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NAGEL-Redaktion – Kinder brauchen Stadt

Jawohl, Kinder brauchen Stadt! Und Stadt braucht Kinder! –

 

Zur Tübinger Erklärung

 

Von Rainer Deimel

Einige Passagen der „Tübinger Erklärung“ muten nostalgisch an. „Früher“ – zu Zeiten, in denen Kinder Möglichkeiten besaßen, deren sie mittlerweile verlustig gegangen sind – war nämlich nicht alles besser, ganz im Gegenteil: Die Dressuren und Reglements, denen Kinder bis in die siebziger Jahre dieses Jahrhunderts hinein unterworfen waren, haben jene auch nicht eben neurosenarm sozialisiert. Und der wirtschaftlich Tätige im Wohngebiet beispielsweise hatte vermutlich ganz andere Sorgen, als Kinderneugierde zu befriedigen. Warum sollte im ausgehenden 20. Jahrhundert, in einer Zeit, in der der Schuster oder Frisör, den man als Wirtschaftenden im Quartier ggf. noch vorfindet, Lust darauf verspüren, Kinder in seine „“Kunst“ einzuführen, wo er eventuell Kinder gar nicht leiden mag, weil sie ihm „das Geschäft“ verderben, weil er vielleicht Kinder und Jugendliche überhaupt nicht leiden mag? Kinder sind zwar (auch) als Wirtschafts- und Überlebensfaktor einkalkuliert, aber doch auch furchtbar lästig. Warum sollte ausgerechnet die klitzekleine Papierfabrik „um die Ecke“, die gar nicht genug Schindluder – bezogen auf Ausbeutung und Umgehung von Tarifverträgen – leisten kann, um letztlich doch zu überleben, sich zum Museum „herabwürdigen“, indirekt – direkt, pädagogisch, aber möglichst nichtpädagogisch ihren Teil zum gesellschaftlichen Umbau beitragen?

Die „Tübinger Erklärung“, die ich aufgrund ihrer Intention selbstredend auch unterzeichnet hätte, fordert, ohne dies zu benennen, eine grundlegende gesellschaftliche Neuorientierung. Leider muss diese Neuorientierung in den Text erst einmal hinein interpretiert werden, um ihm das „Komische“ zu nehmen. Moderne deutsche Wohn- und Spielstraßen beispielsweise haben immer noch nichts vom Mief verloren, den Franz Josef Degenhardt in den 60er Jahren in seinem Chanson „Deutscher Sonntag“ besungen hat: „Wenn die Bratendüfte wehen…, das ist dann genau die Zeit, da frier‘ ich vor Gemütlichkeit, … die Luft riecht süß und säuerlich, ich glaube ich erbreche mich …“ Es bleibt zuzustimmen, dass jene Straßen, ebenso wenig wie Kinderhäuser, Schulen und Jugendtreffs nicht in der Lage sind, die Neugier, die Lust der Selbstdarstellung und die Freude am eigenen Tätigsein zu befriedigen.

Die Tübinger Erklärung bestätigt einmal mehr die fachlich-inhaltliche Nähe von politischer Interessenvertretung von Kindern, Stadt- und Raumplanung und Offenen Angeboten, aus meiner Sicht bedauerlich, dass dieser Aspekt in der Erklärung zu kurz kommt. Zum Beispiel könnte gerade das „flächendeckende“ Angebot von Abenteuerspielplätzen (vgl. dazu auch die „Freiburger Studie“ von Baldo Blinkert in: DER NAGEL 57; auch als Beitrag in unsere Web-Seiten eingestellt – „Kinder wollen draußen spielen“), die ich nach wie vor für  d i e  zeitgemäße „Kompensations“-Möglichkeit für die monierten Missstände halte, mittelfristig erheblich verbesserte Standards ermöglichen. Dass diese nicht zum Nulltarif zu haben sind, versteht sich von selbst. Dass diese in der Erklärung nicht vorkommen, hat möglicherweise etwas damit zu tun, dass man sich eine kindgerechte Lebensweltgestaltung kostenneutral vorstellen möchte. Es fehlen Vorstellungen über eine Umverteilung von – übrigens (zumindest auf Privatkonten) reichlich vorhandenem – Geld.

