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NAGEL-Redaktion – Reflektierte Jungenarbeit

Zur geschlechtsspezifischen Arbeit mit Jungen

Von Rainer Deimel

Wie es anfing

Anfangs, in den siebziger Jahren, konnte ich bei mir eine stille, aber – wie ich glaubte – deutliche Sympathie für Forderungen der Frauenbewegung verspüren. Die Forderungen schienen mir zum größten Teil plausibel, ich fühlte mich an vielen Stellen gar „solidarisch“, wenn ich das in diesem Zusammenhang überhaupt so nennen kann. Ein Umstand, der mir damals nicht klar war: In jener Zeit war meine Lebenslage derart gestaltet, dass es ohne irgendwelche Komplikationen möglich war, mich „solidarisch“ zu fühlen. Ich hatte meinen festen Job, den ich gern tat, mein geregeltes Einkommen, eine feste Beziehung, also trotz aller politisch fortschrittlicher Gedanken, eine Situation, aus der eine Menge Sicherheitsgefühl „gesaugt“ werden konnte.
Spätestens ab Anfang der achtziger Jahre, als sich meine erste Tochter „ankündigte“, geriet einiges ins Wanken. Ich spürte überdeutlich, dass zwischen Anspruch und Wirklichkeit Welten lagen. Und bis heute habe ich das Gefühl, ständig Ansprüchen hinterher zu jagen. Ich wollte mich mit dieser Situation nicht abfinden, war vor 1983 Jahren mit dabei, einen Vätergesprächskreis zu gründen, der viele Jahre „arbeitete“ und auch gegenwärtig noch als offener Männerkreis existiert 
(1). Im Rahmen dieses Gesprächskreises gingen die Konturen immer weiter in Richtung reiner „Männerthemen“ (selbstverständlich unter Einbeziehung väterspezifischer Fragestellungen). Lange Zeit wurde in diesem Gesprächskreis darauf geachtet, dass nur Väter Zugang hatten; dies genau aus dem Grund, den ich so überdeutlich an mir selbst erfahren hatte: Es macht einen Riesenunterschied, ob ein Mann Kinder hat oder nicht. Solange eine eigene Betroffenheit, etwa in Form einer Vaterschaft, nicht realisiert wird, ist es einfach, verbal mit Frauenbewegung zu sympathisieren und umgekehrt wird erlebbar, wie schwer es im Falle von Betroffenheit ist, sich in Richtung geschlechtlicher Gleichberechtigung zu entwickeln.
Seit längerem ist mir deutlich, dass es die vielbeschworene „Männerbewegung“ nicht gibt. Es gibt allenfalls einige „männerbewegte“ Männer, die ich allerdings nicht als „Bewegung“ quantifizieren möchte. Vermutlich hat Frauenbewegung einiges damit zu tun, dass vereinzelt Männer angefangen haben, sich Gedanken zu machen, Gruppen zu gründen, Veränderungsversuche ausprobierten, teilweise Rollen tauschten (z.B. Hausmann-Sein) und anderes mehr. Mittlerweile beobachte und erlebe ich allerdings, dass Frauenbewegung, wenn überhaupt, bei Männern allenfalls noch eine Art „Kick“ auslöst, um männerspezifisch aktiv zu werden. Ich denke vor allem, dass es normalerweise der eigene, zum Teil immens gestiegene oder spürbar gewordene Leidensdruck bei Männern ist, die diese veranlasst, sich etwa mit anderen Männern zusammenzutun, etwas verändern zu wollen. Dort, wo Männer aktiv sind, haben diese Aktivitäten mittlerweile überall ihre eigenen Konturen gewonnen. Und leider sind es immer noch herzlich wenig Männer, die überhaupt „aus ihrer Haut heraus“ kommen 
(2).

