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NAGEL-Redaktion – „Bewegungen“


Demonstration Ende der 1960-er Jahre in Biberach (Foto: weberberg.de, Archiv Heilig)

1967 kam es – im Vergleich zu anderen Ländern sehr spät – zur Gründung des ersten Abenteuerspielplatzes in Deutschland. Er wurde durch Studenten in Berlin im Märkischen Viertel initiiert.


Der erste Abenteuerspielplatz in Deutschland: Märkisches Viertel (ASP MV) in Berlin (Foto: Autorengruppe ASP/MV 1973)

Der Berliner Senat verhielt sich zunächst sehr zurückhaltend und ablehnend. Erst ein Besuch der damaligen Jugendsenatorin Ilse Reichel in Großbritannien („adventure playgrounds“) sorgte dann für politisches Wohlwollen. Dieser Zeitpunkt kann getrost als „die Geburt der Offenen Arbeit mit Kindern“ begriffen werden, wenngleich es sich hierbei nicht um den ersten pädagogisch betreuten Spielplatz handelte.


ASP MV: Wo Verbieten verboten ist (Foto: Autorengruppe ASP/MV 1973)

Zuvor gab es hier und da – vornehmlich in Hamburg – sogenannte „Park-Tanten-Plätze“ (1), im Grunde konventionelle Spielplätze, auf denen man die Kinder kostenlos „abgeben“ konnte, „da eine Beaufsichtigung ohne spezielle, einheitliche pädagogische Absichten durch Kindergärtnerinnen, Erzieherinnen, zum Teil aber auch durch unausgebildete Mütter“ (2) stattfand. Derartige Plätze gibt es zum Teil bis heute, obschon durchgehend mit stark modernisierten und kindgerechter ausgerichteten Konzepten. Den Begriff „Park-Tanten-Plätze“ halte ich aus heutiger Sicht zumindest für zweifelhaft. Ich möchte ihn trotz seines möglicherweise verunglimpfenden Charakters beibehalten, hilft seine Verwendung eventuell mit, antiquierte Ansätze im Sinne einer qualitativen Weiterentwicklung günstig zu stimulieren.


(Foto: Autorengruppe ASP/MV 1973)

Die Gründung des ersten Abenteuerspielplatzes im Märkischen Viertel (ASP MV) wirkte sich auf die Abenteuerspielplatzbewegung stark motivierend aus. In der Folge gab es in Westberlin und in Westdeutschland etliche Nachahmer. Das Ziel der Abenteuerspielplätze war, Kindern eine Veränderbarkeit ihrer Umwelt und ihres Umfeldes zu verdeutlichen.

Die kindliche Phantasie sollte gefördert und ausgelebt werden. Kinder sollten im außerschulischen und außerfamiliären Bereich Möglichkeiten erhalten und praktische Solidarität erfahren und begreifen. So wurde versucht, auf den „Ur“-Abenteuerspielplätzen ein Konzept der – bereits erwähnten – „proletarischen Kinderarbeit“ umzusetzen. Dahinter steckte die Absicht, die Sozialisation, den Sprachkodex und proletarische Verhaltensweisen und Kulturen „salonfähig“ zu machen, d.h. Zusammenhänge, die bis dahin als defizitär galten, sollten die bisher gültigen Mittelschichtnormen ersetzen, was mit einem entsprechenden politischen Bewusstsein eng gekoppelt war. Reflektierend bleibt festzustellen, dass das Proletariat sich mit „proletarischen Werten“ eher marginal identifizierte; war es vielmehr eine Schicht von Intellektuellen, die sich proletarische Inhalte, Methoden und Ziele auf ihre Fahnen geschrieben hatte.


Georg-von-Rauch-Haus Berlin (Foto: Jutta Matthess, Georg-von-Rauch-Haus)

Parallel zur Abenteuerspielplatzbewegung gedieh die Jugendzentrumsbewegung. Dass diese durch die Nähe der „rebellierenden“ Studenten an den Universitätsstandorten ihren Ausgang nahm, scheint nicht verwunderlich. Eine Standortbestimmung für „den Jugendlichen“ lieferte der französische Philosoph André Glucksmann: „Der Jugendliche haust in der Gesellschaft, ohne in ihr zu wohnen, er wird von ihr ausgebeutet, ohne in sie ‚integriert‘ zu sein. Die kapitalistische Wirtschaft und die staatliche Verwaltung errichten ihren partikularen und variablen Größen entsprechend Grenzpfähle, wobei das umstrittene Gebiet mal größer, mal kleiner wird.“ (3)

Die Selbstorganisation der Freizeit ist die wesentliche Forderung der Jugendzentrumsbewegung. Und mit einem – gegenwärtig möglicherweise erstaunlich klingenden – Selbstbewusstsein und Selbstverständnis wird deutlich gemacht, dass das Initiativwerden keineswegs „als altersbedingtes, d.h. zeitweiliges jugendliches Aufbegehren gegen die ‚Welt der Erwachsenen‘ (Hermann Giesecke) zu verstehen (wäre), das mit der Erreichung eines bestimmten Alters und der erfolgten ‚Emanzipation gegenüber den erwachsenen Autoritäten‘ sich in ein Nichts auflösen und ‚vergessen‘ würde. Mit einer solchen verharmlosenden ‚Erklärung‘ würden die gesellschaftlichen Zusammenhänge und politischen Implikationen unterschlagen.“ (4)


(Foto: Georg-von-Rauch-Haus, Berlin)

Aufgrund der relativen Abwesenheit von Kontrolle sei der Freizeitbereich für die jungen Leute derjenige, der am ehesten geeignet zu sein schiene, sich ihrer Situation klar zu werden und revolutionäre Strategien zu entwickeln. Außerdem würden sich die Jugendlichen zunehmend darüber bewusst, dass auch der Freizeitbereich dem Verwertungsdrang des Kapitals unterworfen sei. Das anfängliche Gefühl von „Befreiung“, als Konsument ernstgenommen zu werden, sei der Erkenntnis gewichen, junge Leute würden „an der Nase herumgeführt“, und die „Befreiung“ entpuppe sich als Schein. Jugendarbeit war vor diesem Hintergrund eine klare politische Botschaft.

Freilich wäre es unangebracht, anzunehmen, es hätte sich dabei um schlichte Indoktrinierung gehandelt. „Politische Bildungsarbeit im Jugendfreizeitheim muss diese beiden Seiten (Anm. R.D.: nämlich Arbeit und Freizeit) in ein richtiges Verhältnis zu setzen versuchen: im Entspannungs- und Zerstreuungsverhalten der Jugendlichen müssen auch die Probleme und Konflikte außerhalb des Heims (Familie, Arbeitsplatz, Stadtteil) aufgedeckt und zugänglich gemacht werden; umgekehrt muss das ‚Bildungsangebot‘ des Jugendfreizeitheims, das sich auf die Konflikte der Jugendlichen bezieht, in eine Atmosphäre eingebettet sein, die Spaß, Freude und Entspannung nicht ausschließt. Die starre Trennung beider Bereiche muss aufgehoben werden. (…) Die Erstellung eines solchen Konzepts von politischer Bildungsarbeit im Jugendfreizeitheim ist nicht ein einmaliger Akt, sondern ein Prozess. Sie vollzieht sich entsprechend der genauen Untersuchung des Verhältnisses von Lebens- und Freizeitsituation der jeweiligen Heimbesucher und durch das schrittweise Begreifen des Zusammenhangs von subjektiven Interessen und der objektiven Klassenlage. Dieser Prozess kann nur gemeinsam von Jugendlichen und Mitarbeitern vollzogen werden, nicht aber stellvertretend von den Mitarbeitern für die Jugendlichen. Deshalb kann und darf dieser Prozess auch niemals die Form einseitiger ‚Indoktrinierung‘ annehmen. Allerdings haben die Mitarbeiter bei der Entwicklung einer solchen Konzeption die Aufgabe, ihre spezifischen Kenntnisse und Fähigkeiten den Jugendlichen beratend zur Verfügung zu stellen, sodass z.B. in der Frage der didaktischen Umsetzung von Ideen, in der Nutzung ihrer Kontakte und der Bereitstellung bzw. Erkämpfung der materiellen Bedingungen, die für eine solche Arbeit erforderlich sind (Elternarbeit, Lehrgänge, Kontakte zu anderen Institutionen etc.). (…) Der so beschriebene Ansatz von Jugendfreizeitheim-Arbeit geht nicht von einem statischen Begriff der Freiwilligkeit aus, sondern davon, dass Erkenntnisprozesse und Einsichten in die gesellschaftlichen Verhältnisse auch zur Veränderung der eigenen Interessenlage führen.“ (5) (6)


(Foto: Gerorg-von-Rauch-Haus, Berlin)

Es kann nicht übersehen werden, dass es vor allem in der Jugendzentrumsbewegung gelungen ist, den Bedarf an Kommunikations- und Geselligkeitsbedürfnissen stärker zu befriedigen, als dies bis dahin der Fall war. Dies gilt nicht nur für die Großstädte, sondern auch für ländliche Gegenden, in denen sogenannte selbstverwaltete bzw. autonome Jugendzentren noch bis in die Gegenwart existieren.

