konstruktion kann immer dann eingesetzt werden, wenn das Kind versucht, sich die Welt um sich herum zu erklären. Dies geschieht nach neuesten Erkenntnissen bereits von Geburt an. Damit Kinder Bedeutungen ko-konstruieren können, brauchen sie eine große Vielfalt an Medien, mit deren Hilfe sie ihr Verständnis von der Welt ausdrücken und anderen mitteilen können. Diese Hilfsmittel müssen dabei ihrer Entwicklung und ihren Fähigkeiten angepasst sein. Zudem müssen sie Erwachsene um sich haben, die ihnen bei ihrem Bemühen zuhören und zusehen sowie mit ihnen interagieren.
Bei Babys stehen sensorische Erfahrungen im Vordergrund. Ihnen sollten deshalb vielfältige Möglichkeiten geboten werden, ihre Umgebung durch Fühlen, Schmecken, Riechen, Tasten, Bewegung, Hören etc. zu erfahren. Kleinkinder entwickeln schnell die Fähigkeit, durch Sprache, Bilder, Modelle und Bauwerke die Welt zu entdecken und zu deuten. Sie besitzen eine große Bandbreite an Gesten und können sich bereits durch Musik, Rollenspiele, Geschichten, Bilder und Bewegungen ausdrücken, um anderen ihre Erfahrungen mitzuteilen. Diese Fähigkeit zu symbolischen Ausdrucksweisen nimmt bei Vorschulkindern noch weiter zu. Im Schulalter können Kinder immer besser die Perspektiven und Gefühle anderer verstehen. Mit Ausdrucksformen wie Tanz und Musik können sie ihr Begreifen verdeutlichen und mitteilen und somit ihre Fähigkeit erhöhen, Bedeutung zu konstruieren.
Dabei ist von grundsätzlicher Bedeutung, dass dieser Prozess von Erwachsenen und Kindern oder auch von Kindern untereinander gestaltet wird. Ko-Konstruktion in diesem Sinne greift auf interaktionistische Theorien zurück, die den Erwerb von Wissen und die Konstruktion von Sinn als Ergebnis der Interaktion zwischen Erwachsenen und Kindern bzw. der Kinder untereinander begreifen. Die kindgerechte Gestaltung dieser Interaktionen stellt den Schlüssel für höhere Bildungsqualität dar. Jeden Tag finden etwa 1.000 Interaktionen in jeder Gruppe statt. Das sind 1.000 Chancen, um Bildungsprozesse zu optimieren und damit die Entwicklung der kindlichen Bildungsbiografie zu stärken.
Nach Gardner können Kinder dabei auf sieben Intelligenzbereiche zurückgreifen, um Bedeutungen zu erarbeiten und mitzuteilen: logisch-mathematische, sprachliche, musikalische, räumliche, körperlich-kinästhetische sowie interpersonale und intrapersonale Intelligenz.
Diese multiplen Intelligenzen geben Fachkräften Anhaltspunkte, wie Kinder ihre Umwelt auf verschiedene Arten wahrnehmen und damit neue Bedeutungen konstruieren können. Beispielsweise könnten Bäume auf musikalische Weise erforscht (ihr Geräusch wiedergeben), räumlich dargestellt (mit einem Modell) oder ihre Bewegung im Wind durch eigene Bewegungen nachempfunden werden. So können sich Kindern verschiedene Wahrnehmungs- und Verstehensweisen über ein und dasselbe Thema erschließen, sich mit anderen austauschen und somit Bedeutungen ko-konstruieren.
Lerneffekte durch Ko-Konstruktion
Durch die Ko-Konstruktion von Bedeutung lernen Kinder, dass
- die Welt auf viele Arten erklärt werden kann;
- Bedeutungen miteinander geteilt und untereinander aushandelt werden;
- ein Problem oder Phänomen auf viele Weisen gelöst werden kann;
- Ideen verwandelt und ausgeweitet werden können;
- Ideen ausgetauscht werden können;
- ihr Verständnis bereichert und vertieft werden kann;
- die gemeinsame Erforschung von Bedeutungen mit Erwachsenen oder anderen Kindern aufregend und bereichernd ist.
Spezifische Aspekte der Ko-Konstruktion
Der Prozess der Ko-Konstruktion wird oft als eine Möglichkeit präsentiert, den Kindern ein größeres Gewicht bei der Gestaltung von Lernprozessen in den Einrichtungen zu geben. Dies ist aber in einem großen Ausmaß von der aktiven Ausdrucksfähigkeit der Kinder abhängig, sodass das Schweigen schnell weniger wertgeschätzt wird. Es sollte deshalb immer im Auge behalten werden, dass auch das Schweigen eine eigene Form des Ausdrucks sein kann.
Der interkulturelle Aspekt: Die kulturelle und ethnische Identität von Kindern kann den Prozess der Ko-Konstruktion beeinflussen. Dabei spielt das bisher erworbene Selbstbewusstsein, das nötig ist, um die eigenen Sichtweisen anderen gegenüber zu vertreten, eine wichtige Rolle. Besonders Kinder, die sich in zwei kulturellen Gruppen bewegen, haben leicht die Befürchtung, in keiner der beiden sozialen Gruppen bestehen zu können und entwickeln dadurch geringeres Selbstvertrauen. Sie scheuen sich häufig, sich gegenüber anderen auszudrücken, die nicht ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Zudem können diese Kinder kulturspezifische Ausdrucksweisen verwenden, die nicht immer erkannt bzw. richtig interpretiert werden.
Ko-Konstruktion kann die Entwicklung von Selbstvertrauen fördern, indem die Kinder ermutigt werden, ihre individuelle Meinung auszudrücken, und auch, indem Erwachsene Interesse an der Meinung der Kinder zeigen und diese wertschätzen. Zudem vermittelt Ko-Konstruktion die Bereitschaft, die Sichtweisen anderer zu verstehen und zu respektieren, wodurch das Bewusstsein und die Wertschätzung von Unterschiedlichkeit (Diversität) wachsen. Kinder können von den Erwachsenen außerdem gezielt ermutigt werden, ihr Verständnis zu kulturellen Unterschieden herauszufinden und auszudrücken.
Der geschlechtsspezifische Aspekt: Da Jungen Konflikte in der Regel eher durch körperliche Gewalt und Aggression lösen wollen, Mädchen dagegen eher mittels Sprache, Argumentation und Verhandlung, ziehen sich Mädchen in gemischt-geschlechtlichen Gruppen leicht zurück. Dies würde aber dazu führen, dass im ko-konstruktiven Prozess die Jungen dominieren und nur die Deutungen der Jungen Gehör finden.
Fachkräfte können hier einen Ausgleich fördern, indem sie Mädchen dazu ermuntern, selbst Bedeutungen zu konstruieren. Zudem können Fachkräfte mit Jungen daran arbeiten, ihre Meinungen stärker sprachlich auszudrücken.
Kinder mit besonderen Bedürfnissen: In Gruppen mit Kindern mit unterschiedlichen Fähigkeiten kann Ko-Konstruktion zu einem bereichernden Prozess werden, wenn den Kindern eine große Bandbreite von Möglichkeiten angeboten wird, sich ihren spezifischen Fähigkeiten entsprechend auszudrücken. So sollten Kinder, die mit der Sprache Schwierigkeiten haben, besonders ermutigt werden, sich über Bilder, Musik, Bewegung etc. auszudrücken.
Fachkräfte unterstützen Kinder darin, Achtung gegenüber Diversität zu entwickeln, indem sie die verschiedenen Wege, sich auszudrücken, wertschätzen und indem sie mit den Kindern über die unterschiedlichen Arten, die Welt wahrzunehmen und zu erleben, sprechen.
Ko-Konstruktion in den neueren Bildungsplänen
Dass Kinder und Fachkraft gemeinsam Wissen konstruieren und die Frage nach dem Sinn beantworten, hat sich als pädagogisch-didaktischer Ansatz in etlichen Bildungsplänen etabliert, so beispielsweise im Bayerischen Bildungsplan, im Hessischen Bildungsplan und in den Rahmenrichtlinien für die Südtiroler Kindergärten. Im Hessischen Bildungsplan heißt es u.a.: „Bildung im Kindesalter gestaltet sich als sozialer Prozess, an dem sich Kinder und Erwachsene aktiv beteiligen. Nur in gemeinsamer Interaktion, im sozialen Dialog und im ko-konstruktiven Prozess, findet Bildung, nicht zuletzt als Sinnkonstruktion statt. Entscheidend ist dabei die Qualität dieses Interaktionsgeschehens, für dessen Steuerung und Moderation die Erwachsenen mitverantwortlich sind. Der Ansatz der Ko-Konstruktion überwindet die herkömmliche Situation, dass im Elementarbereich und im Schulbereich oftmals unterschiedliche Positionen zum Bildungsverständnis vorherrschen, und fördert die Kontinuität kindlicher Bildungsverläufe.“
Weiter heißt es: Der Ansatz der Ko-Konstruktion „berücksichtigt, dass Kinder von Geburt an sozial eingebunden sind, Kompetenzen mitbringen und aktive Konstrukteure ihrer Bildungsprozesse sind. Er betrachtet die soziale Interaktion als den Schlüssel zur Wissens- und Sinnkonstruktion. Von entscheidender Bedeutung ist, dass das Kind und seine Umwelt zugleich aktiv sind. Bildungsprozesse werden von Kindern und Erwachsenen gemeinsam konstruiert. In einer Lerngemeinschaft mit Erwachsenen und anderen Kindern lernt das Kind, gemeinsam Probleme zu lösen, die Bedeutung von Dingen und Prozessen gemeinsam zu erforschen und miteinander zu diskutieren und zu verhandeln“ (2007, S. 21). Ähnliche Auffassungen findet man im Bayerischen Bildungsplan, der diesem Ansatz ebenso einen eigenen Schwerpunkt widmet.
Zwei Aspekte sind dabei von zentraler Bedeutung: Wissenserwerb und Sinnkonstruktion sind nicht das Ergebnis individueller Anstrengungen eines Kindes, sondern das Ergebnis der Interaktion, bei deren Gestaltung alle Beteiligten eine aktive Rolle spielen. Das verändert die Qualität der Beziehung und beeinflusst das Rollenverständnis der Fachkraft: Die Fachkraft ist nicht mehr in der Rolle der Beobachterin, die dokumentiert, wie das Kind seine Bildungsprozesse (auf dem Wege der Selbstbildung) organisiert. In diesem Rollenverständnis bleibt die Fachkraft passiv, während das Kind die aktive Rolle übernimmt. Wenn die Qualität der Beziehung so gestaltet wird, moderiert und organisiert das Kind seine Bildung selbst. Die Fachkraft versucht lediglich, die Umwelt so zu gestalten, dass dieser vom Kind organisierte (und dann auch von diesem zu verantwortende) Bildungsprozess optimal gestaltet werden kann. Dabei hat die Fachkraft keinen unmittelbaren Einfluss auf die kindliche Bildung: Sie gestaltet diesen Prozess nicht aktiv mit.
Beim Prozess der Ko-Konstruktion verändert sich dieses Verhältnis: Sowohl das Kind als auch die Fachkraft werden zu aktiven Ko-Konstrukteuren kindlicher Bildungsprozesse. Die Fachkraft übernimmt damit die Verantwortung bezüglich der Entwicklung kindlicher Bildungsbiografien. Ihr kommt eine aktive Rolle im Bildungsprozess zu. Entsprechend verändert sich das Verhältnis zwischen Familie und Bildungsinstitution wie auch die Beziehung der Fachkraft bzw. die der Bildungsinstitution zu anderen Bildungsorten, die sich außerhalb der Einrichtung befinden: Familie und Bildungsinstitution werden zu Ko-Konstrukteuren kindlicher Entwicklung und kindlicher Bildungsverläufe. Sie bilden miteinander eine Bildungspartnerschaft.
Das hat Konsequenzen für die Ausgestaltung ihrer Beziehung: Eltern sind nicht mehr Kunden, die bedient werden sollten, oder gar Zaungäste des Bildungsgeschehens in der Institution. Der Ansatz der Ko-Konstruktion hilft nicht zuletzt, ein demokratisch-dialogisches Verhältnis zwischen den in der Einrichtung tätigen Fachkräften zu entwickeln. Ko-Konstruktion, in letzter Konsequenz, verändert die innere Haltung und hilft der Bildungsinstitution, eine andere Lernkultur zu entwickeln, in der die gegenseitige Wertschätzung und Anerkennung, die Bejahung und Begrüßung von Diversität sowie die Bedeutung der jeweiligen Expertise unverzichtbare Elemente darstellen. Auf dem Boden einer diskursiven Kultur kommen diese Elemente am besten zur Entfaltung.
Wie die Gestaltung ko-konstruktiver Bildungsprozesse erfolgen kann, verdeutlichen vier vom Projekt „Natur-Wissen schaffen“entwickelte Handreichungen anhand der Bildungsbereiche Mathematik, Naturwissenschaften, Technik und Medien. Eine Rezension dieser Veröffentlichungen ist hier zu finden.
Prof. Dr. mult. Wassilios E. Fthenakis: Der Pädagoge, Genetiker und Psychologe ist ordentlicher Professor für Entwicklungspsychologie und Anthropologie an der Freien Universität Bozen.
Quelle: „didacta Kinderzeit“ – Zeitschrift für Pädagogik und Bildung 3/2009. Die Veröffentlichung hier erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Redaktion der „didacta Kinderzeit“ vom 14. September 2009.
Wassilios E. Fthenakis: Projekt „Natur-Wissen schaffen“
Band 1: Dokumentation des Froschkönigwettbewerbs (24,90 Euro, ISBN 978-3-427-50280-7)
Band 2: Frühe mathematische Bildung (24,90 Euro, ISBN 978-3-427-50286-9)
Band 3: Frühe naturwissenschaftliche Bildung (24,90 Euro, ISBN 978-3-427-287-6)
Band 4: Frühe technische Bildung (24,90 Euro, ISBN 978-3-427-50289-0)
Band 5: Frühe Medienbildung (24,90 Euro, ISBN 978-3-427-50288-3)
Band 6: Praxisordner Portfolios im Elementarbereich (39,90 Euro, ISBN 978-3-427-50285-2)
Troisdorf 2008/2009: Bildungsverlag EINS
Vier Bände dieser Fachbuchreihe, die von drei Autorinnen und drei Autoren gemeinsam verfasst wurde, behandeln die Bildungsbereiche Mathematik, Naturwissenschaften, Technik und Medien. Die Bücher sind ähnlich aufgebaut: Zunächst werden zu beachtende Prinzipien, entwicklungspsychologische Grundlagen und spezifische Bildungsziele dargestellt. Dann werden die Methoden Projektarbeit und metakognitive Gespräche beschrieben, gefolgt von sechs bis 13 ausführlich dargestellten und kommentierten Projekt-beispielen aus Kindertageseinrichtungen. Die mit Fotos und Abbildungen reich bebilderten und mit einem mehrfarbigen Layout ausgestatteten Bücher heben sich wohltuend ab von den in den letzten Jahren zu-nehmend veröffentlichten Sammlungen von einzelnen Experimenten, Aktivitäten und Spielen, die zu einer neuartigen Beschäftigungspädagogik und Verschulung von Kindertagesstätten beitragen. Jedoch stört, dass in den Büchern einige (kurze) Kapitel identisch sind.
Ganz anders gestaltet sind der erste Band der Fachbuchreihe, in dem 18 von der Deutschen Tele-kom Stiftung prämierte Projekte detailliert vorgestellt werden (ergänzt um einige theoretische Kapitel und Experimentiertipps des Universum Bremen), sowie der sechste „Band“, der aus einem Schuber mit folgendem Inhalt besteht: einem Buch, in dem Theorie und Praxis der Portfolioarbeit beschrieben und Entwicklungs-, Pädagogische und Übergangsportfolios unterschieden werden, sowie ein Ordner mit Vor-drucken, die sich auch auf einer CD-ROM befinden. Im Gegensatz zu den immer weiter verbreiteten Tests und Erhebungsbögen werden Portfolios der Individualität von Kindern gerecht – wer die Mehrarbeit scheut, könnte sie auch von den Eltern (mit-)gestalten lassen.
Rezension: Martin R. Textor in der „didacta Kinderzeit 3/2008
Ein Hinweis befand sich ebenfalls im ABA-Informationdsdienst i-Punkt 10/2009
Hüttenbau
Gib Kindern Bretter, und sie bauen eine Hütte. Gib Kindern eine Hütte, so machen sie daraus Bretter
2008 erschien – seit langem einmal wieder – ein Buch über Abenteuerspielplätze. Allerdings wurden hier keine Konzepte oder dergleichen thematisiert. In dem Bildband „Stadt der Kinder“ von Jean Paul Deridder werden Hütten auf einem Berliner Abenteuerspielplatz dargestellt. Wir haben es gewissermaßen mit einem Kunstband zu tun.
Unter anderem dieses Buch hat uns dazu motiviert, an dieser Stelle ebenfalls Fotos von Hütten einzustellen, die Kinder auf Abenteuerspielplätzen gebaut haben. Der Hüttenbau ist eine inzwischen möglicherweise – auch von Fachkräften – unterschätzte Möglichkeit, Kindern in probate und erfolgreiche Bildungsmöglichkeiten anzubieten.
Mit Kolleg(inn)en aus der Praxis haben wir besprochen, ob wir die Bilder ebenfalls – wie im genannten Buch – in schwarzweiß einstellen sollen. Die meisten waren allerdings dafür, Farbfotos zu verwenden. Diesem Wunsch sind wir nachgekommen. Unter dem Aspekt Kunst sei der Buchband erneut empfohlen. Eine Rezension gab es im i-Punkt 8/2008. Am Ende dieser Seite ist sie noch einmal zu finden.
Wir haben aus datenrechtlichen Gründen in der Regel darauf verzichtet, spielende Kinder abzubilden.
Techniken

Abenteuerspielplatz Kirschbäumchen, Aachen (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Kirschbäumchen; Aachen (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Kirschbäumchen (Foto: Rainer Deimel)
Die Bautechnik dieser und der nachfolgend dargestellten Hütte wird auf der Anregungungsseite zum Thema Abenteuerspielplätze beschrieben.

Bauen mit Palettenholz auf dem Abenteuerspielplatz Scharnhorst, Dortmund (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Scharnhorst, Dortmund (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Scharnhorst, Dortmund (Foto: Rainer Deimel)

Bühnenelemente aus Palettenholz, Abenteuerspielplatz Scharnhorst, Dortmund (Foto: Rainer Deimel)

Gemeinschaftshütte, Abenteuerspielplatz Scharnhorst, Dortmund (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Scharnhorst, Dortmund (Foto: Rainer Deimel)

Palettenholz, entnagelt und neu zusammengebaut, Abenteuerspielplatz Scharnhorst, Dortmund (Foto: Rainer Deimel)

Fenstertechnik aus Palettenholz, Abenteuerspielplatz Scharnhorst, Dortmund (Foto: Rainer Deimel)
Wie Kinder Hütten bauen

Abenteuerspielplatz Eller, Düsseldorf, 2012 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Eller, Düsseldorf, 2012 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Eller, Düsseldorf, 2012 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Eller, Düsseldorf, 2012 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Eller, Düsseldorf, 2012 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Eller, Düsseldorf, 2012 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Eller, Düsseldorf, 2012 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Eller, Düsseldorf, 2012 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Eller, Düsseldorf, 2012 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Eller, Düsseldorf, 2012 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Eller, Düsseldorf, 2012 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Eller, Düsseldorf, 2012 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Eller, Düsseldorf, 2012 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Eller, Düsseldorf, 2012 (Foto: Rainer Deimel)

Jugendfarm Bonn, 2012 (Foto: Rainer Deimel)

Jugendfarm Bonn, 2012 (Foto: Rainer Deimel)

Jugendfarm Bonn, 2012 (Foto: Rainer Deimel)

Jugendfarm Bonn, 2012 (Foto: Rainer Deimel)

Jugendfarm Bonn, 2012 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Brüser Dorf, Bonn, 2012 (Foto: Rainer Deimel)
Abenteuerspielplatz Brüser Dorf, Bonn, 2012 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Brüser Dorf, Bonn, 2012 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Brüser Dorf, Bonn, 2012 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Brüser Dorf, Bonn, 2012 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Brüser Dorf, Bonn, 2012 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Büser Dorf, Bonn, 2012 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Brüser Dorf, Bonn, 2012 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Bonnenbroich, Mönchengladbach, 2009 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Bonnenbroich, Mönchengladbach, 2009 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Bonnenbroich, Mönchengladbach, 2009 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Bonnenbroich, Mönchengladbach, 2009 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Bonnenbroich, Mönchengladbach, 2009 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Bonnenbroich, Möchengladbach, 2009 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Bonnenbroich, Mönchengladbach, 2009 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Bonnenbroich, Mönchengladbach, 2009 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Bonnenbroich, Mönchengladbach, 2009 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Bonnenbroich, Mönchengladbach, 2009 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Bonnenbroich, Mönchengladbach, 2009 (Foto: Rainer Deimel)
Abenteuerspielplatz Bonnenbroich, Mönchengladbach, 2009 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Bonnenbroich, Mönchengladbach, 2009 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Bonnenbroich, Mönchengladbach, 2009 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Bonnenbroich, Mönchengladbach, 2009 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Bonnenbroich, Mönchengladbach, 2009 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Bonnenbroich, Mönchengladbach, 2009 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Bonnenbroich, Mönchengladbach, 2009 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Bonnenbroich, Mönchengladbach, 2009 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Bonnenbroich, Mönchengladbach, 2009 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Bonnenbroich, Mönchengladbach, 2009 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Bonnenbroich, Mönchengladbach, 2009 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Bonnenbroich, Mönchengladbach, 2009 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Bonnenbroich, Mönchengladbach, 2009 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Bonnenbroich, Mönchengladbach, 2009 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Bonnenbroich, Mönchengladbach, 2009 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Bonnenbroich, Mönchengladbach, 2009 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Bonnenbroich, Mönchengladbach, 2009 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Garath, Düsseldorf, 2009 (Foto: Rainer Deimel)
Abenteuerspielplatz Garath, Düsseldorf, 2009 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Garath, Düsseldorf, 2009 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Garath, Düsseldorf, 2009 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Garath, Düsseldorf, 2009 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Garath, Düsseldorf, 2009 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Garath, Düsseldorf, 2009 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Garath, Düsseldorf, 2009 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Garath, Düsseldorf, 2009 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Garath, Düsseldorf, 2009 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Garath, Düsseldorf, 2009 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Garath, Düsseldorf, 2009 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Garath, Düsseldorf, 2009 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Garath, Düsseldorf, 2009 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Garath, Düsseldorf, 2009 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Garath, Düsseldorf, 2009 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Garath, Düsseldorf, 2009 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Garath, Düsseldorf, 2009 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Dahl, Mönchengladbach, 2011 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Dahl, Mönchengladbach, 2011 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Dahl, Mönchengladbach, 2011 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Dahl, Mönchengladbach, 2011 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Dahl, Mönchengladbach, 2011 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Dahl, Mönchengladbach, 2011: Versuch mit Paletten (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Dahl, Mönchengladbach, 2011: Versuch mit Paletten (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Dahl, Mönchengladbach, 2011: So kann man sich weiterbilden! Beim ersten Versuch, ein „Fundament“ zu errichten, merken Kinder anschließend häufig, wie sehr sie sich verschätzt haben. Die Bude würde viel zu groß. Also muss man noch mal neu planen. (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Dahl, Mönchengladbach, 2011 (Foto: Rainer Deimel)
Weitere Impressionen vom Hüttenbau

Impression Hüttenbaubereich, Abenteuerspielplatz Bonnenbroich, Mönchengladbach, 2009 (Foto: Rainer Deimel)

Impression Hüttenbaubereich, Abenteuerspielplatz Bonnenbroich, Mönchengladbach, 2009 (Foto: Rainer Deimel)

Impression Hüttenbaubereich, Abenteuerspielplatz Bonnenbroich, Mönchengladbach, 2009 (Foto: Rainer Deimel)

Impression Hüttenbaubereich, Abenteuerspielplatz Bonnenbroich, Mönchengladbach, 2009 (Foto: Rainer Deimel)

Impression Hüttenbaubereich, Abenteuerspielplatz Bonnenbroich, Mönchengladbach, 2009 (Foto: Rainer Deimel)

Impression Hüttenbaubereich, Abenteuerspielplatz Bonnenbroich, Mönchengladbach, 2009 (Foto: Rainer Deimel)

Impression Hüttenbaubereich, Abenteuerspielplatz Bonnenbroich, Mönchengladbach, 2009 (Foto: Rainer Deimel)

„Feuertempel“ auf dem Abenteuerspielplatz Bonnenbroich, Mönchengladbach, 2009 (Foto: Rainer Deimel)

Impression Hüttenbaubereich, Abenteuerspielplatz Bonnenbroich, Mönchengladbach, 2009 (Foto: Rainer Deimel)

Impression Hüttenbaubereich, Abenteuerspielplatz Bonnenbroich, Mönchengladbach, 2009 (Foto: Rainer Deimel)

Impression Hüttenbaubereich, Abenteuerspielplatz Bonnenbroich, Mönchengladbach, 2009 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Hilden 2010 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielpatz Rahm, Dortmund, 2010 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Rahm, Dortmund, 2010 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielpatz Rahm, Dortmund, 2010 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielpatz Rahm, Dortmund, 2010 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielpatz Rahm, Dortmund, 2010 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielpatz Rahm, Dortmund, 2010 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielpatz Rahm, Dortmund, 2010 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielpatz Rahm, Dortmund, 2010 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielplatz Rahm, Dortmund, 2010 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielpatz Rahm, Dortmund, 2010 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielpatz Rahm, Dortmund, 2010 (Foto: Rainer Deimel)

Hüttenbaubereich auf dem Abenteuerspielpatz Rahm, Dortmund, 2010 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielpatz Rahm, Dortmund, 2010 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielpatz Rahm, Dortmund, 2010 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielpatz Rahm, Dortmund, 2010 (Foto: Rainer Deimel)

Abenteuerspielpatz Rahm 2010 (Foto: Rainer Deimel)
Rezension
Jean-Paul Deridder: Stadt der Kinder – City of Transience (Hrsg.: Thomas Zander)
Ostfildern 2008, Hatje Cantz Verlag, 104 Seiten, 39,80 Euro, ISBN 978-3-7757-2286-5
„Das Buch hat Züge der Trauer, aber auch der Versöhnung. Ein Denkmal in Buchform.“ So schreibt Michael Hirsch in einem kleinen Bergleittext zu diesem opulenten Bildband, der durchgehend Schwarz-Weiß-Fotografien eines Abenteuerspielplatzes dokumentiert. Der Begriff „Abenteuerspielplatz“ taucht in diesem Fotoband zur „Stadt der Kinder“ auf. Dargestellt wird ein Hüttenbaubereich, geschaffen von Kindern in Berlin. Hintergrund des Experiments: Baulücken nutzen, sie für Kinder zeitlich befristet zugänglich machen. Auf den üppigen Fotografien fehlen die Schöpfer der Kinderstadt, die Kinder. Anonyme Architektur kann bestaunt werden, „Architektur ohne Architekten“, so heißt es im Text von Michael Hirsch. Die Baustelle in der Baulücke: „Die Gebrauchslogik der Kinder ist eine Logik der Aktivität und der Umfunktionierung, eine Logik des reinen Arbeitsprozesses und insofern des reinen Verbrauchs der Zeit. Es ist eine Logik des freien Gebrauchs der Dinge und Orte. Der Inbegriff dieses Gebrauchs ist das Spiel. Eine solche Kinderstadt ist ein Sinnbild der Freiheit des freien Spiels und der freien Aneignung des öffentlichen Raums. Die anonymen Objekte, die Bauwerke und Skulpturen der Stadt der Kinder, die wir auf diesen wunderbar zurückhaltenden Bildern sehen, haben gegenüber gewöhnlichen Kunstwerken den Vorteil, dass sie nicht geschaffen wurden, um als Kunst betrachtet zu werden. Sie haben nicht die Aufdringlichkeit von Kunst.“ Wenn es heißt, „die Stadt der Kinder ist die Erfindung einer anderen Art der Baustelle“, könnte man auf den Gedanken kommen, hier sei etwas völlig Neues entstanden. Leuten, denen Abenteuerspielplätze altvertraut sind, wissen, dass dem nicht so ist. Vielmehr haben Kinder, solange man denken kann, immer ihre Buden gebaut, im Wald, an versteckten Orten, wo immer sich Gelegenheiten dazu boten. Dieses Phänomen scheint eindeutig rückläufig zu sein. Kreativität und Geschick junger Leute hat sich offenbar beispielsweise vermehrt auf den Gebrauch der Daumen bei Computerspielen verlagert. Der Gebrauch „echten“ Werkzeugs wird eher zur Ausnahme. Dies kann nicht den Kindern, sondern muss vielmehr den sie begleitenden Erwachsenen angelastet werden, die alles Mögliche daran setzen, Kinder vor sinnvollen Erfahrungen zu schützen und sie so wesentlicher Entwicklungschancen zu berauben. Im Zusammenhang mit dem Hüttenbauen führt der schweizerische Kollege Toni Anderfuhren aus: „Gib Kindern Bretter, und sie bauen eine Hütte. Gib Kindern eine Hütte, so machen sie daraus Bretter.“ Selbst auf manch einem Abenteuerspielplatz kann man nicht selten beobachten, dass der Hüttenbau in unverantwortlicher Weise vernachlässigt wird, dass nachgewachsenes „Fachpersonal“ häufig kaum noch in der Lage ist, einen Hammer zu halten. Dabei geht es beim Hüttenbau um einen hervorragenden „organischen und anarchischen Impuls des Spielens, Bastelns und Handwerkens“ (Begleittext von Michael Hirsch). „Stadt der Kinder“ begreift sich nicht nur als Kunstband, sondern als Gebrauchsobjekt, „das man benutzen, in dem man blättern und mit dem man arbeiten kann“. Genau dies möchten wir empfehlen. „Stadt der Kinder“ ist eine Hommage an den Hüttenbau auf Abenteuerspielplätzen, keine Nostalgie, sondern vielmehr Stimulation, dem Hüttenbau auf Abenteuerspielplätzen wieder zu seinem unvergleichlichen Sinn zu verhelfen. (de)
i-Punkt 8/2008
NAGEL-Redaktion – Tierhaltung/Tiergestützte Pädagogik

Foto: Rainer Deimel
Artgerechte Tierhaltung
Tierschutz – und dazu gehören auch Aspekte der artgerechten Tierhaltung – sollte nicht wichtiger genommen werden als eine kindergerechte Stadtplanung. Allerdings sollten auch die Bedürfnisse der Tiere bei Planung und Gestaltung eines pädagogisch betreuten Spielplatzes so weit wie möglich berücksichtigt werden. Unter artgerechter Tierhaltung wird dabei keineswegs verstanden, dass die Haltungsbedingungen den Gegebenheiten von freilebenden Tieren entsprechen. Ausschlaggebend ist vielmehr, dass die Tiere ein artgemäßes Verhalten und keine übermäßige Krankheitsauffälligkeit aufweisen. Die dokumentierten Grundsätze lehnen sich weitgehend an die vom europäischen Dachverband für Stadtbauernhöfe (European Federation of City Farms) erarbeiteten Empfehlungen an.
Tierhaltung in der pädagogischen Arbeit
Ein Beitrag in fünf Teilen – Aspekte zu einer Konzeption
Die Auseinderandersetzungen des ABA Fachverbandes mit dem Thema und eine Empfehlungsliste, welche Tiere in der pädagogischen Arbeit am ehesten geeignet sind.
Tiergestützte Arbeit mit Kindern
Tiergestützte Arbeit mit Kindern (118 Seiten, 7.557 KB)
Ursprünglich handelte es sich hier bei um die Examensarbeit von Marion Dalmisch. Marion Dalmisch, Jahrgang 1974, ist Diplompädagogin und Leiterin des Jugendzentrums in Übach-Palenberg. Aufgewachsen ist sie auf einem Bauernhof. Ihr Examen absolvierte sie an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. Die Arbeit, die Interessierte hier herunterladen können, stammt aus dem Jahr 1999. Für diese Internetpräsentation wurde sie lesefreundlich gestaltet. Stellvertretend für den ABA Fachverband behaupten hier die Sprecherin des Arbeitskreise Tierhaltung, Susanne Westerhoff, und der Bildungsreferent, Rainer Deimel: Wenn Sie in der Praxis nicht einfach untergehen wollen, lesen Sie die hier eingestellte Arbeit!
Stellungnahmen zum Thema „Abenteuerspielplätze“
Hier finden Sie Stellungnahmen, die Ihnen hilfreich sein, können, wenn Sie sich für Abenteuerspielplätze stark machen oder stark machen wollen.
Abenteuerspielplatz und Amazonas
Eckhard Henscheid, der in seiner erquicklichen Art immer wieder für literarische Erfreulichkeiten sorgt, war der Auffassung, das Thema „Abenteuerspielplatz“ würde ebenso in seinen Kompetenzbereich fallen. Insofern beschrieb er ihn in seinem Lexikon „Dummdeutsch“ (erschienen in zwei Bänden 1985 und 1986, zusammengefasst und überarbeitet (!) 1992 und von ihm selbst im Vorwort vom 31. Dezember 1992 als „definitives Buch“ bezeichnet) folgendermaßen: „Abenteuerspielplatz: Steht zum Abenteuer in ähnlichem Verhältnis wie das Hallenbad zum Amazonas. Hundertprozentig daneben.“ Das Buch erschien 1993 bei Reclam. Mit Datum vom 16. Mai 1997 sahen wir uns zu einer Reaktion bemüßigt.
Abenteuerspielplätze und Erlebnispädagogik
Im Vergleich zur 2001 in Dortmund eröffneten „Erlebniswelt“ sähen „herkömmlichen Abenteuerspielplätze alt aus“. Diese Unweisheit verbreitete Dieter Jaeschke in der WAZ vom 1. Oktober 2001. Unsere damalige Reaktion darauf haben wir – quasi als Argumentationshilfe – ins Netz gestellt. Bei der Erlebniswelt Fredenbaumhandelt es sich nämlich um einen Abenteuerspielplatz.
Bildung ist mehr als Schule
„Bildung ist mehr als Schule!“. Im November 2007 machte sich der Deutsche Städtetag diese Aussage in seiner Aachener Erklärung per Beschluss zueigen. Dieses inzwischen geradezu geflügelte Wort verdient eine genauere Betrachtung.
Bestätigung findet diese These bei Wiebken Düx in ihrem Beitrag „‚Aber so richtig für das Leben lernt man eher bei der freiwilligen Arbeit’ – Zum Kompetenzgewinn Jugendlicher im freiwilligen Engagement“. (1) Sie weist darauf hin, Wissenschaft, Politik und die Organisationen, in denen freiwilliges Engagement praktiziert wird, gingen davon aus, das Engagement junger Leute fördere Lern- und Bildungsprozesse. Dies beziehe sich insbesondere auf soziales Lernen sowie das Hineinwachsen in demokratische Umgehensweisen. Sie gibt zu bedenken, dieses sei kaum empirisch nachgewiesen.
Einer Faustregel zufolge trägt die Schule – großzügig gerechnet – zu einem Drittel zur allgemeinen Bildung junger Menschen bei. Der übergroße Rest wird anderen Sozialisationsinstanzen zugeschrieben, etwa dem Elternhaus oder der (Offenen) Kinder- und Jugendarbeit.
Die Leitgedanken und Paradigmen der Offenen Arbeit
- Partizipation
- Emanzipation und
- Integration
sind feste Bestandteile der Offenen Arbeit. Ohne diese kann ihre Qualität nicht mehr zeitgemäß und den Interessen junger Menschen entsprechend belegt werden. Ihre praktische Umsetzung muss als Voraussetzung sinnvoller und erfolgreicher Arbeit betrachtet werden. Seit Veröffentlichung des 8. Jugendberichts der Bundesregierung (1990) gelten sie als Paradigmem einer verantwortungsbewussten Kinder- und Jugendarbeit. Gern ergänzt werden sie noch durch das „Paradigma der Prävention“. Dieses Ansinnen wurde vor dem Hintergrund einer primär fachlich intendierten Verabschiedung, des neuen Kinder- und Jugendhilferechts – ebenfalls 1990 – nicht nachvollzogen.
Dem Kinder- und Jugendhilfegesetz ist an keiner Stelle, an der es um die Kinder- und Jugendarbeit geht, zu entnehmen, dass Prävention ein gesetzlicher Auftrag ist – wohl aber die anderen genannten Paradigmen (vgl. hierzu u.a. §§ 1, 8, 9 und 11).
Dass Kinder- und Jugendarbeit präventiv wirkt, wird von keiner ernstzunehmenden Seite bestritten. Festgehalten werden soll in diesem Zusammenhang, worum es nicht geht, nämlich Kinder und Jugendliche an die Gesellschaft und ihre erwachsenen Akteure anzupassen. Vielmehr heißt es, ihre Suche von Wegen erfolgreich zu unterstützen. Es geht hierbei um das Entdecken von Strategien, viable Chancen für sich selbst und den solidarischen Zusammenhalt in der Gesellschaft zu entwickeln. Dabei spielen ihre eigenen Vorstellungen, ihre Visionen zur Zukunft eine ebenso große Rolle wie die Reflexion über das, was sich lohnt zu erhalten. Es geht um eine mündige Weiterentwicklung einer demokratischen Gesellschaft. Die Auffassung über gesellschaftliche Werte wird häufig verwechselt mit einem bequemen Festhalten an tradierten Ideologien, mit deren Hilfe man sich oft gemütlich eingerichtet hat. Entwicklungen – zumal solche, die junge Leute anstoßen – sind dabei störend. Kinder- und Jugendarbeit als verlängerter ordnungspolitischer Arm hat – so deutlich muss es wohl gesagt werden – keine plausible Existenzberechtigung.
So gesehen steht der Präventionsaspekt zwar in einer Reihe mit den Zielen Partizipation, Emanzipation und Integration. Auf die Fahne der Kinder- und Jugendarbeit geschrieben gehört er dennoch nicht, da junge Menschen nun mal nicht an der ihnen angemessenen Weiterentwicklung gehindert werden sollen und dürfen. Prävention betreibt Kinder- und Jugendarbeit en passant. Gerade dies macht einen Teil ihrer Qualität aus.
Dem Bericht der Enquete-Kommission „Chancen für Kinder“ des nordrhein-westfälischen Landtags ist zu entnehmen, dass auf regionaler Ebene flächendeckend „Verantwortungsgemeinschaften für Bildung“ eingeführt bzw. dort, wo sie bereits bestehen, unterstützt werden sollen. Dabei gehe es auch darum, die Koordination und Konsensbildung zwischen den verschiedenen Akteuren des Bildungswesens zu erleichtern. Ausdrücklich wird in diesem Zusammenhang der Kinder- und Jugendarbeit eine „Brückeninstanz“ eingeräumt. Sie soll dabei helfen, eine Begegnung unterschiedlicher Bildungswelten zu leisten. In diesem Kontext wird betont, dass der außerschulischen Bildung in Form der Kinder- und Jugendarbeit gegenwärtig ein verstärkter Stellenwert einzuräumen sei. Erreicht werden solle auf diesem Wege ein verbesserter Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung. Die Kinder- und Jugendarbeit sei hierzu eine entscheidende Ressource. (2)
Dieses Bekenntnis berücksichtigt klar den Umstand, dass die Bedeutung des Arbeitsfeldes gestiegen ist. Diese Feststellung impliziert die Notwendigkeit, für eine Kontinuität hinsichtlich verlorenengegangener Sozialisationserfordernisse zu sorgen. Dabei sollte beispielsweise an das Wachsen und Reifen in sogenannten „informellen Räumen“ gedacht werden. Angesprochen hier wird etwa auch der Umstand, dass die „Eroberung der freien Natur“ inzwischen in der Realität allenfalls noch als organisiertes Angebot durchgeführt wird. Den „informellen Räumen“ als Faktor zum Bildungserwerb wird nach eingangs genannter Faustregel immerhin ein Anteil von mindestens zwei Dritteln eingeräumt.
In der Zwischenzeit wurden unter der Koordination des nordrhein-westfälischen Ministeriums für Schule und Weiterbildung sogenannte kommunale Bildungsnetzwerk /-büros eingerichtet. Auffallend ist hierbei, dass die Praxis der Kinder- und Jugendarbeit in keinem uns bekannten Fall eingebunden ist. Diese wird allenfalls vielmehr durch die Metaebene kommunal Verantwortlicher berücksichtigt. Auffallend auch, dass regelmäßig von „Jugendhilfe“, die es einzubinden gelte, gesprochen wird. Im Fokus stehen hier offenbar in erster Linie solche Hilfen, die die schulische Praxis vermeintlich günstig zu beeinflussen in der Lage sind.
In der eingangs genannten Dokumentation zu einem Forschungsprojekt „Aber so richtig für das Leben lernt man eher bei der freiwilligen Arbeit“ von Wiebken Düx, heißt es, es ginge um die Frage „was und wie junge Menschen durch Verantwortungsübernahme in Ernst- und Echtsituationen lernen“. Forschungsgegenstände wie
-Ergebnisse lassen sich aus Sicht der AGOT-NRW vor dem Hintergrund zahlreicher vergleichbarer bzw. identischer Inhalte und Methoden auf die Offene Arbeit übertragen. Die in der Studie eruierten – immerhin 60 – Kompetenzen junger Leute umfassen eine breite Palette, die von kaum einer anderen formal bzw. mit Zwängen organisierten Instanz übertroffen werden sollte.
Als personale Kompetenzen werden hier u.a. genannt (3):
- Selbstbewusstsein
- Selbstständigkeit/Selbstbestimmung
- Durchhaltevermögen/Belastbarkeit
- Offenheit/Flexibilität
- Selbstreflexivität/Selbsterkenntnis
- Orientierung – persönlich, politisch, sozial, ökologisch usw.
- Entwicklung von Werten
Beim Erwerb sozialer Kompetenzen geht es u.a. um (4)
- Verantwortungsübernahme/-bereitschaft
- Kommunikationsfähigkeit
- Zuverlässigkeit
- Kooperationsfähigkeit
- Konflikt-/Kritikfähigkeit
- Überzeugungsfähigkeit
- Problemlösungskompetenz
- Beziehungsfähigkeit
- politisch-demokratische Kompetenzen
- interkulturelle Kompetenz
- pädagogische Kompetenz
- Gender-Kompetenz
Unter dem Aspekt sachbezogener Kompetenzen werden kognitive, organisatorische, handwerklich-technische sowie kreativ-musisch-sportliche unterschieden. Hier einige ausgewählte Beispiele: (5)
- Reflexionsfähigkeit
- Allgemeinwissen
- technisch-naturwissenschaftliches Wissen
- politisches Wissen
- Umweltwissen
- Mitbestimmung
- Organisationsvermögen
- kluge Nutzung vorhandener Strukturen/Verwaltung
Es soll noch einmal betont werden: Mit Fug und Recht kann eine an den Interessen ihrer Nutzerinnen und Nutzer organisierte Offene Kinder- und Jugendarbeit für sich deutliche Parallelen aus den Erkenntnissen genannten Forschungsprojekts reklamieren. Ursächlich hierfür kann vor allem die freiwillige Teilnahme und das freiwillige Engagements in den Einrichtungen benannt werden. Dabei ist „Lernen kein Selbstzweck“. Die „Jugendlichen lernen nicht primär um des Lernens willen oder um für sich selbst Kompetenzen zu erwerben, sondern für ihre Aufgaben im Engagement. Anlass, Medium und Ziel des Lernens ist in der Regel die Tätigkeit. Gegenüber … schulischen Anforderungen, die sich ohne unmittelbaren Handlungsdruck vorrangig auf die Bewältigung intellektuell-kognitiver Aufgaben beziehen, bietet freiwilliges Engagement die Möglichkeit und Herausforderung, sich handelnd zu erfahren und zu bewähren.“ (6) Das, was junge Menschen „selbst handelnd gelernt, erlebt und erfahren haben, wird in weit stärkerem Maße zueigen gemacht als fremdbestimmte, vorgegebene Wissensinhalte.“ (7)
„ … Lernen ist abhängig vom subjektiven Interesse, der individuellen Motivation sowie den Erfordernissen und Anregungen in der Praxis … Für längerfristiges Lernen, insbesondere abstrakte Inhalte genügt aber kurzfristiges Interesse allein häufig nicht. Dabei sind auch Phasen unausweichlich, in denen man etwas lernt, was nicht von vornherein und in sich interessant ist. Ein solches Lernen ist im freiwilligen Engagement eher selten.“ (8)
Diese Feststellung von Wiebken Düx mag nach diesem fachlich-euphorischen Höhenflug – unser Arbeitsfeld betreffend – wieder auf den Teppich holen.
Die bisher vorgetragenen Erkenntnisse legen zwingend nahe, künftig verstärkt über diverse Kooperationsformen nachzudenken und solche zu organisieren. Der Begriff der „kommunalen Bildungslandschaften“ wird inzwischen als pragmatischer Leitbegriff genutzt, wenn es darum geht, unterschiedliche Akteure, Interessen und Konzepte zu bündeln. In einer solchen Landschaft wird es möglich sein, die unterschiedlichen Bildungsangebote und Bildungschancen transparent und zugänglich zu machen.
Seit dem sogenannten Pisa-Schock kursiert die Rede von der notwendigen „Augenhöhe“ zwischen Jugendarbeit und Schule. Leider hat sich diese in den vergangenen Jahren in der Praxis eher als Mär, denn als tatsächlich erreichtes Ziel entpuppt.
Nach wie vor scheint beim „Partner Schule“ vor allem der Wunsch dominant, die Kinder- und Jugendarbeit bzw. die Jugendhilfe als Gaul einzuspannen, der den Karren aus dem Mist ziehen soll. Dummerweise geht es dabei zumeist darum, junge Menschen für eine Praxis zurückzuerobern, die ihnen und ihren Interessen nicht gerecht wird, sie schlimmstenfalls für tradierte unterrichtliche Verfahrensweisen zu begeistern: ein Vorhaben, bei dem beide – Jugendarbeit wie Schule – scheitern müssen. Wie ist beispielsweise erklärbar, dass Jugendliche pünktlich in der Jugendarbeit erscheinen, zum Unterricht aber zu spät kommen oder erst gar nicht erscheinen?
Es soll hier darauf verzichtet werden, zu analysieren, warum die Schule mit ihren Methoden so oft auf verlorenem Posten zu stehen scheint. Nur soviel: Regenerationsprozesse gelingen am ehesten im eigenen Kontext, was wir mit Blick auf die Institution „Schule“ beispielsweise bei den „gelingenden Schulen“ feststellen können. Zum Teil wurden diese von der AGOT-NRW dokumentiert. (9) In solchen Zusammenhängen ist es gar nicht erforderlich, über eine Selbstverständlichkeit wie die der gemeinsamen Augenhöhe zu faseln. In solchen Zusammenhängen weiß man, was man voneinander hat und betrachtet sich gegenseitig nicht als Reparaturhelfer oder notwendiges Übel, sonders als sich fruchtbar ergänzende Partner.
Qualitätsverbesserungen im Sinne junger Menschen erfordern auf mittlere Sicht nicht nur ein fachlichen Umdenken und ein dementsprechendes Handeln. Wir kommen auch nicht umhin, zahlreiche liebgewonnene und gleichsam verhasste Strukturen ernsthaft in Frage zu stellen. (10)
Ein ganz alltägliches Beispiel aus der Praxis: Eine offene Einrichtung – in diesem Fall ein Spielmobil – zeigt im Rahmen einer beabsichtigten Kooperation Präsenz in einer Grundschule. In diesem Zusammenhang wird mit den Kindern auf dem Schulhof ein Feuer gemacht, was kurzerhand den Hausmeister der Schule (11) auf den Plan ruft, der sich empört, die Kinder „zündelten ohne zu grillen“. Als verantwortlicher Hausmeister ruft er die Schulleiterin auf den Plan, die unmissverständlich klar stellt, dass so etwas nicht ginge. Ende der Kooperation! Dieses Beispiel belegt stellvertretend, dass die schlichte Übertragung „schulischer Gesetze“ auf die Kinder- und Jugendarbeit ein erfolgloses Unterfangen darstellt.
Dieses Beispiel steht auch stellvertretend dafür, dass eine unter qualitativen Gesichtspunkten organisierte Kinder- und Jugendarbeit ihre „eigenen Gesetze“ hat, die es in das Netzwerk kommunaler Bildungslandschaften zu integrieren gilt. Dabei kann es nicht darum gehen, noch mehr von dem zu organisieren, was nicht funktioniert. Vor dem Hintergrund mittlerweile eingekehrter (Existenz-)Ängste ist in der Kinder- und Jugendarbeit zum Teil inzwischen ein solcher Trend zu beobachten, mit anderen Worten: Man assistiert dabei, Dinge zu organisieren, die eine an Kindern und Jugendlichen orientierte Pädagogik leider ins Hintertreffen geraten lassen. Wir sind der Auffassung, dass hier eine illegitime Beteiligung stattfindet, die den befürchteten Niedergang der Kinder- und Jugendarbeit noch beschleunigen dürfte.
Der Aspekt der Freiwilligkeit zur Teilnahme ist in der Kinder- und Jugendarbeit ein einzigartiger Qualitätsindikator. Diesen gilt es nicht nur zu bewahren – vielmehr müssen vor dem Hintergrund seines belegbaren Erfolgs im Sinne nachhaltiger Bildung Konzepte realisiert werden, die gerade dies berücksichtigen. Dabei sollte man sich auch neue Formen von Experimentierfreudigkeit nicht verbieten.
Die AGOT-NRW will sich auf ein Experiment einlassen, nämlich „kommunale Bildungslandschaften“ zu organisieren mit schulischen und anderen Partnern; dies, wo es bereits erfolgreiche Handlungsansätze gibt. Die AGOT-NRW hält es nicht für sinnvoll, hinter Schulen herzulaufen, um erfolgreiche Elemente der Offenen Arbeit wie Warmbier anzubieten – und sie in einem neu organisierten Kontext gleichzeitig ihrem Untergang preiszugeben.
Die Offene Kinder- und Jugendarbeit hat einen eigenen – auch gesetzlich verbrieften (z.B. § 11 SGB VIII) – Bildungsauftrag. Es gilt, diesen zu erkennen, die damit verbundenen Ziele zu formulieren und umzusetzen. Wesentliches methodisches Instrument dabei ist die Mitbestimmung junger Leute, was etwas völlig anderes ist, als das seinerzeit von Herbert Grönemeyer besungene „Kinder an die Macht“. Es gilt ebenso zu erkennen, dass junge Menschen keine „triviale Maschinen“ – wie es Heinz von Foerster seinerzeit trefflich formulierte (12) – sind, sondern Experten ihrer selbst. Und vor diesem Hintergrund sind sie aktiv in ihre Entwicklung einzubinden. Das betrifft auch – und möglicherweise vor allem – den Aspekt der Bildung.
Verschwiegen werden soll hier abschließend allerdings nicht der Hinweis darauf, dass Bildung – wie sie in Deutschland zumeist verstanden wird – nicht alle Probleme löst. Die Deutsche Gesellschaft für Soziologie (DGS) sprach kürzlich vom „Mythos Bildung“. (13) Sie stellte dabei fest, dass manche gesellschaftlichen Probleme eben nicht allein mit besserer Bildung, einem besseren Schulabschluss zu lösen seien. Es fehle meist nicht an Bildung, sondern an Hilfen, Betreuungsmöglichkeiten, Kita-Plätzen, Lehrstellen und Arbeitsplätzen. Das Vorstandsmitglied der Sektion der Sozialpolitik der DGS, Prof. Dr. Ute Klammer, sagt hierzu: „Viele junge Menschen landen in der beruflichen Sackgasse. Da hilft Bildung wenig. Der Bildung wird zuviel aufgebürdet.“ (14)
Letztgenannte Gesichtspunkte spielen auch beim experimentellen Vorhaben der AGOT-NRW eine bedeutende Rolle. Die Offene Arbeit hat den Bezug „Bildung – Soziales“ regelmäßig integriert. Und sie erfährt verbale Unterstützung auch von Prof. Dr. Jutta Allmendinger, der Präsidentin des Wissenschaftszentrums für Sozialforschung in Berlin. Allmendinger stellt fest, Bildung und Soziales seien in Deutschland kurioserweise getrennt – im Gegensatz zu anderen – erfolgreicheren – Ländern. Der politischen Parole „Vorfahrt für Bildung“ erteilt sie eine Absage. Wir leisteten uns ein hochselektives Schulsystem, eine unterentwickelte frühkindliche Bildung sowie ein unterfinanziertes Hochschulsystem. Schließlich investiere Deutschland trotz anderer Verlautbarungen rund 20 Prozent weniger in Bildung als andere vergleichbare Länder. Die vorfindbare Bildungsrethorik sei nicht nachvollziehbar. Die Soziologen kommen zu der Auffassung, wenn Bildung nicht zuviel zugemutet und sie nachhaltig wirksam werden solle, seien Investitionen in den Sozialbereich unabwendbar. (15)
Trotz – noch – unterschiedlicher Vorstellungen über Bildungserwerb wollen wir dieses Experiment „kommunaler Bildungslandschaften“ wagen. Wir sind davon überzeugt, dass die Offene Arbeit dabei eine nicht zu unterschätzende Bereicherung sein wird. Übrigens, ohne in einer Pisa-Schock-Starre zu verharren, haben wir auch Kenntnis davon, dass erfolgreichere Pisa-Länder längst die konstruktiven Elemente, für die hierzulande die Offene Arbeit stehen kann, in ihr Bildungs- und Sozialsystem integriert haben.
Die hier geschilderten Vorstellungen gehen von einer ganzheitlichen Sichtweise aus, die alle Systeme, die die Sozialisation junger Leute betreffen, zusammenbringt. Vor diesem Hintergrund bleibt auch die Familienbildung nicht außen vor. Im Gegenteil ist sie gegenwärtig und vor allem zukünftig integraler Bestandteil einer aktiv auftretenden und gewinnbringenden Offenen Kinder- und Jugendarbeit, einer schöpferischen Arbeitsform, ohne die kommunale Bildungslandschaften nicht sinnvoll zu entwickeln sind.
Aus diesen hier vorgetragenen Gründen appelliert die AGOT-NRW an Sie und Euch: Bringen Sie sich, bringt Euch als Vertreterinnen und Vertreter der Offenen Kinder- und Jugendarbeit in die Entwicklung der kommunalen Bildungslandschaften bzw. der regionalen Bildungsnetzwerke ein, damit unser Bildungsauftrag von Öffentlichkeit und Politik deutlicher wahrgenommen und realisiert werden kann – dies in erster Linie im Interesse der Rechte von Kindern und Jugendlichen.
AGOT-NRW, im November 2009
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Fußnoten
(1) vgl. Wiebken Düx: „‚Aber so richtig für das Leben lernt man eher bei der freiwilligen Arbeit’ – Zum Kompetenzgewinn Jugendlicher im freiwilligen Engagement, in: Thomas Rauschenbach/Wiebken Düx/Erich Sass (Hg.): Informelles Lernen im Jugendalter, Weinheim und München 2006 (Juventa Verlag)
(2) vgl. Präsidentin des Landtags Nordrhein-Westfalen (Hg.): Chancen für Kinder. Rahmenbedingungen und Steuerungsmöglichkeiten für ein optimales Betreuungs- und Bildungsangebot in Nordrhein-Westfalen. Bericht der Enquetekommission 2008
(3) vgl. Düx, a.a.O., S. 210 ff.
(4) vgl. ebenda
(5) vgl. ebenda
(6) ebenda, Seite 231
(7) ebenda, Seite 232
(8) ebenda, Seite 237
(9) AGOT-NRW: Auf dem Weg zur gelingenden Schule – Eine bildungspolitische Streitschrift aus Sicht der Offenen Kinder- und Jugendarbeit, Düsseldorf 2006
(10) Als Fußnote sollen hier einige wenige Beispiele genannt werden: Lehr- und Unterrichtspläne, Schulpflicht, Kopf- und andere Noten, neue Verortung des Aspekts der Freiwilligkeit, regelmäßige Fortbildungen für pädagogisch tätiges Personal, sinnvolle Verknüpfungen von Theorie und Praxis
(11) Hier gilt es zusätzlich zu bedenken, dass der Einstellungsträger des Hausmeisters ein völlig anderer, als dies beim pädagogisch tätigen Personal der Fall ist.
(12) vgl. Rainer Deimel: Demokratische Grundschule, in: Axel Backhaus/Simone Knorre/Hans Brügelmann/Elena Schiemann (Hg.): Demokratische Grundschule – Mitbestimmung von Kindern über ihr Leben und Lernen, Arbeitsgruppe Primarstufe am Fachbereich 2 der Universität Siegen, Siegen 2008; auch: Rainer Deimel: Über die Unmöglichkeit, objektiv zu urteilen – Zur Klärung eines Paradoxons, bisher unveröffentlichtes Skript als Beitrag für ein geplantes Buchprojekt
(13) Jahrestagung der Sektion Sozialpolitik der Deutschen Gesellschaft für Soziologie vom 8. bis 9. Oktober 2009 in Essen (Universität Duisburg-Essen)
(14) derWesten.de vom 8. Oktober 2009
(15) ebenda
Ganztagsangebote bedarfsgerecht weiter ausbauen – Flexibilisierung an weiterbildenden Schulen ermöglichen
Am 6. April 2011 fand im nordrhein-westfälischen Landtag (Ausschuss für Schule und Weiterbildung) eine Expertenanhörung statt. Erstmalig wurde auch die Offene Arbeit zu einem solchen Thema eingeladen. Um den vor Ort Verantwortlichen Gelegenheit zu geben, sich mit der Stellungnahme zu befassen, kann sie hier in der schriftlich vorgelegten Variante nachgelesen und zur weiteren Arbeit mit der Thematik heruntergeladen werden.
Stellungnahme
Rainer Deimel, ABA Fachverband Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen
Im Kontext der von uns vertretenen Zusammenhänge verdienen folgende Fragen besondere Beachtung, nämlich
a) Welche Auswirkungen hat der Ganztag auf außerschulische Bildungs- und Freizeitangebote und welche Möglichkeiten der Verzahnung von Schule und außerschulischen Angeboten gibt es?
b) Wie sollte ein qualitativ hochwertiges und für Eltern bzw. Schüler attraktives Ganztagsangebot aussehen und organisiert sein?
c) Welche Probleme und Hemmnisse bestehen bei der Einbindung der Offenen Jugendarbeit?
Einführung
Grundsätzlich sollte einleitend festgehalten werden, dass die landläufige Anschauung, Schulpolitik synonym als Bildungspolitik zu begreifen, als verhängnisvoll eingestuft werden muss: Die Experten sind sich darüber einig, dass die Schule – der „klassische Unterricht“ – allenfalls zu einem Drittel zur Bildung junger Menschen beiträgt. Dieser These folgend, findet der überwiegende Teil des Bildungserwerbs in anderen Zusammenhängen statt. Eine nicht unerhebliche Rolle spielt dabei die (Offene) Kinder- und Jugendarbeit.
Neben der Bundeswehr und der Kirche ist die Schule eine der letzten weitgehend demokratiefreien Zonen innerhalb unserer demokratisch verfassten Gesellschaft. Dies hat zur Folge, dass den im System „Beschulten“ kein Subjektstatus zugebilligt wird; vielmehr werden sie als zu belehrende Objekte betrachtet. Deutlich wird diese Sachlage auch durch die Definition der Betroffenen als „Schüler“.
Der amerikanisch-österreichische Biophysiker (Kybernetiker, Physiker sowie Kognitions- und Perzeptionsforscher) Heinz von Foester (1911-2002), maßgeblich an der Entwicklung der Erkenntnistheorie des Radikalen Konstruktivismus beteiligt, hat mehrfach auf diesen Umstand hingewiesen. Gern verwandte er dabei unter anderem die Metapher der „Trivialen Maschine“, mit der er die Praxis des Unterrichts verglich. Bei dieser imaginären Maschine stellte er eine unbedingte und unveränderliche – allerdings unhaltbare – Relation zwischen Input und Output fest. (1) In der Schule werden – abhängige – Menschen wie „Triviale Maschinen“ benutzt. Eine Geschichte, die Heinz von Foerster erzählt hat, veranschaulicht dies auf eindrucksvolle Weise: „Ich war einmal bei einer befreundeten Familie zum Mittagessen eingeladen – und der kleine Bub, der von der Schule hätte kommen sollen, kommt und kommt nicht nach Hause. Schließlich erscheint er doch, er weint und sagt: ‚Ich musste nachsitzen! Die Lehrerin hat mich in der Ecke stehen lassen!’ Wir wollten natürlich von ihm wissen, was denn passiert sei. Er erzählte, dass die Lehrerin ihm gesagt habe, er sei frech gewesen, er habe freche Antworten gegeben. Der kleine Bub: ‚Sie hat mich gefragt, wie viel ist 2 x 3?’ Und ich habe ihr gesagt: ‚Das ist 3 x 2! Alles hat gelacht – und die Lehrerin hat mich in der Ecke stehen lassen.’ Ich habe diesen kleinen Bub gefragt: ‚Deine Antwort ist völlig richtig, aber kannst du sie beweisen?’ Da nimmt er Papier und Bleistift, zeichnet zwei Punkte und – darüber – drei Punkte. Er sagt: ‚Das ist 3 x 2!’ Und dann dreht er das Papier um 90 Grad und meint: ‚Siehst du, Heinz, das ist 2 x 3!’ Dieser kleine Bub, der sieben Jahre alt war, hat auf die ihm eigene Weise das kommutative Gesetz der Multiplikation bewiesen: A x B ist B x A. Dass die Lehrerin diese Einsicht nicht als großartig erkannte, ist traurig. Sie hatte von ihm erwartet, dass er auf ihre Frage, was ist 2 x 3 ‚sechs’ sagt. Da er dies nicht tat, schien seine Antwort als falsch, frech und aufsässig. Das nenne ich Trivialisierung junger Menschen.“ (2) Heinz von Foerster wird gefragt, ob Lehrer mit der ‚prinzipiellen Nichttrivialität’ ihrer Schüler zu rechnen hätten. Er entgegnet: ‚Selbstverständlich. Und wenn die Trivialisierung schon erfolgt ist, dann heißt die Aufgabe für die Pädagogik: Enttrivialisierung, auf andere Antworten aufmerksam machen, zu einer Vielfalt der Lösungen und Sichtweisen anregen. Man könnte diesem kleinen Bub zum Beispiel zeigen, dass sich eine Zahl auf äußerst vielfältige Weise beschreiben lässt. Wenn die Lehrerin die gewünschte Antwort ‚sechs’ erhalten hätte, könnte sie weiterfragen: ‚Was ist sechs?’ Mögliche Antworten sind: Sechs ist die Wurzel aus 36, sechs ist 5 + 1 und 8 – 2, 6 ist 2 x 3 und 3 x 2.“ (3)
Bestätigt wird diese grundsätzliche Kritik von der gegenwärtigen Hirnforschung. So bewertet der Forscher Gerhard Roth (4) aktuell die Didaktik des Unterrichts als „unwissenschaftlich“; der Lehrer unterrichte nach eigenen Gesichtpunkten. Damit werden unmissverständlich die Thesen von Foersters bestätigt. Des Weiteren schlägt er u.a. vor, weniger „Stoff durchzunehmen“. Der bekannte Schulexperte und -kritiker Reinhard Kahl macht sich in diesem Zusammenhang dafür stark, „Stoff“ in der Schule vollends zu eliminieren. Auch seiner Meinung nach ist das Hauptritual in der Schule die Belehrung. Die Lehrer sollten aufhören, „Stoff“ einzufüllen oder zu vermitteln. Er scheut sich nicht, in diesem Zusammenhang den Begriff des „Dealers“ zu verwenden, denen der „Stoff“ eher überlassen sein sollte. (5) Roth zählt zu einer „hirngerechten Didaktik“ das exemplarische Lernen, die Abschaffung der 45-Minuten-Takte sowie fächerübergreifende Lernsituationen.
Kommen wir zu den gestellten Fragen:
a) Welche Auswirkungen hat der Ganztag auf außerschulische Bildungs- und Freizeitangebote und welche Möglichkeiten der Verzahnung von Schule und außerschulischen Angeboten gibt es?
Der zunehmende (sogenannte) „Ganztag“ zeitigt seine Auswirkungen verständlicherweise in den außerschulischen Bildungs- und Freizeitangeboten. Augenblicklich kann die Situation überwiegend so eingeschätzt werden, dass wir es beim „offenen Ganztag“ vor allem mit einer quantitativen Dimension zu tun haben; dies ist nach wie vor einer der Hauptkritikpunkte aus pädagogisch-professioneller Sicht. Bezogen auf ihr Zeitbudget nimmt der „offene Ganztag“ in nicht unerheblichem Maße Zugriff auf die betroffenen Kinder und Jugendlichen. Ihre Gelegenheit, an anderen Angeboten teilzuhaben, wird deutlich reduziert. Aus einem pädagogisch-qualitativen Blickwinkel heraus kann man konstatieren, dass die Angebote des „offenen Ganztags“ häufig nicht im Sinne der betroffenen Kinder organisiert werden. Nicht selten findet die vormittägliche Rhythmisierung des Tagesablaufs der jungen Leute am Nachmittag ihre Fortsetzung. Inhaltlich werden die Interessen der Kinder und Jugendlichen bei der Organisation des Nachmittags häufig nicht bzw. nur peripher berücksichtigt. Kritiker führen darüber hinaus an, der offene Ganztag sei eine Billigvariante der Beaufsichtigung von Kindern; er könne auch nicht mit dem Niveau der früheren Arbeit in Horten verglichen werden. Außerdem entspreche er eher den Interessen der Eltern und weniger denen der Kinder. Versäumt wurde zumeist, Konzepte, die sich beispielsweise in der Kinder- und Jugendarbeit bewährt haben, angemessen in den Schulbetrieb zu integrieren.
Dass dies nicht geschieht, sollte fachliche Aufmerksamkeit erregen. Unterstellt sei hier, dass dies nicht wider besseres Wissen geschieht; vielmehr muss davon ausgegangen werden, dass hilfreiche Konzepte, die den Interessen der Kinder und Jugendlichen entsprechen, in der Schule häufig völlig unbekannt sind. Auffallend ist ebenso das dortige Unvermögen, zwischen Jugendhilfe und Jugendarbeit fachlich zu differenzieren.
Vor dem Hintergrund des SGB VIII, des Kinder- und Jugendhilfegesetzes, ist Jugendarbeit Teil der im Gesetz beschriebenen „Leistungen der Jugendhilfe“. Nicht zufällig wird die Jugendarbeit im Paragraphen 11 als erstes hinter den „Allgemeinen Vorschriften“ aufgeführt. Jugendarbeit gehört zu den allgemein fördernden Aufgaben, die sich generell auf alle Kinder, Jugendlichen und Familien beziehen und auf die diese einen gesetzlichen Anspruch haben. Entgegen immer wieder kolportierter Vorstellungen ist Jugendarbeit nämlich keine „freiwillige Leistung“, sondern verpflichtend.
Das SGB VIII kennt darüber hinaus auch direkt helfende Aufgaben, wie etwa Beratung, Einzelbetreuung und Inobhutnahme. Angesichts des festgestellten Nichtwissens zur Kinder- und Jugendarbeit ist es Aufgabe der Politik, diese Differenzierung fachlich mit Nachdruck zu vertreten und dafür Sorge zu tragen, dass diese auch in der Schule „ankommt“. Dazu ist vor allem ein entsprechend hohes Maß an Fachlichkeit zu entwickeln, das über Kompetenzen unterrichtlicher Praxis hinausgeht. Vor diesem Hintergrund könnten in zahlreichen Zusammenhängen sinnvolle Verzahnungen von Schule und außerschulischen Angeboten entwickelt werden. Als unbedingte Voraussetzung hierfür sind die Interessen von Kindern und Jugendlichen in besonderem Maße zu berücksichtigen. Eine künftige Schulentwicklung ist – so gesehen – sowohl ein fachlicher Diskurs als auch ein Demokratisierungsprozess.
Perspektivisch muss für gleichwertige Teams in diesen neu zu schaffenden pädagogischen Handlungsfeldern gesorgt werden. Die Kluft zwischen Landesbediensteten – in der Regel Beamten – und Beschäftigten in kommunaler oder freier Trägerschaft ist auf Dauer einem erfolgreichen Tätigwerden abträglich. Sinnvoll wäre es – trotz erheblicher gesetzlicher Hürden –, die Schulen perspektivisch – vergleichbar der Struktur der Jugendarbeit – zu kommunalisieren.
Die Kinder- und Jugendarbeit hat über die Jahrzehnte eine Fülle von Programmen und Angeboten entwickelt und angeboten, die in besonderer Weise auf die Interessen junger Menschen treffen. Die Reduktion der Jugendarbeit auf „Jugendhilfe“ dokumentiert den Versuch, Kinder und Jugendliche ausschließlich fit für unterrichtliche Belange zu machen. Aus gesellschaftlicher, politischer und administrativer Sicht genießt die Schule nach wie vor ein höheres Ansehen und verfügt dementsprechend über eine größere Dominanz. Jugendarbeit wird unberechtigterweise eher als „Reparaturbetrieb“ eingestuft. In gleichberechtigten Teams wüsste man, was man voneinander hat, und würde sich gegenseitig nicht als Handlanger, sondern als sich fruchtbar ergänzende Partner betrachten. Infragezustellen wären vor diesem Hintergrund so zweifelhafte Instrumentarien wie Lehr- und Unterrichtspläne, Zensuren und schließlich auch die Schulpflicht, was mit einer Neuverortung des Aspekts der Freiwilligkeit einhergeht. Auszubauen wären regelmäßige Fortbildungen des pädagogisch tätigen Personals sowie sinnvolle Verknüpfungen von Theorie und Praxis.
Eine erfolgreiche Schule würde gezielt die erprobten Angebote der Jugendarbeit integrieren, ohne deren Profil zu absorbieren. So gesehen würde pädagogische Arbeit sowohl innerhalb einer Schule, die sich primär an den Interessen der jungen Leute orientiert, als auch außerhalb stattfinden. Zum Beispiel ist die Organisation von Abenteuerspielplätzen an Grundschulen bzw. die Kooperation mit solchen in der Nähe ohne Schwierigkeiten denkbar. Dies wurde etwa an der Laborschule Bielefeld als sinnvolle Möglichkeit erkannt, wo neben etlichen anderen ein sogenanntes „Lernfeld Bauspielplatz“ existiert. Dem Schulexperten Reinhard Kahl fallen hier beispielsweise noch Küchen, Ateliers, Werkstätten, Labors, Theaterbühnen und Gärten ein – alles Elemente, die in der Kinder- und Jugendarbeit selbstverständliche Alltagbestandteile sind. Ergänzend hinzu kämen noch Natur, Wald, Bäche, Wiesen und Parks – eben Freiflächen jeder Art – sowie ausreichende Gelegenheiten für alle Arten von Sport und Bewegung und schließlich Tierhaltung.
Kinder- und Jugendarbeit ist ein unabdingbarer Bestandteil und Partner von zu entwickelnden „Kommunalen Bildungslandschaften“. Die bisherigen in diese Richtung abzielenden Versuche – etwa bei den meisten kommunalen bzw. regionalen Bildungsbüros – blenden jene hingegen in aller Regel aus. Dieser Zustand ist auf Dauer weder aus fachlicher noch aus politischer Sicht akzeptabel. Offene Kinder- und Jugendarbeit sieht es in der „kommunalen Bildungslandschaft“ als ihre zentrale Aufgabe an, dem erweiterten Bildungsverständnis des 12. Kinder- und Jugendberichts (6) Geltung zu verschaffen und Bildungslandschaften aus der Aneignungsperspektive von Kindern, Jugendlichen und ihren Familien heraus zu konzipieren. In der Tat haben wir es hier mit einem Perspektivwechsel zu tun: Es geht nicht darum, was die gewachsenen Strukturen – zum Beispiel die Schule – brauchen, sondern was für Kinder und Jugendliche für ein gelingendes Aufwachsen erforderlich ist.
Alle an einer solchen Bildungslandschaft Beteiligten würden im Vergleich zum heutigen System profitieren, die pädagogischen Fachkräfte ebenso wie die Kinder, Jugendlichen und ihre Familien sowie die Gesellschaft insgesamt. Bisher nebeneinander existierende Systeme würden sich gegenseitig sinnvoll ergänzen. Bisheriges „Beschulen“ könnte zugunsten eines kinder- und jugendgerechten pädagogischen Handelns aufgegeben werden. Viele Menschen mit unterschiedlichen Kompetenzen können sich einbringen. So gesehen könnte einer ganzheitlichen und vielfältigen statt einer separierten und eindimensionalen Entwicklung der jungen Menschen Rechnung getragen werden.
b) Wie sollte ein qualitativ hochwertiges und für Eltern bzw. Schüler attraktives Ganztagsangebot aussehen und organisiert sein?
Gestattet sei der Hinweis unterschiedlicher Interessen bei den Eltern auf der einen und bei Kindern und Jugendlichen auf der anderen Seite. Eltern haben Interesse an einer erfolgreichen Entwicklung ihrer Kinder, darüber hinaus erwarten sie berechtigterweise Unterstützung hinsichtlich ihrer Betreuungsaufgaben; sie sollten deshalb von der schulischen wie der außerschulischen Pädagogik adäquat unterstützt werden.
Innerhalb der Institutionen sollten die Interessen der Kinder und Jugendlichen leitend sein. Der Aspekt der Freiwilligkeit ist in der Kinder- und Jugendarbeit ein einzigartiger Qualitätsindikator; diesen gilt es zu bewahren und nach Möglichkeit auszubauen. Im Forschungsprojekt „Aber so richtig lernt man eher bei der freiwilligen Arbeit“ (Zum Kompetenzgewinn Jugendlicher im freiwilligen Engagement) hat die Dortmunder Wissenschaftlerin Wibken Düx 60 Kompetenzen zusammengetragen, die kaum von formal bzw. mit Zwängen organisierten Curricula übertroffen werden dürften.
Sie führt dort u.a. an „personalen Kompetenzen“ auf: Selbstbewusstsein, Selbstständigkeit/ Selbstbestimmung, Durchhaltevermögen/ Belastbarkeit, Offenheit/ Flexibilität, Selbstreflexivität/ Selbsterkenntnis, Orientierung (persönlich, politisch, sozial, ökologisch usw.) sowie die Entwicklung von Werten. (7)
Beim Erwerb sozialer Kompetenzen geht es u.a. um Verantwortungsübernahme/ -bereitschaft, Zuverlässigkeit, Kooperationsfähigkeit, Konflikt-/ Kritikfähigkeit, Überzeugungsfähigkeit, Problemlösungsfähigkeit, Beziehungsfähigkeit, politisch-demokratische Kompetenzen, interkulturelle Kompetenz, pädagogische Kompetenz sowie Gender-Kompetenz. (8)
Unter dem Aspekt sachbezogener Kompetenzen werden kognitive, organisatorische, handwerklich-technische sowie kreativ-musisch-sportliche unterschieden. Hier einige ausgewählte Beispiele: Reflexionsfähigkeit, Allgemeinwissen, technisch-naturwissenschaftliches Wissen, politisches Wissen, Umweltwissen, Mitbestimmung, Organisationsvermögen sowie die kluge Nutzung vorhandener Strukturen/ Verwaltung.(9)
Düx betont, Lernen im genannten Kontext sei kein Selbstzweck; die Jugendlichen verfolgten nicht die Intention zu lernen oder „um für sich selbst Kompetenzen zu erwerben, sondern für ihre Aufgaben im Engagement. Anlass, Medium und Ziel des Lernens ist in der Regel die Tätigkeit. Gegenüber … schulischen Anforderungen, die sich ohne unmittelbaren Handlungsdruck vorrangig auf die Bewältigung intellektuell-kognitiver Aufgaben beziehen, bietet freiwilliges Engagement die Möglichkeit und Herausforderung, sich handelnd zu erfahren und zu bewähren.“ (10) Das, was junge Menschen „selbst handelnd gelernt, erlebt und erfahren haben, wird in weit stärkerem Maße zueigen gemacht als fremdbestimmte, vorgegebene Wissensinhalte.“ (11) Dies bestätigen die eingangs vorgetragenen Erkenntnisse der Hirnforschung.
Regelmäßig kann übrigens in der Alltagspraxis reines Erstaunen bei Lehrerinnen und Lehrern beobachtet werden, wenn sie „ihre“ Kinder – etwa bei Projekten – in der Kinder- und Jugendarbeit erfahren: „So“ haben sie sie zuvor noch nie erlebt – will sagen: Soviel Lernbegierigkeit, Neugier, Interesse und Engagement bei den ihnen Anvertrauten kannten sie bis dahin noch nicht.
Wie sich Schule und Jugendarbeit auf einem theoretischen Hintergrund ergänzen können, zeigt Düx in ihrem Forschungsprojekt ebenso auf: „Lernen ist abhängig vom subjektiven Interesse, der individuellen Motivation sowie den Erfordernissen und Anregungen in der Praxis … Für längerfristiges Lernen, insbesondere abstrakter Inhalte, genügt aber kurzfristiges Interesse häufig allein nicht. Dabei sind auch Phasen unausweichlich, in denen man etwas lernt, was nicht von vornherein und in sich interessant ist. Ein solches Lernen ist im freiwilligen Engagement eher selten.“ (12)
Die Enquete-Kommission „Chancen für Kinder“ des nordrhein-westfälischen Landtags räumt vor diesem Hintergrund der Kinder- und Jugendarbeit den Rang einer „Brückeninstanz“ ein. Ihr Stellenwert sei deutlich zu verstärken. Kinder- und Jugendarbeit sei eine „entscheidende Ressource“ zur Entwicklung der Persönlichkeit junger Menschen. (13)
Ein zukunftsweisender, qualitativ hochwertiger und attraktiver Ort für Kinder und Jugendliche sowie deren Eltern kann nur gelingen, wenn er sich einerseits an den Interessen der direkt oder indirekt Beteiligten orientiert, wenn die Angebote über ein Höchstmaß an Anziehungskraft verfügen und in gleichberechtigten Teams eine Partnerschaft organisiert worden ist, in der es nicht mehr nötig ist, über „Augenhöhe“ zu schwadronieren.
Das Bundesjugendkuratorium zeigt drei Ebenen der Bildung auf:
• informelle
• nichtformale und
• formelle Bildung.
Gleichzeitig wird gefordert, diese drei Ebenen als gleichberechtigt anzuerkennen. (14) Festgestellt wird außerdem, dass Bildung stets ein Prozess des sich bildenden Subjekts sei und immer auf die Selbstbildung abziele. In diesem „eigensinnigen“ Prozess, dem grundlegende Bedeutung für die Entwicklung des Subjekts sowie für sein Hineinwachsen in Kultur und Gesellschaft beigemessen wird, geht es um die Anregung aller Kräfte, nämlich der kongnitiven, sozialen, emotionalen und ästhetischen. Ferner geht es dabei um die Aneignung der Welt: Fremdes wird in Eigenes verwandelt. (15) Eine solche Aneignung entsteht nur durch Handlung und Erfahrung; sie kann nicht unterrichtet werden. (16) Schließlich muss noch auf die Entfaltung der Persönlichkeit hingewiesen werden, die Quelle der Individualitätsentwicklung sowie der emanzipatorischen Tradition der Bildung. (17)
Vor diesem Hintergrund konstatiert die Enquetekommission „Chancen für Kinder“ des nordrhein-westfälischen Landtags, Erziehung, Bildung und Betreuung könnten nur dann optimal wirken, wenn Beiträge der non-formalen und informellen Bildung anerkannt, wertgeschätzt und in den Bildungsprozessen berücksichtigt würden. Insgesamt sei der Zugang zu non-formalen Bildungsangeboten für die Entwicklung der jungen Leute („Schülerinnen und Schüler“) von bedeutendem Einfluss; insbesondere für Kinder aus bildungsfernen Schichten sei dies ein erforderlicher Qualitätsschritt. (18) Die Kommission folgert daraus, Kinder und Jugendliche müssten „auch bei einem Ausbau von Ganztagsangeboten die Möglichkeit haben, außerhalb von Schule am Nachmittag selbstbestimmt non-formale Bildungsangebote zu nutzen“. (19)
Mit Blick auf zu schaffende Bildungslandschaften stellt die Enquetekommission fest, die derzeitige Präsenz der Kinder- und Jugendarbeit reiche nicht aus, wenn sie diese bereichern solle. Erinnert sei hier an den atemberaubenden Abbau der Standards in der Kinder- und Jugendarbeit zwischen 2002 und 2008. So verfügen beispielsweise nur noch 21 Prozent der Beschäftigten über eine Vollzeitstelle. Zu diesem Abbau und dem generellen Rückgang der Maßnahmen in der Kinder- und Jugendarbeit bemerkt die Enquetekommission, es sei zu befürchten, die Struktur des Arbeitsfeldes könne zerbrechen. Somit würde die neue Verbindung von Jugendhilfe und Schule im Sinne einer ganzheitlichen Bildung eine ihrer wichtigsten Grundlagen einbüßen. Hier gelte es, sich neu aufzustellen. (20)
c) Welche Probleme und Hemmnisse bestehen bei der Einbindung der Offenen Jugendarbeit?
Die Stärken der Offenen Arbeit hat Prof. Dr. Franz Josef Krafeld kürzlich auf einer Fachtagung des Niedersächsischen Landesamtes für Soziales, Jugend und Familie griffig zusammengefasst. (21) Er nennt dort u.a.
• Professionelle Beziehung als Grundlage der Arbeit
• Wertschätzung und Respekt als Selbstverständlichkeit
• Subjektorientierung als Grundprinzip
• Ernstnehmen informeller Alltagswelten
• Förderung jugendkultureller Entfaltung
• Souveränität im Umgang mit unstrukturierten Situationen
• Vielfalt informeller Lernmöglichkeiten
• Förderung sozialer Vernetzung
• Wenig verregelte Räume
• Stützpunkte zur Aneignung bzw. Wiederaneignung von Umwelt
• Expertenkompetenz für das Aufwachsen junger Menschen
• Expertenkompetenz für informelles Lernen, Alltagslernen und soziales Lernen
• Ausrichtung auf die aktuellen Lebensbedingungen junger Menschen
• Eignung für Konfliktmediation im sozialen Umfeld
Ohne die mannigfaltigen Kompetenzen junger Menschen zu würdigen, herrscht in der westlichen Welt nicht selten ein abgrundtiefes Misstrauen der Erwachsenenwelt gegenüber Kindern und Jugendlichen, was besonders am Beispiel der Schule deutlich wird. Vor diesem Hintergrund wird ihnen häufig – allem Partizipationsgerede zum Trotz – kein Subjektstatus zugebilligt, wie man dies in einer demokratischen Gesellschaft erwarten dürfte. Im Denken werden Kinder und Jugendliche als defizitäre und zu formende Objekte betrachtet, als leere Gefäße, die es zu füllen gelte. Interessanterweise greift dieser Unfug auch an einigen Stellen in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit um sich; dies vor allem in der Folge des „schlechten Abschneidens“ von Deutschland in den diversen PISA-Studien und mehr noch mit zunehmender Umwandlung von Vormittagsschulen zu offenen Ganztagsschulen. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass es hier an fachlichem Augenmaß und entsprechender Professionalität mangelt. Mehr jedoch dürfte hier die Angst um die schlichte Existenz der Kinder- und Jugendarbeit als qualitativ hochwertiges Angebot die Triebkraft sein. So erfüllt sich mancherorts ohne aktuell erkennbaren äußeren Grund das mittlerweile geflügelte Wort „Alles, was Schule anpackt, wird zu Schule“ geradezu als sich selbst erfüllende Prophezeiung.
Aufgabe beim Ausbau von Ganztagsangeboten und Aufbau kommunaler Bildungslandschaften hingegen muss sein, Transparenz herzustellen, einander zuzuhören, gleichberechtigte Partnerschaften aufzubauen sowie die jeweils bislang unterschiedlichen Disziplinen vorbehaltenen Qualitäten zu erkennen und auszubauen. Im Grunde geht es darum, eine völlig neue pädagogische Qualität, ein neues pädagogisches Lebens- und Lernkonzept für Kinder, Jugendliche und ihre Familien zu entwickeln.
Mittlerweile taucht allenthalben in Politik und Fachwelt der Begriff „Inklusion“ auf, dies maßgeblich infolge der UN-Behindertenrechtskonvention (2008) (22), obwohl in der deutschen Übersetzung der Begriff, abweichend von der Originalfassung, fälschlicherweise mit „Integration“ übersetzt wird. Zu beobachten ist, dass der Begriff „Inklusion“ in erster Linie in schulischen Zusammenhängen und im Kontext mit behinderten Menschen benutzt wird und zumeist auch dahingehend verstanden werden will. Diese Zwischenbemerkung sei gestattet, da Inklusion weit mehr erfasst, etwa mit Blick auf Migranten, Hartz IV-Empfänger und anderes mehr, mit anderen Worten: soziale Inklusion ist ein gesamtgesellschaftlicher Auftrag bei der Entwicklung eines demokratischen Gemeinwesens. Das Konzept der Offenen Arbeit ist traditionell ein inklusives. Dies gilt es einerseits zu erhalten, andererseits kann Schule hiervon fachlich profitieren.
Zwischen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit und der Schule gibt es seit längerer Zeit eine Vielfalt von Kooperation. Verlässliche Erkenntnisse hierzu liefert die Studie „Entwicklung der Offenen Kinder- und Jugendarbeit durch die Kooperation mit Schule“ von Prof. Dr. Ulrich Deinet und Dr. Maria Icking vom Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften der Fachhochschule Düsseldorf. Ulrich Deinet hat sich darüber hinaus auf vielfache Weise mit dem Thema befasst. Die Etablierung von Offener Arbeit in schulischen Zusammenhängen unterscheidet sich deutlich von Schulsozialarbeit, denn diese steht im Vordergrund, wenn es um problemorientierte Themen geht. (23) In einem solchen Fall sollte die Offene Arbeit der falsche Partner sein. Bezogen auf die Offene Arbeit mit Kindern stellt Ulrich Deinet fest, diese sei nicht-formelle Bildung und stelle entsprechende Räume zur Verfügung, die häufig im Umfeld gegenwärtiger Kinder zum größten Teil verloren gegangen seien. (24) Er zitiert aus der Öffentlichkeitsarbeit des Bauspielplatzes der Ruhrwerkstatt Oberhausen, worum es unter anderem geht: „Hütten bauen, Feuer machen, Freundschaften schließen, klönen und schwatzen, hämmern und sägen, spielen und basteln, matschen und planschen, toben und Krach machen und vieles mehr.“ (25) Und er kommt zu dem Schluss, das ginge auch mit der Schule, wenn diese die Dimensionen sehe und verstehe, „dass die Gestaltung von Schule als Lebensort eine große Bedeutung auch für das Kerngeschäft der Schule hat: die formelle Bildung!“ (26)
Ziel der erwähnten Studie waren repräsentative Ergebnisse bezogen auf die Einrichtungen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit in Nordrhein-Westfalen. (27) Demnach kooperierten zum Untersuchungszeitraum 2007/2008 mehr als 70 Prozent der Einrichtungen länger als fünf Jahre mit Schulen. Die fortschreitende Entwicklung ist gut zu erkennen, denn länger als zehn Jahre bestand eine Zusammenarbeit „nur“ – aber immerhin! – bei knapp 24 Prozent. Interessant vor allem die Anlässe, aus denen heraus die Zusammenarbeit zustande kam: Die weitaus meisten Nennungen geben an, den Bedarf bei den Kindern und Jugendlichen aufgespürt zu haben (57,6 Prozent), gefolgt von Anfragen aus der Schule (54,5 Prozent), Initiativen des Trägers (44,9 Prozent) und Initiativen bzw. Auftrag des Jugendamtes (34,3 Prozent). Nach entsprechenden Wünschen der Jugendlichen gefragt, werden deutlich weniger Angaben gemacht (13,1 Prozent), ebenso bei solchen der Eltern (10,1 Prozent) sowie bei Anfragen des Schulträgers (10,6 Prozent). Fast die Hälfte der offenen Einrichtungen kooperiert sowohl im Rahmen des Ganztags wie auch außerhalb desselben. 56,3 Prozent engagieren sich im Zusammenhang mit offenen Ganztagsgrundschulen und 35,6 Prozent im normalen Alltagsbetrieb.
Wie auch schon anhand einiger zuvor angeführter Zahlen erahnt werden konnte (Bedarf bei Kindern und Jugendlichen, Anfragen aus der Schule), spielte inhaltlich die Schulaufgabenhilfe (Hausaufgabenbetreuung) eine herausragende Rolle (Primarstufe: 33 Prozent; Sekundarstufe: 75,6 Prozent). Hier muss klargestellt werden, dass dies perspektivisch keine originäre Aufgabe der Offenen Arbeit sein kann und darf; als Starthilfe für eine Zusammenarbeit mag sie akzeptiert sein.
Eine ähnlich große Rolle spielt das Mittagsessen; es wird für die Primarstufe zu 27,3 Prozent und für die Sekundarstufe zu 66,7 Prozent genannt. Des Weiteren spielen inhaltlich Sport und Bewegung, musisch-künstlerische Angebote, neue Medien, technisch-naturwissenschaftliche Angebote, soziales und interkulturelles Lernen, geschlechtsspezifische Angebote, Lern- und Sprachförderung und naturgemäß Ferienangebote eine wichtige Rolle. Ein interessantes und vielleicht überraschendes Schlaglicht wirft die Studie auf den normalen Alltag der Offenen Einrichtungen: Immerhin zu 63,6 Prozent bezogen auf die Primarstufe und zu stattlichen 83,3 Prozent bezogen auf die Sekundarstufe wird angegeben, der offene Bereich, z.B. das freie Spielen, sei von inhaltlicher Bedeutung, Zahlen, die die Bereitschaft der Offenen Arbeit, sich in schulische Kontexte einbinden zu lassen, eindrucksvoll bestätigen.
Leider liegen keine Zahlen aus Sicht der Schule vor. Es kann allerdings angenommen werden, dass diese deutlich geringer ausfallen.
Die Kinder- und Jugendarbeit ist gegenwärtig nicht in der Lage, sich flächendeckend in den schulischen Ganztag einzubringen. Dazu fehlen ihr die erforderlichen Ressourcen. Deutlich wird dies etwa schon allein durch die Tatsache, dass hier eine Fachkraft auf 130 Kinder und Jugendliche kommt. In der Schule kommt auf 14 Kinder und Jugendliche ein Lehrer bzw. eine Lehrerin. Abgesehen von fachlichen Sichtweisen und Konzepten, die hier zum Teil bereits thematisiert wurden und die insgesamt auf mittlere Sicht hin zu einem kinder-, jugend- und familiengerechten pädagogischen Gesamtkonzept entwickelt werden müssen, benötigt die Kinder- und Jugendarbeit eigenes Geld, um ihre non-formalen Bildungsangebote durchführen zu können. Wichtig wäre es, dass sie, sofern ihre Angebote in der Schule stärker etabliert werden sollen, eine angemessene Bezuschussung durch das Schulministerium erhalten. Dies bezieht sich auf die Förderung von Personal, Inventar und Projekten. Bedacht werden muss ebenso die zurzeit völlig unzureichende Situation in zahlreichen Schulen. Angesprochen sind hier die Räumlichkeiten sowohl in den Gebäuden als auch häufig im Außenbereich und die ungenügende Ausstattung des Ganztags mit qualifiziertem Fachpersonal, Finanzen und Material. (28) Ein weiteres Problem ergibt sich aus der unterschiedlichen strukturellen Anbindung von Schulen und der Kinder- und Jugendarbeit, wie bereits erwähnt. Perspektivisch würde es sinnvoll sein, die Schulen – der Offenen Kinder- und Jugendarbeit vergleichbar – zu kommunalisieren.
Ulrich Deinet teilt die geäußerten Ansichten seinerseits. Er stellt fest, dass 75 Prozent der Offenen Einrichtungen mit der Schule „ins Geschäft“ kommen wollten, allerdings fehle es an einer verlässlichen finanziellen Förderung. Ferner mangele es an der erforderlichen Flexibilität innerhalb des klassischen Schulbetriebs. Hierbei spricht er insbesondere die zeitliche Dimension an. Als weiteres Hemmnis schließlich führt er eine fehlende Anerkennung und Wertschätzung der Offenen Arbeit an. Offene Kinder- und Jugendarbeit sei unter dem Strich ein idealer Partner von Schule, wenn es um die Neugestaltung von Schulen als Lebensort und um ihre Öffnung in Richtung Sozialraum und Lebenswelten gehe. Erforderlich sei, dass beide Partner die Bedeutung dieser Prozesse erkennt und diese auch gewollt seien. Bei allem müsse die Arbeit mit den Kindern ihr Profil erhalten. (29) Daraus folgt, dass es perspektivisch auch zu einer formalen und strukturellen Gleichberechtigung der bislang unterschiedlichen Ebenen, die in der Schule miteinander agieren, kommen muss.
Wie aufgezeigt, ist mittlerweile ein beachtlichter Teil der Offenen Kinder- und Jugendarbeit in Sachen Schule „unterwegs“. Innerhalb des ABA Fachverbandes gibt es diverse Träger, die Konzeptionen und Programme auf einem hohen Niveau organisieren. Diese werden nicht nur für sich erfolgreich wirksam, sondern sind darüber hinaus geeignet, die eingeforderte Fortentwicklung einer pädagogischen Gesamtkonzeption günstig zu beeinflussen.
Ein Beispiel hierfür ist etwa der im ABA Fachverband organisierte „Evangelische Verein zur Förderung von Schülerinnen und Schülern in Oberhausen“, der mittlerweile sieben Grundschulen im Ganztag organisiert; 635 Kinder werden augenblicklich erreicht. Nach Auskunft des Trägers sind es vor allem die gemeinsamen Erfahrungen, die dazu beitragen, die Qualität der Arbeit sukzessive zu verbessern. Nach wie vor allerdings werden die größten Hemmnisse in einer unzureichenden Förderung gesehen.
Ein weiteres erfolgreiches Beispiel ist das der Jugendfarm Bonn e.V., ebenfalls anerkannter freier Träger der Kinder- und Jugendarbeit. Für die Jugendfarm Bonn war die Kooperation mit Schule von Anfang an eine tragende Säule. Bereits im Jahr 1985 – die Jugendfarm hatte gerade ihren Betrieb aufgenommen – bildeten 24 Schüler und Schülerinnen der benachbarten Gesamtschule Bonn-Beuel eine Arbeitsgemeinschaft und leisteten Pionierarbeit zum Ausbau der Jugendfarm. Grundlegender Gedanke bei diesem Kooperationsprojekt war, dass Schule und Jugendfarm viele gemeinsame Ziele im Sozialisierungsprozess der Kinder haben, jedoch die Jugendfarmarbeit so manches bietet, was Schule nicht hat. Besonders die gestaltbaren und veränderbaren Freiräume bieten im Vergleich zum schulischen Kontext mehr sinnliche und Phantasie fördernde Spielanreize.
Mit dem Ziel einer langfristigen Sicherung der Arbeit auf der Jugendfarm wurde bereits 1992 ein Konzept der Ganztagsbetreuung diskutiert. Erste Verhandlungen mit dem Jugendamt im darauf folgenden Jahr führten zu neuen Angeboten für Schulklassen und Kindergärten. Zehn Jahre später entstanden dann die ersten Betreuungsangebote an Schulen (30) und auf dem Spielplatz Finkenweg, einem pädagogisch betreuten Spielplatz in Trägerschaft der Jugendfarm.
Die Betreuungsangebote an den beiden Schulen mündeten 2005 in der Offenen Ganztagsgrundschule; zwischen 2006 und 2008 etablierte sich die Jugendfarm neben diesen beiden Schulen erfolgreich als Träger des Offenen Ganztags an sechs weiteren Grundschulen (31) und an einer Förderschule. (32) 2009 stieg die Jugendfarm auch in die Betreuungsangebote an drei weiterführenden Schulen (33) ein. Zum Schuljahr 2010/11 konnte eine Kooperation mit einem weiteren Gymnasium vereinbart werden. (34)
Die Kooperationsprojekte der Jugendfarm Bonn mit Schulen umfassen aktuell – wie aufgezeigt – verschiedene Angebote an Schulen sowie die Erlebnistage als Angebot außerschulischen Lernens. Die Jugendfarm strebt die Zusammenarbeit mit Schule vorrangig an Standorten an, an denen im Idealfall die Möglichkeit einer Kooperation der Schule mit ihren Einrichtungen bzw. Plätzen der Offenen Arbeit gegeben ist oder die räumlichen Voraussetzungen dafür bestehen, die Angebote der Offenen Arbeit langfristig an der Schule zu integrieren. Letzteres ist von Bedeutung, da nur wenige Schulen – wie etwa die Marktschule in Bonn-Pützchen – in der Nähe der Jugendfarm liegen und damit eine Nutzung des Jugendfarm-Geländes mit seinen besonderen Lern- und Erfahrungsmöglichkeiten in den schulischen Alltag integrieren können.
Somit engagiert sich die Jugendfarm seit geraumer Zeit für die Einrichtung eines Bauspielplatzes an der Schule. In anderen Kommunen in Nordrhein-Westfalen (35) ist dieses Konzept bereits erfolgreich umgesetzt worden. Zusammen mit einer Mitarbeiterin des Städtischen Gebäudemanagements hat sich die Jugendfarm in Oberhausen Anregungen geholt, wie das Konzept auch unter dem Aspekt der Sicherheitsauflagen der Stadt Bonn möglich gemacht werden könnte. Bereits im Schuljahr 2008/2009 begann die Suche nach einem Platz, der vom öffentlichen Schulhof durch einen entsprechend hohen Zaun abgetrennt ist, keine direkte Nähe zu den anliegenden Nachbarn aufweist und zudem auch keinen unmittelbaren Einblick für vorbeiziehende Passanten bietet.
An der Robert-Koch-Schule in Bonn-Pennenfeld lag es aufgrund des bereits bestehenden Schulgartens auf der Hand, dieses Vorhaben zu realisieren. Die nötige Wiederinstandsetzung der bestehenden Umzäunung verzögert die Umsetzung aktuell noch auf unbestimmte Zeit.
An der Engelsbachschule in Bonn-Ippendorf liegt nach einem längeren Diskussionsprozess ein Votum der Schulkonferenz vor, worin sich die Schule klar für eine Umwandlung der angrenzenden Wiese in einen Natur- und Erlebnisraum ausgesprochen hat. Ein Bauwagen ist bereits organisiert und das Städtische Gebäudemanagement hat dessen Aufstellung bewilligt. Die genaue Gestaltung der Wiese soll maßgeblich von den Interessen der Kinder beeinflusst werden. Dennoch ist dieser Gestaltungsprozess von einem längeren Aushandlungsverfahren mit der Stadt und den direkten Nachbarn abhängig. Und ohne einen Sponsor, der die Aufstellung eines Zauns in vorschriftsmäßiger Höhe finanziert, wird das Projekt ebenfalls scheitern.
Schule funktioniert nach eigenen Regeln. Es wird nicht möglich sein, Schule in einen Abenteuer- und Bauspielplatz zu verwandeln, sehr wohl aber durch einen solchen zu ergänzen, wie auch das erwähnte Beispiel der Laborschule Bielefeld belegt. In Bonn wird die Jugendfarm im anstehenden Aushandlungsverfahren gemäß Karlheinz Thimm, Professor für Soziale Arbeit an der Evangelischen Fachhochschule Berlin, die Rolle eines „produktiven Fremdkörpers an Schule mit Strahleffekten“ (36) übernehmen und damit „zur Überprüfung schulischer Üblichkeiten einladen: den Inhalten, den Zielen, den Methoden, dem Umgang mit Zeit, der Herrichtung von Räumen, der Gestaltung von Beziehungen.“ (37) Dieser Prozess soll im Idealfall über drei Jahre professionell begleitet und im Sinne eines Modelprojektes unter dem Motto „Offene Arbeit gestaltet Räume in der kommunalen Bildungslandschaft“ besonders gefördert werden. Die dafür nötigen Ressourcen sind im Rahmen eines breit angelegten Projektes von der AGOT NRW, der der ABA Fachverband angehört, beim Land beantragt worden.
Die Erfahrungen, die bislang gemacht wurden, sind – wie aufgezeigt – nicht nur kritikwürdig, sondern machen auch Mut. Bezogen auf die Offene Arbeit konnte Ulrich Deinet diverse Vorteile ausmachen. So geben 64,2 Prozent der Einrichtungen an, durch die Kooperation mit Schulen seien sie im Stadtteil, ergo im Sozialraum, stärker vernetzt. (38) Dieser Aspekt kommt einer Qualitätsentwicklung im Ganztag sehr entgegen, wenn man davon ausgeht, dass es sich dabei nicht um einzelne Schulen handelt, sondern die Angebote im Sozialraum einrichtungs- und auch schulübergreifend angesiedelt sind. Erfolgreiche Konzepte organisieren ein handlungsorientiertes Angebot. Wie das dokumentierte Beispiel aus Bonn aufzeigt, ist es sinnvoll, an möglichst vielen Schulen Abenteuer- und Bauspielplätze zu organisieren. Kultur- und andere Projekte werden perspektivisch gesehen unhinterfragter Alltag in solchen neu zu schaffenden Lebens- und Lerneinrichtungen, in den „Treibhäusern der Zukunft“, wie sie der Schulexperte Reinhard Kahl bezeichnet. Erleben und Aneignen werden zentrale didaktische Elemente – Unterricht wird infolgedessen für alle Beteiligten befriedigender, da er nicht mehr losgelöst vom Alltagshandeln stattfinden muss, sondern dieses sinnvoll ergänzt. Nicht übersehen werden darf allerdings, dass es sich bei den erwähnten Beispielen nach wie vor um Einzelfälle handelt. Eine flächendeckende Realisierung von „Treibhäusern der Zukunft“ erfordert – wie bereits mehrfach betont – einen gewaltigen personellen Einsatz und massive finanzielle Unterstützung.
Im Sinne von Qualitätsentwicklung ist es mittelfristig erforderlich, auch die Ausbildung künftigen pädagogischen Fachpersonals den geschilderten und weiterhin beabsichtigten Veränderungen verstärkt anzupassen. Dies bezieht auch die Notwendigkeit mit ein, das bislang völlig unterschiedliche Gehaltssystem der pädagogischen Fachkräfte einander stärker anzugleichen. (39)
6. April 2011
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Fußnoten
1. vgl. Rainer Deimel: Über die Unmöglichkeit, objektiv zu urteilen – Zur Klärung eines Paradoxons
2. Heinz von Foerster/Bernhard Pörksen: Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners. Gespräche für Skeptiker. Carl-Auer-Systeme Verlag, Heidelberg 1998, Seite 66
3. ebenda, Seite 67
4. Gerhard Roth: Bildung braucht Persönlichkeit – Wie Lernen gelingt, Stuttgart 2011
5. Reinhard Kahl: Vortrag auf dem Bochumer Bildungskongress am 17. Februar 2011
6. 12. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung, Bericht über die Lebenssituation junger Menschen und die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland, München 2005
7. vgl. Wibken Düx: „Aber so richtig für das Leben lernt man eher in der freiwilligen Arbeit“ – Zum Kompetenzgewinn Jugendlicher im freiwilligen Engagement, in: Thomas Rauschenbach/ Wiebken Düx/ Erich Sass (Hg.): Informelles Lernen im Jugendalter, Weinheim und München 2008, 210 ff.
8. vgl. ebenda
9. vgl. ebenda
10. Düx, a.a.O., S. 231
11. ebenda, S. 232
12. ebenda, S. 237
13. vgl. Präsidentin des Landtags Nordrhein-Westfalen: Chancen für Kinder. Rahmenbedingungen und Steuerungsmöglichkeiten für ein optimales Betreuungs- und Bildungsangebot in Nordrhein-Westfalen. Bericht der Enquetekommission, Düsseldorf 2008
14. Bundesjugendkuratorium: Zukunftsfähigkeit sichern! – Für ein neues Verhältnis von Bildung und Jugendhilfe (2001), in: R. Münchmeier, Hans-Uwe Otto und Ursula Rabe-Kleeberg (Hg.): Bildung und Lebenskompetenz. Kinder- und Jugendhilfe vor neuen Aufgaben, Opladen 2002
15. vgl. ebenda
16. Bundesjugendkuratorium: „Sie meint nicht ein von außen Hineinstopfen vorbestimmter ‚Bildungsinhalte’. Bildung kann nicht erzeugt oder gar erzwungen, sondern nur angeregt und ermöglicht werden.“
17. vgl. Bundesjugendkuratorium, a.a.O.
18. vgl. Präsidentin des Landtags Nordrhein-Westfalen: Chancen für Kinder, a.a.O., S. 187
19. ebenda
20. ebenda, S. 68
21. Franz Josef Krafeld: Stärken Offener Jugendarbeit, Input beim 19. Forum Jugendarbeit des Niedersächsischen Landesamtes für Soziales, Jugend und Familie, 4.-6. Januar 2011, Manuskript)
22. Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen
23. vgl. Ulrich Deinet, in: http://www.lwl.org/lja-download/datei-download2/LJA/jufoe/983524482/070903-05/1212643796_0/Deinet_Witten.pdf
24. vgl. ebenda
25. ebenda
26. ebenda
27. Ulrich Deinet: Vortrag zum Thema
28. Hierauf wurde erst kürzlich erneut in der Sendung Westpol am 6. März 2011 hingewiesen.
29. Mündlicher Vortrag Ulrich Deinet
30. Gartenschule in Bonn-Beuel und Marktschule in Bonn-Pützchen
31. Pleiser Wald Schule in Sankt Augustin-Niederpleis, Robert-Koch-Schule in Bonn-Pennenfeld, KGS Laurentiusschule in Bonn-Lessenich, KGS Engelsbachschule in Bonn-Ippendorf, Gotenschule in Bonn-Plittersdorf und EGS/KGS in Sankt Augustin-Hangelar
32. Gutenbergschule in Sankt Augustin-Ort
33. Realschule in Bonn-Beuel, Theodor-Litt-Schule in Bonn-Kessenich und Beethoven-Gymnasium in Bonn-Zentrum
34. Friedrich-Ebert-Gymnasium in Bonn-Kessenich
35. vgl. genanntes Beispiel der Evangelischen Jugend in Oberhausen
36. Karlheinz Thimm: Jugendarbeit im Ganztag der Sek.I-Schule (Arbeitshilfe 1 in der Reihe der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung im Rahmen von „Ideen für mehr! Ganztägig lernen.“, Berlin 2005, S. 18
37. ebenda
38. Des Weiteren werden an Veränderungen unter anderem genannt: Neue Zielgruppen, höhere Anerkennung der Arbeit durch die Eltern, Stärkung der jugendpolitischen Bedeutung sowie höhere Arbeitszufriedenheit.
39. Dies fordert zum Beispiel auch der bekannte Erziehungswissenschaftler Prof. (em.) Peter Struck (Universität Hamburg).
Über die Unmöglichkeit, objektiv zu urteilen – Zur Klärung eines Paradoxons
Von Rainer Deimel