Das Dilemma der Jungen

Jungen sind schwer zu verstehen. In Einrichtungen werden sie immer wieder als „ätzend“ und störend begriffen, was sie zweifelsohne häufig sind. Besonders Mitarbeiterinnen haben oft keine Lust mehr, sich mit ihnen zu konfrontieren. Einrichtungen sind in erster Linie an den Interessen von Jungen ausgerichtet; Mädchen wird der Zugang durch strukturelle, inhaltliche und atmosphärische Einschränkungen erschwert. Die Jungen dominieren mit Macho-Gehabe, Mädchen werden oft zu bloßen Anhängseln der Jungen degradiert. Stimmt! Aber halt, was ist mit den Jungen, die nicht dominieren, die selbst von ihresgleichen unterdrückt, benutzt und ausgebeutet werden? Was ist mit den Jungen, die unter einer Art hypnotischer Gruppendynamik für sich gar keine andere Überlebenschance sehen, als sich in irgendeiner Form – und sei es als „blöder“ Handlanger eines Rädelsführers – einzuklinken? Warum überhaupt dominieren Jungen?
Wir müssen – als Männer zumindest – unseren Blick schärfen für die konkrete Situation von Jungen. Erwiesenermaßen werden Jungen anders erzogen als Mädchen. Ich möchte mich nicht beim – wie ich mittlerweile glaube – Märchen vom Ödipus-(Komplex) aufhalten. Festzustellen bleibt, dass Jungen häufig seitens der Mutter – zunächst – eine besondere Form der Zuwendung erfahren (bis – wie sich mittlerweile immer deutlicher abzeichnet – hin zu sexuellem oder anderem Missbrauch) 
(3). Es können gar Unterschiede in der Art und Weise festgestellt werden, wie Jungen und Mädchen von ihren Müttern als Baby getragen werden. Früher als Mädchen werden Jungen in die „feindliche Welt“ geschickt. Der Schutz, den kleine Jungen bitter nötig haben, wird ihnen allzu früh entzogen, ihre Gefühlsregungen werden unterdrückt („Ein Indianer weint nicht!“). Ihren Vater, der ebenfalls einmal Junge war, erleben bislang die meisten Jungen als abwesend. Damit meine ich nicht eine unverhältnismäßig große lokale Abwesenheit, z.B. wegen Arbeit, sondern ich spreche in erster Linie von emotionaler Abwesenheit, der Unfähigkeit des ehemaligen Jungen, seinem Sohn Zuwendung zu geben und Stärke vorzuleben. Nicht Stärke in Form von brachialer oder anderer patriarchaler Gewalt, Ausbeutung seiner selbst und Ausbeutung seiner Frau und seiner Kinder, nicht Stärke, die sich als Erguss einer tumben, stupiden Bestrafungs- und Bedrohungsmaschinerie austobt, oft zur Kompensation der Probleme, die ihn selbst betreffen, die er am Arbeitsplatz, in seiner Beziehung oder sonst wo erlebt. Ich meine die Stärke, die dem Sohn Identifikation mit einer „richtig verstandenen“ Männlichkeit ermöglicht, ein Ernstnehmen, Verständnis, Empathie, Liebe und erlebbare Solidarität mit seinem gleichgeschlechtlichen Kind. Dem Sohn entgeht also in der Regel „der große Freund“, der Partner, an dem er sich messen, dem er vertrauen, mit dem er sich solidarisieren kann, der ihm Vorbild sein kann. „Vorbild“ ist er ihm trotzdem, Teil des Jungen-Dilemmas. Bereits früh verinnerlicht der Junge solches männliches Verhalten und kann nicht anders, als es richtig zu finden und dieses „verhasste“ Verhalten bei sich selbst unbewusst zu verinnerlichen. Verstärkt wird die Katastrophe normalerweise durch die „gutmeinende“ Mutter, die eine gleichgeschlechtliche Vorbildfunktion ohnehin nie übernehmen könnte, indem sie alle möglichen „Tricks“ anwendet, den Jungen durch ihre Erziehung patriarchal anzupassen, ihn eigentlich gegen ihr eigenes Geschlecht erzieht. Ich will damit Mütter nicht verteufeln; sie erfüllen lediglich die ihnen in dieser patriarchalen Gesellschaft zugedacht Rolle und produzieren weiter – wie die Väter – „männliche Verhaltenskrüppel“. Dieser Teufelskreis wird an keiner Stelle im herkömmlichen Leben unterbrochen, weder im Kindergarten, noch in der Schule und schon gar nicht mehr am Arbeitsplatz, normalerweise nicht einmal im Jugendzentrum (4).
So nimmt es nicht wunder, dass Jungen bei fast allen Auffälligkeiten und Krankheiten – vor allem psychosomatischen – Spitzenreiter werden (Bettnässen, Stottern, organischen Erkrankungen usw.); ebenfalls „guinnessreif“ sind Jungen (und Männer) im Vergleich, wenn es um Selbstmord, Perversionen, Kriminalität und Süchte unterschiedlicher Art geht.
Richten wir unseren Blick noch einmal auf den „ätzenden“ Jungen in der Einrichtung. Wir stellen fest: Er ist laut, dominant, frauenfeindlich, sexistisch …  Wir müssten uns fragen, warum er so ist, ob sich hinter dem „Ätz-Stoff“ nicht ein verletztes, hilfsbedürftiges, nach Zuwendung schreiendes Wesen verbirgt. Gelegentlich ist zu hören, Jungen würden in der Regel übervorteilt. Ein Argument: Jungen drängen sich in den Vordergrund, sind dominant und … werden deshalb bevorzugt (im Verhältnis 70 Prozent Jungen zu 30 Prozent Mädchen) in die Hände von (Erziehungs-)Beratungsstellen gegeben. Ich möchte diesen Umstand nicht weiter kommentieren.

„Jungenarbeit“ – zum Scheitern verurteilt?

Geschlechtsspezifische Arbeit mit Mädchen ist ein großes Verdienst von Frauenbewegung. Quasi als Antwort darauf gab es in etlichen Einrichtungen Versuche, ebenfalls eine analoge Jungenarbeit  zu etablieren. In den meisten Fällen sind diese Versuche gescheitert. Oft wurden meines Erachtens dann „Jungen-Aktivitäten“ ausprobiert, weil Jungen sich durch Mädchenarbeit einfach benachteiligt fühlten. Eine Reflexion fand in der Regel nicht statt. Derartige Startvoraussetzungen lassen normalerweise eine authentische Jungenarbeit scheitern. So haben wir in der Praxis etliche Anläufe wahrnehmen können, in denen Jungenarbeit etwa in Form von Skatrunden, Kegeln oder ähnlichem stattfand und das häufig mit Mitarbeitern, die selbst über keinen Funken „Männerbewusstseins“ verfügten. Nachdem die Heimvolkshochschule Alte Molkerei Frille für eine „antisexistische Arbeit mit Jungen“ warb, löste dies in etlichen Einrichtungen erneut Initiativen aus, Jungenarbeit zu versuchen. (5) Meine eigene Lebensgeschichte als Junge und Mann, die Beschäftigung mit meiner eigenen Sozialisation und der gesellschaftliche Kontext, in dem ich lebe, der mir ein entsprechendes Feedback gibt, lässt mich zu der Überzeugung gelangen, dass eine eigenständige, lebendige, geschlechtsspezifisch orientierte Arbeit mit Jungen unabdingbar ist hinsichtlich einer – eben nicht nur verbal – angestrebten Gleichstellung von Frauen und Männern, von Mädchen und Jungen. Einen weiteren Beitrag zur Jungenarbeit leistete die AG Klub, eine evangelische Bundesarbeitsgemeinschaft (für Offene Jugendarbeit) mit einer Veröffentlichung der Übersetzung aus dem Englischen, nämlich der Broschüre „Junge, Junge – Work with Boys“ von Trefor Lloyd aus dem Jahre 1986. (6) Die seit längerem vergriffene Schrift wurde als durchgesehene und durch einen Anhang erweiterte Neuauflage vom bei ABA Fachverband neu veröffentlicht (7). Der Neuling Verlag bringt seit einiger Zeit ebenfalls Schriften für die Arbeit mit Jungen und Männern heraus, die sehr praxisnah sind. (8) Die meines Erachtens wichtigsten Basis-Schriften für eine gezielte Jungenarbeit sind die Bücher „Kleine Helden in Not“ von Dieter Schnack und Rainer Neutzling (9) und das „Praxishandbuch für die Jugendarbeit, Teil 2: „Jungenarbeit“ von Uwe Sielert. (10) Dieter Schnack und Rainer Neutzling haben erstmalig umfangreich und sehr einfühlsam aus männlicher Sicht die Sozialisation von Jungen aufgearbeitet. Dieses Buch halte ich für eine gute Empfehlung an jeden Mann, der beabsichtigt, mit Jungen zu arbeiten (11).
Nachdem ich zugesagt hatte, ein „paar Gedanken“ zur Jungenarbeit aufzuschreiben, war ich zunächst der Auffassung, es würde reichen, einfach ein bisschen „aus dem Nähkästchen“ zu plaudern. Als ich mich dann – einmal wieder – an das Thema herantastete, stellte ich fest, dass mir das erstens selbst nicht ausreichen würde und zweitens eine Chance vertan werden könnte, eine echte Werbung für eine gezielte Arbeit mit Jungen in Einrichtungen zu betreiben. So habe ich mir ein weiteres Mal das Praxishandbuch von Uwe Sielert vorgenommen, um das Fundament besser abstützen zu können. Einige seiner wichtigen und überzeugenden Aussagen möchte ich aufgreifen und damit konfrontieren.

