DIE DIPLOMATEN – IM DEZEMBER

Von Oscar Borkowsky

(Die Diplomaten, das ist der ältere Consul nebst seinem etwas jüngeren Attaché, sitzen wie gewöhnlich im Café „Zur Schönen Aussichtslosigkeit“. Draußen ist es bereits dunkel, und es hat noch immer nicht zu schneien begonnen. Die Herren sind die einzigen Gäste; auf ihrem Tisch stehen zwei gefüllte Gläser und eine angebrochene Flasche Wein. Der Kellner Leopold hantiert an der Kredenz. Im Hintergrund ertönt leise die „Kleine Nachtmusik“ von Wolfgang Amadeus Mozart.)

Attaché: Tja, nun ist es draußen bereits dunkel, es hat noch immer nicht zu schneien begonnen und gegebenenfalls …

Consul: Sakrakruzitürken, Attaché! Selbst wenn‘s der Political Correctness zuwiderläuft: Kein Schnee im Dezember ist auch schon in den vergangenen Jahren gefallen. Und kommen S‘ mir nicht mit dem Weltklimaschutzvertrag! (trinkt)

Attaché: Mitunter möchte es hingegen den Anschein haben …

Consul: Verzeihen S‘, Attaché! Wo es doch entschieden darauf ankäme, den Schleier des Scheins zu zerfetzen. Überzeugt Sie etwa das vordergründige Jetzt und Hier? Da besteht die Gefahr des naiven Realkontakts mit dem Ergebnis, an die Obskurität der Welt zu verfallen. Die Aufgabe bestünde darin, das Schreckliche hinter den Fassaden zumindest nicht aus den Augen zu verlieren. Sie wissen: Wenn hinter den Kulissen die falschen Fäden gezogen werden, dann reißen auf der Wanderbühne der medialen Wahnwelten alle Stricke.

Attaché: Aber man muss doch …

Consul: An dieser Stelle sei es angeraten, Einhalt zu tun. Zunächst einmal muss man – abgesehen vom Individualfinale – gar nichts. Man könnte gegen diese Welt sein, weil sie eine Vorstellung von dem geworden ist, was man eigentlich nicht wollte. Hier sei ein Verweis auf Arthur Schopenhauer verstattet: „Wenn nicht jeder ein so ganz übertriebenes Interesse an sich selbst nähme, so wäre das Leben so uninteressant, dass keiner es darin aushielte.“ Da dröhnt die Wüste!

Attaché: So ganz erschließt sich mir der Zusammenhang leider nicht. (trinkt)

Consul: Ihre Einlassung will mich bedünken, dass es durchaus möglich wäre, dies nicht zu verstehen und vielleicht gerade deshalb in den Stand versetzt worden zu sein, die Wahrheit des Satzes zu untermauern. Was gesagt werden soll: Einer delirant gewordenen Gesellschaft wie der unsrigen, in der jeder Gegenwartstrottel zu allerlei Allotria zu treiben aufgelegt ist, darf man buchstäblich alles zutrauen. Dabei zerfällt doch diese ganze Kasperliade unter einem kritischen Blick wie mürber Zunder. Fatalerweise ist das Absinken in die Stumpfsinnigkeit das unausweichliche Schicksal der Zivilisation. Das tiefste Grauen der Scherze unserer Zeitgenossen liegt hierbei in der absoluten Ahnungslosigkeit dieser in Bezug auf jene. (trinkt)

Attaché: Das alles klingt beileibe sehr klischeehaft. Es wäre doch interessant, wenngleich überaus unerfreulich, bei Gelegenheit in Erfahrung zu bringen …

Consul: Denken S‘ an den Satz von Karl Kraus: „Ich sammle die Klischees, mit denen in der gehirnfreiesten aller Zeiten die Zwangsdummheit regaliert wurde.“

Attaché: Vielleicht sollte man nicht davon ausgehen …

Consul: Grundsätzlich reißt‘s der Welt ja keine Haxen raus. Das Leben war weder Exit noch Entrée, sondern ausschließlich die Zeit dazwischen – das nur in Parenthese. Ansonsten ist Intelligenz zurzeit seltener als Uran, dafür steht der geistige Tinnef in höchster Blüte, dass einem totenübel wird.

Attaché: Ich bin überzeugt davon, dass …

Consul: Dümmer als die eigenen Überzeugungen sind nur die fremden Einwände dagegen, das wissen wir. Die Sprache ist ein funkelndes Gefäß des Vorurteils.

Leopold: (räuspert sich am Buffet)

Attaché: Aber was bleibt dann noch von der Aufklärung?

