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Schulpflicht und Fridays for Future

Die Sommerferien haben in Nordrhein-Westfalen vor einer Woche begonnen. In manchen Bundesländern neigen sie sich schon fast dem Ende zu. Und was machen zahlreiche junge Leute, die häufig als „Schulschwänzer“ abqualifiziert werden? Sie gehen auf die Straße für eine verantwortungsvolle, bessere Zukunft. Greta Thunberg ist heute – am 19. Juli 2019 – in Berlin wieder einmal dabei. Sie sagt: „Wir werden nie aufgeben!“ Was inständig zu wünschen ist.

Und was tun mancherorts die Schulen bzw. die Schulbehörden? Sie drohen, meinen mit Zeugniseinträgen Druck ausüben zu können. Solche Einträge betreffs „unentschuldigten Fehlens“ im Unterricht sind nicht nur völlig lachhaft, sondern vielmehr kann man stolz sein auf derartige „Sanktionen“. Sie helfen perspektivisch vielleicht sogar dabei, sich inskünftig Chancen für bessere Berufsbedingungen zu verschaffen. Aufgeklärte, emanzipierte und politisch qualifizierte Menschen werden nämlich zunehmend auf den Arbeitsplätzen benötigt. Dies aber nur en passant.

Das sogenannte „Geschwister-Scholl-Gymnasium“ in Mannheim versandte kürzlich gar Bußgeldbescheide wegen unentschuldigten Fehlens im Unterricht. Die Betroffenen sollten jeweils 88,50 Euro bezahlen. Eine solche Staatsinstitution wirbt auf ihrer Internetseite auch noch mit der „Weißen Rose“, Symbol des Widerstandes der Geschwister Scholl und ihrer Freunde, die sich dem seinerzeitigen Nazi-Terror widersetzt haben und dafür hingerichtet wurden. Sophie und Hans Scholl sowie ihr Freund Christoph Probst wurden am 22. Februar 1943 hingerichtet. Sich mit dem Namen der Scholls zu schmücken und gleichzeitig dem Widerstand junger Menschen auf erbärmliche Art und Weise zu begegnen, lässt einem doch den Atem stocken. Die Geschwister Scholl würden sich, wüssten sie davon, im Grabe herumdrehen. Dies scheint man im betreffenden Gymnasium vielleicht auch bemerkt haben. Und die Bußgeldbescheide wurden wieder aufgehoben. Die Stadt Mannheim: „Die Besonderheit dieser Fälle im Vergleich zum klassischen Schulschwänzen sei zuvor nicht aufgefallen.“ Lachhaft! Und ein Anlass für die Verantwortlichen, sich in Grund und Boden zu schämen. Nebenbei erwähnt, da es zum hier besprochen Thema passt: Die Scholls wurden übrigens von einem Hausmeister der Universität München, dem Pedell Jakob Schmid, denunziert und der Gestapo ausgeliefert. Dieser war fanatischer Nazi, wurde 1945 von den US-Amerikanern verhaftet und 1946 zu fünf Jahren Arbeitslager verurteilt. Ferner wurde ihm der Anspruch auf öffentliche Bezüge entzogen. In der jungen Bundesrepublik wurde er 1951 aus der Haft entlassen. Gleichzeitig wurden seine Rentenansprüche wiederhergestellt.

Dass dieser erste Bußgeldskandal in dem von den Grünen regierten Bundesland Baden-Württemberg organisiert wurde, lässt zumindest stutzen. Auch in Hessen wird die Verhängung von Bußgeldern seitens des Kultusministers für richtig befunden. Es sei nach den Sommerferien mit entsprechenden Bescheiden zu rechnen. Das Schulministerium in Nordrhein-Westfalen eiert im Augenblick auf seltsame Art und Weise rum. Bußgelder sind (noch) kein Thema. Allerdings gelte die Schulpflicht. Dass „demokratisches Handeln von Schülerinnen und Schülern“ zu begrüßen sei, ändere daran nichts. Insofern müsse die Beteiligung an den Aktionen von Fridays for Future als Fehlzeit im Zeugnis dokumentiert werden. Es wird vorgeschlagen, die Freitagsaktivitäten unter die Kuratel der jeweiligen Schulen zu stellen. In einem solchen „außerschulischen Lernort“ müssten dann Lehrerinnen und Lehrer als Leithammel beschäftigt werden, sofern die Schulleitung dies genehmige. Witz, komm raus!

Bleibt festzustellen – was ich schon seit langem tue –, die Schulpflicht als solche infrage zu stellen. Schulpflicht, mit anderen Worten, die gesetzliche Pflicht zur Teilnahme am Unterricht, ist so überflüssig wie ein Kropf. Ich warte auf den Moment, an dem die für Bildungspolitik Verantwortlichen endlich auf den Trichter kommen, dass mit gesetzlichen Pflichten und anderen Verpflichtungen einer vorgeblichen Lösung in keiner Weise entsprochen wird. „Schulpflicht“, so wie wir sie hierzulande kennen, ist im internationalen Vergleich eher die Ausnahme. Immer wieder muss ich mich in Debatten über die Schulpflicht dem nutzlosen Argument gegenüber ausgesetzt sehen, diese sei vor allem für jene Kinder und Jugendlichen sinnvoll, deren Eltern sich zu wenig kümmerten, ergo für jene, „die es nötig haben“. Wer so argumentiert, hat auch keine Probleme damit, arme und materiell verarmte Familien als „sozial schwach“ zu diskriminieren. Die Schulpflicht resultiert – daran sei noch einmal erinnert – keineswegs daraus, jungen Menschen aus edlen Motiven Bildung anzugedeihen lassen. Im Gegenteil! Durch die „Principa regulativa“ des Königs Friedrich Wilhelm I. wurde die Schulpflicht am 28. September 1717 in Preußen eingeführt. Wie gesagt, es ging nicht darum, Kindern und Familien Gutes zu tun, vielmehr war dieser absolutistische Herrscher (der mit den „Langen Kerls“) stark daran interessiert, die renitenten Bauernlümmels militärfähig zu formen. Es „gelang“ – auch dank Schulpflicht – eine weitgehende Militarisierung des alltäglichen Lebens.