Seinerzeit wurde seitens der Jugendlichen auch häufig versucht, sich an die kommunale Politik zu wenden. Forderungen fielen vor allem bei Sozialdemokraten auf fruchtbaren Boden, zumal die Jungsozialisten der Jugendzentrums- und der Abenteuerspielplatzbewegung positiv gegenüber standen. Ähnliche Entwicklungen gab es demgemäß auch in Bezug auf Forderungen nach Abenteuerspielplätzen und ihrer Durchsetzung. Eine große Zahl solcher Plätze existiert bis heute erfolgreich.

Nie vollständig gelöst werden konnte der Konflikt, in dem haupt- bzw. nebenamtliche Mitarbeiter(innen) im Zusammenhang mit Selbstverwaltungsstrukturen steckten. Die Kommunen als Zuschussgeber sahen in ihnen Kontrollorgane, und sie selbst wollten deutlich parteilich für die Jugendlichen sein.

Unterstützt wurde der Kampf der Jugendzentrumsbewegung durch die Besetzung leerstehender Gebäude, die als Freizeiteinrichtungen dienten bzw. dienen sollten. Hierbei ging die Intention zum Teil über den Regenerationsaspekt hinaus: konnte man in den besetzten Häusern auch leben, ergo zwei Lebensbereiche integrieren.


Erich-Dobhardt-Haus in Dortmund (oben links im Bild: Portrait des getöteten Erich Dobhardt)

Einige derartiger „Projekte“ sind weit über ihre kommunalen Grenzen hinaus bekannt geworden, wie z.B. das Georg-von-Rauch-Haus und das Tommy-Weisbecker-Haus in Berlin, das Erich-Dobhardt-Haus in Dortmund  (7) und das Markus-Haus in Düsseldorf  (8). Übrigens überlebte die Hausbesetzer-Szene die Jugendzentrumsbewegung um einige Jahre. Noch bis in die achtziger Jahre hinein wurden leerstehende Häuser besetzt; größtenteils ging es dabei in erster Linie um autonom gestalteten Wohnraum. Allerdings spielte derart gewonnener Wohnraum auch in Bezug auf Kommunikation und Geselligkeit immer eine bedeutendere Rolle als eine auf normalem Weg gemietete Wohnung.

Einige „Relikte“ aus dieser Zeit bestehen immer noch bzw. existierten bis in die jüngere Zeit, z.B. die Hamburger Hafenstraße oder ein sogenanntes „Punkerhaus“ in Dortmund, was allerdings nunmehr auch seit Jahren abgerissen ist. (9)

Zeitgleich mit der Jugendzentrumsbewegung gelang es der Abenteuerspielplatzbewegung die meisten der – nach wie vor bestehenden – Abenteuerspielplätze als Örtlichkeiten für die Offene Kinderarbeit zu installieren. Auch die konzeptionellen Auseinandersetzungen waren in den ersten acht Jahren vergleichbar vehement. Abenteuerspielplätze entstanden vornehmlich in Berlin, Hamburg und Nordrhein-Westfalen. In anderen Bundesländern gab es verschiedene „Enklaven“, in denen derartige Einrichtungen ebenfalls gegründet wurden, z.B. in Niedersachsen, Hessen und Bayern. In Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein und im Saarland kamen sie nur noch vereinzelt vor. Gleichsam wurden in einigen Bundesländern Verbände gegründet, um Abenteuerspielplätze zu fordern und um diese – zunächst – vor allem politisch zu unterstützen. (10)

Eine etwas abweichende Entwicklung war in Baden-Württemberg festzustellen. Dort wurde primär der Typus der „Jugendfarm“ als Einrichtung der Offenen Arbeit mit Kindern geschaffen. Ausgehend von der Idee des langjährigen Vorsitzenden des „Bundes der Jugendfarmen“ (später: Bund der Jugendfarmen und Aktivspielplätze, gegründet 1971), Edgar Böhm, das weitläufige Grundstück seiner Familie im Elsental in Stuttgart auch für andere Kinder (außer seinen eigenen) zugänglich zu machen, stand Patin bei der Gründung der ersten Jugendfarm. Eines der wichtigsten Elemente der dortigen Pädagogik waren – im Gegensatz zu den Abenteuerspielplätzen, auf denen Hüttenbau, Feuer, Wasser, Sand (die vier Urelemente) und eben die geschilderten pädagogisch-politischen Überlegungen leitend waren – Tiere, in erster Linie Pferde. Hinzu kam, dass die Gründer des Bundes der Jugendfarmen und Aktivspielplätze nicht mit den Motiven der Abenteuerspielplatzbewegung übereinstimmten, wohl aber mit der Erkenntnis, Offene Kinderarbeit sei erforderlich.

Dies führte in der Folge zu Konflikten, die allerdings ab Mitte der achtziger Jahre konstruktiv gelöst werden konnten. Der Bund der Jugendfarmen und Aktivspielplätze gilt gegenwärtig als anerkannter Bundesverband der pädagogisch betreuten Spielplätze.

Der Typus „Jugendfarm“, in deren „klassischer“ Variante Tiere ein zentrales pädagogisches Mittel sind (11), verbreitete sich über Baden-Württemberg hinaus mehr oder weniger stark, z.B. in Berlin, Bayern, Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen. In Berlin heißen die Jugendfarmen (vielleicht treffender) „Kinderbauernhöfe“. (12)

Auch im europäischen Ausland konnte sich die „Jugendfarm-Idee“ etablieren. Es existieren Einrichtungen in Großbritannien, Schweden, Norwegen, Belgien (dort vor allem in Flandern), den Niederlanden und vereinzelt in Frankreich (13), Italien sowie Spanien.

Die Idee und das Konzept „Jugendfarm“ vermischte zu zunehmend mit dem des Abenteuerspielplatzes. So gibt es Einrichtungen in Baden-Württemberg, die sich Jugendfarm nennen, aber von einem Abenteuerspielplatz in Düsseldorf oder Berlin kaum zu unterscheiden sind; ähnlich gibt es Abenteuerspielplätze (aus der Gründerzeit) in Norddeutschland, die Tierhaltung als selbstverständliches Element in ihr Konzept aufgenommen haben.

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Fußnoten

(1) vgl. Autorengruppe ASP/MV: Abenteuerspielplatz. Wo Verbieten verboten ist. Reinbek (Rowohlt) 1973, S. 33
(2) ebenda
(3) André Glucksmann: Strategie und Revolution (1968), zitiert in: Erziehung und Klassenkampf. Zeitschrift für marxistische Pädagogik 10-11/1973, Themenheft „Jugendzentren“, Frankfurt am Main 1973, S. 9
(4) Erziehung und Klassenkampf 10-11/1973, a.a.O., S. 10
(5) Christian Marzahn/Christel Schütte/Hans Kamp: Konflikt im Jugendhaus. Fortbildung für Sozialarbeiter, Sozialpädagogen, Lehrer. Reinbek 1975, S. 118 f.
(6) Aus heutiger Sicht kann festgestellt werden, dass etliche der in der Jugendzentrumsbewegung aufgestellten Forderungen selbstverständlicher Bestandteil von Konzeptionen sind. Allerdings werden gegenwärtig Klassenlagen oder Probleme, die sich aus Deklassierungsprozessen ergeben, regelmäßig ignoriert bzw. gekonnt mit verschönenden Begriffen umschrieben.
(7) Das Erich-Dobhardt-Haus wurde allerdings wenige Tage nach der Besetzung aufgrund der Intervention des (katholischen) Besitzers gewaltsam geräumt.
(8) Die Namen wurden häufig nach „Märtyrern“ der Szene ausgewählt.
(9) Die Hamburger Hafenstraße und die Düsseldorfer Kiefernstraße könnten des Weiteren als Synonyme dieser Bewegung begriffen werden.
(10) Weitergehende Informationen zur Arbeit von Abenteuerspielplätzen können meinem Beitrag „Abenteuerspielplätze“ in dem „Handbuch Offene Kinder- und Jugendarbeit“, herausgegeben von Ulrich Deinet und Benedikt Sturzenhecker, sowie den Abenteuersspielplatz-Seiten im ABA-Netz entnommen werden (zum Handbuch siehe hier am Seitenende unter „Hinweis“). Die Abenteuerspielplatzseiten in den Verzeichnissen Ressorts im ABA Fachverband sowie NAGEL-Redaktion erreicht man per Klick auf die jeweiligen vorstehenden Links.
(11) Der Autor ist der Überzeugung, dass Tiere in der Pädagogik in der Tat eine ganz hervorragende Rolle einnehmen; sind sie explizit geeignet, Verantwortungsgefühl heranzubilden und Vertrauen zu schaffen. Gleichzeitig machen sie Grenzen sehr einfühlsam deutlich. Bei Bedarf und entsprechender Sachkenntnis sind sie durchaus auch in therapeutischer Hinsicht auf heilsame Weise verwendbar.
(12) Nach der deutschen Wiedervereinigung entstanden Jugendfarmen auch in den neuen Bundesländern wie anderenorts.
(13) Dies ist umso bemerkenswerter, da in Frankreich vor allem die Schule das Leben der Kinder und Jugendlichen bestimmt. Insofern ist es nicht erstaunlich, dass diese Einrichtungen stark von einer Kooperation mit Schulen abhängig sind.