Gemeinsam mit Psychologin Dr. Dorothea Lukowski von der Universität Dortmund habe ich vor einiger Zeit Gedanken zusammengetragen, um die Idee des Abenteuerspielplatzes zu stützen. Zur sinnvollen Komplettierung meiner Argumentation möchte ich aus diesen Gedanken einige wiedergeben:

Kindheit unterliegt in den Jahren seit dem Zweiten Weltkrieg einem dramatischen Wandel. So ist festzustellen, dass Kinder früher erwachsen werden müssen; der Druck auf sie ist stetig gestiegen. In Familie und Schule – zum Beispiel – werden wachsende Anforderungen an ihre Leistungsfähigkeit gestellt, und sie sind dort und in anderen öffentlichen Feldern einem sich steigernden Konsumdruck ausgesetzt, und dies bei gleichzeitiger Verarmung und Verödung ihrer Lebensräume. Immer mehr Kinder verlieren bereits früh mögliche Lebensperspektiven. Dies führt verstärkt zu Ungleichgewichten, Störungen und zu vielfältiger Chancenungleichheit. Um dem begegnen zu können, müssen von der Gesellschaft anregende und entwicklungsfördernde Erfahrungs- und Erlebnisräume sowie Personen zur Verfügung gestellt werden.

Kinder sind heute stärkeren Gefährdungen als früher, z.B. durch Umweltverschmutzung, ausgesetzt, und sie erleben diese als äußerst bedrohlich; es wirkt für sie psychisch und körperlich belastend. Die Medien spielen eine immer stärkere Rolle im alltäglichen Leben, sei es als Aufpasser, sei es als Auslöser von Konfrontationen, die von den Kindern und meist auch von deren Familien nicht zu verarbeiten sind. „Wohnen“ befriedigt oft nicht mehr einfache menschliche Grundbedürfnisse, sondern wird für die Masse oftmals zum unerschwinglichen Luxus. Das Ergebnis sind unzureichende Entfaltungsmöglichkeiten für Kinder, schlimmer noch: Die Präsenz von Bezugspersonen wird immer geringer, da diese einen Großteil ihrer Arbeitskraft darin investieren müssen, das Wohnen bezahlen zu können. Gestiegene und weiter steigende Arbeitslosigkeit wird für Kinder unmittelbar zu einer existentiellen und psychischen Bedrohung. Viele Kinder sind von Sozialhilfe betroffen und leben am Rande des Existenzminimums, und das in einer sozialen Umwelt, in der – gesellschaftlich gewünscht – ein hoher Konsumstandard vorgelebt wird. Die Bau- und Verkehrspolitik sowie die Städteplanung haben Kinder als Mitglieder der Gesellschaft vielfach schlicht ignoriert. Zur Kompensation sind vor dem Hintergrund aktueller pädagogischer und psychologischer Erkenntnisse Notlösungen geschaffen worden, die auf unabsehbare Zeit zu Dauerzuständen zu werden drohen. Natürliche Freiräume, vor allem in Ballungsgebieten, stehen Kindern in der Regel nicht mehr zur Verfügung, obwohl solche Freiräume bzw. deren Ersatz für eine gesunde kindliche Entwicklung unbedingt erforderlich sind.

Einem unübersehbaren Wandel unterliegen ebenso auf gesellschaftlicher Ebene die familiären Konstellationen. Immer mehr Kinder wachsen in Ein-Kind-Familien auf. Die so notwendige haltgebende Funktion können manche Familien gegenwärtig nicht mehr hinreichend ausüben. Immer mehr Kinder sind von Scheidungen und Trennungen betroffen und leben in alleinerziehenden bzw. Stieffamilien. Rollenkonflikte bezüglich der Geschlechtersituation führen bei Kindern in erhöhtem Maße zu Konfusionen. Entsprechend steigt der Betreuungs- und Beratungsbedarf ständig.

Der Abenteuerspielplatz war von Beginn an eine Einrichtung mit stark präventivem Charakter. Das macht ihn gerade heute so bedeutsam und aktuell, in einer Zeit, in der wir uns einer zunehmenden Bedrohung durch Gewalt und rechtsradikaler Umtriebe ausgesetzt sehen. Der Abenteuerspielplatz ist eine unverzichtbare, notwendige und kurzfristig möglichst flächendeckend anzubietende Einrichtung.

Der Abenteuerspielplatz hat ein einzigartiges und sehr durchdachtes Konzept. Er steht ganzjährig zur Verfügung und ist in der Lage, durch zuverlässiges pädagogisches Fachpersonal, durch mannigfaltige Außenflächen und ein festes Gebäude eine für Kinder im Stadtteil notwendige Präsenz und Konstanz zu gewährleisten. Der Abenteuerspielplatz gibt Kindern Geborgenheit und Halt. Sie finden dort Bezugspersonen außerhalb von Schule und Elternhaus. Neben der Gelegenheit, sich in gewünschten „Peergroups“ aufhalten und betätigen zu können, brauchen und wünschen sich Kinder spätestens ab dem Schulalter derartige erwachsene Bezugspersonen außerhalb von Elternhaus und Schule, an denen sie sich reiben und von denen sie lernen können, wie man allmählich erwachsen wird.