Begriffe

Schauen wir zunächst auf die Begrifflichkeiten: Wir sprechen oft von „Geschlechtsspezifischer Arbeit“, ein Begriff, der mir nicht nur „lahm“ erscheint, sondern der auch nicht über genügend Aussagekraft verfügt. Möglicherweise ließe sich darunter auch die oben kritisierte Skatrunde, die in keinem reflektierten Zusammenhang stand, subsumieren. Zumindest würde ich dabei keine klaren Abgrenzungen gegenüber „klassischen“ Jungen- oder Mädchenaktivitäten machen können. Da höre ich z.B., dass eine „Arbeitsgemeinschaft Tanz“ keine „Defizite“ und keinen gezielten Handlungsbedarf – etwa in Richtung gezielter Mädchenarbeit (und umgekehrt) feststellen kann, da ohnehin 70 Prozent der TeilnehmerInnen Mädchen sind, also Problem gelöst? Ähnliches ist bisweilen von Jugendfarmen, auf denen Pferdehaltung eine besondere Rolle spielt, zu hören: 80 Prozent der BesucherInnen sind Mädchen, keine Probleme? Ein Jugendzentrum mit überwiegend männlicher Dominanz zieht den Schluss, vorwiegend geschlechtsspezifische Jungenarbeit zu leisten, alles klar?
Der Begriff „Antisexistische Arbeit“ mit Jungen ist – soweit ich weiß – vorwiegend von der Alten Molkerei Frille geprägt worden. Zum Teil ist er brauchbar, allerdings setzt er voraus, dass wir es unbedingt mit Sexismus zu tun haben, was möglicherweise doch zu sehr einschränkt. In einem anderen Zusammenhang bin ich vor einiger Zeit einmal über einen ähnlichen Begriff gestolpert und habe ihn mir abgewöhnt: Ich las in einem Kölner Prospekt, dass der dortige Verein „Männerbüro“ sonntags ein „antisexistisches Frühstück“ veranstaltet. Ich habe mir überlegt: Was tun die denn wohl da? Zumindest konnte ich mir vorstellen, dass dort keine Zoten gerissen werden und sonst…? Auf mich wirkt ein „antisexistisches Frühstück“ so einladend, dass ich als Morgenmuffel doch lieber weiter allein frühstücken oder Sonntagsvormittags im Bett bleiben möchte.
Uwe Sielert prägt den Begriff „reflektierte Jungenarbeit“. Meines Dafürhaltens wird hiermit am ehesten das getroffen, was gemeint ist, und deshalb möchte ich entweder schlicht von Arbeit mit Jungen, Jungenarbeit oder aber eben von „reflektierter Jungenarbeit“ sprechen.

Grundsätzliches

Uwe Sielert zeigt u.a. auf, dass Mädchen in Jungencliquen nichts zu suchen haben, dass Jungen sich gegenüber Mädchen abgrenzen zur Absicherung ihrer eigenen traditionellen Geschlechterrolle. (12)Gleichzeitig werden gegenwärtige männliche Irritationen deutlich gemacht, die eben auch vor Jungen nicht Halt machen, im Sinne einer reflektierten Arbeit mit Jungen auch nicht Halt machen sollten. Männer werden – in Anlehnung an Walter Hollstein (13) – typisiert als „Machos“ und „Chauvis“. Sielert „vervollständigt“ diese Aufzählung durch „Schwule“, „Neutralos“, „Opportunisten“, „Anpassungskünstler“, „Softis“ und vor allem durch die „Irritierten“ und „Desorientierten“ (14). Nach dem „traditionellen Rollenbild“ beinhaltet Männlichkeit vor allem „Teilen/Spalten/Abspalten“, während das Weibliche „Kontinuität, Ganzheitlichkeit und Sehnsucht nach Geborgenheit“ zum Ausdruck bringt. Ein positives Männlichkeitsbild schließt weibliche Komponenten unbedingt mit ein, ebenso das Korrektiv, sich als Mann auch zurücknehmen zu können (15). Männer, die mit Jungen arbeiten wollen, haben verinnerlicht, dass hinter chauvinistischem Verhalten zumeist ein mangelndes Selbstbewusstsein steckt. Eine wesentliche Voraussetzung für eine reflektierte Arbeit mit Jungen sind Kenntnisse aus der Sozialisationsforschung. Die männliche Sozialisationsforschung steckt leider noch in den Kinderschuhen. Umso erfreulicher sind die erwähnten Erkenntnisse und Aufzeichnungen von Schnack und Neutzling in diesem Zusammenhang für die praktische Arbeit in Einrichtungen.
Bei einer reflektierten Jungenarbeit stehen Jungen im Brennpunkt „pädagogischer Aufmerksamkeit“ 
(16); sie bezieht in jedem Fall antisexistische, antichauvinistische und antifaschistische Intentionen (17) mit ein, verharrt aber nicht in diesen Positionen, um weder zu stigmatisieren, noch durch vorwiegenden Negativ-Touch abzuschrecken. Sie entwickelt eine eigene Moral, eine eigene Identität, lässt ausreichend Platz für neue „Erlebnis- und Gedeihräume“ (18) Schwierig dürfte es oft sein, eigene Vorbehalte – etwa hinsichtlich einer „akzeptierenden Arbeit“ z.B. mit „Glatzen“ – auszuräumen. Die Leitschnur dort festzulegen, wo man(n) den Eindruck hat, hier gälte es besonders viele Defizite bei Jungen „wegzuarbeiten“, ließe einen eher in Frustration, Resignation und letztlich ins Scheitern laufen.
Dass Jungen Schwächen haben (sollen, dürfen, müssen), muss Jungen deutlich werden. Sie können begreifen, dass Schwächen zugleich Stärken sind 
(19). Die Steigerung ihres Selbstwertgefühls in einer – „vorm Zug“ – positiven Intention ist ein Ziel und zugleich Weg einer erfolgversprechenden Arbeit mit Jungen. Jungen sollten Fähigkeiten erlangen, „Beziehungen“ eingehen und leben zu kön-nen, Gefühle von Schwäche ebenso wie Stärke, Freude, Trauer, Glück usw. zeigen und leben zu können.
Pädagogik kann sich in diesem Sinne nicht als „Trichter“ verstehen. Als „Antipädagoge“ 
(20) gestehe ich der Pädagogik in diesem Kontext die Rolle einer verständnisvollen Begleiterin zu. Pädagogik muss die Aufmerksamkeit und das Taktgefühl besitzen, zu erkennen, wann jemand überfordert oder entmündigt wird und dies verhindern. Pädagogik greift ein, wenn die Grenzen anderer – z.B. von Mädchen oder auch anderen Jungen – missachtet und verletzt werden. Pädagogik nimmt Erfahrungen, auch Grenzerfahrungen, ernst, duldet und fördert sie, wenn nötig.

