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NAGEL-Redaktion – Nach 1945

Nach 1945 wurde in der Jugendarbeit teils an den Traditionen der Weimarer Republik angeknüpft. Das Fundament für die Offene Jugendarbeit wurde in der Besatzungszeit nach dem Zweiten Weltkrieg – zunächst in der amerikanischen Zone – gelegt. Den Amerikanern kam es darauf an, junge Deutsche zu „demokratisieren“: Ehemaligen Faschisten bzw. faschistisch Erzogene sollten zu Demokraten nach US-Vorbild umerzogen werden; wesentliche Inhalte und Prinzipien der GYA-Heime (German Youth Activities) waren Offenheit (Freiwilligkeit), Mitbestimmung, „weltanschauliche Neutralität“ (1) und „staatspolitische Erziehung“, die spätere „politische Bildung“. In der britischen Zone war ein „demokratischer Grundkonsens“ konzeptionell leitend, in der französischen Zone sollte es zu einer Verbindung von Jugendarbeit und Volksbildung kommen und in der russischen Zone (der späteren DDR) wurde antifaschistische Jugendarbeit postuliert. (2)


Ehemaliges GYA-Heim (Anne-Frank-Haus) in Karlsruhe (Quelle: Stadt Karlsruhe – Stadtgeschichte, Foto: Schlesiger)

Die Jugendpolitik der Allierten wirkt bis in die Gegenwart hinein. Während sich die Briten in ihrer Besatzungszone deutlich „laxer“ in Bezug auf staatliche Einflussnahme als die Amerikaner verhielten, entstanden adäquate Trägerstrukturen: So ist nachvollziehbar, dass es bislang bezüglich der Trägerschaft (in der alten Bundesrepublik) ein deutliches Nord-Süd-Gefälle gab und gibt: Im Norden ist nach wie vor ein Übergewicht der kommunalen Träger feststellbar, während im Süden fast ausschließlich freie Träger vorzufinden sind. (3)

Während die FDJ (Freie Deutsche Jugend), die Jugendorganisation der KPD, in Westdeutschland durch die Adenauer-Regierung 1951 verboten wurde (4), erhielt die 1946 gegründete Organisation in der DDR den Status eines staatlichen – monopolistischen – Verbandes mit der Untergliederung der „Jungen Pioniere“ für Kinder von sechs bis 14 Jahren. Die Wertigkeit der FDJ als staatliche Organisation war insofern immens, als „Erziehung und Bildung“ in der DDR unter das Staatsmonopol fielen. Die Strukturen in der DDR waren mit denen in der BRD kaum vergleichbar. (5)


Gründungsfeier der FDJ im Berliner Friedrichstadtpalast in der DDR 1947 (Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-T1017-326)

Symptomatisch für die Jugend nach dem zweiten Weltkrieg war sowohl in den drei Westzonen als auch in der Ostzone die immense Zahl von Arbeitslosen und generell katastophale Lebensverhältnisse: viele Väter waren gefallen bzw. noch in Kriegsgefangenschaft, es herrschte absolute Wohnungsnot und Schulnotstand; es mangelte an Nahrung, Kleidung usw. Verschärft wurde dieser Zustand durch ein hohes Maß an Vertriebenen aus dem Osten, die häufig in provisorischen Massenunterkünften untergebracht waren.

Parallel zu den entstehenden Strukturen der Offenen Jugendarbeit nahmen in der 50er Jahren in Westdeutschland auch die Jugendverbände ihre Aktivitäten wieder auf. Diesen gelang es zunehmend, Einflüsse auf die entstehende bzw. entstandene Offene Jugendarbeit zu nehmen, sodass oftmals die Differenzierung zwischen verbandlicher und Offener Arbeit verwischt wurde: wenngleich das Postulat der freiwilligen Teilnahme nach außen hin erklärt wurde, stellte sich der Absicht, weltanschauliche und religiöse Tendenzen in die Offene Arbeit einzubringen, als nicht unproblematisch dar. Vor allem nach dem Rückzug der Amerikaner (GYA) führte dies zu einer Beschneidung der bisherigen Angebote, gepaart mit Jugendfürsorgeabsichten. Die Jugendfreizeitheime mussten „den Jugendverbänden ideologisch ihre Referenz erweisen, … möglichst viele ihrer Besucher zu einer (…) Mitgliedschaft zu animieren“. (6) Diese Intervention ging zu Lasten von Mitbestimmung und Freiwilligkeit; die Träger definierten in der Regel, was für die Jugendlichen „sinnvoll“ war. In der Folge dominierten dementsprechend „angepasste“ (Mittelschichts-)Jugendliche die Heime.