Weiterführende Links

Autonomes Jugendzentrum (Wikipedia)

Jugendzentrumsbewegung (Wikipedia) – Literaturliste zur Jugendzentrumsbewegung

Soziale Bewegungen in der Folge der 1968-er Bewegung (Wikipedia)


Die Serie „Krempoli“ lief in den 70er-Jahren im Fernsehen.


(Foto: Georg-von-Rauch-Haus, Berlin)

Hinweis

Ulrich Deinet, Benedikt Sturzenhecker (Hg.): Handbuch Offene Kinder- und Jugendarbeit, Wiesbaden (VS Verlag für Sozialwissenschaften) 2005, 3., völlig überarbeitete und erweiterte Auflage, 668 Seiten, ISBN978-3-8100-4077-0, 59,90 Euro. Rezension lesen


(Bild: Georg-von-Rauch-Haus, Berlin)

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NAGEL-Redaktion – Die 1960-er Jahre

Die Entwicklung der Offenen Jugendarbeit bis Anfang der 60er Jahre führte diese in eine „Krise“: Das „Publikum“, das sich die Jugendfreizeitstätten herangezogen hatte, Jugendliche aus der Mittelschicht, blieben vermehrt den Häusern fern, da sie sich zunehmend andere Freizeitmöglichkeiten leisten konnten. Für die Rock’n Roll-Jugend waren die Häuser bisher nicht empfänglich. Auf diese Weise wurden sie gezwungen, sich anderen Gruppen gegenüber zu öffnen. Die Offene Jugendarbeit bekam inhaltliche Impulse durch C.W. Müller, den seinerzeitigen Leiter des „Hauses am Rupenhorn“, einer Bildungseinrichtung des Berliner Senats, sowie durch Lutz Rössner. Ihre Thesen konnten als Antwort auf die „Gautinger Beschlüsse“ aufgefasst werden.

Für C.W. Müller waren sowohl der Kommunikations- als auch der Emanzipationsaspekt von herausragender Bedeutung (1), ferner das Gesellungsbedürfnis der Jugendlichen. Jugendarbeit habe sich an den Bedürfnissen der Jugendlichen zu orientieren. Dies wurde auch von Rössner so gesehen. Darüber hinaus vertrat dieser die Meinung, dass Jugendarbeit den Kontakt zwischen den Geschlechtern (erotische Beziehungen) nicht verhindern dürfe. (2) Hermann Giesecke warf diesen Ansätzen vor, sie kaprizierten sich zu stark auf den Freizeitbereich und seien in dem Sinne systemimmanent, als sie „Versagung und Unterdrückung im Arbeits- und Schulsektor“ (3) ausblendeten.

Empirisches Material wurde 1966 von Gustav Grauer gesammelt. (4) Hieraus geht hervor, dass sich die Zahl der Jugendfreizeiteinrichtungen von 110 im Jahre 1953 auf 1.148 erhöht hatte. Weiterhin geht aus der Studie hervor, dass die meisten Jugendfreizeiteinrichtungen in Nordrhein-Westfalen angesiedelt waren. In dieser Erhebung wurde erneut deutlich, dass die Zielgruppe der Offenen Jugendarbeit in erster Linie Jungen bzw. junge Männer waren (1/4 Mädchen, 3/4 Jungen). Unter 50 Prozent der Einrichtungen verfügten über hauptberufliche Mitarbeiter(innen); das Schlusslicht hinsichtlich des Personals bildeten die konfessionellen Einrichtungen. Grauer kritisierte ebenfalls – wie zuvor schon C.W. Müller – die zu starke funktionale Festlegung der Gebäude, die den Jugendlichen angeboten wurden, die dem festgestellten Gesellungsbedürfnis keineswegs entsprachen. Sie ähnelten im Angebot noch eher Volkshochschulen als Einrichtungen, in denen Jugendliche tatsächlich ihren Bedürfnissen nachkommen konnten.

Die politische und gesellschaftliche Situation in Westdeutschland charakterisierte während dieser Zeit die Regierung der großen Koalition unter dem Kanzler Kiesinger; Kennzeichen waren der kalte Krieg, die Notstandsgesetzgebung, immer noch vorhandener Wohnungsnotstand und die politische Unmündigkeit großer Teile der Bevölkerung.

Die sogenannte Studentenbewegung der 1960-er Jahre läutete das Ende der großen Koalition ein. Mit Beginn der sozial-liberalen Regierung in Bonn wurden die Weichen gestellt für eine Entspannungspolitik nach außen hin. Innenpolitisch wurden Hoffnungen geweckt auf ein „Mehr-Wagen-von-Demokratie“ (Willy Brandt). Eine Ankoppelung bzw. ein Einfließen studentischer Emanzipationsversuche an bzw. in die Interessenvertretungen der Arbeiternehmer, die Gewerkschaften, kam nicht zustande, zumindest nicht in der Zeit dieses „Aufbruchs“, wenngleich die Bedeutung der späteren Lehrlings- sowie der Schülerbewegung außer Zweifel stehen sollte.


Rudi Dutschke, eine der Leitfiguren der deutschen Studentbewegung in den 1960-er Jahren im März 1968 (Foto: Archiv der Frankfurter Rundschau)

Gleichsam können wir heute feststellen, dass die später oft geklagte Ich-Bezogenheit, die Suche nach Sinn, die Individualisierung und Pluralisierung der Gesellschaft, Symptome der sogenannten „Postmoderne“, eine Folge jenes emanzipatorischen Aufbruchs ist. „Der Politfreak, der nichts so sehr hasste wie die Normalität, hat die Normalität der deutschen Gesellschaft erst entwickelt.“ (5)


Attentat auf Rudi Dutschke am 11. April 1968 (hier sein Fahrrad) – reaktionäre Hetze war ein möglicher Hintergrund. Nach den neuen Erkenntnissen um den ehemaligen Polizisten Kurras, der mit der Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 erheblich zu den sogenannten Studentenunruhen beitrug, scheint nicht auszuschließen, dass möglicherweise auch die Stasi ihre Finger im Spiel hatte. (Foto: Archiv Frankfurter Rundschau)

Waren es zunächst die Halbstarkenkrawalle deklassierter Jugendlicher, die sich von den in der Nachkriegszeit etablierten kulturellen Mittelschichtstandards ausgegrenzt sahen, die Druck auf die Jugendhäuser, sich verstärkt zu öffnen, ausübten (6), so kamen in der zweiten Hälfte der 60er Jahre deutlich formulierte Emanzipationsbestrebungen, die auch Lehrlingskreise ergriff, hinzu. „Der Schub, der mit der Studentenbewegung ab 1968 einsetzte, differenzierte das Bild entscheidend.“ (7)


Plakat 1968: Aufruf zur Demonstration gegen die die seinerzeitige Notstandsgesetzgebung (Quelle: Haus der Geschichte, Bonn)

Begriffe wie „emanzipatorische Jugendarbeit“ und „proletarische Kinderarbeit“ wurden geprägt. Jugendarbeit sollte ein zentrales Politisierungsfeld werden. In dieser Zeit formierten sich die „Jugendzentrumsbewegung“ ebenso wie die „Abenteuerspielplatzbewegung“. Schüler und Lehrlinge initierten und erkämpften sich Jugendzentren, Studenten forderten und errichteten Kinderläden – dies vorwiegend in Westberlin – (8) und Abenteuerspielplätze.