„Wenn wir von Glück oder Unglück sprechen, so täuschen wir uns stets, weil wir nach den Verhältnissen und nicht nach den Personen urteilen. Eine Lage ist nie unglücklich, wenn man Gefallen an ihr findet. Und wenn wir von einem Menschen sagen, er sei unglücklich in seiner Lage, so meint dies nichts anderes, als dass wir unglücklich wären, wenn wir bei unserer organischen Beschaffenheit an seiner Stelle wären.“
In dieser Weise skizzierte der französische Schriftsteller und Staatsphilosoph Charles-Louis de Secondat Montesquieu (1689 – 1755) das hoffnungslose Unterfangen zu glauben, mit der Verabsolutierung einer bestimmten Sichtweise wäre man der Wahrheit näher gekommen. Beim Klatsch in einer Kaffeerunde dürften derartige Verlautbarungen – individuellen Sichtweisen entstammend – nicht weiter problematisch sein. Dramatisch wird es, wenn solche Sichtweisen zu Urteilen formalisiert werden, wenn sie möglicherweise über Wohl und Wehe eines Individuums mit weitreichenden Konsequenzen entscheiden.
Beschäftigen wir uns also zunächst mit den Urteilen. Wir kennen den Begriff einerseits aus dem Recht, andererseits aus der Logik. Das Fällen eines Urteils in der Rechtsprechung unterliegt einigen Formvorschriften, etwa dem Urteilseingang (Rubrum = an die Spitze eines Schriftstücks gestellte Bezeichnung der Sache (1), der Urteilsformel (Tenor = der entscheidende Teil des Urteils (2), dem Tatbestand und den Entscheidungsgründen. Es gibt auch Verfahren, denen eine Rechtsmittelbelehrung hinzugefügt wird. In der Regel sind gegen Urteile der Rechtsprechung Rechtsmittel – wie Beschwerde, Berufung oder Revision – zulässig. Das Urteil wird erst dann rechtskräftig, wenn die Rechtsmittelfristen abgelaufen sind. Derart formale Kontexte sind in unserem Alltagserleben eher selten, wenngleich man ihnen nahezu tagtäglich begegnen kann. Formalisierte Urteile gibt es ferner in Prüfungszusammenhängen (Führerschein, Ausbildung, Hochschule usw.), insbesondere erleben wir sie beständig in der unterrichtlichen Praxis der Schule. Während das formalisierte Urteil etwa beim Erwerb des Führerscheins nur „bestanden“ oder „nicht bestanden“ lautet (ähnliche Verfahrensweisen sind auch aus Hochschulen bekannt), ein Urteil vor Gericht mithilfe der beschriebenen Rechtsmittel zu weiteren Verhandlungen und damit zu neuen Abwägungen und deshalb zu einem neuen, geänderten Urteil führen kann, scheint das Urteil einer Schule so etwas wie ein unabwendbares Schicksal zu bedeuten.
Die traditionelle Logik begreift unter einem Urteil einen Satz, der das Bestehen oder das Nichtbestehen eines Sachverhaltes behauptet. Auf dieser Ebene haben wir es mit bejahenden (affirmativen) oder verneinenden (negativen) Urteilen zu tun. Denkbar ist auch, zu einem Urteil zu gelangen, indem man eine Synthese bildet. Laut Kant findet dabei eine Verknüpfung der Wahrnehmungen, Vorstellungen und Begriffe zu einer Erkenntnis statt (Synthesis). Allgemein gesprochen ist ein Urteil somit eine Entscheidung über einen bestimmten Sachverhalt oder Erkenntnisgegenstand. (3)
Urteile in der Schule werden Noten oder Zensuren genannt. „Note“ ist abgeleitet vom lateinischen Begriff „nota“ (Merkmal). Der Begriff „Zensur“ (lateinisch „censura“) findet seinen Ursprung im „censor“, einem römischen Beamten, dessen Aufgabe das Schätzen (censere = schätzen) von Vermögen war. Zensuren oder Noten werden in unterschiedliche Kategorien eingeteilt. In Deutschland haben wir es in der Regel (4) mit einem Ziffernsystem zu tun. Eine 1 bedeutet „sehr gut“, eine 2 „gut“, eine 3 „befriedigend“, eine 4 „ausreichend“, eine 5 „mangelhaft“ und eine 6 „ungenügend“. Nicht zufällig wird Zensur auch als Synonym für staatliche Überwachung und Unterdrückung – zumeist im Zusammenhang von Veröffentlichungen – benutzt.
Die Sinnverwandtschaft respektive Bedeutungsähnlichkeit der Begriffe „Urteil“, „Note“ und „Zensur“ dürfte also auf der Hand liegen. Interessant hierbei, dass dem Urteil in der Regel ein Vorurteil immanent ist. Dass jemand in der Lage sei, seine Umwelt vorurteilsfrei zu beobachten, kann inzwischen getrost als Ammenmärchen angesehen werden. Vorurteile entstehen bisweilen durch schnelle Schlüsse, regelmäßig durch unhinterfragte Annahmen, religiöse, moralische und kulturelle Vorstellungen. Vorurteile sind nicht nur überaus menschlich, sondern durchaus auch hilfreich, etwa in Situationen, in denen man Unangenehmes erlebt. Sie dienen dem Abbau von Unsicherheit in sozialen Handlungsfeldern und führen zur Entlastung des Urteilenden in Angstsituationen mangels Orientierung. (5) Vorurteile haben eine ähnliche Funktion wie eine Haftpflichtversicherung: sie sichern menschlichen Individuen das Recht auf Unbedachtsein, ein Recht, das niemandem abgesprochen werden darf. Der Mensch mutierte dann zur Maschine. Gewiss bergen Vorurteile auch immense Gefahren, vor allem wenn sie kollektive Ausmaße annehmen. Deutlich wird dies etwa bei Erscheinungen wie Rassismus, Antisemitismus und anderen Ismen. Allerdings: Sich als vorurteilsfrei bei der Beurteilung eines Umstandes zu begreifen, dürfte eine schwere Fehleinschätzung sein, hieße dies doch, sich als objektiv im traditionellen Sinne zu verorten.
Urteile der Schule implizieren in der Regel, sie entstünden unter einem objektiven Aspekt; objektiv steht hier im Gegensatz zu subjektiv. Mit derartigen Phänomenen hat sich unter anderem Niklas Luhmann befasst. Für ihn waren Objektivität und Subjektivität keine Gegensätze, sondern vergleichbare Begriffe in verschiedenartigen Systemen. Demnach ist objektiv, „was sich im Kommunikationssystem (= Gesellschaft) bewährt, subjektiv ist, was sich im einzelnen Bewusstseinssystem (grob gesprochen: im Kopf eines Menschen) bewährt. Bewusstseinssysteme können dann ‚subjektiv das für objektiv halten, was sich in der Kommunikation bewährt, während die Kommunikation ihrerseits Nicht-Zustimmungsfähiges als subjektiv marginalisiert’.“ (6)
Die chilenischen Biologen Humberto R. Maturana und Francisco J. Varela führen aus: „Dies ist wie eine Gratwanderung. Auf der einen Seite droht die Gefahr, dass wir kognitive Phänomene unmöglich verstehen können, wenn wir eine Welt von Objekten annehmen, die uns informieren, da es in der Tat keinen Mechanismus gibt, der solch eine ‚Information’ möglich macht. Zur anderen Seite eine andere Gefahr: das Chaos und die Willkür der Nicht-Objektivität, in der alles möglich erscheint. Wir müssen lernen, auf der Mittellinie zu bleiben, auf dem Grat selbst zu wandern (7) … und vermeiden, in eines der Extreme – das repräsentationistische (Objektivismus) oder das solipsistische (Idealismus) – zu verfallen.“ (8) Maturana spricht einerseits von einer „Objektivität ohne Klammern“; hierbei werde eine beobachterunabhängige Existenz der Objekte vorausgesetzt, die erkannt werden könne. Er versteht hierin eine „fraglose, auf Unterwerfung zielende Gültigkeit“. (9) Dies führe zu einer Negierung all derjenigen, die den „objektiven“ Feststellungen nicht zustimmten. Alternativ dazu beschreibt er eine „Objektivität in Klammern“: „Das Sein konstituiert sich durch das Tun des Beobachters.“ (10) Folge man diesem Erklärungswege, werde einem bewusst, dass man sich nicht im Besitz der Wahrheit befände. Vielmehr erkenne man, dass es zahlreiche mögliche Realitäten gebe. Jede dieser Realität sei legitim und gültig, wenn auch nicht in gleichem Maße wünschenswert. Im Gegensatz zur „Objektivität ohne Klammern“ verzichte man bei der „Objektivität in Klammern“ auf die Unterwerfung anderer, man höre zu, wünsche die Zusammenarbeit, suche das Gespräch und wolle herausfinden, „unter welchen Umständen das, was der andere sagt, Gültigkeit besitzt. Als wahr erscheint eine Aussage dann, wenn sie den Validitätskriterien des jeweiligen Realitätsbereichs genügt.“ (11) Objektivität schafft eine Realität, (Objektivität) in Klammern erzeugt viele Realitäten. Des Weiteren erläutert Maturana, warum er sich für diese Definition entschieden hat, ergo den Begriff „Subjektivität“ in diesem Zusammenhang vermieden hat, da jener geeignet sei, eine berechtigte Annahme abzuwerten. Dahinter stecke die Idee, andere mögliche Sichtweisen anzubieten. Paul Watzlawick ergänzt, dass weiterhin mit „tierischem Ernst und wissenschaftlicher ‚Objektivität’“ Menschen getestet würden. Damit setze man sich gegen die Bedrohungen eines überkommenen Weltbildes zur Wehr. (12)
Gewiss kann man die gegenwärtige Schule nicht mehr mit jener vor den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts existierenden vergleichen. Gerade besagte siebziger Jahre galten als Reformära; vieles wurde verändert. Aber die größten Hindernisse, die diese Versager-Produktionsmaschinerie ausmachen, wurden nicht beseitigt. Somit konnten sich im Grunde auch jene Strukturen erhalten, die bis heute formelles „Versagen“ herstellen. Dazu gehören die unterschiedlichen Formen von Sanktionen, Sitzenbleiben und Urteile – eben das Beurteilen von Kindern und Jugendlichen. Der Begriff „Schüler“ soll nach Möglichkeit vermieden werden, da er die jungen Menschen zu dem macht, was sie in aller Regel dort auch sind: Objekte, die man vergeblich zu formen trachtet. Es vermag einem schon dem Atem verschlagen, festzustellen, die Lehrmetapher vom „Nürnberg Trichter“ aus dem 17. Jahrhundert nach wie vor lebendig, weil angewandt, zu erleben. Diese Methode ging schlicht davon aus, Lernen geschähe durch passive Informationsaufnahme.
Heinz von Foerster (Kybernetiker, Physiker sowie Kognitions- und Perzeptionsforscher) führt eine andere Metapher ein, wenn er von der „Trivialen Maschine“ spricht. Bei dieser imaginären Maschine stellt er eine unbedingte und unveränderliche Relation zwischen Input und Output fest. „Sie ist ausgesprochen zuverlässig, ihre inneren Zustände bleiben stets dieselben, sie ist vergangenheitsunabhängig, synthetisch und analytisch bestimmbar.“ (13) Von Foerster hat – vor allem in der westlichen Welt – die Vorliebe der Menschen beobachtet, alles möge sich so verhalten. Nachvollziehbar: Man möchte, dass sein Staubsauger den kompletten Dreck in seiner Wohnung beseitigt, ist aber gleichzeitig darauf bedacht, dass er nicht die Polster zerreißt. Also gibt es unterschiedliche, bedienbare Komponenten. Die Maschine verhält sich immer auf eine vorauszusehende Art und Weise; das Resultat stellt zufrieden. Wenn nicht, weil es vielleicht einen Defekt hat, „bringen wir es zu einem Trivialisateur“ (14), der das Gerät „wieder trivialisiert“. (15) Mit anderen Worten: Drückt man auf den roten Knopf, wird zu Recht erwartet, dass die rote Lampe leuchtet, drückt man auf den gelben Knopf, leuchtet die gelbe Lampe usw.
In der Schule werden – abhängige – Menschen wie „Triviale Maschinen“ benutzt. Eine Geschichte, die Heinz von Foerster erzählt, soll hier nicht vorenthalten werden: „Ich war einmal bei einer befreundeten Familie zum Mittagessen eingeladen – und der kleine Bub, der von der Schule hätte kommen sollen, kommt und kommt nicht nach Hause. Schließlich erscheint er doch, er weint und sagt: ‚Ich musste nachsitzen! Die Lehrerin hat mich in der Ecke stehen lassen!’ Wir wollten natürlich von ihm wissen, was denn passiert sei. Er erzählte, dass die Lehrerin ihm gesagt habe, er sei frech gewesen, er habe freche Antworten gegeben. Der kleine Bub: ‚Sie hat mich gefragt, wie viel ist 2 x 3?’ Und ich habe ihr gesagt: ‚Das ist 3 x 2! Alles hat gelacht – und die Lehrerin hat mich in der Ecke stehen lassen.’ Ich habe diesen kleinen Bub gefragt: ‚Deine Antwort ist völlig richtig, aber kannst du sie beweisen?’ Da nimmt er Papier und Bleistift, zeichnet zwei Punkte und – darüber – drei Punkte. Er sagt: ‚Das ist 3 x 2!’ Und dann dreht er das Papier um 90 Grad und meint: ‚Siehst du, Heinz, das ist 2 x 3!“ Dieser kleine Bub, der sieben Jahre alt war, hat auf die ihm eigene Weise das kommutative Gesetz der Multiplikation bewiesen: A x B ist B x A. Dass die Lehrerin diese Einsicht nicht als großartig erkannte, ist traurig. Sie hatte von ihm erwartet, dass er auf ihre Frage, was ist 2 x 3 ‚sechs’ sagt. Da er dies nicht tat, schien seine Antwort als falsch, frech und aufsässig. Das nenne ich Trivialisierung junger Menschen.“ (16) Heinz von Foerster wird gefragt, ob Lehrer mit der „prinzipiellen Nichttrivialität“ ihrer Schüler zu rechnen hätten. Er entgegnet: „Selbstverständlich. Und wenn die Trivialisierung schon erfolgt ist, dann heißt die Aufgabe für die Pädagogik: Enttrivialisierung, auf andere Antworten aufmerksam machen, zu einer Vielfalt der Lösungen und Sichtweisen anregen. Man könnte diesem kleinen Bub zum Beispiel zeigen, dass sich eine Zahl auf äußerst vielfältige Weise beschreiben lässt. Wenn die Lehrerin die gewünschte Antwort „sechs“ erhalten hätte, könnte sie weiterfragen: ‚Was ist sechs?’ Mögliche Antworten sind: Sechs ist die Wurzel aus 36, sechs ist 5 + 1 und 8 – 2, 6 ist 2 x 3 und 3 x 2.“ (17) Irgendwie erinnert diese Geschichte an die Empörung von Lehrern über Kinder, die niemals eine Kuh gesehen haben, aber glauben, die Kuh sei lila.
Kinder wie „Triviale Maschinen“ zu behandeln kann dem Auftrag der Bildung und Förderung lebendiger Organismen in keiner Weise gerecht werden, wie wir sehen konnten. Aus einem solchen Fehlverhalten obendrein noch die Kompetenz ableiten zu wollen, die Resultate zu beurteilen, kann im Grunde nur zu dem Desaster führen, das wir vorfinden. Dies kann beispielsweise durch die Zahl von 250.000 Kindern und Jugendlichen dokumentiert werden, die bundesweit jährlich eine Klasse wiederholen. Die Kommission „Jugendarbeit und Schule“ der AGOT-NRW (18) stellt fest, dass allein für Nordrhein-Westfalen bei durchschnittlichen Kosten von 4.800 Euro pro Kind oder Jugendlichem in der Schule eine Reduzierung von 10.000 Nichtversetzten ein finanzielles Förderpotenzial von 48 Millionen Euro oder 1.200 Lehrerstellen ergebe. (19) Die Kommission zitiert Klaus-Jürgen Tillmann: „Addiert man die Zahl für Zurückstellungen, Sitzenbleiben, Schulformwechseln und Sonderschulüberweisungen, so ergibt sich eine erschreckende Schätzung: Mehr als 40 Prozent aller Schüler/innen machen zwischen der ersten und der zehnten Klasse mindestens einmal die Erfahrung, von ihrer Lerngruppe aufgrund angeblich mangelnder Fähigkeiten ausgeschlossen zu werden.“ (20) SPIEGEL ONLINE fragt, ob Sitzenbleiben nicht „verplemperte Zeit“ und die 1,2 Milliarden Euro, die es bundesweit jährlich nach Angaben der GEW verschlingt, nicht sinnlos „verpulvertes Geld“ seien. Laut Angaben des Essener Bildungsforschers Klaus Klemm, der ausgeht von einer Größe von 850 Millionen Euro, die Sitzenbleiben bundesweit kostet, in diesem Zusammenhang 16.500 Lehrerstellen durch die Wiederholer gebunden sind. (21) In dem Bericht heißt es ferner, Sitzenbleiben stempele Jugendliche zu Versagern. Der volkswirtschaftliche Schaden ist, wenn man den angeführten Fakten folgt, immens; das individuelle Leid und die biografischen Folgeschäden unübersehbar.
Die AGOT-Kommission Jugendarbeit und Schule stellt fest: „Es gibt eine dramatische Anzahl von Klassenwiederholungen, Zurückstellungen, Überweisungen und Abschulungen. Das selektive Schulsystem mit seinen angeblich homogenen Gruppen produziert … zu viele Kinder und Jugendliche, die in der Schule scheitern und als Opfer des Systems nachhaltig die Leidtragenden sind. Zudem bringen Klassenwiederholungen, auch belegt nach PISA, nichts.“ (22) Als weiteren „Fakt zur Bildungswirklichkeit“ führt die AGOT-NRW Jugendliche ohne Schulabschluss an. Für Nordrhein-Westfalen bedeutet dies, dass nach Beendigung des Schuljahres 2004/2005 14.691 (= 5,2 Prozent) junge Leute keinen Hauptschulabschluss erreichten. Weitere 13.566 (= 4,8 Prozent) schafften lediglich den Hauptschulabschluss der neunten Klasse. Überproportional betroffen sind hier vor allem Jugendliche mit Migrationshintergrund. Zum Aspekt der Schulabschlüsse stellt die AGOT fest: „Es gibt eine große Zahl von Jugendlichen ohne Schulabschluss. Diesen Jugendlichen … wird die Zukunft verstellt und das Grundrecht auf freie Berufswahl vorenthalten.“ (23) Vor genannten Hintergründen scheinen auch die seit Jahren zu beobachtenden „Phänomene“ Schulmüdigkeit und Schulverweigerung erklärbar. Hierin sieht die AGOT-NRW ein Armutszeugnis für das System. Sie konstatiert: „Der große Bedarf an Maßnahmen für Schulmüde zeigt, dass Schule es nicht schafft, junge Menschen angemessen zu fördern. Viele dieser jungen Menschen, die in dieser Förderung unterstützt werden müssen, haben vorher Akzeptanz und Teilnahme an ihrem Leben als Schülerinnen und Schüler nicht erfahren.“ (24)
Dem Sitzenbleiben, dem verpassten Schulabschluss, der Schulmüdigkeit und der Schulverweigerung voraus geht eine entsprechende Beurteilung durch „Lehrkräfte“. Verwiesen sei hier noch einmal auf das bereits erwähnte Ziffernnotensystem. Aber: Ein Urteil, eine abschließende Bewertung scheint mir in diesem Zusammenhang einfach nicht möglich zu sein. Und: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ (25) Wie kommen denn mit den üblichen Methoden Bewertungen zustande? Es werden Klausuren geschrieben, Hausaufgaben gestellt und beurteilt. Ebenso fließt in die Beurteilung ein, wie sich das einzelne Kind oder die/der einzelne Jugendliche in den Unterricht einbringt. Eine Zensur kann somit immer nur Abbild einer Momentaufnahme sein; völlig unmöglich, sämtliche Faktoren, die den Augenblick bestimmen, auch nur annähernd zu bewerten, etwa das persönliche, gesundheitliche und psychische Befinden des Individuums, seine familiäre Situation, Einflüsse, die im sozialen Umfeld aktuell wirken und vieles andere mehr. Es sollen hier keine Zweifel darüber gestreut werden, dass Menschen sich bezüglich ihrer jeweiligen Kompetenzen unterscheiden. Mir ist allerdings selten jemand begegnet, dessen Kompetenzen nicht förderungsfähig erschienen.
Heinz von Foerster äußert ganz klar, wie beschrieben ginge es nicht: „Das funktioniert nicht. Meine Auffassung ist, dass man niemals wissen kann, was der Schüler weiß. Da dieser Schüler ein nichttriviales System ist, muss er als analytisch unzugänglich gelten. (26) Ich behaupte, dass diese Prüfung sich selbst prüft. Mein diesbezügliches Theorem lautet: ‚Tests test tests.’“ Um seine Überlegungen verständlich zu machen, wartet von Foerster mit einem Beispiel auf; dieses stammt von Alan Turing, seiner Meinung nach einer der genialsten Mathematiker des 20. Jahrhunderts. Turing ging der Frage nach, ob Maschinen denken könnten, ob es künstliche Intelligenz gebe. Um dies herauszufinden, entwickelte er den Turing-Test. Von Foerster hält diesen für das Urparadigma eines Tests. Wie dies funktioniert, beschreibt er folgendermaßen: „Man stelle sich vor: Da ist ein kleines Theater mit einem roten Samtvorhang. Und hinter dem Vorhang befindet sich eine nicht näher bekannte Entität. Vor dem Vorhang sitzen mehrere Gelehrte mit Zwickern, Brillen und langen Bärten. Diese Gelehrten dürfen jetzt dem Etwas, dieser Entität Fragen stellen. Nach einiger Zeit werden sie sagen, dass sich hinter dem Vorhang eine Maschine oder ein Mensch befindet oder dass diese Frage unentscheidbar ist.“ (27) Von Foerster macht deutlich, hier werde nicht die eventuelle Intelligenz getestet; vielmehr prüften sich die Gelehrten selbst. „Sie testen sich selbst, ob sie in der Lage sind, einen Menschen von einer Maschine zu unterscheiden. Und wenn ihnen dies nicht gelingt, dann sind sie eben durchgefallen. Meine Behauptung, die ich hier vertrete, lautet, dass im Grunde genommen die Prüfer geprüft werden – und nicht die Entität, die hinter dem Vorhang sitzt und brav auf die Fragen Antworten gibt. Also nochmals: ‚Tests test tests’.“ (28)
Demzufolge sei ein gutes Schulzeugnis ein Beleg für eine geglückte Trivialisierung: „Wenn man wirklich immer – klick, klick, klick – die gewünschten Antworten gibt, dann kriegt man gute und hervorragende Noten, das ist alles. Einer meiner Studenten, ein Computerwissenschaftler, hat einmal ein sehr lustiges Programm erfunden, das man zur Abfassung von Diplom- und Doktorarbeiten verwenden kann. Dieses Programm konstruiert aus den Lieblings- und Schlüsselwörtern des jeweiligen Professors, die man sich in den Vorlesungen notieren muss, zahllose wohlgeformte Sätze. Natürlich muss man, wenn man dieses Schreibprogramm verwendet, hervorragende Noten bekommen. Das ist der ganze Trick.“ (29) (30) Üblicherweise habe man von einem Lehrer die Vorstellung, dieser wüsste alles, die Kinder hingegen nichts. In diesem Sinne wäre Lernen als die schrittweise Beseitigung von Unwissen zu begreifen. Hierbei werde Unwissen als schlechter Zustand verstanden. Gleich einem Alchimisten verwandele der Lehrer Eisen zu Gold. „Die Schüler erscheinen, wenn man von dieser sehr alten lerntheoretischen Metapher einer schrittweisen alchimistischen Transformation ausgeht, als billiges Material, das über verschiedene Stufen in ein besseres, edleres und wertvolleres verwandelt werden muss.“ (31) Folglich – so der allgemeine Glaube – sei das Zaubermittel, das diese Schülertransformation einleite, das Wissen. Von Foerster grenzt sich gegenüber der Idee von Wissensvermittlung ab. Seiner Meinung nach lässt sich Wissen nicht vermitteln, vielmehr müsse Wissen von den Menschen selbst generiert werden. Da komme es im Wesentlichen darauf an – eine potenzielle Aufgabe für die Schule! –, Umstände zu organisieren, in denen Prozesse der Generierung und Kreation ermöglich werden. „Das Bild des Lernenden wird auf diese Weise ein anderes. Er ist nicht mehr passiv, er ist keine leere Kiste, kein Container, in den eine staatlich legitimierte Autorität (ein Lehrer oder ein großer, weiser Professor) Fakten und Daten und seine enorme Weisheit hineinfüllt … Der Lernende erscheint aus einer solchen kognitions- und perzeptionstheoretischen Perspektive als aktiver Konstrukteur; er ist es, der sich das Wissen erarbeitet.“ (32)
Dementsprechend ist es sinnvoll, weil Erfolg versprechender, junge Leute ganz deutlich als Lernende (von Foerster: Perzipierende, Kognitoren) und nicht länger als zu Belehrende zu begreifen und ernst zu nehmen. Der Frankfurter Professor Gerold Scholz ergänzt: „Im Sinne von Verstehen, also dass Kinder etwas verstehen sollen, sind sie nicht belehrbar. Sie können nur selber lernen. Das heißt, ich kann Situationen herstellen, in denen Kinder etwas lernen können. Das ist auch meine Aufgabe. Und ich habe auch die Aufgabe, innerhalb dieser Situation zu agieren. Ich gucke nicht nur einfach zu. Aber jeder Versuch, sie zu belehren, ohne dass sie ihre eigenen Vorstellungen mit dem, was an neuen Konzepten angeboten wird, in Verbindung zu bringen, ohne sich damit auseinandersetzen zu können, bedeutet, dass sie es schlicht nicht begriffen haben.“ (33)
Wie Scholz ebenfalls anführt, vertritt auch von Foerster nicht die Position, sich herauszuhalten und einfach nur zuzusehen. Für Lehrerinnen und Lehrer allerdings sei es hilfreich, ihre vermeintlich überlegene Position aufzugeben. Vielmehr sollten sie die Haltung einer „sokratischen Ignoranz“ einnehmen nach dem Motto: Ich weiß, dass ich nichts weiß! Dieses allerdings sei etwas anderes als eine Haltung der fundamentalen Ignoranz, deren Devise lautet: Man weiß noch nicht, dass man nichts weiß. Ein sokratischer Nichtwisser, der wüsste, dass er nichts weiß, zöge eine vernünftige Konsequenz, er begänne nämlich zu forschen. Lehrerinnen und Lehrer würden in diesem Sinne zu Forschern, die Kinder und Jugendlichen ebenso. Die Ebene wäre dann: Junge Leute und Erwachsene würden zu kooperierenden Mitarbeitern, „die gemeinsam – ausgehend von einer sie faszinierenden Frage – Wissen erarbeiten. Es entsteht … eine Atmosphäre der Kooperation, des gemeinsamen Suchens und Forschens. Man weckt die Neugierde und die Empathie, regt zu eigenen Gedanken an, serviert nicht irgendwelche fertigen Resultate, sondern Fragen, die zum Ausgangspunkt einer Zusammenarbeit und des wechselseitigen Entzückens werden. Jeder stützt sich auf die Kompetenzen des anderen; das Zittern vor der Allwissenheit einer einzigen Person hat ein Ende.“ (34) Wie viel Befreiendes dürfte eine solche Haltung für Kolleginnen und Kollegen, die sich in der überkommenen unterrichtlichen Praxis nicht selten erfolglos abstrampeln, haben!
Bernhard Pörksen weist darauf hin, Lehrerinnen und Lehrer könnten eine solchermaßen neu definierte Rolle möglicherweise nicht besonders attraktiv finden. Er bezieht sich dabei unter anderem auf eine Untersuchung aus Deutschland zur Interpretation von literarischen Texten. In dieser Untersuchung wurde deutlich, dass „das Dogma von der einen, der einzigen und wahren Bedeutung eines Textes aus einer empirischen Perspektive einfach unhaltbar ist“. (35) Gleichwohl könne festgestellt werden, dass trotz dieser Erkenntnis Schulen und Lehrer/innen an einer Veränderung des Unterrichts normalerweise überhaupt kein Interesse hätten – vermuteter Anlass: Die Interpretationshoheit zur Disposition zu stellen, könne zu einem Verlust an „Deutungsautorität“ und „Macht“ führen. (36) In diesem Zusammenhang führt von Foerster an, die meiste Zeit im Unterricht werde darauf verwandt, „illegitime Fragen“ zu stellen und Antworten „einzufordern“. Er definiert eine Frage dann als illegitim, wenn die Antwort darauf bereits bekannt ist. „Wenn ein Lehrer diesen Typ von Frage stellt, dann ist das doch eine Schweinerei und Gemeinheit, denn er kennt die Antwort ja schon. Legitime Fragen sind dagegen echte Fragen: Für sie existiert noch keine fertige Antwort.“
Wenn bereits beantwortete Fragen illegitim sind, müssen es auch die bürokratisch vorbereiteten und politisch abgesegneten Lehrpläne sein, illegitim, weil eine Bürokratenclique ihre ureigene Weltsicht festlegt, von einer fachlich offenbar ahnungslosen bzw. ignoranten Politik durchgewinkt.
Lehrpläne zwingen Lehrerinnen und Lehrer in ein Korsett, das ihnen die Luft eng werden lässt. Spätestens wenn diese im „Apparat“ angekommen sind, zwängen sie sich in jenen hinein; wenn nicht – so hört man –, werden sie oftmals „kollegial“ dazu gezwungen. Dieser Normierungszwang könnte im Übrigen der Grund sein, weshalb nach wie vor die meisten Lehrer Beamte sind. Ich vermag deren hoheitliche Aufgaben nicht zu erkennen. Sollte eine Schule eine siegelführende Instanz sein, bei der ich mir meine Fotokopien aus irgendwelchen Zwecken beglaubigen lassen kann, würde es meines Erachtens ausreichen, den Rektor oder den Hausmeister zum befristet ernannten Beamten zu machen, damit er mir meine Kopien amtlich anerkennen kann. Das Handeln in der Schule im Sinne von Bildungsförderung wie Pädagogik überhaupt schließt in diesem Sinne hoheitliche Aufgaben geradezu aus; schon allein deshalb, da sich illegitime Fragen verbieten. Pädagogik unterliegt immer wieder auftauchender Irrtümer; obendrein ist sie massiv an ihrer Verbreitung beteiligt. Sollte Bildung vor allem unter Einbeziehung von „Fehlerfreundlichkeit“ gefördert werden, so müsste ein verbeamteter Lehrer in der Rolle eines Geburtshelfers zugleich die des Totengräbers spielen.
Unterstützt wird der Autor auch durch den Psychologen Peter Lauster; dies in Form seiner „Entlarvung von Lebenslügen“, die er erstmalig bereits 1976 veröffentlicht hat. (37) Entschieden widerspricht er der Auffassung, Intelligenz sei wichtiger als Gefühl. Genau dieser Auffassung sei die Schule aber immer mehr untergeordnet worden. Selbst die Eltern seien inzwischen auf diesen Kurs eingeschwenkt. Sie seien kaum noch davon zu überzeugen, dass Kinder durch Spielen, eine ihnen im Grunde ureigene Tätigkeit, gefördert werden müssten als vielmehr durch das Vermitteln von Fakten – deren auswendig gelerntes Abfragen dann zur Bewertung führe. „Überschätzung der Intelligenz“ nennt Lauster dies. Er dokumentiert ein Gespräch, das er mit einem Vater führte, der darauf insistierte, dass die Tochter nach erfolgreichem Studium die elterliche Apotheke übernehme. Jene Tochter hatte bereits vor dem Abitur und dem anschließend kaum erreichbaren Numerus Clausus „Lernstörungen“ – familiäre Ziele waren bedroht. Lauster zufolge waren die „Lernstörungen“, die sich in diesem System in Noten reflektieren, kein Manko der Tochter, sondern vielmehr eines des „konventionellen Schulsystems“. (38) Dies bestritt der Vater gegenüber dem Psychologen heftig. Grundsätzlich sprach er seiner Tochter den Wunsch nach Freiheit und Zwanglosigkeit ab. Niemand könne im Berufsleben erfolgreich sein, wenn er nicht Disziplin, Ordnung, Ausdauer und Fleiß eingebimst bekäme. Interessant die Reaktion des Psychologen darauf, vertrat er doch die Meinung, gerade die Härte der Fremdbestimmung sei es, die Tochter mit Lernstörungen rebellieren zu lassen, sie also aus gesundheitlicher Sicht völlig normal reagiere. „Die Intelligenzentfaltung ist zu einem Faktor des Lebenserfolgs degeneriert, der nur um seiner selber willen zählt. Die psychische Gesundheit, Ethik, Persönlichkeit und Kreativität werden dafür aufs Spiel gesetzt. So weit geht die Tyrannei der äußeren Verhältnisse über die Psyche.“ (39) Und weiter referiert Lauster: „Vor allem Kinder aus der Unterschicht (40) haben mit diesem Problem zu kämpfen, denn sie bringen nicht die erforderliche psychische Ausgeglichenheit mit und fallen deshalb in ihren Intelligenzleistungen ab. Ihre störenden psychischen und emotionalen Probleme sind schichtspezifisch bedingt. Nicht die Emotionen sollten deshalb abgeschafft werden, sondern die sozialen Verhältnisse, die emotionalen Konflikte und psychische Schwierigkeiten erzeugen. Der Umgang mit Emotionen wie Angst, Wut, Schuldgefühlen, Freude und Lust wird in unserer modernen Industriegesellschaft nicht gelernt. Die Intelligenz wird einseitig gefördert, die Emotionalität wird dagegen sich selbst überlassen.“ (41) Neben seiner Forderung, die Schule damit zu beauftragen, erst einmal das Zulassen von Emotionalität zu üben, kritisiert er, das Schulsystem sei vielmehr damit beschäftigt, entwicklungsförderliche Methoden zu verdrängen oder bewusst nicht zuzulassen.
Steht die Kultusbürokratie unter dem Kuratel des kapitalistischen Systems? Angesichts ihrer Ignoranz kann man ernsthaft zu keinem anderen Schluss kommen. Neue Experimente – auch der Verzicht auf Zensuren (Urteile) – geraten in den Ruch der Gefühlsduselei, und Sentimentalität. Genau dies führt laut Peter Lauster zu einem Abwehrmechanismus bei Kindern und Jugendlichen, der sie mit vermeintlichem Versagen reagieren lässt; vermeintlich, weil vom System selbst konstruiert.
Lauster konstatiert, die freie Lernentfaltung werde abgeblockt. Lernende müssten sich an den Lernapparat anpassen, nicht der Lernapparat an die Lernenden. Schulmodelle, wie die Glockseeschule in Hannover – und wir fügen hier noch den völlig unverständlichen „Dauer-Versuch“, die Laborschule in Bielefeld (42) ein –, die ohne Angst, Schuldgefühle und Fremdbestimmung nach eigener Selbstentfaltung lernen könnten, würden als „Utopien“ verunglimpft und nicht ernst genommen, „weil hier das Lernen spielerischer und freier geschieht als auf den traditionellen Unterdrückungs- und Ausleseschulen.“ (43) Für Lauster ist Schule ein teuer erkaufter Nachhilfeunterricht und „gnadenloser Lernkampf um den eigenen Vorteil gegen die Mitschüler in einem gnadenlosen pädagogischen Auslesesystem. Aus der pädagogischen Aufgabe der Förderung ist ein darwinistischer Wettkampf um Noten … geworden.“ (44) Das Konkurrenzstreben, zu dem dies führe, erzeuge ein Verhalten, das „eiskalt, knallhart, distanziert unterkühlt“ (45) Er forderte bereits 1976 psychische Gesundheit, Ethik, Persönlichkeit und Kreativität ein. Und wie präsentiert sich die Schule heute? Als nach wie vor hoheitlicher Apparat, den man wegen bestehender Schulpflicht besuchen muss, selbst wenn es bessere Alternativen gäbe, die fördern und nicht be(ver)urteilen. Schule ist Exekutive, hoheitliche.
Hoheitliches – und hier ist durchaus die exekutive Gewalt des Staates gemeint – behindert in der Regel die meisten Formen von Kreativität. Wie wir gesehen haben, können aber nur Kreativität, Phantasie, Eigenverantwortung und Kooperation als Eigenschaften und Haltungen den pädagogischen Bemühungen zum Erfolg verhelfen. Der Lehrplan gibt vor, was ein/e Jugendliche/r zu wissen hat und können muss. Er gibt dies in einer beängstigend atemberaubenden Weise vor. In einer dem Menschen artfremden Homogenität muss jedes Kind zu einem vorgeschriebenen einheitlichen und verbindlichen Zeitpunkt all jene Kompetenzen erworben haben, die die Exekutive in Form der Kultusminister und ihrer Bürokraten für sinnvoll befindet. Junge Leute verlassen dann diese „Versager-Produktionsmaschinerie“ Schule mit den entsprechenden Noten. Sollte ein Nicht-Versager das Zertifikat namens Abschlusszeugnis in Händen halten, will möglicherweise die nächste Hürde in Form eines so genannten Numerus Clausus genommen sein. Auch hier verhindern illegitime Maßnahmen oftmals solche Ziele, die sich junge Menschen vorzunehmen gedachten. Lehrpläne in den bestehenden Formen sind illegitim, da sie kindlichen und jugendlichen Forscherdrang nicht unterstützen, sondern boykottieren und in der Folge bekämpfen. Die „einzig richtigen Antworten“ haben die Bürokraten ja bereits gegeben.
Zum mehrgliedrigen Schulsystem mit all seiner Disfunktionalität ist vermutlich alles gesagt und dokumentiert worden. Die politisch Verantwortlichen halten gleichwohl daran fest. Deshalb wird es hier lediglich exemplarisch kurz erwähnt; dies am Beispiel der „Sonderschule“. Im Zuge der bereits erwähnten Schulreformen in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts hatte man „plötzlich“ Sonderschulen und nicht mehr die bis dahin existierenden Hilfsschulen. Nach wie vor beeindrucken die Qualifikation und die Reflexion mancher Lehrerinnen und Lehrer, die an diesen „Instituten für Chancenlose“ arbeiten. Jetzt gibt es sie wieder, die „gute alte Hilfsschule“. Politische Korrektheit hat allerdings dazu geführt, Hilfsschulen nunmehr Förderschulen zu nennen. In jenem positiven Sinne, wie es beabsichtigt war, bedeutet Förderung nämlich Hilfe. (46) Ebenfalls kein Zweifel soll gestreut werden an dem Engagement der „Sonder“-Pädagogen“, die sich dort in löblicher Weise um die Kindern und Jugendlichen bemühen.
Nur: Welche Chancen hat man denn, wenn man ein Zeugnis – eine Beurteilung – einer Förderschule abgibt, etwa bei der Bewerbung um eine Lehrstelle? Das Zeugnis mag noch so gut sein, perspektivische Aussichten und Möglichkeiten werden mit dem Abschluss an einer solchen Schule „automatisch“ verbaut. Und das Fatale: (Lern- oder sonst wie) behindert sind die Absolventen dieses Schultyps vermutlich überhaupt nicht! Sie sind wahrscheinlich schlicht unter die Räder einer förderungsunfähigen (Regel-)Schule geraten. Bestätigt wird diese Einschätzung aktuell durch die Dissertation von Brigitte Schumann, die im Besuch einer Förderschule ein stilles Drama programmierten Scheiterns sieht. (47) „Die beste Image-Kampagne ändert nichts daran, dass Jugendliche aus der Sonderschule mit ihrem Abschluss am Arbeitsmarkt Null Chancen haben“, so Brigitte Schumann. (48) Sie dokumentiert, gerade 2.650 der rund 10.000 Schulabgänger hätten 2004 den Hauptschulabschluss Klasse 9 geschafft, 551 (5,4 Prozent) den der Klasse 10 und 81 (0,8 Prozent) die Fachoberschulreife. 7.002 junge Männer und Frauen (68 Prozent) verließen die Förderschule ohne Abschluss. (49) Brigitte Schumann gelangt zu der Erkenntnis, der Schonraum, in dem die jungen Leute ihre individuellen Potenziale entwickeln sollen, überhaupt nicht funktioniere. Vielmehr führe er sie in die soziale Isolation. So genannte Lernbehinderte stammten ferner zu 90 Prozent aus sozial schwachen Familien, zwei Drittel seien überdies Jungen und Migrantenkinder besuchten doppelt so häufig die Förderschule wie deutsche. Gerade mal acht Prozent als Lernbehinderte Klassifizierte besuchten in Nordrhein-Westfalen eine Regelschule. Je länger dem ungeachtet Kinder in einer Sonderschule sind, desto ungünstiger entwickelt sich ihre Intelligenz und ihr Lernverhalten. Brigitte Schumann stellt unter dem Strich bei den „Sonderschüler/innen“ und deren Eltern ein extremes Leiden an diesem Status und in der Folge eine große Scham hierüber fest: „Wer sich aber klein und erbärmlich fühlt, kann gar nicht richtig lernen. Das muss aufhören, ganz schnell.“ (50) Man könnte geneigt sein, zum Trost sarkastisch hinzuzufügen, dass eine Eins der Hauptschule ist inzwischen ebenso fast wertlos ist.
Vielleicht gelingt es, zu der Einsicht beitragen zu können, dass Zensuren illegitime Beurteilungen sind, da sie in der Regel auf illegitimen Fragen fußen. Bewertet wird beispielsweise mit „gut“, „mittelmäßig“ oder „schlecht“ das geäußerte Wissen auf Fragen, wann beispielsweise Karl der Große zum letzten Mal an Diarrhö litt. Wer erinnert sich nicht an die Kolonnen von hunderten von Geschichtszahlen, die auswendig gelernt werden mussten, um sie anschließend herunterzubeten. (51) Die Basis von Lehrerurteilen fußt in aller Regel auf informellen Leistungsproben und beiläufigen Beobachtungen. Dies zumindest stellt eine wissenschaftliche Expertise der Universität Siegen fest. (52) Vorsichtig äußern die Experten, darauf basierende Bewertungen hätte lediglich eine eingeschränkte Validität. Sie merken an, verschiedene Lehrer/innen bewerteten nach unterschiedlichen Kriterien; ebenso orientierten sie sich an diversen Schwellenwerten. Sie vertreten die Einschätzung, Ziffernnoten seien ebenso problematisch wie verbale Beurteilungen, auf die wir an späterer Stelle noch zu sprechen kommen. Die Siegener Expert/innen berichten, dass bereits 1949 ein Deutschaufsatz völlig unterschiedlich bewertet wurde, vor allem, dass für ein und dieselbe Arbeit sämtliche Ziffern von 1 bis 6 vergeben wurden. Dieses „Phänomen“ wurde in Siegen weiter untersucht, die Ergebnisse waren vergleichbar. Man trennte sich in der Untersuchung ferner vom Deutschaufsatz, da man diesen „als besonders anfällig für subjektive Einschätzungen“ befand und gelangte bei Leistungen in anderen Fächern gleichwohl zu ähnlichen Ergebnissen. Jede/r beurteilt, wie es gerade kommt.
Eine Bestätigung über die Unmöglichkeit, objektiv zu urteilen, erhalten wir auch von Jean Piaget. Er zweifelt nicht an der Existenz eines Objekts – hier ein Kind oder Jugendlicher; (53) man entdecke seine Eigenschaften allerdings nur durch sukzessive Annäherung, denn: erreichen würde man das Objekt nie, „weil man dazu wohl eine Unendlichkeit von Eigenschaften entdecken müsste, von denen eine große Anzahl verborgen bleibt.“ (54)
Es geht somit nicht um schlechte Bewertungen; es geht um Bewertungen generell. Horst Bartnitzky hält den Glauben an die gerechte Note ebenfalls für einen Irrglauben; Gerechtigkeit und Objektivität stellen sich für ihn als Mythos dar. Er verweist darauf, dass dies seit Jahrzehnten wissenschaftlich nachgewiesen sei. Interessant auch sein Hinweis darauf, dass Mädchen wohlwollender beurteilt werden als Jungen, „aggressive“ Jungen schlechter als stille, selbst wenn ihre Leistungsergebnisse gleichgesetzt werden können. (55)
„Schlechte“ Noten führen Kinder überdies in einen geradezu krankmachenden Circulus vitiosus; sie entmutigen und verhindern weitere Bemühungen. Solcherart Stigmatisierte gelten als unfähig, zunächst der Gruppe gegenüber; später glauben sie das auch von sich selbst. Jegliche Motivation ist dahin. „Die Angst vor Misserfolg erzeugt die nächsten Misserfolge.“ (56) „Sehr gute“ und „gute“ Beurteilungen können leicht zur Saturiertheit führen. In einer solchen Selbstzufriedenheit steckt beispielsweise die Gefahr, sich nicht weiter zu engagieren. Und was bedeutet „befriedigend“? Horst Bartnitzky zieht eine Parallele: Man solle sich vorstellen, man ginge zur Vorsorgeuntersuchung zum Arzt. Dieser würde als Ergebnis „befriedigend“ feststellen. Wäre man zufrieden? Höchstwahrscheinlich nicht!
Ein Vergleich von Kindern untereinander wirft noch ein weiteres Problem auf. Bereits Johann Heinrich Pestalozzi (1746-1827) hat darauf hingewiesen. An den von ihm gegründeten Schulen gab es zu Anfang des 19. Jahrhunderts bewusst keine vergleichenden Leistungsbewertungen, wohingegen andere Schulen zeitgleich damit begannen. Pestalozzi wollte nicht, dass Kinder miteinander verglichen würden; die Leistungen eines Kindes sollten allein an seinen eigenen Kräften und Anlagen gemessen werden. (57) Heutzutage ist eine „gute“ Note um so „mehr wert, je weniger Kinder sie haben. Es geht nicht nur um die Note, sondern auch um die Verteilung der Noten in der Klasse. Viele Eltern möchten deshalb gern den Klassenspiegel sehen. Dieser Vergleich der Kinder miteinander macht auf Dauer die Klasse zum Kampfplatz. Statt Team-Geist zu entwickeln, entsteht im Klassenraum eine Ellenbogen-Gesellschaft.“ (58) Man stelle sich den Druck vor, den ein Kind verspüren muss, wenn es beispielsweise als „zweit- oder drittbestes“ „gehandelt“ wird. Nicht der Beste zu sein, mag möglicherweise als Motivationshemmnis wirken; vom Sport her kennt man den so genannten „Verweis auf die Plätze“. Was aber geschieht mit einem Kind, das vielleicht das „beste“ war, und, aus welchen Gründen auch immer, „absackt“? Solche Phänomene sind nicht selten bei Pubertierenden zu beobachten. So kann der Status als ehemaliger „Klassenbester“ zu einer wahren Crux werden. Was ist mit dem „Zweitschlechtesten“? Zumindest hat er gute Gründe, den Schlechtesten für einen großen Versager zu halten. Bartnitzky zufolge verschiebt sich durch die Bewertung junger Menschen unter dem Strich das Ziel der Schule „vom Lernen der Sachen hin zum Lernen wegen der Noten.“ (59)
Nicht selten sieht man sich beim Infragestellen von Zensuren der Reaktion ausgesetzt, stattdessen es müsse stattdessen andere Bewertungen geben, etwa schriftliche Berichte. Darin spürt die Berliner Kinderrechtsgruppe K.R.Ä.T.Z.Ä. berechtigterweise einen weiteren Mythos auf. Für sie ist nicht die Frage, wie, sondern warum überhaupt bewertet werden soll. K.R.Ä.T.Z.Ä. bestätigt einmal mehr die von Horst Bartnitzky vertretene Position „zum Lernen wegen der Noten“; man stelle eine Kosten-Nutzen-Rechnung auf: „Wieviel muss ich wissen/tun, um eine gute Zensur zu bekommen?“ Bewertung wird von K.R.Ä.T.Z.Ä. als Bestechung und Erpressung klassifiziert, die Aufmerksamkeit werde vom Lerninhalt weg auf eine mögliche Belohnung gelenkt. „Zensuren, Lob, Bienchen usw. sollen motivieren, heißt es. Dabei wird aber völlig übersehen‚ dass es einen entscheidenden qualitativen Unterschied zwischen innerer und äußerer Motivation gibt – zwischen einem Interesse an dem, was man lernt um dieser Sache willen, und einer Vorstellung, in der Lernen als ein Mittel zum Zweck gesehen wird, wobei der Zweck darin besteht, Bestrafung zu vermeiden bzw. eine Belohnung zu erhalten. Nicht nur, dass diese beiden Orientierungen verschieden sind, sie wirken oft sogar in entgegengesetzte Richtungen“, (60) zitiert K.R.Ä.T.Z.Ä. den amerikanischen Schriftsteller Alfie Kohn, der sich intensiv mit den destruktiven Wirkungen von Konkurrenz und Wettbewerb auseinandergesetzt hat.
Plausibel resümiert K.R.Ä.T.Z.Ä.: „Bewertung setzt Kontrolle voraus, die in jedem Fall ein Eingriff in die Privatsphäre des Schülers ist. Ob, wann und in welcher Form bewertet werden soll, soll deshalb nur jeder Schüler selbst entscheiden. Zeugnisse und Bewertungsdokumente jeder Art ignorieren, dass Menschen sich auch nach Erhalt ihres letzten Zeugnisses ändern. Dies trägt dazu bei, dass andere sich Vor- bzw. Fehlurteile anhand des vor Jahren festgeschriebenen Erscheinungsbildes in der Schule bilden, welches wiederum keineswegs objektiv ist. Dieser Umstand kann zu einer lebenslangen Brandmarkung als beispielsweise „leistungsunfähig“ führen. Schon aus Gründen des Datenschutzes, der informationellen Selbstbestimmung, sind wir gegen Zeugnisse. Normalerweise merkt man doch, ob man eine Sache schon gut kann, man sich darin sicher fühlt. In den Fällen, in denen man überhaupt nicht das Gefühl hat, sich selbst einschätzen zu können, kann man ja andere fragen, was sie z.B. von den eigenen Singkünsten oder von der Qualität eines selbstverfassten Textes halten. Wichtig ist, dass sich dabei jeder bewusst ist, dass diese Einschätzung zwangsläufig subjektiv ist, aber man selbst die Ansprüche der anderen Person nicht teilen muss. Die Äußerung des anderen ist nicht mehr als eine Meinung! So läuft das im alltäglichen Leben, und so sollte es auch in der Schule sein. Wenn ein Schüler ein Feedback haben will, kann er einen Lehrer oder Mitschüler fragen. Wenn er keines will, sollte er in Ruhe gelassen werden. Da dieses Feedback eine persönliche Information des Lehrers (oder auch eines Schülers) an den Schüler ist, wird sie auch nirgendwo dokumentiert. Für Zeugnisse gibt es keine Rechtfertigung mehr. Auch die Eltern können keinen Anspruch auf Zeugnisse über ihre Kinder haben. Womit sich ein Schüler in der Schule beschäftigt, muss allein seine Sache sein. Nichtsdestotrotz werden sich viele junge Menschen freiwillig mit ihren Eltern darüber unterhalten, was sie in der Schule machen und wie es ihnen dort geht. Welche privaten Dinge sie anderen mitteilen, bleibt jedoch – nicht nur im Bereich Schule – in jedem Fall ihre eigene Entscheidung.“ (61)
Demokratische Schulen arbeiten in diesem Sinne. Sie bemühen sich intensiv darum, den Kindern und Jugendlichen ein selbstbestimmtes Lernen zu ermöglichen. Sie verzichten auf einen verbindlichen Lehrplan und selbstverständlich auch auf Zensuren und Prüfungen. An den Schulen werden die Belange des schulischen Zusammenlebens basisdemokratisch geregelt: Jeder Mensch hat eine Stimme. Die Regeln des schulischen Miteinanders werden so gemeinsam festgelegt. Es entsteht ein verbindliches Regelwerk. Nicht regelbar ist das, was etwa durch Gesetze bereits geregelt ist. Insofern kann etwa auch nicht über Menschenrechte neu bestimmt werden; ebenso nicht über andere geltende Gesetze. An demokratischen Schulen gilt ferner der „Kategorische Imperativ“ nach Kant: „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“ (62) Mit anderen, leichteren Worten: „Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu!“ Oder, um mit Rosa Luxemburg zu sprechen: „Freiheit ist immer auch die Freiheit der Andersdenkenden!“ Eine der bekanntesten demokratischen Schulen ist beispielsweise die Sudbury Valley School in Framingham bei Boston/Massachusetts. (63)
Diskutiert werden soll an dieser Stelle nicht mehr die Unmündigkeit bzw. die Unfähigkeit junger Menschen. Das Bewusstsein, dass es sich bei solchen Einwänden um einen Mythos handelt bzw. dass Unmündigkeit und Unfähigkeit nicht selten Folgen eines hausgemachten Problems sind, darf bei mündigen Leserinnen und Lesern vorausgesetzt werden.
Deshalb sei – diesen Zusammenhang abschließend – noch ein Blick auf die „formale Erfolgsquote“ demokratischer Schulen erlaubt. Wie wir gesehen haben, gibt es auf demokratischen Schulen weder Zeugnisse oder anderweitige Rückmeldungen, noch Prüfungen, die die Zugänge für ein Studium bzw. eine Berufsausbildung vorsortieren. Absolventen demokratischer Schulen müssen sich, wenn sie eine formale Zugangsvoraussetzung etwa für eine Hochschule benötigen, extern, beispielsweise an einer staatlichen Schule, prüfen lassen. Von der 13. IDEC, der Internationalen Konferenz für Demokratische Bildung, die im Sommer 2005 in Berlin stattfand, nahm ich folgende Information mit: Eine Untersuchung, die der Frage nachging, wie hoch die Quote der Abiturientinnen und Abiturienten ausfiel, stellte fest, dass dies bei 95 Prozent der ehemaligen Besucher demokratischer Schulen der Fall war. (64) Welche Schule mit Zeugnissen und Zensuren kann auch nur annähernd eine vergleichsweise so hohe Anzahl vorweisen?
Die Frage sei erlaubt, ob es denn – im Gegensatz zu den demokratischen – auch undemokratische Schulen gibt. Eigentlich sollten die hier dargestellten Fakten und Argumente die Kenntnis längst zutage gefördert haben, dass diese Frage mit einem ganz eindeutigen „Ja!“ zu beantworten ist. Bei der so genannten Regelschule haben wir es in weiten Teilen mit demokratiefreien Zonen zu tun, allem offiziellen Partizipationsgefasel zum Trotz. Eindrucksvoll belegen dies, neben der kritisierten Praxis der Belehrungsanstalten, die deutschen Bundesländer selbst durch ihre Schulgesetzgebung. Zumindest an den Beispielen Bayern, Baden-Württemberg, Berlin, Hessen und Nordrhein-Westfalen hat der Autor dies überprüft. In den Schulgesetzen jener Länder ist jeweils ein Paragraph mit dem Titel „Einschränkung von Grundrechten“ zu finden. So heißt es im Artikel 120 des Bayerischen Gesetzes über das Erziehungs- und Unterrichtswesen (BayEUG) aus dem Jahre 2000 kurz und eindrucksvoll: „Auf Grund dieses Gesetzes können im Vollzug der Bestimmungen über die Schulpflicht die Grundrechte auf körperliche Unversehrtheit, Freiheit der Person und Unverletzlichkeit der Wohnung eingeschränkt werden.“ Das Schulgesetz für Baden-Württemberg (SchG) aus dem Jahre 1983 fasst sich noch knapper: „Das Grundrecht der körperlichen Unversehrtheit (Artikel 2 Abs. 2 Satz 1 des Grundgesetzes) wird nach Maßgabe dieses Gesetzes eingeschränkt.“ Berlin (2004), Hessen (2002) und Nordrhein-Westfalen (2005) bemühen sich mit allerlei, dem Laien kaum nachvollziehbaren Querverweisen, Licht ins Dunkel zu bringen: Legitimieren will man hiermit gegebenenfalls die Verpflichtung, an der „Schulgesundheitspflege“ teilzunehmen; ferner will man mit einem solchen Passus natürlich auch die Schulpflicht auf sichere Füße stellen.
Aus aktuellem Anlass soll die betreffende Passage unserer Verfassung, dem Grundgesetz, hier kurz in Erinnerung gerufen werden. Unter dem Titel „Persönliche Freiheitsrechte“ wird ausgeführt:
„(1) Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.
(2) Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. In diese Rechte darf nur aufgrund eines Gesetzes eingegriffen werden.“
Demnach haben Kinder und Jugendliche, deren Status als Schüler festgezurrt wird, nicht mehr das uneingeschränkte Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Ihre Freiheit ist nicht unverletzlich. Die eingeräumte Möglichkeit, in diese Rechte per Gesetz auf diese Weise einzugreifen, haben sich ausgerechnet die Schulbürokraten zueigen gemacht. Ihre Intention, die sie somit „völlig legal“ ausbreiten, dokumentiert eindrucksvoll, dass tatsächlich beabsichtigt war und ist, Schulen expressis verbis zu demokratiefreien Zonen zu formen. In eine solche Zone passen Zensuren selbstverständlich wie maßgeschneidert.
Als neue Errungenschaft leistet sich Nordrhein-Westfalen die Wiedereinführung so genannter Kopfnoten. Ab dem Schuljahr 2007/2008 werden Ziffernnoten vergeben für Leistungsbereitschaft, Zuverlässigkeit/Sorgfalt, Selbstständigkeit, Verantwortungsbereitschaft, Konfliktverhalten und Kooperationsfähigkeit. Hier wird erneut ein illegitimes Vorgehen offiziell legalisiert. Junge Menschen werden mit einer solchen Kategorisierung keineswegs gefördert, sondern abgestempelt und gleichsam stigmatisiert. Insgesamt ein wahrlich gelungener Streich zur verschärften Verbreitung einer grassierenden Ellenbogen-Gesellschaft. Was bedeutet diese neue Praxis für Lehrerinnen und Lehrer? Einfache Rechnung: „30 Schüler pro Klasse mal sechs Kopfnoten pro Nase und Zeugnis ergeben 360 Noten im Schuljahr. Mit dieser Neuerung stehe Nordrhein-Westfalen national wie international weit vorn, sagte Klaus-Jürgen Tillmann, Pädagogikprofessor in Bielefeld, in der Landtagsanhörung zur neuen Ausbildungsordnung für die Sekundarstufe I.“ (65) In derselben Anhörung gab Dr. Siegfried Uhl vom hessischen Institut für Qualitätsentwicklung zu Protokoll: „Sechs (Kopfnoten) überfordern bei weitem die diagnostischen Fähigkeiten von Menschen – selbst von ausgebildeten Lehrkräften.“ (66)
Über das Thema „Diagnose“ kommen wir zum Begriff des „Paradoxons“, mit dem diese Auseinandersetzung unter anderem übertitelt ist. Eng damit verbunden ist zwangsläufig der Blick auf die menschliche Kommunikation. Begrifflich leitet sich Diagnose aus dem Griechischen ab und meint die Durchforschung im Sinne von Unterscheidung. Das dürfte uns bis hierher gefallen. Unterscheidungen finden wir gut, aber individuelle, nicht kategorische! Ebenfalls drückt es eine Erkenntnis aus, die zu einem Urteil führt. Letztlich ist ein Diagnoseversuch die Bemühung, die Heilung eines Menschen anhand vermuteter Symptome und deren Verbesserungschancen zu bewirken. Aus rechtlichen Gründen müssen Mediziner ihre Diagnosen gegenwärtig schriftlich dokumentieren. Im weiteren Sinne handelt es sich bei Diagnosen um Zuordnungen von Phänomenen zu einer Kategorie. In diesem Kontext sollte interessieren, dass das Diagnostizieren bislang Menschen in Heilberufen vorbehalten war; berechtigterweise – und auch hier immer wieder zweifelhaft, da Irrtümer niemals ausgeschlossen sind. Diagnostizieren in einem pädagogischen Kontext ist im Grunde ein Ding der Unmöglichkeit. Der vorgegebene Versuch, junge Menschen zu fördern, wird hierdurch förmlich konterkariert. Während es Mediziner immer schwerer haben, Diagnosen zu erstellen, wird das Diagnostizieren Pädagogen immer leichter gemacht. Lehrerinnen und Lehrer mit derart unlösbaren Aufgaben zu überfrachten, zeugt von großer Verantwortungslosigkeit der Kultusbürokratie. Und wie wir am Beispiel der Kopfnoten sehen können, wird von dem, was nicht funktioniert, noch mehr determiniert: Im Handumdrehen pro Klasse im Jahr 360 Noten mehr – dies streng diagnostisch. In diesem Zusammenhang sei noch einmal daran erinnert, dass sich Diagnosen in aller Regel mit Kranken befassen; gleichwohl wirft dies ein bezeichnendes Licht auf das formal organisierte Lehrer-Schüler-Verhältnis: Hier der allwissende Magister, der „in Wirklichkeit“ nur ein exekutives Organ ist, dort das offenbar kranke (siehe Diagnose) und pflegebedürftige Kind, das man problemlos kategorisieren kann. (67)
Dieses Verhältnis kann nur als paradox klassifiziert werden. Als Paradoxon verstehen wir hier im Sinn der Logik eine sich selbst widerlegende Aussage, frei nach dem Motto: Nichts ist absolut! Paradoxie ist eine Aussage, die einen Widerspruch im Sinne der formalen Logik enthält, in sich widersprüchlich und der allgemeinen Erfahrung zuwiderlaufend und die unter Umständen eine andere, höhere oder spezifische Wahrheit spiegelt; im Zusammenhang mit „schlechten“ Zensuren beispielsweise eine – konstruierte – Unzulänglichkeit. Schulversagen als von der Schule selbst erzeugtes Konstrukt! Aber: Paradoxien erwecken Widerstände. Dies machen sich beispielsweise manche Arbeitsweisen der Psychotherapie zunutze. Im pädagogischen Kontext ist dies im Rahmen regulärer Verläufe alles andere als förderlich, da Widerstand zunächst (Abwehr-)Kampf erzeugt und somit Kooperation verhindert. Bei längerfristiger Anwendung, vor allem vor dem Hintergrund, dass die Erwachsenen „am längeren Hebel“ sitzen, endet der Widerstand schließlich in Resignation. Wie aus diesem Dilemma herauskommen?
Diagnosen, Beurteilungen, Urteile und Zensuren sind in einem pädagogischen Kontext widersinnig und völlig kontraproduktiv im Sinne der Förderung junger Menschen. Wie wird ein Verhältnis zwischen Kindern und Erwachsenen ein förderliches? Fördern funktioniert über Kooperation, Kommunikation „auf Augenhöhe“ und gemeinsames Forschen – wie beschrieben. Der verstorbene Direktor des „Brief Family Therapy Centers“ in Milwaukee (Wisconsin), Steve de Shazer, vertrat die Auffassung, Menschen könnten im Grunde nicht miteinander kommunizieren. Jede Kommunikation sei eine Verkettung gegenseitiger Fehlinterpretationen. Da Menschen allerdings zwingend auf Kommunikation angewiesen seien, sei eine einigermaßen geglückte Verständigung dann erreicht, wenn man sich bei seinen Fehlinterpretationen soweit angenähert habe, das weitgehend nachvollziehen zu können, was den Konversationspartner umtreibe. Der Erkenntnistheoretiker Ernst von Glasersfeld vergleicht Kommunikation mit einem Balztanz: Man nähert sich an, entfernt sich wieder voneinander, nähert sich wieder an, bis man Möglichkeiten der Viabilität, des gemeinsamen Weges, auf den man sich verständigen kann, entdeckt. Max Frisch brachte dies auf die einfache und dennoch überzeugende Formel: „Jeder Versuch, sich mitzuteilen, kann nur mit dem Wohlwollen des Anderen gelingen.“ (68)
Eine förderliche Haltung besteht dementsprechend in einer auf Wohlwollen basierenden Sichtweise und eines entsprechenden Habitus. Dabei geht es nicht, wie fälschlicherweise häufig angenommen, um Toleranz, vielmehr um Respekt und Akzeptanz. Dass Toleranz allenfalls eine vorübergehende Haltung sein könne, hat bereits Goethe konstatiert; er sah sie allenfalls als Vorstufe der Akzeptanz. (69) Akzeptanz holt die Kinder dort ab, wo sie stehen. Es wird dabei nicht übersehen, dass jedes Kind seine spezifischen Kompetenzen hat, die sich in einem entsprechenden Umfeld weiterentwickeln. So wird die Motivation und Kooperationsbereitschaft günstig stimuliert; dies um so stärker, je mehr sich die Eigenverantwortung junger Menschen entfalten kann. Auch ausreichender Raum für Eigeninteressen sollte vorhanden sein, das nämlich ist ein absolut günstiger Boden für das Gedeihen effektiven Lernens und dazu bedarf es keiner Beurteilungen; die Bestätigung, ein kompetenter Mensch zu sein, reicht völlig aus. In diesem Zusammenhang ist natürlich auch die Frage gestattet, wie und mit welchen Mitteln man seine Kompetenzen erweitern kann und will.
Bei diesem Versuch einer Analyse, gepaart mit (fach-)politischen Forderungen, soll eingeräumt werden, dass der Autor möglicherweise völlig „daneben“ liegt. Allerdings spricht die Anzahl der vielen Menschen, deren natürlicher Zugang zu einer ihnen angemessenen Gesellschaft exekutiv verhindert werden konnte, eine deutliche Sprache. Brauchen wir unsere – vom System produzierten – Versager zwecks schimärenhafter Stabilisierung einer Gesellschaft, die längst nicht mehr stabil ist?
Lehrer, da Akademiker, werden nicht selten mit Wissenschaftlern, mit Forschern verwechselt (70), ein klarer Vorteil für ein künstlich und exekutiv aufgebautes Beurteilungswesen. Festzustellen bleibt, dass ihre Messergebnisse nichts belegen, geschweige denn beweisen können. Von seriösen Forschern erwartet man zu Recht eine nachprüfbare Annahme. Lehrer sind – als Administratoren ihrer jeweiligen Regierung – berechtigt, Wunschannahmen in solche Urteile zu verwandeln, die Lebensläufe exorbitant manipulieren und sogar in Richtung Demontage einleiten können; dies von den Beurteilten – wenn jene nicht durch Konkurrenz, Elterndruck und andere Zusammenhänge bereits manipuliert wurden – ungefragt und selten hinterfragt.
Lehrerinnen und Lehrer sollten sich ihrer Rolle als förderliche Pädagoginnen und Pädagogen bewusst werden und entsprechende Haltungen entwickeln. Dazu gehört auch, sich aktiv gegen ihren Missbrauch als exekutive (Ver-)Urteiler zu wehren.
****************
Fußnoten
(1) Duden Band 5 – Das Fremdwörterbuch
(2) Ebenda
(3) www.wikidepia.de
(4) In der gymnasialen Oberstufe gibt es eine Punktwertung.
(5) vgl. Das Lexikon in 20 Bänden, Zeitverlag Gerd Bucerius, Hamburg 2005, Band 15, Seite 577
(6) www.wikipedia.de – Zitat: Niklas Luhmann: Die Religion der Gesellschaft, Suhrkamp, Frankfurt 2002. Seite 19
(7) Humberto R. Maturana/Francisco J. Varel: Der Baum der Erkenntnis. Die biologischen Wurzeln des Erkennens, Scherz Verlag, Bern und München 1987 – zitiert aus der genehmigten Taschenbuchausgabe, Goldmann Verlag, o.J., Seite 146
(8) ebenda, Seite 259
(9) Humberto R. Marturana/Bernhard Pörksen: Vom Sein zum Tun. Die Ursprünge der Biologie des Erkennens. Carl-Auer-Systeme Verlag, Heidelberg 2002, Seite 39
(10) ebenda, Seite 40
(11) ebenda
(12) Paul Watzlawick: Selbsterfüllende Prophezeiungen, in: Watzlawick, Paul (Hg.): Die erfundene Wirklichkeit. Wie wissen wir, was wir zu wissen glauben? Piper Verlag, München, 8. Auflage 1994, Seite 100
(13) Heinz von Foerster/Bernhard Pörksen: Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners. Gespräche für Skeptiker. Carl-Auer-Systeme Verlag, Heidelberg 1998, Seite 55
(14) ebenda
(15) ebenda
(16) ebenda, S. 66
(17) ebenda, S. 67
(18) www.agot-nrw.de
(19) AGOT-NRW: „Auf dem Weg zur gelingenden Schule“. Eine bildungspolitische Streitschrift aus Sicht der Offenen Kinder- und Jugendarbeit, Düsseldorf 2006, Seite 5
(20) ebenda, Zitat aus Tillmann, Klaus Jürgen: Die homogene Lerngruppe oder System jagt Fiktion, in: Otto, Hans-Uwe/Rauschenbach, Thomas (Hg.): Die andere Seite der Bildung. Zum Verhältnis von formellen und informellen Bildungsprozessen, Wiesbaden 2004, Seite 38
(21) SPIEGEL ONLINE vom 8. Juli 2005: Sitzenbleiben: Nichts als verplemperte Zeit?
(22) AGOT-NRW, a.a.O., S. 5
(23) ebenda, S. 6
(24) ebenda
(25) Wittgenstein, Ludwig: Tractatus logico-philosophicus. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1998. Zitiert ist mit diesem Satz übrigens das komplette abschließende 7. Kapitel des Tractatus.
(26) Unterstreichung von Rainer Deimel
(27) Heinz von Foerster/Bernhard Pörksen, a.a.O., Seite 68
(28) ebenda
(29) ebenda, S. 68 f.
(30) Dass von Foerster hiermit meine bereits seit Jahren vorgetragene These bestätigt, Beurteilungen sagten immer mehr über die Persönlichkeit, Befindlichkeit usw. der Urteilenden aus als über die vermeintlich Beurteilten, kommt mir an dieser Stelle besonders entgegen.
(31) ebenda, S. 69
(32) ebenda, S. 70
(33) Gerold Scholz: Wortbeitrag aus der ersten Sequenz (Kinder sind unbelehrbar) des Films von Otto Schweitzer und Donata Elschenbroich: „Das Rad erfinden – Kinder auf dem Weg in die Wissensgesellschaft.“. Im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, Deutsches Jugendinstitut 1999
(34) Heinz von Foerster/Bernhard Pörksen, a.a.O., Seite 71
(35) ebenda, S. 72
(36) vgl. ebenda, S. 73
(37) Benutzt wurde hier die Neuauflage aus dem Jahr 1989. Neuauflagen gab es reichlich von Peter Lauster: Lassen Sie sich nichts gefallen! Die Kunst, sich durchzusetzen – Mut zum Ich. Düsseldorf 1989, ECON Taschenbuchverlag.
(38) ebenda, S. 202
(39) ebenda
(40) Die Unterschicht wird inzwischen „Prekariat“ genannt. Die Schule mit ihrer illegitimen Beurteilung war an seiner Erzeugung in erheblichem Maße beteiligt – vermutlich direkt an zweiter Stelle nach dem Fehlverhalten der Politik. Angesprochen sind hier sowohl Unkenntnis als auch der bewusste Wille, ein Prekariat existieren zu lassen. Nur: Das Prekariat zeugt noch, während die eigenen „Nachwuchskräfte“ aussterben!
(41) Lauster, a.a.O., S. 204
(42) Unverständlich insofern, da die Laborschule seit Jahrzehnten erfolgreich arbeitet, bei den PISA-Studien mit besten Ergebnissen aufwartet, die Kultusbürokratie gleichwohl nichts dazu beiträgt, eine solche Schulform endlich zur Regel zu machen.
(43) ebenda, S. 201
(44) ebenda
(45) ebenda, S. 202
(46) Der Duden bietet selbstredend unter anderem für „fördern“ „helfen“ und für „Förderung“ „Hilfe“ an. Duden, Band 8, Synonymwörterbuch, 4. Auflage, Mannheim 2007, Seite 388
(47) Brigitte Schumann: „Ich schäme mich ja so!“ Die Sonderschule für Lernbehinderte als „Schonraumfalle“, Bad Heilbrunn 2007
(48) WAZ vom 20. März 2007
(49) vgl. ebenda – Die Zahlen beziehen sich laut mündlicher Auskunft von Brigitte Schumann auf Nordrhein-Westfalen (Statistik Schuljahr 2004/2005).
(50) ebenda
(51) Zumindest kann der Autor aufgrund seiner gymnasialen Erfahrungen davon ein „Lied singen“. Einen Zugang zur Geschichte hat er sich verschafft, nachdem er mit Schule nichts mehr zu tun hatte. Das eigene Forschen diesbezüglich findet er bis heute spannend. Ferner erinnert er sich an einen Spaß, den er sich auf der Obertertia erlaubte: Selbst in einem eigentlich so wunderbar kreativen „Fach“ wie Kunst wurden Zensuren erteilt. Der Autor legte im Abstand von sechs Wochen ein und dasselbe Bild, das er gemalt hatte, dem Lehrer fünf Mal vor; dies im Wissen, dass er sich ohnehin nicht mehr daran erinnern würde. Beim ersten Mal gab es für das Bild eine „Zwei“, beim zweiten Mal eine „Drei“. Verbunden war dies mit dem Hinweis, ein „gelber Klecks“ auf dem Bild sei nicht kräftig genug ausgefallen. Und ehe man sich versah, fuhr der Lehrer mit seinem eigenen Pinsel und weiterer gelber Farbe auf das Bild, um den Klecks kräftiger darzustellen. Bei der nächsten Sichtung des Bildes kritisierte er gerade diesen Klecks, den er eine Woche zuvor angebracht hatte, als völlig übertrieben, und er gab eine „Vier“. Selbstverständlich durfte nicht darüber gesprochen werden, dass er das Bild schon öfter gesehen hatte; ein ziemliches Dilemma. Nach einiger Zeit wurde das Bild auch noch mit einer „Eins“ bewertet. An dem Fakt, derart unterschiedlich zu bewerten, hat sich nichts geändert. Auch aktuell werden Vergleichsarbeiten aller möglichen Disziplinen quer durch die Republik von unterschiedlichen Lehrern mit allen (sic!) verfügbaren Zensuren bewertet.
(52) Hans Brügelmann, Axel Backhaus et al. (Arbeitsgruppe Primarstufe an der Universität:Siegen): Sind Zensuren nützlich – und nötig? Ziffernzensuren und ihre Alternativen im empirischen Vergleich. Arbeitspapier im Auftrag des Grundschulverbandes, Siegen 2006, Seite 22
(53) Politisch völlig unkorrekt, wenn man das Gesabbel berücksichtigt, bei allem und jedem handele es sich um ein Subjekt.
(54) Jean-Claude Bringuier: Jean Piaget. Ein Selbstportrait in Gesprächen. Beltz Verlag, Weinheim 2004, Seite 104
(55) Bartnitzky, Horst: Müssen Noten sein? Vom Problem gerechter Leistungsbeurteilung, in: Naegele, Ingrid M. und Haarmann, Dieter (Hg.): Schulanfang heute. Ein Handbuch für Elternhaus, Kindergarten und Schule, Beltz Verlag, Weinheim 1999, Seite 215
(56) ebenda, S. 213
(57) vgl. www.heinrich-pestalozzi.de
(58) Bartnitzky, a.a.O., S. 214
(59) ebenda
(60) http://kraetzae.de/schule/schulkritik
(61) ebenda
(62) Diverse Quellen geben den Kategorischen Imperativ in unterschiedlich formulierten Varianten wieder. Das hier benutzte Zitat entstammt aus: Das Lexikon in 20 Bänden, a.a.O., Band 7, S. 504
(63) vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Demokratische_Schule
(64) Beitrag eines Referates auf der IDEC 2005 in Berlin
(65) WAZ vom 11. Januar 2007
(66) ebenda
(67) Vielleicht kann die Schule – anders als in den Ausführungen zur Diagnostik berichtet – doch von der Medizin lernen. Dem Vernehmen nach musste im alten China ein Arzt nur dann bezahlt werden, wenn die Therapie erfolgreich war – eine „Feststellung“, die sich leider inzwischen womöglich Gerücht herausgestellt hat.
(68) Die Quellen – de Shazer, von Glasersfeld und Frisch betreffend – sind dem Autor gegenwärtig nicht greifbar. Die Zusammenhänge sind beim früheren Lesen der entsprechenden Texte im Kopf „hängengeblieben“.
(69) Siehe hier auch: Jürgen Amendt: Ohne Respekt ist Toleranz wertlos – Verstoß gegen Würde und Selbstbestimmung im pädagogischen Alltag, in: Erziehung und Wissenschaft – Zeitschrift der Bildungsgewerkschaft GEW 2/2006.
(70) Dass Lehrerinnen und Lehrer gemeinsam mit den Kindern ganz hervorragende Forscherteams bilden können, wurde bereits zuvor beschrieben.
Vorstehender Beitrag wurde Ende 2007 als Beitrag für ein Fachbuch zum Thema „Zensuren“ verfasst. Wir wollen ihn den Nutzer(inne)n des ABA-Netzes nicht länger vorenthalten und stellen ihn hier zur Verfügung; dies kurz vor Schuljahresabschluss 2010. Möglicherweise hilft er beim Argumentieren, vielleicht auch als Trost für zahlreiche junge Menschen, deren Kompetenzen wieder einmal aufs Fragwürdigste in Abrede gestellt werden. Denjenigen, die mit ihren Zensuren zum Prahlen verführt werden, mag er eine Abschreckung sein. Wie stellte Johann Nestroy fest? „Die Zensur ist die jüngere von zwei schändlichen Schwestern, die ältere heißt Inquisition.“
NAGEL-Redaktion – Bildung
„Wer fliegen lernen will, muss zuerst mit beiden Beinen auf dem Boden stehen.“
Friedrich Nietzsche (1844-1900)

