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NAGEL-Redaktion – Spielmobile

Gegen Ende der 70-er Jahre kam für die Offene mit Kindern verstärkt ein weiterer Einrichtungstyp hinzu: das Spielmobil. Das von der UNO ausgerufene Jahr des Kindes 1979 führte zu „einem Boom“ von Neugründungen derartiger Einrichtungen. Spielmobile gab es ab Ende der 60-er/Anfang der 70-er Jahre in Deutschland, die ersten in Köln, München (1) und Berlin. Bekannt waren Spielmobile ab 1949 in Australien, später in den USA und Schweden.

Spielmobile, die sich häufig in kommunaler Trägerschaft befinden, sind unterschiedlich konzipiert. Das betrifft sowohl den Fahrzeugtyp, der vom Tieflader über ausgediente und entsprechend ausgebaute Linienbusse bis hin zum Bollerwagen und Velomobil reicht, als auch den „Fahrplan“ und die inhaltlich-methodische Ausrichtung.

Spielmobil „Tobedüse“ aus Herne (ca. 1986). Das Foto erschien in der Broschüre „Spielen. Erprobungsmaßnahme des Landes NRW: Verbesserung der Spielsituation für Kinder“. Düsseldorf 1989 (2)

Manche Spielmobile fahren regelmäßig dieselbe Route; hierbei ist der Aspekt der Verlässlichkeit hervorzuheben. Andere begnügen sich mit der Durchführung einmaliger Aktionen, Beteiligung an Festen und dergleichen. Eine der ursprünglichen Intentionen des Spielmobils war es, Lücken in der Versorgung durch Angebote der Jugendhilfe – zumindest vorübergehend – zu schließen. Bestehende konventionelle Spielplätze und Schulhöfe erfahren durch das Spielmobil eine kreative Aufwertung.

Rollmobs, Spielmobil der Stadt Bottrop 2008 (Foto: Rainer Deimel)

Aus eigener Sicht begreifen sich Spielmobile als mobile Spielplätze mit Geräten, als Spielothek mit verschiedenen Materialien wie Gesellschafts- und Großspielen, Stelzen, Seifenkisten u.ä. und als rollende Kinderhäuser mit Bastel- und Werkangeboten u.a.m. (3)

Projektarbeit – vor allem auch mit einer stark kulturpädagogisch ausgerichteten Intention – spielt bei vielen eine bedeutende Rolle; so finden z.B. langfristig geplante Aktionen statt, deren Durchführung ebenfalls eine längeren Zeitraum (z.B. ein bis zwei Wochen) beanspruchen, z.B. Zirkus- und Jahrmarktprojekte. Baacke beschreibt das Spielmobil als „Gegeninszenierung“ (4), als „inszenierte Begegnung von Pädagogen und Kindern versucht es, zwischen Gegenseitigkeit, Körperlichkeit, Ganzheitlichkeit (und) Rhythmus zu vermitteln und das Gefühl für Freiheit und Bewegung (…) wieder hineinzuholen in seine eigenen Angebote.“ (5)


Falkenflitzer aus Hamburg (Foto: Verein zur Förderung der Jugendarbeit)

Spielmobile sahen sich in der Vergangenheit bisweilen der Kritik ausgesetzt, dass sie trotz ihrer Vorzüge immer ein Notbehelf blieben, da sie weder hinsichtlich des Standorts ausreichend verlässlich noch in der Lage seien, regelmäßige Beziehungen zwischen den Kindern zu ermöglichen. (6) Aus Sicht der Abenteuerspielplatzbewegung wurden Bedenken dahingehend erhoben, das Spielmobil fördere primär eine Konsumhaltung bei Kindern. Ferner wurde befürchtet, die mobile und möglicherweise preiswertere Variante der Offenen Arbeit mit Kindern könne sich existentiell gefährdend auf bestehende stationäre Einrichtungen auswirken, zumal das Spielmobil sich als medienwirksamer „Werbeträger“ für PolitikerInnen gut eigne. (7)

Das feuerrote Spielmobil in Berlin (Foto: Bezirksamt Neukölln)

Diese Konkurrenzsituation konnte ab Mitte der 80-er Jahre zugunsten einer friedlichen Koexistenz weitgehend entschärft werden. An manchen Orten ist es auch zu einer sinnvollen Kooperation und zu Vernetzungsansätzen zwischen Spielmobilen und stationären Einrichtungen gekommen. (8)

  Das feuerrote Spielmobil in Berlin (Foto: Bezirksamt Neukölln) 

Seit Ende der 70-er Jahre gab es auch in der DDR eine sogenannte „Spielwagen-Bewegung“, entstanden quasi als Gegenbewegung zur allseits präsenten FDJ.