Gewagte Jugend (Foto: Chargesheimer, veröffentlicht in: Lutz Nierhammer et al.: „Die Menschen machen ihre Geschichte nicht aus freien Stücken, aber sie machen sie selbst“, Essen 2006)

Ferner war festzustellen, dass sich die Träger bis in die 50er Jahre koedukativen Freizeitmöglichkeiten widersetzten; dies nicht etwa in der heutigen Absicht, den Geschlechtern in emanzipatorischer Hinsicht Hilfestellungen zu gewähren, sondern um vermeintliche Gefährdungen, die vom anderen Geschlecht ausgingen, zu vermeiden. So findet sich noch in einem Tagungsbericht des Landesjugendamtes Rheinland aus dem Jahre 1960 der Hinweis, Mädchen würden in gemischten Heimen einen störenden Einfluss dadurch ausüben, indem sie „mit ihren Stöckelschuhen und Petticoatröcken durch das Heim gehen und es nach kurzer Zeit verlassen mit dem Ergebnis, dass die Jungen mit ihren Motorrädern hinterherjagen.“ (7)


Mädchen in gemischten Heimen stören (Quelle: Universität Ulm)

Die „Heime der teiloffenen Tür“, die ab 1950 in Nordrhein-Westfalen gegründet wurden, sind ein Ergebnis dieser Verschiebungen; waren es die Verbände, in deren Trägerschaft diese Variante „Offener Arbeit“ sich befanden. Giesecke vermisste hinter diesem Vorgang ein pädagogisches Konzept. Seiner Meinung nach ging es nicht darum, Angebote für nicht organisierte Jugendliche zu schaffen, sondern sich öffentliche Subventionen in die Verbandskasse einzuverleiben. (8)

1953 gab es 110 Freizeitheime, davon die meisten in Großstädten. Der überwiegende Teil (70 %) wurde kommunal getragen, ferner fungierten die Kirchen (9 %) und separate Vereine als Träger. (9)

Die ersten Richtlinien für die Offene Jugendarbeit wurden 1953 in Gauting, in Form der sogenannten Gautinger Beschlüsse gefasst. Hierin wurde eine Definition der Einrichtung sowie die Festschreibung bestimmter Standards vorgenommen, z.B. über die Öffnungszeiten. Ferner wurden konzeptionelle, programmatische und methodische Vorgaben gemacht. Wenngleich gewisse inhaltliche Analogien zu den GYA-Ansätzen nicht zu übersehen waren, blieben etliche Kritikpunkte bestehen, z.B. die sehr starke Orientierung an einer Mittelschichtsklientel, die Traditionsverhaftung in überkommenen Ansichten, die Ausklammerung des schwierigen Verhältnisses zwischen Offener Arbeit und der Verbandsjugendarbeit sowie die völlige Ausklammerung des (unverarbeiteten) Nazivermächtnisses. (10)

Die Praxis dieser betulichen Offenen Jugendarbeit sorgte dann dafür, dass ein Großteil der Jugendlichen sich anderweitig orientierte, nämlich in Szenen, in denen Raum für ihre Interessen vorhanden war. Ihren Ausdruck fand diese Kultur im Rock’n Roll und (1955/56) in den sogenannten „Halbstarkenkrawallen“. „Der Rock’n Roll war die Musik der Halbstarken in Blue Jeans und Lederjacken, die gegen Muff, enge und erotische Enthaltsamkeit zu rebellieren begann.“ (11)


„Halbstarke“ 1956 (Quelle: Bildarchiv Preussischer Kulturbesitz)