Der Mitarbeiter

Die Schwierigkeiten, die Jungen bislang haben, sind nicht ihre Schwierigkeiten (allein). Es sind auch unsere eigenen Schwierig-keiten, die wir als Männer tagtäglich haben, wenn wir uns einmal kritisch hinterfragen. Dazu schreibt Uwe Sielert: „In Beziehungsdingen sind die meisten Jungen und Männer ziemlich sprachlos, oder sie entwickeln als Gewohnheitsredner eine Geschwätzigkeit, die in keiner Weise authentisch ist. Besonders Studenten und Sozialwissenschaftler reden ganz oft und sehr ausführlich über sich selbst und zwischenmenschliche Beziehungen. Es bleibt … beim ‚darüber-reden‘ und wird nirgends bedeutsam. Das ist nichts anderes als die Wortkargheit eines Handwerkers. Beide können unfähig sein, Gefühle und Beziehungs-Dinge auszudrücken.
Im gemeinsamen Tun kann eine Atmosphäre entstehen, die das Sprechen leichter macht, wenn es notwendig wird. Nicht immer ist es wichtig, zu reden, aber vieles lässt sich verbal verstärken, differenzieren, richtig stellen, vielschichtiger kommunizieren. Besonders im Austausch und in der Auseinandersetzung mit Mädchen ist die Fähigkeit wichtig, eigenes Erleben in Worte zu fassen. Jungen unter sich leben in einer ähnlichen Erlebniswelt, vieles ist dann ´selbstverständlich´ 
(21)  und muss nicht mitgeteilt werden. Einfühlung in eine fremde Psyche und Verständnis für die Besonderheit des Erlebens sind ohne Sprache nicht möglich.“ (22)
Männer, die reflektiert mit Jungen arbeiten wollen, haben bei sich bereits begonnen, sich selbst zu reflektieren. Sie dürfen keine „Star- oder Papstrolle“ einnehmen; das würde Jungen eher abschrecken. Sie begeben sich mit den Jungen auf einen gemeinsamen Weg des „Be-Greifens“ und Lernens. Aufgrund ihrer Erfahrungen und aufgrund ihres Status eines Erwachsenen würde ich bei ihnen die „Messlatte der Reflexion“ eine Portion höher ansetzen. Klarheit vor allem darüber, dass sie als „Autorität“ erlebt werden, dass sie Identifikationsobjekt sein können, in jedem Fall Vorbild sind, ist vonnöten, ebenso Sensibilität in Bezug auf Verletzungen und hinsichtlich ihres eigenen – oft verbrämtem sexistischen – Verhaltens. Klarheiten über ihre eigene Sozialisation gehören ebenso dazu wie das Abfragen eigener Vor- und Leitbilder. Ein Gespür dafür zu entwickeln, wo die Einrichtung „typisch männlich“ ist, wo Atmosphäre verändert werden muss, was die Mitarbeiter- und Organisationsstrukturen damit zu tun haben, die Programme, Angebote und Konzeptionen sind ebenso Bestandteil „männlichen Aufbruchs“.
Der einzelne – „gutwillige“ – Mann ist damit überfordert. Voraussetzung ist ein Hinterfragen der eigenen Geschlechterrolle. In der Regel gehört eine nachhaltige, wenn auch behutsame, die Interessen aller Beteiligter berücksichtigende „Klimaveränderung“ in einer Einrichtung dazu. Das Team – vor allem die männlichen Mitarbeiter – wird in einen intensiven kommunikativen Austausch treten, Konflikte, unterschiedliche Standpunkte werden deutlich gemacht. Eine Überzeugung von Kolleginnen, dass reflektierte Arbeit mit Jungen nicht dazu führen soll (wird), neue „Hintertürchen“ für ein – eventuell leicht modifiziertes – tradiertes männliches Verhalten zu öffnen, sondern dass man(n) tatsächlich auf Veränderung im langfristigen Sinne einer geschlechtlichen Gleichberechtigung aus ist, ist Teil des Prozesses. Manche Hürden – etwa in Richtung Team, Träger, bei den Jugendlichen usw. – scheinen auf den ersten Blick unüberwindbar. Überlegen wir mal, wo in unserer Arbeit auch immer wieder „Ecken und Nischen“ sind, die sich anbieten, die genutzt werden können. Überzeugungsarbeiten gehören zum „Geschäft“. Es reicht für den einzelnen Mann nicht aus, kiloweise Männerliteratur zu „fressen“, ohne deren unterstützende Wirkung in Abrede stellen zu wollen. Unterstützung von „außen“ kann angesagt sein, etwa in Form von Supervision oder Praxisreflexion, konzeptioneller inhaltlicher Beratung und/oder durch gezielte Seminare, Fachtagungen und dergleichen. Auch Rollenspiele im Team können eine Hilfestellung sein. Reflektierte Jungenarbeit kann „keine Berge versetzen“. Jungenarbeit kann – wenn sie auf Dauer angelegt sein soll – nur „realistisch“ beginnen, z.B. in einer kleinen Jungengruppe, in anderen kleinen Zusammenhängen. Die Ziele, die erreicht werden sollen, müssen erreichbar sein, dürfen nicht in „Atlantis“ liegen. Ich bin davon überzeugt, dass jeder Mann, der sich ein bisschen „anstecken“ lassen mag, beginnen kann. Sonst… (hier fällt mir das Bild von „Godot“ ein). Eine wichtige Hilfe dabei kann z.B. sein, „Selbstverständliches“ zu thematisieren (und zu reflektieren), „Unnormales“ zu tun, Hilfen, die dazu dienen, zu geänderten Wahrnehmungen kommen zu können, Alltäglichkeiten in einem anderen Licht erblicken zu können, neu bewerten und interpretieren zu können.