Über die Unmöglichkeit, objektiv zu urteilen – Zur Klärung eines Paradoxons
Zum Thema „Zensuren in der Schule“ hat Rainer Deimel einen umfassenden Beitrag verfasst. Wir wünschen hilfreiche Erkenntnisse!
DAGO! Kinderlobby, Hamburg
Wie Lernen funktioniert und Schule sein sollte
Über Facebook haben wir „DAGO! Kinderlobby“ kennengelernt, dazu gelernt und hilfreiche Informationen und Positionen ausgetauscht. Empfehlen möchten wir uneingeschränkt hier das Papier „Wie Lernen funktioniert und Schule sein sollte“. Mit freundlicher Zustimmung des Vereins DAGO! Kinderlobby haben wir es hier zum Herunterladen eingestellt und freuen uns über einen lebhaften Gebrauch.
„
DAGO Kinderlobby“ engagiert sich für die Förderung von Kindern und Jugendlichen, insbesondere durch Vertretung ihrer Interessen in allen gesellschaftlichen und politischen Bereichen. Sie setzt sich dafür ein, dass Politik und Wirtschaft sich wieder an den Bedürfnissen der Menschen (und damit zum Wohl von Kindern ) orientieren und nicht umgekehrt.
Mehr erfahren über DAGO Kinderlobby? Logo anklicken!
Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe (AGJ)
Bildung braucht Freiräume. Dimensionen einer Lernkultur der Kinder- und Jugendhilfe
Positionspapier der AGJ – Beschlossen vom Vorstand 24./25. November 2011
„Die AGJ hebt hervor, dass eine Lernkultur mit den Dimensionen des Wohlbefindens, der Autonomieerfahrungen und Zeitsouveränität eine wesentliche Bedingung ist, um ein inklusives Bildungskonzept wirksam umsetzen zu können. Um Bildungsorte und -angebote so zu gestalten, dass sie tatsächlich für alle jungen Menschen zugänglich und nutzbar sind, ist eine zielgerichtete Einbeziehung und strukturelle Absicherung informeller Lernprozesse und non-formaler Lernmodalitäten unerlässlich.
Ein inklusives Bildungskonzept, das bewusst individuell unterschiedliche Ausgangsvoraussetzungen zulässt und auch soziale Ungleichheit als Ausgangsbedingung akzeptiert, hält für alle Kinder und Jugendlichen eigenständige Wahrnehmungsmöglichkeiten und Entscheidungsfreiheiten offen.
Die Bildungsdebatte in Deutschland braucht deshalb eine Öffnung zu einer Lernkultur, die stärker als bisher auf Freiräumen und Wertschätzung gründet. Nur so wird sie die notwendige gesellschaftliche Kraft entfalten, um unser Gemeinwesen zu mehr Nachhaltigkeit und Alltagsdemokratie weiterzuentwickeln.“
AGJ (Arbeitgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe): Bildung braucht Freiräume (2011)
Am 6. April 2011 fand im nordrhein-westfälischen Landtag (Ausschuss für Schule und Weiterbildung) eine Expertenanhörung statt. Erstmalig wurde auch die Offene Arbeit zu einem solchen Thema eingeladen. Hintergrund war ein Antrag der FDP-Fraktion vom 21. September 2011, der zur weiteren Beratung an den Ausschuss weitergeleitet wurde.
Für die Offene Kinder- und Jugendarbeit war Rainer Deimel vom ABA Fachverband als Experte eingeladen. Zur weiteren Beschäftigung mit der Thematik haben wir die Ausführungen auf eine eigene Seite gestellt.
Bochumer Memorandum von DGB und GEW 2011
Zum zweiten Mal hat die GEW NRW gemeinsam mit dem DGB NRW ein sogenanntes Bochumer Memorandum veröffentlicht. Vorgestellt wurde es auf einem gemeinsamen Bildungskongress 17. und 18. Februar 2011 an der Ruhr Universität Bochum.
Bildung – ein Menschenrecht
Alternativbericht zum fünften Staatenbericht der Bundesrepublik Deutschland an denAusschuss für wirtschaftliche,soziale und kulturelle Rechte derVereinten Nationen
Am 22. November 2010 hat die Bildungsgewerkschaft GEW in Genf den Mitgliedern des für die Überwachung des Internationalen Pakts für wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte UN-Ausschusses ihren Alternativbericht vorgelegt. Interessierte können den Bericht hier laden.
Abschlusserklärung der Fachtagung „Entwicklung kommunaler Bildungslandschaften aus Sicht der Kinder- und Jugendarbeit“ der AGOT-NRW am 27. November 2009 in Bochum
Bildung in Deutschland: Bildungsbericht 2010
Wichtige Ergebnisse des Bildungsberichts 2010 im Überblick (Zusammenfassung)
Ko-Konstruktion: Lernen durch Zusammenarbeit
Diesen Beitrag von Prof. Dr. Dr. Wassilios Fthenakis stellte uns freundlicherweise die Redaktion der „didacta Kinderzeit“zur Verfügung. Diese veröffentlichte ihn in ihrer Ausgabe 3/2009. Beim ko-konstruktiven Lernen kommt es mehr auf die Erforschung von Beudeutng an als auf den Erwerb von Wissen. Der Schlüssel dieses pädagogisch-didaktischen Ansatzes ist die soziale Interaktion.
Lerngesundheit durch Ressourcenorientierung
Autor: Eckhard Schiffer
Diese sehr empfehlenswerten Ausführungen konnten wir mit freundlicher Unterstützung von Dr. Eckhard Schiffer (Mitglied im Beirat des ABA Fachverbandes und Autor zahlreicher Bücher) auf eine spezielle Seite „Lerngesundheit“ stellen. Bedanken möchten wir uns bei ihm und bei Alexander Mavroudis vom Landesjugendamt Rheinland, der uns ebenfalls bei der Realisierung unterstützt hat.
Jugendhilfe ist Erziehung und Bildung
Autor: Reiner Prölß
Diesen Beitrag, der bereits aus dem Jahr 2003 stammt, konnten wir mit freundlicher Unterstützung des Teams vom Bauspielplatz Langwasser (Nürnberg) sowie des emwe-Verlags verwenden und hier einstellen. Reiner Prölß ist Berufsmäßiger Stadtrat (Dezernent) für Jugend, Familie und Soziales der Stadt Nürnberg. Im Text selbst finden Sie über die Inhalte hinaus etliche Querverweise, die mit Links versehen sind. Wir wünschen Ihnen eine erkenntnisreiche Lektüre!

Kommunale Bildungslandschaften
Zu unserer Seite Bildung gibt es seit Mai 2009 eine Unterseite „Kommunale Bildungslandschaften“. Die AGOT-NRW befasst sich seit einiger Zeit mit diesem Thema. Mit Hilfe dieser Seite wollen wir den Entwicklungsprozess begleiten.

Weitere Beiträge
Bildungsreport Nordrhein-Westfalen 2008
Landesamt für Datenverarbeitung und Statistik NRW, Düsseldorf 2008 (9. September) – 32 Seiten, 310 KB
Länderreport Frühkindliche Bildungssysteme 2008
Bertelsmann Stiftung (165 Seiten, 3,2 MB)
Eine ökonomische Bewertung langfristiger Bildungseffekt bei Kleinkindern – BASS-Studie (Bertelsmann Stiftung 2008, 19 Seiten, 2,7 MB)
Sieh, was ich kann! Bildungs- und Lerngeschichten in Kitas – Erfahrungen aus dem Projekt „Kind & Co.“ – (Heinz Nixdorf Stiftung – Bertelsmann Stiftung 2007, 36 Seiten, 2,8 MB)
Die Schule geht in den Kindergarten
In seinem Beitrag bestätigt der Wissenschaftsjournalist Reinhard Kahl in der ZEIT vom 31. Januar 2008 die langjährige These des ABA Fachverbandes, dass Lernen nur durch bzw. erst in der Folge von Spielen möglich ist. Er dokumentiert praktische Beispiele und vorsichtige Annäherungsversuche.
Beitrag herunterladen
Jugendarbeit als eigenständiger Bildungsort – Jugend sucht sich eigenständige Bildungsorte
Vortrag von Prof. Dr. Ulrich Deinet (Fachhochschule Düsseldorf) am 7. November 2007 in Düsseldorf im Rahmen einer Fachtagung der AGOT-NRW anlässlich der Veröffentlichung des neuen AGOT-Positionspapiers „Programm und Positionen der Landesarbeitsgemeinschaft Haus der Offenen Tür Nordrhein – Westfalen“
Werte reflektieren und erlebbar machen. Warum?
Vortrag von Dr. Christa Preissing (FU Berlin) anlässlich der Fachtagung des „Bundesforums Familie“ „Werte reflektieren und erlebbar machen! Wertevermittlung in jungen Jahren“ am 22. November 2007 in Hannover. Schwerpunktmäßig beschäft Christa Preissing sich mit dem Thema Bildung:
1. Was bedeutet Bildung?
Bildung bedeutet: Sich ein Bild machen von der Welt
Sich ein Bild von sich selbst in dieser Welt machen
Sich ein Bild machen von den anderen in dieser Welt
Das Geschehen in der Welt für sich erleben und verarbeiten
2. Übergreifende Orientierungen in unserem Bildungskonzept
3. Wertebildung in unserem Bildungskonzept
Bildung ist ein aktiver, sozialer und sinnlicher Prozess
Bildung ist soziale Praxis
Bildung ist sinnliche Erkenntnisfähigkeit
Bildung – auch Wertebildung – geschieht nur, wenn Gefühl im Spiel ist
Bildung ist ein kultureller Prozess: Gleihheit und Unterschiede
Gleichheit und sozial-kulturelle Unterschiede
Gleichheit und ethnisch-kulturelle Uhnterschiede
Mit Kindern in den Dialog gehen – Werte reflektieren
Vortrag herunterladen
Kostenloser Kindergarten rechnet sich: Renditen der Bildung – Investionen in den frühkindlichen Bereich. Eine Studie des Instituts für die deutsche Wirtschaft/IW (Februar 2007) Studie herunterladen
Zukunft, Bildung und Betreuung
Empfehlungen der Arbeitsgemeinschaft für Jugendhilfe (AGJ) zu den gemeinsamen Herausforderungen von Schule und Jugendhilfe bei der Umsetzung des Investionsprogramm „Zukunft Bildung und Betreuung“ (Juni 2003)
Leipziger Thesen zur aktuellen bildungspolitischen Debatte – Vorgelegt vom Bundesjugendkuratorium (BJK), der Sachverständigenkommission für den 11. Kinder- und Jugendbericht und der Arbeitsgemeinschaft für Jugendhilfe(AGJ) (10. Juli 2002).
Die 11 Thesen:
- Bildung ist mehr als Schule
- Bildung muss Zukunftsfähigkeit sichern
- Das deutsche Bildungssystem verstärkt soziale Ungleichheit
- Selektion behindert Bildung
- Eltern sind keine Lückenbüßer
- Chancengleichheit für junge Migrantinnen und Migranten
- Bildung endet nicht mit dem Schulabschluss
- Geschlechtergerechtigkeit als Bildungsauftrag
- Kinder- und Jugendhilfe eröffnet ein breites Bildungsangebot
- Bildung erfordert neue Formen der Vernetzung
- Ganztagsangebote als Bildungsoffensive
Zukunftsfähigkeit sichern! – Für ein neues Verhältnis von Bildung und Jugendhilfe
Eine Streitschrift des Bundesjugendkuratoriums – Stellungnahme des Bundesjugendkuratoriums vom Dezember 2001
Hier gibt es weiter:
Welche Bildung leistet die Offene Arbeit
Entwurf „Bildungsplan“
Elemente eines Lernkonzeptes
Kompetenzentwicklung durch Spiel und Phantasie – Zum Bildungshorizont mobiler Spielpädagogik (nicht nur für MitarbeiterInnen beim Spielmobil)
Neugierde statt Drill
Anders als in anderen Ländern werden in Deutschland Einrichtungen des Vorschulbereichs weniger als Bildungsstätte denn als soziale „Aufbewahrungsorte“ für Kinder gesehen. („Stern“ vom 15. September 2004)
Spielmobile, Bildung, Politik
(Spiel-)mobile Bildung
Umwelt als Spiel- und Lernraum
Wie Kinder besser lernen – Was passiert im Kopf, wenn Kinder büffeln? Hirnforscher wollen das herausfinden, um unser Unterrichtssystem zu modernisieren. Erstmals arbeiten sie dabei mit Pädagogen Hand in Hand. („stern“ vom 8. September 2004)
Jugendarbeit als Teil lokaler Bildungslandschaften. Powerpoint-Präsentation von Prof. Dr. Ulrich Deinet (Fachhochschule Düsseldorf). Der Vortrag wurde gehalten am 7. November 2007 auf einer Fachtagung der AGOT-NRW. (6.847 KB, 34 Seiten)
Folien herunterladen
Zum Bildungsanspruch von Jugendarbeit – Ein Beitrag von Benedikt Sturzenhecker (2003)
Dr. Benedikt Sturzenhecker ist Professor an der Fachhochschule Kiel, Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit und Mitglied im Beirat des ABA Fachverbandes.
Konsortium Bildungsberichterstattung: Bildung in Deutschland. Ein indikatorengestützter Bericht zu Bildung und Migration, erschienen am 2. Juni 2006 im Auftrag der Ständigen Konferenz des Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland und des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. (6,5 MB, 330 Seiten)
Gebildete Kindheit. Wie die Selbstbildung von Kindern gefördert wird. Handbuch der Bildungsarbeit im Elementarbereich. Von Johannes Merkel, Bremen 2005 (344 Seiten, 1,3 MB). Prof. Dr. Johannes Merkel beschäftigt sich an der Universität Bremen schwerpunktmäßig mit Vorschulkindern. Den Beitrag „Gebildete Kindheit“ haben wir im Internet gefunden. Hier werden so ziemlich alle Aspekte zum Thema fundiert aufgegriffen. Johannes Merkel liefert – auch und vor allem für die Praxis – hervorragende Argumente. Unbedingt lesen, wenn man seine Arbeit verbessern und nach außen gewinnbringender vertreten will! Dieser Beitrag wurde im September 2006 hier eingestellt.
Andere Seiten zum Thema
Privatisierungsreports der GEW: Vom Rückzug des Staates aus der Bildung
Die Privatisierungsreports der GEW haben wir auf eine spezielle Seite gestellt. – Dorthin
Privatisierungsreport 1: Vom Rückzug des Staates aus der Bildung (2006)
Privatisierungsreport 2: Vom Durchmarsch der Stiftungen und Konzerne (2006)
Privatisierungsreport 3: Unternehmen Schule: Von Billig-Lehrern, Schülerfirmen und Public Private Partnership (2007)
Privatisierungsreport 4: Globaler Freihandel: Wie das weltweite Geschäft mit der Bildung angekurbelt wird (2007)
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Privatisierungsreport 6: Schöne neue Hochschulwelt (2008)
Privatisierungsreport 7: Kindertagesstätten (2008)
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Privatisierungsreport 9: Neue Aufgaben – neue Märkte: Wie Diernstleistungen an Schulen Geld verdient wird (2010)
Privatisierungsreport 10: Wie die Finanzkrise die Privatisierung des Bildungswesen vorantreibt (2010)
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Privatisierungsreport 13: Private Stiftungen versus demokratischer Staat – wie der Neoliberalismus das öffentliche Bildungswesen untergräbt (2011)
Link zur Seite mit den Privatisierungsreports