Der fürsorgerische Aspekt wurde zugunsten emanzipatorisch-politischer Strömunen zurückgedrängt. Probleme sollten gewissermaßen „im Schlepptau“ miterledigt werden. (9) Weitere Funktionen lagen in der „Befriedigung ästhetisch-kultureller Bedürfnisse – vor allem nach Musik … Politisierung und mediale Produktionsformen gingen teils in neuen Synthesen zusammen – z.B. ‚Rock gegen Rechts‘ – oder grenzten sich voneinander ab.“ (10)


Plakat des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes 1986

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Fußnoten

(1) vgl. C. Wolfgang Müller, Helmut Kentler, Klaus Mollenhauer, Hermann Giesecke: Was ist Jugendarbeit? München, 7. Auflage 1975, S. 11 ff.; auch: C. Wolfgang Müller: Wozu dient das Freizeitheim und wie muss es aussehen? In: Der Rundbrief. Mitteilungsblatt des Senators für Jugend und Sport 5/6. Berlin 1962, S. 20
(2) vgl. Lutz Rössner: Jugend in der offenen Tür. Zwischen Chaos und Verartigung. München 1962
(3) Hermann Giesecke 1980, a.a.O., S. 57
(4) vgl. Gustav Grauer: Jugendfreizeitheime in der Krise. Weinheim/Basel 1973
(5) Matthias Horx: Aufstand im Schlaraffenland. Selbsterkenntnisse einer rebellischen Generation, München 1989, S. 198. Auf Seite 199 heißt es dort: „Wir müssen uns wohl damit abfinden, dass jenes gesellschaftliche Konglomerat, mit dem wir in die 90er Jahre gehen, jenes Wirrwarr aus netten Polizisten und vernagelten Fundis, kriselnden Familien und einsamen Singles, aus sich widersprechenden Strömungen der Kälte und Nähe, der Ignoranz und Aufmerksamkeit, der dummen und der klugen, der lauten und der leisen Töne, diese Demokratie-Baustelle, auf der um die Moral des Geldes heftig gestritten wird, dieser weder richtig europäische noch amerikanische, aber auch nicht mehr im originären Sinn ‚deutsche‘ Gesellschaft, dass diese abenteuerliche Konstruktion auch auf unser Konto, auf das Konto der rebellischen Generation geht. Ob das alles ist, was wir erreicht haben? Man muss andersherum fragen: Ist das etwa nichts?“
(6) vgl. Rainer Treptow: Stärkung der Kulturarbeit. In: Neue Praxis 1/1986
(7) ebenda
(8) vgl. hierzu: Autorenkollektiv: Schülerladen Rote Freiheit
(9) vgl. Treptow, a.a.O.
(10) ebenda

Weiterführende Links

Die 1960er-Jahre (Wikipedia)

APO (Außerparlamentarische Opposition) (Wikipedia)

Benno Ohnesorg (Wikipedia)

Lehrlingsbewegung (Wikipedia)

Rudi Dutschke (Wikipedia)

Studentenbewegung der 1960-er Jahre (Wikipedia)

Hinweis

Der Kölner Philosoph und Autor Richard David Precht (Jahrgang 1964) beschreibt in seinem sehr persönlichen Buch „Lenin kam nur bis Lüdenscheid“ sein Aufwachsen in einer linken Familie. Stellenweise muten die geschilderten Erlebnisse kurios an. Unter dem Strich allerdings verhehlt er nicht, dass er die Zeit nicht missen will. Eine Kurzrezension gab es im i-Punkt 1/2009 auf den Seiten 36 f.

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NAGEL-Redaktion – Zur Geschichte der Offenen Arbeit mit Kindern

Offene Arbeit mit Kindern gibt es in Westdeutschland seit Mitte der sechziger Jahre. Den Anfang machten Initiativgruppen (Eltern, PädagogInnen, StudentInnen), die die soziokulturellen Lebensbedingungen in ihrem Wohnbereich verbessern wollten. Die erste Jugendfarm entstand 1962 in Stuttgart-Elsental, der erste Abenteuerspielplatz 1967 im Märkischen Viertel Berlins nach dem Vorbild der Gerümpel- und Bauspielplätze in Dänemark (1943), in England (1946) und den Robinsonspielplätzen der fünfziger und sechziger Jahre in der Schweiz. Ähnliche Initiativen errichteten weitere Abenteuerspielplätze, Robinsonspielplätze, Jugendfarmen und Kinderbauernhöfe, so daß in kürzester Zeit die Rede von einer „Abenteuerspielplatz-Bewegung“ gerechtfertigt war. Es folgten weitere Differenzierungen der Formen Offener Arbeit mit Kindern, etwa ab 1970 die Spielmobile, aber auch Kinderspielclubs und stadtteilbezogene Arbeit mit Kindern.

Diese Arbeitsbereiche Offener Arbeit mit Kindern entstanden im Zusammenhang einer Vielfalt von sozialen Experimenten der siebziger Jahre (Kinderläden, Alternativschulen, Wohngemeinschaften, Stadtteilarbeit und viele andere mehr). Alle entstanden im Zusammenhang der westdeutschen StudentInnenbewegung, also in einer Zeit, in der bis dato anerkannte Erziehungskonzepte und darüber hinaus die Soziale Arbeit insgesamt und die gesellschaftlichen Verhältnisse in ihrer Gesamtheit radikal hinterfragt wurden. Man kritisierte die vorfindbaren phantasielosen Spielplätze und die zunehmende Funktionalisierung der öffentlichen Lebensräume, in denen für spontanes Kinderspiel wenig Platz blieb. Man fand (und findet), die Möglichkeiten sinnlicher Erfahrung für Kinder seien eingeschränkt, die Kindheit insgesamt wäre kolonialisiert und kommerzialisiert und die zunehmende Verbreitung des Fernsehens hätte eine verheerende Wirkung auf Kinder. All diesen negativen Einflüssen sollte (und soll) Positives entgegengesetzt werden. StudentInnen, PädagogInnen und Eltern diskutierten Neills „Antiautoritäre Erziehung“ (1969), v. Braunmühls „Antipädagogik“ (1975), Makarenkos „Kollektiverziehung“ (1958) und andere alternative Konzepte, und sie versuchten, diese in ihren Initiativen und Projekten praktisch umzusetzen. Ihr Ziel war, die gesellschaftlichen Verhältnisse kurzfristig durch politische Aktion und langfristig durch eine alternative Kindererziehung zu verändern. 

Von Anfang an ließen sich die Fachkräfte der Offenen Arbeit mit Kindern durch die Diskussionen zweier verschiedener Arbeits- und Denkrichtungen inspirieren, durch die „Sozialpädagogik“ und die „Kulturarbeit“. Das Nebeneinander hat sich zeitweise zu einem Gegeneinander entwickelt und die Kontroverse der beiden Sichtweisen taucht in der Fachdiskussion immer wieder auf. KulturarbeiterInnen werfen den SozialpädagogInnen vor, sie würden „Defizitbearbeitung“ betreiben und die Kinder ausschließlich auf ihre Probleme reduzieren; die SozialpädagogInnen ihrerseits vermuten, daß die KulturarbeiterInnen lediglich Dinge tun, die ihnen selbst Spaß machen und ihre Angebote denjenigen unterbreiten, die pädagogisch ohnehin gut „versorgt“ sind. Um ein Verständnis für den Hintergrund dieser Vorwürfe zu wecken, zeigen wir kurz Entwicklungslinien beider Traditionen auf:

● Die sozialpädagogische Arbeit mit Kindern war – wie der gesellschaftspolitische Impetus der 70er Jahre insgesamt – alles andere als auf Defizitbearbeitung ausgerichtet (zum Beispiel die Kritik der kompensatorischen Erziehung). Seit den achtziger Jahren setzte in den Arbeitsfeldern der Sozialpädagogik die sogenannte „pragmatische Wende“ zur Alltagsarbeit und zur Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen ein. Je stärker die Lebenswelt in den Focus genommen wurde, desto deutlicher wurden auch Phänomene, die aus der Sicht sozialpädagogisch ausgebildeter Fachkräfte als „Probleme“ diagnostiziert wurden. Gemessen an den Zielsetzungen von Autonomie und Partizipation war und ist es naheliegend, die Kinder durch „Defizitbearbeitung“ erst einmal in die Ausgangsposition zu bringen, von der aus sie diese Ziele angehen können.Denn wem es aufgrund seiner persönlichen Ausstattung an Handlungskompetenzen mangelt, der kann schwerlich an einer gesellschaftlichen Entwicklung zu mehr Humanität et cetera teilhaben. Daher unterscheidet zum Beispiel Giesecke fein zwischen „Politik“ und „Pädagogik“. Letztere soll die Grundlagen und Fähigkeiten entwickeln, die für eine politische Tätigkeit notwendig sind, nämlich „grundlegende menschliche Fähigkeiten der Urteilskraft, Toleranz, Engagement für den Schwächeren, Solidarität, Kooperationsfähigkeit usw.“ (Giesecke 1980, 452).Viele Fachkräfte versichern glaubwürdig, daß immer mehr „problembelastete“ Kinder und Jugendlicher in die Offenen Einrichtungen kommen, weil sie hier erleben, daß die PädagogInnen auf ihre Bedürfnisse eingehen. 