Consul: Es war ein Abenteuer, das durchstanden zu haben uns beide schwer ankam. Allerdings ist es nicht unerquicklich, zum Abend der Menschheit hin auf Immanuel Kant zu rekurrieren. Doch lesen S‘ ihn angelegentlich noch einmal genau: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“ Die Akzentuierung liegt auf dieser schlechten Eigenschaft, welche eine anthropologische Konstante zu heißen keineswegs exaltiert wäre. Es ist eleganter, von dieser Wahnvorstellung tunlichst Umgang zu nehmen, denn es liegt mitnichten im Wesen des Ideals, sich in Richtung Realität auszubeulen. Die Dummheit der Menschen erweist sich nachgerade heute als die eigentliche Seuche dieser Welt. Sie kennen doch das Palindrom: „Ein Neger mit Gazelle zagt im Regen nie.“

Attaché: Dabei dräut demnächst das Weihnachtfest …

Consul: Abgesehen davon, dass das – für sich genommen – schon schlimm genug ist, dürfte diese Betrachtung bedauerlicherweise gänzlich erkenntnislos sein. Doch schicken wir uns nicht an, das zu trüben, was ohnehin jeglicher Klarheit entbehrt. (leert sein Glas) Eine Bemerkung en passant: Was sind Religionen anderes als absurde Gedankenspielträume, innerhalb derer verwirrte Köpfe gleichsam händeringend im leeren Raum nach Erfüllung, sprich Erlösung greifen? Wer sich um sich selbst dreht, ist immerhin noch in Bewegung; einerseits. Andererseits ist’s kein Novum, dass, wer mit der Zeit gehen will, Gefahr läuft, von ihr überrannt zu werden. Und selbst wer entfliehen will, kommt schließlich um.

Attachè: D‘ accord, Herr Consul! Doch die Hoffnung des Menschen stirbt bekanntlich zuletzt.

Consul: Denkbar wäre das nur noch in einer nicht mehr existierenden Welt. Daher ist‘s erkenntnistheoretisch auch ein Dilemma: Was bereits gestorben war, konnte kaum noch zu hoffen in der Lage sein – eher stand der Nordpol in Flammen. Kennen S‘ übrigens die Fabel mit der Schwalbe? Alle tausend Jahre trägt der Vogel ein Weizenkörnchen herbei, in der gewagten Annahme, auf diese Weise einen Berg aufschütten zu können, von dem aus eines schönen Tages der Mond zu erreichen sein würde.

Attaché: Sie meinen, da es schon im Gemäuer rieselt, stünde uns Grässliches bevor?

Consul: In der Tat. Nehmen S‘ ad notam, Attaché: Draußen reißt die Welt von der Leine, und was kümmert die Leut‘ vorzugweise? Die steigenden Haselnusspreise und gegebenenfalls die Rente mit dreiundsechzig. Dafür schlucken’s mehr Antidepressiva – so sinken die Hoffnungen ins Grab.

Attaché: Es bleibt also ein allgemeines Unbehagen in der Kultur?

Consul: Vermöge dieser Erkenntnis: Ja! Doch kommen wir zu einem anderen Punkt. (zum Buffet hinüber) Poldi, bringen S‘ noch a Flascherl?

Leopold: Selbstverständlich, die Herren!

Attaché: Momentan bin ich der Meinung, dass Nietzsche Recht hatte, als er konstatierte, dass die Welt ohne Musik ein Irrtum sei. (leert sein Glas)

Consul: Lieber Attaché, mir ist sie auch mit Musik einer. Man ist in Hinkunft nicht schlecht beraten, den Rest in Zweifel zu ziehen.

Leopold: (ist mit dem Wein an den Tisch getreten und füllt die Gläser) Bei der Gelegenheit, die Herren, pflegte unser Ludwig Wittgenstein zu bemerken: „Skeptizismus ist nicht unwiderleglich, sondern offenbar unsinnig, wenn er bezweifeln will, wo nicht gefragt werden kann. Denn Zweifel kann nur bestehen, wo eine Frage besteht; eine Frage nur, wo eine Antwort besteht, und diese nur, wo etwas gesagt werden kann.“

Consul: Sie sagen es, Poldi. Da kann ma halt nix machen. Prosit, Attaché! Auf den bestirnten Himmel über uns! (trinkt)

Attaché: Und auf das moralische Gesetz in uns! (trinkt ebenfalls)

Consul: Oder so.

Leopold: (im Abgehen) Wie immer man’s auch dreht oder wendet: Alles endet …

(Die Musik verklingt – Gong)

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