Input

Handelt es sich bei reflektierter Arbeit mit Jungen um einen Modetrend? Könnte sein. Bliebe es dabei, wäre das Ende möglicherweise bald absehbar, wäre sie nicht Teil einer prozesshaft gewollten Veränderung in Richtung Gleichberechtigung der Geschlechter. Bislang sind mir kaum Fälle bekannt geworden, wo Jungenarbeit „von oben verordnet“ wurde (23), wie das bei „Mädchenarbeit“ häufig geschehen ist. Aufgrund politischer Beschlüsse oder aufgrund von Legitimationszwängen von Amts- und Abteilungsleitern ist Einrichtungen Mädchenarbeit häufig „aufs Auge gedrückt“ worden (kurioser- bzw. typischerweise, nachdem die Bemühungen der Frauenbewegung um Mädchenarbeit von denselben Verantwortlichen über mindestens zehn Jahre blockiert wurden). Nicht immer ist deswegen verordnete Mädchenarbeit „schlecht“; die Gefahr allerdings, die bei Nicht-Vorhandensein von Überzeugungen, also beim bloßen Verordnen, immer wieder deutlich wird, ist, dass die Arbeit vordergründig, lediglich auf äußere Legitimation ausgerichtet bleibt und letztlich ineffektiv ist. Im Augenblick kann ich mir nicht vorstellen, dass regelmäßig Amts- oder Abteilungsleiter mit einer derartigen Vehemenz reflektierte Jungenarbeit einfordern könnten, wie das in Sachen Mädchenarbeit geschehen ist (23). Dazu müssten sie ihre eigene „männliche“ Identität erst einmal in Zweifel ziehen, ihre eigenen Rollenbilder müssten gehörig ins Wanken geraten. Und das kann ich mir bei den meisten dieser männlichen „Funktionalisten“ – offen gestanden – nicht vorstellen. Mädchenarbeit hat ihre bisweiligen „Verordner“ nicht so stark tangiert, wie dies eine reflektierte Männer- und Jungenarbeit zwangsläufig tun müsste. Hierin erblicke ich eine Chance für Jungenarbeit: Sie kann wie ein zartes Pflänzchen von unten wachsen, realistisch bleiben und erfolgversprechend werden.
Ein gängiges Rezept für eine „einheitliche“ Form reflektierter Jungenarbeit gibt es nicht. Ein solches würde die Intention von Jungenarbeit meines Erachtens auch konterkarieren. Gleichwohl gibt es eine Menge Aspekte – außer den bisher genannten – zu beachten.

„Betroffenen-Arbeit“

Jungenarbeit ist „Betroffenen-Arbeit“. Betroffenen-Arbeit schafft „Aha-Erlebnisse“ und Solidarisierungseffekte. Sie räumt mit Mythen auf und bricht Tabus. Jungen (und Mitarbeiter) lernen zu begreifen, dass sie es nicht allein sind, die ihre individuellen Schwierigkeiten (z.B. in emotionaler und sexueller Hinsicht, bezogen auf „Leistungszwänge“ usw.) haben, sondern dass es sich um handfeste kollektive, individualisierte Probleme handelt. „Besonders Richter (24) hat darauf hingewiesen, dass in unserer Kultur vor allem Männer persönliche Leiden (‚Probleme haben‘) für unansehnlich halten und vor anderen – und vor sich selbst – zu verbergen trachten… Bei dem Verbergen innerer Zustände handelt es sich nicht nur um ein taktisches Manöver, bewusst oder schon automatisch eingesetzt. Vielfach sind die Gefühle auch in der Innenwelt nicht mehr spürbar. Wenn in der Kindheit bestimmte Gefühle (z.B. von Schmerz) nicht ausgedrückt werden durften, dann wurden diese Gefühle gleichsam fest verkorkt und abgespalten.“ (25)
Jungen erfahren etwas über „die gemeinsamen Ursachen“, entwickeln gemeinsam Lösungs- und/oder Akzeptierungswege, die dem einzelnen Jungen (und Mann) und letztlich vielen Jungen, Mädchen, Männern und Frauen zugute kommen können (26). Sie dürfen Schwächen zeigen, Schwächen gar als positiv erleben. Sie spüren, falls sie eine zuversichtliche Atmosphäre erleben dürfen, dass sie sich nicht unnötig zu schämen brauchen, dass sie auch mit Macken akzeptiert und als wichtig anerkannt werden.

Lebenswelten

Unterschiedliche Lebenswelten erfordern unterschiedliche Konzepte. Die Art der Sozialisation ist verschieden. In einem Dorf wachse ich anders auf, als in einem traditionellen urbanen Stadtteil, anders als in einer Beton-Satelliten-Stadt, anders als in einer Kleinstadt. Die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Kultur vermittelt mir bestimmte Werte, deren patriarchaler Zusammenhang sich zum Teil scheinbar erheblich voneinander unterscheidet. Bei näherem Hinschauen wird man feststellen, dass Unterscheidungen teilweise nur gradueller Natur sind. Gleichwohl gilt es, diese zu berücksichtigen. Jungen, die in besonders gewalttätigen Zusammenhängen (Familie, Schule, Stadtteil usw.) aufwachsen, brauchen andere (Re-)Aktionen als Jungen, die in ihrem Milieu besser behütet werden. So kann ich mir verstärktes Engagement in Richtung reflektierter Jungenarbeit etwa in Fan-Projekten von Fußballclubs, in der „Glatzen“-Arbeit und sogar in der Arbeit mit Rechtsradikalen (27) vorstellen. Voraussetzungen hierbei sind – wie in jeder anderen Form von Jungenarbeit – Hintergrundwissen (28) über die Jungen, ihre Lebenszusammenhänge und gefühlsmäßige Solidarität. Als „Papst“, der unfehlbar ist, der alles besser weiß, sollte ich die Jungen lieber in Ruhe lassen. Sie müssen merken, dass ich fehlbar bin, dass ich manchmal auch ratlos bin und ihre Hilfe ebenfalls benötige. Ich muss transparent und einfühlsam sein, muss mich und mein Verhalten ihnen gegenüber plausibel machen können. Rechtsradikale Organisationen haben oft früher als Pädagogen begriffen, wie wichtig es ist, Jungen Grenzerfahrungen des Sich-Erprobens und Sich-Austesten-Könnens machen zu lassen. Teilweise laufen ihnen die Jungen deshalb in erster Linie zu. Zu klären wäre darüber hinaus, inwieweit rechtsradikale Führernaturen nicht bereits zu sehr im Weltbild des Jungen etabliert sind. Dies würde eine Herangehensweise an derart „infizierte“ Jungen deutlich erschweren. Der Mitarbeiter wird auf jeden Fall provoziert, sich entsprechende Kenntnisse und Fertigkeiten zuzulegen, Möglichkeiten und Methoden zu erlernen, die geeignet sind, den Erfahrungshorizont von Jungen vergrößern zu helfen, sich erproben und in ihrer Entwicklung erweitern zu können. Der Kontext, in dem wir derartige Aktivitäten (z.B. Abenteuersport, Erlebnispädagogik, Mutproben anderer Art usw.) vollziehen, ist zudem eine potentielle Möglichkeit, das Abwandern zu rechtsradikalen „Rattenfängern“ zu verhindern.
Wenn – wie in manchen Einrichtungen häufig bedauert wird – fast ausschließlich Jungen als Besucher kommen, braucht dies nicht auf Dauer akzeptiert werden; jedoch könnten Mitarbeiter beginnen, diesen Umstand als Chance für den Beginn einer reflektierten Arbeit mit Jungen zu sehen. Uwe Sielert schlägt vor, „geschlechtshomogene Gruppen aller Art“ zu nutzen. 
(29) Er bezieht dies auf Vereine, deren Untergliederungen, Jugendhäuser, Interessensgruppen usw. „Reflektierte Jungenarbeit ist in solchen Gruppen durchaus machbar, vor allem dann, wenn sie gerade nicht unter diesem Vorzeichen praktiziert wird. Weil die Gruppendynamik und die selbstgewählten Inhalte in der Regel das traditionelle Männerverhalten verstärken, sind von Seiten der Jugendarbeiter bewusste Interventionen und Situationsarrangements erforderlich, damit Atmosphäre, Gesprächsinhalte und Aktivitäten einen anderen Charakter bekommen.
Schon die Verstärkung der ganz wenigen offensiven antisexistischen Bemerkungen und Handlungen einzelner Mitglieder kann wichtige Veränderung initiieren. In vielen Gesprächen haben mir Jungen davon erzählt, dass sie sich in ihren Cliquen oft zu Äußerungen und Handlungen hinreißen lassen, die sie eigentlich gar nicht wollen. In der Situation fällt ihnen das gar nicht auf, weil die Stimmung ganz selbstverständlich frauenfeindlich, die Atmosphäre rau und wenig herzlich ist.“ 
(30)