„Ich würde mir gern mehr Wissen und mehr Allgemeinbildung aneignen. Schlau zu sein ist im Leben die beste Waffe.“
Renée Zellweger (2008)
Zur Situation der Offenen Arbeit mit Kindern
Einige kritische Anmerkungen
Von Hartmut Kupfer
Anfang der 80er Jahre erschienen die gesellschaftlichen Voraussetzungen, die vielerorts zur Durchsetzung Offener Arbeit mit Kindern geführt hatten, im Schwinden begriffen zu sein. Ein Zurückdrängen Offener Arbeit in die Position einer Art „Sozialstation für Kinder“ fand bereits statt, und Kolleginnen und Kollegen, die dies nicht mittragen wollten, wandten sich zunehmend anderen Konzepten von Kinderkulturarbeit zu. Hierbei war allerdings häufig aus unserer damaligen Sicht die besondere Qualität Offener Arbeit, die nach wie vor mit Offenheit – Freiwilligkeit – Veränderbarkeit und Vielfältigkeit (in Kontinuität und Verlässlichkeit!) zu umschreiben ist, nicht mehr gesichert.
Seit 1987 haben sich diese Entwicklungen verschärft. In der Kinder- und Jugendarbeit sind – ich spreche von Berlin, aber anderswo ist es vielleicht ähnlich – Akzentverschiebungen vorgenommen worden. Mittlerweile wird Jugendarbeit wieder offensiv als Instanz sozialer Kontrolle über auffällige und „schwierige“ Jugendliche ausgebaut. Zuschreibungen wie „rechts“ und „gewaltbereit“ werden benutzt, um Strukturen der Kinder- und Jugendarbeit an Sparzwänge und Kontrollinteressen anzupassen. Neue Finanzierungsstrategien kommen vor allem zeitlich begrenzten Projekten, spezialisierter sozialpädagogisch orientierter Arbeit mit Problemgruppen, relativ schmalspurigen soziokulturellen Projektansätzen zugute. Die Offene Kinderarbeit, die Kindern eines Stadtteils ein großzügig ausgestattetes, vielfältiges, veränderbares Lern- und Erlebnisfeld eröffnet, hat ihren Charakter als „Herzstück“ von Jugendhilfeangeboten vor Ort weitestgehend verloren, fristet ein Dasein am Rande oder passt sich durch die Umformulierung ihrer Arbeitsansätze den Trends der Zeit an. Ein Ausbau findet nicht mehr statt.
Diese Situation wird von PraktikerInnen weitgehend übereinstimmend gesehen, lässt sich aber kaum „von innen heraus“ verändern. Vielfach wird jedoch, wenn ein Widerspruch zwischen Selbstverständnis und realer Situation entsteht, die Realität für falsch erklärt, um das eigene Selbstverständnis zu retten. Langfristig scheint mir das jedoch der falsche Weg zu sein. Es müsste die Frage gestellt werden, ob die Zeit der „Offenen Arbeit“ im traditionellen Sinne vielleicht abgelaufen ist, ob sich die „Essentials“ Offenheit, Freiwilligkeit, Veränderbarkeit und Vielfältigkeit in der gesellschaftlichen Existenz der Kinder und Jugendlichen nicht langfristig auf andere Weise realisieren müssen.
Hierzu ein paar unterstützende Argumente
1. Nach zehn Jahren CDU-dominierter Politik hat sich eine Gesellschaft entwickelt, in der Ausgrenzungen und der Umgang mit ihnen sich als ein dominierendes Thema darstellt, wenn nicht sogar als das dominierende Thema. Nicht individuelle Benachteiligung ist (z.B. durch Bildung und Erziehung) aufzuheben, sondern die Individuen erwerben ihre Selbsteinschätzungen vermittelt durch Prozesse von Aussonderung und Ausgrenzung, die der direkten Bearbeitung (im Sinne eines „Privilegienabbaus“) gar nicht mehr zugänglich sind. An die Stelle der sozialdemokratischen Forderung nach „Chancengleichheit“, die am Beginn Offener Kinderarbeit stand, tritt heute „Integration“ als zentrales pädagogisches Denkschema. „Integration“ ist jedoch im Gegensatz zu „Chancengleichheit“ nur scheinbar ein politisches Konzept. Es besteht häufig darin, die große Gemeinsamkeit vorzugeben, zu der dann alle Einzelnen – unter Beachtung ihrer Besonderheiten – dazugehören können sollen. Das Ganze ist nicht Resultat der Auseinandersetzung (wie im traditionellen demokratischen Gesellschaftsverständnis), sondern es ist der Auseinandersetzung vorausgesetzt. Konflikte Offener Arbeit waren weniger integrierend als konfliktbefördernd, polarisierend. Sie ließen zu, dass sich jemand außerhalb der „großen Gemeinschaft“ stellte, nein zum „großen Ganzen“ sagte. Die spießbürgerliche „Mitte“, für die der Bundeskanzler bei jeder Gelegenheit eintritt, hat sich im Grunde unangefochten in heutige pädagogische Konzepte umgesetzt – und dies nicht erst seit der Vereinigung, sondern schon viel früher – vielleicht seit dem „deutschen Herbst“ am Ende der 70er Jahre.
2. In unserer Gesellschaft zeichnet sich ein rapider Wandel ab, was das Verständnis von „Gemeinwesen“ betrifft. Offene Arbeit lebt jedoch von der Vorstellung, dass alle, die an einem Ort, in einem Stadtteil, „Kiez“ usw. leben, zum Gemeinwesen gehören und zu der offenen Einrichtung Zugang haben sollen. Dies hat noch nie so richtig funktioniert, was wohl damit zusammenhängt, dass „Gemeinwesenarbeit“ ein Import aus den angloamerikanischen Gesellschaften ist, wo völlig andere Voraussetzungen bestehen, u.a. eine vielfach weitgehende Homogenisierung von Wohngebieten im Sinne von Ghetto-Bildung. Charakteristisch für Berliner Wohngebiete ist ihre relativ gute soziale Durchmischung, ein Zusammenleben verschiedener sozialer Gruppen in unmittelbarer Reichweite zueinander. Daher ging unsere Bildungspolitik immer von der Vorstellung aus, dass Selektionsprozesse in der Schule und nicht in der Gesellschaft stattfinden – was auch prägend für das Gegenkonzept der Offenen Arbeit war. Nun spielt sich allerdings eine gesellschaftliche Entwicklung ab, in der sich unterschiedliche Bevölkerungsgruppen unter sozialen und zunehmend auch unter ethnischen Gesichtspunkten zu subkulturellen Einheiten formieren. Lokale „Gemeinwesen“ splitten sich dadurch ideologisch, ethnisch und kulturell auf. Kinder und Jugendliche machen dies sichtbar, indem sie sich in unterschiedlichen Gruppen organisieren und voneinander abgrenzen. Es könnte sein, dass dieser Prozess längerfristig offene Lernfelder mit einer einigermaßen stabilen sozialen Mischung vielerorts zum Verschwinden bringen wird. Dies hat sich z.B. im West-Berliner Bezirk Kreuzberg, was ASP-Arbeit angeht, so ähnlich abgespielt.
3. Schließlich ist der politische Hintergrund Offener Kinderarbeit, eine gesellschaftliche Perspektive auf zunehmende Partizipation und „Mehr-Demokratie-wagen“, seit den 70er Jahren in dramatischem Umfang abhanden gekommen. Mehr denn je wird die Bundesrepublik von Eliten kontrolliert und beherrscht, die über die Parteien und Verbände Nachwuchs rekrutieren; die politische Willensbildung spielt demgegenüber momentan eine untergeordnete Rolle. Von fortschreitender Demokratisierung in anderen gesellschaftlichen Bereichen ist nichts zu erkennen. Insofern haben Ansätze, durch Offene Arbeit mit Kindern Basisfähigkeiten für gesellschaftliche Mit- und Selbstbestimmung zu vermitteln, keine Chance und keinerlei Perspektive. Wer politisch etwas erreichen will, der rückt im Gegenteil ab von offenen Formen, organisiert sich als Elite in einem bestimmten Politikfeld (im Bereich der Ökologie lassen sich solche Prozesse beobachten), versucht, einerseits eine massenwirksame Ausstrahlung durch Reklame zu erzielen, andererseits effektiv als Lobby zu arbeiten und eigene Persönlichkeiten in Schlüsselpositionen zu bringen.
Symptomatisch für die Situation der „politischen Kultur“, von der Offene Arbeit auch lebt, sind die gegenwärtigen Bestrebungen, Kinder direkt in die Politik „einzuschleusen“, durch Gesprächsrunden, Kinderparlamente usw. Hier wird keine Verantwortlichkeit, politische Willensbildung, demokratische Entscheidungsfähigkeit bewirkt, sondern Vertreter der Exekutivgewalt stellen sich im Stile von aufgeklärt-absolutistischen Herrschern dar, denen an der Berücksichtigung der Sorgen und Nöte der Untertanen gelegen ist. Das Ganze erweckt den Eindruck, als würden Kinder als Legitimationsbasis für Repräsentanten eines politischen Systems benutzt – gerade in dem Moment, in dem das System sich zunehmend als korrupt und rein machtorientiert erwiesen hat.1 Auch diese Entwicklungen machen es schwieriger, an eine zukünftige Perspektive für „Offene Arbeit“ zu denken.
Wie kann es weitergehen?
Der Ausgangspunkt für Offene Arbeit mit Kindern war die bildungspolitische Strategie, Benachteiligungen abzubauen und Möglichkeiten der Partizipation zu verstärken; dies bezog sich auf Kinder als Individuen. Zur Realisierung dieser Ziele war daher eine Ebene wichtig, auf der die Individuen zusammenkommen und auf der „soziales Lernen“ in neuer Weise stattfinden sollte. Dies wurde durch offene Lernfelder im Sinne alternativer pädagogischer Institutionen umgesetzt. Die Schlüsselrolle dabei spielten die Diskussionen über die „Konzeptionen“ dieser Einrichtungen. Das wissen alle, die in den 70er Jahren am Aufbau dieser Arbeitsfelder beteiligt waren. Aber man weiß auch, wie wenig heute noch über „Konzeptionen“ geredet wird…
Ausgangspunkt für eine zukünftige Offene Kinder- und Jugendarbeit wird aber wohl immer weniger die Förderung der Individuen in gemeinsamen, offen konzipierten „institutionsförmigen“ Lernfeldern sein. Kinder und Jugendliche werden sich künftig unter ganz unterschiedlichen Vorzeichen organisieren, Träger mit unterschiedlichen Interessen werden auf ihre kulturelle Eigenständigkeit pochen, und Bearbeitung und Abbau von Dominanz wird nicht nur innerhalb, sondern auch zwischen unterschiedlichen Einrichtungen und Gruppierungen notwendig sein. Daher ist der Bezugsrahmen „Konzeption einer Einrichtung“ für die Herstellung offener Lernsituationen nicht mehr ausreichend. Offenheit kann nicht mehr sozusagen unter dem Prinzip der „Einheit des Ortes“ hergestellt werden, sondern lässt sich allenfalls noch dadurch erreichen, dass in einem Stadtteil oder in der Gemeinde ein Interessenausgleich unter den verschiedenen Gruppen gefunden wird. In dieser Form zukünftiger „Offener Arbeit“ würden Konflikte nicht individualisiert und sozialpädagogisch bearbeitet, sondern politisiert und kulturell gestaltet, wobei man häufig ohne Lösung dastehen würde (was aber nicht Neues ist). Professionalität wäre weiterhin notwendig, aber hauptsächlich, um ein versachlichendes, positives Auseinandersetzungsklima herzustellen und zu erhalten. Nicht: Um Kinder und Jugendliche auf den Weg der bürgerlichen Mitte zurückzuführen. Niemand würde „integriert“. Jeder darf sich absondern. Stadtteilversammlungen, Wahrnehmung übergreifender Aufgaben der Mittelvergabe, Veranstaltungsdurchführung usw. trügen zu einem sekundären gemeinsamen Rahmen bei. Abenteuerspielplätze würden hier und da weiterbestehen, aber stünden nicht mehr im Zentrum (real nicht und auch dem Anspruch nach nicht länger), wären nicht mehr die Orte, an denen sich Offene Arbeit wesentlich realisiert, sondern nur eine Stelle von vielen professionell und nicht professionell hergestellten Bestandteilen einer Offenen Kinder- und Jugendkulturlandschaft.
Vorstehender Beitrag stand in: DER NAGEL 56/1994. Ins Internet gestellt wurde er im August 2002. Fußnotenergänzungen sind neu.
Hartmut Kupfer arbeitete als Dipl. Pädagoge von 1980 – 1986 im Märkischen Viertel in Berlin auf einem Abenteuerspielplatz. Später widmete er sich diversen Forschungsarbeiten, u.a. mit „Lücke-Projekten“.
Anmerkungen:
1 Anm. d. Red.: Wie Jahre später die CDU-Spenden-„Affäre“ und der Kölner Müllskandal belegen durften. Inzwischen sind die „Herrscher“ strategisch verstärkt zur „Bauernopfer“-Mentalität zurückgekehrt, lassen sie doch hier und da „Miles-And-More-Sünder“ quasi stellvertretend – von den eigentlichen Polit-Skandalen ablenkend – über die „Klinge gehen“. Zur Erinnerung: Lothar Späth, der frühere Ministerpräsident von Baden-Württemberg und spätere Zeiss-Jena-Chef, der mittels der Vernichtung von tausenden von Arbeitsplätzen wieder Glanz in die Firma brachte, jetzt zum Expertenteam als Wirtschaftsmann von Edmund Stoiber gehört, musste seinerzeit gehen, weil er sich von der Industrie einen Luxusurlaub schenken ließ. Der Kandidat Stoiber selbst saß die Affäre um von der Waffenindustrie gesponserte Freiflüge und um Gratisleistungen von BMW und Audi einfach aus. Helmut Kohl und Roland Koch überzeugten im Spendenskandal schlechthin. Der Altkanzler bricht das Gesetz und Hessens CDU erfindet jüdische Vermächtnisse. Norbert Rüther und Karl Wienand: Im Bau einer Müllverbrennungsanlage und gestückelten Spenden an die Kölner SPD verfilzen sich mehr als zehn Millionen Euro. Und schließlich bedient Jürgen W. Möllemann von der FDP dumpfe antisemitische Klischees, und auf den Straßen werden Juden angegriffen (letztgenannte Argumente komprimierte die Zeitschrift MAX 18/2002).
Sexueller Missbrauch – Aufdeckung oder Aufklärung?
Zum Umgang mit dem Verdacht des sexuellen Missbrauchs
Von Susanne und Heinz Offe
Seit Mitte der 80er Jahre verbreitete sich das Wissen, dass sexueller Missbrauch wesentlich häufiger vorkommt, als man sich bis dahin vorgestellt hatte. Aufgrund der Tatsache, dass es für missbrauchte Kinder schwierig ist, anderen von ihren Erlebnissen zu berichten, entwickelte sich auf Seiten der professionellen Helfer eine engagierte Haltung, die dazu führte, jede Beschuldigung wegen sexuellen Missbrauchs als glaubwürdig und zutreffend anzusehen.
Inzwischen ist bekannt, dass es auch zahlreiche unzutreffende Beschuldigungen wegen sexuellen Missbrauchs gibt. Vom Missbrauchsverdacht Betroffene, die sich fälschlich beschuldigt fühlen, haben sich inzwischen in der BRD zusammengeschlossen, um sich gegen einen „Missbrauch mit dem Missbrauch“ zu wehren und auf ihn öffentlich aufmerksam zu machen. In Zeitschriften und im Fernsehen wird auf die z.T. katastrophalen Folgen hingewiesen, die unzutreffende Beschuldigungen und die daraufhin ergriffenen Maßnahmen (Unterbringung der Kinder in Heimen oder Pflegefamilien, z.T. Trennung der Eltern, z.T. Untersuchungshaft des Beschuldigten etc.) nicht nur für den Beschuldigten selbst, sondern auch für die auf diese Weise angeblich geschützten Kinder haben.
Die z.T. sehr emotionalisiert geführte Debatte um die Häufigkeit zutreffender und falscher Beschuldigungen macht es den Mitarbeitern sozialer Berufe wie z.B. ErzieherInnen, Jugendamts-MitarbeiterInnen u.a. schwer, im Einzelfall angemessen und sachlich mit dem Verdacht des Missbrauchs umzugehen. Im folgenden soll auf einige der diagnostischen Probleme, die sich bei der Abklärung des sexuellen Missbrauchs stellen, eingegangen werden, um zu verdeutlichen, wie unzutreffende Beschuldigungen zustande kommen und auch über längere Zeit hinweg aufrecht erhalten werden.
Entstehungszusammenhänge für unzutreffende Beschuldigungen
Der sexuelle Missbrauch ist aufgrund der öffentlichen Diskussion im gesellschaftlichen Bewusstsein besonders präsent. Daher entsteht im konkreten Fall der Verdacht des sexuellen Missbrauchs leichter. Dies gilt sowohl für einen zutreffenden als auch für einen unzutreffenden Verdacht. Falsche Beschuldigungen treten ebenso wie begründete in verschiedenen Lebenskontexten auf.
Es gibt jedoch Zusammenhänge, in denen unzutreffende Beschuldigungen besonders leicht erhoben werden. Es handelt sich u.a. um Fälle, in denen Eltern sich um das Sorge- oder Umgangsrecht nach der Trennung heftig streiten, und um Fälle, in denen bei Kindern im Vorschulalter der Verdacht aufgrund von auffälligen Verhaltensweisen im Kindergarten oder in anderen Betreuungssituationen entsteht und durch ErzieherInnen formuliert wird. In beiden – sich überschneidenden – Fallgruppen handelt es sich meist um Kinder im Alter von bis zu sechs Jahren. Bei diesen jungen Kindern besteht das Problem, dass sie selbst noch wenig Auskunft geben können, sodass ihre Äußerungen und Verhaltensweisen einen besonderen Interpretationsspielraum beinhalten. Falsche Beschuldigungen entstehen in dieser Altersstufe deswegen besonders häufig, weil bei den jungen Kindern derartige Äußerungen und auffallende Verhaltensweisen von Erwachsenen falsch gedeutet werden.
Dass in konflikthaften Trennungssituationen, in denen der Ärger und das wechselseitige Misstrauen der Eltern ein hohes Niveau erreichen, der Verdacht des Missbrauchs zu Unrecht aufkommen kann, ist leicht nachzuvollziehen. Der Verdacht stützt sich z.T. auf Äußerungen der Kinder, die von besorgten Müttern überinterpretiert werden. Noch häufiger ist die Interpretation von ungewöhnlichem Verhalten der Kinder, das auf der Basis der intensiven öffentlichen Diskussion des Themas und aufgrund der emotionalen Situation der Mütter, die im Trennungskonflikt den Vätern alles Schlechte zutrauen, leicht zu der Schlussfolgerung führt, dass der getrennt lebende oder geschiedene Vater das Kind missbrauche. Mütter sind von ihren Befürchtungen häufig sehr überzeugt, selbst wenn der Vorwurf nicht zutrifft. Wir fanden in unserer Tätigkeit als gerichtspsychologische Gutachter bisher jedoch keinen Fall, dass der Vorwurf ausschließlich aus taktischen Gründen in Auseinandersetzungen um das Sorge- und Umgangsrecht vorgebracht wird.
In Fällen, in denen der Verdacht vom Kindergarten ausgeht, liegen ebenfalls in den seltensten Fällen eindeutige Aussagen der Kinder über Missbrauchshandlungen vor. Meist gründet sich der Verdacht auf Zeichnungen und Verhaltensauffälligkeiten, die in Symptomlisten enthalten sind, oder auf uneindeutige und verschieden interpretierbare Aussagen der Kinder. Meist richtet sich auch in diesen Fällen der Verdacht spontan gegen die Väter. Entgegen einer weit verbreiteten Auffassung, die auch in einem irreführenden Buchtitel („Väter als Täter“) ihren Niederschlag gefunden hat, zeigen empirische Untersuchungen jedoch, dass nur bei einem geringen Anteil der Missbrauchsfälle die leiblichen Väter die Täter waren.
Fehlerquellen bei der Entstehung und Abklärung des Verdachtes
Es gibt kein eindeutiges Interpretationssystem von Kinderzeichnungen, aufgrund dessen aus Zeichnungen verlässlich auf einen sexuellen Missbrauch geschlossen werden kann. Wenn Kinder z.B. längliche Gegenstände oder Raketen zeichnen, Häuser mit Schornsteinen malen, aus denen Rauch kommt, oder einen „penisartigen“ Entenschnabel zeichnen, sind dies keine Hinweise auf sexuellen Missbrauch.
Ebenso lässt sich sexueller Missbrauch nicht aufgrund von Verhaltenssymptomlisten diagnostizieren, die auffällige Verhaltensweisen auch andere Ursachen haben können. Das einzige Symptom, dem nach der vorliegenden Literatur ein gewisser diagnostischer Wert zukommt, ist „altersunangemessenes sexualisiertes Verhalten“. Diese Formulierung macht deutlich, dass es auch altersangemessenes sexualitätsbezogenes Verhalten von Vorschulkindern gibt. Einen ernsthaften Hinweis (wenn auch keinen Beweis) auf sexuellen Missbrauch gibt unangemessenes sexualisiertes Verhalten dann, wenn es häufig auftritt, und zwar auch gegenüber dem Kind nicht vertrauten Personen, und wenn es mit aggressiven Handlungsanteilen verbunden ist. Kein Hinweis auf sexuellen Missbrauch ist es dagegen, wenn ein Kind sich mit gespreizten Beinen in den Sandkasten setzt und Sand zwischen den Beinen verreibt. Auch wenn sich ein Kind, das von einer Erzieherin auf den Arm genommen wird, nicht im „Äffchen-Sitz“ (d.h. mit um den Körper der Erzieherin gelegten Beinen) festhält, sondern sich zu befreien versucht, ist dies nicht als Hinweis auf einen Missbrauch zu werten. Beide Verhaltensweisen sind von Erzieherinnen als Begründungen für einen Missbrauchsverdacht genannt worden. Wenn das Spreizen der Beine als sexualisiertes Verhalten oder das Nicht-Spreizen der Beine als Ausdruck sexueller Traumatisierung verstanden werden, so handelt es sich um überzogene und willkürliche Interpretationen. Wenn erst einmal ein Verdacht vorhanden ist, wird leicht jedes Verhalten als Anzeichen für einen Missbrauch gesehen.
Auch wenn bei einem Kind Verhaltensstörungen auftreten, zeigt dies zunächst nur, dass es ihm nicht gut geht und dass es erheblichen Belastungen ausgesetzt ist, die seine Entwicklung beeinträchtigen. Es gibt keine Verhaltens-Symptome, die einen Rückschluss auf sexuellen Missbrauch als spezifische Ursache zulassen. Die Art der Symptome erlaubt keine zuverlässige Diagnose über die Art der Belastungen. Verhaltensauffälligkeiten sind ein Grund zur Besorgnis; sie sollten Anlass geben, die Art der Belastungen genauer zu klären und nach möglichen Hinweisen zu suchen. Wenn dabei der Blickwinkel von vornherein auf den Verdacht des sexuellen Missbrauchs verengt wird, bedeutet dies keine Hilfe für das Kind, sondern in der Konsequenz oft eine erhebliche zusätzliche Belastung.
Das Spiel mit anatomisch ausgebildeten Puppen ist ebenfalls keine zuverlässige Methode zur Diagnose des sexuellen Missbrauchs. Amerikanische Untersuchungen haben ergeben, dass sich Kinder, die missbraucht worden sind, nicht eindeutig von Kindern, die nicht missbraucht worden sind, aufgrund ihres Spiels mit den Puppen unterscheiden lassen. Es ist z.B. kein Hinweis auf einen sexuellen Missbrauch des Kindes, wenn das Kind beim Ausziehen der Puppen über die Genitalien erschrickt und die Puppen wieder weglegt, ebenso wenig, wenn es das entgegengesetzte Verhalten zeigt und für die Genitalien der Puppe Interesse zeigt. Beide Reaktionen liegen im Normbereich. Es zeigt sich an einem Beispiel wiederum, dass jedes Verhalten mit einem sexuellen Missbrauch in Verbindung gebracht wird. Diese Auffassung schließt die Möglichkeit aus, feststellen zu können, dass kein Missbrauch stattgefunden hat.
Einige Untersuchungen zum Spielverhalten mit anatomisch ausgebildeten Puppen zeigen im Gegensatz zu der bisher verbreiteten Meinung, dass Kinder, die sexuell missbraucht worden sind, sexualitätsbezogene Spiele teilweise eher vermeiden als nicht missbrauchte Kinder. Eine wichtige Informationsquelle, um den Verdacht des sexuellen Missbrauchs zu klären, ist die Befragung der Kinder. Dabei werden die Kinder häufig zunächst von Personen befragt, die von dem Missbrauch überzeugt sind. Die Mütter möchten sich über ihren Verdacht vergewissern; die KindergärtnerInnen führen Befragungen durch und führen Protokolle über jede ihnen verdächtig erscheinende Äußerung. Sogenannte „Aufdeckungsgespräche“ dienen, wie der Name sagt, dazu, einen Missbrauch aufzudecken, wobei die fragende Person meist davon ausgeht, dass ein Missbrauch vorliegt und ihre Aufgabe nur darin sieht, ihn nachzuweisen. Bei einer derartigen Voreingenommenheit müssen fehlerhafte Befragungsergebnisse die Folge sein. Diese Fehler kommen einerseits dadurch zustande, dass die Antworten der Kinder durch die Art der Fragestellung beeinflusst werden (suggestive Einflüsse), und andererseits durch einseitige Interpretationen der so erhaltenen kindlichen Antworten. Die Erkenntnis, dass grundsätzlich durch jede Befragung Einfluss auf die Vorstellungen des Kindes vom Befragungsgegenstand genommen wird, sollte dazu führen, Befragungen an strengen methodischen Regeln zu orientieren, die dazu dienen, suggestive Einflüsse zu minimieren. Anderenfalls ergibt sich leicht eine Beeinflussung der Kinder, die so weit gehen kann, dass die Kinder ausführlich von Missbrauchserlebnissen berichten, ohne sie tatsächlich erlebt zu haben.
Es wird bisher zu wenig berücksichtigt, dass besonders junge Kinder in hohem Maße suggestibel sind und dass ihre Aussagen wesentlich von den Voreinstellungen der fragenden Personen beeinflusst werden. Dies ist um so mehr der Fall, wenn die fragende Person eine für die Kinder wichtige Bezugsperson ist. Wenn Mütter oder KindergärtnerInnen von dem Missbrauch überzeugt sind, können sie wiederholte Befragung erreichen, dass das Kind ihnen berichtet, was sie hören wollen.
Damit soll nicht gesagt werden, dass man in Kinder alles Beliebige hineinfragen kann. Kinder sind in unterschiedlichem Ausmaß suggestibel. Je sicherer sie sich ihrer Kenntnisse und ihrer Erinnerungen sind, desto weniger Wirkung haben suggestive Einflüsse. Wenn sie jedoch nach Situationen oder Verhaltensweisen gefragt, von denen sie kein sicheres Wissen haben, neigen vor allem jüngere Kinder dazu, entsprechend den von ihnen wahrgenommenen Erwartungen und Sichtweisen der Befrager zu antworten. Bei Befragungen muss daher immer die Möglichkeit von Suggestionswirkungen bedacht werden. Berichte jüngerer Kinder sind oft wenig ausführlich.
Daher ist es oft erforderlich, Kindern gezielte Fragen zu stellen. Es ist bekannt, dass bei derartigen Fragen fehlerhafte Angaben gegenüber Spontanberichten der Kinder zunehmen. Oft werden die Kinder gefragt, ob eine konkrete Missbrauchs-Situation oder Missbrauchshandlung, die der Befrager für möglich hält, stattgefunden hat. Damit werden den Kindern Informationen vorgegeben, denen sie nur noch zustimmen und die sie in weiteren Befragungen verwenden können. Kinder neigen dazu, Fragen mit Ja zu beantworten, wenn die Frage die Möglichkeit einer Ja- oder Nein-Antwort zulässt. Sie neigen auch dazu, Fragen zu beantworten, indem sie die Informationen verwenden, die ihnen in den Fragen vorgegeben werden. Der Grund für dieses Antwortverhalten von Kindern ist darin zu sehen, dass sie gern eine gute Beziehung zu der sie befragenden Autoritätsperson herstellen möchten. Diese Antwort-Tendenzen haben für zukünftige Befragungen der Kinder Folgen.
Um dies an einem erfundenen und absichtlich extrem gewählten Beispiel zu verdeutlichen: Wenn ein Kind auf die Frage eines Erwachsenen, ob sein Vater es missbraucht habe, mit Ja antwortet, um mit dem Befrager, der dies offensichtlich erwartet, Übereinstimmung herzustellen, so wird es möglicherweise bei einer nächsten Befragung, in der ihm die offene Frage gestellt wird, was sein Vater mit ihm gemacht habe, antworten: „Mein Vater hat mich missbraucht“. Auf die Frage, was er denn genau gemacht habe, wird das Kind zunächst nicht antworten können, was oft als eine aufgrund der Missbrauchserfahrung verständliche Verschlossenheit interpretiert wird. Um Kindern die Aussage zu erleichtern, werden z.B. Fragen gestellt, auf die das Kind mit Ja oder Nein antworten kann, z.B. „Hat er dich vielleicht an der Scheide angefasst?“, was dem Kind neue Informationen gibt. In weiteren Befragungen über Missbrauchshandlungen (oder auch über andere Ereignisse) kann es so dazu kommen, dass Kinder ausführlich über Erlebnisse berichten, die niemals stattgefunden haben. Diese Kinder lügen nicht; sie sind vom Realitätsgehalt ihrer Angaben überzeugt, da sie glauben, dass Erwachsene wissen, was sie erlebt haben, und sie in gutem Glauben die Meinung der Erwachsenen übernehmen. Sie unterscheiden auch selbst nicht so genau wie ein Erwachsener zwischen erlebten und ausführlich mit ihnen besprochenen Inhalten, was die Übernahme der Meinung von bedeutsamen Erwachsenen nahe legt.
Daraus ergibt sich als Schlussfolgerung: Je mehr Information eine Frage enthält, desto geringere diagnostische Information liefert eine zustimmende Antwort des Kindes, und desto schwieriger wird es, zukünftig den Realitätsgehalt von Aussagen dieses Kindes festzustellen. Aber nicht nur suggestive Einflüsse verfälschen die Ergebnisse von Befragungen. Falsche Schlussfolgerungen kommen auch durch voreingenommene und einseitige Wahrnehmungen und Interpretationen der kindlichen Äußerungen zustande. So werden erwartungswidrige Antworten der Kinder schwerer wahrgenommen oder leicht „weginterpretiert“ (z.B. als Scheu der Kinder, über tatsächlich stattgefundenen Missbrauch zu sprechen). Wenn ein Kind nicht die erwarteten Antworten gibt, werden Befragungen z.T. sehr häufig wiederholt, was die Suggestionswirkung erheblich steigert. Mit der Voreingenommenheit geht auch eine Tendenz zur Überinterpretation der kindlichen Äußerungen im Sinne der vorgefassten Meinung einher, so dass Äußerungen von Kindern oft eindeutiger aufgefasst werden, als sie es sind. Als Schlussfolgerung ergibt sich daraus, bei Befragungen Fragen und Antworten wörtlich zu protokollieren, weil sie schon kurz nach der Befragung Erinnerungs-Verzerrungen in Richtung auf das erwartete Ergebnis einstellen. Bei späteren Überprüfungen des Verdachts ermöglichen es wörtliche Protokolle, die Entwicklung der Aussagen des Kindes zu rekonstruieren, um eventuelle Einflüsse von Erwachsenen festzustellen oder ausschließen zu können.
Hinweise für den Umgang mit dem Verdacht des sexuellen Missbrauchs
Entsteht der Verdacht, dass ein Kind missbraucht worden sein könnte, befinden sich die damit befassten Personen in einer schwierigen Situation. Oft sind Verdachtsmomente zunächst nicht ausreichend, sodass weitere Nachforschungen erforderlich sind. Bei der weiteren Klärung eines Missbrauchs-Verdachts sollte in jedem Fall sehr genau überlegt werden, ob auch andere Erklärungen für Verhaltensweisen und Äußerungen des Kindes denkbar sind, um Fehlinterpretationen zu vermeiden. Es erscheint sinnvoll, vorsichtiger als bisher mit dem Verdacht umzugehen.
Jeder, der sich mit der Klärung eines solchen Verdachtes befasst, wird sich mit dem aktuellen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse auf diesem Gebiet vertraut machen müssen, um Fehlerquellen zu kennen und im eigenen Handeln zu vermeiden. Eine gegenüber dem Missbrauchsverdacht neutrale Einstellung und das Wissen, dass es falsche Beschuldigungen gibt, sind notwendiger Bestandteil dieser Kompetenzen. Der Verdacht sollte grundsätzlich nicht von der Person überprüft werden, die ihn aufgebracht hat, sondern von einer an dem Fall bisher nicht beteiligten Person. Daraus ergibt sich, dass es bei einem Verdacht, der im Kindergarten aufgekommen ist, nicht Aufgabe von ErzieherInnen sein kann, über Monate und Jahre verdächtiges Verhalten oder Äußerungen von Kindern zu beobachten. Eine Person, die den Verdacht systematisch untersucht, sollte frühzeitig eingeschaltet werden. Je länger der Zeitraum seit den vermuteten Missbrauchsereignissen ist und je öfter das Kind befragt worden ist, desto schwieriger wird es, den Verdacht zu klären.
Bisweilen werden Kinder z.B. von besorgten Müttern schon vor der Abklärung, ob ein Missbrauch stattgefunden hat, in eine Therapie geschickt, in der die Missbrauchserfahrungen bearbeitet werden sollen. Obwohl dies in manchen Fällen wegen der langen Dauer einer endgültigen Klärung notwendig sein kann, ist bei einer solchen Entscheidung zu bedenken, dass eine Therapie, in der Missbrauchserfahrungen vorausgesetzt und thematisiert werden, für ein tatsächlich nicht missbrauchtes Kind eine große Belastung darstellt. Im Extremfall kann dies dazu führen, dass ein Kind, das nicht missbraucht worden ist, schließlich vom eigenen Missbrauch überzeugt ist. In keinem Fall kann aber ein Therapeut oder eine Therapeutin , die mit einem Kind in der Therapie (vermutete) Missbrauchserfahrungen aufarbeitet, gleichzeitig als Sachverständige(r) zur Aufklärung des Verdachts beitragen. Wenn sich ein aufkommender Verdacht gegen ein Mitglied der engeren Familie (zumeist gegen den Vater) richtet, stellt sich die Frage, ob die Kinder aus der Familie herausgenommen und fremd untergebracht werden sollen. Hier lassen sich keine allgemeinen Richtlinien geben. Unsere Erfahrungen zeigen jedoch, dass die schwerwiegenden negativen Folgen, die eine oft länger als ein Jahr dauernde Trennung von den Eltern vor allem für jüngere Kinder bedeutet, von den antragstellenden Jugendämtern oft nicht ausreichend bedacht werden. Als besonders problematisch hat es sich erwiesen, Kinder aufgrund eines ungeklärten Verdachts in Pflegefamilien unterzubringen. Es ist besser, sie für die Übergangszeit in ein Heim zu geben, damit nicht für den Fall, dass sich herausstellt, dass der Verdacht falsch war, ein Kampf zwischen den Pflegeeltern und den leiblichen Eltern um das Kind entbrennt.
Dr. Susanne Offe ist Dipl. Psychologin und arbeitet u.a. als Gerichtsgutachterin in Bielefeld. Prof. Dr. Heinz Offe ist ebenfalls Dipl. Psychologe. Er arbeitet als Hochschullehrer an der Fachhochschule in Bielefeld. Auch er ist als Gerichtsgutachter tätig.
Die vorstehende Auseinandersetzung wurde veröffentlicht in: DER NAGEL 56/1994. Sie wurde uns freundlicherweise vom Deutschen Kinderschutzbund zur Verfügung gestellt.
Kindesmissbrauch und Sexualität
„Ich würde ihm zeigen, wie verdorben ich sein konnte. Alles andere war mir egal. Mein Schamgefühl ist anders geartet. Eine Dame, die vor dem Stühlchen eines behinderten Kindes „oh, wie reizend er doch ist!“ ausruft, ein Neureicher, der dem fünfzehnjährigen Kellner am Fischimbiss einen Skandal vom Zaun bricht, nur weil er kein dunkles Brot hat, ein wohlbeleibtes und gut gekleidetes Ehepaar, das Pfennige als Almosen verteilt, das sind die Dinge, die mein Schamgefühl hervorrufen; das andere Schamgefühl, diese konventionelle Scham habe ich nie besessen.“
(Almudena Grandes in: Lulu. Die Geschichte einer Frau. Hamburg 1990)
Missbrauch des Missbrauchs? Widerständiger Versuch gegen die Irritation
Von Rainer Deimel
Zugegebenermaßen hat die nunmehr seit längerem geführte Diskussion um sexuellen Missbrauch Verunsicherung geschaffen, zumindest was mich betrifft. Gleichzeitig konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass sich eine ähnliche Verunsicherung ebenfalls bei zahlreichen KollegInnen in den Einrichtungen manifestiert hat.
Das Aufbrechen von Tabus ist oft Voraussetzung für eine deutliche Veränderung und – wünschenswerterweise – Verbesserung bestehender gesellschaftlicher Problemsituationen. Dies ist auch im Falle von Kindesmissbrauch geschehen. Nach anfänglicher Verunsicherung, genährt nicht nur durch das Unfassbare des Missbrauchs an sich, des scheinbar massenhaft auftretenden inzestuösen Verhaltens, der demütigenden und möglicherweise irreversiblen Ausbeutung von Kindern durch Erwachsene, sondern zusätzlich noch durch meine Rolle als Mann und Vater in einer derartigen Gesellschaft „brannte und brennt mir“ das Thema „auf den Nägeln“. In der Öffentlichkeit, den Medien, in Verbänden usw. wurde die Problematik aktiv „angegangen“, Aufklärung betrieben, wurden Seminare veranstaltet, zahlreiche Bücher und Broschüren veröffentlicht und anderes mehr. Im Laufe dieser Auseinandersetzung geriet beispielsweise der Deutsche Kinderschutzbund zeitweise in eine scheinbar defensive Position:
- Seitens des Kinderschutzbundes wurden Schätz-Zahlen angeben, die weit unter denen anderer Fachleute zurückblieben. Katharina Rutschky ( ) stellt in diesem Zusammenhang provozierend fest, dass der Kinderschutzbund damit möglicherweise seine Existenzberechtigung selbst in Frage stellen würde, da er als Organisation doch ein Interesse an möglichst vielen gequälten und missbrauchten Kindern haben müsse.
- Der Kinderschutzbund wollte sich – soweit ich dies einschätzen kann – bislang nicht der Meinung unterwerfen, sexueller Missbrauch sei im Vergleich zu anderen Quälereien und Ausbeutungen von Kindern die schlimmste Form von Übergriffen überhaupt.
- Trotz aller Anfeindungen ist der Kinderschutzbund bisher nicht von seinem Motto „Helfen statt Strafen“ abgewichen.
Ich freue mich mittlerweile über die Standhaftigkeit dieser – wie ich meine – in Deutschland bedeutendsten Kinderschutzorganisation. In der fachlichen Auseinandersetzung im vergangenen Jahr fiel mir auf, dass die Diskussion immer stärker in Richtung „Hysterie“ auszuarten drohte. Als erleichternd empfand ich das Aufgreifen der Thematik genau in der Intention, einer „Hysterisierung“ entgegenzuwirken, durch das SOZIALMAGAZIN im Mai und im Oktober 1992. Als Mann hatte ich immer noch so meine Schwierigkeiten, mich in dieser Form an die Problematik heranzuwagen. Erst Katharina Rutschky, die als engagierte Frau (Pädagogin und Historikerin) ihr Buch „Erregte Aufklärung“ herausgebracht hat, hat mir den Mut gemacht, mich auf diese Weise zu äußern. Sie – Rutschky – wird sich in der Zwischenzeit allerlei Anfeindungen ausgesetzt fühlen. Ihr ihre Seriosität abzusprechen, dürfte schwer fallen, zumal sie sich als Autorin und Herausgeberin von „Schwarze Pädagogik“ ( ) bereits 1977 einen „Namen“ gemacht hat. Mit einer beharrlichen Akribie hat sich Katharina Rutschky daran gemacht, einmal die Zahlen und Hintergründe aus dem Zusammenhang des Missbrauchs zu beleuchten.
Beim ABA Fachverband erschien in der Reihe DER NAGELKOPF (Nr. 15/1991) die Broschüre „Sexueller Missbrauch von Mädchen und Jungen“ von Petra Monshausen. In meinem Nachwort zu dieser Broschüre hatte ich formuliert: „Statistische Angaben sind im Zusammenhang mit dieser Problematik nicht unbedingt brauchbar. Sie können dazu geeignet sein, lähmendes Entsetzen und Hysterie auszulösen, aber auch Widerstand und Zweifel (‚Jeder vierte Mann …‘); dies wiederum ist einer Begegnung im Sinne von Verhindern und Handeln nicht dienlich, eher blockierend. Darüber hinaus sagen Zahlen über das einzelne Schicksal eines Kindes überhaupt nichts aus. Prozente helfen nicht weiter, sondern bringen eher die Gefahr einer weiteren Diskriminierung mit sich.“
Katharina Rutschky beleuchtet überzeugend den mythenhaften Hintergrund der Zahlen-„Inszenierung“, wobei sie unter anderem schwerpunktmäßig den Expertinnen Barbara Kavemann und Ingrid Lohstöter (Sachverständigenkommission 6. Jugendbericht) „auf den Zahn fühlt“. Sie stellt dabei fest, dass es sich bei der Zahl drei um einen Mythos handeln muss („Jedes dritte Mädchen… 300000 missbrauchte Mädchen… jeder dritte Mann ein Täter… 4 x 300000 = 1,2 Mio., so ist man dann bei der Zahl der BILD-Zeitung… in jeder dritten Minute in diesem Lande Tag und Nacht ein missbrauchtes Kind… ). Sie rechnet nach und stellt fest, dass die schier unermüdlichen Täter mindestens in jeder zweiten Minute aktiv sein müssten, vorausgesetzt, sie würden nie schlafen. So führen sich manche Statistiken selbst ad absurdum, und berechtigterweise stellt Katharina Rutschky fest: „Damit nicht nur jede fünfte, vierte, dritte, ja, jede zweite Frau als Opfer, aber damit auch als Rohstoff für Statistik, Forschungsvorhaben und therapeutische Einrichtungen in Frage kommt, muss man wohl noch weiter gehen, bis dahin, wo der Wahn beginnt und auch der letzte Rest von common sense und Lebensklugheit Ade gesagt haben.“ ( ) Und hinsichtlich der Zahl der missbrauchten Frauen und Mädchen stellt sie dementsprechend die Frage: „Warum nicht alle?“ ( ) Während und nach der Lektüre ihres Buches wurde mein Verdacht bestätigt, dass sich hinter alledem nicht nur das berechtigte individuelle Recht auf seelische und körperliche Integrität des Kindes verbirgt, sondern dass hier auch reichlich ideologische Suppe gekocht werden soll. Und genau damit will ich mich im Folgenden befassen. Ich will dabei auf Zahlen völlig verzichten. Gleichwohl möchte ich aus einer Untersuchung von Dirk Bange ( ), die dieser bei StudentInnen der Universität Dortmund durchgeführt hat, einige Informationen aufgreifen, die mir wichtig erscheinen: „Der Mythos, dass sexueller Kindesmissbrauch ein besonderes Problem der unteren sozialen Schichten ist, bestimmt bis heute das Denken vieler Menschen. Kindern, die von Bürgermeistern, Lehrern oder anderen honorigen Bürgern sexuell missbraucht wurden, ist u.a. deshalb oft nicht geglaubt worden. Diese Annahme wird durch das Ergebnis meiner Studie in Zweifel gezogen. Ingesamt kommt etwa die Hälfte der sexuell missbrauchten Studentinnen aus der Oberschicht oder oberen Mittelschicht. Etwa ein Drittel wurde als der unteren Mittelschicht zugehörig klassifiziert, und nur ein Zehntel sind der Unterschicht zuzurechnen…
Die Ergebnisse der Befragung deuten in die Richtung, dass sexuell missbrauchte Kinder vielfach in einem angespannten Familienklima aufwachsen:
- Die sexuell missbrauchten StudentInnen schätzten ihre Eltern signifikant konservativer ein als die nicht missbrauchten.
- Die sexuell missbrauchten StudentInnen wurden signifikant häufiger mit Schlägen, Hausarrest, Liebesentzug und Verboten bestraft als ihre nicht missbrauchten KommilitonInnen.
- Die sexuell missbrauchten StudentInnen schätzten die Beziehung ihrer Eltern zueinander signifikant schlechter ein als die nicht missbrauchten.
- Die sexuell missbrauchten StudentInnen schätzten ihre eigene Beziehung zu den Eltern als signifikant schlechter ein als der Rest der Befragten…
Bei fast allen sexuell missbrauchten StudentInnen hat die sexuelle Ausbeutung unangenehme Gefühle wie Ekel, Hass oder Verwirrung ausgelöst…
… zu den psychosomatischen Beschwerden gaben die sexuell missbrauchten Studentinnen signifikant häufiger an, dass sie darunter leiden. Sie berichten häufiger über:
- Essstörungen,
- Schlafstörungen,
- Unterleibsbeschwerden,
- Sprachstörungen und
- sie lehnen ihren eigenen Körper stärker ab…
Ähnlich sind die Ergebnisse bei den Fragen zu den psychischen Folgen. Die sexuell missbrauchten Studentinnen fühlen sich allgemein niedergeschlagener und trauriger als die nicht missbrauchten. Bei den Männern finden sich zwischen beiden Gruppen keine nennenswerten Unterschiede.
Etwas anders sieht das Ergebnis … zu den Einstellungen bezüglich Partnerschaft aus. Die sexuell missbrauchten Männer fühlten sich seltener wohl in engen Beziehungen und haben größere Angst vor langen Beziehungen als die nicht missbrauchten Männer. Bei den Studentinnen sind bei vier der fünf Fragen die Unterschiede statistisch signifikant: Sie haben
- mehr Angst, in Beziehungen ausgenuzt zu werden,
- haben mehr Angst vor Nähe,
- sind misstrauischer in Beziehungen und
- haben häufiger Angst vor langen Beziehungen als ihre nicht betroffenen Kommilitoninnen…
Die Ergebnisse sind auch bei den Autoaggressionen erschreckend. Denn die sexuell missbrauchten Studentinnen und Studenten gaben hochsignifikant häufiger als die nicht missbrauchten an, schon Suizidgedanken gehabt oder Suizidversuche hinter sich zu haben… Bei bewussten Verletzungen ist das Ergebnis ähnlich…
… (Die) sexuell missbrauchten Frauen (gaben) … signifikant häufiger an, ihre sexuellen Beziehungen seien schwierig und nach Sexualität seien sie unzufrieden. Die sexuell missbrauchten Männer gaben signifikant häufiger an, zu wenig sexuelle Erlebnisse zu haben und seltener die Initiative zu ergreifen als ihre nicht missbrauchten Kommilitonen.“
Entgegen den Befürchtungen Dirk Banges, das Problem des Missbrauchs könne heruntergespielt werden, möchte ich versuchen, einige pädagogisch-politische Aspekte hinzuzufügen. Ich bin mir der Tatsache des Missbrauchs sehr wohl bewusst. Ein Herunterspielen liegt mir fern. Gleichwohl möchte ich mich auf den Versuch einer Problemrelativierung einlassen.
In der Offenen Arbeit mit Kindern wurde immer wieder auf die Schwierigkeiten und Grenzen hinsichtlich Prävention und vor allem hinsichtlich konkreten Handelns im Falle (vermeintlichen) Feststellens sexuellen Missbrauchs hingewiesen. Auch dieser Umstand hat die Verunsicherung in den Einrichtungen nicht verringert. Vergleichbar schätze ich die Situation bei KollegInnen in Regelbetreuungseinrichtungen und bei LehrerInnen in Schulen ein. Viele KollegInnen sehen sich außerstande, adäquat zu reagieren. Sofern es sich dabei um tatsächlichen sexuellen Missbrauch handelt, erklären Alltag, Rechtslage in Deutschland und die unzureichende soziale, psychosoziale und sozialpädagogische Versorgung die Haltung der Bevölkerung in diesem Lande hinsichtlich dieser „erzwungenen“ Zurückhaltung. Überdies liegt die Vermutung nahe, dass eine primär juristische „Nachsorge“ den Traumatisierungs-Effekt des Missbrauchs noch einmal deutlich steigert. Die angesprochene Hysterisierung durch unangemessene Erregung und zu wenig einfühlsame Aufklärung hat überdies in etlichen Einrichtungen dazu geführt, dass ein Kind, das – aus welchen Gründen auch immer – „schlecht drauf“ ist, sogleich in den Verdacht gerät, Missbrauchsopfer zu sein. Bei aller Liebe und Leidenschaft für den Selbsthilfegedanken, bin ich davon überzeugt, dass gerade sexueller Missbrauch am wenigsten geeignet ist, ihm in Form von Selbsthilfegruppen zu begegnen. Leider ersetzt der frühere Missbrauch an der eigenen Person keine psychologische bzw. pädagogische Ausbildung. Oft sind allerdings dann die Verhaltensweisen entsprechend. Und genau hierin erblicke ich weitere Traumatisierungsgefahren.
Missbrauch und Ausbeutung von Kindern findet in allen Schichten und in vielerlei Hinsicht statt. Ich denke da beispielsweise auch an die Problematik der Kinderarbeit (= „Kindermaloche“, um es von Arbeit mit Kindern oder auch der selbstgewünschten Lohnarbeit junger Menschen abzugrenzen). Die Bewertung von Missbrauch und Ausbeutung kann in der Regel nur vor dem Hintergrund der jeweiligen Kultur stattfinden. Unsere Kultur mit ihrem Wertesystem gibt Standards vor, quasi eine Skala, mit der wir den jeweiligen Schweregrad von Verstößen einordnen. Aspekte, die sich aus dem Strafrecht ergeben, will ich in diesem Zusammenhang nicht berühren. Wenn es sich nicht um einen ganz augenscheinlich auszumachenden Verstoß handelt, ist die definitive Nominierung des Missbrauchs durch Dritte objektiv kaum möglich. Täter sind wenig hilfreich, da sie meistenteils ihr Vergehen zu verbergen suchen oder überhaupt kein Unrechtsbewusstsein haben. Opfer befinden sich in einer noch größeren Zwangslage: sie sind meistenteils abhängig vom Täter ( ) und fühlen sich wehrlos. Im Falle von Inzest kommt in der Regel erschwerend hinzu, dass das Opfer den Täter liebt und diese Liebe nicht verlieren möchte. Missbrauch, der quasi im Randbereich zwischen Verbrechen und Zuneigung stattfindet, oftmals motiviert durch gestörte psychische Zusammenhänge, kann – leider – oft nur vom Täter als solcher erkannt werden. Hier unbedacht in diesen circulus diabolus einzugreifen, kann die bestehende Dynamik oftmals noch zu weiteren traumatisierenden Turbulenzen kumulieren lassen. Von daher bin ich davon überzeugt, dass es in jedem Fall wichtig und besser ist, einem Kind, das sich als Opfer zu erkennen gibt, Glauben zu schenken, es in seiner Persönlichkeit anzunehmen und ihm deutlich zu machen, dass und wie man es ernst nimmt. Hierzu haben einfühlsame PädagogInnen jederzeit Gelegenheit. Aufgrund psychologischer Erkenntnisse ist dem Opfer damit mehr gedient als mit aufgeregter Geschäftigkeit, Sensationshascherei und staatlicher sowie medialer Interventionsarbeit. Nur wenn es für das Opfer tatsächliche Alternativen und Perspektiven gibt, halte ich eine umfassende Intervention für gerechtfertigt.
Wir sollten weitere Aspekte in unser Gedächtnis zurück- bzw. hineinrufen. Welche Rolle spielen staatlich-kulturelle Normen in diesem Zusammenhang? Wie ist es mit der Vorbildfunktion von PolitikerInnen, deren Vertrauenswürdigkeit in der Bevölkerung augenblicklich – wie nie zuvor – im Schwinden begriffen ist, bestellt? Neben der persönlichen Integrität von PolitikerInnen ist mir dabei auch ihre eigene Verortung wesentlich. PolitikerInnen können es sich am wenigsten leisten, sich hinter Systemvorgaben und -schwächen zu verschanzen. Gerade sie sind es, die mit Hilfe der Politik Wertmaßstäbe entscheidend beeinflussen können. Sollte unser System sich derart verselbstständigt haben, dass PolitikerInnen das nicht mehr können, dann ist das System wohl am Ende, und man kann den PolitikerInnen nur dringend empfehlen, die Hände von der Politik zu lassen. Und wie man hört, haben die Parteien inzwischen ernsthafte Nachwuchssorgen, zumindest was qualifizierten Nachwuchs angeht. Junge Leute spüren dies und leben immer mehr danach. Unterschiedliche Jugendstudien belegen, dass „die Jugend“ nicht unpolitisch geworden ist. Die Werte der Politik entsprechen allerdings nicht den ihren, die stärker als man glauben möchte in ideellen Bereichen liegen. ( ) Welche Rolle spielen die Religionen, die oftmals doppelmoralisch-aggressiv argumentieren und reglementieren? Auch Lustfeindlichkeit sichert Abhängigkeit. Und durch die Manifestation von Abhängigkeiten werden Untertanen und Untertanengeist gesichert. Die patriarchale Gesellschaft ist zunehmend erschüttert worden. Trotzdem hat sie es bislang hervorragend geschafft, ihre Existenz weiter zu sichern. Die Okkupation des Patriarchats und seiner Instrumente durch die Frau schafft Patriarchat nicht ab, sondern lässt Frauen lediglich an ihm partizipieren. Den Grundübeln dieses Systems lässt sich so nicht begegnen. Und Missbrauch und Ausbeutung von Kindern lassen sich so auch nicht abschaffen.
Ich wittere hinter so manchem, was sich gegenwärtig als Kinderanwaltschaft (z.B. gegen sexuellen Missbrauch) oder als Lobby für dieses und jenes verkauft, den Versuch, überkommene Ideologien wieder salonfähig zu machen, neue Ideologien zu kreieren, um weithin Abhängigkeiten zu sichern. So sehe ich teilweise mit großen Bedenken, dass die Kampagne gegen sexuellen Missbrauch – so notwendig sie auch ist – missbraucht wird, um lust- und lebensfeindliche Ideologien durchzupeitschen. Katharina Rutschky schreibt dazu u.a.: „In einer seltsamen Umkehrung sollen in dieser Weltsicht Männer so unter Kuratel gestellt werden wie im Islam die Frauen. Verhüllt und mit niedergeschlagenen Augen müssen sie ihren Ruf als anständige Menschen, als Nicht-Missbraucher täglich neu erweisen. Nur sind sie verantwortlich für das Unheil, das die Sexualität stiftet, wenn sie nicht allerschärfstens überwacht wird: Von uns, den Frauen.“ ( ) Ich beobachte unheilige Allianzen, die ihre „heiligen“ Ziele unbedingt erreichen wollen. Zu einer ähnlichen Bewertung komme ich mittlerweile auch bei einigem, was uns die Aids-Debatte beschert. Vergleichbare Kampagnen gibt es im Zusammenhang mit dem § 218 StGB. PolitikerInnen aller Couleur kommen mittlerweile zu der frappierenden und falschen Feststellung, dass es letztendlich „die 68er“ mit ihren antiautoritären Gedanken und zum Teil entsprechendem Handeln waren, die verantwortlich sind für zunehmende Gewalt und faschistische Radikalisierung in diesem Lande. Wenn der Balken im eigenen Auge bloß nicht so hinderlich beim Hinsehen wäre!
Ich bin der Auffassung, dass der Zeitpunkt überfällig ist, wo PädagogInnen gefragt sind, die in der Lage sind, Kindern die lustvollen Seiten des Lebens – und dazu gehört nun auch einmal die Sexualität – wieder näher zu bringen. Gute und umfassende Aufklärungen sind notwendig, libertäre Bildungsangebote und -chancen sind gefragt. Vieles muss von PädagogInnen wieder vom Kopf auf die Füße gestellt werden. Wenn der Missbrauch vor allem in autoritären (vgl. Dirk Bange) und religiös eher rigiden Familien ein besonderes Problem darstellt, liegt die Vermutung nahe, dass Missbrauch und Ausbeutung dann keine Bedeutung spielt, wenn Kinder in einem Klima aufwachsen, in dem Toleranz, Liberalität, Offenheit gegenüber Fremdem und das Zulassen von Lust und Erotik Werte darstellen. In diesem Sinne müssen pädagogische Konzeptionen entwickelt werden. Junge Leute brauchen Halt, Unterstützung und Bestärkung durch Erwachsene. Kinder haben einen Anspruch darauf, als individuelle und gemeinschaftsfähige, gleichwertige Personen von Erwachsenen akzeptiert zu werden. Erwachsene haben kein Recht, Kinder zu bestrafen oder sie zu missbrauchen.
Ich möchte Mut machen, dass in den Einrichtungen, die mit Kindern arbeiten, die Lust an der Lust (wieder) eine größere Rolle spielen darf. Kinder, Jugendliche und Erwachsene sind keine asexuellen Wesen und lange nicht alle sind Bestien. Dazu gehört auch, Elternarbeit wieder verstärkt auf die positiven Aspekte von Sexualität zu lenken. Da es formaljuristisch nun einmal so ist, dass gerade auch Sexualerziehung ein quasi verbrieftes Elternrecht ist, soll eine gezielte und einfühlsame Arbeit mit Eltern Räume für Lust und Lebensfreude bei Kindern erreichen helfen. Und wenn Eltern dann immer noch nicht aktiv widersprechen, gibt es reichlich zu nutzende „Frei“-Räume.
In dieser Intention können Eltern, PädagogInnen und andere Interessierte nachstehend die Ausführungen zum Thema „Kindliche Sexualität“ von Frank Herrath und Uwe Sielert lesen; dies hoffentlich mit viel Freude. Es handelt sich dabei um Auszüge aus dem Elterninformationsheft des Kinderbuches „Lisa und Jan“.
Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in: DER NAGEL 55/1993. Auf die ABA-Seiten im Internet wurde er im August 2002 gestellt.
Rainer Deimel ist Referent beim ABA Fachverband.
Kinder und Sexualität
Von Frank Herrath und Uwe Sielert
Was ist und wie wichtig ist überhaupt Sexualität?
Sexualität ist nicht nur Geschlechtsverkehr, hat nicht nur etwas mit Penis und Vagina bzw. Klitoris oder mit „Kinder kriegen“ zu tun. Sexualität ist sehr viel mehr und vor allem eng verwoben mit allen anderen Bereichen der Persönlichkeit. Sie hat zu tun mit dem Selbstwertgefühl von Menschen, mit ihren Beziehungen zueinander, mit Lebenslust und Lebensbejahung – oder eben auch mit Selbstverneinung und mangelndem Mut. Sexualität äußert sich nicht nur in einem bestimmten Verhalten – Sexualität ist Lebensenergie. Wenn sie akzeptiert wird und so als Energie fließen kann, drückt sie sich schon bei Kindern vielfältig aus:
- im zärtlichen Bedürfnis nach Hautkontakt, Schmusen, Küssen, Gehalten-Werden,
- in der Lust am eigenen und fremden Körper, einschließlich der Geschlechtsorgane,
- in Anspannung, Entspannung, Hingabe an die streichelnden Hände der Eltern,
- in der heftigen Balgerei mit dem Freund, dem Ganz-und-gar-alles-zusammen-Machen mit der besten Freundin und
- in der schwärmenden Verehrung der Erzieherin im Kindergarten.
Sie wird dann tastend, sehend, fühlend, schmeckend und hörend erfahren, mit allen Sinnen also, im wahrsten Sinne der Worte: sinnlich und sinnvoll.
Wenn Sexualität als böse Kraft, als Feind betrachtet, tabuisiert und „gedeckelt“ wird, sind verschiedene Konsequenzen denkbar:
- ihr fehlt jeglicher Ausdruck oder
- sie äußert sich nur indirekt, im Zusammenhang gewaltsamen Verhaltens,
- der eigene und fremde Körper wird mit Scham besetzt,
- Selbstliebe wird nicht sinnlich erfahren,
- die Lust am Kontakt zu sich selbst und zu anderen bleibt unterentwickelt.
In welche Richtung sich Sexualität und somit das Lebensgefühl bei Kindern entwickelt, das können Eltern mitentscheiden, das lernen Kinder – auch ohne bewusste Aufklärung – schon in der Familie. Sexualität ist aber auch nicht alles im Leben. Als Teil unserer Persönlichkeit ist sie nicht zu trennen von unseren Freundschaften, unserem Familienleben, unserer Arbeit. In jedem Fall ist sie eine mögliche Quelle von Lust, Wohlbehagen, Selbstbestätigung und Sich-angenommen-Wissen, mit der eine Person im Gleichgewicht bleiben, Kränkungen und auch die sowohl unvermeidlichen als auch zur eigenen Stärkung notwendigen Enttäuschungen verarbeiten kann.
Was Kinder „so nebenbei“ über Sexualität lernen
Kinder kriegen nicht nur mit, was man ihnen sagt, sondern ganz viel mehr: das Naserümpfen, die kritisch wirkenden Falten auf der Stirn, das sorgenvolle, unsichere Gesicht und die abwertende Geste. Und das alles zum Beispiel:
- bei der Körperpflege: Wenn die Klitoris einfach „umgangen“ wird, wenn auf einmal alles schmutzig ist, was „da unten“ existiert, wenn Nacktheit nur auf wenige unvermeidliche Augenblicke beschränkt ist,
- bei alltäglichen Begebenheiten: der nur flüchtige Abschiedskuss des Vaters für die Mutter als einziger “ öffentlicher“ Ausdruck von Zärtlichkeit, die Zweideutigkeiten während der Familienfeier, das Onanieren des großen Bruders und die Heimlichtuerei, wenn die Eltern miteinander schlafen,
- bei „besonderen“ Ereignissen: Scheidung der Eltern, „Fremdgehen“ der Mutter oder des Vaters, sexuelle Gewalt durch den Onkel, oder auch, wenn die Eltern wieder neu ihre Liebe zueinander entdecken.
In jedem Fall wirkt das Leben oder angebliche „Nichtleben“ der eigenen Sexualität der Eltern prägend auf ihre Kinder.
Sexualerziehung als „freundliches Begleiten“
Begleiten
- meint etwas Behutsameres als oft mit „Erziehen“ verbunden wird, schließt das „Sein-lassen“ ebenso ein wie das Beeinflussen: So können Eltern ihrem Kind den Umgang mit einem „undurchsichtigen“ Freund zwar erlauben, aber gleichzeitig Bedenken anmelden.
- meint das „Zur-Seite-Stehen“ beim Erfahrungenmachen: Nur wenn die Doktorspiele mit dem Nachbarskind erlaubt sind, kann darüber geredet werden, soweit das notwendig ist.
- meint „interessierte Distanz“: Die Geheimnisse der Kinder achten, bedeutet nicht Gleichgültigkeit, sondern Interesse an ihrer Eigenständigkeit.
- setzt Kontakte voraus. Kontakt entsteht da, wo sich zwei eigenständige Persönlichkeiten an ihren Grenzen begegnen: Eltern sollten um das Liebesleben ihrer Kinder wissen (was mit Hineindrängeln gar nichts gemein hat) und ihr eigenes Liebesleben nicht verstecken.
Freundliches Begleiten
- meint, eine freundliche Einstellung zur Sexualität zu haben, Sexualität nicht als Feind der Erziehung zu begreifen.
- meint, sich dem Kind als einer eigenständigen Persönlichkeit zu nähern und auch ein Verhalten zu akzeptieren, das dem eigenen Geschmack nicht entspricht.
- meint, Kinder ohne Wohlverhaltensforderungen anzunehmen: Sexuelles äußert sich bei Kindern auch sehr ruppig, mit viel Aggression durchsetzt. Sie auch dann zu mögen, das ist sicherlich eine Kunst, aber gerade dann wichtig.
- schließt Widerspruch ein. Freundlichkeit ist nicht Affenliebe: Kinder werden auch dann ernst genommen, wenn ihnen widersprochen wird, wenn sie Grenzen aufgezeigt bekommen.
- heißt oft auch mit-leidendes, sorgenvolles Begleiten. Freiräume können auch schlechte Erfahrungen und Enttäuschungen mit einschließen; Eltern neigen dazu, sie ihren Kindern zu ersparen. Wenn das nicht geht oder dem Selbständigwerden entgegensteht, bleibt oft nur das hoffende Zusehen.
Kinder als SexualforscherInnen
„Kindliche Sexualforschung“ ist ein notwendiger Schritt in die Richtung von Selbständigkeit, Beziehungsfähigkeit, Lebensfreude und Produktivsein. Es sind eine gewisse Intelligenz und gezielte Bewegungskoordination erforderlich, sich selbst das Wohlbefinden und die Lust zu bereiten, die zuvor nur durch Kontakt mit der wichtigsten Bezugsperson erreicht wurden. Die vielen Entsagungen, die durch die langsame Loslösung aus der Mutter-Kind-Symbiose entstehen, können nur befriedigend verarbeitet werden, wenn Kinder lernen, sich selbst zu lieben und sich selbst Lust zu machen. Und dazu gehört das Be-greifen des eigenen Körpers, vor allem auch der erogenen Zonen, an denen die Lust am größten ist.
Kinder entdecken diese Lust selbstverständlich an sich selbst, wenn sie auch zuvor von den Eltern lustvoll gestreichelt wurden; wenn sie gar nicht wissen, was Lust ist, werden auch die sexuellen Spielereien fehlen. Das ist – ganz im Gegensatz zur weitverbreiteten Meinung – ein schlechtes Zeichen.
Alles, was erzogen und kultiviert werden soll, muss auch praktiziert, muss gezeigt werden können. Kinder müssen mit ihrem Penis oder ihrer Scheide und den vielen anderen erogenen Zonen umgehen lernen – nur so können sie sich selbst und andere begreifen. Nur so lernen sie, was ihnen selbst und anderen gut tut, was ihnen selbst und anderen schadet. In ihrer Unerfahrenheit und grenzenlosen Neugierde können sie schon mal übers Ziel hinausschießen und sich oder andere gefährden. Es ist wichtig, vor Spielereien zu warnen, die etwas am Körper schädigen können. Das ist z.B. der Fall, wenn versucht wird, Gegenstände in die Scheide zu stecken oder den Penis mit Gegenständen oder großer Kraftanstrengung zu quetschen. Häufiges Onanieren jedenfalls ist weder schädigend noch krankmachend. Ein Wundreiben der Scheide ist mit entsprechender Salbe zu behandeln, nicht mit Mahnungen und Drohungen, das Onanieren zu lassen.
Es ist jedoch wichtig, dem Kind zu vermitteln, dass es sich nicht in jeder Situation deutlich sichtbar selbst befriedigen sollte, weil es sich damit leicht zum Außenseiter macht und in seinem Selbstwertgefühl geschädigt werden könnte, aber es ist ebenso wichtig, nicht zu früh einzugreifen; selbst, wenn es unangenehm ist, mit anzusehen, wie der Junge beim Spielen im Sandkasten sein Schwänzchen mit entblößter Eichel in den Sand steckt. Es ist richtiger, das Säubern zu zeigen, als das Spielen zu verhindern.
Es kann schon hart an die eigene Schamgrenze gehen, wenn Oma pikiert wegsieht, während die Enkelin am Rande des Planschbeckens sich hin- und herbewegend selbst befriedigt. Aber nichts spricht für die Notwendigkeit, die eigene, für richtig gehaltene Sexualerziehung umzustellen, weil Oma zu Besuch kommt. Und vor allem: auch die Generation der Großeltern ist lernfähig.
Meist ist es besser, die spontane Tendenz zum Eingreifen bei sich selbst zu unterdrücken. Aber auch das hat seine Grenze. Ein Erziehungsverhalten darf nicht zu einem Programm werden, das das Ansehen der eigenen Gefühle und Veränderungsmöglichkeiten als unwichtig behauptet. Wenn sich Eltern selbst überfordern, neigen sie auch dazu, ihre Kinder zu überfordern. Deshalb gilt – trotz aller Selbstkritik und gerade wegen der Notwendigkeit einer sexualfreundlichen Erziehung – ein Grundsatz, auch als ErzieherIn freundlich mit sich selbst umzugehen.
Sinnenreich erziehen
Menschen sind dann am glücklichsten, wenn sie mit allen Sinnen zu anderen Personen Kontakt machen können – und zu ihrer kulturellen und natürlichen Umwelt. Auch Sexualiät hat mit allen Sinnen zu tun: Kinder sehen genau hin, wenn ihre Eltern nackt sind und malen gerne Geschlechtsteile. Ihnen fällt auf, wie unterschiedlich einzelne Körperstellen duften, und wie anregend der Schweiß zwischen den Beinen riechen kann. Die Haut schmeckt mal salzig, mal süß, mal ist sie auch im wahrsten Sinne des Wortes geschmacklos. Ein Kichern kann schadenfroh, erregt oder einfach lustig klingen. Tasten und Berühren eröffnen eine große Bandbreite des Erlebens von wohligem Schauer über äußerste Erregung bis zu schmerzhaften Empfindungen.
Die Vielfalt der Sinne entwickelt sich nur, wenn sie gebraucht werden, wenn erlaubt wird, sie zu kultivieren und wenn Anregungen dazu gegeben werden. Vernachlässigte Sinne als Fühler zur Außenwelt bleiben unterentwickelt oder stumpfen ab – der Mensch wird sinn(en)los.
Eltern können die Sinne ihrer Kinder entfalten helfen. Sie können
- mit einer Feder an verschiedenen Körperstellen streicheln,
- gemeinsam Grimassen schneiden,
- nackt im Bett herumtollen,
- gemeinsam in der Badewanne sitzen,
- verschiedene Töne machen, schreien und ganz leise sein,
- Feuerwerk und Kinderkino ansehen,
- Schweiß und Parfüm riechen.
Es tut allen gut, wenn Eltern sich gegenseitig und ihre Kinder massieren, gemeinsam singen und Faxen machen.
Noch immer werden Kinder einseitig und „so nebenbei“ mit Anweisungen wie „Träum‘ nicht!“ zum Vernünftigsein und zur emotionalen Mäßigung erzogen; vor allem deshalb, weil alles andere die gradlinige Anhäufung von Wissen stört. „Übermut tut selten gut“ gehört zu jenen Motivationskillern, die ein langweiliges Leben versprechen – und das ist für die Lust am Sexuellen tödlich. Kinder sollten bei aller Sinnenlust ihre Grenzen selbst finden, zumindest nicht zu früh in die Schranken gewiesen werden. Das schließt nicht aus, sie vor Überreizungen zu bewahren, welche die Vielfalt des sinnlichen Erlebens unmöglich machen können. Dazu gehört der überbeanspruchte Walkman ebenso wie die gedankenlose Konfrontation mit angstmachenden Pornofilmen.
Grenzen beachten und Grenzen ziehen
Grenzen geben Profil, unterscheiden voneinander, ermöglichen aber auch den Kontakt und Begegnung, Meinungen ändern sich durch neue Erfahrungen, auch durch Streit und Annäherung. Nacktsein kann in einer Familie ganz normal sein, phasenweise aber auch von den Kindern als unangenehm empfunden werden – gerade dann, wenn die Intimgrenzen erstmalig abgesteckt werden.
In der Öffentlichkeit sind die Grenzen meist enger gesteckt als in der Privatsphäre. Die meisten wollen ganz bewusst bei flüchtigen Kontakten mit vielen Menschen weder besonders auffallen noch sich mit Auffälligkeiten anderer beschäftigen. Wenn Autofahrerinnen ständig von nackten Fußgängern abgelenkt würden, wenn alle Gäste von Tante Gretes Geburtstagsfeier sich auf den onanierenden Jan konzentrierten, wenn Badegäste durch Lustgestöhne von der Nachbardecke sich mit Sex konfrontieren müssten, könnten die Nerven schon überstrapaziert werden. Vielleicht wäre das Arbeitsleben etwas bunter, die Geburtstagsfeier etwas spannender und der Straßenverkehr humaner, wenn die Menschen mehr von sich zeigen würden, wenn sie persönlicher miteinander umgehen könnten. Weil Kinder erst einmal dazu neigen, sich nicht so sehr darum zu kümmern, was man öffentlich tut und lässt, könnten sie viel dazu beitragen, wenn man sie ließe. Wenn Lisa im Beisein der Mutter die ahnungslosen Nachbarskinder darüber aufklärt, wie Männer und Frauen Kinder machen, muss Frau Brandis sich schon zusammennehmen, um nicht einzugreifen. Und Jans Vater überlegt sich bestimmt dreimal, ob er die von Papa stibitzten Präservative aus Jans Kindergartentasche wieder herausholt, die der für seine Freunde gerade eingepackt hat. Beide „Schamlosigkeiten“ könnten aber die öffentliche Kommunikation über Sexuelles bereichern. Aber die Grenzen für wirklich berührende, unberechenbare Kontakte bleiben in öffentlichen Bereichen immer enger gesteckt als in Freundschaften oder in der Familie. Und das ist meistens auch gut so.
Kinder sind oft schamlos gegenüber konventionellen Regeln, wissen aber sehr wohl, wann ihnen ein Erwachsener zu nahe rückt und seine Berührungen unangenehm werden. Wenn Erwachsene auf zärtliche Berührungen von Kindern mit Leidenschaft und Erregung antworten, kann das als gewaltsame Grenzüberschreitung erlebt werden. Viele Eltern nehmen die Signale der Kinder nicht wahr oder sehen darüber hinweg. Ihr eigenes Interesse ist ihnen in dem Moment wichtiger als die ungestörte sexuelle Entwicklung des Kindes. Andererseits ist mancher Vater verunsichert und vermeidet vor allem im Beisein anderer zärtliche Berührungen, soweit sie nicht „unverfänglich“ und fernab von den Geschlechtsteilen stattfinden. Weil Berührungen – auch der Geschlechtsteile – für Kinder wichtig sind, sollten sie nicht aus Angst vermieden werden; wichtig ist, dabei auf die Reaktionen des Kindes zu achten, die auf unangenehme Gefühle hindeuten. Kinder leiden nicht nur unter extremen, gewaltsamen Grenzüberschreitungen; schon viel früher erlauben sich Erwachsene Einbrüche in die Intimsphäre und latschen über deutliche Schranken. Wenn lediglich wegen des allgemeinen Ordnungssinns die gerade aufgebaute Bude im Wohnzimmer zerstört wird, wenn die Selbstbefriedigung vor dem Einschlafen bewusst gestört und Oma in jedem Fall ein Recht auf feuchte Küsse eingeräumt wird, wird kindliche Privatsphäre missachtet.
Grenzen müssen manchmal erst übertreten werden, um sie zu spüren. Vor allem Kinder üben sich darin täglich und lernen dabei, die eigenen und die Grenzen anderer zu achten. Grenzen lassen sich vor allem aushandeln und dadurch verändern. Vielleicht ist Oma auch mit einem Kuss auf die Backe zufrieden, und die Bude darf noch so lange stehen bleiben, bis abends Besuch kommt. Von beiden Seiten ist dazu Entgegenkommen nötig, von Erwachsenen etwas mehr, weil sie leicht dazu neigen, sich selbst mehr Raum zu nehmen, als sie den Kindern zugestehen.
Nein- und Ja-Sagen
Weil viele traditionelle Verhaltensvorschriften heute nicht mehr gelten und die Lebensläufe der Menschen nicht mehr durch ihre Herkunft hart vorgezeichnet sind, müssen immer mehr Menschen immer früher selbst entscheiden, was für sie richtig ist und was sie wollen. Diese Fähigkeit fällt nicht vom Himmel und ist nicht ganz plötzlich da, sondern schon Kinder müssen das lernen. Wer nicht selbst deutlich JA und NEIN sagen kann, wird auch nicht bekommen, was er sich wünscht und sich nicht davor schützen können, wenn ihm andere etwas wegnehmen.
Lisa und Jan sagen, was sie mögen und was nicht. Sie haben mit ihren Sinnen viele Antennen entwickelt, die wie ein Frühwarnsystem Gefahren anzeigen und die sie als sensible Empfänger für Wohltuendes benutzen. Andere Kinder haben solche Antennen nicht entwickeln dürfen und vertrauen darauf, dass die Erwachsenen schon richtig für sie entscheiden. Wenn Kinder immer das aufessen müssen, was man ihnen auf den Teller legt, verlieren sie irgendwann das Gefühl dafür, wann sie satt sind und können auch sich selbst gegenüber nicht mehr NEIN sagen. Genauso verlieren sie die Fähigkeit, bei unangenehmen Annäherungen NEIN zu sagen, weil sie aus Dankbarkeit, Höflichkeit, Gehorsam oder anderen ehrenwerten Tugenden alles tun müssen, was ihnen Erwachsene sagen. Aus lauter Vorsicht vor Missbrauch lehren Eltern vor allem ihre Töchter das NEIN-Sagen, ohne das JA-Sagen in gleicher Weise zu stärken. Dann können sie vielleicht die unangenehmen von den wohltuenden Kontaktangeboten unterscheiden, bleiben aber in der Rolle der Abwartenden und sind von der Initiative der Erwachsenen oder der Jungen abhängig. JA-Sagen bedeutet nicht nur, etwas zuzulassen, sondern auch, sich zu nehmen, was man will: JA- und NEIN-Sagen lernen bedeutet, bewerten und entscheiden zu können. Mütter vermeiden oft das Erziehen zum JA-Sagen aus anerzogener Zurückhaltung oder aus Angst, an Grenzen zu geraten oder für Grenzüberschreitungen Unangenehmes in Kauf zu nehmen. Gegenüber allem Sexuellem wird ohnehin Zurückhaltung geübt. Immer ist es der Vater, der auch Sonntag Nachmittag mal mit der Mutter ins Bett will und dann vorwurfsvolle Blicke erntet, weil doch die Kinder im Nebenraum spielen. Wie soll die Tochter dann lernen, dass sie für ihr Wohlbefinden und ihre Lust etwas tun muss und nicht nur auf die doch extrem dünn gesäten Märchenprinzen warten kann?
Erziehung heißt Lernen ermöglichen und Grenzen setzen
Für gelingende Erziehung allgemein gilt: Kinder müssen lernen, selbstständig zu werden und mit Grenzen umzugehen. In der Sexualität überwiegt bis heute das Grenzen-Setzen. Sexualität ist für viele immer noch der Feind der Erziehung, der Inbegriff alles Triebhaften, das gezügelt werden muss. Sie glauben, dass Kinder sonst überschwemmt werden von ihren Gefühlen und keine Moral mehr entwickeln.
Natürlich gibt es so etwas wie eine innere Bereitschaft zur sexuellen Aktivität, die sich phasenweise unterschiedlich dringend meldet. Die Spielarten ihrer Befriedigung, auch die Fähigkeit, Bedürfnisse aufzuschieben, die ganze Vielfalt der sexuellen Ausdrucksformen entwickelt sich nur im Austausch mit der Umwelt, durch Lernen auch in der Familie. Ob Sexualität als „notwendiges Übel“ mit kurzfristiger lustvoller Entladung erlebt wird, die „irgendwie ihren Weg schon findet“ oder als Sprache des Körpers mit vielen Dialekten, das hängt davon ab, was Kinder wissen und tun dürfen. Sie sollten immer etwas mehr wissen und im geschützten Raum der Familie tun dürfen als sie aktuell brauchen. Nur so ist Fortschritt beim Lernen möglich. Wie Geschlechtsverkehr aussieht, und was er für die Beteiligten bedeutet, sollten sie nicht erst wissen, wenn sie sich selbst alt genug dafür fühlen. Das dürfen sie bei ihren Eltern ruhig mal gesehen haben, wenn das auch für diese keine unvorhergesehene Katastrophe bedeutet.
Nun gibt es allerdings Eltern, die nicht mehr wagen, Grenzen zu setzen. Vor allem Mütter haben oft Angst, etwas falsch zu machen, lassen sich selbst ausbeuten, und die Kinder spüren keinen Widerstand mehr. Kinder drücken sich natürlich gerne vorm Aufräumen, wollen auch ihren Rhythmus durchsetzen, wollen nur Süßes, greifen vielleicht auch mal der Tante unter die Bluse. Dann ist es nötig, Grenzen zu setzen. Dann ist Konflikt angesagt. Erwachsene müssen aufpassen, dass sie dabei nicht ihre ganze Macht einsetzen, vor allem nicht die Körperkraft, deren Einsatz aufgrund der kindlichen Chancenlosigkeit meist als besonders erniedrigend erlebt wird. Auch für die Auseinandersetzung mit Kindern gilt der Grundsatz der fairen Ausgangsbedingungen, ohne die kein Konflikt zufriedenstellend gelöst wird.
Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in: DER NAGEL 55/1993. Auf die ABA-Seiten im Internet wurden er im August 2002 gestellt.
Frank Herrath ist Mitarbeiter des Instituts für Sexualpädagogik in Dortmund. Dr. Uwe Sielert ist Professor an der Universität Kiel.
Outsourcing in der Jugendarbeit
Von Marco Szlapka
Die Ausgliederung von Verwaltungseinheiten, das sogenannte Outsourcing, um Verwaltungseinheiten flexibler zu steuern und vor allem Geld einzusparen, ist aktuell auch im Bereich der Jugendhilfe zu beobachten. Immer mehr Kommunen gehen dazu über, Einrichtungen und Dienste der Jugendhilfe als Eigenbetriebe, als GmbH´s mit kommunaler Beteiligung oder ganz an freie Träger der Jugendhilfe abzugeben beziehungsweise zu überführen. Die damit verbundenen Prozesse sind häufig – vor allem für die betroffenen Mitarbeiter/innen – mit einer ganzen Reihe von Ängsten und Problemen verbunden. Drei unterschiedliche Beispiele aus der letzten Zeit.
Köln: Betriebsgesellschaft Jugendzentren Köln gGmbH
Ende 1996 wurde es zum ersten Mal öffentlich: Die Stadt Köln beabsichtigt, zum 1. Januar 1998 alle 18 städtischen Jugendzentren an eine gemeinnützige Gesellschaft abzugeben, um über diesen Weg jährlich 400.000 bis 500.000 DM zu sparen. Ein entsprechender Gesellschaftsvertrag sieht die Gründung einer gemeinnützigen Gesellschaft mit beschränkter Haftung (gGmbH) vor, an der die Stadt Köln 51 Prozent der Anteile und als Mitgesellschafterin ein Jugendhilfe e.V. die verbleibenden 49 Prozent übernimmt. Die Stadt Köln hat mit der Gründung von gGmbH´s in der Jugendhilfe schon Erfahrungen gesammelt, so wurde vor Mitte der neunziger Jahre eine gGmbH als Betriebsgesellschaft für Tageseinrichtungen für Kinder gegründet.
Die Stadt Köln rechnet im Bereich der Jugendfreizeitstätten mit einer Kostenersparnis im Jahr 1998 gegenüber dem Haushaltsjahr 1997 in Höhe von 473.900,- DM. Die Ersparnis soll erreicht werden, indem die Zuschüsse der Stadt nur 95 Prozent der Betriebskosten ausmachen und die Betriebsgesellschaft die fehlenden fünf Prozent selbst erwirtschaften muss. Da die Betriebsgesellschaft im Gegensatz zu einem freien Träger der Jugendhilfe über keine eigenen Finanzmittel verfügt, können die fehlenden Finanzmittel nur über den Weg der Raumvermietung, des Sponsoring bzw. aus Einnahmen von Veranstaltungen erzielt werden. Ob dies im Umfang von einer halben Million DM gelingen kann, bleibt abzuwarten.
Dem Aufsichtsrat der neuen Betriebsgesellschaft sollen kraft Amtes der zuständige Beigeordnete, der Vorsitzende sowie der stellvertretende Vorsitzende des Jugendhilfeausschusses sowie die Leitung der Verwaltung des Jugendamtes angehören. Über diesen Weg ist „gesichert“, dass die Politik der Betriebsgesellschaft weiterhin über den öffentlichen Träger der Jugendhilfe bestimmt wird. Die Chance für eine größere Autonomie besteht lediglich durch die vorgesehene Gründung von Beiräten in den jeweiligen Stadtbezirken, deren Aufgabe und Funktion noch nicht näher definiert ist. In diesen Beiräten sollen nicht nur alle Fraktionen vor Ort vertreten sein, sondern neben dem oder der Bezirksjugendpfleger/in noch weitere Personen aus den Bezirken. Die Beiräte könnten so zu Gremien werden, die nicht nur eine Unterstützung für die Stadtteil- und Lebensweltorientierung der pädagogischen Arbeit leisten, sondern sich gleichzeitig zu echten Lobbyisten für die Einrichtungen entwickeln und damit die Autonomie gegenüber der städtischen Politik stärken.
Die zur Zeit noch 47 städtischen Mitarbeiter/innen in den Einrichtungen erhalten von der gGmbH unter Anerkennung ihrer bisher erworbenen Beschäftigungszeiten Arbeitsverträge nach dem Bundes-Angestellten-Tarif. Den übergeleiteten Mitarbeiter/innen soll zugesichert werden, dass sie bei Kündigung, Auflösung oder Liquidation der Gesellschaft wieder bei der Stadt Köln beschäftigt werden. Für welchen Zeitraum diese Zusage gilt, steht noch nicht fest. Zur Zeit haben sich nur 17 der Mitarbeiter/innen bereit erklärt, in die gGmbH zu wechseln, alle anderen wollen bei der Stadt Köln bleiben und werden in andere Aufgabengebiete versetzt. Da im Fall der Kindertagesstätten nur zehn Einrichtungen und damit längst nicht alle städtischen Einrichtungen in die gGmbH überführt wurden, liegen noch keine ausreichenden Erfahrungen mit entsprechenden Personalvereinbarungen in der Stadt Köln vor.
Die vor einem Wechsel in die gGmbH stehenden Mitarbeiter/innen erwarten von der neuen Betriebsform vor allem eine stärkere Transparenz bei Entscheidungen, eine flachere Hierarchie und vor allem größere Autonomie der Einrichtungen. Mit Unterstützung der Gewerkschaften bemühen sie sich nun, eigene Vorschläge zur Strukturierung und Steuerung der Arbeit innerhalb der Betriebsgesellschaft zu entwickeln.
Dortmund: „Feindliche Übernahme“ durch die Falken?
Das Angebot kam, wie in Fällen der „feindlichen Übernahme“ üblich, ohne dass mit den betroffenen Kindern und Jugendlichen gesprochen wurde, ohne dass die städtischen Mitarbeiter/innen informiert waren und vor allem ohne dass es vorher eine fachliche Auseinandersetzung über die Sinnhaftigkeit einer Übertragung von städtischen Einrichtungen in die Trägerschaft freier Träger gegeben hätte. Die Falken als Jugendverband haben Ende 1996 der Stadt Dortmund angeboten, sowohl eine städtische Jugendfreizeitstätte als auch einen entsprechenden Kinder- und Jugendtreff zu übernehmen.
Das Interesse der Falken an einer solchen Übernahme ist vor dem Hintergrund der Neuordnung des Landesjugendplanes NRW verständlich. So entwickeln sich die Falken immer stärker von einem „Mitgliederverband“ zu einem „Strukturverband“ der Jugendarbeit. Allein in Dortmund haben die Falken in den letzten Jahren eine ganze Reihe von Einrichtungen und Strukturen für die Jugendarbeit geschaffen bzw. übernommen. Die Offene Jugendarbeit der Falken, zum Beispiel in den Städten Essen und Gelsenkirchen, genießt einen guten Ruf und verdient Anerkennung, auch über die Grenzen dieser Städte hinaus. Der Protest und der Vorwurf einer „feindlichen Übernahme“ in Dortmund, vor allem von Kindern- und Jugendlichen sowie den Mitarbeiter/innen aus den betroffenen Einrichtungen erhoben, liegt daher auch vor allem im Verfahren begründet.
Ausschließlich über die politische Ebene ein Angebot zur Übernahme von städtischen Einrichtungen zu unterbreiten, ohne dass es vorher eine fachliche Diskussionen in der Jugendhilfe, eine Debatte mit den Betroffenen über Ziele und Perspektiven der Arbeit gegeben hätte, musste auf Unverständnis und Protest stoßen.
Letztlich wurde in Dortmund auch nur die Übernahme der beiden Einrichtungen für eine Modellphase von drei Jahren beschlossen (1998 bis 2001), wobei das vorhandene Personal in andere städtische Einrichtungen gewechselt ist. Die Stadt spart 21.500,- DM jährlich, die nun von den Falken selbst erwirtschaftet werden müssen.
Festzuhalten bleibt: Die Diskussion über eine Ausgliederung von Einrichtungen, über die Chancen und Grenzen einer Übertragung an freie Träger, wurde in Dortmund möglicherweise unzureichend geführt.
Remscheid: Autonomie und Eigenverantwortung gestärkt
In der Stadt Remscheid wurde vor ca. zwei Jahren eine offene Diskussion über Möglichkeiten und Grenzen der Übertragung von Einrichtungen an freie Träger geführt. Als Ergebnis wurde eine Reihe von Einrichtungen an freie Träger – vor allem waren es Jugendhilfevereine – überführt und die Arbeit in den Einrichtungen per Vertrag abgesichert. Die Mitarbeiter/innen erhielten die Chance, erst einmal in die neue Trägerform zu wechseln und innerhalb der ersten fünf Jahre zu entscheiden, ob sie bleiben oder zur Stadt zurück wollen.
Sowohl der Prozess als auch die ersten Erfahrungen nach der Überleitung werden von fast allen Mitarbeiter/innen als positiv bewertet. So ist es tatsächlich gelungen, die Einrichtungen in ihrer Autonomie zu stärken und vor allem die Offene Arbeit abzusichern, was angesichts der Haushaltslage der Stadt Remscheid in städtischer Trägerschaft nur sehr schwer möglich gewesen wäre.
Entwicklungen beobachten
Eine abschließende Beurteilung der Frage, welche Chancen und Risiken in einer Übertragung von Einrichtungen der Jugendhilfe liegen, ist aktuell kaum möglich. Zu kurz und zu unterschiedlich sind die Erfahrungen in den Städten, um zu einem abschließenden Urteil zu gelangen. Festgehalten werden kann nur: Eine Übertragung von Einrichtungen setzt einen möglichst offenen Prozess voraus, an dem die Mitarbeiter/innen ausreichend beteiligt werden. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sowie der ABA Fachverband Offene Arbeit mit Kindern werden zusammen mit den Kolleginnen und Kollegen in den Einrichtungen die aktuellen Prozesse weiter verfolgen. Daneben ist eine Fachtagung geplant, auf der die unterschiedlichen Erfahrungen ausgetauscht und Forderungen für die Gestaltung entsprechender Prozesse formuliert werden sollen. Die Jugendhilfe muss sich in der nächsten Zeit verstärkt auf solche Prozesse – auf ein sogenanntes Outsourcing von Einrichtungen und Dienste – einstellen.
Der Autor Marco Szlapka (wohnhaft in Seeshaupt) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Essen (jetzt Duisburg-Essen) und Geschäftsführer des Instituts für Sozialplanung und Organisationsentwicklung (INSO) sowie Mitglied im Beirat des ABA Fachverbandes Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen.
Vorstehender Beitrag wurde in DER NAGEL 59/1997 veröffentlicht, hier eingestellt im Juli 2003.
Zum Subjektstatus von Kindern und Jugendlichen in der Jugendhilfe
Von Manfred Kappeler
Ich möchte eingehen auf Begriffe wie Systemgewalt, Erziehungsgewalt, Erziehungsverantwortung, Grenzensetzen, die in die Diskussion gegeben worden sind. Dabei geht es mir um die Frage, was der Subjektstatus von Kindern und Jugendlichen für die praktische Arbeit im gesamten Bereich der Jugendhilfe bedeutet. Ich habe diesen Fokus gewählt, weil ich glaube, dass das gemeinsame Nachdenken über die Realisierung des Subjektstatus eine Klammer bilden kann für alle Bereiche der Jugendhilfe und uns dieser Ausgangspunkt in der gegenwärtigen Situation vielleicht helfen könnte, jugendpolitisch in die Offensive zu kommen.
Bevor ich genauer auf den Subjektstatus eingehe, möchte ich jedoch an einen Kontext erinnern, in dem diese Überlegungen stattfinden: die Ökonomisierung der sozialen Arbeit. Es sind eine Reihe von Fragen aufgetaucht, mit denen die Wiedergabe einer Diskussion skizziert wird, die den Tenor hat (wenn ich das richtig verstanden habe): Wer macht die Arbeit mit den Kindern, den Jugendlichen und Familien besser – die Formen der offenen Arbeit, z.B. der Jugendsozialarbeit oder die Hilfen zur Erziehung? Wer ist näher dran an den Kindern und Jugendlichen? Wer erfüllt die Essentials des VIII. Jugendberichts (Lebensweltorientierung, Partizipation etc.) besser? usw. usf.
Diese Diskussion ist m.E. von Konkurrenz und gegenseitigem Misstrauen bestimmt. In dem Versuch, da herauszukommen, wurde der Vorschlag gemacht, zu überlegen, ob nicht jeder Träger der Jugendhilfe jede ihrer Aufgaben wahrnehmen soll. Wie müssen aber, wenn wir diesen Vorschlag diskutieren wollen, den Kontext unseres gegenwärtigen pädagogischen Handelns berücksichtigen. Ökonomisierung heißt: die Soziale Arbeit wird verändert in einem weiteren Kontext: dem sogenannten Umbau des Sozialstaates, u.a. mit der fadenscheinigen Begründung des Missbrauchs sozialer Leistungen und knapper Ressourcen in den öffentlichen Haushalten. Die Missbrauchsdebatte ist das Instrument, warum in der Bevölkerung eine große Koalition für den Abbau sozialer Leistungen und Netze durchzusetzen möglich wird. Ein Beispiel dazu: bis vor einigen Jahren wurde im Bereich der Sozialhilfedebatte darüber nachgedacht, wie man es erreichen könnte, dass die Hunderttausenden, die ihre Rechtsansprüche nicht wahrnehmen, zu ermutigen sind, die Schwelle zum Sozialamt zu überschreiten und die Scham der Armut zu überwinden, ihre Rechtsansprüche offensiv wahrzunehmen. SozialpädagogInnen haben sich in Gruppen zusammengetan, mit Sozialhilfe-Broschüren, mit selbstorganisierten Beratungsstellen usw. gegenüber der restriktiven Struktur der Bürokratie, die Menschen zu unterstützen. Sie haben den Subjektstatus der „Hilfeempfänger“ ernst genommen, die Menschen ermutigt, sich nicht abkanzeln zu lassen als „Schlaucher“, als Arme usw. Damals wurde ausgerechnet, dass mehr als ein Drittel aller Anspruchsberechtigten in der Bundesrepublik ihre Ansprüche auf Leistungen nicht wahrnehmen. Das hat sich bis heute nicht geändert, es ist vielmehr noch schlimmer geworden, weil die Erfahrungen, die die Leute in den Sozialämtern machen, heute noch mehr dazu beitragen, aus Scham und Stolz auf Leistungsansprüche zu verzichten. Aber jeden Tag wird von Politikern und Bürokraten über die missbräuchliche Inanspruchnahme von Sozialhilfe lamentiert, und jeden Tag werden Forderungen zur Einschränkung von sozialen Leistungen in die Diskussion gebracht.
Das ist eine Katastrophe. Es ist vor allem eine Katastrophe, dass wir unsere Profession, die Soziale Arbeit für die Politik der Privatisierung gesellschaftlich produzierter Lebensrisiken funktionalisieren lassen.
Ökonomisierung heißt: die zentrale, theoretische und gesellschaftliche Kategorie für die soziale Arbeit ist der Markt. Soziale Leistungen als Dienstleistungen haben sich auf dem Markt auszuweisen. Es wird ideologisch und scheinheilig mit dem begriff der Kunden gearbeitet, als seien die Menschen, die die sozialen Leistungen in Anspruch nehmen müssen und wollen, im Status von Käufern, die das Geld in der Tasche haben, um geschützt durch Verbrauchergesetzgebung sich auf irgendeinem Markt die sozialen Leistungen auswählen und einkaufen zu können, die sie brauchen. Welch ein Zynismus!
„Marktgängigkeit“ – neue Leitlinie Sozialer Arbeit?
Die SozialpädgogInnen werden aufgefordert, ihre Dienstleistungen als „Produkte“ zu beschreiben und sie in Katalogen öffentlich zu offerieren und auszulegen, damit die „Kunden“ sich das ihnen genehme Produkt auswählen können. Das wird unter dem Begriff der Beteiligung (Partizipation) verkauft. Das sind neue Sprachregelungen, die anfangen, das Fühlen, Denken und Handeln der Professionellen zu bestimmen. In Berlin wird in weiten Bereichen fast nur noch so geredet. Im Rahmen der Verwaltungsstrukturreform haben die KollegInnen in allen sozialen Diensten monatelang fast nichts anderes getan, als Produktkataloge zu erstellen, die termingerecht vorgelegt werden mussten. Bei der Ausarbeitung dieser „Produkte“ war nichts von irgendeiner Selbstbeteiligung der Adressaten solcher Dienstleistungen zu sehen. In Berlin ist das weit fortgeschritten, und die ganze Sache wird im Rahmen der „Neuen Steuerung“ im Prinzip mit betriebswirtschaftlichem Denken betrieben. Damit kommt eine Haltung in die soziale Arbeit, die aus einem anderen gesellschaftlichen Bereich stammt, wo sie ihre Berechtigung haben mag. Hier werden aber Sprachregelungen eingeführt, in denen die Entwicklungen, die wir in den letzten 20 Jahren in Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit zustande gebracht haben, verloren gehen. Das heißt, der „Markt“, auf dem sich die soziale Arbeit bewegt, ist nicht etwa ein Markt, in dem zwischen uns als den Anbietern und den Adressaten als den Abnehmern unserer Arbeit sich irgendein Marktgeschehen abspielt, sondern es ist der Markt der Subventionen, der sich zwischen den Trägern der sozialen Arbeit abspielt. Der öffentliche Träger, der nach inhaltlichen Kriterien die Mittel zu verteilen hat, und die freien Träger, die sich darum bewerben müssen, sind die „Partner“ auf diesem Markt. Auf ihm müssen die Träger bestehen, da müssen sie „Produkte“ anbieten, die „marktgängig“ und „kostengünstig“ sind, d.h. die der jeweiligen politischen Definition, was marktgängig sei, entsprechen müssen. Auf diese Kategorie Markt reduziert sich zunehmend das Denken in der Sozialen Arbeit. Provokativ gesagt: Es gibt eine neue Elite in der Sozialen Arbeit – die ausgesprochen qualifizierten und gewieften GeschäftsführerInnen und Sozialmanager, die eben das Know How haben müssen, zu akquirieren und zu requirieren; die das große Ohr am Markt der Subventionen haben müssen, um so schnell wie möglich, jeweils das als „Leistung“, als „Produkt“ anbieten zu können, wofür es gerade Geld gibt – oder zumindest eine entsprechende Verpackung vorweisen.
Ich denke, das ist der Kontext, in dem wir uns hier bewegen. Wenn uns das nicht deutlich wird, dann werden wir über kurz oder lang die uns angebotenen Sprachregelungen übernehmen. Das bedeutet, dass wir unser eigenständigen professionelles Denken aufgeben, denn es gibt einen inhaltlichen Zusammenhang zwischen Sprechen und Denken. So wie wir reden, wie wir unsere Sprache gebrauchen, fangen wir auch an zu denken und schließlich zu handeln. Demgegenüber müssen wir außerordentlich sensibel sein. Die Diskussion, die hier in Hamburg gerade geführt wird zwischen „Offener Arbeit“ und „Hilfen zur Erziehung“ resultiert aus der skizzierten Dynamik. Deshalb muss in diese Diskussion die Frage hineingenommen werden: Wie verhalten wir uns gegenüber der machtbetriebenen Tendenz der Ökonomisierung der Sozialen Arbeit, die zu einer Hegemonie des Ökonomischen über das Soziale führen wird? Eine Hegemonie, die ohnehin schon immer besteht, nun aber auf das Soziale, auf die Soziale Arbeit selbst übertragen wird und sich im Innern dieses Systems, im Denken und Handeln der Professionellen festsetzt. Sie wissen alle, dass mit Begründungen wie EG-Entwicklung, Globalisierung, Standort Deutschland usw. die Strategie des neoliberalen Umbaus der Gesellschaft begründet wird, mit der wir uns in diesem Zusammenhang auseinandersetzen müssen. Ich möchte hier keinen Horizont eröffnen, hinter den wir uns wieder vor notwendigen Veränderungen flüchten können, indem wir sagen: „Wir Armen werden betriebswirtschaftlich und ökonomisch an die Kandare genommen, nun brauchen wir nicht mehr genau hinzugucken, was wir in unserem eigenen Bereich zu verantworten haben!“ Der Blick hat sich dahin zu wenden, wo wir denn selbst diese Strukturen schon längst mitbereitet haben. Denn der „Markt“ macht die, die sich auf ihm unkritisch bewegen, zu Objekten von fremdbestimmten Tendenzen und verhindert, dass sie Subjekte ihres Handelns werden.
Die Bedeutung des KJHG …
Nun zum Subjektstatus von Kindern und Jugendlichen in der Jugendhilfe: Wir haben das Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG) und den ausgezeichneten Kommentar von meinem Kollegen Johannes Münder. In das KJHG wurden eine ganze Reihe von Forderungen, die in den siebziger und achtziger Jahren in der Bundesrepublik diskutiert und gestellt worden sind, aufgenommen. Man kann einiges kritisieren, z.B. die ungenügende Rechtsstellung von Kindern gegenüber Erwachsenen, aber in ganz zentralen Punkten hat das KJHG die Diskussion der vergangenen 30 Jahre in der BRD aufgenommen. Stünden wir heute in der Situation, das alte JWG zu reformieren, würde es das KJHG nicht schon geben – so eingesetzt würde es unter den heutigen politischen Bedingungen nicht mehr zustandekommen! Im Kontext der Ökonomisierung der Sozialen Arbeit wird in den Zentralen pausenlos daran gearbeitet, dieses Gesetz mit seinen Ansprüchen zu boykottieren, es auszuhebeln, dafür zu sorgen, dass die in ihm benannten Standards nicht in die Praxis umgesetzt werden. In dieser Situation sollten wir uns daran erinnern, dass wir professionell sozial Arbeitenden uns zum ersten Mal in der Geschichte unseres Berufes in der glücklichen Situation befinden, dass wir uns auf gesetzlich fixierte und demokratisch legitimierte Positionen berufen und deren Umsetzung in die Praxis fordern können. Wir sollten das im § 1 KJHG formulierte „Wächteramt der staatlichen Gemeinschaft“ übernehmen und darüber wachen, dass die hier artikulierten Ansprüche auch realisiert werden und nicht mit dem Hinweis auf die Knappheit der Ressourcen schlicht auf den Müllhaufen geschmissen werden.
… und seiner Leitnormen
§ 1 KJHG enthält die Leitnorm, auf die ich eingehen will: jeder junge Mensch hat das Recht auf Förderung seiner – nicht irgendeiner anderen! – und auf Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit. Pflege und Erziehung sind „das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft. Jugendhilfe soll zur Verwirklichung des Rechtes nach § 1 …“ usw. – Wir kennen diese Formulierungen auswendig. Aber weil es so wichtige Sätze sind, lohnt es sich, sie wirklich auswendig zu lernen, damit man in den Debatten der Ausschüsse, den 78er-Kommissionen und wo auch immer, diese gesetzlich formulierten Positionen als Argumente in der Tasche hat. Wir müssen sie als Anspruchsnormen in der Auseinandersetzung um die Finanzierung und die Qualitätsstandards der Jugendhilfe parat haben, um die gravierende Diskrepanz zwischen den normativen Ansprüchen und der gesellschaftlichen Realität immer wieder bewusst zu machen. Wir sollten nicht sagen, das sei die große Politik, das seien die Präambeln, um die sich sowieso keiner kümmere. Mein Plädoyer ist, diese Ansprüche ernst zu nehmen, diese Normen beim Wort zu nehmen, um sie mit ihrer gesamten demokratischen Legitimation, die sie haben, zu einem politischen Kampfinstrument zu machen. Absatz 3 lautet: „Jugendhilfe soll zur Verwirklichung des Rechts nach Absatz 1 insbesondere
- junge Menschen in ihrer individuellen und sozialen Entwicklung fördern und dazu beitragen, Benachteiligungen zu vermeiden oder abzubauen,
- Eltern und andere Erziehungsberechtigte bei der Erziehung beraten und unterstützen,
- Kinder und Jugendliche vor Gefahren für ihr Wohl schützen,
- dazu beitragen, positive Lebensbedingungen für junge Menschen und ihre Familien sowie eine kinder- und familienfreundliche Umwelt zu erhalten und zu schaffen.“ Das sind die Leitnormen.
Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession
Wie immer bei allen Gesetzen in der BRD steht darüber die Leitnorm des Grundgesetzes. Dort heißt es: Die Würde des Menschen ist das oberste Prinzip, und diese Würde soll unantastbar sein.
Wenn wir uns fragen, was Subjektstatus von Kindern und Jugendlichen in der Jugendhilfe heißt, müssen wir das auf den Begriff der Menschenwürde beziehen, dem § 1 KJHG verpflichtet ist. Das geht soweit, dass die Leitnormen des Grundgesetzes bis in die allerletzte Entscheidung eines öffentlichen Trägers der Jugendhilfe umzusetzen sind. Das ist nicht eine Geschichte, die irgendwo auf irgendeiner abstrakten Ebene abgetan wird, sondern die heruntergeholt wird, heruntergeholt werden muss in unsere alltägliche Arbeit. Damit vertrete ich eine Position, die die UNO 1993 für die Soziale Arbeit formuliert hat: Soziale Arbeit sei eine Menschenrechtsprofession. Das heißt, die in der sozialen Arbeit Tätigen müssen AnwältInnen im Prozess der Realisierung der Menschenrechte sein, überall da, wo sie tätig sind. Man muss nicht in die weite Welt schauen, um zu erkennen, dass das eine Forderung ist, die es erst zu realisieren gilt. Wenn es heißt, Soziale Arbeit ist eine Menschenrechtsprofession, müssen wir übersetzen: Sie soll eine sein, weil sie in der Praxis heute noch weithin das Gegenteil ist.
Definitionsprobleme
Entwicklung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit: das sind die Erziehungsziele bzw. Ziele menschlicher Entwicklung, die im KJHG festgeschrieben worden sind. Bezogen auf die Essentials im VIII. Jugendbericht muss die Frage gestellt werden: Wer definiert diese Werte in der Praxis? Wer definiert, was Förderung und was Erziehung ist im Hinblick auf die Entwicklungen zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit?
In Verbindung mit § 9 spricht das KJHG primär den Eltern bzw. den Personen und Sorgeberechtigten diese Definitionsmacht zu; sie, so heißt es dort, bestimmen die Grundrichtung der Erziehung, die von der Jugendhilfe zu beachten ist. Und schon befinden wir uns in einem Dilemma. Können wir eigentlich davon ausgehen, dass in der „natürlichen Erziehung“ – gibt es denn so etwas, wie das natürliche Recht auf Erziehung? – ein derartig hochkarätiger Wert wie die Eigenverantwortlichkeit der Persönlichkeit angelegt ist? Können wir einfach davon ausgehen? Oder erleben wir nicht in unserer alltäglichen Praxis an vielen Stellen genau das Gegenteil?
Welches für ein Verständnis von „Gemeinschaftsfähigkeit“ finden wir in der Alltagspraxis von Erziehung wieder? Dieser Begriff ist noch viel schwieriger als der der Eigenverantwortlichkeit. Er hat in Deutschland eine lange, problematische und teilweise schreckliche Tradition. „Gemeinschaftsfähigkeit“ war für die Nazis der zentrale Begriff der Selektion, war Fokus ihrer Bevölkerungspolitik. Gemeinschaftsfähig waren diejenigen, die sich als Volksgenossen den nationalsozialistischen Vorstellungen von Gemeinschaft widerspruchslos einordneten und sie mittrugen. Als „gemeinschaftsunfähig“ und „asozial“ wurden alle diejenigen bezeichnet, die diesen Vorstellungen widersprachen, die sich verweigerten, die nicht konformistisch waren – überwiegend Jugendliche übrigens. Mit der Behauptung, sie seien nicht „gemeinschaftsfähig“ und mit den „Mitteln der Jugendhilfe nicht mehr in die Volksgemeinschaft zu integrieren“, wurden Tausende von Mädchen und Jungen in speziell für sie eingerichtete KZ gebracht; Jugendliche, die inmitten der faschistischen Barbarei auf ihrem Subjekt-Sein bestanden haben. Und mit Unterstützung der Jugendhilfe sind in jedem einzelnen Fall Mädchen und Jungen in die KZ gebracht worden. Kein Mädchen, kein Junge kam ohne ein Gutachten des jeweiligen zuständigen Jugendamtes und der Fachkräfte der Jugendhilfe – trotz aller Mitwirkung der SS – in eines dieser Konzentrationslager. Das ist ein Teil der Geschichte unserer Profession, der bis heute so gut wie nicht bekannt ist. Grundlage dieser Ausgrenzung bis hin zur Vernichtung waren solche Begriffe wie „gemeinschaftsfähig“. Es gab fachliche Kriterien, mit denen sie operationalisiert wurden. Noch bis weit in die fünfziger Jahre hinein dominierte dieses Denken in der alten Bundesrepublik wie auch der DDR. Mitte der fünfziger Jahre gab es in Bonn eine Debatte, dass ein „Bewahrungsgesetz“ gebraucht würde, für die „nicht mehr mit den Mitteln der öffentlichen Erziehung Besserungsfähigen“. Die Nazis hatten ein solches Bewahrungsgesetz schon fix und fertig; es ist nur nicht zum Zuge gekommen, weil am 8. Mai 1945 mit ihrer Herrschaft Schluss war.
Lebensentwürfe junger Menschen und die Rolle der Pädagogik
Als ich 1959 in die Soziale Arbeit ging, habe ich eine Praxis vorgefunden, die aus diesem Denken resultiert. Die Debatte um den Verwahrlosungsbegriff und was damit verbunden war, ist bekannt.
Was eine „gemeinschaftsfähige Persönlichkeit“ ist, das ist eine hochambivalente Angelegenheit. Da wir diejenigen sind, die zum Schluss diese Ziele, die im § 1 KJHG definiert sind, in die Praxis umsetzen, da wir diejenigen sind, die zum Schluss das Wächteramt auszuüben haben – wenn nämlich die Wahrnehmung des „natürlichen Rechts der Erziehung“ auf irgendeine Weise nicht funktioniert – kommt die Sache zuletzt immer zu uns. Die Jugendhilfe ist das System, das am Ende die Definitionsmacht in der Praxis besitzt. Das sind konkret die professionell handelnden Frauen und Männer. Nicht alleine die bürokratischen, rechtlichen und politischen Systeme, in denen die Handelnden angesiedelt sind und in denen sie sich bewegen müssen, von denen sie beeinflusst werden in ihren Entscheidungen, bestimmen die praktische Umsetzung der Leitnormen. Letztendlich sind es wir als Subjekte, die lebendigen SozialpädagogInnen und SozialarbeiterInnen, die bezogen auf lebendige Kinder und Jugendliche als Subjekte ihre Entscheidung treffen müssen.
Da kommen wir mit allgemeinen Vorstellungen von „Grenzsetzungen“ nicht mehr weiter. Wir müssen uns auf einer grundsätzlichen Ebene der Bedeutung dieser Begrifflichkeiten den Anforderungen stellen und uns darüber klar werden, wie wir im Alltag damit umgehen wollen.
Da das KJHG solche Leitnormen aufstellt, sie aber nicht lebendig machen kann, sind wir in der Verantwortung und müssen das in unserer praktischen Arbeit mit den Menschen, mit denen wir es zu tun haben, gestalten. Weil uns der Gesetzgeber, wie ich finde, zurecht misstraut, ob wir das immer wollen und können, gibt es den § 8 KJHG: Beteiligung von Kindern und Jugendlichen – der nur dann einen Sinn hat, wenn wir ihn als die Anerkennung des Subjektstatus für die Minderjährigen begreifen. Das kann nur bedeuten, dass die Lebensentwürfe und die Selbstdefinitionen der Kinder und Jugendlichen gefragt sind. Und dort, wo sie von ihnen nicht offensiv geäußert werden können, müssen wir sie im Kontakt mit ihnen in Erfahrung bringen. Wenn die Kinder und Jugendlichen selbst ihre Vorstellungen nicht offensiv an uns herantragen, dann sind wir aufgefordert – das ist Teil unserer Professionalität – uns mit ihnen auf die Suche zu machen. Das ist etwas ganz anderes, als wenn wir – sollten die nicht sagen können, was jetzt im Moment für sie das Richtige ist – uns die Kompetenzen zubilligen, den richtigen Weg, die richtige Entscheidung für sie schon zu wissen. Das Gesetz nimmt uns in die Pflicht, und wir müssen uns selbst in die Pflicht nehmen, diese Suchbewegung mit ihnen zu manhen.
Demokratisierung der Instrumente
Was das für die Ausgestaltung sozialpädagogischer Praxis bedeutet, kann man sich vorstellen: welches Setting muss ich für die tägliche Arbeit mit Kindern und Jugendlichen eigentlich haben, um mich auf derartige Suchbewegungen einlassen und sie mit den Kindern, den Jugendlichen und den Familien machen zu können? Die Leitnormen des KJHG müssen wir also zurückbeziehen auf die materielle Ausgestaltung unserer Arbeitsbedingungen.
Es gibt ein Instrument im KJHG, das dafür vorgesehen ist: die Hilfeplanung und die Hilfekonferenz. Diese haben von der Idee her die Funktion, die Definitionsgewalt des einzelnen, der an diesem Prozess beteiligt ist, zu begrenzen. Das ist eine Konsequenz aus der Erfahrung, dass in den alten RJWG- und JWG-Zeiten die einsame Fürsorgerin in ihrer Amtsstube, vielleicht noch kontrolliert durch das Vormundschaftsgericht, die Definitionsmacht darüber hatte, was zu erfolgen habe. Damit hier kein Missbrauch von Definitionsmacht mehr entstehen kann, existiert eine demokratische Institution: Hilfeplan und Hilfekonferenz. Alle Beteiligten sollen sich darüber austauschen, wie sie die Situation sehen; und wenn ich von Sichtweisen rede, wird schon deutlich, dass es sich um subjektives Hinschauen und Beurteilen handelt, im Kontext der jeweiligen Biographie dessen, der da schaut. Wenn er oder sie noch so viele professionelle Instrumente in der Hand hat, ist es zum Schluss immer ein Subjekt mit subjektiven Sichtweisen, das hier Situationen von anderen zu verstehen meint und sie beurteilt. Die Hilfekonferenz ist also ein Instrument der Annäherung an das Fremde. Was wir im großen und ganzen heißt, dass wir uns mit unseren mittelschichts-sozialisierten Sichtweisen in der Praxis mit Lebensbedingungen und Erfahrungen auseinandersetzen müssen, die nicht unsere sind, die wir nicht durch bloßes Draufschauen einfach schon verstehen können. Deshalb ist die Hilfekonferenz ein Instrument der Annäherung. In ihr steckt die Idee, dass wir vorsichtig in unseren Beurteilungen und Zuschreibungen sein müssen. Die Beteiligten sollen ihre Sichtweisen offenlegen; dann soll darüber beraten werden, was zu tun sei. Bezogen sich auf die Zusammensetzung dieser Konferenzen kann das heißen: wer ist denn da alles beteiligt? Da sitzen eben acht Professionelle mit ihrer Mittelschichtorientierung. Ihre Blicke unterscheiden sich also gar nicht so sehr voneinander, wenn sie vielleicht auch institutionenspezifisch unterschiedlich sind – wenn da etwa die LehrerIn aus der Schule, die die „Meldung“ an das Jugendamt gemacht hat, wenn da die Erzieherin aus der Kindertagesstätte sitzen (oder wer sonst noch aus dem pädagogischen Feld). Das gibt es zwar institutionenspezifische Unterschiede, denn die Schule hat beispielsweise andere Beurteilungskriterien für konkretes Handeln von Mädchen und Jungen, hat andere Ansatzpunkte für „Meldungen“ an die Ämter als die PädagogInnen aus der offenen Jugendarbeit. In diesem Sprachgebrauch kommt aber die alte Kontrollfunktion des Jugendamtes, dem man „etwas meldet“, damit es in Ordnung gebracht werde, zum Ausdruck. In dieser Runde nun von Professionellen sitzen auch Angehörige der Familie des Kindes oder des Jugendlichen wie auch die Kinder und jugendlichen selbst (sofern sie, was eigentlich grundsätzlich gilt, dazu eingeladen werden). Man muss sich fragen, ob die Idee der Hilfekonferenz so eigentlich wirklich zu realisieren ist? Für mich steht hier die Frage auf der Tagesordnung, wie man dieses Instrument weiter demokratisieren könnte.
Beteiligungsrechte
Zwei weitere Bemerkungen zu den Beteiligungsansprüchen nach § 8 KJHG von Kindern und Jugendlichen. Es heißt da: „Sie sind zu beteiligen entsprechend ihrem Entwicklungsstand“. Und weiter: „Sie sind zu beteiligten und über ihre Verfahrensrechte gegenüber den Gerichten in geeigneter Weise“ aufzuklären. Da haben wir wieder die Ambivalenz, die einfach nicht wegzukriegen ist.
Es gibt die Entwicklungstatsache von Kindern und Jugendlichen, d.h. sie wachsen heran und machen ihre Erfahrungen. Zugleich haben wir den Begriff der Sozialisation als einen Prozess des allmählichen Hineinwachsens in die Gesellschaft und des Kennenlernens der gesellschaftlichen Erwartungen. Andererseits wissen wir, wie problematisch die Normsetzungen sind, mit denen dieses „Hineinwachsen“ beurteilt wird; dass es immer heimliche Messlatten gibt, die an das konkrete Handeln von Kindern und Jugendlichen angelegt werden. Wenn wir also im Gesetz lesen „entsprechend ihrem Entwicklungsstand“, dann hört sich das so an, als sei der Entwicklungsstand eine klare Sache, als könne man mit den Mitteln, die die Profession entwickelt hat, mit quasi objektivierten Verfahren und Standards messen, was denn der Entwicklungsstand (Entwicklungsquotient!) in jedem einzelnen Fall ist. Wenn Kinder und Jugendliche „angemessen an ihrem Entwicklungsstand“ beteiligt werden sollen, dann gibt es zuletzt wieder die Instanz, die das beurteilt und möglicherweise ihre Kriterien im Prozess der Hilfeplanung nicht offenlegt. Das heißt, die Beteiligten müssen sich darüber verständigen, was sie denn für Kriterien anlegen, wenn sie den „Entwicklungsstand“ beurteilen. Da wird sehr viel einfach als selbstverständlich vorausgesetzt, so als würden sich alle in der Runde verstehen, was mit „angemessen“ gemeint ist.
Man muss sich fragen, ob denn der in § 1 artikulierte und in § 8 verstärkte Subjektstatus von Kindern und Jugendlichen einer ist, der von einem durch uns zu beurteilenden „Entwicklungsstand“ abhängig ist? Erwirbt ein Mensch seinen Subjektstatus erst im Prozess seiner „Reifung“? Ist man denn erst dann ein „vollwertiger Mensch“, wenn die gesellschaftlich definierten sogenannten Entwicklungsaufgaben, die an die Heranwachsenden getragen werden, von ihnen erfüllt werden? Wenn sie das Zertifikat der „Reife“ bekommen?
Angeborener Subjektstatus?
Nein! Der Subjektstatus von Kindern und Jugendlichen ist völlig unabhängig – das ist mir außerordentlich wichtig – von jedem irgendwie definierten Entwicklungsstand, auf den hier Bezug genommen wird. Der Subjektstatus ist die praktische Seite dessen, was im Grundgesetz die Würde des Menschen genannt wird, die unantastbar sein soll. Kinder und Jugendliche müssen sich ihren Subjektstatus nicht erst erwerben oder erarbeiten oder verdienen durch ein irgendwie von den Erwachsenen oder von gesellschaftlichen Institutionen zu akzeptierendes Verhalten. Sie haben diesen Status, er ist ihnen angeboren; sie bringen ihn als Menschen mit auf die Welt. Sie können ihn auch nicht von sich aus aufgeben oder an den Nagel hängen. Und es hat niemand das Recht, ihnen ihren Subjektstatus abzusprechen. Auf jeder denkbaren und von uns definierten Stufe von Entwicklung haben Kinder und Jugendliche und natürlich alle Menschen diese Subjektposition. Das ist ein Kriterium, das uns herausfordert, das uns zwingt, jeweils genau darüber nachzudenken, wie bezogen auf diese Subjektposition das Handeln der Professionellen im Sinne von Unterstützung und Hilfe gestaltet werden muss.
Ich bin auf die Bedeutung des Subjektstatus gekommen, weil ich mir überlegt habe, was denn eigentlich im gegenwärtigen Prozess der Ökonomisierung Sozialer Arbeit eine politische Position und Kategorie sein könnte, auf die sich die verschiedenen Bereiche der Jugendhilfe gemeinsam verständigen können, um sie öffentlich in die Diskussion zu werfen. Ich glaube, dass das diese Position ist. Wir sind dafür verantwortlich, uns wird darüber ein Wächteramt zugesprochen, den Subjektstatus von Kindern und Jugendlichen in dieser Gesellschaft öffentlich zu machen und zu unterstützen, zu verteidigen, zu helfen, ihn zu realisieren usw. Wenn wir davon ausgehen, muss jeder Bereich von den Hilfen zur Erziehung bis hin zur offenen Jugendarbeit sich fragen, was denn diese Position bezogen auf die von uns betriebene Arbeit jeweils für Anforderungen stellt. Wenn wir das als gemeinsame Ausgangsbasis nehmen, dann haben wir eine Ebne der Verständigung, auf der wir uns gegenseitig kritisch befragen können. Je vereinzelter wir in diesem Geschäft tätig sind, desto größer ist die Gefahr, diese Position nicht entwickeln zu können oder sie zu verlassen. Denn zur Realisierung dieses Anspruchs benötigen wir die Kommunikation, den fachlichen Austausch und vor allem die öffentliche Debatte über unser Scheitern in unserer Arbeit; unser Scheitern auf der politischen Ebene, auf der individuellen Ebene, im Teamprozess usw. Um darüber zu diskutieren, wie wir uns der Position annähern, müssen wir über unsere Grenzerfahrungen reden können; müssen wir darüber reden, wo wir in Ambivalenzen geraten. Bin ich jetzt derjenige, der weiß, wo der richtige Weg für das Kind ist, welche Zeit ich habe, das herauszufinden, wie schnell „eingegriffen“ werden muss? Wenn ich mit all diesen schwierigen Fragen und Erfahrungen mit mir alleine klarkommen muss, dann bin ich mit der Zeit enorm gefährdet, den Subjektstatus von Kindern und Jugendlichen aus dem Bewusstsein zu verlieren und in den Bedingungen und Zwängen meiner alltäglichen Arbeit nur noch zu funktionieren.
„Totalverweigerung“ von Jugendlichen …
Vor ein paar Wochen gab es in Berlin im Landesjugendamt eine Diskussion darüber, wie SozialpädagogInnen mit „Straßenkindern“ (einem, wie ich finde, schwierigen Begriff angesichts der Existenzformen von Kindern in Sao Paulo, in Bogotá, in Lima oder woanders in der so genannten Dritten Welt) im städtischen Untergrund umgehen können. Mit Kindern also, die aus Familien, Wohngemeinschaften oder sonstigen Formen stationärer „Unterbringung“ weggelaufen sind, es also aus welchen Gründen auch immer dort nicht mehr aushalten konnten. Durch die Skandalisierung ist der Berliner Senat darauf gestoßen, dass es in Berlin ungefähr dreitausend so genannte Straßenkinder gibt. Wie soll die Jugendhilfe nun mit diesen Kindern umgehen? Welche Angebote soll sie ihnen machen?
In der Diskussion stellte sich heraus, dass nahezu die gesamte Jugendhilfe, ob nun offene Arbeit oder Hilfen zur Erziehung, diesen Kindern lediglich Angebote unter der Voraussetzung der Sesshaftmachung bieten können und wollen. Nun gibt es aber unter diesen dreitausend eine beträchtliche Gruppe von ungefähr 10 Prozent, die diese Angebote radikal zurückweisen; die sagen, dass die Angebote der Jugendhilfe, die auf Sesshaftigkeit basieren und hinzielen, ihren Vorstellungen vom Leben hier und jetzt nicht entsprechen. Es gibt auch schon einen neuen Begriff für diese Jugendlichen: das sind die „Totalverweigerer“ in der Jugendhilfe. Sie verweigern alles: sie ignorieren die Schulpflicht, wie wollen nicht mehr in der Familie leben, sie weisen sämtliche gängigen Angebote der Jugendhilfe zurück; sie sind in einem qualitativen Sinne wirklich Totalverweigerer und bringen uns als Jugendhilfe-Menschen in Grenzsituationen. Wie nun darauf reagieren?
… und die „Dequalifizierung“ Sozialer Arbeit
Die „Totalverweigerer“ praktizieren in einer zugespitzten Form gegenüber den VertreterInnen der Jugendhilfe ihre Subjektposition. Nun hilft es uns überhaupt nichts, danach zu fragen, was denn dies für eine Existenzform sei? Ob man da überhaupt von einer Subjektposition reden könne? Ob es nicht eher entsetzlich ist, wie diese Jugendlichen da existieren, unter wirklich menschenunwürdigen Lebensbedingungen? Sie müssen sich doch prostituieren, sie müssen mit Drogen handeln usw.? Kann man das überhaupt noch eine Subjektposition nennen? Ist denn da überhaupt noch Subjektives, d.h. Selbstbestimmtes in der Lebensführung vorhanden?
Das haben wir nicht zu entscheiden. Und exakt das ist das Dilemma. Diese Grenzsituationen gibt es immer wieder. Die einzig mögliche Annäherung an solche Jugendlichen ist die schlichte Frage: Wie kannst Du unter solchen Bedingungen überleben? Wie kann ich Dich dabei unterstützen? Als wir in Berlin in der Diskussion an diesem Punkt waren, wurde von TeilnehmerInnen eine Position formuliert: dass die zunehmende soziale Verweigerung von Kindern und Jugendlichen PädagogInnen immer mehr in die Situation bringt, „dequalifizierende“ Arbeit leisten zu müssen, die sich im Begriff der „Überlebenshilfe“ erschöpfe. Das würde doch bedeuten, dass wir uns auf den Stand des vergangenen Jahrhunderts zurückfallen ließen, wo wir wie die Heilsarmee mit Suppenküchen und allen möglichen Überlebensveranstaltungen nichts anderes getan hätten, als auf die unmittelbar geäußerten Alltagsbedürfnisse irgendwie materiell zu reagieren. Das sei eine Dequalifizierung Sozialer Arbeit.
Verständnis dafür zu schaffen, dass diese Form der radikalen offenen Annäherung an solche Kinder und Jugendlichen große Anforderungen an das professionelle Know How von SozialpädagogInnen stellt, ist außerordentlich schwierig. An keiner anderen Stelle professioneller Arbeit müssen wir so sehr reflektiert unser Denken und Handeln überprüfen wie in diesen Grenzsituationen. Und an keiner Stelle ist es so schwer, diesen einen Satz nicht zu sagen: dass doch irgendwo auch eine Grenze und Schluss mit der Toleranz sein müsse.
Akzeptanz, nicht Toleranz!
Es ist wichtig, den Unterschied zwischen Akzeptanz und Toleranz herauszuarbeiten. Toleranz heißt: zu dulden, was uns nicht passt. Es ist eine Position, die besagt, dass solche Jugendlichen auch hier leben dürfen mit ihren Minderheitenpositionen, solange sie bestimmte Grenzen nicht in Frage stellen. Dagegen ist Akzeptanz eine hochqualifizierte Geschichte, die allerdings in der Diskussion oft diskriminiert wird als Gewährenlassen, Gefälligkeitspädagogik, einfach alles nur hinüberschicken, ohne noch Ansprüche zu stellen usw. So geht es nicht!
Wenn wir Akzeptanz in einem professionellem Sinne begreifen wollen, dann steckt darin die Frage nach der Offenheit unserer Sichtweisen und Handlungsmöglichkeiten – bezogen auf Lebensbedingungen und subjektive Entscheidungen von Kindern und Jugendlichen, die sich in anderen Lebenswelten bewegen als den unseren. Dazu gehört auch, dass wir ihre Entscheidungen und Schritte, die wir als „Notlösungen“ empfinden, so verstehen, dass auch die Notlösung eine Lösung ist, in diesem Moment, in dem eine Entscheidung getroffen werden muss. Im weiteren ist zu sehen, in welche Situationen von Not dieser Weg der Lösung sie wieder bringt. Das ist unsere Aufgabe, sie damit zu konfrontieren; aber nicht, um ihnen den Weg vorzuschreiben, sondern um zu klären, wie sie das durchstehen und überleben können. Wenn wir eine solche Haltung einnehmen in den verschiedenen Bereichen der Jugendhilfe, dann haben wir eine gemeinsame Klammer, die Ernst mit dem Ansatz gegen Ausgrenzung und Diskriminierung und mit der Realisierung des Subjektstatus macht. Dann haben wir einen Bezugspunkt, auf den hin wir unser Denken und Handeln qualitativ überprüfen können. Politisch wäre das eine Basis, ein Punkt, an dem wir gemeinsam auftreten können und müssen.
Das Elend der Prävention
In Hamburg ist in einer „gemeinsamen Kommission Jugendhilfe und Polizei“ kritisiert worden, dass die Polizei eine Sonderkommission Graffiti eingerichtet hat, was von der Jugendhilfe nicht verhindert werden konnte. Die Jugendbehörde reagierte darauf mit einem präventiven Angebot in der Form der Zur-Verfügung-Stellung von Freiflächen und Sprayfarben, die bekanntlich – weil teuer – von vielen Jugendlichen geklaut werden müssen. Gegen solch ein Angebot ist nichts zu sagen. Aber ich finde es problematisch, wenn damit gegenüber den Politikern dieser Stadt von der Jugendhilfe ein Präventionsversprechen abgegeben wird. Anstatt zu vertreten, dass es Jugendliche gibt, die im Rahmen der offenen Angebote der Jugendarbeit ihre kreativen Fähigkeiten in Form von Graffiti ausprobieren – eine genuine Aufgabe von Jugendarbeit auch im Hinblick auf den Subjektstatus – sagt die Jugendhilfe, sie würde mit diesem Angebot Jugendliche davon abhalten können, an öffentlichen Gebäudeflächen die gesellschaftliche Grundnorm des Eigentums zu verletzen. So werden durch die präventive Strategie der Jugendhilfe die jugendlichen Sprayer, die im Prinzip alle dasselbe machen, aufgeteilt in diejenigen, die die Angebote der Jugendhilfe wahrnehmen und diejenigen, die trotz dieser Angebote weiterhin an ihrem kriminellen Handeln festhalten. Letztere sind dann die Zielgruppe kriminalpolizeilicher Strategien. So geht es nicht!
Wieso lässt sich die Jugendarbeit in die Position treiben, Präventionsversprechen öffentlich abzugeben, die genau den Kriterien entsprechen, die in der „Klientelisierung“ dieser Gruppe von Jugendlichen enthalten sind? Warum wird nicht dagegen aufgestanden und gesagt, dass diese Aktion gegen Graffiti-„Kriminalität“ eine Sauerei ist? Die öffentlichen Räume müssen doch auch Jugendlichen zur Aneignung zur Verfügung stehen. Und die Verregelung und Verrechtlichung des öffentlichen Raumes wird von Jugendlichen immer wieder nicht akzeptiert werden. Wer darauf mit kriminalpolizeilichen Strategien antwortet und diese Strategien mit Präventionsstrategien ergänzt, betreibt eine absolut verfehlte Jugendpolitik.
Wenn wir, die wir diese Gesellschaft so gestaltet haben wie sie ist, dafür sorgen, dass die Aneignungsfähigkeit öffentlicher Räume für Kinder und Jugendliche gegen Null geht, dann dürfen wir uns doch nicht wundern, dass diese Kinder und Jugendlichen sich in teilweise auch aggressiven Aktionen ihren Aktionsraum zurückholen und den öffentlichen Raum als Bühne zur Selbstinszenierung vorführen und sagen: Ihr könnt uns mal! Darauf mit Präventionsstrategien zu antworten, ist das Letzte!
Es ist das Gegenteil von Anerkennung des Subjektstatus. Damit betreibt die Jugendhilfe und Jugendarbeit die Klientelisierung der nonkonformistischen Gruppen von Jugendlichen. Die Jugendarbeit hat das nicht nötig. Sie kann sagen: Unsere Graffiti-Aktionen sind ein Angebot für diejenigen, die nicht im öffentlichen Raum ihre Bedürfnisse realisieren wollen; die Lust haben, dies in unseren von der Jugendarbeit zur Verfügung gestellten Räumen zu machen. Dann entgehen wir auch dem berechtigten Vorwurf der Gettoisierung, die immer wieder – in bester Absicht – von der Jugendhilfe betrieben wird!
Der Autor Dr. Manfred Kappeler ist Professor am Sozialpädagogischen Institut der TU Berlin.
Der vorstehende Beitrag erschien in DER NAGEL 59/1997 und wurde im Juli 2003 hier eingestellt.
Armut und Gesundheitsgefährdungen im Kindes- und Jugendalter
Von Klaus Hurrelmann und Andreas Klocke
Einleitung
Mit dem Begriffspaar Armut und Gesundheit ist ein Zusammenhang thematisiert, der in der – nach wie vor – reichen Bundesrepublik gerne verdrängt wird. Der Armut wird in den Sozialwissenschaften und in der Öffentlichkeit nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Sie tritt in der Bundesrepublik überwiegend als Gegenstand sozialpolitischer Regulierung auf und ist damit zu einem großen Teil dem gesellschaftlichen Diskurs entzogen. Armut kann als unterstes Segment der sozialen Stratifikation angesehen werden und bezeichnet damit nicht Menschen, die quasi außerhalb der Gesellschaft leben, sondern eine inferiore Randstellung innerhalb des gesellschaftlichen Lebens einnehmen Das Phänomen der Armut verweist eine Gesellschaft zugleich auf ihre normativen Standards, auf das Maß an Armut, das eine Gesellschaft bereit ist zu akzeptieren. Die Ursachen der Armut werden sowohl in strukturellen Gegebenheiten („Modernisierungsverlierer“) als auch im individuellen Versagen der einzelnen gesehen.
Im Kindes- und Jugendalter wirken sich gesundheitliche Beeinträchtigungen besonders nachhaltig aus. Mangelnde Teilhabe der sozial benachteiligten Kinder und Jugendlichen an Aktivitäten der Gleichaltrigengruppe gehen oftmals mit Deprivationen einher, die für die weitere Entwicklung von nachhaltiger Bedeutung sein können. Neben körperlichen Beschwerden treten insbesondere soziale und psycho-soziale Störungen auf.
Um den Zusammenhang von Armut und Gesundheit zu erschließen, müssen beide Begriffe umfassend verstanden werden. Dabei wird Armut nicht lediglich als Einkommensarmut gesehen, unter die solche Personen fallen, die über weniger als die Hälfte des Durchschnittseinkommens verfügen. In neueren Konzeptionen wird Armut mehrdimensional als Kumulation von Unterversorgungslagen in den Bereichen Wohnen, Bildung, Arbeit und Arbeitsbedingungen, Versorgung mit technischer und sozialer Infrastruktur sowie Einkommen verstanden. So betrachtet, ist der Zusammenhang von Armutsbetroffenheit und gesundheitlichen Beeinträchtigungen naheliegend. Wohl ist dieser Zusammenhang als wechselseitiger Einfluss zu verstehen, d.h. sowohl Armut kann zu Krankheit führen als auch Krankheit Armut bedingen, jedoch ist in sehr vielen Fällen eine soziale Randstellung oder Armutslage für gesundheitliche Beeinträchtigungen verantwortlich. Dieser kausale Einfluss erschließt sich, wenn Gesundheit bzw. Krankheit in einem umfassenden Verständnis von physischen, psychischen und sozialen Komponenten konzeptionalisiert wird. Mangelnde Teilhabe an den gesellschaftlichen Werten und Errungenschaften auf Grund der Armutslage bedingen oftmals eine soziale und psychische „Verarmung“, die sich in psychosomatischen Störungen und allgemein mangelndem Wohlbefinden äußern. Nicht selten geraten Menschen über diesen Mechanismus in einen nur schwer entrinnbaren Kreislauf von materieller Verarmung und psychischer und physischer Krankheit.
Inwieweit sind nun Kinder und Jugendliche von Armut betroffen und wie wirkt sich dies auf den Gesundheitszustand aus? Wie verschiedene Studien gezeigt haben, besteht generell ein starker Zusammenhang zwischen sozialer Lage und dem Gesundheitszustand der Menschen. Es gibt gute Gründe dafür, anzunehmen, dass sich die soziale Lage auch auf den Gesundheitszustand und das Gesundheitsverhalten von Jugendlichen auswirkt.
Wir werden:
- zunächst die verschiedenen Bevölkerungsgruppen und den Grad ihrer Armutsbetroffenheit in der Bundesrepublik betrachten;
- sodann in empirischen Analysen den Einfluss sozialer Ungleichheit auf die wahrgenommene Gesundheit und auf die Gesundheitsgefährdungen der Kinder und Jugendlichen überprüfen und
- abschließend Fragen der gesundheitspolitischen Intervention aufgreifen, da gesundheitliche Beeinträchtigungen im Kindes- und Jugendalter erhebliche Auswirkungen auf deren Entwicklungsgang und Lebenschancen haben.
Armut – Wer ist betroffen?
Welche Bevölkerungsgruppen sind besonders von Armut betroffen? Alle statistischen Unterlagen zeigen ein deutliches Ansteigen der Sozialhilfeempfänger seit 1980. Im Zeitraum von 1980 bis 1990 sind nach Angaben der nationalen Armutskonferenz 1993 die Anteile der Sozialhilfeempfänger an der Gesamtbevölkerung um 76 % gestiegen. Heute, so wird geschätzt, nehmen schon fast 5 Mio. Menschen Sozialhilfe in Anspruch, weitere 1 bis 2 Mio. Menschen hätten diesen Anspruch nach den rechtlichen Grundlagen, lösen ihn aber aus verschiedenen Gründen nicht ein. In unserer Gesellschaft geht die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander. Bei einer im Durchschnitt steigenden Wohlstandsmarge wächst zugleich Armut und Benachteiligung, eben weil sich die Spanne zwischen den sehr gut privilegierten und den ganz schlecht gestellten Menschen in unserer Gesellschaft immer weiter auseinander bewegt.
Waren noch bis vor etwa 10 Jahren vor allem die Menschen in Armutssituationen, die das Kriterium „nicht mehr im Erwerbsleben“ erfüllten, also die alten Menschen, so gilt das heute nicht mehr. Immer stärker rückt die Altersgruppe der 25- bis 50-Jährigen in die Armutsgruppe vor, insbesondere durch das Ereignis Arbeitslosigkeit. Von dieser Entwicklung sind ganz besonders stark auch die ausländischen Bevölkerungsgruppen betroffen. Und schließlich gibt es eine historisch neue Gruppe, die ebenfalls zur Armutsbevölkerung zu rechnen ist, nämlich die Gruppe der Kinder und Jugendlichen. Armut trifft vor allem diejenigen Bevölkerungsgruppen, die keinerlei Einflussmöglichkeiten auf die Gestaltung des gesellschaftlichen Lebens haben. Insofern ist die neue Entwicklung, wonach Kinder und Jugendliche in hoher Zahl zu der Armutsbevölkerung zu rechnen sind, ganz besonders ernst zu nehmen. Denn Kinder haben, wie vielleicht sonst nur noch die ausländischen Bevölkerungsgruppen, kaum verbriefte Rechte, die ihre Teilhabe an wirtschaftlichen und kulturellen Prozessen sichern könnten. Sie haben ja noch nicht einmal die elementarsten Rechte der politischen Partizipation, geschweige denn Wahlrechte. Sie können deswegen auch im politischen System praktisch vernachlässigt werden, da sich aus ihrer Vernachlässigung keine unmittelbaren politischen bzw. machtpolitischen Konsequenzen ergeben.
Die strukturelle Armutsentwicklung betrifft immer mehr junge Menschen und Kinder
Die strukturellen Veränderungen in der Gruppe der Armutsbevölkerung sind auf drei große Ursachenkomplexe zurückzuführen, die in den letzten Jahren besonders auch Kinder und Jugendliche stark betroffen haben:
- Bis etwa Mitte der 1980er Jahre lebten überwiegend ältere Menschen und insbesondere Frauen mit unzureichender Rente in Armut. Heute ist die Hauptursache für die Betroffenheit von Armut die Massenarbeitslosigkeit. Arbeitslosigkeit bezieht sich definitionsgemäß auf Personen im erwerbsfähigen Alter, also Menschen im Alter von etwa 20 bis 55 Jahren, die in der überwiegenden Zahl in Familien leben. Und dies ist der Grund, warum immer mehr Kinder über eine kürzere oder längere Zeit in Armut aufwachsen.
- Des weiteren hat der Anteil von Alleinerziehenden in den letzten Jahren stark zugenommen. Insgesamt sind etwa 15 % aller Familien in der Bundesrepublik Einelternfamilien, und von diesen Familien lebt ungefähr ein Drittel an der Armutsgrenze.
- Kinderreiche Familien stellen eine weitere Bevölkerungsgruppe, die von Armut bedroht ist. Kinder verursachen in der Bundesrepublik monatliche Kosten, die gegenwärtig mit etwa 500 bis 800 DM pro Kind zu veranschlagen sind. Bei drei und mehr Kindern kommen schnell monatliche Ausgaben zusammen, die eine Normalverdiener-Familie in den Bereich der Einkommensarmut drängen. Familien mit drei und mehr Kindern gelten dementsprechend zu 42 % in Ostdeutschland und zu 22 % in Westdeutschland als arm.
Diese drei Entwicklungen in den letzten Jahren machen deutlich, warum Kinder und Jugendliche so stark von Armut betroffen sind. Armut ist eben heute nicht mehr auf die älteren Bevölkerungsgruppen konzentriert und beschränkt, sondern betrifft vor allem die jüngeren ganz stark: Kinder unter 11 Jahren sind inzwischen diejenige Altersgruppe, die am häufigsten von Armut bedroht ist. Die psychischen Belastungen sind bei den jüngeren teilweise ganz ähnlich wie bei den älteren Bevölkerungsgruppen: Soziale Auffälligkeit, Angst vor Stigmatisierung, Verleugnung der Armut in Außenkontakten. Leistungsstörungen, Abbruch sozialer Kontakte, Delinquenz, soziale Isolation und psychosomatische Störungen werden in Untersuchungen berichtet. Während alte Menschen vielleicht noch den Vorteil haben, dass sie ihre Armutssituation verschweigen können, gilt das für jüngere Menschen meist nicht. Auch deswegen sind die psychischen Belastungen durch Armut, die Kinder und Jugendliche zu ertragen haben, möglicherweise sogar höher als die bei älteren Menschen.
Gesundheitsgefährdungen durch Armut
Ist der Einfluss sozialer Ungleichheit auf die Gesundheit im Erwachsenenalter in vielen Industriegesellschaften belegt, so wird offenbar mit Blick auf den vergleichsweise guten Gesundheitszustand Jugendlicher dieser Einfluss als eher gering eingestuft. Der Befund eines allgemein guten Gesundheitszustandes Jugendlicher ist nicht überraschend, da die Jugendphase im Lebensverlauf eines Menschen in der Regel die Lebensphase mit der geringsten Krankheitshäufigkeit darstellt. Dieser Befund muss aber relativiert werden, denn Untersuchungen haben gezeigt, dass Jugendliche nicht in gleicher Weise wie andere Bevölkerungsgruppen Erkrankungen durch medizinische oder psychosoziale Versorgungseinrichtungen behandeln lassen und so der Gesundheitszustand der Gruppe der Jugendlichen systematisch überschätzt wird.
Gesundheitsbeeinträchtigungen Jugendlicher basieren auf verschiedenen Ursachen. Neben physiologischen und psychobiologischen Beeinträchtigungen spielen im Jugendalter insbesondere soziale Rahmenbedingungen eine Rolle. Kinder und Jugendliche reagieren von jeher sehr sensibel auf gesellschaftliche Klimata. Ein sozioökonomisch und soziopolitisch bedingtes Schwinden von individuellen Zukunfts- und Berufsperspektiven verlangt von den Jugendlichen eine Anpassung an einen so nicht geplanten Lebensweg, der nicht selten mit psychosomatischen Störungen und körperlichen Krankheiten einhergeht. Individuell erfahrene Lebensbedingungen, psychosoziales Wohlbefinden und erwartete Lebens- bzw. Zukunftschancen umreißen die alltägliche Lebenssituation der Jugendlichen. Gesundheit, als Balancezustand sozialökologischer, physiologischer und seelisch-psychischer Faktoren verstanden, steht in unmittelbarem wechselseitigen Bezug zu diesen Rahmenbedingungen. Entsprechend lässt sich der Gesundheitszustand Jugendlicher auf die erfahrenen Lebensumstände zurückführen.
Studie
Die Fragestellung nach sozialer Ungleichheit und dem Gesundheitszustand Jugendlicher steht vor dem Problem, die soziale Ungleichheitslage von Kindern und Jugendlichen erfassen zu müssen, ohne das klassische Instrumentarium anwenden zu können. Soziale Ungleichheit wird konventionell in empirischen Studien mit einem Schichtindex operationalisiert. Hierzu zählen die Dimensionen: Einkommen, Bildung und Berufsstatus. Alle drei Dimensionen lassen sich nicht auf Kinder und Jugendliche anwenden. Da in unserer Befragung ausschließlich die Kinder und Jugendlichen selbst befragt werden, also nicht zugleich auch deren Eltern, muss folglich mit vergleichsweise robusten und einfachen Indikatoren sozialer Ungleichheit gearbeitet werden. Es bietet sich an, die Kinder und Jugendlichen nach ihrem sozialen Herkunftsmilieu zu befragen. Das Wohlstandsniveau des Haushalts berührt direkt die Kinder und Jugendlichen. Ungünstige, beengte Wohnverhältnisse, finanzielle Restriktionen, die zur sparsamen Haushaltsführung (Ernährung und Kleidung) nötigen, sowie geringe Mittel für Freizeitaktivitäten beschneiden Kinder in ihren Entfaltungs-. und Teilnahmemöglichkeiten. Weiterhin wirkt sich die Milieuzugehörigkeit, über das Berufsprestige und die Bildung der Eltern indiziert, auf die Lebensbedingungen, auf die kognitive und die evaluative Entwicklung sowie auf die psychische, soziale und körperliche Gesundheit der Jugendlichen aus. Aus diesen Überlegungen kann ein Einfluss der sozialen Herkunft – und damit von sozialer Ungleichheit im Kindes- und Jugendalter – auf den Gesundheitszustand der Kinder und Jugendlichen abgeleitet werden. Der so gebildete Schichtindex umfasst 5 Stufen und repräsentiert in der untersten Stufe eine Armutsgruppe. Datenbasis ist die Studie „Health Behaviour in School-Aged Children“, die Teil eines internationalen Forschungsverbundes ist, der von der WHO gefördert wird und an dem gegenwärtig 24 Länder beteiligt sind. Die Studie richtet sich an Kinder und Jugendliche im Alter von 11, 13 und 15 Jahren. Die Befragung der Kinder und Jugendlichen fand in der Zeit von März bis Mai 1994 an Schulen in Nordrhein-Westfalen statt. Es wurde eine kombinierte Quotenstichprobe anhand der Merkmale Alter, Schultyp und Region gebildet. Die Fallzahl beträgt N=3.328.
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Gesundheitsbefinden 11-15 jähriger SchülerInnen |
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Soziale Ungleichheit |
|
Gesundheitsindikatoren |
1 |
2 |
3 |
4 |
5 |
Insg |
|
Gesundheitszustand |
|
|
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|
|
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|
Subjektiv bewerteter Gesundheitszustand |
21 |
34 |
37 |
43 |
47 |
37 |
|
Subjektiv bewertetes Wohlbefinden |
17 |
25 |
30 |
35 |
37 |
29 |
|
Selbstvertrauen |
58 |
73 |
72 |
80 |
86 |
75 |
|
Hilflosigkeit |
14 |
7 |
6 |
5 |
3 |
6 |
|
Einsamkeit |
19 |
14 |
9 |
8 |
9 |
11 |
|
Gesundheitsverhalten |
|
|
|
|
|
|
|
Rauchen |
17 |
14 |
10 |
9 |
7 |
12 |
|
Alkohol trinken (Bier) |
9 |
9 |
8 |
8 |
12 |
9 |
|
Zähneputzen |
64 |
71 |
73 |
81 |
79 |
74 |
|
Sport |
35 |
38 |
43 |
46 |
48 |
42 |
|
Ernährung |
65 |
67 |
68 |
71 |
73 |
68 |
|
Pommes Frites täglich |
13 |
8 |
8 |
7 |
5 |
8 |
|
Gesundheitsbeschwerden |
|
|
|
|
|
|
|
Kopfschmerzen |
22 |
11 |
13 |
11 |
9 |
12 |
|
Rückenschmerzen |
16 |
10 |
9 |
7 |
7 |
9 |
|
Allgemein schlecht |
16 |
7 |
8 |
5 |
1 |
7 |
|
Nervös |
22 |
12 |
15 |
13 |
8 |
13 |
|
Schlecht Einschlafen |
26 |
17 |
18 |
15 |
16 |
17 |
Studie: Health Behaviour in School-Aged Children – A WHO Cross-National Survey, Universität Bielefeld
Alle Zusammenhänge sind statistisch signifikant. Geschlecht und Alter auspartialisiert. N=2.491
Ergebnisse
Die Analyse des Gesundheitszustandes und der Gesundheitsgefährdungen der Kinder und Jugendlichen im Alter von 11-15 Jahren basiert auf den subjektiven Bewertungen ihres Gesundheitszustandes und den Selbstberichten über ihr Gesundheitsverhalten. Obwohl es sich bei den Selbstberichten nicht um epidemiologisch abgesicherte Daten handelt, sehen wir gleichwohl in der Befragungsmethode einen validen und aussagekräftigen Ansatz zur Erforschung der gesundheitlichen Situation im Jugendalter. Das hier verwendete „Maß der Gesundheit“ auf Basis der subjektiven Bewertung muss jedoch mit dieser Einschränkung gelesen werden. Es werden im folgenden die Verteilungen nach der sozialen Ungleichstellung aufgeschlüsselt und die Angaben „sehr positiv“ bzw. „sehr oft“ ausgewiesen.
Wie in Tabelle 1 ausgewiesen, zeigt sich durchgängig, über alle Bereiche, ein Einfluss der sozialen Lebenslage auf die berichtete Gesundheit der Kinder und Jugendlichen. Besonders deutlich tritt der Einfluss der sozialen Lage zwischen den beiden Extremgruppen („unten“ und „oben“ im sozialen Ungleichheitsspektrum) hervor. Kinder und Jugendliche aus den unteren sozialen Positionen zeigen in nahezu allen Gesundheitsindikatoren eine schlechtere Bewertung ihrer gesundheitlichen Situation. Nicht selten beträgt die Prozentsatzdifferenz zwischen diesen beiden Extremgruppen über 20 Punkte. Die geringsten Unterschiede zwischen den sozialen Gruppen zeigen sich im Gesundheitsverhalten. Hier wirkt, so können die Ergebnisse interpretiert werden; die Leitbildfunktion jugendlicher Lebensweisen nivellierend auf das Verhalten der einzelnen. Deutlicher sind die Unterschiede in der Bewertung des Gesundheitszustandes und der Gesundheitsbeschwerden. Nur jedes fünfte Kinder aus der unteren, aber jedes zweite Kind aus der oberen sozialen Position bewertet den Gesundheitszustand mit sehr gut. Gesundheitliche Beschwerden werden von Kindern erheblich häufiger berichtet, die aus sozial niedrigeren Positionen kommen. Da den Kindern niedrigerer sozialer Herkunft oftmals eine geringere Sensibilität und Berichtsfähigkeit über psychosoziales Wohlbefinden zugesprochen wird, sind die deutlich höheren Prävalenzraten der berichteten gesundheitlichen Beschwerden und der schlechter bewertete Gesundheitszustand bei Kindern und Jugendlichen niedrigerer sozialer Herkunft um so erstaunlicher.
Unsere Untersuchung zeigt noch ein weiteres bemerkenswertes Ergebnis. Ebenso wie jüngst eine amerikanische Studie für eine Erwachsenenpopulation auswies, zeigt sich auch schon im Kindes- und Jugendalter ein direkter, linearer Zusammenhang zwischen dem Grad der sozialen Privilegierung und dem Ausmaß von Gesundheit. Wie die überwiegend stetig ansteigenden oder fallenden Prozentzahlen zwischen den sozialen Indexpositionen in Tabelle 1 ausweisen, haben wir es bei den meisten Gesundheitsindikatoren mit einem linearen Zusammenhang über alle Positionen der sozialen Stufenleiter zu tun. Dies bedeutet: Je niedriger die Position in der Privilegienstruktur einer Gesellschaft, desto niedriger ist auch die Qualität der Gesundheit; je höher die Position in der Privilegienstruktur, desto größer die Qualität der Gesundheit. Bemerkenswert ist, dass diese Abhängigkeit nicht nach qualitativen Stufen gegliedert ist, sondern einen gleichförmigen Verlauf hat. Die lineare Beziehung zwischen sozialer Lebenslage und individuell erfahrener Gesundheit unterstreicht den fließenden Übergang von absoluter über relativer Armut zu den sozial in den unteren Segmenten der Gesellschaft stehenden „Normalfamilien“.
Schlussfolgerungen
Was lässt sich hieraus ableiten? Zunächst einmal ein wichtiger Hinweis auf die angemessene Definition und Konzeptionalisierung von Gesundheit. Gesundheit ist eindeutig ein Indikator für das subjektive und das objektive Wohlbefinden, teilweise wahrscheinlich sogar mit diesem Wohlbefinden gleichzusetzen. Gesundheit ist von den Lebensbedingungen abhängig und sie muss ganz offensichtlich mehrdimensional verstanden werden, nämlich als der Balancezustand sowohl im körperlich-physischen als auch im seelisch-psychischen wie im sozialen Bereich. Es spricht also sehr viel für eine mehrdimensionale Konzeption von Gesundheit, wie sie etwa von der Weltgesundheitsorganisation seit vielen Jahrzehnten proklamiert wird. Gesundheit hängt ganz offensichtlich von den Ressourcen ab, die ein Mensch zur Verfügung hat. Dabei sollten die personalen von den sozialen Ressourcen unterschieden werden. Zu den personalen Ressourcen sind insbesondere das Temperament einer Person zu rechnen, die Intelligenz mit all ihren verschiedenen Facetten, die Selbststeuerungsfähigkeit und die Fähigkeit, die eigene Lebenssituation zu kennen und zu interpretieren, verbunden mit der Kompetenz, sich in komplizierten Situationen körperlicher, psychischer und sozialer Art in effektiver Weise selbst zu managen. Neben diesen personalen Ressourcen sind insbesondere die sozialen Ressourcen angesprochen, und sie sind sehr stark in den schon angesprochenen Lebensbedingungen des Menschen abgebildet. Hier ist an erster Stelle natürlich die finanzielle Komponente von sozialen Ressourcen zu nennen, denn mit finanziellen Mitteln kann ein Individuum in unserer Gesellschaft sich Informationen und Leistungen erkaufen, die für Wohlbefinden und Gesundheit von großer Bedeutung sind. Eine weitere Dimension ist die emotionale und die soziale Unterstützung, die nach allen vorliegenden Untersuchungen von großer Bedeutung für die Stabilisierung des Balancezustandes „Gesundheit“ ist, da sie die nötigen Stützungen zur Verfügung stellt, wenn es z.B. zu Krisen- und Belastungssituationen kommt. Weiterhin ist auf die soziale Ressource „Bildung“ hinzuweisen, die dafür sorgt, dass ein Individuum selbstgesteuert und flexibel in Belastungssituationen reagieren kann und die selbstverständlich auch von erheblicher Bedeutung ist, wenn es um das Heranziehen von Informationen und Wissen geht. Das Zusammenspiel von sozialen Ressourcen und personalen Ressourcen, die selbstverständlich auch in einem Wechselverhältnis zueinander stehen, entscheidet also ganz offensichtlich über den Grad von Gesundheit, über den ein Individuum verfügt. Und die Befunde aus unserer und anderen Untersuchungen unterstreichen, wie stark gradiert der Zusammenhang zwischen den sozialen Lebensbedingungen und der Gesundheit ist.
Sozialpolitische Konsequenzen
Was ist politisch zu tun? Armut entsteht, wie die bisherige Analyse zeigt, eindeutig aufgrund von wirtschaftlichen, sozialen und politischen Prozessen in der Verteilung von Ressourcen in der Gesellschaft. Die Bekämpfung der Armut kann deswegen auch nur politisch geregelt werden und ist eine Frage der Verteilungspolitik insgesamt. Wie die nationale Armutskonferenz betont hat, wächst die Zahl derer, die Gefahr laufen, keinen ausreichenden Schutz in der Sozialversicherung zu erhalten, und die beim Eintreten von Existenzrisiken auf Sozialhilfe verwiesen sind. Darüber hinaus werden angesichts einer Tendenz zur Pluralisierung von Lebensformen die traditionellen Sicherungsnetze von Ehe und Familie in ihrer Schutzfunktion immer brüchiger. Sie stellen daher die bisherige indirekte Existenzsicherung von Familienmitgliedern, z.B. von Frauen, in Frage. Zugleich ist in den letzten Jahren der sozialpolitische Schutz vor Verarmungsrisiken eher verringert worden, z.B. durch die Novellierungen des Arbeitsförderungsgesetzes und des Renten- und Gesundheitsgesetzes. Die politische und soziale Zuständigkeit für soziale Problemlagen hat sich von der Sozialversicherung auf die Sozialhilfe verschoben und damit von der Bundesebene auf die Ebene der Gemeinden. Die Gemeinden aber sind z.Zt. die finanziell am ungünstigsten ausgestatteten Institutionen unseres politischen Systems.
Bündnispartner für eine Lobby der Armen
Die Bevölkerungsgruppen in Armut sind aus den oben angegebenen Gründen nicht in der Lage, sich miteinander zu solidarisieren. Sie sind auch kaum in der Lage, auf ihre eigene prekäre Situation hinzuweisen. Sie können sich deswegen kaum eine wirksame öffentliche Lobby aufbauen. Deswegen sind potentielle Bündnispartner gefordert, diesen Prozess zu unterstützen und öffentlich Position zu beziehen. Als Bündnispartner kommen die Wohlfahrtsverbände, die Kirchen und die Gewerkschaften in Betracht. Als Bündnispartner ist aber auch die Wissenschaft gefragt. Durch kontinuierliche öffentlichkeitswirksame Aktionen kann auch sie sich um benachteiligte Bevölkerungsgruppen kümmern und das Tabu brechen, das immer noch über der Armut liegt. Durch öffentliche Diskussion und durch sachlichen Hinweis auf die Verursachung von Armut als eines kumulativen Prozesses kann auch von wissenschaftlicher Seite ein nachdrücklicher Beitrag zur Verbesserung der Lebenssituation der Schwächsten geleistet werden.
Gesundheitspolitische Intervention
Einen besonderen Stellenwert muss dabei schließlich auch eine gezielte Veränderung des Versorgungssystems, ganz besonders auch im gesundheitlichen Bereich, einnehmen. Wir brauchen spezifisch zugeschnittene Angebote der gesundheitlichen Versorgung für die von Armut betroffenen Bevölkerungsgruppen. Dabei müssen viel stärker als heute auch ambulante und mobile Dienste eingesetzt werden. Denn das gehört zu den Charakteristiken der von Armut betroffenen Bevölkerungsgruppen, dass sie sich die Leistungen des Versorgungssystems nur schwer aktiv erschließen können. Die Konsequenz ist, dass die Angebote zu den armen Bevölkerungsgruppen hin orientiert werden müssen, z.B. – sofern es um Kinder und Jugendliche geht – durch die Integration von Versorgungsangeboten in Kindergärten und Schulen.
Dr. Klaus Hurrelmann ist Professor an der Fakultät für Gesundheitswissenschaften an der Universität Bielefeld. Er ist Mitglied im Beirat des ABA Fachverbandes Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen.
Dr. Andreas Klocke ist Direktor am Staatsinstitut für Familienforschung an der Universität Bamberg.
Vorstehender Artikel wurde veröffentlicht in DER NAGEL 60/1998, ins Internet gestellt im Juni 2003.
Perspektiven der kommunalen Haushaltskonsolidierung
Von Robert Schmitz
Sowohl in den Städten und Gemeinden in Nordrhein-Westfalen als auch im übrigen Bundesgebiet steht ein Thema ganz oben auf der Tagesordnung: die Konsolidierung des Haushalts. Die konjunkturelle Lage mit ihren Auswirkungen auf die Steuereinnahmen und Sozialausgaben, die finanziellen Belastungen der Vereinigung, die mit diesen Entwicklungen in Zusammenhang stehenden Verlagerungen von Aufgaben und Ausgaben von Bund und Land auf die kommunale Ebene sowie die erheblichen, heute Folgekosten verursachenden Ausgabensteigerungen der Städte und Gemeinden zu Beginn der 90er Jahre haben insgesamt zu teilweise dramatischen Differenzen zwischen Ausgaben und Ein-nahmen geführt.(1) Die aktuelle Zuspitzung dieser Situation und die zu erwartende weitere Entwicklung zwingen die Kommunen zur Einleitung von Konsolidierungsmaßnahmen, wenn sie ihre Handlungs- und Gestaltungsfähigkeit wiedergewinnen wollen.
Die dabei zu ergreifenden Maßnahmen sind nicht an einer kurzfristigen Entlastung des Haushalts, sondern vielmehr an einer mittel- bis langfristigen Wirksamkeit zu orientieren. Denn auf der Ausgabenseite sind weitere Belastungen aufgrund der vollen Einbeziehung der ostdeutschen Länder und Gemeinden in den Finanzausgleich ab 1995 bereits abzusehen (2), und auf der Einnahmenseite sind ausreichende Steigerungen frühestens in einigen Jahren zu erwarten. Eine Verbesserung der Haushaltssituation für die Kommunen durch Maßnahmen des Bundes oder Landes, die selber mit enormen finanzwirtschaftlichen Problemen konfrontiert sind, ist nicht in Sicht. Auch die Hoffnung auf eine baldige Entspannung der Haushaltslage durch einen Konjunkturaufschwung ist unbegründet. Auf der Einnahmenseite wird er sich mit höheren Steuereinnahmen erst mit einiger Verzögerung bemerkbar machen, und auf der Ausgabenseite wird eine Entlastung im Bereich der Sozialausgaben angesichts der Arbeitsmarktlage erst mit erheblichem Zeitverzug eintreten.
Damit stehen die Kommunen vor der Herausforderung, aus eigener Kraft eine längerfristig wirksame Konsolidierung herbeizuführen. Dazu stellt eine weitere Erhöhung der Verschuldung keinen geeigneten Ansatz dar. Abgesehen davon, dass die Aufnahme von Krediten nur für Umschuldungsmaßnahmen oder, ihrerseits Folgekosten verursachende, investive Zwecke zulässig ist (3), führen die fälligen Zins- und Tilgungszahlungen zu zusätzlichen Belastungen der Haushaltslage in den kommenden Jahren. Daher sind Maßnahmen zu ergreifen, die zu einer dauerhaften Haushaltsentlastung führen, wobei der entscheidende Ansatzpunkt in einer Reduktion der Ausgaben liegt.
Die Erhöhung der Kommunalabgaben, soweit durch die einzelne Kommune beeinflussbar (Gewerbe- und Grundsteuer, Benutzungs- und Verwaltungsgebühren, Beiträge, Benutzungsentgelte), könnte zwar zur Steigerung der Einnahmen und im Einzelfall auch zu einer dauerhaften Entlastung der angespannten Haushaltslage führen; sie dürfte aber angesichts der Diskussion um den Standort Deutschland und die bereits erreichte Steuer- und Abgabenbelastung nur bei einem geringen Teil der Bevölkerung auf Verständnis stoßen. (4) Eine Einnahmensteigerung müsste sich dabei primär auf die weitere Erhöhung der Hebesätze der Gewerbe- und Grundsteuer stützen, da Gebühren und Beiträge zum volumenmäßig größten Teil (Abwasser und Abfall) aufgrund der weitgehend erreichten Kostendeckung nur noch wenig Spielraum für Erhöhungen bieten. Die weiteren Gebühren und Benutzungsentgelte ließen zwar teilweise erhebliche Steigerungen zu, erreichten aber auch dann nur einen sehr geringen Umfang. (5) Da höheren Kommunalabgaben entgegenwirkende Parteien großen Zulauf und entsprechenden Einfluss gewinnen dürften, ist eine langfristig wirksame Lösung der Haushaltsprobleme mit diesem Mittel nur schwer vorstellbar.
Geeignetere Maßnahmen sind daher in nachhaltigen Senkungen von Ausgaben zu suchen. Ansatzpunkte könnten Verringerungen des Leistungsangebots bei der Erfüllung pflichtiger Selbstverwaltungsaufgaben sowie der Abbau von nicht zu den Pflichtaufgaben gehörenden, also freiwilligen kommunalen Dienstleistungen sein. In Verfolgung dieser Ansätze stehen in mehreren Städten und Gemeinden Einrichtungen und Angebote in den Bereichen Soziales, Jugend, Kinder, Sport, Erholung, Kultur und Freizeit in der Diskussion, wobei die Trennlinie zwischen pflichtigen Selbstverwaltungsaufgaben und freiwilligen Leistungen nicht immer ausreichend berücksichtigt wird. (6) Leistungsverringerungen oder -abbau verlangen mit Blick auf die längerfristige Wirksamkeit, dass kurzfristig realisierbare Ausgabensenkungen nicht mit künftigen Mehrausgaben erkauft werden. So wäre es beispielsweise verhängnisvoll, zur kurzfristigen Haushaltsentlastung in der Prävention tätige Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe zu schließen. Denn in der Folge ist vermutlich die vermehrte Unterbringung in Heimen zu finanzieren, was kumuliert die Ausgabenreduktion um ein Vielfaches überkompensieren würde; zusätzlich wären Begleiterscheinungen und Spätfolgen im sozialen Umfeld und bei den Betroffenen zu berücksichtigen. Dass dennoch solche und ähnliche Ratsentscheidungen gefällt werden, wirft sowohl ein bezeichnendes Schlaglicht auf die Durchsetzung starker, gut organisierter Interessen zu Lasten schwächerer, schlecht organisierter als auch auf das Vorherrschen kurzfristigen Denkens in Jahreshaushalten bei den Verwaltungen. Schließlich entscheidet der Rat auf der Grundlage von Verwaltungsvorlagen.
Als ähnlich problematisch hinsichtlich einer mittel- und langfristigen Haushaltskonsolidierung stellt sich die als „Rasenmähermethode'“ bekannte Kürzung sämtlicher Ausgabenansätze um einen einheitlichen Prozentsatz dar. Aus ihr resultiert ganz unmittelbar eine Senkung der Leistungsintensitäten, womit die Wirksamkeit der Leistungen selber in Frage gestellt ist. Zusätzlich können damit auch zeitlich versetzte Ausgaben in anderen Bereichen verursacht werden, die künftige Handlungsspielräume begrenzen. Beispielsweise kann in Folge einer solchen globalen Kürzung die zur Gewährleistung der Sicherheit und zum Substanzerhalt notwendige Unterhaltungsintensität von Spielplätzen nicht mehr aufrechterhalten werden. Dies führt zu einem erhöhten Haftungsrisiko und beschleunigtem Substanzverlust aufgrund unterlassener Reparaturen und Pflegearbeiten und damit letztlich zu aufwendigen Neubau- oder Restaurierungsmaßnahmen. Unter rein finanzwirtschaftlichen Aspekten wäre es in einem solchen Fall sinnvoller, die Ausgabenkürzung durch die Schließung von einigen Spielplätzen, bei Erhaltung der Pflegeintensität auf den verbleibenden, zu realisieren.
Selbstverständlich existieren Bereiche, in denen eine Senkung der Leistungsintensität, eine Verringerung des Leistungsangebots oder die Einstellung freiwilliger Leistungen keine Abnahme der Wirksamkeit oder erhöhte Ausgaben verursachen. Dies ist aber in jedem Einzelfall zu prüfen. Daneben sind nicht finanziell messbare Wirkungen zu beachten, die sich im sozialen, kulturellen, politischen oder optischen Erscheinungsbild, der Lebensqualität und Attraktivität einer Stadt oder Gemeinde niederschlagen.
Eine wichtige Rolle in der Diskussion um die Haushaltskonsolidierung spielt die Privatisierung von Leistungen. Sie ist aber nur dann finanzwirtschaftlich sinnvoll, wenn einwandfrei festgestellt wurde, dass die entsprechende Leistung durch private Unternehmen kostengünstiger als durch die Verwaltung selber erbracht werden kann, wobei die der Kommune entstehenden Mehrkosten aufgrund zusätzlicher Vergabe- und Kontrolltätigkeiten infolge der Privatisierung zu berücksichtigen sind. Eine solche Angaben bereitstellende, umfassende Kostenrechnung ist nur in wenigen Kommunalverwaltungen in Angriff genommen worden. Ohne eine entsprechende Datenbasis erhält die Behauptung, dass bestimmte Leistungen durch privatwirtschaftliche Unternehmen kostengünstiger als durch die Kommunalverwaltungen zu erbringen sind, auch durch ihre stereotype Wiederholung keinen größeren Wahrheitsgehalt. (7) Weiterhin ist im Einzelfall zu prüfen, ob die Gefahr einer zukünftigen Abhängigkeit von einem Anbieter besteht, der dann in der Lage ist, Monopolpreise zu setzen. Eine derartige Situation befürchten die Kommunen, die ihre Müllabfuhr privatisiert haben und sich nun insgesamt einem Oligopol und, bezogen auf das jeweilige Gemeindegebiet, einem Monopol gegenübersehen. Ein weiterer, hinsichtlich der Haushaltskonsolidierung breit diskutierter Punkt ist die Umstrukturierung der Verwaltungen analog zu Organisationsstrukturen in der Privatwirtschaft und Vorbildern ausländischer Kommunalverwaltungen. Schlagworte wie „von der Behörde zum Dienstleistungsunternehmen“, „lean-administration“ oder „Konzern Stadt“ geben die Diskussionsrichtung an, und in einigen Kommunalverwaltungen sind auch entsprechende Schritte eingeleitet worden. Inwieweit ihre Realisation im Ergebnis den privatwirtschaftlichen und ausländischen Verwaltungsvorbildern entsprechen wird, bleibt abzuwarten.
Im Rahmen dieser Umstrukturierungen werden die klassischen Ämterstrukturen überdacht und aufgebrochen, indem Leistungen gebündelt und zu Leistungsbereichen zusammengefasst werden. Die weitgehende Delegation von fachlichen Entscheidungskompetenzen und Verantwortungen auf niedrigere bis hin zu untersten Hierarchiestufen lassen eine Verringerung der Leitungsstellen und eine Abflachung der Hierarchie zu. Insgesamt können damit verwaltungsinterne Abläufe vereinfacht, Dienstwege verkürzt und damit Verfahren beschleunigt werden. Mit einer schnelleren Antragsbearbeitung lässt sich außer einem Kostensenkungseffekt auch eine höhere Bürgerfreundlichkeit erreichen. (8) Einen weiteren Schritt in Richtung größere Bürgernähe kann die Zusammenführung von Leistungen und Beratungen nach dem Vorbild der Bürgerämter und Bürgerläden darstellen. (9)
Ergänzt wird diese Umstrukturierung durch die unter dem Stichwort „dezentrale Ressourcensteuerung“ diskutierte Verlagerung von Entscheidungsbefugnissen hinsichtlich der Organisation und Sachmittelausstattung sowie der finanziellen und personellen Ressourcen von den Querschnittsämtern auf die neu zu bildenden Leistungsbereiche. Eine derartige Dezentralisation beschränkt auf die finanziellen Ressourcen ist auch als isolierte Maßnahme ohne weitgehende Umstrukturierung möglich und wird auch unter dem Stichwort „Budgetierung“ praktisch umgesetzt. Im Kern geht es dabei um die Zuweisung eines bestimmten, festgelegten Betrages für einen Leistungsbereich, ein Dezernat oder ein Amt, den diese für ihre Aufgabenerfüllung zur Verfügung gestellt bekommen und für dessen Nichtüberschreitung sie verantwortlich sind. Soweit in einem Verwaltungsbereich Einnahmen vorgesehen sind, werden diese bei der Bemessung des Budgets in Ansatz gebracht, wobei die Realisation und wenn möglich die Steigerung der Einnahmen der Verwaltungseinheit übertragen werden. Bei der gegenwärtigen Haushaltslage wird die Budgetierung häufig mit einer globalen oder nach Leistungsbereichen, Dezernaten oder Ämtern differenzierten Ausgabensenkung verbunden. Dahinter steht die berechtigte Erwartung, dass die Mitarbeiter in den Verwaltungseinheiten selber am besten wissen, in welchen Leistungsbereichen Ausgabenkürzungen ohne negative Konsequenzen vertretbar sind bzw. wie die Leistungserstellung effizienter (wirtschaftlicher) gestaltet werden kann, sodass keine Verminderung von Leistungsintensitäten erforderlich ist. Die Umsetzung dieser Erwartungen verlangt aber auch eine über die Budgetierung hinausgehende Dezentralisation von Entscheidungskompetenzen in den Bereichen Personaleinsatz, Organisation und Sachmittelausstattung. Unabhängig davon, ob eine Kürzung der Ansätze erfolgt, besteht durch die Schaffung entsprechender Anreize die Chance, Einsparungen durch eine Erhöhung der Effizienz zu realisieren. Ein entsprechender, teilweise in der Praxis eingesetzter Anreiz für solche Einsparungen besteht dann, wenn die Verwaltungseinheit, die ihr Budget nicht ausschöpft, zumindest über einen Teil der verbleibenden Mittel frei verfügen, ihn für zusätzliche Leistungen, für die eigene Ausstattung, als Übertragung in das nächste Jahr oder als Rücklage für spätere Jahre einsetzen kann. Auf diesem Weg lässt sich eine Motivation für die Verbesserung der Effizienz der Leistungserstellung schaffen, womit eine auch längerfristig wirksame Ausgabensenkung einhergeht. Zusammen mit einer weitergehenden Umstrukturierung dürfte sich dieser Effekt erheblich steigern und mit größerer Bürgernähe verbinden lassen.
Die erfolgreiche Einführung solcher Strukturen kann nur unter Beteiligung der Mitarbeiter erfolgen, denn ihr Verhalten entscheidet, ob die beabsichtigten Effekte realisiert werden; sie kennen am ehesten die Probleme und Bedürfnisse der Bürger und vorhandene Rationalisierungspotentiale. Zudem fördern eine Beteiligung und weitgehende Entscheidungskompetenzen die Motivation und erhöhen die Attraktivität der Arbeitsplätze.
Zur Bewältigung der finanzwirtschaftlichen Herausforderung durch die Kommunen scheint eine weitgehende Umstrukturierung in Verbindung mit einer Dezentralisation der Ressourcensteuerung wesentlich geeigneter als die Verfolgung einer der vorher genannten isolierten Maßnahmen. Denn im Gegensatz zu diesen, geht es nicht um die Verringerung, Einstellung oder Privatisierung von Leistungen oder die Verminderung von Leistungsintensitäten, sondern um die Mobilisierung des gesamten Rationalisierungspotentials der Verwaltung im Bereich der Pflichtaufgaben und der freiwilligen Leistungen unter Einbeziehung der Querschnittsfunktionen möglichst ohne Einschränkungen des Leistungsangebots für die Bürger. Zur Steuerung einer so veränderten Kommunalverwaltung, sowohl in finanzieller Hinsicht als auch im Hinblick auf die Leistungserstellung, müsste ein Controllingsystem eingeführt werden, das sich auf eine ausgebaute Kostenrechnung und ein durchgängiges Berichts- und Planungssystem stützt. Mit einer solchen Umstrukturierung und Verlagerung von Entscheidungskompetenzen erhalten Führungskräfte und Mitarbeiter der Kommunalverwaltung neue Rollen und stehen vor veränderten Anforderungen, zu deren erfolgreicher Bewältigung entsprechend Qualifizierungsmaßnahmen in breitem Umfang anzubieten sind.
Das Ausmaß, in dem mittels eines solchen Modernisierungsprozesses eine Haushaltskonsolidierung gelingt und der Aufbau eines durchgängigen Planungssystems, hängen aber nicht nur von Veränderungen in der Verwaltung, sondern ebenso von einem geänderten Zusammenspiel von Politik und Verwaltung ab. Die Steuerung der Verwaltung durch die Politik geschieht bislang über die Zuteilung von Finanzmitteln durch Verabschiedung eines Haushaltsplanes sowie durch vielfältige Einzeleingriffe in das Verwaltungshandeln, immer auf der Grundlage von Entscheidungsvorlagen durch die Verwaltung. Bei der mit dieser Art der Steuerung verbundenen Detailfülle gerät die Orientierung an Zielvorstellungen für die das Verwaltungshandeln bestimmenden, politischen Entscheidungen leicht aus dem Blickfeld. Sinnvoller als die Steuerung über den finanziellen Input und die im Detail scheint die Vorgabe von klaren Zielen für das Verwaltungshandeln, wobei die Erreichung dieser Ziele der Verwaltung überlassen und lediglich durch den Rat kontrolliert wird. Auf der Basis längerfristiger Zielvorstellungen, die einen Schlingerkurs von Politik und Verwaltung verhindern, lassen sich klare Prioritäten formulieren, anhand derer gegebenenfalls auch Entscheidungen über die Kürzung oder Einstellung von Leistungen, die Verringerung von Leistungsintensitäten und die Privatisierung von Leistungsbereichen getroffen werden können. Ein derart geändertes politisches Entscheidungsverhalten verlangt von der Verwaltung eine andere Art der Entscheidungsvorbereitung: Die zu erbringenden Leistungen sind als Produkte der Verwaltung klar zu definieren und abzugrenzen, die Kosten ihrer Produktion und die damit verbundenen Ausgaben sind zu beziffern und in übersichtlicher Form auszuweisen. Mit einem derart veränderten Zusammenspiel von Rat und Verwaltung lassen sich problematische Entscheidungen wie die oben beschriebenen verhindern, da die Verwaltung zur Entscheidungsfindung abgesicherte Daten liefern und der Rat sich an klaren Zielvorstellungen orientieren kann.
Das hier skizzierte Konzept entspricht im wesentlichen dem „neuen Steuerungsmodell“, (10) das derzeit die Diskussion um die Verwaltungsmodernisierung beherrscht, die durch die Zuspitzung der Finanzlage der Kommunen einen erheblichen Auftrieb erfahren hat. Zielsetzung des Modells ist die Steigerung von Effektivität (Wirksamkeit), Effizienz und Bürgernähe des Verwaltungshandelns bei der Umsetzung des politischen Willens. Soweit eine Umsetzung dieses Modells gelingt, besteht die Chance, dass die Kommunen mittelfristig ihre Handlungs- und Gestaltungsfähigkeit nicht nur in finanzieller Hinsicht wiedergewinnen und der geforderten Bürgernähe Rechnung tragen. Zwar verstärkt die derzeitige Haushaltslage den Handlungsdruck auf die Kommunen, sich in diese Richtung zu verändern; gleichzeitig besteht damit aber auch die Gefahr der finanzwirtschaftlichen Verkürzung des Ansatzes, so dass den Herausforderungen des beschleunigten gesellschaftlichen Wandlungsprozesses ebenso wenig Rechnung getragen wird, wie den Chancen zur Wiedergewinnung der Handlungs- und Gestaltungsfähigkeit die Möglichkeit der Realisation gegeben wird, die ein bürger- und mitarbeiterorientierter, Rat und Verwaltung umfassender Modernisierungsprozess bietet.
Vorstehender Artikel wurde von Robert Schmitz für den NAGEL verfasst und in der Ausgabe 56/1994 veröffentlicht. Ins Internet gestellt wurde er im August 2002. Robert Schmitz ist Dipl.-Ökonom, studierte in Bochum Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Er betrieb eine mehrjährige Forschungstätigkeit im Bereich Personal- und Organisationsentwicklung und ist Referent am Institut für Kommunal- und Verwaltungswissenschaften (IKV) in Bochum.
Anmerkungen:
1 vgl. Kommunen auf Sparkurs, in: Mitteilungen NWStGB vom 20.02.1994, S. 51 f.; Wer im Glashaus sitzt – Finanzen der Gemeinden, in: iwd vom 20. Jan. 1994; Leistungen des Landes an die Kommunen im Rahmen der Finanzplanung 1993-1997, in: Mitteilungen NWStGB vom 05.11.1993, S. 355.
2 vgl. Kommunen auf Sparkurs, in: Mitteilungen NWStGB vom 20.02.1994, S. 51 f.
3 vgl. Finanzbeziehungen zwischen Bund, Ländern und Gemeinden (III), in: Eildienst LKT NW 22/1993, S. 421 ff.
4 vgl. Tacke, Walter: Gewerbesteuer hoch – Nein! Personalabbau – Ja!, in: Kommunalpolitische Blätter 1/1994, S. 27 ff.
5 vgl. Kommunen auf Sparkurs, in: Mitteilungen NWStGB vom 20.02.1994, S. 51 f.
6 So sind beispielsweise die im KJHG genannten Aufgaben insgesamt Pflichtaufgaben, darunter auch pflichtige Selbstverwaltungsaufgaben, bei denen nur die Art der Durchführung in die Entscheidungskompetenz der Kommune gelegt ist. Zu den Bestimmungen des KJHG im Einzelnen vgl. ABA-TEXTEDIENST Nr. 12/1994 (Prof. Dr. Ulrich Preis: Bleibt das Kinder- und Jugendhilfegesetz auf der Strecke?) und Stellungnahme des Bundesministeriums für Frauen und Jugend, in: ABA Fachverband: Der Zug fährt ab. Teil 1/1994 (Dokumente und Materialien), S. 52 ff.
7 Zur Problematik der Privatisierung siehe auch Banner, Gerhard: Neue Trends im kommunalen Management, in: VOP 1/1994, S. 5-12, 8-10.
8 vgl.: Banner, Gerhard: Neue Trends im kommunalen Management, in: VOP 1/1994, S. 5-12, 10.
9 vgl. Liesenfeld, Joachim; Loss, Kay: Die Modernisierung von Stadt- und Gemeindeverwaltungen in den achtziger Jahren, in: WSI Mitteilungen 7/1993, S. 448-455, 451.
10 Einen kurzen Überblick über die Diskussion um ein „neues Steuerungsmodell“ gibt Blume, Michael: Zur Diskussion um ein neues Steuerungsmodell für Kommunalverwaltungen – Argumente und Einwände, in: Der Gemeindehaushalt 1/1993, S. 1-9.
Kinder wollen draußen spielen
Die Bedeutung des Wohnumfeldes für das Heranwachsen junger Menschen – Städte brauchen außerhäusliche Aktionsräume
Von Baldo Blinkert
Eine Freiburger Studie¹ legt dar, dass Kinder in der Stadt immer weniger Möglichkeiten zum Spielen im Freien finden. Die Untersuchung zeigt aber auch, was kommunalpolitisch dagegen getan werden kann. Der amerikanische Sozialwissenschaftler Neil Postman hat das “Ende der Kindheit” postuliert. Diese These ist missverständlich, denn es spricht viel für die Vermutung, dass sich Kindheit als soziale und ökonomisch verwertbare Institution erst richtig etabliert und immer mehr die Form einer “inszenierten Kindheit” annimmt.
Die in Großstädten lebenden Kinder verlieren immer mehr die Möglichkeit zum spontanen und unbeaufsichtigten Spielen mit Gleichaltrigen im Umfeld ihrer Wohnung. An die Stelle von unmittelbaren Erfahrungen treten immer mehr Erfahrungen aus zweiter Hand und mit Simulationen.
Kinder leben immer mehr in Reservaten, in Welten, die für sie inszeniert und simuliert werden: auf Spielplätzen, in Organisationen, in den künstlichen Welten der Medien. Immer mehr Kinder wachsen in einer Umwelt auf, die entweder gefährlich ist oder in der man nichts erleben kann. “Wirklichkeitsverlust” und “Erlebnismangel” werden für immer mehr Kinder zu zentralen Merkmalen ihrer Lebenswelt.
Wie man Kommunalpolitik für Kinder macht
In Freiburg im Breisgau wurde im Auftrag der Stadtverwaltung eine Untersuchung durchgeführt, um diese Probleme zu untersuchen und Lösungsvorschläge zu entwickeln (in dieser Untersuchung wurden Informationen über die Spielmöglichkeiten von über 4.000 Kindern erhoben). Die folgenden Fragen standen im Vordergrund:
- Über welche Aktionsräume können Kinder im Alter von fünf bis elf Jahren verfügen?
- Welche Konsequenzen hat eine schlechte Aktionsraumqualität für die Lebensqualität und für die Entwicklungschancen von Kindern?
- Welche politisch veränderbaren Merkmale von städtischen Umwelten sind für die Aktionsraumqualität von Kindern verantwortlich?
In der Untersuchung ging es um praktische Fragen. Denn nicht alles, was wissenschaftlich interessant ist, ist auch unter politischen Gesichtspunkten wichtig. Wenn wir zum Beispiel wissen, dass die Situation von Kindern durch Veränderung in Ehe und Familie beeinflusst wird oder durch das Bildungsmilieu der Eltern oder durch die Erwerbstätigkeit beider Elternteile, so sind das wertvolle Erkenntnisse – aber keine Kommunalverwaltung wird diese Verhältnisse ändern können. Wir haben uns also auf Bedingungen konzentriert, die sich auch kommunalpolitisch beeinflussen lassen. Und dazu gehört alles, was mit dem Begriff des Aktionsraumes beschrieben werden kann. Unter einem Aktionsraum verstehen wir ein Territorium, das Kindern zugänglich ist, das für Kinder dieser Altersgruppe gefahrlos ist, das den Gestaltungsmöglichkeiten dieser Altersgruppe entspricht und wo es Interaktionschancen mit Gleichaltrigen gibt.
Die Untersuchung zeigt, dass von allen berücksichtigten Bedingungen die Aktionsraumqualität den Kinderalltag am stärksten beeinflusst (siehe Kasten „Ergebnisse der Freiburger Kinderstudie“). Das gilt besonders für die frei disponierbare Zeit am Nachmittag und frühen Abend. Die Merkmale der unmittelbaren Wohnumgebung haben auf die Zeitverwendung von Kindern einen erheblich größeren Einfluss als die Merkmale Alter, Geschlecht, Familienstatus, Erwerbstätigkeit und Bildungsmilieu der Eltern. Das ist ein außerordentlich bedeutsames Ergebnis, denn es zeigt, dass die wichtigste Determinante für den Kinderalltag kommunalpolitisch gestaltbar ist. Wenn man etwas verändern will, so ist das auch möglich.
Wie man Kindern zu Defiziten verhilft
Die Annahme scheint plausibel, dass die dauerhafte Erfahrung ungünstiger Aktionsraumbedingungen zu Autonomie- und Kreativitätsdefiziten bei Kindern führen kann. Drei Argumente sprechen dafür:
- Eine dauerhaft schlechte Aktionsraumqualität im Wohnumfeld trägt vermutlich dazu bei, dass Kinder nur wenig Selbstständigkeit entwickeln. Es kommt zu einer Art „Bedürfnisfixierung“: eine unzureichende Lösung von Sicherheitsbedürfnissen und ein geringes Interesse am Ausprobieren, Entdecken und Problemlösen. Dieses Phänomen ist uns bei den Begehungen von Wohnquartieren mit Kindern begegnet. Auf die Frage, was sich denn auf einem Spielplatz ändern müsste, erhielten wir nicht selten die Antwort: noch eine Schaukel, eine Rutsche, eine Wippe, ein Wackeltier.
- Von allen Fachleuten wird betont, wie wichtig für Kinder im Vorschul- und Grundschulalter die Möglichkeit zum Herstellen ist – Herstellen von Dingen, aber auch soziales Herstellen von Regeln und Beziehungen. Kinder, die diese Möglichkeit besitzen, können Selbstbewusstsein, Stolz auf die eigenen Fähigkeiten, aber auch Einsicht in die Grenzen ihres Handelns gewinnen. Anregende und offene Aktionsräume bieten Kindern vielfältige Möglichkeiten zum Herstellen, zum dinglichen und sozialen Herstellen. Das Fehlen von Aktionsräumen regt dagegen eher zum Konsumieren fertiger Dinge und Dienstleistungen an.
- Eine dritte Vermutung bezieht sich auf die Kompetenz von Kindern. Kinder entwickeln möglicherweise unter dauerhaft ungünstigen Aktionsraumbedingungen ein Defizit, das eine Ähnlichkeit mit den Defiziten der künstlichen Intelligenz bei Computern hat: sie erwerben hochentwickelte formale Fähigkeiten, aber nur eine unterentwickelte Semantik. Sie können immer besser und differenzierter kommunizieren, aber sie wissen nicht, worüber – ihnen fehlen die Bedeutungen und Inhalte.²
Ein Symptom für dieses Defizit ist die Unfähigkeit zum Erzählen. Inhalte und Bedeutungen, also etwas Erzählenswertes, kann man nur erwerben, wenn man etwas erlebt. Viele Kinder leiden heute unter einem extremen Erlebnismangel. Welche Erlebnisse haben Kinder, worüber sollten sie sich den halben Nachmittag auf einem Spielplatz mit Rutschen, Wippen, Kriech- und Wackeltieren beschäftigt haben?
Hinter der Freiburger Untersuchung stand, wie erwähnt, eine praktische Fragestellung: Was kann eine Stadt tun, um die Situation von Kindern zu verbessern? Was also kann getan werden, wenn man nicht die Politik der 70er und 80er Jahre fortsetzen will, in der immer mehr Kinderreservate eingerichtet und immer mehr Therapien für Kinder angeboten wurden?
Eine sinnvolle Alternative ist die politische Gestaltung einer kinderfreundlichen städtischen Umwelt. Die von uns formulierten Vorschläge konzentrieren sich auf drei Bereiche:
- auf die Gefährdung durch den Straßenverkehr
- auf die Frage, wie sich soziale Risiken für Kinder verringern lassen
- auf die Frage, wie sich gestaltbare Spielorte in erreichbarer Nähe einrichten lassen.
Wie man die Gefahren des Straßenverkehrs verringert
Wichtig erscheint die Schaffung von bespielbaren und sicheren Übergangszonen zwischen Haustür und Straße. Dazu gibt es schon eine Reihe von guten Vorschlägen. In einigen Wohngebieten würde es sich anbieten, die Vorgärten stärker für Kinder zugänglich zu machen.
Wichtig ist ferner eine konsequente Fortsetzung der Politik umfassender Verkehrsberuhigungen. Unsere Untersuchung zeigt, dass die Lebensqualität von Kindern durch die Einrichtung von Spielstraßen erheblich verbessert werden kann. In Großstädten wie Freiburg gibt es noch viele Möglichkeiten, autofreie Straßenplätze und Spielstraßen zu schaffen. In den verdichteten Wohnquartieren wird das im übrigen die einzige Möglichkeit sein, wie man für Kinder mehr Freiräume schaffen kann. Baulücken für Spielplätze sind in diesen Gebieten kaum mehr vorhanden.
Die Befürchtung, dass Kinder beim Spielen draußen durch andere Menschen gefährdet sein könnten, spielt insgesamt eine geringere Rolle als die Furcht vor dem Straßenverkehr. Nur zehn Prozent der Eltern erwähnen soziale Risiken als Gründe für schlechte Spielmöglichkeiten. In einigen Stadtgebieten besitzen aber gerade diese Risiken eine erhebliche Bedeutung, und es wäre wichtig, dafür jeweils Lösungen zu finden. Im wesentlichen haben diese Risiken zwei Gründe:
- In vielen Wohngebieten sind informelle soziale Kontrollen nicht mehr wirksam – „Quartierswächter“ fehlen.
- In einigen Wohngebieten werden Probleme durch “zwielichtige Gestalten” befürchtet: Stadtstreicher, Alkoholiker, Drogenabhängige, die sich auf Spielplätzen aufhalten.
Da sich informelle Kontrollen kaum wieder beleben lassen werden, schlagen wir in der Studie zwei Lösungen vor: Zum einen sollte der Einsatz von “Quartierspolizisten” überprüft werden. Zum anderen erscheint eine Einrichtung interessant, die es in Australien gibt: “safety houses”. Das sind Häuser oder Wohnungen von Privatleuten, die Kinder anlaufen können, wenn sie sich bedroht fühlen.
Das Problem der “zwielichtigen Gestalten” lässt sich nicht durch mehr Kontrolle lösen. Wir empfehlen deshalb, für diesen Personenkreis Aufenthaltsmöglichkeiten zu schaffen, damit sie nicht die Spielplätze von Kindern nutzen müssen.
Wie man gestaltbare Spielorte für Kinder schafft
Alle Spielorte für Kinder sollten erstens durch begeh- und bespielbare Wege miteinander verbunden sein. Zweitens ist es nicht ausreichend, wenn Kinder nur einen bestimmten Typ von Spielort regelmäßig nutzen können. In den verdichteten Innenstadtgebieten ist Vielfalt sicher nur möglich, wenn es zu einer weiteren Verkehrsberuhigung kommt. Große Bedeutung hat auch die Möglichkeit, noch mehr als bisher schon die Schulhöfe für Kinder am Nachmittag zu öffnen. Drittens sollten Spielorte den Kindern die Möglichkeit zur Gestaltung bieten. Die herkömmlichen Spielplätze können das nicht. In einem Experiment soll in Freiburg versucht werden, in einigen Wohngebieten die Spielplätze „zurückzubauen“ – mit verformbarer Erde, mit ein paar Hügeln aus Bauaushub, mit Vertiefungen, in denen sich Regenwasser sammeln und Matsch bilden kann, mit einer sich selbst überlassenen Vegetation – also keine Zierpflanzen und künstliche Biotope, und mit beweglichen Gegenständen: Bretter, Balken, Steine, nach Möglichkeit mit fließendem Wasser und als Zugabe ein Autowrack.
Ein Spielort dieses Typs wird vielleicht Protest hervorrufen – bei Eltern, aber auch bei Kindern, von denen einige den vertrauten Kriech- und Wackeltieren nachtrauern werden. Dennoch sollte solch ein Versuch gewagt werden. Und das nicht nur in Freiburg.
Ergebnisse der Freiburger Kinderstudie
- Freies und unkontrolliertes Spielen mit Gleichaltrigen im Umfeld der Wohnung – also in einem Umkreis von 150 bis 200 Metern – ist für Kinder zwischen fünf und elf Jahren von herausragender Bedeutung und durch nichts zu ersetzen.
- Im Durchschnitt wenden Kinder für dieses Spielen nicht mehr als fünf Prozent ihres Alltags auf – rund 40 Minuten pro Tag.
- Von diesem Durchschnittswert gibt es beachtliche Abweichungen. Diese hängen stark von der Aktionsraumqualität im Wohnumfeld ab: Wenn die Bedingungen sehr schlecht sind, können Kinder nicht mehr als 20 Minuten draußen spielen. Unter guten Bedingungen dagegen nahezu eineinhalb Stunden.
- Auch andere Komponenten des Kinderalltags werden in deutlicher Weise von der Aktionsraumqualität beeinflusst. Der Bedarf für eine organisierte Nachmittagsbetreuung hängt beispielsweise nicht allein vom Familienstatus oder vom Alter der Kinder ab, sondern auch davon, ob es im unmittelbaren Wohnumfeld zugängliche und gefahrlose Freiräume zum Spielen gibt.
- Auch der Medienkonsum von Kindern wird von der Aktionsraumqualität beeinflusst. Ist das Wohnumfeld gefährlich oder erlebnisarm, sitzen diese Kinder sehr viel länger vor dem Fernseher oder an Computerspielen als unter günstigen Bedingungen.
Vorstehender Beitrag wurde veröffentlicht in: DER NAGEL 57/1995. Dr. Baldo Blinkert arbeitet an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.
Anmerkungen:
¹Anm. d. Red.: Inzwischen wird regelmäßig von d e r “Freiburger Studie” gesprochen.
²Anm. d. Red.: Wie weit dieser Prozess inzwischen vorangeschritten ist, konnte die PISA-Studie (2001) belegen.
Das „problematische“ Kind in der Offenen Arbeit
Von Norbert Kohlmann
Erstveröffentlichung: DER NAGEL 54/1992
Mit der Einrichtung von pädagogisch betreuten Spielplätzen, Spielmobilen, Spielhäusern und Jugendzentren als offene Einrichtungen (auch als Anlaufstelle, Treffpunkt), ergibt sich zwangsläufig die Anforderung und Notwendigkeit, sich auch (und besonders) mit schwierigen und verhaltensauffälligen Kindern zu beschäftigen. Daraus darf sich allerdings nicht der Anspruch ergeben, quasi als „Beratungs- oder Therapieeinrichtung“ zu arbeiten. Trotzdem erfüllen offene Einrichtungen mit ihrem pädagogischen Auftrag eine wichtige Funktion im sozialen Netz eines Stadtteils. „Problemkinder“ machen Probleme und – davon können wir ausgehen – haben Probleme. Um diesen Kindern wirksam helfen zu können und um ihre Verhaltensweisen zu verändern, ist es unverzichtbar, sie auch einfühlsam zu verstehen. Dazu im folgenden einige Anmerkungen:
VERSTEHEN wird hier als Haltung, als grundsätzliches Prinzip verstanden, mit dem Ziel, sich in einem aktiven, gemeinsamen Prozess mit dem Kind eine größere Klarheit über sein Verhalten zu verschaffen.
- Wir versuchen, die Situation, das Verhalten aus der Sicht des Kindes zu sehen, nachzuvollziehen, sich in die Fußstapfen des Kindes zu stellen, mit den Augen des Kindes zu sehen … Wir versuchen, uns an ähnliche Situationen zu erinnern: verlassen zu werden, Angst zu haben, abgelehnt zu werden, etwas nicht zu schaffen, zu verlieren, sich minderwertig zu fühlen … Wir fragen uns: Wie müsste eine Situation beschaffen sein, dass wir uns so (wie das Kind) verhalten würden?
- Wir gehen davon aus, dass das Kind in der jeweiligen Situation überzeugt ist, z.Zt. nichts Besseres tun zu können (so naiv, unvernünftig, widersprüchlich usw. das Verhalten auch sein mag)! „Alles zu verstehen heißt alles zu verzeihen“ (franz. Sprichwort) bedeutet aber nicht, alles richtig zu finden oder zu gestatten. Zumindest erfahren aber die Kinder, in ihren Absichten und Gefühlen verstanden worden zu sein. Unser Verstehen ermöglicht uns, dem Kind mit seinen (nicht mit unseren) Begriffen klarzumachen, weshalb seine Methode/sein Verhalten ungeeignet ist, seine Ziele zu erreichen.
- Wir achten auch (oder mehr) auf die Gefühle des Kindes als auf das Verhalten (was „objektiv“ passiert). Wir verstehen das problematische Verhalten als Symptom, Signal oder in extremen Fällen als „Hilferuf“ des Kindes. Es ist für das Kind oft der einzig möglich erscheinende „Lösungsweg“, um mit den Belastungen in der Familie oder Lebenswelt fertig zu werden (Symptome als „Fenster“ zu den Gefühlen und Bedürfnissen der Kinder). Wir versuchen, die „hinter“ dem problematischen Verhalten liegenden wichtigen Bedürfnisse und Motive zu erkennen, das Verhalten zu „entschlüsseln“.
- „Verstehen“ betrachtet das Kind als grundsätzlich gleichwertig – besonders bezogen auf die Echtheit und die Wichtigkeit seiner Gefühle (nicht unbedingt bezogen auf Reife, Erfahrung).
- Janusz Korczak (polnischer Pädagoge) schreibt zum Verstehen von Kindern: „An den erwachsenen Leser: Ihr sagt: ‚Der Umgang mit den Kindern ermüdet uns.‘ Ihr habt recht. Ihr sagt: ‚Denn wir müssen zu ihrer Begriffswelt hinuntersteigen. Hinuntersteigen, uns herabbeugen, kleiner machen.‘ Ihr irrt euch. Nicht das ermüdet uns. Sondern, dass wir uns zu ihren Gefühlen emporklimmen müssen. Emporklimmen, uns ausstrecken, auf die Zehenspitzen stellen, hinlangen. Um nicht zu verletzen.“
Verstehen durch Beobachten
Wir erfahren die Kinder in Einzelkontakten, in verschiedenen Gruppensituationen, im Umgang mit ihren Eltern, Lehrern oder mit anderen Kindern und Erwachsenen. Durch unsere Beobachtungen versuchen wir, Antworten u.a. auf folgende Fragen zu finden:
- welche Impulse und Motive vermuten wir hinter den jeweiligen Verhaltensweisen?
- welches (Symptom-)Verhalten „wählt“ das Kind aus?
- welche wiederkehrenden Muster sind zu erkennen?
- wie geht es mit Regeln und Grenzen in der Gruppe um?
- wie verhält es sich im Kontakt mit anderen Kindern?
- welche Position hat es in der Gruppe?
Verstehen durch den gezielten Einsatz von Medien
Durch die Arbeit mit unterschiedlichen Medien (z.B. Theater-, Rollenspiel, Video, Musik) und Materialien (z.B. Malen, Ton-, Holzarbeiten) gewinnen wir Einblick darin, wie das Kind sich selbst, seine Beziehungen zu Eltern, Geschwistern und anderen Kindern und Erwachsenen sieht.
Wiederkehrende Alltagssituationen in der Arbeit erhalten eine pädagogische Relevanz, wenn es uns gelingt, die dabei zum Ausdruck kommenden Gefühle und Bedürfnisse der Kinder zu entschlüsseln.
Ergänzt durch den Austausch zwischen den MitarbeiterInnen kann so ein „gemeinsames Bild“ (im Sinne einer Momentaufnahme) von dem jeweiligen Kind entstehen. Bevor wir zu den Überlegungen zum Verändern der Verhaltensweisen kommen, sollen noch einige „Vermutungen“ über die Verfassung dieser Kinder angestellt werden:
- das natürliche Gleichgewicht des gesamten Organismus ist gestört (die Kinder ruhen nicht in sich selbst!)
- es sind häufig entmutigte Kinder mit einem negativen Selbstbild als Ergebnis von negativen Kreisläufen und Zuschreibungen
- häufigste Probleme/Symptome: Störung der Wahrnehmungs- und Kontaktfähigkeit, mangelnde Selbststeuerung von Bedürfnissen
Daraus lassen sich folgende Ziele für das VERÄNDERN der problematischen Verhaltensweisen ableiten. Wir versuchen
- das kindliche Selbstbewusstsein (sich selbst bewusst sein!) zu entwickeln
- das kindliche Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl zu stärken bzw. wiederherzustellen
- die beeinträchtigten Wahrnehmungs- und Sinnesfunktionen zu unterstützen und wieder lebendig werden zu lassen (hierfür bieten die Arbeitsbereiche Spielplatz und Spielmobil hervorragende Möglichkeiten)
- das selbstverantwortliche Handeln schrittweise zu erweitern und die eigene Kraft aufzubauen
- und damit das natürliche Gleichgewicht des gesamten Organismus wieder aufzubauen und ein gesundes Wachstum zu ermöglichen.
Um diese Ziele zu erreichen, berücksichtigen wir zwei wichtige Prinzipien:
- die ganzheitliche Sichtweise; das bedeutet: keine Reduzierung des Kindes auf das Problemverhalten (nicht ein aggressives Kind kommt zum Spielen, sondern ein Kind, das auch aggressive Verhaltensweisen zeigt) und – nach Möglichkeit – Einbeziehung des familiären Hintergrundes des Kindes
- die positive Orientierung; das bedeutet: nicht gegen den „Fehler“ – aber alles für das Fehlende tun, Orientierung am Wachstum und an den Fähigkeiten und Stärken des Kindes.
Daraus ergeben sich für das konkrete Handeln drei sich ergänzende Ansätze:
1. Grundsätzliche Akzeptanz und Wertschätzung der Kinder (unabhängig vom jeweiligen Verhalten):
- wir holen die Kinder dort ab, wo sie stehen (Verzicht auf „Vorleistungen“, Erfüllen von Bedingungen);
- wir unterstützen und fördern ihre Fähigkeiten und Stärken (viel Lob und Zuwendung);
- wir ermöglichen ihnen vielfältige sensorische Erfahrungen, um ihre Wahrnehmungs- und Ausdrucksfähigkeiten zu stärken;
- wir vermitteln ihnen vielfältige, differenzierte Spielerfahrungen.
2. Wir richten unsere Aufmerksamkeit stärker auf die „verdeckten“ und „verschlüsselten“ Gefühle und Bedürfnisse:
- wir helfen den Kindern, ihre Bedürfnisse besser wahrzunehmen und auszudrücken (Verbalisieren von Gefühlen);
- wir unterstützen die Kinder, sich ihren Bedürfnissen entsprechend zu verhalten bzw. alternative Verhaltensweisen zu finden.
3. Wir lassen Konsequenzen eintreten
- wir steuern und dosieren die Konsequenz, um eine Balance zwischen Unterstützung und Anforderung zu finden;
- wir setzen Grenzen und achten auf die Einhaltung von Regeln.
(Hier kann es leicht zu einem Zielkonflikt kommen zwischen dem Erfüllen der Bedürfnisse der Kinder einerseits und dem Einhalten von Regeln andererseits. Es schließt sich aber z.B. nicht aus, ein konkretes Verhalten zu untersagen bzw. zu verurteilen, dem Kind aber trotzdem akzeptable Motive zuzugestehen).
Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass für die Arbeit auf pädagogisch betreuten Spielplätzen, in Spielmobilen und anderen Feldern offener Arbeit mit Kindern keine „Minitherapeuten“ erwartet werden, aber einfühlsame Erwachsene, die versuchen,
- Kinder zu verstehen,
- ein alternatives Modell für die Kinder zu bieten,
- verlässlich und kontinuierlich für sie da zu sein,
- ein attraktives und differenziertes Spielangebot für verschiedene Bedürfnisse und Fähigkeiten zu entwickeln und
- Zeit für die Kinder zu haben.
Um eine in diesem Sinne wirkungsvolle Arbeit zu leisten und die dargestellten Ziele erreichen zu können, darf es keine Isolation der pädagogischen Mitarbeiter geben. Deshalb sollten
- die Einrichtungen grundsätzlich mit (mindestens) zwei MitarbeiterInnen besetzt sein,
- die MitarbeiterInnen regelmäßige Supervision erhalten,
- eine Zusammenarbeit (Vernetzung) mit anderen sozialen Diensten im Stadtteil angestrebt werden.
Norbert Kohlmann ist Psychotherapeut in Münster
NAGEL-Redaktion – (Nicht)Behinderung – Vielfalt des Lebens
Seitens des ABA Fachverbandes gibt es seit längerem Bemühungen, Offene Arbeit und Behinderung stärker in den Fokus zu nehmen. Der „offizielle Auftakt“ hierzu war die Herausgabe der Broschüre von Petra Monshausen und Rainer Deimel „Die einzigen Behinderten, die es hier gibt, sind die Betreuer“. Diese Publikation erschien bereits 1990 in der NAGELKOPF-Reihe.
Bei dem leicht provokanten Titel handelte es sich um ein wörtliches Zitat eines Mitarbeiters in einer offenen Einrichtung auf die Frage von Petra Monshausen nach der Präsenz von Behinderten.
Die Bemühungen um das Thema sind inzwischen weiter fortgeschritten. Dokumentiert wird dies unter anderem durch Mitarbeit von Dirk Makoschey im Fachbeirat des Verbandes seit Anfang 2007. Hierzu der i-Punkt 2/2007: „Da der Bereich ‚Behinderung & Teilhabe‘ innerhalb des Verbandes bislang noch nicht explizit vertreten war, ist die Berufung von Dirk Makoschey eine große Bereicherung. Für Ideen, die die Schnittstelle zwischen Kinder- und Jugendarbeit sowie Rehabilitation/Integration betreffen, sind wir offen und freuen uns über entsprechende Kontakte.“
Wir haben uns entschlossen, hier als Unterverzeichnis der „NAGEL-Redaktion“ diese Seite einzurichten. Über Zuspruch freuen wir uns.
Themen
Inklusion und Offene Kinder- und Jugendarbeit
Anfang Oktober haben wir die Seite Alle reden von Inklusion – Yanneck macht’s einfach ins ABA-Netz gestellt. Dies geschah im Zusammenhang mit der Ehrung des Bauspielplatzes Friedenspark, Köln, in unserer Rubrik Qualität: Inspiration. Auf der Seite ist auch ein Kurzkonzept „Inklusion Bauspielplatz Friedenspark“ zu finden.
PferdeStärken
Ein Projekt der NaBeBa-Naturwerkstatt, Waltrop, in Kooperation mit dem ABA Fachverband Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen
Aufbau und Entwicklung freizeitpädagogischer Angebote für Kinder und Jugendliche mit und ohne Behinderungen unter besonderer Berücksichtigung des Einsatzes von Pferden (5. August bis 31. Dezember 2011) NaBeBa e.V.