Die Bereiche des Abenteuerspielplatzes entsprechen präzise dem kindlichen Bedarf; dies zeigt sich in den regulär bestehenden Bereichen. Auf dem Abenteuerspielplatz gibt es normalerweise einen Hüttenbaubereich, eine oder mehrere Feuerstellen, Wasserbereiche unterschiedlicher Art (stehendes und Fließwasser, die Kombination Wasser/Sand u.a.), Sand- und andere Modellierflächen (die vor allem für jüngere BesucherInnen wichtig sind), Sportflächen vielfältiger Art, Ökologie- und Tierbereiche. In der Variante „Jugendfarm“ (bzw. „Kinderbauernhof“) spielen letztgenannte Bereiche oft eine zentrale Rolle.

Der Abenteuerspielplatz ist für Kinder in unterschiedlichster Weise wichtig. Sie lernen dort, sich als tüchtig und lernfähig zu erfahren. Sie können ihre Fähigkeiten und Kräfte am Modell anderer lernend – zum Beispiel größerer, gleichgeschlechtlicher und andersgeschlechtlicher Kinder und Erwachsener – steigern. Sie erleben auf vielfältige Weise Spaß an Dingen und Aktivitäten, die nichts mit dem üblichen Konsum zu tun haben. Das gilt für reiche Kinder und für solche, deren Eltern den Anschluss an die Spitze des Konsumterrors nicht gefunden haben. Weiter werden ihnen Möglichkeiten eingeräumt, die aggressionsabbauend wirken. Besser noch:  Aggressionen werden im konstruktiven Sinne kanalisiert. Statt sich und andere zu schädigen, können die Kinder ihre lebendigen Antriebe für kreative Vorhaben nutzen und auf vergnügliche Weise sublimieren. Auf Abenteuerspielplätzen kann man Ich-Stärke, Mut, Durchstehvermögen, Eigenständigkeit und Selbstbewusstsein aufbauen und erproben. Man lernt, etwas zusammen zu machen, für etwas und für andere verantwortlich zu sein, aber „man macht nicht alles mit“! Die Entwicklung von Ich-starker Eigenständigkeit ist der wirksamste Schutz gegen sexuellen und anderen Missbrauch. Weiter leistet der Abenteuerspielplatz – wie keine andere derart zugängliche Einrichtung – Unterstützung und Förderung beim Erlernen von Solidarität und Austragen von Konflikten. Kinder entwickeln Sensibilität gegenüber Menschen, Tieren, Pflanzen und Dingen wie anderswo kaum möglich. Sie erlernen Umgang miteinander im Sinne geschlechtsspezifischer, aber auch koedukativer Zielsetzungen. Vor allem aber erleben sie, dass es Vergnügen macht, mit anderen zusammen zu sein, Nähe und Distanz herstellen zu können, und manchmal erleben sie auch Glück!

Der Abenteuerspielplatz wirkt in vielerlei Hinsicht präventiv und prophylaktisch; er leistet ganz wichtige Aufgaben bei der Verhinderung von Gewalt und Rassismus. Einmal beruht dies auf der traditionell antifaschistischen Grundhaltung dieser Einrichtung, zum anderen in dem ganz gezielten Einsatz der oben geschilderten Abenteuerspielplatzbereiche und durch eigens organisierte Projekte. Hinsichtlich eines zeitgemäßen Umweltverhaltens hat der Abenteuerspielplatz durch seine ganzheitliche Konzeption vorbildliche Möglichkeiten der Vermittlung. Er wirkt psychisch und physisch stabilisierend gerade auch bei solchen Kindern, die zunehmend von Armut und Wohnungsnot betroffen sind, denn er ist ein menschenfreundliches Angebot! Im Gegensatz zur Schule regt der Abenteuerspielplatz auch Phantasien und Tagträume an; die gegenwärtigen Konzepte geben auch diesen einen Raum. Ein weiterer, sehr wichtiger Aspekt ist die Sicherheit: Es ist erwiesen, dass grobmotorische Aneignung von Material und ein Training in Risikosituationen in bedeutsamer Weise die allgemeine Lebenssicherheit von Kindern deutlich erhöht. In der Folge sinkt z.B. die Unfallgefährdung von Kindern auf eindrucksvolle Weise, wie dies auch aus einer Untersuchung der Eigenunfallversicherung der Stadt Frankfurt am Main aus dem Jahr 1991 sehr klar hervorgeht.

Angesichts der sich immer stärker auflösenden traditionellen Familienform und der immer brutaler agierenden Ellbogengesellschaft ist der Abenteuerspielplatz eine unverzichtbare Institution für Kinder, negativen Erscheinungen entgegenzuwirken (vgl. Rainer Deimel und Dorothea Lukowski: Der Abenteuerspielplatz – eine Einrichtung zur demokratischen Sozialisation, Dortmund 1993).

Vorstehender Beitrag erschien in: DER NAGEL 57/1995 und wurde im September 2002 ins Internet gestellt.

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