„Multikulti“ und Gewalt

Mir selbst ergeht es oft genug so: Ich lebe in einem Stadtviertel mit einem hohen Ausländeranteil (31). Die teilweise „südländisch“ anmutende Atmosphäre auf den Straßen bewirkt bei mir keine Urlaubsstimmung, im Gegenteil: Ich spüre immer wieder den „Schweinehund“ in mir. Die Horden von Machos, die die Bürgersteige füllen, hinter Frauen herglotzen und -pfeifen, lösen mir zunächst ungute bis abscheuliche Gefühle aus. Wenn ich dann einmal in mich „hineinhöre“, spüre ich, dass es auch und vor allem meine Ängste vor dem Fremden, dem Anders-Sein sind, die mir „die Nackenhaare hoch stehen“ lassen.
Machen wir uns bewusst, dass Cliquen z.B. türkischer Jungen eine stabilere homogene Struktur haben, als beispielsweise „normale deutsche“ Jungen (23). Auch hierin verbergen sich wiederum eine Unzahl sinnvoller Ansatzmöglichkeiten für eine reflektierte Jungenarbeit, möglicherweise zunächst im eigenen Kulturkreis. Dazu allerdings ist wichtig, die (andere) Kultur möglichst gut zu kennen. Und wer könnte in diesem Zusammenhang eine reflektierte Arbeit mit Jungen besser durchführen als ein türkischer Kollege mit entsprechendem Bewusstsein? Ist er nicht da, wächst die Lernaufgabe für den Mitarbeiter, der sich die Arbeit vornimmt, natürlich; braucht er doch einen einigermaßen stabilen Hintergrund.
Durch nichts mehr ist zu verhehlen, dass wir in einer multikulturellen Gesellschaft leben, die unser Handeln erfordert, vor allem auf dem Hintergrund zunehmender Gewalt gegen Migranten. Für alle betroffenen Jungengruppen sind auf diesem Hintergrund entsprechende Konzeptionen zu entwickeln. Damit spreche ich nicht für Konzeptionen, die „in“ sind, die sich oberflächlich gut „verkaufen“ lassen. Tatsächlich umsetzbare Konzeptionen – unabhängig von ihren Zusammenhängen – können immer nur die Realität spiegeln. Sie untersuchen Fakten, Hintergründe des Stadtteils, der Zielgruppe(n), formulieren – erreichbare – Ziele, Methoden und Kapazitäten. Und sie basieren – nur so können sie mit Leben gefüllt werden – auf den Fähigkeiten, Fertigkeiten, der Einfühlsamkeit und Flexibilität der Mitarbeiter. Mitarbeiter sind somit wesentlicher Bestandteil einer Konzeption.