AktionMensch Inklusion Praxisheft
Ulla Keienburgs Blog: Pablo Pineda – Eine unmögliche Karriere?

Ich hatte nur zwei Fragen: „Bin ich dumm?“ Er antwortete: „Nein.“ „Kann ich weiter in die Schule gehen mit meinen Freunden?“ Er sagte: „Kein Problem.“ Der Rest, der war mir egal.“ -> Pablo Pineda – Eine unmögliche Karriere?
Online-Handbuch „Inklusion als Menschenrecht“ gestartet
Infos, Spiele und Methoden zu den Themen Inklusion, Behinderung und Menschenrechte
Das Deutsche Institut für Menschenrechte und die Stiftung „Erinnerung – Verantwortung – Zukunft“ haben das ansprechend gestaltete Online-Handbuch konzipiert und umgesetzt. Jeder Mensch hat ein Recht auf „Inklusion“, also darauf, ein gleichberechtigter Teil der Gesellschaft zu sein. So steht es unter anderem in der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen, die seit 2009 auch in Deutschland gilt. Doch von der rechtlichen zur tatsächlichen Gleichstellung behinderter Menschen ist es noch ein weiter Weg. Das Online-Handbuch „Inklusion als Menschenrecht“ will dazu beitragen, diesen Weg zu ebnen. Es ist eine einzigartige Sammlung an Informationen, Spielen und Methoden zu den Themen Inklusion, Behinderung und Menschenrechte.
Jugendhilfe-aktuell Newsletter vom 1. Dezember 2011
UN-Monitoring-Stelle: „Wir sind alle aufgefordert, Behinderung neu zu denken!“
UN-Monitoring-Stelle zur UN-Behindertenrechtskonvention zum Internationalen Tag der Menschen mit Behinderungen am 3. Dezember 2011
Die Monitoring-Stelle zur UN-Behindertenrechtskonvention hat für die Neuinterpretation des Begriffs „Behinderung“ geworben. Behinderung sei lange als Problem des Einzelnen betrachtet worden, erklärte Valentin Aichele, Leiter der Monitoring-Stelle zur UN-Behindertenrechtskonvention, anlässlich des Internationalen Tages der Menschen mit Behinderungen. Die UN-Behindertenrechtskonvention setze dem ein anderes Verständnis von Behinderung entgegen. „Menschen mit Beeinträchtigungen sind nicht behindert, sie werden durch Barrieren in der Umwelt und in den Köpfen behindert“, so Aichele.
Behinderung entstehe durch die Wechselwirkung zwischen Menschen und ihrer Umwelt und schränke behinderte Menschen in der gleichberechtigten Ausübung ihrer Rechte ein. Eine intensive gesellschaftspolitische Diskussion über die Folgerungen sei dringend notwendig. Dieser Paradigmenwechsel müsse sich aber auch auf das Verständnis bestehender rechtlicher Bestimmungen auswirken. Ein Beispiel sei die Auslegung von Artikel 3 des Grundgesetzes „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden“. „Die Auslegung des verfassungsrechtlichen Begriffs Behinderung sollte zukünftig im Lichte der Konvention erfolgen“, betonte der Menschenrechtsexperte.
Marianne Hirschberg, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Monitoring-Stelle und Autorin des gerade erschienenen Positionspapiers „Behinderung: Neues Verständnis nach der Behindertenrechtskonvention“, sagte: „Die Barrieren in den Köpfen sind nach wie vor vorhanden, und es gibt große Berührungsängste, die das Leben von Menschen mit Behinderungen unnötig erschweren. Ich würde mir beispielsweise wünschen, dass Menschen mit Behinderungen häufiger in den Medien auftauchen und dass sie dort nicht nur als Exoten dargestellt werden.“ Solche Bilder verhinderten, die Barrieren zu erkennen, die Menschen an der gleichen Rechtsausübung hindern, und die notwendigen Schritte zur Überwindung zu identifizieren.
Deutsches Institut für Menschenrechte vom 1. Dezember 2011
Handlungbedarf zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention in Nordrhein-Westfalen
Das Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechts von Menschen mit Behinderungen (UN-Behindertenrechtskonvention – BRK) normiert erstmals in völkerrechtlich bindender Weise die Menschenrechte der Menschen mit Behinderungen. Damit wird kein Sonderrecht für behinderte Menschen geschaffen, sondern fir allgemeinen Menschenrechte werden aus der Perspektive von Menschen mit Behinderungen klargestellt und konkretisiert. Die Behindertenrechtskonvention trat am 26. März 2009 in Deutschland in Kraft.
Mit Datum vom 26. August 2009 formuliert der Sozialverband Deutschland (SoVD), anLandesverband NRW, ein umfassendes Papier über die „Landespolitischen Handlungsbedarfe zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention in Nordrhein-Westfalen“. Darin geht es um ein inklusives Bildungswesen (Eine Schule für alle), allgemeine Zugänglichkeit („Barrierefreiheit“) in Bezug auf Bauen und Verkehr, selbstbestimmtes, barrierefreies Wohnen, barrierefreie öffentliche Zugänge zu Diensten und Einrichtungen, Anpassung des Behindertengleichstellungsgesetzes NRW u.a.m. Der ABA Fachverband schließt sich den Auffassung und Forderungen des SoVD an.
Aufmerksamkeit hat beim ABA Fachverband auch die differenzierte Betrachtung des SoVD erregt, wenn beispielsweise der Begriff „Zugänglichkeit“ im Zusammenhang mit „Barrierefreiheit“ benutzt wird. Nach Auffassung des ABA Fachverbandes sind in gewisser Weise „Barrieren“ erforderlich, um Menschen dazu zu animieren, Herausforderungen anzunehmen. Dies gilt insbesondere im Zusammenhang mit pädagogischen Programmen und Aktivitäten. So gesehen definiert „Barrierefreiheit“ nicht, sämtliche Schwierigkeiten aus dem Wege zu räumen, sondern die Lebenswelt barrierebewusst zu gestalten, mit anderen Worten: Ausschlüsse und Aussondern gezielt zu vermeiden.
Dies ist kein rein philosophisches Thema, sondern darüber hinaus auch handfestes politisches und praktisches Handeln. (ABA Fachverband, 28. August 2009) – Zur Seite „Umsetzung der UN-Behindertenkonvention in NRW“ wechseln
Total Normal – Behinderte Mädchen und Jungen erobern ihre Stadt
Bewegung statt Stillstand. Ein Projekt der Vereine ELE e.V. und MOBILE e.V., Dortmund. Faltblatt herunterladen
Pressemitteilung des ABA Fachverbandes vom 13. Januar 2007 zur Auftaktveranstaltung „Total Normal! Behinderte Mädchen und Jungen erobern ihre Stadt“
Edwards-Team unterstützt Stadtabenteuer für behinderte Jugendliche durch kostenlose Verpflegung
Dortmund: Behinderte Jugendliche erobern mutig neue Erlebnisräume in der Stadt. Bericht vom 20. April 2007.
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Selbstbestimmung erfahren durch Erlebnispädagogik – Dokumentation einer Fachtagung im Rahmen des Projekts “ total normal! Behinderte Mädchen und Jungen erobern ihre Stadt“ am 24. Juni 2008 in Dortmund (herausgegeben von Erleben Lernen Erfahren e.V. und MOBILE Selbstbestimmtes Leben Behinderter e.V.)
In dem Modellprojekt „total normal! Behinderte Mädchen und Jungen erobern ihre Stadt“ entwickelten die genannten Dortmunder Vereine gemeinsam ein innovatives Konzept. Über handlungsorientierte Methoden aus der Spiel- und Erlebnispädagogik konnten behinderten behinderten Jugendlichen Kernkompetenzen zum selbstbestimmten Leben vermittelt werden, sodass diese mehr Teilhabe in unserer Gesellschaft selbstbewusst einfordern und realisieren können. Das Kooperationsprojekt wurde über eine zweijährige Laufzeit vom Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen im Programm „Teilhabe für alle“ gefördert. Minister Karl-Josef Laumann war bei der Veranstaltung anwesend. Dokumentiert werden auch die Hintergründe des Modellprojekts. Die Broschüre kann hier heruntergeladen werden (56 Seiten, 3.931 KB).
Landesjugendamt Rheinland
Jugendhilfe-Report_06_03
Schwerpunkt: Unterschiedlichkeit macht schlau! Gemeinsame Erziehung von Jungen und Mädchen mit und ohne Behinderung
Grundsätzliches
Gesetz zu dem Übereinkommen der Vereinten Nationen vom 13. Dezember 2006 über die Rechte von Menschen mit Behinderungen sowie zu dem Fakultativprotokoll vom 13. Dezember 2006 zum Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (Bundesgesetzblatt Jahrgang 2008 Teil II Nr. 35, ausgegeben zu Bonn am 31. Dezember 2008)
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Zwischen Deutschland, Liechtenstein, Österreich und der Schweiz abgestimmte Übersetzung
Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen
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Wikipedia: UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen
Behinderung: Neues Verständnis nach der Behindertenrechtskonvention
Lange Zeit wurde Behinderung als Problem des Einzelnen betrachtet. Die UN-Behindertenrechtskonvention etbliert einen veränderten Blick auf Behinderung: Nicht die Menschen mit Beeinträchtigungen sind behindert, die werden – durch Barrieren der Umwelt – behindert. Dieser neue Behindertenbegriff setzt einen gesellschaftspolitischen Impuls, Behinderung anders zu deneken und bei der zukünftigen Fortentwicklung des Rechts und in der gesellschaftlichen Praxis zu betrachten.
Positionspapier Nr. 4 der Monitoring-Stelle zur UN-Behindertenrechtskonvention – Herausgegeben vom Deutschen Institut für Menschenrechte.
Online-Handbuch Inklusion als Menschenrecht des Deutschen Instituts für Menschenrechte (Externer Link) – Logo anklicken!
Externer Link zum Deutschen Institut für Menschenrechte (Logo anklicken!)
Freiburger Studie
Die Bedeutung des Wohnumfeldes für das Heranwachsen junger Menschen – Städte brauchen außerhäusliche Aktionsräume
Von Baldo Blinkert
Die „Freiburger Studie“ legt dar, dass Kinder in der Stadt immer weniger Möglichkeiten zum Spielen im Freien finden. Die Untersuchung zeigt aber auch, was kommunalpolitisch dagegen getan werden kann.
Der amerikanische Sozialwissenschaftler Neil Postman hat das „Ende der Kindheit“ postuliert. Diese These ist missverständlich, denn es spricht viel für die Vermutung, dass sich Kindheit als soziale und ökonomisch verwertbare Institution erst richtig etabliert und immer mehr die Form einer „inszenierten Kindheit“ annimmt.
Die in Großstädten lebenden Kinder verlieren immer mehr die Möglichkeit zum spontanen und unbeaufsichtigten Spielen mit Gleichaltrigen im Umfeld ihrer Wohnung. An die Stelle von unmittelbaren Erfahrungen treten immer mehr Erfahrungen aus zweiter Hand und mit Simulationen.
Kinder leben immer mehr in Reservaten, in Welten, die für sie inszeniert und simuliert werden: auf Spielplätzen, in Organisationen, in den künstlichen Welten der Medien. Immer mehr Kinder wachsen in einer Umwelt auf, die entweder gefährlich ist oder in der man nichts erleben kann. „Wirklichkeitsverlust“ und „Erlebnismangel“ werden für immer mehr Kinder zu zentralen Merkmalen ihrer Lebenswelt.
Wie man Kommunalpolitik für Kinder macht
In Freiburg im Breisgau wurde im Auftrag der Stadtverwaltung eine Untersuchung durchgeführt, um diese Probleme zu untersuchen und Lösungsvorschläge zu entwickeln (in dieser Untersuchung wurden Informationen über die Spielmöglichkeiten von über 4.000 Kindern erhoben). Die folgenden Fragen standen im Vordergrund:
- Über welche Aktionsräume können Kinder im Alter von fünf bis elf Jahren verfügen?
- Welche Konsequenzen hat eine schlechte Aktionsraumqualität für die Lebensqualität und für die Entwicklungschancen von Kindern?
- Welche politisch veränderbaren Merkmale von städtischen Umwelten sind für die Aktionsraumqualität von Kindern verantwortlich?
In der Untersuchung ging es um praktische Fragen. Denn nicht alles, was wissenschaftlich interessant ist, ist auch unter politischen Gesichtspunkten wichtig. Wenn wir zum Beispiel wissen, dass die Situation von Kindern durch Veränderung in Ehe und Familie beeinflusst wird oder durch das Bildungsmilieu der Eltern oder durch die Erwerbstätigkeit beider Elternteile, so sind das wertvolle Erkenntnisse – aber keine Kommunalverwaltung wird diese Verhältnisse ändern können. Wir haben uns also auf Bedingungen konzentriert, die sich auch kommunalpolitisch beeinflussen lassen. Und dazu gehört alles, was mit dem Begriff des Aktionsraumes beschrieben werden kann. Unter einem Aktionsraum verstehen wir ein Territorium, das Kindern zugänglich ist, das für Kinder dieser Altersgruppe gefahrlos ist, das den Gestaltungsmöglichkeiten dieser Altersgruppe entspricht und wo es Interaktionschancen mit Gleichaltrigen gibt.
Die Untersuchung zeigt, dass von allen berücksichtigten Bedingungen die Aktionsraumqualität den Kinderalltag am stärksten beeinflusst. Das gilt besonders für die frei disponierbare Zeit am Nachmittag und frühen Abend. Die Merkmale der unmittelbaren Wohnumgebung haben auf die Zeitverwendung von Kindern einen erheblich größeren Einfluss als die Merkmale Alter, Geschlecht, Familienstatus, Erwerbstätigkeit und Bildungsmilieu der Eltern. Das ist ein außerordentlich bedeutsames Ergebnis, denn es zeigt, dass die wichtigste Determinante für den Kinderalltag kommunalpolitisch gestaltbar ist. Wenn man etwas verändern will, so ist das auch möglich.
Wie man Kindern zu Defiziten verhilft
Die Annahme scheint plausibel, dass die dauerhafte Erfahrung ungünstiger Aktionsraumbedingungen zu Autonomie- und Kreativitätsdefiziten bei Kindern führen kann. Drei Argumente sprechen dafür:
- Eine dauerhaft schlechte Aktionsraumqualität im Wohnumfeld trägt vermutlich dazu bei, dass Kinder nur wenig Selbstständigkeit entwickeln. Es kommt zu einer Art „Bedürfnisfixierung“: eine unzureichende Lösung von Sicherheitsbedürfnissen und ein geringes Interesse am Ausprobieren, Entdecken und Problemlösen. Dieses Phänomen ist uns bei den Begehungen von Wohnquartieren mit Kindern begegnet. Auf die Frage, was sich denn auf einem Spielplatz ändern müsste, erhielten wir nicht selten die Antwort: noch eine Schaukel, eine Rutsche, eine Wippe, ein Wackeltier.
- Von allen Fachleuten wird betont, wie wichtig für Kinder im Vorschul- und Grundschulalter die Möglichkeit zum Herstellen ist – Herstellen von Dingen, aber auch soziales Herstellen von Regeln und Beziehungen. Kinder, die diese Möglichkeit besitzen, können Selbstbewusstsein, Stolz auf die eigenen Fähigkeiten, aber auch Einsicht in die Grenzen ihres Handelns gewinnen. Anregende und offene Aktionsräume bieten Kindern vielfältige Möglichkeiten zum Herstellen, zum dinglichen und sozialen Herstellen. Das Fehlen von Aktionsräumen regt dagegen eher zum Konsumieren fertiger Dinge und Dienstleistungen an.
- Eine dritte Vermutung bezieht sich auf die Kompetenz von Kindern. Kinder entwickeln möglicherweise unter dauerhaft ungünstigen Aktionsraumbedingungen ein Defizit, das eine Ähnlichkeit mit den Defiziten der künstlichen Intelligenz bei Computern hat: sie erwerben hochentwickelte formale Fähigkeiten, aber nur eine unterentwickelte Semantik. Sie können immer besser und differenzierter kommunizieren, aber sie wissen nicht, worüber – ihnen fehlen die Bedeutungen und Inhalte.
Ein Symptom für dieses Defizit ist die Unfähigkeit zum Erzählen. Inhalte und Bedeutungen, also etwas Erzählenswertes, kann man nur erwerben, wenn man etwas erlebt. Viele Kinder leiden heute unter einem extremen Erlebnismangel. Welche Erlebnisse haben Kinder, worüber sollten sie sich den halben Nachmittag auf einem Spielplatz mit Rutschen, Wippen, Kriech- und Wackeltieren beschäftigt haben?
Hinter der Freiburger Untersuchung stand, wie erwähnt, eine praktische Fragestellung: Was kann eine Stadt tun, um die Situation von Kindern zu verbessern? Was also kann getan werden, wenn man nicht die Politik der 70er und 80er Jahre fortsetzen will, in der immer mehr Kinderreservate eingerichtet und immer mehr Therapien für Kinder angeboten wurden?
Eine sinnvolle Alternative ist die politische Gestaltung einer kinderfreundlichen städtischen Umwelt. Die von uns formulierten Vorschläge konzentrieren sich auf drei Bereiche:
- auf die Gefährdung durch den Straßenverkehr
- auf die Frage, wie sich soziale Risiken für Kinder verringern lassen
- auf die Frage, wie sich gestaltbare Spielorte in erreichbarer Nähe einrichten lassen.
Wie man die Gefahren des Straßenverkehrs verringert
Wichtig erscheint die Schaffung von bespielbaren und sicheren Übergangszonen zwischen Haustür und Straße. Dazu gibt es schon eine Reihe von guten Vorschlägen. In einigen Wohngebieten würde es sich anbieten, die Vorgärten stärker für Kinder zugänglich zu machen.
Wichtig ist ferner eine konsequente Fortsetzung der Politik umfassender Verkehrsberuhigungen. Unsere Untersuchung zeigt, dass die Lebensqualität von Kindern durch die Einrichtung von Spielstraßen erheblich verbessert werden kann. In Großstädten wie Freiburg gibt es noch viele Möglichkeiten, autofreie Straßenplätze und Spielstraßen zu schaffen. In den verdichteten Wohnquartieren wird das im Übrigen die einzige Möglichkeit sein, wie man für Kinder mehr Freiräume schaffen kann. Baulücken für Spielplätze sind in diesen Gebieten kaum mehr vorhanden.
Die Befürchtung, dass Kinder beim Spielen draußen durch andere Menschen gefährdet sein könnten, spielt insgesamt eine geringere Rolle als die Furcht vor dem Straßenverkehr. Nur 10 Prozent der Eltern erwähnen soziale Risiken als Gründe für schlechte Spielmöglichkeiten. In einigen Stadtgebieten besitzen aber gerade diese Risiken eine erhebliche Bedeutung, und es wäre wichtig, dafür jeweils Lösungen zu finden. Im wesentlichen haben diese Risiken zwei Gründe:
- In vielen Wohngebieten sind informelle soziale Kontrollen nicht mehr wirksam – „Quartierswächter“ fehlen.
- In einigen Wohngebieten werden Probleme durch „zwielichtige Gestalten“ befürchtet: Stadtstreicher, Alkoholiker, Drogenabhängige, die sich auf Spielplätzen aufhalten.
Da sich informelle Kontrollen kaum wieder beleben lassen werden, schlagen wir in der Studie zwei Lösungen vor: Zum einen sollte der Einsatz von „Quartierspolizisten“ überprüft werden. Zum anderen erscheint eine Einrichtung interessant, die es in Australien gibt: „safety houses“. Das sind Häuser oder Wohnungen von Privatleuten, die Kinder anlaufen können, wenn sie sich bedroht fühlen.
Das Problem der „zwielichtigen Gestalten“ lässt sich nicht durch mehr Kontrolle lösen. Wir empfehlen deshalb, für diesen Personenkreis Aufenthaltsmöglichkeiten zu schaffen, damit sie nicht die Spielplätze von Kindern nutzen müssen.
Wie man gestaltbare Spielorte für Kinder schafft
Alle Spielorte für Kinder sollten erstens durch begeh- und bespielbare Wege miteinander verbunden sein. Zweitens ist es nicht ausreichend, wenn Kinder nur einen bestimmten Typ von Spielort regelmäßig nutzen können. In den verdichteten Innenstadtgebieten ist Vielfalt sicher nur möglich, wenn es zu einer weiteren Verkehrsberuhigung kommt. Große Bedeutung hat auch die Möglichkeit, noch mehr als bisher schon die Schulhöfe für Kinder am Nachmittag zu öffnen. Drittens sollten Spielorte den Kindern die Möglichkeit zur Gestaltung bieten. Die herkömmlichen Spielplätze können das nicht. In einem Experiment soll in Freiburg versucht werden, in einigen Wohngebieten die Spielplätze „zurückzubauen“ – mit verformbarer Erde, mit ein paar Hügeln aus Bauaushub, mit Vertiefungen, in denen sich Regenwasser sammeln und Matsch bilden kann, mit einer sich selbst überlassenen Vegetation – also keine Zierpflanzen und künstliche Biotope, und mit beweglichen Gegenständen: Bretter, Balken, Steine, nach Möglichkeit mit fließendem Wasser und als Zugabe ein Autowrack.
Ein Spielort dieses Typs wird vielleicht Protest hervorrufen – bei Eltern, aber auch bei Kindern, von denen einige den vertrauten Kriech- und Wackeltieren nachtrauern werden. Dennoch sollte solch ein Versuch gewagt werden. Und das nicht nur in Freiburg.
Ergebnisse der Freiburger Kinderstudie
1. Freies und unkontrolliertes Spielen mit Gleichaltrigen im Umfeld der Wohnung – also in einem Umkreis von 150 bis 200 Metern – ist für Kinder zwischen fünf und elf Jahren von herausragender Bedeutung und durch nichts zu ersetzen.
2. Im Durchschnitt wenden Kinder für dieses Spielen nicht mehr als fünf Prozent ihres Alltags auf – rund 40 Minuten pro Tag.
3. Von diesem Durchschnittswert gibt es beachtliche Abweichungen. Diese hängen stark von der Aktionsraumqualität im Wohnumfeld ab: Wenn die Bedingungen sehr schlecht sind, können Kinder nicht mehr als 20 Minuten draußen spielen. Unter guten Bedingungen dagegen nahezu eineinhalb Stunden.
4. Auch andere Komponenten des Kinderalltags werden in deutlicher Weise von der Aktionsraumqualität beeinflusst. Der Bedarf für eine organisierte Nachmittagsbetreuung hängt beispielsweise nicht allein vom Familienstatus oder vom Alter der Kinder ab, sondern auch davon, ob es im unmittelbaren Wohnumfeld zugängliche und gefahrlose Freiräume zum Spielen gibt.
5. Auch der Medienkonsum von Kindern wird von der Aktionsraumqualität beeinflusst. Ist das Wohnumfeld gefährlich oder erlebnisarm, sitzen diese Kinder sehr viel länger vor dem Fernseher oder an Computerspielen als unter günstigen Bedingungen.
Anmerkung der Redaktion: Dieser Artikel über die „Freiburger Kinderstudie“ wurde in DER NAGEL 57/1995 veröffentlicht. Deren Ergebnisse sind aktueller denn je. Sie bestätigen ferner die Bedeutung des Konzepts „Abenteuerspielplatz“. Baldo Blinkert gibt an, die hier geforderten Spielmöglichkeiten sollten in einem Aktionsradius von 150 bis 200 Metern vorfindbar sein. Der ABA Fachverband empfiehlt, Abenteuerspielplätze in einem Aktionsradius von 1000 bis maximal 2000 Metern zu realisieren. Zukünftig interessant dürfte der Aspekt sein, bisherige Schulhöfe in Abenteuerspielplätze umzuwandeln.
Von Dr. Baldo Blinkert (Albert-Ludwigs-Universität Freiburg) liegen als Veröffentlichungen unter anderem vor:
- Aktionsräume von Kindern in der Stadt (Freiburger Kinderstudie), Herbolzheim (Centaurus Verlag) 1993
- Aktionsräume von Kindern auf dem Land, Herbolzheim (Centaurus Verlag) 1997
Eingestellt in dieser Version in das Internet im April 2003
Wo die wilden Kinder spielen …
Ein Versuch mit einem erweiterten Bildungsbegriff in der Spielplatzarbeit umzugehen
Von Inge Trepte

Vorbemerkung
Wer kennt nicht das wunderbare Bilderbuch von Maurice Sendak „Wo die wilden Kerle wohnen“, das mit dem Satz anfängt: „An dem Abend, als Max seinen Wolfspelz trug, und nur Unfug im Kopf hatte …“. Max erlebt in dieser Geschichte das Abenteuer, draußen in der Welt allein und stark zu sein, König der wilden Kerle zu werden und nach all der Arbeit nach Hause kehren zu können, wo sein Essen auf ihn wartet …
Selbsterfahrung, Abenteuer, freundliche und liebevolle Zuwendung sind für die Entwicklung von Kindern entscheidende Komponenten. Erziehung und Bildung hat die Aufgabe, Kindern ein anregendes Umfeld zu bieten, das alle Sinne schärft und sie zu Taten motiviert. Spielen dürfen stellt den Grundstock dar für ein selbstbestimmtes Lernen. Und Kinder dürfen nach meiner festen Überzeugung wild sein:
● wild nach Selbsterfahrung
● wild nach Abenteuer
● wild nach Zuwendung
1. Erweiterter Bildungsbegriff
Alle reden von Bildung? Wir auch! Die Ergebnisse, die Studien wie PISA hervorbringen, sind oft der Aufhänger, um mit dem bundesdeutschen Bildungssystem ins Gericht zu gehen. Trotz allerlei Einsichten sind Veränderungen anscheinend schwer durchzusetzen. Oft mit der Begründung, dass es an Geldern fehlt, aber auch mit dem Verweis auf verkrustete Strukturen.
Reformen werden von zahlreichen Erziehungswissenschaftlern und von veränderungsbereiten Praktikern seit langem eingefordert. Es gibt Modellversuche und gute Beispiele, wo neue Konzepte greifen, nur gibt es darüber keinen Konsens. Es herrscht vielmehr die Meinung vor, dass Kinder mit gleichen Fähigkeiten und Begabungen (homogene Gruppen) besser zu unterrichten sind. Kinder werden bei uns bereits in der Grundschule nach Leistungsfähigkeit „sortiert“. Und das Konzept der integrativen Kindergärten, wo zum Beispiel behinderte mit nichtbehinderten Kindern (also in heterogenen Gruppen) spielen und von einander lernen ist auch noch nicht weit verbreitet.
Im europäischen Vergleich werden das schwedische und finnische Schul- und Bildungssystem gerne als positive Beispiele für die Förderung von Kindern herangezogen. Ein wesentlicher Aspekt hierbei ist das Lernen in heterogenen Gruppen und der Verzicht auf ständige Bewertung (Noten) und daraus resultierender Selektion und Frustration von Schüler(inne)n. In Finnland bleibt kein Kind sitzen und muss eine Klasse wiederholen – jede/r wird sozusagen mitgenommen. „Sollte ein Schulwesen, das – wie zum Beispiel Finnland – Heterogenität bejaht und auf die Individualisierung des Lernens setzt, am Ende doch leistungsmäßig überlegen sein und mehr Chancengleichheit realisieren, als unser, dem (vergeblichen) Prinzip der Homogenität verpflichtetes Schulsystem?“, fragt Marianne Demmer, Schulexpertin der Bildungsgewerkschaft GEW (2002, S. 16). „Lehrerinnen und Lehrer sehen weltweit in ‚Begabungsunterschieden‘ bei ihrer Schülerschaft ihr größtes Berufserschwernis. Es hat den Anschein, dass die ‚Verheißung‘ des deutschen Schulsystems, homogene ‚begabungsgerechte‘ Lerngruppen zu bieten, die Toleranz, Unterschiede zu akzeptieren, bei Lehrerinnen und Lehrern minimiert und deren Sehnsucht nach Homogenität permanent nährt. Ein professioneller Umgang mit Heterogenität hingegen könnte die Berufszufriedenheit steigern und die Lernergebnisse verbessern.“
Prof. Dr. Gerd Schäfer (Frühkindliche Pädagogik, Uni Köln) geht von vier Bildungsbereichen aus, die relevant für den Elementarbereich sind: „… dem Bereich der sinnlich-ästhetischen Erfahrungen, der sich mit allen Möglichkeiten der Wahrnehmung und ihrer Aufbereitung befasst, dem Bereich von Sprache(n) und Kultur(en), dem Bereich der Naturerfahrung und dem Bereich der sozialen Erfahrung.“ Und weiter: „Ich glaube, dass sich ein engagiertes Lernen bei jüngeren oder älteren Kindern gar nicht wesentlich unterscheidet. Jedes wirklich kreative Lernen ist immer kontextbezogen, es muss Sinn machen und aus diesem Sinn heraus ergeben sich Fragen.“ Und – noch ein Schäfer-Zitat: „Das Lernen von kleinen Kindern und Erwachsenen – wenn man es als forschendes Lernen betrachtet – ist nicht sehr unterschiedlich.“ … „Das ganz kleine Kind ist Entdecker aus innerer Notwendigkeit heraus. Der Erwachsene kann sich darauf beschränken, vorweg gedachtes Wissen zu übernehmen oder selbst neue Sichtweisen von Problemen zu erfinden. Wichtig ist, dass beide Formen des Lernens erhalten bleiben und nicht das entdeckende Lernen der Übernahme vorgeklärten Wissens geopfert wird …“ (vgl. Schäfer 2002)
Wer gerne lernt, kann die Welt erschließen. Aktive Auseinandersetzung ist „Selbstlernen“ und hat nachhaltige Bildungsqualität. Voraussetzung dazu ist freilich ein anregendes Umfeld mit allem Drum und Dran. Kinder brauchen Lernsituationen, die sie dazu bringen, sich für Angebote zu interessieren, mit erworbenem Wissen aktiv umzugehen, es zu erweitern und das Erlernte in anwendungsfähiger Form im Gedächtnis verfügbar zu halten. Besonders im Kleinkind-, Kindergarten- und Grundschulalter brauchen Kinder den Bezug zu sozialen Vorbildern (Eltern, familiäre Vertraute, Erzieher), die ihre Interessen überzeugend ausstrahlen.
Der familiäre Umkreis unserer Gesellschaft zeigt hier eindeutig Schwächen. Es geht freilich um komplexe (gesellschaftspolitische und psychosoziale) Zusammenhänge, auf die ich hier nicht näher eingehen will. Fakt ist, dass ein anregendes Umfeld oder die Gestaltung dessen im Bereich der familiären Erziehung oft nicht ausreichend geleistet werden kann. Es geht dabei auch um Wertevermittlung und emotionale Zuwendung, um das Bemühen, Kinder ernst zu nehmen und ihnen Halt zu geben. Zudem könnten Eltern durch Beobachtung ihrer Kinder lernen, wie Spielen – und damit Entdecken und Lernen – mit ein bisschen Fantasie und Forscherlaune gestaltet werden kann. Es geht bei diesem Aspekt keineswegs um finanzielle Fragen oder Möglichkeiten, sondern um das Erkennen, wie wertvoll Zeit zum lustvollen Spielen für Kinder und zum Ausleben von (kulturellen, gesellschaftspolitischen, sportlichen) Interessen für Erwachsene ist. Egoistische Interessen sind hier nicht gemeint! Sondern die Bewusstheit darüber, dass der Vorbildcharakter im Verhalten von Erwachsenen die wesentliche Rolle in Bezug auf Prägungslernen spielt.
Auch in der professionellen Erziehung (Kindergarten, Schule, Hort, Offene Arbeit mit Kindern etc.) ist die Frage nach dem Vorbildcharakter von Pädagog(inne)n in dieser Hinsicht kritisch zu betrachten. Jede/r sollte sich Zeit nehmen zur Reflexion und Überprüfung des eigenen Verhaltens, der eigenen Motivation, der persönlichen Ausstrahlung und der Stimmigkeit bzw. Aktualität von Arbeitsmethoden und Strukturen.
Vorgelebte Lernbereitschaft im weitesten Sinn ist Grundvoraussetzung, um Spaß am Lernen vermitteln zu können! „Wir brauchen motivationsfördernde Einrichtungen und Menschen, um diese Grundbedingung des Lernens (gemeint ist das Motiviertsein zum Lernen, Anm. d. Verf.) auszubauen.“ (Nuissl 2002)
Unsere Gesellschaft neigt insgesamt mehr dazu, auszugrenzen und zu selektieren und damit schon für Kinder frühzeitig Schubladen anzulegen, in die der Einzelne abgelegt werden kann. Unterschiedlichkeit unter einem Dach gilt eher nicht als erstrebenswert. Unser Schulsystem ist auf Homogenität programmiert. Wo doch laut Kinder- und Jugendhilfegesetz (SGB VIII, Erstes Kapitel § 1) „junge Menschen in ihrer individuellen und sozialen Entwicklung zu fördern“ sind und es gilt, „Benachteiligungen zu vermeiden oder abzubauen“. Sollte diese Verpflichtung zur Integration nur für die Jugendhilfe gelten? Ich will gar nicht polemisieren! Dennoch: Der Karren der Bildung unserer Kinder scheint festzustecken und es bedarf noch viel des Ackerns, um die positiven Beispiele von Bildungseinrichtungen, die es in unserer Gesellschaft gibt (darunter befinden sich selbstverständlich neben Einrichtungen der Jugendhilfe etc. auch Schulen) als Vorbilder und Modelle bekannt und beliebt zu machen.
Praktiker(innen) und Wissenschaftler(innen) brauchen mehr Einfluss innerhalb der Diskussion um Bildungs- und Lernbegriffe und mehr Gehör in politischen Entscheidungsgremien.
In heterogen (Lern-)Gruppen unterscheiden sich die Gruppenmitglieder durch Alter, Geschlecht, Nationalität, Behinderung und Nichtbehinderung, durch Religion, Konfession, Hautfarbe, Leistungsfähigkeit etc. Werte wie Toleranz, Solidarität und gesellschaftlicher Zusammenhalt müssen erfahrbar und im Alltag zu erleben sein, um das Miteinanderleben einschließlich der Besonderheiten des jeweils anderen als fruchtbar und lohnenswert (normal) zu empfinden. Integration meint die Gemeinsamkeit der Verschiedenen.
Reden wirklich alle von Bildung? Und wer meint was? Klar dürfte sein, dass Bildung passieren muss, das heißt, es muss ein Prozess stattfinden, ein Lernprozess, der zu permanenter Lernbereitschaft motiviert. Komponenten dieses Lernprozesses sind:
● Wahrnehmung
● Selbsterfahrung
● Selbstbestimmtheit
● Positive und negative Erfahrungen
● Aktives Lernen
● Gestalten
● Soziale Kompetenzen
● Interessantheit
● Leistungsbereitschaft
● Motivation
● Sprache
● Offenheit
● Kultur
● Anregung der Sinne durch das Umfeld
● Ausdrucksmöglichkeiten
● problemlösendes Denken
● Ausstrahlung
● Spontaneität
● Vorbilder
● Abenteuer
● Integration
● Herausforderung
Kinder und Erwachsene sind idealerweise gleichermaßen Teile in diesem interaktiven Prozess.
Bildung betrifft folglich alle Beteiligten. Vor allem von Menschen mit pädagogischer Intension ist zu erwarten, dass lebenslanges Lernen als normaler und erstrebenswerter Zustand akzeptiert (begriffen und angenommen) wird.
Im Weiteren will ich die Anforderungen, die sich im Hinblick auf Bildungsauftrag und Bildungsverantwortung ergeben, in Bezug setzen zu Funktionen und Aufgaben von Spielplatzpädagog(inn)en. Naheliegend ist, dass ich das über die Beschreibung meines Arbeitsfeldes, den Bauspielplatz Langwasser angehe, der inzwischen über 30 Jahre Bildungsarbeit leistet. Funktionen wie Sozialmanager(in), Promoter(in), Koordinator(in), Kooperationspartner(in), Veranstalter(in), Praxisanleiter(in), Entertainer(in) sollen hier angesprochen werden.