● Die Kulturarbeit mit Kindern entstand in der gleichen politischen Aufbruchsituation wie die Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen (Arbeitskreis Jugendarbeit 1987, 43). Der „soziokulturelle Ansatz“ richtet sich gegen den bürgerlichen Kulturbegriff und die „Kultur der Herrschenden“. Kultur soll „für alle“ da sein, sie soll nicht mehr die „zum Konsumieren“, sondern die „zum Selbermachen“ und „ästhetisch-sinnliche Praxis“ sein. Die ersten soziokulturellen Zentren wollten Zentren ästhetisch-politischer Stadtteilkultur sein. Als KulturarbeiterInnen verstanden sich KünstlerInnen aller Sparten, MedienarbeiterInnen, LehrerInnen, FreizeitpädagogInnen, HandwerkerInnen, aber selten SozialarbeiterInnen oder SozialpädagogInnen. Kulturelle Angebote für Kinder entstanden zunächst in der Museumspädagogik oder in Jugendmusik- und -kunstschulen, und man gründete Bezirks- und Landesarbeitsgemeinschaften für kulturelle Jugendbildung, die als „kulturelles“ Pendant der Jugendverbände gelten können. Die „Pädagogische Aktion“ München, ein Zusammenschluß von KulturarbeiterInnen, der auch heute für Kulturarbeit innerhalb der Offenen Arbeit mit Kindern steht, führte zu Beginn der siebziger Jahre die Spielmobilarbeit ein, die heute einen wesentlichen Arbeitsbereich der Offenen Arbeit mit Kindern darstellt. KulturpädagogInnen bieten den Kindern „Raum, Zeit und Zeug zum Spielen“ an, um ihnen damit umfassende sinnlich-ästhetische Lernprozesse zu ermöglichen. Sie arbeiten punktuell und/oder projekthaft und betonen die Lust und den Spaß der gemeinsamen Sache. Problembearbeitung steht nicht im Vordergrund und auch spezifische Zielgruppen im sozialpädagogischen Sinne werden meist nicht berücksichtigt. Kultur ist „für alle“ da. 

Nach einem jahrelangen Nebeneinander beider Schwerpunkte kommt es seit Mitte der 80er Jahre zu verstärkter Konkurrenz. Vor allem in der Offenen Jugendarbeit scheint die „Sozialpädagogik“ in der Defensive. Viele Häuser der Offenen Tür ändern ihre Konzeption in Richtung „Kulturarbeit“, wahrscheinlich auch, weil sie mit den Problemen, die die traditionellen BesucherInnengruppen aus den unteren Schichten mitbringen, nicht mehr zurecht kommen. Die „sozialpädagogische Fraktion“ kritisiert an dieser Tendenz, daß sich dadurch Kinder und Jugendliche der unteren Schichten nicht mehr angesprochen fühlen und auf andere Formen der Sozialen Arbeit angewiesen sind wie zum Beispiel Streetwork (etwa Arbeitskreis Jugendarbeit 1987; Belardi 1986; Puhl 1982). Die „Kulturfraktion“ hält dagegen, daß es ohnehin nicht die Aufgabe Offener Kinder- und Jugendarbeit sein dürfe, Sozialpädagogik zu betreiben. Erstens sei sie aufgrund ihrer Infrastruktur überfordert, zweitens sei es auch aus politischen Gründen falsch, sich für die integrativen Zwecke des Sozialstaates vereinnahmen zu lassen (Treptow 1986). 

In der Offenen Arbeit mit Kindern gibt es moderatere Positionen und Diskussionsergebnisse. In Arbeitsgruppen des ABA Fachverbandes (Der Nagel 1986/87, 7 ff.) und der Fachtagung „Spiel- und Lebensraum Großstadt“ (1987) wurden eher Gemeinsamkeiten herausgestellt und eine Zusammenarbeit propagiert, denn „eine Aktion wird nicht dadurch schlecht, weil ein anderer sie veranstaltet …“ (vergleiche dazu auch den vermittelnden Aufsatz von Lukas 1989).

Im Jahre 1975 gab es schon 70 bis 80 Abenteuerspielplätze und ca. 5000 Initiativen, die einen solchen Platz einrichten wollten (Aurin-Schütt 1992, 28). Um 1980 existierten etwa 350 Einrichtungen mit ca. 2000 MitarbeiterInnen (Nahrstedt 1981). Damit war die „Abenteuerspielplatz-Bewegung“ jedoch auch schon auf ihrem Höhepunkt angelangt. In den folgenden Jahren lösten sich die meisten Initiativen wieder auf, und/oder die Kommunen übernahmen die Trägerschaft der Plätze, eine Entwicklung, die als zunehmende „Institutionalisierung“ und „Kommunalisierung“ bezeichnet wird. In Nordrhein-Westfalen befanden sich beispielsweise gegen Ende der achtziger Jahre etwa 70 % der Einrichtungen Offener Arbeit mit Kindern in kommunaler Trägerschaft (vergleiche Deimel 1987, 13; vergleiche dazu auch Kapitel 8). 

Zur Zeit gibt es in der Bundesrepublik etwa 300 Abenteuerspielplätze (Krauss 1994). Die Verbreitung von Spielmobilen wurde 1994 auf etwa 400 geschätzt (BAG Spielmobile 1994). Zum Umfang der Offenen Arbeit mit Kindern in Jugendzentren gibt es kaum Zahlen. In Nordrhein-Westfalen gab es Anfang der neunziger Jahre in 90 % der Offenen Jugendeinrichtungen Angebote für Kinder; und diese stellten im Durchschnitt 40 % der BesucherInnenzahlen – Tendenz steigend (Hubweber 1990).

Zum „Absterben“ der Initiativen sei gesagt, daß Bürgerinitiativen prinzipiell eine begrenzte Lebensdauer haben. Sie engagieren sich, solange es um ihre persönlichen Belange geht und da, wo innerhalb einer begrenzten Zeitspanne die eigenen Kinder unter optimalen Bedingungen aufwachsen sollen. Institutionen hingegen – dazu noch besetzt mit professionellen PädagogInnen (mit dem Interesse an einer langfristigen Sicherung ihrer Arbeitplätze) sind auf „ewiges Bestehen“ ausgerichtet. Die beklagte Kommunalisierung bietet für die Belange von Professionellen die beste Garantie, wenn auch um den Preis der bürokratischen Organisation der Arbeit. 

Auch in der ehemaligen DDR gab es eine gewisse „Bewegung“: Seit 1979 gründeten sich sogenannte „Spielwagen“-Gruppen (in Berlin, Dresden, Halle, Leipzig, Magdeburg, Potsdam, Rostock u.a.). Den Anfang machte die Gruppe „Spielwagen Berlin I“, die auch als einzige Gruppe gezielt Kontakt mit der politischen Administration aufnahm und mit ihr verhandelte. Die Initiativen setzten sich aus den verschiedensten technischen, künstlerischen und pädagogischen Berufen und quer durch die Altersgruppen zusammen. Sie führten in ihrer Freizeit Spielnachmittage, Spielaktionen und Spielfeste mit teilweise großen Kindergruppen durch. Problematisch war immer die Frage des Transportes der Spielgeräte; bis auf die Gruppe „Spielwagen Berlin I“ verfügte keine Initiative über ein angemessenes Fahrzeug. Um 1984/1985 gab es die ersten Versuche der Selbstdarstellung: die engagierten MitarbeiterInnen „verkauften“ ihre „volkskünstlerische Tätigkeit“ als „betreutes musisches Kinderspiel“ (Kirchner 1990, 83). 1986 knüpfte man die ersten internationalen Kontakte. 