Schichtenunterschiede

Die Jugendzentrumsbewegung und die Abenteuerspielplatzbewegung versuchten – zumindest verbal – in den 1960er Jahren, „Proletarisches“ zu kultivieren und zum gesellschaftlichen Maßstab zu etablieren. Nachdem Mitte der 1970er Jahre „die große Stagnation“ eintrat, lebten diese Inhalte zum Teil nur noch als Mythen in zahlreichen Köpfen weiter. Es folgten Zeiten, in denen große „Bewegungen“ (z.B. die Frauenbewegung, die Friedensbewegung usw.) aufblühten. Weder einem proletarischen Bewusstsein, noch den meisten Bewegungen ist es gelungen, eine Annäherung der Geschlechter im Sinne von Gleichberechtigung einzuleiten. Die Schwerpunkte lagen anderswo. Sie klammerten die Geschlechterfrage aus. Sozialisten erklärten eine Gleichberechtigung „qua verbum“ als realisiert. Schauen wir einmal hinter die Kulissen des „ehemaligen Ostblocks“ können wir (erstaunt?) feststellen, dass die Ideen August Bebels (32) dort auch nur Mythos geblieben sind. Mit Ausnahme der Frauenbewegung hat keine Ideologie und keine Bewegung Bewegung in die Geschlechterfrage gebracht.
Gegenwärtig bestimmt in zunehmendem Maße die „Lebenslagen-Diskussion“ das Geschehen. Trotz einiger Widersprüchlichkeiten, die ich immer wieder ausmachen kann, bietet diese vergleichbar mehr Komponenten, emanzipatorische Bestrebungen aufzunehmen. Ich möchte mich allerdings davor hüten, den Blick fürs Kollektive vollständig zu verlieren, ganz im Gegenteil. Nicht jeder „muss das für sich selber wissen“! In der Regel sind Männer die Ausbeuter. In der Regel sind Männer aber auch Ausgebeutete. Und Jungen, die aus einer stärker ausgebeuteten Schicht kommen, benötigen (unter Umständen verstärkt) Hilfen, Verständnis und Unterstützung beim Erkennen ihrer Interessen und deren Realisierung. Wünschenswert ist in diesem Zusammenhang die Transparenz, das Nachvollziehen und nach Möglichkeit der Zugang zu anderen Lebensmodellen. Schließlich wollen wir tradiertes Rollendenken überwinden. Auch dies erfordert beim Mitarbeiter fundiertes Hintergrundwissen und Empathie. Eine Verklärung der Arbeiterbewegung hilft da ebenso wenig weiter wie eine Abgrenzung gegenüber harten „Unterschichts-Cracks“. Eine reflektierte Arbeit mit diesen kann nicht jeder Mann tun. Ich halte sie allerdings für möglich. Sie kann vielleicht auch ein Abwandern in rechtsradikale Kreise vermeiden helfen. Geleugnet werden darf allerdings nicht, dass für manchen Mitarbeiter eine reflektierte Jun-genarbeit mit Unterschichtsjungen schwieriger zu bewältigen ist, als etwa mit Gymnasiasten. Diesbezüglich halte ich es für besonders wichtig, wenn der Mitarbeiter seine verinnerlichte Vorstellung, seine kulturelle Welt, seine Gewohnheiten usw. seien das Maß aller Dinge, aufgeben könnte.

Voraussetzungen

Reflektierte Jungenarbeit ist in jedem Fall eine Form politischer Arbeit. Ich wünsche mir, dass dies in dieser Auseinandersetzung immer wieder deutlich geworden ist. Jeder Mann, der reflektierte Jungenarbeit anstrebt, benötigt zunächst erst einmal eine gehörige Portion Selbstreflexion und eine Produktivkraft, die sich bei ihm selbst daraus entwickeln kann. Austausch mit anderen Männern ist vonnöten, Klärungen, Hintergrundwissen, die zunehmende Schaffung einer eigenen männlichen Identität. Ziele müssen formuliert werden können. Fähigkeiten müssen erkannt werden. Bündnispartner und Bündnispartnerinnen müssen gefunden und angeworben werden. Ganz wichtig finde ich auch die Unterstützung einer reflektierten Jungenarbeit durch engagierte Frauen. Ihr Verständnis sollte eine wichtige Voraussetzung sein. Möglicherweise muss man(n) sein Vorhaben gegenüber Frauen auch immer wieder „unter Beweis“ stellen. Aufgrund Jahrhunderte alter Erfahrungen und Vorbehalte würde ich es nicht erstaunlich finden, wenn Frauen hinter einer geschlechtsspezifischen Arbeit mit Jungen eine weitere Manifestierung bestehender Verhältnisse wittern.
Männer fangen an, sich selbst, andere Männer, Jungen, Frauen und Mädchen ernst zu nehmen. Sie zweifeln nicht an der Glaubwürdigkeit derer, mit denen sie arbeiten wollen. Sie verhalten sich solidarisch, grenzen sich allerdings nötigenfalls auch ab 
(33); dies günstigenfalls in einer transparenten Art und Weise. Männer erwerben die Fähigkeit, zuhören zu können und, wenn erforderlich, sprechen zu können. Sie versetzen sich in die Lage, deutlicher als bisher, Körpersignale zu erkennen.
Schließlich benötigen sie „praktisches“ Handwerkszeug. Sie erlernen kreative Methoden, Erkenntnisse und Ziele in einer Art und Weise umzusetzen und anzugehen, dass Jungen angesteckt, begeistert werden können. Und Redenkönnen ist nur ein kleiner Teil zur Methodenergänzung. Denkbar sind alle möglichen Rollenspiele, Theaterstücke, ganz „normale“ Spiele, Ausflüge mit entsprechenden „Bonbons“ und vieles andere mehr. Uwe Sielert liefert in seinem Praxishandbuch eine ganze Reihe brauchbarer themenbezogener Möglichkeiten, die ich an dieser Stelle empfehlen möchte. 
(34) Auch der Griff zur – eventuell in der Einrichtung verstaubten – Spielekartei ist überlegenwert. Wir können einen Jungenraum anlegen, wenn die Einrichtung dies zulässt. Atmosphärische Veränderungen haben in manchen Einrichtungen „echte Wunder“ bewirkt.
Eine Auseinandersetzung mit der Thematik der Koedukation führt mir an dieser Stelle zu weit. Ich verweise erneut auf Uwe Sielert 
(35), der für eine „reformierte Koedukation“ plädiert, ein Ansatz, mit dem ich mich anfreunden könnte (36).
Ich selbst habe vor ein paar Jahren einmal folgende Sätze formuliert: „Wir wollen weder geschont noch bemitleidet werden, wir haben es aber auch nicht gerne, stellvertretend für die Männer, in denen wir selbst ein Feindbild sehen, unter die Gürtellinie getreten zu werden. Wir streben auch nicht die Erfüllung des Lebens als Hausmann und ‚männliche Mutter‘ an. Unser Ziel ist identisch mit dem der Frauenbewegung: die Selbstbestimmung von Mann und Frau. Die Wege sind zwangsläufig – unter Berücksichtigung der Geschichte und der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation – getrennte.“ 
(37)

Dortmund, September 1992 – Für das Internet überarbeitet und mit zum Teil neuen Fußnoten versehen im September 2002. Zur Vertiefung und beim eigenen Aktivwerden sei der Kontakt zur LAG Jugendarbeit NRW, Fachstelle Jungenarbeit, Geschwister-Scholl-Straße 33-37, 44135 Dortmund, Telefon 0231/5342174 empfohlen. 