Foto: Bauspielplatz Langwasser (2004)
2. Funktionen und Aufgaben der Pädagog(inn)en
Neue Steuerungsmodelle, alte Einsichten und Weisheiten – Konzeptionierung und Mitarbeiterführung
Konzeptionelles Arbeiten bedeutet, Inhalte und Ziele für bestimmte Einzelaktionen zu erdenken und zu formulieren, organisatorische Notwendigkeiten zu erkennen und finanzielle Bedingungen zu errechnen. Es meint auch und vor allem den gesamten Bereich der jeweiligen Aufgabenstellung – hier das Führen einer Einrichtung für Kinder – zu erfassen, zu vergegenwärtigen und die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Bereichen und Schwerpunkten herzustellen.
Die Klarheit über Aufgaben und Arbeitsinhalte ist Voraussetzung für zielgerichtetes Arbeiten. Zielsetzungen ergeben sich aus der Wahrnehmung und Analyse der gesellschaftlichen Bedingungen, der Einhaltung von vorgegebenen Anforderungen (gesetzlicher Auftrag, Rahmenplan Jugendhilfe des Jugendamtes der Stadt Nürnberg), der materiellen und personellen Gegebenheiten und Möglichkeiten und der Motivation und Offenheit der Personen, die die Ziele umsetzen. Die fachliche Bewertung der Wirksamkeit von sich daraus abzuleitenden Aktivitäten stellt die Grundlage für weitere Planung und Konzeptionierung dar.
Ohne die Lust am Gestalten der jeweiligen Inhalte, ohne das Vorhandensein von Ausdrucksmöglichkeiten, ohne problemlösendes Denken und das Gespür für Herausforderung und Leistungsbereitschaft sind Konzepte nur beschriebenes Papier oder Lippenbekenntnisse.
Es gehört zu jeder pädagogisch-professionellen Tätigkeit, die Aufgabenstellungen im gesellschaftspolitischen und kulturellen Kontext zu sehen. Für die Gestaltung eines anregenden Umfeldes, das pädagogische Zielsetzungen und Lernsituationen für den Einzelnen und für das Mitarbeiterteam sozusagen auf dem Tablett serviert, sind Pädagog(inn)en in der Praxis selbst zuständig. Das Tablett ist ziemlich schnell prall gefüllt – um bei diesem Bild zu bleiben –, wenn die Wahrnehmung dessen, was sie tagtäglich umgibt, sie zu Taten motiviert. Fragestellungen drängen sich richtiggehend auf.
Auch wir brauchen Lernprozesse, die positive und negative Erfahrungen beinhalten. Wir sind keine Supermannen und Superfrauen, die jedes Problem lösen können. Über einen regelmäßigen Austausch im Team und gemeinsame Zielformulierungen ist ein wesentlicher Teil dieses Lernprozesses zu gestalten. Sowohl für die Praktikant(inn)en in unserer Einrichtung, als auch für die mitunter langjährig tätigen hauptamtlichen Pädagog(inn)en (wie mich) stellt dieser Lernprozess immer wieder eine Herausforderung dar. Selbstverständlich müssen hier Erfahrung und Wissen (Fach- und Feldkompetenz) eingebracht werden, als auch die Bereitschaft, neues Terrain zu erforschen. Ich denke hier an die Einbeziehung von Controllinginstrumenten, wie zum Beispiel Erhebungsbögen, in die alltägliche Arbeit. Manchmal müssen auch Widerstände ausgehalten und aufgebrochen werden, ohne ein Erfolgserlebnis in Aussicht stellen zu können. Umso besser, wenn sich der Erfolg am Ende in einer größeren Transparenz der Arbeit zeigt, die sowohl nach innen, als auch nach außen wirksam werden kann. So geschehen in der Planungs-, Reflexions- und Dokumentationsarbeit auf dem Bauspielplatz Langwasser ab dem Jahr 2002.
Auch in der Zusammenarbeit mit dem Trägerverein, der Elterninitiative Bauspielplatz Langwasser, zeigen sich hier sehr positive Ergebnisse. In einem Rückblick kann festgehalten werden, dass im Herbst 1998 in gemeinsamer Arbeit von Vereinsvorstand, Mitgliedern und Mitarbeiterteam eine Rahmenkonzeption erarbeitet wurde. Wenn ich an die Jahreshauptversammlungen der letzten Jahre denke, stelle ich mit Freude ein großes Interesse vieler Vereinsmitglieder an den pädagogischen Inhalten unserer Arbeit fest. Das hat eine Ursache darin, dass Inhalte, Schwerpunkte und Problemfelder begründet und nachvollziehbar dargestellt werden können. Zum anderen ist eine verständliche und konkrete Zielformulierung auch Voraussetzung für das Interessieren und Einbinden von ehrenamtlich Tätigen. Dies stellt eine wichtige Aufgabe in der Offenen Arbeit mit Kindern in der bestehenden Kooperation zwischen Jugendamt der Stadt Nürnberg und den Trägervereinen der pädagogisch betreuten Spielplätze dar. Wie sonst sollen ehrenamtliche Vorstände ihre Fachaufsicht und das Weisungsrecht gegenüber dem an die Vereine beurlaubten Fachpersonal sinnvoll ausüben können. Transparenz, Offenheit, Engagement und gemeinsame Gestaltungsmöglichkeiten sind in Bezug auf eine fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Initiativen und Mitarbeiterteam die Zauberworte.
Pädagogische Inhalte und Konzepte nach außen tragen – Teil eines Netzes sein
Öffentlichkeitsarbeit, die Aufschluss über Qualität und Quantität der Spielplatzarbeit gibt, ist ein wesentlicher Aspekt, um als „Freizeiteinrichtung“ in der Öffentlichkeit überhaupt wahrgenommen zu werden. Auch nach 30 Jahren Bestehens von Bau-, Abenteuer- und Aktivspielplätzen in Nürnberg ist noch lange nicht gesagt, dass Bürger unserer Stadt, ja selbst Auszubildende im sozialpädagogischen Bereich, Einrichtungen wie unsere kennen. Hier stellen sich Fragen nach der Wirkung, die wir mit Aktionen erreichen können und welche Aktionen notwendig oder möglich sind.
Klar denkt man bei Öffentlichkeitsarbeit zuerst mal an Geschriebenes aller Art, Pressemitteilungen und Veröffentlichungen, die in relativ großer Auflage über Spielplatzangebote informieren. Ein guter Kontakt zu den Verantwortlichen der jeweiligen Zeitung, Broschüre und sonstigem ist ist mir – nebenbei erwähnt – sehr wichtig. Es ist unabdingbar, Verbündete zu finden, die gerne über die Aktivitäten, Neuerungen oder – wenn es sein muss – auch über Probleme Stellung beziehen, sei es etwa bezüglich strittiger Entscheidungen, Finanzen oder auch des störenden Krähens eines Hahns Stellung beziehen.
Als Spielplatzpädagogin oder Spielplatzpädagoge sollte man ein Gespür dafür entwickeln, welche Informationen die Öffentlichkeit interessieren und wissen, wen man als Adressaten ansprechen will. Ankündigungsplakate am Eingang und an den Außenwänden dienen im Prinzip mehr der Information von Eltern und Nachbarschaft als den Spielplatzkindern. Die Kinder brauchen meiner Erfahrung nach die persönliche Ansprache oder Kinderkonferenzen, um Mitteilungen wahrzunehmen.
Dank diversem Sponsoring und der umsichtigen Kassen- und Buchführung unserer jeweiligen Kassierer (das hat in unserem Verein Tradition) können wir uns eine besondere Art von Öffentlichkeitsarbeit leisten: Der Baui-Bus, der so wunderbar auffällig und ansprechend von Vereinsmitgliedern und Baui-Betreuern gestaltet wurde, ist nicht nur ein hervorragendes Instrument zur Erledigung sämtlicher Materialtransporte für Außenaktivitäten und Besorgungen für den Spielplatzbetrieb, sondern mobile Werbefläche in eigener Sache.
Foto: Bauspielplatz Langwasser
Öffentlichkeitsarbeit ist aber auch der aufgeschlossene Kontakt zur Nachbarschaft, ein gewisser Bekanntheitsgrad im Stadtteil – zumindest in der nächsten Umgebung der Einrichtung sollte man die Spielplatzverantwortlichen kennen. Das fängt damit an, dass man auch die umliegenden Läden für Einkäufe nutzt und hier ins Gespräch kommt, und dies hört bei der Teilnahme an Stadtteilfesten nicht auf.
Kooperationen im Stadtteil und darüber hinaus dienen dem Bekanntheitsgrad der Einrichtung und sind abhängig von fachlichem und persönlichem Engagement, das Spielplatzpädagog(inn)en einbringen. Für die Leitung des Spielplatzes sind Repräsentation der Einrichtung und fachliche Vertretung der Interessen von Kindern und deren Familien in der Öffentlichkeit eine Pflichtaufgabe, die aus meiner Erfahrung einen wesentlichen Teil zum guten Funktionieren eines pädagogisch betreuten Spielplatzes beiträgt. Der Stellenwert der Einrichtung kann hier untermauert werden und ein positives Image trägt dazu bei, dass der Spielplatz und die konzeptionellen Ideen, die ihn tragen, breite Zustimmung und Einbindung erfahren.
Ganz konkret haben wir in den letzten Jahren – aufbauend auf vorangegangene Kontaktpflege – über die Mitarbeit speziell in zwei Stadtteilarbeitskreisen (AK Jugend und AK Vernetzung Kindertagesstätten und Allgemeiner Sozialdienst) engere Netze geknüpft. Ich will nicht leugnen oder übersehen, dass Kooperationen, wenn sie in das Stadium der praktischen Umsetzung gehen, sehr personenabhängig sind – wie pädagogisch-professionelles Handeln generell.
Es ist uns in verschiedenen Bereichen gelungen, als ernst zu nehmende Partner, berufliche Freundschaften zu knüpfen. Neben der Arbeit an Themen wie Suchttendenzen und Motivation von Jugendlichen, dem Erreichen von Aussiedlerfamilien, psychosoziale Störungen und Fragen der Ernährung von Kindern in Kindertageseinrichtungen hat sich zum Beispiel eine Kooperation aus zwei bis drei Kinder- und Jugendhäusern (kommunale, kirchliche und freie Träger) und dem Bauspielplatz seit Jahren bewährt, die einen Kinderfasching im Gemeinschaftshaus Langwasser (auch zu Kooperation bereit) veranstaltet. Übrigens immer mit dem Anspruch, inhaltlich zu unterhalten und pädagogisches Können zu zeigen.
Andere sozialpädagogische Einrichtungen, wie z. B. Kindergärten, nutzen das Spielplatzangebot, weil sie durch die Arbeit in den AKs unsere Inhalte kennenlernen (und weil wir bereit sind, auch außerhalb der Öffnungszeiten, Besuchergruppen zu empfangen).
Die Zusammenarbeit mit den anderen Nürnberger Aktivspielplätzen, dem Kinderhaus Maxfeld, den Spielmobilen und „Kinder, Spiel und Stadt“ des Jugendamtes bildet seit vielen Jahren eine zuverlässige Stütze für unsere Öffentlichkeitsarbeit. Das Riesenspektakel „Ein Sommernachtstraum“ (Familienfest am Wasserspielplatz Wöhrder See) mit bis zu 5.000 Besuchern, das im Jahr 2003 zum 17. Mal organisiert und mit hohem Einsatz auch der Trägervereine der pädagogisch betreuten Spielplätze durchgeführt wurde, ist aus der nichtkommerziellen Kinderkultur Nürnbergs nicht mehr wegzudenken. Mit massivem Aufgebot haben sich die Veranstalter dieses Festes in die Herzen von Kindern, Eltern und sozialpädagogischen Einrichtungen, wie Kindergärten und Horte gespielt, die dieses Angebot nicht missen möchten.
Die Teilnahme am Rosenmontagskinderfaschingszug mit dem Chaosorchester des Baui (das Chaosorchester besteht aus Trommlern, Kinder, Betreuer(innen) und Musiker(innen), die vor den Auftritten gezielt und leistungsstark an einem Programm arbeiten!) oder der Kirchweihumzug im Stadtteil sind wahrzunehmende Gelegenheiten, um auf unsere Arbeit und den Stellenwert für Kinder und Eltern aufmerksam zu machen.
Unsere Kinderkunstausstellungen(siehe Beitrag „Eine nackte Kuh, eine angebrannte Palette und die Zeit dazwischen …“) und die diversen Auftritte mit Kindern bei öffentlichen Veranstaltungen (Trommler, Musik, Tanz, Akrobatik) machen anschaulich klar, dass „Freizeitpädagogik“ (und der oft mitleidig belächelte Verweis auf die Freiwilligkeit der Teilnahme) sehr wohl im Bereich der Bildungsarbeit anzusiedeln ist.
Öffentlichkeitsarbeit ist auch unter dem Aspekt von finanzpolitischen Erwägungen innerhalb der Kommunen und Länder und unter dem Aspekt der Notwendigkeit öffentlicher Fördermittel eine sehr gewichtige Aufgabe zur Legitimation der sozialpädagogischen und gesellschaftspolitischen Aufgabe von Spielplatzpädagogik.
Ausbildungsauftrag – Bildungsauftrag
Die Ausbildung von Erzieher(inne)n ist eine Aufgabe, die zum einen an den entsprechenden Fachschulen und zum anderen in den sozialpädagogischen Praxisstätten stattfindet. Angelika Krüger und Jürgen Zimmer schreiben dazu in einem unveröffentlichten Manuskript: „Studierende müssen erfahren und begreifen, dass sich die traditionelle Rolle des Erziehers bzw. der Erzieherin vollkommen gewandelt hat und dass zur Bewältigung der spezifischen Aufgaben differenzierte und neue Kompetenzen und Fähigkeiten erworben werden müssen. Das erfordert eine kontinuierliche und enge Zusammenarbeit mitinnovativen Praxiseinrichtungen, um diesen Erkenntnisprozess für Studierende transparent und erlebbar zu machen. … Der Herausbildung von Sozial- und Ich-Kompetenz kommt für die Ausübung des Berufes eine tragende Rolle zu und sollte deshalb eine Entsprechung in der Lehre erhalten.“ (1999, S. 15) Hier wird deutlich, dass auch in der Zusammenarbeit zwischen Dozenten der Schulen und den Praktiker(innen) in den Einrichtungen Innovation gefordert werden muss. Ein weites Themenfeld, das ich hier nicht näher ausführen will.
Arbeitsbereiche wie Teamarbeit, Konzeptionierung und Controlling, Öffentlichkeitsarbeit und die Erfahrungen mit unterschiedlichen Kooperationen und der Zusammenarbeit zwischen Mitarbeitern und Verein, Ressourcenbeschaffung/Sponsoring, die Gestaltung und Instandhaltung von Haus und Platz stellen eine große Spannbreite von Lernerfahrungen in der Ausbildung von Praktikant(inn)en auf den Nürnberger Bau-, Abenteuer- und Aktivspielplätzen zur Verfügung. Die Auszubildenden bekommen Einblick in Arbeitsbereiche, die primär nichts mit der Betreuung von Kindern zu tun haben. Die Aufgabe der Anleiter(innen) ist es, die Komplexität der Tätigkeiten von (Spielplatz-)Pädagog(inn)en aufzuzeigen und im Alltag die Zusammenhänge zwischen konkreter pädagogischer Arbeit und Sozialmanagement erfahrbar zu machen.
Die konkrete pädagogische Arbeit mit Kindern steht dennoch im Mittelpunkt der praktischen Ausbildung, die als Erzieher(innen)-Praktikum (früher Vorpraktikum) und als Berufspraktikum über jeweils ein ganzes Schuljahr zu absolvieren ist. Offene Arbeit mit Kindern ist ein spezielles Arbeitsfeld, das mit den Auszubildenden zu erschließen ist. Die Prinzipien der Freiwilligkeit (Kinder kommen und gehen wie sie wollen und müssen erst einmal gar nichts), Offenheit (keine Anmeldung, keine Kosten, keine Begrenzung der Anzahl, nur eine Altersbegrenzung, weil Kinder nicht von Jugendlichen dominiert werden sollen), Partizipation (Vorstellungen äußern, Interessen entwickeln, aktive Mitgestaltung), Veränderbarkeit und Internationalität müssen von den Praktikant(inn)en angenommen und in ihr praktisches Handeln übernommen werden.
Auszubildende brauchen Entwicklungsmöglichkeiten und unser Ansatz muss hier der Stand der jeweiligen auszubildenden Person sein. Bereits in Bewerbungsgesprächen soll auf der einen Seite für die Studierenden klar werden, mit welchen Inhalten sie im Praktikum konfrontiert sein werden, und die Anleiter(innen) sollten Informationen über Werte, Grundhaltungen, Fähigkeiten, Stärken und Schwächen und die Motivation des/r Auszubildenden sammeln. Hier müssen wir wirklich bemüht sein, uns für die „richtigen“ Praktikant(inn)en für unsere Einrichtung zu entscheiden. Salopp ausgedrückt würde ich sagen: Offene Arbeit mit Kindern liegt nicht jedem/r. Es gibt keine feste Gruppe, auf die man sich einstellen kann. Jeder Tag ist von der Zusammensetzung der Kinder anders. Freilich kommt ein bestimmter Stamm von Besuchern, aber es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht neue Kinder angesprochen werden und mit den Spielplatzgepflogenheiten vertraut gemacht werden müssen. Die Praktikant(innen) müssen von den Anleiter(inn)en möglichst schnell lernen, dass pädagogisches Arbeiten nicht (ausschließlich) darin besteht, Kindern die Zeit, die wir mit ihnen verbringen (oder soll ich besser sagen, die sie mit uns verbringen), zu strukturieren und Spielinhalte zu bestimmen. Vielmehr geht es darum, Kinder zu befähigen, für sich alleine und mit ihren Freunden Ideen umzusetzen, sich selbst Ziele zu stecken und die Zeit nach ihren Bedürfnissen und Vorstellungen zu gestalten. Die Aufgabe lautet: Wie wird aktives Lernen möglich gemacht?
Die Gestaltung des Spielplatzes mit den ganzen Anreizen, die er zu bieten hat (von Materialien, über Werkzeug und (Musik-)lnstrumenten und neuen Medien zu Umgang mit Feuer, Wasser, Erde bis hin zu Versorgung von Tieren und Garten, um nur einige zu nennen), ist ein wesentlicher Aspekt. Des Weiteren geht es um die Kompetenz der Spielplatzbetreuer(innen). Es geht um berufliche, übergreifende und personale Qualifikationen. Einige davon sind vermittelbar, andere können hoffentlich angestoßen und vielleicht erschlossen werden.
In den gemeinsamen Dienstleistungsbeschreibungen der Nürnberger Bau-, Abenteuer- und Aktivspielplätze und des Kinderhauses Maxfeld sind unter der Rubrik „Freizeitpädagogische Angebote, Offener Betrieb “ Qualitätsstandards beschrieben, die die Qualifikation des Personals sowie Methoden und Arbeitstechniken beschreiben.
Aber: Wie sieht „Akzeptanz der Zielgruppe, deren Interessen und Bedürfnisse“ aus, wie äußern sich „kommunikative Fähigkeiten, Flexibilität, Offenheit“, was meint „Animations- u. Motivationsfähigkeit“ und wie werden „musische Fähigkeiten“ eingesetzt?
Was können Auszubildende von ihren Praxisanleiter(inne)n über den Umgang mit Kindern lernen? Lernen am Modell, Lernen durch Nachahmung und Identifizierung mit Vorbildern könnte auch hier – und nicht nur bei Kindern – ein Teil eines Erfolgversprechenden Konzeptes sein.
Atmosphäre schaffen – Lernsituationen gestalten Wie und warum profitieren Kinder von kompetenten Erwachsenen?
Hier sind Pädagog(inn)en mit ihren fachlichen Kenntnissen und noch spezieller mit ihren persönlichen Fähigkeiten und Grundhaltungen gefordert. Spielplatzpädagog(inn)en sind Entertainer, die in der Lage sein müssen, pädagogische Interaktionen gleichzeitig auf verschiedenen Ebenen zu gestalten. Der Begriff der Flexibilität reicht hier nicht aus, um die kreative Leistung zu beschreiben.
Ich möchte versuchen an einem Beispiel zu verdeutlichen, worum es mir geht: Seit Jahren beklage ich den Mangel an der Bereitschaft und Fähigkeit nicht nur von auszubildenden Erzieher(inne)n (!), mit Kindern zu singen. In der Offenen Arbeit gibt es hier die wunderbare Ausrede, die Kinder hätten keine Lust und sollen doch schließlich freiwillig …! Falsch! Kann ich nicht gelten lassen! Da ist etwas vollkommen falsch verstanden! Wir beobachten bei den Erwachsenen (in Familien und im öffentlichen Leben) und bei den Kindern immense Defizite sprachlicher Ausdrucksfähigkeit. Unbestritten ist, dass zum Beispiel das Singen von Liedern eine Methode ist, um hier Abhilfe zu schaffen. Zum anderen ist es eine kulturelle Handlung, die es wert sein sollte, vermittelt zu werden. Und weiterhin ist es erwiesenermaßen sehr gesund zu singen. Nur: Wie bringt man das in dem offenen Treiben des Spielplatzes unter?
Das Mitarbeiterteam organisiert einmal in der Woche Singnachmittage – wie geschehen zum Beispiel in den Jahren 2001/02 mit einer russischen Musiklehrerin und einem ukrainischen Akkordeonspieler – und animiert die Kinder, die Praktikant(inn)en und auch anwesende Eltern zum Mitsingen. Das ist noch relativ einfach. Man kann auch Rituale installieren, wie zum Beispiel das gemeinsame Singen vor oder nach einer Kinderkonferenz. Man singt während der Gartenarbeit oder beim Kochen. Oder man stellt sich einfach – wohin auch immer – mitten unter die Kinder und fängt an, eine Vorführung zu geben.
Klar schauen alle Anwesenden (Kinder, Eltern, Kolleg(inn)en, Vorgesetzte) erstaunt und bekunden ihre Vermutung, dass der/die Sänger/in wohl einem Anfall von Verrücktheit zum Opfer gefallen sei. Aber was gibt es Besseres, als Menschen in Staunen zu versetzen, wenn man ihr Interesse wecken und ihre Wahrnehmung schärfen will? Und was ist daran so schwer auszuhalten, im Mittelpunkt zu stehen mit einer Aktion, die fast so alt ist wie die Menschheit.
Relevant dabei sind folgende Dinge: erstens die pädagogische Intension und zweitens Wissen, Können, Kompetenz, drittens das Selbstbewusstsein, viertens das Vergnügen an und „Standing“ in der Situation und fünftens die Integrationsleistung, die passive und aktive Beteiligung zulässt.
Ich denke, dieses Beispiel dient ganz gut dazu, um zum einen berufliche Qualifikation zu verdeutlichen, zum anderen aber auch das Einbringen persönlicher Fähigkeiten damit zu verbinden. Selbstverständlich ist das in unserem Sinne zu verbinden mit einer Vertrauens- und Beziehungsbasis, die wir für die Kinder und auch für die Auszubildenden schaffen müssen. (Spielplatzkinder und Besuchergruppen werden mitunter darauf hingewiesen, beim Betreten des Platzes, den Kopf einzuschalten, um sich selbst und des anderen gewahr zu werden.)
Für das gesamte Betreuerteam steht die Forderung nach Präsenz, Wachsamkeit, Umsichtigkeit, Spontaneität, Verbindlichkeit und Klarheit im Raum. Kompetente Erwachsene sind motiviert, zeigen ihre Interessen, haben Ausstrahlung. Wie gesagt: Das Singen ist nur ein Beispiel. Relevant scheint mir in jedem Fall zu sein, dass Zusatzqualifikationen, Interessen und Hobbys, die Pädagog(nn)en besitzen und ausüben, wertvoll in der Praxis sind. Wenn es ihnen gelingt, einen Transfer von Lebenswelten herzustellen, ist eine Einrichtung der Jugendhilfe oder eine Schule mehr als die Summe der Inhalte und Strukturen. Es geht immer noch um Identifikation mit Vorbildern, um Anregung der Sinne durch das Umfeld. In der Praxis tätige Pädagog(inn)en tragen hier große Verantwortung als Teil dieses Umfeldes. Wenn Praktikantinnen diese Erkenntnis mitnehmen und dazu die Bereitschaft zeigen, an der fachlichen und personalen Kompetenzentwicklung weiterzuarbeiten, haben wir wesentliche Ziele erreicht.
Kinder profitieren von innovativen Erwachsenen, die motiviert sind, nach der Entwicklung von Ideen den nächsten notwendigen Schritt zu tun: zielgerichtete Aktivität und Bewegung, die dennoch Spontaneität und Fehler zulässt. Die für Kinder nachvollziehbare Umsetzung von Vorhaben und Zielen und die Möglichkeit, daran teilzuhaben und wiederum eigene Vorstellungen zu entwickeln, ist positive Energie im interaktiven Prozess. Es ermutigt Kinder, sich einzulassen auf Unbekanntes und sich über sich selbst zu erhöhen, was eine Form von sich auszuprobieren darstellt, ohne sich selbst zu verlieren. Also ein sehr bewusstes Einlassen auf neue Erfahrungen.
Es geht darum, Kinder „mitzunehmen“ und sich im richtigen Moment auch zurücknehmen zu können. Es geht nicht darum, Kinder grundsätzlich sich selbst zu überlassen, wenn von Selbstbestimmtheit und Abenteuer die Rede ist. Kompetente Erwachsene stärken Kinder, Misserfolge nicht als persönliches Versagen zu erleben oder so zu erleben, sondern als missglückten Versuch eines Vorhabens zu betrachten, einen „Fehler“, der dabei hilft, besser zu werden. Man kann es ja noch mal probieren oder sich von jemandem helfen lassen oder vielleicht auch einsehen, dass Vorstellungen manchmal auch einfach nicht umzusetzen sind.
Verantwortungsbewusste Pädagog(inn)en sollten für Kinder ein soziales Klima schaffen, das eigene Konfliktlösungen und Meinungsäußerung zulässt. Keiner kann alles können (nicht einmal Spielplatzmitarbeiter(innen)!). Die zwischenmenschliche Atmosphäre in einer Einrichtung für Kinder wird beeinflusst durch die Art und Weise, wie Erwachsene mit ihren eigenen Stärken und Schwächen umgehen, wie sie miteinander und mit Kindern umgehen, indem Werte und Einstellungen klar erkennbar gelebt werden und die eigene (Erzieher-)Persönlichkeit (reflektiert) eingebracht wird. Auch so entstehen Lernsituationen. Hilfestellung bei der Motivation von Kindern im Alltag oder in alltäglichen (Lern-)Situationen ist nicht zu unterschätzende Erziehungs- und Bildungsarbeit!
Kinder eignen sich sprachliche und kulturelle Ausdrucksmöglichkeiten quasi nebenbei an, wenn das Umfeld anregend für alle Sinne ist. Handwerkliche und musische Fähigkeiten werden gefördert, demokratische Verhaltensweisen werden eingeübt und soziale Kompetenz wird erlangt. Erziehung und Bildung muss immer das Ziel haben, Kindern und Jugendlichen Ich-Stärke und Sinn für die Gemeinschaft zu vermitteln.
Wie Kinder von speziellen Bildungsangeboten, die während der letzten Jahre auf dem Bauspielplatz umgesetzt wurden, profitieren können, kann man in dem Beitrag von meinem Kollegen Joachim Ueberall „Eine nackte Kuh, eine verbrannte Palette …“, der sich mit Projektarbeit auf unserem Spielplatz befasst, nachlesen.
3. Kooperation lernen – Ressourcen sinnvoll nutzen
Alle reden von Bildung Wer trägt eigentlich die Verantwortung für Erziehung und Bildung unserer Kinder? Da haben wir zum einen die (kleinen) Familien, mit großer Erziehungsverantwortung. Mit der Problematik der Gleichberechtigung von Mann und Frau, mit schwierigen organisatorischen und existenziellen Aufgaben, mit dem Anspruch, Berufs- und Familienleben in Verbindung zu bringen, mit den Sorgen, wenn man das alles ohne einen Partner schaffen will oder muss – und mit den unschlagbaren Möglichkeiten, den Kindern Sicherheit zu geben über Liebe und Fürsorge, über Nähe und Wärme; dies in dem Wissen um die Zusammengehörigkeit. Eltern und der Familienverbund mit Großeltern und Verwandten bereiten für Kinder den Weg. Was sie hier lernen, begleitet sie ein Leben lang.
Da haben wir zum anderen Kindergärten und sonstige Kindergruppen. Der Druck, Kinder verstärkt auf die Schule vorzubereiten ist für diese Einrichtungen in den letzten Jahren immens gestiegen und es ist verständlich, dass inhaltlich gut ausgearbeitete Konzeptionen und das eigene Profil der Einrichtung von den im Elementarbereich tätigen Pädagog(inn)en gegen nicht einsichtige, vielleicht tatsächlich auch unsinnige Forderungen der Kultusministerien, verteidigt werden. Dass die Förderung der Kinder im Kindergartenalter noch mal eine grundlegende Chance darstellt, muss jedem klar und bewusst sein, der in diesem Bereich professionell arbeitet.
Da haben wir Schulen, die für die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern und Jugendlichen vom Grundschul- bis zum Abiturientenalter zuständig sind. Sie spielen eine absolut wichtige Rolle im Leben von Kindern und Jugendlichen und es ist verhängnisvoll, wenn hier Bildungsmöglichkeiten vergeben werden. Laut Nürnberger Nachrichten vom 15. Mai 2003 befürchten über 30 Prozent der bayrischen Lehrer(innen), dass sie wegen Arbeitsstress vorzeitig pensioniert werden müssen, wegen „geringer Lernbereitschaft und anderen Problemen mit Schülern“.
Da haben wir die Offene Arbeit mit Kindern etwa auf pädagogisch betreuten Spielplätzen, die hier beschrieben und angeleuchtet wird. Unseren Einrichtungen fehlt es nicht an Inhalten und Möglichkeiten, Lernsituationen für Kinder herzustellen. Die Kinder lernen freiwillig und spielerisch, sie zeigen sich leistungsstark und was sie lernen, hat Nachhaltigkeit. Eltern sind vielfach in den Spielplatzalltag einbezogen. Aber wir haben noch keine Konzepte, die zum Beispiel sinnvolle, weiterführende Kooperationen zwischen Spielplätzen und Grundschulen beschreiben könnten.
„Let’s work together„
Nach meiner Überzeugung brauchen wir diese Konzepte aber, um als Einrichtungen nicht im „Abseits“ zu landen und Kindern damit wichtige Lernmöglichkeiten zu entziehen. Die „heimliche“ Einführung, von Nachmittagsangeboten in Schulen, die freizeitpädagogische Gedanken mit gezielten Fördermaßnahmen verbindet, ist zu beobachten. Das zieht Kinder zwar unfreiwillig, aber eben de facto aus dem Bereich der Offenen Arbeit ab. Dieses Umfeld ist jedoch, wie beschrieben, außerordentlich bildend und prägsam für Kinder.
In der politischen Diskussion (nicht erst seit PISA) wird der Anspruch klar, Familien in ihren Erziehungs- und Bildungsaufgaben zu ergänzen und den staatlichen Bildungsauftrag im Sinne der Gesamtgesellschaft zu erfüllen. Deshalb ist momentan viel von „Ganztagsschule“ die Rede. Leider klingt das eher wie die Ankündigung einer Sanktion und nicht wie ein Hilfs- oder Kompensationsangebot für Familien.
Welches Kind will schon freiwillig auch noch nachmittags in der Schule bleiben, wenn Schule so ist, wie sie derzeit meistens in Erscheinung tritt. Und obwohl keine Schule durch einen einfachen Beschluss eines Ministeriums zur wirklichen Ganztagsschule wird, bekommen Schulleiter die Aufgabe, in kurzer Zeit ihre Einrichtung umzustrukturieren. Das ist die Methode „wasch mich, aber mach mich nicht nass“, die mit Sicherheit nicht zum Wohle der Schüler und Schülerinnen beitragen kann. Lehrer und Lehrerinnen müssen aufgrund solcher Verhältnisse verzweifeln. Ganztagsschule ist ohne entsprechende finanzielle Mittel nicht zu realisieren und vor allem nicht ohne ernst zu nehmende Konzeptionen.
Die Ganztagschule wäre eine gute Alternative, um das Beste für unsere Kinder zu ermöglichen, wenn sie in Übereinstimmung mit dem fachlichen pädagogischen Wissen stünde. Das heißt ganz klar, Frontalunterricht nicht als das Nonplusultra hochzuhalten und so zu tun, als wüsste man es nicht besser.
Ich denke, dass es an der Zeit ist, wirklich gemeinsam und miteinander neue Wege zu beschreiten. Bis zur Realisierung einer wirklichen Ganztagsschule mit ihren zahlreichen pädagogischen Facetten und zu gestaltenden Ebenen sollten wir die vorhandenen Ressourcen aus Einrichtungen der Jugendhilfe und Schule nutzen und Konzepte für Kooperationsmöglichkeiten entwickeln und gemeinsam tragen. Wir sollten bereit sein, voneinander zu lernen und damit die bestmöglichen Bildungschancen für Kinder zur Verfügung stellen.
Was spricht dagegen, dass bestimmte Inhalte von Lehrplänen zum Beispiel über die Methode der Projektarbeit in praktischer Zusammenarbeit zwischen Lehrer(inne)n, Spielplatzpädagog(inn)en und Erzieher(nne)n vermittelt werden. Ansatzpunkte gäbe es hier über das Unterrichtsfach Heimat- und Sachkunde. Naturerfahrungen und soziale Erfahrungen zum Greifen nahe bieten pädagogisch betreute Spielplätze allemal. Kompetente und erfahrene Pädagog(inn)en sollten endlich damit beginnen, ihre Qualitäten in den Ring zu werfen.
Was spricht dagegen, in fachlichen Arbeitskreisen und an gemeinsamen Projekten auf Spielplätzen und an den Schulen zusammenzuarbeiten. Pädagog(inn)en könnten hier ihre eigene Lernbereitschaft, ihre Offenheit und Motivation unter Beweis stellen.
Die Komponente der Integration sollte von wesentlicher Bedeutung sein. Lernen in heterogenen Gruppen könnte ein Zugang zur Lösung der derzeitigen Bildungsmisere sein. Klassen- und einrichtungsübergreifende Angebote müssten entwickelt werden. So profitieren Kinder (und ihre Familien) von kompetenten Erwachsenen.
Schulen und Einrichtungen der Jugendhilfe müssen Kooperation lernen, wenn sie nicht beide scheitern wollen. Die einen, wenn sie den Bildungsanspruch für sich alleine in Anspruch nehmen und sich damit unnötigerweise vollkommen überfordern. Und die anderen, wenn sie sich beleidigt und verletzt zurückziehen, weil sie nicht den ihnen entsprechenden Stellenwert bekommen. Wir können uns dieses Verhalten scheinbar immer noch leisten – oder wie ist das zu verstehen?
Alle reden von Bildung. Nur leider noch zu wenig im Austausch miteinander.

Foto: Bauspielplatz Langwasser
Zur Autorin
Inge Trepte ist seit Februar 1979 als Erzieherin auf dem Bauspielplatz Langwasser tätig, seit September 1997 leitet sie die Einrichtung. Als Schlagzeugerin arbeitet sie seit ca. 25 Jahren in verschiedenen musikalischen Projekten mit.

Nicht nur auf dem Bauspielplatz in ihrem „Element“: Die Autorin Inge Trepte – hier bei einem Auftritt der Band JONNY GLITZER & DER BLANKE NEIDam Schlagzeug. Das Foto ist von der Band „entliehen“.
Literatur
● Demmer, Marianne: Ja zur Heterogenität In: Erziehung und Wissenschaft, Zeitschrift der Bildungsgewerkschaft GEW, 6/2002
● Krüger, Angelika; Zimmer, Jürgen: Die Ausbildung der Erzieherinnen neu erfinden. Unveröffentlichtes Manuskript des Oberstufenzentrums Uckermark, Curriculum-Element (Schlüsselthema): Ich und der Erzieher/innen-Beruf. Templin 1999
● Nuissl, Ekkehard: Lehren sollte nur, wer selbst lernt In: Erziehung und Wissenschaft, Zeitschrift der Bildungsgewerkschaft GEW, S. 14, 6/2002
● Schäfer, Gert Kinder lernen von Anfang an „ganz anders“. In: Erziehung und Wissenschaft, Zeitschrift der Bildungsgewerkschaft GEW, S. 1, 6/2002
Zur Entwicklung der Abenteuerspielplätze: Konjunktur und Perspektiven