Die Offene Arbeit mit Kindern wurde also auch in der DDR gegen den Widerstand der „offiziellen“ Politik durchgesetzt. Hinzu kamen Probleme ideologischer Art, denn die Arbeit mußte immer mit Blick auf das einheitliche „Bildungs- und Erziehungsziel“ in der DDR und mit Rücksicht auf die Belange der öffentlichen Sicherheit und Ordnung legitimiert werden. Die MitarbeiterInnen zogen ähnlich wie im Westen zunächst viele Kinder an; in neuerer Zeit scheint die Offene Arbeit mit Kindern jedoch in eine „Krise“ zu geraten: die Kinder bleiben aus (Kirchner 1990, 81). Kirchner meint, daß der Neuigkeitswert der Spielwagen nachgelassen hätte und daß Elemente der Spielwagen-Pädagogik im Laufe der Zeit in die offiziellen Kinderprogramme der DDR eingegangen seien. Er beklagt, daß es bisher kaum betreute Spielplätze auf dem Gebiet der ehemaligen DDR gäbe. Ein anderer Punkt sei, daß sich die ostdeutschen Kinder im Verlauf der „Wende“ der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung angepaßt und eher konsumorientierten Freizeitangeboten zugewandt hätten. Auch in Ostdeutschland gibt es eine ausgeprägte Theoriediskussion, die Umsetzung der konzeptionellen Überlegungen scheitert aber oft an Finanzierungsbarrieren. Angesichts der immensen Aufgaben des „Aufbau Ost“ bleiben Angebote Offener Arbeit mit Kindern Luxus.

In Westdeutschland ist schon lange „Krisenstimmung“ angesagt: Zunächst hatten die ProtagonistInnen ihre Arbeit intensiv dokumentiert, wie Nahrstedt mit einer umfangreichen Literaturliste für die erste Hälfte der 70er Jahre beweist (Nahrstedt 1981, 5). Aber schon seit Ende der 70er Jahre attestieren BeobachterInnen vor allem der Abenteuerspielplatz-Pädagogik und viele MitarbeiterInnen sich selbst eine schwere Krise. Ein „Zeitzeuge“, der seit über 10 Jahren auf einem Abenteuerspielplatz arbeitet, schreibt: „Man wollte den – vorgeblichen – Muff und Staub dieser ‚geschlossenen‘ Arbeit abschütteln und zu neuen Ufern aufbrechen. … Die Offene Arbeit mit Kindern sollte ihre Adressaten klüger, begabter, reicher usw. machen, kurzum: Die Unterdrückung der Kinder sollte aufgehoben werden. Auf diesem Wege könne im Laufe der Zeit, so die Hoffnung, Emanzipation insgesamt auf eine breitere Basis gestellt werden. Am Anfang schien auch alles bestens zu laufen. Die alten Bastionen erzitterten. … Doch dann, weiß der Teufel warum, geriet der Emanzipationszug ins Stocken. Das, was wie eine Alternative zum Herkömmlichen aussah, erwies sich als mangelhafte Kopie. Denn im Grunde machte Offene Arbeit mit Kindern dasselbe, was schon immer lief, bisweilen sogar noch etwas dürftiger“ (Thilke 1987, 10). Thilke deutet damit an, daß das neue Arbeitsfeld nach einem hoffnungsvollen Start in andere als die geplanten Bahnen geriet: 

Mit der „politischen Wende“ von der sozial-liberalen Koalition zur CDU-Regierung wandelte sich das „Reform-Klima“ und auch die Abenteuerspielplatz-Bewegung „ermüdete“. Teilweise hatten die engagierten WegbereiterInnen der Offenen Arbeit mit Kindern die politischen und institutionellen Bedingungen unrealistisch eingeschätzt, und sie machten nun die Erfahrung, daß sie ihre Vorstellungen nicht so einfach umsetzen konnten. In der konkreten, kontinuierlichen Alltagsarbeit stellten sich zum Beispiel andere Probleme als die konzeptionell angedachten. Es ging um Alltagskonflikte, mühsame Materialbeschaffung usw.. Auch die Objekte der Bemühungen, nämlich die Kinder selbst, widersetzten sich so manchen Wünschen der MitarbeiterInnen nach Veränderung. Darüber hinaus haben sich auch die Interessen und Zielsetzungen von PädagogInnen gewandelt und die „neue Generation“ bezieht sich kaum auf die (noch so jungen) „Wurzeln“ der Offenen Arbeit mit Kindern. Als Hauptursache der Dauerkrise wird jedoch zu allen Zeiten und in Ost und West die restriktive Sparpolitik im Sozialbereich ausgemacht. 

Man kann den Wandel vom politischen „Aufbruch“ zur pädagogischen Arbeit in den Institutionen jedoch auch als „Wandel im Verständnis der Praxis“, als „pragmatische Wende“ und einen „Prozeß bewußter Pädagogisierung, der die methodischen und didaktischen Voraussetzungen dauerhafter Lernprozesse ihrer Bezugsgruppen in den Vordergrund rückt“ verstehen, wie es Barabas u.a. schon 1978 taten (Barabas u.a. 1978, 492 ff.). PädagogInnen, die die Lebenswelten der Kinder und Jugendlichen in den Mittelpunkt stellen, kommen nämlich manchmal zu einer ganz anderen Praxis, als sie selbst zunächst gedacht haben. 

Darüber hinaus wandelt sich dieses Arbeitsfeld wie alle anderen Arbeitsfelder auch im Laufe der historischen Entwicklung. Die politischen Bedingungen ändern sich und damit auch die der Offenen Arbeit mit Kindern zugedachten Funktionen (vergleiche Kapitel 3). Auch die Ansprüche und Bedürfnisse aller Beteiligten müssen ständig neu ausgehandelt werden. Es ist gut möglich, daß einige PädagogInnen diesen Wandel nicht wahrhaben wollen, oder daß deren Richtung ihnen nicht behagt – was immerhin (persönliche) Krisen auslösen kann. Unserer Meinung nach hat das nun schon annähernd 15 Jahre andauernde Gerede von einer Krise diesen Begriff entwertet. Das Arbeitsfeld der Offenen Arbeit mit Kindern ist das Kind einer sozialen Bewegung. In dem Moment, in dem sie sich institutionalisiert, erreicht sie ein neues Stadium ihrer Entwicklung. Neue Probleme und Perspektiven stellen sich, die nicht mit einem weinerlichen Rückblick auf vergangene Zeiten zu bewältigen sind. Wir plädieren daher dafür, dieses Arbeitsfeld unter didaktischen Gesichtspunkten neu zu vermessen – in Kenntnis der Geschichtlichkeit der Offenen Arbeit mit Kindern und unter Berücksichtigung der zeitgenössischen gesellschaftlichen Herausforderungen. 

Neue Abenteuerspielplätze werden zur Zeit fast ausschließlich in Ostberlin und den neuen Bundesländern gegründet (etwa in Dresden, Berlin, Magdeburg, Hoyerswerda) und die durch den Vereinigungsprozeß und die wirtschaftliche Rezession zunehmende Finanznot der Kommunen bedroht derzeit viele Einrichtungen der Offenen Arbeit mit Kindern. Doch trotz „finanzieller Krise“ und „Krise des Selbstverständnisses“ gibt es heute eine Vielfalt von Ausprägungen Offener Arbeit mit Kindern. Auf dem „Grauen Markt“ kann man eine unübersehbare Anzahl von Praxisdokumentationen finden, die Trends und Arbeitsprinzipien abbilden. 