Wie erwähnt war in der DDR als einzige Jugendorganisation die FDJ offiziell zugelassen. Ihr wesentliches Ziel war es, Parteikonformität gegenüber der SED zu erreichen. Sie diente als Kaderreserve nicht nur für die Partei, sondern suchte den Anschluss an alle relevanten Instanzen im Staat, etwa die Wirtschaft, das Militär, Schulen, Hochschulen und Betriebe. Ferner war die FDJ für eine systemkonforme Freizeitgestaltung verantwortlich. Sie war als Karrieresprungbrett für junge Menschen erforderlich (12). Jutta Ecarius und Cathleen Grunert beschreiben Kindheit und Jugend in der DDR als gegenüber der seinerzeitigen westdeutschen Sozialisation als „viel stärker institutionalisiert“. (13)


FDJ-Delegation beim Festumzug bei den 2. Weltjugendspielen im August 1949 in Budapest (Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-R78424)

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Fußnoten

(1) vgl. Lothar Böhnisch: Historische Skizzen zur offenen Jugendarbeit I, in: deutsche jugend 10/1984, S. 461
(2) vgl. Wolfgang Bauer: JugendHaus. Geschichte, Standort und Alltag Offener Jugendarbeit. Weinheim/Basel 1991, S. 28
(3) Seit Inkrafttreten des SGB VIII/KJHG (ab dem 1.1.1991) und mehr noch in Folge jüngerer Haushaltskonsolidierungsbemühungen seitens der Kommunen scheint es zu einer stärkeren Anpassung zu kommen: Es kann eine Art „Privatisierungstrend“ beobachtet werden; ehemals kommunale Einrichtungen werden in freie Trägerschaft überführt.
(4) vgl. Lutz von Werder: Sozialistische Erziehung in Deutschland 1848-1973, Frankfurt am Main 1974, S. 253
(5) Gleichwohl mag es erstaunen, dass in den über 40-Jahren BRD- und DDR-Geschichte die Interessenlagen der Jugendlichen sich nicht eklatant unterschieden. Dies kann beispielsweise auch dem Film „Das Jahrhundert des Kindes im Jahrhundert des bewegten Bildes“ entnommen werden, den Otto Schweizer und Donata Elschenbroich vom Deutschen Jugendinstitut im Auftrage der FernUniversität Hagen produziert haben, Hagen 1998.
(6) Hermann Giesecke: Die Jugendarbeit. München, 3. Auflage 1975, S. 91
(7) Sabine Doll: Wir lassen uns nicht verdrängen. Mädchenarbeit in Offenen Kinder- und Jugendeinrichtungen (DER NAGELKOPF Nr. 9/1988), Unna (ABA Fachverband Offene Arbeit mit Kindern) 1988, S. 7
(8) vgl. Hermann Giesecke 1975, a.a.O., S. 91 f.
(9) vgl.Franz-Josef Krafeld: Geschichte der Jugendarbeit, Weinheim 1984, S. 151
(10) vgl. hierzu auch: Wolfgang Bauer, a.a.O., S. 30 f; Hermann Giesecke: Politische Bildung in der Jugendarbeit, München 1980, S. 47; Lothar Böhnisch, a.a.O., S. 466; Peter Kohrs: Jugendliche in der Bundesrepublik Deutschland, Stuttgart 1985, S. 31
(11) Wolfgang Bauer, a.a.O., S. 31
(12) vgl. Ulrich Mählert/Gerd-Rüdiger Stephan: Blaue Hemden – Rote Fahnen. Die Geschichte der Freien Deutschen Jugend, Opladen 1996. Weitere Informationen zu dieser Thematik können entnommen werden aus: Hans-Jürgen von Wensierski: Freie Deutsche Jugend?, in: deutsche jugend 4/1998 sowie: Neunter Jugendbericht der Bundesregierung, Bonn 1994
(13) vgl. Jutta Ecarius/Cathleen Grunert: Verselbständigung als Individualisierungsfalle, in: Jürgen Mansel (Hg.): Glückliche Kindheit – Schwierige Zeit? Über die veränderten Bedingungen des Aufwachsenens, Opladen 1996, S. 196

Weiterführende Links

Zweiter Weltkrieg (Wikipedia)

Die 1940er-Jahre (Wikipedia)

Die 1950er-Jahre (Wikipedia)

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  • buendnis-recht-auf-spiel-001
  • bundesverband-individual-und-erlebnispaedagogik-001
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