Anmerkungen:
1 Anm. 2002
2 Anm. 2002: Der Artikel wurde 1992 geschrieben mittlerweile sind zehn Jahre vergangen; dies nicht ohne zum Teil gewaltigen Veränderungen. Die folgenden Ausführungen über die Arbeit mit Jungen dürften für den einen oder anderen Leser nach wie vor von Interesse sein. Deshalb haben wir uns dazu entschlossen, den Beitrag auf die Web-Seiten des Verbandes zu stellen.
Die Kölner Beratungsstelle „Zartbitter“ (Dirk Bange) befasste sich seinerzeit verstärkt mit diesem Phänomen. Zwischenzeitlich liegt auch entsprechende Literatur vor.
4 Anm. 2002: Dass sich in den letzten zehn Jahren hier und dort etwas verändert  hat, kann nicht übersehen und soll nicht abgestritten werden.
5 Heimvolkshochschule Alte Molkerei Frille: Parteiliche Mädchenarbeit & antisexistische Jungenarbeit – Abschlussbericht des Modellprojekts „Was Hänschen nicht lernt …. verändert Clara nimmer mehr!“, Petershagen o.J.
6 Trefor Lloyd: Junge, Junge – Work with Boys, Frankfurt am Main 1986, AG Klub
7 DER NAGELKOPF 18, ABA Fachverband, Dortmund 1992
8 Neuling Verlag, Schwäbisch Gmünd und Tübingen, z.B.: „…damit Du groß und stark wirst!“ – Beiträge zur männlichen Sozialisation, 1990, und „Was fehlt, sind Männer!“ – Ansätze praktischer Jungen- und Männerarbeit, 1991. Zum Thema gibt es ebenfalls eine Bibliographie aus dem Jahre 1992: Sonderausgabe des NAGELKOPF (ABA Fachverband, Dortmund)
9 Dieter Schnack/Rainer Neutzling: Kleine Helden in Not. Jungen auf der Suche nach Männlichkeit. Reinbek 1990, Rowohlt
10 Uwe Sielert: Jungenarbeit. Praxishandbuch für die Jugendarbeit. Teil 2. Weinheim und München 1989, Juventa
11 Anm. d. Red. (2002): Dieter Schnack und Rainer Neutzling haben ein weiteres empfehlenswertes Buch verfasst, das Männern, die Jungenarbeit versuchen wollen, sehr hilfreich sein kann, nämlich: „Die Prinzenrolle. Über die männliche Sexualität.“ Reinbek 1993, Rowohl (als Taschenbuch bei Rowohlt 1995 erschienen).
12 vgl. Sielert, a.a.O., S. 16
13 Empfehlenswert: Walter Hollstein: Nicht Herrscher, aber kräftig. Die Zukunft der Männer. Hamburg 1988, Hoffmann und Campe und Reinbek 1991, Rowohlt
14 vgl. Sielert, a.a.O., S. 16 ff.
15 vgl. ebenda, S. 21
16 vgl. ebenda, S. 38 ff.
17 Anm. 2002: Aus heutiger Sicht erscheinen die vielen „Anti“-Positionen zumindest dahingehend zweifelhaft, dass damit eher Widerstände erzeugt, denn Lösungen gefunden werden. Vielleicht gelingt es dem erfolgreichen Praktiker, von vornherein lösungsorientiert vorzugehen; dies beinhaltet, jedes Verhalten erst einmal zu akzeptieren, damit es eine Chance zur Veränderung erfahren kann. 
18 vgl. Sielert, a.a.O., S. 42
19 vgl. ebenda, S. 40 f.
20 Anm. 2002: Als solcher begriff ich mich vor zehn Jahren. Und wieder haben wir es mit dem „Anti“ zu tun. Heute kommt es mir näher, mich als „professionellen Pädagogen“ wahrnehmen zu können. Die Verdienste der „Antipädagogik“ will ich damit auf keinen Fall schmälern.
21 Die Anführungszeichen sind von mir gesetzt worden; in dem Grundverständnis, dass es „Selbstverständlichkeiten“ aus heutiger Sicht (2002) nicht gibt. Wie Uwe Sielert zu Recht weiter ausführt, ist die Einfühlung in eine fremde Psyche usw. ohne Sprache nicht möglich. R.D.
22 Sielert, S. 43 f.
23 Diese Aussage wurde 1992 gemacht. Für die Gegenwart (2002) würde ich diese These nicht mehr aufstellen.
24 vgl. Richter, Horst Eberhard: Lernziel Solidarität. Reinbek 1974 (Rowohlt)
25 Schulz von Thun, Friedemann: Miteinander reden. Band 1: Störungen und Klärungen. Allgemeine Psychologie der Kommunikation, Reinbek 1991 (Rowohlt), S. 109 f.
26 Anm. 2002: Die „taz“ vom 28. August 2002 griff das Thema in einen Artikel von Marc Böhmann in der Folge von PISA- und 14. Shell-Studie unter der Überschrift „Das neue Missverständnis: Jungs als Prügelknaben – Der ´türkischstämmige Migrantensohn aus dem Ghetto´ hat das ´katholische Arbeitermädchen vom Lande´ abgelöst“ auf. Dort heißt es u.a.: „Die Diskussion darum, wie sich Jungen und Mädchen besser fördern ließen, muss weitergehen. Die feministische Forschung weiß: Mehr Förderung von Mädchen kommt Jungen zugute. Es ist zu vermuten, dass dies umgekehrt ähnlich ist.“
27 Anm. 2002: Soll die Arbeit mit rechten Jungen/Männern Erfolge zeitigen, gilt allerdings zu bedenken, dass eine „überzogen verständnisvolle“ Haltung leicht als „Schwäche“ des Mitarbeiters interpretiert werden könnte. Es muss sehr deutlich dokumentiert werden, dass der Junge/der Mann als Person akzeptiert wird, nicht aber seine Haltungen und sein mögliches Verhalten. 
28 Etliche Mitarbeiter verfügen meines Erachtens über Erfahrungen aus der Stadtteil- und Gemeinwesenarbeit, die auch für Jungenarbeit gut genutzt werden können.
29 vgl. Sielert, a.a.O., S. 61 f.
30 ebenda, S. 61
31 Anm. 2002: Zu jener Zeit, als ich den Aufsatz schrieb.
32 vgl. August Bebel: Die Frau und der Sozialismus. Berlin 1946.
33 Anm. 2002: Heute würde ich statt von „abgrenzen“ lieber von „sich unterscheiden“ sprechen.
34 vgl. Sielert, a.a.O., S. 95 ff
35 vgl. ebenda, S. 87 ff
36 Anm. 2002: In dem bereits erwähnten „taz“-Artikel von 28. August 2002 („Das neue Missverständnis: Jungs als ´Prügelknaben´…“) wird hierzu das Konzept der „Reflexiven Koedukation“ vorgestellt.
37 Deimel, Rainer, in: Landesinstitut für Schule und Weiterbildung des Landes NRW (Hg.): Mann und Frau in Gesellschaft und Weiterbildung. Dokumentation des XIV. Soester Weiterbildungsforums. Soest 1988, S. 184

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