Weiterführende Literatur

Als „geschichtliche“ Dokumente bieten sich an: 

● Autorengruppe ASP/MV: Abenteuerspielplatz: wo Verbieten verboten ist. Reinbek 1973 (leider vergriffen, wird möglicherweise demnächst vom ABA Fachverband nachgedruckt)

● Autorengruppe Westberliner Volkstheaterkooperative: Blumen und Märchen. Stadtteilarbeit mit Kindern im Märkischen Viertel Berlin. Reinbek 1974 (leider vergriffen)

● Mayrhofer, Hans; Zacharias, Wolfgang: Aktion Spielbus. Spielräume in der Stadt – mobile Spielplatzbetreuung. Weinheim und Basel 1973

Neuere Aufsatzsammlungen, die auch die bisherige geschichtliche Entwicklung dokumentieren, sind: 

● Bund der Jugendfarmen und Aktivspielplätze (Hg.): Abenteuerspielplätze und Kinderbauernhöfe. Eine Arbeitshilfe. Bezugsadresse: Haldenwies 14, 7000 Stuttgart 80

● Deutsches Kinderhilfswerk e.V.; Landesfachgruppe Spielmobil NRW; IPA – Recht auf Spiel e.V. (Hg.): Das Spielmobilbuch. Berlin 1990 (FIPP Verlag)

Mit der Offenen Arbeit mit Kindern unter den derzeitigen „Krisenbedingungen“ beschäftigen sich:

● Bähnisch, Dieter u.a.: Frostige Zeiten für die Kinder- und Jugendarbeit. Ein Gespräch In: Verbandskurier, 1. Quartal 1993, S. 4 – 15

● Fromme, Johannes: Perspektiven Offener Kinderarbeit. In: Harms, Mannkopf (Hrsg.): Spiel- und Lebensraum Großstadt. Berlin 1989; S. 95 – 102

● Hafeneger, Benno: Offene Kinder- und Jugendarbeit unter Krisenbedingungen. Zwölf Thesen zu neuen Herausforderungen. In: deutsche jugend, Heft 4, 1994, S. 181 – 184

● Hubweber, Norbert: Offene Kinder- und Jugendarbeit in NRW. Entwicklungen, Konzepte – Angebote – Daten. Expertise zum 5. Jugendbericht der Landesregierung. Kath. LAG Heim der Offenen Tür NRW, Marzellenstr. 32, 50668 Köln (Dokumentation der jugendpolitischen, institutionellen, personellen und konzeptionellen Entwicklungen in der Kinder und Jugendarbeit in den vergangenen 10 Jahren; Norbert Hubweber hat darüber hinaus eine Literatursammlung zur Offene Kinder- und Jugendarbeit für die Jahre 1955 – 1990 zusammengestellt.

● Kupfer, Hartmut: Liebe Antje (Ein Leserbrief). In: Verbandskurier, 1. Quartal 1993, S. 34 – 36 (Einschätzungen zum „Weg“ und zur Akzeptanz der Abenteuerspielplätze heute)

● Kupfer, Hartmut: Zur Situation der Offenen Arbeit mit Kindern. Einige kritische Anmerkungen. In:  Der Nagel, 56/1994, S. 63 – 66

● Schottmayer, Georg: Der betreute Spielplatz: Pädagogisches Relikt, zeitgemäßer Spielraum oder unverzichtbarer Lebensraum für Kinder? In: Verbandskurier. 2. – 4. Quartal 1993, S. 27 – 35

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NAGEL-Redaktion – Die Etablierung der Offenen Arbeit mit Kindern

Ohne dass Deutschland bis dahin davon tangiert wurde, hatte sich im europäischen Ausland eine Variante Offener Arbeit für Kinder etabliert. So hatte der dänische Gartenbauarchitekt, Künstler und Kunstprofessor Carl Theodor Sørensen (1893-1979), der in Kopenhagen zeitweilig zuständig für die Errichtung von Spielplätzen war, bereits im Kriegsjahr 1943 den Prototypen des pädagogisch betreuten Spielplatzes geschaffen. Dieser entstand auf einer Fläche von 6.000 qm in Emdrup, einem Kopenhagener Vorort. Sørensen schlussfolgerte aufgrund seiner Beobachtung, dass die Kinder seine „schönen“ und erwachsenengerechten Spielplätze nicht bzw. nur wenig annahmen, diese müssten sich anderenorts Spielgelegenheiten erobern. Und er entdeckte sie auf Schrotthalden, Brauchflächen, Trümmergrundstücken und Baustellen. Hieraus konzipierte er in Zusammenarbeit mit dem Architekten D. Fink zunächst die Idee der „skrammellegepladsen“ (Gerümpelspielplätze). Das Spielangebot bestand aus Gerümpel, Schrott und Schutt jeglicher Art. Aus den Gerümpelspielplätzen entwickelten sich in Folge in weiten Teilen Dänemarks die „byggelegepladsen“ (Bauspielplätze).


Skrammellegeplads in Kopenhagen (Foto: Königlich Dänisches Ministerium des Äußeren, Kopenhagen, gefunden bei Gerhard Aick: Die Befreiung des Kindes, Schriftenreihe der IGA 1963 Hamburg – Repro: Rainer Deimel)

Auffallendes Merkmal der dänischen Bauspielplätze war die Intention, Kindern die Welt der Erwachsenen auf kindgemäße Art und Weise zugänglich zu machen: im Grunde wurde hier das Leben der Erwachsenenwelt auf Kinderterritorien nachgespielt, um den Umgang damit zu vermitteln. In diesem Kontext sollte erwähnt werden, dass Kinderinteressen in Skandinavien schon wesentlich länger eine wichtigere Rolle als beispielsweise in Deutschland spielen.


Bellhøj Skammellegeplads (Foto: abm.nu, ABA Fotobutikke)


Früher Byggelegeplads 1949 (Foto: Willy F. Hansen)


Byggelegeplads (Foto: Bymuseum Kopenhagen, Kulturministerium Dänemark)

Die britische Gartenbauarchtektin Lady Allen of Hurtwood verschaffte sich gegen Ende der 40er Jahre in Skandinavien einen Eindruck über diese Form Offener Arbeit mit Kindern. Sie nivellierte jenen konzeptionellen Ansatz, indem sie besagten offenen Einrichtungstypus ab 1948 in Großbritannien vornehmlich in verdichteten industriellen Ballungsgebieten (London. Manchester, Leeds usw.), in denen Kindern natürliche Spielräume in besonderem Maße abhanden gekommen waren, einführte, ein „künstliches Abenteuer“ sozusagen. Hier taucht dann auch erstmalig der Begriff „adventure playground“ (Abenteuerspielplatz) auf. (1)

Ein erster Abenteuerspielplatz entstand ebenfalls Anfang der 50er Jahre in den Niederlanden, nämlich in Amsterdam. Sein anfänglicher Name „Jongensland“ deutete bereits auf seine ursprüngliche konzeptionelle Intention hin: dieser im Amsterdamer Osten auf einer Halbinsel im Ijsselmeer gelegene Platz sollte präventtiv und interventiv wirksam werden. Seine Zielgruppe waren Jungen, die durch die Kriegs- und Nachkriegswirren stark gefährdet waren und als Straßenkinder ihr „Unwesen trieben“. Dieser über 40.000 qm große Platz existiert nach wie vor; seit geraumer Zeit ist er ein „normaler“ Abenteuerspielplatz, nennt sich „Jeugdland“ (Jugendland) und ist eingebettet in die Jugendhilfelandschaft der „Stichting Amsterdam-Oost“.


Jongensland in den 1950-er Jahren (Foto: Het Geheugen van Oost, Amsterdam)

In den Niederlanden hat sich die Idee der betreuten Spielplätze als Einrichtungen der Offenen Kinderarbeit seit Anfang der 50er Jahre verbreitet. Schwerpunkte bilden die Städte Utrecht und Arnheim. Seit Anfang der siebziger Jahre sind diese Plätze meist formell in Bouw- bzw Avontuurenspeelplatsen bzw. -tuins (Bau- bzw. Abenteuerspielplätze bzw. -gärten) umgewandelt worden. Die unterschiedlich starke Verbreitung ist dadurch erklärbar, dass es sich bei der Einrichtung derartiger Angebote um „freiwillige“ kommunale Aufgaben handelt. (2)

1956 wurde in der Schweiz, in Zürich, mit Unterstützung der Stiftung „Pro Juventute“ (3) der erste „Robinsonspielplatz“ eingerichtet, weitere im ganzen Land folgten. „Pro Juventute“ vertrat die Ansicht, ein Spielplatz müsse eine gewisse „Spieldramatik“ besitzen. (4) Der Begriff „Robinsonspielplatz“ wurde in Deutschland anders interpretiert. Hierzulande wurden etwa ab Anfang der 60-er Jahre sogenannte Robinsonspielplätze ohne die auf Abenteuerspielplätzen typische Eigenaktivität der Kinder installiert. Ausgehend von der „IGA 63“ (der Internationalen Gartenbau-Ausstellung, die 1963 in Hamburg stattfand), handelte es sich nicht selten dabei um groß dimensionierte und entsprechend kostspielige Projekte mit (starren) Geräten aus Holz und anderen Materialien: Hängebrücken, Forts, Blockhütten, Aussichts- und Klettertürmen. (5)


Planten un Blomen in Hamburg. Der abgebildete Spielplatz entstand zur IGA 1963. Das Foto stammt aus dem Jahr 2005 (Foto: Wolfgang Feld, eingestellt bei Wikipedia)

Ein vergleichbarer Spielplatztypus wurde auch in der DDR entwickelt. Obwohl diese Einrichtungen im offiziellen Sprachgebrauch „Spielanlagen“ (6) hießen, wurden sie häufig von der Bevölkerung als „Abenteuerspielplätze“ bezeichnet. Dieser Umstand erklärt, weshalb sich die AktivistInnen vor und auch nach „der Wende“ mit dem Begriff „Abenteuerspielplatz“ zunächst schwer taten.