Originär kinderspezifisch (10. Kinder- und Jugendbericht): Der Abenteuerspielplatz (Foto: Rainer Deimel, 2009)
Von Rainer Deimel
Künstler war er – Gartenkünstler – und ab 1940 Professor an der Kunstakademie in Kopenhagen. Zuständig war er zeitweise auch für die Planung und das Anlegen von Spielplätzen und anderer öffentlicher Anlagen in und in der Umgebung von Kopenhagen. Die Rede ist hier von Carl Theodor Sørensen. Es ist kein Zufall, dass auf diesen Gartenarchitekten die frühesten westeuropäischen Abenteuerspielplätze beziehungsweise deren Vorläufer zurückgehen; er stellte Ende der dreißiger, Anfang der vierziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts fest, dass die von ihm geplanten Spielplätze von den Kindern kaum in der Weise angenommen wurden, wie man sich das in der Planung vorgestellt hatte. Seinerzeit allerdings gehörte das Außenspiel zweifellos zu den tagtäglichen kindlichen Aktivitäten hinzu. Wo waren also die Kinder?
Sørensen spürte sie auf und fand sie auf abenteuerlichen Geländen: auf Trümmergrundstücken, Schrotthalden, Brachflächen und dergleichen. Diese Beobachtung ließ ihn auf die Idee des „skammellegeplads“ – des Gerümpelspielplatzes – kommen. Der erste entstand 1943 in Emdrup, einem Kopenhagener Vorort. Danach kam es zu Neugründungen im Großraum Kopenhagen und weiteren Teilen Dänemarks. Inspiriert durch diese Idee wurden in Dänemark alsbald „Bauspielplätze“ (byggelegepladser) gegründet. Zu dem fantasievollen Spiel mit einer großen Materialfülle kam hier das Konstruktionsspiel. Der etwas spröde Begriff „Konstruktionsspielplätze“ wurde in manchen Teilen Skandinaviens – beispielsweise in Finnland – ebenfalls verwandt. (1)
In den fünfziger Jahren besuchte Lady Allen of Hurtwood, eine britische Gartenarchitektin, Kopenhagen. Sie begeisterte sich für diese skandinavischen Spielplatz-Ideen und transportierte sie nach England – dies allerdings unter Hinzutuns eines weiteren wichtigen Aspekts: Allen of Hurtwood beabsichtigte, vergleichbare Spielräume dort zu gestalten, wo natürliche Spielräume infolge starker industrieller Verdichtung nicht mehr bzw. kaum noch vorhanden waren. Hierbei handelte es sich um Gebiete im mittelenglischen Industriegebiet um Manchester und Leeds, aber auch in London. Hier taucht dann erstmalig der Begriff „Abenteuerspielplatz“ („adventure playground“) auf.
In Deutschland wurde das Konzept erstmalig gegen Ende der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts umgesetzt. Da es in die Zeit des Aufbruchs, der außerparlamentarischen Opposition (APO), fiel und zunächst von deren Aktivist/-innen favorisiert und gefördert wurde, geriet „der Abenteuerspielplatz“ hierzulande bei einigen Verwaltungen und Politiker/-innen unhinterfragt in Misskredit: Man fürchtete über die Errichtung von Abenteuerspielplätzen die Etablierung „roter Kaderschmieden“. Da dem Konzept als solchem kaum fachlich widersprochen werden konnte, wurden – zum Teil bis heute noch gängige – neue Begriffe erfunden, zum Beispiel „Spielparks“, „Großspielanlagen“ und andere Kuriosa mehr. Der Begriff „Aktivspielplatz“ scheint der auffallendste Abgrenzungsversuch zu sein. Im Eifer des Gefechts wurde dabei völlig übersehen, dass diese Bezeichnung nicht nur tautologisch daher kommt, wenn wir unterstellen, dass kindliches Spiel – unabhängig vom Ort und der Art des Spielens – immer aktiv stattfindet. Vielmehr muss bei der Verwendung dieses Begriffs auch davon ausgegangen werden, dass Kindern deren Subjektstatus genommen wird. Zumindest lässt sich eine gewisse Arroganz nicht übersehen.
Die Bezeichnung „Abenteuer“ entstammt vermutlich zunächst der Welt der Ritter und des Adels. Meyers Großes Taschenlexikon definiert „Abenteuer“ als „außergewöhnliches Ereignis“ und „gewagtes Unternehmen“ (abgeleitet aus dem altfranzösischen „aventure“, von Lateinisch „adveniere: „sich ereignen“). (2)
Der Duden geht ein wenig mehr ins Detail, wenn er „das Abenteuer“ als „prickelndes Erlebnis, außergewöhnliches Geschehen, Begebenheit, Wagnis, Geschehnis“ (3) (4) usw. beschreibt. Karl-Dieter Bünting unterstreicht in seinem „Deutschen Wörterbuch“ das „spannende Erlebnis außerhalb der von jemandem normalerweise gemachten Erfahrungen“. „Abenteuerlich“ ist für ihn das Adjektiv, das „wahre oder unwahre Abenteuer“ enthält, aber auch etwas Risikoreiches und Gefährliches sowie ungewöhnliche und seltsame Vorkommnisse. (5)
Bünting beschreibt ebenfalls den „Abenteuerspielplatz“ als einen „nicht mit den üblichen Geräten ausgestatteten Spielplatz“, sondern als so „beschaffen, dass Kinder sich mit den vorfindbaren Materialien selbstständig betätigen können“. (6)
Manche Zeitgenoss/-inn/en assoziieren den Marlboro-Cowboy oder Vergleichbares aus Werbung und Medien, weshalb sie den Begriff als problematisch empfinden. Abenteuer basiert auf Gegenwelt-Entwürfen. Am Beispiel des Karnevals gelangt Christoph Kock in seiner Dissertation zu der Auffassung, dass Abenteuer eine „nur im Spiel zu realisierende Lebensordnung“ sei. (7)
Eine Ritualisierung des Abenteuers kehrt sich in ihr Gegenteil: Sie reduziert das Abenteuer, was man etwa am Beispiel von Wallfahrten (Lourdes, Kevelaer usw.), beim Fußball, beim Karneval und anderen Erlebnissituationen beobachten kann. Es gibt ein kollektives Schauer-Erleben, das aber nicht abenteuerlich ist. Insofern wäre die Bezeichnung „Abenteuersport“, die bisweilen als Synonym für „Erlebnispädagogik“ verwandt wird, ebenfalls unzutreffend.
Abenteuerspielplatz- und Erlebnispädagogik verbinden nicht nur parallele Intentionen. Es können auch methodische und vor allem Ziel-Gemeinsamkeiten ausgemacht werden. Jener Gefahr – einer zu starken Inszenierung des Geschehens durch Erwachsene – ist auch der Abenteuerspielplatz ausgesetzt. Es kommt entscheidend darauf an, vielfältige Optionen zu schaffen, mit deren Hilfe die Kinder sich erproben können, wo sie etwas erschaffen, erzeugen können, wo Prozesse ablaufen, die der kindlichen Entwicklung im Sinne von ganzheitlicher Bildung dienen. Abenteuer hat nichts damit zu tun, sich in unübersehbare, womöglich lebensgefährliche Risiken zu stürzen. Vielmehr werden Wagnisse (= Prozesse) mit vorläufig unbekanntem Ausgang (9) angesprochen; dies genau macht das „Risiko als Spielwert“ deutlich. Wir haben es hier mit konkreter ganzheitlicher Bildung zu tun oder, wie es Elisabeth C. Gründler und Norbert Schäfer formulieren: „Nur im freien Spiel entfaltet sich menschliche Intelligenz.“ (9) Kindliches Abenteuer-Erleben schafft Freiräume vom Alltag und erzeugt somit Kompetenzen zur eigenen Emanzipation; es dient der Vorbereitung auf ein künftiges „ernsthaftes“ Leben. (10) „Abenteuer wirken trotz und wegen ihres grenzüberschreitenden Charakters auf lange Sicht als Stabilisatoren für die eigene Kultur.“ (11) In Zeiten radikal fortschreitender Enttraditionalisierung sollte uns eine solche Stabilisatorenfunktion ein wesentliches – nicht nur pädagogisches – Anliegen sein. Zusammenfassend soll hier die These vertreten werden, dass Abenteuer-Erleben und -Bestehen ein Äquivalent dahingehend ist, zu wachsen und zu reifen. Abenteuer befriedigt den Wunsch, sich zu bilden.
Sprechen wir also vom Abenteuerspielplatz. Nicht alles, was sich „Abenteuerspielplatz“ nennt, ist auch ein solcher. Die Standards, die aus fachlicher Sicht erforderlich sind, werden später aufgegriffen und erläutert (Leitbilder, Arbeitsprinzipien, Ziele, Erfahrungsfelder, Ausstattungsmerkmale). Leider scheiterte die Eintragung des Begriffs beim Patentamt, da er dort ebenfalls als „zu allgemeingültig“ eingestuft wurde.
Wir verwenden diesen Begriff allerdings als den Fachausdruck, der die Zielsetzung jener Einrichtungen deutlich macht: Ein großes Stück Land, auf dem Kinder ohne ständige Gängelei durch Erwachsene selbstständig und in Gruppen vielfältige Erfahrungen machen können, Erfahrungen mit Feuer, Wasser, Erde und Luft, wo sie sich bisweilen lustvoll im Schlamm wälzen dürfen; dies dient der Sensibilisierung über körperliches Empfinden („Alltagserotik“). (12) Wir haben es mit einem Ort zu tun, wo Kinder Wertschätzung durch andere Kinder, aber auch durch Erwachsene (z. B. Pädagog/inn/en) erfahren, ein Ort, an dem sie mehr als anderswo lernen können, dass sie – möglicherweise ungeahnte – Qualitäten haben.
Diese Erkenntnis war – was gegenwärtig häufig genug übersehen wird – nicht spezifisch für die siebziger Jahre. Angesichts der Tendenz verstärkter Domestizierung von Kindern einerseits (Stichwörter: Ganztags-Regelbetreuung, Mediatisierung, schulische Anforderungen, verplante Freizeit) und andererseits der Situation des „Auf-sich-gestellt-Seins“ (Stichwörter: Schlüsselkinder, Lückekinder – angesprochen sind hier die sogenannten Teenies, die einen guten Teil des Tages selbstständig zu organisieren haben –, Straßenkinder, Wohlstandsverwahrlosung) brauchen wir – Kinder wie Erwachsene – heute Abenteuerspielplätze nötiger denn je.
Abenteuerspielplätze wirken gegen Entsinnlichung, sie fördern auf dem Transferweg Kreativität, sie wirken unmittelbar und mittelbar in Bezug auf soziales Lernen, sie vermitteln Aha-Erlebnisse, leisten alles in allem einen größeren Beitrag zur Kompetenzentwicklung als andere Einrichtungen dazu im Stande sind.
Spielen ist nicht, wie wir früher in der pädagogischen Fachwelt oftmals betonten, zweckfrei; dies, um den Wert „des Spielens an sich“ zu unterstreichen. Spielen ist vielmehr eine – wenn nicht die – handlungs- und reflexionsorientierte Bildungsmethode. (13) Beim Spielen werden alle Sinne stimuliert; dies in dem Sinne, wie wir es von A. Jean Ayres gelernt haben und bei ihr nachzulesen ist: gefördert werden neben dem auditiven und dem visuellen System, das vestibuläre (Schwerkraft und Bewegung), das propriozeptive (Muskeln und Gelenke) sowie das taktile (Berührung, Tastsinn) System. Mit anderen Worten: Als Grundvoraussetzung für die Entwicklung von Konzentrations- und Organisationsfähigkeit, von Selbsteinschätzung und Selbstkontrolle, des akademischen Lernvermögens, der Fähigkeit zum abstrakten Denken und dem Verarbeiten von Gedanken sowie der Spezialisierung jeder Seite des Körpers und des Gehirns (Lateralität) müssen Kinder zunächst die Anziehungskraft der Erde in sich integriert haben. (14)
Spielen ist Entwicklung, Entwicklung der spielerisch-schöpferischen Möglichkeiten, die in jedem Menschen vorhanden sind, unsichtbare Qualitäten als Gegenentwurf zu einer oftmals als kälter anmutenden Welt, die seit langem zunehmend von Konkurrenzdruck und Leistungsdenken geprägt ist. Spielerische Intelligenz, so beschreibt es der Quakenbrücker Arzt und Psychotherapeut Eckhard Schiffer, wirkt sich auf alle Lebensbereiche positiv aus, sofern sie entsprechende Entwicklungschancen bekommt Spielerische Intelligenz ist dazu angetan, Krankheiten, Resignation und emotionaler Leere zu entgehen (15); sie entwickelt sich nicht im Zusammenhang mit der mehr und mehr räum- wie zeitgreifenden virtuellen Welt.
Ohne die wachsende Bedeutung der Fertigkeiten in Bezug auf den Umgang mit dem Computer und anderen sogeannten „neuen Medien“ infrage stellen zu wollen, muss eine wesentliche Tatsache festgestellt werden: In der virtuellen Welt wird im Gegensatz zur echten Spielwelt nur scheinbar konstruiert. Das wirkliche Konstruieren allerdings ist es, das Kindern sich weiterentwickeln lässt, also die Grundlagen für einen angemessenen Umgang mit dem Computer überhaupt erst einmal schafft.
Es mehren sich die Hinweise – wie auch die entsprechenden konkreten Erfahrungen in der pädagogischen Praxis –, dass Kinder gegenwärtig in deutlich steigendem Maße durch typische „Unfähigkeiten“ auffallen; Unfähigkeiten hinsichtlich ihrer Körperbeherrschung, ihres kreativen Potenzials, ihrer motorischen Fertigkeiten und ihres sozialen Empfindens.
Eine von der Stadt Freiburg in Auftrag gegebene Studie, die so genannte „Freiburger Studie“, belegte bereits 1994 Beobachtungen, die auf Abenteuerspielplätzen seit jeher gemacht werden konnten: Kinder ziehen das Spielen im Freien domestizierten Angeboten in jedem Fall vor. Laut erwähnter Studie ist dieses Spielen, zumal im wohnungsnahen Bereich, von herausragender Bedeutung und durch nichts zu ersetzen. Gleichzeitig wird belegt, dass die Verweildauer mit der Attraktivität des Angebots steigt. (16) Damit erhalten Abenteuer- und andere kindgerechte Spielplätze und Spielräume einen erheblichen Stellenwert in der kindlichen Sozialisation. Sie wirken mittelbar und unmittelbar gegen die inzwischen vielbeklagten Mängel und Schwächen von Kindern, die mit steigender Tendenz pathologische Dimensionen annehmen.
Auf diese Phänomene verweist nicht nur der renommierte Jugendforscher Klaus Hurrelmann seit Jahren. Hurrelmann konstatiert, die Verweildauer von Kindern im Freien in den letzten zwanzig Jahren (Anm.: des vergangenen Jahrhunderts) sei drastisch gesunken. Hielt sich ein „normal“ entwickeltes Kind in den siebziger Jahren noch wöchentlich über dreißig Stunden draußen auf, ist diese Zeit inzwischen auf nur zehn Stunden gesunken; dies mit weiter rückläufiger Tendenz. In Analogie zur Freiburger Studie kann rückgeschlossen werden, dass krankmachende Faktoren und solche, die zu Bewegungs- und Sozialdefiziten führen – wobei meines Erachtens diese Faktoren zueinander in einer zirkulär-kausalen Beziehung stehen –, dort am häufigsten auftreten, wo es an ausreichenden Außenspiel- und Entfaltungsmöglichkeiten mangelt.
Es ist also nicht nur den lediglich aktuellen Stressoren in Familie und Schule zuzuschreiben, wenn wachsende Defizite bei jungen Menschen zunehmen, sondern vor allem in der nicht ausreichenden Verfügbarkeit kindgerechter Einrichtungen. Und dies haben nicht die Kinder, sondern Politik und Verwaltung zu verantworten. Eine Verantwortung trifft auch die Eltern der Kinder. Aufgrund eigener Unwissenheit und Unsicherheit sowie der daraus entstandenen Ängste, oft auch aus Überforderungsgründen oder Bequemlichkeit verhängen sie über die Kinder ein förmliches Abenteuer-Verbot. Wir haben es mit einer Elterngeneration zu tun, der zum Teil selbst bereits wesentliche Erfahrungen zur Entwicklung ihrer spielerischen Intelligenz vorenthalten wurde. Diesen muss nahe gebracht werden, dass beispielsweise nicht der Umgang mit dem Feuer, das „Sich-mal-die-Finger-Verbrennen-Dürfen“, gefährlich und von daher abzulehnen ist, sondern das Verhindern derart elementar wichtiger Erfahrungen. „Vorsicht! Bleibt da weg! Das ist heiß!“ Solche Hinweise bleiben abstrakt und sind der überlebensnotwendigen „Synapsen-Schaltung“ im Gehirn im Gegensatz zum „Verbrennungserlebnis“ nicht dienlich.
Keine andere Einrichtung ist so wie der Abenteuerspielplatz in der Lage, derart konstruktiv zu intervenieren. Und dabei ist keine andere Einrichtung (bewusst) derart „gefährlich“ wie der Abenteuerspielplatz: Risiko als Spielwert!
Die Konzeption von Abenteuerspielplätzen ist ein Beleg für die These, dass in der Pädagogik bewusst eingesetzte Risiken das tatsächliche Gefährdungsmoment real deutlich reduzieren. Bis auf die Nagelstichverletzung in Hüttenbaubereichen gibt es keine typische Abenteuerspielplatz-Verletzung. Diese Erfahrung wird mittlerweile auch von solchen pädagogischen Einrichtungen geteilt, die einen konzeptionellen Wandel von einer ausschließlich behütenden zur stärker grobmotorisch orientierten – gefährliches Treiben zulassenden – Einrichtung vollzogen haben, beispielsweise Horte und Waldkindergärten.
Die hier angesprochene „Gefährlichkeit“ findet nicht ihr Äquivalent im Straßenverkehr, auch nicht in Umweltgefährdungen. Hier gilt, dass wir Erwachsenen, Eltern, politisch Verantwortliche usw. zu differenzieren lernen. Kinder brauchen Abenteuer! Mit dieser Feststellung befinden wir uns in guter Gesellschaft mit dem großen Pädagogen Bruno Bettelheim. Was Kinder als „abenteuerlich“ – in Anlehnung an die oben beschriebene Definition – und damit als persönlichkeitsbildend erleben, sind kreative, künstlerische und soziale Erfahrungen, häufig im Zusammenhang mit der Natur und den so genannten Urelementen stehend.
Kinder brauchen – wie in jüngerer Zeit immer wieder vernommen wird – keine Grenzen, sondern Partnerinnen – Pädagog(inn)en, Eltern, Spielkamerad(inn)en, die ihnen Orientierung geben und dabei helfen, Barrieren zu erkennen oder auch zu überwinden. Kinder brauchen keine Erzieher, erst recht keine Betreuer, die sie in ihrer Entwicklung zum selbstständigen, kreativen und solidarischen Wesen behindern. Eine „Dauer-Pädagogisierung“ ist zum Scheitern verurteilt. (17)
Kinder brauchen in der Regel keine ummauerten Räume zum Spielen; solche eignen sich allenfalls als Notlösung bzw. Ergänzung. „Kindervolkshochschulen“ und „kleine“ Häuser der Offenen Tür sind überflüssig. Im Zuge von Qualitätsentwicklung besinnen sich Schulen beispielsweise darauf, sich stärker handlungsorientiert zu konzipieren: Lernen, statt zu belehren. (18)
Gerade „das Offene“ an der Offenen Arbeit ist ein einmaliger Qualitätsindikator. Wir brauchen ein Netzwerk von Abenteuerspielplätzen, Kinderbauernhöfen und Spielmobilen im Verbund mit anderen inhaltlich und projektartig spezialisierten Spielräumen und -diensten. In dieses Netzwerk gehören künftig auch die Ganztagsgrundschulen, aber auch solche der Sekundarstufe 1. Damit könnte der Empfehlung der Bundesregierung, „kinderbezogene Angebote wie Abenteuerspielplätze flächendeckend zu verstärken“, am ehesten nachgekommen werden. (19)
Der 10. Kinder- und Jugendbericht qualifiziert Abenteuerspielplätze als in besonderer Weise kindgerecht. „Bei Abenteuerspielplätzen scheinen sich am ehesten originäre kinderspezifische Ansätze entwickelt zu haben.“ (20) Bereits an mehreren Stellen wurden die sogenannten Standards und Qualitätskriterien für Abenteuer- und vergleichbare Spielplätze (hier sei vor allem auf die ebenfalls in äußerst qualifizierter Weise kindgerecht konzipierte Einrichtung des Kinderbauernhofs hingewiesen) veröffentlicht. Angesichts der Aktualität der hier diskutierten Einrichtungen seien sie erneut aufgegriffen. (21)
Die Arbeit eines Abenteuerspielplatzes, Kinderbauernhofes und vergleichbarer Einrichtungen steht unter folgenden Leitbildern und Arbeitsprinzipien:
● Offenheit
● Freiwilligkeit
● Kostenfreiheit
● Kontinuität und Verbindlichkeit
● Veränderbarkeit und Flexibilität
● Gestaltbarkeit
● Vielfalt
● Transparenz
● Partizipation
● Unterstützung der Selbstorganisation der Zielgruppen
● Integration
Zu betonen ist in diesem Zusammenhang, dass die meisten genannten Leitbilder nicht einem fortschrittlichen „pädagogischen Selbstverständnis“ entstammen, sondern junge Menschen hier verbriefte Rechtsansprüche haben (vgl. SGB VIII/KJHG).
Als Ziele und Arbeitsinhalte sowie als gesetzlicher Auftrag gelten:
● Gemeinschaftsfähigkeit
● Verantwortlichkeit
● Selbstbewusstsein
● Demokratieverständnis
● Soziales Engagement
● Abbau von Benachteiligungen
● Gleichberechtigung von Mädchen und Jungen
● Herausbildung einer Geschlechtsidentität
● Ökologische Handlungskompetenz
● Toleranz und Verständnis für andere Kulturen
● Generationsübergreifende Kontakte
● Gesundheitsförderung
● Partizipation und Selbstorganisation
Ein Abenteuer- bzw. vergleichbarer Spielplatz verfügt über folgende Erfahrungsfelder:
● Sozialer Bereich
● Handwerklich-technischer Bereich
● Natur-/Umweltbereich
● Landwirtschaftlich-gärtnerischer Bereich
● Kreativ-schöpferischer Bereich
● Sensomotorischer Bereich/psychomotorischer Bereich
Von Strukturvielfalt (Qualität der Arbeit) kann dann ausgegangen werden, wenn mindestens vier der genannten Erfahrungsfelder angeboten werden.
In der Praxis erprobte und bewährte Ausstattungsmerkmale auf Abenteuer- bzw. vergleichbaren Spielplätzen sind:
● Freiflächen und überdachte Aufenthaltsbereiche, die mindestens zum Teil beheizbar sind
● Küche sowie Kochgelegenheiten im Freien
● Werkstätten (mit Lagerräumen und Lagerflächen)
● Bauspielbereich
● Wasserbereich/e
● Wasser-Sand-Matsch-Bereich/e
● Feuerstelle/n
● Grünflächen, Gärten und Gehölze
● Tiergehege, Reitkoppel und Ställe
● Bühne, Raum für Veranstaltungen
● Freispiel- und Sportflächen
● Klettermöglichkeiten
● Kleinkinderspielbereich
● Kommunikations- und Aktions-„Ecken“ für Eltern, Anwohner usw.
Von Ausstattungsvielfalt kann dann ausgegangen werden, wenn mindestens zehn der hier genannten Bereiche entwickelt wurden.
Weitere Kriterien sind unter anderem:
● eine ganzjährige Nutzbarkeit
● Sicherung des Personals (mindestens zwei qualifizierte, reguläre Fachkräfte während der Öffnungszeit)
● eine geschlechterbewusste Ausgewogenheit im Team
eine Weiterbildungsgarantie für die Mitarbeiter/-innen (mindestens 40 Stunden jährlich)
● ausreichende Außenflächen (regelmäßig zwischen 6000 und 15000 Quadratmetern)
● ein Gebäude/beheizbare Räumlichkeiten (regelmäßig zwischen 100 und 250 Quadratmetern)
Unser inhaltlicher Exkurs begann mit dem dänischen Künstler Carl Theodor Sørensen. Bevor wir uns den Perspektiven der Abenteuerspielplätze zuwenden, soll ein weiterer Künstler zitiert werden, nämlich das Genie Leonardo da Vinci, im Frühjahr 1452 unehelich im spätmittelalterlichen Italien geboren und in dem Ort Vinci aufgewachsen. Bereits früh entwickelte er seine Talente. Und er war ein wahres Multitalent: Maler (erinnert sei an seine berühmte „Mona Lisa“), Bildhauer, Architekt, Ingenieur, Erfinder, Forscher, Anatom … Sein Weg führte ihn über Florenz, Mailand, Mantua, Venedig und andere Stationen schließlich an den französischen Hof. Dort, in der Königsresidenz Schloss Clos-Luce bei Amboise, starb er 1519 nach einem spannenden und abenteuerlichen Leben. Mit Fug und Recht kann er als einer der größten Protagonisten bezeichnet werden, der für das ausgehende Mittelalter und damit für die beginnende Neuzeit im 15. Jahrhundert stand. Hätte er 500 Jahre später gelebt, wäre die „Erfindung“ des Abenteuerspielplatzes möglicherweise „auf sein Konto“ gegangen. Wir können davon ausgehen, dass Leonardo seine Freude am Konzept des Abenteuerspielplatzes gehabt hätte.
Werfen wir einen Blick auf die sieben Prinzipien des Leonardo da Vinci. (22) Sehen wir sie uns an und fragen wir uns, was das mit dem zu tun hat, was wir auf einem Abenteuerspielplatz voller Respekt zur Kenntnis nehmen können, ein abenteuerliches, kreativitätsstimulierendes, Sozialverhalten förderndes Stück Land, verwinkelt, wunderbar landschaftlich gestaltet, chaotisch und geordnet zugleich, nicht selten von Tieren belebt, wo Aktivitäten – grob- wie feinmotorischer Art – in vielen Bereichen förmlich gelebt werden.
1. Curiosità
Hier spricht Leonardo einen natürlichen Impuls an. Gemeint sind die unstillbare Neugier auf das Leben und die beständige Suche nach neuem Wissen. Leonardo: „Der Wunsch zu lernen, ist edlen Menschen angeboren.“ Will sagen: Jeder Mensch wird „neugierig“ geboren.
2. Dimostrazione
Gemeint ist hier die Bereitschaft, Wissen durch Erfahrung und Beharrlichkeit zu überprüfen und aus Fehlern zu lernen. Leonardo dazu: „Die größte Täuschung, unter der der Mensch leidet, liegt in seinen eigenen Ansichten.“ Tut es nicht gut, das zu erfahren?
3. Sensazione
Hier wird die beständige Sensibilisierung der Sinne angesprochen. Für Leonardo spielte dabei das Auge eine herausragende Rolle. Ein Genie wie er übersah natürlich nicht die Bedeutung der anderen Sinne: Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen. Ich benutze gegenwärtig gern den vom NLP entwickelten Kunstbegriff VAKOG: Visuell, Auditiv, Kinästhetisch, Olfaktorisch, Gustatorisch. (23) Und Leonardo kommentiert: „All unser Wissen gründet sich auf Wahrnehmung.“
4. Sfumato
Dies meint wörtlich: „Im Rauch aufgehen.“ Eingeführt wird hier die Bereitschaft, Mehrdeutiges, Paradoxien und Unsicherheiten zu akzeptieren („Chaos und Ordnung zugleich“). Leonardo spricht hier als Künstler: „Ein Maler, der die Zweifel nicht kennt, wird wenig erreichen.“
5. Arte/Scienza
Wundern könnte man sich, dass es noch so lange dauerte, bis die Hirnforschung ebenfalls von der rechten und der linken Hirnhemisphäre sprach und diesen Funktionen zuschrieb. Der Verdacht liegt nahe, dass die „rechte Hirnhälfte“ nach wie vor – wenn wir etwa an die bisherige Schule denken – ein Schattendasein führt. Folgen wir Leonardo, stellen wir fest, dass ein Gleichgewicht entwickelt werden muss zwischen Wissenschaft, Kunst, Logik und Fantasie. Wir würden dies heute auch als „ganzheitliches Denken“ (dem hoffentlich ansatzweise entsprechendes Handeln folgt) bezeichnen. Leonardo: „Studiere die Wissenschaft der Kunst und die Kunst der Wissenschaft.“
6. Corporalità
„Erlebnispädagoge“ scheint Leonardo auch noch gewesen zu sein, wenn er hier die Kultivierung von Anmut, Beidhändigkeit, sportliche Leistungsfähigkeit und Haltung einführt und dazu meint: „Selten fällt, wer richtig geht.“ Aber auch: „Iss niemals ohne Lust.“ Auf diesen Erkenntnissen fußen ebenfalls die Ansätze der Kinesiologie, denken wir etwa an die „Überkreuz-Übung“ usw.
7. Connessione
Wieder einmal ist Leonardo der Zeit um Jahrhunderte voraus gewesen. Er meint hier die Erkenntnis, dass alle Dinge und Phänomene miteinander verbunden sind. So gesehen verdanken wir ihm das Systemische Denken. Und er sagt nahezu „postmodern“ (vielleicht können wir aber auch ähnliche Erkenntnisse bei Gotama Buddha erfahren, der etwa 1.000 Jahre vor Leonardo lebte): „Hältst du deine Hand in einen Fluss, hast du eben das Letzte berührt, was vorbei ist, und das Erste von dem, was kommt. Und so ist es auch mit der Gegenwart.“
Blicken wir abschließend auf die denkbaren und aus meiner Sicht notwendigen Perspektiven für das „Konzept Abenteuerspielplatz“. Seit geraumer Zeit sind – zum Teil selbst von Menschen, die sich in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts mit Abenteuerspielplätzen beschäftigt haben – Unkenrufe zu vernehmen, es handele sich um ein überholtes Relikt aus der damaligen Zeit. Assoziiert werden anscheinend in diesem Zusammenhang nicht Inhalte und Methoden, sondern „das Politische“, das in den sechziger Jahren und der ersten Hälfte der siebziger Jahre in Westdeutschland vielfach bei Platzgründungen mitschwang.
Bescheinigen möchte ich diesen Bedenkenträgern, dass sie das Konzept offenbar nicht begriffen haben. Sämtliche Studien zum Aufwachsen von Kindern, zur kindlichen Gesundheit, zur Bildung – auch die PISA-Studien – sind sich darüber einig, dass die Sozialisation dann erfolgreich verläuft, wenn sie sich in einem ganzheitlichen Rahmen vollzieht.
Erfahrungen bei der entsprechenden Umstrukturierung von Kindertageseinrichtungen und Grundschulen bestätigen dies. Derartige Umstrukturierungen lassen sich allerdings bislang nur punktuell und zögerlich feststellen. Dies hat vermutlich mit einer Unwissenheit zu tun, wie sie zuvor im Zusammenhang mit den Bedenkenträgern geäußert wurde. Das bedeutet, in weiteren Schritten für eine Qualifizierung der Erwachsenen zu sorgen: der Eltern, der Leh-rer/inne/n und anderer Pädagog/inn/en. Ein großes Ziel dabei: das über die meisten Kinder verhängte Abenteuer-Verbot wieder aufzuheben. „Für viele Alltagsrisiken haben wir einen in unser Verhalten eingebauten Thermostaten, der dafür sorgt, dass das Gesamtrisiko im ‚normalen‘ Rahmen bleibt.“ (24) Je höher die Sicherheitsschranken errichtet werden, umso niedriger der Begreif-Effekt für Kinder. Und: Vermeintliche „Sicherheit verlockt zum Risiko“ (25), einem Risiko allerdings, das nicht integriert ist.
Wollen wir es schaffen, Kindern in Zukunft mehr an Gesundheit, mehr an Bildung, mehr an sozialem Verhalten und mehr Lebensfreude angedeihen zu lassen, haben wir Möglichkeiten, wie sie der Abenteuerspielplatz und ähnliche Einrichtungen in unvergleichlicher Weise zur Verfügung stellen, zu organisieren. (26) Niemand, der sich real mit diesem Konzept auseinander gesetzt hat, würde dessen Inhalten und Methoden widersprechen, wie dies auch bei anderen Ansätzen, die en vogue sind (etwa der Psychomotorik), nicht der Fall ist. Interessant auch ein Blick in die Matrix „Handreichung zur Entwicklung träger- und einrichtungsspezifischer Bildungskonzepte“ des nordrhein-westfälischen Ministeriums für Schule, Jugend und Kinder: Was hier unter den Bildungsbereichen Bewegung, Spielen und Gestalten/Medien, Sprache(n) sowie Natur und kulturelle Umwelt(en) auf hilfreiche Weise zusammengestellt wurde, könnte der Konzeption (bzw. der Dokumentation des Konzepts) eines Abenteuerspielplatzes entnommen worden sein. (27)
Perspektivisch betrachtet gehören die bestehenden Abenteuerspielplätze in ein Netzwerk mit den sich in „Richtung Ganztag“ entwickelnden Schulen, mit Tages- und anderen Einrichtungen. Darüber hinaus gehören Abenteuerspielplätze – wie in der Kommentierung der Bundesregierung im 10. Kinder- und Jugendbericht empfohlen (konsequenterweise: gefordert) – flächendeckend ausgeweitet, sei es nun als eigenständige Einrichtung oder aber auch – bei Eignung der vorhandenen Außenbereiche (etwa bisherige Schulhöfe) – durch ein konsequentes Umgestalten (und offizielles Umwidmen) zu derartigen Einrichtungen. Auch eine partielle Umstrukturierung ist vorstellbar.
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Anmerkungen
(1) Aus gegenwärtiger Sicht kommt allerdings dem Konstruieren (dem Konstruktionsspiel) auf Spielplätzen im Sinne von Bildung eine wesentliche Rolle zu.
(2) Meyers Großes Taschenlexikon in 24 Bänden. Mannheim/Leipzig/Wien/Ziirich, 4. Auflage 1992
(3) vgl. Der große Duden, Band 7 (Herkunftswörterbuch) und Band 10 (Bedeutungswörterbuch)
(4) Der Große Duden in 10 Bänden, Band 7 (Etymologie), Mannheim 1963
(5) Karl-Dieter Bünting Deutsches Wörterblich, Chur 1996
(6) ebenda
(7) Christoph Kock: Sehnsucht Abenteuer. S. 26, Berlin 1990
(8) Der bekannte Kindertherapeut Wolfgang Bergmann äußerte mir gegenüber in einem persönlichen Gespräch, Abenteuer im Erleben von Kindern habe etwas mit Unendlichkeit zu tun. Diese Definition deckt sich weitgehend mit der hier vertretenen (vgl. hierzu auch Arbeitsunterlagen des Sprecherrats im ABA Fachverband) KStA_Wilde_Spiele_01_00_Freiraum
(9) Elisabeth C. Grundier/Norbert Schäfer: Naturnahe Spiel- und Erlebnisräume, S. 17 ff., Neuwied, Krlel und Berlin 2000
(10) vgl. Kock, a.a.O., S. 36
(11) ebenda
(12) Der Begriff „Alltagserotik“ wurde vom inzwischen verstorbenen Vorstandsmitglied im ABA Fachverband, Carlo Hölscher, gern verwandt, wenn auf die ganzheitlich Bedeutung körperlicher Erfahrungen hingewiesen werden sollte, z.B. Regentropfen auf der Haut spüren.
(13) Eine Tour diverser nordrhein-westfälischer Spielmobile durch mehrere Städte im Mai 2003 stand unter dem trefflichen Motto: „Spielend die Welt entdecken!“
(14) vgl. A. Jean Ayres: Bausteine kindicher Entwicklung, Berlin und Heidelberg, 3. Auflage 1998, S. 103
(15) vgl. Eckhard Schiffer: Der Kleine Prinz in Las Vegas. Spielerische Intelligenz gegen Krankheit und Resignation. Weinheim und Berlin 1997
(16) vgl. Baldo Blinkert: Aktionsräume von Kindern in der Stadt. Pfaffenweiler 1996 (vgl. auch Freiburger Studie im ABA-Netz)
(17): Mitten hinein in den förmlichen Rausch der „Kinder-brauchen-Grenzen-Apostel“ – vor allem nach den teilweise kaum nachzuvollziehenden Exzessen des Bonner Therapeuten Michael Winterhoff – bereichert der Hamburger Journalist Uli Hauser die Diskussion auf erfreuliche Weise. Von ihm erschien das gelungene Buch „Eltern brauchen Grenzen – Lasst die Kinder Kinder sein!“ (München/Zürich, 2. Auflage 2009). Dort wird festgestellt, dass Kinder weder Tyrannen noch Problemfälle, weder Projekt noch Partnerersatz seien. Dass Kinder es gegenwärtig nicht leicht haben, verdeutlicht er unter anderem an den Beispielen Turboschule, Förderwahn und ängstlicher Eltern.
(18) Der Entwicklungspsychologe und Frühpädagoge Wassilios Fthenakis bereicherte in bester Absicht die Debatte um die Formulierung Kinder müssten „lernen zu lernen“. Diese fast schon zum geflügelten Wort gewordene Redensart war in der ersten Version dieses Beitrags ebenfalls zu finden. Unsere Position haben wir abweichend dazu mittlerweile revidiert: Kinder können gar nicht anders als lernen. „Lernen zu lernen“ drückt eher ein von Erwachsenen gewolltes Ziel aus und degradiert Kinder ein weiteres Mal in eine schlichte Objektrolle, in die eines Objekts, das geformt werden soll. Vor diesem Hintergrund sei die Änderung hier gestattet: Kindern wollen und sollen durchaus auch lernen. Allerdings: „Lernen zu lernen“ ist Quatsch auf gehobenem Niveau! Eine solche Position ist beispielsweise auch aus einem systemischen Blickwinkel heraus nicht haltbar.
(19) 10. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung (1998). Bericht über die Lebenssituation von Kindern und die Leistungen der Kindertten in Deutschland. Bonn 1998, S. 223
(20) 10. Kinder- und Jugendbericht, a.a.O., S. IX
(21) vgl. Landesverband der Abenteuerspielplätze und Kinderbauernhöfe Berlin (AKIB) und Bund der Jugendfarmen und Aktivspielplätze (Hrsg.): Angebots- und Leistungskatalogfür pädagogisch betreute Spielplätze. Berlin und Stuttgart 1998
(22) vgL Michael J. Gelb: Das Leonardo-Prinzip. Die sieben Schritte zum Erfolg. Köln 1998
(23) Siehe hierzu auch die Ausführungen von A. Jean Ayres, weiter oben im Text
(24) Walter Krämer/Gerald Machenthun: Die Panik-Macher. S. 150, München 2003
(25) Feix von Gube: Gefährliche Sicherheit München 199, zitiert in: Walter Krämer et al, a.a.O.,
S. 149
(26) Laut 11. Kinder- und Jugendbericht gibt es in Deutschland 425 Abenteuerspielplätze bzw. vergleichbare Einrichtungen. Angestellt sind dort 1.142 Hauptberufliche in Vollzeitstellen. Die Plätze befinden sich jeweils etwa zur Hälfte in freier und kommunaler Trägerschaft. Vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Elfter Kinder-und Jugendbericht – Bericht über die Lebenssituation junger Menschen und die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland. S. 137, Berlin 2002
(27) Ministerium für Schule, Jugend und Kinder des Landes NRW: Handreichung zur Entwicklung träger- und einrichtungsspezifischer Bildungskonzepte, Düsseldorf 2003, eingestellt in das Internet auf den Seiten des ABA Fachverbandes Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen e.V.
2003 – Überarbeitete Fassung vom 2. Juli 2009
Sind Abenteuerspielplätze noch zeitgemäß?
Von Antje Meyer
Diese Frage stellten sich Pädagogen und Pädagoginnen in den letzten Jahren immer wieder. Teils entstand die Frage aus der Unsicherheit über die Attraktivität und Aktualität des Angebots angesichts eines Auf und Ab bei den Kinderbesucherzahlen, andererseits sahen und sehen sich die Einrichtungen immer wieder von Seiten der Zuschussgeber bzw. Träger genötigt, ihre besondere Arbeit zu rechtfertigen.
In den Anfangsjahren haben pädagogische Fachleute im Rahmen ihrer Lehr- und Forschungstätigkeit Konzepte formuliert, die hohe Ansprüche an die Einrichtung ASP zum Ausdruck bringen, z.B.:
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Schottmeyer, Georg: Konzeption der „betreuten“ Spielplätze. Bonn 1973; |
Scheinbar banal klingt dann der Satz, unter dem Abenteuerspielplätze in der Öffentlichkeit bekannt wurden:
„Wo Verbieten verboten ist“
Abenteuerspielplätze als Raum ohne Verbote – damit wurde in den Anfangsjahren der ASP durchaus experimentiert. Erwachsene hielten sich in ihren Handlungen zurück, griffen nicht ein, betrachteten nur und überließen den Kindern und Jugendlichen Räume, Materialien und soziale Beziehungen in dem Vertrauen, in der Hoffnung und mit dem Ziel, dass diese bedürfnisorientiert, selbstständig und letztendlich solidarisch ihre Beziehungen und ihren Alltag organisieren und gestalten. Wie auch in der antiautoritären Kinderladenbewegung hat sich gezeigt, dass sich ohne pädagogische Einfühlnahme und Organisation von Prozessen auf der einen Seite individuelle Verlassenheitsgefühle und das Gefühl, dem anderen gleichgültig zu sein, einstellen, und auf der anderen Seite aggressive und gewalttätige, unterdrückende Gruppenprozesse überhandnehmen, da offensichtlich bei Kindern und Jugendlichen nicht natürlicherweise und ganz von alleine demokratische und sich gegenseitig achtende Beziehungen entstehen.
Abenteuerspielplätze als Raum, wo Verbote verboten sind
Diese Vorstellung führte dazu, die in den Anfangsjahren häufig anzutreffende Laisser-faire-Pädagogik auszuprobieren. „Sie kennzeichnet sich durch ein freies, ‚bedürfnisorientiertes‘ Gewährenlassen der Kinder, denen Material angeboten wird, die mit Betreuern Kontakte aufnehmen können, wo jedoch eine reflektierte Initiative der Betreuer durch eigene Spielangebote, Gruppenarbeit usw. kaum existiert. Eingegriffen wird nur, wenn ernste Konflikte zwischen den Kindern ausbrechen.“ (Dietrich von Hase, in: PädExtra 1974)
Und was ein ernster Konflikt ist, wird damit zutiefst subjektiv gedeutet, denn der Erwachsene bestimmt, wann es ernst wird. Diese Haltung, die m.E. dem Bedürfnis der Betreuer entgegenkommt, möglichst „wenig Stress“ zu haben, und leider zu einer Vorstellung führte, dass auf Abenteuerspielplätzen durchaus, wenn nicht sogar viel besser nichtpädagogisches, unausgebildetes Personal arbeiten könnte bzw. sollte, war lange Jahre Ursache für ein überaus negatives Bild der Abenteuerspielplatzarbeit. Hier soll nicht gesagt werden, dass mit Erwerb des pädagogischen Examens auch automatisch geeignete pädagogische Erfahrung für die Abenteuerspielplatzarbeit vorliegt, denn erfahrene und durch langjährige Arbeit auf den Plätzen routinierte Nichtpädagogen haben bis heute nicht unwesentlich eine Rolle für die Arbeit gespielt. Die Erfahrungen mit der Laisser-faire-Haltung haben aber gezeigt, dass diese eine ungeeignete Methode für die Pädagogik ist und eine bewusste pädagogische Planung und Haltung auch fundierte Kenntnisse und Fähigkeiten erfordert.
Erfahrungen und Reflexionen vor Ort
Ab Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre entstehen Konzeptionen, die die Erfahrungen vor Ort und ihre Reflexion durch die Betreuerinnen und Betreuer der Abenteuerspielplätze ausdrücken. Sie zeichnen sich durch ein hohes Maß an Reflexionsvermögen und theoretischer Fundierung pädagogischen Verhaltens und pädagogischer Zielsetzung aus. Die sorgfältige Analyse des Einzugsgebiets, der Stadtteilstrukturen, der familiären, sozialen, ökonomischen wie auch der soziokulturellen Bedingungen, die vorgefunden werden, ist die Basis für die Entwicklung der Konzepte und Handlungsentscheidungen vor Ort. Diese werden formuliert auf der Basis der Spielpädagogik und abgesichert durch Forschungsergebnisse aus Pädagogik, Psychologie, Soziologie und Politikwissenschaft. Aus der Analyse gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen wie der besonderen Bedingungen der Stadtteile und den Beobachtungen des Verhaltens der Kinder entwickelten Abenteuerspielplatz-Pädagoginnen und -Pädagogen Zielsetzungen für ihre Arbeit:
„Im Sinne eines umfassenden Zieles der ‚Spielpädagogik‘ muss der ASP dazu beitragen, den Kindern Fähigkeiten zu vermitteln, an der Bewältigung und Veränderung ihrer Lebenssituation eigenständig mitwirken zu können, d.h. die Kinder müssen handlungsfähig gemacht werden, um ihre eigene Lebenssituation in Elternhaus, Schule und Freizeit zu verändern, ihre Umwelt ihrem objektiven Bedürfnis nach mitzugestalten, Probleme realitätsgerecht zu lösen und sich aus einseitigen Abhängigkeitsverhältnissen zu lösen.“ (Material 14a, herausgegeben vom Verband Hamburger Spielplatzinitiativen e.V. 1978, S. 51).
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„Ein Ziel der hier vertretenen ASP-Konzeption, das sich primär auf das Individuum bezieht, ist die Förderung von Selbstvertrauen (…), Kinder fähig werden, |
Die genannten Fähigkeiten Rollenhinterfragung, solidarisches Verhalten, selbstbewusstes, veränderndes Verhalten, gesellschaftliches Bewusstsein sollen auf den Abenteuerspielplätzen in gemeinsamen Interaktionen entwickelt werden. So entstand ein „Katalog“ an für jeden Platz empfohlenen Grundeinrichtungen oder -angeboten.
Dazu gehörten die Platzversammlung, eine von Kindern gemachte „Baui-Zeitung“, regelmäßige Organisation von Festen zusammen mit den Kindern und Eltern, gemeinsame Reisen, selbstverständlich in Verantwortung der Kinder und Jugendlichen, die selbstverantwortliche Materialausgabe und vieles mehr.
Wo Verbieten erlaubt ist
Eigentlich müsste der Slogan „Wo Verbieten verboten ist“, unter dem Abenteuerspielplätze nicht zuletzt ihre Verbreitung fanden, modifiziert werden in „Wo Verbieten erlaubt ist“, erlaubt von den Kindern. Denn die Praxis der 80er Jahre bis heute hat gerade auf die Eigenverantwortlichkeit und Selbsttätigkeit der Kinder und Jugendlichen, ihre Beziehungen und Prozesse zu organisieren, großen Wert gelegt und entsprechende Regeln und pädagogische Methoden entwickelt, diese Fähigkeiten einzuüben.
„1. Förderung des einzelnen Kindes: Entwicklung seiner Spiel- und Handlungsfähigkeit, Hilfe beim Erkennen und Äußern der eigenen Bedürfnisse (…).
2. Förderung von Gruppenverhalten: durch das gemeinsame Spielen, sich auseinandersetzen zu müssen mit den Fähigkeiten und Bedürfnissen der anderen Kinder und Betreuer, Konflikte zu lösen, ohne dabei andere zu unterdrücken (…).
3. Den Kindern ihre Umwelt durchschaubar machen: Sie Zusammenhänge entdecken zu lassen und ihnen dabei zu helfen, sich in ihrer Umwelt zu orientieren, ist das Ziel vieler Spielaktionen in und außerhalb des Spielplatzes (…).“ (Der Platz Nr. 2, Beiträge zum Thema Aktivspielplatz, herausgegeben vom Verband Hamburger Spielplatzinitiativen e.V., Hamburg 1976, S. 7 f.)
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„Um vielfältige Spielaktivitäten aus der Situation heraus entwickeln zu können, sollten kurzfristig folgende Bedingungen auf dem ASP hergestellt werden: |
Was ist ein Abenteuerspielplatz?
Seit Bestehen der Abenteuerspielplätze haben die jeweiligen Teams der ASP einen Teil ihrer Arbeit und Verantwortung darin gesehen, ihre Arbeit zu dokumentieren und der Öffentlichkeit darzustellen. Viele, entsprechend den unterschiedlichen Einzugsgebieten verschiedene Konzeptionen entstanden so auf der Basis einer Grundstruktur Abenteuerspielplatz.
Die Grundstruktur der Abenteuerspielplatzarbeit ist gekennzeichnet durch die vier Schlagworte:
– Veränderbarkeit
– Freiwilligkeit
– Vielfältigkeit
– Offenheit.
„1. Wenn der ASP ein Milieu für emanzipatorisches Lernen sein will, ist er ständigen Veränderungen unterworfen.
2. Wenn der ASP zu einem integralen Bestandteil im Leben der Kinder werden will, muss sich sein Angebot verändern, seine Struktur u.a. sich dem Entwicklungsprozess der Kinder anpassen.
3. Wenn der ASP dem Anspruch nachkommen will, für die Lebensrealität der Kinder von Bedeutung werden zu wollen, muss er seine Ziele und deren Umsetzungsarten ständig prüfen und revidieren. (…). (Material 14a, S. 61)
Die Merkmale Offenheit, Vielfältigkeit, Veränderbarkeit und Freiwilligkeit bestimmen sowohl die Gestaltung des Angebotes, des Alltages und der Beziehungen wie auch das Verhalten der Betreuer, bestimmen also die Fähigkeiten, die eine pädagogische Fachkraft auf dem Abenteuerspielplatz haben muss.
OFFENHEIT – Die MitarbeiterInnen sollen fähig sein, die offene Situation, den offenen Raum, die offenen Angebote, eine offene Atmosphäre herzustellen und zu strukturieren. Sie müssen fähig sein, eigenes Verhalten offen zu legen, aber auch neue Dinge den Kindern zu eröffnen.
FREIWILLIGKEIT – Die MitarbeiterInnen sollen fähig sein, mit Angeboten, der Atmosphäre und eigenem Verhalten Attraktivität herzustellen, die Kinder zum Kommen animiert.
VERÄNDERBARKEIT – Die MitarbeiterInnen sollen fähig sein, Neues und Anderes flexibel und offen zu handhaben und mit den Kindern Veränderung in die Einrichtung zu bringen. Dazu gehört auch die Fähigkeit, die eigene Persönlichkeit der Veränderung auszusetzen.
VIELFÄLTIGKEIT – Die MitarbeiterInnen sollen bei jedem Angebot, beim Abenteuerspielplatz im ganzen und bei sich selbst Vielfältigkeit entdecken und zulassen.
Was muss einE AbenteuerspielplatzmitarbeiterIn können?
Anforderungen:
a) Fähigkeit zum Gespräch mit Kindern
b) Fähigkeit zur Entwicklung von „Vertrauen“ bei Kindern und Eltern
c) Fähigkeit zur Beratung in Konflikt- und Problemfällen
d) Fähigkeit zur Anregung zu Spiel, zu Unternehmungen, zur „sinnvollen Freizeitgestaltung“, zum Bauen, Werken, Theaterspielen, zur Festgestaltung, zu Verhaltensalternativen
e) Fähigkeit zur Werkzeugausgabe, handwerklichen Anregungen und Hilfe
f) Fähigkeit zur Organisation des Platzes, zur Materialbeschaffung
g) Fähigkeit zur Entwicklung und Diskussion von Regeln mit den Kindern
h) Fähigkeit zur Einbeziehung der Kinder in die Organisation des Platzes, in die Fähigkeit der Antragstellung, des Telefonierens mit Institutionen, die Fähigkeit zur kollektiven Selbstverwaltung
i) Fähigkeit zum Erkennen der und Eingehen auf die Bedürfnisse der Kinder
j) Fähigkeit zur Tierpflege und zum pädagogischen Umgang mit Kindern in Bezug auf Tiere
k) Fähigkeit zur Entwicklung von Ferienprogrammen
l) Fähigkeit zur Kooperation mit den übrigen Mitarbeitern
m) Fähigkeit zur Praktikantenanleitung
n) Fähigkeit zur eigenen Weiterbildung
o) Fähigkeit zum Kontakthalten mit den Eltern
p) Fähigkeit zur Zusammenarbeit mit anderen ASP und mit anderen Institutionen und Trägern
q) Fähigkeit zur Ersten Hilfe
r) Fähigkeit zur Analyse des Einzugsgebietes
s) Fähigkeit zur Konzeptentwicklung
t) Fähigkeit zur Verbindung von Theorie und Praxis
u) Fähigkeit zur Reflexion und Evaluation der eigenen Arbeit
v) Flexibilität; Fähigkeit, situationsadäquat zu handeln.
Kompetenzen
– Kompetenz zur „praktischen“ Interaktion mit Kindern, Jugendlichen und Eltern (Erwachsenen) in offener Situation (a, b, c, d, i, j, o, q, t, v)
– Kompetenz zur Vermittlung von Inhalten (didaktische Kompetenzen) in offener und halboffener Situation (e, h, j, m, n)
– Kompetenz zur Administration einer Einrichtung der offenen Arbeit mit Kindern (f, g, h, l, o, p)
– Kompetenz zur theoretischen Entwicklung von Konzepten für offene Arbeit mit Kindern (k, r, s, t)
– Kompetenz zur wissenschaftlichen Begleitung (eigener) Offener Arbeit mit Kindern (u)
(aus: Fromme, Johannes u.a.: Aktivspielplätze im Selbstverständnis der Mitarbeiter. Hrsg. von der Landesarbeitsgemeinschaft Abenteuer-, Bau- und Aktivspielplätze (LAG ABA) NRW e.V., Bielefeld/Wuppertal 1984, S. 216 f.)
1992 – Brauchen wir noch Abenteuerspielplätze?
Die Abenteuerspielplätze der 60/70er Jahre begründeten ihre Arbeit und Existenz vor allem aus der Feindlichkeit der städtischen Umgebung des Kindes, die eine allseitige Entwicklung der Persönlichkeit nicht zulässt, sondern Kinder zwingt, sich ruhig zu verhalten, kontrolliert und diszipliniert, leistungsorientiert und angepasst. Abenteuerspielplätze wollten Freiräume schaffen, freie Räume zum Toben und Lautsein, zum Ausleben natürlicher Bedürfnisse, aber auch Freiräume, anderes Verhalten auszuprobieren, aufzumucken, kreativ, solidarisch und erfinderisch zu sein. Abenteuerspielplätze hatten die Vorstellung, Menschen Zugang zu Erlebnissen und Handlungen, zu Fertigkeiten und Fähigkeiten zu ermöglichen, die sie dazu befähigen sollten, die Zukunft positiv zu gestalten.
„Wir müssen den Kindern und Jugendlichen Informationen und Kenntnisse vermitteln, die es ihnen ermöglichen, gegen die vielfältigen Bedrohungen des Lebens auf dieser Welt und für ihre eigene Zukunft zu kämpfen.“ (Ein Abenteuerspielplatz für St. Pauli Süd, Hamburg 1982, S. 77).
Die Abenteuerspielplätze der 80er Jahre haben diesen Aspekt des „Prinzips Hoffnung“ niemals vergessen. Angesichts der immer klarer werdenden Feindlichkeit der Umwelt nicht nur für Kinder, sondern auch für die Erwachsenen selber, haben ökologisches und politisches Bewusstsein noch größeres Gewicht für die Arbeit erhalten. Die großen ökonomischen Einbrüche der 80er Jahre und ihre direkten Auswirkungen auf die Familien und damit auf die Kinder hob in diesen Jahren den Aspekt der Gemeinwesenarbeit einerseits und der Hilfe und Stabilisierung des einzelnen Kindes andererseits besonders hervor. Nur Spielen und Bauen auf dem Abenteuerspielplatz – das allein geht nicht mehr. Eltern, Jugendliche und Kinder wollen Antworten, Hilfen und Unterstützung bei ihren täglichen Problemen. In vielen Einrichtungen entstanden Jungen- und Mädchengruppen; MitarbeiterInnen mussten sich fortbilden in Bereichen wie sexueller Missbrauch, Drogen, Arbeitsförderungsmaßnahmen, Aggression und Gewalt bei Schulkindern, Rassismus und Ausländerfeindlichkeit, neonazistische Gruppen, Medienmissbrauch, Datenverarbeitung usw. Diese „neuen“ Themen waren der Ausdruck des sehr schnellen gesellschaftlichen Wandels, der am Ende der 80er Jahre festgestellt werden konnte und unter dem Begriff „Risikogesellschaft“ beschrieben wird.
Kindheit heute
Am Ende des 20. Jahrhunderts sehen wir einem Verschwinden der Kindheit zu. Der „Schonraum“ Kindheit, in dem die Kinder von den Problemen, Nöten und Erfordernissen der Erwachsenenwelt ferngehalten werden sollten, existiert nahezu nicht mehr. Die Auswirkungen sozialer und ökonomischer Benachteiligung, Ausgrenzung und Not erfahren Kinder heute ganz direkt selbst. Die Konsum- und Medienvielfalt setzt Kinder ökonomisch mit Erwachsenen auf die gleiche Stufe: Sie sind alle Konsumenten. Die Zugänglichkeit der Medien macht den Unterschied zwischen Kind und Erwachsenem, der im Beherrschen von Fähigkeiten und dem Vergnügen über Wissen bestand, verschwindend klein. Die ökologischen Probleme und die daraus entstehenden Gegenwarts- und Zukunftsängste treffen Kinder besonders stark. Denn die Antworten der Erwachsenen bleiben aus, da keine befriedigenden positiven Definitionen der Zukunft und die dafür geeigneten Bewältigungsstrategien bestehen.
Die Veränderung sozialer Beziehungen verlangt vom Kind ein hohes Maß an Selbstständigkeit, Eigenkontrolle und Einsicht. Auch darin unterscheidet sich Kindheit heute von Kindheit früher, Kinder dürfen nicht mehr unvollkommen, unlogisch, impulsiv, naiv-kindlich sein. Sie sind nicht nur in ihrer physischen Bewegungsfreiheit eingeschränkt, sondern auch in ihrer psychischen. Die Unsicherheit in Lebenssinn und -zweck, die Angst und Ungewissheit vor der Zukunft, das Fehlen von Lebensorientierungen bei gleichzeitigem Verlust von stabilen persönlichen Beziehungen schlägt sich im privaten, im psychischen und psychosomatischen Bereich, schlägt sich in der Entwicklung der Persönlichkeit der Kinder nieder. Aggressivität gegen sich selbst, gegen andere und Sachen nehmen zu; Resignation, Depression, Langeweile, Verlust des Selbstwertgefühls, der Motivation; Gleichgültigkeit gegen sich und andere sind durchaus bekannte Verhaltensweisen von Kindern und Jugendlichen. Die Möglichkeiten für Kinder, sich Umwelt anzueignen, sind durch räumliche, organisatorische, rechtliche, medizinische und ökonomische Erfordernisse eingeschränkt. Dazu kommt noch die Einschränkung, die mit der Art und Weise des massenhaften Medienkonsums einhergeht. Dabei fällt die eigene Tätigkeit als Grundlage der Persönlichkeitsentwicklung und das Agieren mit Menschen in sozialen Beziehungen weg. Kindheit verlängert sich einerseits durch längeren Schulbesuch, längeres Versorgtwerden und die Bemühungen um „optimale“ Förderung. Andererseits verlieren Kinder ihren kindlichen Freiraum, einen Schonraum, in dem sie ihr Kindsein unbelastet von den Einschränkungen der Gegenwart und den Schrecknissen der Zukunft ausagieren können.
Die Abenteuerspielplätze haben in Erkenntnis dieser Lage heutiger Kindheit ihre Konzeptionen verändert. Schon immer haben sie mit ihren Angeboten gegen die eingeschränkten Bewegungsmöglichkeiten für Kinder in der Großstadt Freiräume erhalten und erobern wollen. Dies ist auch heute noch so. Doch die Arbeit auf der Beziehungsebene, das Schaffen von sozialen Beziehungen, Verbindlichkeiten, persönlichen, warmen Erlebnissen, von kollektiven Erlebnissen hat großen Raum eingenommen. Die Mitarbeiterinnen sind häufig Ersatz für Familie, für feste und vertrauensvolle, unantastbare persönliche Beziehungen, Beziehungen, die jeder Mensch für seine befriedigende persönliche Entwicklung braucht. Daher ist die Kontinuität in den Personen auch so wichtig für unsere Arbeit. Daher sind auch Räume zum Zurückziehen so wichtig, für Gespräche und Gruppenarbeit. Darum sind auch Ferienfahrten und das gemeinsame Essen so wichtig.
Abenteuerspielplätze haben Antworten auf die widersprüchlichen Bedingungen und Verhältnisse von Kindheit heute. Als einem Bereich der Sozialisation kommt den Abenteuerspielplätzen eine große Bedeutung bei der Vermittlung von Welt- und Wirklichkeitserfahrung und bei der Bewältigung von Kindheit zu. Abenteuerspielplätze bieten Raum zur Rückeroberung von Kindheit.
Abenteuerspielplatzarbeit heute
Die Arbeit auf dem Abenteuerspielplatz, der tägliche Ablauf und die Probleme haben sich im Laufe der Jahre verändert. Die gesellschaftliche Entwicklung seit Ende der 70er Jahre hat Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot, Obdachlosigkeit, Abhängigkeit von öffentlicher Fürsorge bei gleichzeitigem erschwerten Zugang dazu, Ausländerfeindlichkeit und Konflikte zwischen gesellschaftlichen Gruppen, Ausgrenzung von „Randgruppen“, Neonazismus usw. rapide ansteigen lassen.
Die Kinder in der heutigen Gesellschaft befinden sich in schwierigen, ihnen feindlich gegenüberstehenden Lebenszusammenhängen, die Probleme hervorbringen, auf die pädagogische Einrichtungen Antworten finden müssen. Diese äußeren Einflüsse wirken auch auf unsere Einrichtungen und haben die pädagogischen Zielsetzungen und Konzepte verändert. Neben den klassischen Abenteuerspielplatzangeboten Feuer, Hüttenbau, Werkstätten, Tiere usw. übernehmen Abenteuerspielplätze heute weit mehr Funktionen für die Kinder und ihre Eltern. Die Abenteuerspielplätze, die ja als Einrichtungen aus dem Stadtteil entstanden sind, haben immer schon eine wichtige Bedeutung für die Bewohner des Stadtteils gehabt. Sie sind nicht nur der Spielort der Kinder von sechs bis vierzehn Jahren, sondern auch häufig „Hort“ für die kleineren Geschwister, Treffpunkt für die jungen Mütter mit ihren Babys, die sich zur Mutter-Kind-Gruppe treffen, der Väter, die auch mal eine Sandkiste bauen, der Jugendlichen, die auf dem Platz „herumlungern“, weil sie – obwohl aus dem Abenteuerspielplatz herausgewachsen – keine Jugendeinrichtung am Ort besuchen können oder wollen. Die Mitarbeiterteams leisten auch einen sehr großen Teil informeller Beratung zu allen alltäglich auftretenden Fragen und Konflikten mit den Ämtern.
Viele Abenteuerspielplätze führen zum Beispiel auch intensive Schülerarbeit durch. Das heißt nicht nur Aufsicht und Hilfe bei den Schularbeiten, sondern auch kostenlose Nachhilfe, Einübung und Kontrolle des regelmäßigen Schulbesuchs, Gespräche mit den Lehrern und Intervention bei Konflikten mit der Schule. Für viele Kinder ist diese Betreuung die einzige Hilfe zur Verhinderung des Absturzes aus der Schule.
Auch die spezielle Arbeit mit Mädchen ist in den Abenteuerspielplatz-Konzeptionen verankert. Abenteuerspielplätze sind aufgrund ihrer Angebote v.a. Jungen-Domänen. Durch die Stärkung der Mädchen sollen auch sie sich die Einrichtung Abenteuerspielplatz erobern. So gibt es etwa Mädchengruppenarbeit, aber auch Jungenarbeit, um ein verändertes Verhalten miteinander zu erlernen.
Die pädagogischen Teams werden auf den Abenteuerspielplätzen auch mit Problemen konfrontiert wie Gewalt gegen Kinder, sexuellem Missbrauch, Weglaufen von Zuhause, Stehlen und Kinderprostitution. Diesen Problemen gehen sie nicht aus dem Wege, sondern greifen ein, helfen, beraten und leiten weiter. Dies ist nur möglich aufgrund des großen Vertrauens zwischen Kindern, Jugendlichen und Eltern gegenüber den Betreuern, denen unabhängiges und unbürokratisches, individuelles und flexibles Handeln möglich ist.
Es genügt bei weitem nicht mehr, ein Gelände mit Werkzeug zur Verfügung zu haben, damit Kinder dieses für ihre Freizeit nutzen. Die Kinder müssen häufig erst wieder lernen zu spielen. Wir helfen ihnen dabei, ihre Kindheit wieder zu erobern. Sie lernen, Spaß daran zu haben, etwas selbst zu bauen und nicht fertig zu kaufen; sie lernen, miteinander zu spielen, zu sprechen, zu singen, lesen, malen und Theater zu spielen anstatt nur bewegliche Bilder passiv aufzunehmen; sie lernen z.B., sich in Gruppen ihrer Rolle bewusst zu werden, Solidarität zu üben und sich gegenseitig zu stärken; sie lernen, ihre Umwelt bewusst wahrzunehmen und damit ökologisch umzugehen, wenn wir einen Garten anlegen oder Vollwertkost kochen; sie lernen, sich und ihre Interessen auszudrücken und durchzusetzen, wenn wir Platzversammlungen durchführen; Kinder verschiedener Nationalitäten spielen zusammen, sie lernen gesellschaftliche Zusammenhänge kennen, wenn wir z.B. mit ihnen über Neonazis sprechen; sie lernen Verantwortung zu übernehmen, wenn sie bei der Planung der Fahrten und Feste Aufgaben übernehmen.
Abenteuerspielplätze heute – das bedeutet eine Vielfalt und Breite an Angeboten und pädagogischen Schwerpunkten, die versuchen, einen Umgang zu finden mit vielschichtigen Problemen des Stadtteils. Diese Situation im Stadtteil, die Bedürfnisse der Bewohner und Platzbesucher, die Möglichkeiten des Vereins, die Schwerpunktsetzung der Kolleginnen und Kollegen vor Ort: Das bestimmt die Arbeit des jeweiligen Abenteuerspielplatzes.
Gemeinsam ist allen Abenteuerspielplätzen nach wie vor, Kindern Platz zur freien Entfaltung und Aneignung der Umwelt zu geben, ihnen die gesellschaftlichen Zusammenhänge bewusst zu machen und ihnen dabei zu helfen, darin ihren Platz zu finden, sie für die Natur und die ökologischen Zusammenhänge zu sensibilisieren, ihnen Möglichkeiten zu geben, solidarisch und freundschaftlich miteinander umzugehen und bei Auseinandersetzungen alternative Verhaltensweisen zu benutzen, selbstständiges und eigenverantwortliches Handeln einzuüben, gemeinsam zu spielen und Spaß zu haben. (aus: DIE BROSCHÜRE. Dokumentation der Arbeit Hamburger Abenteuerspielplätze, hrsg. vom Verband Hamburger Spielplatzinitiativen e.V., Hamburg 1990, S. 12, 13, 16.)
Abenteuerspielplätze im Jahr 2000
Abenteuerspielplätze haben sich traditionell an Kinder und Familien gerichtet, die als sozial schwach, randständig oder im Brennpunkt lebend beschrieben wurden oder werden. Die gesellschaftlichen Entwicklungen, die die Gegensätze von arm und reich wieder sehr verschärft haben, haben nicht dazu beigetragen, dass die Zielgruppen sich verändern. Abenteuerspielplätze erfahren sogar eher eine zunehmende und verschärfte Marginalisierung in den Einzugsgebieten. In den 70er Jahren entstanden vor allem in neubebauten Gebieten, in denen ein Abenteuerspielplatz neu gestaltet werden konnte, die ersten Initiativen. Dass diese zu sozialen Brennpunkten geworden sind, liegt an der Art der Bebauung. In Stadtteilen, in denen sich das Sozialgefüge stabilisiert hat (man rechnet dafür den Zeitraum, in dem eine Generation heranwächst), standen nur kleine Flächen zur Verfügung. Trotzdem konnten sich in vielen, sehr verschiedenen Hamburger Stadtteilen Initiativen durchsetzen und ihre Einrichtungen, bei vielen bereits seit 20 Jahren, betreiben.
In Hamburg verändern sich in den letzten zwei, drei Jahren die Stadtteile ganz rapide. Auch bisher für „Normal-“ bzw. Besserverdienende unattraktive Straßen und Stadtteile fallen in die Begehrlichkeit von Immobilien- und Sanierungsfirmen. Die massenhafte Umwandlung von Mietwohnungen in Eigentums- oder Luxuswohnungen hat die Zusammensetzung der Wohnbevölkerung verändert. Immer mehr gutverdienende, durchschnittlich 30 – 40-Jährige ohne oder mit nur einem Kind drängen in diese umgewandelten Stadtgebiete. Ihre Vorstellungen von einer optimalen Kindererziehung und die Erwartungen an die entsprechenden Angebote und Einrichtungen der Stadt und des Einzugsgebietes sind ganz andere als die in den meisten ASP-Konzeptionen formulierten. Die folgenden Ausführungen sind mehreren Gesprächen zu verdanken, die ich mit Christa Stamer-Heyer vom Aktivspielplatz Hamburger Straße führte, einer Einrichtung, die im stark umgewandelten Stadtteil Winterhude liegt.
Die Eltern haben genaue Vorstellungen über die Möglichkeiten, die ihr Kind haben muss, gehen dafür auch hohe finanzielle und zeitliche Belastungen ein bzw. sind dazu in der Lage. Sie erwarten z.B. vom Abenteuerspielplatz ein nahtloses Funktionieren bzw. Einreihen in das Ziel, das Kind zu einer erfolgreichen, allseits ausgebildeten, durchsetzungsfähigen Einzelpersönlichkeit zu machen – und das übrigens ohne Elterninitiative für den Verein aufzubringen. Wir sehen uns heute einer Kindheit gegenüber, die im Vergleich zu den Möglichkeiten von Kindern vor 20 Jahren luxuriös, üppig bestückt, umfassend versorgt, geradezu erdrückend gut ausgestattet ist. Mit Kindheiten, die nicht so gestaltet sind, armen Kindern, Flüchtlingskindern, behinderten Kindern, finden keine Berührungen mehr statt. Nicht nur, dass die Kinderzimmer voll mit Spielzeug sind, auch die Tagesabläufe der Kinder sind randvoll mit Angeboten, die sie wahrnehmen können und sollen. Programme werden von den Eltern ausgewählt. Der Abenteuerspielplatz wird für ein, zwei Stunden pro Woche in dieses Programm eingereiht. Spätestens hier kollidieren pädagogisches Konzept und Zielsetzung mit täglicher Praxis und Elternanforderung.
Wer nun glaubte, der Abenteuerspielplatz mit seinen Angeboten der emanzipatorischen Spielpädagogik, der Zielsetzungen, Kindern gesellschaftliche Zusammenhänge bewusst zu machen, Rollen zu hinterfragen und Verhalten zu erproben, Gemeinschaft und solidarisches Verhalten zu erlernen, Umwelt zu verändern und ökologisches Bewusstsein zu erlangen, sei für diese „überversorgten“ Kinder ohne Belang, irrt. Abenteuerspielplatz wird im Zusammenhang mit der neuen, verwerteten, „entfremdeten“ Kindheit wichtiger denn je. Nicht nur, dass der offene Rahmen, das Außengelände, das Ausgesetztsein gegenüber den „Naturgewalten“ (damit ist Kälte, Wind und Regen gemeint), die „altmodischen“ Materialien, Schmutz, provisorische Bauten usw. Erlebnisse zulassen, die immer mehr im Stadtleben und besonders im Leben von Kindern, die einen hohen Lebensstandard gewohnt sind, unmöglich werden. Nicht nur, dass die Gruppenerlebnisse Freundschaften und Feindschaften möglich machen, die vielfältig und beweglich sind und sich von den bereits gesiebten Zusammensetzungen z.B. in der Schule unterscheiden. Für viele Kinder ist der ASP der einzige Ort, wo sie Kinder, die aus anderen sozialen Zusammenhängen kommen, kennen lernen können. ASP führt Menschen und Nationen zusammen. Er ermöglicht Begegnung und Auseinandersetzung. Die Einrichtung in der Averhoffstraße hatte aufgrund des gestiegenen Lebensstandards der Bewohner der Umgebung Kinder aus 12 Nationen, Kinder jedoch, die entgegen der sonstigen Kategorien in der Sozialarbeit nicht aus benachteiligten oder armen Familien kommen, sondern einen hohen Lebensstandard kennen. Gleichzeitig sind die Kinder der wenigen verbliebenen deutschen Familien unteren Einkommens mit diesen Kindern und den „neuen“ Kindern auf dem Platz zusammen.
Die Anforderungen, denen die Kinder über den Tag ausgesetzt sind, sind in den letzten Jahren merklich gestiegen. Schule, Hausaufgaben, Förderunterricht, Neigungskurse – alles, was gut ist, wird dem Kind angetan. ASP ist ein Ort, an dem sich Kinder zurückziehen können, zurückziehen aus den Anforderungen von Schule, Kursen, Eltern. Die Formulierung: „Der ASP ist ein Freiraum“ gewinnt unter diesem Aspekt eine neue Bedeutung: Freisein von der Notwendigkeit zu produzieren, auf ein Ziel, auf Verwertbarkeit hin zu agieren. Beziehungen werden um der Beziehung willen eingegangen und nicht, weil es sich um den Kursleiter handelt oder den Kursteilnehmer. Hier kann man sich mal ausspannen und nichts tun – wenn auch dieses Verhalten für die Pädagogen schwer aushaltbar ist. ASP macht möglich, Qualität von Zeit, von Raum und Nähe zu erfahren und auszuleben. Das heißt jedoch nicht, dass ASP seine Funktion nur auf ein Da-sein beschränkt. Sicherlich spielt dies auch eine große Rolle. Auf dem ASP ist immer jemand da: Dies ist ja in den Familien nicht mehr selbstverständlich. Wenn keine Geschwister da sind, gibt der ASP die Möglichkeit, Spielkameraden zu treffen. Auf der Straße findet man die nicht mehr. Aber der ASP und seine Regeln lehrt auch, Situationen auszuhalten, zu gestalten und zu verändern, ohne auszugrenzen und sich zu entziehen. Aus den Zusammenhängen Schule usw. ist bekannt, dass Störungen des Ablaufs und der Effektivität möglichst schnell beseitigt werden. Solche Störungen sind oft auch störende Kinder, aggressive Kinder, Kinder, die nicht mitkommen. Diese Kinder werden auf dem ASP bewusst nicht ausgegrenzt. Der ASP hilft dabei, sich auseinandersetzen zu lernen, andere Sichtweisen und Verhaltensweisen zu akzeptieren, gemeinsam Kompromisse zu finden. Angesichts der Gewalttätigkeiten und rassistischen Übergriffe liegt gerade hier die präventive Kraft der Abenteuerspielplatzarbeit.
Vorstehender Beitrag stand in: DER NAGEL 55/1993. Ins Internet gestellt wurde er im August 2002.
Die Autorin Antje Meyer war seinerzeit als Referentin beim Verband Hamburger Spielplatzinitiativen (heute: Verband Kinder- und Jugendarbeit Hamburg) beschäftigt und ist mittlerweile als Lehrerin im Schuldienst tätig.
Der Betreute Spielplatz – Pädagogisches Relikt, zeitgemäßer Spielraum oder unverzichtbarer Lebensraum für Kinder?
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Von Georg Schottmayer 1 Der Betreute Spielplatz (1) ist heute vertrauter Bestandteil unserer Alltagswelt, wenn er auch nicht von allen geschätzt und in den letzten Jahren durchaus kontrovers beurteilt wird. Gerümpel-, Robinson-, Bau-, Abenteuer- und Aktivspielplätze gibt es seit einem halben Jahrhundert (2); die deutschen Plätze können auf eine mehr als 20-jährige Geschichte (3) zurückblicken. (4) Der Betreute Spielplatz ist im Bewusstsein jedes leidlich aufgeschlossenen Bürgers, er gehört zum Standardrepertoire der Stadt- und Grünplaner, ist Thema in der Ausbildung von Gemeinwesenarbeitern und Sozialpädagogen und ist mit einschlägigen Veröffentlichungen in sozialwissenschaftlichen und pädagogischen Büchereien vertreten. Dies ist weder zufällig noch selbstverständlich.
2 Konzeptioneller Bestandteil der pädagogischen Arbeit auf Betreuten Spielplätzen ist der persönliche Kontakt zwischen Betreuern und Kindern (vgl. hierzu die Tabelle Pädagogisches Konzept des Betreuten Spielplatzes aus dem Jahre 1973). (11) Individuelle Interaktionsmuster zwischen Betreuern und den Kindern der „Stammgruppen“ sowie eine persönliche, den Platzbetrieb bestimmende Atmosphäre waren von Anbeginn an Charakteristikum Betreuter Spielplätze. In einer Beschreibung dänischer Bauspielplätze aus den Jahren 1969 und 1970 heißt es: „Nicht selten nutzen sie (Anm.: die Kinder) den persönlichen Kontakt mit Freizeitpädagogen, um Sorgen und Nöte zu besprechen, für die andere Erwachsene keine Aufmerksamkeit haben.“ (12) Die Betreuer waren immer schon für die regelmäßig anwesenden Kinder Bezugspersonen und Hauptmotiv, den Spielplatz aufzusuchen. Das galt ebenfalls immer schon besonders für solche Kinder, „die von den Familien schlecht betreut werden, und die nicht in die Familien integriert sind.“ Aufgabe der Spielplätze war dementsprechend immer auch die „Kompensation von Mängeln der familialen Betreuung.“ (13) Es folgert geradezu zwangsläufig aus dem Konzept der Betreuten Spielplätze, dass Veränderungen in den Betreuungsleistungen der Familie und im innerfamilialen Verhältnis von Erwachsenen und Kindern, wie sie in der Gegenwart zu verzeichnen sind und Bedingungen des Wandels von Kindheit ausmachen, von erheblichem Einfluss auf die Arbeit der Betreuten Spielplätze sind. 3 In das Selbstverständnis Betreuter Spielplätze ist der Umgang von Kindern mit Altersgleichen, Betreuern und anderen Platzbesuchern eingeschlossen. In einem Bericht über dänische Bauspielplätze aus den Jahren 1969/70 heißt es: „Die Bauspielplatzarbeit intendiert die Förderung von sozialen Verhaltensweisen … und von Gruppensolidarität.“ – „Das Zusammensein in Gruppen und mit Erwachsenen (Anm.: Betreuern und begleitenden Eltern) überwiegt bei weitem; Aktivitäten einzelner Kinder sind von geringerer Bedeutung.“ Demselben Bericht ist zu entnehmen, dass Gruppen- und kollektive Aktivitäten 72 Prozent der auf mehreren Plätzen beobachteten Aktivitäten ausmachten. (25) Offenbar war der Bedarf an sozialen Erfahrungen und Verhaltensweisen bereits in der Anfangszeit der Plätze vordringlich. Als Bedingungen hierfür wurden die Sozialisationsdefizite der Kleinfamilie (Privatismus, Rückgang verwandtschaftlicher und nachbarschaftlicher Netzwerke), die Ausgliederung des Kindes aus dem Leben der Erwachsenen, sein Leben in altershomogenen Gruppen (Kindertagesstätte, Schule), die Förderung von Konkurrenz und Rivalität durch die Schule, die gesellschaftliche Unterbewertung sozialen Verhaltens (Ellenbogenmentalität) u.a. für Kindheit insgesamt geltende Einflüsse erkannt, die sich in den zwei Jahrzehnten des Bestehens der Plätze erheblich verstärkt haben. 4 Der Betreute Spielplatz verdankt seine Entstehung dem pädagogischen Ziel, dem Kind Raum zur freien Entfaltung, zur Eigenerfahrung und zur Aneignung von Umwelt zu bieten. Über die Förderung sinnlicher Erfahrung mit der gegenständlichen Welt, von Körperwahrnehmung, Bewegungserfahrung und Handlungsfähigkeit sollen grundlegende Beiträge zur geistigen, seelischen und körperlichen Entwicklung erbracht werden. Wirklichkeitserfahrung soll unmittelbare Erfahrung sein und auf Eigentätigkeit beruhen: im Spiel sollen Kinder etwas selber machen, forschen, probieren, entdecken, erfinden und Einfälle verwirklichen können. (32) Die Initiatoren der Betreuten Spielplätze waren Entdecker der Gerümpel- und Bauspiele und Erfinder des „Aktivspielplatzes“ (eine dänische Wortschöpfung): sie reagierten auf die Lebensverhältnisse und Entwicklungsbedingungen des Kindes in einer verstädterten und technisierten Lebenswelt. In dem bereits erwähnten Bericht über dänische Bauspielplätze aus den Jahren 1969/70 heißt es dazu: „Bauspielplätze sind … ein Phänomen der gegenwärtigen Phase der Verstädterung.“ (33) Die Umsetzung dieses pädagogischen Ansatzes prägt das Bild der Betreuten Spielplätze bis heute: sie bieten den Umgang mit elementaren, in der Lebenswelt der Kinder verschütteten Dingen und Situationen. Dazu gehören vor allem: Raum und Anlass für Bewegung (Herumtoben, Bewegungsspiele, Sport); handwerklicher Umgang mit einfachen Geräten und unfertigen Materialien (Errichtung von Bauwerken, Konstruieren, Basteln, Gestalten); Umgang mit Feuer, Wasser und Erde; Umgang mit der lebenden Natur (Pflanzen- und Tierhaltung); Umgang mit Nahrungsmitteln (Mahlzeiten zubereiten). (34) Von Anbeginn an waren die Betreuten Spielplätze „Fremdkörper“ in einer von Ordnung und Perfektion geprägten Umwelt, in der Elementarerfahrung nicht möglich ist: die Unordnung auf den Platzarealen entspricht den pädagogischen Prinzipien der Offenheit, Veränderbarkeit und Vielseitigkeit, nach denen die Ziele in die pädagogische Arbeit und den Platzbetrieb umgesetzt und mit denen nicht verzichtbare Voraussetzungen für eine hinreichende Anregung von Eigenerfahrungen geschaffen werden (vgl. Tabelle Pädagogisches Konzept des Betreuten Spielplatzes, s. Fußnote 7). 5 Als Grundmotiv für die Einrichtung und Verbreitung Betreuter Spielplätze, als zentrales Anliegen bei Bestimmung ihrer gesellschaftlichen Funktionen und als tragender Bestandteil ihres pädagogischen Konzepts sind unschwer Aufgaben auszumachen, die den Umgang des Kindes mit sich selbst betreffen. Zur Zeit der Gründung Betreuter Spielplätze gab es pädagogisch schwerwiegende Erkenntnisse über die Vernachlässigung und Unterdrückung von Selbstbestimmung und von Partizipation der Bürger in der Gesellschaft sowie über entsprechende Defizite in der individuellen Verwirklichung von Eigenständigkeit und Selbstbewusstsein. Als Ergebnis von Untersuchungen über die Bedeutung von Spiel im Sozialisationsprozess, sie stand unter dem Leitbild eines innengeleiteten, ich-starken und autonomen Menschen, wurde festgestellt: „Hauptfunktion des Spiels ist, Selbstbestimmung zu ermöglichen …“ Daraus ergab sich als Hauptaufgabe der Betreuten Spielplätze die Förderung von „Eigenständigkeit“, d.h. die Anregung selbstbestimmter Aktivität, selbstinitiierter Lernprozesse, aktiver Aneignung von Umwelt, eigenständigen Gruppenverhaltens und von Eigeninitiative bei öffentlichen Vorgängen. (46) Auf dem Betreuten Spielplatz sollte und soll bis heute möglich sein und gefördert werden, was in der realen Lebenswelt der Kinder nicht mehr stattfindet oder nur noch marginale Bedeutung hat: etwas anfangen, etwas unternehmen, etwas herauszubekommen suchen, Einfälle haben, sich etwas zutrauen, Entscheidungen treffen, etwas zuwege bringen und etwas können, zu etwas gebraucht werden, zu sich stehen, sich selbst beurteilen, aus eigenen Fehlern und Erfolgen (nicht nur aus der Beurteilung durch andere) lernen, die eigenen Grenzen erkennen, Außenlenkung durch Selbstkontrolle ersetzen, äußere Anforderungen (Gebote, Verbote, Machtansprüche, Normen, Rollen usw.) und eigene Ansprüche in Beziehung setzen und durch Eigenverantwortung ersetzen, Selbstdurchsetzung und Selbstrücknahme abwägen, um die am häufigsten gebrauchten Zielbenennungen anzuführen. (47) Anlage der Plätze, materielle Ausstattung, alltäglicher Platzbetrieb und Verhalten der Betreuer waren und sind durch diese Ziele begründet und auf sie ausgerichtet. Eine ebenso offene und veränderbare wie vielseitige und komplexe Situation sollte und soll die Kinder herausfordern und ermutigen, eine von ihnen selbstgestaltete und eine von ihnen mitgestaltete Welt zu schaffen, sollte und soll ihr Bedürfnis und ihre Fähigkeit stärken, „an der Bewältigung und Veränderung ihrer Lebenssituation eigenständig mitwirken (zu) können“. (48) (Vgl. Tabelle Pädagogisches Konzept des Betreuten Spielplatzes, 7) 6 Mit der vorliegenden Bestandsaufnahme wurden unverzichtbare gesellschaftliche Funktionen und pädagogische Aufgaben des Betreuten Spielplatzes in der Gegenwart aufgewiesen, nämlich die Unterstützung der Kinder bei der Bewältigung alltäglich-existenzieller Probleme durch pädagogische Arbeit auf der Beziehungsebene, die Förderung von sozialem Verhalten und von Gruppenfähigkeit, die Anregung von aktiver und produktiver Auseinandersetzung mit der Umwelt sowie die grundständige Hilfe bei der Entwicklung von Selbstvertrauen und Eigentätigkeit. Quellenhinweise Zur Geschichte der Betreuten Spielplätze Schottmayer, G., Schaack, E., Herrmann, P.: Der Bauspielplatz. In: Westermanns Pädagogische Beiträge, 23. Jahrgang, Heft 6/1971, S. 283 ff. – Autorengruppe des Abenteuerspielplatzes Märkisches Viertel: Abenteuerspielplatz MV, Dokumentation, Bund Deutscher Pfadfinder, Berlin, 1971 – Schottmayer, G.: Betreute Spielplätze in Deutschland. In: Verbandskurier, Verband Hamburger Spielplatzinitiativen e.V., Jahrgang 7, Dezember 1992, S. 16 ff. – Nahrstedt, W., Fromme, J.: Aktivspielplätze in der Bundesrepublik Deutschland, Institut für Freizeitwissenschaft und Kulturarbeit e.V., Bielefeld, 1987. Zum Konzept Betreuter Spielplätze Schottmayer, G.: Spiel als „zweiter Bildungsweg“. In: Tutzinger Studien, Evangelische Akademie Tutzing, Ausgabe 3/1975, S. 7 ff. – Schottmayer, G., Christmann, R.: Spielplatzpädagogik, Überlegungen zur Gestaltung einer pädagogischen Umwelt. In: Flitner, A. (Hrsg.): Das Kinderspiel, Piper Verlag, München, 4. Auflage 1978, S. 242 ff. Zum Wandel von Kindheit und Familie Aus der Fülle von Veröffentlichungen zu diesem Thema wurden direkt einbezogen: Harms, G. u. Preissing, Ch.: Kinderalltag, FIPP Verlag, Berlin, 1988 – Schülein, J.A.: Die Geburt der Eltern, Westdeutscher Verlag, Opladen, 1990 – Lempp, R.: Familie im Umbruch, Kösel Verlag, München, 1986 – Geulen, D.: Kindheit, Verlag Beltz, Weinheim u.a., 1989. Zum Wandel der gesellschaftlichen Funktionen und pädagogischen Aufgaben Betreuter Spielplätze Außer Gesprächen mit Betreuern und eigenen Beobachtungen wurden Veröffentlichungen des Verbandes Hamburger Spielplatzinitiativen e.V. herangezogen: Meyer, A.: Sind Abenteuerspielplätze noch zeitgemäß? In: Verbandskurier, Jahrgang 7, Dezember 1992, S. 2 ff. – Kromminga, P.: Die Kinder und die Arbeit haben sich verändert. In: Verbandskurier, Jahrgang 7, Dezember 1992, S. 24 ff. – Kupfer, H.: Leserbrief zum Wandel der Arbeit auf Betreuten Spielplätzen. In: Verbandskurier, Jahrgang 8, 1. Quartal 1993, S. 34 ff. Vorstehender Beitrag von Georg Schottmayer erschien im Original in der Dokumentation „Lernfeld Bauspielplatz – 20 Jahre Bauspielplatz Nürnberg-Langwasser“. Die komplette Dokumentation kann über den ABA-Literatur-Versand bezogen werden. Der Beitrag wurde ferner veröffentlicht in: DER NAGEL 57/1995. Prof. Dr. Georg Schottmayer ist Erziehungswissenschaftler an der Universität Hamburg. Dortmund 2002. Anmerkungen: |
Was haben Abenteuerspielplätze mit Abenteuer zu tun?

Von Rainer Deimel
Abenteuer auf einem Abenteuerspielplatz hat immer etwas mit
● einem angemessenen fachlich-professionellen Verständnis und
● der Fähigkeit der Mitarbeiter, vom „Kind her zu denken“,
zu tun.
Was also ist „Abenteuer“?
Wolfgang Bergmann, bekannter Kindertherapeut, den meisten von uns über seine vielen hilfreichen Publikationen bekannt, vertrat im April 2008 in einer beachtlichen Serie im „Kölner Stadtanzeiger“ die Auffassung, ein Abenteuerspielplatz sei kein Abenteuer – weil man den Zaun sehen könne. Seiner Meinung nach hat „Abenteuer“ etwas mit „Unendlichkeit“ zu tun. Nach der Veröffentlichung habe ich das Gespräch mit Wolfgang Bergmann gesucht.
Wir konstatieren zunächst, dass er aus seinem Lebensumfeld heraus Vorstellungen über die Konzepte von Abenteuerspielplätzen entwickelt haben musste. Leider hatte er dabei wohl das Pech, „ent-abenteuerte Abenteuerspielplätze“ kennengelernt zu haben. Nicht überall, wo „Abenteuerspielplatz“ drauf steht, ist auch „Abenteuerspielplatz“ drin!
Der Zaun wurde von ihm als Metapher benutzt, um eine potenziell entwicklungshemmende Endlichkeit einer künstlich geschaffenen Welt zu verdeutlichen. Jedenfalls konnten Wolfgang Bergmann und ich im Gespräch feststellen, dass wir eine durchaus vergleichbare Definition von „Abenteuer“ vertreten. Bei mir hört es sich vielleicht nicht ganz so „griffig“ an wie bei dem Hannoveraner Kindertherapeuten. Für mich bedeutet „Abenteuer“, sich auf einen „Prozess mit vorläufig unbekanntem Ausgang“ einzulassen. In diesem Sinne spielt ein Zaun für mich eine eher untergeordnete Rolle – vor allem dann, wenn er den Kindern hilft, ihre „abenteuerlichen Prozesse“ nach außen hin stärker zu schützen und Störungen möglichst gering zu halten.

Foto: Rainer Deimel
Wir können uns vermutlich alle vorstellen, was es heißt: „Kinder verlieren sich im Spiel!“ Eine vergleichbare Beschreibung bietet das Englische, wenn das Gefühl von Verliebtheit beschrieben werden soll. Dort heißt es: „I fall in love!“ Diese gelungene metaphorische Formulierung lässt Empfindungen und Erleben durchaus plastisch werden.

Foto: Rainer Deimel
Der Chicagoer Psychologieprofessor Mihály Csíkszentmihályi entwickelte um 1975 die sogenannte Flow-Theorie. Der gängigen Definition nach ist „Flow“ eine Form von Glück, auf die man Einfluss hat. Bereits zuvor wurde ein solches Erleben zum Beispiel von Kurt Hahn mit „schöpferischer Leidenschaft“ und von Maria Montessori mit „Polarisation der Aufmerksamkeit“ beschrieben. Eckhard Schiffer – bekannter Quakenbrücker Psychotherapeut und Kinderchirurg – hat in einer jüngeren Arbeit, nämlich in seinem beachtlichen Buch „Der Kleine Prinz in Las Vegas“ (2001), die Phänomene „Thrill“ (Angstlust) und „Flow“ (Fließen) dargestellt. Das zweite Kapitel seines Buches leitet er mit Ausführungen von Astrid Lindgren ein, die für sich sprechen: “ … In unseren Spielen waren wir herrlich frei und nie überwacht. Und wir spielten und spielten und spielten … Wir kletterten wie die Affen auf Bäume und Dächer, sprangen von Bretterstapeln und Heuhaufen, wir krochen quer durch riesige Sägemehlhaufen, lebensgefährliche unterirdische Gänge entlang und wir schwommen im Fluss, lange bevor wir überhaupt schwimmen konnten … Ich kann mich auch nicht erinnern, dass unsere Mutter uns je Vorwürfe gemacht hätte, wenn wir mit zerrissenen oder verschmutzten Kleidern nach Hause kamen. Wahrscheinlich hielt sie solche Pannen, die im Eifer des Spiels passieren konnten, für das gute Recht eines Kindes. … Diese Freiheit zu haben hieß aber keineswegs, ständig frei zu haben. Dass wir zur Arbeit angehalten wurden, war die natürlichste Sache der Welt. Schon mit sechs Jahren mussten wir beim Rübenziehen und Rupfen der Brennnesseln für die Hühner helfen.“

Foto: Rainer Deimel
Wenn Kinder sich im Spiel verlieren, produzieren sie Prozesse, die ihnen dabei helfen, in ihrer Welt Erfahrungen so zu integrieren, dass sie es nachhaltig schaffen, ihr Leben erfolgreich zu organisieren. Aufgabe professioneller Mitarbeiter auf einem Abenteuerspielplatz ist unter anderem, Optionen zu schaffen … noch einmal: Optionen, Optionen, Optionen …, Kindern Erfahrungsräume zu eröffnen, in denen sie sich verlieren dürfen, in denen sie in Gruppen oder allein handeln können.
Kinder erleben: Was funktioniert? Was funktioniert nicht? Und was kann ich tun, damit es funktioniert?

Foto: Rainer Deimel
Ein deutliches Merkmal beim Aufwachsen zahlreicher junger Menschen in der Gegenwart: Vermutlich nie zuvor wurden junge Menschen derart reglementiert, wie das zurzeit der Fall ist.
● „Lass das, du kannst das nicht!“
● „Pass auf!“
● „Geh da nicht dran!“
– Vielleicht „typisch Mutter“?!
Aber auch:
● „Stell dich nicht so an!“
● „Das wirst du doch wohl können!“
● „Gib mal her, ich zeig dir das (mach‘ das für dich!)!“
– Vielleicht „typisch Vater“?!
In „guter Absicht“ entsteht hierbei ein verhängnisvoller Effekt: Vermutlich nie zuvor mussten Kinder die unglückselige Botschaft hören: „Dir kann man nichts zutrauen! Du bist inkompetent!“ Tief wird sich dieser Sozialisationsblocker im Kind einprägen und von ihm internalisiert werden. Kinder sind prinzipiell unbelehrbar, aber sie sind begierig, pausenlos zu lernen. Wenn man ihnen Zutrauen entgegenbringt, wird sich dies entsprechend positiv auswirken. So gesehen müssen sie das Rad auch immer wieder neu erfinden.

Foto: Rainer Deimel
Der Autor, Familien- und Kommunikationsberater Jan-Uwe Rogge verglich „konventionelle“ Spielplätze kürzlich mit „Affenzoos“: „Drinnen die Affen – also die Kinder – und draußen die Mütter, die wie Hyänen bissig andere Mütter beäugen und überflüssige Ratschläge an ihre Kinder verteilen.“ Und weiter: „Während früher Kinder meistens unter sich in Wäldern und auf Wiesen spielten, spielen sie heute zunehmend auf Kinderspielplätzen. Dort gibt es zwar auch immer noch Büsche, aber hinter jedem Busch steckt eine Mutter. … Kinder brauchen heute sehr viel Kraft und Energie, um ihre Freiräume gegen ständig glotzende und analysierende Eltern, die es natürlich gut meinen, zu verteidigen. Und wenn Kinder nicht die Möglichkeit haben, unbeobachtet zu sein, dann werden sie auch ein Stück weit unselbstständig, weil Erwachsene da sind, die Probleme für sie lösen.“

Foto: Rainer Deimel
Jawohl, um „Problemlösungen“ geht es auf dem Abenteuerspielplatz! Es geht darum, festzustellen, dass vermeintliche Probleme lediglich Herausforderungen sind. Gern wird diese Feststellung als hohle Floskel abgetan. Und dennoch: Mit allem Neuen, mir also Unbekanntem, muss ich mich befassen dürfen, um zu entproblematisieren, um individuelle Kompetenzen entwickeln zu können: praktische Kompetenzen, Kompetenzen im Umgang miteinander, Risikokompetenz, Teamstärke und Lebenspraxis. Konkrete Erlebnisse benötige ich, um Phantasie entwickeln zu können – Phantasie wiederum ist die Grundvoraussetzung zur Entwicklung kreativer Potenziale, mit anderen Worten: zur Gestaltung eines erfolgreichen Lebens.
Dies geschieht in erster Linie, wenn ich meine Selbstwirksamkeit erfahren kann, wenn mir die Chance eingeräumt wird, feststellen zu können, dass vermeintliche Probleme lösbar sind, dass mir tagtägliche Realerfahrungen dabei helfen, lebenstüchtig zu werden: Prozesse mit vorläufig unbekanntem Ausgang, Abenteuer …

Foto: Rainer Deimel
In einem Artikel im „Mindener Tageblatt“ vom 6. November 2009 wurde Ulrich Stock aus Bielefeld zitiert, zuständig für Prävention bei der Bundespolizei. Titel des Beitrags: „Bahnanlagen sind keine Abenteuerspielplätze“. Nach besagtem Vorfall in Porta Westfalica im Jahr 2009 sprach er mit einer Gruppe von Kindern, die ihn mit ihrem Lehrer besuchten.
Den Beitrag findet man unter dem Titel „Bahnanlagen sind keine Abenteuerspielplätze“. Dieses Motto nutzt die Deutsche Bahn seit längerem, um zu verhindern, dass Kinder auf Schienen durch fahrende Züge zu Schaden kommen. Hintergrund war hier ein Beinaheunfall in Porta Westfalica. Der ABA Fachverband hat den Slogan der Bahn bereits nach seiner Kreierung kritisch aufgegriffen, um zwischen „Abenteuer“ – wie wir es im pädagogisch-konstruktiven Sinne definieren können – und einer möglicherweise tödlichen Gefahr präziser zu unterscheiden. Abenteuer in einem entwicklungsförderlichen Sinne hat nämlich mit unübersehbarer Gefahr mit vielleicht sogar tödlichen Folgen nichts zu tun. So nachvollziehbar die Intention dieses Mottos auch sein mag: Vor allem aber vermag es für Irritationen sorgen, wenn etwa fachlich Unkundige gefühlsmäßig auf eine falsche Fährte gelockt und somit unnötigerweise Vorurteile erzeugt werden.
Im Zeitungsbericht hieß es unter anderem: „‚Was könnte passieren, wenn Steine auf Gleisen liegen?‘, fragte Ulrich Stock. Die zersplitterten Steine könnten in die Scheiben des fahrenden Zugs fliegen und Fahrgäste verletzen. Die Splitter könnten aber auch die Kinder selbst treffen, wie Ulrich Stock in der Lebensgeschichte des Jungen Daniel vermittelte. Der hatte Steine auf Gleise gelegt, ein Splitter traf ihn am Kopf, das Sprachzentrum wurde zerstört. ‚Als junger Erwachsener lernt Daniel mit einem Sprachlehrer sprechen‘, lautete die abschreckende Botschaft.“

Präsentation der Düsseldorfer Abenteuerspielplätze auf dem Weltkindertag 2010 (Foto: Rainer Deimel)
Stellen wir uns vor, Daniel hätte die Chance gehabt, auf einem Abenteuerspielplatz Steine zu bearbeiten, aus Steinen etwas zu schaffen. Vielleicht hätte ihn auch dort ein abplatzender Steinsplitter treffen können. Die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einem solch verheerenden Unfall gekommen wäre, tendiert allerdings gegen Null. Diese Erfahrung kann belegt werden, seit Abenteuerspielplätze existieren: Trotz oder gerade wegen ihrer erhöhten Risiken und Herausforderungen entwickeln Besucher von Abenteuerspielplätzen mehr Lebenstüchtigkeit und motorisches Geschick als Kinder, die diese Chance nicht haben. Die Schlussforderung „Abenteuerspielplätze sind ungefährlich, weil dort ‚nichts‘ passiert“, geht an der Realität vorbei. Das Gegenteil ist der Fall: Weil Abenteuerspielplätze recht „gefährliche“ Einrichtungen sind, gelingt die Einwicklung von Risikokompetenz bei Kindern innerhalb kurzer Zeit. Die Unfallquote ist niedriger als in jeder anderen Einrichtung, vor allem solchen, die besonders gut zu beschützen vorgeben. Diese Erfahrung kann weltweit bestätigt werden (wie etwa in Japan, Skandinavien und England). In einem solchen Umfeld ist es allerdings auch sinnvoll, immer auch pädagogisch kompetente, erwachsene Ansprechpartner zu haben, die einem hilfreich zur Seite stehen und im Falle eines Falles auch mal einschreiten können, wenn Risiken unüberschaubar werden sollten. Nicht ohne guten Grund gehört die Besetzung eines Abenteuerspielplatzes mit pädagogischem Fachpersonal zu den unabdingbaren Qualitätsstandards. Allerdings – dies noch einmal ganz deutlich: Ohne überschaubares Risiko kein Abenteuer! Ohne Abenteuer keine erfolgreiche Entwicklung zu einem kompetenten Menschen, der sein Leben erfolgreich leben kann!
Selbstwirksamkeit zu erleben, bedeutet: Ich kann etwas – ich bin in der Lage, meine Fähigkeiten dauerhaft zu erweitern. Auf dem Abenteuerspielplatz kommt mir noch zugute, dass ich anderen helfen kann und dass mir andere helfen können: gelebtes Team! Vergegenwärtigt man sich beispielsweise das Aufwachsen zahlreicher junger Menschen als Einzelkinder, ist eine solche Erfahrung unabdinglich.

Präsentation der Düsseldorfer Abenteuerspielplätze auf dem Weltkindertag 2010 (Foto: Rainer Deimel)
„Abenteuer“-Erleben ist in erster Linie Bildung, es ist Gesundheitsförderung – beides Leitziele des ABA Fachverbandes mit Blick auf ein zeitgemäßes pädagogisches Tätigwerden. Ein kleiner Blick auf die Prämisse „Gesundheitsförderung“ sei gestattet: Ein Abenteuerspielplatz fördert die Gesundheit nicht nur mit Hilfe des „freien Spiels im Freien“, wenn wir etwa an seine antiallergene Wirkung denken. Vor allem das Erlebnis der Selbstwirksamkeit wirkt im Sinne von Aaron Antonovsky salutogenetisch, mit anderen Worten: Mein Erleben auf einem Abenteuerspielplatz hilft mir dabei, mit mir selbst eins zu werden, einen sogenannten „Kohärenzsinn“ („Sense of Coherence“) zu entwickeln. Beschrieben wird hiermit die Fähigkeit eines Menschen, vorhandene Ressourcen zu nutzen, um sich gesund zu halten. Oder wie es der bereits erwähnte Eckhard Schiffer auf die prägnante Formel bringt: „Schatzsuche statt Fehlerfahndung!“
Keine andere Einrichtung (sic!) hat es bislang geschafft, ähnlich angemessene, entwicklungsförderliche Konzepte zu entwickeln, wie dies bei einem Abenteuerspielplatz der Fall ist. Der Abenteuerspielplatz fördert die Schatzsuche auf exklusive Weise, sofern er „Abenteuer“ bewusst integriert. Dies beispielsweise können weder der organisierte Karneval oder kommerzielle Einrichtungen wie der EuroEddy trotz anderslautender Bekundungen leisten. Beim Abenteuer haben wir es nämlich nicht mit einer organisierten Inszenierung zu tun – vielmehr handelt es sich eher um eine Gegeninszenierung, wie es der verstorbene Bielefelder Professor Dieter Baacke seinerzeit im Zusammenhang mit der Spielmobilarbeit einmal formulierte. Er sprach vor diesem Hintergrund von Begegnung von Pädagogen und Kindern, die versuche, „zwischen Gegenseitigkeit, Körperlichkeit, Ganzheitlichkeit (und) Rhythmus zu vermitteln und das Gefühl für Freiheit und Bewegung (…) wieder hineinzuholen in (die) … Angebote“ der Offenen Arbeit mit Kindern.

Foto: Rainer Deimel
Manche Erwachsene haben sich vielleicht zwischenzeitlich auf eine kleine Phantasiereise begeben. Wie war es denn eigentlich damals bei mir? Welche spannenden, aufregenden, gefährlichen Erlebnisse waren es, von denen ich auch heute noch profitieren kann? Was ist mir als persönliche Krönung aus meinem Kinder(er)leben in Erinnerung geblieben? Welche Verbote von Erwachsenen habe ich überschritten, ohne deshalb einen markanten Schaden erlitten zu haben? Was ist es, das ich mit Freunden gern heute noch einmal im Gespräch aufleben lassen möchte – vielleicht nach dem Motto „Weißt du noch …?“
Wer hat nicht seine Freude an Michel aus Lönneberga, Pippi Langstrumpf, Emil mit seinen Detektiven oder Huckleberry Finn? Diese Roman- und Filmkinder führen uns die Widersprüchlichkeit gegenwärtigen Aufwachsens deutlich vor Augen. Ich garantiere, dass keine dieser Phantasiefiguren – wären sie heutzutage Realität – ohne Ritalin davonkäme. Kreativität natürlich! Aber bitte möglichst geräuschlos und profillos: ein pädagogisch-psychologisches St.-Florians-Prinzip, das sich da entwickelt hat. Dieses wieder aufzulösen, ist Aufgabe vorbildlicher Abenteuerspielplatzarbeit.
NAGEL-Redaktion – Analysen
Die Beiträge auf dieser Seite sind zum großen Teil früheren NAGEL-Ausgaben entnommen. Wie im NAGEL stehen sie hier in der Rubrik Analysen. Inzwischen haben wir die Seite durch Beiträge ergänzt, die nicht aus dem NAGEL stammen.
Elite in Deutschland
Seit einiger Zeit versucht ein Teil dieser Gesellschaft, seinen Nachwuchs für eine neue Elite zu trimmen. Lange Zeit umgab den Begriff „Elite“ etwas Zweifelhaftes, wenn er nicht gar als „Schimpfwort“ benutzt wurde. Mittlerweile werden Eliten und Elitebildung auch seitens der Politik wieder als etwas Förderliches angesehen, etwa im Zusammenhang mit Eliteschule und -universitäten. Das WDR-Fernsehen dokumentierte am 11. Februar 2008 im Abendprogramm die Dokumentation „Von Anfang an Elite“. Man konnte den Eindruck gewinnen, dass hier zum Teil Eltern ihren Nachwuchs bis zur völligen Misshandlung einsetzen. Dass die für das Kindes- und Jugendwohl zuständigen Behörden hier noch nicht eingeschritten sind, muss wohl als fahrlässig eingeschätzt werden.
Die Veröffentlichung des Buches „Gestatten: Elite. Auf den Spuren der Mächtigen von morgen“ von Julia Friedrichs und das Aufkommen des wohl bislang größten Steuerskandals in Deutschland – zeitgleich im Februar 2008 – kurbelt die Debatte um Eliten, angehende Eliten von morgen und künftige Steuerhinterzieher in der Öffentlichkeit an.
Wir dokumentieren hier:
Elite: Leben in einer Parallelwelt (WAZ 20. Februar 2008) Der Elite fehlt der Abgleich zur normalen Bevölkerung: Maßstäbe gewinnen viele Manager nur noch durch den Vergleich untereinander
Interview Julia-Friedrichs (WAZ 19. Februar 2008): Elite-Einrichtungen sind komplette Parallelwelten
Julia Friedrichs Erfahrungen bei McKinsey: McKinsey und ich. Zwecks verdeckter Recherche bewarb sich die Journalistin Julia Friedrichs bei McKinsey, einer mächtigen, aber zugeknöpften Beraterfirma. Ein halbes Jahr dauert das bizarre Auswahlverfahren, in dem sie Menschenbild, Größenwahn und Verführungskünste des Unternehmens kennenlernte.
Wie geht’s im Job?: Ergebnisse der Kita-Studie der GEW
Im Auftrag der GEW wurde von der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik (Deutsches Jugendinstitut/Universität Dortmund) im Oktober 2007 eine KiTa-Studie (Wie geht’s im Job?) vorgelegt. Im Titel der Pressemitteilung der GEW hierzu heißt es: „Befristet in Teilzeit – schlechte Perspektiven für Erzieherinnen-Nachwuchs“. Sie können sich hier die Studie und weiteres Material hierzu herunterladen.
Pressemitteilung der GEW vom 9. Oktober 2007: „Befristet in Teilzeit – schlechte Perspektiven für Erzieherinnen-Nachwuchs“
Wie geht’s im Job? Ergebnisse der KiTa-Studie der GEW
KiTa-Studie „Wie geht’s im Job?“ (52 Seiten, 400 KB)
15. Shell Jugendstudie
Zusammenfassung der 15. Shell Jugendstudie: Jugend 2006 – Eine pragmatische Generation unter Druck
Beiträge aus früheren NAGEL-Ausgaben
Das „problematische“ Kind in der Offenen Arbeit
Perspektiven der kommunalen Haushaltskonsolidierung
Sind Abenteuerspielplätze noch zeitgemäß?
Armut und Gesundheitsgefährdungen im Kindes- und Jugendalter
Zum Subjektstatus von Kindern und Jugendlichen in der Jugendhilfe
Freizeiteinrichtungen als GmbHs oder in freier Trägerschaft?!
Kinder und Sexualität
Missbrauch
Kindesmissbrauch und Sexualität
Offene Arbeit
DIE DIPLOMATEN – IM DEZEMBER
Von Oscar Borkowsky
(Die Diplomaten, das ist der ältere Consul nebst seinem etwas jüngeren Attaché, sitzen wie gewöhnlich im Café „Zur Schönen Aussichtslosigkeit“. Draußen ist es bereits dunkel, und es hat noch immer nicht zu schneien begonnen. Die Herren sind die einzigen Gäste; auf ihrem Tisch stehen zwei gefüllte Gläser und eine angebrochene Flasche Wein. Der Kellner Leopold hantiert an der Kredenz. Im Hintergrund ertönt leise die „Kleine Nachtmusik“ von Wolfgang Amadeus Mozart.)
…
DIE DIPLOMATEN – IM NOVEMBER
Von Oscar Borkowsky
(Die Diplomaten, das ist der ältere Consul nebst seinem etwas jüngeren Attaché, sitzen wie gewöhnlich im Café „Zur Schönen Aussichtslosigkeit“. Draußen dämmert es bereits, und der Wind verweht das letzte Laub übers Trottoir. Die Herren sind die einzigen Gäste; auf ihrem Tisch stehen zwei gefüllte Gläser und eine angebrochene Flasche Wein. Der Kellner Leopold hantiert an der Kredenz. Im Hintergrund ertönt leise die „Schicksalssinfonie“ von Ludwig van Beethoven.)
…
DIE DIPLOMATEN – IM OKTOBER
Von Oscar Borkowsky
(Die Diplomaten, das ist der ältere Consul nebst seinem etwas jüngeren Attaché, sitzen wie gewöhnlich im Café „Zur Schönen Aussichtslosigkeit“. Durch das große Frontfenster des Lokals dringt mildes Herbstlicht in den Raum. Die Herren sind die einzigen Gäste; auf ihrem Tisch stehen zwei gefüllte Gläser und eine angebrochene Flasche Wein. Der Kellner Leopold hantiert an der Kredenz. Im Hintergrund ertönt leise das Violinkonzert „L‘Autunno“ aus den „Vier Jahreszeiten“ von Antonio Vivaldi.)
…
Empfehlung „Geflügelhaltung in Zeiten der Vogelgrippe“

Empfehlung des ABA Fachverbandes Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen
Zum zweiten Mal gilt ab dem 17. Februar 2006 wieder eine Stallpflicht für Geflügel, nachdem bei verendeten Wildvögeln in Deutschland auch erstmalig die Vogelgrippe festgestellt wurde. Diese wird ausgelöst durch das Virus H5N1. Als besondere Gefahr wird gefürchtet, dass sich das H5N1 mit anderen Grippeviren verbinden und so ein neues „Super-Virus“ entstehen könnte. Dies wiederum könnte zu einer Epidemie führen, die imstande wäre, ganze Länder oder gar Erdteile zu befallen. Wir hätten es dann mit einer Pandemie zu tun.
Trotz des möglicherweise geringen Risikos empfiehlt der ABA Fachverband, sich unbedingt an die Stallpflicht zu halten. Alternativ können Vögel in einer überdachten Voliere untergebracht werden. Die Überdachung darf nicht mit der Voliere enden, sondern muss überstehen. Damit soll verhindert werden, dass der zufällig von infizierten Zugvögeln abgeworfene Kot in das Gehege geraten kann.
Das Auftreten der Vogelgrippe auf Rügen, von der bislang nur Wildvögel betroffen waren, macht deutlich, dass sich ein mögliches Risiko unbemerkt eröffnen kann. Bei den verendeten Vögeln auf Rügen handelte es sich zuerst nicht um Zugvögel. Sie müssen demnach in irgendeiner Weise mit Zugvögeln in Kontakt gekommen sein. Dies kann etwa in der Form geschehen, dass Kot von Zugvögeln in das Wasser gefallen ist, aus dem die später infizierten Tiere anschließend getrunken haben.
Wir stellen fest:
- Das tägliche Ausmisten und Reinigen der Ställe bindet unverhältnismäßig viel Arbeitskraft.
- Durch das Abkoten in den Ställen unterliegen diese einer wesentlich höheren Abnutzung.
- Die Tiere werden durch das langfristige Wegsperren in auf Dauer unverantwortlicher Weise gestresst und neurotisiert.
- Die Kosten für Einstreu und anderes Material sind deutlich höher als üblich.
- Tierheime lehnen die Aufnahme von Geflügel ab.
- Fazit: Bei weiter andauernder Belastung steht die Geflügelhaltung in der pädagogischen Arbeit in keinem vertretbaren Verhältnis mehr zu ihrem bisher unbestrittenen Nutzen.
Da damit zu rechnen ist, dass die Vogelgrippe einstweilen zum Alltag gehören wird, sollte infolgedessen überlegt werden, Geflügel bis auf Weiteres abzuschaffen. Es kann versucht werden, Hühner, Enten, Gänse, Puten usw. abzugeben, zum Beispiel an Landwirte. Unter Umständen muss auch über Schlachten nachgedacht werden, nicht über das so genannte Keulen, was in der Regel erst dann praktiziert ist, wenn die Seuche bereits ist größerem Maße ausgebrochen ist.
Szenario: Vögel in einer pädagogischen Einrichtung infizieren sich unverhofft. Da diese Tiere meistunmittelbare Kontakte zu Kindern haben, kann nicht ausgeschlossen werden, dass sich ein Kind ansteckt, das bereits grippal infiziert ist, eine Influenza also in sich trägt. Folgt man den geäußerten Erkenntnissen der Virologen, könnte dies Folgen haben, die kaum auszudenken sind. Nicht auszuschließen, dass eine Einrichtung, in der dies passierte, erhebliche Probleme wegen fahrlässigen bzw. gar grob fahrlässigen Verhaltens bekäme.
ABA Fachverband Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen
Ergänzende Hilfen zum Thema
Weitergehende Hinweise können hier geladen werden.
Hilfreicher Text von Tarik Ahmia und Wolfgang Löhr aus der „taz“ vom 22. Februar 2006: Keine Panik!
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Muss ich mein Ei jetzt hart kochen? Was Sie schon immer über die drohende Vogelgrippe wissen wollten: Wie gefährlich ist dieses Virus? Darf ich noch nach Asien reisen? Keine Panik, hier sind sie: die häufigsten Fragen und wichtigsten Antworten von Nick Reimer – veröffentlicht in der „taz“ vom 19. Oktober 2005.
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Kommentar: Gekeulte Kreaturen – Ethische Aspekte
Empfehlung vom 15. Februar 2006
Aktualisierung: 23. April 2009
Letzte Aktualisierung: 24. September 2014







Die Hagener Erklärung wurde einstimmig von den Teilnehmer(inne)n des ABA-Kongresses „Risiko als Spielwert“ am 29. November 1995 in Hagen verabschiedet. Der Kongress wurde von 80 Teilnehmer(inne)n besucht.



































































































































































































































































Abbildung: Bündnis Recht auf Spiel/DKHW
Spartenfaltblatt (2012)
Dieses wahrliche Abenteuer-Foto hat uns der geschätzte Schweizerische Kollege Toni Anderfuhren zur Verfügung gestellt. Wir wollen es Ihnen nicht vorenthalten.
Foto: Abenteuerspielplatz Oberkassel, Düsseldorf
Foto: Rainer Deimel (2010)
Foto: Rainer Deimel (2010)



Foto: Abenteuerspielplatz „Alte Ziegelei“, Bielefeld



Abenteuerspielplatz Düsseldorf-Eller, 2008 (Foto: Rainer Deimel)

















Die Europäische Vereinigung der Kinderbauernhöfe und Jugendfarmen gibt einen Newsletter heraus, mit dessen Hilfe man über den Zaun hinausschauen kann. Die Publikation liegt in englischer Sprache vor. Die Ausgaben seit 2008 haben wir in unsere Zeitschriftenarchiv im Verzeichnis NAGEL-Redaktion aufgenommen.