Soll jungen Leuten tatsächlich die Chance auf eine umfassende Bildung gewährt werden, heißt dies, Schulen aus ihrem demokratiefreien Status (inklusive ihres bisweilen vernichtenden Noten- bzw. Zensurensystems) herauszuführen. Lehrpläne, die sich irgendwelche Besserwisser und Klugscheißer ausdenken und mittels ihres bürokratischen Machtapparats zu realisieren imstande sind, gehören dahin, wo sie hingehören, nämlich auf den Misthaufen der Geschichte. Partizipation ist u.a. einer der Dreh- und Angelpunkte einer gelingenden Bildung. Dies wiederum belegen auch die vorbildlichen Fridays-for-Future-Aktivitäten, die die jungen Leute auf vorbildliche Weise selbstständig organisieren und durchführen. Dazu brauchen sie keine erwachsenen Leithammel. Was wir – vor allem die jungen Leute brauchen – brauchen, ist ein qualifiziertes und einklagbares Recht auf Bildung. Vorbilder gibt es inzwischen reichlich, etwa die der demokratischen Schulen.

Allerdings kann man feststellen, dass „offiziellerseits“ immer wieder versucht wird, solche Initiativen zu behindern und zu verleumden. Ich erinnere beispielsweise an die Häme, die die von der Sängerin Nena gegründete Neue Schule Hamburg vor nunmehr zehn Jahren hinnehmen musste. Diese erfolgreiche Schule wurde geziehen, „Albträume, Mobbing und Gewalt“ zu organisieren. Was sich im Nachhinein als platte Diskreditierung und übles Madigmachen entpuppt hat. Was im Zusammenhang mit Fridays for Future“ auffällt, ist der „Hype“ in den Medien, Festivals und andere Jugendveranstaltungen zu „dokumentieren“ und vor allem aufzuzeigen, wieviel Müll und Dreck junge Leute hinterlassen. Sie sollen erst einmal aufräumen und ordentlich werden, bevor sie sich politisch äußern. Politik ist etwas für erwachsene Klugscheißer und Besserwisser. Oder wie sagte es im März 2019 der FDP-Vorsitzende Christian Lindner? „Von Kindern und Jugendlichen kann man nicht erwarten, dass sie bereits alle globalen Zusammenhänge, das technisch Sinnvolle und das ökonomisch Machbare sehen. Das ist eine Sache für Profis.“ Alles klar?

Unsere aktuelle Tageszeitung, die „Dattelner Morgenpost“, hat erfreulicherweise einige der ihr zugegangen Kommentare zu Fridays for Future und Bußgeldern in dem Zusammenhang auf ihrer Titelseite – und zum Glück nicht in Leserbriefecken unter ferner liefen versteckt – veröffentlicht. Was hier zum Ausdruck gebracht wird, spricht Bände. Während meines lange vergangenen Studiums, in dem Psychologie ein Hauptfach war, gehörte u.a. Sigmund Freud zu den Inhalten der Auseinandersetzung. Der von diesem so bezeichnete „Analcharakter“ war etwa ein Teil der Inhalte. Das Spektrum Internet-Lexikon Psychologie beschreibt den Begriff folgendermaßen: „Analcharakter, auch: analer Charakter, von anus = After abgeleitet, von S. Freud so bezeichnete Persönlichkeitsstruktur, die als Folge von rigider Sauberkeitserziehung bzw. Reinlichkeitserziehung von ihm mit den Charakterzügen übertriebene Pünktlichkeit, Ordnung, Sparsamkeit (Geiz), Genauigkeit und Eigensinn und sonstige zwangsartige Verhaltenseigenschaften (wiederholte Kontrolle, ob Licht gelöscht, Gashahn geschlossen, Tür versperrt ist) in Verbindung gebracht wurden. Bezeichnung für ein Bündel von Persönlichkeitseigenschaften, die als Folge der Regression auf die anale Phase – anstelle spezieller neurotischer Symptome – entstehen können.“

Lesen wir also abschließend hier von vermutlichen Analcharakteren aus der Veröffentlichung der „Dattelner Morgenpost“ vom 19. Juli 2019.

Heribert Dämgen aus Recklinghausen: „Es müssten alle bezahlen, die deswegen nicht zur Schule gehen.“

Michael Scherschel aus Herten: „Nicht die Eltern sollten bezahlen müssen, sondern die Kids sollten Sozialstunden bekommen, z.B. fürs Straße fegen oder Müll aufsammeln – alles gut fürs Klima.“

Fred Runner aus Marl: „Diese Pseudomoralisten sollen sich für wichtigere Dinge einsetzen.“

Jürgen Gelhausen aus Marl: „Richtig so. Die Strafen sind noch zu gering, die sollen in die Schule gehen und vernünftig lernen“

 

Oh Herr! Lass Hirn vom Himmel regen!

 

In dem Sinne wünsche ich Euch ein schönes Wochenende.

 

Rainer

 

  1. Juli 2019

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