Foto: Kolle 37

Die AktivistInnen kamen häufig aus Oppositionsgruppen, z.B. waren sie in kirchlichen Zusammenhängen aktiv. Die Bemühungen wurden von „offizieller Seite“ stets misstrauisch betrachtet. „Die Offene Arbeit mit Kindern wurde also auch in der DDR gegen den Widerstand der ‚offiziellen‘ Politik durchgesetzt.“ (9) Es gab „Probleme ideologischer Art, denn die Arbeit musste immer mit Blick auf das einheitliche ‚Bildungs- und Erziehungsziel‘ in der DDR und mit Rücksicht auf die Belange der öffentlichen Sicherheit und Ordnung legitimiert werden“. Die ausschließlich ehrenamtlichen „Mitarbeiter(innen) ‚verkauften‘ ihre ‚volkskünstlerische Tätigkeit‘ als ‚betreutes musisches Kinderspiel‘. (10)

Kontakt zu westlichen Organisationen und Einrichtungen wurde staatlicherseits bis Ende der 80-er Jahre konsequent unterbunden. Neben den „offiziellen“ Schwierigkeiten mussten zahlreiche Alltagsprobleme bewältigt werden. Bis auf den „Spielwagen Berlin I“, aus dem später übrigens der erste Abenteuerspielplatz in der DDR hervorging, hatten die meisten Gruppen nur unzureichende Fahrzeuge und oft wenig Material.


Auf der Abbildung ist ein Modell eines alten DDR-Bauwagens zu sehen. Solche Modelle können bei der Fa. Daniel Kürschner Modellbau (dkmb) erworben werden. Die Anleihe des Bildes gestatten wir uns, damit sich Interssierte eine möglichst realisitsche Vorstellung machen können. 

Ehemalige Spielwagen-MitarbeiterInnen berichteten, wie sie sich zeitweise mit einem Bauwagen „per Anhalter“ – indem sie nämlich einen Lastwagen zum Ziehen anhielten – fortbewegten. Die MitarbeiterInnen des Spielwagens in Magdeburg gründeten nach der Wende den Abenteuerspielplatz „Mühlstein“ in Olvenstedt, der größten Plattenbausiedlung außerhalb Berlins. Ähnliches geschah in Berlin-Prenzlauer Berg: Dort gründeten die Bauwagen-Leute den ersten Abenteuerspielplatz auf DDR-Boden: den Kolle 37.

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Fußnoten
    
(1) Vor allem die Pädagogische Aktion in München war bereits in der ersten Hälfte der 70er sehr bemüht um die konzeptionelle Verbreitung der Spielmobil-Idee; vgl. Hans Mayrhofer/Wolfgang Zacharias: Aktion Spielbus, Weinheim 1973
(3) vgl. MAGS NRW (Hg.): Bericht Kinder- und Jugendkulturarbeit in Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf 1994, S. 96
(4) vgl. Baacke, Dieter u.a.: Lebenswelten sind Medienwelten (2 Bd.), Opladen 1990, in: MAGS 1994, a.a.O., S.95
(5) ebenda
(6) vgl. Klaus Spitzer/Janne Günter/Roland Günter: Spielplatzhandbuch. Berlin 1975, S. 192
(7) Anm. R.D.: Aus heutiger Sicht lässt sich fachlich konstatieren, dass es sich bei Spielmobilen um eine hochaktuelles Konzept handelt, dass die Landschaft der Offenen Arbeit auf konstruktive Weise bereichert.
(8) Weitergehende Informationen zur Arbeit des Spielmobils können meinem Beitrag „Spielmobile“ entnommen werden. Dieser ist erschienen im „Handbuch Offene Kinder- und Jugendarbeit von Ulrich Deinet/Benedikt Sturzenhecker (Hg.), 3., völlig überarbeitete und erweiterte Auflage, Wiesbaden 2005
(9) Hiltrud von Spiegel: Offene Arbeit mit Kindern – (k)ein Kinderspiel, Münster 1997, S. 15
(10) ebenda, zitiert nach Nilson Kirchner: Spielwagen in der DDR, in: Deutsches Kinderhilfswerk et al. (Hg.): Das Spielmobilbuch, Berlin 1990

Weiterführende Links

Spielmobil (Wikipedia)

Bundesarbeitsgemeinschaft Spielmobile


Die Fernsehserie „Das feuerote Spielmobil“ lief zwischen 1972 und 1981 im Fernsehen.

 

Hinweise

Ulrich Deinet, Benedikt Sturzenhecker (Hg.): Handbuch Offene Kinder- und Jugendarbeit, Wiesbaden (VS Verlag für Sozialwissenschaften) 2005, 3., völlig überarbeitete und erweiterte Auflage, 668 Seiten, ISBN978-3-8100-4077-0, 59,90 Euro. Rezension lesen

Hiltrud von Spiegel: Offene Arbeit mit Kindern – (k)ein Kinderspiel. Erklärungswissen und Hilfen zum methodischen Arbeiten. Münster 1997, Votum Verlag.
Das Buch ist inzwischen vergriffen. Unser Fachbeiratsmitglied Prof. Dr. Hiltrud von Spiegel hat uns das Manuskript dankenswerterweise zur Verfügung gestellt. Auf diese Weise können wir es Ihnen hier anbieten. Zum Buch gelangen Sie, wenn Sie vorstehenden Titel anklicken.

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