Spielplatz in der DDR: Bewegungsmöglichkeiten für Kinder spielten seinerzeit in der DDR eine große Rolle (Quelle des Bildes: Spielanlagen für Kinder und Jugendliche, Bauakademie der DDR, 1979 – Repro: Rainer Deimel)

Im Gegensatz zu den ursprünglich in Westdeutschland als „Robinsonspielplatz“ und in der DDR als „Abenteuerspielplatz“ bezeichneten Anlagen fand und findet auf den Schweizer Robinsonspielplätzen Offene Arbeit statt. Sie sind betreut und verfügen über typische Bereiche wie Feuerstelle, Wasser, Tierhaltung usw. Der Bauspielplatz ist häufig ein separater Bereich innerhalb des Robinsonspielplatzes. Zeitweilig war oder ist der Bauspielbereich für Erwachsene, die nicht auf dem Platz arbeiten, nicht zugänglich ist, damit die Kinder ungestört sein können.

In Schweden wurde ab 1964, zunächst in Göteborg, ein weiterer offener Einrichtungstypus für Kinder geschaffen, die „Spielparks“, eine Idee, die auch in Finnland und Jahre später in Deutschland, nämlich in Hannover aufgegriffen wurde. In Finnland gibt es für Bauspielplätze auch die Bezeichnung „Konstruktionsspielplätze“.Obwohl Fachleute in Deutschland immer wieder auf die Bedeutung derartiger offener Angebote hingewiesen hatten, konnte bis zu den ausgehenden 60er Jahren diesbezüglich nichts bewegt werden.

Zeitgenössische Bilder


Spielplatz in Hamburg 1963 (Repro: Rainer Deimel)

Das Foto, das Gerhard Aick in der Schriftenreihe zur IGA 1963 unter dem Titel „Die Befreiung des Kindes – Kleine Kulturgeschichte des Spiels und des Kinderspielplatzes“ veröffentlichte, wurde von ihm folgendermaßen untertitelt: „In Deutschland sucht die Spielplatzgestaltung neue Wege. Hier ein Spielplatz in Hamburg mit Geräten in filigraner Stahlröhrenkonstruktion.“


Spielplatz in Zürich 1963 (Repro: Rainer Deimel)

Auch dieses Bild veröffentlichte Gerhard Aick in dem genannten Bändchen. Hier ist folgende Bildunterschrift zu finden: „Die Schweiz ist führend in der Spielplatzgestaltung: Kriechröhren, Pilzhütten, Schaukelbretter und Kletterturm mit Schutzdach auf einem Spielplatz in Zürich.“

**********

Fußnoten

(1) Großbritannien verfügt über ein dichtes Netz von adventure playgrounds; allein in London gibt es ca. 100.
(2) Ferner gibt es in den Niederlanden gegenwärtig zwischen 300 und 400 „Kinderboerderijen“ (Kinderbauernhöfe). Diese befinden sich in sehr unterschiedlicher Trägerschaft; oft sind die Betreiber Privatpersonen oder private Personenzusammenschlüsse (Hausfrauen, Rentner usw.), aber auch Gemeinden, Kirchen usw. Diese Kinderboerderijen haben eher den Charakter von Streichelzoos. Für diesen Einrichtungstypus tauchte in Belgien vor Jahren zutreffenderweise zeitweilig der Begriff „Vitrine-Zoo“ auf. Die Avontuuren- und Bouwspeelplatsen verfügen regelmäßig auch über eine Kinderboerderij.
(3) Die Stiftung „Pro Juventute“ fungierte längere Zeit als Dachverband für die Schweiz. Für einige Jahre existierte ein weiterer Dachverband für die Offene Kinderarbeit, „SpeuX“. Der Verband hat zwischenzeitlich seien Arbeit wieder eingestellt. „SpeuX“ war ein Kunstwort und wurde aus dem deutschen Begriff „Spiel“ und der französischen Analogie „Jeux“ zusammengesetzt.
(4) Gerhard Aick: Die Befreiung des Kindes, Hamburg 1963, S. 40
(5) Das zuvor genannte Bändchen von Gerhard Aick weist auf die seinerzeitige Entwicklung hin.(6) vgl.: Bauakademie der DDR/Institut für Städtebau und Architektur (Hg.): Spielanlagen für Kinder und Jugendliche, Berlin 1979

Hinweis

Hiltrud von Spiegel: Offene Arbeit mit Kindern – (k)ein Kinderspiel. Erklärungswissen und Hilfen zum methodischen Arbeiten. Münster 1997, Votum Verlag.
Das Buch ist inzwischen vergriffen. Unser Fachbeiratsmitglied Prof. Dr. Hiltrud von Spiegel hat uns das Manuskript dankenswerterweise zur Verfügung gestellt. Auf diese Weise können wir es Ihnen hier anbieten. Zum Buch gelangen Sie, wenn Sie vorstehenden Titel anklicken.

Das Kapitel „Zur Geschichte der Offenen Arbeit mit Kindern“ können Interessierte von hier aus auch direkt laden.

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NAGEL-Redaktion – Gautinger Beschlüsse

Die Arbeitsgemeinschaft für Jugendpflege und Jugendfürsorge fasste 1953 die sogenannten Gautinger Beschlüsse (1). Hierbei handelte es sich um eine erste Orientierung für die neu entstehende Offene Jugendarbeit. Die hier formulierten Aussagen machen die damalige Sichtweise auf junge Menschen deutlich. Dort heißt es u.a.:

Die Aufgaben des Heims der offenen Tür

Das Heim der offenen Tür ist eine Freizeit- und Begegnungsstätte im freien Erziehungsraum und ergänzt die Erziehung im Elternhaus, in der Schule und im Beruf. Es dient der gesamten Jugend und muss allen offen stehen. Im Heim der offenen Tür soll der junge Mensch der sozialen Gesamheit begegnen; deshalb muss das Heim der offenen Tür die soziale Struktur der Gemeinde oder Nachbarschaft widerspiegeln.

Das Heim der offenen Tür vermittelt dem jungen Menschen das Gemeinschaftserlebnis und weist ihm Wege zur Welt der Erwachsenen. Dadurch lernt er, dass mit dem Erwerb von Rechten auch die Übernahme von Pflichten verbunden ist. Diese Erkenntnis bildet die Grundlage für die staats- und mitbürgerliche Pflicht.

Das Heim der offenen Tür hat die Aufgabe, im jungen Menschen die Kräfte zu wecken, die zu einer freien, selbstständigen und selbstverantwortlichen Persönlichkeit führen.

Durch Interessengruppen und Arbeitsgemeinschaft werden brachliegende Fähigkeiten und Neigungen erkannt und entwickelt. Damit wirkt das Heim der offenen Tür ausgleichend und fördernd zur Tätigkeit in der Schule und im Beruf.

Die Erziehungsarbeit im Heim der offenen Tür findet da ihre Grenze, wo es um die Formung der Persönlichkeit unter weltanschaulicher oder parteipolitischer Zielsetzung geht. 

Neben diesen allgemeinen Aufgaben ergeben sich aus der jeweiligen sozialen und politischen Situation besondere Aufgaben, für die das Heim der offenen Tür geeigneter Träger sein kann.

Quelle: Willy Klawe: Arbeit mit Jugendlichen, Juventa Verlag 1996, Seite 87 (zitiert nach Hermann Giesecke: Handbuch Kinder- und Jugendhilfe, 1983)

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(1) Nach der Tagungsstätte, dem Institut für Jugendarbeit des Bayerischen Jugendrings in Gauting, benannt.

 

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